Lebenskrise oder Lust auf Abenteuer: Den Jakobsweg zu wandern, fordert auf ganz eigene Weise heraus und liefert viele Eindrücke. Fast niemand kehrt unverändert von der Erfahrung zurück. Das erwartet den Pilger.
Pilgern ist in den vergangenen zwanzig Jahren in Mode gekommen. Einer der bekanntesten Wege ist der Camino Frances. Er beginnt offiziell im französischen Örtchen Saint-Jean-Pied-de-Port (St. Jean), führt über die Pyrenäen, hinein nach Spanien über Pamplona, Burgos und Astorga bis in den äußersten Westen nach Santiago de Compostela (Santiago).
Im Jahr 2005 erreichten 93.923 Menschen ihr Ziel. 2025 lag ihre Zahl schon bei 240.000. Tendenz steigend. Aber: Nur etwa 30.000 wanderten die kompletten 800 Kilometer. Die anderen hinterließen ihre Spuren auf einzelnen Abschnitten des Weges und flossen in die Statistik ein.
800 Kilometer – der meistbesuchte Pilgerweg der Welt
Der Weg wird in einer verbreiteten Ansicht in 32 Etappen à 20 bis 25 Kilometer eingeteilt. 2014 lief ich die ersten 17 Etappen bis Sahagun. 2015 startete ich in Lissabon auf dem Camino Portuges und kam nach fünf Wochen in Santiago an.
Die Entscheidung, in meinem Mai-Urlaub nochmal ein Stück des meistbesuchten Caminos der Welt zu laufen, ergab sich aus den von mir gesetzten Anforderungen: Ich wollte draußen sein, mich bewegen und Leute kennenlernen.
Von Bremen flog ich bis Bilbao. Dort fahren Busse in alle Richtungen, auch nach Logrono – einer 150.000-Einwohner-Stadt auf der Pilgerroute in der Region Rioja. Die Tickets für Bus und Bahn können im Internet im Voraus gebucht oder vor Ort gekauft werden.

Der Pilgerpass gehört zu den wichtigsten Gepäckstücken
Am frühen Abend erreichte ich die Pilgerherberge. Dort hatte ich ein Bett reserviert. Achtung: Diese günstigen Unterkünfte sind nur für Pilger. Man braucht einen Pilgerpass. Den gibt es beispielsweise im Internet für zehn Euro. Alternativ bieten Hotels und Pensionen ihre Zimmer an. Ich empfehle, die Nächte in den Herbergen zu verbringen, um das spezielle Lebensgefühl kennenzulernen.
Man schläft in großen Sälen mit Etagenbetten. Im Preis zwischen 13 und 18 Euro ist das Kopfkissen und oft ein Laken inbegriffen. Den Schlafsack muss jeder selbst mitbringen. Das gute Stück nimmt einen Großteil des Platzes im Rucksack ein.
Wenige Klamotten und das Zwiebelprinzip im Blick
Wobei wir bei einem wichtigen Punkt sind: dem Gewicht des Gepäcks. Ich habe gesehen, wie jemand seine elektrische Zahnbürste in der Herberge auspackte. Aber nichts, wirklich gar nichts, ist schlimmer als mit schwerem Rucksack zu wandern und abends mit schmerzenden Knien ins Bett zu gehen.
Für zehn Tage hatte ich neben Ladegerät und Kosmetiktasche zwei leichte Hosen, vier schnell trocknende T-Shirts, Wanderschuhe und ein Paar Wandersandalen dabei. Dazu für die Zwiebeltechnik einen Fleecepullover, eine Jacke und eine Regenjacke, wenn es kalt wurde. Die Packliste wäre auch bei 35 Tagen ähnlich ausgefallen. Vorschläge zur Reduktion auf das Wesentliche gibt es im Netz.

Zweitwichtigstes Utensil für die Reise: Ohrstöpsel
Die erste Nacht: Dem Pilger wird ein Bett im Schlafsaal zugewiesen. Mal ist es eine Koje mit Vorhang, mal ein offenes Etagenbett, in dem der Nachbar mit ausgestrecktem Arm fast zu erreichen ist.
Die Badezimmer sind gemeinschaftlich, meistens nach Geschlechtern getrennt. Zu den unverzichtbaren Utensilien für die Nacht gehören Ohrstöpsel. Es sei denn, man ist taub. Einer/Eine schnarcht immer. Und morgens beginnen eifrige Wanderer um 5 Uhr, ihre Rucksäcke zu packen.
Tapas sind kleine Kunstwerke für wenig Geld
Der Weg: Die Markierung des Camino Frances ist vorbildlich. Gelbe Pfeile auf der Straße, Schilder mit der Muschel und auch Einheimische helfen gern weiter, wenn die Orientierung verloren geht. Ganz sicher braucht es kein Buch, um sich zurechtzufinden.

Des Weiteren funktioniert Spanien wie Deutschland. Es gibt EC-Automaten, Supermärkte, Busse und Bahnen. Kaffee kostet nie mehr als 2 Euro und schmeckt überall hervorragend. Mittags und abends sind Tapas – belegte Baguettescheiben in 1001 Varianten – sehr beliebt. Die kleinen Kunstwerke sind mit regionalen Spezialitäten bestückt: Glasaal, Omelette, Lachs mit Marmelade und Ziegenkäse – ein Fest.
Auf dem Camino Frances ist man selten allein
Heißt allein reisen, einsam sein? Nein. Der Camino Frances ist, wie die Zahlen belegen, gut besucht. 50 Prozent sind Spanier, die andere Hälfte aus aller Herren Länder.
Viele laufen allein und sind froh über wechselnde Begleiter und Austausch. Das ist das Prinzip des Camino. Man geht einen Teil des Weges zusammen, solange die Schrittgeschwindigkeit und das Temperament passen. Aus ein paar gemeinsamen Stunden können so Wochen werden.

Am zweiten Tag lief ich mit Sophia, Chad und Dave – zwei US-Amerikanern und einem Kanadier. Dave hatte in der vorherigen Nacht über mir im Etagenbett geschlafen, wir kannten uns vom Sehen. Die anderen beiden lernte ich beim Kaffee-Stop auf der Route des Tages kennen. Dave kam dazu und zu viert setzten wir den Weg fort. Später wanderte ich mit Graham aus Neuseeland und Tom aus Großbritannien.
Reduktion auf das Wesentliche, neue Sicht auf das Leben
Eine beliebte Frage unter Pilgern ist, neben – Wo kommst Du her? Wo willst Du hin? – die nach dem Warum der Wanderung. Die Gründe sind seltener religiöser als persönlicher Natur.
Sophia (27) wartete auf ihr Prüfungsergebnis, um entscheiden zu können, ob sie Jura studieren könne. Dave (29) hatte eine Trennung hinter sich und wollte Abstand.
Graham (71) lief die gesamte Strecke, während seine Frau dafür zu schlecht zu Fuß war und eine Bustour von St. Jean bis Santiago mit vielen Haltepunkten gebucht hatte. Er schrieb ihr häufig Nachrichten und jeden Abend telefonierten sie. Das Paar plant, am selben Tag am Ziel anzukommen.
Drei Franzosen trafen sich jedes Jahr, um gemeinsam eine Woche ihren Weg fortzusetzen. Vor drei Jahren hatten sie mit der Reise in St. Jean begonnen.

Der Camino gibt Dir alles, was Du brauchst
Die Voraussetzung für die Pilgerreise auf dem Camino Frances ist aufgrund der guten Infrastruktur vergleichsweise niedrig. Die Abstände zwischen den Dörfern und Städten sind selten länger als zehn Kilometer.
Ein Spruch, den man immer wieder hört, ist: Der Camino gibt Dir, was Du brauchst. Bedeutet: Was immer gerade dringend benötigt wird, Essen, Gespräche oder ein Bett, es wird zu finden sein.
In einsamen Abschnitten trifft man beispielsweise immer wieder sogenannte Engel des Weges. Meist einzelne Personen, neben ihnen ein Tisch, auf dem Kaffeekannen, Kekse und Obst ausgebreitet sind. Für den Verkäufer ist der Service ein Nebenverdienst, für die Wanderer, besonders an nasskalten Tagen, ein verdammtes Glück.

Bis ans Ende der Welt sind es 90 Kilometer extra
Einmal am Ziel des Tages angekommen, geht es als Erstes darum, sich ein Bett zu sichern. Je näher Santiago rückt, desto häufiger sind die Herbergen ausgebucht. Gleichzeitig nimmt das Angebot zu, sodass mit etwas Geduld ein Bett zu bekommen ist.
Nach der Dusche finden sich die Pilger in den umliegenden Bars und Cafés ein. Andere waschen ihre Sachen, kaufen Proviant für den Folgetag oder schreiben Tagebuch und Mails. Die Lichter im Schlafsaal gehen am Abend zeitig aus.
Von Santiago aus ist es möglich, weitere 90 Kilometer bis Finisterre, dem Ende der Welt, zu wandern. Dann allerdings gibt es für viele nur noch den Rückflug. Und die Frage, wie die Einsichten des Weges in den Alltag einfließen können.

Kühe kennen keine Ferien. Damit Landwirte überhaupt verreisen können, wird auf dem Hof lange im Voraus geplant und die Vertretung muss sitzen. Wer Glück hat, kann seine Mitarbeiter einbinden oder kennt einen Betriebshelfer. Ein Job mit Perspektive.
Urlaub, das ist für viele Menschen die wichtigste Zeit des Jahres. Durchschnittlich 30 Tage stehen deutschen Arbeitnehmern zur Verfügung. Eine Berufsgruppe, die aus dem Rahmen fällt, sind die Landwirte. Denn wer übernimmt die Verantwortung für 100 Milchkühe? Das kann nur jemand sein, der selbst ausgebildeter Landwirt ist, Zeit hat und dem die Hofbesitzer vertrauen. Ein Name, der in diesem Zusammenhang immer wieder fällt, ist Gerd Lübken.
Rund 200 Tage im Jahr ist der Betriebshelfer im Einsatz
Der Berner springt seit 2020 als Betriebshelfer ein. Er muss inzwischen selbst darauf achten, Auszeiten frühzeitig festzulegen. Rund 200 Tage im Jahr ist er im Einsatz. Manchmal nur für eine Melkzeit, also zwei, drei Stunden, oft ein Abend, an dem die Familie eingeladen ist oder zu einer Veranstaltung möchte, bis zum 14-tägigen Urlaub. Allein in den vergangenen acht Tagen half Gerd Lübken in vier verschiedenen Betrieben aus.
Die meisten Landwirte in der Wesermarsch sind Milchbauern. Auch Lübken führte 35 Jahre lang einen eigenen Hof. „Ich war in dieser Zeit vielleicht viermal im Urlaub. Die Verantwortung für die Tiere nimmt man immer mit“, sagt er.
Nachdem er seinen Betrieb abgegeben hatte, wurde er eines Tages von einem Freund gebeten, auszuhelfen. Ein weiterer Bekannter nutzte den gleichen Melkroboter – natürlich bot es sich an, Lübken wieder als Vertreter anzufragen.

Die Arbeit des Betriebshelfers dreht sich um die Versorgung der Tiere: Füttern und Melken – auf der Weide, im Melkstand, im Karussell oder mit dem Melkroboter. „Jeder nutzt eine andere Technik. Deswegen arbeite ich meistens auf denselben Höfen, dort kenne ich die Abläufe“, sagt er. 50 bis 80 Kühe übernimmt Lübken allein. Ist die Zahl der Tiere höher, sind weitere Mitarbeiter vor Ort. Lange Abwesenheiten werden von den Landwirten weit im Voraus geplant.
Die Hauptreisezeit liegt zwischen Juli und September. Im Mai fährt keiner in den Urlaub, da steht die Ernte im Vordergrund, auch im Winter sind die Landwirte seltener unterwegs. „Aber schon eine freie Melkzeit am Morgen oder am Abend ist für den Bauern Lebensqualität“, sagt der 64-Jährige.
Tagsüber hat Gerd Lübken für gewöhnlich frei. Es sei denn, die Geburt eines Kalbs steht bevor oder er muss Gülle ausfahren, weil sich Regen ankündigt und die Landwirte nur bestimmte Wetterfenster nutzen dürfen, um den Dünger auf die Böden zu bringen.
„Ich habe auch schon einen Anruf aus dem Urlaub bekommen, dass eine Kuh bullt, und ich sie besamen lassen kann. Der Landwirt hat die Daten zur Aktivität der Tiere auf sein Handy bekommen und wollte den Zeitpunkt für Nachwuchs nutzen“, erklärt der Berner.
Landwirte sind auch im Urlaub an ihrer Arbeit interessiert
Bei Familie Luers in Esenshamm-Havendorf übernehmen die Mitarbeiter bei Engpässen die Versorgung der 500 Kühe, in der Urlaubszeit werden zusätzliche Hilfskräfte eingestellt. Italien, Frankreich, Strand oder Berge – wo geht es in dieser kostbaren Zeit hin? Die Antwort überrascht dann doch: „Mein Mann und ich gucken uns gern an, wie Landwirtschaft in anderen Ländern betrieben wird“, sagt Mareike Luers.

Das Paar besuchte in Namibia die größte Farm des Landes. „Ursprünglich wurden dort 2.000 Kühe gehalten. Aufgrund mehrerer aufeinanderfolgender Dürrejahre mussten sie die Tiere auf 1.200 reduzieren. Es gab kein Gras, die Futterkosten waren nicht mehr tragbar“, erzählt sie.
In Ohio zeigte ihnen ein Landwirt, wie die Milch in der Welt hin- und hertransportiert wird und welchen Einfluss das auf die Preise hat. „Alles ist miteinander vernetzt. Deswegen sollte man sich ruhig im Ausland umsehen. Wir waren auch auf Mallorca und Gran Canaria im Badeurlaub. Acht, neun Tage, das reichte dann auch.“
Die Technik erleichtert die Früherkennung von Krankheiten
Die Eltern von Carsten Hullmann führten in Nordenham den Betrieb noch mit 40 Kühen – überschaubar und doch ein Problem, wenn es um den Urlaub ging. „Trotzdem sind wir jedes Jahr weggefahren, nicht weit, auf die Ostfriesischen Inseln oder nach Schleswig-Holstein“, sagt er. Damals wechselten sich die Eltern mit den Nachbarn ab, die führten einen Hof in ähnlicher Größe.
Heute hält die Familie 175 Kühe. Hullmann betreibt den Hof zusammen mit seinem Sohn Clemens und zwei Mitarbeitern. Er unternahm in den vergangenen Jahren Reisen in die USA, nach Dubai und auch mal eine Kreuzfahrt.
Für den Melkvorgang nutzt der Landwirt einen konventionellen Gruppenmelkstand. 20 Kühe können darin gleichzeitig gemolken werden. Die Tiere stehen in der Saison tagsüber auf der Weide und nehmen zu den Melkzeiten selbstständig ihre Plätze ein. Die Sauger des Geschirrs werden von Hand angesetzt und lösen sich, wenn der Milchfluss nachlässt. „Die Arbeit schafft einer allein. Aber es geht eben nicht ohne unser Zutun“, sagt Hullmann. Im Sommer will er mit seiner Partnerin in die Berge. Maximal zehn Tage.

Betriebshelfer lernen Höfe und Systeme kennen
Ernst wird es für den Urlaubsvertreter vor Ort, wenn ein Tier erkrankt. Das hat Lübken selbst im Extrem erlebt. Als 2024 die Blauzungenkrankheit grassierte, starben auf fast jedem Hof mehrere Kälber und Kühe. Die Erfahrung brachte ihn an seine Grenzen. „Man hat den Anspruch, die Arbeit gutzumachen, aber es gab bei den Tieren keine Möglichkeit einzugreifen. Noch so ein Jahr und ich hätte aufgehört“, sagt er.
Im Normalfall leistet die Technik für die Früherkennung gute Dienste. So wird beispielsweise in automatischen Melksystemen unter anderem die Leitfähigkeit der Milch kontinuierlich während des Melkvorgangs überwacht. Sind die Messwerte erhöht, ist der Betriebshelfer alarmiert und lässt das Tier durch den Tierarzt überprüfen.
Betriebshelfer werden in der Landwirtschaft händeringend gesucht. Wer diesen Beruf ausüben möchte, benötigt eine entsprechende Ausbildung. Aber auch bevor der Schritt zum eigenen Hof getan wird, empfiehlt Gerd Lübken sich der Herausforderung wechselnder Betriebe zu stellen – mehr über Viehwirtschaft und verschiedene Systeme kann man in kurzer Zeit nicht lernen.

Der Überfall im Park, die Schlägerei in der Innenstadt, scheinbar Alltag in Deutschland. Die Medien berichten täglich von Gewalt, dazu kommen zahlreiche Podcasts, in denen wahre Verbrechen rekapituliert werden und ihre Hörer finden. Zwei Kölner Soziologinnen haben ein Buch geschrieben, das ein realistischeres Bild zeichnen möchte. In „True Criminology“ nutzen die Autorinnen wissenschaftliche Erkenntnisse, um schlüssig zu zeigen, wie Kriminalität entsteht und welche Rolle Faktoren wie Alter, Geschlecht oder der soziale Status spielen.
Nicole Bögelein ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie der Universität zu Köln. Gina Rosa Wollinger hat eine Professur an der Hochschule für Soziologie und Kriminologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW inne. Im Interview mit der Kreiszeitung geben sie uns einen Einblick in ihre Arbeit.
Was erwartet die Leser in ihrem Buch?
Bögelein: Wir beleuchten die Bereiche, in denen Kriminalität strukturell relevant wird. Wir stellen uns die Frage, wie reagieren Staat und Gesellschaft auf abweichendes Verhalten und welche Debatten werden geführt. Dazu gehört auch die Frage, inwiefern bestimmte Menschen Diskriminierungen unterliegen.
Wer wird denn statistisch gesehen am häufigsten gewalttätig?
Wollinger: Gut untersucht ist der Bezug zur Jugend. Wer Gewalt in der Erziehung erlebt hat, neigt später eher zu Gewalt. Ebenso spielen Gewalt legitimierende Einstellungen, die mit Männlichkeit verknüpft sind, oft eine Rolle. Die Zustimmung zu Aussagen wie: „Ein echter Mann verteidigt sich mit Gewalt“, ist ein Beispiel. Auch die Bildung beeinflusst die Bereitschaft zu Gewalt.
Bögelein: Kriminalität muss außerdem überhaupt als solche erkannt werden. Im Bereich des Versicherungsbetruges und der Steuerhinterziehung beobachten wir eine Normalisierung. Da werden Straftaten mit Sätzen wie: „Der Staat nimmt mir etwas weg, dann nehme ich ihm auch etwas weg. Das steht mir zu“, moralisch verklärt.

Könnten Sie die Aussage näher erläutern?
Bögelein: Ganze Abteilungen in Banken sind auf Steuerhinterziehung angesetzt – letztlich steckt dahinter die Frage, wie man der Allgemeinheit Geld vorenthalten kann. Diese Praktiken sind in einigen Unternehmen total normal und anerkannt. Nur daran denken die Leute nicht, wenn sie über Kriminalität sprechen. Das Cum-Ex-Verfahren hat uns als Staat um mehrere Milliarden Euro gebracht. Auch das kann lebensbedrohliche Folgen haben, beispielsweise weil ein Krankenhaus nicht gebaut werden konnte. Das ist aber nicht so direkt und daher nicht so offensichtlich wie bei einer Schlägerei.
Einige Parteien nutzen die Angst vor Gewalt, um Menschen an sich zu binden. Was ist dran an dem Gefühl?
Wollinger: Die Sorge, dass Kriminalität zunimmt und ich Opfer einer Straftat werde, speist sich meist aus diffusen Informationen. Wenn Menschen in den Medien mehrfach über Messerstechereien lesen, entsteht der Eindruck, die Zahl der Taten hätte enorm zugenommen.
Einige Parteien nutzen die Berichterstattung, um das Gefühl aufzubauen, es laufe alles aus dem Ruder. Tatsächlich ist die Sicherheitslage im öffentlichen Raum in Deutschland sehr gut. Gewalt passiert eher im nahen Umfeld – durch den Partner, Bekannte oder innerhalb der Familie. Sie wird allerdings seltener angezeigt. Dass ein Fremder plötzlich jemanden angreift, kommt zwar vor, ist aber selten.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Migration und Kriminalität?
Wollinger: Jein. Die Polizeiliche Kriminalitätsstatistik zeigt im Bereich der von Migranten begangenen Straftaten ein verzerrtes Bild. Sie führt auch Touristen auf, die nur zur Tatbegehung eingereist sind und nicht zur Wohnbevölkerung gehören. Außerdem wissen wir, dass die Merkmale jung und männlich Hauptrisikofaktoren für Kriminalität sind. Und vorwiegend junge Männer wandern zu.
Bei einer Befragung von Jugendlichen in Bezug auf ihre Einstellung zu Gewalt fällt auf, dass Jugendliche mit Migrationsgeschichte eher bereit sind, Gewalt auszuüben als deutsche Jugendliche. Dabei spielt die Herkunft keine zusätzliche Rolle, sondern Alter, Perspektiven und soziale Verbundenheit.
Insgesamt zeigen die Untersuchungen: Die allermeisten Zuwanderer begehen keine Straftaten. 2007 stieg die Zuwanderung an. Trotzdem sank die Gewaltkriminalität in Deutschland. 2015 stieg die Zuwanderung erneut und es kam zu einem Anstieg – das hatte aber viele Gründe. Danach ging die Gewalt wieder zurück. Nach Corona stieg sie wieder an – ohne steigende Zuwanderungszahlen. Insgesamt ist die Kriminalitätsrate im Land ohnehin niedrig. Einen Zusammenhang im Sinne von mehr Zuwanderung, gleich mehr Gewalt, ist nicht zu sehen.
Bögelein: Wir sprechen dabei von einem Verstärkerkreislauf: Eine Studie des Medienwissenschaftlers Thomas Hestermann zeigt, dass überproportional von Delikten berichtet wird, an denen nicht deutsche Täter beteiligt sind. Die Gesellschaft hat das Gefühl, da gibt es ein Problem. Die Politik greift das Thema auf. Es entsteht ein Kreislauf.
Das Narrativ „Ohne die Migranten hätten wir keine Gewalt“, ist nicht wahr und verdeckt strukturelle Gründe für Gewalt, indem es eine vermeintlich einheitliche Gesellschaft ausmalt, in der alle Menschen gleich sind und Gewalt gegen Frauen beispielsweise alleine ein Problem von außen ist. Aber das stimmt nicht. Auch in Deutschland steht unter anderem Gewalt in der Erziehung erst seit dem Jahr 2000 unter Strafe (Vergewaltigung in der Ehe gilt seit 1997 als strafbare Tat, Anmerkung der Redaktion).

Spielt Religion eine Rolle?
Wollinger: Nein, so einfach kann man das nicht sagen. Diverse Studien haben das untersucht. Religiosität bewahrt eher vor Kriminalität, weil die Zugehörigkeit soziale Kontrolle verstärkt. Auch ist das Trinken von Alkohol in einigen Religionen verboten – dort entfällt ein wichtiger Risikofaktor für Gewalt. Bei dieser Frage muss man sehr stark differenzieren.
Was schlagen Sie vor?
Wollinger: Gewalt und Migration, das Thema wird diskutiert, als wären es Wesensmerkmale von Menschen aus bestimmten Herkunftsländern. Als eine Gesellschaft, die Menschen aus anderen Ländern aufnimmt, können wir selbst mehr tun, um Gewalt zu minimieren. Da geht es um Angebote zur Integration, vernünftige Unterkünfte und darum, Perspektiven zu gestalten.
In unserem Buch plädieren wir für eine neue Kriminalpolitik, die berücksichtigt, dass viele Straftaten durch bestimmte Männlichkeitsnormen geprägt und nicht zuletzt auch mitverursacht sind. Ziel ist, die Rechte aller Menschen gleich wichtig zu nehmen und von dem Gedanken Abstand zu nehmen, mit Strafe bekäme man eine Verhaltensänderung hin. Damit packt man die Kriminalität nicht an der Wurzel.
In eigener Sache: Sollten die Medien die Namen und Nationalität der Täter nennen?
Wollinger: Aus kriminologischer Sicht wissen wir, dass Nationalität und Herkunft nicht die Ursache für Taten sind.
Bögelein: Zum Vergleich, ein Gedankenexperiment. Wir sagen nicht: „Schon wieder ein Mann, der eine Tat begangen hat.“ – Dabei sind es zu einem sehr hohen Anteil Männer, die Gewalttaten verüben. Welchen Pass der Täter hatte, sagt nichts aus. Jede Erwähnung verstärkt den Eindruck, Menschen aus einem anderen Land als gefährlich einzustufen. Das unterstützt ein nationalistisches, rechtskonservatives Gedankenbild, das nichts mit der Realität und Gefährlichkeit einer Person zu tun hat. Daher sollte die Nationalität aus unserer Sicht nicht genannt werden.
]]>Wer an der Küste lebt, hat nicht selten ein Boot. Früher wollte es der Brauch, dass die Männer der kleinen Ortschaften rund um den Jadebusen zum Fischen ausfuhren, um das Dorf und ihre Familien zu versorgen. Auch Enno Janßen, Jörg Warnke und Andreas Logemann aus Eckwarden lebten diese Tradition. Enno Janßen verstarb 2009, doch er fährt weiterhin mit seinen Freunden zur See. Ihr Kutter, ein ehemaliges Rettungsboot, trägt heute seinen Namen.
Inzwischen sind Andreas Logemann und Jörg Warnke die letzten ihrer Art am Eckwarder Spieker. Die Restriktionen rund um das Naturschutzgebiet Wattenmeer und der Verlust von Fanggebieten zwangen viele Fischer zum Aufgeben.
„Über drei Generationen hatten wir spezielle Stellen, an denen wir Reusen auslegen durften. Wir haben dafür gekämpft, eine Genehmigung zu bekommen, um für private Zwecke in ausgewiesenen Flächen fischen zu dürfen“, sagt Andreas Logemann. Der 66-Jährige ist in Eckwarden aufgewachsen und fuhr bereits als Junge mit seinem Onkel Günther Pape aufs Meer hinaus.
Ein Rettungsboot wird zum Fischkutter
Als sie noch zu dritt waren, nutzten sie Enno Janßens offenen Angelkahn für ihre Touren. Bei rauer See konnte es auf der Nussschale schon mal gefährlich werden. Nach dem Tod des Freundes erbten sie das Boot. Kurzerhand schnitten sie das Heck ab, verlängerten es, zogen die Seiten höher und bauten eine Kajüte ein.
Bis 2014 leistete dieses Exemplar gute Dienste, dann fiel es der Flut zum Opfer. Die Schuld lag nicht bei den Eigentümern. Da Andreas Logemann die zahlreichen Arbeitsstunden und das verwendete Material dokumentiert hatte, zahlte die Versicherung. Nun begann die Suche nach einem neuen Boot.

Fündig wurden sie im eigenen Dorf. Ein Rettungsboot hatte die perfekte Länge. Für die private Fischerei sind acht Meter das Maximum. Der Rumpf ist mit 70 Zentimetern Tiefgang sehr flach und eignet sich auch noch für Fahrten durch Priele bei ablaufendem Wasser.
Jörg Warnke beherrscht die Kunst des Pierens
Dieses Mal bauten sie den Kutter von Grund auf nach ihren Bedürfnissen auf: Die Kajüte bekam ein Navigationsgerät für die nächtlichen Fischzüge, der alte Motor wurde durch einen 60-PS-Motor, samt neuem Getriebe ersetzt, außerdem montierten sie an Deck eine automatische Winde, mit der das Schleppnetz eingeholt werden kann.
„Vorher haben wir das Netz mit Muskelkraft hochgezogen. Da sah man Sterne vor den Augen, wenn man damit fertig war“, sagt Jörg Warnke. Der 76-Jährige ist ein Allround-Talent. Er findet für jedes handwerkliche Problem eine Lösung.

Außerdem beherrscht er die Kunst des Pierens. Der Begriff aus dem Plattdeutschen Wortschatz bezeichnet das Beködern eines Wollknäuels mit Wattwürmern. Beschwert mit einem Gewicht, wird es hinter dem Kutter hergezogen und scheint eine magische Anziehungskraft auf einige Fischarten zu entwickeln.
Bis zu zehn Kilo bringen sie nach Hause
Die Männer fahren nach Möglichkeit von März bis Dezember einmal pro Woche raus. Sie sind zwischen acht und zehn Stunden unterwegs. Weil sie in der Region aufgewachsen sind, wissen sie genau, wo Sandbänke und Überfahrten verlaufen.
Andreas Logemann sitzt am Steuer, Jörg Warnke kümmert sich um die Reusen und Netze. Nachdem der Fang in den Sprungkorb entleert wurde, trennt das Rüttelsieb die Plattfische, Stinte, Kabeljaue, und Wittlinge nach Größe. Was zu klein ist oder unter Schutz steht, wird aussortiert und geht zurück ins Wasser. Bis zu zehn Kilo frischen Fisch bringen die beiden an einem Tag nach Hause.

Veränderungen im Fischbestand fallen ihnen natürlich als Erste auf. So beobachteten sie in den 90ern massive Einbrüche im Vorkommen von Aal und Plattfisch. Erst in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Bestand erholt.
„Die Abwanderung hing zuletzt mit dem Bau des Jade-Weser-Ports in Wilhelmshaven zusammen. Über Jahre hinweg wurden Pfähle für die Fundamente in den Boden gerammt. Die Arbeiten begannen 2008 und dauerten bis 2012 an. Das Geräusch hat die Fische vertrieben“, vermutet Jörg Warnke.
Ein Fischer, der selbst keinen Fisch isst
Der Eckwarder hat tatsächlich noch nie einen Fisch zwischen den Zähnen gehabt. Seemannsgarn aus Eckwarden? Tatsächlich nicht. Dafür ist die Nordseekrabbe „am liebsten direkt nach dem Kochen aus dem Sieb“ für ihn eine Delikatesse. Die beste Zeit, um Granat zu fangen, ist übrigens morgens um vier. „Aber unser Nachteil ist, dass wir beide keine Frühaufsteher sind“, sagt Andreas Logemann.
„Enno“ wartet bereits im Eckwarder Hafen. Momentan liegt das Boot wegen des Eisganges noch auf dem Trocknen. Sobald die Temperaturen im Jadebusen wieder bei sechs, sieben Grad liegen, beginnt für die beiden Fischer die Saison.
]]>Die Möglichkeit, sich durch Bildung eine gute Grundlage für die Zukunft zu schaffen, ist in Deutschland für viele Menschen selbstverständlich. In Indien haben 50 Prozent der Menschen von Geburt an Pech. Sie sind Mädchen und gelten als wertlos.
„Es passiert nicht selten, dass das ungeborene Kind, wenn es weiblich ist, abgetrieben wird“, sagt Dagmar Strauß. Die Stollhammer Zahnärztin und ihr Mann flogen zwischen 2003 und 2019 mindestens einmal im Jahr auf den Subkontinent. Sie nutzten ihre Urlaubszeit, um für Zahnärzte ohne Grenzen viele kleine Patienten in den Kinderdörfern zu behandeln. Drei indische Mädchen gehören seit 15 Jahren zur Familie. Saras, Devi und Durga nennen Dagmar ihre Oma und Ingolf Strauß ihren Opa.
Beginn einer lebenslangen Verbindung über Kontinente hinweg
2010 ist das deutsche Paar das erste Mal im Gasthaus des Kinderdorfes in der südindischen Stadt Coonoor untergebracht. Die Nepalesin Sarita gehört zum Personal, sie ist in der Küche und im Service tätig. Ihre Familie ist arm. Stolz erzählt Sarita den beiden von ihren Mädchen. Saras (14), Devi (11) und Durga (8) zählen zu den besten in der Schule.
Und hier beginnt eine Entwicklung, die das Leben zweier Familien verbindet und nachhaltig verändert. Die Strauß erfahren, dass Sarita mit 14 Jahren verheiratet wurde und ihr erstes Kind bekam. Ihr Mann Thalak ist damals doppelt so alt wie sie. In Indien sind arrangierte Hochzeiten nichts Ungewöhnliches.
Sie besuchen Sarita zu Hause. Ihre Hütte ist einfach – braune Wände, eine Kochnische, Wasser aus dem Brunnen. Zum Schlafen legt sich die Familie nebeneinander auf Matten, Möbel gibt es kaum. Die Töchter erledigen ihre Hausaufgaben sitzend auf dem Boden. Der Ranzen dient als Unterlage. Dagmar und Ingolf Strauß kaufen ihnen einen Tisch und ein paar Stühle.

Sie sind beeindruckt von dem Willen der Kinder, zu lernen und beschließen, die Familie zu unterstützen. Devi ist 14 Jahre, da wird bei ihr Nebennierenkrebs diagnostiziert. Ohne Geld, gibt es keine Hilfe. Zusammen mit einer zahnärztlichen Freundin in Indien organisiert das Paar von Deutschland aus den Transport des Mädchens in ein renommiertes Krankenhaus. Zwei Tage dauert die Autofahrt dorthin. Noch kurz vor der Operation muss die Familie Geld für das Narkosemittel auf den Tisch legen.
Drei Töchter machen Karriere
Heute studiert Devi im siebten Semester Medizin in Georgien. Nebenbei arbeitet sie stundenweise in einer Klinik. Es war nie einfach. Sie begann ihr Studium in der Ukraine. Dann brach der Krieg aus, sie musste zurück nach Indien. Als sich abzeichnete, dass eine Rückkehr in das Land nicht möglich sein würde, zog sie nach Georgien.
In einer aktuellen Mail schreibt Devi: „Trotz des Drucks ist mein Wunsch, Ärztin zu werden, ungebrochen. Der Weg ist anspruchsvoll, aber er wird von Hoffnung, Entschlossenheit und einem tiefen Sinn für meine Aufgabe getragen. Für diesen Weg waren mein Opa und meine Oma, die zu den stärksten Stützen unseres Lebens gehören, sehr wichtig.“
Saras lebt in Dubai. Sie hat eine gute Anstellung als Krankenschwester und bildet selbst aus. Ihren Mann hat sie aus Liebe geheiratet. Dagmar und Ingolf Strauß finanzierten ihre Ausbildung und trugen auch viele der Kosten darüber hinaus. „Es dauerte lange, bis Saras eigenes Geld bekam. Nach der Ausbildung musste sie zwei weitere Jahre unentgeltlich im Krankenhaus arbeiten, sonst hätte sie kein Zertifikat bekommen. Das ist in Indien üblich und für Familien aus den unteren Schichten, kaum zu bewältigen“, sagt der Stollhammer.
Warmes Wasser – ein selbstverständlicher Luxus für uns
Durga studierte Ingenieurswesen und arbeitet in der IT-Branche im indischen Pune. Ursprünglich wollte sie zur Armee. Bei einem Aufnahmetest wurde sie knapp durch eine Konkurrentin geschlagen. Den Hang zum Kämpfen hat sie von Ingolf Strauß. Der 66-Jährige gibt seit 2001 Selbstverteidigungskurse, davon profitierten die Mädchen.

In Indien sind Übergriffe auf Frauen an der Tagesordnung. Die Drei haben immer einen Kugelschreiber dabei. Wenn sie im Bus belästigt werden würden, wissen sie sich zu wehren. „Wir haben die kleinen Pflänzchen nur gegossen. Sie haben sich von allein weiterentwickelt“, fasst seine Frau zusammen.
Und Sarita? Sie kommt 2018 zu Besuch nach Stollhamm. Der für uns selbstverständliche Luxus innerhalb eines Wohnhauses ist ein Schock. „Sie stand in der Küche an der Spüle und konnte kaum fassen, dass wir immer warmes Wasser haben“, sagt Dagmar Strauß.
Auch die freie Zeit ist für Sarita ungewohnt – zu Hause in Indien sind ihre Tage mit zahlreichen Aufgaben gefüllt. Im Alter kümmert sich traditionell der älteste Sohn, beziehungsweise dessen Frau, um seine Eltern. Durch die Kraft und Karrieren ihrer drei Töchter haben auch Sarita und Thalak nun die Chance auf ein würdevolles Leben.
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