Zunächst erscheint es mir zu eng, den Begriff ‚Lebensraum‘ als einen vom Ursprung her biologischen zu betrachten, auch wenn er dort zweifellos Verwendung findet und in dem Zusammenhang klar definiert ist. Sprache ist ein Common. Niemand hat darauf ein Patent, einen ausschließlichen Verfügungs- oder Herrschaftsanspruch. Jeder, der mit den Regeln der deutschen Sprache vertraut ist, kann Wörter wie ‚Lebensraum‘ bilden und darauf vertrauen, daß, wer die Begriffe ‚Leben‘ und ‚Raum‘ kennt, mit dem so gebildeten Begriff etwas anfangen kann. Wenn im Kontext der Begriffsverwendung Mißverständnisse oder Unklarheiten verbleiben, bietet die Sprache Möglichkeiten, diese aufzuklären. Wer sich nicht um Verständlichkeit und Verständnis bemühen will, ist auf dem Gebiet der Kommunikation einfach nur ein Ärgernis. Insofern ist diese Diskussion, soweit sie sich nicht damit begnügen will, mitzuteilen, wie du, er, sie, ich die Begriffe zunächst einmal verstehen, eigentlich obsolet.
Wenn man aber schon darauf hinweist, den Begriff ‚Lebensraum‘ (zur Erklärung: ich mag den Begriff ‚Begriff‘ nicht in dem Sinn verwenden, wie Natascha Strobl das tut. Für mich ist ‚Begriff‘ einfach die Abstraktion einer Erfahrung, Bauteil eines Weltverständnisses, was es erlaubt, Dinge zusammenfassend zu benennen und zu vergleichen – im Gegensatz zu ‚Namen‘, die sich immer auf etwas Konkretes, Einzigartiges beziehen.) – also den Begriff ‚Lebensraum‘ im Sinn der Biologie verwenden zu wollen, dann erscheint mir der Begriff auf den Menschen angewendet etwas deplaziert. Denn der Mensch unterscheidet sich von den anderen Tieren, die wir kennen, gerade dadurch, daß er kaum einen besonderen Lebensraum benötigt, in dem er infolge seiner biologischen Anpassung existieren kann. Er schafft und erobert sich seinen Lebensraum durch technische Hilfs- und Anpassungsmaßnahmen wie Kleidung, Gebäude, Infrastruktur, Wirtschaftsstrukturen etc. Ich nehme allerdings an, daß Rezo eigentlich eher ‚Lebensgrundlagen‘ gemeint hatte oder auch den erheblichen technischen Aufwand im Blick hatte, der nötig wird, will der Mensch ihm eigentlich widrige Bereiche besiedeln (Wüsten, Meere, Mars…). Übrigens unterscheidet meines Wissens die Biologie zwischen den Begriffen ‚Lebensraum‘ und ‚Revier‘. Manches, was hier dem Lebensraum zugeschrieben wird, gehört eigentlich zu dem anderen Begriff.
Worum aber geht es eigentlich in dieser Diskussion? Aus welchem Grund sollte man bestimmte Begriffe nicht verwenden? Nun, sie könnten verletzend oder beleidigend sein, aber darum geht es hier auch nicht. Hir geht es darum, daß man befürchtet, die Begriffe könnten Menschen manipulieren und auf gesellschaftliche Abwege bringen – nein, nicht dich und mich sondern irgendwelche Dritten, die nicht diese Kritikfähigkeit entwickelt haben und am Ende irgendwelchen Rattenfängern hinterherlaufen. Aber die bittere Wahrheit ist: Mit diesem Menschenbild, dieser Vorstellung im Kopf ist Demokratie nicht möglich. Demokratie, soll sie nicht zu einer Diktatur der Meinungen und Ideologien verkommen, kann nur funktionieren, wenn sie quasi axiomatisch davon ausgeht, daß die relevante Mehrheit ihrer Mitglieder mündige und urteilsfähige Menschen sind – selbst dann, wenn die Wirklichkeit etwas anders aussieht. So wie Jugendliche niemals mündig werden können, wenn man ihnen diesbezüglich keinen Kredit einräumt, so gilt das auch für die Bürger einer Demokratie. Aufmerksamkeit und Problembewußtsein sind gut, aber Angst und Bevormundung sind Gift für eine Demokratie.
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