Advertise with Googlier.com Hier spricht der Aushilfshausmeister! https://blogs.taz.de/hausmeisterblog Helmut Höge, taz-Kolumnist und Aushilfshausmeister bloggt aus dem Biotop, dem die tägliche taz entspringt. Wed, 14 Oct 2026 15:45:34 +0000 de hourly 1 Minijobs (120 Zeilen etwa) https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2026/10/12/minijobs-120-zeilen/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2026/10/12/minijobs-120-zeilen/#respond Mon, 12 Oct 2026 16:41:29 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=15533 Stauffenberg

Bekanntlich wollte der Berufsoffizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg Hitler mit einer Bombe im ukrainischen Führerhauptquartier „Wolfsschanze“ töten. Er hatte laut Wikipedia „eine innere Distanz zu Hitler und dem NS-Regime“. Seine Mitverschwörer und er beabsichtigten danach gemeinsam mit den Westmächten Russland (die Sowjetunion) zu besiegen. Damit gilt es nun seit ein paar Jahren noch einmal, Russland zu besiegen.

Als Vasallen der USA hört Deutschland dabei vor allem auf Brainwashington, von dort tönt z.B. der ehemalige US-Senator Richard Black: „Es ist uns egal, wie viele Ukrainer sterben – wir wollen gewinnen.“ Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin war 2022, vier Wochen nach Kriegsbeginn, noch zögerlich. Bei seinem Besuch in Kiew, einen Tag nach dem NATO-Sondergipfel, auf dem beschlossen wurde, die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine nicht zu unterstützen, sagte Austin, man wolle die Gelegenheit nutzen, Russland durch diesen Krieg auf Dauer militärisch und wirtschaftlich zu schwächen.

In Deutschland versuchte man zunächst, die Nazi-Propaganda, dass die Russen „Untermenschen“ seien, ins Spiel zu bringen. So z.B. in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ die stellvertretende Leiterin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien Florence Gaub: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben.“ Der ukrainische Dichter Serhij Zhadan sagte, als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam: „Die Russen sind Barbaren,Verbrecher, Tiere, Unrat, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten.“ Der auf Sicherheitsfragen abonnierte Politologe Sergej Sumlenny, ehemals Leiter der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, machte den Vorschlag: „Der sicherste Weg zu einem nachhaltigen Frieden ist es, das nukleare Russland zu zerstören. Einige Atombomben könnten dabei explodieren, aber sie werden ohnehin explodieren.“

Eine Umfrage von Infratest ergab: „Erstmals Mehrheit (52 %) für US-Atomwaffen in Deutschland.“ Weil die Ukrainer vielleicht doch nicht durchhalten und der „Iwan“ dann vielleicht schon bald vor Berlin stünde, betonte die Außenministerin Annalena Baerbock: „Wir müssen der Ukraine helfen, auch wenn wir einen Atomkrieg riskieren.“

Erst einmal wurde die abgeschaffte Wehrpflicht peu a peu wieder eingeführt. Man mußte auf die sensible Psyche des zukünftigen Kanonenfutters Rücksicht nehmen. Zumal die Zahl der Pazifisten bei den Ostermärschen wieder zunahm. Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff war entsetzt: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch,“ meint er. Zwar gab es nicht wie derzeit in Kiew riesige Demonstrationen von Kriegsmüden gegen Selensky, aber es mehrten sich hier plötzlich die Kriegsdienstverweigerer in Größenordnungen. Sie erkannten die Zeichen der Zeit anscheinend.

Der Verteidigungsminster Boris Pistolius hatte gemeint: „Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein“ und kündigte bis dahin laut „euronews“ immer wieder „neue Waffenlieferungen an die Ukraine“ an. Beim Waffenkonzern Rheinmetall freute man sich darob besonders. Der Bundeskanzler Friedrich Merz war sich sicher: „Wenn Russland nicht gestoppt wird, richtet sich seine Kriegsmaschinerie früher oder später gegen uns.“

Merz war, bevor er in die Politik ging, deutscher Aufsichtsratschef des weltweit größten US-Vermögensverwalters BlackRock. Die für gewöhnlich gut unterrichteten Greise vermuten, dass BlackRock sich erst einmal bei Merz kundig machte, wie Deutschland die Ukraine militärisch unterstützen wolle, bevor sie Aktien bei Rheinmetall erwarben und daraufhin deren zweitgrößter Anteilseigner nach der französischen Großbank Société Générale wurden. Kurz danach kam prompt „ein Großauftrag der Bundeswehr“, heißt es auf „kettner-edelmetalle.de“.

Der US-Finanzdienstleiter Vanguard Group meldete über BlackRock: „Etwa ein Drittel des gesamten ukrainischen Ackerlands ist in Händen von drei großen US-Konzernen: Cargill, Dupont und Monsanto. Die Hauptaktionäre dieser drei sind BlackRock und Vanguard.“ Als Rheinmetall 2026 in die Produktion von Weltraumsatelliten und Taurus-Marschflugkörpern einstieg, beeilte sich Harald Kujat, Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr und Ex-Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, klar zu stellen: „Die Ukrainer können Taurus nicht einsetzen, sondern wir müssen die gesamte Durchführung in die Hand nehmen. Das heißt: Wir machen den Schritt zur direkten Kriegsbeteiligung. Wer das nicht versteht, der hat es nicht verdient, irgendein politisches Amt auszuüben.“

Der Gründer und Sprecher von WikiLeaks Juilan Assange fing wieder an, regelmäßig Einschätzungen zur Weltlage zu posten. Eine lautete: „Das Ziel ist es, die Ukraine zu benutzen, um Geld aus den USA und Europa zu waschen, durch die Ukraine und zurück in die Hände einer transnationalen Elite – BlackRock. Das Ziel ist ein endloser Krieg, nicht ein erfolgreicher Krieg.“

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Indulis Bilzenz in Paris

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Wahlkämpfe

Das dümmste Wahlplakat ließ der Berliner SPD-Spitzenkandidat aus Hannover Steffen Krach aufstellen: „Ich schwöre“. Das muß doch jeder, der Regierungschef sein will, aber damit werben, dass man es tun wird, wenn man gewinnt…Das klingt eher wie eine Drohung. Genauso wie sein Vorabversprechen: Eine Surfwelle für Berlin – wie in München. Aber auch so manches andere SPD-Wahlversprechen: „Spielplatz ohne Spritze“ und „Grundschule ohne Handy“ z.B..

Jetzt muß wahrscheinlich die Wahlgewinnerin der Linken Elif Eralp schwören. Sie tut mir jetzt schon leid: Wen sie alles gegen sich hat: die ganzen nicht schwören dürfenden Spitzenkandidaten der Verliererparteien, die Unternehmer, Manager, Banker, Couponschneider, Kapitalmedien, Judenverbände, Burschenschaften, ihre wacklige Querulanten-Koalition, die schnell auseinanderbrechen wird, ihre zu hohe Frauenstimme usw..

Mit der Volt-Wahlwerbung könnte man allerdings auch sagen: „Endlich eine Schmutzkampagne“, denn die wird es ganz sicher geben, die Springerstiefelpresse hat schon am Wahlmontag damit angefangen: „Clan-Chef Remmo taucht bei Linken-Wahlparty auf – ‚Das wird die Partei erklären müssen‘“, auch die „provokante Pro-Palästina-Symbolik“ (Palitücher). Außerdem wird nun ab sofort stets daran erinnert werden, dass Elifs Partei einst die Berliner Schandmauer, den „Touristenmagneten Number One“ (John F. Kennedy), errichten ließ. Und dann auch noch das Megaargument (nach Faschisten): „Antisemiten“. Ach, ihr mainstream-konditionierten Dreckschleuderjournalisten…

Wie die komische Partei „Volt“ will Eralp doch auch nur eins: „Unfuck Berlin“, aber weder wird ihr das gelingen, noch würde sie so etwas Dummes Amimäßiges jemals sagen. Allein die FDP weiß, wie man das macht: „Von der Miete zum Eigentum“ – und das Schönste: Die Partei will den Berlinern sogar dabei helfen. Wo leben diese Liberalen eigentlich? Ich tippe auf Schmargendorf oder Schwabing. Jedenfalls nicht da, wo es eine Buschzulage gibt.

In Kreuzberg waren sich CDU und Grüne fast einig: „Unser Bezirk kann mehr“ – wenn man sie wählt. Das behaupten die Rabenschwarzen und die Natoolivgrünen: „Raus aus dem Rückwärts“. Aber auch die unselige AfD will „Berlin stark machen“. Unselig, weil wir doch wissen: „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal“ (Hegel) – „das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce“ (Marx). Die unglückliche Partei BSW dagegen würde gerne mehr Beton auf die Berliner Grünflächen kippen und nicht woanders hin: „Sozialer Wohnungsbau statt in der Ukraine“.

Die Witztruppe „Die Partei“ plakatierte „Wo bleibt die RAF, wenn man sie mal braucht?“ Ein Wahlplakat gab es einmal in der Stadt, das mir gefiel. Es zeigte den schönen Glatzkopf des Performers Kaethe B. mit dem Spruch „Immer eine gute Wahl“ und dazu seine Telefonnummer.

Unvergessen ist auch der paranoide – hellsichtige – „Sendermann“, der mit dickem Pinsel an vielen Stellen der Berliner Mauer/Westseite schrieb: „Der Senat foltert mit getexteten Reden“. Wie wahr! Es gibt einen Katalog über ihn und seine gepinselten Gedanken, herausgegeben von Andreas Seltzer (die Mauer war ja von 1966 bis 1976 ein Medium analog zu den chinesischen Wandzeitungen während der Kulturrevolution – freimütig)

Diesmal hatte eine aktivistische Künstlergruppe drei Wahlplakate aufgehängt, die nicht dazu aufriefen sie oder irgendjemand zu wählen, sondern bloß basisdemokratisch Mut machen sollten: „Mehr Chaos Weniger Miete“, „Mehr Schlaglöcher Weniger Arschlöcher“ und „Mehr Müll weniger Miete“. Der letzte Spruch stammt von einigen Neuköllner Anarchos, die damit ab 1999 hofften, Immobiliengangster abzuschrecken. Die aber, gewohnt über Leichen zu gehen, ließen sich nicht von Kotze, kaputten Möbeln, toten Ratten und räudigen Katzen abschrecken, als es galt, auch im „Problemviertel“ eine „schöpferische Zerstörung“ des Sozialen (Joseph Schumpeter) anzurichten. Allein im „Schillerkiez“ entmieteten sie in einem Jahr 500 Mieter mit deren Anhang.

Die Justiz schien diese neuen Zeiten zu begrüßen und blieb weitgehend untätig, auch wenn die meisten Neuköllner Entmieteten dem liberalen Vorschlag, von der Miete zum Eigentum, nicht folgen mochten bzw. konnten. Ein anscheinend klassenkampf- oder klassenjustizerfahrener Richter entschuldigte seine Kollegen mit den Worten: „Revolutionen haben es so an sich, dass die Ordnung etwas zu kurz kommt.“ (Eigenbedarf!)

Müßte ich diese ganzen Wahlsprüche, die das Weichbild der Stadt zu meinem Lesemißvergnügen machten (weil sie allesamt mehr oder weniger dämlich waren), zusammenfassen – meine Eindrücke also, dann würde ich mit der Werbung der altdeutschen Schadstoffschleuder Aral sagen: Wir bieten „Kraftstoffe, die Dich weiterbringen“. Am Wahlabend war das für alle Parteisprecher, die sich um die ARD-Mikrophone scharrten, eine „Erzählung“ – derzeit ein Modewort. Bei der nächsten Wahl ist es dann ein „Narrativ“ und bei der übernächsten ein „Diskurs“. Letzterer materialisiert sich, wenn die AfD Regierungs-„verantwortung“ oder -„vertrauen“ (auch Modewörter) übernimmt, als ICE und DOGE, denn wir bleiben (M)amis Liebling. Ich schwör.

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Jane Goodall mit ihrem Hund

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Demokratieerosion

Die attische Demokratie verdankt sich der Erosion des Athener Gemeinwesens, die den Lyriker und Politiker Solon die Möglichkeit gab, sie 594 v. Chr. durchzusetzen. Aber 180 Jahre später ist in der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes bereits von Korruption und politischer Demagogie die Rede. Im 1. Jhd. v. Chr. begriff Diodoros aus Agyrion die Demokratie gar als eine Farce, weil sie zwar die allgemeine „Gleichheit vor dem Gesetz“ (isonomia) gewährte, aber ohne die „Gleichheit des Eigentums“ (isomoiria) meint zu funktionieren. Das hatte auch schon Solon beunruhigt, weil mit der Durchsetzung des Geldverkehrs der Reichtum Einzelner unbegrenzt möglich wurde, er beruhigte sich jedoch mit dem Gedanken, dass ein Reicher auch nicht viel mehr Genüsse als ein Armer auskosten kann.

Die Viehzüchterinnen in der Wüste Gobi sehen das realistischer. 2005 erzählten sie mir: Nach Auflösung der Kolchosen und den Niederlagen ihrer Männer in der Marktwirtschaft hätten sie beschlossen, Agrargenossenschaften zu gründen. Erst einmal arbeiteten sie jedoch alle in der Kreisstadt in Fabriken und kauften von ihrem Geld Vieh, das sie unter den Frauen verteilten – um eine Gleichheit des Besitzes in ihren 80 Genossenschaften mit zusammen 2000 Mitgliedern herzustellen.

Auf der politischen Ebene erodierte jedoch die neue mongolische Demokratie bereits. Obwohl der tschingiskhansche Nomadismus Staatsideologie wurde, arbeitet man darauf hin, einige Reiche zu Viehbaronen zu machen, die die Armen als Cowboys beschäftigen.

In der frühen Sowjetunion sah der marxistische Literaturtheoretiker Michail Lifschitz den neuen sowjetischen Modernismus als mit der faschistischen Staatskunst verwandt. Damals sprachen die Künstler der Gruppe Linke Front (LEF) davon, dass Zeitungsreportagen Romane und Gedichte ersetzen und das Proletariat die Berufskünstler überflüssig machen werde, denn „Kunstwerke würden in Zukunft maschinell erzeugt,“ schreibt Ewgeniy Kasakow (in: „konkret“ 9/2023). Diese Zukunft könnte bald wahr werden.

In der Jungen Welt (v. 1.9. 2026) lese ich in einem Artikel von Kai Köhler über Peter Hacks, dass dieser die Komödie von Aristophanes „Der Reichtum“ umgearbeitet und als „Der Geldgott“ quasi aktualisiert habe – nicht mehr lustig, eher bitter. Diese letzte Komödie des griechischen Dichters entstand 408 v.Chr., es ist jedoch laut Wikipedia „nur eine bearbeitete, dem Zeitgeschehen angepasste Version von 388 v. Chr. überliefert“.

Bei Hacks heißt es: „‚Durch Arbeit verliert man das Geld nur’. Wahr sei vielmehr: ‚Das Geld verdient sich selber.‘ Der Gedanke an Produktion sei ‚durch und durch voriges Jahrhundert. Den Umweg über die Ware macht die moderne Wirtschaft nicht mehr.‘“ Der Rezensent Köhler fügte hinzu: „Als Peter Hacks 1991 die Aristophanes-Komödie ‚Der Geldgott‘ umarbeitete, war der Finanzmarktkapitalismus bei weitem noch nicht so entwickelt wie heute.“

Heute, das ist jetzt. In der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) schreibt der „Zukunfts- und Trendforscher“ Mathias Horx am 11.9.2026: „Könnte es sein, dass das rechtsradikale Drama gar nicht in dem Bereich der Politik oder Ökonomie zu finden ist? Sondern vielmehr auf einen fundamentalen Wandel der Welt hinweist?“ Diese Frage beantwortet er selbst: „Die Demokratie, wie wir sie kennen und erwarten, ist aus der Zeit gefallen. Ihre Regelsysteme stammen aus einer anderen Epoche, als Klassen, Schichten, konsistente Milieus noch die Gesellschaft dominierten.“

Ist das ein globaler„Trend“? Ich habe mit Horx früher in der Frankfurter Stadtzeitung „Pflasterstrand“ zusammengearbeitet, zudem wohnten wir beide im nordhessischen Vogelsberg, nur durch einen Berg getrennt. Mit meinem Umzug nach Westberlin habe ich ihn aus den Augen verloren und seit seiner Karriere als „Zukunfts- und Trendforscher“ auch aus dem Sinn, weil ich diesen, seinen Beruf für Amiquatsch halte. Der US-Weltökonom Jeffrey Sachs hält dagegen die deutsche Demokratie, die EU und die NATO für eine Art Amiquatsch. Andere sprechen von einem „Plattform-Kapitalismus“, wieder andere von „nachgesellschaftlichen Projektwelten“. Und weil das bedeutet, dass es keine Gesellschaft mehr gibt, deswegen sollte man auch den Begriff fallen lassen. Dieser Vorschlag kommt aus der Soziologie, als Credo kam er zuvor schon von Margaret Thatcher, die zusammen mit Ronald Reagan als Initiatorin eines rechten Neoliberalismus gilt. Sie meinte 1987: „So etwas wie die Gesellschaft gibt es nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und es gibt Familien.“ Die letzteren erodieren allerdings ebenso wie die Demokratie, die ihren Höhepunkt zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Krieg hatte. Und ihren Tiefpunkt vielleicht zwischen dem Ukraine- und dem Gaza-Krieg.

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Anarcho-Jimmy mit einem mir unbekannten Freund

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Reich-Hauptstadt

Den kommunistischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich kann man getrost als den konsequentesten Vertreter der ursprüngliche Lehre Freuds von der „Sexuellen Ätiologie der Neurose“ und der Libidotheorie bezeichnen. Gut freudianisch war auch noch seine Fundierung der Neurosenlehre im Biologischen – zuletzt gar im Kosmischen. Seine Bücher wurden 1956 in den USA öffentlich verbrannt. Es war dies die bisher letzte Bücherverbrennung im Okzident. Er selbst starb im Gefängnis. Die Reichschen Schriften wurden erst wieder in der Studentenbewegung neu aufgelegt – zunächst als Raubdrucke.

Seitdem kann man Berlin als Hauptstadt der Wilhelm-Reich-Forschung bezeichnen. Das begann praktisch-politisch damit, dass hier 1973 der größte Ableger der Wiener Aktions-Analyse-Kommune entstand. Diese„AA-Kommune“ des Malers Otto Muehl war an der Reichschen Körperpsychotherapie orientiert, die sie mit kollektiver Lebensform verband. Heute existieren davon noch kleine Ableger in Form einer Landkommune bei Belzig, eines Cafés in Neukölln und einer „Erotischen Akademie“ auf Lanzarote – als „Ort, wo die freie Liebe real erfahrbar wird,“ wie es auf der Webpage des „Zentrums für experimentelle Gesellschaftsgestaltung ZEGG“ heißt.

Es gibt in Berlin ferner ein „Wilhelm-Reich-Institut“, das der inzwischen gestorbene Mediziner Heiko Lassek leitete. In einem Nachruf heißt es: Er hatte sich ganz der „Weiterführung der Forschungen Wilhelm Reichs, u. a. im Bereich Körperpsychotherapie sowie zum Themenkomplex Krebs“, verschrieben und war dazu von Wilhelm Reichs Tochter Eva Reich sogar als offizieller Nachfolger ihres Vaters eingesetzt worden.“

Nicht von schlechten Reich-Eltern ist auch der Biologe Stephan Krall,der das Reichianische „Scientific and Medical Network – German Group“ leitete und in der „Wilhelm-Reich-Zeitschrift ‚emotion'“ Beiträge zum Stand der Reich-Forschung veröffentlichte.

Die „emotion“ – nicht zu Verwechseln mit der gleichnamigen Zeitschrift für die „Frauen der Zukunft“ aus dem Verlag Gruner& Jahr – wird von der Berliner „Wilhelm-Reich-Gesellschaft“ herausgegeben, die zudem Konferenzen über „Körper, Energie und Emotionen – Wilhelm Reichs Emotionstheorie im Kontext der Moderne“ veranstaltet.

In Kreuzberg gibt es auch noch den Verlag „Simon & Leutner“, der die große Reich-Biographie von Myron Sharaf „Der Heilige Zorn des Lebendigen“ veröffentlichte. Scharaf war der letzte Archivar des Reichschen Orgon-Instituts in Maine. An einer Stelle seiner Reich-Biographie heißt es: „Nach einer längeren Diskussion sagte W.R. zu mir ‚Du hast Angst, daß jemand dir etwas in den Hintern steckt. Du hast Angst beim Geschlechtsverkehr, daß du, wenn du dich gehen läßt, in die Hosen scheißt. Keiner, der solche Angst hat, Mann oder Frau, kann sich jemals einem Orgasmus hingeben. Du willst deinen Hintern loswerden. Verstehst du, daß Millionen Menschen ihren Hintern loshaben wollen? Das ist von größerer Bedeutung als all die philosophischen Schriften, die es jemals gegeben hat‘.“

Erwähnt sei außerdem die „marxistisch-reichistische Initiative“ in Freiburg, von denen einige die Berliner Fuck-and-Go-Location „Kitkat-Club“ gründeten, der 2000 Mitorganisator eines „Internationalen Wilhelm-Reich-Kongresses“ war, auf dem es wie auch im Club selbst um „Genitalität“ ging – mit Filmen von Kate Bush und über Reichs Tochter Eva.

Das Reichsche Orgon-Institut, das die US-Behörden 1956 schließen ließen, heißt heute samt eines Wilhelm-Reich-Museums und -Archivs „The International Wilhelm Reich Orgone Institute“. Es hat Ableger in fünf weiteren Ländern, in Deutschland ist ihm die „Wilhelm Reich Akademie“ sowie die im Grünen Salon der Volksbühne mit Musik tagende „Orgon-Lounge“ angegliedert. Ihr Direktor, der Therapeut Joachim Trettin, veröffentlichte ebenfalls eine Reich-Biographie. Der Kreuzberger Verlag gab neben Sharafs Reichbuch noch die Biographie des Reich-Sohnes Peter über seinen Vater heraus: „Der Traumvater“ betitelt. Es war dann Grundlage für den Film „Der Grenzgänger“ (2009) – mit Klaus-Maria Brandauer als Wilhelm Reich. Regie führte Antonin Svoboda, von dem bereits die Doku „Wer hat Angst vor Wilhelm Reich ?“ stammt. Das Reichforum „orgonomie.net“ urteilte: „Der Film ist viel zu lang. Die Interviews sind fast durchweg nichtssagend.“

Berühmter wurde der Hollywoodfilm des jugoslawischen Regisseurs Dusan Makavejev: „Wilhelm Reich – Mysterien des Organismus“ (1971). Makavejev fotokopierte dafür heimlich Reich-Briefe, die ein rechter „Thinktank“ in Kalifornien gekauft, aber nie studiert hatte. U.a. einen Briefbericht von Willy Brandt für Wilhelm Reich über die Sexualmoral der jungen spanischen FreiheitskämpferInnen. Brandt schrieb: „Ich möchte Dir sagen, dass die Verkrampfung der Bewegung hier einen bedrückenden Eindruck macht. Wie häufig habe ich daran gedacht, was ein Freund mal über die Spanier gesagt hat: daß sie Jahrhunderte mit dem Hintern zu Europa gestanden haben!“

Für Reich war der Faschismus die Angst der sexuellen Krüppel. Am Ende des Films von Makavejev heißt es: „Den Mädchen wird die sexuelle Befreiung gelingen, aber der multiple Orgasmus ist teuer erkauft…“

Den Brandtschen Bericht aus Barcelona 1937 hatte ihm seine Lübecker Genossin Gertrud Meyer finanziert, die inzwischen Assistentin in Reichs Osloer Exil-„Institut für Sexualökonomische Lebensforschung“ geworden war. Makavejev schenkte mir die Kopien – als Dank dafür, dass ich ihm lang und breit von der Treuhand und ihren DDR-Betriebsabwicklungen erzählt hatte. Ich veröffentlichte sie in der taz mit einem Vorwort von Christian Semler über die spanische Arbeiterpartei Poum. Es gab so gut wie keine Resonanz darauf, aber dann übernahm „El Pais“ den Bericht und da der „Ziehsohn von Willy Brandt“ Felipe González damals Ministerpräsident war, stieß er dann doch auf großes Interesse.

Abschließend sei noch eine Ausstellung der norwegischen Botschaft in Berlin erwähnt, in der u.a. Wilhelm Reichs Wirken in Norwegen zwischen 1933 und 1939 thematisiert wurde: Dort hatte man einen Reichschen „Orgon-Akkumulator“ nachgebaut, in den man sich krank reinsetzt – und gesund wieder rauskommt. Daneben wurde die Arbeit von Sigurd Hoel gewürdigt: ein Osloer „Kulturradikaler“, der vor allem im Kampf gegen den Faschismus engagiert war und dabei mit Reich zusammenarbeitete, dessen Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ 1934 auf Norwegisch erschienen war. Eine Zeit lang war Hoel Redakteur der Reichschen „Zeitschrift für Politische Psychologie und Sexualökonomie“. Nachdem Reich jedoch sein Buch „Die Bione“ veröffentlicht hatte, brach Hoel mit ihm, dessen Wechsel von der Psychologie zur Biologie er mißbilligte und zudem eine öffentliche „Kulturdebatte“ in Norwegen auslöste, was schließlich 1939 zu Reichs Ausreise in die USA führte, wo die einstige Karstadt-Verkäuferin Gertrud Meyer ihm ein neues Institut verschaffte.

Heute geht es andersherum: Die mit Hightech verrammelte Biologie wieder in Soziologie/Sozialpsychologie zurück zu transformieren.

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Ich mit meinem Pferd

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Spatzen

In Homers „Ilias“ wird erzählt, dass es, bevor die Männer in den Kampf gegen Troja zogen, zu einem „Spatzenwunder“ kam. Aphrodites Wagen wurde laut Sappho von „schönen Spatzen“ gezogen und Catull widmete dem zahmen Spatzen seiner Geliebten ein Gedicht.“ Es gab eine regelrechte griechisch-römische Verherrlichung des Spatzen als Göttervogel. Danach kam es zu einer russischen bzw. sowjetischen – als „proletarischer Vogel“.

Bei Andrej Platonow heißt es in seinem Roman „Tschewengur“: „Die Spatzen spektakelten auf den Höfen wie vertrautes Hausgeflügel, und wie schön die Schwalben auch sind, sie fliegen im Herbst in üppige Länder, die Spatzen aber bleiben hier, um Kälte und menschliche Not zu teilen. Das ist ein wahrhaft proletarischer Vogel, der sein bitteres Korn pickt. Auf der Erde können durch lange bedrückende Unbilden alle zarten Geschöpfe umkommen, aber solche unverwüstlichen Wesen wie Bauer und Spatz bleiben und halten aus bis zum warmen Tag.

Kopjonkin lächelte dem Spatzen zu, der es in seinem mühseligen winzigen Leben vermocht hatte, ein großes Versprechen zu finden. ‚Sieh an, so klein, aber wie zäh…Wenn der Mensch so wär, dann wär die ganze Welt längst erblüht’. Auch Tschepurny lobt die Spatzen. ‚Auf euch hab ich gehofft!‘ sagte er. ‚Ihr seid uns blutsverwandt, bloß Angst braucht ihr nicht mehr zu haben – die Bourgeoisie gibt’s nicht mehr, lebt bitte!'“

Von Puschkin, Turgenjew, Dostojewski, der Kinderzeitschrift „Worobej“ (Spatz) bis zu Gorki, Swetajewa und Bulgakow wurden Spatzengeschichten erzählt. Aber mit der Perestroika und der anschließenden Auflösung der Sowjetunion änderte sich die russische Spatzenverherrlichung – gründlich. 1994 heißt es in dem Roman „Wettlauf.Lauf“ von Valeria Narbikova: Während „am Himmel die letzten Individuen fliegen – superexotische Spatzenvögel, weil alle übrigen Spatzen ausgestorben sind, reisen Petja und Gleb durch ein zunehmend irrealeres Land.“ Bereits 2010 meldet Leon Weissmann von den Sperlingsbergen bei Moskau (die bis 1999 Leninberge hießen): „Weit und breit keine Spatzen mehr zu sehen!“

Ich zog als Jugendlicher einen Spatzen groß, Benjamin, der aus dem Nest gefallen war und sich zu unserem liebsten Haustier entwickelte. Vögel interessierten ihn nicht, Mittags schlief er auf der Brust meines Vaters, Nachts bei meiner Mutter am Kopf. Mit mir ging er spazieren, flog voraus, setzte sich auf meine Schulter und tschilpte in mein Ohr.

2011 fing ich an, eine Buchreihe „Kleiner Brehm“ zu veröffentlichen über alle Tierarten, von denen ich ein oder mehrere kennengelernt habe. Der erste Band hieß „Spatzen“. Damals bemerkte man schon ihr stilles Verschwinden. Erst wurden die Pferde abgeschafft, deren Scheiße ihnen Nahrung gab, dann riß man die Hecken zwischen den Feldern aus, die ihnen Sicherheit boten und schließlich machte ihnen der Verkehr auf den Straßen zu schaffen und die Nahrung (Weißbrotreste) bekam ihnen nicht. Dann wurden auch noch die Hausfassaden wärmeisoliert, so dass sie kaum noch Nistgelegenheiten fanden, außerdem wurden die Insekten immer weniger, die sie für die Aufzucht ihrer Jungen benötigen.

In Berlin kannte ich aber noch viele ihrer Sammelplätze – bis zum Dezember 2025: Da waren sie plötzlich verschwunden, bis auf den einen oder anderen hier und da. Ich fragte viele Leute, ob sie das auch bemerkt hätten. Ja, das hatten sie, aber über die Ursache wußte man nichts. Im September 2026 titelte die FAZ: „Das rätselhafte Verschwinden der Hausspatzen“ und der Tagesspiegel berichtete über das „mysteriöse Verstummen der Spatzen“. Ebenso t-online. „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst,“ schrieb der NABU und erinnerte daran, dass Berlin die „Spatzenhauptstadt“ ist bzw. war. 190.000 Brutpaare gab es hier noch 2021. Man vermutet eine Seuche, die sie dahingerafft hat. Der Biologe Saetre, der gerade ein Buch über den Spatz veröffentlichte, beruhigte uns: Weltweit bedroht ist der Spatz nicht. „Von allen wild lebenden Vogelarten hat der Haussperling die weltweit größte Ausbreitung.“

Schön und gut, aber ich bin nicht beruhigt. Ein Lehrer aus Lodz berichtete mir entsetzt: „Es gibt auch hier keine Spatzen mehr.“ In London verschwinden die Spatzen, weil die Vorgartenhecken massenhaft Carports weichen. In England gibt es schon lange eine Spatzenforschung (und einen „Wunderspatz“, Clarence, der, begleitet von einem Klavier, singen konnte). Die Spatzenbuch-Autoren Donald Lyven und Dennis Summers-Smith kritisieren die Wissenschaftler, weil sie zu langsam sind bei der Erforschung der Ursachen für das Spatzenverschwinden. Daneben geben sie aber auch der Presse die Schuld, weil sie viel zu viel über Politiker und Sportler berichtet und viel zu wenig über Spatzen.

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Heiner Müller mit einer nicht von ihm getexteten Rede

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Bakterien

„Das Ich ist nicht nur hassenswert, es hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts,“ meinte der Ethnologe Claude Lévy-Strauss. Wenden wir uns deswegen gleich Escherichia coli zu – zumal „wir selbst nichts anderes sind als eine Kolonie eng assoziierter Bakterien,“ wie einige Mikrobiologen behaupten.

Obwohl wir heute über das Kolibakterium mehr wissen als über jedes andere Lebewesen auf der Welt, ist vieles an ihm unerforscht oder strittig. Noch weniger weiß ich über meine eigenen Kolibakterien im Darm. Dabei befinden sich dort zehn mal mehr Bakterien als mein Organismus Zellen hat, wobei diese auch wiederum aus mehreren kooperierenden Mikroorganismen entstanden sind. Allein die Gesamtzahl der Organismen, die frei in meiner Mundhöhle leben, ist größer als die Gesamtheit der Erdbevölkerung. Und meine Darmflora besteht aus ca. 500 verschiedenen Bakterienarten. An und in meinem Körper befinden sich insgesamt etwa 2 Kilogramm Bakterien. Auch meine Scheiße besteht zu einem großen Teil aus ihnen (100 Milliarden Individuen in einem einzigen Gramm). Andersherum schafft es E.coli mit seiner extremen Säureresistenz nahezu problemlos, durch meinen Magen wieder zurück in den Dickdarm zu gelangen.

Dort werden die Bakterien für die Synthese von Stoffen benötigt, die ich selbst nicht produzieren kann (u.a. Vitamine) – und E.coli ist dabei das wichtigste und auch am häufigsten vorkommende Bakterium. Außerdem ist es das erste gewesen, das nach meiner Geburt den vorher sterilen Darm besiedelte – und es wird wahrscheinlich auch das letzte dort sein, nach meinem Tod, wenn die Darmmikroorganismen mich auffressen, weil ich sie/mich nicht mehr füttere und meine Schleimhäute, die mich zu Lebzeiten davor schützten, sich zersetzen.

Mathematisch gesehen besteht E.coli aus einer halben Million Funktionseinheiten und ist im Gegensatz zu mir nicht nur als Individuum unsterblich, sondern auch als Spezies ubiquitär, d.h. es kann überall leben – in den Wolken genauso wie im Wasser und in der Erde, aber am Liebsten im Darm von Menschen und Tieren. Dort findet es eine ähnliche Umwelt (Ursuppe) wie seine Vorfahren – vor rund 3,5 Milliarden Jahren. Mit ihnen begann das, was wir Leben nennen. Es gibt Lebensforscher, die der Meinung sind, dass die Bakterien uns – vor allem Pflanzen, Tiere und Pilze – nur geschaffen haben, um immer und fast überall ein ausreichendes Nährmedium zur Verfügung zu haben. Nur in seltenen Fällen artet das in vernachlässigbaren Kommensalismus, in unangenehmen Opportunismus oder gar in einen uns schädigenden Parasitismus aus, in der Regel ist es symbiotisch, d.h. wir haben auch gehörig was davon – um nicht zu sagen, dass wir von ihnen abhängig sind, denn sie können gut und gerne auch ohne uns leben, wir aber nicht ohne sie. Und wenn wir ihnen trotzdem zu Leibe rücken, dann wissen sie sich ebenfalls zu helfen: Bei Antibiotika-Einnahme schaffen es z.B. einige E.coli-Bakterien in meinem Darm, resistent dagegen zu werden, bevor etwa das Schimmelpilzprodukt Penicillin sie alle vernichtet – und damit auch mich. In meiner Blase gelingt es ihnen, sich so lange in Immunzellen zu verstecken, bis die Antibiotikatherapie beendet ist. Außerdem können sie ihren Stoffwechsel bei Bedarf umstellen: Wenn Sauerstoff da ist, atmen sie, wenn nicht, nehmen sie mit anderen Verbindungen vorlieb, mit Nitrat z.B. (als „terminalen Elektronenakzeptor“).

Kürzlich fand man in tiefen losen Gesteinsschichten bei Irkutsk 500 Millionen Jahre alte – lebende – Bakterien, die sich statistisch nur alle paar tausend Jahre teilten. Die meisten Bakterien kommen in der Natur in Form von Biofilmen vor, wo sie sich unter günstigen Umständen so schnell teilen können, dass aus einer einzigen Bakterie innerhalb eines Tages 10 hoch 21 werden, nach einer Woche würden deren Nachkommen schon den ganzen Planeten mit einer dicken Schicht bedecken.

Bei meinen E.coli-Bakterien ist Sexualität und Fortpflanzung getrennt. Mit ihrer Sexualität ist die Berührung oder Kommunikation zweier Individuen gemeint, bei der Gen-Geschenke übergeben werden. Dies geschieht durch direkten Körperkontakt, mittels elastischer Proteinfäden, so genannter Sexual-Pili, die gleichsam aus der Distanz von einem Bakterium zum anderen hinüberwachsen; die Gene können aber auch – über eine noch größere Distanz – durch einen Virus als Bote von einem zum anderen transportiert werden. Die bakterielle Fortpflanzung hat damit nichts zu tun. Diese geschieht durch Teilung jedes einzelnen Individuums, wobei sich seine Chromosomen sowie auch die integrierten Organellen im Zellplasma ebenfalls teilen müssen. Auf diese Weise ist das Bakterium quasi unsterblich – und sozusagen direkt vor 3,5 Milliarden Jahren aus den ersten Urzellen entstanden. Der Bruch im „Gedächtnis“ tritt erst mit der Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung ein. Ich erinnere nur an den Seufzer des Dichters Peter Rühmkorf: „Ach könnte man doch angelesene Eigenschaften vererben!“ Und diese Verbindung – „Verschmelzungssex“ von der Zellbiologin Lynn Margulis genannt – wird erst möglich und vielleicht auch notwendig – mit fortschreitender Endosymbiose der Bakterien, die uns aber auch sterblich macht.

E.coli teilt sich alle zwanzig Minuten – bei günstigen Lebensbedingungen: z.B. im Labor in einer Nährlösung aus Mineralsalzen und einer organischen Verbindung, die aus einer Kohlenstoffquelle und als Energieträger dienendem Zucker bestehen kann, aber auch aus einer Fleischbrühe. Dieser Einzeller ist wie wir ein Allesfresser.

Dennoch versucht er an gewünschte Nahrung heranzukommen, indem er uns manipuliert. wenn wir uns z.B. nach einigen Tagen Magermilchdiät entschlossen haben, eine deftige Fleischbrühe zu essen. Was wir uns mit unserem Appetit erklären würden. Er könnte uns jedoch auch von E.coli aufgezwungen sein – in dem Moment, da man von einem „unerklärlichen Heißhunger“ spricht.

Andere Bakterien, die z.B. Syphillis oder Tuberkulose verursachen, bringen die damit Infizierten dazu, dass sie verstärkt Körperkontakt zu anderen Menschen suchen, wodurch ihre Krankheitserreger neue Wirte finden. Daneben „träumt ein Bakterium davon, zwei zu werden“, wie der Bakterienforscher Francois Jacob in seinem Buch „Die Logik des Lebenden. Eine Geschichte der Vererbung“ (2002) schreibt. Ganz im Gegensatz zu uns, die wir zu zweit davon träumen, eins zu werden, was unsere Hautsäcke jedoch nicht (mehr) zulassen.

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Gerhard Gundermann vor seinem Bagger

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Embargolöcher

Bis zur „Wende“ (Egon Krenz) produzierte die DDR alles mögliche für den Westen (für IKEA, Salamaner, Adidas, Bosch, Schiesser, Osram, Quelle, Neckermann, sogar diverse Comics). Insgesamt bezogen 6000 westdeutsche Firmen ihre Produkte aus der DDR. Westberlin bekam sein Benzin günstig von der PCK-Raffinerie in Schwedt.

Umgekehrt kaufte die DDR im Westen Produktionsmaschinen, aber auch z.B. ein Kontingent VW-PKWs. Narva kaufte eine Fließstrecke in Japan und schickte vorher einige Arbeiter zum Anlernen dort hin.

Aber es gab Einschränkungen: „Das sogenannte CoCom-Embargo hatte die Aufgabe, Lieferungen von Kriegsmaterial und Gütern, die militärischen Zwecken hätten dienen können, in die Länder des Ostblocks zu verhindern. Die NATO-Staaten sowie Japan und Australien verhinderten damit unter anderem auch die Entwicklung der Mikroelektronik in der RGW-Zone,“ berichtete der MDR.

Um u.a. das Embargo zu umgehen, wurde im Ministerium für Außenhandel der Bereich Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo) geschaffen, der dazu einige GmbHs gründete, in denen u.a. ein Einkäufer über seinen Schwager in Westberlin Elektronikteile und Ähnliches beschaffen konnte. Letzterer wurde dabei reich, ersterer setzte sich in der Wende nach Israel ab, um einer Strafverfolgung zu entkommen.

Schon lange vor der Wende umgingen einige Westkonzerne das Embargo. Als z.B. Manager von Standard Elektrik Lorenz (SEL) 1991 das Institut für Nachrichtentechnik (INT) in Oberschöneweide besichtigten, um eventuell den Betrieb zu „übernehmen“, führte der Betriebsratsvorsitzende sie herum. Zum Schluß sagte er: „Wir müssen noch über den Hof, dort steht ein Gebäude, das geheim war, in dem die Staatssicherheit arbeitete. Wir durften da nicht rein.“ „Wir müssen da auch nicht rein,“ sagten die Westler, „das kennen wir von früher.“ Ach nee?! Wunderte sich der Betriebsratsvorsitzende.

Ein durchgreifendes Embargo gab es eigentlich erst nach der Wende. Und zwar für Ostprodukte im Osten: Sie wurden von den Konsumläden und Kaufhäusern nicht mehr gelistet, die sofort Lieferverträge mit Westkonzernen abgeschlossen hatten. Nicht einmal NARVA-Glühlampen oder BELFA-Gerätebatterien schafften es in die Regale.

Seit einigen Jahren gilt ein ständig erweitertes Embargo für Russland. Man muß dort die Waren aus Weißrussland oder Kasachstan beziehen – Avocados z.B., die in Weißrussland umetikettiert und nun dort angeblich produziert wurden. Andere Westprodukte werden jetzt von russischen Unternehmen verkauft. McDonald’s heißt nun auf Russisch „Lecker.Punkt“ und das neue Logo sieht nur noch von weitem wie ein „M“ aus. Coca Cola heißt jetzt auf Russisch „Die gute Cola“. Starbucks heißt „Stars Coffee“. Und Audi-Fahrer beziehen Ersatzteile aus China. Aber alles wurde dadurch etwas teurer.

Das russische Unternehmen, das McDonald’s am Moskauer Puschkinplatz übernommen hatte, gab bekannt, dass sie mehr Einahmen erzielt hätten als zuvor der US.Konzern. Sie wollen nun in die „ländlichen Gebiete expandieren“.

Die norwegische Kriegsberichterstatterin Asne Seierstad besuchte kürzlich als Touristin Russland. 2025/26 veröffentlichte sie ein dickes Buch über ihre Eindrücke: „Der Krieg ist anderswo. Russland von innen“. Darin läßt sie einen Mann zu Wort kommen, der den Embargos nur Gutes abgewinnen kann: „Wladimir erzählte engagiert von all den Branchen, die im Zuge der Sanktionen einen Aufschwung erlebt hatten. ‚In meiner Branche, Öl und Gas, zählt die Qualität, und da sind wir allen voraus! Bald wird es überall so sein. Man muß sich nur unsere Bauern anschauen, die Landwirtschaft boomt! Die Sanktionen bringen uns zusammen, wir importieren nichts mehr, wir machen alles selbst, die Wirtschaft wird stärker, dank des Westens. Niemand ist arbeitslos, noch ein Pluspunkt‘.“

Und was haben die Amerikaner mit ihrem Embargo erreicht? „Sie haben uns ein gebrauchsfertiges Geschäftsmodell überlassen.“

Trotz des Embargos und des zunehmenden Russenhasses importiert Deutschland weiterhin „Energieprodukte (Öl, Gas), Metalle (Nickel, Chrom), chemische Erzeugnisse und Nahrungsmittel aus Russland, wobei die Mengen seit 2022 aufgrund des Ukraine-Krieges und der Sanktionen stark reduziert wurden, aber der Handel mit bestimmten Rohstoffen wie Nickel und Palladium geht weiter und durch den indirekten Handel (z.B. über andere EU-Länder) bleibt er auch bestehen,“ berichtet „isteshaltbar.de“. An anderer Stelle heißt es: „Düngemittel waren in den ersten elf Monaten des Jahres 2024 mit einem Wert von fast einer Milliarde US-Dollar das wichtigste Importgut aus Russland in die USA, [sowie auch in die EU] gefolgt von Nichteisenmetallen und anorganischen Chemikalien.“ Der Export von Aluminiumprodukten sank jedoch von 3,6 Prozent 2021 auf jährlich 3,5 Prozent im Jahr 2023.

Die wichtigsten Abnehmer russischer Exporte sind derzeit aber „China (mit 129 Mrd. US-Dollar), Indien (mit 66,1 Mrd. US-Dollar), die Türkei (mit 31 Mrd. US-Dollar), Kasachstan (mit 16,1 Mrd. US-Dollar) und Brasilien (mit 11,1 Mrd. US-Dollar).“ Trumps Öl-Diesel-Deal mit Putin lassen wir hier unerwähnt.

Russland bezieht umgekehrt Maschinen und Kriegsmaterial aus dem Westen u.a. über den sich verteuernden Umweg Türkei.

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Félix Guattari vor einem Messerladen

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Personifizierungen

Die Wissenschaftler sprechen von einer „Ontologischen Wende“. Gemeint ist damit, dass Tiere, Pflanzen, Berge, Flüsse und andere Lebensräume, die in der animistischen Weltsicht von Indigenen als Personen wahrgenommen werden, nun mehr und mehr auch von europäisch denkenden Wissenschaftlern und Politikern akzeptiert werden. Dahinter stehen nicht selten regionale soziale Bewegungen der Indigenen, die sich zum Teil international Gehör zu verschaffen verstanden und mit anderen antikolonialistischen Bestrebungen kooperierten.

So wurde zum Beispiel 2008 in der bolivianischen Verfassung die Natur als Rechtssubjekt ausgewiesen. In Kapitel 7 heißt es: „Die Natur oder Pachamama, in der sich das Leben reproduziert und realisiert, hat das Recht, in ihrer Existenz vollumfänglich respektiert zu werden, sowie auf die Erhaltung und Regeneration ihrer Lebenszyklen, ihrer Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse.“

Die in Kalifornien lehrende Anthropologin Marisol de la Cadena berichtet (in: „Die ontologische Wende“ 2026) vom Kampf der in den Anden lebenden Indigenen um ihren „Heiligen Berg“ Ausangate, auf den ein Bergwerkskonzern scharf war. Die Einheimischen befürchteten, dass damit das „mächtige Erdwesen“ Unglück über sie bringen würde. Sie wurden von Umweltschützern aus den Städten unterstützt, für die der Glaube an den Berggeist als Akteur allerdings eher ein Aberglaube war.

Ähnliche Auseinandersetzungen gab es in Peru, wo ein Konzern am Heiligen Berg Machu Piccu Gold extrahieren wollte. Die Anthropologin fragte einen der Ausangate verteidigenden bolivianischen Aktivisten, ob man die beiden Kämpfe vergleichen könne. „Nein“, meinte er, „sie sind ganz anders. Ich kenne Ausangate viel besser; ich weiß, was er will, und er kennt mich auch.“

Ich interviewte 2015 einen jungen mongolischen Schamanen. Ihn hatten Arbeiter eines Goldbergwerks nahe Ulaanbaatar aufgesucht. Sie verdienten nicht schlecht, aber es ging ihnen körperlich nicht gut. Er fand heraus, dass der Berggeist ihre Arbeit mißbilligte. Zwar wollte er den Arbeitern helfen, aber auch den mongolischen Bergwerksunternehmer nicht brüskieren. Der Konflikt löste sich dergestalt, dass ein Unwetter die Schächte unter Wasser setzte und die Arbeit beendete.

In Australien war es der Berg Ayers Rock, von den Aborigines Uluru genannt. Jahrelang hatte das dort lebende Anangu-Volk gefordert, touristische Klettertouren auf den Uluru zu unterbinden – 2019 trat das Verbot in Kraft. Für die Aborigines wohnt die Regenbogenschlange aus ihrer Traumzeit dort und die Touristen behandelten ihr Allerheiligstes respektlos.

Die australischen Wissenschaftshistorikerin Helen Verran berichtet (in: „Science and Technology Studies“ 2017) von einem Workshop, organisiert von Aborigines, an dem Umweltwissenschaftler teilnahmen, die sich über ihre Strategien beim geplanten Abbrennen von Buschland austauschten. Während erstere über das Land und die dortigen Pflanzen sprachen, die mit bestimmten Geistwesen der Vorfahren in Verbindung stehen, erklärten die Wissenschaftler ihre Brandexperimente auf kleinen Versuchsfeldern, deren Bewuchs sie vorher und nachher katalogisierten. Die beiden Herangehensweisen waren trotz der Bemühungen auf beiden Seiten nicht zu vereinheitlichen. Auch der zuletzt von den Aborigines entfachte Buschbrand irritierte die Wissenschaftler, denn die Einheimischen nutzten das Feuer zum Jagen von Wild (Kängurus) und Sammeln von Yamswurzeln, was sie anschließend mit den abwesenden Clans teilten, deren Land sie mit in Brand gesetzt hatten.

Man muß hinzufügen, dass die Kolonisierung des Westens bei den jüngeren Einheimischen dazu geführt hat, dass sie ihre animistischen Vorstellungen zum Teil ironisch oder in Anführungsstrichen äußerten.

In einem Gespräch mit zwei Papuas, die in den Bergen des Südostens von Neuguinea als „Health-Officer“ arbeiteten (vergleichbar den chinesischen „Barfußärzten“) und sich zwecks Weiterbildung in Manila befanden, erfuhr ich: 1. dass sie die Straßenseite wechselten, wenn ihnen Australier, die ehemaligen Kolonisateure, entgegen kamen; und 2. dass sie ganz unterschiedlich mit den animistischen „Heilern“ umgingen. In ihrem Einsatzgebiet behandelten sie oft Schlangenbisse, aber während der eine, wenig selbstbewußte Health-Officer, sie bekämpfte, weil sie mit ihrem „Hokuspokus“ den Leuten nur Geld abnahmen, ließ der andere, sehr selbstbewußte, die Heiler gewähren: „Sie murmeln Beschwörungen und schmieren Lehm auf die Bißwunde. Aber das hilft auch – und ich spare meine Medizin.“

Abschließend sei noch erwähnt, dass 2014 zwischen der Regierung Neuseelands und den auf der Nordinsel lebenden Maoris ein Abkommen geschlossen wurde, das erstmalig einen Fluß, den Whanganui, rechtlich als Lebewesen anerkannte.

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Gilles Deleuze mit seiner Interviewerin Claire Parnet

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Suizialismus

Beim „Freitod“ gibt es unterschiedlich verstandene Formen: In Frankreich als anklagender Selbstmord (France Telecom), in den USA als bewaffneter Amoklauf, in der ehemaligen Sowjetunion als inneres Verbrennen – durch Alkohol und in einigen islamischen Ländern als Selbstmordattentat mit Sprengstoff. In den letzteren gibt es so gut wie keine „normalen“ Selbstmorde. Diese kommen in einem Ländervergleich am Häufigsten in Litauen, Weißrussland und Russland vor. Ferner gibt es noch Unterschiede zwischen den Selbstmorden von Frauen und Männern: Hierzulande bevorzugen Männer die „harten Methoden“ (Aufhängen, vor den Zug werfen z.B.) und Frauen die „weichen“ (mit Tabletten oder Gas z.B.). Für den Selbstmord gibt es angeblich drei Gründe: Depressionen, eine Angleichung des Organischen ans Anorganische und die Verzweiflung.

Ein vernünftiger Grund zum Selbstmord wurde zu Zeiten des Kalten Krieges und der globalen Medialisierung immer wieder in Form der „Selbstverbrennungen“ praktiziert – angefangen mit dem vietnamesischen Mönch Thich Quang Duc – aus Protest gegen die Vietnampolitik der Amerikaner 1963 in Hué.

1968 verbrannte sich in Warschau der ehemalige Partisan der Heimatarmee Ryszard Siwiec – aus Protest gegen die antisemitische Kampagne der polnischen Kommunisten. Im Januar 1969 verbrannte sich aus Protest gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ der Student Jan Pallach, im Februar tat es ihm als „Fackel Nr.2“ der Student Jan Zajic nach. 1976 verbrannte sich in Zeitz der Pfarrer Oskar Brüsewitz – aus Protest gegen den Kommunismus. 1980 verbrannte sich in Krakau Walery Badylak – der Wahrheit über Katyn wegen.

Das Ende des Sozialismus im Ostblock veränderte den Charakter der Selbstverbrennung: Seitdem sind sie die meisten „privat“ motiviert, gleichwohl sie auch ein (letzter) Protest sind.

2003 verbrannte sich der Roma Lata Aradinovic in Syke, weil seine Familie abgeschoben werden sollte. Im selben Jahr verbrannten sich auch zwei tschechische Studenten. Kurz zuvor hatten sich bereits drei andere mit Benzin übergossen und angezündet. Damit hatten sich in den ersten vier Monaten des Jahres 2003 bereits so viele junge Tschechen verbrannt wie zwischen 1996 und 2002. Als Grund nehmen die Psychologen „Unzufriedenheit mit den Zuständen in Tschechien“ an. 1995 zündete sich der in die USA emigrierte ehemalige polnische Förster Zbigniew K. aus Augustow in Manhattan – in den Räumen des Roten Kreuzes – an. Viele Mitglieder seiner Gemeinde, die der Arbeit wegen nach Amerika auswanderten, kämen „in Metallsärgen zurück“, meinte der Pfarrer in Augustow. Und bis heute hält die Selbstmordwelle indischer Kleinbauern an, denen man das Baumwoll-Saatgut von Monsanto aufzwang und die dadurch in den Ruin getrieben wurden.

Seit dem Massenselbstmord einer US-Sekte in Guayana (Jonestown) 1978 gibt es auch eine steigende Zahl von religiös begründeten Selbsttötungen: 82 Sonnentempler in der Schweiz, 1000 Anhänger einer Sekte in Uganda, 8 Sektenmitglieder in Indien, 7 in Japan, 5 in China usw. Daneben mehren sich die Selbstverbrennungen von islamischen Radikalen: PKK-Anhänger nach der Verhaftung von Öcalan, Volksmujaheddin aus Protest gegen die Teheraner Regierung usw.. Und dann die vielen islamischen Selbstmörder, die sich selbst und andere mit einer Autobombe in die Luft sprengen. Im Juli 2005 waren es an zwei Tagen allein im Irak 15. Die bürgerliche Wissenschaft im Westen reagiert darauf mit fast ebenso vielen „Psychogrammen der Täter“. Während CIA und Mossad diese „Welle“ für sich nutzten, wie Mike Davis in einer Geschichte der „Autobombe“ (2007) nachwies. Was das für die neue, nachwendische „Nato-Verteidigungsdoktrin“ bedeutet, erläuterte uns 1998 ein Bundeswehr-Major auf der Bonner Hardthöhe: „Die ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Raketen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht eigentlich nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Nato-Verteidigungslinie jetzt auch“ – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“.

In Korea hat die Selbstverbrennung eine lange Tradition: Dort verbrannte sich 2002 ein Gewerkschaftsführer, nachdem sein Tarifabschluß mit Unternehmen der Stahlindustrie von den Arbeitern kritisiert worden war. Und jüngst verbrannte sich ein Tiermediziner – um die durch die Fälschungen des „Klonforschers“ Hwang Woo Suk diskreditierte Gentechnik wieder zu rehabilitieren. Einer der bekanntesten koreanischen Schriftsteller Ko Un erzählt: Einen Bruch in seinem Leben gab es zur Zeit der Militärdiktatur unter Park Chung Hee. Er bezeichnet die öffentliche Selbstverbrennung des Textilarbeiters Chon Tae Il im November 1970 in Seoul als sein einschneidendstes Erlebnis, das ihn aus seinen damaligen Selbstzweifeln aufgeschreckt habe. Chon hatte sich aus Protest gegen die Verhinderung eines Arbeitsgesetzes durch die Regierung selbst angezündet. „Ich sah auf mich selbst zurück, wer ich bin,“ sagt Ko heute. Danach habe eine Schaffensphase eingesetzt, die vor allem durch ein politisch engagiertes, realistisches Schreiben gekennzeichnet sei.

Unerwähnt sind hier all die namenlosen Menschen geblieben, die sich in den letzten Jahrzehnten in äußerster Bedrängnis vor einem Gericht, auf einem Marktplatz, in einem Finanzamt selbst verbrannten. Zusammen bilden sie bereits eine große Fluchtbewegung – aus der Welt. Manchmal hinterlassen sie einen Brief, in dem sie versichern, dass sie nicht verrückt sind.

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Der Lehrer Wilhelm von Osten mit seinem Pferd „Der Kluge Hans“

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Tod

„Jedes Herz ist eine Zeitbombe“ (Türkisches Rekrutenlied)

Man sagt, dass wir – in den modernen Gesellschaften – den Tod immer mehr aus unserem Leben verdrängen. Die Alten und Kranken sterben nicht mehr zu Hause im Kreis ihrer Angehörigen, sondern in Krankenhäusern, Siechenheimen und Hospizen. Es wird immer mehr Geld ausgegeben, um jung und schön auszusehen. Und die Gentechnik kommt regelmäßig mit der Frohbotschaft, sie befände sich kurz vor der Entwicklung lebensverlängernder Maßnahmen, sogar die Unsterblichkeit steht schon auf ihrer Agenda. Wahr ist, dass die Lebenserwartung kontinuierlich steigt – wenn auch bloß in statistischer Hinsicht.

Auf der Jahrestagung des Berliner Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) ging es gerade um „Das Leben vom Tode her“. Mit Referaten und Diskussionen „zur Religions-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte einer Grenzbestimmung“. Den Anfang machte der Wiener Philosoph Thomas Macho, beginnend mit einem Gedanken von Martin Heidegger: Im Vorlaufen zum Tod liegt die Bedingung zum Sein – d.h. zwischen der Freiheit zum Tod und der Angst vor ihm. Dieser „Vorlauf“ ist laut Macho zur Struktur unseres Lebens geworden. Als Heidegger den Begriff aufnahm, im Ersten Weltkrieg, kreierte Erich Ludendorff die „Feuerwalze“, die wirklich aus einem Vorlaufen bestand – nämlich der Infanterie, die dicht hinter dem Sperrfeuer der Artillerie vorstieß. Die meisten Soldaten liefen dabei tatsächlich in den Tod. Dieser war so massenhaft, dass Sigmund Freud 1920 die Annahme eines „Todestriebs“ wagte. Mit einem solchen Biologismus wollte Macho sich jedoch nicht befassen. „Der Tod ist heute kein Schicksal mehr, sondern etwas, das wir gestalten müssen“. Aus der Sorge um sich sei eine Nötigung geworden, den eigenen Tod quasi zu planen.

Dabei helfen einem z.B. die vielen „Lebenserwartungsrechner“ im Internet (u.a. von der Allianz-Versicherung): Man gibt ein paar Daten von sich ein und bekommt dann mitgeteilt, wann man in etwa mit seinem Tod zu rechnen hat. Auch „die Beerdigungsunternehmen appellieren an die planerische Kompetenz der zukünftigen Toten“ – die wir sein werden. Das gilt selbst für den Staat, der uns mit Plakaten auffordert, z.B. einen „Organspenderpaß“ zu bestellen. Wir sind damit auch Rechtssubjekte unseres Todes geworden. Aus der „Todesgrenze“ wurde inzwischen allerdings eine „Zone“, in der man allerhand lebensverlängernde Maßnahmen ergreifen kann – vom Herzschrittmacher über die Dialyse bis zur Eisernen Lunge, in der man jedoch auch das Leben selbst beenden kann. Dafür gibt es gegen Bezahlung – z.B. in der Schweiz – die „Sterbehilfe“ (früher „Lebensmüden-Fürsorge“ genannt) – mit einer immer ausgetüftelteren Suizid-Technik: Der Sterbewillige braucht bloß noch auf einen Knopf zu drücken, während der „Suizid-Manager“ so lange rausgeht – und dann ist es auch schon aus.

Zum Beleg seiner These, dass „die temporale Struktur des Vorlaufs in eine kulturelle Praxis übersetzt wird“, erwähnte Macho eine Reihe von Künstler (u.a. Arnulf Rainer), die sich ihren Tod vorstellten sowie die „Krebs-Literatur“, die gerade Konjunktur habe. Wenn uns die Arbeit am eigenen Tod aufgegeben ist, dann bilden diese Künstler und Schriftsteller dabei die Avantgarde. Dazu gehören aber auch die Models (früher Mannequins genannt) – mit ihrer kurzen Laufzeit und ihrer Magersucht: „Ist in ihnen nicht schon der Vorlauf präsent?“

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Dr. Salm-Schwader als „Burkhard Scherer“ am gelben Mikrophon

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Müll

So wie Robert Habecks große Idee das „Heizungsgesetz“ war, hatte auch der erste grüne Umweltminister in Hessen, Joschka Fischer einen zentralen Gedanken: „Die Mehrkomponentenwertstofftonne ist eine völlige Sackgasse,“ verkündete er eins ums andere Mal. Daraus entstanden die Mülltrennung in verschiedenfarbigen Mülltonnen und immer raffiniertere Recyclingsfirmen und -anlagen. – Ohne dass allerdings die Mülltransporte aus Europa mit Schiffen nach Afrika weniger wurden. Wenn sie Elektroschrott dorthin bringen, dann wird der z.T. auch recycelt – meist von Kindern. Cosima Dannoritzer hat 2014 einen Dokumentarfilm darüber gemacht: „Giftige Geschäfte“, davor einen über geplanten Verschleiß von Industrieprodukten mit dem Titel „Kaufen für die Müllhalde“ (2010).

Der oberste Beamte für Abfallentsorgung in Sachsen meinte auf einer Leipziger Veranstaltung, dass in Deutschland 84 Prozent des anfallenden Abfalls recycelt werde, mehr sei nur mit Chemie möglich. Das freute die angehenden Chemikerinnen unter den Zuhörern. Er verglich diese Anstrengungen mit denen in anderen europäischen Ländern, die ähnlich vorgingen – bis auf Italien, „wo man das Abfallproblem der Mafia überlassen hat, die den Müll irgendwo in der Landschaft entsorgt.“ Das kann ich bestätigen, weil ich eine Weile in den Bergen der Toscana gelebt habe, wo mit dem Müll die Täler aufgefüllt werden, was den Vorteil hat, dass die Wolfs- und wilden Hunderudel immer genug zu fressen haben und die Nutztiere der Bauern weitgehend in Ruhe lassen.

In der DDR wurden mit der BRD mehrere Müll-Abkommen getroffen: Gegen Bezahlung deponierte die DDR jährlich 700.000 Tonnen Westmüll. Allein ihre Giftmüll-Deponie Schönberg nahm jährlich 350.000 Tonnen Sondermüll auf. In Westberlin gab es für die Müllwagen extra einen Grenzübergang. Der Schäfer der LPG in Saarmund zeigte mir einmal eine planierte Tongrube, in der man den Sportpalast nach seinem Abriß entsorgt hatte.

In Wannsee hatte Westberlin eine eigene große Mülldeponie. Sie ist inzwischen – versiegelt – ein wilder Wald. Allerdings mit zum Teil giftigen Ausdünstungen, Als sie noch in Betrieb war, hatten rundum in den Bäumen Kolkraben ihre Nester. Das war derart ungewöhnlich (normalerweise haben Kolkrabenpaare riesige Reviere, aus denen sie alle Artgenossen vertreiben), dass sogar Rabenforscher aus den USA,wie der berühmte Professor Bernd Heinrich, kamen, um sich das Brutgeschehen anzusehen. In den Neunzigerjahren wurden hierzulande alle Müllkippen versiegelt. Das hatte u.a. zur Folge, dass z.B. die polnischen Saatkrähen, die sich im Winter ihr Futter im hiesigen Wohlstandsmüll suchten, nicht mehr nach Deutschland kamen.

Nach „89“ wurden die Stadtreinigung im Osten mit der BSR im Westen zwangsvereinigt. Der Sozialdemokrat Norbert Gansel fragte 1997 einen Müllmann aus Marzahn, wie er seitdem seine Arbeit sähe. Der meinte: „Eijentlich hat sich nischt jeändert, außer det Jesellschaftssystem“.

Das absolute Gegenteil zu Italien ist die riesige amerikanische Antarktisstation McMurdo, wo jedes der vielen Gebäude eine eigene Müllstation mit Containern und Tonnen hat, in denen alles getrennt wird – nach 20 Kategorien. Flugzeuge bringen das Zeug nach Neuseeland, Australien oder in die USA, wo angeblich 75 Prozent davon recycelt wird. Auch die Scheiße und Pisse der Forscher und Dienstleister, der Soldaten, Ingenieure und reichen Touristen wird gesammelt und ausgeflogen.

In Dänemark nutzen die Archäologen gerne steinzeitliche Müllplätze, Kjökkenmöddings genannt, die ihnen in vielfacher Hinsicht Aufschluß geben über die prähistorische Lebens- und Ernährungsweise. Die Menschen aßen dort um 5000 v.Chr. vor allem Muscheln, wenn man ihren Abfällen glauben darf.

In den USA, vor allem in Kalifornien, wird noch heute der Abfall – in Mülltonnen – untersucht, um daraus Schlüsse über seine Produzenten zu ziehen. Anfänglich interessierten sich Studenten der Sozialwissenschaften dafür. Sie versuchten, ähnlich wie die Dänen, aus dem Müll Vorstellungen über die Lebensweise der Mülltonnenbesitzer zu entwickeln. Dann interessierten sich auch Journalisten dafür, man sprach von „Trash Journalism“. Sie durchsuchten heimlich die Mülltonnen von Reichen und Prominenten und zogen dann aus den gefundenen Flaschen mit Alkoholika und Medikamtenpackungen ihre möglichst skandalträchtigen Schlüsse. Die potentiell davon Betroffenen stellten aber bald ihre Mülltonnen nicht mehr auf die Straße. Heute kennt man vor allem den „Trashy journalism“ und meint damit die Schmierfinken in den Boulevardblättern. Die alten Schnüffler in dieser Branche, wie Bob Woodward zum Beispiel, sprechen von einem „Triumph der Idiotenkultur“.

Die wohl größte Müllhalde der Welt befindet sich auf den Philippinen bei Manila. Sie ist so groß, dass darauf Menschen leben, sogar ein Priester. Eine gewundene Straße führt durch brennende Plastikhaufen nach oben. Es stinkt erbärmlich. Die Müllhaldenbewohner recyceln den Abfall auf ihre Weise, d.h. sie suchen nach Verwertbarem.

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Der Dichter Bert Papenfuß mit dem Verleger Bernd Kramer

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Kontrolle

Keine Arbeit finden wir überall! Aber dafür gibt es immer mehr zu kontrollieren. Im Opelwerk Eisenach z.B. fingen sie plötzlich an, die Arbeiter beim Verlassen des Werks nach „mitgenommenem Opel-Eigentum“ zu durchsuchen, also nach geklauten Teilen, Werkzeugen etc.. Die Arbeiter nahmen es gelassen, sie sagten sich, das geschähe wegen der Polen, die in Eisenach für das neue Opelwerk geschult wurden. Was natürlich nicht stimmte.

In zwei anderen Betrieben wurde ein Experiment veranstaltet: In einem kontrollierte man die Beschäftigten, wenn sie das Gelände verließen, im anderen gab es weiterhin keine Kontrollen. Das Ergebnis überraschte: In der Firma, die ihre Mitarbeiter kontrollierte, wurde mehr geklaut als in der ohne Kontrollen.

Vielleicht war es für die ersteren „Ehrensache“, die Kontrolleure, auch Kontrollettis genannt (sie kamen aus einer „Sicherheitsfirma“), zu überlisten. Ich habe das im Bremer Überseehafen noch mitbekommen: Wenn dort Whisky entladen wurde, standen die Männer der internationalen Firma „Controllco“ quasi Spalier – an der Luke, auf der Plattform vor dem Lagerschuppen und innen drin vor einem großen Drahtkäfig, in das die Paletten mit den Whiskyflaschen diebstahlsicher geschützt wurden, bis der Händler sie abholte. Zwischen der Schiffsluke und der Halle („Schuppen 14“) hing die ebenso wertvolle wie begehrte Fracht am Haken des Krans. Für die Hafenarbeiter war es eine Ehrensache, sich trotz der nahezu lückenlosen Kontrolle mit Whisky einzudecken. Das gelang ihnen auch meist.

Anders als der Bremer Walter Momper, der einmal als junger Mann im Überseehafen vom Zoll mit geklauten Apfelsinen erwischt wurde – und lebenslängliches Hafenverbot bekam. Als Momper Westberliner Bürgermeister wurde, hob die Bremer Hafenverwaltung das Verbot offiziell auf, was die Frontstadtpresse anderntags süfisant meldete.

Eine Zeitung zitierte Lenin: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser!“, was im Zusammenhang mit Momper aber keinen Sinn ergab, eher beim Kontrollexperiment der zwei oben erwähnten Firmen. Dort hatte sich jedoch das Gegenteil herausgestellt: Kontrolle ist gut, Vertrauen besser!

Bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, in Berlin BVG genannt, scheint das allerdings nicht zu gelten, denn die Angst der Fahrgäste, ohne Fahrschein von Kontrolleuren erwischt zu werden, treibt sie an die Fahrkartenautomaten, wo sie erst einmal ratlos davor stehen und nicht wissen, was sie für eine „einfache Fahrt“ wo anklicken sollen. Also steigt man ohne „Ticket“ ein und kontrolliert dann mit den Augen jeden, der einsteigt, ob er vielleicht ein Kontrolleur sein könnte. Und wenn es einer ist, ob man es schafft, noch rechtzeitig die U-Bahn zu verlassen, bevor der oder die Kontrolleure einen mit dem Satz „Die Fahrscheine bitte!“ ansprechen. Mich hat mein Anzug, den ich meist trage, mehrmals davor gerettet, weil ich darin zu seriös wirkte, um als „Schwarzfahrer“ in Betracht gezogen zu werden. Zwei Mal hat es mich aber doch erwischt: Einmal von zwei männlichen und einem weiblichen Kontrolleurstrio türkischer Herkunft. Sie waren lustig, zahlen mußte ich dann aber im BVG-Büro trotzdem. Beim zweiten Mal waren es freundliche BVG-Rentner und im Büro dann reichte ich zähneknirschend dem Mann am Schalter einen Fünfziger-Euroschein und einen Zehner rüber. Den Fünfziger schon er mir sofort zurück, den Zehner behielt er ein, gab mir dafür aber drei Euro zurück. Ich mußte also nur sieben Euro „erhöhtes Beförderungsentgeld“ zahlen, was mich froh stimmte.

So ähnlich wie unsere Club- oder Stadionjugend, wenn der Türsteher-Kontrolleur am Eingang sie durchläßt. In der Schlange vor der Einlass- und Personenkontrolle sind alle ganz nervös: Hoffentlich werde ich reingelassen.

Nervös wurde ich auch immer, wenn ich bei einem Bauern auf dem Hof arbeitete und der sich neben mich stellte, um genau zu kotrollieren, ob ich auch alles richtig machte – in seinem Sinne. Solche „Kontrollfreaks“ gibt es auch im Privaten: Wenn ich z.B. bei einer Freundin koche und die mir dabei ständig auf die Finger schaut – und die ganze Zeit womöglich hinter mir her wischt, um ihre Küche sauber zu halten. Eine Freundin wollte immer ganz genau wissen, was ich ohne sie gemacht, getan oder mit wem ich was besprochen habe. Sie nannte sich selbst ein „Kontrollfreak“.

Die ganzen, immer mehr werdenden videokamera- oder algorithmusbasierten Überwachungssysteme lasse ich hier weg. So wie die „elektronischen Fußfessel“ für Kriminelle werden seit einigen Jahrzehnten auch alle Tiere – Milliarden: von den Insekten bis zu Vögeln, Fischen und Walen – mittels GPS-Sender, die man an ihnen befestigt, überwacht, d.h. ihre Bewegungen verfolgt. Eine schreckliche Mode von verrohten Biologen, über das ich ein ganzes Buch veröffentlichte: „Das Leben der Anderen“ (2006).

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Der Elefantenforscher Iain Douglas-Hamilton mit Flugzeug

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Russophobie

1948 erklärte der belgische Außenminister Paul Henry Spaak: Die Basis unserer Politik ist die Furcht vor den mörderischen Deutschen. Nein, er wandte sich vielmehr während einer Generaldebatte der UNO-Vollversammlung an den russischen Außenminister und sagte: „Die Basis unserer Politik ist die Furcht vor Ihnen, Furcht vor Ihrer Regierung, Furcht vor ihrer Politik.“

Die Hamburger Schriftstellerin Gabriele von Arnim merkte dazu 1989 in ihrem Buch „Das große Schweigen“ an: „Worte wie diese mußten den Deutschen [drei Jahre nach ihrem verbrecherischen Krieg] wie ein halber Freispruch in den Ohren klingen…Es erlaubte ein Stück Hass von früher ins Heute mitzunehmen. ‚Lernt nur tüchtig Gedichte‘, hörte ein Junge in dieser Zeit in der Schule, ‚solltet ihr auch mal in russische Gefangenschaft geraten, werden euch die Verse helfen‘. Das Feindbild als Zuflucht – das war ein zuverlässiger Hort…‘Als wir Nazis waren’ – das sagte kaum einer. ‚Die Russen kommen – davor warnten viele,“ schrieb die Autorin.

Und heute sind es noch viel mehr, die vor dem Iwan warnen. Schon allein, um angesichts des Ukrainekrieges die Aufrüstung Deutschlands und der anderen NATO-Partnerländer gut zu heißen, wozu der US-Präsident sie gedrängt hatte.

Einst hatte die Wehrmacht die Truppen und die Zivilbevölkerung in der Ukraine bekämpft und gleichzeitig überall Plakate im Land aufgehängt: „Kommt nach Deutschland und lernt an den modernsten Maschinen der Welt“. Auf die Unglücklichen, die der Aufforderung folgten, wartete Zwangsarbeit in Rüstungsbetrieben.

Im Spiegel fragte sich der Kulturforscher Wolfgang Schivelbusch in den Neunzigerjahren, was gewesen wäre, wenn statt der rheinischen Schwerindustrie die moderne Berliner Elektroindustrie mehr Einfluß bei den Nazis gehabt hätte? Sie hätte vielleicht – wie nun die Elektronikkonzerne des Silicon Valley das US-Militär gedrängt, die ganzen Panzer zu verschrotten und stattdessen mit einer Vorform von KI und Drohnen anzugreifen. Viel Überredungskunst brauchte es dazu jetzt in den USA nicht. Die Journalistin Lisa Margonelli schrieb in ihrem Buch „Underbug“ (2018), dass in Harvard Roboterbienen („Mobees“) entwickelt wurden, die militärisch als „Minidrohnen“ eingesetzt werden sollen: „Die Militärs phantasieren bereits riesige Schwärme von tödlichen Insekten, die auf 3D-Druckern hergestellt ein Dollar pro Stück kosten würden.“

2026 berichtete der TV-Sender „Euronews“: „Obwohl die USA ihre Unterstützung für die Ukraine im vergangenen Jahr nahezu eingestellt haben, ist das Gesamtvolumen der Hilfen 2025 relativ stabil geblieben –dank eines Kraftakts der europäischen Länder, allen voran Deutschlands.“

Die Ukrainer bekommen nicht nur deutsche Waffen, sie werden hier auch geschult: „Bei der Ausbildung an den Waffensystemen geht es nicht nur um deren Bedienung, sondern auch um Taktik, damit die Ukrainer eine größtmögliche Wirkung gegen ihren Gegner erzielen können,“ postete ein Oberst auf „bundeswehr.de“. Dabei gilt jetzt das Selbe wie vor dem Rückzug der Amerikaner: „Es ist uns egal, wie viele Ukrainer sterben – wir wollen gewinnen,“ so sagte es der ehemalige US-Senator Richard Black in einer Videobotschaft, in der er den Krieg mit einem „großen Footballspiel“ verglich.

Im Februar 2026 berichtete die „Financial Times“, in der NATO habe man sich mit der Ukraine darüber verständigt: Sollte Russland ein hypothetisches Waffenstillstandsabkommen dauerhaft verletzen, kämen „Kräfte einer ‚Koalition der Willigen‘ zum Einsatz, zu der neben Deutschland viele EU-Mitglieder, Großbritannien, Norwegen, Island und die Türkei gehören.“ Auch das US-Militär wäre dann wieder dabei.

Während all dieser materiellen Anstrengungen und Vereinbarungen nimmt der Revanchismus, das Russland-Hassen und -Bashen zu (der SPD-Mann Alexander Freier-Winterwerb möchte das Denkmal am Treptower Park umgestalten, die Berliner Grünen wollen etwas gegen das „Russische Haus für Wissenschaft und Kultur“ unternehmen).

Es gibt dazu aber auch Bedenkenträger. Im Juni 2026 machte „Der Spiegel“ mit dem Titel „Unser Krieg in Russland“ auf. Bereits auf dem Umschlag hieß es: „Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion wirkt auch nach 85 Jahren in Familien und Politik nach“ – in Ost- und Westdeutschland allerdings unterschiedlich. Im Osten meinen 41% der Befragten, Deutschland solle die Ukraine weniger militärisch unterstützen, während in Westdeutschland nur 24% dieser Meinung sind. Und trotz des russischen Einmarschs in die Ukraine, fühlen sich 25% der befragten Ostdeutschen Russland kulturell näher als den USA, im Westen waren das nur 7%. „Der Spiegel“ vermutete mutig: „Das Feindbild des ‚bösen Russen‘ wurde in Westdeutschland vielleicht nie ganz überwunden.“ Ja – vielleicht, man steckt da ja nicht drin.

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Alice P. Liddell mit Topfpflanze

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Soziale Erfindungen

In den Siebzigerjahren kam es im Nachklang der westlichen Studentenbewegung zu einer Vielzahl sozialer Erfindungen. Im englischen „Guardin“ gab es wöchentlich eine Kolumne, die jedesmal eine solche „Erfindung“, meistens im Erziehungsbereich, vorstellte. In der „Times of India“ wird noch immer gelegentlich über ein neues Schul- oder Kindergartenexperiment berichtet.

In Dänemark gründete sich während der Ölkrise und der Energiediskussionen in den Siebzigerjahren die „Private Bildungsorganisation ‚Tvind’“, deren Ideen von einer linken Gruppe in Westberlin übernommen wurde. Sie gründeten im Wedding in zwei leerstehenden Häusern eine „Werkschule“ für Heimkinder und Heimausreißer (Trebegänger). Ihr Curriculum war von der Marcuseschen „Randgruppenstrategie“ der „68er“ beeinflußt, es bestand u.a. aus der Renovierung der Gebäude und schließlich aus dem Ausbau eines Busses, mit dem man ins Ausland (nach Marokko z.B.) zu einigen linken Gruppen fuhr. Anschließend beendeten die Schüler ihre Ausbildung mit einer Abschlußarbeit über diese Fahrt. Sie hatten das selbe Geld monatlich wie ihre „Erzieher“ bekommen und alle zusammen sich an der alltäglichen Arbeit im Haus beteiligen.

Ähnliches geschah in New York mit der Gründung der „First Street School“ in einer „Arme-Leute-Gegend“. Zuvor hatten dort bereits die „Black Panther“ ein „Frühstücksprogramm“ organisiert.

Auch auf medizinischem Gebiet kam es in den Siebzigerjahren und noch danach immer wieder zu sozialen Erfindungen. Erinnert sei nur an die vielen Projekte der „Anti-Psychiatrie“, von denen es einige bis heute gibt. Genannt sei nur der in Finnland entwickelte „Offene Dialog“, dessen einer Ableger in Leipzig existiert. Als Kritiker der Apparate-Medizin, die soziale Alternativen entwickelten, seien überdies auch noch der Philosoph Ivan Illich und der Neuropsychologe Oliver Sacks genannt. Auf anderen Ebenen haben auch die mexikanischen Zapatisten sich bei der Organisation ihres Widerstands eine Vielzahl von sozialen Erfindungen einfallen lassen. Ebenso stößt man bei der Hinwendung zu indigenem Denken und Handeln (zu „Indigenialität“) auf viele soziale Erfindungen, die geeignet sind, dem westlichen Weltverständnis und seiner technologischen Herrschaft über die Natur entgegen zu wirken.

In jeder Bürgerinitiative oder Protestgruppe (von Waldschützern z.B.), die sich auf eine längere Auseinandersetzung einläßt, werden soziale Erfindungen nötig und auch erdacht.

Das gilt u.a. für die „Bürgerinitiative Grünheide“, die den Widerstand gegen die Tesla-Fabrik organisiert. In dem Aufsatzband „Teslokratie“, die kürzlich als „Nautilus Flugschrift“ veröffentlicht wurde, von C. Chwatal, A. Karschnia und H.Lattner, findet sich dazu die Chronologie ihrer Aktivitäten eines Beteiligten von 2019 bis 2026. Am Schluß des Bandes haben die Herausgeber ein Interview mit dem US-Autor der „Mars-Trilogie“ Kim Stanley Robinson abgedruckt. Darin meint dieser: „Erst durch den Gebrauch vormenschlicher Technologien haben wir uns überhaupt zu Menschen entwickelt…Unsere Lösungen werden immer auf die eine oder andere Art technologischer Natur sein.“

Ein solches Ingenieur-Denken scheint mir typisch amerikanisch zu sein. Es ist jedoch längst globalisiert und das, obwohl der den Ingenieuren eingeimpfte „Fortschritts“-Begriff längst von Zweifeln heimgesucht wird. Mit der US-Journalistin Elizabeth Kolbert könnte man sagen, es handelt sich bei ihnen „um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben“.

Desungeachtet gilt, dass die „sozialen Erfindungen“ mit dem „Regime-Change“-Bestrebungen der empathiefeindlichen Silicon-Valley-Mafia und überhaupt den rechten Neoliberalen fast weltweit nicht mehr gefragt sind. Im Gegenteil, fragt so mancher, den man darauf anspricht, zurück: „Was soll das denn sein?“ Anderen fallen dabei prompt die „Sozialen Medien“ ein. Dem hielt 2025 Geert Lovink mit „Extinction Internet“, seiner Antrittsvorlesung als Professor für Kunst- und Netzwerkkulturen an der Uni Amsterdam, entgegen: „In den letzten zehn Jahren ist das Internet schnell vom Status, die Lösung zu sein zu einem Teil des Problems geworden – unfähig, seine eigenen zerstörerischen Trends umzukehren.“ Eine junge Tierpflegerin namens Elisa Mende meinte: „Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen.“ Das ist wahrscheinlich ein Grund für das Verschwinden von sozialen Erfindungen aus unserer Aufmerksamkeit. Ein anderer ist der um sich greifende Individualismus.

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Alfred Sohn-Rethel vor Bremer Kolonialdenkmal

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Alfred Sohn-Rethel, gemalt von Kurt Schwitters

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Mitleidige Helfer

Nietzsche fragte: „Ist es euch selber zuträglich, vor Allem mitleidige Menschen zu sein? Und ist es den Leidenden zuträglich, wenn ihr es seid?“ Ich komme zwecks Beantwortung noch einmal auf den kenianischen Ökologen Mordecai Ogada zurück und seine Kritik am Naturschutz in Afrika: „The Big Conservation Lie“. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Naturschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift „Geo“ fragte ihn: »Wer lügt?« Er antwortete: »Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten.“

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die im Norden Kenias ein Schutz-gebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Die Gegend ist sehr trocken, also ist Wasser sehr wichtig. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn.“

Mitleidige Retter gab und gibt es jedoch auch hierzulande. Wollen sie auch Land gewinnen? Es waren zunächst begüterte Ehefrauen, die in die Armenbezirke gingen, um den Familien dort christliche Nächstenliebe, Sauberkeit, Ordnung und Nüchternheit zu predigen. Sie waren die ehrenamtliche Hilfstruppe von Pfarrern und Priestern. Der Hintergrund für solch Engagement war nicht zuletzt die Angst des Bürgertums vor Seuchen und Aufständen. Das änderte sich auch nicht, als der Journalist Henry Mayhew in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisch die Lebensbedingungen in den Londoner Slums studierte – und 1851 publizierte. Wenig später taten es ihm deutsche Armutsforscher nach – zunächst im Arbeiterbezirk Friedrichshain. Parallel dazu entwickelten sich dann aber auch die ersten Hilfsorganisationen und Suppenküchen.

Die ehrenamtlichen Helfer werden besonders gerne von konservativ-reaktionären Politikern motiviert, die ansonsten vor allem dem Kapital zugute kommende Maßnahmen und Gesetze beschließen. Auch jetzt wieder. Seit einiger Zeit sind denn auch erneut die begüterten Ehefrauen und ansehnlich lächelnden Damen aus der Mittelschicht dabei. Sie bekommen gelegentlich Geldpreise für ihr hilfreiches Engagement.

Die Zeitung „Bild der Frau“ wirbt mit ihren Porträts in den Bahnhöfen. 2026 beglückwünschte sie fünf Preisträgerinnen, mit denen sie zuvor geworben hatte. Rita Ebel: „Wir bauen Brücken für mehr Teilhabe“; Charlotte Arnold: „Wir lassen junge Mütter mit Krebs nicht allein“; Jermabelle Westner: „Wir helfen Kindern raus aus den Armutsbezirken“; Dr. Juliane Kronen: „Wir verwandeln Überfluss in Hilfe“; Kara Schott: „Wir sorgen dafür, dass Mensch und Tier zusammenbleiben“. Weil die Armut zunimmt, wirbt deswegen eine Dame zur Zeit für ihr Projekt „Wir helfen Kindern in Armutsbezirken“.

Rita Ebel, auch „Lego-Oma“ genannt, hat konkret neben ihrem Mann ein Dutzend Helfer, mit denen sie an Treppen Rampen für Behinderte aus Leog-Steinen baut. Im Juli hat man sie damit nach Amerika eingeladen zu einem Baptisten-Kongress „Social Inclusion – Two-Way Empathy“.

In den USA, wo der Staat derartiges traditionell bürgerschaftlichem Engagement überläßt, werden solche Initiativen auch gerne von Künstlern und Wissenschaftlern übernommen. So unterbrach 1987 z.B. ein New Yorker Fotograf sogar sein Berlin-Stipendium, um nach Hause zu fliegen, wo er vor einer Kirche für die Verteilung von Essen für Obdachlose eingeteilt worden war. Andy Warhol formulierte diesbezüglich einmal einen Verbesserungsvorschlag: Statt regelmäßig Lebensmittel zu verteilen, sollte man lieber für anständige Toiletten und Duschen in der Stadt sorgen und Kleidung für die Obdachlosen zur Verfügung stellen, dann könnten sie sich jederzeit bei Vernissagen und Premieren einfinden und dort kostenlos essen und trinken.

Auch in Berlin gab es bis 1989 bei Ausstellungseröffnungen in vielen Galerien noch belegte Schnittchen, Wein, Bier und Mineralwasser für jeden. Ich kannte vier Arme, die dieses Angebot regelmäßig nutzten und sich dabei in Kunst schulten. Seit den Neunzigerjahren gibt es stattdessen nur noch „Tafeln“, an denen Ehrenamtliche (in der Nachwende-DDR auch ABM-Kräfte) Lebensmittel an Bedürftige austeilen, sogar Tierfutter – für arme Hunde- oder Katzenbesitzer. Inzwischen haben die über 980 deutschen „Tafeln“ mit ihren 77.000 Helferinnen einen eigenen „Dachverband“. Er bildet mit der „Dachser Food Loistics“ eine „Allianz für Lebensmittelrettung“. Sie sammelt pro Jahr rund 265.000 Tonnen Lebensmittel ein und die „Tafeln“ geben diese an rund 1,5 Millionen Menschen weiter.

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Der russische Dresseur Anatoli Durow mit einem Affen

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Mitgefühl und Autismus (1)

Nachdem die autistische US-Nutztierexpertin Temple Grandin auf einer Ranch mit einem Fang- und Behandlungsstand für Rinder gearbeitet hatte, in dem diese fixiert wurden, baute sie einen ähnlichen Stand für sich selbst: einen „Berührungsapparat“, den sie PACES nannte: Pressure Apparatus Controlled Environment Sensory. Er steht in ihrem Schlafzimmer und ermöglicht ihr „zu lernen, wie man sanft und liebenswürdig reagiert und Mitgefühl entwickelt … Ich lernte zu fühlen … Die Wahrnehmung des beruhigenden Drucks, den mein Apparat auf mich ausübte, versetzte mich allmählich in die Lage, Mitgefühl zu entwickeln,“ schreibt sie in ihrem „Lebensbericht einer Autistin. Durch die gläserne Tür“ (2014). Darin zitierte sie einen autistischen Mann: „Ich war sehr kaltherzig. Es war mir nicht möglich, zu lieben oder Liebe anzunehmen … Ich ziehe Dinge Menschen vor und mache mir überhaupt nichts aus meinen Mitmenschen.“ Ein Psychiater notierte laut Grandin über einen anderen autistischen Erwachsenen, „er scheint nicht in der Lage zu sein, sich ganz selbstverständlich in einen anderen hineinzuversetzen“.

Ein Mangel an Empathie gilt „als zentrales Merkmal des Autismus-Spektrums“, heißt es in einem Forschungsbericht, der 2008 in der Online-Zeitschrift der Max-Planck-Gesellschaft „mpg.de“ veröffentlicht wurde. Temple Grandins Arbeit und ihre Berichte legen nahe, dass es ihr leichter fiel, Mitgefühl für Tiere als für Menschen zu entwickeln, wobei sie davon ausgeht, Tieren und Autisten ist gemeinsam, dass sie in Bildern denken, die sie wie Filme abspielen können, und dass Autisten das Außen zuerst in Details wahrnehmen, wohingegen Nichtautisten zur abstrakten Wahrnehmung neigen. Sie zeichnen einen Hund, während Autisten den Hund zeichnen, meint Temple Grandin. Und während sie selbst an einem Baum erst einige Blätter sieht, dann Zweige, Äste usw. und schließlich den ganzen Baum, würden Nicht-Autisten umgekehrt zuerst den Baum sehen und dann Einzelheiten daran wahrnehmen. Zwei Bücher von ihr seien erwähnt: „Ich sehe die Welt wie ein frohes Tier. Eine Autistin entdeckt die Sprache der Tiere“ (2006) und „Visual Thinking. The Hidden Gifts of People Who Think in Pictures, Patterns and Abstractions“ (2022).

Ein Sprecher des „Chaos Computer Clubs“, Frank Rieger, der in den letzten Jahren wiederholt Hightechfirmen im Silicon Valley besucht hat, erzählte, dass dort vor allem „Autisten“ arbeiten, die sich ihre Stimmung mit LSD Microdosing aufhellen; es hilft ihnen, ihre Arbeit zu optimieren. Auch das Berliner IT-Dienstleistungsunternehmen „Auticon“ stellt gezielt autistische Fachkräfte ein. Der „Tagesspiegel“ berichtete am 18.2. 2026, dass der vom ultrarechten Investor Peter Thiel und von Elon Musk gegründete US-Konzern „Palantir“, der Überwachungssoftware an CIA, Mossad, Pentagon und Bundeswehr liefert, ebenfalls „Autismus als Superkraft“ begreift und vermehrt solche „Neurodivergenten“ einstellen will, wie sein Vorstandsvorsitzender Alex Karp verkündete. Er hält sie für die „kognitive Elite“, im Gegensatz zu den von Universitäten „stalinistisch gehirngewaschenen“ Absolventen. Gerade die Autisten seien wie geschaffen für eine „KI-getriebene Welt“.

Diese solipsistischen Computernerds bilden möglicherweise den sozioöko-nomischen Hintergrund für die vehemente Ablehnung der „Empathie“ durch die Drahtzieher der asozialen MAGA-Bewegung und ihre Verachtung der Armen und aller Nichtweißen. Darüber hinaus ist dieser Hintergrund bereits Ausdruck einer gesamtgesellschaftlichen Tendenz zur Verdinglichung von Beziehungen und umgekehrt, einen um sich greifenden Hang zu libidinösen Besetzungen von Dingen. So erzählte mir z.B. der schleswig-holsteinische Milchbauer Mathias Stührwoldt, der in seinen Büchern oft und gerne über seine Kühe berichtet, dass es inzwischen sogar Landwirte gibt, die Angst vor ihren eigenen Tieren haben – vor ihrer Unberechenbarkeit – und lieber mit Maschinen arbeiten.

Die Zeitschrift „Nature“ veröffentlichte am 18.2.2026 einen Artikel über Autisten. Darin heißt es: „Die Zahl älterer Menschen mit Autismus steigt rapide an. Eine Studie, die Daten aus mehr als 200 Ländern analysiert und letztes Jahr online veröffentlicht wurde, berichtet, dass die Zahl der Menschen mit Autismus im Alter von 70 Jahren oder älter von 894.700 im Jahr 1990 auf fast 2,5 Millionen im Jahr 2021 gestiegen ist. Laut der Studie wird sich diese Zahl bis 2040 voraussichtlich auf 5,1 Millionen Menschen verdoppeln.“

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Die Malerin Frauke Höge mit Dackel

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Mitgefühl (2)

Auf „utopia.de“ befaßt sich ein Artikel mit der „Empathie für Tiere“: „Warum sie so wichtig ist – nicht nur für Timmy“. Mit Timmy ist der in der Ostsee gestrandete Buckelwal gemeint, der dann von der Küste der Insel Poel per Kran zurück Richtung Nordsee gebracht wurde.

„Noch Anfang April hatten Expert:innen seinen Zustand als kritisch eingestuft, weitere Rettungsversuche ausgeschlossen; stattdessen erhielt er palliative Hilfe. Doch bundesweit regte sich Widerstand gegen diesen stillen Abschied. Menschen protestierten, wollten sich nicht damit abfinden, dem langsamen Sterben zuzusehen. Der Wal wurde zum Symbol für Hilflosigkeit, aber auch für Hoffnung.“ Der Biologe Robert Marc Lehmann sagte: „Der Wal bringt das Beste und das Schlechteste in uns hervor.“

Zwar starb der Wal dann in der Nordsee, aber seine Rettungsversuche kosteten ein Vermögen (von einem Reichen gespendet) und beschäftigte viele Menschen, zu schweigen von den Journalistenmassen.

Für den „utopia.de“-Autor gilt desungeachtet: „Empathie gegenüber Tieren ist mehr als sentimentale Regung – sie ist ein Maßstab dafür, wie weit eine Gesellschaft bereit ist, Verantwortung über die eigene Spezies hinaus zu denken. Wer das Leiden eines Tieres wahrnimmt und nicht ignoriert, erkennt an, dass Leben nicht erst im Menschlichen beginnt.“

Es gibt Anzeichen dafür, dass wir es angesichts der immer beunruhigenderen Weltlage (Kriegsgefahr, Klimawandel, Aufrüstung statt Sozialpolitik, Flüchtlingsablehnung statt Flüchtlingsintegration usw.) mit einer Verschiebung der Empathie zu tun tun haben könnten – von Menschen zu Tieren. So schrieb z.B. die NZZ-Redakteurin Birgit Schmid 2018: „Manchmal leidet man mit Tieren stärker mit, als dass einen Kriegsbilder aus Syrien noch erschüttern. Unsere Empathie zu Tieren kennt keine Grenzen. Das macht auch unbehaglich.“ Ähnlich empfand es eine Briefschreiberin auf „psychomeda.de“: „Ich bin weiblich und 49 Jahre alt. Mein Problem ist, dass ich für Tiere erheblich mehr Mitgefühl empfinde als für Menschen! Und ich befürchte, dass das nicht normal ist!!! Wenn ich wählen müsste, würde ich in einer Notsituation von meinem Gefühl her wahrscheinlich eher einem Tier helfen als einem Menschen.“

Die Schriftstellerin Doris Lessing hatte keine solche Bedenken. In einem ihrer wunderbaren Katzenbücher gestand sie, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten. Auch die finnische Ethnologin und Vogelbeobachterin Ulla-Lena Lundberg meint (in: „Sibirien: Selbstporträt mit Flügeln“ 2003): „Ich will nicht leugnen, dass ein Teil des Entzückens, mit anderen Vogelguckern gemeinsam draußen unterwegs zu sein, in der unausgesprochenen Überzeugung liegt, die Vögel verdienten das größere Interesse“ – als die Menschen.

So ähnlich geht es auch mir, seitdem ich ab 2002 anfing, Biologie zu studieren und dabei quasi hinterrücks in eine Anthropause geriet, die immer noch anhält. In anderen Kulturen, etwa in Japan und Indien, ist diese Trennung (zwischen Kultur und Natur) weniger streng. So meint z.B. der Verhaltensforscher Junichiro Itani: „Die japanische Kultur macht kein Aufhebens um den Unterschied zwischen Menschen und Tieren und ist damit bis zu einem gewissen Grad vor den Verlockungen des Anthropomorphismus geschützt…Wir sind davon überzeugt, daß dies zu vielen wichtigen Entdeckungen geführt hat.“ Leider ignorierte man im Westen ihre Forschungsarbeiten, vornehmlich an Affen, nahezu komplett. Noch weiter geht man bekanntlich in Indien. Es reicht, dazu Mahatma Gandhi zu zitieren: „Eine Zivilisation kann man erst danach beurteilen, wie sie ihre Tiere behandelt.“

Wenn man hierzulande den gesellschaftlichen und politischen Umgang mit den seit 2000 aus dem Osten eingewanderten Wölfen mitverfolgt, dann kann man nur zu dem Urteil kommen, dass es mit unserer Zivilisation nicht allzu weit her ist. Gegen die konservativ neoliberale Entwicklung seit der sogenannten Wende bemühen sich Tier- und Naturschützer mit geringem Erfolg trotzdem um die „Förderung des Mitgefühls für Tiere“, wie es auf „vegeco.org“ heißt. Es ist dies eine Firma, die sich für vegane Ernährung einsetzt zugunsten vor allem von Nutztieren, und dazu „5 Wege“ aufzeigt mit „praktischen und inspirierenden Ansätzen“.

Ähnliches bietet auch ein gewisser Roger Kern auf seinem blog, der mit Menschen so seine Probleme hat: „Wissen Sie, wann es mir richtig gut geht? Wenn ich mich mit Tieren umgebe. Dann ist meine Welt in Ordnung, ich bin entspannt und fühle mich sicher. Das sind diese Momente, die niemals enden sollen. Erfahren Sie mehr über meine Verbindung zu Tieren und die Akzeptanz im Alltag.“

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Die Baumschützerin Julia Hill auf einem Baum

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Katastrophen

Die Katastrophenphilosophie ist noch immer aktuell, meinte der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich. Die „Katastrophennähe verwandelt in Katastrophenpräsenz macht aufmerksam auf eine Form der Sucht, die mir heute die herrschende zu sein scheint.“ Die wesentliche Verlockung in den Medien ist: Ereignissucht. „Ereignissucht aber, insofern sie eine allgegenwärtige Katastrophenfaszination verrät und ausstrahlt, hat den Namen ‚Katastrophensucht‘ verdient. ‚Süchtig nach Katastrophe‘ ist heute die aktuelle Form der Formel ‚süchtig nach Sog‘.“

Das epiphanisch hochgestochene Wort „Ereignis“, das aus der Mysteriensphäre stammt und von „Eräugnis“ (eräugen, zeigen, vor die Augen bringen) kommt, wurde zur gängigen Münze alltäglicher Kommunikation (vom Kaufereignis bis zum Weihnachtsmarkt und den Protestaktionen). Dahinter steht eine neuerblühte „Mysteriensehnsucht“. Es hat einen gewalttätigen Zug; „es bricht die Zusammenhänge auf, die wir ohnehin nicht mehr durchschauen können“. Anders als das „Erlebnis“ läßt sich das „Ereignis“ weder „haben“ noch mit sich nehmen. Dabei tritt die Katastrophe selbst als der gesuchte Reiz hervor, die „den sexuellen Reizen eindeutig den Rang abgelaufen“ hat. Nur wo diese „katastrophisch verbrämt sind, sind sie solche, sonst bleiben sie den Bedürfnissen einer Generation, die sich vor Katastrophen fürchtet, vorbehalten – So weit selbstverständlich – und doch befremdend.“

Die ungerührte Hinnahme der realen Katastrophen scheint zu bekunden: „sie sind immer noch nicht katastrophisch genug, jede Möglichkeit der visuellen Steigerung wird ausgeschlachtet, die Phantasmagorien laufen der Realität, und zwar mit dem Anspruch, selbst real zu sein oder doch wenigstens so potent, dass sie die Wirklichkeit hinter sich herzuziehen vermögen, lustvoll davon.“

„Katastrophenfaszination und, ihr entsprechend, das süchtige Hinarbeiten auf die Katastrophe scheint im großen das zu sein, was unser ‚normales‘ alltägliches Suchtverhalten im kleinen ist…Und es sind ja auch die gleichen Subjekte, die hier von den Suchtmitteln des Konsums und dort von der medialen Exaltation der Verarbeitung realer und imaginärer Katastrophen angezogen und mit schöner Regelmäßigkeit enttäuscht werden (und die Enttäuschung immer auch herbeizuführen trachten, süchtig nach Enttäuschung, sind, die allein sie weiterbringt auf dem Vertilgungsweg).“

Die „sexuell aufgeladene Realerfahrung und Metaphernwelt des Sogs“ – mit seiner „Maelströmfaszination“, also „diese Schoßmetapher für Vereinigung durch Ausgelöschtwerden“, scheint Heinrich ein sehr realistisches Bild „historischer Ambivalenz und Schuldgefühle, und zwar auf dem Hintergrund der Geschlechterspannung zu sein – die ja das Movens aller Faszination“ ist. Die Figuren von E.A.Poe und Jules Verne versuchen mit ihrem neuen analytischen Umgang mit diesen Metaphern der Sogfaszination zu widerstehen und – „auszusteigen“. „Diese Möglichkeit, auszusteigen, ist heute ebenfalls illusionär, aber für das Thema Sog und Sucht hat gerade diese Illusion Brisanz.“

„Die überspitzte Formulierung: ‚die Welt selbst aus der Welt zu schaffen, und ihr nach!‘ erscheint nur so lange als abstrakte Konstruktion, wie wir sie bildlos dem Maelström gegenüberstellen…Wir bewegen uns in katastrophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungsvisionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Und damit nicht genug: Chaostheorien beschwören die Selbstordnungskräfte der Materie und lassen uns als Nutznießer davon profitieren. Wirklich populär geworden aber ist das Bild – die große Phantasie vom ‚Schwarzen Loch‘.

Dazu aktuell – die Bild-Zeitung: „Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden Schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos! Unser Reporter interviewt den Entdecker exklusiv!“

„Nature“ – sachlich: „Ein Schwarzes Loch in 12 Lichtjahren Entfernung – die Strecke, die Licht in zwölf Jahren zurücklegt. (Licht breitet sich mit knapp 300.000 Kilometern pro Sekunde, d.h. mit etwa einer Milliarde Stundenkilometern aus). Das neu entdeckte Schwarze Loch ist nur dreimal so weit vom Sonnensystem entfernt wie unser nächster Nachbar, der Stern Alpha Centauri, und gehört damit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA hat sofort die Entsendung einer unbemannten Raumsonde angekündigt, die fundamentale neue Erkenntnisse liefern wird. Diese Mission ist ein Generationenprojekt: Bis die Sonde das Schwarze Loch erreicht, werden Jahrzehnte vergehen und wenn dann die ersten Daten zur Erde gefunkt werden, brauchen sie weitere 12 Jahre für den Rückweg.“

Aber vielleicht ist alles ganz anders: Am 30. November 2020 im Wissenschaftsforum „spektrum.de“: Wenn „die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines Schwarzen Lochs im gleichen Radius“, dann läßt sich unser ganzes „Universum als das Innere eines Schwarzen Lochs annehmen“, was bedeute, „wir leben in einem Schwarzen Loch“, sind also schon drin. Das konnte Klaus Heinrich 1993 noch nicht wissen.

Bei ihm heißt es weiter über das Schwarze Loch: „Der sexuelle Phantasiehorizont in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ‚Keine-Haare-Theorem‘ [des Physikers John Wheeler]: ‚Ein Schwarzes Loch hat keine Haare‘ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluß hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs.“

„Doch so stark ist die Macht der mit Geschlechterspannung verfahrenden Phantasie, dass dieses letzte katastrophische Suchtprodukt – so möchte ich es angesichts seiner Popularität einmal nennen – doch wieder als Schoß und Schlund erscheint, freilich einer, der nur noch in der einen, der zerstörerischen Richtung tätig ist.

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Der Filmdozent Martin Otting im Strandkorb

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Begehren

Klaus Heinrich sprach in seinem nichtöffentlichen Vortrag, den er 1993 in der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Rudolf Virchow der Freien Universität hielt, von einem „Begehrensmodell“ und davon, dass Begehren „ins Leere laufen“.

In einem abendlichen Mailaustausch mit einer Freundin merkte ich dazu an: Aber ich kenne Dutzende von Begehren, die das Begehrte bekamen, beginnend in der Kindheit mit der elektrischen Eisenbahn.

Dem hielt sie entgegen: „Etwas Anschaffen, Haben, Kaufen wollen – erfüllbare Wünsche sind kein Begehren. Man will ja immer etwas anderes und lässt sich am Ersatz an der Nase führen. Man will das Begehren, nicht die Erfüllung.“

Aber wenn das Begehren doch drängt, hin zu dem Begehrten aktiv zu werden… Oder meinst Du, dass das Begehren im Urgrund immer ein sexuelles ist, Begierde, Wollust?

„Nein. Es ist ein ins Leere gerichtetes Sehnen. Kann sich in fast allem Schein manifestieren und deshalb süchtig machen. Vielleicht ist es zum Teil Ergriffenheit vom Leben? Das ein Glücksrausch sein soll wie ein Wasserfall oder so, aber keine Attrappe?“

Der März-Verlag hat einmal das Buch einer Autorin veröffentlicht, in dem es um sexuelles Begehren und eine elektrische Eisenbahn ging.

„Wer will schon eine elektrische Eisenbahn, sie ist vielleicht interessant, weil man sich immer noch einen und noch einen Waggon dazukaufen/wünschen und so das Begehren rauszögern kann.“

Dabei die sexuelle Erfüllung nicht ins Leere laufen zu lassen, das wäre schon sehr speziell, stimmt. Aber was ist mit lustdirigiertem Lesen und Schreiben, ein Begehren, das sich doch laufend erfüllt.

„Der Antipode zum Begehren ist die Liebe, denke ich. Da ist ‚Erfüllung‘ nicht das Ziel.“

Dann scheint es mir fast identisch mit der „Sucht“ – „ein Wort für den in selbstzerstörerischer Befriedigung leerlaufenden Begehrensprozeß“, wie Heinrich sie definiert. „Sucht“ und „Siech“ haben sich erst spät getrennt. Zuvor hätte die Romantik das „Siechtum“ bereits existentiell aufgeladen und gegen den Fortschrittsbegriff der Aufklärung ins Spiel gebracht. Heute verdanke die Sucht ihre gesellschaftliche Karriere im „Zerfall des Fortschrittsglaubens“ der „gleichsam leerlaufenden Begehrensstruktur“.

Es gibt eine „Zielstrebigkeit des Süchtigen“, sie ist an die Stelle „zielstrebigen Fortschreitens“ getreten. Wobei man bei der Sucht auch immer das Wort „Suche“ mithört. Sich Sehnen als Sucht. Zum Wort „Sehnsucht“ zitiert Klaus Heinrich Goethe: „Nur wer die Sehnsucht kennt/ weiß was ich leide“ – dazu würden „brennende Eingeweide“ assoziiert.

Wichtig dabei – der Sog: Sucht ist eine saugende Strömung, die sich mit dem Metaphernbereich des Meeres verbindet, „eines der faszinierendsten Symbole des Unbewußten“, aber auch mit der oralen Erfahrung des Saugens, das im „Gesogenwerden“ einerseits „eine von der Anstrengung des Saugens entlastende halluzinativ infantile Umdeutung erfährt und andererseits dem weiblichen Part der genitalen Kopulation eine durchaus männlich fixierte, d.h. mit männlichen Lustvorstellungen und Ängsten besetzte ursprungsmythische Überhöhung, richtiger: Vertiefung, bietet.“

„Immerhin trägt das Bild des Meeres und seiner Gefahren als Metapher des Unbewußten weibliche Qualität, auch und vor allem die der vielversprechenden gefährlichen Verlockung, und definiert so das Unbewußte (in der Instanzenlehre Freuds markiert als ‚Es‘) einmal mehr als den weiblichen Pol der Geschlechterspannung gegenüber dem abenteuernden, zum Beispiel das Meer durchpflügenden, männlichen Ich.“

Die psychische Disposition des „Sogs“ ist also nicht nur „die halluzinierte Erfüllung eines Triebwunschs,…sondern berührt auch der Zusammenhang, genauer gesagt, die uns aus Mythologie, Liebesspiel und Analyse wohlbekannte Vertauschung von Mund und weiblichem Genital, die Zusammengehörigkeit also von Gefahr beschwörender und bannender Oralität.“ Bis hin in die entwickelsten Formen der Sprache, mit dem die Gefahr zugleich verkörpernden – um den Preis des Mitausgelöschtwerdens – sie auslöschenden weiblichen Schoß: „‚Sog‘ als Schoßmetapher, sozusagen der Schoß in actu, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht, überschreitet freilich die Imagines von Geschlecht und Mund, ist daher nicht nur Grund der Faszination von Türen und Ursprungsmäulern, sondern aller jener gefahrvollen Situationen, die uns immer wieder in die Nähe des Ausgelöschtwerdens mit selbstzerstörerischer Lockung vor Augen führen und die wir darum mit lustvollem Schauder teils herbeiführen teils aufsuchen.“

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Die Ex-Lehrerin Ushma Zimmer auf einem polnischem Klettergerüst

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Kleopatra

Peter Sloterdijk widmet sich u.a. der letzten Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches: „Die Phantasie, wonach Kleopatra sich von einer Giftschlange töten ließ, hat das Imaginäre des Westens immer wieder beschäftigt.“ Kleopatras Leben und Sterben wurde oft verfilmt, weltberühmt wurde der Hollywoodfilm mit Liz Taylor als Kleopatra – wodurch ihre Darstellerin fast noch berühmter wurde. Im ersten Band seiner „Denktagebücher“ (2008-2011) trug Sloterdijk ein: „Liz Taylor gestorben“.

Er denkt aber nicht weiter über die Schlange und Kleopatra nach, sondern kommt auf ihre Brüste zu sprechen; da sie „zum visuellen Patrimonium Alteuropas gehören“. Dabei scheint er an ein konkretes Bild gedacht zu haben – von den unendlich vielen, auf denen die Maler dieses Motiv gewählt haben: Kleopatra mit entblößten Brüsten auf dem Diwan und neben ihr eine meist etwas kümmerliche Kobra. „Man weiß nicht, ob sie an einem noch lebenden oder schon toten Körper zu sehen ist,“ schreibt Sloterdijk. „Der tragische Akt öffnet das Blickfeld für den gebildeten Voyeur. Ihre Brüste blühen in todesnaher oder postmortaler Unerreichbarkeit.“

Die Bilder mit der vom Kobrabiß schon halb betäubten letzten Königin des ägyptischen Ptolemäerreiches – das waren quasi westliche Auftragsarbeiten für reiche Sammler. Kleopatra hatte sich die Kobra aus Liebe zu einem Römer in die Brust beißen lassen: zum Feldherrn Marcus Antonius. Kleopatra VII. war die bedeutendste unter den römischen Klientelherrschern des Orients. Und die Kobra (lat: „Naja naja“) war den Ägyptern heilig. Das sonst nüchterne Wikipedia thematisiert die Kobra aber nicht, schwelgt dafür in der Beschreibung der groß inszenierten römisch-ägyptischen Hochzeit: Kleopatra schritt als irdische Inkarnation der Göttin Aphrodite (Isis in Ägypten) dem neuen Dionysos Antonius entgegen, der sich zuvor mit der griechischen Kultur beschäftigt und sich über Dionysos, den Gott der Ekstase und des Rausches, kundig gemacht hatte.

Der Münchner Professor für Alte Geschichte Martin Zimmermann veröffentlichte 2018 ein Buch über „Die seltsamsten Orte der Antike“. Darin schreibt er über Kleopatras Selbstmord durch einen Kobrabiß in ihre Brust: „Eine agile Kobra hätte sich nicht einfach unter Feigen verbergen und wie [Kleopatras Biograph] Plutarch berichtet, problemlos an den römischen Wachen vorbeischmuggeln lassen. Zudem sei die Reaktion der Giftschlangen völlig unberechenbar. Zimmermann plädiert für eine „einfachere Lösung: Vermutlich trank die Königin mit ihren Dienerinnen ein aus Pflanzen zubereitetes Gift.“ Möglich, aber kein Kleopatra-Maler hätte gerne auf Brüste und Schlange verzichtet.

Demnach wäre Kleopatras Tod durch die Kobra ein Mythos oder ein Medienfake. Auf einem Gemälde von Sir Lawrence Alma-Tadema läßt sie, ähnlich wie auch im Asterix-Comic, das Gift vorab an Sklaven testen. Ihr zu Füßen liegt ein Leopard. Der Grund ihres Selbstmords war auch, dass sie sich schuldig fühlte, vermuten Kleopatraexperten und Liz Taylor hat das auch sehr schön rübergebracht, wie man so sagt: Kleopatra hatte ihren vor Oktavians Truppen geflohenen Ehemann Mark Anton ausrichten lassen, dass sie Selbstmord begangen habe, woraufhin der sich in sein Schwert stürzte, was man ihr dann berichtet hatte.

Eine vergleichbar tragische Konstellation gab es breits im Mythos von Orpheus und Eurydike, wie er von Vergil erzählt wird: Der Sohn von Apollon will die Nymphe Eurydike vergewaltigen, sie flüchtet, wird von einer Schlange gebissen und stirbt. Ihr Geliebter, der Sänger Orpheus, versucht daraufhin vergeblich, sie aus dem Hades zurück zu holen. Wenig später wird er Ovid zufolge von Mänaden, den berauschten Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Man erfährt nicht, ob Eurydike durch einen Kobrabiß starb. Aber es gab damals noch Kobras in Griechenland.

Peter Sloterdijk schreibt über Kleopatra: „Seit sie mit den Attributen der Isis auftrat, um ihr 30. Lebensjahr, lebte sie jenseits von Unberührtheit und Defloration; mit jeder Orgie schien ihre Jungfräulichkeit sich zu vervollkommnen…Es ist vielleicht kein bloßer Zufall, wenn ein phantasievoller englischer Theosoph nach 1900 eine Seelenwanderung von Kleopatra zu Maria schilderte, der zufolge Jesus nicht nur unbefleckt empfangen, sondern auch mit einem ägyptischen Logos ausgestattet war.“ Was immer das gewesen sein mag.

Der verstorbene Medienwissenschaftler hatte eine andere Erklärung für diesen Kleopatra-Faible der Künstler: „Sie wollten nicht immerzu die keusche ‚Heilige Familie‘ malen, sondern lieber etwas Erotisches oder gar Pornographisches.“

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Wolfgang Neuss mit Fritz Teufel

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Katzen (1)

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß viele Katzen in ihrem Leben und veröffentlichte mehrere Bücher über sie. Sie meinte zuletzt, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten.

Ja, sagt da das Magazin der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ in seiner Ausgabe vom Mai 2018, das liegt daran, dass es ihr vom Einzeller „Toxoplasma gondii“ aufgedrängt wurde, denn der „tut alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden. Den Mensch braucht er als Zwischenwirt. Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

Auch der Philosoph Hans Blumenberg zählte wohl zu den Infizierten, als er gegenüber den Genpool-Erhaltern einwandte: „Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre.“ Leider ist es schon bald so weit: Die Raubtierforscher prognostizieren bereits, dass höchstens die (urbanen) Hauskatzen überleben werden.

Das MPI-Magazin kam zur rechten Zeit: Denn mit „Toxoplasma gondii“ spricht es uns quasi von unserer närrischen Katzenliebe frei: Wir können nichts für unsere Depolitisierung – ein übler Parasit steuert uns. So weit so blöd.

Eine tschechische Studie kam unterdes zu dem kühnen Schluß, dass mit Toxoplasma infizierte Männer attraktiver auf Frauen wirken als nicht infizierte. Und eine dänische Untersuchung an 45.000 Frauen erbrachte das Ergebnis, dass mit dem Neuroparasiten infizierte Frauen mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch unternehmen. Im blog „Mit der Wissenschaft auf Du und Du“ (Januar 2018) wurde dazu eine Kieler Studie zitiert, dass die mit dem Neuroparasiten infizierten Frauen vor allem deswegen Selbstmordversuche unternahmen, weil sie zuvor nur auf „solche attraktiven Männer reingefallen“ waren, die ebenfalls mit dem Parasiten infiziert waren, aber ansonsten emotional und körperlich eine „Katastrophe“ waren.

Ende Juli 2018 erschien auch noch im Magazin für Naturwissenschaft „Spektrum“ die Zusammenfassung einer sozialwissenschaftlichen US-Forschung über die Wirkung des „neurologischen Manipulators ‚Toxoplasma gondii‘“ die über die Ökologie hinaus ins Ökonomische reicht – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Das Forschungsergebnis wurde zunächst in den „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht: „Wohl mehr als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit dem „Toxoplasma“ darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Fänge trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren Raubkatzen zu nähern, anders bewerteten als alle, die auf Distanz zu ihnen blieben.

Die Autoren der zweiten in „Spektrum“ referierten Toxoplasma-Studie testeten ihre steile These erst einmal an Mäusen, indem sie sie mit dem Einzeller infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Zudem werden sie geradezu magisch von Katzenurin angezogen. Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“. Zuletzt durchforsteten sie auch noch demografische Statistiken aus 42 Ländern – und dann stand für sie fest:„Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und der Prozentsatz der Selbständigen.“

Da jedoch viele Selbständige scheitern, könne man nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache. Er bleibt aber auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Das hatte bereits die Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geahnt: „dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“.

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Der Ethnopsychoanalytiker Paul Parin mit Zigarette

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Katzen (2)

Man kennt solche Leute: Sie müssen sich auf jede Katze stürzen, um sie mit Entzückensrufen zu streicheln und bezeichnen auch noch den räudigsten Kater als „süß!“. Sie posten auf Facebook ständig Katzen-Clips und -Photos, oder sie schreiben – selbst ein wenig über sich erstaunt – im „stern“-Ableger „Neon“: „Mein Kater ist ein Arschloch. Ich liebe ihn aber trotzdem.“ Er heißt Picasso und ist manchmal „richtig fies“. Erklären kann die Autorin ihre Zuneigung nicht. Im Internetforum „lieblingskatze“ heißt es: „Klar, wir alle lieben unsere Katzen. Doch was ist es eigentlich genau, was uns immer wieder in Verzückung geraten läßt?“

Die Journalistin Stephanie Buttnick berichtete 2014 in der „New York Times“ über eine Umwertung der „Cat Ladys“: „Eine Katze zu besitzen ist für Frauen kein Zeichen von fortgeschrittener Wunderlichkeit mehr. Die neue Cat-Lady-Generation ist jung, sozial, ambitioniert und so unabhängig wie ihre Katzen, die das perfekte Haustier dieser Millennials sind.“ Sie folgen mit der Anschaffung einer Katze einer Mode.

Nun gut, das sind journalistische Schnellschüsse, wie sieht es mit der Katzenliebe von Schriftstellern aus, die ihrem Haustier ein ganzes Buch widmeten? E.T.A. Hoffmann fand eines Tages einen ausgesetzten kleinen Kater, der sich zum „gescheitesten, artigsten, ja witzigsten Tier“ entwickelte. Als er starb, veröffentlichte Hoffmann einen „Nachruf“ auf ihn, aus dem er 1809 eine ganze Gesellschaftssatire machte: Die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“. Der Kater fungiert darin als Ich-Erzähler, dessen Schilderung seiner Erlebnisse ausführliche Reflexionen zur „Bildung des Lesers“ enthalten. Murr liefert ein Rezept dafür, „wie man sich zum großen Kater bildet“ und setzt sich kritisch mit der Trivialisierung der Bildungsidee auseinander.

Gut 100 Jahre später schrieb der japanische Schriftsteller Natsume Soseki einen Roman „Ich, der Kater“, nachdem auch er zuvor einen liebevollen Nachruf auf seinen verstorbenen Kater verfaßt hatte. Sosekis Kater spricht ebenfalls, es geht ihm um eine satirische Kritik an der sich ab 1900 stürmisch industrialisierenden Gesellschaft Japans.

1981 veröffentlichte Christa Wolf „Neue Lebensansichten eines Katers“. Allen drei Autoren ging es dabei um Gesellschaftskritik, über die Gründe der Zuneigung zu ihren Katern schweigen sie.

Näher kam dem vielleicht Franz Kafka. Der Katzenbuchautor Detlef Bluhm, beschreibt in seinem blog „katerpaul“, wie Kafka fast wider Willen eine Freundschaft zu einer Katze entwickelte: „Franz Kafka hatte Katzen, wie er in einem Brief an Felix Weltsch vom 1917 gestand, ‚im Geheimen seit jeher gehaßt‘. Als er sich bei seiner Schwester zu einem Erholungsurlaub einfand, wurde er in seinem Zimmer von Mäusen allerdings so sehr geplagt, daß er sich gezwungen sah, die Katze des Hauses mit aufs Zimmer zu nehmen, die ihm dann tatsächlich Ruhe verschaffte.

Die Katze war anfangs nicht stubenrein. Kafka beschrieb ausführlich die Kalamität, die sich daraus für ihn entwickelte: ‚Wie macht sie es also? Sie wählt z. B. einen Ort, der dunkel ist, der mir ferner ihre Anhänglichkeit beweist. Von der Menschenseite aus gesehen ist dieser Ort zufällig das Innere meines Pantoffels’.“

Aber kamen sich Kafka und die Katze näher und sie bekam ein Katzenklo. Einem Freund schrieb er, „dass er seiner ‚kleinen schlafenden Katze ein Gedicht deklamiert‘ habe. So hatte sich der Katzenhasser Kafka langsam an die Katze gewöhnt.“

Ähnlich ablehnend war zunächst auch die Einstellung des Erziehungswissenschaftlers Hartmut von Hentig gegenüber Katzen. Aber das änderte sich, als er in Chicago im Haus eines abwesenden Freundes lebte, für dessen Kater „Paff“ er verantwortlich war.

Währenddessen bekam er durch dieses Tier eine Lektion in Liebe. Lange nachdem dessen „Seele in den Katzenhimmel“ übergegangen war, schrieb Hentig darüber ein Buch: „Paff, der Kater oder Wenn wir Lieben“ (1978). Dazu fühlte er sich gewissermaßen verpflichtet, denn „meiner Liebe ist daran gelegen, jener Liebe, die ich von Paff – für Paff – erhalten habe, und die mich, wie alle Liebe, reicher und weiser gemacht hat: sie fordert dieses Bekenntnis.“

Auch bei Hentig begann nach einem behelfsmäßig eingerichteten Katzenklo die Beziehung zu Paff, zunächst über Erziehungsfehler, anzunehmen und dann darin zu schwelgen. Paff lehrte ihn schließlich, „das prekäre Verhältnis von Freiheit und Liebe zu erkennen und größere Freundschaft, geläutert von jenen verkrampften Unterscheidungen der ‚selbstsüchtigen‘ und der ‚selbstlosen‘ Liebe…Erst Paff hat mich gelehrt, dass es gleich ist, wie man liebt, wenn man überhaupt liebt…Wir scheitern so oft, weil wir dies können: Zuflucht nehmen zu Wörtern, uns darstellen, wie wir sein möchten und nicht sind, mit uns und den anderen hadern. Der Kater haderte nie.“

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Glücklichsein

„Was ist das nur für eine Einrichtung, dass man an schlechten Tagen mehr am Leben hängt als an den guten Tagen?“ Fragte sich Silvia Bovenschen in „Älter Werden“, 2006. Ein glückliches (oder geglücktes?) Sterben setzt erst einmal ein gehöriges Alter voraus – ein Luxus, den sich unsere Gesellschaft bald nicht mehr leisten kann, fürchtete die Autorin. Das Altern macht einen mit der Zeit immer unattraktiver, darunter leiden besonders diejenigen, die ihr Lebensglück vornehmlich in der Sexualität suchten, wie die Expertin für Liebe und Ängste, Alison Louise Kennedy, (in: „Paradies“ 2017) meint herausgefunden zu haben. Ihre alternden Helden und vor allem Heldinnen bieten gegen das Unattraktiv-Werden Pflegemittel, teure Düfte und Kleidung sowie einen distinktiven „Life-Style“ auf; andere Autoren empfehlen Jogging, Sport, regelmäßige Gesundheitskontrollen, achtsame Ernährung (Bio, Öko, Vegan etc.), Meditation, Yoga, Peeling, Fitnesscenter, Schönheitsoperationen (Ein Zigmilliardengeschäft).

In den USA hat das bereits zu derartigen Exzessen geführt, dass die Publizistin Barbara Ehrenreich in ihrem Buch „Wollen wir ewig leben?“ (2018) von einer regelrechten „Wellness-Epidemie“ spricht. Die eher produktiv tätige als sexversessene 78jährige schreibt darin: „Weil die Zeit, die mir bleibt, immer kürzer wird, ist jeder Monat und jeder Tag zu kostbar, um ihn in einem fensterlosen Wartezimmer und zwischen Untersuchungsapparaten zu verbringen. Alt genug geworden zu sein, um zu sterben, ist eine Leistung, keine Niederlage und die damit verbundene Freiheit verdient es, gefeiert zu werden.“

Mit „Leistung“ meint Ehrenreich wahrscheinlich ihre wirklich guten „Sozialrecherchen“ und mit „Freiheit“ das, was sie ihr an Honoraren einbringen. Daraus scheint für sie eine positive Einstellung zum Altern zu resultieren. Und diese allein erhöht schon die Lebenserwartung um sieben Jahre, wie US-Wissenschaftler meinen herausgefunden zu haben. Selbige behaupten auch laut Neue Zürcher Zeitung: „Wer noch im Alter Freude an Sex hat, lebt gesünder und womöglich länger. Schon das Küssen ist ein kleines Muskeltraining und setzt Glückshormone frei.“ Man sollte sich jedoch nicht aus Muskeltrainingsgründen darum bemühen, das erzeugt „Stress“.

Der Stress wurde Mitte des 20. Jahrhunderts erfunden und ist für vieles von Übel, auch für einen frühzeitigen Tod. Das ergaben sowohl Verhaltensforschungen an Pavianen wie auch an weißen Amerikanern der Unterschicht. Barbara Ehrenreich spricht vom „großen Sterben der weißen Männer“: Sie rauchen, trinken Alkohol, nehmen Opiate, gehen nicht in Fitnesscenter, ernähren sich von Hamburger und Pommes Frites, hängen vorm Fernseher und verfetten verbittert. Vor allem aber sind sie deswegen gestresst, weil ihre Jobs prekär geworden sind, ihre Einkommen sinken und sie sich von jedem Arsch was sagen lassen müssen. Auch von all den Weißkitteln, die unisono behaupten: „Letztlich liegt es an jedem Einzelnen, sich für ein gesünderes Verhalten zu entscheiden“. Ja die öffentliche Meinung in den USA geht dahin, dass es für alle eine „individuelle moralische Verpflichtung zur Gesundheit“ gibt. Barbara Ehrenreich spricht vom „Gesundheits-Wahn“, schon Susan Sontag kritisierte die „Moralisierung von Krankheiten“ in den USA und damit auch in allen anderen Industrieländern.

Ähnlich sieht das die slowenische Philosophin Alenka Zupancic (in: „Das Reale einer Illusion“ – 2001). Sie diskutiert darin Kants „Ethik“, die im Zuge der Umwandlung des Sozialstaats zu einem Sicherheitsstaat wird, der mit kostengünstigen Gesetzen nur so um sich wirft: Und das eben ist die Scheiße! Denn dadurch wird die Ethik zu etwas „im Kern Restriktives, eine Funktion“. Möglich wird dies laut Zupancic dadurch, dass man „jeder Erfindung oder Schöpfung des Guten entsagt und ganz im Gegenteil als höchstes Gut ein bereits fest Etabliertes oder Gegebenes annimmt (das Leben etwa) und Ethik als Erhaltung dieses Gutes definiert.“ Das Leben mag die Voraussetzung jeder Ausübung von Ethik sein, aber wenn man aus dieser Voraussetzung das letzte Ziel der Ethik macht, ist es Schluß mit der Ethik. Sie basiert nunmehr auf einer regelrechten Ideologie des Lebens. „Das Leben sagt man uns, ist zu kurz und zu ‚kostbar‘, um sich in die Verfolgung dieser oder jener ‚illusorischen‘ Projekte verstricken zu lassen“.

Die Individuen müssen sich immer öfter Fragen lassen: Was hast du aus deinem Leben gemacht? Du hast zehn Jahre mit einer Sache verloren, die zu keinem greifbaren Ergebnis geführt hat? Du hast keine Nachkommen? Du bist nicht einmal berühmt? Wo sind denn die Ergebnisse deines Lebens? Bist du wenigstens glücklich? Nicht einmal das! Du rauchst?“ Zupancic fährt fort: Man wird nicht nur für sein Unglück verantwortlich gemacht, „die Lage ist noch viel perverser: das Unglück wird zur Hauptquelle der Schuldigkeit, zum Zeichen dafür, dass wir nicht auf der Höhe dieses wunderbaren Lebens waren, das uns ‚geschenkt‘ worden ist. Man ist nicht etwa elend, weil man sich schuldig fühlt, man ist schuldig, weil man sich elend fühlt. Das Unglück ist Folge eines moralischen Fehlers. Wenn du also moralisch sein willst, dann sei glücklich!“

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Der Schriftsteller Wladimir Kaminer vor einem Gemälde

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Afrikanische Nationalparks

2016 veröffentlichten der Journalist John Mbaria und der Ökologe Mordecai Ogada eine Kritik des Naturschutzes in Kenia mit dem Titel: „The Big Conservation Lie“. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Tierschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift „Geo“ hat ihn interviewt, sie fragte Ogada als erstes: „Wer lügt?“ Er antwortete: „Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben. 2018 haben weiße Tourismusinvestoren die Regierung um eine Genehmigung gebeten, für teure Restaurants Tiere schießen zu dürfen. Es ist doch verrückt, den Touristen Impalasteaks zu servieren, während ein schwarzer Dorfbewohner erschossen wird, wenn er bloß den Nationalpark betritt“.

Wilderer werden in Kenia immer wieder erschossen, aber manchmal trifft es laut Ogada eben auch jemanden, „der einfach nur durch ein Schutzgebiet läuft. Geld aus Anti-Terror-Budgets, u.a. von den Amerikanern, fließt in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes“.

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die im Norden Kenias ein Schutzgebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Die Gegend ist sehr trocken, also ist Wasser sehr wichtig. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn“.

Der kenianische Naturschützer Sebunya organisierte 2022 einen „Kongress für Afrikas Schutzgebiete“ in Ruandas Hauptstadt Kigali. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager der rund 8500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen. „Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der ‚Ersten Welt‘ schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und auf dessen Verständnis des Naturschutzes als ‚Festung‘,“ berichtete die Frankfurter Rundschau. „Europäer sehen Afrikas Bevölkerung als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents. Afrikas Nationalparks sind ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen Afrikaner und Afrikanerinnen in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor. Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, könne Naturschutz nur scheitern, sagt Kaddu Sebunya. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, meint der Sozialwissenschafter: Denn nichts ist für wilde Tiere gefährlicher als arme und unzufriedene Menschen“.

Bezogen auf die Perspektiven für Artenschutz-Gebiete in Afrika haben drei Naturwissenschaftler 2021 ihre Überlegungen als „Open-Access-Paper“ in den „Academia Letters“ veröffentlicht: Der Biologe Eric Djom Nana vom Kameruner Institut of Agricultural Research for Development sieht die Entwicklung der Wildtier-Reservate pessimistisch, was er in seiner Studie schon im Titel ausdrückt: „Das Paradigma des Naturschutzes in Zentralafrika ist gescheitert“.

Der südafrikanische Zoologe Mduduzi Ndlovu von der Universität in Mpumalanga schreibt, dass man neue Wege zum Schutz von Wildtieren und -pflanzen gehen muss und schlägt einen „Mixed-Land-Use“ vor, d.h. er fragt sich: „Könnte ein auf den ländlichen Communities basierender Tierschutz ein solches Modell dafür sein?“ Konkret denkt er dabei an die Integration von Rinderherden der Ngunis in die Reservate für Spitzmaulnashörner.

Der nigerianische Umweltforscher Jonathan Chukwujekwu Onyekwelu an der TU von Akure, Abteilung Forst- und Holztechnologien, setzt auf die unter den afrikanischen Menschen weit verbreitete Angst vor den Göttern, die zur Heiligung der Friedhöfe führte – und die deswegen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen, d.h. Rückzugsgebiete für bedrängte Arten sein könnten. Dabei sieht Onyekwelu allerdings eine Gefahr im Wechsel der Glaubenssysteme: Die Leute glauben nicht mehr an die (alten) Götter, das entheiligt die Friedhöfe, wodurch aus diesen Standorten für Wildtiere und Wildpflanzen lukrative Immobilien werden könnten.

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Leo Tolstoi auf seinem Pferd

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Alle Besendern

Die Biologen wollen allen Ernstes alle Wildtiere, die es noch gibt, mit GPS-Sendern ausrüsten. Alle. Und tatsächlich ist schon jetzt kein Tier mehr sicher vor den Betäubungsgewehren, –blasrohren, Fallen und Fangnetzen der Biologen, um sie mit verschiedenen technischen Geräten – Geolokatoren, eBirds, Funksendern, Infrarotkameras, Satellitensendern, Nanotags und anderen Geräten – auszurüsten, mit denen ihre Bewegungen in Raum und Zeit verfolgt werden. Ein einziger Satellitensender kostet laut Scott Weidensaul (in: „Auf Schwingen um die Welt: Die globale Odyssee der Zugvögel“ 2022) mehrere Tausend Dollar und die Jahresgebühren für die Satellitennutzung weitere Tausende. Zudem hat man angefangen, die Sender mit KI zu optimieren.

Der englische Biologe und Filmemacher Tom Mustill berichtet begeistert (in: „Die Sprache der Wale: Eine Reise in die Welt der Tierkommunikation“ 2023), dass inzwischen „Silicon Valley“ in das Projekt, die Sprache der Tiere mit Hilfe von KI zu verstehen, eingestiegen ist – mit vielen Experten und Zigmillionen Dollar. Ihr „Thinktank“ nennt sich „Interspecies Internet“.

Der TV-Sender SAT1 begleitete vor etwa 10 Jahren eine vierköpfige Familie beim Test von Überwachungs-Apps. Die Sendung hieß „Kinderkontrolle extrem“. Darin wollten Eltern wissen, wo sich ihre Kinder aufhalten. Die taz (v. 24.1.2026) schreibt: „Die Kinder sind sichtlich genervt. Von Rund-um-die-Uhr-Kontrolle spricht Tochter Joline und davon, dass das Ganze was von einer Fußfessel habe.“ Damals fanden viele Kommentatoren diese elektronische Kontrolle, mit der auch die Polizei arbeitet, noch „richtig krank“, aber seitdem hat sich die Einstellung zu dieser Technik gründlich verändert. „Vor zehn, zwanzig Jahren war das Tracking in Deutschland ein totales No-Go, heute ist es Normalität“, sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte, die eine 24jährige Tierpflegerin namens Elisa Mende zitiert: „Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen“.

2024 schrieb der „Tagesspiegel“, dass „auch in den Berliner Zoo die Künstliche Intelligenz eingezogen ist: Wenn die Löwen Mateo und Elsa derzeit lautstark brüllen, werden sie dabei genau vermessen. Ein spezielles Halsband mit Sensoren zeichnet ihre Bewegungen bis in die kleinsten Vibrationen auf. Gleichzeitig filmt eine Kamera, die im Gehege installiert ist, ihr Verhalten. Die Daten, die über das Halsband an Computer gesendet werden, sollen zum Artenschutz wildlebender Löwen beitragen.“

Da diese in afrikanischen Nationalparks ebenfalls mit Sendern bestückt werden, kann man sich fragen, was für einen Erkenntnisgewinn die Daten aus dem Westberliner Zoo dann noch bei der Erforschung wildlebender Löwen bringen sollen? Wahrscheinlich geht es bloß darum, das neue „Tool KI“ einzusetzen, um damit zu demonstrieren, wie modern doch dieser schrecklich veraltete und enge Zoo mitten im Stadtzentrum ist.

Der Münchner „Kommunikationsexperte“ Alexander Pschera veröffentlichte 2014 einen „Neuen Dialog zwischen Mensch und Natur“ (unter dem Titel „Das Internet der Tiere“ ), in dem er sich für die Besenderung von Tieren durch den Biologen Martin Wikelski und anderen Forschern begeisterte. Wikelski, der dazu ein Vorwort schrieb (er ist für Pschera „ein Humboldt des Digitalen“), veröffentlichte 2024 selbst ein Buch: „The Internet of Animals“, in dem er über die weltweite Besenderung von bisher 375.000 Tieren aus über 1000 Arten berichtet, die u.a. vom „ICARUS-Projekt“ der Max-Planck-Gesellschaft durchgeführt wurde, das er 2002 gründete. Über dieses hochdotierte Projekt hatte er im Jahr zuvor schon einen üppigen Bildband „Das ICARUS Projekt“ veröffentlicht, in dem er zusammen mit zwei Koautorinnen erläuterte, „wie wir Tiere aus dem All beobachten und gemeinsam das Leben auf der Erde schützen“.

Die Biologen müssen heute anscheinend immer betonen, wie wichtig ihre Forschung an Tieren und deren Besenderung für die Menschen, mindestens für ihre Geldgeber, ist. „Wenn wir die Wege kennen und sehen, da fliegt jetzt irgendwo in China z.B. ein Schwarm Weidenammern los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen“, erklärte der ICARUS-Projektleiter Friedhelm Claasen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt den guten Zweck der GPS-Sender an den Vögeln. Diese bleiben bis zu zwei Jahren an ihnen, bevor sie von selbst abfallen, bei kleineren Vögeln nach zwei Wochen.

Wikelski ließ für 30 Millionen Euro eine Empfangsantenne mit Computer entwickelt, die dann von den Russen an ihrer Weltraumstation ISS angebracht wurde. Von dort wurden die Signale via Internet zu den Wissenschaftlern zurückgesendet. Aber als Russland 2022 die Ukraine angriff, wurde die Kooperation mit Russland beendet, stattdessen entwickelte sein ICARUS-Projekt laut „tagesschau.de“ eigene Satelliten – „CubeSat“ genannt – für den Empfang der Daten ihrer mit Sendern bestückten Tiere. In kürze soll ihr erster „Mikrosatellit“, dessen Entwicklung rund eine Million Euro kostete, in den Orbit geschickt werden – zunächst mit einer Rakete der von Elon Musk gegründeten Firma „SpaceX“, aber irgendwann vielleicht mit einer „deutschen Rakete“.

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Die Revolutionärin Luise Michel im Rahmen

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Umerziehung

1937 sagte Mussolini in seiner Rede auf dem Berliner Olympiastadion: „Das Europa von Morgen wird faschistisch sein.“ Das hat nicht ganz geklappt, aber diesmal geht es um einen globalen Faschismus (BluBo plus HighTech). Um wegen der sich auch hierzulande vermehrenden Neonazis schon mal vorab an die Filmgeschichte der bei den Primärnazis nach 45 eingesetzten Umerziehung (Reeducation) zu erinnern, seien hier ein paar Filme erwähnt.

Zum einen ein US-Film, der von einen Hitlerjungen namens Fritz handelt, der in die USA kommt. Er ist zunächst rassistisch und rüpelhaft, aber nach und nach gelingt es der Familie, bei der er lebt, ihn mit Geduld und Entschiedenheit zu einem anständigen, Englisch sprechenden Amerikaner umzuerziehen. Als ein gelungenes Beispiel für die Entwicklung eines „autoritären Charakters“ zu einem „Demokraten“.

Eher unernst haben etwa zur gleichen Zeit die zwei sowjetischen Autoren Grigorij Kozintsev und Leonid Trauberg eine Agitpropsatire „Der Junge Fritz“ („Junij Fric“) veröffentlicht, der die verhängnisvollen Folgen des militant rassistischen Irrationalismus thematisiert: Ein dümmlich-rassenstolzer „Schädelvermesser“ kündigt den exemplarischen Lebensweg eines „idealen Nazis“ an, der bereits in der Wiege einen Helm auf hat, unter dem Sinnspruch „Wir denken nicht. Wir gehorchen“. Er wird zum brutalen Nazi-Landsknecht abgerichtet und gerät schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Man stellt ihn in einem Käfig aus…als Beispiel „für die Rückentwicklung des Menschen zum Affen“.

Nebenbeibemerkt: Es gibt jetzt eine „Agentur“, die sich „Der junge Fritz“ nennt, mit dem Zusatz „B2B“ – soll heißen Von Business zu Business. Auf ihrer Webseite heißt es: „Wir leben und arbeiten in Berlin. Der Hauptstadt. Ort der Inspiration. Der persönlichen Entwicklung. Und des wirtschaftlichen Wachstums. Unser Vorbild ist der Alte Fritz. Wie er glauben wir an Tugenden. Die Kraft der Tat. Die Mühen der Aussaat vor den Früchten des Erfolges. Und ein professionelles, kreatives und freundliches Miteinander. Wir stehen für hochwertige B2B-Kommunikation. Verfügen über reichlich Erfahrung bei der Entwicklung besonderer Marken, erklärungsbedürftiger Produkte und komplexer Dienstleistungen. Beherrschen die gesamte Klaviatur effizienter Kommunikation. Von der Strategie über die Kreation bis hin zu außergewöhnlichen Ideen. Offline ebenso wie online.“

Erst 1989 produzierte der Holocaust-Überlebende Artur Brauner den deutsch-polnisch-französischen Antifafilm „Hitlerjunge Salomon“. Auf Wikipedia heißt es: „Der Film erzählt das Leben des Juden Sally Perel, der als Mitglied der Hitlerjugend die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland überlebte. Als Vorlage diente die Autobiographie Perels.“ Als die Deutschen Polen überfallen schicken Sallys Eltern ihn und seinen Bruder von Lodz in die Sowjetunion, wo Sally in einem Waisenhaus in Grodno unterkommt und Russisch lernt. Als die Deutschen Russland überfallen und er in ihre Hände fällt, gibt er sich als „Volksdeutscher“ aus und dolmetscht für sie, die ihn schließlich in eine „Adolf-Hitler-Schule“ stecken. Gegen Ende des Krieges wird er im „Volkssturm“ eingesetzt. Während eines Gefechts ergibt er sich den russischen Soldaten und gerät in Gefangenschaft. Dort trifft er seinen Bruder wieder. Sie sind die einzigen Überlebenden ihrer Familie. Die „Süddeutsche Zeitungen urteilte über den Film: Er erzähle keine Tragödie, sondern vermische „Comic und Agitation zum Agitpop“.

Dies kann man eher über den 1933 gedrehten Spielfilm „Hitlerjunge Quex“ sagen: Heini, Sohn eines Kommunisten, wird von der kommunistischen Jugendorganisation in ein Zeltlager eingeladen. Laut Wikipedia wird diese „Organisation (in der Handlung fortlaufend als „Kommune“ bezeichnet) als liederlich, der sexuellen Ausschweifung ergeben und in ihrer Organisationsstruktur mafiös dargestellt.“ Heini missfällt all dies, er findet die Hitlerjugend viel attraktiver…Während einer Wahlkampagne verteilt Heini ihre Flugblätter in seinem Wohngebiet. Die Kommunisten haben jedoch nicht vergessen, dass er sie aus ihrer Sicht verraten hat, und ermorden ihn.“

Mein liebster Antifafilm ist der quasi vorab – 1927 – gedrehte Spielfilm „Salamandra“ des jüdisch-sowjetischen Regisseurs Grigorij Roschal. Es geht darin um das Schicksal des linken Vererbungsforschers Paul Kammerer, der „in einer alten Stadt“ lehrt, „in der die Faschisten an der Macht sind“. Kammerer versuchte mit Amphibienexperimenten zu beweisen, dass die Umwelteinflüsse sich auf die Erbanlagen auswirken (Lamarck statt Darwin). Das mißfiel den reaktionären Professoren und Geistlichen derart, dass sie seine Ergebnisse verfälschten. In Wahrheit bezichtete ihn 1926 die angloamerikanische Zeitschrift „Nature“ der Fälschung und Kammerer verübte daraufhin Selbstmord. Im Film wird er jedoch vom Volksbildungskommissar Lunartscharski persönlich gerettet, der für ihn ein eigenes Forschungsinstitut in Moskau bereit hält, was Lunartscharski tatsächlich Kammerer angeboten hatte – aber dank „Nature“, dem heutigen KI-Journal, zu spät.

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Der Philosoph Theodor W. Adorno als Faschingspascha

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Narzissen

Sind sie nicht furchtbar narzistisch – diese vielen jungen Frauen, deren Fotos in den sozialen Medien zeigen, wie sie sich lächelnd in ihren Smartphones spiegeln? Manche sogar noch mit einem großen Spiegel hinter ihnen. Sind sie Opfer oder Nutzer der Okulartyrannis?

Der Narzissmus übersetzt sich mit Selbstverliebtheit und Selbstbewunderung und ist meist peinlich und dumm. „Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein, bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen,“ meinte Susan Sontag. Und diese Norm wird wesentlich von Männern bestimmt.

Das „Sichzurechtmachen“, schrieb die Feuilletonistin Gabriele Tergit in ihren „Berliner Reportagen“, „sind Waffen im Lebenskampf geworden. Überall haben es die Hübschen und Gepflegten leichter. Die Hübsche verkauft mehr, der Hübschen diktiert der Chef lieber…Das ist grausam. Aber es ist so.“ Das schrieb sie vor dem Krieg.

Etwa zur selben Zeit, 1936, postulierte der Psychoanalytiker Jacques Lacan ein „Spiegelstadium“. Es tritt bei Kindern zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat ein. Dann erkennen sie sich erstmalig im Spiegel, was für die Entwicklung ihres Selbstbewußtseins (des Ichs) maßgeblich ist. Das Kind betrachte sich laut Lacan eingehend im Spiegel und begrüßt sein Bild mit einer „jubilatorischen Geste“ der Verzückung. Kann man sagen, dass auch die von sich verzückten jungen Frauen in einem Spiegelstadium stecken?

Das Lacansche „Spiegelstadium“ ist nahezu identisch mit dem „Schimpansenalter“. Auch Schimpansen erkennen sich irgendwann im Spiegel. Der sowjetische Psychologe Lew Wygotski schrieb in „Denken und Sprechen“ (1906): Der Kinderpsychologe Bühler und der Schimpansenforscher Köhler stellten fest, dass Kinder im vorsprachlichen Stadium zwischen dem 10. und dem 12. Monat „Leistungen ganz von der Art der Schimpansen erbringen, ja es gibt eine Phase im Leben des Kindes, die man nicht unpassend das Schimpansenalter wird nennen können. Im Schimpansenalter macht das Kind seine ersten kleinen Erfindungen, äußerst primitive Erfindungen natürlich, die aber geistig von größter Bedeutung sind.“

Später prüft man vor dem Rausgehen auf die Strasse nur noch kurz, ob man sich dort sehen lassen kann, auch wenn wohl möglich kein Schwein von einem Notiz nimmt. Die Feuilletonistin Sophie Passmann hat sich sogar von einem Schönheitschirurgen zurechtmachen lassen. Sie will damit zu den „Pick Me Girls“ gehören, wie ihr Bestseller 2023 hieß, in dem sie eine ungeschriebene aber allgemeingültige Regel geltend machte: „Der männliche Blick ist die höchste Währung“. Die Biologen sprechen vom „Survival of the Prettiest“, sie haben dabei aber die schönen Männchen im Blick, die untereinander um die eher schlichten Weibchen buhlen.

Das galt in der Antike auch noch für die Menschen: Im griechischen Mythos ist Narziss eine Jüngling. Bis heute haben sich viele Autoren und Künstler mit ihm beschäftigt. Am bekanntesten wurde dieser Mythos von Ovid: In seinen „Metamorphosen“ (1-8 n. Chr.) ist es der Flussgott Cephisos der die schöne Nymphe Liriope vergewaltigte. Sie wurde schwanger und gebar Narziss. Dieser war mit 16 Jahren ein außergewöhnlich schöner Jüngling, der von vielen Liebenden beiderlei Geschlechts begehrt wurde, aber alle zurückwies und sich stattdessen in sein eigenes Spiegelbild verliebte – und schließlich vor Sehnsucht dahinschwand. An der Stelle seines Todes fand sich kein Leichnam, sondern eine Blume, in der Mitte gelb und mit weißen Blütenblättern. Sie wurde Narzisse genannt.

Die Bezeichnung leitet sich von dem griechischen Wort „narkein“ – „betäuben“ – ab (vgl. Narkose). Die Echte oder Dichternarzisse, die Wikipedia zufolge „auch in Griechenland wächst, strömt tatsächlich einen sehr intensiven und betäubenden Geruch aus“. Diese „Narcissus poeticus“ blüht übrigens in Berlin noch immer. Von den Narzissen gibt es heute 24.000 Kulturformen, u.a. die Osterglocken. Sie zählen zu den Amaryllisgewächsen und blühen nur wenige Wochen.

Die Biologen haben derweil herausgefunden, dass den meisten Tieren ihr Spiegelbild gleichgültig ist. Viele vermuten darin ein fremdes Tier und einige greifen es sogar an.

In letzter Zeit tauchte wiederholt auch die Nazisse (Neonazisse?) in den Medien auf: eine Sympathisantin oder Mitstreiterin in einer deutschen Neonazi-Gruppe. Inwieweit sie eine ähnliche Selbstliebe hegt wie der griechische Narziss einst, hat man noch nicht näher erforscht, wohl aber ihren Fremdenhass.

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Der Südseesprachforscher Thor Heyerdahl mit einem toten Hai 

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Algen

Der Präsident des Thünen-Instituts in Braunschweig (in dem Boden-, Holz- und Fischereiforschung betrieben wird), der zugleich Vorsitzender des Bioökonomierats ist, forderte in einem Papier den breiten Ausbau von Aquakulturen auf Bauernhöfen, damit diese weitere Einkünfte erzielen. Durch die Integration von Aquakulturen in agrarische Produktionssysteme ließen sich Synergien erzielen. Mit Algenproduktionen etwa werden weltweit immer mehr Rohstoffe wie Öle oder Nahrungsgänzungsmittel erzeugt.

Der inzwischen heilig gesprochene russische Priester Pawel Florenski war ein Universalgenie und Pionier der Algenforschung. Er wurde 1933 verhaftet und kam ins Straflager auf den Solowki-Inseln im Weissen Meer. Er sollte sich dort mit Meeresalgen befassen und beim Aufbau einer Fabrik zur Gewinnung von Jod und Agar-Agar aus Algen helfen. In den darauffolgenden dreieinhalb Jahren gelang es ihm, dafür zehn Patente anzumelden. Daneben hielt er dort fast täglich wissenschaftliche Vorträge und schrieb Briefe (vier im Monat waren ihm erlaubt) vor allem an seine Kinder, seine Frau und seine Mutter – über 150 insgesamt. Sie wurden auf Deutsch 2001 im Dornacher Verlag „Pforte“ veröffentlicht unter dem Titel „Eis und Algen“, herausgegeben von Fritz und Sieglinde Mierau, die daneben auch für eine zehnbändige Ausgabe seiner Werke im Berliner Kontext-Verlag verantwortlich waren.

Im ersten Brief an seine Frau schrieb Florenski: „Kein Wunder, wenn bei so vielen ein- und ausgehenden Briefen die Zensoren an nervlicher Zerrüttung leiden“. Und: „Eigentlich sei er mit seiner Isolierung auf den Solowki-Inseln am Ziel seiner Wünsche angelangt. Als Jüngling habe er immer davon geträumt, ins Kloster zu gehen, jetzt lebe er im Kloster, nur dass es eben zum Lager gehört. Als Kind sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, auf einer Insel zu wohnen, Ebbe und Flut zu erleben und sich mit Algen zu befassen. Nun bin ich auf einer Insel, hier herrscht Ebbe und Flut, und ich werde bald mit Algen zu tun bekommen.“

Am 26.11. 1934 schreibt er an seinen Sohn Michail: „Es gibt hier viele Algen und wohl auch Muscheln. Die Stürme werfen die Algen (oder ‚Meerespflanzen‘, wie man sie auch nennt) auf den Strand, so daß sich Wälle von mehreren Kilometern Länge, 1 1/2 Metern Höhe und mehreren Metern Breite bilden. Diese Meerespflanzen sind eßbar (giftige gibt es gar nicht), aber ihre Zubereitung ist ziemlich kompliziert. In manchen Ländern werden sie leicht angekocht, dann getrocknet und so gegessen, aber das schmeckt nicht besonders. In Amerika, Japan, China, Indochina, England, Schottland u.a. Ländern werden Algen sehr viel gegessen, man macht die verschiedensten Dinge daraus. Konfekt, Konfitüre, Blancmanger [Mandelpudding], Kissél [Fruchtpudding], Speiseeis, Salate, Soßen, Sauermilchpudding, ich glaube sogar Gebäck. Bei uns sind wir noch nicht soweit, die Algen auf diese Weise zu verwenden, wir stellen aus ihnen nur Jod her. Man kann aus Algen viele verschiedene technisch wichtige Stoffe gewinnen: einen besonderen Klebstoff, das Algin, dann Zellulose, Mannit, verschiedene Lösungsmittel für die Lackindustrie, Kalisalze usw. Vorerst wird aus den Algen aber nur Jod gewonnen; die Algen werden zu Asche verbrannt, dann wird die Asche in Lauge gewaschen und in diesem Wasser das Jod aus dem Kaliumjodid freigesetzt. Die Asche enthält auch noch Chlorkalium, schwefelsaures Kalium, Soda, Bromkalium und andere nützliche Stoffe. Ich küsse Dich innig, lieber Mik. Folge Mamma, sei lieb zu ihr und vergiß Deinen Papa nicht.“

Als seine Nutzung der Algen in die Produktionsphase überging, wurde die Anlage aufs Festland verlagert und Florenski 1937 erschossen.

Auf der südkoreanischen Insel Jeju-do leben Muscheltaucherinnen, Haenyeos genannt, die auch Algen ernten, die sie trocknen und dann an die Lebensmittelindustrie verkaufen. Sie tauchen bis zu 20 Meter tief und können bis zu drei Minuten unter Wasser bleiben. Sie haben ein erweitertes Lungenvolumen und wie Wedellrobben nutzen sie die Milz als Sauerstoffreservoir. Beim Tauchen zieht sich das Organ zusammen, wodurch sauerstoffreiche rote Blutkörperchen in den Kreislauf gelangen und so einen längeren Tauchgang ermöglichen. Es gibt heute laut Auskunft ihrer Genossenschaft noch etwa 5000 Taucherinnen, ihr Altersdurchschnitt liegt bei weit über 50. Die Haenyeos sind matriachalisch organisiert, die Väter ihrer Kinder, meist Seeleute, spielen kaum eine Rolle auf der Insel und werden „Onkel“ genannt.

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Der Dramatiker Vaclav Havel mit Zementsack

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Hirse (1)

Am 9. Februar fand im Brecht-Zentrum eine Diskussion über Brechts Langgedicht „Die Erziehung der Hirse“ statt. Zwei Tage später ging es im Naturkundemuseum noch einmal um das Brechtgedicht. Beide Veranstaltungen und noch einige mehr fanden im Rahmen der „Brecht-Tage 2026“ statt – unter dem Titel „Die Erde, ‚die große Ernährerin‘‘. Brechts grüne Revolution“. Der kommunistische Dichter als früher Ökologe – ist das nicht übertrieben?

Unser kleiner 2000 gegründeter Biologie-Arbeitskreis, den wir „Anti-Darwin“ nannten, hatte sich schon einmal mit der „Erziehung der Hirse“ befaßt. Damals wurde fast täglich ein neues Gen isoliert: Neid-Gen, Schönheits-Gen, Eifersuchts-Gen etc.. Inzwischen ist der Gen-Hype abgekühlt, dafür gibt es nun einen KI-Wahn. Der Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch „Epigenetik“ (2009): Das „genzentrische Weltbild“ ist allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, meinte auch der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der Columbia University ‚angesichts eines ganzen Universums ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre lange Zeit abgelehnte Symbioseforschung findet sich inzwischen in den Lehrbüchern und es wurden etliche Forschungsinstitute dafür gegründet. Laut Margulis sind Genmutationen selten und oft schädlich, die Evolution verlief vielmehr über Symbiosen zwischen verschiedenen Arten. Im Übrigen meinte sie: Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen“.

In der Sowjetunion ging es in den Jahren nach 1928 darum, mehr Hirse von den Äckern der Kolchosen und auch Neuland zu ernten. Und zwar mit den antidarwinistischen Ideen des damals führenden Agrarbiologen der UDSSR Trofim D.Lyssenko und eine Reihe weiterer Agrarforscher. Brechts Gedicht entstand nach einem Bericht von Gennadi Fisch: „Der Mann, der das Unmögliche wahrgemacht hat“. Fischs Reportage erschien 1949. Brechts Gedicht wurde zuerst 1950 im „Neuen Deutschland“ veröffentlicht, dann von Paul Dessau vertont und im Oktober 1954 in Halle als „Poem“ uraufgeführt. Der Held im Gedicht, der erstmalig eine Hirse-Rekordernte erzielte, ist ein kasachischer Nomade: Tschaganak Bersijew. Und dies sollten ihm die anderen Kolchosen im Land nachmachen.

Im Jahr zuvor, 1953, war das Buch „Die Welt soll blühen“ des sowjetischen Biologiehistorikers Wadim Safonow erschienen. Dort heißt es – im Zusammenhang der Hirse-Ertragssteigerung: „Der Beschluß der Partei und der Regierung ‚Über Maßnahmen zur Sicherung stabiler Hirseerträge in den Dürrebezirken des Südostens der UDSSR‘ wurde am 26. Oktober 1938 angenommen…Die Führung in diesem Kampf um die Steigerung der Hirseerträge übernahm die Lenin-Akademie für Agrarwissenschaften und ihr Präsident Lyssenko“ – wo er dann die Konzeption einer „proletarischen Biologie“ entwarf, die sich zwar auf Darwin berief, jedoch gegen die „bürgerlichen Genetiker“ gerichtet war, die alle Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft mit genetischen Manipulationen erreichen wollten, damals aber noch weit davon entfernt waren, praktische Ergebnisse vorweisen zu können.

In all den sowjetischen Agrartexten ist viel von „Befehlen“, „Kampf“ und „großen Anstrengungen“ die Rede. Die Bücher und Kongressberichte wurden 1951 mit Gründung der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften von der DDR ins Deutsche übersetzt. Und nirgendwo ist darin von Fehlern, Pfusch, Drückebergerei oder geschönten Statistiken die Rede. Dabei weiß man doch: „Auch im Gehorchen liegt ein Widerstreben; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben.“ (Nietzsche) Zudem waren die Kolchosniks immer noch unzufrieden mit der Kollektivierung und die administrierten lyssenkistischen Vorschläge muteten ihnen noch mehr Arbeit als bisher zu. Gegen die Brechtsche und andere Kolchose-Propaganda äußerte der sowjetische Untergrunddichter Boris Jampolski 1975:

„Wenn [E.T.A.] Hoffmann schreibt: ,Der Teufel betrat das Zimmer‘, so ist das Realismus, wenn die [Sowjetschriftstellerin] Karajewa schreibt: ,Lipotschka ist dem Kolchos beigetreten‘, so ist das reine Phantasie.“

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Die Marxistin Rosa Luxemburg mit Geschenkkorb

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Hirse (2)

Der oberste Agrarforscher Trofim D. Lyssenko war für uns als Anti-Darwinist interessant und mit seinem partisanischen stets auf die Praxis gerichteten Vokabular sympathisch. Er sorgte dafür, dass die sowjetischen Genetiker ihre Forschungsstellen verloren. Sein Gegenspieler in der DDR als oberster Agrarakademie-Präsident wurde auf Weisung Ulbrichts der Genetiker Hans Stubbe, der alles tat, damit die Lyssenkosche Sowjetbiologe hier in der Agrarforschung nicht Fuß fassen konnte. Die DDR-Biologen danken ihm diesen Abwehrkampf noch heute.

Stubbe war ein Nazi, er führte laut Wikipedia während des Krieges „Sammelkommandos“ im Osten durch, „um Wild- und Kulturpflanzensortimente in den besetzten Gebieten zu rauben“. 1943 übernahm er die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kulturpflanzenforschung in Wien-Tuttenhof. Dort wurden neben ziviler Forschung an Kulturpflanzen auch militärisch relevante Projekte zur Unbrauchbarmachung landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den Einsatz von Unkräutern durchgeführt.

Lyssenko ging von der Möglichkeit der „Umerziehung“ von Pflanzen aus: Keimlingen wurde Intelligenz attestiert und Setzlingen solidarisches Verhalten. Einer der sowjetischen Genetiker, Nikolai Timofejew-Ressowsky, konnte sich dessen revolutionären „Wahn“ entziehen: Er ging nach Berlin-Buch und brachte es dort zum bedeutendsten Genetiker des Nationalsozialismus. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er u.a. in „Der Erbarzt“. Im Nationalsozialismus war die Biologie Staatsideologie. 1988 erschien in der DDR vom sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin ein verlogenes Porträt über Timofejew-Ressowsky: „Sie nannten ihn UR – Roman eines Lebens“.

Umgekehrt legte der amerikanische Genetiker Hermann Joseph Muller 1935 Stalin einen großen eugenischen Plan vor, den er „Aus dem Dunkel der Nacht“ betitelte: „Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu dienen…Echte Eugenik kann nur ein Produkt des Sozialismus sein“. Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die Frauenverbände, auch in den Zeitungen wurden solche und ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen kritisiert, zumal nachdem ab 1933 das faschistische Deutschland die Rassenverbesserung qua Biopolitik auf seine Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik spätestens ab 1941 für die sozialistische Sowjetunion quasi „verbrannt“ war, wobei das Ziel jedoch nicht in Frage gestellt wurde, das man aber eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und – bis zum Sturz Trotzkis – mit Psychoanalyse erreichen wollte. Der Genetiker Muller ging 1941 enttäuscht zurück nach Amerika. 1946 erhielt er für seine genetische Forschung an Fruchtfliegen (über die sich Lyssenko lustig machte), den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Von 1949 bis 1950 war er erster Präsident der „American Society of Human Genetics“.

Während Lyssenko im Westen als Scharlatan und Betrüger dargestellt wurde, ähnlich wie zuvor der linke Biologe Paul Kammerer in Wien, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus stark machte. Nach Kammerers Selbstmord wegen Fälschungsvorwürfen drehten der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen Anatoli Lunatscharski und dessen Ehefrau 1928 mit Geld aus der deutschen Arbeiterbewegung einen Film über ihn: „Salamandra“, der in Deutschland verboten wurde. Der Stalinpreisträger Lyssenko wurde 1956 als Akademiepräsident von Chruschtschow abgesetzt. Gänzlich verschwand der führende Biologe der UDSSR 1962. Er war laut Wikipedias Schmähartikel über ihn davon ausgegangen, dass „die Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden“.

Und dann war da noch der Harvard-Historiker Robert Conquest, dem das riesige außer Landes gebrachte Ukraine-Archiv zur Verfügung stand – für sein 1988 veröffentlichtes Buch „Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933“. Darin heißt es in völligem Ami-Unverständnis der russischen Revolution: „Wo [der monarchistische Innenminister] Stolypin ‚auf die Starken gesetzt‘ hatte, setzte Lenin auf die Schwachen.“ Das konnte ja nicht gut gehen! Stolypin wurde von einem Sozialrevolutionär erschossen. Warum die Rote Armee das nach der Einnahme von Berlin-Buch und Wien nicht mit Timofejew-Ressowsky und Stubbe tat, ist auch unverständlich.

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Friedrich Nietzsche auf seinem Bett

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Hirse (3)

Die bolschewistische Nomenklatur – Dorfarme-Mittelbauern-Kulaken – auf dem Land führte zu einer ebenso seltsamen wie überraschenden Biopolitik, die die Klassenherkunft wie früher die Rang- und Rasseabstammung anwendete. So mußten z.B. die Arbeiter in dem Roman „Waska in der Unterwelt“ (1989) von Sergej Antonow verheimlichen, dass ihre Kollegin ein aus der sibirischen Verbannung geflüchtetes Kulakenmädchen war. „Soll man sie bei der Miliz anzeigen oder nicht?“ Erst als sie Bestleistungen erbringt, kann sie sich langsam mit Unterstützung ihres Brigadiers von ihrem Geburtsmakel „befreien“.

Stalin verkündete 1927: „Wir sind übergegangen von einer Politik, die Ausbeutertendenzen des Kulaken zu beschränken, zu einer Politik, den Kulaken als Klasse zu liquidieren“. Gegenüber Churchill erwähnte er später einmal die Zahl „10 Millionen“, die davon betroffen waren – also enteignet, erschossen oder verbannt wurden. „Es war [damals] leicht, einen Menschen ins Gefängnis zu bringen,“ schreibt Wassili Grossmann 1955 in seiner Erzählung „Alles fließt“, die erst 1989 veröffentlicht werden durfte, aber dann sofort vergriffen war, auch in der DDR im Jahr darauf. „Du schreibst eine Denunziation; du brauchtest sie nicht einmal zu unterschreiben. Alles, was du sagen mußtest, war, daß er Leute bezahlt hatte, um für ihn als Tagelöhner zu arbeiten, oder daß er drei Kühe besessen hatte.“ Die Leute betrachteten die so genannten Kulaken „als Vieh…; sie hätten keine Seelen, sie würden stinken, sie seien Volksfeinde und beuteten die Arbeit anderer aus…Und es gab für sie keine Gnade“, selbst die Kulaken-Kinder waren geringer als eine Laus, schreibt Grossmann.

In den Dörfern selbst hatte sich jedoch ebenfalls etwas getan: Erst erlangten immer mehr mittlere Bauern die Kontrolle über die Sowjets – der Vertretung der Regierung auf dem Land, dann ließen sich hier und da auch schon Kulaken zu Kolchosvorsitzenden wählen. Siehe dazu: Diana Siebert „Bäuerliche Alltagsstrategien in der Belarussischen SSR (1921-1941)“ 1998.

Es war so ähnlich wie Alexander Solschenizyn es in bezug auf das Verhalten der zaristischen Offiziere 1917 beschrieb: Nach einer Schrecksekunde, da die Soldaten viele Offiziere mit Schimpf und Schande davongejagt oder erschossen hatten, verstanden diese es immer besser, auf der Revolutionswelle zu surfen – und sich sogar an die Spitze der revolutionären Bewegung zu setzen.

Mit der Zeit gerieten überdies der auf Anwendung bedachten „proletarischen Biologie“ von Lyssenko die „konkreten Bedingungen“ der Praxis immer mehr aus dem Blickfeld. Ein Beispiel aus der DDR:

Der spätere Produktionsleiter Hans-Peter Hartmann schloß 1973 an der LPG-Hochschule in Meißen sein Studium zum Diplom-Agraringenieur ab. Seine Abschlußarbeit bestand aus „Vorschlägen zur Erweiterung und rationelleren Nutzung moderner Milchproduktionsanlagen“. Um dafür die Note 1 oder 2 zu bekommen, mußte man eine noch nicht ins Deutsche übersetzte sowjetische Arbeit als Quelle benutzt haben, die meist von der „Mitschurinschen Biologie“ beeinflußt war. Hartmann fand eine von Admin und Savzan aus dem Versuchsbetrieb Kutusowska, in der es u.a. darum ging, den Färsen zwei mal täglich die Euter zu massieren: Das würde die Milchleistung später um ca. einen Liter täglich erhöhen. Als „Praktiker“ nahm Hartmann diese Empfehlung jedoch selbst nicht ernst. Ähnlich wurden damals viele lyssenkistische Empfehlungen in der Tier- und Pflanzenproduktion aufgenommen. „Wer hätte dafür Zeit gehabt, allen Färsen die Euter zu massieren und wieviel das gekostet hätte – dieses zwei mal tägliche Als-Ob-Melken?! Außerdem standen die meisten Färsen in Chrustschowschen Rinder-Offenställen, in denen sie frei herumliefen: Da wäre man gar nicht so einfach an die rangekommen“.

Häufig gerieten die Planvorgaben der Wissenschaftler und ihrer Forschungstationen mit denen der Kolchosen sogar in offenen Widerspruch: So berichtet z.B. der Leiter des Instituts zur Erforschung der Binnengewässer in Borok, Iwan Papanin, dass sie bei ihrem Vorhaben, die Fischzucht und -Fangergebnisse in den Stauseen der Mittleren Wolga zu verbessern, mit den Interessen der dortigen Fischereikolchosen kollidierten, die, um ihren Plan schnell und kräftesparend zu erfüllen, ausgerechnet in der Laichzeit rund um die Uhr und dazu noch mit äußerst engmaschigen Netzen arbeiteten, was ihnen dann von den Wissenschaftlern verboten wurde: Die Mitarbeiter der Station gingen zur Kontrolle ihrer Anordnungen selbst – bewaffnet – auf Patrouille.

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Die Brecht-Schauspielerin Käthe Reichel mit Antikriegsplakat

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Hirse (4)

Auf der Brecht-Veranstaltung im Brechtzentrum zeigte die aus Kasachstan stammende Filmwissenschaftlerin und Ethnologin Vettka Kirillova zu fünf Diskussionsteilen über Hirse fünf Filme mit z.T. altem sowjetischen Filmmaterial über die damalige kasachische Landwirtschaft und KI-Tricks. Daneben bot sie dem Publikum Tee aus gerösteter kasachischer Hirse an. Zuvor hatte sie im Zeiss-Großplanetarium bereits Filme über die „wissenschaftlich-technische Revolution“ in sowjetischen Filmen vorgeführt und dazu eine Einführung gegeben. Alles im Rahmen der „Brecht-Tage 2026“.

Wegen des thematischen Umfangs wurde ein Teil in der Diskussion ausgelassen: Die FAO – Food and Agriculture Organization der UNO. Sie hatte 2023 zum Jahr der Hirse erklärt und ihre Bürokraten eine Unzahl von Aktivitäten dazu initiiert: 1500 Einträge in den Sozialen Medien über Hirse gepostet, 320.000 Klicks auf ihrer Internetseite zu Hirse gezählt, 100 Veranstaltungen zum Thema in 35 Ländern organisiert, die internationalen Medien motiviert, 2250 Artikel darüber zu veröffentlichen, ihre Hirseinfos in 19 Sprachen übersetzen lassen, 100 Hirse-Videos drehen lassen und 10 Influenzer für ihr Hirseprogramm losgeschickt. Die Aufmerksamkeit der FAO richtete sich bei ihren Hirse-Propagandaaktivitäten vor allem auf Länder in Asien und Afrika.

In den Statistiken zum Hirseanbau in verschiedenen Regionen der Erde tauchen Russland, Kasachstan und die anderen Stanländer nicht auf, obwohl sie dort weiter angebaut wird. Dafür diskutiert man jedoch überraschenderweise den Hirseanbau in Deutschland: „Die wärmeliebende Sorghumhirse gilt als robust, nahrhaft und klimafit – doch in Deutschland fristet sie bislang ein Schattendasein. Das Projekt SorBOOM will das ändern: Mit genetischen Analysen, Züchtung neuer Hybriden und modernen Methoden wie Drohnentechnik und Genomeditierung soll Sorghum fit für den heimischen Acker gemacht werden,“ heißt es z.B. auf „pflanzenforschung.de“.

Der Gegensatz zwischen Genetik und Lyssenkoismus hat sich inzwischen erledigt: Fast überall auf der Welt geht es um genetisch veränderte Pflanzen, um die Ernteerträge zu erhöhen und eine Resistenz gegen Parasiten „einzubauen“. Wegen der Klimaerwärmung kommt nun die Hirse auch dort ins Spiel, wo man sie bisher zugunsten der anderen Getreidearten nicht angebaut hat, denn die Hirse verträgt große Hitze, gedeiht auch auf trockenen Böden und ist schnellwachsend. Deswegen will man in Deutschland schon mal den Hirseanbau planen, um vorbereitet zu sein und Erfahrungen mit der Pflanze zu sammeln. „Eine neue Kulturpflanze für Deutschland“ – so wird sie beworben. Bei Berlin gibt es bereits einen Biohof, der sie anbaut. In Asien und Afrika ist sie schon seit zigtausend Jahren bekannt. Dort geht es eher darum, wenigstens für die FAO, die Kleinbauern für ihren Anbau zu begeistern.

Das ist insofern neu als die bisherigen Anstrengungen dahin gingen, nicht nur die Nomaden zur Seßhaftigkeit zu veranlassen, sondern auch große konkurrenzfähige Agrarbetriebe zu fördern, die entweder die Kleinbauern zum Aufgeben ihrer Felder und zum Abwandern in die Städte zwingen oder sie von den Großbauern als Landarbeiter, Cowboys etc. zu beschäftigen. So wie einst im Osten die Kolchosen immer größer wurden, wurde auch im Westen immer eine Agrarpolitik favorisiert, die den großen Landwirtschaften zugute kam: Wachsen oder weichen. Dort wurden jedoch die „Kulaken“ liquidiert, hier wurden und werden sie gefördert.

Zuletzt, 2017, ließ Lukaschenko die Kolchosen in Weißrussland auflösen. Die 347 Kolchosen des Landes wurden „reorganisiert“ und in juristisch selbständige Wirtschaftsunternehmen oder Kommunalwirtschaften umgewandelt.

Im Kapstädter Museum „Mayubuye-Archives“ der University of the Western Cape (UWC) befindet sich kurioserweise ein „Kolchose“ genannter Kasten, den sich Gefangene auf Robben Island gebastelt haben. Dazu zählte über zwei Jahrzehnte lang auch Nelson Mandela. Die frühere Gefängnisinsel liegt etwa 12 Kilometer vor Kapstadt. Die „Kolchose“-Kiste war mit Zeitschriftencovern beklebt und enthielt Dinge von Wert für die Gefangenen wie Zigaretten und andere Dinge, die sie miteinander teilten. „Der Inhalt stand allen zur Verfügung – egal, ob er etwas zur Kisten beigetragen hatte oder nicht. Durch diese Box entstand ein Gefühl von Gemeinschaft und Teilungsbereitschaft, das von gegenseitiger Fürsorge geprägt war,“ heißt es im Katalog zur Archivausstellung „Every Artist Must Take Sides“ (2025/26) über die beiden angloafrikanischen Aktivisten Eslanda und Paul Robeson in der Berliner Akademie der Künste.

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Der Germanist Friedrich A. Kittler am Tisch

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Hirse (5)

Ich kannte Hirse immer nur als Vogelfutter. Meine Eltern hatten in ihrer Wohnung ein großes Beet mit Pflanzen. Als ich mit 12 ein Paar Webervögel in einem kleinen Käfig geschenkt bekam, ließen wir die beiden Vögel frei und hängten mehrere Kugelnester für sie zwischen die Pflanzen, die auch von ihnen angenommen wurden. Zu fressen bekamen sie Kolbenhirse und gelegentlich Kräuter. Die beiden Webervögel, Afrikanische Silberschnäbel, vermehrten sich schon bald. Einmal fing ich einen alten Spatz in unserer Straße, der Atemprobleme hatte, vielleicht Asthma, und nur noch kurze Strecken fliegen konnte. Ich ließ ihn in unserer Wohnung frei, er gesellte sich sofort zu den inzwischen 11 Webervögeln und ernährte sich ebenfalls von der Hirse, der ihm anscheinend gut tat, denn er lebte noch einige Jahre und hatte irgendwann auch keine Atemprobleme mehr. Für die Kugelnester war er zu groß, deswegen schlief er auf ihnen. Irgendwann taten es ihm einige junge Webervögel nach.

Der sowjetische Schriftsteller Andrej Platonow berichtet in seiner Erzählung „Staatsbewohner“ (1927/2025) von einem russischen Dorf namens Kosma, wo ein gewisser Pjotr Jewesejewitsch sich fragte: „Sind womöglich Vögel an der Hirse? Die werden die jungen Körner picken, und wovon soll sich dann die Bevölkerung ernähren?“ Eilig ging er zum Hirsefeld „und ertappte dort tatsächlich fressende Vögel“: Spatzen , die er vertrieb. Zu Beginn der Nacht ging er in seine Wohnung zurück. „Auch die Spatzen waren jetzt ruhig, sie werden nicht Hirse futtern kommen; über Nacht werden die Körnchen an den Rispen weiter reifen und erstarken – und morgen wird das Auspicken schon schwerer sein.“ Damit beruhigte er sich. Und wenn sie die Körner doch auspicken? Sollen sie doch, sagte er sich.

Auf „vogelwunderland.de“ heißt es, dass neben dem Sperling auch Kanarienvögel, Wellensittiche und Zebrafinken „Hirse als Nahrung bevorzugen“. Das Forum „wirfuerstier.de“ gibt jedoch zu bedenken: „Obwohl sie vergleichsweise fettarm ist, kann Hirse bei Heimvögeln zu Übergewicht führen. Der Grund dafür ist, dass viele Tiere sie häufig in sehr großen Mengen verzehren, wenn sie die Möglichkeit dazu haben. Kolbenhirse und Rispenhirse sollten deswegen nur in kleinen Mengen und als gelegentliche Leckerbissen gereicht werden.“ Weil wir das damals nicht wußten, gaben wir ihnen so viel Hirsekolben wie sie wollten. Es schadete ihnen nicht.

In dem Buch des amerikanischen Forschungsreisenden Peter Matthiessen „Die Könige der Lüfte. Reisen mit Kranichen“ (2001) berichtet der Autor über seine Besuche der Brut-, Rast- und Überwinterungsplätze der 15 heute noch lebenden Kranicharten in Russland, Asien, Europa, Australien und Nordamerika. Zusammen mit dem Gründer der „International Crane Foundation“ (ICF) George Archibald fuhr Matthissen nach Rajasthan und dort in das Dorf Khichan, wo sich jainistische und hinduistische Händler zusammengetan haben, um für Hunderte überwinternder Jungfernkraniche zu sorgen. Diese sind zwar im Gegensatz zu den Saruskranichen argwöhnischer, aber an Khichan haben sie sich gewöhnt, schreibt er. Sie fliegen zweimal täglich über das Dorf und lassen sich dann auf einem „60 mal 90 Meter großen Gehege nieder, das mit Stacheldraht eingezäunt ist, um Schweine, Hunde und Kinder fernzuhalten.“ Dort werden die etwa 5500 Vögel gefüttert: 6800 Kilogramm feine weiße Hirse täglich. „Mit Hilfe einheimischer Stiftungen wird dieses Opfer seit 20 Jahren dargebracht.“

In Australien beobachtete Matthiessen ebenfalls zwei Kranicharten. Die Brolgakraniche, auch Wüstenkraniche genannt, halten sich auf Farmland im Outback Nordwestaustraliens auf, wo Hirse und Baumwolle angebaut wird, die man aus Reservoirs bewässert. Die großen Vögel, mit einer Flügelspannweite von 2,5 Meter, pickten nicht nur an den jungen Hirsepflanzen, „sondern stachen auch tief in den Boden und holten diese komplett mit den Wurzeln heraus. Die Farmer schossen oder vergifteten sie deswegen. Aber als dies zunehmend kritisiert wurde, hörten sie damit auf. Die Saruskraniche hatten ihre Nester in einer unbewohnten Region mit Savannen und Sumpfwäldern im westlichen Queensland, wo sich auch das Brutrevier der Brolgakraniche befand. Matthiessen besuchte dort eine Viehzuchtstation. Vor einigen Jahren hatte die Regierung die 500.000 Hektar große Ranch, auf der 27.000 Rinder grasten , für 2,5 Millionen Dollar gekauft und sie den Aborigines übergeben, die einen weißen Geschäftsführer eingestellt hatten und selbst als Cowboys arbeiteten. Für die Aborigines ist der Brolgakranich „ein Kamerad“, wie die weißen Ranger sagen, um den sich viele ihrer Mythen ranken.

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Der Pilzforscher Merlin Sheldrake mit einem Pilz in seinem Buch

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Anpassung

Um sich zu entwickeln, muß man sich angeblich anpassen, das heißt sich den Anforderungen der Umwelt stellen. Man sagt, diese und jene Tiere seien „perfekt an ihre Umwelt angepasst“. Aber für Nietzsche setzt Entwicklung im Gegensatz zu den Anhängern der Anpassungstheorie (Darwin/Spencer) die Fähigkeit voraus, sich selbst aktiv und tiefgreifend zu verändern. Das ist keine Frage des Bewusstseins, sondern des Leibes. Nietzsches Bündnispartner ist dabei der Mediziner Rudolf Virchow und dessen Zelltheorie, die Dezentralisierung des lebendigen Subjekts, die es ihm erlaubt, jegliche Zentralisierung zu verwerfen: laut Stiegler „das Gehirn (das zentrale Nervensystem) und das Herz (das Zentrum des Blutkreislaufs) – doch auch und vor allem die Illusion einer Zentralisierung durch das Bewusstsein“.

Die Zellen, das sind für Nietzsche „jene kleinsten lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituieren“. Wir sind jeder für sich ein Wir. „Wo Leben ist“, da ist für Virchow „eine genossenschaftliche Bildung“. Nietzsche schreibt: „der freie Mensch ist ein Staat und eine Gesellschaft von Individuen“ Für die Mikrobiologen ist das heute schon fast ein alter Hut. Denn für sie sind wir keine Individuen mehr sondern Holobionten. Man muß (mit Nietzsche/Stiegler) die Anpassungsthese der Biologen umkehren. Jedes Mal, wenn sich ein Lebewesen von der äußeren Wirklichkeit ernährt, ist es das Wirkliche, das sich dem Lebendigen anpasst und nicht umgekehrt.

Am Beispiel von Seeottern hat der Meeresbiologe Joe Roman (in: „Eat Poop Die“ 2024) dargestellt, wie eine Umwelt sich ihnen anpasst – nicht nur durch ihre Ernährungsweise, sondern auch durch ihre Ausscheidungen. An der amerikanischen Westküste lebten einst Millionen Seeotter. Ihr Pelz war so wertvoll wie zehn Biberpelze. Als 1911 die kommerzielle Jagd eingestellt wurde, waren 99 von 100 Tieren getötet worden. „Nur wenige hundert Otter in isolierten Populationen in Kalifornien, Alaska, Russland und Japan hatten überlebt.“ Joe Roman meint: Weil sich die Jagd auf sie nicht mehr lohnte, hatte Russland seine Kolonie Alaska schon 1867 an die USA verkauft.

Nach Einstellung der Jagd erholten sich die Otterpopulationen langsam wieder, aber 1965 genehmigte der US-Präsident drei unterirdische Atombombentests auf der zu den Aleuten zählenden Insel Amchitka. Dagegen gründete sich damals die Umweltschutzorganisation Greenpeace und der Biologe John Vania rechnete den Verantwortlichen vor, wie viele Seeotter bei den Atomtests sterben würden. Er schlug vor, sie zu evakuieren. Man stellte daraufhin den Otterrettern ein Flugzeug zur Verfügung, die 50 Otter auf einmal in die von Russen gegründete Alaskasiedlung Sitka transportierte.

Die Tiere wurden mit Netzen gefangen. In Sitka lud der Biologe Jerry Dipka die gestressten Seeotter in ein Wasserflugzeug, das sie zu ihren neuen Habitaten an der Westküste bis nach Kalifornien flog – 710 Tiere insgesamt. Weitere 43 Amchitka-Otter wurden auf Vancouver Island freigelassen. 3000 Otter waren auf Amchitka zurückgeblieben, von ihnen überlebte nur jeder zehnte den Atomtest 1971.

Vor den Fangaktionen hatte man untersucht, wie sich die Otter auf die Seetangwälder ausgewirkt hatten. Auf den Otterinseln gab es ausgedehnte Tangwälder mit spärlichen Populationen von Seeigeln, Seepocken und Muscheln. Die otterlosen Inseln waren fast tangfrei, anstelle von Algen gab es riesige Muschelbänke, Seepocken und jede Menge Seeigel. Diese ernähren sich von den Tangpflanzen, „wobei sie deren Haftorgane fressen, die die Algen am Meeresboden festhalten. Sobald der Seetang losgeschnitten ist, stirbt er jedoch ab. So schaffen sich die Seeigel Brachen fast ohne Seetang, aber dafür mit einer Überpopulation ihrer eigenen Art. Indem sie die Seeigel fressen, reduzieren Otter deren Verzehr der Makroalgen, wodurch die Tangwälder gedeihen können“, die dann wieder zur „Kinderstube und Heimat für Hunderte von Fisch- und Wirbellosenarten“ wird. „Die Anwesenheit der Otter veränderte alles…Die Umsiedlungen gaben Aufschluss darüber, wie die Wiederherstellung einer einzelnen Art zu einer ökologischen Transformation führen kann.“ In Sitka, dem ehemaligen Zentrum des Pelzhandels, werden nun Touristenfahrten angeboten, um von Booten aus Seeotter und Wale im Sitka Sound zu beobachten.

In den Jahrzehnten seit ihrer Evakuierung ist die Otterpopulation im Nordpazifik wieder auf etwa 125.000 Tiere angewachsen. Zwischen 1988 und 2003 fraßen sie 99 von 100 Seeigeln im Sitka Sound und die Tangwälder nahmen in der Region um mehr als 99 Prozent zu. Sie bieten Nahrung und Schutz für mehr als 800 Arten. Alle scheiden Stickstoff in die umliegenden Gewässer aus, die der Seetang aufnehmen kann. „Das passiert nicht in einem unfruchtbaren Seeigel-Ödland,“ schreibt Joe Roman, dem es im Gegensatz zu den meisten Ökologen, die die Nahrungskreisläufe „bottom-up“ erforschen, um das Gegenteil – „top-down“ geht, also wie die Tiere die Umwelt verändern.

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Der Wikileaksgründer Julian Assange unter einem grünen Schirm

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Seelenstärke

Der Biologe Bernhard Kegel schreibt in seinem Buch „Epigenetik“ (2009): Das „genzentrische Weltbild“ ist allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, meinte auch der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der Columbia University ‚angesichts eines ganzen Universums ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre lange Zeit abgelehnte Symbioseforschung findet sich inzwischen in den Lehrbüchern und es wurden etliche Forschungsinstitute dafür gegründet. Eines ihrer Bücher „Die andere Evolution“ hat man 2018 neu veröffentlicht – unter dem Titel „Der symbiotische Planet oder wie die Evolution wirklich verlief“. Laut Margulis sind Genmutationen selten und oft schädlich, die Evolution verlief vielmehr über Symbiosen zwischen verschiedenen Arten. Im Übrigen meinte sie: Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen“.

In ihrem Band „Tausend Plateaus“ (1993) begreifen der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychoanalytiker Félix Guattari „die Geschichte des Lebens“ als Werden. „Werden besteht gewiß nicht darin, etwas nachzuahmen oder sich mit etwas zu identifizieren; es ist auch kein Regredieren-Progredieren mehr; es bedeutet nicht mehr, zu korrespondieren oder korrespondierende Beziehungen herzustellen; und es bedeutet auch nicht mehr, zu produzieren, eine Abstammung zu produzieren oder durch Abstammung zu produzieren.

Das Werden ist keine Evolution, zumindest keine Evolution durch Herkunft und Abstammung. Das Werden produziert nichts durch Abstammung, jede Abstammung ist imaginär. Das Werden gehört immer zu einer anderen Ordnung als der der Abstammung. Es kommt durch Bündnisse zustande. Wenn die Evolution wirkliche Formen des Werdens umfaßt, so im weiten Bereich von Symbiosen, in dem Geschöpfe völlig unterschiedlicher Entwicklungsstufen und Tier- oder Pflanzenreiche zusammenkommen, ohne dass irgendeine Abstammung vorliegt…Wenn der Neoevolutionismus seine Originalität unterstreichen konnte, so lag das zum Teil an solchen Phänomenen, bei denen die Evolution nicht vom weniger zum höher Differenzierten geht und nicht länger eine abstammungs- und erbschaftsmäßige Evolution ist, sondern vielmehr kommunikativ oder ansteckend wird. Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht.“

Deleuze und Guattari haben dieses „Werden“ vom Philologen Nietzsche übernommen, der es von Heraklits „Fluss des Werdens“ her begriff, in dem „nichts mit sich selbst identisch bleibt“. Und der sich „ab dem Sommer 1876 mit nichts anderem mehr beschäftigt hat als mit Naturwissenschaften, Medizin und Physiologie“, das die französische Philosophin Barbara Stiegler in ihrem Buch „Nietzsche und das Leben“ (2025) thematisiert. Zwar hat er dabei auch intensiv die Evolutionstheorie von Darwin studiert, aber sie reichte ihm nicht aus, „um das Leben einzufangen“, das eine weitere Aktivität voraussetzt: die Ernährung – „Einverleibung“ im weitesten Sinne. „Evolution und Einverleibung sollten [ihm] fortan als die zentralen Probleme der Philosophie gelten“, die keine Metaphysik mehr ist. Ähnliches hat dann der russische Dichter Ossip Mandelstam unternommen: „Ich habe mein Schach auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“

Nietzsche ging dazu vom damals beginnenden Industriezeitalter aus, das zu einer „Beschleunigung der Lebensrhythmen sowie in der zunehmenden Auflösung aller Eingrenzungen“ führte. In seinen nachgelassenen Fragmenten 1884 heißt es: „Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroenglaubens als der Ahnherren). Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete), Eisenbahn, Telegraph. Centralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in Einer Seele: die dazu stark und verwandlungsfähig sein muß.“ Was sie aber nicht ist.

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Der Guerillakämpfer Che Guevara auf einem Traktor

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Empathie

Empathie, Mitgefühl, ist das Gegenteil von Ekpathie, kein Mitgefühl oder die Ablehnung von Einfühlungsvermögen. Ein schönes Beispiel dafür ist ein Satz des erschossenen Trump-Propagandisten Charlie Kirk: „Ich kann das Wort Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundenes New-Age-Wort – und es richtet großen Schaden an.“

Der Begriff der Empathie bzw. der Einfühlung hat seine Ursprünge in der Romantik. „Er spielte bereits bei Herder und Novalis eine wichtige Rolle, wurde aber erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem terminus technicus weiterentwickelt, um ein inneres Nachvollziehen zu bezeichnen,“ schreibt Íngrid Vendrell Ferran im „Handbuch der Kunstphilosophie“ (2022).

In Dänemark lernen Kinder in der Schule nicht nur Lesen, Schreiben und Rechnen – sondern auch Mitgefühl. Empathie ist ein eigenes Schulfach für alle zwischen 6 und 16 Jahren. Auf „kontrast.at“ heißt es dazu: „So verbessern sie ihre sozialen Fähigkeiten und stärken den Zusammenhalt in den Klassen. Das zeigt sich auch in den Zahlen zu Mobbing: Laut einer Studie des dänischen Instituts für öffentliche Gesundheit sank der Anteil der Jugendlichen, die regelmäßig Opfer von Mobbing wurden, von 24,4 % im Jahr 1994 auf 6,3 % im Jahr 2022.“

Das ist wahrscheinlich grober Unfug, denn immer wenn Lehrer etwas Neues mit Engagement erproben, haben sie anfänglich Erfolg. Man weiß das aus Indien, wo alle nasenlang eine neue private Modellschule gegründet wird. Sie hat jedesmal erstaunliche Erfolge, aber dann kommen die Mühen der Ebene, der Alltagstrott. Auf Dänemark bezogen: das „Mobbing“ nimmt dann wieder sozusagen normale Ausmaße an.

Schlimmer noch: Weil das „Mobbing“ wie fast alles aus Amerika kommt, ist sogar zu erwarten, dass es zu einer Mode unter Schülern wird. Auch bei den Opfern: Das ist so wie beim „Stalking“: In Kalifornien engagieren Schauspieler sogar Stalker, weil wer nicht gestalkt wird, der ist nichts. Denkbar wäre es also, dass dänische Schüler nach Hause kommen und rufen: „Mami, ich bin heute gemobbt worden!“ Und die ganze Familie freut sich, weil das bedeutet, dass seine Mitschüler ihn zur Kenntnis genommen haben. Das wird aber nicht passieren, denn es ist ja schon ein meldepflichtiges Mobbing, wenn man einem Mitschüler ein oder zwei Kröten in die Schultasche packt – fast ein Verbrechen, schon allein unter ökologischem Aspekt, denn bei den Kröten handelt es sich meist um eine geschützte Art.

Zudem ist der Empathie-Unterricht nur ein hilfloser Versuch der dänischen Behörden, die Umwandlung des skandinavischen Sozialstaats in ein neoliberales xenophobes Allerweltsland, das egoistischen Individualismus und Nach-Unten-Treten verlangt, zu kaschieren.

Von der Empathie abgeleitet ist das Wort Empathogen – ein Wirkstoff, der laut Wikipedia „dazu führt, dass die unter seinem Einfluss stehende Person das Gefühl hat, mit anderen Menschen zusammen eine Einheit zu bilden, sie zu verstehen, mit ihnen gemeinsam zu fühlen.“ Die dänischen Jugendlichen werden diesen Empathie-Wirkstoff sicher dem Empathie-Schulunterricht vorziehen.

Zu den empathogenen Wirkstoffen zählen „Ecstasy“ und die „Designerdroge Methylon“ (MDMA). Bis zu ihrem Verbot in den 1980er Jahren wurden diese Drogen in der Psychotherapie eingesetzt, „da sich der Patient unter ihrem Einfluss seinem Therapeuten öffnet und dieser leichteren Zugang zum Patienten und dieser leichter zu sich selbst findet.“ Vor allem nahmen sie jedoch die Besucher in den Technoclubs, u.a. um das ganze Wochenende durchzutanzen – und sich mit allen anderen, die durchhielten verbunden zu fühlen, „eine Einheit zu bilden“. Aber auch, weil sie den Geschlechtstrieb verstärkten, der bereits durch die körperliche Aktivität Tanzen, den Sound, das Halbdunkel, die Lichtblitze etc. angeregt wurde. Südafrikanische Mediziner fanden heraus, dass bereits Trommelrhythmen den Eisprung auslösen können.

Wikipedia erwähnt eine Studie, die dagegen nahelegt, dass das soziale Verhalten unter Einfluss von MDMA eine „verminderte Wahrnehmung von bedrohlichen Gesichtsausdrücken“ bewirkt. Die Autoren der Studie schlossen daraus, dass durch die Droge soziale Annäherung – hier durch Ausblenden von Risiken – gefördert wurde und nicht soziale Einfühlung: Empathie. Das hört sich an als hätten die Autoren der Studie den Auftrag gehabt, zu beweisen, dass MDMA und Exstacy den Kids in den Clubs, in der „Club-Kultur“, wie man sagt, nicht gut bekommt, also dass die unter Droge stehenden jungen Menschen sich die „Einheit“ auf der Tanzfläche nur einbilden, weil die Droge sie allesamt verblödet hat. Ich glaube diesen Medizinern jedenfalls kein Wort.

Mein Empathievermögen ist dagegen eine nüchterne „déformation professionell“: Ich habe so viele Menschen in meinem Leben interviewt, das heißt: mich in sie reinversetzt (selbst in die größten Arschlöcher), dass ich inzwischen selbst Mitgefühle mit einem Grashalm entwickel, wenn jemand ihn platt tritt. Erst recht, wenn es einem Tier schlecht geht. Dies mag jedoch damit zusammenhängen, dass ich 2005 hinterrücks in eine  Anthropause geriet. 

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Die Animismusforscherin Nastassia Martin in der Steppe

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Wüsten

Seltsam: Der Sahara-Reisende Wolfgang Büscher schreibt in seinem Buch „Der Weg“ (2025): „Wohin ich auch ging, ich blieb unter meinesgleichen ein Mann unter Männern. Immer nur Männer. Nie Frauen…Es fehlte die Grundspannung – die der Geschlechter. An diesen Orten [Oasen] knisterte nichts.“

Ich bereiste dagegen zwei Mal die Wüste Gobi – und traf immer nur Frauen, nie Männer. Zunächst meine Fahrerin, eine junge Kasachin, und dann die Vorsitzendenden von 80 Agrargenossenschaften. Eine erzählte mir, warum das so war: Die Männer bekamen von den aufgelösten Kolchosen das Vieh, aber sie wanderten damit nicht, was jedoch in der pflanzenarmen Gobi notwendig ist und dann starben ihnen während zweier extremer Winter fast alle Tiere. Daraufhin probierten sie sich als Händler, aber sie waren den gewieften Chinesen nicht gewachsen. Woraufhin sie bloß noch deprimiert rumsaßen, aßen und sich betranken, so dass „wir Frauen uns schließlich zusammen taten“, Genossenschaften gründeten, dann in der Kreisstadt Geld verdienten, davon Vieh kauften und es so an die Frauen verteilten, dass jede die gleiche Anzahl besaß. „Unsere Genossenschaften ähneln den früheren Kolchosen, nur dass wir jetzt selbst bestimmen, was zu tun ist.“

In der Sahara bekam Büscher gesagt: „Denk immer dran, Du bist [als weißer Tourist] eine Handelsware“ – also Vorsicht. Es gibt dort bestechliche Soldaten, illegale Goldgräber, Menschenschmuggler, Räuber.

Am Rande der Gobi trifft man höchstens Goldschürfer, Familien die am Sonntag Picknick machen, wobei der Mann in den Flüssen Gold aussiebt. Und die „Touristenfalle“, das sind dort die vielen Steine: Wenn man anfängt, sie zu sammeln, guckt man nur noch nach unten.

Büscher steuerte mit seiner Tuareg-Führern eine Einsiedelei unweit der Oase Tamanrasset im Süden Algeriens an, die sich der französische Offizier Vicomte Charles de Foucauld auf einem windumtosten Berg gebaut hatte, um dort als Eremit ein Wörterbuch der Tuaregsprache zu verfassen und die Nomaden zu missionieren. Er wurde 1916 von Anhängern des libyschen Senussi-Ordens ermordet.

In der Gobi fragte ich nach der Festung von Dampignak, der sich zum Herrn über die Südgobi aufschwang – und die russischen sowie chinesischen Okkupanten bekämpfte. Bis er von den Russen gefangen genommen und in Sibirien inhaftiert wurde. Die Revolution befreite ihn: Kein geringerer als der Schweijk-Autor Jaroslaw Hasek, der als Kommissar der Roten Armee in Irkutsk für die Kriegsgefangenen zuständig war, entließ Dampignak in die Heimat, wo er erneut den Freiheitskampf aufnahm – gegen die Kosaken des Weißen Barons Ungern von Sternberg, der zuvor die Chinesen vertrieben und Ulaanbataar erobert hatte. Dessen Truppen wurden 1921 vom mongolischen Aufstandsführer Sukhbaatar mit Hilfe der Roten Armee besiegt und vernichtet. Wenig später ließ Sukhbaatar auch Dampianak umbringen, der sich mit seinen Leuten in seine Festung zurückgezogen hatte.

So wie Büscher den berühmten „Charles de Jesus“ aus Büchern kannte, wußte ich von Dampignak aus den Büchern des Konstanzer Drogisten Fritz Mühlenweg, der in den Dreißigerjahren mehrmals mit Kamelen von China aus in die Gobi aufbrach: „Drei Mal habe ich die Mongolei bereist und jedes Mal war es schöner.“ 1973 hat die Mongolistin Veronica Veit Näheres über Dampignak in den „Serta Tibeto-Mongolica“ veröffentlicht.

In der Sahara wie auch in der Gobi leben Wildesel, ich sah die scheuen Tiere kurz im Vorbeifahren. Hier wie dort gibt es auch Kamele, ebenso neolithische Felsmalereien und endlose „singende Sanddünen“. Während die Tuareg unterwegs kleine Vogeltränken bauen, u.a. für den Saharasteinschmätzer, schaffen die mongolischen Besitzer von Touristencamps beim Bau ihrer Gebäude Nistplätze unterm Dach, die bei Spatzen, Schwalben und Finken begehrt sind.

Im Gegensatz zu Büscher und mir ist der Fotograf Michael Martin ein wahrer Wüstenkenner. Er kennt sie alle, auch die Eiswüsten. Seit 35 Jahren berichtet er über sie, anfänglich in Form von Diavorträgen in Kulturhäusern. In seinem Buch „Das Wesen der Wüste“ (2019) beklagt er unaufdringlich ihre Belebung durch unschöne Kommerzialisierung. Ähnlich, wenn auch ironischer, kritisiert Tyson Yunkaporta, der dem Apalech Clan der Aborigines angehörende Dozent für Indigenes Wissen an der Universität von Melbourne, die nach wie vor unschöne Kolonisierung Australiens durch die „domestizierten Weißen“ (in: „Sand Talk“ 2025). Obwohl er den Kontinent kreuz und quer ergründete, ist von den großen Wüsten dort kaum die Rede.

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Der Maximo Lider Fidel Castro mit einem Bären an der Leine 

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Drogen

Ein Pharmalobbyist behauptete: „Eine Gesellschaft, die meint, auf Psychopharmaka verzichten zu können, ist krank.“ Mit den Beatniks, Hippies und den rebellierenden Studenten verbreiteten sich Cannabis und LSD sowie Mescalin und Psilocybin („Magic Mushrooms“). Dort hieß es: „Turn on, tune in, drope out!“ und hier: „High sein, frei sein, Terror muß dabei sein!“ Der Psychologieprofessor Timothy Leary veranstaltete an der Harvard-Universität LSD-Sitzungen zur „Bewußtseinserweiterung“.

1968 bat der „New York Times“-Herausgeber Arthur Sulzberger den Beat-Dichter Allen Ginsberg um einen freimütigen Text für die Seite 1. Ginsberg schrieb, dass in den Hippie-Quartieren plötzlich die Haschisch- und LSD-Verkäufer durch Heroin-Dealer ersetzt wurden. Und dies sei auf Anweisung des Staates, durch FBI und CIA, geschehen. Sulzberger war über Ginsbergs Artikel so entsetzt, dass er entgegen aller Gepflogenheiten, dazu auf der selben Seite einen Kommentar abgab. In diesem meinte er, die Regierung gegen Ginsbergs infame Unterstellung in Schutz nehmen zu müssen. Zehn Jahre später gestand er jedoch – auf der selben Seite – ein, dass Ginsburg wohl doch Recht gehabt hatte.

Seit 1953 lief in der CIA bereits ein Programm namens „MK-Ultra“, in dem es um „Gehirnwäsche“ mittels Psychodrogen (vor allem LSD) ging, wobei man davon ausging, dass die Sowjetunion in der Hinsicht bereits einen Vorsprung hatte. Als Beweis galten dann u.a. die im Koreakrieg gefangen genommenen US-Piloten, die im nordkoreanischen Fernsehen freimütig über die Greueltaten amerikanische Kriegsführung berichtet hatten: Das konnte nur einer Gehirnwäsche geschuldet sein.

Bei den LSD-Experimenten der CIA, in denen auch Prostituierte zum Einsatz kamen, waren die Probanden ahnungslose Freier, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, die z.T. schwere psychische Schäden davontrugen. Es waren „verbrecherische Menschenversuche“, auf Wikipedia heißt es: „Dabei wurden die wissenschaftlichen Untersuchungen von Foltermethoden der Nationalsozialisten weiterentwickelt“. Bald

Ein Pharmalobbyist behauptete: »Eine Gesellschaft, die meint, auf Psychopharmaka verzichten zu können, ist krank.« Mit den Beatniks, Hippies und den rebellierenden Studenten der 1960er kamen Cannabis und LSD sowie Mescalin und Psilocybin (»Magic Mushrooms«) in Mode. Dort hieß es: »Turn on, tune in, drop out!« Und hier: »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!« Der Psychologe Timothy Leary veranstaltete an der Harvard-Universität LSD-Sitzungen zur »Bewusstseinserweiterung«.

Seit 1953 fuhr die CIA das Programm »MK-Ultra« zur Gehirnwäsche mittels Psychodrogen (vor allem LSD), wobei man davon ausging, dass die Sowjetunion in der Hinsicht bereits einen Vorsprung hatte. Als Beweis sah man unter anderem im Koreakrieg gefangengenommene US-Piloten an, die im nordkoreanischen Fernsehen freimütig über die Greueltaten der US-Streitkräfte berichtet hatten: Das konnte nur einer Gehirnwäsche geschuldet sein.

Die Probanden der LSD-Experimente der CIA, in denen auch Prostituierte zum Einsatz kamen, waren ahnungslose Freier, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, die zum Teil schwere psychische Schäden davontrugen. Es waren »verbrecherische Menschenversuche«. Bald

beteiligten sich auch etliche Ärzte und Psychiater in Kanada und England an diesem Programm, sie bekamen Geld von der CIA dafür. „Die Experimente liefen an 44 Universitäten, 12 Krankenhäusern, 3 Gefängnissen und 15 nicht näher bezeichneten ‚Forschungseinrichtungen‘.“ Der US-Autor Stephen Kinzer veröffentlichte 2019 die Geschichte von MK-Ultra mit dem Titel: „Poisoner in Chief: Sidney Gottlieb and the CIA Search for Mind Control“. Der Leiter von MK-Ultra, Gottlieb, erklärte später, es ging darum, das Bewusstsein ihrer Probanden zu löschen und ihnen ein neues zu verpassen.

Das MK-Ultra-Programm bestand noch einige Jahre weiter als US-Präsident Nixon 1972 einen „War on Drugs“ ausrief (davor gab es den „War on Poverty“ von Präsident Johnson und danach den „War on Terror“ von Präsident Bush). Seit 2014 ist jedoch Cannabis (der Anbau und Konsum) in vielen US-Bundesstaaten legal und auch mit LSD und Psilocybin darf in Forschungsinstituten wieder experimentiert werden – nicht nur in den USA auch in Europa (in der Basler Uniklinik und an der Berliner Charité z.B.). Aus der Schweiz und aus England wird berichtet, was für gute Erfahrungen man dort mit LSD bei Krebskranken, Depressiven und Traumatisierten gemacht hat.

2022 erschien ein Erfahrungsbericht der ehemaligen Spiegelreporterin Anuschka Roshani, die an einer „LSD-Session“ (Sechs 16stündige Sitzungen mit unterschiedlichen Dosierungen und einem Placebo) in Basel teilnahm: „Gleißen. Wie mich LSD fürs Leben kurierte“. Gleichzeitig lief auf 3Sat eine Dokumentation über Psilocybin-Experimente an US-Unikliniken: „Aware“. Den Forschern geht es dabei um die Frage: Was ist „Bewußtsein“? Für Anuschka Roshani bewirkte das LSD eine Erweiterung ihres „Bewußtseins“ als sie auf ihrem „Trip“ die Bäume atmen sah – und „akzeptieren mußte, nichts auf der Welt, kein Busch, kein Strauch, keine Hummel ist seelenlos“.

Die amerikanischen und Basler Psychodrogenforschern haben Größeres vor: Sie beteiligen sich am US-Pharma-Start-Up „MindMed“. Dieses börsennotierte New Yorker Unternehmen ist „bei der Zulassung von LSD als Medikament [gegen bald alles?] weltweit in der ‚Pole Position‘.“ Der Markt boomt. Schon entstehen in den USA laut Roshani überall „Center for the Neuroscience of Psychodelics“ und „Center for Psychedelic and Consciousness Research“. Es lockt ein „Milliardengeschäft“, denn es gibt viele Cannabis-Dealer, die sich mit der Droge – erst illegal und dann legal – „dumm und dämlich“ verdient haben und nun bereit sind, „unglaubliche Summen zu investieren“ – u.a. in „MindMed“. Dazu gehört wohl bald auch der Multimilliardär Elon Musk, der u.a. das „desolate US-Gesundheitssystem mittels psychedelischer Drogen heilen“ will.

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Die Kunsthistorikerin Sabine Vogel an einem Ortseingangsschild

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Halluzinierte Hühner

Täglich werden fast zwei Millionen Hühner in Deutschland geschlachtet, weltweit sind es jährlich laut der Welternährungsorganisation 68 Milliarden. Dieses Massensterben hat epische Ausmaße (Homer), aus Sicht der Hühner ist es eine Tragödie (Aischylos). Es gibt aber auch Hühner-Komödien (Aristophanes). Da ist zum Einen die massenhaft aufs Land oder an den Stadtrand ziehende Mittelschicht, die sich dort ein paar Hühner anschafft und sie liebevoll – quasi als neue Haustiere – aufnimmt. Dem trägt nun eine Konjunktur von klugen Hühner-Büchern Rechnung. Zum anderen ist da die slowenische Philosophin Alenka Zupancic, die sich in ihrem Buch „Der Geist der Komödie“ (2014) fragt, was das Komische ausmacht und dazu neben anderen Beispielen auch zwei Hühner-Geschichten erzählt.

Die erste ist eine von vielen Varianten des „postaufklärerischen Glaubens“, dessen Schema laut Zupancic „quasi-universell“ ist – „Ich weiß es sehr wohl, aber trotzdem…“. Ein Mann halluziniert, ein Saatkorn zu sein. Er kommt in eine psychiatrische Klinik, wo es den Ärzten gelingt, ihn davon zu überzeugen, dass er kein Korn, sondern ein Mensch ist. Aber kaum hat er die Klinik verlassen, kommt er auch schon wieder zurück: Im Klinikpark sei ein Huhn und er habe Angst, gefressen zu werden. Aber Sie wissen doch genau, dass Sie kein Korn sind, sagt der Arzt, sondern ein erwachsener Mann. Ja sicherlich weiß ich das, aber sind Sie sicher, dass es auch das Huhn weiß? Fragt ihn der Mann.

Die zweite Hühner-Geschichte dreht die Situation um: Diesmal ist es das Huhn, das fürchtet, von einem Verrückten gefressen zu werden. Die Szene stammt aus dem Charlie Chaplin Film „Goldrausch“: Charlie und Big Jim sind in ihrer Hütte eingeschneit und sterben vor Hunger. Big Jim hat plötzlich die Halluzination, dass Charlie ein fettes Huhn ist. Wenn er nach ihm schnappt, verschwindet es, taucht dann aber in der Person Charlies wieder auf, woraufhin Big Jim ihn mit einem Messer durch die Hütte jagt.

Nachdem diese Szene abgedreht war, hatte Charlie eine bessere Idee: Er bestellte ein Hühnerkostüm in seiner Größe, um Big Jims Halluzination selbst zu spielen. „Erst hiermit wurde das ganze komische Potential der Szene zum Leben erweckt, weil sie nicht länger einfach ausgehend von der Diskrepanz zwischen dem, was Charlie ist und wie der andere ihn sieht (nämlich als Huhn) konstruiert ist, sondern etwas anderes hinzufügt. Sie bringt die huhnhaften Eigenschaften des Menschen-Charlie selbst ans Licht,“ schreibt Zupancic.

Und tatsächlich sehen wir, wie Charlie mit seiner gewohnten chaplinesken Gestik, „die Elemente, die haargenau den Bewegungen des Huhns entsprechen,“ zur Schau stellt, wie sein Biograph David Robinson schreibt (in: Chaplin, Sein Leben, Seine Kunst“ 1989). Dieser Kurzschluß macht für Zupancic den Höhepunkt der Komödie aus: nicht einfach nur, dass Big Jim fälschlicherweise ein Huhn sieht, wenn er Charlie ansieht, sondern auch, dass er, trotz seiner Halluzination, irgendwie recht hat, weil Charlie tatsächlich wie ein Huhn aussieht. „Wir könnten auch sagen: Um die Krise zu lösen, reicht es für Big Jim nicht aus, zu realisieren, dass das Huhn, dass er vor sich sieht, eigentlich sein Freund ist – das Huhn selbst muss realisieren, dass es in Wirklichkeit Charlie Chaplin ist.“

Diese Lesart wird von Robinson unterstützt. Er berichtet nämlich: Zunächst wurde ein anderer Schauspieler in das Hühnerkostüm gesteckt, was aber nicht funktionierte, so dass Charlie selbst diesen Part übernahm: „Der Schauspieler konnte nicht mehr sein als ein Mann in einem Hühnerkostüm. Aber Chaplin konnte, wenn er wollte, ein Huhn sein.“

Nebenbeibemerkt gibt es auch einen Sänger namens Charlie Huhn – in der englischen Band „Foghat“. Bekannter ist die DDR-Schriftstellerin Elke Kahlert, die viele Kinder- und Jugendbücher schrieb, daneben auch einige Tierbücher. Eins heißt: „Ich wollt ich wär ein Huhn. Sinn und Unsinn“ (1972).

Im Zusammenhang meiner Beschäftigung mit Tieren sammel ich u.a. Fotos von Menschen, die sich anläßlich einer Party oder Faschingsveranstaltung als Hund, Katze, Hase, Fledermaus etc. verkleidet haben . Was ich als ersten Schritt einer empathischen Einstellung zu einem Tier deute, denn die derart verkleideten sind ja bemüht, sich auch ihrem Kostüm entsprechend zu verhalten. Sie haben einen Begriff von dem Tier, das sie darstellen. Drei meiner Fotos zeigen Paare, die sich als Hühner verkleidet haben, darunter auch eins von einem Ehepaar, das im Tierpark Cottbus arbeitete: Er als Elefantenpfleger und sie als Vogelpflegerin. Beide wissen sehr viel über Tiere, nicht nur über Hühner.

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Die Politaktivistin Angelika Skripczak liest ihre Post 

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Und was nun?

„Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht,“ meinen die antidarwinistischen Philosophen Deleuze und Guattari. Sie haben dieses „Werden“ von Nietzsche übernommen, der es von Heraklits „Fluss des Werdens“ her begriff, in dem „nichts mit sich selbst identisch bleibt“. Und der sich „ab dem Sommer 1876 mit nichts anderem mehr beschäftigt hat als mit Naturwissenschaften, Medizin und Physiologie“, wie die französische Philosophin Barbara Stiegler in ihrem Buch „Nietzsche und das Leben“ (2025) schreibt. Zwar hat Nietzsche dabei auch intensiv die Evolutionstheorie von Darwin studiert, aber sie reichte ihm nicht aus, „um das Leben einzufangen“, das eine weitere Aktivität voraussetzt: die Ernährung – „Einverleibung“ im weitesten Sinne. „Evolution und Einverleibung sollten [ihm] fortan als die zentralen Probleme der Philosophie gelten,“ die keine Metaphysik mehr ist. Ähnliches hat dann der Dichter Ossip Mandelstam unternommen: „Ich habe mein Schach auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“

Nietzsche ging dazu vom damals beginnenden Industriezeitalter aus, das zu einer „Beschleunigung der Lebensrhythmen sowie in der zunehmenden Auflösung aller Eingrenzungen“ führte. In seinen nachgelassenen Fragmenten 1884 heißt es: „Die ehemaligen Mittel, gleichartige dauernde Wesen durch lange Geschlechter zu erzielen: unveräußerlicher Grundbesitz, Verehrung der Älteren (Ursprung des Götter- und Heroenglaubens als der Ahnherren). Jetzt gehört die Zersplitterung des Grundbesitzes in die entgegengesetzte Tendenz: eine Zeitung (an Stelle der täglichen Gebete), Eisenbahn, Telegraph. Centralisation einer ungeheuren Menge verschiedener Interessen in Einer Seele: die dazu stark und verwandlungsfähig sein muß.“

Was sie aber nicht ist. Noch weniger konnten die Individuen sich die vervielfältigten Anforderungen der Zweiten Industriellen Revolution einverleiben. Erst recht fühlen sich die meisten jetzt bei der Dritten nicht mehr in der Lage, sie zu verdauen. Es mangelt jedoch nicht an Beruhigungsmitteln und an aufmunternden Slogans für sie: Der bayrische CSU-Ministerpräsident verkündet, „Hightech und Heimat“ seien in seinem Bundesland „vereint“. Neuerdings heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, „Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, „KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“. Der bayrische Filmemacher Herbert Achternbusch hatte bereits 1981 den Eindruck: „Früher ist hier Bayern gewesen. Jetzt herrscht hier die Welt. Die Welt vernichtet uns, das kann man sagen.“

Um sich zu entwickeln, muß man sich an die sich verändernden Umstände anpassen, das heißt sich passiv durch die Anforderungen der Umwelt formen lassen, aber für Nietzsche setzt Entwicklung im Gegensatz zu den Anhängern der Anpassungstheorie (Darwin/Spencer) die Fähigkeit voraus, sich selbst aktiv und tiefgreifend zu verändern. Das ist keine Frage des Bewusstseins, sondern des Leibes. Nietzsches Bündnispartner ist dabei der Mediziner Rudolf Virchow und dessen Zelltheorie, die Dezentralisierung des lebendigen Subjekts, die es ihm erlaubt, jegliche Zentralisierung zu verwerfen: laut Stiegler „das Gehirn (das zentrale Nervensystem) und das Herz (das Zentrum des Blutkreislaufs) – doch auch und „vor allem die Illusion einer Zentralisierung durch das Bewusstsein“ oder den „Genzentrismus“. Die Zellen, das sind für Nietzsche „jene kleinste lebendigen Wesen, welche unseren Leib constituieren“. Wir sind jeder für sich ein Wir. „Wo Leben ist“, da ist für Virchow „eine genossenschaftliche Bildung“, Nietzsche: „der freie Mensch ist ein Staat und eine Gesellschaft von Individuen“ – das sind seine 36 Billionen Körperzellen, die mit unterschiedlicher Geschwindigkeit kommen und gehen und auch schon „Ich“ sagen.

Für die Mikrobiologen ist das heute schon fast ein alter Hut. Denn für sie sind wir keine Individuen mehr sondern Holobionten. Zwei Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur konstatierten: „Bei der Geburt eines Menschen entsteht ein neuer Staat, beim Krebs bricht die Anarchie aus.“ Man muß (mit Nietzsche/Stiegler) die Anpassungsthese der Biologen umkehren: Jedes Mal, wenn sich ein Lebewesen von der äußeren Wirklichkeit ernährt, ist es das Wirkliche, das sich dem Lebendigen anpaßt und nicht umgekehrt.

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Der Riesenseekühe-Entdecker Georg Wilhelm Steller mit Dreispitz

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Ferne und nahe Ostler

Die Bewohner der Inselkette zwischen Kamtschatka und Alaska nennt man Aleuter. Als Alaska von den Russen kolonisiert wurde, kamen auch einige Missionare auf die Inseln, die den Heiden den orthodoxen Glauben einbläuten. „Das größte Hindernis bei der Verbreitung des rechten Glaubens“ bestand jedoch darin, „dass die Kirche statt fähiger Leute diejenigen in die Kolonien schickte, die sie loswerden wollte“, schreibt die finnische Literaturwissenschaftlerin Iida Turpeinen (in: „Das Wesen des Lebens“ 2024). Als Alaska und die Inseln 1867 von den Amerikanern gekauft wurden, kamen die Missionare aus den USA, sie waren nicht besser.

Und so war es auch bei der Kolonisierung der DDR ab 1990: Die BRD schickte Adlige, die in den Konzernen nur Repräsentationsaufgaben gehabt hatten, ältere Banker, die die Stelle eines jüngeren blockierten, Manager im Ruhestand, unterbeschäftigte Leihbeamte und Gewerkschafter mit Alkohol und sonstigen -problemen. Auf eigene Faust kamen dazu noch Hochstapler, Glücksritter und Betrüger. Letztere taten sich sogar zusammen, um eine gutgläubige Stadtsparkassen-Filialleiterin in Sachsen-Anhalt um 700 Millionen DM zu prellen, wie Wolfgang Sabath in seinem Buch „Peanuts aus Halle“ (1998) berichtete. Oder sie versprachen, wie Klingbeil, Pietsch und Müller, beim Kauf des Lampenbetriebs Narva 1000 Arbeitsplätze „im Licht“ zu erhalten, boten jedoch gleichzeitig Siemens-Osram die Narva-Maschinen an.

Am Ende ging es nur noch um Immobilien. Besonders fiel dabei ein Makler aus Bad Schwartau auf: Christoph Wöhlcke. Er erwarb von einer Erbengemeinschaft für 60.000 Mark elf Hektar Land im Ortskern von Passee, einem Dorf in Mecklenburg: für 52 Pfennig pro Quadratmeter. Das Grundstück hatte zu DDR-Zeiten bereits die LPG für 10.000 Mark gekauft, es jedoch nicht ins Grundbuch eintragen lassen. 1972 war dort eine Kläranlage und die Gemeindeverwaltung mit Post, Arztstation und Konsum errichtet worden. Das alles gehörte dann Wöhlcke, der daraufhin 12.000 DM Miete monatlich für das Verwaltungsgebäude vom ehrenamtlichen Bürgermeister Wittek verlangte, 15.500 DM für die Kläranlage und 5000 DM für den Konsum. Just am Tag, als die Gemeinde Passee ihr 675jähriges Bestehen feierte, ließ Wöhlcke den Konsum von einer Gerichtsvollzieherin, die zwanzig Polizisten mitbrachte, zwangsräumen. Im Sommer 1993 versperrte Wöhlcke die Zufahrt zum Gemeindebüro mit 4 Tonnen Kies.

Es kam zu Schlägereien und Protestveranstaltungen. Um dem bedrängten Dorf wenigstens moralisch beizustehen, erklärte der Kreistag Wöhlcke zur „unerwünschten Person“ im Kreis Wismar. Die BILD-Zeitung nannte ihn „Ein Spezialist für komplizierte Grundstücksfragen“. 1995 veröffentlichte der Rostocker NDR-Reporter Michael Schmidt ein Buch über den Fall: „Krieg in Passee“.

Bei einem anderen Fall ging es um etliche tausend arbeitslose Betroffene: Sie hatten mit ihrer Abfindung und einem Kredit eine Eigentumswohnung zur „Alterssicherung“ von gerissenen „Finanzberatern“ und Maklern erworben, die jedoch unvermietbar waren. Ein Studentenwohnheim auf der „Grünen Wiese“ bei Kassel z.B., dessen Wohnungen viel zu teuer für Studenten waren. Oder ein Supermarkt, ebenfalls auf der „Grünen Wiese“ bei Gera, in den laut eines geheim gehaltenen Vertrages mit Lidl und anderen Lebensmittelkonzernen 10 Jahre lang kein Supermarkt einziehen durfte. Einige hunderte demonstrierten vor dem Reichstag, wo sie sich von Rita Süssmuth sagen lassen mußten: „Ihr hättet besser aufpassen müssen“.

Der erste Treuhandchef Detlev Rohwedder urteilte über diese ganzen „Investoren“: „Die benehmen sich schlimmer als Kolonialoffiziere!“ Sinnigerweise bekamen die Treuhandmanager für ihr „Engagement“ im Osten eine „Buschzulage“. Sie reduzierten erst einmal scheibchenweise die Belegschaften in den Betrieben, die sie dann „abwickelten“. Die Massenentlassungen bezeichneten sie als „Großflugtage“. Diese wurden unter der zweiten Treuhandchefin Birgit Breuel noch forciert. Sie erklärte das mit der von der DDR-Regierung bis 1989 „versteckten Arbeitslosigkeit“: „Die Betriebe waren doch übervölkert.“

Weil in den Achtzigerjahren die Neonazis in Hessen immer mehr wurden, forderten die Grünen, als sie 1985 an der Landesregierung beteiligt wurden, 50 ABM-Stellen zur Betreuung der Eltern von Neonazis – und bekamen sie auch. In den Neunzigerjahren legte Angela Merkel als Familienministerin einen üppigen „Gewalttopf“ auf – für die Neonazis im Osten, mit der Folge, dass z.B. in Marzahn-Nord der Punker-Jugendclub plötzlich ein Neonaziclub wurde, ausgestattet mit Kleinbus, Computern usw.. Betreut wurden diese Herzchen dort (wie auch anderswo) von einem cleveren Sozialarbeiter aus dem Westen.

Aus der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (die AfD in den DDR-Märzwahlen 1990) ging über mehrere Anläufe (Pegida etc.) 2013 die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ (AfD) hervor.

Als ihren Stichwortgeber könnte man den im Osten geborenen und im Westen ausgebildeten Treuhandmanager Thilo Sarrazin bezeichnen. Danach war er Finanzstaatssekretär, zugleich Vorsitzender der Geschäftsführung der Treuhandliegenschaftsgesellschaft. dann in leitender Position bei der Deutschen Bahn AG, Finanzsenator in Berlin und schließlich im Vorstand der Bundesbank – bis er mit seinem „migrationskritischen“ Buch „Deutschland schafft sich ab“ (2010) einen Bestseller schrieb und danach noch acht weitere Bestseller. Nur in einem Punkt irrte er sich, meinte Sarrazin 2025 gegenüber der Morgenpost: Er habe „das Ausmaß der Zuwanderung unterschätzt“.

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Jaroslav Hasek im Grünen

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Mit Tieren sprechen

„Auch wenn ein Löwe sprechen könnte, wir könnten ihn nicht verstehen,” meinte Ludwig Wittgenstein, vor dem uns Gilles Deleuze gewarnt hat. Um mit Menschenaffen sprechen zu können, hat man ihnen als Gefangene die amerikanische Taubstummensprache (ASL) beigebracht – mit Erfolg. Noch erfolgreicher waren die Versuche der amerikanischen Pavianforscherinnen Shirley Strum und Barbara Smuts, die umgekehrt die Sprache von frei lebenden Pavianen lernten, indem sie sich zu ihren Horden gesellten. Shirley Strum von 1972 bis 2023.

Charles Darwin hatte 1838 postuliert: „Derjenige, der den Pavian versteht, würde mehr zur Metaphysik beitragen als Locke“. Barbara Smuts schrieb über „ihre“ Paviane (in: „Sex and Friendship in Baboons“ 1985), deren Horde sie sich ebenfalls einige Jahre lang zugesellte: „Zu Beginn meiner Forschungsarbeit waren die Paviane und ich in keiner Weise einer Meinung.“ Sie musste zunächst die Paviankommunikation wenigstens annähernd verstehen: „Erst durch ein gegenseitiges Kennenlernen konnten sowohl Paviane als auch Mensch ihrer Arbeit nachgehen“. Dabei interessierte Smuts jedoch nicht mehr die Frage ihres Doktorvaters: „Sind Paviane soziale Wesen?“ sondern sie fragte sich selbst: „Ist dieses menschliche Wesen sozial?“ Als sie das schließlich im Hinblick auf „ihre“ 123-köpfige Affenhorde einigermaßen positiv beantworten konnte und ihre Forschung dementsprechend voranschritt, kam sie zu dem Schluss, den auch andere Ethologinnen äußern, dass die nichtsprachliche Kommunikation, bei der sich die Körper über Blicke und Grüßen „eng austauschen“, der sprachlichen Verständigung in puncto Ehrlichkeit und Wahrheit überlegen ist.

Heute macht man es sich einfacher – zu einfach: Der Frankfurter Neurologe Felix Effenberger wollte mittels KI die „Sprache der Tiere“ entschlüsseln. „Ein erster Chatbot für Zebrafinken in Käfigen funktioniert schon ganz gut,“ behauptete „Die Zeit“ am 4. Mai 2025.

Der Neurobiologe Sebastian Markert meinte dagegen im selben Jahr in einem Interview mit der taz: „Diese KI-Systeme sind eigentlich Zombies. Sie tun zwar Dinge, die wir von Menschen erwarten würden, und wirken daher menschlich. Sie sind es aber nicht. Da würde ich mich, ehrlich gesagt, lieber mit Orcas unterhalten.“

Auch eine US-Psychologin wollte sich lieber mit einem Tier unterhalten – mit einem Graupapagei namens Alex. Und weil man dieser Papageienart besonders leicht Wörter aus der Menschensprache beibringen kann, hatten zwei Sprachlehrerinnen unter der Leitung der Psychologin Irene Pepperberg ihm in 31 Jahren 200 Wörter beigebracht, die er äußern konnte, und einen Wortschatz von ungefähr 500 Wörtern, die er verstehen konnte. Weil man Papageien nicht alleine halten kann, hatte Alex noch Gesellschaft von zwei weiteren Graupapageien, „Kyaroo“ und „Griffin“, denen Irene Pepperberg dann weiter Englisch beizubringen versuchte, nachdem Alex 2007 plötzlich gestorben war.

In ihrem Bericht „Alex und ich“ (2009) kommt sie u.a. auf ein Wort der Verweigerung von Alex zu sprechen, der das erst einmal auf die unter Papageien übliche Weise zu „sagen“ versucht hatte: kreischen, beißen oder, „wenn er keine Lust mehr hatte, auf die Fragen eines Sprachtrainers zu antworten, die betreffende Person ignorieren“, ihr den Rücken zukehren, sich ausgiebig putzen … Meist kam er damit durch, seine Trainer verstanden ihn: „Subtil war unser Alex nicht gerade“, meint Irene Pepperberg. Aber dann hörte er unbeabsichtigt das Wort Nein, „und schon bald verwendete er diese Bezeichnung, um uns zu verstehen zu geben: ,Nein, das mag ich nicht!‘ Und Nein hieß dann auch Nein.“

In einem Dialog mit seiner Sprachtrainerin Kandia Morton hörte sich das so an: „K: Alex, was ist das? [ein quadratisches Holzstück hochhaltend] – A: Nein! – K: Ja. Was ist das? – A: Vier Ecken Holz [undeutlich, aber richtig] – K: Vier. Sag es schöner! – A: Nein! – K: Ja! – A: Drei. Papier [völlig falsch] – K: Alex. Vier, sag vier. – A: Nein. – K: Komm schon. – A: Nein.“

Nietzsche postulierte: „Alles Neinsagen gehört den Armen“ – den Lohn- bzw. Futterabhängigen. Der amerikanische Historiker Jason Hribal veröffentlichte 2003 einen Text unter dem Titel: „Die Tiere sind Teil der Arbeiterklasse“. Dem folgte 2007: „Tiere, Widerstandsformen und Klasse. Die Geschichte der Tiere von unten schreiben“ und 2010: „Angst vor einem Planet der Tiere. Die verborgene Geschichte der Rebellion von Tieren“. Ähnlich wie Hribal interessiert sich auch die kanadische Soziologin Sarat Colling für Tiere im Widerstand. 2018 veröffentlichte sie einen Text mit dem Titel „Animal Agency, Resistance and Escape“ und 2020 das illustrierte Buch „Animal Resistance in the Global Capitalist Era“.

Diese Forschung, die zu den „Animal Studies“ zählt, ist vor allem in den USA verbreitet – und mit einer ganzen Reihe von Zeitschriften, Dokus und Videos verbunden, wobei die Anarchisten wohl die ersten waren, die, inspiriert von Kropotkins Werk „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1900), Nutz- und Wildtiere und ihre Schicksale sowie Kooperationen thematisierten. Auch der Anarchist Jaroslav Hasek ist eine solche Inspirationsquelle. 1910 verkündete er: „Ich habe mich politisch umgestellt. Ich bin jetzt bei den Tieren“, das war, als er Chefredakteur der Zeitschrift „Welt der Tiere“ wurde.

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Barbara Smuts unter Pavianen

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Shirley Strum vor Pavianen

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Gentechnik

Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. In den Medien war jedesmal triumphalistisch vom endlich entdeckten „Neid-Gen“, „Erfolgs-Gen“, „Schönheits-Gen“, „Eifersuchts-Gen“, „Fettmach-Gen“, „Autisten-Gen“, „Juden-Gen“ usw. die Rede. Sogar das Magazin der Max-Planck-Institute titelte: „Singvögel mit Casanova-Gen“. Jede Lebensäußerung und -einstellung war plötzlich biologisch determiniert und die Biologie damit zur Leitwissenschaft geworden. Als es den Biochemikern Watson und Crick gelang, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer der Presse mit, es sei ihnen gelungen, „den Code des Lebens zu knacken“.

2021 hat die US-Zeitschrift „The New Yorker“ einen 11 Seiten langen Text über die Pro-und-Contra-Diskussion eines Buches der US-Psychologin Kathryn Page Harden: „Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen“ veröffentlicht. Dieses „bahnbrechende Buch bietet eine kühne neue Vision einer Gesellschaft, in der es allen gut geht…“

Harden arbeitet auf dem Gebiet der „Verhaltens-Genetik“, u.a. gründete sie das „Texas Zwillings Projekt“. Sie untersucht den Einfluß der Gene auf Charaktereigenschaften (Neurotizismus, Verträglichkeit) und Lebensumstände (wie Bildungs-Errungenschaften, Intelligenz, Einkommen, Kriminalitätsanfälligkeit). Der „New Yorker“ fragte sich: „Kann Harden die Linken davon überzeugen, dass Gene wichtig sind – und die Rechten, dass die Gene nicht alles entscheiden?

Weil sich herausstellte, dass man eben nicht alles mit den Genen erklären kann, kreierten israelische Mäuse-Forscherinnen die „Epigenetik“: Eine nicht-genetisch bedingte Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften. Es ist dies alles die ewige Diskussion „Angeboren oder Anerzogen“ – ein Lavieren zwischen Neodarwinismus und Lamarckismus.

2009 veröffentlichte der Biologe Bernhard Kegel das Buch „Epigenetik“. Darin heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia Universität angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, er räumt jedoch ein, dass er in der Industrie durchaus Sinn macht – also Profite. Und mit Industrie ist vor allem die angloamerikanische Biologie gemeint: über 80% aller US-Biologen sind Geschäftsführer oder Teilhaber von Firmen.

Die Genkritikerin Silja Samerski sagte in einem Interview: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Wie wirklich hat der Berater von Biotech-Unternehmen William Bains in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“ angedeutet: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Und darum geht es!

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Der Dichter Ossip Mandelstam in KGB-Gewahrsam

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Endzeit-Grübeleien

Man sprach vor etlichen Jahren schon von der „German Angst“. Jetzt bescheren die ganzen Kriege und Krisen den Deutschen eine Realangst oder jedenfalls sind die Praxen der Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen geradezu überlaufen, wie mir der Berliner Atemtherapeut Christoph Großheim berichtete. Man nimmt auch die Veröffentlichungen von Apokalyptikern wieder wahr.

Ich erinnere mich, dass ein Friedensaktivist, ich glaube, er hieß Kohl, 1982 ein Buch publizierte, in dem er die Folgen einer atomaren Verstrahlung in Oberhessen, dort wo im NATO-Jargon der „thüringische Balkon auf die hessische Taille“ stößt, schilderte. Ein fürchterliches Buch: der Autor suhlte sich geradezu in halbverbrannten und verstrahlten Toten. Dazu muß man wissen, dass der März-Verleger Jörg Schröder, der damals dort lebte, zuvor, 1980, in der Zeitschrift „Transatlantik“ eine Geschichte veröffentlicht hatte, in der es um „Atomminendepots an der DDR-Grenze“ ging. „Alle vierzig Kilometer entlang der Grenze hat die Nato Munitionsdepots eingerichtet, die auch Atomwaffen enthalten. In als Wasserwerke getarnten Sprengstoffbunkern lagern zusammen mit konventionellem Sprengstoff hochradioaktive Atomminen, die für die entlang der Grenze ausgehobenen Atomminenschächte bestimmt sind.“ Die Amerikaner, die diese Atomminen vom Typ „Golf“ dort im Angriffsfall zünden wollten, um die Rote Armee zu stoppen, hatten die Gegend als „Ground Zero“ ausgewiesen. Das war kein Endzeit-Geraune, sondern eine erschreckende Tatsache, die durch Jörg Schröders Bericht die darniederliegende Friedensbewegung noch einmal beflügelte.

Es gab schon früher apokalyptische Phantasien – u.a. von Arno Schmidt, der 1951 eine Erzählung „Schwarze Spiegel“ veröffentlichte. Darin schildert er in Tagebuchform als „der letzte Mensch“, wie er sich aus den menschenentleeren Dörfern Sachen holt, die er für den Bau und die Einrichtung einer Hütte in der Lüneburger Heide braucht. In seinen anderen frühen Erzählungen klagte er bereits, dass es trotz Krieg zu viele Menschen gäbe und dass die Rote Armee den letzten Zug beschoss, in dem er und einige andere Leute flüchten wollten.

Ganz anders das 1938 auf Englisch und 1971 auf Deutsch erschienene Kinderbuch „Die grüne Wolke“ von Alexander Neill, dem Gründer des antiautoritären Internats „Summerhill“. Die Grüne Wolke schwebt über der Erde und versteinert alle Menschen – bis auf acht Internatsschüler und ihren Lehrer Neill, die sich in einem Luftschiff oberhalb der grünen Wolke befanden. Als „die letzten Menschen auf der Erde“ wollen sie daraufhin eine neue Ordnung für sich schaffen. Jedes Kapitel in dem Buch ist eine Episode, die Neill seinen Schülern vorm Einschlafen erzählt. Wenn einer ihn kritisiert, weil er darin zu schlecht weggekommen ist, läßt Neill ihn in der nächsten Episode sterben.

Die Berliner Kulturanthropologin Luise Meier ist weniger rabiat in ihrem halbutopischen Roman „Hyphen“ (2024) vorgegangen und ihre Endzeit ist auch nicht durch Massenvernichtungswaffen oder grüne Wolken entstanden: Die Handlung spielt in naher Zukunft zwischen Rügen und Marzahn und beschreibt Selbstorganisationsformen und vernetzte Wirtschaftsweisen, die in der BRD bereits seit einigen Jahrzehnten real existierten, jedoch aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft nicht weit kamen. Dem hat Luise Meier nun vorgebeugt, indem sie die „Energieschranke des Kapitals“ (Sandrine Aumercier) derart radikal in Szene setzte, dass das Kapital verschwand, weil die Energieversorgung (Strom, Gas, Öl) zusammengebrochen ist – und mit ihr alle „Top-down“-Institutionen. Diese werden nun aber nicht durch „Bottom-up“-Einrichtungen ersetzt. Die lokalen Initiativen verbleiben in der Horizontalen und verdichten sich dort. Dabei ahmen sie Pflanzenwurzeln (Roots) und Pilzhyphen (sic) praktisch nach, die als Verbündete Mykorrhizen bilden. Mit dem vorläufigen Endergebnis: Ein „Großteil beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025“ (dem Jahr des ersten Stromausfalls, der endgültige erfolgte 2027). Diese Zufriedenheit hat laut Luise Meier ihren Grund „eindeutig“ in der „Zunahme von Selbstwirksamkeit oder ‚Sinn‘“ sowie in der „Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation“ (die jedoch in der Wirklichkeit 2024-25 zunehmen und den Psychotherapeuten viele Klienten zutreiben).

Eher metaphorisch reden derzeit 600 russische und 15 Belarussische Atomwissenschaftler von „Endzeit“, weil man ihnen in der „European Organization for Nuclear Research“ (CERN bei Genf) gekündigt hat. Eine Embargo-Maßnahme. Von „wahren apokalyptischen Zuständen in der Heimat“ berichten dagegen die nach Deutschland geflüchteten Ukrainerinnen den nach 1991 hierher emigrierten Russinnen, bei denen sie eine Anstellung als Putzfrau, Köchin, Pflegerin oder Kindermädchen fanden – und das sind nicht wenige.

Aber wie apokalyptisch ist das denn – was die US-Mathematikerin Cathy O’Neill in ihrer Studie „Weapons of Math Destruction“ (2016) herausfand? Sie schildert darin die Anwendung von Algorithmen in Versicherungen und bei Stipendienvergabestellen, die Arme, Schwarze und Leute aus „schlechten Wohngegenden“ diskriminieren – und damit laut O’Neill „die Demokratie unterminieren“.

Aktuell hat Tim Caspar Boehme in der taz das neue Buch der slowenischen Philosophin Alenka Zupancic „Das Ende“ besprochen: „ Zupančič, die zur ‚Laibacher Lacan-Schule‘ um den Philosophen Slavoj Žižek gehört, nähert sich Fragen des Endes in oft dialektischen Denkfiguren. So steht für sie etwa der Satz ‚Ich kann es beenden, wann immer ich will‘ für ein Muster, bei dem die Möglichkeit, eine Sache zu beenden, zur Bedingung wird, sie ständig zu wiederholen. Das kann für Liebesbeziehungen wie für das Rauchen gelten. Zupančič spricht daher von einer ‚paradoxen Komplizenschaft zwischen Wiederholung und Ende‘. Die auch vor dem Ende der Welt nicht haltmacht.

Bei der Angst vorm Weltuntergang sieht sie einen ‚komischen Fatalismus‘ am Werk, den ihr Kollege Frank Ruda auf die Formel gebracht hat: ‚Handle so, als hätte die Apokalypse schon stattgefunden!‘ Was nicht auf schlichtes Ignorieren hinausläuft. Der Umgang mit der Apokalypse bekommt für Zupančič gerade da, wo man sich bewusst mit ihr als Möglichkeit beschäftigt und beständig von ihr spricht, etwas von magischem Denken.

Sie bringt diese ideologische Verdrängungsleistung auf Formeln wie: ‚Wir können uns leichter das Ende der Welt vorstellen als das Ende des Kapitalismus.‘ Für die Weigerung, das Ende der Welt als reale Möglichkeit zu akzeptieren, erinnert Zupančič an eine Einsicht Sigmund Freuds, laut dem gilt: ‚Unser Unbewusstes glaubt nicht an den eigenen Tod, es gebärdet sich wie unsterblich.‘ Dass diese Einsicht weiter aktuell ist, demonstriert Zupančič an Beispielen wie der schwarzen Komödie ‚Don’t Look Up‘ (2021) von Adam McKay, in der ein Komet auf die Erde zurast und das Leben auf ihr auszulöschen droht.

Das Verhalten der Figuren dient ihr als Beleg für die These, dass das Reden über das Ende der Welt es einem ermöglicht, so weitermachen wie bisher und de facto so zu tun, als bleibe alles beim Alten. Im Film wird das auf den Punkt gebracht durch fiktive Nachrichtenschlagzeilen wie diese: ‚Das Ende naht – Wird es einen Super Bowl geben?‘

Untergangsrhetorik ist Zupančič fremd. Sie sieht das Ende auch nicht als ‚Endpunkt‘, zugleich verwahrt sie sich vor allem in politischer Hinsicht gegen ein ‚Weiter so‘. Das Ende geht sie konsequent aus schrägem Blickwinkel an, wobei sie sich eine Anleihe bei Samuel Beckett gestattet, wenn sie ein vorläufiges Fazit zieht: ‚Statt als Endpunkt sollten wir über das Ende eher als Sackgasse (dead end) nachdenken, zu der wir immer wieder zurückzukehren gezwungen sind …, um besser zu sterben…‘.“

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Bohumil Hrabel an seiner Schreibmaschine

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Kaputt

Wir fluchen, wenn irgendetwas allzu schnell kaputt geht; aber wenn man dem marxistischen Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel glaubt, dann gibt es mindestens für den Neapolitaner ein „Ideal des Kaputten“, d.h. wenn er sich z.B. einen neuen Motorroller kauft, dann ist ihm das reibungslose Funktionieren dieser Maschine unheimlich. Erst wenn sie einen Schaden hat, den er mit einem Gummiband oder Ähnlichem reparieren kann, hat er das Gefühl, dass er die Maschine wirklich beherrscht. Der Neapolitaner denkt konstruktiv.

Das deutsche „Ideal des Kaputten“ ist dagegen heute eher destruktiv, es findet seinen Ausdruck im „Wutraum“. Der erste entstand in Halle, der zweite in München, der dritte in Berlin (hier heißt er natürlich „Crashroom“). In diesen Aggressionsabfuhr-Start-Ups schlagen vorwiegend Frauen alles kurz und klein. Sie müssen dafür zwischen 100 und 200 Euro zahlen, je nachdem welche Dinge sie zertrümmern wollen. „Bei manchen Leuten kann die Aggression durch so etwas allerdings noch gesteigert werden“, warnt die US-Psychologin Jennifer Hartstein. Sie denkt dabei an die 2,49 Schnellfeuergewehre, die auf jeden amerikanischen Bürger kommen – und wie schnell man damit nicht nur Dinge, sondern auch Menschen zerstören will, z.B. ein Mann seine Frau oder umgekehrt, was hierzulande (noch) selten geschieht und wenn, dann eher differenziert beurteilt wird. „Frau erschlug Ehemann mit Bratpfanne: Freispruch!“ So lautete eine BILD-Schlagzeile, die für Freude sorgte.

Es gibt noch ein drittes „Ideal des Kaputten“, für das man mitunter auf andere Weise zahlen muß: das „Macht kaputt was euch kaputt macht“ aus dem Lied einer Kreuzberger Musikgruppe, deren Name „Ton Steine Scherben“ dazu bereits so etwas wie eine Handlungsanweisung bietet: erst gröhlen („Ho Ho Tschin Minh“ z.B.) auf Demos, dann Pflastersteine ausbuddeln, und dann damit u.a. die ChiChi-Läden des Kudamms „entglasen“.

Dahinter steht die Marxsche Analyse des Kapitalismus, der eine derart „ungeheure Warenansammlung“ hervorbringt, das die Beziehung zwischen den Menschen und den von ihnen hergestellten Dingen sich umkehrt. Mit Marx gesprochen: Auf der einen Seite „sachliche Verhältnisse der Personen“ und auf der anderen Seite „gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ – beides miteinander verklammert. Nämlich dadurch, dass sich erst im Akt des Tausches Gesellschaft – abstrakt – herstellt. Zwar ist der „Tauschakt“ sozial, aber die daran Beteiligten handeln solipsistisch („the act is social the minds are private“).

Z.B. in der Supermarktfiliale von „Kaufland“ (!), wo wir unser als „Ware Arbeitskraft“ verdientes Geld gegen „Waren des täglichen Bedarfs“ eintauschen – bei der „Kassiererin“. Ihre Befindlichkeit ist uns in dem Moment scheißegal. Wir verkörpern dabei das „sachliche Verhältnis zu den Personen“, während unsere Gedanken in diesem Tauschakt bei den „gesellschaftlichen Verhältnissen der Sachen“ sind, beim Käse z.B., den wir einkaufen. Wobei wir uns immer öfter fragen: „War der immer so teuer oder erst seit dem Ende von Corona?“

An der Käsetheke, wo man ja noch nicht zahlen, sondern nur auf den Käse, den man haben will, zeigen muß, und zwar so, dass die Käsefachverkäuferin weiß, welchen man möchte.

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Ich mit einem Elefanten

 

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2026/10/12/minijobs-120-zeilen/feed/ 0
Night of the Prompts https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2026/02/26/night-of-the-prompts/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2026/02/26/night-of-the-prompts/#respond Thu, 26 Feb 2026 20:52:10 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=15444 Prompt 1: Was hat es mit Hörgerätetests auf sich?

Langsam werde ich mißtrauisch: Ständig wird man aufgefordert, sich einem Hörtest zu unterziehen. An Straßenständen bekommt man dazu Faltblätter und auch noch eine Tüte Gummibärchen. Man schickt mir Briefe, in denen ich aufgefordert werde, einen kostenlosen Hörtest zu machen. In den sozialen Medien wird daran erinnert, dass es 1500 Euro Zuschuß für den Kauf eines Hörgeräts gibt (von wem?), und dass man 275 Personen sucht, die „die neuesten unsichtbaren Hörgeräte testen möchten“. Dazu eröffnen auch noch laufend neue Hörgeräte-Läden. Was soll das alles? Ich habe mehrere Freunde, die sich aufgrund ihrer nachlassenden Hörfähigkeit ein solches Gerät gekauft haben. Sie sind ständig am Klagen und fast alle klemmen sich die Dinger nur selten (im Kino z.B.) hinter die Ohren.

Neulich beim Strassenfest eines türkischen Hörgeräteladens im Wedding traf ich einen Rentner, der mir erzählte: „Meine Frau hat es nicht ertragen, dass ich den Fernseher immer lauter gestellt habe und hat mich gedrängt, mir so einen Apparat zuzulegen. Das habe ich getan, aber das war nischt für mich.“ eine Frau auf dem Strassenfest, die ebenfalls so einen „Apparat“ eine Weile getragen hat, war davon überzeugt, dass diese ganze Hörgeräte-Kampagne ein Coup von amerikanischen Hightech-Konzernen sei, die über diese Geräte Daten von den Leuten sammeln würden. „Daten seien heute bares Geld,“ fügte sie hinzu.

Ich höre auch immer schlechter, aber im Gegensatz zu meinen schwerhörigen Freunden macht mir das nichts.Da ich mich schon länger in einer Anthropause befinde, freue ich mich sogar darüber, dass ich von dem ganzen Gequatsche und Gedudel um mich herum immer weniger mitkriege. Und wenn mich jemand in eine Gespräch verwickeln will, reicht es, wenn ich ab und zu „Hmm“ sage, zustimmend nicke oder ihn bzw. sie zweifelnd ansehe.

Ein Bekannter auf dem Land, der gerne an städtischen Gesprächsrunden teilnimmt, kaufte sich für 8000 Euro ein Hörgerät. Es sei das neueste und beste, meinte der Verkäufer. Aber gerade in Gesprächsrunden drang nur eine Kakophonie in seine Ohren. Für weitere 600 Euro kaufte er sich einen kleinen Hochleistungs-Mikrophonwürfel, den er bei Tischgesprächen in die Mitte stellt. Dazu gehört ein fetter Kopfhörer, der einerseits die Geräusche von außen abhält und andererseits das Gesagte einigermaßen sauber auf sein Hörgerät überträgt. Was für ein Technikaufwand. „Und was hörst Du damit nun?“ fragte ich ihn.

Er erzählte mir von einem Verschwörungstheoretiker-Treffen in Pankow, wo man der Meinung war, dass die Hörgeräte ein Abfallprodukt der E-Auto-Herstellung seien. Er wurde als Hörgerätebenutzer gefragt, ob er dazu etwas sagen könne. Er meinte daraufhin, dass es sich genau umgekehrt verhalte: die E-Autos seien Abfallprodukte der Hörgeräte-Hersteller. Das hielten die Verschwörungstheoretiker jedoch für allzu abwegig, mußten darüber aber herzlich lachen.

Es gibt Hörgeräte, die man hinters Ohr befestigt und welche, die man sich ins Ohr steckt. Da sich immer mehr Smartphonenutzer „Headsets“ ins Ohr drücken, geht man davon aus, dass bald zunehmend auch Im-Ohr-Hörgeräte verkauft werden. Einige sind schon mit Bluetooth ausgestattet, so dass man damit auch Audio über das Smartphone streamen und den Ton vom Fernseher einspielen kann.

Auf der Fachausstellung des Internationale Hörakustiker-Kongresses (EUHA), die Mitte Oktober in Hannover stattfand, wurden einige noch abgefahrenere Hörgeräte vorgestellt, die meisten natürlich mit KI (ohne KI kann man bald nicht mal mehr elektrische Zahnbürsten kaufen). Im „schwerhoerigenforum.de“ erfuhr ich, dass auf der Messe das Im-Ohr-Gerät „Signia Silk Charge&Go 7IX“ auf großes Interesse stieß: Anstelle von Batterien hat es einen Akku, „der bis zu 21 Stunden halten soll. Mit dazu gehört eine Aufbewahrungs- und Ladebox mit einer integrierten Powerbank, die ein Aufladen des Hörgerätes [im Gehörgang] bis zu viermal ermöglicht. Die Ladestation selbst kann über USB oder kabellos über Qi innerhalb von 3 Stunden aufgeladen werden. Über die App kann man neben dem Standardprogramm noch 5 weitere auswählen sowie die Lautstärke und das Klangbild einstellen.“ Toll!

Noch toller ist der französische Film „Schmetterlinge im Ohr“ – auf „filmdienst.de“ heißt es dazu: „Ein Lehrer hat seine zunehmende Schwerhörigkeit als Zustand akzeptiert, der ihm erlaubt, Lästiges einfach zu überhören und zu ignorieren.“

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P2: Sind Knöpfe nicht technisch überholt?

Isa war eine Studentin des Münsteraner Philosophen Hans Blumenberg. Die Schriftstellerin Sybille Lewitscharoff hat in ihrer „Blumenberg“-Biographie (2011) Isa ein Kapitel gewidmet. Darin heißt es, dass sie sich gegen 15 Uhr weiß anzog: „Ein langes fließendes Kreppkleid“ und sich damit vor den Spiegel stellte. „Sie betrachtete einen ihrer Knöpfe, als hätte sie ihn nie zuvor gesehen…Sie hatte die Knöpfe von einer alten getrödelten Bluse abgeschnitten und an ihr Kleid genäht. Vor langer Zeit hatte sie einmal im Radio ein Hörspiel gehört, da verschwanden Mädchen, und aus ihnen wurden Knöpfe gemacht. Schöne Knöpfe, einzigartige Knöpfe, mindestens so schöne Knöpfe wie der. Den sie jetzt, den dünnen Stoff hochziehend, zwischen den Fingern hielt. Ob sie lauter Knopfmädchen vor dem Busen trug? Wie viele waren es? Sechs. Sie war vielleicht auch ein Knopfmädchen, aber ihre Verwandlung stand noch bevor.“

Ich habe neulich einen grauen Anzug geschenkt bekommen, der mir gut paßt, aber es fehlt ein Knopf. Und weil die anderen vier ähnlich kunstvoll sind wie die an Isas Kreppkleid, mochte ich die vier nicht einfach abtrennen und fünf neue, gewöhnliche schwarze, annähen, sondern habe bei Karstadt nach einem gesucht, der den vier Knöpfen ähnelt. So einen hatten sie aber nicht. Man riet mir, zu „Knopf-Paul“ in die Zossener Strasse in Kreuzberg zu gehen. Der hätte ganz bestimmt so einen, sei jedoch nicht billig. Bisher habe ich mich dazu aber noch nicht aufraffen können. Und sowieso wollte ich hier eine andere Knopf-Geschichte erzählen:

In Hannover führte ich einmal ein Interview mit dem Dichter Erich Fried, der dort an einer politischen Veranstaltung teilnahm. Es ging mir um zwei Glühbirnen-Patente, die er als junger Mann in Wien erworben hatte als er 1937 „mit 16 in Kontakt mit er kleinen Wiener Glühbirnenfabrik ‚Orbis‘ kam“. Er hatte sich aber nicht weiter darum kümmern können, sondern sie fast vergessen, weil er gleich nach der Besetzung Österreichs nach England ins Exil gegangen war. In London traf er u.a. Alfred Sohn-Rethel und Jürgen Kuczinsky, wie er mir erzählte. Ich fragte ihn, ob er auch in London, wie zuvor in Wien, in einer Glühbirnenfabrik gearbeitet habe. Nein, er hätte zunächst in der zentralen Londoner Milchversorgungsstelle gearbeitet, wo er die Milch auf Säure- und Fettgehalt prüfen mußte. Es war ein „Brotjob“, nach einem Jahr hätte er gekündigt und in einer Glasfabrik als „Glasknopferzeuger“ gearbeitet, „zusammen mit Ilse Aichinger. Die Firma hatte der Österreicher Fritz Lampel gegründet: ‚Bimini-Limited‘ nennte sie sich. ‚Bimini‘ ist ein imaginäres Land in einem Gedicht von Heinrich Heine – eine Trauminsel. Und Fritz Lampel hatte sich nun diese Trauminsel im Exil eingerichtet. Er war ein schlechter Dichter, aber ein großartiger Glasbläser und hat handgemachte Glasknöpfe mit sehr geschmackvollen Mustern, die mit Stempeln in das noch weiche Glas gedrückt wurden, für den Export nach Amerika hergestellt. Man erzeugt am Bundesbrenner eine Glaskugel, die legt man dann auf eine Feile, damit sie auf einer Seite aufgerauht wird, und drückt einen Stempel mit dem Muster drauf. Manchmal wird der Knopf auch noch mit einer Pinzette an vier oder sechs Seiten eingedellt.“

An diesem Arbeitsplatz erfand und baute er ein Gerät, „an dem die Zacken schon dran waren, so dass man die Glasknöpfe nicht mehr extra einzudellen brauchte. Ich habe mir immer so kleine Verbesserungen ausgedacht. In der Milchprüfstelle gab es einen Test, bei der regelmäßig die Milchflasche, die erhitzt werden mußte, explodierte. Das war billig hergestelltes Glas, das die Molekularspannung einfach nicht aushielt. Daran war nichts zu ändern. Aber beim Zerplatzen waren schon mehrere Mitarbeiter, teilweise an den Augen, verletzt worden. Mit einem Kollegen habe ich dann jeweils vier Stunden lang die Explosion der Flasche beobachtet, und dann haben wir ein Schutzschild dafür konstruiert. Da hat sich die Firma natürlich drüber gefreut, weil sie die Regreßansprüche ihrer Mitarbeiter im Falle einer Verletzung bezahlen mußte.“

Auch für seine Prostataerkrankung hat Erich Fried sich zuletzt einige kleine Erfindungen einfallen lassen – zur Verbesserung seiner „Lebenslage“: „Nach meiner Krebsoperation war ich ein Dreivierteljahr an einen Dauerkatheter angeschlossen. Da hatte ich mir ausgedacht, man sollte mir einen längeren geben. Der Katheter hatte vorne eine Abklemmvorrichtung, wenn er länger war, konnte man ihn umbiegen, und mit dem umgebogenen Teil war es möglich, wieder Geschlechtsverkehr zu haben, was auch ein Vorteil ist.“

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P3: Wäre Fahrstuhlführer ein Job mit Zukunft?

Der Philosoph Hans Blumenberg hat einmal festgestellt, dass der Fahrstuhl noch vor den ersten Hochhäusern erfunden wurde. Das schien die Marxsche Lehre zu widerlegen, wonach Erfindungen immer dann gemacht werden, wenn die Produktivkräfte danach verlangen. So gesehen ist der Fahrstuhl quasi ein Antimarxist.

Im Berliner Buchladen „pro qm“ fand eine Veranstaltung mit Andreas Bernard statt, der gerade eine kulturwissenschaftliche „Geschichte des Fahrstuhls“ veröffentlicht hatte. Zuvor war bereits das üppig bebilderte Fahrstuhlbuch „Vertikal“ erschienen – von Vittorio Manano Lampugnani, sowie „Die Geschichte der vertikalen Eroberung“ – von Jeannot Simmen. Ferner ein Buch über Aufzugsängste: „Verstehen und bewältigen“ von Isaac Marks. Erwähnenswert sind ferner die Zeitschriften „Elevator World“ und „Liftreport“. Auch Theodor Englers Standardwerk „Der Aufzugbau“ (1972) und George Strakoschs „Vertical transportation“ (1983) sollte man für eine seriöse Elevatoren-Recherche heranziehen.

1998 erschien ein Buch über „Fahrstühle in Berlin“. Und der SWR zeigte einen Film über „Die Geschichte der Aufzüge im Land“ – „im Ländle“ müßte es genaugenommen heißen, denn „der Film erzählt die Geschichte vom unaufhaltsamen Aufstieg der Fahrstühle. Er erzählt aber auch die Geschichte der Menschen, die mit Aufzügen zu tun hatten: als Konstrukteure, Monteure, Liftboys, Unfall-Opfer oder Retter. Die Geschichte dieser beispiellosen vertikalen Eroberung ist eng mit Baden-Württemberg verbunden: Für die Pfalzgau-Ausstellung im Jahre 1880 hat Werner von Siemens den ersten elektrischen Lift der Welt gebaut. Es gibt im Land herausragende und in alle Welt exportierende Aufzugsfirmen wie zum Beispiel Schindler aus Radolfzell, Lochbühler aus Mannheim, Thyssen (heute in Neuhausen auf den Fildern) und Haushahn aus Stuttgart.“

Also die Russen haben den Kosmos erobert, die Amis den „Outer-Space“ und die Schwaben „die Vertikale“. Das ist aber grober Unfug: Der Fahrstuhl wurde in Amerika erfunden, bzw. die Idee, dass man damit auch etwas nach oben befördern kann – Fahrstühle nach unten (in Bergwerken z.B.) gab es schon über 1000 Jahre früher. Gemeinhin gilt Elisha Graves Otis als Erfinder des Fahrstuhls, der anfänglich – 1852 – noch mit Dampf betrieben wurde.

Die von ihr gegründete Firma, der Fahrstuhlhersteller Otis, der u.a. den Eiffelturm-Fahrstuhl baute, musste vor einigen Jahren eine dicke Kartellamtsstrafe wegen wegen Preisabsprache zahlen. Otis – in Berlin-Reinickendorf – übernahm nach der Wende zwei DDR-Aufzugsbetriebe in Berlin-Mitte und -Pankow. Der letztere wurde jedoch bald abgewickelt. 2003 streikten die Otis-Mitarbeiter für gleichen Lohn in Ost und West. Im selben Jahr beschenkte sich die Firma Otis selbst: „Der U-Bahnhof Seidelstraße zwischen JVA Tegel und A 111 kriegt einen neuen Namen. Otisstraße wird die Haltestelle der U 6 nun heißen und zudem an der Otisstraße liegen. Das hat sich der Aufzugbauer so gewünscht. Und weil er seit elf Jahren darum gebeten hat und nun auch für alle Kosten aufkommt, war politische Unterstützung schnell gefunden. Eine große Koalition bildeten hierfür Exbürgermeister Walter Momper (SPD) und Reinickendorfs amtierende Bürgermeisterin Marlies Wanjura (CDU), sie werden am Wochenende feierlich zur Enthüllung schreiten. Kost‘ ja nix. So sind alle glücklich und zufrieden, Politik und Wirtschaft.“

Man muß auch noch den Paternoster erwähnen. In Günter Grass‘ Buch „Ein weites Feld“ geht es um die Treuhand – bzw. um den Aushilfshausmeister im Reichsluftfahrtministerium, das dann zur Treuhandzentrale umfunktioniert wurde. Der Aushilfshausmeister –  „Fonty“ von Grass genannt – hatte immer wieder mit dem dortigen Paternoster zu tun. Ihm kamen darin glaube ich immer die besten Gedanken – nicht zuletzt seine Kritik an der Abwicklung des Berliner Glühlampenwerks Narva.

Apropos: Auch die Fahrstühle (keine Paternoster) bei Narva, jetzt „Oberbaum-City, werden von den dortigen Hausmeistern selbst gewartet, jedenfalls bekam ich einmal mit, wie Michael Müller, ehemals Narva-Betriebsratsvorsitzender und nun Hausmeister in Gebäude 4, einen Anruf entgegennahm, in dem es um einen der dortigen Aufzüge ging: „Der Fahrstuhl geht nicht, was soll ich machen, Kollege?“ wurde Müller gefragt, er antwortete: „Wir haben hier alles neue Technik, aber kuck mal nach der Sicherung, oben auf dem Fahrstuhl!“

In einem Paternoster – beim Wirtschaftssenat am Fehrbelliner Platz, ebenfalls ein Nazibau, inszenierte eine amerikanische Regisseurin einmal „Alice im Wunderland“. Vor einigen Jahren sollte alle Berliner Paternoster aus Sicherheits- bzw. Versicherungsgründen abgestellt und wohlmöglich zugemauert werden, was besonders um den im SFB-Gebäude schade gewesen wäre, aber anscheinend hat sich der Verordnungsgeber da nicht durchsetzen können. Auch der Paternoster in der Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt war noch lange danach in Betrieb.

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P4: Gold – ist dies Edelmetall unwiderstehlich?

„Nach dem Golde drängt/Am Golde hängt/Doch alles.“ Seufzte Goethe und Schiller meinte: „Der beste Kaufmann ist der Krieg. Er macht aus Eisen Gold.“ Im Internet gibt es eine Seite „Goldpreis alle 60 Sekunden“. Es tut sich also was am Goldmarkt. Die Preise steigen: „Zum 24. Mal in diesem Jahr hat Gold ein Rekordhoch erreicht. Eine Unze kostete am Montag in der Spitze 3245 US-Dollar und damit 14 Cent mehr als am Freitag, als Gold zuletzt ein Hoch markiert hatte,“ berichtete das Handelsblatt. „Der Rekord dürfte auch Skeptiker davon überzeugen, dass das Edelmetall seinem Ruf als ‚sicherer Hafen‘ weiterhin gerecht wird.“

Im indonesischen Bürgerkrieg 1997/98, als für kurze Zeit fast alles erlaubt war, wurde den illegalen Goldschürfern, die sonst streng verfolgt wurden, geraten, sich zu Genossenschaften zusammen zu schließen und mit den (meist ausländischen) Bergbaukonzernen ins Benehmen zu setzen.

„Inzwischen regiert längst wieder die Gier das Land,“ wie ein Umweltaktivist aus Jakarta, der die Situation auf Borneo studierte, zu der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing sagte, die ihn in ihrem Buch „Friktionen – eine Ethnografie globaler Verflechtungen“ (2025) zitiert: „‚Wir sind bloß Zuschauer’, sagte er frustriert. ‚Wir können nur beobachten, was passiert. Zuerst holen sie die Bäume. Wenn es keine Bäume mehr gibt, suchen sie nach Gold. Wenn das Gold erschöpft ist, graben sie nach Kohle. Wenn es keine Kohle mehr gibt, kommen sie wegen das Marmors. Wenn der Marmor aus ist…nehmen sie alles Übrige‘.“

Die mongolische Goldmine Boroo ist ein Tagebau zur Goldgewinnung, die sich zu 95 % im Besitz des kanadischen Bergbauunternehmens „Centerra Gold“ befindet. Dort in der Nähe wurden 50 illegale Goldminen geschlossen, nachdem das ganze Wasser mit Zyanid vergiftet wurde. In der Mongolei gehört es zum Familien-Wochenendvergnügen, an einem Fluß zu picknicken und nebenbei den Flußsand nach Gold durchzusieben. Die professionellen Schürfer werden „Ninjas“ genannt, es soll etwa 30.000 von ihnen geben „und ihre Zahl wächst jedes Jahr um etwa 5.000,“ behauptet „moneygold.de“. „In der Mongolei herrscht ein regelrechter Goldrausch. Viele Mongolen haben ihren ursprünglichen Job gekündigt um in einem der internationalen Bergbaufirmen zu arbeiten, die in die Stadt gekommen sind, wie AngloGold.“

Der kanadische Bergbaukonzern „Ivanhoe Mines“ beutete eine Goldmine in der Mongolei aus und sollte wegen seiner Investitionen erst nach 10 Jahre Steuern zahlen. Schon nach 9 Jahren war die Mine jedoch erschöpft und der Konzern schloss sie. Die Bürger waren darüber so erbost, dass sie das halbe Regierungszentrum von Ulan Bataar in Schutt und Asche legten.

Das australische Bergbauunternehmen „Rio Tinto“ setzte sich dann in der Wüste Gobi fest, wo es galt, ein großes Gold- und Kupfervorkommen in Oyu Tolgoi in 30 Jahren auszubeuten. Der Konzern hält Anteile an „Ivanhoe Mines“ in Höhe von 51 Prozent. Laut „miningmongolia.mn“ informierte der Vorstandsvorsitzender von Ivanhoe Mines Ltd., in Vancouver darüber, dass 73 Prozent des Oyutolgoi-Projekts umgesetzt seien, bezüglich der Kupferförderung 80 Prozent. Im 4. Quartal 2012 dieses Jahres soll die Aufbereitung von Kupfer, Gold und Silber beginnen, im ersten Halbjahr 2013 die volle Produktionskapazität erreicht sein und Oyutolgoi offiziell in Betrieb gehen. Zu den bisher investierten fünf Milliarden Dollar müssten weitere vier Milliarden hinzugefügt werden. Dazu seien Verhandlungen mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, mit dem IWF, BNP Paribas, der kanadischen Exportagentur u. a. aufgenommen worden.

Glaubt man „moneygold.de“ sind „Bergbauunternehmen aus der ganzen Welt von der Gobi angezogen wie Haie vom Blut. Heute arbeiten 18 Bohrgeräte und 200 Leute rund um die Uhr auf Ivanhoes Oyu Tolgoi, dem größten Bergbau-Explorationsprojekt der Welt.“ Saudi-Arabien übernahm den Bau einer Straße dorthin, die Mongolei bezahlte ihren Bau mit Falken.

Als der junge Schamane Sukhbaatar Tughsbayar Berlin besuchte, erzählte er mir eine Goldgeschichte. In der Nähe der mongolischen Flusses Tuul gab es eine kleine Goldmine, die einem Mongolen gehörte, für den etwa 20 Bergleute arbeiteten. Sie verdienten gut, aber es ging ihnen nicht gut. Einer kontaktierte den Schamanen Tughsbayar. In der Mine fühlte er, „dass der Berggeist sehr böse wegen des Eingriffs war. Ich habe andere Arbeiter gefragt. Denen ging es ähnlich.“ Der Minenbesitzer meinte nur: Ihr müßt weiterarbeiten, ihr verdient ja gutes Geld und dann wird auch euer Leben besser. Tughsbayar musste eine Entscheidung treffen: „Mehrmals vollzog ich einen Ritus, um mit dem Berggeist zu kommunizieren. Ich wollte den Menschen nicht ihre Arbeit nehmen, aber der Schacht musste irgendwann dichtgemacht werden. Während des Rituals begann dann schwerer Regen. Als ich Monate später an den Ort zurückkehrte, hatte man den Schacht aufgegeben.“

Um die illegale Goldgräberei zu bekämpfen hat Namibias neue Präsidentin Nandi-Ndaitwah die visafreie Einreise abgeschafft und 500 US-Amerikaner, die nach Gold und Diamanten schürften, des Landes verwiesen.

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P5: Sind die Zahlen an allem schuld? 

Eckhard Henscheid hat in einer kleinen Geschichte erzählt, wie zwei ins Exil geflüchtete Zaren, die traurig in einem Café saßen, plötzlich wieder Hoffnung schöpften, als ein Gast „Zahlen!“ rief und sie „Zaren“ verstanden: Also waren sie doch noch nicht ganz vergessen.

Das „Zahlen“ begann mit der Heiligung der Zahlen durch Pythagoras: „Alles ist Zahl“ Wenig später gelang es kaufmännisch gewieften Pythagoräern schon, einige Städte auf Sizilien an sich zu bringen, indem sie deren Bürger „zahlen“ ließen. Sie wurden von ihnen bald davon gejagt, vorher ersetzten sie aber deren lokale Währungen durch eine gemeinsame: der erste Euro, wenn man so will. Aber was war durch das Zählen von allem, was es wert war, in Zahlen ausgedrückt zu werden, gewonnen?

Wie wir wissen, begnügen sich die indigenen kleinen Völker meist mit Zahlen von 1 bis 4, höchstens bis 5. Und selbst das Volk der Pirahas kam nicht viel weiter, obwohl sie sich einige weiße alte Männer herangeholt hatten, die ihnen das Rechnen beibringen sollten, weil die Flusshändler, mit denen sie gelegentlich Nüsse gegen andere Dinge tauschten, sie regelmäßig übervorteilten. Und so führen sie weiter „ein Leben ohne Zahl und Zeit,“ schreibt der „Spiegel“. Bei einem anderen Amazonasvolk war der Matheunterricht zwar erfolgreich, aber erst als sie Portugiesisch gelernt hatten: In ihrer Sprache kamen sie weiterhin nicht über 5 hinaus.

Wie seltsam muß z.B. die Begegnung des großen Volkes der Yanomami ausgerechnet mit dem preußische Naturforscher Alexander von Humboldt gewesen sein, der alles vermaß, der zentnerweise Meßgeräte durch die Regenwälder und über die Anden schleppte, d.h. nicht er, sondern die von ihm dafür angeheuerten einheimischen Träger, die er mit Geld entlohnte. Noch jeder Fisch wurde von ihm vermessen: Länge, Gewicht, Art und Anzahl der inneren Organe etc..

Die „Wilden“ der beiden Amerikas waren und sind sich sicher, dass z.B. das Wissen um die Anzahl von Tieren in einer Herde derart von all ihren Lebensäußerungen abstrahiert, dass es die genaue Kenntnis jedes Einzelnen verhindert. Ein kanadischer Indianer meinte einmal zu einem Ethnologen, der ihn über die Büffeljagd ausfragte: „Unsere Vorfahren haben die Tiere geheiratet, sie haben ihre Lebensweise kennengelernt, und sie haben diese Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben. Die Weißen schreiben alles in ein Buch, um es nicht zu vergessen.“

Wenn man dem brasilianischen Ethnologen Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro folgt, dann ist im Westen ein „Subjekt“ der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt,“ während in der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner genau das Gegenteil der Fall ist: „Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

Das indianische Tier ist ebenso Subjekt wie es in der kapitalistischen Massentierhaltung Zahl (eine Nummer) ist, die ihm auch noch schmerzhaft ans Ohr getackert wird. Inzwischen kann es auch ein implantierter Chip sein, dessen Zahlencode am Freßtrog einen Mechanismus auslöst, der für das Tier ein in Zusammensetzung und Menge genau berechnetes „Kraftfutter“ freigibt. Das Zählen ist der erste Schritt zur Verdinglichung der Welt.

Adorno und Horkheimer schreiben in ihrer „Dialektik der Aufklärung“: „Die Abstraktion ist das Werkzeug, mit dem die Logik von der Masse der Dinge geschieden wird. Das Mannigfaltige wird quantitativ unter eine abstrakte Größe gestellt und vereinheitlicht, um es handhabbar zu machen. Das symbolisch Benannte wird formalisiert; in der Formel wird es berechenbar und damit einem Nützlichkeitsaspekt unterzogen, verfügbar und manipulierbar gemacht. Das Schema der Berechenbarkeit wird zum System der Welterklärung. Alles, was sich dem instrumentellen Denken entzieht, wird des Primitivismus verdächtigt. Der moderne Positivismus verbannt es in die Sphäre des Unobjektiven, des Scheins. Aber diese Logik ist eine Logik des Subjekts, die unter dem Zeichen der Herrschaft, der Naturbeherrschung, auf die Dinge wirkt. Diese Herrschaft tritt dem Einzelnen nunmehr als Vernunft gegenüber, die die objektive Weltsicht organisiert.“

Wie wichtig den europäischen Eroberern die Vernichtung des „primitiven Denkens“ war, erhellt ein Bericht aus dem Jahr 1783 des Missionars Martin Dobritzhoffer über sein Wirken unter den Guarani in Paraguay, mit dem sich der Entwicklungshelfer Rainer Willert in seinem Aufsatz „Erzählen statt Zählen“ (in: „Lettre international“ 2019) beschäftigt. Der Missionar wird von ihm mit den Worten zitiert: „Zahlen sind sowohl im gemeinen Leben von vielfältigem Nutzen, im Beichtstuhle aber um eine vollständige Beichte abzulegen, schlechterdings unentbehrlich…Also wurden die Indianer bei dem öffentlichen katechetischen Unterricht in der Kirche täglich auf spanische zählen gelehret. An Sonntägen pflegte das Volk mit lauter Stimme von 1 bis 1000 spanisch zu zählen.“

Beim Volk der Abiponer würde man laut Dobritzhoffer die Beute an eingefangenen Wildpferden nicht wie hier noch jeder Spaziergängen einen Schäfer fragt „Wieviel Schafe sind das denn?“ sondern eher fragen „Wie viel Raum nehmen die Pferde ein, die ihr nach Hause gebracht habt?“ Worauf die Antwort lauten könnte: „…Sie reichen von diesem Walde an bis zum Ufer des Flusses“. Dieses Maß ist kein Maß, weil es im Anschaulichen bleibt.

„Natürlich ist der Missionar kein Unmensch,“ meint Rainer Willert. Dobritzhoffer ahnt, woraus der Widerstand der „Wilden“ gegen die Zahlen resultiert: „Das Gedächtnis dieser Menschen ist sehr stark, sofern es in Erinnerung sinnlicher Beschauungen besteht.“ Umgekehrt bewirken die „Weapons of Math Destruction“ hier Amnesie und Demenz. Desungeachtet geht es allen Missionaren darum, den „Wilden“ die sinnliche Beschauung, die Sinnlichkeit – vor allem die Sinneslust (in sinnloser Form) auszutreiben, sie dergestalt zu zivilisieren.

Die Verfasser der brasilianischen Staatsdoktrin zur Eingeborenenpolitik drücken das ganz unmißverständlich aus: „Unsere Indianer sind Menschen wie wir alle. Aber das Leben in der Wildnis, das sie in den Wäldern führen, setzt sie Elend und Leid aus. Es ist unsere Pflicht, ihnen dabei zu helfen, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien. Sie haben ein Recht darauf, sich in den Stand der Würde eines brasilianischen Staatsbürgers zu erheben, um ganz am Fortkommen der einheimischen Gesellschaft teilzunehmen, und um in deren Annehmlichkeiten zu kommen.“

Ein anderer Missionar, aus dem frühen 19. Jahrhundert, August Friedrich Pott, den Willert zitiert, schlägt, sich mit Alexander von Humboldt einig wissend, vor, den Indianern „die Entstehung der Zahlwörter trotz ihrer abstrakten Inhaltslosigkeit“ aus den „concreten Vorstellungen“ begreiflich zu machen. Obwohl wir – die „Nationen von tieferem Sprachsinn“ – natürlich wissen, „dass, um die Reinheit des Zahlenbegriffs zu erhalten, die Erinnerung an einen bestimmten Gegenstand besser entfernt wurde“.

Für den weitgereisten Willert steht dagegen fest: „Kulturen die zählen, vernachlässigen das Erzählen. Das Konzept von der Bedeutung des Singulären zwingt hingegen zum Hinschauen.“ Diese im Kern antiimperialistische Zahlenskepsis, die in den Zeiten einer anthropozänischen Geologisierung der Moral Konjunktur hat, tritt in der selben „Lettre“-Ausgabe noch einmal auf – in einem Text des Kulturtheoretikers Martin Burckhardt: „Bild und Zahl“. Es geht darin um die „abstrakte Logik der Zentralperspektive“. Über diese hatte zuvor der universalgebildete Priester Pawel Florenski nach Durchsetzung des „demokratischen Zentralismus“ und dem großen Elektrifizierungsprogramm der Sowjetunion geurteilt: „Die Zentralperspektive ist eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit.“ Florenski hielt die Ikonenmalerei für wirklichkeitsverbundener. Martin Burckhardt bemerkt, dass sich bereits in der Rede von Subjekt und Objekt der zentralperspektivische Projektionszusammenhang reproduziert. Und diesen sieht er in der Geldpolitik der italienischen Renaissanceherrscher am Werk. In der „Republik Florenz“ erfanden die Bürger nicht nur die Staatsanleihe sondern auch die Kopfsteuer, wodurch sich ihre Stadt in eine „zentralperspektivische Gesellschaftsmaschine“ verwandelte. Ironischerweise kommen wir dieser nun – nahezu bargeldlos wirtschaftend und mit Zugriff des Staates auf jedes Kopfkonto – noch näher. Burckhardt zufolge hat man es dabei nicht mit einer „Renaissance des autonomen Ichs“ zu tun, sondern mit den „letzten Zuckungen des Repräsentationsgedankens“.

Autonom ist der Amazonas-Indianer nur im Wald, weiß der vom brasilianischen „Zeit“-Korrespondenten Thomas Fischermann interviewte Indianerkrieger Madarejuwa aus dem Volk der Tenharim, deren „Tage gezählt sind,“ wie die Deutsche Welle berichtete. Aber andererseits kann Madarejuwa Elektrizität und Walkman etc. durchaus etwas abgewinnen. An dem Buch, das aus den Gesprächen und Wanderungen der beiden entstand, ist nur der Titel zu kritisieren: „Der letzte Herr des Waldes“ (2018), denn die Tenharim u.a. Amazonasvölker wollen ja gerade nicht den Wald beherrschen, besitzen, sondern nur darin leben.

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P6: Kartoffeln – oder sagt man nicht besser Deutsche?

Wenn man in Rom eine Kartoffel mit der rechten Hand über die linke Schulter in den Trevi-Brunnen wirft, dann sollen angeblich alle Wünsche wahr werden. Dieser Aberglaube wird von der Stadtverwaltung quasi wissenschaftlich, genauer gesagt: volkswirtschaftlich aufgefangen, indem man die 200.000 Kilogramm, die Bedienstete jährlich aus dem Brunnen fischen, verkauft. Siehe dazu auch „Macht und Magie in Italien“ von Thomas Hauschild – eine ethnologische Studie, die sich bemüht, die Aufklärung nicht gegen den Aberglauben ins Feld zu führen. So wie es z.B. noch Friedrich Engels tat, als er sich 1878 kurz der „Geisterwelt“ zuwandte. Er war noch äußerst optimistisch, dass die aufklärerisch-wissenschaftliche Arbeit diesem Spuk früher oder später ein Ende bereiten würde: „Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten, die entferntern natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen.“ Dazu erwähnt Engels den Anbau der Kartoffel in Europa „und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skrofeln.“ Dabei handelte es sich um leichte Vergiftungen, hervorgerufen durch den Verzehr der grünen Teile von Kartoffelpflanzen: Die Forschung hat dieses anfangs aus Unkenntnis entstandene Problem schnell beseitigt. (1)

Danach stand dem massenhaften Anbau und Verzehr von Kartoffeln in Europa erst einmal nichts mehr im Weg. Um auf den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad von „natürlicher“ und „politischer Ökonomie“ zu sprechen zu kommen, fragte Engels weiter: „Was aber sind die Skrofeln, gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnot, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit vor allem Irland betraf, und eine Million fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf?“ (2)

Dagegen helfe nur die Organisierung der Massen und mit Hilfe des wissenschaftlichen Sozialismus der Klassenkampf. Aber erst einmal wurde dann der Kartoffelkäfer zum Problem. Während die Kartoffel aus Südamerika stammt, kommt der Käfer aus Nordamerika, genauer gesagt: aus Colorado, weswegen man ihn in den USA auch „Colorado Beetle“ nennt. Seine ursprüngliche Nahrungspflanze war die Büffelklette (Solanum rostratum), die auch zur Familie der Nachtschattengewächse gehört. Den Übergang auf die Kartoffel ermöglichte ihm das Vordringen der weißen Siedler, die Kartoffeln aus Europa mitbrachten und anbauten, „so wurde dem Käfer seine neue Nahrungspflanze praktisch entgegengebracht“, heißt es bei Wikipedia. In Europa hatte der Kartoffelkäfer keine natürlichen Fressfeinde, seine Warnfarben schützten ihn. Erst in den letzten Jahrzehnten begannen einheimische Vogelarten, u.a. Fasane, den Kartoffelkäfer als Beute anzunehmen. Vor allem versucht man, der Käferplage durch Chemikalien und eine gezielte Infizierung der Käfer mit dem Bacillus thurengiensis Herr zu werden. Auf kleineren Feldern wird er auch heute noch meist per Hand aufgelesen und vernichtet.

In der Weimarer Republik behauptete die deutsche Propaganda in einem Merkblatt, dass die Kartoffelkäferplage vom Erzfeind Frankreich verursacht worden sei. Im Zweiten Weltkrieg behauptete die Nazi-Propaganda, dass die Amerikaner Kartoffelkäfer als biologische Waffe einsetzen würden, indem sie sie über deutsche Felder abwürfen. Als um 1950 herum fast die Hälfte aller Kartoffelfelder in der DDR vom Kartoffelkäfer befallen wurde, machte die staatliche Propaganda erneut die Amerikaner dafür verantwortlich. Gleichzeitig mobilisierte die Regierung alle Schüler und Studenten, um den „Amikäfer“ und seine Larven auf den Feldern abzusammeln. Unterdes forderte die amerikanische Regierung von der Bundesrepublik Deutschland, propagandistische Gegenmaßnahmen zu unternehmen. Diese beschloss daraufhin einen Postversand an sämtliche Gemeinderäte der DDR und den Ballonabwurf von Kartoffelkäferattrappen aus Pappe mit einem aufgedrucktem „F“ für „Freiheit“. Die etwas unglückliche Aktion bestärkte die DDR noch in ihrer Annahme, es mit einer großangelegten US- bzw. Nato-Sabotageaktion zu tun zu haben, die darauf abzielte, eine Hungersnot in den sozialistischen Ländern herbeizuführen. Auch Polen wurde 1950 von einer Kartoffelkäferplage heimgesucht: „Unerhörtes Verbrechen der amerikanischen Imperialisten“, titelte im Mai des selben Jahres die „Trybuna Ludu“. Bis dahin war man dort davon ausgegangen, dass die deutsche Wehrmacht 1939 den Kartoffelkäfer in Polen eingeschleppt hatte. Die Deutschen hatten dort zuvor, im 18 Jahrhundert, schon die Kartoffel eingeführt, weswegen man sie in Polen auch „Berliner“ nannte. 1950 wurde nun ebenfalls das halbe polnische Volk mobilisiert, um der Kartoffelkäferplage Herr zu werden. Bereits 1946 war dazu eine Kampfschrift: „Der Kartoffelkäfer – ein bunter Saboteur“ von Irena Ruszkowska veröffentlicht worden. (3)

2001 stand die Kartoffel in Polen erneut im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Danziger Künstlerin Julita Wojcik hatte eine Performance in einer Warschauer Galerie angekündigt, die darin bestand, dass sie 50 Kilogramm Kartoffeln schälen wollte. Das sei keine Kunst, wurde ihr daraufhin vorgeworfen, ihr gehe es nur um den Skandal, denn „nach der Performance würden die Kartoffeln nicht verzehrt, es handle sich also um Verschwendung und Rowdytum,“ schreibt Sebastian Cichocki in „Alphabet der polnischen Wunder“. 2006 wurde der polnische Präsident Lech Kaczynski von der Berliner tageszeitung mit einer Kartoffel verglichen, woraufhin dieser eine offizielle Entschuldigung von Deutschland, mindestens von der tageszeitung verlangte. Das tat der taz-Journalist, Peter Köhler, auch – allerdings nicht beim Präsidenten, sondern bei der Kartoffel.

2007 wurde in Deutschland die Sorte „Linda“ zur Kartoffel des Jahres erklärt. Es gibt sie seit 1974, kreiert hat sie das Pflanzenzuchtunternehmen „Europlant“, das 2004 den Sortenschutz, der bis 2009 gültig war, an das Bundessortenamt zurückgab, weil die Firma inzwischen eine neue Sorte gezüchtet hatte, die ihr noch profitabler als „Linda“ dünkte. Die Kartoffelanbauer, aber auch viele Konsumenten, die sich inzwischen an Linda gewöhnt hatten, protestierten dagegen. Im Kartoffelanbaugebiet Lunestedt, zwischen Bremen und Hamburg gelegen, sowie in Barum bei Lüneburg gründete sich zur Rettung der alten Sorte erst ein regionaler „Linda-Freundeskreis“, der sich bemüht, sie wieder – für viel Geld – zugelassen zu bekommen, nicht nur in Deutschland, und sodann eine bundesweite „Ackerfront“, in der u.a. die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Verband „Bioland“ sowie der Verein „Slow Food Deutschland“ vertreten sind. Die „Ackerfront“ hat nun zusammen mit dem Künstler Torsten Haake-Brandt eine „Hommage an die beste Kartoffel der Welt“ in Form eines Buches veröffentlicht – im Berliner „Karin Kramer Verlag“. Die Autoren stammen zumeist aus Lunestedt und Umgebung: „Kartoffelbauern wie die Familie Wrede, Erntehelfer, Freunde und Liebhaber der Kartoffel. Sie alle leben mit Linda in enger Verbundenheit,“ schreibt Torsten Haake-Brandt im Vorwort. Einer, Jürgen Bahlmann, bezeichnet darin die Züchter von Europlant als „Agrarhampelmänner“ und meint, dass sich ihre Linda-Ersatzsorte „Belana“ wie eine Slipeinlage anhöre. Bis der Streit mit der Firma, die laufend gegen die Linda-Rettungsaktivitäten klagt, ausgestanden ist, hat er für seine Kartoffeln eine „provisorische Insellösung“ – im Blumentopf – gefunden, wie er schreibt und mit Photo beweist. Andere Beiträge beschäftigen sich z.B. mit Kartoffelroder, Kartoffelschälen, Kartoffelschnaps und dem eingangs bereits erwähnten Kartoffelwerfen am römischen Wunschbrunnen.

Bei der „Ackerfront“ und ihren Buchautoren handelt es sich um eine westdeutsche Initiative. Das eigentliche Kartoffelanbaugebiet war jedoch Ostdeutschland: Einmal wegen der sandigen Böden in weiten Teilen des ostelbischen Junkerlandes und zum anderen wegen der großflächigen Anbaumöglichkeiten. Hier galt z.B. der mehrmalige Gutsverwalter und spätere Schriftsteller Hans Fallada als „Kartoffelexperte“ – angeblich konnte er 1000 Sorten auseinanderhalten. Nun macht dort in Brandenburg seit einigen Jahren eine Initiative für „nicht-kommerzielle Landwirtschaft“ (NKL) von sich reden. Sie begann unter der Parole „Kartoffeln für alle!“, wozu u.a. auch solche von der Sorte Linda gehören. Dazu verschickten die Diplomlandwirte von der „Lokomotive Karlshof“ 2006 einen „Aufruf zur Selbstorganisierung“ an rund 200 Wohn- und Landprojekte, um deren Bedarf an Kartoffeln zu erfassen. Sie kamen schließlich auf 4150 Kilogramm, woraufhin sie auf 0,7 Hektar Kartoffeln pflanzten. Mit 50 Helfern ernteten sie dann 4,5 Tonnen. 2007 erweiterten sie wegen des gestiegenen Bedarfs die Anbaufläche auf über einen Hektar, bekamen jedoch Probleme mit dem Kartoffelkäfer. 2008 ernteten sie bereits 15 Tonnen, die Erntehelfer wurden immer weniger, dafür schafften sie sich immer mehr Maschinen an. Ein Teil der Ernte wird in Berlin über sogenannte „Kartoffelcafés“ abgesetzt.

In ihrer Broschüre „NKL – ein Erfahrungsbericht“ heißt es, dass sie über das „Kartoffel-Experiment“ hinausgehen wollen – und müssen: „Schritt für Schritt wollen wir auch diese Herausforderungen angehen und im NKL-Rahmen finanzieren. So läuft gerade eine Finanzkampagne an, um Geld für einen größeren Traktor und weitere Bodenbearbeitungsmaschinen zu organisieren, die wir für die Grundbodenbearbeitung benötigen. Wir glauben, dass das ‚Netz‘ aus vielen es schafft, auch für die nächsten Jahre die Finanzierung in Angriff zu nehmen, und das gibt uns Mut.“ Die Finanzkampagne der NKL besteht im wesentlichen aus Spendenaufrufen

Dazu merkt einer ihrer Erntehelfer aus der Nachbarschaft, dem es ziemlich viel Spaß gemacht hat, mit ca. 20 anderen Kartoffeln aufzusammeln, ausgehend von einem Marx-Zitat, an: „‚An die Stelle des ökonomischen Werts der Dinge als indirekte und feteschistische Vermittlung trete die menschlich-soziale Kommunikation als direkte Vermittlung, die den kapitalistischen Irrationalismus ausschließe‘. Wenn ich das richtig verstanden habe, heißt das, dass sich die Kartoffeln vom Lebensmittel zum Kulturgut verwandeln. Und so hab ich es auch erfahren, die Arbeit verwandelt sich in ein Ferienlager. Das hat was von vorweggenommener Utopie.

Aber ein wenig absurd find ich es doch, wenn den Lebensmitteln, die ich mit produziert habe, auf der einen Seite ihr Geld-Wert entzogen wird, und auf der anderen Stelle, begründet mit der praktischen Kapitalismuskritik, wiederum Geld-Mittel eingeworben werden müssen, um NKL möglich zu machen.“

Ich möchte abschließend dazu bloß noch anmerken, dass die Kartoffel schon bei den Inkas ein „Kulturgut“ war und es erst recht jetzt in Form und Substanz der Sorte „Linda“ ist. Kultur beschränkt sich nicht nur auf die Assoziation von Subjekten, sondern schließt auch die Objekte mit ein, um so mehr, wenn sie – wie in diesem Fall die Kartoffeln – gewissermaßen im Lebensmittelpunkt stehen. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis wir wirklich von der Naturgeschichte der Art „Kartoffel“ (Solanum tuberosum) und der Zuchtsorte „Linda“ zur Kulturgeschichte der Kartoffelpflanze Linda als Individuum kommen. Dazu oder dabei müßte erst einmal die Dichotomie von Natur und Kultur (Gesellschaft) und die von Objekt und Subjekt überwunden werden.

Anmerkungen:

(1) Im Internet findet sich dazu die Eintragung: Alle grünen Teile der Pflanze, die Beeren und die am Licht ergrünten Teile der Kartoffel, enthalten das für die Gattung Solanum typische Glyko-Alkaloid Solanin, das eine unangenehme Hautreizung hervorruft, leicht zu verwechseln mit den Skrofeln. Und das neue Gewächs roch in den Blättern anders als die bisher gekannten Pflanzen. Wenn Lager- oder Winterkartoffeln ungeschützt im Freien liegen, so werden sie grün. Nach ein bis zwei Tagen werden sie giftig und können weder gegessen noch verfüttert werden.

„Ein hübscher Knabe namens Brosi besaß einen Raben,/ der hatte aber im Herbst zu viele junge Kartoffeln ins Futter bekommen und war gestorben und … begraben“, schrieb Hermann Hesse. Die Blätter und Knollen sind dann stark blausäurehaltig. Insofern ist verständlich, wenn behauptet wurde, der Genuß der Kartoffeln rufe Aussatz, eine der gefürchteten Krankheiten jener Zeit, hervor. Sicherlich hat eine Rolle gespielt, die Knollen zwar zu kochen, aber nicht zu schälen oder zu pellen. Kartoffeln wurden auch in Preußen-Brandenburg verantwortlich gemacht für Gicht, Bleichsucht, Hautausschläge und Rheumatismus sowie für andere Krankheiten.

Karl Marx diskutierte das Kartoffelproblem etwas anders: „die Kartoffel, die Baumwolle und der Branntwein sind Gegenstände des allgemeinsten Gebrauches. Die Kartoffeln haben die Skrofeln erzeugt; die Baumwolle hat zum großen Teil die Schafwolle und das Leinen verdrängt, obwohl Leinen und Schafwolle in vielen Fällen von viel größerem Nutzen sind, sei es auch nur in hygienischer Beziehung. Endlich hat der Branntwein über Bier und Wein gesiegt, obwohl der Branntwein als Genußmittel allgemein als Gift anerkannt ist. Während eines ganzen Jahrhunderts kämpften die Regierungen vergeblich gegen das europäische Opium; die Ökonomie gab den Ausschlag, sie diktierte dem Konsum ihre Befehle. Warum aber sind Baumwolle, Kartoffeln und Branntwein die Angelpunkte der bürgerlichen Gesellschaft? Weil zu ihrer Herstellung am wenigsten Arbeit erforderlich ist und sie infolgedessen am niedrigsten im Preise stehen. Warum entscheidet das Minimum des Preises in bezug auf das Maximum der Konsumtion? Vielleicht etwa wegen der absoluten Nützlichkeit dieser Gegenstände, wegen der ihnen innewohnenden Nützlichkeit, wegen ihrer Nützlichkeit, insofern sie auf die nützlichste Art den Bedürfnissen des Arbeiters als Mensch und nicht des Menschen als Arbeiter entsprechen? Nein – sondern weil in einer auf das Elend begründeten Gesellschaft die elendesten Produkte das naturnotwendige Vorrecht haben, dem Gebrauch der großen Masse zu dienen. (aus: „Das Elend der Philosophie“)

(2) Die Kartoffelkrankheit „Braunfäule“ ist ein mit der Kartoffel aus Südamerika eingeschleppter Schmarotzerpilz, der zwischen 1845 und 1850 nahezu alle in Europa angebauten Kartoffeln erfaßte. „Als wirksamstes Mittel gegen den Pilz hat sich das zwei- bis dreimalige Bespritzen der Pflanzen mit einer fein zerstäubten Kupfervitriolkalklösung (Bordelaiser Brühe) bewährt,“ schreibt Meyers Lexikon. 2002 gelang Forschern des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln die Isolierung eines Gen, das Kartoffeln vor dieser sog. „Kraut- und Knollenfäule“ schützt: Das zum Resistenz-Gen R1 gehörende Protein alarmiere die Kartoffelzellen, wenn eine Pilzspore eindringe. Weltweit richtet der Erreger der Ernteschäden von rund zwei bis drei Milliarden Euro jährlich an. Unter Leitung von Christiane Gebhardt sei es dem Kölner Forscherteam gelungen, das Gen R1 auf dem fünften von zwölf Chromosomensträngen der Kartoffel aufzuspüren und zu isolieren, teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit. Das Gen codiere ein Protein von etwa 1300 Aminosäuren, die im Fall von Eindringlingen eine hypersensitive Reaktion in der Pflanzenzelle auslösten. Die Zellwände würden dicker, so dass sich die Pilzsporen nicht ablagern könnten. Außerdem stoße die Zelle Stoffe aus, die für den Erreger (Phytophthora infestans) giftig sind. Mit dem isolierten Gen hätten die Wissenschaftler nun „eine Art Prototyp“ in der Hand, erklärte der MPI-Mitarbeiter Agim Ballvora. Im Erbgut der Kartoffel lägen mehrere andere Resistenzgene in unmittelbarer Nähe, darunter Gene zur Abwehr des Fadenwurms (Globodera). „Wir hoffen, dass die verschiedenen Resistenzgene eines Tages so weit erforscht sind, dass wir den gesamten Abwehrmechanismus der Kartoffel verstehen und für die Entwicklung neuer Sorten nutzen können“, sagte Ballvora.

(3) An einer Stelle geht es darin um einen Lehrer, der die Kinder und Erwachsenen über die mit der US-Sabotageaktion verbundenen Gefahren aufklärt, um sie zum Kampf gegen die Kartoffelkäfer zu motivieren: „Wenn der Feind die Oberhand gewinnt, wird die Kartoffel vielleicht eines Tages zu einer Delikatesse, die nicht für jedermann erschwinglich ist, so wie Orangen oder Bananen.“ In der DDR veröffentlichte die DEWAG Werbung 1950 eine Broschüre „Arbeiter und Bauern, seid wachsam. Kartoffelkäfer entlang der Bahn und Strassen“. Das bezog sich vor allem auf den sächsischen Landkreis Bautzen. Dazu waren auf einer Karte alle Befallstellen von Kartoffelkäfern in diesem Kreis mit roten Punkten verzeichnet worden.

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P6: Wenn man Tieren einen Sender verpasst, ist das nicht schuftig?

Die Biologen wollen allen Ernstes alle Wildtiere, die es noch gibt, mit GPS-Sendern ausrüsten. Alle. Und tatsächlich ist schon jetzt kein Tier mehr sicher vor den Betäubungsgewehren, –blasrohren, Fallen und Fangnetzen der Biologen, um sie mit verschiedenen technischen Geräten – Geolokatoren, eBirds, Funksendern, Infrarotkameras, Satellitensendern, Nanotags und anderen Geräten – auszurüsten, mit denen ihre Bewegungen in Raum und Zeit verfolgt werden. Ein einziger Satellitensender kostet laut Scott Weidensaul (in: „Auf Schwingen um die Welt: Die globale Odyssee der Zugvögel“ 2022) mehrere Tausend Dollar und die Jahresgebühren für die Satellitennutzung weitere Tausende. Zudem hat man angefangen, die Sender mit KI zu optimieren.

Der englische Biologe und Filmemacher Tom Mustill berichtet begeistert (in: „Die Sprache der Wale: Eine Reise in die Welt der Tierkommunikation“ 2023), dass inzwischen „Silicon Valley“ in das Projekt, die Sprache der Tiere mit Hilfe von KI zu verstehen, eingestiegen ist – mit vielen Experten und Zigmillionen Dollar. Ihr „Thinktank“ nennt sich „Interspecies Internet“.

Der TV-Sender SAT1 begleitete vor etwa 10 Jahren eine vierköpfige Familie beim Test von Überwachungs-Apps. Die Sendung hieß „Kinderkontrolle extrem“. Darin wollten Eltern wissen, wo sich ihre Kinder aufhalten. Die taz (v. 24.1.2026) schreibt: „Die Kinder sind sichtlich genervt. Von Rund-um-die-Uhr-Kontrolle spricht Tochter Joline und davon, dass das Ganze was von einer Fußfessel habe.“ Damals fanden viele Kommentatoren diese elektronische Kontrolle, mit der auch die Polizei arbeitet, noch „richtig krank“, aber seitdem hat sich die Einstellung zu dieser Technik gründlich verändert. „Vor zehn, zwanzig Jahren war das Tracking in Deutschland ein totales No-Go, heute ist es Normalität“, sagt die Medienpsychologin Sabine Trepte, die eine 24jährige Tierpflegerin namens Elisa Mende zitiert: „Je mehr wir uns im Digitalen verbinden, desto schwerer fällt der Kontakt im Analogen“.

2024 schrieb der „Tagesspiegel“, dass „auch in den Berliner Zoo die Künstliche Intelligenz eingezogen ist: Wenn die Löwen Mateo und Elsa derzeit lautstark brüllen, werden sie dabei genau vermessen. Ein spezielles Halsband mit Sensoren zeichnet ihre Bewegungen bis in die kleinsten Vibrationen auf. Gleichzeitig filmt eine Kamera, die im Gehege installiert ist, ihr Verhalten. Die Daten, die über das Halsband an Computer gesendet werden, sollen zum Artenschutz wildlebender Löwen beitragen.“

Da diese in afrikanischen Nationalparks ebenfalls mit Sendern bestückt werden, kann man sich fragen, was für einen Erkenntnisgewinn die Daten aus dem Westberliner Zoo dann noch bei der Erforschung wildlebender Löwen bringen sollen? Wahrscheinlich geht es bloß darum, das neue „Tool KI“ einzusetzen, um damit zu demonstrieren, wie modern doch dieser schrecklich veraltete und enge Zoo mitten im Stadtzentrum ist.

Der Münchner „Kommunikationsexperte“ Alexander Pschera veröffentlichte 2014 einen „Neuen Dialog zwischen Mensch und Natur“ (unter dem Titel „Das Internet der Tiere“ ), in dem er sich für die Besenderung von Tieren durch den Biologen Martin Wikelski und anderen Forschern begeisterte. Wikelski, der dazu ein Vorwort schrieb (er ist für Pschera „ein Humboldt des Digitalen“), veröffentlichte 2024 selbst ein Buch: „The Internet of Animals“, in dem er über die weltweite Besenderung von bisher 375.000 Tieren aus über 1000 Arten berichtet, die u.a. vom „ICARUS-Projekt“ der Max-Planck-Gesellschaft durchgeführt wurde, das er 2002 gründete. Über dieses hochdotierte Projekt hatte er im Jahr zuvor schon einen üppigen Bildband „Das ICARUS Projekt“ veröffentlicht, in dem er zusammen mit zwei Koautorinnen erläuterte, „wie wir Tiere aus dem All beobachten und gemeinsam das Leben auf der Erde schützen“.

Die Biologen müssen heute anscheinend immer betonen, wie wichtig ihre Forschung an Tieren und deren Besenderung für die Menschen, mindestens für ihre Geldgeber, ist. „Wenn wir die Wege kennen und sehen, da fliegt jetzt irgendwo in China z.B. ein Schwarm Weidenammern los, dann können wir hier in Deutschland die Bestellung für Impfstoffe auslösen“, erklärte der ICARUS-Projektleiter Friedhelm Claasen vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt den guten Zweck der GPS-Sender an den Vögeln. Diese bleiben bis zu zwei Jahren an ihnen, bevor sie von selbst abfallen, bei kleineren Vögeln nach zwei Wochen.

Wikelski ließ für 30 Millionen Euro eine Empfangsantenne mit Computer entwickelt, die dann von den Russen an ihrer Weltraumstation ISS angebracht wurde. Von dort wurden die Signale via Internet zu den Wissenschaftlern zurückgesendet. Aber als Russland 2022 die Ukraine angriff, wurde die Kooperation mit Russland beendet, stattdessen entwickelte sein ICARUS-Projekt laut „tagesschau.de“ eigene Satelliten – „CubeSat“ genannt – für den Empfang der Daten ihrer mit Sendern bestückten Tiere. In kürze soll ihr erster „Mikrosatellit“, dessen Entwicklung rund eine Million Euro kostete, in den Orbit geschickt werden – zunächst mit einer Rakete der von Elon Musk gegründeten Firma „SpaceX“, aber irgendwann vielleicht mit einer „deutschen Rakete“.

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P7: Ersetzen schnurlose Telefone nicht das geregelte Miteinander?

Der rumänische Professor des Religionswissenschaftlers Mircea Eliade besuchte um 1900 Berlin und dort eine Vorlesung des damals über Achtzigjährigen Altertumswissenschaftlers Theodor Mommsen. Es ging um das Athen der ersten Philosophen: Wer sich wo dort mit wem getroffen und worüber sie geredet hatten. Eliades Professor war tief ergriffen als Mommsen fertig war. Er sah, wie der Universitätsdiener kam, Mommsens Papiere zusammenpackte, dessen Karte von Athen einrollte und Mommsen ein paar Straßen weiter nach Hause geleitete. Der rumänische Professor folgte den beiden. Dabei sah er, dass der alte Gelehrte, der sich im Athen der ersten Philosophen wie in seiner Westentasche auskannte, nicht mehr wußte, wo er in Berlin wohnte.

Mommsen war aus der Zeit gefallen. Ähnlich erging es dem Neurologen Oliver Sacks als er einmal mit seiner Nichte in New York spazieren ging und auf einer Eisenbahnbrücke stehen blieb. Als seine Nichte ihn fragte, worauf er warten würde, sagte er: „Ich warte auf einen Dampfzug.“ „Onkel Oliver,“ erwiderte seine Nichte, „Dampfzüge gibt es seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.“

Sacks erwähnt diese Geschichte in einem Text mit dem Titel „Life Continues“, in dem er erklärt, dass er sich an den raschen technischen Fortschritt nicht besonders gut gewöhnt hat. Vor allem wird er sich nie daran gewöhnen, meint er, dass unzählige Menschen auf der Straße in ihre Handys starren oder sie vor ihr Gesicht halten. Besonders beunruhigend findet er junge Eltern, die in ihre Handys starren und überhaupt nicht auf ihre Kleinkinder achten, die sie an der Hand führen oder im Kinderwagen schieben.

„Soziales Miteinander, Straßenleben und Aufmerksamkeit für die Menschen und Dinge um uns her gehören weitgehend der Vergangenheit an, zumindest in Großstädten, wo die Mehrheit der Leute fast ununterbrochen an ihren Handys oder anderen Geräten klebt – schwatzend, simsend, Computerspiele spielend, unterwegs zu immer neuen virtuellen Realitäten jeder Art,“ schreibt er und erzählt daraufhin von einer Einladung zu einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Information and Communication in the Twenty-first Century“: Einer der Diskutanten, ein Internetpionier, berichtete dort voller Stolz, dass seine junge Tochter zwölf Stunden im Internet surfe und Zugang zu einer Breite und Tiefe an Informationen habe, die niemandem in früheren Generationen zugänglich gewesen sei.

Ähnlich argumentiert auch der französische Philosoph Michel Serres in seinem 2013 erschienenen Buch „Erfindet euch neu!: Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation“, die er darin als „Däumlinge“ bezeichnet, weil sie ihre Handybotschaften mit den Daumen eintippen. Der Wandel habe längst ein solches Ausmaß erreicht, dass man laut Michel Serres mit Fug und Recht davon sprechen könne, dass die Angehörigen der jungen Generationen einer anderen Spezies angehören. Und dem müsse die Gesellschaft, vor allem das Bildungssystem Rechnung tragen, denn das Wissen, das früher in Bibliotheken gespeichert war und mühsam erworben werden musste, würde uns heute überall zur Verfügung stehen. Es müßte deswegen nicht länger mehr in der Schule den Kindern bzw. Jugendlichen eingetrichtert werden. Ein neues Curriculum täte not.

Als Sacks den Internetpionier fragte, ob seine Tochter denn auch z.B. Jane Austens Romane oder andere Bücher gelesen habe, erwiderte der „Nein, für so was hat sie keine Zeit“. Worauf Sacks die Vermutung äußerte, „dass sie zwar mit weitreichenden Informationen vollgestopft werde, diese aber etwas anderes seien als Wissen und Erkenntnis; sie werde einen Verstand haben, der zugleich flach und ohne Mittelpunkt sei. Die eine Hälfte des Publikums klatschte, die andere buhte.“

Schon 1909 hat der englische Schriftsteller E.M. Forster in seiner Geschichte „Die Maschine steht still“ eine Gesellschaft vorgestellt, in der die Menschen sich nicht mehr sehen, sondern nur über akustische und visuelle Geräte miteinander verkehren. „Die Menschheit ist von der ‚Maschine‘ übernommen worden, die für alle Annehmlichkeiten sorgt und alle Bedürfnisse befriedigt – bis auf das nach menschlichem Kontakt.“ Einer, Kuno, der einen solchen Kontakt vermisst, sagt zu seiner überbeschäftigten Mutter über eine „Skype-artige Technik“: „Versteht ihr denn nicht…dass wir es sind, die sterben, und dass allein die Maschine richtig lebt?“

In einer JW-Kolumne ging es u.a. um GPS-Sender, mit denen weltweit alle kleinen und großen Tiere ausgerüstet werden sollen, damit man ihre Wege und Flüge am Bildschirm überwachen kann. Die Ausrüster/Besender meinen, dass die Tiere damit zu Individuen werden. Ich meine jedoch, sie sind Individuen nur insoweit als man ihre Wege affektiv als den und den besenderten Elefanten oder Storch begreift. Aber eigentlich sind hierbei umgekehrt die (numerierten) GPS-Sender die Individuen? Über sie weiß man mehr als über die an ihnen befestigten Tiere.

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P8: Sind Glatzen politisch?

Seit Monaten wirbt die Firma „Techfibrr“ auf Plakaten für einen neuen Skull Shaver namens „Pitbull Gold“, der Glatzen in 90 Sekunden rasiert und 94 Euro 99 kostet. Auf „alleantworten.de“ weiß man, wie Glatzen entstehen: „Die Ursache für den kontinuierlichen Haarverlust ist das männliche Sexualhormon Testosteron beziehungsweise sein Abbauprodukt Dihydrotestosteron (DHT).“

Gegen Kopfhaarverlust wird koffeinhaltiges Shampoo empfohlen. Koffein hat eine hemmende Wirkung auf DHT. „Dies erfordert jedoch eine Menge von 60 bis 80 Tassen Kaffee pro Tag“ – und wirkt doch nicht, weil das Haarewaschen nicht lange genug dauert. „Eine andere Möglichkeit ist eine Haartransplantation, bei der Haarfollikel, die sich im Nackenbereich befinden und weniger empfindlich auf DHT reagieren, nach vorne verpflanzt werden,“ heißt es auf „holland.apo.de“.

Die Frage, warum immer mehr Männer eine Glatze bekommen, hat wahrscheinlich nichts damit zu tun, dass es immer mehr Neonazis – „Glatzen“ – gibt, aber auch nicht mit der beliebten Erklärung, dass es „genetisch bedingt“ ist. Eine länderübergreifende Studie erhärtete den Verdacht, „dass Herzerkrankungen und Prostatakrebs häufiger bei Männern auftreten, die unter frühzeitigem Haarausfall leiden,“ wie die Augsburger Allgemeine schrieb. Dies erklärt aber auch nicht die Zunahme an Glatzen.

Vielleicht kommt dazu Erhellendes von ganz anderer: Am Bodensee werden vom Aussterben bedrohte Waldrappen gezüchtet und dann ausgewildert. Vorher bekommen sie einen GPS-Sender auf den Rücken geklebt, so dass man ihre Flüge ins italienische Winterquartier und zurück via Satellit auf dem Bildschirm verfolgen kann. Bis zum Ukrainekrieg war es die russische Weltraumstation, inzwischen hat das deutsche Projekt ICARUS der Max-Planck-Gesellschaft für 1,5 Millionen Euro einen eigenen Satelliten bauen lassen, den eine Rakete von Elon Musk in den Weltraum schießt.

Auf der Waldrappstation am Bodensee stellte man unterdes „nach lange Untersuchung“ fest, „dass die Sender Augenschäden bei 27 von 50 Waldrappen verursacht hatten,“ teilte der Projektleiter der österreichischen Zeitung „Standard“ 2020 mit. Der britische Neurobiologe Semir Zeki legt nahe, dass dies durch elektromagnetische Strahlung geschieht. Ähnlich auch die Forscher Surendran u.a. in ihrem Aufsatz „Auswirkungen elektromagnetischer Strahlung von Mobilfunkmasten/Mobiltelefonen und deren Einfluss auf Zugvögel“ (in: „Advances in Air Pollution Profiling and Control“ 2020). Daneben erwähnte die Generaldirektion für öffentliche Gesundheit der Europäischen Kommission (auf „europa.eu/health/scientific_committees“ 2007/8), dass die Strahlung von elektromagnetischen Feldern sich auf die Navigation, Migration, das Verhalten und die Gesundheit von Vögeln auswirkt. „Die Felder werden von geladenen Objekten erzeugt und bestehen aus elektrischen und magnetischen Komponenten. Man findet sie in Stromleitungen, Satellitensystemen, Mobilfunkmasten, Radiosendern, Mobilfunktelefonen, Mikrowellenherden, Radarsystemen, und medizinischen Geräten (u.a. in Röntgenapparaten).“

Der Schweizer Ingenieur Sosthène Berger schreibt im Magazin „Zeitpunkt“ 2020 „Wie Elektrizität die Biologie verändert“: „Ein Experiment mit Kaulquappen in zwei getrennten Becken im Umkreis von 140 Metern eines Mobilfunkmasts, eines ohne und das andere mit elektromagnetischer Abschirmung, zeigte Mortalitätstraten von 90 bzw. 4 Prozent“. Der Autor kommt darin auch auf das „Bienensterben“ zu sprechen, das er ebenfalls auf Mobilfunk-Sendemasten zurückführt. Darüber gibt es in Berlin bereits leidvolle Erfahrungen von Imkern und eine Broschüre des Kreuzberger Stadtteilausschusses.

Ich habe einmal ein unbeabsichtigtes Experiment mit einer solchen Strahlenquelle durchgeführt, indem ich neben einem „Router“ (für den Internetempfang) eine große Yuccapalme stellte: Nach zwei Monaten waren rings um den Router die Blätter dieser doch ziemlich robusten Pflanze vertrocknet – wie innerlich verbrannt. Man soll keinen Router im Schlafzimmer anschließen, wird gesagt. Und ferner weiß man, dass Röntgenstrahlen Krankheiten (u.a. Krebs) verursachen; bei Fruchtfliegen bewirken sie Mutationen.

Zurück zu den Glatzen: Der SchriftstellerWladimir Kaminer tat als Wehrpflichtiger Dienst auf eine Radarstation im dritten Abwehrring von Moskau und versichert, dass dort alle Berufssoldaten eine Glatze hatten, was auf die Radarstrahlung zurückgeführt wurde.

Aus all dem läßt sich schlußfolgern, dass die ganzen Funkmasten und WLAN-Antennen, die von den Millenials ständig mit ihrem Smartphone, das sie gerne in der Hand halten, empfangen werden, schädlich sind. Diesen „Elektrosmog“ halten sensible Leute nicht einmal in der Nähe von Hochspannungsmasten aus. Man hält ihn ferner für die Ursache von Gehirnerweichung und der Zunahme von „Stimmenhörern“.

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P9: Ist Denglisch bald eine anerkannte Sprache?

„Tired of Speaking Silly German?“ fragt eine Sprachschule, die Deutsch lehrt, die hiesigen „Expets“ – was aber auch ein einfältiges Deutsch ist, gemeint sind damit die hier für kurz oder lang lebenden Ausländer. Der Wissenschaftshistoriker Alexandre Métraux veröffentlichte 1985 das Buch „Der Methodenstreit und die Amerikanisierung der Psychologie in der Bundesrepublik 1950-1970“. Darin kritisierte er den Reduktionismus, die empiristischen Tendenzen, die ideologische Einseitigkeit und die eklektische Vereinnahmung von Ideen.

Über die Psychologie hinaus betrifft die „Amerikanisierung“ inzwischen so gut die alle gesellschaftlichen Bereiche. In den Naturwissenschaften wird dies dadurch forciert, dass z.B. die Max-Planck-Gesellschaft den Beschäftigten ihrer Institute nahelegte, untereinander fürderhin Englisch zu sprechen und in angloamerikanischen Fachzeitschriften zu publizieren. Zwei junge MPI-Forscherinnen kündigten daraufhin. Sie wollten sich anscheinend nicht ständig das holprige Denglisch ihrer älteren Kollegen anhören müssen.

Aber die Amerikanisierung der der Kultur geht noch viel weiter. Aktuell wird überall mit dem Begriff „Black Friday“ für gesteigerten Vorweihnachtskonsum geworben. Der Schwarze Freitag vom 25. Oktober 1929, das war der Tag, an dem die New Yorker Börse zusammenbrach, was die Weltwirtschaftskrise auslöste. Damals stürzten sich nicht nur einige Börsenmakler aus dem Fenster, es gab auch Vorschläge, wie die Krise zu beenden sei: Einer lief darauf hinaus, alle US-Waren auf Verschleiß hin zu produzieren, so dass die Konsumenten sie schnell durch Neukäufe ersetzen müssen. Unternehmer, die zu haltbare Produkte verkaufen, sollten bestraft werden. Man erhoffte sich dadurch eine Ankurbelung des Warenumschlags, aber die Ingenieure, die die Produktion dafür ändern müssten, weigerten sich: „Wir arbeiten für den Fortschritt und nicht für den Rückschritt,“ sagten sie. Daraufhin forcierte man die Produktwerbung, die damals erst so richtig in Fahrt kam: „Um aus der Krise heraus zu kommen, kauft mehr!“ hieß es. So wie auch dem US-Präsidenten George W. Bush kurz nach dem Zusammenbruch des Welthandelszentrums in New York in seiner Rede nichts Besseres einfiel als zu sagen: „Das Beste was wir alle nun angesichts dieser Katastrophe tun können, ist zu konsumieren.“

Die Amerikanisierung geht hierzulande aber vor allem schleichend voran, indem sich immer mehr US-Begriffe in der Alltagssprache ausbreiten: „woke“ (politisch korrekt), „Oh my God“ (ach du Scheiße), „bro“ oder „bruh“ (Bruder/Mann), „cringe“ (peinlich), „cool“ (urst schau/geil), „hot“ (attraktiv), „hip“ (trendy), „boss“ (Chef), „chillen“ (abhängen), „crush“ (fester Freund), „Late Night Shop“ (Späti), „Dope“ (Haschisch) usw.. Lustig sind solche Ausdrücke, die sich dem US-Imperialismus verdanken, nur, wenn sie subversiv benutzt werden. So wie z.B. bei einem Autovermieter, dessen Name „MILES“ schwarz auf seinen weißen Autos steht und der nächtens in „MILFS“ geändert wird. Das Kürzel steht dann für den Plural von „M-other I W-ant to F-uck you“. Das Wort „Fuck“ oder „Fuck you“ ist schon seit langem so gut wie eingedeutscht.

Flankierend zu diesen Amerikanismen breiten sich die „Fast Food“-Läden aus, die – mit immer phantasievolleren Namen – „Hamburger“ verkaufen. Ein wahrer amerikanischer Wortschwall ist im Zusammenhang mit dem Computer, dem Internet und der künstlichen Intelligenz über uns gekommen. Das fing schon in den Siebzigerjahren an, beschleunigt sich aber noch ständig. Da die „Bosse“ der Elektronikkonzerne im kalifornischen Silicon Valley fast alle zu den reichsten Unternehmern der Welt zählen, hat sich ihr Ingenieurwortschatz auch global durchgesetzt.

Der bayrische CSU-Ministerpräsident verkündet, „Hightech und Heimat“ seien in seinem Bundesland „vereint“. Neuerdings heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, „Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, „KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“.

Man könnte vielleicht auch sagen: Die aus der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (die AfD in den DDR-Märzwahlen 1990) über mehrere Anläufe hervorgegangene fremdenfeindliche „Alternative für Deutschland“ (AfD) amalgamiert ihren Nationalismus mit dem Internet und allem, was weiterhin aus dem Silicon Valley kommt – ein Algorithmus, bei dem jeder mit muß. In Fluss bleiben und gleichzeitig eindämmen, sich versperren.

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P10: Was hat es mit dem Setzen von immer mehr Punkten auf sich?

Früher sammelte man beim Einkauf „Rabattmarken“, die man in ein Heftchen klebt. Sie wurden irgendwann abgeschafft, aber nun gibt es sie wieder – als „Punkte“. Die Supermärkte werben damit: „Punkte sammeln!“, „Punkten wie nie!“, „Hier gibts Punkte!“, Punkte ohne Ende“, „Punkten und Sparen!“. Banken werben mit 3 Punkten: „Wir. Fördern. Berlin.“ Die Partei Die Grünen wirbt mit einem Punkt: „Berlin: Grün und Gerecht.“ Ebenso eine Bäckerei: „Herbst Brot.“ ein Zoo wirbt mit zwei Punkten: „Tiere sehen. Arten schützen.“ Ebenso Aldi: „Täglich frisch. Immer günstig.“ Genug.

Im „Stadtbild“ bzw. „Straßenbild“ sieht man, wenn man keinen rassistischen Blick hat (wie Goebbels und Merz), sondern auf die Werbung achtet, andauern Sprüche mit Punkten.

Der FDP kommt der Verdienst zu, die ersten Werbetreibenden gewesen zu sein, die Punkte einsetzte: F.D.P.. 1966 wurde die Partei nicht mehr in die Bundesregierung aufgenommen. 1968, als alles Mögliche im Aufbruch begriffen war, warb die FDP erstmalig mit den drei Punkten. Damals erregte sie damit noch große Aufmerksamkeit: Ein Teil der Presse rätselte, was das soll, ein anderer Teil machte sich darüber lustig und fand es affig. Sprachpuristen erinnerten daran, dass es sich bei drei Punkten hintereinander um „Auslassungspunkte“ handelt. Und in der Tat hatte die FDP damit so einiges ausgelassen, was sie davor noch hochgehalten hatte – an „Werten“.

Aber keiner ahnte damals, dass die F.D.P. sich mit diesen Punkten als die ersten „Neo-Liberalen“ präsentierte – lange bevor Reagan und Thatcher Anfang der Achtzigerjahre den „Neoliberalismus“ global durchzusetzten begannen. Unter US-Präsident Eisenhower (1953-1961) lag der Spitzensteuersatz noch bei über 90 %, in Großbritannien und Deutschland bis in die 1970er-Jahre bei über 60 %. Heute liegt er in Deutschland bei 42 %.

Die neoliberale F.D.P. kam 1969 wieder in die Bundesregierung. 2001 schaffte sie die drei Punkte aber wieder ab. Zunächst nannte sie sich „Freie Demokraten“ und dann bis 2015 „Die Liberalen“. Inzwischen heißt sie wieder „Freie Demokraten“ und behauptet: „Wir modernisieren Deutschland“.

Mit Wolfgang Lindner, der von 2021 bis 2024 in der Bundesregierung saß, rückte die FDP nach rechts. Zum Einen, weil die rechten Parteien immer stärker wurden und zum Anderen, weil der große Bruder in der Person von Donald Trump und seine Unterstützer, die Milliardäre aus dem Silicon Valley, während der ersten Präsidentschaft von Trump zwischen 2017 und 2021 versuchten, Ernst mit einem rechten Neoneoliberalismus zu machen.

Am 24.12.2024 schrieb der im Monat zuvor entlassene Finanzminister Christian Lindner Elon Musk eine mail: „Elon, ich habe eine politische Debatte angestoßen, die durch Ihnen und Milei inspiriert wurde. Während die Migrationskontrolle für Deutschland von entscheidender Bedeutung ist, steht die AfD gegen Freiheit, Unternehmertum – und sie ist eine rechtsextreme Partei. Ziehen Sie keine voreiligen Schlüsse aus der Ferne. Lassen Sie uns zusammenkommen, und ich zeige Ihnen, wofür die FDP steht.“

Lindner ist danach wieder in der Wirtschaft verschwunden und mit Trump dauert es wohl auch nicht mehr lange, bis er sich erneut auf seine Kernkompetenz („Deals“) beschränken muß. Die Punkte, die Lindners Partei quasi erfunden hat, wurden unterdes von allen möglichen Firmen- und Geschäftswerbern aufgegriffen.

„Nun mach mal ’nen Punkt!“ sagt man und meint damit, dass der damit Angesprochene nicht noch verstiegener argumentieren soll. Auch ein Lektor sagt das, wenn man ihm einen Text mit einen Bandwurmsatz zumutet: Mach kürzere Sätze! Heißt das. Und „punkten“ bedeutet salopp gesprochen so viel wie in einem Streitgespräch überlegen zu sein. Ähnlich wie beim Sport, u.a. beim Fußball, wo es darum geht, Punkte zu holen, d.h. Tore zu schießen. Der Philosoph Michel Serres hat beizeiten erkannt, dass in der Diskussion ebenso wie beim Fußball ähnliche Regeln gelten: Der Ball ist das Argument, es kann damit hin und her gehen, abgeben, dribbeln etc., aber irgendwann muß der Ball im Netz landen und das Argument unwidersprochen bleiben.

Der Geschäftsführer des 1. FC Union Horst Heldt wurde von einer Zeitung gefragt: „Der 1. FC Union steht gegen den FC Bayern ,it 11 Punkten auf Rang 10. Rechnet man diese Punkteausbeute noch, würde Union am Ende der Saison in etwa bei den angestrebten 40 Zählern landen. Zufrieden?“

Man nennt das „Ranking“ – auch bei den Schulzeugnissen. Inzwischen wird alle gerankt – Krankenhäuser, Unis, Friedhöfe etc..

In historischer Hinsicht findet sich über das Setzen von Punkten im Wkipedia-Eintrag „Punkt“ folgendes: „Das älteste Zeugnis stammt aus dem 9. Jahrhundert v. Chr..Eine nach dem König Mescha von Moab benannte Stele berichtet in 34 Zeilen von seinem Sieg über Israel unter erstmaliger Verwendung von Satzzeichen: Zwischen allen Wörtern wurde ein Punkt gemeißelt… Damit war der Punkt als grafisches Zeichen zur Worttrennung erfunden.“ So wie dann auch bei der „F.D.P.“.

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P11: Fühlt man sich heute vielleicht zu schnell gestresst?

Ständig sagt jemand „Ich bin heute so gestresst“ oder „Stress mich nicht“. Auch Nutztiere werden – z.B. auf dem Transport zum Schlachthof – „gestresst“. Das überall benutzte Wort „Stress“ ist eine Floskel, die auch in anderen Zusammenhängen kaum etwas aussagt. „Je nach Konzeptualisierung des Begriffs Stress existiert eine Vielzahl von Definitionsversuchen,“ heißt es auf Wikipedia. Zudem wird zwischen negativem und positivem Stress unterschieden: dieser spornt an, jener macht krank.

Der Erfinder des „Stress“ und sein lebenslanger Erforscher, Hans Selye, der den Begriff aus der Physik ableitete, veröffentlichte zuletzt eine Autobiographie mit dem sinnigen Titel „Stress – mein Leben“ (1984). Er lehrte als Mediziner in Montreal, gründete dort ein eigenes Forschungsinstitut (mit 2000 Ratten) und war Präsident des seit 1977 bestehenden „International Institute of Stress“. Er begann seine Stressforschung damit, dass er die Laborratten großer Kälte aussetzte oder mit allen möglichen Giften impfte und dann sezierte: „Seltsamerweise bewirkten sie alle die gleichen Veränderungen: Überaktivität der Nebennieren, Lymphgefäßatrophie und Magen-Darm-Geschwüre.“ Er vermutete, dass die Schädigungen nur „das Syndrom des Krankseins schlechthin“ hervorriefen, was er später „biologischen Stress“ nannte. Auf einem WHO-Kongress schlug er folgende Definition vor: „Stress ist die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Art von Anforderung“ bzw. „Anpassung“ (auch an „erfreuliche, neue Umstände“) – und das sei auch „meßbar“, nämlich im Ansteigen von (vier) „Stresshormonen“ im Blut: ACTH, Adrenalin, Corticoide und das Nervenhormon CRF.

Dabei wurde folgendes Schema deutlich: Unter längerem Einfluß der „Wirkstoffe“ und „Anforderungen“ folgte auf eine „Alarmreaktion“ ein „Widerstandsstadium“, denen die Tiere mit einer geringen Erhöhung zweier Stresshormone begegnen konnten. „Schließlich setzte jedoch die ‚Erschöpfungsphase‘ ein, und die Tiere erlagen dem Stress.“ Selye spricht von „Stresskrankheiten“ bzw. „Anpassungskrankheiten“ (z.B. Herzleiden oder nervöse Erschöpfung). Die Ärzte behandeln meist das kranke Organ, das „schwächste Glied“, aber nicht die unspezifische Ursache der Erkrankung: den Stress (den Selye eigentlich „strain“ hätte nennen wollen, denn er meinte damit nicht den Wirkstoff oder die Anpassung, sondern die Veränderungen, die damit hervorgerufen werden).

Laut seiner Autobiographie wurde ihm ein „Code“ und dessen Verbreitung das wichtigste Anliegen bei seiner Stressforschung. Der Code heißt: „altruistischer Egoismus“. Das grundlegende Prinzip dieses Oxymorons lasse sich in zwei Worten zusammenfassen: „Sei notwendig!“ Zwar „können wir nicht vermeiden, Egoisten zu sein“, aber „wir müssen Altruisten sein“. Sein „Code“ vereint „diese beiden offensichtlich widersprüchlichen Konzepte“.

Den„Selye-Code“ fand ich auch im Lebenswerk des israelischen Biologen Amotz Zahavi, der mehr als 50 Jahre lang in der Negev-Wüste arabische Graudrosslinge (babblers auf Englisch) erforschte. Die Vögel helfen einander. Sie verschenken Nahrung, bieten sich als Wächter an und helfen Pärchen bei der Fütterung ihrer Brut. All das sieht bei diesen sozialen Vögeln nach Altruismus aus. Sie tun dies mit einer „explizit zur Schau gestellten Freiwilligkeit“, schreibt Vinciane Despret in ihrer Aufsatzsammlung „Was würden Tiere sagen, würden wir ihnen die richtigen Fragen stellen?“ (2019). Sie begleitete Zahavi eine Zeit lang vor Ort und lernte bei ihm „das Verhalten dieser derart erstaunlichen Vögel zu beobachten und zu verstehen zu versuchen“, die sogar „heftig um das Recht kämpfen“, sich altruistisch zu verhalten.

Zahavi geht davon aus, dass sie „eine originelle Antwort auf die Wettbewerbsproblematik in Gruppen, für die Kooperation eine überlebenswichtige Notwendigkeit ist, gefunden haben: Sie konkurrieren miteinander um das Recht, zu helfen und zu geben“ – und kommen im Erfolgsfall in der Hierarchie der Graudrosslinge weiter. Zahavi spricht laut Despret von einer „Überlegenheit in Wettkampfsituationen“, die sie darin zum Ausdruck bringen, „dass sie ein kostspieliges Verhalten an den Tag legen“. Man kann das einen „altruistischen Egoismus“ nennen, wenn man will, denn „Vögel sind ja auch nur Menschen“, wie eine der Assistentinnen von Konrad Lorenz das über die von ihr täglich beobachteten Gänse zu Protokoll gab.

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P12: Sollte man Schwäne entstressen?

Es geht um Markierungsverfahren, die Schwanforscher einsetzen. Da die Schwäne kurze Beine haben, legt man statt eines Fußrings eine etwa 15 Zentimeter lange Markierung an ihren Hals an. Die Osnabrücker Zeitung berichtete, dass ein Schwan im Mittellandkanal sich bemühte, seine gelbe Halsmanschette wieder los zu werden. Er sah so unglücklich dabei aus, dass Passanten schließlich die Polizei alarmierten. „Da nicht eindeutig klar war, ob der Schwan in Not war, wurde die Feuerwehralarmeinheit Harpenfeld gerufen. Zur Unterstützung kam noch die Ortsfeuerwehr Bad Essen, die mit einem Boot eintraf. Längere Zeit wurde der Schwan nun von den Einsatzkräften beobachtet. Eine Notlage wurde nach übereinstimmender Meinung nicht festgestellt. Schließlich wurde auch noch ein Tierarzt zur Einsatzstelle gerufen, der keine lebensbedrohliche Lage des Höckerschwans erkennen konnte. Daher wurde der Einsatz für Polizei und Feuerwehr beendet.“

Eine Recherche der Osnabrücker Zeitung ergab, dass es sich bei der gelben Halsmanschette um eine genehmigte Beringung handelte, die im Rahmen einer wissenschaftlichen Untersuchung durch die Biologische Station Haseniederung und die Universität Osnabrück Aufschluß über das Zug- und Ansiedlungsverhalten, die Aufenthaltsdauer in Mauser- und Überwinterungsgebieten, den Bruterfolg sowie die Überlebensrate geben sollte. Die Biologen konnten anhand ihrer Aufzeichnungen und der Markierung feststellen, dass der Höckerschwan mit der Kennzeichnung „AP13“ seit 2004 diese Halsmanschette trug. Sein Brutgebiet befand sich an den Langelager Teichen, wo er im Jahr davor erfolgreich gebrütet hatte, den Winter über verbrachte er an der Mittelweser.

Der zweite Fall ereignete sich bei Heilbronn: Dort bargen Feuerwehrleute und ein Mitarbeiter der Vogelwarte Bad Friedrichshall einen Singschwan, bei dem sich so viel Schlamm – etwa 500 Gramm – unter der Halsmanschette angesammelt hatte, dass das Tier seinen Hals nicht mehr hochhalten konnte. Sie entfernten kurzerhand die Manschette. Die verantwortlichen Schwanforscher bezichtigten sie der Tierquälerei. Ein Sprecher der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Heilbronn ent-gegnete, dass es sich in diesem Fall mitnichten um Tierquälerei handeln würde, eine solche Kennzeichnung von Schwänen sei auch andernorts üblich, zudem genehmigungspflichtig und rechtlich erlaubt. Im konkreten Fall des Singschwans war die Halsmanschette blau, was bedeutete, dass der Schwan aus dem Baltikum, aus Finnland oder Schweden kam. Der deutsche Naturschutzbund (NABU) ging wenig später von der Verteidigung zum Angriff über: „Die Beseitigung der Halsmanschette am lettischen Singschwan sei ein unzulässiger Eingriff in die von den Vogelschutzwarten durchgeführten Forschungen an wandernden Vogelarten.“

Da standen sich nun Schwanretter/ Tierfreunde und Schwanforscher/Naturschützer gegenüber. Den einen ging es um das Leben eines Individuums, den anderen um Informationen zur Erhaltung der Art. Diese beriefen sich auf die staatlichen Gesetze über ihnen, jene auf das moralische Gesetz in ihnen. Erstere nahmen den Stress der Schwäne billigend in Kauf, letztere wollten sie „entstressen“.

Die amerikanische „Trompetenschwan-Gesellschaft“ hält anscheinend nichts von Halsmanschetten. Sie teilt auf ihrer Internetseite mit: „Schwäne können auf zwei Arten überwacht werden. Eine Möglichkeit ist die Verwendung eines GPS/GSM-Ortungshalsbands, das alle 15 Minuten die GPS-Koordinaten des Standorts eines Schwans aufzeichnet. Die Informationen werden im Halsband gespeichert und wenn der Schwan an einem Mobilfunkmast vorbeikommt, werden die Informationen für Wissenschaftler heruntergeladen. Die Ortungshalsbänder verfügen über schwarze Panels, bei denen es sich um Solarzellen handelt, die die Batterien aufladen.“ Das Fangen und Befestigen des Senders stresst den Vogel natürlich und wahrscheinlich auch noch für die Dauer, da das Gerät an seinem Hals hängt.

„Die zweite Möglichkeit, einen Schwan zu verfolgen, hängt von Ihnen und anderen Menschen wie Ihnen ab, die einen Schwan mit einem Halsband, einer Flügelmarke, einem farbigen Beinring sehen. Diese Halsbänder verfolgen keine Standorte. Die einzige Möglichkeit, den Standort eines bestimmten Schwans zu erfahren, besteht darin, dass Sie als Beobachter dies über ‚Trumpeter Watch‘ oder das ‚Bird Banding Lab‘ melden.“ Diese humane Methode der Tierbeobachtung stresst höchstens den Beobachter.

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P13: Bei der KI gibt es den Begriff „Projekt“ – muß das sein?

1994 legte der Politologe Wilhelm Hennis eine Neuinterpretation von Goyas Capricho 43 mit der Inschrift „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ vor: „es sind die Träume der Projekte realisierenden Vernunft, die Ungeheuer produzieren“, nicht der Schlaf. Das spanische „sueno“ bedeutet sowohl Schlaf als auch Traum. Im Zusammenhang des Caprichos stehen sie jedoch in einem Gegensatz. Die Linke hat Goyas Capricho 43 immer wieder gerne aufgegriffen, denn der Schlaf der Vernunft, das hieß „Wir haben das Wissen, das not tut, aber die da oben pennen. Hennis Bestehen darauf, dass sich „sueno“ mit Traum übersetzt, bedeutet, dass wir die Penner sind, weil wir auch ständig irgendwelche Projekte in petto haben.

Selbst unser Habitus ist ein Projekt geworden, und sei es retrospektiv als Roman – dann ist es ein Romanprojekt. Selbst im Kindergarten gibt es jetzt schon „Projektwochen“, und Autoren sprechen bei der Lektüre eines dünnen Bestsellers von ihrem „Rezensionsprojekt“, ja sogar die Ehe und Familie ist inzwischen ein Projekt geworden. Der Hintergrund dafür ist eine scheinbar neue Freiheit: Der Sohn eines Stahlarbeiters, der Stahlarbeiter wird, würde dabei nicht von einem „Projekt“ gesprochen haben. Praktisch begann der allgemeine Projektschwurbel 1974 z.B. mit dem „Projektstudium“ (an der Uni Bremen), das von Linken im Planungsausschuß projektiert wurde.

Die Projekte entstanden in der Renaissance, indem das Handwerk sich aufspaltete: ein Großteil sank zu Lohnabhängigen ab, einige wenige schafften den Aufstieg als Künstler/Architekten und Wissenschaftler (Mathematiker) – und machten sich mit ihrem Können selbständig, d.h. sie verkauften ihre Projekte fürderhin – die Künstler an die Fürsten, die Wissenschaftler an die Bauherren, die es mit „ihren“ (Festungsbau)-Arbeitern umsetzten. Eine Trennung zwischen Kopf- und Handarbeitern wurde da vollzogen. Inzwischen leben wir bereits in „nachgesellschaftlichen Projektwelten.

Als Wort taucht das Projekt erst bei Shakespeare auf: die Ermordung Hamlets wird von ihm – vielleicht bereits ironisch – als ein „Projekt“ bezeichnet. Berühmte „Projektemacher“ des 17.Jhds. waren Gottfried Wilhelm Leibniz und Johann Joachim Becher. Sie führten schon eine „nomadische Existenz“. Praxis und Theorie von Projekten loteten zuerst Gottlieb von Justi und dann Daniel Defoe aus. Letzterer landete mehrmals im Gefängnis, weil seine Projekte scheiterten. 1697 veröffentlichte er seinen berühmt gewordenen „Essay upon Projects“.

Ab dem 18.Jhd. wird die Sicht auf die Projektemacher immer kritischer: Sie versprechen den Fürsten das Blaue vom Himmel, um an Geld ran zu kommen. Noch die heutigen Begutachter von „Projektanträgen“ können davon ein Lied singen. Zuletzt war es der Architekt Herman Sörgel, der das Mittelmeer trocken lesen wollte und dieses Projekt von Hitler bis zu Kennedy allen möglichen Mächtigen nahelegte – vergeblich zum Glück. Ein ähnliches Großprojekt diskutierten die Sowjets: Eine Umdrehung der großen sibirischen Flüsse, um die zentralasiatischen Republiken zu bewässern. Auf einem Symposium über „Projekte“ in Stuttgart wurde jedoch auch über einen Projektemacher referiert, der sein ganzes Geld für den Ruhm ausgab: der Schöpfer der Welteislehre Hanns Hörbiger. Ende des 19. Jahrhunderte wimmelte es von solchen Welterklärungs-Projekten – in denen es stets um die „Restlosigkeit“ ging. Während es in Goethes „Faust II“ das Volk war, das sich über das „Papiergeld-Projekt“ von Faust lustig machte, ist es bei den Welterklärern umgekehrt die Wissenschaft, die sie verlächerlicht.

Der Veranstalter des „Projekte“-Symposiums Markus Krajewski hatte ein Buch über „Weltprojekte um 1900“ (Esperanto, Weltzeit, Weltstandard usw.) veröffentlicht, davor einen Sammelband über „Projektemacher“. Darin findet sich u.a. ein Aufsatz des Germanisten Georg Stanitzek, der bereits 1987 das Comeback des opportunistischen  Projektemachers ahnte – als „Ich-AGs“, wie sie seit 2005/Hartz IV heißen. Hintergrund dafür war und ist die „Freisetzung“ von Zigmillionen Werktätigen durch die Dritte Industrielle Revolution. Die jetzt noch dank KI weitere Millionen „freisetzen“ wird. Es ist dies ein Projekt von John McCarthy, der 1956 in New Hampshire das „Dartmouth Summer Research Project on Artificial Intelligence“ organisierte. „Selbst in der Philosophie ist sie dauerpräsent,“ schrieb die „Junge Welt“ kürzlich. Ich seh davon noch nichts, außer dass in den „Facebook-Reels“ die Mädels plötzlich alle riesengroße Brüste haben.

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P14: Bringen uns Halluzinationen weiter?

Der „März“-Verleger Jörg Schröder versuchte die Wahrheit (des Kulturbetriebs) zu halluzinieren und war ziemlich erfolgreich damit. „In vielen Kulturen gelten Halluzinationen – wie auch Träume – als besondere, privilegierte Bewusstseinszustände,“ ihre „Macht lässt sich nur durch Berichte in der Ich-Form begreifen,“ schreibt der englische Neurologe Oliver Sacks in seinem Buch mit diesbezüglichen Fallgeschichten: „Drachen, Doppelgänger und Dämonen“ (2013).

Bei den Hmong, ein Bergvolk aus Laos, das nach dem Vietnamkrieg in Kalifornien angesiedelt wurde, herrschte die Überzeugung, dass Alpträume töten können – und tatsächlich starben laut Sacks auch 200 meist junge und gesunde Hmong-Einwanderer einen „plötzlichen und unerklärlichen nächtlichen Tod“. Das könnte aber auch an ihrer ungeliebten urbanen Exilexistenz gelegen haben. Dies legt jedenfalls die Hmong-Recherche der Anthropologin Anna Lowenhaupt Tsing nahe: „Der Pilz am Ende der Welt. Über das Leben in den Ruinen des Kapitalismus“ (2018).

Desungeachtet ist es ein interessanter Gedanke, dass das was wir heute Halluzinationen nennen, einst vielleicht Einflüsterungen oder Ratschläge von Göttern waren.

Ich habe einmal einen Alptraum gehabt, in dem hunderte Ratten über mich herfielen – nachdem ich am Tag mit einem Kleinkalibergewehr in einer Müllkippe auf Ratten geschossen hatte. Das tat ich daraufhin nie wieder! Auch Halluzinationen kenne ich: Wenn ich als Kind starkes Fieber hatte, schwollen im halbwachen Zustand meine Arme und Beine mit einem sirrenden Ton an. Bei genauem Hinsehen und Fühlen war da aber nichts. Meine Geruchshalluzinationen sind dergestalt, dass ich manchmal Rauch rieche, obwohl nirgendwo etwas brennt.

Einmal versuchten einige Arbeiter in Oberschöneweide ihrem Kollegen Edgar, der sich gerne betrank, eine visuelle Halluzination einzureden. Sie hatten 1992 ihren Hinterhof gärtnerisch gestaltet und einen Teich angelegt mit einer kleinen Insel, auf der weiße Mäuse lebten. Als Edgar sich auf einige Biere zu ihnen gesellte, wies er sie auf die Mäuse hin. Die anderen stritten jedoch ab, dass es dort welche gab, woraufhin er die Runde schwer verunsichert verließ.

Mit akustischen Halluzinationen, „Stimmenhören“, habe ich öfter zu tun: Das erste Mal bot uns der Musiker Frank Possekel einen Text mit dem Titel „Neurofaschismus“ an, den wir im „Gegner“ veröffentlichten (und noch mal in meinem blog „hier spricht der aushilfshausmeister“ am 27.10.2015). Frank hörte permanent zwei Stimmen, die etwa so klangen wie ein guter und ein böser Kommissar, aber beide wollten ihn zum Selbstmord überreden. Sacks erwähnt ebenfalls eine „Stimmenhörerin“, der die Stimme riet, sich vom Dach zu stürzen.

Frank konnte lange Zeit nur im Bett liegen und leiden – bis er anfing, darüber einen Bericht zu schreiben und danach in eine „Stimmenhörer“-Selbsthilfsgruppe ging. Es gibt sie in fast allen Städten und es werden immer mehr, die Stimmen hören, was vielleicht mit den Handy-Funkstrahlen zusammenhängt. Frank war von der Selbsthilfegruppe sehr angetan: „Was für Stimmen, die da alle hören!“ Erzählte er: „Gott, Jesus, Lenin, Politiker, Geheimagenten...“

Er war überzeugt, dass seine zwei schrecklichen Stimmen von außen kamen, nicht aus seinem Gehirn, was das Wort „Stimmenhören“ insinuiert und auch Oliver Sacks annimmt. Ähnlich war es dann beim Tontechniker Heinrich Müller, den ich interviewte. Er wird seit 2013 „von Funkstrahlen traktiert“ und führt bis heute eine umfangreiche Korrespondenz mit verschiedenen rechtsstaatlichen Einrichtungen, die eigentlich dazu verpflichtet sind, die Quelle ausfindig zu machen und abzustellen, wenn Menschen durch Funkstrahlen gequält und körperlich angegriffen werden. Über die Stimmen die ihn darüber erreichen, sagt er: „Es war erst eine einzelne Person, dessen Signale ich empfing, und dann mehrere. Wie ein Theaterstück. Ich empfange die ein bisschen wie in Trance – und ich rede mit denen, frage sie was. Die sagen ja selbst, dass sie mich als Sprachrohr benutzen wollen. Es passiert immer öfter, dass man was sagt und dann macht, und dass man das gar nicht ist, der das gesagt und getan hat, sondern eine übermittelte Rolle. Man ist in dem Moment Schauspieler.“

Müller vermutet, dass es sich um Schädelresonanzfrequenzen zwischen 250 und 500 Megahertz handelt. Damit könne man einen Menschen auch umbringen, entscheidend seien die Frequenzen um 400 Megahertz. Um Genaueres darüber zu erfahren, wandte sich Müller an die Bundesanstalt für Strahlenschutz und an die Netzagentur. Diese schickten einen Mitarbeiter mit einem Emissionsmessgerät zu ihm, der aber kein Gerät für Funkstrahlen unter 800 Megahertz dabeihatte. „An 400 Megahertz, da lassen die Dienste niemanden ran“, sagte er und verabschiedete sich. Müller empfindet sich als „Versuchskaninchen“. Er wohnt in Treptow unweit des „Gemeinsamen Terror-Abwehrzentrums (GTAZ)“.

Wird ihm von dort aus ins Gehirn gefunkt? Nach Abdruck des Interviews meldeten sich noch Jahre später unglückliche Menschen bei mir, die von Stimmen verfolgt werden. Ein Psychiater dagegen war erbost, dass an keiner Stelle im Text von „psychischer Krankheit“ die Rede war. Er bestellte die Zeitung für sein Wartezimmer ab: „Das kann ich meinen Patienten nicht zumuten,“ denn er verschrieb ihnen gegen das Stimmenhören Psychopharmaka. Das erinnerte mich an die zwei Alten in der Muppetshow: „Was tust Du gegen den ganzen Irrsinn in der Welt?“ „Ich nehme meine Pillen und dann ist alles in Ordnung!“

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P15: Dumme Frage – aber kann man Hühner halluzinieren?

Täglich werden fast zwei Millionen Hühner in Deutschland geschlachtet, weltweit sind es jährlich laut der Welternährungsorganisation 68 Milliarden. Dieses Massensterben hat epische Ausmaße (Homer), aus Sicht der Hühner ist es eine Tragödie (Aischylos). Es gibt aber auch Hühner-Komödien (Aristophanes). Da ist zum Einen die massenhaft aufs Land oder an den Stadtrand ziehende Mittelschicht, die sich dort ein paar Hühner anschafft und sie liebevoll – quasi als neue Haustiere – aufnimmt. Dem trägt nun eine Konjunktur von klugen Hühner-Büchern Rechnung. Zum anderen ist da die slowenische Philosophin Alenka Zupancic, die sich in ihrem Buch „Der Geist der Komödie“ (2014) fragt, was das Komische ausmacht und dazu neben anderen Beispielen auch zwei Hühner-Geschichten erzählt.

Die erste ist eine von vielen Varianten des „postaufklärerischen Glaubens“, dessen Schema laut Zupancic „quasi-universell“ ist – „Ich weiß es sehr wohl, aber trotzdem…“. Ein Mann halluziniert, ein Saatkorn zu sein. Er kommt in eine psychiatrische Klinik, wo es den Ärzten gelingt, ihn davon zu überzeugen, dass er kein Korn, sondern ein Mensch ist. Aber kaum hat er die Klinik verlassen, kommt er auch schon wieder zurück: Im Klinikpark sei ein Huhn und er habe Angst, gefressen zu werden. Aber Sie wissen doch genau, dass Sie kein Korn sind, sagt der Arzt, sondern ein erwachsener Mann. Ja sicherlich weiß ich das, aber sind Sie sicher, dass es auch das Huhn weiß? Fragt ihn der Mann.

Die zweite Hühner-Geschichte dreht die Situation um: Diesmal ist es das Huhn, das fürchtet, von einem Verrückten gefressen zu werden. Die Szene stammt aus dem Charlie Chaplin Film „Goldrausch“: Charlie und Big Jim sind in ihrer Hütte eingeschneit und sterben vor Hunger. Big Jim hat plötzlich die Halluzination, dass Charlie ein fettes Huhn ist. Wenn er nach ihm schnappt, verschwindet es, taucht dann aber in der Person Charlies wieder auf, woraufhin Big Jim ihn mit einem Messer durch die Hütte jagt.

Nachdem diese Szene abgedreht war, hatte Charlie eine bessere Idee: Er bestellte ein Hühnerkostüm in seiner Größe, um Big Jims Halluzination selbst zu spielen. „Erst hiermit wurde das ganze komische Potential der Szene zum Leben erweckt, weil sie nicht länger einfach ausgehend von der Diskrepanz zwischen dem, was Charlie ist und wie der andere ihn sieht (nämlich als Huhn) konstruiert ist, sondern etwas anderes hinzufügt. Sie bringt die huhnhaften Eigenschaften des Menschen-Charlie selbst ans Licht,“ schreibt Zupancic.

Und tatsächlich sehen wir, wie Charlie mit seiner gewohnten chaplinesken Gestik, „die Elemente, die haargenau den Bewegungen des Huhns entsprechen,“ zur Schau stellt, wie sein Biograph David Robinson schreibt (in: Chaplin, Sein Leben, Seine Kunst“ 1989). Dieser Kurzschluß macht für Zupancic den Höhepunkt der Komödie aus: nicht einfach nur, dass Big Jim fälschlicherweise ein Huhn sieht, wenn er Charlie ansieht, sondern auch, dass er, trotz seiner Halluzination, irgendwie recht hat, weil Charlie tatsächlich wie ein Huhn aussieht. „Wir könnten auch sagen: Um die Krise zu lösen, reicht es für Big Jim nicht aus, zu realisieren, dass das Huhn, dass er vor sich sieht, eigentlich sein Freund ist – das Huhn selbst muss realisieren, dass es in Wirklichkeit Charlie Chaplin ist.“

Diese Lesart wird von Robinson unterstützt. Er berichtet nämlich: Zunächst wurde ein anderer Schauspieler in das Hühnerkostüm gesteckt, was aber nicht funktionierte, so dass Charlie selbst diesen Part übernahm: „Der Schauspieler konnte nicht mehr sein als ein Mann in einem Hühnerkostüm. Aber Chaplin konnte, wenn er wollte, ein Huhn sein.“

Nebenbeibemerkt gibt es auch einen Sänger namens Charlie Huhn – in der englischen Band „Foghat“. Bekannter ist die DDR-Schriftstellerin Elke Kahlert, die viele Kinder- und Jugendbücher schrieb, daneben auch einige Tierbücher. Eins heißt: „Ich wollt ich wär ein Huhn. Sinn und Unsinn“ (1972).

Im Zusammenhang meiner Beschäftigung mit Tieren sammel ich u.a. Fotos von Menschen, die sich anläßlich einer Party oder Faschingsveranstaltung als Hund, Katze, Hase, Fledermaus etc. verkleidet haben . Was ich als ersten Schritt einer empathischen Einstellung zu einem Tier deute, denn die derart verkleideten sind ja bemüht, sich auch ihrem Kostüm entsprechend zu verhalten. Sie haben einen Begriff von dem Tier, das sie darstellen. Drei meiner Fotos zeigen Paare, die sich als Hühner verkleidet haben, darunter auch eins von einem Ehepaar, das im Tierpark Cottbus arbeitete: Er als Elefantenpfleger und sie als Vogelpflegerin. Beide wissen sehr viel über Tiere, nicht nur über Hühner.

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P16: Sind die Wüsten wirklich so wüst, wie man sagt?

Seltsam: Der Sahara-Reisende Wolfgang Büscher schreibt in seinem Buch „Der Weg“ (2025): „Wohin ich auch ging, ich blieb unter meinesgleichen ein Mann unter Männern. Immer nur Männer. Nie Frauen…Es fehlte die Grundspannung – die der Geschlechter. An diesen Orten [Oasen] knisterte nichts.“

Ich bereiste dagegen zwei Mal die Wüste Gobi – und traf immer nur Frauen, nie Männer. Zunächst meine Fahrerin, eine junge Kasachin, und dann die Vorsitzendenden von 80 Agrargenossenschaften. Eine erzählte mir, warum das so war: Die Männer bekamen von den aufgelösten Kolchosen das Vieh, aber sie wanderten damit nicht, was jedoch in der pflanzenarmen Gobi notwendig ist und dann starben ihnen während zweier extremer Winter fast alle Tiere. Daraufhin probierten sie sich als Händler, aber sie waren den gewieften Chinesen nicht gewachsen. Woraufhin sie bloß noch deprimiert rumsaßen, aßen und sich betranken, so dass „wir Frauen uns schließlich zusammen taten“, Genossenschaften gründeten, dann in der Kreisstadt Geld verdienten, davon Vieh kauften und es so an die Frauen verteilten, dass jede die gleiche Anzahl besaß. „Unsere Genossenschaften ähneln den früheren Kolchosen, nur dass wir jetzt selbst bestimmen, was zu tun ist.“

In der Sahara bekam Büscher gesagt: „Denk immer dran, Du bist [als weißer Tourist] eine Handelsware“ – also Vorsicht. Es gibt dort bestechliche Soldaten, illegale Goldgräber, Menschenschmuggler, Räuber.

Am Rande der Gobi trifft man höchstens Goldschürfer, Familien die am Sonntag Picknick machen, wobei der Mann in den Flüssen Gold aussiebt. Und die „Touristenfalle“, das sind dort die vielen Steine: Wenn man anfängt, sie zu sammeln, guckt man nur noch nach unten.

Büscher steuerte mit seiner Tuareg-Führern eine Einsiedelei unweit der Oase Tamanrasset im Süden Algeriens an, die sich der französische Offizier Vicomte Charles de Foucauld auf einem windumtosten Berg gebaut hatte, um dort als Eremit ein Wörterbuch der Tuaregsprache zu verfassen und die Nomaden zu missionieren. Er wurde 1916 von Anhängern des libyschen Senussi-Ordens ermordet.

In der Gobi fragte ich nach der Festung von Dampignak, der sich zum Herrn über die Südgobi aufschwang – und die russischen sowie chinesischen Okkupanten bekämpfte. Bis er von den Russen gefangen genommen und in Sibirien inhaftiert wurde. Die Revolution befreite ihn: Kein geringerer als der Schweijk-Autor Jaroslaw Hasek, der als Kommissar der Roten Armee in Irkutsk für die Kriegsgefangenen zuständig war, entließ Dampignak in die Heimat, wo er erneut den Freiheitskampf aufnahm – gegen die Kosaken des Weißen Barons Ungern von Sternberg, der zuvor die Chinesen vertrieben und Ulaanbataar erobert hatte. Dessen Truppen wurden 1921 vom mongolischen Aufstandsführer Sukhbaatar mit Hilfe der Roten Armee besiegt und vernichtet. Wenig später ließ Sukhbaatar auch Dampianak umbringen, der sich mit seinen Leuten in seine Festung zurückgezogen hatte.

So wie Büscher den berühmten „Charles de Jesus“ aus Büchern kannte, wußte ich von Dampignak aus den Büchern des Konstanzer Drogisten Fritz Mühlenweg, der in den Dreißigerjahren mehrmals mit Kamelen von China aus in die Gobi aufbrach: „Drei Mal habe ich die Mongolei bereist und jedes Mal war es schöner.“ 1973 hat die Mongolistin Veronica Veit Näheres über Dampignak in den „Serta Tibeto-Mongolica“ veröffentlicht.

In der Sahara wie auch in der Gobi leben Wildesel, ich sah die scheuen Tiere kurz im Vorbeifahren. Hier wie dort gibt es auch Kamele, ebenso neolithische Felsmalereien und endlose „singende Sanddünen“. Während die Tuareg unterwegs kleine Vogeltränken bauen, u.a. für den Saharasteinschmätzer, schaffen die mongolischen Besitzer von Touristencamps beim Bau ihrer Gebäude Nistplätze unterm Dach, die bei Spatzen, Schwalben und Finken begehrt sind.

Im Gegensatz zu Büscher und mir ist der Fotograf Michael Martin ein wahrer Wüstenkenner. Er kennt sie alle, auch die Eiswüsten. Seit 35 Jahren berichtet er über sie, anfänglich in Form von Diavorträgen in Kulturhäusern. In seinem Buch „Das Wesen der Wüste“ (2019) beklagt er unaufdringlich ihre Belebung durch unschöne Kommerzialisierung. Ähnlich, wenn auch ironischer, kritisiert Tyson Yunkaporta, der dem Apalech Clan der Aborigines angehörende Dozent für Indigenes Wissen an der Universität von Melbourne, die nach wie vor unschöne Kolonisierung Australiens durch die „domestizierten Weißen“ (in: „Sand Talk“ 2025). Obwohl er den Kontinent kreuz und quer ergründete, ist von den großen Wüsten dort kaum die Rede.

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P17: Kann man LSD leichten oder schweren Herzens empfehlen?

Ein Pharmalobbyist behauptete: »Eine Gesellschaft, die meint, auf Psychopharmaka verzichten zu können, ist krank.« Mit den Beatniks, Hippies und den rebellierenden Studenten der 1960er kamen Cannabis und LSD sowie Mescalin und Psilocybin (»Magic Mushrooms«) in Mode. Dort hieß es: »Turn on, tune in, drop out!« Und hier: »High sein, frei sein, Terror muss dabei sein!« Der Psychologe Timothy Leary veranstaltete an der Harvard-Universität LSD-Sitzungen zur »Bewusstseinserweiterung«.

Seit 1953 fuhr die CIA das Programm »MK-Ultra« zur Gehirnwäsche mittels Psychodrogen (vor allem LSD), wobei man davon ausging, dass die Sowjetunion in der Hinsicht bereits einen Vorsprung hatte. Als Beweis sah man unter anderem im Koreakrieg gefangengenommene US-Piloten an, die im nordkoreanischen Fernsehen freimütig über die Greueltaten der US-Streitkräfte berichtet hatten: Das konnte nur einer Gehirnwäsche geschuldet sein.

Die Probanden der LSD-Experimente der CIA, in denen auch Prostituierte zum Einsatz kamen, waren ahnungslose Freier, Krankenhauspatienten und Gefängnisinsassen, die zum Teil schwere psychische Schäden davontrugen. Es waren »verbrecherische Menschenversuche«. Bald beteiligten sich auch etliche Ärzte und Psychiater in Kanada und England an diesem Programm, sie bekamen Geld von der CIA dafür. „Die Experimente liefen an 44 Universitäten, 12 Krankenhäusern, 3 Gefängnissen und 15 nicht näher bezeichneten ‚Forschungseinrichtungen‘.“ Der US-Autor Stephen Kinzer veröffentlichte 2019 die Geschichte von MK-Ultra mit dem Titel: „Poisoner in Chief: Sidney Gottlieb and the CIA Search for Mind Control“. Der Leiter von MK-Ultra, Gottlieb, erklärte später, es ging darum, das Bewusstsein ihrer Probanden zu löschen und ihnen ein neues zu verpassen.

Das MK-Ultra-Programm bestand noch einige Jahre weiter als US-Präsident Nixon 1972 einen „War on Drugs“ ausrief (davor gab es den „War on Poverty“ von Präsident Johnson und danach den „War on Terror“ von Präsident Bush). Seit 2014 ist jedoch Cannabis (der Anbau und Konsum) in vielen US-Bundesstaaten legal und auch mit LSD und Psilocybin darf in Forschungsinstituten wieder experimentiert werden – nicht nur in den USA auch in Europa (in der Basler Uniklinik und an der Berliner Charité z.B.). Aus der Schweiz und aus England wird berichtet, was für gute Erfahrungen man dort mit LSD bei Krebskranken, Depressiven und Traumatisierten gemacht hat.

2022 erschien ein Erfahrungsbericht der ehemaligen Spiegelreporterin Anuschka Roshani, die an einer „LSD-Session“ (Sechs 16stündige Sitzungen mit unterschiedlichen Dosierungen und einem Placebo) in Basel teilnahm: „Gleißen. Wie mich LSD fürs Leben kurierte“. Gleichzeitig lief auf 3Sat eine Dokumentation über Psilocybin-Experimente an US-Unikliniken: „Aware“. Den Forschern geht es dabei um die Frage: Was ist „Bewußtsein“? Für Anuschka Roshani bewirkte das LSD eine Erweiterung ihres „Bewußtseins“ als sie auf ihrem „Trip“ die Bäume atmen sah – und „akzeptieren mußte, nichts auf der Welt, kein Busch, kein Strauch, keine Hummel ist seelenlos“.

Die amerikanischen und Basler Psychodrogenforschern haben Größeres vor: Sie beteiligen sich am US-Pharma-Start-Up „MindMed“. Dieses börsennotierte New Yorker Unternehmen ist „bei der Zulassung von LSD als Medikament [gegen bald alles?] weltweit in der ‚Pole Position‘.“ Der Markt boomt. Schon entstehen in den USA laut Roshani überall „Center for the Neuroscience of Psychodelics“ und „Center for Psychedelic and Consciousness Research“. Es lockt ein „Milliardengeschäft“, denn es gibt viele Cannabis-Dealer, die sich mit der Droge – erst illegal und dann legal – „dumm und dämlich“ verdient haben und nun bereit sind, „unglaubliche Summen zu investieren“ – u.a. in „MindMed“. Dazu gehört wohl bald auch der Multimilliardär Elon Musk, der u.a. das „desolate US-Gesundheitssystem mittels psychedelischer Drogen heilen“ will.

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P18: Kaputt – Fluch oder Segen?

Wir fluchen, wenn irgendetwas allzu schnell kaputt geht; aber wenn man dem marxistischen Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel glaubt, dann gibt es mindestens für den Neapolitaner ein „Ideal des Kaputten“, d.h. wenn er sich z.B. einen neuen Motorroller kauft, dann ist ihm das reibungslose Funktionieren dieser Maschine unheimlich. Erst wenn sie einen Schaden hat, den er mit einem Gummiband oder Ähnlichem reparieren kann, hat er das Gefühl, dass er die Maschine wirklich beherrscht. Der Neapolitaner denkt konstruktiv.

Das deutsche „Ideal des Kaputten“ ist dagegen heute eher destruktiv, es findet seinen Ausdruck im „Wutraum“. Der erste entstand in Halle, der zweite in München, der dritte in Berlin (hier heißt er natürlich „Crashroom“). In diesen Aggressionsabfuhr-Start-Ups schlagen vorwiegend Frauen alles kurz und klein. Sie müssen dafür zwischen 100 und 200 Euro zahlen, je nachdem welche Dinge sie zertrümmern wollen. „Bei manchen Leuten kann die Aggression durch so etwas allerdings noch gesteigert werden“, warnt die US-Psychologin Jennifer Hartstein. Sie denkt dabei an die 2,49 Schnellfeuergewehre, die auf jeden amerikanischen Bürger kommen – und wie schnell man damit nicht nur Dinge, sondern auch Menschen zerstören will, z.B. ein Mann seine Frau oder umgekehrt, was hierzulande (noch) selten geschieht und wenn, dann eher differenziert beurteilt wird. „Frau erschlug Ehemann mit Bratpfanne: Freispruch!“ So lautete eine BILD-Schlagzeile, die für Freude sorgte.

Es gibt noch ein drittes „Ideal des Kaputten“, für das man mitunter auf andere Weise zahlen muß: das „Macht kaputt was euch kaputt macht“ aus dem Lied einer Kreuzberger Musikgruppe, deren Name „Ton Steine Scherben“ dazu bereits so etwas wie eine Handlungsanweisungbietet: erst gröhlen („Ho Ho Tschin Minh“ z.B.) auf Demos, dann Pflastersteine ausbuddeln, und dann damit u.a. die ChiChi-Läden des Kudamms „entglasen“.

Dahinter steht die Marxsche Analyse des Kapitalismus, der eine derart „ungeheure Warenansammlung“hervorbringt, das die Beziehung zwischen den Menschen und den von ihnen hergestellten Dingen sich umkehrt. Mit Marx gesprochen: Auf der einen Seite „sachliche Verhältnisse der Personen“ und auf der anderen „gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen“ – beides miteinander verklammert. Nämlich dadurch, dass sich erst im Akt des Tausches Gesellschaft – abstrakt- herstellt. Zwar ist der „Tauschakt“ sozial, aber die daran Beteiligten handelnsolipsistisch(„the act is social the minds are private“).

Z.B. in der Supermarktfiliale von „Kaufland“ (!), wo wir unser als „Ware Arbeitskraft“ verdientes Geld gegen „Waren des täglichen Bedarfs“ eintauschen – bei der „Kassiererin“. Ihre Befindlichkeit ist uns in dem Moment scheißegal. Wir verkörpern dabei das „sachliche Verhältnis zu den Personen“, während unsere Gedanken in diesem Tauschakt bei den „gesellschaftlichen Verhältnissen der Sachen“ sind, beim Käse z.B., den wir einkaufen. Wobei wir uns immer öfter fragen: „War der immer so teuer oder erst seit dem Ende von Corona?“ An der Käsetheke, wo man ja noch nicht zahlen, sondern nur auf den Käse, den man haben will, zeigen muß, und zwar so, dass die Käsefachverkäuferin weiß, welchen man möchte. Wenn man höflich ist, lächelt und spricht man sie an. Wenn man dazu auch noch ein Käsekenner ist, sagt man ihr den Namen des Käse.

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P19: Nirgends gibt es mehr einen anständigen „Hawaii-Toast“ mit Ananas – wie kommt das?

In der „Sexualkomödie“ des chinesischen Soziologen Wang Xiaobo „Das Goldene Zeitalter“ (2024), in dem es um das Rowdytum des Icherzählers während der Großen Proletarischen Kulturrevolution geht, das der Autor als aufs Land verschickter junger Intellektueller erlebte, heißt es an einer Stelle: „Ich befand mich inYunnan in einer Landkommune und stahl Ananas. Lautlos schlich ich durch die Nacht und schlug eine Ananas nach der anderen ab. Jede hielt ich zuerst prüfend unter die Nase. Duftete sie süß, wanderte sie in den Jutesack auf meinem Rücken, wenn nicht, ließ ich sie fallen.“

Wang Xiaobo sagt nicht, ob er geradezu versessen auf Ananas war. Während der Kulturrevolution waren Diebstähle von Früchten auf den Feldern der Bauern weit mehr als nur ein Mundraub. Zumal die Wirren dieser Zeit wegen der daraus folgenden Lebensmittelknappheit in China die Agrarprodukte immer wertvoller machten und die Bauern ihre Felder nachts bewachten.

Anders die kleine Passage über Ananas in dem heute und vornehmlich in Tokio spielenden Roman der japanischen Autorin Mieko Kawakami „Brüste und Eier“ (2020). Darin geht es der viel mit Essen beschäftigten Icherzählerin einmal auch um Ananas, die sie im Supermarkt kaufte und als Bestandteil eines Desserts verwendete. Leider finde ich die Stelle in Mieko Kawakamis dickem Buch nicht mehr. Man muß mir also glauben.

Die Ananas ist laut Wikipedia „eine Pflanzenart aus der Familie der Bromeliengewächse. Sie ist ursprünglich in Südamerika heimisch und wird heute weltweit in den tropischen Gebieten als Obstpflanze angebaut. Sie bildet fleischige Fruchtstände, die frisch verzehrt oder zu Konserven und Saft verarbeitet werden können.“

Die hawaiianische Anthropologin am University College London, Kaori O’Connor, spezialisiert auf koloniale und postkoloniale Esskultur, schreibt in ihrem Buch „Ananas – Die Geschichte eines Aufstiegs“ (2025), dass die Ananas erstmalig von Christoph Kolumbus nach Europa gebracht wurde, wo sie sich in den Königshäusern und dann auch bei den Reichen sofort großer Beliebheit erfreute. Mit dem zunehmenden Frachtverkehr und verbesserter Konservierungstechnik wurde die Frucht in der Folgezeit jedoch immer billiger, vor allem in England, so dass auch die Armen sich mindestens gelegentlich kleine Ananasstücke leisten konnten. Der Adel war darob not amused. Man könnte deswegen auch ihr Buch so betiteln: „Ananas – Die Geschichte ihres Abstiegs“. Kaori O’Connor meint jedoch mit „Aufstieg“ eher ihre weltweite Verbreitung als Genussmittel. Ihr Name leitet sich von der lateinamerikanischen Sprache der Guarani ab: „naná“ ist ihr Wort für „Frucht“.

„Heute ist die Ananas ein globales Produkt,“ schreibt O’Connor, „eine der wichtigsten Waren großer transatlantischer Konzerne, angeführt vom US-Konzern Dole Food Company Inc., der inzwischen zum größten Produzenten weltweit für Früchte und Gemüse avanciert ist. Nach Bananen sind Ananas die am häufigsten verzehrten Tropenfrüchte, die frisch, gefroren, getrocknet, als Saft, Konserve, Konzentrat, Püree, Essenz, Aromastoff oder Sirup verkauft werden.“

Man könnte noch hinzufügen: sogar als Antibiotikum, denn meine experimentierfreudige Hausärztin Dorothea verschrieb mir einmal gegen eine Entzündung im Unterleib ein aus Ananas hergestelltes Mittel. Später kam heraus, dass es den Entzündungsherd nicht beseitigt, sondern nur eindämmt. Das tut es jedoch bei mir bis heute.

Desungeachtet wird es von den Ärzten inzwischen abgelehnt. Ebenso die als Geschmacksverirrung abgetane, in den USA aber beliebte „Ananas-Pizza“ und hier der früher allseits begehrte „Hawaii-Toast“, bestehend aus Schinken, Ananas, Käse und amerikanischem Weißbrot. Diese getoastete Schichtung gilt inzwischen, ähnlich wie der Hamburger, als ungesundes Unterschicht-Fastfood. Aber anders als die Hamburger-Schnellküchen, die sich, jedenfalls in Berlin, rasant vermehren – mit immer phantasievolleren Namen, werden „Hawaii-Toasts“ kaum noch irgendwo angeboten (trotz vieler Rezepte im Internet). Schon gar nicht findet man heute Dichter, die wie zu viktorianischen Zeiten, enthusiastische Hymnen auf die Ananasfrucht bzw. den Hawaii-Toast veröffentlichen. Es gibt auch schon lange keine mit Ananas verzierten Möbel, Porzellane, Frisuren, auf Gemälden oder an Gebäuden. Anders ist es mit trunkenen Gedichten auf irgendwelche Cocktails, die auch mitunter Ananassaft oder -scheiben enthalten – z.B. Pina Colada oder Mai Tai.

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P20: Wieso gibt es immer weniger Zäune fürs Vieh, dafür immer mehr für (bzw. gegen) Menschen?

Laut Rousseau beginnt das Eigentum mit dem ersten Menschen, der sagt, das ist meins – und die anderen es akzeptieren, dass er einen Zaun zieht oder Grenzpfähle setzt. Der Journalist Christian Semler begleitete einmal eine deutsche Delegation nach Moldawien. Es ging dabei um organisatorisch-materielle Hilfe bei der Sicherung der Grenze gegen Flüchtlinge, die in die EU wollten. Im Gegensatz zu der wachsenden Zahl staatlicher Grenzsperren und Zäune werden auf der anderen Seite, im Privaten, die Einzäunungen jedoch eher weniger. Das fing mit dem Verschwinden von Weidezäunen an, weil die Kühe fortan in großen Laufställen gehalten wurden. Der ehemalige Waldarbeiter Peter Engstler erinnert sich, dass sie früher oft Zaunpfähle hergestellt hatten: „aber ungerne, denn die bringen nichts, weil sie so dünn sind und man so lange braucht, bis man einen Raummeter zusammen hatte, nach dem wir bezahlt wurden. Bei den wenigen Viechern, die heute noch nach draußen auf die Weide kommen, nimmt man meistens zum Einzäunen Pfähle aus Plastik oder Metall.“

Wenn ganze Wohnquartiere eingezäunt werden, spricht man von „Gated Communities“. Auf ihren Zaunpfählen sind mitunter Überwachungskameras montiert. Nicht wenige Sozialforscher gehen davon aus, dass dieses Elend bereits mit der Seßhaftigkeit begann: Während die Nomaden den Raum beherrschten, nahmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückelten und markierten ihn, um ihn aufzuteilen. Anny Milovanoff schreibt in „Die zweite Haut des Nomaden“ (2076): „Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.“

Berühmt wurden die Kämpfe gegen Einzäunungen in England, als dort das Gemeindeland (die Allmende) privatisiert wurde. „Diggers“ und „Levellers“ nannten sich die Widerständler, die die Zäune und Hecken „ausgruben“ und „einebneten“, daher ihre Namen. Nach dem Ende des DDR-„Volkseigentums“ brachen auch in und um Berlin „Zaunkriege“ aus. Der Staat hatte ganze Seen privatisiert und die neuen Besitzer sie eingezäunt, so dass die in der Nähe Wohnenden nicht mehr im See baden und angeln gehen konnten. Damit wurde ein Gewohnheitsrecht gebrochen. Nachts wurden Zäune entfernt oder Löcher in die Zäune gemacht. Am Liebenberger See, hielten die neuen Besitzer des „Seeschlosses“, die Deutsche Kreditbank (DKB), die Zudringlinge durch „Security-Kräfte“ von der Seenutzung ab. In und um Potsdam, wo um den Zugang zu den privatisierten Seegrundstücken am Heftigsten gestritten wurde, führte ein „Zaunkrieg“ zur Gründung einer Bürgerinitiative gegen die Seeeinzäunung. Nachdem sie drei Mal protestiert hatten, ließ die Stadt mit Baggern Hecken und Zäune auf zwei Grundstücken entfernen.

In der DDR gab es die größte Vielfalt an Grundstückszäunen. Hintergrund dafür war einst die Gründung von Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), dort wurden die landwirtschaftlichen Geräte der LPGen repariert. Im Winter gab es auf den Stationen nur wenig zu tun, deswegen schweißten die Mitarbeiter den Dörflern gerne aus MTS-Beständen an Band- und Muniereisen ihre Privatzäune zusammen, wobei sie deren gestalterische Sonderwünsche – Sonnen, Vögel, Sterne – berücksichtigten. Mit der Zeit wurden die ostdeutschen Zäune in den Dörfern immer künstlerischer, während zuvor mit der Kollektivierung der Landwirtschaft erst einmal tausende von Kilometer Zäune und Hecken niedergerissen worden waren. Noch heute werden diese Zäune alljährlich neu gestrichen, d.h. in Ehren gehalten.

In einigen Regionen Westdeutschlands gibt es staatliche Zuschüsse, wenn die Bürger sich dort beim Einzäunen regionaltypischer Zäune bedienen – in Norddeutschland z.B. für den „Friesenzaun“ und in der bayrischen Rhön für den „fränkischen Gartenzaun“.

Auf Sardinien gab es bis vor kurzem Weideland in Gemeindeeigentum – ohne Zäune. 1975 wurde jedoch ein „Reformgesetz zur Strukturentwicklung“ verabschiedet, das von den Schafzüchtern (Hirten) die Seßhaftwerdung sowie privaten Grundbesitz (mindestens 30 Hektar) verlangte. Die Fördergelder und Kredite mußten sie dann u.a. dazu verwenden, ihre Weiden zu „umzäunen und innen mit Zäunen und Gattern zu unterteilen“ – was einen scharfen Traditionsbruch bedeutete und gleichzeitig vielen armen Hirten die Existenzgrundlage raubte. Dies ließ das Banditentum auf Sardinien erneut aufleben.

Anders auf Korsika: Dort laufen die Schweine und Rinder halbwild herum. Viele Bauern wissen nicht einmal, wie viele sie besitzen. Die Kuhhaltung wird vom französischen Staat subventioniert, deswegen besitzt jeder mindestens ein paar – und sei es nur auf dem Papier. Es sind inzwischen so viele, dass sie alles platt machen – auf der Suche nach Futter. Deswegen fangen immer mehr Leute an, wenigstens ihre Gärten einzuzäunen. Aber die hungrigen Rinder springen selbst über hohe Zäune oder trampeln sie runter.

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P21: Wo gibt es die größte Dichte an Edutainment-Parks hierzulande?

Die Lüneburger Heide ist eine Anhäufung von „Edutainment-Parks“. Im Peenemünde-Roman „Die Enden der Parabel“ des US-Schriftstellers Thomas Pynchon kommen die Überlebenden eines Herero-Schwarzkommandos nach 1945 in der Lüneburger Heide zu der Einschätzung, dass die militärpolitische Konfrontation im Zweiten Weltkrieg nur ein Scheingefecht war, ein Manöver, um einer neuen (intelligenten!) Technologie zum Durchbruch zu verhelfen. Diese wurde ein Jahr später auf den Macy-Konferenzen in den USA mit den Begriffen „Computer“ und „Gentechnik“ benannt.

In der Lüneburger Heide wollte der dort lebende Schriftsteller Herrmann Löns vor dem Ersten Weltkrieg mit seinem Roman „Wehrwolf“ beweisen, daß die bäuerliche Grausamkeit dort gegenüber Fremden nicht nur der Selbstverteidigung dient, sondern zu ihren wahren und echten Werten gehört.

Der 1993 gestorbene Alfred Toepfer war der größte Getreidehändler Europas und sammelte große Bauernhöfe wie andere Leute Briefmarken, daneben gründete er eine gemeinnützige Stiftung nach der anderen. Die meisten dienten zur Subventionierung völkischer Aktivitäten, dafür stellte der ehemalige Freikorpskämpfer gegen die Kommunisten alte SS- und SD-Kameraden ein. Ähnlich wie der Gründer des Bundesnachrichtendienstes, Reinhard Gehlen, dessen Geheimdienstkollege Alfred Toepfer im Krieg war.

„Nachdem er 1954 den Vorsitz im Verein Naturschutzpark (VNP) in der Lüneburger Heide übernommen hatte, verkündete er seine ehrgeizigen Pläne, 25 Naturparke in Deutschland zu schaffen. Schon zehn Jahre später war dieses Ziel mit 30 Naturparken mehr als erfüllt. Da seine Mutter von einem Hof aus der Lüneburger Heide stammte, hatte Toepfer zu dieser Region ein besonderes Verhältnis. Mit Mitteln aus der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. kaufte der Verein Naturschutzpark auch den alten Heidebauernhof Möhr, den er für den Betrieb einer Naturschutzakademie zur Verfügung stellen wollte. Ihrem Gründungsvater Alfred Toepfer zu Ehren wurde die ehemalige „Norddeutsche Naturschutzakademie“ 1995 in ‚Alfred Toepfer Akademie für Naturschutz‘ umbenannt,“ heißt es auf der Internetseite dieser Akademie.

Trotz aller Bauernerhaltungsmaßnahmen in der Lüneburger Heide schmolz der Bauernstand dort ebenso wie die Heide selbst zusammen: Immer weniger Bauern bewirtschafteten immer größere Höfe. Aus dem letzten Heiderest, etwa 200 Quadratkilometer, hatte man bereits 1906 einen geschützten Naturpark und einen „touristischen Hotspot“ (ein beliebtes Ausflugziel) gemacht.

Die durch das Bauernlegen frei gewordenen Höfe erwerben über einen „Vermittler“, wie der Deutschlandfunk ihn nennt: „Ehemalige Anwälte? Ehemalige Juristen überhaupt? Zahnärzte, die sich umorientieren wollen, von der Stadt aufs Land? Berufsaussteiger? Manager? Berufseinsteiger?“ Auf „immowelt.de“ bieten die Makler 27 „leerstehende Bauernhäuser in der Lüneburger Heide“ an.

Fakt ist: Je weniger Bauern desto mehr Edutainment: Die Lüneburger Heide ist die Euroregion mit den meisten Freizeit-Parks. Kürzlich besuchte ich den „Weltvogelpark“ in der „Herrmann-Löns-Stadt Walsrode“. Die Anlage gehörte lange Zeit dem belgischen Gartencenter-Konzern „Floralux“. 2019 verkaufte der sie an den spanischen Betreiber „Parques Reunidos, der 2003 von der US-„Private-Equity“-Gruppe „Advent international“ übernommen wurde, die weltweit solche Anlagen betreibt. 2007 übernahm die britische „Private-Equity“-Gruppe „Candover“ den Vogelpark Walsrode, der die weltgrößte Sammlung von Vögeln beherbergt.

Es gibt daneben auch noch den „Serengeti-Park Hodenhagen“, der einer amerikanischen Betreibergruppe gehörte und 1982 vom Park-Geschäftsführer übernommen wurde. Ferner den „Erse-Park“ in Uetze, in dem pädagogisch wertvolle Mammuts und Dinosaurier stehen. Den „Wildpark Lüneburger Heide“ in Nindorf, einer der größten deutschen Tierparks. Dann den 1969 gegründeten „Wildpark Schwarze Berge“ in der Gemeinde Rosengarten – mit Wisenten und Braunbären. Erwähnen muß man in diesem Zusammenhang auch, trotz schlechter Kritiken, den „Filmtierpark Eschede“ in der Lüneburger Heide. Sowie den „Wildpark Müden“ in der Gemeinde Örtze, in dem es „einheimische Tiere und Vögel“ zu sehen gibt. Zu all diesen Edutainment-Anlagen gehört schließlich auch noch das „Otter-Zentrum Hankensbüttel“ – ein „Naturerlebnis-Zentrum“ am Isenhagener See. Dort leben Fischotter und verwandte Marderarten. 2006 wurde das Otter-Zentrum als eines von „365 Orten im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Dazu zählt auch die Lüneburger Heide.

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P22: Gab es mal eine regelrechte Frontstadtkunst?

Neben Militär und Spionen war Ost- und Westberlin auch ein Mekka der Künstler. 1984 war die Kunstscene im Prenzlauer Berg ebenso wie die in Kreuzberg auf dem Höhepunkt ihrer Einfälle. In Ostberlin waren die Gründe für die Entstehung dieses Künstler-Clusters u.a. die leerstehenden Arbeiterwohnungen, in Westberlin waren es leerstehende Fabriketagen und Läden. Hier wie dort zogen vor allem solche jungen Menschen hin, die laut Kapielski „im Malen eine eins und im Rechnen eine fünf hatten“.

Der „Problembezirk“ Kreuzberg hatte sich allerdings bereits einige Jahre nach dem Krieg zu einer „Kunstwiege“ entwickelt, die von Kurt Mühlenhaupt, Günter Bruno Fuchs und Robert Wolfgang Schnell begründet wurde: Erst in einigen kaputten, aber gut geheizten Kneipen und dann ab 1959 mit der Galerie „Zinke“ in der Oranienstraße.

Schon 1964 registrierte Ingeborg Bachmann, dass Kreuzberg schwer „im Kommen“ sei. In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises führte sie dazu aus: „Die feuchten Keller und die alten Sofas sind wieder gefragt, die Ofenrohre, die Ratten, der Blick auf den Hinterhof. Dazu muss man sich die Haare lang wachsen lassen, muss herumziehen, muss herumschreien, muss predigen, muss betrunken sein und die alten Leute verschrecken … Man muss immer allein und zu vielen sein, mehrere mitziehen, von einem Glauben zum andern. Die neue Religion kommt aus Kreuzberg, die Evangelienbärte und die Befehle, die Revolte gegen die subventionierte Agonie. Es müssen alle aus dem gleichen Blechgeschirr essen, eine ganz dünne Berliner Brühe, danach wird der schärfste Schnaps befohlen, und immer mehr Schnaps, für die längsten Nächte. Die Trödler verkaufen nicht mehr ganz so billig, weil der Bezirk im Kommen ist, die Kleine Weltlaterne zahlt sich schon aus, die Prediger und die Jünger lassen sich bestaunen am Abend und spucken den Neugierigen auf die Currywurst.“ Später dann auf den Döner.

Wenig später kam noch eine ansehnliche Gruppe von Flüchtlingen aus Wien dazu, die sich im „Exil“ am Paul-Lincke-Ufer ansiedelte, beginnend mit dem Kybernetiker und Gastwirt Oswald Wiener, dessen Tochter Sarah heute in der gehobenen Bio-Gastronomie einiger Kunstinstitutionen reüssiert. Noch später eröffnete der ehemalige Berufsrevolutionär Pierro, der in Westberlin italienische Gastarbeiter organisieren sollte, ein Restaurant der gehobenen italienischen Küche nach dem anderen.

1977 gründete eine Gruppe sogenannter „Junger Wilder“ am Kreuzberger Moritzplatz eine Galerie, weswegen man sie auch die „Moritzboys“ nannte. „Wir erst haben Berlin dann an den Weltkunstmarkt angeschlossen. Die Paris-Bar wurde zum absoluten Muß der Kunstwelt,“ meinte der Maler Markus Lüpertz 1995 in einer SFB-Dokumentation: „Wüste Westberlin“.

Mag sein, atmosphärisch wurde in den Achtzigerjahren aber nicht nur Kreuzberg, sondern auch Prenzlauer Berg quasi von Künstlern und Punks/Antifas dominiert, was in Kreuzberg zur Folge hatte, dass dort immer mehr Touristenbusse durchfuhren und einige Punker darauf in der Oranienstrasse mit Schildern reagierten: „Ein Foto eine Mark!“. Es standen noch immer viele Wohnungen leer oder waren billig zu mieten, deswegen zogen dann auch immer mehr türkische Gastarbeiter aus ihren Betriebs-Wohnheimen in diesen „Kiez“.

1987 schrieb die Spiegel-Reporterin Marie-Luise Scherer über die dortige „Scene“: „Eine Frau darf hier scharf aussehen, den Pelz geschützter Tierarten tragen und Gold auf den Lidern, wenn ihr darüber nicht das irisierende Moment von Sperrmüll abhanden kommt.“ Ähnlich hatte das zuvor bereits die Europa-Korrespondentin des New Yorker gesehen: „Früher war Kreuzberg düster und schmutzig. Dann aber war es düster und schmutzig – und hatte Flair.“

Als Kommunisten hatten die Türken Souterrain-Wohnungen und Keller als Kultur- und Arbeitervereine gemietet, wo sie diskutierten, rauchten und Tee tranken. Indem sie sich jedoch hier langsam einrichteten und begannen, Hinterhof-Moscheen zu besuchen, zogen sie nach oben in Läden, die als Fußballvereinsheime und dann Shisha-Bars fungierten. Die Künstler richteten stattdessen ihre Ausstellungsräume in Kellern ein. Dabei tat sich dann noch einmal Konflikt auf zwischen ihnen und den Autonomen, die sich Punks und/oder Antifas nannten. Diese versuchten, teilweise erfolgreich, einige „Schickimicki-Lokale“ im „Problembezirk“ mit Scheiße „wegzukübeln“ und zerstörten mehrere Kunstobjekte und Ausstellungen. Für diese „Kiezmiliz“ waren nicht mehr die Türken die Speerspitze der „Gentryfizierung“, sondern die Künstler – und dann auch die „Dachgeschoßlumpen“, das waren Gutverdienende, die in die ausgebauten Dachböden zogen.

Inzwischen haben die Gentrifizierer in Prenzlauer Berg und Kreuzberg „gewonnen“, in beiden Bezirken dominieren öde Ausgeh-Kneipen und -Restaurants.

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P23: Ist der Journalismus nicht recht eigentlich eine elende Angelegenheit?

Als freier Autor kommt man viel rum. In der Frankfurter Rundschau mußte ich an einem Sonntag einen Text im Feuilleton vorbeibringen. Da dort aber niemand mehr war, ging ich in den großen „News-Room“. Bis dahin dachte ich, die FR nimmt die bürgerliche Politik kritisch, aber halbwegs ernst. Im Raum befand sich an der Stirnseite eine riesige grüne Tafel, auf der die Artikel-Einteilung der ersten Seite mit weißem Lack vorgegeben war. Mit Kreide stand dort: „Scheiß-CDU-Parteitag“, „Schwachsinnige Kanzlerrede“, „Piss-Gesundheitskonferenz“, „Kack-Gastkommentar“… Das machte einen starken desillusionierenden Eindruck auf mich.

Bei einem Besuch in der Spiegel-TV-Redaktion kam ich an einer Kaffeenische vorbei. Dort standen zwei schöne blonde Jungredakteurinnen und unterhielten sich. Sie tauschten lustige Anekdoten über ihre polnischen Putzfrauen aus. Als ich nach etwa 30 Minuten erneut an ihnen vorbeiging unterhielten sie sich immer noch über ihre Putzfrauen. Inzwischen waren sie jedoch bei deren Gemeinheiten und Dämlichkeiten angelangt, die sie nicht lustig fanden.

Gelegentlich besuchte ich als westdeutscher Korrespondent die taz in Westberlin, als sie noch in einer Fabriketage in der Weddinger Wattstrasse produzierte inmitten leerstehender Gebäude der AEG. Jedesmal traf ich dort den Anwalt Christian Ströbele, der die taz mitgegründet hatte. Weil es dort weit und breit keinen Laden gab, brachte er stets einen Haufen belegte Brote und ein paar Liter Milch mit, verteilte sie und leerte dann alle Aschenbecher. Danach plauderte er noch mit einigen gerade nicht-beschäftigten Mitarbeitern und fuhr dann mit seinem Fahrrad heim nach Charlottenburg.

Einmal mußte ich der Zeit einen Text faxen, hatte aber kein Faxgerät und suchte deswegen einen Copyshop. Als ich am Springer-Verlag vorbei kam, dachte ich: Warum nicht, ging hinein und fragte den Portier, ob ich der Zeit einen Text faxen dürfe. Er telefonierte daraufhin mit jemandem, der dann auch die Treppe runterkam und sofort den Portier beschimpfte: „Wir haben Ihnen doch gesagt, dass Sie niemanden zu uns lassen sollen!“ Und zu mir gewandt: „Na, kommen Sie mit, wo Sie schon mal da sind!“ Er führte mich in einen großen Raum, in dem sich fünf Leute und acht Faxgeräte befanden. Es waren arbeitslos gewordene Setzer, die jetzt Faxgeräte bedienen mußten. Einem gab ich meinen Text und die Telefonnummer der Redaktion. Die anderen vier diskutierten Berufliches: „Die Schmidke aus der Vierten will, dass wir Ihr Zeug sofort losschicken. Da hat sie sich aber geschnitten,“ meinte der eine und die anderen kicherten. Als mein Fax durch war, zahlte ich fünf Mark in die „Kaffeekasse“ und schaute mich in dem halbleeren Raum um: Eine Längswand war über und über mit hunderten Fotos von großen Brüsten, dem sogenannten „Tittenlexikon“, beklebt. Sie waren nicht aus der BILD-Zeitung ausgeschnitten, es waren die gerasterten Fotos aus der Druckerei. Die „Tittenlexikon“-Bilder waren ohne Text, die angeblich die Frau des BILD-Chefredakteurs Kai Diekmann, eine Ärztin, dichtete z.B.: „Yvonne weiß alles über Segelschiffe, u.a dass der Dreimaster ‚Gorch Fock‘ 1933 gebaut und 1958 als Segelschulschiff der Marine in Dienst gestellt wurde.“

Die deutsche Ausgabe des „Tittenmagazins ‚Lui‘“ wurde von Heinz van Nouhuys herausgegeben, der auch einmal BILD-Berlin-Chefredakteur war. Es gab drei weitere Redaktionen in Westdeutschland. Sie wechselten sich beim Aufmacher ab. Als Berlin dran war, geschah Folgendes, über das Nouhuys in der „Transatlanik“ berichtete, die er ebenfalls herausgab: Es passierte an dem Tag einfach nichts. Alles was aus den Nachrichtentickern kam, war unbrauchbar. Die anderen Redaktionen drängten und Nouhuys verzweifelte langsam. Wie zum Hohn kam schließlich die Meldung: „In Berlin starb der Rentner Eduard Strelitz (69). Er war bis zuletzt begeisterter Tänzer im ‚Café Keese‘ gewesen.“ Nouhuys gab sich einen Ruck und titelte „Tango-Edes letzter Tanz“.

Auf einem Buchmessen-Empfang der Süddeutschen Zeitung kam ich am Stehtisch mit einem älteren Profijournalisten ins Gespräch. Er war inzwischen Dozent an der „Henry Nannen Journalistenschule“ und wußte alles besser als ich. Egal, was ich als Thema anschnitt, er hatte bereits mit Helmut Schmidt, Henry Kissinger, Hildegar Hamm-Brücher oder Wolfgang Schäuble darüber gesprochen und die wußten natürlich die Wahrheit. Diese Autoritäten hatten für ihn das letzte Wort. Als das klar war, wurde er persönlich und verriet mir, dass er ein Haus in der Toskana hätte – mit 12 Olivenbäumen. Er kam davon nicht mehr los und ich verstand irgendwann: Dieser ganze Journalistenscheiß ging ihm am Arsch vorbei, ihn interessierten nur noch seine Olivenbäume, die ihm „richtig gute Ernten lieferten“.

Ich will mit diesen Geschichten sagen, wie froh ich bin, dass es den Profijournalisten dank Internet bald an den Kragen geht, weil die Massen, „das Volk“ selbst zur Feder greift bzw. in die Tastatur haut.

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P24: Was ist Wirklichkeit?

Wenn man sich mit anderen an ein gemeinsames Erlebnis erinnert, merkt man schnell, dass es, wenn schon nicht mehrere Wirklichkeiten so doch mindestens mehrere Wahrnehmungen der Selben gibt. „Der moderne Begriff der ‚Wirklichkeit‘ verstanden als dasjenige, was unabhängig vom Subjekt und dessen Bedingungen existiert, taucht im 17. Jahrhundert auf, übernimmt im 18. Jahrhundert die Vorherrschaft und triumphiert endgültig im 19. Jahrhundert, das sich entschieden realistisch, materialistisch und positivistisch gibt,“ schreibt die französische Philosophin Barbara Stiegler in ihrem Buch „Nietzsche und das Leben“ (2025). „Indem die deutsche Philosophie zwei Ausdrücke unterscheidet, setzt sie die neue Akzeptanz der Realität als ‚Wirklichkeit‘, dem älteren Ausdruck der ‚Realität‘ entgegen… Bestand im mittelalterlichen Denken die Realität einer Sache grundlegend in ihrem Wesen, in ihrer Essenz oder in ihrem Wahrsein, gilt für die Neuzeit als real, was ‚tatsächlich‘ oder ‚wirklich‘ existiert, das heißt, was um sich und eventuell um uns herum Wirkungen erzeugt.“

Nietzsche hat dazu gemeint, „dass das ganze Wesen der Wirklichkeit eben nur Wirken ist und dass es für sie keine andre Art Sein giebt…Höchst treffend ist deshalb im Teutschen der Inbegriff alles Materiellen ‚Wirklichkeit‘ genannt, welches Wort viel bezeichnender ist, als Realität.“

Mit dem Begriff Wirklichkeit kann laut Wikipedia „einerseits eine Auffassung verstanden werden, bei der die Welt in einem objektiven Sinne unabhängig von einem Beobachter gegeben ist und andererseits die Auffassung, dass Wirklichkeit die subjektiv geistige Welterfahrung darstellt, so wie sie sich für ein Individuum auf Basis seiner kognitiven Möglichkeiten ergibt,“ bzw. wie es die Weltsicht seiner Peer-Group, Blase, Schicht, Klasse oder einer Autorität vorgibt.

Diese Auffassung findet sich im „radikalen Konstruktivismus“ wie ihn z.B. der Biophysiker und Kybernetiker Heinz von Foerster vertritt, der einen Interviewer einmal fragte, dabei aus dem Fenster zeigend: „Sehen Sie da eine Wirklichkeit? Nein!“ Aber was sieht man da draußen – wenn nicht die Wirklichkeit, die Nietzsche zufolge „wirkt“ und die demzufolge nur in ihren Wirkungen für uns erkennbar ist? Heinz von Foerster gründete 1958 das US-Biological Computer Laboratory, wo man sich den Fragen der Erkenntnistheorie widmete und an den logischen und methodischen Problemen arbeitete, die das Erkennen des Erkennens mit sich bringt“. Wobei das Erkennen der Wirklichkeit für von Foerster schon eine „Wirklichkeitskonstruktion“ ist.

Dabei stellt sich die Frage, womit wir wie und was erkennen, d.h. die Menschen sehen die Wirklichkeit unterschiedlich, sie leben in unterschiedlichen Wirklichkeiten, kann man vielleicht sogar sagen. Die autistische amerikanische Expertin für Nutztierverhalten Temple Grandin z.B. versucht in ihren Büchern zu beweisen, dass Autisten und Tiere ähnlich denken und wahrnehmen, nämlich in Bildern, die sie wie Filme abspielen können, und dass Autisten das Außen zuerst in Details wahrnehmen, wohingegen Nicht-Autisten zur abstrakten Wahrnehmung neigen. Sie zeichnen einen Hund, während Autisten den Hund zeichnen, meint Temple Grandin. Und während sie selbst an einem Baum erst einige Blätter sieht, dann Zweige, Äste usw. und schließlich den ganzen Baum, würden Nicht-Autisten umgekehrt zuerst den Baum sehen und dann Einzelheiten daran wahrnehmen. Siehe ihr Buch „Visual Thinking. The Hidden Gifts of People Who Think in Pictures, Patterns and Abstractions“ (2022).

In der Biologie und der Klimaforschung ist ständig von “Wir” die Rede „Wir müssen“, „Wir sollen“…Heißt das: wir alle, die ganze Weltbevölkerung? Absurd. Aber „so geschieht es den Naturwissenschaftlern,“ schreiben die Ethnologen Deborah Danowski und Eduardo Viveiros de Castro in ihrem Buch „In welcher Welt leben?“ (2019), „wenn sie von den ‚geophysischen Parametern‘ hypnotisiert sind, aber nur einen vagen und politisch unwirksamen Begriff von ‚Menschheit‘ haben. Das „Wir“ meint immer die „weiteste taxonomische Kategorie“, nur selten werde gefragt, „wer dieses ‚Wir‘ ist oder was unter ‚Menschen‘ in anderen von uns gemeinhin als ‚menschlich‘ betrachteten Kollektiven verstanden wird“. Bei den brasilianischen kleinen Völkern z.B. meint “Menschen” nur ihren Stamm.

Dass aber auch der Begriff „Menschheit“ unbrauchbar ist, begründete der Historiker Dipesh Chakrabarty in seinem Buch „Das Klima der Geschichte im planetarischen Zeitalter“ (2022) so: „Selbst wenn wir uns emotional mit einem Wort wie ‚Menschheit‘ identifizieren könnten, wüssten wir nicht, was es bedeutet, eine Spezies zu sein, da in der Geschichte der Arten die Menschen bloß ein Beispiel dieses Konzepts sind, so wie jede andere Lebensform. Aber niemand hat jemals die Erfahrung gemacht, ein Konzept (ein Begriff) zu sein.“

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P25: Kann man den Begriff „künstliche Natur“ durchgehen lassen?

Für den Philosophen Vilem Flusser ist alle bisherige Kunst nur Vorkunst: „Die wahre Kunst ist erst mit der Gentechnik möglich, mit der man selbstreproduktive Werke schaffen kann,“ meinte er. Also dass man die Natur, das Leben, nicht nur nachahmt, sondern neu – künstlich – herstellt.

Bisher war man vor allem daran interessiert, die Natur/das Leben in Kunst/Kultur umzuwandeln. Egal ob Künstler, Handwerker, Ingenieure, Bauern, Schlachter oder Köche – sie bearbeiteten, transformieren Naturprodukte/Ressourcen (Holz, Eisen, Erdöl etc.) in den Menschen (der Menschheit oho!) dienliche Objekte wie Bilder, Brücken, Raketen, Heizungen, Tische, Steaks, Beton, Bohnensuppen…Im Endeffekt und mit bald neun Milliarden unermüdlichen „Verbrauchern“ bleibt in absehbarer Zeit nichts Natürliches (Lebendes oder Materielles) mehr erhalten. Alles Natürliche wird verstoffwechselt.

Für Marx ist laut „oxiblog.de“ die äußere Natur der Gegenstand, „der durch Arbeit verändert wird, um Dinge herzustellen, die Menschen zum Überleben brauchen. Die menschliche Arbeit vermittelt das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und ist als solche Bedingung der menschlichen Reproduktion.“

Demnach muß alles nach und nach Kunst/Kultur werden. Das macht auch beim Menschen, der ja ebenfalls ein Naturprodukt ist, nicht Halt. Wie die Philosophin Donna Haraway 1985 in ihrem „Cyborg-Manifest“ konstatierte: „Cyborgs sind kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus, ebenso Geschöpfe der gesellschaftlichen Wirklichkeit wie der Fiktion,“ heißt es dazu auf „medientheorie.com“. Man denke dabei nur an Herzschrittmacher, Prothese, Venenbypass…Haraway selbst meint: „Die Grenze, die die gesellschaftliche Realität von Science Fiction trennt“, entpuppe sich zusehends als „eine optische Täuschung“.

Aber nun reden die Geisteswissenschaftler plötzlich vom „Abschied von der Künstlichkeit“. So heißt das Jahresthema 2025/26 des Berliner Leibniz-Zentrums für Literatur- und Kulturforschung. Im Editorial spricht die Germanistin Eva Geulen zwar davon: „Ob KI menschliche Intelligenz überholt oder die Natur noch zu retten ist, das scheinen auf den ersten Blick dringlichere Fragen zu sein als ein mögliches Ende der Künstlichkeit.“ Dies scheint auf den ersten Blick absurd zu sein, aber gleich mehrere Autoren haben im Themen-Prospekt des Leibniz-Zentrums die Absurdität historisch aufgelöst. In dieser Perspektive erweisen sich für Claude Haas „Künstlichkeit und Natürlichkeit als äußerst variable Zuschreibungen“. Für Herder und Goethe z.B. galten Shakespeares Dramen als „Natur“, heute wird dagegen ihre „weltliterarische Geltung in ihrer Theatralität und Künstlichkeit erblickt.“ Es ging eine Weile hin und her, jüngere Autoren scheint es dagegen „mehr um eine Umdeutung des alten Gegensatzes zu gehen“. Angesichts der industriellen Zerstörung der Natur seien „kaum noch ‚natürliche‘ oder gesellschaftliche Bereiche identifizierbar, die sich der Künstlichkeit verlässlich entziehen oder sich gar als deren Widerpart ins Feld führen lassen könnten,“ schreibt Haas. Das mag noch übertrieben klingen, aber für einen Literaturwissenschaftler, der sich vor allem mit avantgardistischer Literatur befaßt, ist es vielleicht sehr plausibel.

Noch gibt es jedoch genügend „jüngere Autoren“ und auch „jüngere Aktivisten“, die als „deren Widerpart“ gelten können und auch die „Natur“ ist noch nicht gänzlich verschwunden, ihre Reste machen dem Ökologen Josef Reichholf sogar noch Hoffnung, denn es gibt auch Erfolge z.B. bei Pflanzen- und Tierarten, die sich in ihren Habitaten ausbreiten oder neue besetzen konnten. Genannt seinen Wölfe, Füchse, Biber und Waldrapp. Hoffnung gibt es aber auch dort, wo das Zusammenleben von Menschen, Pflanzen und Tieren weniger konflikthaltig geworden ist. Reichholf sagt es so: „Die Dörfer verschließen sich der Natur, die Städte öffnen sich ihr.“

Ein Philosoph wie Baptiste Morizot sieht sogar schon die Möglichkeit einer anderen Art des Zusammenlebens von Menschen, Pflanzen und Tieren am Horizont (in: „Philosophie der Wildnis“ 2022). Eigentlich kein „Zusammenleben“ (so wie Mensch und Hund oder Mensch und Geranie), sondern eine mit diplomatischem Geschick auf beiden Seiten hergestelltes tolerantes Nebeneinander. An einer Stelle erwähnt Morizot das hinduistische Indien. Nirgendwo sonst gibt es ein solch tolerantes Nebeneinander von Menschen, Nutztieren und Raubtieren, auf die viele Inder auch stolz sind. So haben z.B. um Bombay herum rund 40 Leoparden ihren Lebensraum. Nachts streifen sie durch die Stadt.Sie ernähren sich von Straßenhunden.

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P26: Beschichtungsstoffe – ist das ein interessantes Thema?

Bei Oranienburg fand ich im Sperrmüll einen großen Tisch mit einer Arbeitsfläche aus grünem Linoleum. Das kannte ich bisher nur als Bodenbelag. Es besteht aus Leinöl, Korkmehl, Naturharzen und Jutegewebe und ist kompliziert herzustellen.

Die erste Linoleumfabrik in Deutschland wurde laut Wikipedia 1882 als „German Linoleum Manufacturing Comp.“ in Delmenhorst gegründet. Die zweite Delmenhorster Linoleumfabrik „Anker-Marke“ wurde zehn Jahre später 1892 gegründet, und die Linoleumfabrik „Adler-Marke“ 1893 in Maximiliansau.

Beim PVC (Polyvinylchlorid) gibt es hartes und weiches – beides ist ein thermoplastisches Polymer. Ab 1935 produzierte die I.G. Farben PVC. Man kennt den Werbespruch der in Sachsen-Anhalt einst ansässigen VEB Chemische Werke Buna: „Plaste und Elaste aus Schkopau“. Das Buna-Werk in Schkopau erwarb nach der sog. Wende der PVC-Hersteller Westlake Vinnolit bei München. 2020 hieß es in einer Firmenmitteilung: „Vinnolit GmbH & Co. KG hat heute am Standort Schkopau Konsultationen mit dem Betriebsrat über die Schließung der dortigen Pasten-PVC-Anlage eingeleitet. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren die mangelnde Wirtschaftlichkeit und die fehlende langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Die Kunden werden weiterhin von den größeren, rückwärtsintegrierten Vinnolit-Standorten Burghausen, Gendorf und Köln beliefert.“

Das Linoleum wurde aber nicht nur durch PVC ersetzt, sondern auch durch die billigeren Bodenbeläge Stragula und Balatum. Infolge der BRD-Krise in den Sechzigerjahren kam es zu einem drastischen Produktionsrückgang. „Hatten 1960 Linoleum und ähnliche Bodenbeläge wie Stragula und Balatum noch einen Marktanteil von über 50 %, so fiel er bis 1969 auf rund 10 %. Als Folge mussten alle deutschen Werke bis auf das Werk in Delmenhorst schließen oder die Produktion von Linoleum einstellen. Im Zuge des wachsenden Umweltbewußtseins stieg jedoch ab den Achtzigerjahren die Nachfrage nach Bodenbelägen aus natürlichen Rohstoffen und damit auch die nach Linoleum, wobei einer der heute größten Hersteller die DLW AG (Deutsche Linoleum Werke) ist, die seit 1938 in Bietigheim ihren Sitz hat.

Daneben gab es schon seit den Dreißigerjahren den „dekorativen Schichtstoff“ Resopal, der als „High Pressure Laminate“ hergestellt wird. In der BRD wurde er vor allem durch den Einsatz in Küchen, bei Frühstücksbrettchen und Nierentischen aus den 50er-Jahren bekannt. Das Patent dafür wurde 1930 von der Hermann Römmler AG in Spremberg angemeldet. Abnehmer für die Schichtstoffplatte sind laut Wikipedia „u. a. Küchenhersteller. Resopal wird aber auch im Innenausbau, in Nasszellen, in Verkehrsmitteln (Züge, Kreuzfahrtschiffe), im Krankenhaus, im Ladenbau, in Schulen, Sportstätten und im Laborbereich eingesetzt. Es wird in Möbeln und Türen verbaut sowie zur Herstellung von Fußböden genutzt.“

1938 übernahm der Schweizer Konzern „Brown, Boveri & Cie (BBC) die Spremberger Firma, deren Anlagen die sowjetische Besatzungsmacht 1946 demontierte. Wenig später nahm die BBC die Produktion in ihrem Großumstädter Werk (in Hessen) wieder auf.

Gorki hatte einmal vorgeschlagen Biographien von Fabriken zu schreiben. Heute kann man nur noch Biographien von Werkstoffen bzw. Produkten schreiben, denn die Fabriken wechseln immer schneller Besitzer und Namen: 1987 übernahm die schweizerische Forbo AG die Mehrheit an der BBC-Tochter. 1997 wurde Resopal von der Premark FEG GmbH & Co. KG gekauft. Seit 1998 gehört das Unternehmen zum weltweit operierenden Laminathersteller Wilsonart, Temple/Texas, der Teil des ITW-Konzerns (Illinois Tool Works) ist. 2012 wurde Resopal Teil der Wilsonart International LLC, die zu 51 Prozent dem Fondsverwalter Clayton, Dubilier & Rice und noch zu 49 Prozent dem ITW gehört.

Trotz Demontage des Spremberger Werks nahmen einige Meister dort mit vom russischen Kommandanten überlassenen kaputten Maschinen die Produktion vor Ort wieder auf. Ihr Resopal nannten sie nun Sprelacart. „Die Großumstädter glaubten nach der Wende die Firma Sprela für kleines Geld kaufen zu können,“ schreibt Wikipedia. „Dem verweigerte sich die Treuhand jedoch. Die Gläubiger bestellten einen Insolvenzverwalter, der in den Papieren von Sprela ein so großes Potential erkannte, dass er selbst als Unternehmensberater das Werk kaufte. Als die Amerikaner in Großumstadt bei Resopal einstiegen und Personal abbauten, kehrten Ingenieure, die vorher bei Römmler in Spremberg waren, zurück. Mit doppeltem KnowHow und einer diplomatischen Firmenleitung überholte der Umsatz von Sprelacart und Laminat bis heute die Großumstädter Resopal-Platten.“ SPRELA ist damit eines der wenigen DDR-Betriebe, die überlebt haben.

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P27: Gibt es immer mehr Grenzen oder weniger?

Das Wort Grenze kommt aus dem altpolnische „granica“ und ist laut Wikipedia „der Rand eines physischen Raums und damit eine Trennfläche, Trennlinie oder ein Trennwert“. Seit dem „Fall der Mauer“ werden überall auf der Welt mit Beton und/oder Stacheldraht neue Grenzmauern errichtet und das Wort Grenze tritt in immer neuen Verbindungen auf: Firewall, Paywall, Rote Linie, Zustrombegrenzungsgesetz, Brandmauer, Bezahlgrenze, Verdienstgrenze, rechtliche Grenzen, Minijob-Grenze, Wenn Grenzen in einer Beziehung überschritten werden, Umgang mit Grenzüberschreitungen, Urlaub ohne Grenzen, ethische Grenze Grenzgänger…

Vor dem ersten Weltkrieg konnte man ohne Paß und Kontrollen durch ganze Europa reisen. Stefan Zweig schrieb: „Ich will die Monarchie wieder haben, und ich will es sagen. Und mehr als die alte Monarchie. Ein neues Europa, in dem man ohne Pass, von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel, von Bar zu Bar, zu allen Menschen reisen kann und in dem sich die alten Nationengrenzen langsam auflösen.“ Das Gegenteil ist passiert.

Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß schreibt in „Die unaufhörliche Wanderung“ (2020): Im Frühling 2015, als sich so viele Flüchtlinge auf den Weg machten, stand ich am Grenzfluß Pruth und wurde verhaftet, weil ich in Verdacht geraten war, illegal in die Europäische Union einreisen zu wollen.“

Das war eine Folge der Osterweiterung der EU, die in Wahrheit eine Westerweiterung war. Der Pruth trennte seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Sowjetrepublik Moldawien von der sozialistischen Volksrepublik Rumänien und seit dem Beitritt Rumäniens zur EU wurde der Fluß eine „Außengrenze der Union“. Gauß schreibt weiter: „Um in die EU eintreten zu können, hat die Republik Moldau ihre Grenze zu aufrüsten müssen. Niemand sollte über Moldawien in die Union gelangen können. Das Land hat selbst überhaupt nichts davon, dass es für die Union den Grenzwächter gibt. Aber es muß ihn spielen, um mit der Union im Gespräch zu bleiben und ins Geschäft zu kommen. Überall in der Moldau rosten die industriellen und landwirtschaftlichen Maschinen dahin; einzig die Grenzwächter sind technologisch auf den Unionsstandard A1-plus gebracht worden.“

Mein verstorbener Freund Christian Semler begleitete einmal als Journalist eine EU-Delegation nach Moldawien, die Moldawien mit zig Millionen Euro Überwachungstechnik „beschenkte“, damit deren „Grenztruppen“ alle Leute daran hindern können, über die EU-Grenze nach Rumänien und weiter nach Westen zu gelangen.

Doris Lessing schrieb in „Rückkehr nach Afrika“ (1994): Mit ihren Eltern in Südrhodesien (später Zimbabwe) zu reisen bedeutete, dass ihr „boy“ Äste, Laub, Dornenzweige schlug um damit den Nachtplatz zu schützen – vor Leoparden z.B., aber „Wir hätten uns auch ohne die Einfriedung (!) unter die Bäume legen können, denn jeder Leopard, der sein Geld wert war, hätte darüberspringen und einen von uns wegschleppen können. Nein, diese ‚boma‘ war Ausdruck von etwas anderem, sie sollte im Grund nichts von uns fernhalten, sondern vor allem uns, Fremde in einem fremden Land, zusammenhalten.“

Das ist eine „Einfriedung“ wie sie auch der US-Anthropologe James C. Scott in die „Mühlen der Zivilisation“ (2020) diskutiert. Allerdings nicht als eine freiwillige Einfriedung: Die Mauern, mit denen die ersten Stadtstaaten im Zweistromland sich umgaben, dienten ihm zufolge nicht, um Eindringlinge von außen abzuwehren, sondern um die Bewohner im Inneren zu halten. Sie mußten dort Steuern in Form von Getreideabgaben zahlen und hätten das gerne vermieden, aber man zwang sie, in der Stadt zu leben. Eine schöne Umdrehung unserer gängigen Vorstellungen über den Ursprung von Stadtmauern.

Gauß hatte in der Schule noch gelernt, dass es „natürliche Grenzen“ gäbe, „die den Herrschaftsbereich von Staaten markieren“ – Flüsse oder Gebirge etwa. Inzwischen weiß er jedoch, dass „selbst die vorgeblich natürlichen Grenzen erfunden, künstlich gezogen, menschengemacht sind, aus Verabredung und Kampf hervorgegangen, auf Konvention und Gewalt gegründet, auch wenn sich ihr Verlauf an der Natur orientiert.“ Besonders beeindruckt hat ihn die Grenze an der Neiße, die Görlitz von Zgorzelec trennt, obwohl es eine Stadt war, die nach dem EU-Beitritt Polens eine „Europastadt“ wurde.

Mich hat die Grenze amüsiert, die Bad Muskau von Muzakov auf der anderen Neiße-Seite trennte und durch den vom Fürsten Pückler angelegten Muskauer Park verläuft. In den Neunzigerjahren hat man beide Parkteile mit einer kleinen Fußgängerbrücke über die Neiße verbunden. Als ich darauf vom polnischen Teil in den deutschen Teil ging, wurde ich in der Mitte von zwei Grenzbeamten angehalten. Sie standen zusammen, redeten und rauchten – und wollten dann meinen Pass kontrollieren.

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P28: Ist der Lamarckismus tot?

Dabei geht es erst einmal um einen tragischen Helden: den Biologen Paul Kammerer, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus stark machen wollte. Von 1902 bis 1926 experimentierte er in der Biologischen Versuchsanstalt „Vivarium“ im Wiener Prater mit Amphibien, um den Nachweis zu führen, dass sich Erfahrungen vererben können. Er scheiterte: Ein Prüfer des Zentralorgans der Darwinisten „Nature“ wies nach, dass sein Präparat einer Geburtshelferkröte, die den Einfluß einer veränderten Umweltbedingung auf den Organismus beweisen sollte, verfälscht worden war.

Unbeeindruckt von diesem Wissenschaftsskandal bot die Sowjetunion, gedrängt u.a. von den lamarckistischen Biologen um Boris Kusin und den Dichter Ossip Mandelstam, Kammerer ein eigenes Institut in Moskau an. Der international gefeierte, durch den Fälschungsvorwurf jedoch entehrte Amphibienforscher zog es jedoch vor, sich im Wiener Wald zu erschießen.

Der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, und seine Frau drehten daraufhin 1928 mit Geldern aus der deutschen Arbeiterbewegung einen Spielfilm über Kammerer: „Salamandra“ – in dem der linke Lamarckist von rechten Darwinisten und Jesuiten in den Selbstmord getrieben, jedoch im letzten Moment von Lunatscharski persönlich gerettet und in die Sowjetunion gebracht wird, wo er frei forschen kann und dafür vom Staat alle Unterstützung bekommt. Der Film wurde in Deutschland verboten.

2017 veröffentlichte der Wiener Soziologe Klaus Taschwer eine Geschichte der Biologischen Versuchsanstalt „Vivarium“, die – von jüdischen Wissenschaftlern initiiert und finanziert – mit dem Einzug der Nazis in Österreich für immer abgewickelt worden war: „Experimentalbiologie im Wiener Prater“. Der Gründer und Leiter, Hans Leo Przibram, starb in Theresienstadt, seine Frau beging Selbstmord.

Bereits 1971 versuchte der Schriftsteller Arthur Koestler Kammerer als Wissenschaftler mit einer Biographie „Der Krötenküsser“ zu rehabilitieren. 2010 wurde sein Buch wieder neu aufgelegt. Im Nachwort schreiben die Herausgeber: „Kammerer ist eine Art Gegenheld zur etablierten Wissenschaft.“

2019 hat der einst am Münchner Institut für Experimentelle Chirurgie forschende Arzt und Schriftsteller Michael Lichtwarck-Aschoff sich in seinem Buch „Der Sohn des Sauschneiders Oder ob der Mensch verbesserlich ist“ erneut den „Fall Kammerer“ vorgenommen. Es wird den genialen Biologen vielleicht auch nicht rehabilitieren, aber dafür ist sein „Roman“ genial. Der Autor erzählt darin die Geschichte des Wiener „Vivariums“ aus der Sicht einiger dort beschäftigter Hilfstierpfleger, die vom Land kommen, in ihrer Dorfsprache – dem „Steinbüchlton“ und zugleich im „Vivariumton“. Sie bringen ihr eigenes lamarckistisches Anliegen mit in die Versuchsanstalt: Sie wollen Kühe ohne Hörner, die diese doch domestiziert nicht mehr brauchen. Wenn die Menschen gut zu ihnen sind, u.a. mit ihnen zusagender Musik, bilden sich ihre Hörner in einer freundlichen Umwelt vielleicht zurück – und sie vererben dann sogar ihre „Hornlosigkeit“. Tatsächlich wird auf diese Weise ein Kalb ohne Hörner geboren und schon bald ist Steinbüchl das „Dorf der Hornlosen“. Dies Buch ist auch eine Parodie auf den amerikanischen Neodarwinismus, denn dieser „produziert“ seit 2018 hornlose Rinder mittels Gentechnik.

Boris Kusin lernte Mandelstam in Armenien kennen, wo der Biologe auf der Suche nach einer Art Cochenilleschildlaus war, aus der man den roten Farbstoff Karmin gewinnt, den die Sowjetunion nicht länger aus dem Westen importieren wollte. Es gab sie dort auch, aber die armenische Laus lieferte zu wenig Farbstoff. Immerhin begeisterte Kusin dort Mandelstam für die Biologie. Zurück in Moskau gründeten sie dazu einen kleinen Arbeitskreis.

Mandelstam wurde 1938 nach Wladiwostok deportiert und starb unterwegs, während man Kusin nach Kasachstan verbannte. Von dort holte ihn 1956 der Polarforscher Iwan Papanin, nachdem er als Leiter der Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg in Rente gegangen und Reorganisator der lamarckistischen Forschungsstation „Borok“ an der künstlichen Wolgainsel „Darwin“ geworden war. Kusin wurde sein wissenschaftlicher Leiter dort. „Borok“ war ein Gutshof gewesen, den Sawwa Morosow geerbt hatte, der jedoch als Bolschwik ins Ausland flüchten mußte und erst mit der siegreichen Revolution zurückkehrte und den Gutshof zurück bekam, den er dann der Wissenschaft übereignete. Papanin machte daraus die größte limnologische Forschungsstation der Welt – sie existiert noch heute, auch einige unveröffentlichte Manuskripte von Kusin liegen dort noch „begraben“.

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P29: Und was ist mit dem Lamarxismus?

Der oberste Agrarforscher der UDSSR Trofim D. Lyssenko war für uns als Anti-Darwinist interessant und mit seinem partisanischen stets auf die Praxis gerichteten Vokabular sympathisch. Er sorgte dafür, dass die sowjetischen Genetiker ihre Forschungsstellen verloren. Sein Gegenspieler in der DDR als oberster Agrarakademie-Präsident wurde auf Weisung Ulbrichts der Genetiker Hans Stubbe, der alles tat, damit die Lyssenkosche Sowjetbiologe hier in der Agrarforschung nicht Fuß fassen konnte. Die DDR-Biologen danken ihm diesen Abwehrkampf noch heute.

Stubbe war ein Nazi, er führte laut Wikipedia während des Krieges „Sammelkommandos“ im Osten durch, „um Wild- und Kulturpflanzensortimente in den besetzten Gebieten zu rauben“. 1943 übernahm er die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kulturpflanzenforschung in Wien-Tuttenhof. Dort wurden neben ziviler Forschung an Kulturpflanzen auch militärisch relevante Projekte zur Unbrauchbarmachung landwirtschaftlicher Nutzflächen durch den Einsatz von Unkräutern durchgeführt.

Lyssenko ging von der Möglichkeit der „Umerziehung“ von Pflanzen aus: Keimlingen wurde Intelligenz attestiert und Setzlingen solidarisches Verhalten. Einer der sowjetischen Genetiker, Nikolai Timofejew-Ressowsky, konnte sich dessen revolutionären „Wahn“ entziehen: Er ging nach Berlin-Buch und brachte es dort zum bedeutendsten Genetiker des Nationalsozialismus. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er u.a. in „Der Erbarzt“. Im Nationalsozialismus war die Biologie Staatsideologie. 1988 erschien in der DDR vom sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin ein verlogenes Porträt über Timofejew-Ressowsky: „Sie nannten ihn UR – Roman eines Lebens“.

Umgekehrt legte der amerikanische Genetiker Hermann Joseph Muller 1935 Stalin einen großen eugenischen Plan vor, den er „Aus dem Dunkel der Nacht“ betitelte: „Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu dienen…Echte Eugenik kann nur ein Produkt des Sozialismus sein“. Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die Frauenverbände, auch in den Zeitungen wurden solche und ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen kritisiert, zumal nachdem ab 1933 das faschistische Deutschland die Rassenverbesserung qua Biopolitik auf seine Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik spätestens ab 1941 für die sozialistische Sowjetunion quasi „verbrannt“ war, wobei das Ziel jedoch nicht in Frage gestellt wurde, das man aber eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und – bis zum Sturz Trotzkis – mit Psychoanalyse erreichen wollte. Der Genetiker Muller ging 1941 enttäuscht zurück nach Amerika. 1946 erhielt er für seine genetische Forschung an Fruchtfliegen (über die sich Lyssenko lustig machte), den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Von 1949 bis 1950 war er erster Präsident der „American Society of Human Genetics“.

Während Lyssenko im Westen als Scharlatan und Betrüger dargestellt wurde, ähnlich wie zuvor der linke Biologe Paul Kammerer in Wien, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus stark machte. Nach Kammerers Selbstmord wegen Fälschungsvorwürfen drehten der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen Anatoli Lunatscharski und dessen Ehefrau 1928 mit Geld aus der deutschen Arbeiterbewegung einen Film über ihn: „Salamandra“, der in Deutschland verboten wurde. Der Stalinpreisträger Lyssenko wurde 1956 als Akademiepräsident von Chruschtschow abgesetzt. Gänzlich verschwand der führende Biologe der UDSSR 1962. Er war laut Wikipedias Schmähartikel über ihn davon ausgegangen, dass „die Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen nicht durch Gene, sondern durch Umweltbedingungen bestimmt werden“.

Und dann war da noch der Harvard-Historiker Robert Conquest, dem das riesige außer Landes gebrachte Ukraine-Archiv zur Verfügung stand – für sein 1988 veröffentlichtes Buch „Ernte des Todes. Stalins Holocaust in der Ukraine 1929-1933“. Darin heißt es in völligem Ami-Unverständnis der russischen Revolution: „Wo [der monarchistische Innenminister] Stolypin ‚auf die Starken gesetzt‘ hatte, setzte Lenin auf die Schwachen.“ Das konnte ja nicht gut gehen! Stolypin wurde von einem Sozialrevolutionär erschossen. Warum die Rote Armee das nach der Einnahme von Berlin-Buch und Wien nicht mit Timofejew-Ressowsky und Stubbe tat, ist auch unverständlich.

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P30: Hat die Medienschelte überhaupt einen Nutzen?

Der Chefreporter vom „Content Network KiVVON“, Frank Überall, hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Dead Line für den Journalismus – Wie wir es schaffen, nicht zur Desinformationsgesellschaft zu werden“. Während ich mich freue, dass mit den „Sozialen Medien“ und den Blogs langsam das Ende des professionellen Journalismus eingeläutet wird und stattdessen die Leute selbst das Wort (und Bild) ergreifen, äußern sich meine Freunde zunehmend abschätziger über Facebook, TikTok, Instagram etc.. Denen sie, zumal jetzt mit KI, Fakes und Schlimmeres vorwerfen. Sie vertrauen nach wie vor ihren Mainstreammedien (Tagesspiegel, Tagesschau, FAZ, Spiegel).

Während ich z.B. bei einem Spiegelartikel, der etwas thematisiert, was ich selbst genau kenne, merke, dass der Reporter völligen Unsinn schreibt. Das passiert mir allerdings selten. Und seit Corona, Ukraine und Gaza kann ich diese ganzen staatstragenden Medien sowieso nicht mehr lesen.

Richtig gemein wurde es bereits – in fast allen Printmedien – als sie über den Hungerstreik der Bergarbeiter in Bischofferode berichteten. Nämlich etwa so wie die kenianische Schriftstellerin Nanjala Nyabola in ihrem Text „Why Do Western Media Get Africa Wrong“ es bemerkte: Wenn der erste westliche Journalist vor Ort eintrifft und eine Story schreibt (oft geht es um eine Katastrophe), dann wird er als verläßlichere Stimme angesehen als einheimische Blogger oder Reporter. (Dieses Beispiel habe ich Jeremy Hardings Text über Binyavanga Wainaina im Merkur 2/25 entnommen.)

Es gibt ein weiteres Beispiel, das mir näher liegt, weil ich dort in der Nähe wohne: Die Berichterstattung über den sozialen Brennpunkt „Kottbusser Tor“ in Kreuzberg. Er gilt als „gefährlicher Ort“, „gefährlichster Ort Berlins“ oder sogar als „gefährlichster Ort Deutschlands“. Immer wieder war in der Vergangenheit in den Kapitalmedien davon die Rede – bis die Polizei, die dabei von einem „kriminalitätsbelasteten Ort“ sprach, 2023 am „Kotti“ eine Wache einrichtete, von wo aus sie seitdem jeden Passanten anhalten und durchsuchen darf. Die Medien haben sie buchstäblich dort hingeschrieben, indem sie die Politiker damit quasi zum „Handeln“ zwangen.

Die promovierte Juristin Nora Keller hat darüber 2024 eine Recherche veröffentlicht für die sie etliche Anwohner interviewte (die Polizei weigerte sich, von ihr interviewt zu werden). Ihr Buch hat den Titel: „‘Stärker als das, was uns trennt’ – Kriminalisierungen und Solidarität am ‚gefährlichsten Ort‘ Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg“. Darin zitiert sie einige Schlagzeilen aus den Medien, die so grauenhaft sind, dass man ihren Autoren sofort den „Bockschein“ entziehen müßte. Die BZ-Berlin: „Kriminalität explodiert – Das Kotbusser Tor ist der Platz der Gesetzlosen“ usw..

Zwischen 2016 bis etwa 2019 waren der Ort und seine vermeintliche Gefährlichkeit verstärkt Anlass einer breiten öffentlichen Debatte, schreibt Nora Keller. „Mehrfach war zu lesen, dass sich die Diebstähle am Ort vom Jahr 2014 auf das Jahr 2015 verdoppelt und gegenüber 2013 sogar vervierfacht hätten, Zeitungen berichteten, die Zahl der Raubüberfälle sei innerhalb eines Jahres um 50% und die Drogendelikte um 100% gestiegen.“ Wenn die publizistische Diskriminierung der Anwohner und der sich dort Aufhaltenden nicht hilft, dann tut es die Statistik, aufgrund derer die professionellen Politiker „denken und handeln“, in diesem Fall also die Polizei in Marsch setzen.

Als „besonders bedrohlich wurden in Politik und Medien“ laut Nora Keller die (größtenteil türkisch- und kurdischstämmigen) „Gangs‘ besprochen, die Jugendliche in den 90er Jahren gründeten und die das Kottbusser Tor zu ihrem Zentrum erklärten“. Ein „bedrohliches Phänomen“ – so ähnlich wie die „Clans“ der arabischen Großfamilien in Berlin, die ebenfalls ständig von der Journaille, vornehmlich der Springerstiefelpresse, angeprangert werden. Es gibt außerdem ein reißerisch aufgemachtes „Spiegel-Buch“ über sie.

Am „Kotti“ gab es vor den „Gangs“ Anfang der Achtzigerjahre schon einmal ein „bedrohliches Phänomen“: die Punker, die sich dort trafen. Die Medien und Politiker behaupteten: Weil dieser Haufen dort säuft und rumpöbelt trauen sich keine Kunden in die Geschäfte dort, denen es deswegen schlecht geht. Diese Hetze ließ erst nach, als die New Yorker Stadtplanungskritikerin Toni Sachs-Pfeifer sich dem Platz widmete und zu dem Schluß kam: Alles Quatsch! Die Omas und Opas kommen von weit her, um sich die Punker am Kotti anzusehen.

„Pressefreiheit!“ – dass ich nicht lache, es sind mehrheitlich angemaßte Ordnungshüter. Die Journaille der Kapitalmedien steht unter dem Zwang zu skandalisieren, ist oberflächlich, d.h. muß täglich neue „Problemfelder“ aufreißen, und ist ohne Einfühlungsvermögen für Arme, Minderheiten und Verhaltensauffällige.

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P31: Gibt es neben dem nietscheanischen Übermenschen auch einen amerikanischen Ubermensch?

Der „Übermensch“ (mit „ü“) ist ein Idealmensch, der laut Wikipedia über das gewöhnliche Leben eines als normal abgewerteten Menschen hinausgewachsen ist oder hinausstrebt. Dieser „homme supérieur“ taucht bei vielen Denkern auf – bei Augustinus, Dante, Luther, Dostojewski, Sri Aurobindo etc. Berühmt wurde vor allem Nietzsches „Übermensch“, der einen neuen Menschentypus propagierte. Ebenso später der Harvardprofessor und LSD-Propagandist Timothy Leary für den 1988 der Mensch von Morgen ein Kalifornier sein wird. Ein Ubermensch (mit „u“), wie man jetzt ahnt.

Nicht nur der Weltkonzern „Uber“ hat sein Hauptquartier in San Francisco. Hinter diesem Unternehmen steckt laut Wikipedia das Kapital von Benchmark Capital, Goldman Sachs, Google Ventures, First Round Capital, Menlo Ventures und Lowercase Capital. Auch der Springer-Verlag hat sich an Uber finanziell beteiligt. Ebenso mit 500 Millionen Dollar der von Elon Musk mitgegründete kalifornische „Bezahlfreund“ (PayPal), der bis 2015 zum kalifornischen Konzern „eBay“ gehörte. Ferner beteiligen sich der japanische Automobilhersteller Toyota sowie ein Konsortium des japanischen Unternehmens Softbank an Uber. Das chinesische Internetunternehmen Baidu will smit 600 Millionen US-Dollar bei Uber einsteigen.

Die Uber-Produktpalette umfasst u.a. UberEats, das Fastfood von McDonald’s ausliefert. Im Uber-PR-Beirat sitzt der ehemalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann. Die Berliner Mercedes-Benz-Arena heißt jetzt Uber-Arena.

Seit Ende 2019 darf Uber über seine App in ganz Deutschland vorerst keine Beförderung per Mietwagen mehr anbieten. Dies entschied das Langericht Frankfurt/Main mit sofortiger Wirkung. Beobachtungen zeigen jedoch laut Wikipedia, „dass Uber dieses Gerichtsurteil weitestgehend ignoriert und dies auch öffentlich bekundet.“

Weitere kalifornische Ubermenschen, die eine globale Plusmacherei anstreben, ist der in Palo Alto lebende Mark Zuckerberg, der viertreichste Mann der Welt. Er betreibt mit seiner Firma „Meta (Über) Platform“ u.a. „Facebook“. Dann ist da noch „Google“ mit Sitz in Mountain View Kalifornien, gegründet von Larry Page und Sergey Brin, die Platz 13 und 14 auf der Forbes-Liste der reichsten Männer belegen.

Der Hauptsitz des Apple-Konzerns befindet sich im kalifornischen Cupertino. Ihr Gründer Steve Jobs lebte in San Francisco und starb 2011 in Palo Alto Kalifornien. Der Apple-Konkurrent Microsoft hat sein Konzernhauptquartier in Seattle Washington. Dessen Gründer Bill Gates besitzt mehrere Häuser in Kalifornien. Seine Stiftung, zur weltweiten Verbesserung der Gesundheitsversorgung, deren wichtigste Mitarbeiter (von 1500) erst einmal mit der Beeinflussung oder Unterwanderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschäftigt sind, ist mit über 60 Milliarden Dollar die weltweit größte Privatstiftung. Sie hat ihren Sitz ebenfalls in Seattle. Dort befindet sich auch der Amazon-Konzern von Jeff Bezos.

Dieser besitzt außerdem noch ein Raumfahrtunternehmen nahe Seattle: „Blue Origin“ genannt. Zudem gehört ihm die einflußreiche Tageszeitung „Washington Post“ und die Biotechnologiefirma „Altos Labs“, ein Silicon Valley Unternehmen, in dem es um Unsterblichkeit geht, d.h. wo über Lebensverlängerungsmöglichkeiten geforscht wird. Bezos war der erste Ubermensch, dessen Vermögen die 200 Milliarden Dollar Marke überschritt.

Mehr als doppelt so groß ist heute das Vermögen von Elon Musk, Gründer des Raumfahrtunternehmens Space X und des Elektroautounternehmens Tesla sowie des Mikrobloggingdienstes X (vormals Twitter). Seine Firmensitze sind verstreut, er behauptet, alle seine sieben Häuser in Kalifornien verkauft zu haben und inzwischen mal hier und mal dort zu wohnen, zuletzt vor der Präsidentenwahl im Haus von Trump in Florida.

Anfänglich waren die meisten der hier erwähnten kalifornischen Ubermenschen noch vom New Age Spiritualismus und vom Buddhismus angetan sowie von der posthippiesken Atmosphäre in San Francisco. Inzwischen wird diese jedoch von ihren Entwicklern und Managern im nahen Silicon Valley weggentrifiziert. Das einzige, was sie beibehalten, sind LSD-Mikrodosen, die sie ständig einwerfen, um noch profitablere Ideen umzusetzen.

Der „Freitag“ berichtete gerade, dass der Tech-Standort Silicon Valley lange als „links und woke“ (d.h. liberal und halbwegs sozial) galt, aber nun haben sich die dortigen Unternehmer dem „Trumpismus verschrieben“.

Zu den Silicon Valley Konzernen gehören auch noch Cisco und Oracle und im kalifornischen Santa Clara der KI-Entwickler Nvidia (lateinisch Neid), der 2024 zum „wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt“ aufstieg. Als 2025 der chinesische Chip-Entwickler „DeepSeek“ mit einem „KI-Assistenten“ auf den Markt kam, fiel der Nvidia-Börsenwert jedoch um fast 600 Milliarden Dollar. Zuvor hatte das chinesische Videoportal TikTok bereits Facebook den Rang abgelaufen und soll in den USA verboten werden.

Morgan-Stanleys Hightech-Analystin, Mary Meeker, wies bereits 2011 in einer Präsentation vor Silicon-Valley-Chefs darauf hin, dass inzwischen sechs der 15 größten Internet-Aktiengesellschaften in Asien angesiedelt sind. Trumps Regierungsprogramm sieht eine 500-Milliarden-Investition für ein „Mega-KI-Projekt“ (Der Freitag) vor, um in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht China weiterhin Paroli zu bieten. Das erklärt vielleicht, warum die kalifornischen Ubermenschen Trump-Follower wurden.

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P32: Ist die Genmanipulation eine amerikanische Erfindung pour corriger la fortune mittels Technik?

Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. In den Medien war jedesmal triumphalistisch vom endlich entdeckten „Neid-Gen“, „Erfolgs-Gen“, „Schönheits-Gen“, „Eifersuchts-Gen“, „Fettmach-Gen“, „Autisten-Gen“, „Juden-Gen“ usw. die Rede. Sogar das Magazin der Max-Planck-Institute titelte: „Singvögel mit Casanova-Gen“. Jede Lebensäußerung und -einstellung war plötzlich biologisch determiniert und die Biologie damit zur Leitwissenschaft geworden. Als es den Biochemikern Watson und Crick gelang, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer der Presse mit, es sei ihnen gelungen, „den Code des Lebens zu knacken“.

2021 hat die US-Zeitschrift „The New Yorker“ einen 11 Seiten langen Text über die Pro-und-Contra-Diskussion eines Buches der US-Psychologin Kathryn Page Harden: „Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen“ veröffentlicht. Dieses „bahnbrechende Buch bietet eine kühne neue Vision einer Gesellschaft, in der es allen gut geht…“

Harden arbeitet auf dem Gebiet der „Verhaltens-Genetik“, u.a. gründete sie das „Texas Zwillings Projekt“. Sie untersucht den Einfluß der Gene auf Charaktereigenschaften (Neurotizismus, Verträglichkeit) und Lebensumstände (wie Bildungs-Errungenschaften, Intelligenz, Einkommen, Kriminalitätsanfälligkeit). Der „New Yorker“ fragte sich: „Kann Harden die Linken davon überzeugen, dass Gene wichtig sind – und die Rechten, dass die Gene nicht alles entscheiden?

Weil sich herausstellte, dass man eben nicht alles mit den Genen erklären kann, kreierten israelische Mäuse-Forscherinnen die „Epigenetik“: Eine nicht-genetisch bedingte Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften. Es ist dies alles die ewige Diskussion „Angeboren oder Anerzogen“ – ein Lavieren zwischen Neodarwinismus und Lamarckismus.

2009 veröffentlichte der Biologe Bernhard Kegel das Buch „Epigenetik“. Darin heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia Universität angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, er räumt jedoch ein, dass er in der Industrie durchaus Sinn macht – also Profite. Und mit Industrie ist vor allem die angloamerikanische Biologie gemeint: über 80% aller US-Biologen sind Geschäftsführer oder Teilhaber von Firmen.

Die Genkritikerin Silja Samerski sagte in einem Interview: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Wie wirklich hat der Berater von Biotech-Unternehmen William Bains in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“ angedeutet: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Und darum geht es!

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P33: Wer hat ein Interesse an der Sexualisierung der Gesellschaft?

Eine US-Studie ermittelte: Wenn man gesund bleiben will, sollte man mindestens 18 mal im Monat vögeln („Sex haben“). Hierzulande veröffentlichte die AOK einen Artikel mit der Überschrift „Darum ist regelmäßiger Sex gesund“. Er mindert „Schlafstörungen, Stress, Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prostatakrebs und steigert die Fruchtbarkeit“.

Die Zeitschrift „Focus“ versuchte dagegen nachzuweisen, dass Vögeln auch ungesund sein kann. Die Tantralehrerin Regina Heckert zählte 10 Situationen auf, „in denen Sex krank machen kann“: Machtkampf um Sex/ Orgasmen vortäuschen/ Zu viel „schnellen Sex“ in Swingerclubs den Männern zuliebe, läßt Frauen „schließlich jede sexuelle Aktivität verweigern“/ Leistungsdruck im Bett/ Männer die nächtelang im Internet sexuelle Kicks suchen, lassen bei ihrer vernachlässigten Partnerin „Wut“ aufkommen/ Heimlich außerhalb der Beziehung neue Lust suchen, läßt Schuldgefühle, Stress und Angst entdeckt zu werden, aufkommen/ Sexuelle Gewalt/ Reibungsschmerzen nach dem Sex läßt die Lust verschwinden.

Auf „aerzteblatt.de wurde 2020 eine Umfrage-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ veröffentlicht, in der es um „Geschlechtsspezifische Effekte“ geht. Danach sind dickleibige Frauen „sexuell weniger aktiv als normalgewichtige“. Und Frauen, die ziemlich viel Alkohol trinken und/oder rauchen, sind sexuell aktiver als abstinente Nichtraucherinnen. Hinzugefügt sei, dass auch attraktive Frauen und Männer sexuell aktiver sind als nicht so attraktive. Dabei tut sich laut Susan Sontag ein Paradox auf: „Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen.“

Weil „Schönsein“ sich erst einmal auf einen visuellen Eindruck bezieht, muß man etwas für sein Äußeres tun. Der Ästhetikprofessor Peter Sloterdijk entdeckte „im Fitness-Studio ein Plakat mit einer auf dem Rücken liegenden Frau, die ‚Fit mich!‘ ruft.“ Er beobachtete auf dem Campus der Harvard-Universität: „Um halb sieben am Morgen ist das Fitness-Studio schon voll von Trainierenden, die sich selbst antreiben, wie Akteure, die noch Größeres vorhaben.“ Die Jogger, Schwimmer und an Geräten Trainierenden sind laut Sloterdijk „Berufsevolutionäre“, denn sie gehen darwinistisch angeregt vom „Survival of the Fittest“ aus, also dass nur der Fitteste im Geschlechter- und Daseinskampf überlebt, d.h. erfolgreich ist.

Über das Fitnesstraining hinaus gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, die Attraktivität zu steigern: In den Clips von Facebook und TikTok führen täglich Dutzende junge Frauen ihr vermeintlich verführerisches Aussehen vor, dass sie mit aufgespritzen Lippen, vergrößerten Brüsten und Hintern, sowie mit Tätowierungen, künstlichen Fingernägeln und knappsten Bikinis erreichten. Das alles kostet ein Vermögen, es ist eine Investition in Schönheit, die man deswegen auch zeigen muß, d.h. mit der man für sich wirbt. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sich in mehreren Büchern über diese Formen des Aufbrezelns ausgelassen, eins heißt „Wa(h)re Gefühle“.

Der Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann sprach von „Okulartyrannis“ in einer Gesellschaft, die laut dem Filmemacher Harun Farocki „vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist“. Die „plastisch“ Verschönerten sind „neuzeitliche Monaden“, die „auf sich selbst mit den Blicken der anderen sehen“, sich also „als Gesehene sehen“, meint Jürgen Manthey (in: „Wenn Blicke zeugen könnten“ 1983). Die “Baywatch”-Schauspielerin Pamela Anderson schreibt in ihrer Autobiographie: “Meine Brüste hatten eine fabelhafte Karriere, ich bin einfach immer nur mitgetrottet.”

Derzeit werben in den Clip-Serien der sozialen Medien Transsexuelle – gefilmt in den Rotlichtbezirken Bangkogs sowie in US-Fitnessclubs – für sich. Die „BZ“ machte neulich mit der Schlagzeile auf: „So viele Geschlechter kennen Berliner Clubs“ – nämlich „über 50“. Wobei es allein für „Transpersonen 26 Kategorien“ gibt. Die Zahlen stammten aus dem Club „Münze“ am Molkenmarkt, für den man Tickets im Vorverkauf erwerben und dazu ein „Benutzerprofil“ auf Englisch anlegen muß. Noch vor Inkrafttreten des neuen Selbstbestimmungsgesetzes haben in Berlin 1200 Menschen beantragt, ihr Geschlecht und ihren Vornamen behördlich ändern zu lassen; 117 sind es in Augsburg.

Mit der globalen LGBTQ+-Bewegung (Lesbian/ Gay/ Bisexual/ Transgender/ Queer/ Sich anders sexuell Identifizierende) könnte diese mit Glück (d.h. wenn sie sich nicht sofort kapitalistisch verwerten läßt) das Primat des weißen hollywoodesquen Schönheitsideals aufbrechen – in eine zunehmende Zahl („+“ ) neuer Schönheitsideale. Leider sind alle LGBTQ+-Erscheinungen sexuell ausgeprägt, insofern noch „repressiv entsublimiert“ (Marcuse). „Die Sphäre der Sexualität ist kaum noch von der Sphäre der Produktion zu unterscheiden,” heißt es in dem Essay „Was ist sexuelles Kapital?” von Eva Illouz und Dana Kaplan.

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P34: Gibt es eine Gesellschaft in Transition?

Bis zum Mauerfall war es noch das alte Deutschland und die angloamerikanische Globalisierung drang nur tröpfchenweise in die Wahrnehmung. Ein Indiz, dass sich seitdem etwas gravierend ändert, ist u.a. das Hervorkommen von Transen aus einer verschwindend kleinen Minderheit zu einer Mode, hinter der sich jedoch eine existenzielle Not verbirgt, vor allem von Jungmännern.

Transen sind meist Männer, die sich als Frauen begreifen oder eine sein wollen. In Westberlin gab es einen Sexclub mit thailändischen Transen, die eine harte Nummer und ziemlich aufgedonnert waren. Eine thailändische Bekannte von mir, Joy, arbeitete eine zeitlang hinter dem Tresen dort, sie konnte sich manchmal nur mit dem Messer gegen sie durchsetzen. Sie war keine Transe, hatte Kinder und war verheiratet, aber alle thailändischen Bekannten fragte mich erstaunt: „Wieso triffst Du Dich mit einem Ladyman?. Als ich sie einmal dort suchte, wurde ich sofort von mehreren Transen bedrängt. Ich sagte ihnen, dass ich Joy suche. Sofort ließen sie mich in Ruhe. Ich fand, dass Joy sich in dem Laden wirklich Respekt verschaffte.

Eine andere Bekannte ist eine blonde Transe aus Westdeutschland und arbeitet seit Jahrzehnten als Altenpflegerin. Sie verzichtet weitgehend auf ins Auge fallende attraktive Attribute. Im Gegensatz zu einer Bremer Ingenieurin, die jetzt alt und krank ist, aber in jungen Jahren so weit ging, dass sie ihre Geschlechtsorgane umwandeln ließ und sich für eine üppige Brust Hormone spritzen ließ. Deswegen muß sie jetzt für den Rest ihres Lebens laufend Medikamente nehmen.

Über die thailändischen Transen hat sie eine Theorie: Dort haben die weißen alten Männer es massenhaft auf die dortigen jungen Frauen abgesehen, die Männer interessieren sie nicht, außer wenn sie schwule Wünsche haben. Deswegen wandeln sich viele junge Thaimänner in möglichst auffallend attraktive „Ladymen“ um und machen den Prostituierten Konkurrenz im Nachtleben.

In Kreuzberg trieben sich in den Neunzigerjahren einige türkische Transen am Heinrichplatz herum. Auch sie waren harte Nummern, ordinär und laut. Im Gegensatz zu vier großen, sehr attraktiven Transen aus Singapur, die in der Disco eines Hotels am Gendarmenmarkt anschaffen gingen.

All diese Transen-Prostituierten verschwanden bis spätestens 2000, dafür tauchten andere, viele, in den Clubs und in den sozialen Medien auf (die sich nicht prostituierten). Das hing einerseits mit der „repressiven Entsublimierung“ (Marcuse) zusammen, also mit der allgemeinen Sexualisierung und andererseits mit der globalen LGBTQ+-Bewegung (Lesbian/ Gay/ Bisexual/ Transgender/ Queer/ sich anders sexuell Identifizierende), die nur noch als Mode „repressiv“ ist, insofern die Teilhabe an bestimmte Scenen Anpassung verlangt. So wie auch hollywoodeskes Schönsein bedeutet, einer Norm und Regel zu entsprechen.

Erst führten in den Clips von Facebook und TikTok täglich Dutzende junge Frauen (weiße, schwarze und asiatische) ihr vermeintlich verführerisches Aussehen vor, dass sie mit aufgespritzen Lippen, vergrößerten Brüsten, sogar mit vergrößertem Hintern, sowie mit komplexen Tätowierungen, künstlichen Fingernägeln und knappsten Bikinis erreichten, was ihnen ein kleines Vermögen kostete. Eine Friseurin in Mitte, die über und über hässlich tätowiert war, erzählte, dass jedes ihrer „tattoos“ rund 100 Euro kostet und dass sie dafür gelegentlich in einem Bordell arbeitet.

Dann tauchten in den ganzen Clips/Reels der sozialen Medien laufend üppig ausgestattete Transen in den Rotlichtbezirken Bangkogs auf und nun täglich mehr oder weniger attraktive junge amerikanische Transen, oft in Fitnessclubs gefilmt. Sie fragen (Männer/Frauen?;): Würdest Du eine Transe „daten“ oder „heiraten“? Die „BZ“ machte neulich mit der Schlagzeile auf: „So viele Geschlechter kennen Berliner Clubs“ – nämlich „über 50“. Wobei es allein für „Transpersonen 26 Kategorien“ gibt. Die Zahlen stammten aus dem Club „Münze“ am Molkenmarkt, für den man Tickets im Vorverkauf erwerben und dazu ein „Benutzerprofil“ auf Englisch anlegen muß.

Ich weiß nicht, wie es nach stundenlangem Warten vor der Tür in der „Münze“ zugeht, aber Im „KitKat-Club“ und im „Berghain“ kann man, theoretisch wo man will (oder soll?), vögeln. All das ist natürlich „repressiv“, aber auch ein „Spiel“. Tom Wolfe hat das bereits 1965 am Beispiel eines Lehrlings im „Swinging London“ beschrieben, der in seiner Mittagspause in eine Disco eintauchte). In der Provinz scheint es weniger „spielerisch“ abzugehen: Die „Augsburger Allgemeine“ berichtete im Oktober, dass bereits 117 Augsburger sich im Standesamt ihren „Geschlechtseintrag und Namen“ ändern lassen wollen, damit aus „Jupp“ dann „Gina“ wird. Ich weiß von einem Nürnberger Psychologen, der sich erst in eine Frau verwandelte und nach vier Jahren wieder in einen Mann. Seine Frau hat das so mitgenommen, dass sie anfing, Stimmen zu hören.

Neulich stand vor dem Wilmersdorfer „Deutschrap-Späti“ ein schöne Frau an der alles groß war, auch ihre Schönheit. Sie rauchte einen Grasjoint und bot mir einen Zug an, dabei fragte sie mit einem osteuropäischen Akzent, ob ich im „Späti“ einen Kaffee mit ihr trinken würde. Sie wollte eigentlich jemanden beim Friseur um die Ecke, den „Black Baboon Cut“, treffen, aber der hatte geschlossen.Als wir in den Laden gingen, meinte der Betreiber, er hätte die Kaffeemaschine schon gereinigt und deswegen gäbe es erst Morgen wieder Kaffee. „Ich habe heute aber wirklich Pech,“ sagte die große Blondine und telefonierte auf ihrem blinkenden Smartphone ein Taxi herbei.

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P35: Ist das Plündern unter Umständen verzeihlich?

Es gibt Plünderungen von oben und von unten. Die von oben sind häufiger und weiter verbreitet. Der „Zeit“-Reporter Navid Kermani berichtet in seinem Reisebuch „In die andere Richtung jetzt“ (2024) von ostafrikanischen Ländern, in denen es beide Formen des Plünderns gab und gibt. In Grand Comore, der Hauptinsel der seit 1974 unabhängigen Komoren, notierte er: „Die Stimmung ist am Boden, gerade dieser Tage sind Protesten gegen die Zentralregierung aufgeflammt, Krawalle, Plünderungen.“

Auf Madagaskar, einst ebenfalls eine französische Kolonie, erwähnt er dagegen eine Plüdngerung von oben: Der Staat das „ist eine Elite, die von der Kolonialherrschaft das Plündern übernommen hat. Eigentlich wäre Madagaskar ein reiches Land, es hat Vanille, Mineralien, Gold, Saphir, es hat phantastische Nationalparks, endlose Strände, die größte Artenvielfalt der Welt. Noch Ende der Sechzigerjahre waren die Menschen hoffnungsfroh.“ Einige gesellschaftliche Bereiche „entwickelten sich für nachkoloniale Verhältnisse ziemlich gut, allerdings waren da noch kaum Bodenschätze entdeckt, von denen eine verschwindende Minderheit um so ungenierter lebt.“

Ähnliches schreibt die junge Biologin Rebecca Gehrig in ihrem Erfahrungsbericht „Der Ruf der Lemuren“ (2024) über Madagaskar: „Die Franzosen ließen in vielen Bereichen eine ausgebrannte Insel zurück, die Regierung machte nach Ausrufung der Unabhängigkeit 1960 gerade so weiter. Nur eine Spur korrupter. Eine kleine Elite bereichert sich auf Kosten der Bevölkerung. Der Ausverkauf ging munter weiter – und geht immer weiter.“ 90 Prozent des Waldes sind bereits vernichtet. Gehrig traf drei Vietnamesen, die dort waren, um eine Schiffsladung Edelhölzer in ihr Land zu bringen, wo sie zu Möbeln verarbeitet werden. Im Süden Madagaskars brach 2021 die erste von der UNO ausgerufene „klimabedingte Hungersnot“ aus. Während Gehrigs Tour durch einige Nationalparks, in denen sie sich von den „Guides“ die Tier- und Pflanzenwelt zeigen ließ, brach in einigen Regionen der Insel die Lungen- und Beulenpest aus. Das erinnert an das alte Seemannslied „Wir lagen vor Madagaskar/ und hatten die Pest an Bord“, das immer für eine Übertreibung gehalten wurde. Nicht nur die Herrschenden bis runter zu den Polizisten plündern das Land aus, auch die verarmte Bevölkerung: Durch Abholzung der Wälder, Wilderei und Überfischung des Meeres.

In den Frontbereichen des Krieges in der Ostukraine plündern russischen und ukrainische Soldaten, aber auch die nicht geflüchteten Bewohner verlassene Häuser.

Nachdem die Sowjetunion sich aufgelöst hatte, gab es eine Hungerrevolte auf Kuba. Ein Kubaner erzählte Landolf Scherzer (in: „Buenos Dias, Kuba – Reise durch ein Land im Umbruch“ 2018): „Die Menschen schmissen mit Steinen die Fenster der leeren Geschäfte, der leeren Magazine und der Villen ein und stahlen, was essbar war. Überall lagen Steine und Scherben auf der Strasse. es wäre vielleicht zum Aufruhr gekommen. Aber dann stand Fidel auf einem LKW vor den Wütenden und schrie: Ich bin hier, um mir bei euch meine Portion Steine abzuholen. Also werft! Und keiner schmiss.“

In Falko Hennigs erstes Buch „Alles nur geklaut“ (1999) las ich, dass sein Vater Sportlehrer in Ludwigsfelde war und ständig irgendetwas aus der Schule nach Hause schleppte. Seine Frau bekam irgendwann Angst, er beruhigte sie aber – mit den Worten: „Ach was, Honecker hat doch selbst gesagt, dass wir noch viel mehr aus unseren Betrieben rausholen können.“

In New York kam es 1965 und 1977 zu zwei „Black-Outs“ (Stromausfällen). Der erste bewirkte neun Monate später einen Babyboom, der zweite führte zu Plünderungen durch die Unter- und die Mittelschicht. Erstere konzentrierte sich auf Fernseher und ähnlich große Dinge. Letztere plünderte Schmuck- und Uhrenläden aus. Die Preziosen versteckten sie am Körper, so dass die Polizei sie als Unbeteiligte davonkommen ließ.

In Westberlin wurde während der „1.Mai-Randale“ in Kreuzberg eine „bullenfreie Zone“ erkämpft, in der ein „Bolle“-Supermarkt geplündert und dann angesteckt wurde.

Während des Bürgerkriegs in Indonesien sah ich in Djakarta wie ein alter Mann aus einem Laden mühsam ein Motorrad auf die Straße schleppte, wo er es dann anzündete.

Die Armen plündern meist aus Not, die Reichen aus „Gier“, wie ein armer Fischer gegenüber Kermani meinte. Selbst von den „Nothilfen“ aus dem Ausland greift die Elite noch 20 bis 30 Prozent ab. Der „Zeit“-Reporter erklärt: „Vor allem bricht mir den Bodenschätzen der ungeschriebene Vertrag zwischen Regierenden und Regierten zusammen, weil der Staat nicht auf Besteuerung angewiesen ist, um sich zu finanzieren, und damit auch nicht auf die Zustimmung des Volks.“

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P36: Wie steht es mit Plüsch – ist das nicht mehr en vogue?

Der Plüsch ist ein Gewebe oder Gewirke mit sehr weicher Haptik. Aber warum wird alles immer plüschiger, puscheliger, kuscheliger? Die Frauenzeitschrift „Elle“ und die Männerzeitschrift „Mens Health“ verrieten: „Die besten Stellungen für Kuschelsex“ – „für noch mehr Spaß“. Dabei geht es beim Kuschelsex gerade nicht um „Stellungen“, deswegen ist das Genre „Kuschelporno“ („Cuddle Porn“) ein Etikettenschwindel, denn es sind normale Pornos, vielleicht grad mal eine Nuance kuscheliger und werden „Cuddle Fucking“ genannt.

In der U-Bahn sprach jemand ein Mädchen mit „Hallo Puschel!“ an. Ein Puschel ist laut Duden eine weiche Quaste oft aus Plüsch. Auf „Amazon“ findet man „eine große Auswahl an Puschel für verschiedene Zwecke und Anlässe“. Ein „Plüsch-Kaufhaus“ bietet „über 3000 hochwertige Kuscheltiere“ an.

Die juvenilen Rucksackträger lassen bunte Puschel oder Kuscheltiere an ihren „City-Bags“ raushängen, sog. „Puschelanhänger“, und schlafen neben „Kuscheltieren“. Diese sind häufig aus Plüsch und werden daher auch als Plüschtiere bezeichnet. In Frank Schulz Roman „Amor gegen Goliath“ (2024) war das einschneidendste Erlebnis des späteren „Womanizers“ Philipp Büttner die Trennung von seinem Teddybär. Meine alte Tante hat immer noch ihren Plüschteddy von „Steiff mit Knopf im Ohr“. Ihm fehlt inzwischen die halbe Schnauze und vom vielen Waschen ist ihm das Fell mürbe geworden, gar nicht mehr kuschelig. Im Roman „Matisse“ (2015) des Geopoeten Alexander Ilitschewski fand der „Straßenmensch“ Wadja einmal im Moskauer Müll einen solchen „Plüschbär mit abgerissener Nase, der ein hicksendes Gejaul von sich gab“.

Für Puschel, auch Püschel, Bommel oder Pompon genannt, findet man im Internet Bastelanleitungen. In einer Anime-Serie heißt das Eichhörnchen Puschel und bei „ticketonline“ kann man sich Eintrittskarten sichern, um „Puschelgeschichten live auf der Bühne zu erleben“. Hausschuhe, Türstopper, Deko-Engel, Anorakkrägen, Autositze – alles muß puschelig sein. Auf „puschel-wiki“ werden 26 Puschelarten aufgelistet: von „Berufspuschel“ über „Gruselpuschel“ und „Tierpuschel“ bis zu „Zwergpuschel“. Ehrlich gesagt verstehe ich diese Puschelarten alle nicht. Vielleicht haben sie etwas mit der „Puschelfarm“, einem Browsergame, zu tun und werden dort sogar „produziert“.?

Ich favorisiere jedoch eine andere Herkunft dieses ganzen Kuschelkitsches, eine global-ökonomische Erklärung. Meine Freundin wollte jedoch nicht auf meine Vermutung eingehen, dass ein rotchinesischer Textilkonzern den europäischen Markt mit Billigplüsch überschwemmt, ganze Schiffladungen, die in Hamburg angelandet und dann hier zu Plüschdecken und diversen Puscheln verarbeitet werden.

Sie, die erst beim Aufwachen Alpträume hat, vertrat stattdessen eine andere Plüschtheorie: Danach hat die Erosion des Sozialen, das Fading-Away aller Top-Down-Entscheidungen, die Klimaerwärmung, das Artensterben, das ganze Plastik im Meer, die wachsende Atomkriegsgefahr, der nahezu globale Rechtsruck, die gestiegenen Benzin- und Flugpreise, die Miet- und Strompreissteigerungen sowie die haarsträubend-deduktiven Narrative der bürgerlichen Politik und Presse etc. im Verein mit der Natürlichen Intelligenz (NI) und der Künstlichen Intelligenz (KI), dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich angesichts der wachsenden Zahl komplexer „Konflikte“ nur noch „Einkuscheln“ und mit immer mehr Plüschobjekten umgeben wollen. Das „Cuddeln“ wäre damit Weltflucht und nicht wie das „Grooming“ bei den Affen eine Verstärkung der sozialen Beziehungen. Es gibt stattdessen immer mehr „Kuscheltherapien“, eine heißt „Kuschelhimmel“.

Obwohl: Eine Kollegin verriet mir neulich, dass ihr 17jähriger Sohn von seiner Freundin verlassen worden war und tagelang depressiv im Bett lag mit seiner Plüscheule im Arm, zu der er Sätze sagte wie „Du bleibst mir doch treu, oder?“ „Du verläßt mich nie!“ Wenn die Angst vor Konflikten, die Hilflosigkeit und scheinbare Ausweglosigkeit so weit gedeiht, dass die Handlungsmacht auf die Dinge übergeht, auf Plüschtiere z.B., dann stellen diese vielleicht auch so etwas wie eine soziale Bindung zu ihrer „Bezugsperson“ her und umgekehrt.

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P37: Ist der Kapitalismus etwa kein Plattmacher?

Doch! Der Kapitalismus hat schon immer, wo er hin(ge)langen konnte, alles platt gemacht, einer seiner Ideologen, Joseph Schumpeter, nannte das eine „schöpferische Zerstörung“. Aber mit dem amerikanischen Internet wird jetzt erneut die „Kacke des Seins“ umgegraben. Der US-Präsident Calvin (!) Coolidge sagte 1925 in einer Rede: „The chief business of the American people is business. They are profoundly concerned with producing, buying, selling, investing and prospering in the world.” Kurz: „The business of America is the business“. Und heute heißt dieses „Geschäft“, das weltweit alle historisch entstandenen sozial-ökonomischen Strukturen zerstört: „Plattformkapitalismus“.

Zwar haben einige Leute in Berlin jüngst schon mal einen Verein gegründet, der ein „Museum des Kapitalismus“ (in der Köpenicker Strasse 172) betreibt, aber das war zu voreilig. Der letzte kapitalistische Schrei – „Plattformen“ – ist leider noch lange nicht reif für seine Musealisierung. Im Gegensatz zu den Museen der polnischen Arbeiterklasse, von denen ich zwei – für die Werftarbeiter und für die Bergarbeiter – kürzlich erwähnte. Ein drittes in Lodz, das bereits 1975 gegründete „Zentrale Textilmuseum“ ging aus einem Kunstmuseum hervor und thematisiert nur die Produkte und nicht die Textilarbeiter, dabei hatten im März 1989 4000 Textilarbeiter in Lodz noch gegen die Abwicklung ihrer Fabrik „Portex“ gestreikt und und der Aufstand der schlesischen Weber 1844 wurde damals sofort von Schriftstellern, Philosophen, Journalisten und Künstlern thematisiert, u.a. von Heinrich Heine mit seinem dann in Preußen verbotenen Gedicht „Die armen Weber“ und Gerhart Hauptmann mit einem sozialen Drama: „Die Weber“.

Der „barbarische Manchesterkapitalismus“ von damals könnte aus „heutiger Perspektive“ jedoch „fast ein Sehnsuchtsort sein“, schreibt das „Philosophie Magazin“ 2021 in einem Artikel über „Die neue Macht des Plattformkapitalismus“, in dem „Wertschöpfung mit Daten“ betrieben wird, wobei „die Plattformen nicht auf Märkten operieren, sondern sich selbst als Märkte anbieten“ – z.B. „Uber“ mit seinen weltweiten Taxi- und Lieferdiensten und die Plattform „Amazon“, über die schier alles verkauft wird oder die sozialen Medien wie „Facebook“ und Suchmaschinen wie die des Konzerns „Google“, der heute allwöchentlich eine Firma aufkauft.

Erwähnt seien außerdem die Plattformen „Airbnb“, die Unterkünfte sowie Ferienhäuser vermittelt, und „Booking.com“ für Hotelvermittlungen. Die Besitzer solcher Immobilien müssen für jede Vermittlung eines Gastes zahlen. Sie schimpfen natürlich, wie auch die Buchverlage über Amazon, weil sie so hohe Gebühren dafür zahlen müssen. Ähnlich funktioniert auch die Plattform „eBay“, das 2002 den börsennotierten Onlinedienstleister „PayPal“ („Bezahlfreund“ auf Deutsch) für 1,5. Milliarden Dollar erwarb, über den die meisten „eBay“Kunden ihre Waren bezahlen.

Derzeit wirbt eine neue Plattform auf Berliner U-Bahn-Plakaten in englischer Sprache (!) für Klempner. Die Idee kommt über „Temu“ aus den USA, das für Waren aus China gedacht ist. Man klickt die „Plumber“-Plattform an, sucht sich – etwa wegen eines verstopften Klos – einen Klempner auf einer Liste aus und der muß dann bestimmte Prozente seines Honorars an das Unternehmen abgeben. Er muß kein Handwerker mehr sein, sondern ist einfach ein Selbstständiger (eine Ich-AG) und die Handwerkskammer kann ihn mal.

Als Selbstständiger (Subunternehmer?) ist es schwer, einen Arbeitskampf zu führen. Bereits kurz nach der Wende gab es eine Protestdemonstration von ausgebildeten Ostberliner Kammerjägern gegen die global operierende englische Aktiengesellschaft „Rentokil“, die jeden einstellt, der sich zutraut, mit Ungeziefervernichtungsgiften umzugehen.

Es gibt inzwischen Dutzende Bücher über den „Plattformkapitalismus“. Der finanzökonomisch argumentierende Kulturwissenschaftler Joseph Vogel führte in einem Interview über sein Buch „Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart“ (2021) aus: „Plattformunternehmen liefern so etwas wie neue soziale Infrastrukturen. Der vorsorgende Staat soll durch fürsorgliche Unternehmen abgelöst werden. Und die Wertschöpfung wird durch die Besetzung ehemaliger Regierungsaufgaben komplettiert und gesichert.“

Bei vielen Plattformen sind US-Investmentgesellschaften beteiligt, u.a. BlackRock, die ein Vermögen von 10 Billionen Dollar verwaltet (der deutsche Staatshaushalt verfügt „nur“ über 1,3 Billionen). Kürzlich stiegen „BlackRock“ und „Fidelity“ wegen des eskalierenden Ukrainekriegs beim Waffenhersteller „Rheinmetall“ ein. Wie Joseph Vogel gehen sie von einer „neuen Vorkriegszeit“ aus. Das Philosophie Magazin meint: „Solange weder das Internet abgeschaltet noch der Geldverkehr eingestellt wird, bleibt Vogls Kritik des Plattformkapitalismus Pflichtlektüre“.

Aber was tun? „Um irgendwo anzufangen, kann man ja zunächst den Empfehlungen von Digitalexperten gegen ‚Infodemien‘ im Netz folgen: Friktionen erhöhen, Geschwindigkeit reduzieren, Abkühlzeiten einschieben, Pausen verlängern, Rauschen verstärken, Kreisläufe stören, Automatismen unterbrechen, Abschalten,“ rät Joseph Vogl.

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P38: Wir sollen nun alle den Split vor unserer Haustür beseitigen. Ist das Fegen wirklich eine Zumutung, wie viele meinen?  

Der marxistische Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel, besuchte während der Kulturrevolution u.a. den Güterbahnhof von Nanking. Wieder zurück in Bremen meinte er, der Zentralcomputer würde dort nicht mehr gegen die Eisenbahner eingesetzt werden, sondern sie würden ihn in ihrem Sinne nutzen. Dies galt ihm als ein Beweis dafür, dass die chinesischen Genossen auch im industriellen Bereich versuchten, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufzuheben, nicht nur, indem sie die gebildete Jugend aufs Land schickten – gemäß den berühmten „3 Mits: Mit den Bauern leben, arbeiten und lernen!“ Um die sogenannten „3 Trennungen“ – von der Praxis, vom Volk und von der körperlichen Arbeit – zu überwinden.

Kürzlich hat der junge Schriftsteller Yu Hua im Zusammenhang seines Bestsellers „Brüder” die These aufgestellt, dass die von Deng Xiaoping 1978 eingeleiteten “4 Modernisierungen”, mit denen der kollektive Altruismus zugunsten einer egoistischen Profitsucht abgelöst wurde, ohne die antiautoritäre Kulturrevolution unmöglich gewesen wäre. Erst diese trieb den Chinesen das 2500 Jahre lang eingedrillte hierarchische Denken von Konfuzius aus. In Berlin eröffneten die Chinesen allerdings vor einiger Zeit zusammen mit der einstigen Maoismus-Hochburg FU ihr erstes Kulturzentrum ausgerechnet unter dem Namen „Konfuzius-Institut”.

Es geht in China immer noch um ein Schwanken zwischen Altruismus und Egoismus. Ersterer kulminierte während der Kulturrevolution propagandistisch im vorbildlichen Menschen Lei Feng, der sich als “kleine Schraube der Revolution” begriff – und danach auch handelte, u.a. mit einem Besen. Von seinen altruistischen Taten kündete u.a. ein in Westdeutschland zu maoistischen Zeiten, 1973, veröffentlichter chinesischer Comicroman. Zur gleichen Zeit hatte Joschka Fischer für den Voltaire-Verlag einen theoretischen Text über die “Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit” in der Großen chinesischen Kulturrevolution übersetzt – es handelte sich dabei um einige Kapitel einer Doktorarbeit aus Harvard.

Den jungen Soldaten Lei Feng und sein kurzes Leben nahm sich 2000 Jürgen Kuttner für seine erste Volksbühnen-Inszenierung vor – nicht zuletzt, weil „uns Ostler doch immer noch der ganze SED-Staat um die Ohren gehauen wird, aber den ehemaligen Maoisten im Westen man die chinesischen Verbrechen nie vorwirft.” Kuttner dachte dabei an die Gräuel der Kulturrevolution – und deswegen nun Lei Feng: als ein Comicmärchen-Stück. Inzwischen ist dieser Volksbefreiungsarmist in China sogar zu einem „Popstar” geworden, wie die FAZ schreibt.

Statt US-gentechnisch argumentiert man dort gegen den um sich greifenden Egoismus – eben chinesisch: so brachte z.B. die Firma Shanda ein Computerspiel mit dem Titel „Von Lei Feng lernen” heraus, bei dem derjenige gewinnt, der am meisten anderen Menschen geholfen hat, also der Altruistischste. Und um noch deutlicher zu werden, hat man im renovierten Revolutionsmuseum am Tienamenplatz ein Wachsfigurenkabinett eingerichtet – mit „offiziell anerkannten nationalen Helden” (aus Vergangenheit und Gegenwart). Am Ende der illustren Parade, „wo der Besucher in die Zukunft entlassen wird”, stehen sich auf der einen Seite Lei Feng und auf der anderen Seite der Microsoftgründer Bill Gates gegenüber: Das Politische und das Private – der Revolutionär und der Idiot: Idiot in der alten griechischen Bedeutung von Privatmann – jemand, der sich nicht um die Polis, sondern bloß um seine Privatgeschäfte, den oikos, bekümmert.

Der US-Präsident Coolidge sagte es einmal – positiv – so: „Americas Business is the Business!” In diesem Sinne dürfte Bill Gates der allergrößte Idiot sein – wohingegen die kleine Schraube der Revolution Lei Feng bis zur Selbstopferung das genau entgegengesetzte Prinzip verkörperte. Die chinesische KP selbst versucht, sich dazwischen auszubalancieren. Während gleichzeitig immer mehr KP-Politiker die polis zu ihrem oikos machen und die Kopfarbeiter wieder auf die Handarbeiter herabsehen.

Erinnert sei nur an die Literaturdozentin Yue Daiyun, die während der Kulturrevolution zur Arbeit auf dem Land verurteilt wurde – zusammen mit den Intellektuellen der Pekinger Universität. Sie sollten am Poyang-Sees „ein Projekt zur Umwandlung der Sommerschlammflächen des Sees in festes Land beginnen“. In ihren Erinnerungen schreibt sie: „Manche Intellektuelle fühlten sich wirklich allen anderen in der Gesellschaft überlegen; und einige, besonders die Männer unter den Akademikern waren wirklich vollkommen hilflos – sie konnten nicht einmal Teewasser heiß machen, so sehr waren sie es gewöhnt, von anderen versorgt zu werden“.

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P39: Wie stehen die Chinesen heute zum Fegen?

In einem Moabiter Ballsaal traf ich einmal eine quasi allein tanzende Chinesin – mit Blumen im Haar. Sie verdiente ihr Geld als Putzfrau in einem Bioladen. In der Kulturrevolution war sie für drei Jahre aufs Land geschickt worden, wo sie in einer Gemüsebrigade arbeitete. Während der ganzen Zeit hatte sie auf eine Rehabilitation durch ihre Grundeinheit gewartet, die ihr die Rückkehr an die Universität ermöglicht hätte. Die sie jedoch ablehnen wollte, um sich weiter durch die Landarbeit zu „reformieren”. Ich sah ein Photo aus jener Zeit, auf dem sie wie eine stolze Rotgardistin aussieht, die ihren Blick über Rübenfelder bis an den Horizont schweifen läßt. Ihre Rehabilitation kam jedoch nicht – und das stürzte sie fast in Verzweiflung: Sie wollte endlich einmal „Nein!” sagen – aber man gab ihr keine Chance. Als sie dann doch die Produktionskommune verließ, die wenig später schon wie alle anderen aufgelöst wurde, war es mehr ein leises Verschwinden – zurück in die Stadt, nach Shanghai. Und ähnlich ging es dann auch weiter, bis nach Berlin: über einen Schwager, der inzwischen in Amsterdam lebte.

Ich fragte sie, wo sie so gut Tanzen gelernt hätte. Ich meinte sogar gesehen zu haben, dass sie die Männer vor allem nach ihrem Tanzvermögen taxiert hatte. „Während der Kulturrevolution und auch schon davor wurde in China immer viel getanzt und gesungen”, antwortete sie, und heutzutage laufe dort nichts ohne Karaoke. Da ich nicht besonders gut tanzen und schon gar nicht singen kann, nahm ich an, dass es meine China-Begeisterung gewesen war, die sie dazu bewegt hatte, sich mit mir an der Theke noch weiter zu unterhalten. Später verabredeten wir uns für den nächsten Tag in einem China-Restaurant am See. Dort winkte sie allen vorbeifahrenden Touristen auf den Ausflugsschiffen zu – während sie gleichzeitig weiter aß, mit Stäbchen. Ich fragte sie nach dem Essen, warum es im Chinesischen so viele Nautikmetaphern gäbe: vom Großen Steuermann angefangen – über den Schiffbruch im Sozialen bis zum individuellen Glück, das mit geblähten Segeln umschrieben wird und der neuen Politik der Geschäftemacherei, die „Ins Meer tauchen” heißt. Sogar in der Literatur über die Verbannung der Intellektuellen aufs Land und zum Fegen heißt es – z.B. von einem solchen, den Gu Hua schilderte, er habe morgens auf der Straße „seinen Besen geschwungen, als rudere er auf einer Bühne im Boot”…

Das sei ihr noch gar nicht aufgefallen, wahrscheinlich weil in Shanghai als Hafenstadt immer schon alles Intime zugleich auch maritim gewesen sei, überdies wäre ihr Vater bei der Marine gewesen. Und selbst während ihrer Landverschickung, fügte sie hinzu, habe sie ständig mit Wasser zu tun gehabt: Entweder bekamen die Gemüsepflanzen nicht genug, dann mußten sie Brunnen graben oder zu viel, dann mußten Entwässerungsgräben angelegt werden. Ich erzählte ihr daraufhin, dass in der Endphase der Kulturrevolution ein Neuköllner Maoist namens Thomas Kapielski einmal eine Landverschickung von Künstlern aus Westberlin organisiert hatte – in die Lüneburger Heide. Viele würden noch heute von diesem Arbeits-Wochenende auf dem Dorf reden, ebenso einige Bauern dort. Ich selbst hätte einmal einen freiwilligen Arbeitseinsatz von 60 Linken bei einer Landkommune in der Wesermarsch organisiert.

Ob ich etwa der Meinung wäre, dass die Worte des Großen Vorsitzenden bis hierher wirksam geworden seien, fragte sie mich daraufhin ironisch. „Ja, aber noch wirksamer waren wohl die dadurch in Bewegung geratenen chinesischen Massen, zu denen u.a. Du gehörtest”. Im übrigen habe es auch in Berlin nicht an Mao-Bibeln gemangelt. 1969 hätte z.B. allein die so genannte Kommune I tausende von Exemplare aus der Ostberliner chinesischen Botschaft nach Westen geschmuggelt, wo sie dann während einer Vietnam-Demonstration an der Gedächtniskirche umsonst verteilt wurden.

Und in Ostberlin ließ eine ebenfalls maoistisch inspirierte Kommune ihren individuellen Solibeitrag für Vietnam nicht mehr vom Stipendienkonto abbuchen, sondern ging als Kollektiv in die Fabrik, zu Narva, um anschließend vom Gehalt ein Fahrrad zu kaufen, das sie der Vietkong-Botschaft übergaben. Auch wäre dort genauso antirevisionistisch die Überwindung bürgerlicher Verhaltensweisen sowie die Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit diskutiert worden. Es gab sogar einen Abwaschplan. Das sei ja gerade das Merkwürdige, fügte ich hinzu, dass wir vielleicht seit der Kulturrevolution von Peking ferngesteuert werden – bis hin zu Deng und seiner Modernisierungs-Parole „Bereichert Euch!”

„Mit dem kleinen Unterschied, dass uns die Mao-tse-tung-Ideen eingehämmert wurden, während ihr sie heimlich unter der Bettdecke studiert habt”, sagte sie. „Würdest du noch einmal eine Wandzeitung aufhängen?” fragte ich sie – schon fast verschwörerisch. „Nein,” antwortete sie, „ich bin doch eine moderne Frau, heute würde ich meine Angriffe ins Netz stellen. Und das mache ich auch”. Ich war enttäuscht: Wie konnte man sich nur so leicht von den großen Schriftzeichen verabschieden, von Pinsel und Tusche? „Und mit Besen arbeite ich auch nicht mehr, ich hab nur noch einen Staubsauger und einen Handfeger,“ fügte sie hinzu.

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P40: Gibt es einen Zusammenhang zwischen Fegen und Buddhismus?

Mir erzählte Oi-Ok Shu, eine koreanische Krankenschwester und Heilkundige, jetzt Rentnerin, die gelegentlich das koreanische Buddhakloster in der Oranienstraße besuchte, dass dort eine “Intensivmeditation” stattfinde, bei der die Teilnehmer sich rund um die Uhr im Zentrum versammeln. Morgens gehen sie dann als erstes in den Görlitzer Park, um dort – „etwas Gutes zu tun, d.h. die Wege zu fegen – und damit gleichzeitig der eigenen Erleuchtung näher zu kommen”. Denn wenn man diese nicht erreiche, dann werde einem – laut Frau Shu – „jeder Grashalm zur Falle”.

Nanu: fegen?! dachte ich – und begann sofort in Gedanken loszurattern: Mao – „Für alles Reaktionäre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt. Es ist die gleiche Regel wie beim Fegen: Wo der Besen nicht hinkommt, wird der Schmutz nicht von selbst verschwinden!”

Und dann die chinesische Kulturrevolution – Wie viele Intellektuelle und Kader hat es damals gegeben, die man zwecks Umerziehung zum Fegen, als Pförtner oder Hausmeister abkommandiert hatte? Die „Narben-Literatur” ist voll von Klagen über diese entehrende Tätigkeit, mit der die Betreffenden ihr falsches – reaktionäres – Bewußtsein ändern sollten.

Außerhalb Chinas und der von oben gesteuerten Kulturrevolution wurde jedoch ebenfalls gefegt wie verrückt – im Westen allerdings eher auf freiwilliger Basis, aber mit dem selben Ziel: um von unten nach oben alles umzudrehen – die Kacke des Seins umzugraben! Ich erinnere mich noch, z.B. das Georg-von-Rauchhaus tagelang gefegt zu haben, ebenso den Republikanischen Club, die Alte TU-Mensa bis zum Erbrechen, das Audimax der TU einmal und auch die Diskothek “Dschungel” sowie mindestens zwei Mal Teile des zugefrorenen Wannsees, um eine schneefreie Fläche zum Eishockey-Spielen zu schaffen.

Auf dem Höhepunkt dieser ganzen Fegerei gab es nicht nur mehrere französische Filme, in denen Straßenfeger eine tragende Rolle spielten (“Themroc” z.B.), sondern auch Joseph Beuys Fegeaktion in Neukölln, wo er hinter der Revolutionären 1.-Mai-Demonstration die Karl-Marx-Straße wieder besenrein machte. Sein damals dort zusammengefegter Dreck ist heute längst unbezahlbar.

Auf dem Höhepunkt meiner Fegeleidenschaft baute ich einmal bei einem Bauern einen ausrangierten Heuwender mittels 12 Piasawa-Besen zu einer Kehrmaschine um – und konnte fortan jeden Samstag seinen Hof mit dem Trecker fegen. Dem Bauer gefiel die Konstruktion. Genau das Gegenteil passierte mir dann während der umgedrehten Kulturrevolution – Wende genannt – in der DDR, auf einer LPG: Dort fegte ich einmal einen Stallgang auf der Rindermast sehr langsam und gründlich, aber eigentlich nur, um mich weiter mit einem Kollegen zu unterhalten, der noch mit Füttern beschäftigt war. Irgendwann stand er hinter mir und sagte – in einem Ton als würde ein Arbeiterverräter zurechtgewiesen: „Laß gut sein, wenn du es zu sauber machst, dann stecken sich das die da oben bloß wieder an den Hut!” Bei einer ähnlichen Gelegenheit meinte ein anderer Kollege, dafür sei die und die Brigade zuständig – nicht wir. Auf meinen Einwand, dass diese doch aufgelöst sei, entgegnete er: “Darüber müssen die da oben sich einen Kopp machen!”

Seitdem habe ich eigentlich nie mehr so richtig gefegt. Höchstens Staubsaugen. So wird es auch in China jetzt sein, dass man die Leute gegebenenfalls zum Staubsaugen verdonnert. Das Fegen war während der Kulturrevolution eine derart harte Umerziehungsmaßnahme, dass die Betreffenden meistens Nachts aufstanden, um damit fertig zu sein, bevor die ersten Nachbarn wach wurden und sie auf der Gasse sahen – so sehr schämten sie sich! Daran sieht man, wie wichtig gerade das Fegen ist!

Bei mir ist es noch immer so, dass ich – umgekehrt – mit niemandem liiert sein möchte, der seine Wohnung fegen (oder staubsaugen) läßt: So etwas gehört sich einfach nicht! Das macht man selber oder läßt den Dreck liegen! Jemanden für so etwas anzustellen, ist eine gemeine Verschwendung anderer Leute Lebenszeit!

In der Wende versprach Gregor Gysi, als er zum PDS-Vorsitzenden gewählt wurde, die Partei mit „hartem Besen auszukehren” – und einen solchen hielt er dann auch in die ARD-Kamera. Da war das Fegen aber längst zu einer Metapher geworden. So wie bei der Bürgerinitiative, die am 1. Mai hinter einer Neonazi-Demo die Straße „medienwirksam” sauber fegte. Wenig später, am Tag der Kapitulation, fand in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg eine Diskussion über eben diesen Bezirk statt, in dem heute immer mehr Leute ihre Lofts und Flats von Putzfrauen fegen lassen. U.a. sprachen Papenfuß, Kuttner und Schappi (Wawerzinek) darüber, wie es dort früher war. Interessanterweise hatten alle drei auch mal als Hausmeister gearbeitet – und als solche regelmäßig, z.B. eine Kita, ausfegen müssen. In Erinnerung war ihnen jedoch vor allem das allmorgendliche Anheizen des Zentralofens geblieben, aber Heizer müssen zwischendurch auch immer mal fegen.

SPD-Vorständler kümmern sich gerne im Sommerloch um Großbetriebe – und gehen besuchsweise an die Basis. Nachdem so einer, aus Hessen, einmal bei der Berliner Stadreinigung gearbeitet hatte, fragte er einen Ostkollegen, ob sich seine jetzige Tätigkeit bei der BSR im Vergleich zu früher wesentlich unterscheide. Dieser antwortete: „Eijentlich hat sich nüscht jeändert – außer det Jesellschaftssystem”.

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Heraus zum Erntedankfest am 5. Oktober https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/09/22/zum-erntedankfest-am-5-oktober/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/09/22/zum-erntedankfest-am-5-oktober/#respond Mon, 22 Sep 2025 17:33:35 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=15290

Die Drei Mits

„Der größte Fehler“ der chinesischen kommunistischen Partei habe darin bestanden, so Ho Tschin Minh, dass sie nichts zur Vertiefung der chinesischen „Agrarrevolution“ getan, sondern im Gegenteil die „Bauernbewegung“ noch gebremst hätte. Die Partei hatte sich, gestützt auf ihre deutschen und russischen Berater aus der Komintern vor allem auf die Organisierung von Arbeiteraufständen in den großen Städten konzentriert. Diese waren blutig niedergeschlagen worden. Damals waren gerade mal 0,5% der chinesischen Bevölkerung Arbeiter. Noch heute ist China ein Agrarland. Der Bauer, das ist „das wirkliche China“, wie der Agrarutopist Peng Pai meinte. Nach der Niederschlagung der Arbeiteraufstände in den chinesischen Städten, die Inseln gleich in einem Bauernmeer lagen, reorganisierte der Bauernsohn Mao Tse-tung die kommunistische Partei auf dem Land neu – und orientierte dabei die Politik um – auf die Bauern und ihren Partisanenkampf.

Während der so genannten Großen proletarischen Kulturrevolution wurden später Millionen Intellektuelle und Kader, aber auch und vor allem die „gebildete Jugend“ aufs Land geschickt – unter der Losung der „3 Mits“: Mit den Bauern essen, mit den Bauern arbeiten, mit den Bauern diskutieren! Um die „3 Trennungen“ – von der Praxis, vom Volk und von der körperlichen Arbeit – zu überwinden. Die Kulturrevolution hatte eine große Ausstrahlung: im Westen wurde der Maoismus fast zu einer Mode. Einer, der ihn bis zu seinem Tod 2013 immer wieder – selbstkritisch, zerknirscht – ins Spiel brachte, war der taz-Redakteur Christian Semler, ehemals Vorsitzender der KPD. Dabei äußerte er stets sein Bedauern über die vielen chinesischen Gebildeten und Spezialisten, die damals über Jahre zu verblödender Landarbeit gezwungen wurden. Dies traf vor allem auf die als „Reaktionäre, Rechte Elemente und Revisionisten“ klassifizierten Intellektuellen zu, die teilweise über 22 Jahre aufs Land verbannt blieben, nämlich seit der „Anti-Rechts-Kampagne“ 1958, die auf die „Hundert-Blumen-Bewegung“ gefolgt war. Erst 1976 begann ihre Rehabilitierung, außerdem schaffte man die Pflicht zur Landarbeit vor dem Studium ab.

Wenig später – nach der Verhaftung und Verurteilung der „Viererbande“ – wurden auch schon die ersten literarischen Aufarbeitungen der Kulturrevolution – der zehn chaotischen Jahre, wie man sie nun nannte – veröffentlicht. Die Bücher darüber werden inzwischen als „Narben-Literatur“ bezeichnet. Sie wurden – aus naheliegenden Gründen: um Maos Irrweg aufzuzeigen – auch in Ost- und Westdeutschland gerne übersetzt und publiziert, insgesamt etwa 200. Man kann sagen, dass fast jeder Autor (die meisten waren Frauen) seine Landverschickung im Nachhinein anders empfand und beurteilte: Sie waren gerührt, wie freundlich die Bauern sie empfingen und alles mit ihnen teilten; sie waren angeekelt von deren Primitivität und losen Sitten; sie waren erstaunt, wie sehr die Bauern sie – als verzärtelte Stadtjugendliche – schonten; sie waren überheblich, weil sie gebildeter waren; sie fühlten sich von der Partei verraten und verheizt; sie schwangen sich zu Kulturarbeitern auf dem Land auf; sie wurden journalistische Ideologen für regionale Medien; sie wollten „diese wichtigen Jahre des Aufbaus“ nicht missen; sie empfanden ihre Landverschickung als verlorene Jahre; sie bissen die Zähne zusammen und hielten durch, weil sie nur dann anschließend studieren durften; sie fanden die Zeit ideal – für Hooligans; sie schämten sich, schmutzige Arbeit verrichten zu müssen (obwohl Mao lehrte, „dass Schmutz am Körper Sauberkeit im Kopf“ bedeute) usw..

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Scheiße

„Kuhmist ist wichtiger als Dogmen!“ (Mao tse Tung)

Mao war der Sohn eines wohlhabenden Bauern aus Hunan, u.a. wollte er erreichen, dass man in China der Rinderzucht mehr Bedeutung beimaß. In der chinesischen Landwirtschaft gab es nie genug Vieh, um mit deren Exkrementen die Felder zu düngen. Pferde für die Armee wurden aus der Mongolei eingeführt; bäuerliche Familien hielten ein bis zwei Schweine zur Selbstversorgung; wer keine Ochsen zur Feldbestellung besaß, spannte sich selbst vor den Pflug. Der Ausweg bestand aus menschlichen Exkrementen, die als Dünger aufbereitet wurden.

Während der Revolution 1927 bis 1949 schickten verschiedene Länder Kühe nach China zur Versorgung der hungernden Bevölkerung. Es gibt darüber einen Film von Guan Hu: „Cow“. Die Hauptrollen spielten Huang Bo – als Kleinbauer Niu Er – und seine friesische Milchkuh Duo Niu: Sie ist eine Spende aus Holland zur Verbesserung der Versorgung der Roten Armee. Es ist das Jahr 1940 im Dorf Yizhen. Alle Bewohner wurden in Krieg und Bürgerkrieg getötet, nur Niu Er und Duo Niu haben überlebt. Mal rettete der Bauer die Kuh, mal rettete sie ihn.

Vor der Revolution mussten Landarbeiter sich verpflichten, die Toilette des Gutsbesitzers zu benutzen. An den Landstraßen standen Töpfe. Sie wurden regelmäßig geleert. Fäkalien waren ein Handelsgut, man konnte sie portionsweise auf dem Markt kaufen. Unternehmer zahlten viel Geld, um die Exkremente ganzer Städte einzusammeln und an die Bauern zu verkaufen. Man wußte dort, weil jede Pflanze Humus verbraucht, muss er vor allem in der Landwirtschaft immer wieder ersetzt werden.

In den USA wußte man das vielleicht auch, aber es war einfacher, immer wieder neues Land unter den Pflug zu nehmen, d.h die Prärien nach und nach landwirtschaftlich zu nutzen. Bis es in den Dreißigerjahren zu verheerenden Dürren und Staubstürmen kam, wodurch die Böden Millionen Tonnen Humus verloren, die zuvor von den Wurzeln des Präriegrases vor Erosion bewahrt worden waren. Teile der fruchtbaren Great Plains in Kanada und den USA wurden zu einem „Dust Bowl“, einer Staubschüssel. Tausende von Farmer waren gezwungen, ihr Land aufzugeben. John Steinbeck hat diese Situation 1939 in seinem Roman „Früchte des Zorns“ geschildert.

Die amerikanischen Agrarexperten hatten jedoch schon Ende des 19. Jahrhunderts angefangen, sich über den Humusschwund Gedanken zu machen. 1909 bereiste der Leiter der Abteilung für Bodenbearbeitung im US-Landwirtschaftsministerium, Franklin H. King, mit einer Gruppe von Mitarbeitern China, Korea und Japan, um zu studieren, wie man in diesen Ländern damit umging. Sein begeisterter Bericht „4000 Jahre Landbau“ erschien 1911 (auf Deutsch zuletzt 1984).

Der Autor kommt darin zu der Überzeugung, dass die amerikanische Landwirtschaft unbedingt von der in China, Korea und Japan lernen muss. „In Amerika verbrennen wir ungeheure Mengen Stroh und Maisstrünke: weg damit! Kein Gedanke daran, dass damit wertvolle Pflanzennährstoffe in alle Winde zerstreut werden. Leichtsinnige Verschwendung bei uns, dagegen Fleiß und Bedächtigkeit, ja fast Ehrfurcht dort beim Sparen und Bewahren.“

Noch mehr galt das für den Umgang mit Fäkalien. Er wird nicht als Abfall begriffen und mühsam entsorgt, sondern auf Schiffen zusammen mit Schlamm auf Kanälen transportiert, an Land gelagert, dann in Gruben an den Äckern geschüttet, wobei man dazwischen Lagen mit geschnittenem Klee packt und „das Ganze immer wieder mit Kanalwasser ansättigt. Dies lässt man nun 20 oder 30 Tage fermentieren, dann wird das mit Schlamm vergorene Material über den Acker verteilt.“

Die US-Agrarwissenschaftler hielten die „landbaulichen Verfahren“ der Chinesen, Koreaner und Japaner, mit denen diese „jahrhundertelang, praktisch lückenlos alle Abfälle gesammelt und in bewundernswerter Art zur Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit und Erzeugung von Nahrungsmitteln verwertet haben, für die bedeutendste Leistung der drei Kulturvölker.“

Wenn man sie studieren will, „muss man auf das achten, was uns die Hauptsache zu sein scheint, dass nämlich unter den Bauern, die die dortigen dichten Bevölkerungen jetzt ernähren und früher ernährt haben, richtiges, klares und hartes Denken Brauch ist.“

Zur Zeit des „Großen Sprungs nach vorne“ (1959-1961) gab es den Plan, auf einem Mu Land (667 Quadratmeter) 500 Kilo Getreide zu ernten, man brauchte daher eine Menge Dünger. Es gab dafür in der damaligen Zeit fast nur menschliche Exkremente. 2024 erntete man in China mit viel Kunstdünger auf einem Mu maximal 375,2 Kilo Sommergetreide, wie der Direktor der ländlichen Abteilung des Nationalen Statistikamtes Wang Guirong im Herbst des Jahres mitteilte.

Weil frische Exkremente kein Dünger sind, sondern Gift, das die Ernte zunichtemacht, beschloß man während der „Großen Sprungs“ auf den Sportplätzen tiefe, an Brunnenschächte erinnernde Gruben auszuheben und mit Exkrementen zu füllen, damit sie durch das Methan in der Erde fermentierten. Der 1952 in Peking geborene Schriftsteller Wang Xiaobo erinnert sich in seinem Bericht über „Das Goldene Zeitalter“ (2024): „Als wir klein waren, robbten wir vor bis zum Grubenrand und warfen brennende Streichhölzer hinein, fasziniert von der schwachen blauen Flamme, die dann an der Oberfläche züngelte. Nachts kniete ich andächtig am Grubenrand, um gebannt in die mysteriöse Flamme zu starren, vollkommen vergessend, dass sie das Produkt von Scheiße war.“

Der später als Soziologe tätige Xiaobo schreibt weiter: „Bedauerlicherweise brachte die sorgfältige Jauchegrubenanlage aber nichts, weil nach gelungener Fermentation niemand wußte, wie man das Zeug aus der Grube herausheben sollte, es war zu wässrig zum Schaufeln und zu zäh zum Schöpfen…Vor allem waren die Gruben verdammt tief. Wehe man rutschte ab und plumpste hinein; die Überlebenschancen tendierten gegen Null. Aus diesem Grund wurden die Gruben mitsamt dem wertvollen Dünger aufgegeben. Irgendwann wucherten sie zu und waren nicht mehr von der Umgebung zu unterscheiden, was sie zu gefährlichen Fallen machte.“ Einer von Xiaobos damaligen Mitschülern fiel tatsächlich aus Versehen hinein und erstickte.

Eine Kollegin von Xiaobo an der Peking-Universität, die er zitiert, erinnerte sich, dass in der Kaderschule noch ganze andere Scheißgeschichten aus der Zeit des „Großen Sprungs“ kursierten. Damals befanden einige der lokalen Kader, dass es zu lange dauerte, in den Grüben Dünger herzustellen: „Damit das mit der Fermentierung schneller ging, ließen sie in jeden Haushalt vor dem Essen erstmal einen Wok Scheiße aufkochen.“ Nachzulesen ist das in einer Abhandlung des Soziologen Prof. Shen Guanbao. Xiaobo fügte hinzu: „Die Geschichte von der gekochten Scheiße ist unabdingbar für die sorgfältige Aufarbeitung unserer verflossenen Jahre, denn sie bildet sozusagen den roten Faden dieser Jahre.“ Seine Übersetzerin Karin Betz erwähnt als eine ihrer Schwierigkeiten mit seinem Buch: In der chinesischen Alltagssprache gibt es mehr als 35 Worte für Scheiße.

Seit Deng Xiaopings Privatisierungsparole „Bereichert Euch!“ (1983) hat sich in China viel geändert, gerade auf dem Agrarsektor. Amerika lernte dabei nicht mehr von China, sondern umgekehrt. Erwähnt sei eine Nachricht auf „pflanzenforschung.de“ von 2010: „Aufgrund des übermäßigen Einsatzes von Stickstoffdünger werden Chinas landwirtschaftliche Flächen immer saurer und bringen immer weniger Ertrag. Laut Experten könnte das in Zukunft die Lebensmittelproduktion Chinas gefährden.“

Die Naturschutzorganisation Greenpeace ergänzte: „China hat seine Landwirtschaft mit großem Aufwand industrialisiert und mittlerweile einen Anteil von 34 Prozent am weltweiten Bedarf an Phosphor-Düngemittel. Die meisten werden im Land selber produziert.“ Und z.T. sogar exportiert.

Daneben wurde die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch, Schweinefleisch vor allem, durch Landkäufe im Ausland, u.a. in der Ukraine, verbessert: So erwarb China 100.000 Hektar Ackerland in der Schwarzerderegion, das auf drei Millionen Hektar vergrößert werden soll. Neben dem Futtermittelanbau sollen darauf vor allem Schweine für den chinesischen Markt gezüchtet werden. Die chinesische Agroholding China National Cereals, Oils and Foodstuffs Corporation (COFCO) ist einer der größten Arbeitgeber in der ukrainischen Landwirtschaft und einer der größten Investoren in deren landwirtschaftliche Infrastruktur (über 200 Milliarden Dollar seit 2008).

Die chinesische Landwirtschaft verbraucht heute rund 40 Millionen Tonnen Kunstdünger jährlich. In einer Wirtschaftsmeldung hieß es 2013: „Schlechte Nachrichten für die Kali+Salz AG. China steigt beim russischen Düngemittelriesen Uralkali ein und schürt damit neue Spekulationen über die Machtverteilung in der Branche. Da die Volksrepublik zu den größten Konsumenten von Kali-Düngern gehört, wird es aus Sicht von Experten wahrscheinlicher, dass Uralkali die Preise wie angekündigt drückt und dies durch größere Verkaufsmengen wettmacht – unter anderem in China.“

Damit dürfte die Scheiße von 1,42 Milliarden Chinesen wohl endgültig nur noch ein kostspielig zu entsorgender Abfall geworden sein – und ihr Land bald mit ähnlichen Humusverlusten wie in den USA vor hundert Jahren zu kämpfen haben. 2024 meldete u.a. „n-tv.de“: „In vielen Regionen Chinas senken sich die Böden – jedes Jahr um mehrere Millimeter.“ Der Deutschlandfunk berichtete bereits 2013, dass die Vergiftung der Böden in China zunehme: „Pestizide, Überdüngung, Industrieabwässer. Ein Großteil der Flächen, auf denen Nutzpflanzen angebaut werden, ist verseucht.“

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Bakterien

Die Mikrobiologin Lynn Margulis kritisierte an ihren Kollegen: „Sie haben keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens. Sie glauben, weil etwas in Escherichia coli ist, wissen sie etwas darüber.“ Wie z.B. der Biologiephilosoph Jacques Monod: „Was für E.coli wahr ist, muß auch für den Elefanten wahr sein“.

Die Bakterien entstanden vor etwa 3,5 Milliarden Jahre und sind mit Abstand die häufigsten Lebewesen, gefolgt von Einzellern (mit einem Zellkern), Pilzen, Pflanzen und Tieren. E.coli Bakterien siedeln gerne in unserem Darm. Man sagt, sie haben einst nur deswegen Vielzeller wie uns entwickelt, damit sie immer ein gutes Nährmedium haben. Und noch ich-kränkender: Sie sind es auch, die uns drängen, auf dieses oder jenes plötzlich einen wahren Heißhunger zu haben.

Kolibakterien können aber auch ohne uns leben – überall: in der Luft, im Wasser, in der Erde. Wir können dagegen nicht ohne sie leben. Sie sind für uns die wichtigsten Symbionten.

Escherichia coli wurde 1919 nach dem Wiener Bakteriologieprofessor Theodor Escherich benannt, der sich 1886 als Kinderarzt mit einer Forschungsarbeit über „Die Darmbakterien des Säuglings“ habilitierte. E.coli läßt sich im Labor leicht vermehren, was unter günstigen Bedingungen alle 20 Minuten durch Teilung geschieht. An der Universität Wisconsin gelang es vor einiger Zeit, das „Nummer-Eins-Labor-Arbeitspferd E.coli“ zu sequentieren. Nun weiß man: Sein „Chromosom“ ist 4,6 Mio Basenpaare lang und enthält 4288 „Gene“, aber davon sind 40% „komplette Rätsel“.

Berühmt wurde E.coli vor allem durch die Arbeiten des Genetikers Jacques Monod, der mit amerikanischem Geld in Paris ein ganzes Institut um E.coli gründete. Zusammen mit seinen Kollegen André Lwoff und Francois Jacob bekam er für seine Forschung 1965 den Nobelpreis. In den Siebzigerjahren kam es zwischen Jacob und Monod zum Streit: Ersterer wollte zukünftig weiße Mäuse erforschen, für ihn hatte E.coli nicht mehr genug Individualität, um sich weiter ernsthaft mit ihm zu beschäftigen.

In seinem Buch „Die Maus, die Fliege und der Mensch“ (1998) schrieb er: „Ich wollte eine Veränderung. Seit 15 Jahren ließ ich nun schon ausgesuchte Bakterienpaare im Takt kopulieren. Ich hatte nichts dagegen, eine Art Guru der Sexualität zu werden, aber nicht der Bakteriensexualität. Auch wollte ich etwas Sichtbares, mit Hormonen, Leidenschaften, mit einer Seele. Ich wollte Tiere, denen man ins Auge blicken, die man individuell erkennen, ja benennen konnte. Und die fähig waren, einem auch selbst in die Augen zu blicken.“

Ein Bakterium „träumt“ bloß davon, da war sich Francois Jacob sicher, „zwei zu werden“. Wobei seine Sexualität, anders als bei uns, mit der Vermehrung nichts zu tun hat, sie vermehren sich ungeschlechtlich. Ihre Sexualität besteht aus Berührungen, bei der Gen-Geschenke übergeben werden. Dies geschieht durch direkten Körperkontakt oder mittels Proteinfäden, so genannten Sexual-Pili, die aus der Distanz von einem Bakterium zum anderen hinüberwachsen. Die Fortpflanzung geschieht dagegen durch Teilung, wobei sich die Chromosomen sowie auch die im Zellplasma integrierten Organellen ebenfalls teilen. Auf diese Weise ist E.coli quasi unsterblich. Und weil alle Bakterien miteinander Gene austauschen können, gibt es nicht etwa eine Million Arten oder mehr, sondern eigentlich nur eine.

Jacobs Kollege am Collège de France Michel Foucault fragte sich: „So lange man es zu tun hat mit einem, relativ gesehen, so einfachen Organismus wie einem Bakterium, kann man dann wirklich von einem Individuum sprechen?“ Präziser gefragt: „Kann man sagen, dass es einen Anfang hat, da es schließlich nur die Hälfte einer früheren Zelle ist, die ihrerseits die Hälfte einer anderen Zelle war und so weiter bis in die fernste Vergangenheit des ältesten Bakteriums der Welt?“ Oder – in die andere Zeitrichtung gefragt: „Kann man sagen, dass es stirbt, wenn es sich teilt, zwei Bakterien Platz macht, die unabhängig bestrebt sind, sich alsbald ihrerseits zu teilen?“

Das Sterben, der Bruch im Gedächtnis, tritt erst mit der Verbindung von Sexualität und Fortpflanzung ein. Ich erinnere nur an den Seufzer des Dichters Peter Rühmkorf: „Ach könnte man doch angelesene Eigenschaften vererben!“

Einer von Foucaults Lieblingsbegriffen war der „Würfelwurf“, er fand ihn in Francois Jacobs „biologischer Geschichtsschreibung“, die „uns zeigt, wie und warum man das Leben, die Zeit, das Individuum, den Zufall ganz anders denken muß“ – und zwar von „hier aus: in unseren Zellen“.

Man schätzt, dass in und auf uns zehn Mal mal so viele Bakterien leben wie wir Körperzellen haben, sie wiegen insgesamt 2 Kilo. Aber diese Schätzungen haben etwas Absurdes, denn mit einem einzigen Gramm unserer Scheiße scheiden wir bereits 100 Milliarden Individuen aus. Wobei E.coli es mit seiner extremen Säureresistenz nahezu problemlos schafft, durch Mund und Magen wieder zurück in unseren Dickdarm zu gelangen.

Andere Säugetiere, vor allem Wiederkäuer wie die Kuh, sind in ihrem Pansen bakteriell noch viel üppiger ausgestattet als wir, weswegen die Mikrobiologin Lynn Margulis sagen kann: „Der Pansen – das ist die Kuh“. Noch reichhaltiger und komplizierter sind die Bakteriensymbiosen im Verdauungsapparat von Termiten, die von extrem nährstoffarmem Holz leben. Ähnliches gilt für Koalabären und Biber: Sie sterben, wenn sie zu wenige Darmbakterien der Mutter mit ihrem Kot aufgenommen haben. Wenn Menschenkinder durch einen Kaiserschnitt auf die Welt kommen, fehlen ihnen ebenfalls lebenswichtige Bakterien, die ihnen ihre Mutter sonst im Geburtskanal mitgegeben hätte. In einer New Yorker Klinik wickelt man deswegen nun per Kaiserschnitt geborene Säuglinge in Tücher, die mit der Scheidenflüssigkeit ihrer Mutter getränkt werden.

Kürzlich entdeckten US-Forscher unerwarteterweise mehrere Raupenarten, die gar keine Bakterien in ihren Verdauungsorganen haben. Umgekehrt erforscht die Meeresbiologin Nicole Dubilier, Leiterin der Abteilung Symbiose im Bremer Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie, einen Meereswurm ohne Verdauungsorgane, der sich mit Hilfe von fünf Bakterienarten ernährt. Der Wurm führt ihnen mit dem Meereswasser nur Schwefelwasserstoff zu, das sie durch Sulfidoxidation in Energie umwandeln. Für den Biologen Bernhard Kegel sind die Bakterien „Die Herrscher der Welt“, wie er 2015 sein Buch über sie nannte. Da sie in und an fast allen Lebewesen sind, gibt es für ihn „kein Einzelwesen“. Die Idee einer essenziellen Identität sei rein fiktiv.

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Bärtierchen

Bisher sind 1300 Arten bekannt. Im Amsterdamer „Micropia Museum“ steht gleich im Eingang ein Bärtierchen, so groß wie ein Braunbär und auch so braun. Die 2014 eröffnete Einrichtung ist das erste und einzige Mikroorganismen gewidmete Museum – mit 25 Mitarbeitern in weißen Kitteln, die sich mit den Tierpflegern im Zoo nebenan vergleichen. Ihre Tiere kann man allerdings nur unter dem Mikroskop sehen.

Das Museum befindet sich nicht zufällig in Amsterdam: Dort lebte der Glasschleifer Antoni van Leeuwenhoek (1632 –1723), der nicht nur das Mikroskop erfand, sondern auch derart fasziniert war von dem, was ihm dieses zu sehen ermöglichte: „Animalcules“ (kleine Tierchen), u.a. Bakterien und menschliche Spermatozoen, dass er eine Reihe von Entdeckungen damit machte. Ihm ist der erste Saal im Museum gewidmet.

Die Bärtierchen nennt man auch Wasserbären. Sie sind weniger als einen Millimeter groß und haben acht Beine mit einziehbaren Klauen am Ende, die sich bei einigen Arten zu Haftscheiben umwandelten. Andere Arten können ihre Stummelbeine teleskopartig ineinanderschieben, ebenso ihre „Mundkegel“. Zum Fressen pressen sie diesen laut Wikipedia gegen die betroffene Pflanzenzelle oder die Haut ihrer Beute. Durch Vorschieben der nadelscharfen Stilette werden diese dann angestochen und der Zell- oder Körperinhalt ausgesaugt. Am Liebsten fressen sie Algen, einige Arten aber auch andere Mikroorganismen, u.a. andere Bärtierchenarten.„baertierchen.de“ erwähnt eine Art, die parasitär auf den Mundtentakeln von Seegurken lebt.

Es gibt Bärtierchen in vielen Farben, ihr Blut ist farblos. Etliche Bärtierchen verfügen über punktförmige, rot oder schwarz gefärbte Augen. Sie leben überall auf der Welt, auch in der Antarktis, auf Gletschern, im Süßwasser, im Meer und an Land. Dort am Häufigsten im Moos, wo etwa 200 Individuen auf einen Quadratzentimeter vorkommen können. „Oft finden sich unterschiedliche Arten in den verschiedenen Zonen des Mooses,“ heißt es auf Wikipedia.

Bei Trockenheit fallen Bärtierchen in einen todesnahen Zustand („Tönnchen“ genannt), in dem sich keine Stoffwechselaktivität mehr nachweisen lässt. Wenn es nass wird, wachen sie wieder auf. „Besonders in Süßwasser lebende Arten, aber auch solche, die Moose oder Laubstreu besiedeln“, sind Wikipedia zufolge „in der Lage, als Zysten bezeichnete Resistenzstadien zu bilden. Dazu ziehen sich die Tiere auf 20 bis 50 Prozent ihrer ehemaligen Körpergröße zusammen, reduzieren ihren Stoffwechsel und bauen teilweise auch ihre inneren Organe ab. Dieser Vorgang wird von bis zu drei unvollständigen, unmittelbar aufeinanderfolgenden Häutungen begleitet, an deren Ende das Tier von einer mehrwandigen Umhüllung aus nicht-zelligen Hautschichten umgeben ist.“ Auf diese Weise können die Tiere über ein Jahr überleben. Sobald sich die Umweltbedingungen geändert haben, befreien sie sich innerhalb von 6 bis 48 Stunden wieder aus ihrer Umhüllung. Diese Zysten sind jedoch weniger widerstandsfähig als die Tönnchen.

Bärtierchen vermehren sich sexuell, die Weibchen können aber auch ohne Befruchtung Eier entwickeln und es gibt Zwitter unter ihnen. Ihre Populationen verbreiten sich vor allem durch Wind, Wasser oder Tiere. „Zur aktiven Fortbewegung benötigen alle Arten einen dünnen umgebenden Wasserfilm. Sie nutzen dann die Beine der ersten drei Rumpfsegmente, die im Gegensatz zu den verwandten Stummelfüßern nicht nur paarweise, sondern auch einzeln bewegt werden können, um etwa über Sandkörner zu krabbeln oder in Mooskissen herumzuklettern.“

Jungtierchen reagieren auf Lichteinstrahlung mit schnelleren Bewegungen und spontanen Richtungsänderungen. Die Wikipediaautoren vermuten: „Da Lichteinstrahlung oft mit Wärmestrahlung und nachfolgender Wasserverdunstung verbunden ist, hängt dieses Verhalten vielleicht mit der für Jungtiere bedrohlicheren Austrocknungsgefahr zusammen.“ Der Psychoanalytiker Sandor Ferenczi meinte, dass wir uns vielleicht ins mütterliche Fruchtwasser zurückwünschen, aber eine noch viel ältere Austrocknungs-Katastrophen befürchten, weswegen nicht das Meer die Mutter symbolisiert, sondern umgekehrt die Mutter das Meer.

Die Zahl der Gewebezellen der Bärtierchen ist genetisch festgelegt. Ihr Größenwachstum kann daher, folgt man Wikipedia „nicht durch eine Vermehrung der Zellenanzahl, sondern nur durch ein Wachstum der individuellen Zellen selbst stattfinden. Wird (durch experimentellen Eingriff) nach der ersten Zellteilung eine der beiden Tochterzellen abgetötet, entwickelt sich dennoch ein anatomisch vollständiges und lebensfähiges Tier, das dann nur halb so viele Zellen enthält wie normal.“ Einige Körperteile, wie Hinterdarmauskleidung, Beinklauen und Mundwerkzeuge („Stilette“) werden „regelmäßig gehäutet“. Die Stilette können vorgestreckt oder eingezogen werden.

Bärtierchen haben keine Atmungsorgane, der Gasaustausch findet durch Diffusion über die Haut statt, die dazu nass sein muss. Im Mitteldarm findet sich eine reiche Bakterienflora, also eine Natur in der Natur. Unverdauliche Reste und Schadstoffe werden von der oberen Hautschicht in das darüberliegende Außenskelett eingebaut „und bei der nächsten Häutung zusammen mit dieser abgestoßen.“

2020 schrieb „Die Welt“: „Extreme Kälte, radioaktive Strahlung, Sauerstoffmangel und sogar das Vakuum des Weltalls – all das kann Bärtierchen nichts anhaben. Doch Forscher entdeckten eine Schwäche bei den Winzlingen, die ihnen sogar das Leben kosten kann“: Zwar halten sie kurzzeitig eine Temperatur von 151 Grad Celsius aus, aber nicht auf Dauer. So stellte eine Studie fest, dass die Bärtierchen der Art Acutuncus antarcticus durch den Klimawandel sogar vom Aussterben bedroht werden könnten.

Der „Tagesspiegel“ berichtete 2025, dass eine im Nationalpark Schwarzwald auf Flechten entdeckte Bärtierchenart nach dem Ministerpräsidenten des Bundeslandes benamt wurde. Sie heißt jetzt Ramazzottius kretschmanni.

Auf „baertierchen.de“ heißt es, dass vom Quedlinburger Pastor Ephraim Goeze 1773 „die erste publizierte Abbildung stammt“. Der Schriftsteller Jan Wilm schreibt in seinem Buch „Bärtierchen“ (2025), dass der Danziger Pastor Conrad Eichhorn den kleinen Wasserbären taufte. „Das Bärtierchen beobachtete er durch sein ‚Vergrösserungs-Glaß‘ und fertigte eine der ersten Illustrationen eines kleinen Wasserbären an.“ Seine Forschung publizierte er 1775 in dem Buch „Beyträge zur Naturgeschichte der kleinsten Wasserthiere, die mit blossem Auge nicht können gesehen werden und die sich in den Gewässern in und um Danzig befinden.“

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Kleine Tierchen

Kürzlich besuchten wir das „Micropia Museum“ in Amsterdam. Es ist das einzige auf der Welt, das sich den Mikroben widmet. Man kann sie nur unter dem Mikroskop sehen. Da die amerikanische Mikrobiologin Lynn Margulis zu meinen Biologenvorbildern zählt, hat mich die „Unsichtbarkeit“ dieser Tierchen nicht abgeschreckt. Eher schon die Umwelt dieses Museums – Amsterdam, wo man nicht mal mehr ohne Smartphone auf eine öffentliche Toilette gehen oder mit der Straßenbahn fahren kann. Ich hoffe, dass sich dieser Elektronikwahn in einigen Jahren wieder legt. Schon dass die Menschen dort (wie auch hier) ständig mit einem Smartphone in der Hand oder vor der Nase rumlaufen, ist eine Beleidigung für jedes soziale Wesen.

Das „Micropia Museum“ ist nicht zufällig in Amsterdam situiert worden, denn dort lebte der Glasschleifer Antoni van Leeuwenhoek (1632 – 1723), der nicht nur das Mikroskop erfand, sondern auch fasziniert war von dem, was ihm seine Erfindung sichtbar machte: „Animalcules“ (kleine Tierchen). Das Deutsche Museum schreibt: „In seinem Zahnbelag fand Leeuwenhoek als erster Bakterien; er entdeckte den peripheren Blutkreislauf in den feinen Kapillaren und konnte damit die Verbindung des arteriellen mit dem venösen Blutkreislauf erklären; seine spektakulärste wissenschaftliche Tat aber war die Entdeckung der menschlichen Spermatozoen und der geschlechtlichen Fortpflanzung aller Lebewesen; akribisch beobachtete er, neben dem vieler anderer Tiere, das sexuelle Verhalten der Flöhe und die Entwicklungsschritte vom befruchteten Ei bis zum fertig entwickelten Floh. Dabei scheute er sich nicht, diese Forschungsobjekte in seiner Hosentasche mit sich herum zu tragen und mit dem eigenen Blut zu ernähren.“

Es verwundert deswegen nicht, dass gleich die erste Abteilung im Micropia Museum ihm gewidmet ist. Vor einiger Zeit fand in Schwerin eine große Ausstellung mit Bildern holländischer Maler aus dem 17. Jahrhundert, dem „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande, statt. Ein Schwerpunkt bildeten dabei „Waldstilleben“ (auch Waldbodenstücke genannt), dessen Hauptvertreter Otto Marseus van Schrieck (1619 – 1678) war. Er malte Einblicke in Biotope mit wildwachsenden Pflanzen und kleinen Tieren wie Eidechsen, Fröschen und Insekten. Oft handelt es sich dabei laut Wikipedia um die Vegetation (und Fauna) eines Waldbodens oder eines Sumpfes. Die Tiere, die er malte und liebte, hielt er lebend in seinem Haus und Garten. In der Schweriner Ausstellung kam auch der Mikroskoperfinder Anti van Leeuwenhoek vor, der sich für noch kleinere Tierchen interessierte. Zudem wurde dort auch noch an die zuletzt in Westfriesland lebende Maria Sybilla Merian (1647 – 1717) erinnert.

Sie war eine Naturforscherin, Künstlerin und Geschäftsfrau, die mit ihrer Tochter in der holländischen Kolonie Surinam forschte und malte. Sie machte, wieder laut Wikipedia, zu den verschiedenen Entwicklungsstadien der Schmetterlinge und Falter detaillierte Aufzeichnungen und entwickelte einen neuen Bildtyp, das „Metamorphosenbild“, das diese auf ästhetische Weise illustrierte. Wegen ihrer genauen Beobachtungen und Darstellungen gilt sie als wichtige Wegbereiterin der modernen Insektenkunde. Ich meine zu wissen, dass sie sogar die Metamorphose der Schmetterlinge vom Ei über die Raupe und ihre Verpuppung bis zum fertigen Schmetterling entdeckt hat. Ab 1675 veröffentlichte sie zwei Bände mit dem Titel „Der Raupen wunderbare Verwandelung und sonderbare Blumennahrung“. Auch eine Entdeckung von ihr, dass Schmetterlinge und andere Insekten vom Nektar und Pollen der Blumenpflanzen leben.

Dass auch umgekehrt die Blumen von oder durch Insekten leben, also dass diese bei der Nahrungssuche die Blumen befruchten, fand dann der Spandauer Schulleiter Christian Konrad Sprengel (1750 – 1816) heraus. Er war weniger glücklich als die drei holländischen Forscher bzw. Maler: Sein Buch „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ wurde zum Einen von vielen Naturforschern abgelehnt – u.a. von Goethe, der ihm vorwarf, der Natur einen menschlichen Verstand zu unterlegen (erst Darwin rehabilitierte ihn und seine Entdeckung). Und zum Anderen kniete er sich buchstäblich derart in seine Blumen-Insekten-Beobachtung auf einer Wiese, dass er aus seiner Schulleiterstelle „wegen Pflichtvergessenheit entlassen“ wurde.

Das „Micropia Museum“ klärt begeistert darüber auf, dass Mikroben nicht nur Krankheitserreger sind, sondern für uns lebensnotwendig (wir haben 39 Billionen Bakterien, Viren und Pilze an und in unserem Körper und bloß 30 Billionen Körperzellen). Daneben hat uns auch die Pflanzenliebe der Amsterdamer begeistert: Überall an und vor den Häusern blühte es und es ging dort alles viel gemütlicher zu als in Berlin, was auch sehr schön war.

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Regenwürmer

Seit langem wird – fast weltweit – der „Humusschwund“ beklagt, zum großen Teil dadurch hervorgerufen, dass mehr und mehr auf chemische Dünger statt auf biologische gesetzt wird, d.h. auf Exkremente und anderes organische Material. Um die Humusschicht zu erneuern, braucht es Mikroorganismen und Regenwürmer. Erstere galten lange Zeit vor allem als Krankheitserreger und letztere als Pflanzenschädlinge.

Ihre Umwertung verdankten sie u.a. dem Humusforscher Raoul Heinrich Francé und seinen „Untersuchungen zur Oekologie der bodenbewohnenden Mikroorganismen“ (1913) sowie zum „Leben im Ackerboden“ (1922), beide Bücher wurden 1981 neu herausgegeben. Als er 1943 in Budapest starb, führte seine Frau, die Biologin Annie Francé-Harrar, seine Forschung weiter. Neben einem „Handbuch des Bodenlebens“ veröffentlichte sie 1950 „Die letzte Chance – für eine Zukunft ohne Not“, beide Bücher wurden 2011 von der „Gesellschaft für Boden, Technik, Qualität“ (BTQ) neu herausgegeben. Das zweite kann man sich als „pdf“ im Internet herunterladen.

„Die letzte Chance“, damit meint die Autorin: Wenn wir nicht schleunigst den Wald retten und die Humusschicht auf unseren Böden verbessern, dann ist es um das Leben auf der Erde geschehen: „Wir, unsere ganze Generation, stehen vor einem Abgrund, denn Humus war und ist nicht nur der Urernährer der ganzen Welt, sondern auch der alles Irdische umfassende Lebensraum, auf den alles Lebende angewiesen ist.“ Um den Humus zu erhalten, müssen wir die Mikroorganismen im Boden, die ihn schaffen und von denen die Pflanzen abhängen, von denen wiederum wir abhängen, studieren und kennen, um sie bei ihrer Tätigkeit zu unterstützen und nicht – wie jetzt noch – permanent zu behindern: „Seit Jahrhunderten haben wir unsere Böden kaputt gemacht.“

2025 erschien von Ottawa, Meckes, Straaß und Lieckfeld ein üppiger Bild-Text-Band mit dem Titel „Drecksarbeit – Der Mikrokosmos unter unseren Füßen“. Es führt das „Leben im Ackerboden“ von Raoul und Annie Francé anhand einzelner Arten vor: Springschwänze, Hornmilben, Bärtierchen, Asseln usw.. „Weltweit leben 1 000 000 000 mal mehr

Bakterien im Boden, als es Sterne im Weltall gibt,“ heißt es da. Mit ihnen „summiert sich das Gewicht der Lebewesen, die einen Hektar durchwurzelbaren Bodens bewohnen, auf 15 Tonnen.“

Mit den Regenwürmern hat sich bereits Charles Darwin beschäftigt, auch experimentell. Sein Buch „Die Bildung der Ackererde durch die Tätigkeit der Würmer“ wurde 2020 erneut veröffentlicht. Vor Darwin hatte sich bereits der französische Historiker Jules Michelet mit der Bedeutung der Kleinstlebewesen im Boden befasst und sie als „die unbemerkbaren Erbauer des Erdballs“ bezeichnet. Sein gleichnamiger Text erschien 1985 in der Zeitschrift „Tumult“.

Neuerdings hat der französische Philosoph Gaspard Koenig in seinem Roman „Humus“ die Geschichte zweier Agrarwissenschaftler erzählt, die sich als ausgebildete Regenwurmexperten je ein Start-Up ausgedacht haben: Der eine will einen vergifteten Acker, den er geerbt hat, mit Regenwürmern wieder fruchtbar machen, der andere Regenwürmer in Massen industriell in riesigen „Wurmkompostern“ züchten und verkaufen. Beide scheitern: Ersterer reduzierte daraufhin seine Ausgaben und lebte bescheiden vom Gemüseanbau in seinem Garten. Letzterer endete in einem betrügerischen „Greenwashing Projekt“. Beide geraten dann in bewaffnete Kämpfe der Organisation „Extinction Rebellion“, die ebenfalls scheitern.

In der Zeitschrift „Tierstudien“ zum Thema „Erdlinge“ (2025, Heft 27) findet sich ein „Plädoyer für das Leben mit Würmern“ von Filippo Bertoni, der darüber 2016 auch seine Dissertation an der Amsterdamer Universität schrieb: „Living with worms.pdf“. Dazu hat er sich auch mit der „Wurmkompostierung“ befasst. In seinem „Plädoyer“ schlägt er eine „Art von Zusammensein“ vor. Zudem erwähnt er eine Regenwurmforscherin, Ingrid M. Lubbers, mit der er zusammenarbeitete, die „in ihrer Arbeit zeigte, wie Regenwürmer zu Emissionen beitragen, indem sie die Zersetzung organischer Stoffe unterstützen, ein Phänomen, das sie als ‚Global Worming‘ bezeichnete.

Statt von „Zusammensein“ geht es in einer Buchreihe um „Verbunden sein“. Herausgegeben wird die Reihe vom amerikanischen Non-Profit-Verlag W_Orten & Meer – Verlag für verbindendes diskriminierungskritisches Handeln“. Der erste Band besteht aus einer Aufsatzsammlung zum Thema „erd verbunden sein“ (2024). Einer der Autorinnen ist Robin Wall Kimmerer, Gründerin des „Center for Native Peoples and the Environment“. Den 16 Autorinnen geht es um das große Ganze, bis zum Kosmos, aber ein Beitrag, von Marcia Bjornerud hat immerhin den Titel „Erdlinge werden“. Sie erzählt darin, wie sie als Geologie-Professorin in Wisconsin ihren Studenten auf Exkursionen, dahin, wo es keinen Handyempfang gibt, die Erde unter ihren Sneakers nahe bringt.

In Berlin tourte die Schauspielerin Barbara Geiger von der „Stiftung Fräulein Brehms Tierleben“ lange Zeit mit einem charmanten Regenwurm-Vortrag durch die Lande. Einmal auch auf einer taz-Konferenz.

Die Tierschützerin und Schimpansenforscherin Jane Goodall erzählte dem Neurologen Oliver Sacks, dass sie als kleines Kind die Regenwürmer mit ins Bett nahm. In Olivers Sacks posthum veröffentlichten Buch „Briefe“ (2025) heißt es: „Ich werde (wieder) Töpfe voller Erde, in der es von Regenwürmern wimmelt, in meine Küche bringen (ich tat es 2009, als ich über sie schreiben wollte). Darwin stellte fest, dass ihr ‚Lieblingsgemüse‘ Zwiebeln, Radieschen und Kohl war. Das ist auch das meine, was uns einmal mehr die Kontinuität des Lebens vor Augen führt!“

Auf „lokalkompass.de“ heißt es über den Regenwurm: „Er hat weder Beine noch Augen oder Ohren, dafür die Kraft von zehn Herzen und eine Muskelleistung, die ihn das 60-Fache seines Körpergewichts stemmen lässt. Die Rede ist vom Regenwurm. Damit zählt der Regenwurm zu den stärksten Tieren der Welt, wenn man seine Kraft in Relation zur Größe setzt
Allein in Deutschland kommen 46 verschiedene Regenwurmarten vor, weltweit sind es über 3000. Einer der bekanntesten Vertreter in unseren Gärten ist der Tauwurm alias Regenwurm, Lumbricus terrestris. Er wird bis zu 30 Zentimeter lang und kann einen Durchmesser von 15 Millimetern erreichen.“

Die Regenwürmer ernähren sich von verrotendem organischem Material und scheiden Humus aus. Jeder Kleingärtner richtet deswegen für sie einen Komposthaufen ein, denn was geerntet wurde, muß auch wieder dem Boden zugeführt werden – eben Humus. „In gesunden, humusreichen Böden können mehr als 600 Tiere pro Quadratmeter vorkommen. Sie bilden jährlich bis zu 80 Tonnen pro Hektar Krümel und Humus, die unverzichtbaren Ton-Humus-Komplexe. Die meisten Regenwürmer ziehen dazu meist nachts organisches Material in ihre Röhren, etwa Blätter oder Pflanzenreste. Die fressen sie und zersetzen sie so,“ heißt es auf „agrarheute.com“. Und ferner: „Seit 2005 ist der Regenwurm verstärkt in den Blickpunkt gerückt.“

Auch in den des Wissenschaftshistorikers Bruno Latour: In seinem „Kompositionistischen Manifest“ (2010) schreibt er: Spätestens seit „‚Kopenhagen‘, Klimaerwärmung, Genmais und Virenepidemien“ ist allen klar geworden: Die Experimente der „Naturalisten” sind längst den Laboratorien entwachsen und betreffen alle – jeden von uns, wir sind ‚Mitforscher‘, ob wir wollen oder nicht. Latours „politische Ökologie“ will das Gegenteil von einer „Öko-Politik“ sein. Dazu gehört für ihn die Einsicht: „Kritik, Natur, Fortschritt, das sind drei der Zutaten des Modernismus, die kompostiert werden müssen.” Der Biologe Jakob von Uexküll hat bereits 1909 versucht, das Weltbild der Regenwürmer zu umreißen (wie zuvor auch schon das von Zecken).

Die Darstellung ihres Geschlechtsverkehrs fällt sehr unterschiedlich aus. Auf „welt.de“ liest man: „Forscher fanden heraus, dass die Regenwürmer beim Sex nicht nur viel Zeit verbringen, sondern auch ihr Leben riskieren. Spät in der Nacht beginnen die Paarungen. Dabei pressen zwei Würmer den Körperabschnitt mit den Geschlechtsöffnungen gegenläufig aneinander. Spitze Borsten und zäher Schleim sorgen für eine feste Bindung, während das Sperma ausgetauscht wird. Zwischen 2,5 und 5,5 Stunden halten die Würmer engen körperlichen Kontakt. Oft genug dauert die Paarung bis in die Morgenstunden, was allerhand Gefahren mit sich bringt. Wenn sich etwa eine hungrige Amsel nähert, benötigen verpaarte Würmer für den Rückzug viel länger als einzelne. Auch verletzen sich die Würmer an den Borsten des Partners. Schließlich wird oft einer von beiden ganz aus seinem Loch gezogen und riskiert, auszutrocknen oder gefressen zu werden.“

Auf Wikipedia schreiben die Autoren, wahrscheinlich Biologiestudenten: „Regenwürmer besitzen als Zwitter sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane und diese zudem jeweils beidseitig. Sie beginnen mit zwei Paar Hoden jeweils vorn im Coelom der Segmente 10 und 11, angeheftet an deren vordere Scheidewände. Die Hoden sind bei einigen Gattungen in eine Samenkapsel eingeschlossen, bei anderen frei. Die reifen Spermien werden in einem Vorratsbehälter gesammelt, der sich als Ausstülpung des hinteren Dissepiments in das folgende Segment erstreckt. Die Spermien werden von paarigen Spermienleitern, jeweils mit einem Wimperntrichter (einer Öffnung mit einem Saum von Zilien, die in Richtung des Inneren schlagen) aufgefangen, diese vereinigen sich beiderseits und münden meist in zwei erkennbaren Öffnungen (männliche Poren) nach außen. Die männlichen Genitalporen liegen meist im 13. oder 15. Segment. Im Segment 13 liegen entsprechend die weiblichen Organe (Eierstöcke). Die Eier werden von Eileitern, ebenfalls mit trichterförmiger Öffnung ins Coelom des Segments zu porenförmigen Öffnungen im folgenden 14. Segment geleitet. Bei der Paarung werden die Spermien des jeweiligen Partners zunächst in Samentaschen aufgenommen, deren Anzahl gattungsspezifisch verschieden ist. Die Befruchtung erfolgt im durch das Clitellum gebildeten Kokon.“

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Regenwürmer (2)

Der „gemeine Regenwurm“ (Lumbricus terrestris) galt lange Zeit als Schädling: Man nahm an, dass er die Wurzeln der Pflanzen fraß. Heute weiß man, dass er im Gegenteil die fruchtbare, oberste Erdschicht produziert, indem er verrottende Pflanzenteile verdaut und als „Humus“ ausscheidet. „Es sind große, kraftvolle Würmer, die für ihre Aufgabe, die Bearbeitung des Bodens, gut gerüstet sind,“ schreibt die US-Autorin Amy Stewart in „Der Regenwurm ist immer der Gärtner“ (2015). Sie haben ein bis fünf paar Herzen und schlafen nie, kennen höchstens „inaktive Phasen,“ wie der US-Regenwurmforscher Sam James herausfand, der ihr Paarungsverhalten studierte: „Der Wurm wählt einen Sexualpartner vor allem nach dem Gesichtspunkt der Länge aus. Würmer sind Hermaphroditen, sie müssen ihre Körper so aneinanderlegen, dass die männlichen Organe des einen, es sind nicht mehr als winzige Poren um das 12. Segment herum, sich an den weiblichen des anderen orientieren.“ Um miteinander verhaftet zu bleiben, sondern sie eine klebrige Flüssigkeit ab. „Ihre sexuelle Leidenschaft ist stark genug, um für eine gewisse Zeit die Furcht vor dem Licht zu überwinden,“ schrieb Charles Darwin, der das für ein Zeichen ihrer Intelligenz hielt – in seinem letzten Werk „Die Bildung der Ackererde durch die Thätigkeit der Würmer“ (1881). In einem anderen englischen Lehrbuch über Regenwürmer behauptet der Autor, dass sie sich gerne streicheln lassen. Ei und Sperma der Würmer werden in einer „drüsigen Hautverdickung“ abgelegt, die hernach vom Wurm verlassen und zu einem Kokon wird. Erst wenn die Umweltbedingungen für sie günstig sind, befruchten Ei und Sperma sich. Zu den „Lieblingsexperimenten der Wurmforscher“ gehört laut Amy Stewart das Halbieren, wobei sich nur aus einem Ende, meist das mit dem Kopf, ein neuer Wurm entwickelt. Die US-Autorin hat ausgerechnet, dass in ihrem Garten „pro Acre“ (4050 Quadratmeter) 5,2 Millionen Regenwürmer leben. Jeder produziert etwa 30 Gramm Kot (Humus) im Jahr, zusammen 150 Tonnen.

Es gibt etwa 3500 Regenwurmarten, die vielversprechensten werden gezüchtet, exportiert und z.B. an Angler, Kläranlagenbetreiber, Reptilien- und Amphibienhalter verkauft. In Minnesota haben Angler anscheinend mit „europäischen Regenwürmern“ gefischt, von denen sie anschließend ein paar Exemplare wegwarfen. Diese vermehrten sich – und das so sehr, dass sie die Laubwälder von Minnesota veränderten. Dort gab es bis dahin keine Regenwürmer, so dass sich große Schichten von Laub auf der Erde bildeten, davon lebte eine Vielzahl kleiner Bodenorganismen, aber auch Pflanzensamen und Baumschösslinge gediehen darin. Die europäischen Regenwürmer fraßen alles Laub weg – mit der Folge, dass dort bis zu 80% der Blumen und Pflanzen sowie auch einige Bodenbrüter und Spitzmäuse verschwanden. Die Forstwissenschaftler können nichts dagegen tun, eine meinte: „Die Würmer sind buchstäblich die Ingenieure des Ökosystems.“

Etwa 50 Regenwurmarten wurden nach dem schwedischen Erstbeschreiber Gustaf Eisen benannt, zudem bekam die Gattung „Lumbricus“, zu der unser „europäischer Regenwurm“ gehört, den Namen „Eisenia“. Der schwedische Schwebfliegenforscher und Schriftsteller Fredrik Sjöberg hat ihm ein Buch gewidmet: „Der Rosinenkönig“ (2011). Obwohl Sjöberg oft zum Angeln ging und gärtnerte (wobei er der „modernen Kompostierung“ mit Kompostwürmern als „Weltanschauung“ ablehnend gegenüberstand), ist seine „Beziehung zur Biologie der Regenwürmer eher reserviert“. Gustaf Eisen war jedoch nicht nur ein Regenwurmtaxonom, sondern auch Rosinenveredler, Feigenzüchter und Glasperlenforscher. Vor allem gelang es ihm, die größten Bäume der Welt vor dem Gefälltwerden zu retten, indem er die Gründung des Sequoia National Parks in der kalifornischen Sierra Nevada betrieb. Am Fuße des dortigen „Mount Eisen“ wurde er auch begraben – von der Botanikerin Alice Eastwood, mit der Eisen ein Verhältnis hatte, wie Sjöberg vermutet, weil er 1904 einen Regenwurm nach ihr benannte: „Mesenchytraeus eastwoodi“.

Bereits als Zoologiestudent in Uppsala hatte Eisen sich auf Regenwürmer (sein Freund auf Tausendfüßer) spezialisiert. Nachts ging er mit einer Laterne über Friedhöfe und sammelte Würmer. 1871 veröffentlichte er seine erste größere Arbeit über sie: „Beiträge zur Oligoccetfauna Skandinaviens“. Die Schrift schickte er u.a. Charles Darwin, der sich bedankte und nebenbei bemerkte, auch er beschäftige sich „ein wenig mit Regenwürmern“. Das war untertrieben oder erst die Lektüre der Schrift von Eisen regte ihn dann derart an, dass er jede Menge Regenwurm-Experimente im Garten seines Hauses in „Down“ anstellte: wie sie beispielsweise verschiedene Blätter und Papier in ihr Loch ziehen. Um ihr Gehör zu testen, mußte seine Familie mit ihren jeweiligen Musikinstrumenten den Regenwürmern etwas vorspielen. Im Ergebnis kam heraus: „Die Würmer haben kein Gehör“. In dem Kapitel „Die Intelligenz der Regenwürmer“ übermüdet Darwins Beweiseifer den Leser etwas, zumal sein Stil umständlich ist, der russische Dichter Ossip Mandelstam meinte: „Es ist unmöglich, der Darwinschen Gutmütigkeit zu widerstehen…Doch ist denn die Gutmütigkeit eine Methode schöpferischer Erkenntnis und ein würdiges Verfahren der Wahrnehmung des Lebens?“.

Darwins Gründlichkeit war u.a. gegen einen „Mister Fish“ gerichtet, der zwei Jahre zuvor seiner Behauptung über den „Anteil, den die Regenwürmer an der Bildung jener Schicht an Ackererde gehabt haben, welche die ganze Oberfläche der Erde in jedem mäßig feuchten Lande bedeckt“, widersprochen hatte – „und zwar bloß wegen ihrer vermeintlichen Unfähigkeit eine derartig große Arbeit zu verrichten. Wir haben hier wieder ein Beispiel an jener Unfähigkeit, die Wirkung einer beständig wiederkehrenden Ursache zu summieren,“ heißt es gleich in der Einleitung zu seinem Regenwurm-Buch. Bei dem schon mit seiner 1859 veröffentlichten Evolutionstheorie berühmt gewordenen Biologen wunderten sich damals seine englischen Kollegen, warum er sich auf seine letzten Tage ausgerechnet mit Regenwürmern beschäftigte. Es ging ihm darum, „endlich wieder Feldbiologe“ zu sein, vermutet der Feldbiologe Sjöberg: Es passe zu dem greisen Forscher, dass „er wie ein alter Guru auf den Kieswegen spaziert und über Unerhebliches nachgrübelt.“

Währenddessen machte sich der damals 25jährige Gustaf Eisen auf nach Amerika, wo der Gründer des „Harvard Museum of Comparative Zoology“, Louis Agassiz, ihm eine Expedition an die kalifornische Küste finanzierte: Er sollte dort Seegurken sammeln, nebenbei betrieb er seine Regenwurmforschung weiter. Irgendwann wechselte er jedoch den Gegenstand seines Interesses – und kam nicht wieder auf die Würmer zurück.

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Regenwürmer, die an Dein Fenster klopfen, die sagen Dir…

Bayrische Biologen meinen, der Regenwurm sei gut gegen Hochwasser, weil er die Deiche wasserdurchlässiger macht; während US-Klimaforscher behaupten, dass seine Wühltätigkeit Treibhausgase im Boden freisetzt. Wiener Pedologen gehen davon aus, dass Regenwürmer den Pflanzen helfen, sich gegen die sich ausbreitenden Spanischen Wegschnecken zu schützen; und chinesische Forstangestellte entdeckten in der Provinz Yunnan Regenwürmer, die einen halben Meter lang werden. Umgekehrt fand man im Nationalpark Great Smoky Mountain zwei eingewanderte chinesische Regenwurmarten: Amynthas agrestis und Amynthas cortisis. Diese sind nun dabei, die Bodenbeschaffenheit und in der Folge die Zusammensetzung der Vegetation nachhaltig zu verändern, was von einigen Wurmpezialisten derzeit genauer erforscht wird.

Mit der Öko-Bewegung wird daneben auch das Geschäft mit Regenwürmern immer lohnender: Die Süddeutsche Zeitung porträtierte gerade die Firma „Superwurm“ des Ehepaars Langhoff in Düren, das Lebendwürmer – 10 Tonnen im Jahr – über das Internet verkauft – an Angler und Gartenbesitzer.

In diversen Internetforen wird währenddessen immer noch der alten „Jugend-forscht“-Frage nachgegangen, ob aus einem halbierten Regenwurm zwei ganze werden können. 

FAZ 2005: Am Angelhaken aufgespießte Würmer empfinden nach einer norwegischen Studie ebensowenig Schmerz wie Hummer oder Krebse, die in kochendes Wasser geworfen werden. „Der gewöhnliche Wurm hat ein sehr simples Nervensystem. Man kann ihn in zwei Hälften schneiden, und er macht trotzdem so weiter wie vorher“, sagte Professorin Wenche Farstad, welche die Untersuchung für die norwegische Regierung leitete.

Vermutlich krümmten sich Würmer am Haken nur aus Instinkt. „Sie fühlen vielleicht etwas, aber es ist kein Schmerz und beeinträchtigt ihr Wohlbefinden nicht.“ Die norwegische Regierung hatte die Studie kurz vor der Neugestaltung des norwegischen Tierschutzrechts in Auftrag gegeben. Hätte sie ein Schmerzempfinden von Würmern ergeben, wäre der Einsatz von Lebendködern vermutlich verboten worden.

Die meisten wirbellosen Tiere nähmen anders als Säugetiere keinen Schmerz wahr, sagte Professorin Farstad. Ihr Hirn sei schlicht nicht groß genug, die Signale zu interpretieren. Dies gelte auch für Hummer oder Krebse, die zur Zubereitung in kochend heißes Wasser geworfen werden. Die großhirnfixierte Farstad hat Unrecht: Tierschutz-Organisationen bezeichnen das Zubereiten von Krebsen – z.B. auf dem „weltgrößten Hummerfest“ in Maine – als barbarisch: die Tiere werden lebend in riesige Töpfe mit kochendem Wasser geworfen. Das rohe Massenvergnügen in der „Hummerhauptstadt“ wurde vom Schriftsteller David Foster Wallace kritisiert – und das ausgerechnet in einer amerikanischen Gourmet-Zeitschrift. Auf Deutsch erschien sein Essay 2009 mit dem Titel „Am Beispiel des Hummers“. Argumentationshilfe lieferten ihm u.a. US-Krebsforscher, die feststellten, dass Hummer „Nozizeptoren“ besitzen und demzufolge auch Schmerzen empfinden. Die deutschen Tierschützer fordern eine Gesetzesänderung: „Die derzeit gültige Verordnung über das Töten von Hummern stammt aus dem Jahr 1936, als über die Leidensfähigkeit der Krustentiere noch wenig bekannt war.“ 

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Leo Tolstoi schrieb 1897 in sein Tagebuch: „Die Krebse haben es gern, dass man sie lebend kocht. Das ist beileibe kein Scherz. Wie oft hört man das. Der Mensch hat die Eigenheit, Leiden, die er nicht sehen will, nicht zu sehen.“ Das gilt auch für die Leiden der Regenwürmer.

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Mistkäfer

Der englische Biologe J.B.S. Haldane wurde einmal in einer Gesellschaft von Theologen gefragt, was er bei seiner Erforschung der Schöpfung über den Schöpfer erfahren habe: „Er hatte offenbar eine außerordentliche Zuneigung zu Käfern,“ meinte er. Denn es gibt nur eine Art „homo sapiens“ aber 400.000 Käferarten auf der Erde. Davon sind rund 150 Mistkäfer, 59 leben in Europa, d.h. in Wäldern, Feldern und Steppen, sie sind tag- und nachtaktiv und können fliegen, sind dabei allerdings „eher schwerfällig unterwegs,“ wie „tierchenwelt.de“ über diese schwarzblauen „Dickerchen“ urteilt. Schwerfällig heißt auch, dass sie schlecht steuern können und deswegen oft irgendwo gegenfliegen. Ist es ein Stacheldraht, spießen sie sich daran im Sommer reihenweise auf, bei anderen Gegenständen fallen sie bloß zur Erde, berappeln sich nach einiger Zeit und fliegen erneut los.

„Das Besondere an diesem Käfer ist die Kraft, mit der er das Ziel anfliegt, vorwärtsgetrieben wird, wie ein Torpedo. Der Antrieb dieser Kraft ist am Körper selbst nicht zu finden, im koordinierenden System der Nerven vielleicht, in der Ausscheidung von Wärmetropfen in den Gelenken. Der Käfer hebt sich vom Boden, scheint‘s – schwerfällig und ungeschickt und beinahe, würde man sagen, mit einigem Widerwillen. Und dann setzt die Triebkraft ein. Der Käfer kommt in Fahrt.“ Aber früher oder später: „Stoß gegen den Widerstand – und dann der Sturz. Einmal am Boden, ist alle Kraft gewichen. Ich habe oft den Käfer dann in der Hand gehalten. Er bewegte sich in einem engen Kreis und war noch nicht fähig, ein Ziel anzunehmen. Er war stark angeschlagen. Dazu kam die Panik, dass alles noch einmal begonnen werden muß und daß es weitergeht.“ Dies schrieb der revolutionäre Schriftsteller Franz Jung in seiner Autobiographie „Der Torpedokäfer“ (1972) hieß, denn: „Ich habe den Flug unzählige Male in mir selbst erlebt, bei Tag und bei Nacht. Das Ende ist immer das gleiche gewesen: Anprall, Sturz, Kriechen am Boden.“ – Und dann ein neuer Anlauf. Das hat Franz Jung also mit dem Mistkäfer gemeinsam, aber auch mit Donald Duck: „Wahrer Donaldismus ist Scheitern, es wieder versuchen, nochmal versuchen, wieder scheitern, scheitern, scheitern und nochmal scheitern, doch niemals aufgeben.“

Der gemeine Mistkäfer sucht den Kot von Pflanzenfressern. Er fliegt meist abends in Kreisen um diese Tiere herum und wartet darauf, dass etwas für ihn abfällt, denn er und seine Brut leben davon. Auf einen Kuhfladden landen schon bald zig. Einige, um zu fressen, viele, um sich Vorräte zu sichern.

Die Wissenschaft nennt ihn Geotrupes stercorarius. Geotrupes heißt übersetzt „Erdbohrer“ und Stercorarius: „der, der ausmistet“. Das gilt für Männchen und Weibchen, die ein Leben lang, d.h. ein bis drei Jahre, zusammen bleiben und sich auch – für Insekten untypisch – gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. Dazu legen sie in der Erde einen aus vielen Kammern bestehenden Bau an, in den sie Kotkugeln zur Versorgung der Larven mit Nahrung packen. Diese bleiben bis zur Verpuppung ein Jahr in dem mit Lehm verschlossenen Bau, der jedoch ein mit Stroh verstopftes und damit luftdurchlässiges „Fenster“ hat. „Die unterirdische Versorgung des Nachwuchses mit Dung hat einen äußerst positiven Nebeneffekt, denn die Erde wird mit Nährstoffen versorgt und dadurch wesentlich fruchtbarer,“ heißt es auf „biologie-schule.de“.

Wegen der Kotkugeln nennt man ihn und vor allem seinen ägyptischen Verwandten, den scarabaeus sacer, auch „Pillendreher“. Dieser war den Ägyptern heilig, seine Mistkugeln, mitunter so groß wie Äpfel, wurden als ein Abbild der Weltkugel angesehen, er selbst als Verkörperung der Gottheit Chepre mit Skulpturen geehrt und als Amulett getragen. Eine meiner Tanten brachte einmal von einer Ägyptenreise einen solchen Skarabäus mit, den sie an einer Kette am Hals trug. Ihm hatte man einen Edelstein auf den Rückenpanzer geklebt. Er lebte, sie fütterte ihn und setzte sie ihn Nachts in ein Terrarium.

Die Mistkäfer orientieren sich im Dunkeln auf ihren Wegen von der Brutkammer zur Nahrungsquelle nach dem Sternenlicht. Eine Studie über dieses Orientierungsverfahren wurde 2013 mit dem ironischen Anti-Nobelpreis“ ausgezeichnet. 2016 legte eine Veröffentlichung nahe, dass sich Mistkäfer einen Schnappschuss des Nachthimmels merken. Dies passiert laut Wikipedia während sie sich um die Hochachse drehend auf der Dungkugel tanzen. – Hört sich wie ausgedacht an! Der gemeine Mistkäfer ist auch ohne seinen berühmten ägyptischen Verwandten ein interessantes und lustiges Tier. Obwohl er im Mist wühlt, freut man sich im Frühjahr auf ihn, ähnlich wie auf den schon fast ausgestorbenen Maikäfer – und zertritt ihn nicht angeekelt. Dennoch ist die Mistkäferforschung nicht gerade üppig, meist wird in den großen Insekten-Überblicken bloß auf die Beiträge des südfranzösischen Insektenbeobachters Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) verwiesen. Im ersten Band seiner zehnbändigen „Erinnerungen eines Insektenforschers“ (2010) heißt es: „Sucht man in der Literatur Einzelheiten über das Verhalten des Scarabaeus im Allgemeinen und des Pillendrehers im Besonderen, stellt man fest, daß die Wissenschaft nicht über die Erkenntnisse der Pharaonenzeit hinausgelangt ist.“

Fabre hat verschiedenen Mistkäferarten dann jedoch viel Zeit gewidmet. Über die kleinsten Pillendreher „Sisyphus schaefferi L.“ schreibt er: Nachdem das Paar sich ein gutes Stück aus dem Kuhfladen rausgesäbelt und es rund geknetet hat, spannt sich die „an ihrem größeren Wuchs erkennbare Mutter“ vorne ein und zieht die Kugel im Rückwärtsgehen, „während der Vater von hinten schiebt“. Weil sie die Kugel stur geradeaus rollen, stürzen sie oft mit ihr auf Hügeln oder Steinen ab, geben aber nicht auf. Alle Mistkäfer könnten Sisyphus heißen! Während die Mutter mit dem Graben der Kammern anfängt, jongliert er so lange mit der Kugel, „indem er sie zwischen seinen in die Luft gestreckten Hinterbeinen sehr schnell rotieren läßt.“ Damit bewacht er sie auch, denn immer wieder klauen sich die Mistkäfer gegenseitig ihre Dungkugeln, die sie nicht nur als Nahrung für ihren Nachwuchs, sondern auch für sich selbst brauchen. Aber den Mistkäfer „wirft ein Dungdiebstahl nicht um, er fliegt zum nächsten Haufen und beginnt von vorn,“ schreibt Fabre (in Band 6). Bei zwei Mistkäferarten aus Argentinien, die er geschickt bekam, wird die Dungkugel gegen das Austrocknen mit einer lehmigen Schicht umkleidet und birnenförmig geformt – mit einer Art Warze am dünnen Ende, in der das Ei untergebracht wird, am Ende der Warze bringen sie einen „Verschluss mit luftdurchlässigem Filzpfropfen“ an. Die einzelnen Arten haben als „Grabegeräte“ ganz unterschiedlich geformte Hörner auf der Stirn, und „alle benutzen einen Rechen: mit ihren gezähnten Vorderbeinen sammeln sie das Material.“ Fabre bewundert und beneidet ihre „Charakterfestigkeit“, die „beinahe an das Reich der Moral rührt“.

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Tausendfüßer

Die Tausendfüßer gehören zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda), und dort zum Unterstamm Tracheentiere. Sie sind meist wurmförmig, zwischen 2 und 28 Zentimeter lang und wegen ihrer vielen Beine manchmal ziemlich schnell. Die Tiere leben fast durchweg an Land – unter feuchten Steinen, Blättern, Baumrinden, in Kellern usw.. Sie besitzen stets ein Paar Fühler und zum Atmen verzweigte Luftröhren (Tracheen).

So weit ist ihre Beschreibung und Einordnung in die Systematik gesamtdeutsch, aber ihre Klassenzugehörigkeit wird im Westen und Osten unterschiedlich gefaßt: In „Grzimeks Tierleben“ (Band 1 – Niedere Tiere) gehören sie zu den „Myriapoda“, im „Urania Tierreich“ (Wirbellose Tiere – Band 2) zu den „Diplopoda“.

Im hervorragenden US-„Leitfaden“ der Zellbiologinnen Lynn Margulis und Karlene V. Schwartz: „Die fünf Reiche der Organismen“ – gehören die Tausendfüßer als Arthropoda (Gliederfüßer) zur Überklasse der Uniramia, auch Tracheata genannt, in der sie als „Diplopodia“ eine von fünf Klassen darstellen. Die anderen vier Tracheata-Klassen – das sind „die Hundertfüßer, die Wenigfüßer, die nur neun oder zehn Beinpaare und verzweigte Antennen aufweisen, die Zwergfüßer, mit zehn bis zwölf Beinpaaren, und – als bei weitem artenreichste Gruppe – die Insekten.“ Die (westdeutschen) „Myriapoden“ gibt es bei Margulis/Schwartz ebensowenig wie in der DDR. Den BRD-Übersetzern ihres „Leitfadens“ gelang es jedoch, das Wort noch schnell im Index unter zu bringen, wo es nun Verwirrung stiftet.

Die DDR-Philologen und -Systematiker waren im Zweifelsfalle genauer als die der BRD – und das ist auch hier der Fall, denn die etwa 11- bis 12.000 Diplopoda-Arten haben alle mindestens 13 Beinpaare, im Höchstfall jedoch nur 340 (u.a. die in den Tropen lebende Art „Siphonophorella progressor“). Unter den europäischen Formen erreichen Weibchen der in den Alpen lebenden Art „Ophioiulus nigrofuscus“ mit 121 Beinpaaren die höchste Extremitätenzahl. Der Klassenbegriff „Myriapoda“ (unzählige Füße) ist also übertrieben, während „Diplopoda“ (Paarbeinige) es besser trifft: Der Körper der so genannten Tausendfüßer besteht nämlich aus paarweise verschmolzenen Körperringen, an denen sich jeweils zwei Beinpaare befinden, bis auf das vordere Segment, das extremitätenlos ist. Manchmal schwankt die Zahl der Beinpaare auch innerhalb einer Art: bei den geschlechtsreifen Männchen der heimischen „Leptophyllum nanum“ z.B. zwischen 67 und 111. Generell gilt, dass die Zahl der „Doppelringe“ sich von Häutung zu Häutung vermehrt – und damit auch die Doppelbeinpaare. Die „Schwankungsbreite“ zwischen den Arten könnte laut „Grzimeks Tierleben“ darauf hindeuten, „dass die Tausendfüßer keine stammesgeschichtliche Einheit darstellen.,“

Die Keimdrüsen der Tausendfüßer befinden sich im Bereich der Hüften des zweiten Beinpaares. Das Männchen nimmt den Samen mit zu diesem Zweck umgestalteten „Begattungsfüßen“ auf – und übergibt ihn dem Weibchen. Einige Arten leben nur ein Jahr, bei vielen stirbt das Männchen nach der Begattung. Bei den „Schnurfüssern“ häutet sich das Männchen danach jedoch und hat dann erst einmal nur noch rückgebildete, lediglich durch Knospen angedeutete Fortpflanzungsorgane. Es gleicht damit wieder einem vor der ersten Reifehäutung stehendem Tier. Durch eine zweite Häutung ist es dann wieder begattungsfähig. Diese Tausendfüßer-Art kann sich also durch Sexualität mehrmals verjüngen – und wird damit älter als die meisten anderen Arten (viele alte reiche Amis und Saudis setzen auf diesen Trick!). Bei den in Mitteleuropa vorkommendenden „Pinselfüßern“, die sich mittels Jungfernzeugung vermehren, hat sich daneben auf der Prominenteninsel Sylt eine von ihnen fortentwickelte zweigeschlechtliche Form herausgebildet (auch das ist typisch für diese Insel und ihre anspruchsvollen Nutzer).

Die meisten Tausendfüßer ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, die sie mit ihren Beißorganen (Mandibeln) zerkleinern. Einige sind sehr wehrhaft, ihr Biß kann beträchtliche Schmerzen verursachen. Zum Lichtsehen haben die Tiere am Kopf Anhäufungen von Einzelaugen (Ocellen), die ihnen jedoch kein Bild liefern, dafür können sie mit den Sinneszapfen und Sinneskegeln an den Fühlern chemisch wahrnehmen. Eine Unterordnung, die „Bandfüßer“, ist sogar stets blind, sie hat dafür in der hinteren Körperhälfte einen flügelartigen Fortsatz, auf dem Wehrdrüsen-Poren liegen. Damit scheiden sie Blausäure aus. Eine Zoologin, die diese Tiere einmal in Afrika in einem Plastiksack sammelte, machte die Erfahrung, dass sie sich damit im luftdichten Sack alle selbst vergiftet hatten. Die „Schnurfüßer“ produzieren sogar ein noch stärkeres Gift: eine Verbindung zweier Chinone, die stark schleimhautreizend wirkt. Bei den „Saftkuglern“ ist dies ein Alkaloid – das so bitter ist, dass eine Maus, die einmal ein solches Tier in den Mund genommen hat, es wohl nie wieder tun wird. Während die zu den „Schnurfüßern“ zählende Art „Schizophyllum sablosum“ sich mit einer auffallend gelben „Warnfärbung“ begnügt. Die „Nemaphotora“ besitzen Spinndrüsen, mit denen sie seidenartige Gespinste herstellen, die ihnen Schutz bieten, ebenso ihrem Eigelege. Bei den „Wehrhaften“ handelt es sich meist um Unterklassen und deren Ordnungen bzw. Überordnungen. Die meisten Tausendfüßer-Arten rollen sich bei Gefahr bloß spiralförmig ein und sind deswegen harmlos.

Seit einigen Jahren werden die großen tropischen Arten zunehmend als Terrarientiere gehalten, in Gefangenschaft können einige bis zu acht Jahre alt werden. Sie lernen, ihren Besitzer von anderen Menschen zu unterscheiden, wahrscheinlich über den Geruch. Im Internet gibt es eine informative Homepage: „diplopoda.de“, dort erfährt man alles über Haltung, Pflege, Fütterung und Nachzucht der „Wörmi“ bzw. „Tausi“, wie die Besitzer ihre Tiere liebevoll nennen. Die Webseite wird von zwei westdeutschen Terrarianern betreut, von denen der eine Biologie studiert. Im Osten gibt es seit 1992 das „Magazin für Wirbellose im Terrarium – Arthropoda“. Es wird von der „Zentralen Arbeitsgemeinschaft Wirbellose im Terrarium“ (ZAG) in Wernigerode herausgegeben. Die ZAG war früher einmal dem Kulturbund der DDR angegliedert, heute kooperiert sie gelegentlich mit den westdeutschen Zentralorganen der Terraristik „Reptilia“ „Draco“ und „Terraria“, in denen ebenfalls gelegentlich über Tausendfüßer berichtet wird. Ihr Weddinger Chefredakteur Heiko Werning meint: „Die DDR-Terraristik war sehr gut. Weil die Tiere Mangelware waren, d.h. dass man sie nicht einfach im Laden neu kaufen konnte, wenn sie einem starben, deswegen hat man sich dort wohl mehr Mühe bei der Haltung, Pflege und Aufzucht gegeben als im Westen.“

2014 führten Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Görlitz eine Inventur der in deutschen Gewächshäusern lebenden Tausendfüßer durch. Dabei fanden sie 18 zugewanderte Arten, die bisher noch nicht in Deutschland entdeckt worden waren. Zwei der Tausendfüßer wurden das erste Mal in Südeuropa nachgewiesen.

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Asseln

Im U-Bahn-Fernseher las ich die Schlagzeile „Riesenassel im Meer entdeckt“. Als ich den taz-Computer anstellte und in der Suchmaschine „Riesenassel“ eingab, zeigte sie bereits 96.000 Eintragungen dazu an. Riesenmeeresasseln sind schon lange bekannt und eine Delikatesse in China. Sie sollen besser als Hummer schmecken. Die neue, bisher noch unbekannte Riesenassel fanden die Forscher auf einem Fischmarkt, wo diese Tiere lebend verkauft werden. Sie gaben ihr den Artnamen „Bathynomus vaderi“ – Bathyals ist der lichtarme Bereich des Meeres zwischen 200 und 4000 Meter Tiefe und mit „vaderi“ ist Darth Vader gemeint, weil ihr Kopf sie an den Sith-Lord aus Star Wars erinnerte. Die Riesenassel ist fast 30 Zentimeter lang, hat 14 Beine und wiegt mehr als ein Kilogramm. Damit ist sie etwa 20 Mal so groß wie eine Kellerassel, um die es mir eigentlich in diesem Text geht.

Aber man kann locker von der einen zur anderen Assel kommen: Beides sind Krebse und die Kellerassel eroberte vor etwa 160 Millionen Jahren das Land, wo es sie heute weltweit gibt, in 3500 Arten. Asseln bilden „die ökologisch vielfältigste Gruppe der Krebse,“ schreibt der Krebsforscher Heinz-Dieter Franke (in: „Kleine rote Fische, die rückwärts gehen“ 2024). Die Weibchen der Landasseln produzieren nicht wie die meisten Krebse viele kleine Eier aus denen dann Schwimmlarven werden, die „frühzeitig auf sich allein gestellt sind“, sondern nur wenige große Eier, die sie im Brutraum auf der Bauchseite ablegen. Dort sind die Embryonen vor Austrocknung und Infektionen geschützt, zudem versorgt das Muttertier sie mit Sauerstoff und Salzen.

Laut Franke haben die Landasseln zwar „lungenähnliche Organe“ entwickelt („Hohlräume in den vorderen Beinpaaren,“ nennt sie „biologie-schule.de“). Daneben haben sie aber auch die ursprüngliche Atmung über Kiemen beibehalten, deren Oberfläche nass gehalten werden muß. Dazu entwickelten sie ein „einzigartiges Wasserleitsystem in der Körperoberfläche“, mit dem sie winzigste Massermengen aus der Umgebung aufnehmen und an die Kiemen weiterleiten können.

Die Landasseln siedeln in feuchten „Kleinstlebensräumen“ und ernähren sich von verrottenden pflanzlichen Substanzen. „Sie fressen sogar ihren eigenen Kot und dünsten ihren Urin in Form von Ammoniak-Gas aus,“ schreibt „Die Zeit“.

Als „Primärzersetzer“ bringen sie die Humusbildung in Gang – und machen sich damit nützlich. Zudem kommen sie gut mit „Umweltgiften aller Art“ zurecht, selbst verstrahlte Gebiete nach Reaktorunfällen lassen sie kalt und sie sind „in besonderem Maße immun gegenüber Infektionen“.

Asseln haben ein ähnlich aussehendes Exoskelett wie die Panzer von Gürteltieren, mit dem einige Arten sich wie diese bei Gefahr zu einer Kugel zusammenkrümmen können. Man nennt sie deswegen „Kugelasseln“ (Armadillidiidae), meine Eltern nannten sie „Kellerasseln“ (Porcellionidae): In unserer Wohnung besaßen wir ein großes Beet mit Zierpflanzen, das mit Ziegelsteinen eingefaßt war. Die Steine hatten kleine eckige Löcher und in denen lebten Kellerasseln – tausende (Sie sind sehr gesellig). Dort war es warm und feucht. Man sah diese harmlosen kleinen Tiere aber nie, die als Kugel so groß wie „Liebesperlen“ sind, wenn auch nicht so schmackhaft. Für Kröten, Maulwürfe etc. allerdings schon.

In Frankes Krebsbuch heißt es: Sie können dort, „wo der Mensch ihnen dazu Gelegenheit bietet, auch lebende Gewebe [von Pflanzen] schädigen“. In Gewächshäusern oder Vorratslagern „kann es zu einer Massenvermehrung der Tiere kommen, die Bekämpfungsmaßnahmen notwendig macht.“ Unsere Asselmassen haben nie eine Pflanze geschädigt, aber ungefähr einmal im Jahr wurde es ihnen in den Ziegelsteinlöchern zu eng und ihre Jungen zogen aus, um neuen Lebensraum zu finden. Sie hätten in der zentralheizungstrockenen Luft zwar nicht lange überlebt, wir bekämpften diese Asselinvasionen aber trotzdem, indem wir die ausschwärmenden Tiere jedesmal leicht hysterisch tot traten, dann zusammenfegten und im Klo entsorgten.

Franke schreibt, dass sie auch unsere Wasserleitungssysteme besiedeln, was kaum zu vermeiden sei: Sie klammern sich an „die geringsten Unebenheiten der Rohrwände“…„Bei einem massenhaften Auftreten der Tiere besteht der aus dem Wasserhahn kommende (oft euphemistisch als ‚Rostablagerung‘ angesprochene) Mulm hauptsächlich aus dem Kot von Asseln.“ Vor allem das Trinkwasser aus Talsperren oder Flüssen enthalte organische Schwebstoffe. „Diese bilden die Nahrungsgrundlage von Bakterien und Pilzen, die an den Rohrwänden einen sogenannten Biofilm bilden,“ von dem die Asseln leben.

Daneben erwähnt Franke noch die im Meer lebenden Bohrasseln, die von Holz leben. Anders als Termiten können sie das Holz ohne symbiontische Mikroorganismen in ihrem Magendarmtrakt verdauen. Mit ihrer Bohrtätigkeit gefährden sie Holzschiffe und hölzerne Hafenanlagen.

Der Krebsforscher zählt überdies noch einige Asseln im Kulturbetrieb auf: „Dicke geschäftige Kellerasseln von Krämern“ – wie der Kulturphilosoph Egon Friedell den Menschentypus des Börsenzeitalters abfällig nannte. Dann die „Kellerasselkunst“ (cloportism), als die der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans „die angeblich-engstirnige literarische Schule des Naturalismus“ bezeichnete (zu der auch er zählte). Außerdem die „Geschichte zweier Kellerasseln“ – wie Gustave Flaubert seinen letzten Roman betiteln wollte, der dann unter den Namen seiner zwei Protagonisten „Bouvard et Pécuchet“ erschien. Diese beiden Kleinbürger waren wildentschlossen, sich „fast jeder der damaligen Wissenschaften zu widmen“. Der irische Satiriker Jonathan Swift nannte gleich alle Engländer Kellerasseln (woodlice)

Eine weitere Kellerassel erkennt Franke in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Darin geht es um einen Mann, Gregor Samsa, der eines Morgens aufwacht und sich über Nacht in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat. In diesem Tier fand Franke eine Reihe von Merkmalen, die ihn vermuten lassen, dass es sich dabei um eine Riesenlandassel handelt, u.a. weil Gregor Samsa von Kafka als vielbeinig beschrieben wird und weil es ihn „nach typischer Art der Asseln in die Dunkelheit und zu faulender Nahrung“ zieht, was von seinen Mitbewohnern als „eklig“ empfunden wird.

Dabei lassen sich die Landasseln laut Franke in puncto „Sauberkeit“ kaum übertreffen – obwohl sie in Mulm und Abfällen leben: „Mit einer selbstreinigenden Oberfläche, auf der nichts zu haften scheint, treten uns die Tiere stets untadelig gepflegt gegenüber.“

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Maulwurf

„Wenn ihr also den Maulwurf recht fleißig verfolgt, und mit Stumpf und Stiel vertilgen wollt, so thut ihr euch selbst den grösten Schaden und den Engerlingen den grösten Gefallen,“ schrieb der alemannische Pädagoge Johann Peter Hebel. Nun hat sich aber die Situation völlig umgedreht: Es gibt so gut wie keine Engerlinge mehr (die Larven des nahezu ausgerotteten Maikäfers), so dass sich die Maulwürfe an den äußerst nützlichen Regenwürmern schadlos halten, was die Gärtner noch mehr erbost als die Maulwurfshügel auf ihrem Rasen, aber es nützt ihnen nichts, denn in Deutschland sind laut Bundesartenschutzverordnung fast alle heimischen Säugetierarten besonders geschützt. Dazu zählt natürlich auch der „europäische Maulwurf“. Das Weibchen bringt im Juni drei bis vier nackte, anfangs blinde Jungen zur Welt, die sie vier bis sechs Wochen säugt.

Maulwürfe werden selten in Zoos gehalten. Wikipedia berichtet, dass man im Osnabrücker Zoo „Unter der Erde“ welche hielt, aber nachdem mehrere Tiere gestorben waren, wurde die Haltung von Maulwürfen beendet. Ich hielt auch einmal einen Maulwurf, den unsere Katze gefangen hatte, in einem Terrarium mit Erde und Regenwürmern, aber auch er starb nach kurzer Zeit. Zum Trost bekam ich ein Stofftier: „Der kleine Maulwurf“, der durch eine tschechoslowakische Zeichentrinkserie berühmt geworden war. Sie lief später auch im deutschen Fernsehen, für das dann auch das überaus beliebte Kinderbuch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ filmisch animiert wurde: Auf der Suche nach dem Übeltäter fragt der Maulwurf sich bei allen möglichen Tieren durch: Doch Taube, Kaninchen, Kuh und Schwein beweisen ihm, dass ihre Kothaufen ganz anders aussehen. Den richtigen Tipp bekommt er schließlich von zwei Fliegen, die sich mit der Materie bestens auskennen: Es war der Hund des Metzgers mit Namen „Hans-Heinerich“, der dann auch die Rache des kleinen Maulwurfs zu spüren bekommt.

Dann gibt es ferner eine Maulwurfgeschichte von einem Soldaten im Ersten Weltkrieg, dem ein Maulwurf im Schützengraben das Leben rettete. Franz Kafka machte daraus eine Erzählung mit dem Titel „Der Riesenmaulwurf“. Dieser bleibt jedoch unsichtbar, obwohl ein Dorfschullehrer versichert, ihn gesehen zu haben. Von Primo Levi stammt ein Loblied auf den Maulwurf in Form eines Gedichts. Und von dem ebenfalls aus Turin stammenden Leiter der dortigen Buchmesse Ernesto Ferrero eine Erzählung über das Leben eines Maulwurfs und den aussichtslosen Kampf des Menschen gegen das unterirdisch lebende Tier.

Von Kant verspottet, erfährt der Maulwurf bei Hegel eine erste politische Würdigung: „Bisweilen erscheint der Geist nicht offenbar, sondern treibt sich, wie der Franzose sagt ‚sous terre‘ herum. Hamlet sagt vom Geiste, der ihn bald hier- und bald dorthin ruft: ‚Du bist ein wackerer Maulwurf‘, denn der Geist gräbt unter der Erde fort und vollendet sein Werk.“ So heißt es in Hegels „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. Marx vergleicht dann die Revolution mit einem alten Maulwurf, „der umsichtig unter der Erde das Terrain vorbereitet, um eines Tages ans Licht zu kommen und den Sieg zu erringen“. Auf „deutschlandfunkkultur“ heißt es über diese unterirdische Wühlarbeit des Maulwurfs der Revolution weitaus pessimistischer: „Beharrlich gräbt er seine Wege durch die Finsternis. Vergeblich, aber mit Zuversicht.“ Angesichts der sich erneut weltweit durchsetzenden völkischen Reaktion hat das Berliner Theater „Hau“ jüngst ein trotziges Festival „Der Maulwurf macht weiter“ organisiert. Zuvor hatte man einer historischen Aufarbeitung des bundesdeutschen Buchhandels den Untertitel „Von Marx zum Maulwurf“ gegeben, was sich so anhörte als seien die linken Buchläden und Verlage, bedrängt von Internet und Amazon, für die „Revolution“ bereits so weit, wieder in den Untergrund zu gehen, um „Raubdrucke“ unters Volk zu bringen. Aber was diesmal raubdrucken? „Brehms Thierleben“?

Anders als die meisten Revolutionäre ist der Maulwurf für die Wühlarbeit sehr gut ausgestattet. Das Tierlexikon zählt acht Merkmale auf: „Der Schwanz dient als Tastorgan zur Orientierung in dunklen Gängen. Durch die zylinderförmige Körperform kommt er gut durch die Gänge. Beim Graben schiebt er die Erde mit der Stirn an die Seite. Die rüsselartig verlängerte Nase wird wegen der starken Beanspruchung bei der Wühlarbeit durch einen länglichen Nasenknorpel geschützt. Mit den Ohren kann er jede Erschüterung im Boden und an der Oberfläche hören. Die starken Vordergliedmaßen sind ein hilfreiches Werkzeug für die Wühlarbeit. Das Fell besteht aus überaus dicht stehenden Haaren, die herabfallende Erde wird vom Körper fern gehalten. Die Augen braucht er im Dunkeln seines Lebensraums nicht.“ Wir sagen deswegen auch, jemand sei „blind wie ein Maulwurf“, dabei „ahnen“ wir laut Tagesspiegel nicht einmal, dass Maulwürfe „die Welt farbig sehen und sogar ultraviolettes Licht wahrnehmen, wozu kein Mensch imstande ist.“

Früher hat man sie massenhaft erschlagen, vergiftet, in Fallen gefangen und ihnen das seidenweiche schwarze Fell abgezogen. Jacken, Krägen und Schlafröcke aus Maulwurfsfellen waren lange Zeit schick. Auch und gerade bei den Revolutionären. Heute untersuchen z.B. Leo Peichl und seine Kollegen vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt die Netzhäute von Maulwürfen und anderen unterirdisch lebenden Säugetieren. Diese sterben dabei vermutlich auch, aber heraus kommt am Ende: „Es ist nicht so, dass sich ihre Augen als Anpassung an das unterirdische Leben völlig zurückgebildet haben“, sagt Peichl. „Ihre Netzhaut enthält Stäbchen und zwei verschiedene Zapfentypen wie bei anderen Säugetieren auch.“

Auf „Youtube“ findet man zig Clips, die zeigen, wie Maulwürfe durchs Gras laufen, sich eingraben, dabei Regenwürmer entdecken und fressen; wie sie in einem künstlichen Substrat Gänge graben; wie die Maulwurfsgrillen es ihnen im Kleinen nachtun, mit ebenfalls sehr großen Grabklauen ausgerüstet; wie sie aus einer kaputten Hausecke herauskommen, in allen Löchern am Haus Insekten findet und anschließend nicht mehr in ihre Höhle reinpassen, woraufhin sie immer nervöser und hektischer werden und versuchen, im Garten ein neues Loch zu graben. Ein Clip hat den Titel: „Maulwurf findet ein neues Zuhause“, ein anderer: „Die besten Mittel um Maulwürfe endgültig zu vertreiben“ – eine Anleitung zu ihrer Ausrottung also, die 35.000 Mal aufgerufen wurde. Dagegen steht mit 128.000 Aufrufen ein Clip mit der pazifistischen Frohbotschaft „Maulwürfe gehören nun mal zur Naturlandschaft. Anstatt sie zu bekämpfen, sollte man sich freuen, dass sie die Böden lockern.“

Egal für welches Tier man sich interessiert, man kommt im Internet immer auf dieses Meinungs-Spektrum: Ökonomie versus Ökologie. Alfred Brehm erinnerte bereits daran, „daß die Naturforscher einen großen Theil ihres Wissens alten, erprobten Maulwurfsfängern verdanken.“

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Maulwurfsfänger

2019 gab es noch 300 offiziell registrierte Maulwurfsfänger in England. Bei der Gartenliebe der Engländer gibt es daneben natürlich noch Millionen Gärtner und Bauern, die quasi inoffiziell Maulwürfe vernichten. Sie töten mit Gift, Gas, Feuer, Benzin, mit der Hacke oder mit einem Spaten. Man darf sich wundern, dass es überhaupt noch Maulwürfe in England gibt.

„Denn die Hacke der Gärtner ist ein Opfermesser mit dem alles kurz und klein geschlagen wird, die ganze chaotische Vielfalt, um hernach auf dem sauber geeggten Geviert die Homogenität zu zelebrieren, zu züchten,“ wie Michel Serres schreibt. „Wenn die Wut des Messers sich gelegt hat, ist alles bearbeitet: zu feinem Staub geeggt. Auf die Elemente zurückgeführt. Analyse oder: Nichts ändert sich, wenn man von der Praxis zur Theorie übergeht. Agrikultur und Kultur haben denselben Ursprung oder dieselbe Grundfläche, ein leeres Feld, das einen Bruch des Gleichgewichts herbeiführt, eine saubere, durch Vertreibung, Vernichtung geschaffene Fläche. Eine Fläche der Reinheit, eine Fläche der Zugehörigkeit…Der Gärtner, der Priester, der Philosoph. Drei Ursprünge in drei Personen in einer einzigen Verrichtung im selben Augenblick. Es ging nicht darum, die Erde durch Bearbeitung fruchtbar zu machen, es ging um Ausmerzen, Unterdrücken, Vertreiben, es ging um Zerstören, die Hacke des Gärtners ist ein Opfermesser.“

Der englische Maulwurfsjäger Marc Hamer hat ein Buch über seine Arbeit geschrieben: „Wie man einen Maulwurf fängt“ (2019). Der Vegetarier war eine zeitlang arbeits- und obdachlos, arbeitete dann bei der Bahn, studierte Kunst und gab eine Zeitschrift heraus. Dann wurde er Gärtner und mußte sich mit Maulwürfen „auseinandersetzen“. Er wollte sie so human wie möglich töten, aber er tötete sie eben. „Um sie wirklich los zu werden, muß man sie töten. Maulwurffänger können eine Population nur eindämmen.“ Es ist mit dem Maulwurfsjäger ein bißchen so wie mit der autistischen US-Nutztierexpertin Temple Grandin, die laufend Verbesserungen auf Schlachthöfen entwickelt und durchsetzt – zum Wohle der Rinder und Schweine, deren Leben dort allerdings endet.

Marc Hamers Buch beginnt mit dem Satz „Ich habe viele Jahre lang in Gärten und auf Bauernhöfen Maulwürfe gefangen. Maulwurfsfang ist eine alte Kunst, die mir ein gutes Leben beschwert hat, doch nun bin ich alt und das Jagen, Fallenstellen und Töten leid.“ Er ist verheiratet, hat Kinder, wohnt in einem Haus mit Garten, wo er sich vom Saulus zum Paulus wandelte: „Wir freuen uns für die Maulwürfe, die dort leben.“

Vielleicht war es der Einfluß seiner Frau. Ich erinnere an den Gartenbesitzer Helmut Salzinger, der in seinem Buch „Der Gärtner im Dschungel“ (1992) schrieb: „Wenn meine Frau sah, dass fünf Erdkröten groß geworden waren, dann war das eine gute Gartensaison gewesen.“

Sei es, wie es ist, der Maulwurfexperte Marc Hamer gesteht gleich zu Anfang: „Die gesamte Lebensgeschichte eines Maulwurfs zu erzählen, ist unmöglich,“ weil er ja die meiste Zeit unter der Erde im Dunkeln lebt. Deswegen erzählt der Autor vor allem von seiner Jagd auf die Tiere – im Auftrag von Gartenbesitzern. „Maulwurfsfänger erstellen Werbeflyer und Webseiten.“ Am Anfang experimentierte er noch: Seine „Methode sollte effizient, schnell, von Emotionen losgelöst und technisch sein.“ Zwar fing er die poussierlichen Tierchen, weil er damit sein Geld verdiente, „aber natürlich gibt es auch persönliche Gründe, weshalb man einen solchen Beruf wählt,“ schreibt er – und erzählt dann sein Leben (woraus seine „persönlichen Gründe“ allerdings nicht unbedingt hervorgehen).

Das Gärtnern ist für ihn auch eine Kunst, nur dass er dabei nicht mit Pinsel und Bleistift arbeitet, seine Hände sind eher „dafür gemacht, ein Gewehr, eine Axt oder einen Spaten zu halten.“ Seine liebste Freizeitbeschäftigung ist dann auch Holzhacken und Wandern. Als Maulwurfsjäger ist man sowieso viel unterwegs. „Als Gärtner arbeite ich in gepflegten Gärten, die für Menschen gedacht sind, nicht für Tiere und Pflanzen, und die beeindrucken sollen. Aber dort bin ich nie mit dem Herzen dabei. Mein Herz ist in den Wäldern und auf den Wiesen.“

In einem Kapitel erklärt er, was es alles an Maulwurfsarten auf der Welt gibt, sogar weiße (selten), er aber jagt nur den „Europäischen Maulwurf“. Die englischen Archäologen sind an dessen Maulwurfshügeln interessiert: Oft findet man darin Ton- und Glasscherben, die der Maulwurf von unter der Erde heraufgebracht hat. „Sie nennen das Maulwurfologie“. Obwohl Marc Hamer nicht in die unterirdischen Gänge gucken kann, ist er sich sicher: „Maulwürfe haben weder Freunde noch Familie, sie statten einander keine Besuche ab, sie hassen Gesellschaft.“ Sie legen Vorräte mit Regenwürmern an, die sie so verletzen, dass sie zwar weiterleben, aber nicht wegkriechen können. Die Psychiater haben das modifiziert übernommen, indem sie ihre Patienten haufenweise hospitalisieren und unter Drogen setzen, ruhig stellen.

Gegen Ende des Jahres, wenn das Wetter ungemütlich wird, beginnt die Maulwurfsfänger-Saison, denn „sobald es kälter wird und die Würmer sich tiefer in die Erde eingraben, Futter also schwerer zu finden ist, erweitern die Maulwürfe ihr Reich und plötzlich tauchen Hügel auf, wo vorher keine waren. Dann werde ich gerufen.“

Der Maulwurfsjäger trägt keinen weißen Kittel, sondern robuste Kleidung und einen Wachsbaumwollhut mit breiter Krempe. „Auf alten Fotos tragen Maulwurfsjäger immer solche ramponierten, breitkrampigen Hüte.“ Jetzt steht er auf seinem Einsatzfeld: „Ich stelle meinen Blick auf unscharf, versuche jegliche voreilige Schlüsse zu vermeiden und scanne das Feld auf Muster und die Entfernungen zwischen den einzelnen Hügeln ab.“ Dort können etwa 12 Maulwürfe leben, schätzt er. Seine erste Jägerlist: „Ich wasche mir die Hände mit Erde aus einem Maulwurfshügel, um meinen Geruch zu überdecken.“

Ein Maulwurf kann pro Tag etwa 20 Meter „Tunnelsystem“ graben. „Dabei verbaut er kontinuierlich Erde in die Decke und die Wände. Einen Teil schiebt er vor sich her, bis es irgendwann zu viel ist. Dann hält er kurz an und schiebt die Erde hinaus an die Oberfläche. Manchmal sehe ich ganz kurz einen, wie er gerade die riesigen rosa Hände aus dem Maulwurfshügel streckt…Seine Berechenbarkeit, sein Bedürfnis nach einem festen Revier und seine Abneigung gegenüber Veränderungen sind die Schwächen, dank derer man ihn fangen kann. Ich beginne die Jagd, indem ich die frischesten Hügel suche, die erst wenige Stunden alt sind.“

Junge Maulwürfe, die das mütterliche Tunnelsystem verlassen müssen, kommen an die Oberfläche. „Sie taumeln blind über die Wiese und suchen nach Futter. Die meisten werden dabei von Vögeln gefressen. Die Obdachlosen einer jeden Spezies sind stets die leichtesten Opfer.“ Deswegen versuchen die jungen Maulwürfe so schnell wie möglich einen eigenen Tunnel zu graben oder in einen leerstehenden einzuziehen, „dessen früherer Besitzer letztes Jahr einer Falle zum Opfer gefallen ist. Sie beginnen ihr eigenes Leben, und dann werde ich gerufen und soll sie fangen.“

Maulwürfe werden durchschnittlich vier Jahre alt. Sie können quieken und Fiepen, „aber das hört man als Mensch selten.“ Ihr Geschlecht ist schwierig zu bestimmen, „da die äußeren Geschlechtsmerkmale beim Männchen und beim Weibchen fast identisch sind. Die Klitoris des Weibchens ist genauso groß wie der Penis des Männchens.“ Bei den Hyänen ist die Klitoris ebenfalls derart verlängert. „Das Hämoglobin im Blut eines Maulwurfs kann viel mehr Sauerstoff binden als das anderer Tiere, und außerdem haben Maulwürfe die besondere Gabe, ihren Atem noch einmal einzuatmen und somit so viel Leben wie möglich daraus zu ziehen. Der Nachteil dabei ist, dass ihr Blut schlecht gerinnt und sie schnell verbluten.“

Vor etwa 60 Jahren wurden Maulwurfsjäger von Maulwurfstötern bedroht, schreibt Marc Hamer. Sie töteten mit Würmern, die voller Strychnin waren, diese legten sie in die Tunnel und zerstörten damit den Maulwurfsjägern das Geschäft. „Sie konnten nicht nachweisen, ob sie die Maulwürfe wirklich erwischt hatten und ihre Methode barg außerdem das Risiko, eine gesamte Maulwurfspopulation umzubringen.“ 2006 wurde der Einsatz dieses Gifts jedoch trotz Proteste der britischen Regierung von der EU aufgrund seiner Gefahr für die Umwelt verboten. „Seitdem haben die Maulwurfsjäger wieder Arbeit bei den Bauern und Gartenbesitzern und das Mächtegleichgewicht ist wiederhergestellt,“ meint Marc Hamer. Die Maulwurfsfänger wurden immer gut bezahlt, früher erhielten sie sogar jährlich ein festes Gehalt. Er hat gehört, „die Maulwurfspopulation in Großbritannien liege aktuell zwischen 30 und 40 Millionen Tiere und steige stetig weiter, weil die Bauern sie nicht mehr wegfangen lassen müssen.“ Demnach scheint es früher Pflicht gewesen zu sein, wenn man Maulwurfshügel sah, einen Maulwurfsfänger kommen zu lassen.

Marc Hamer versenkt mitunter über 100 Fallen (aus rostfreiem Edelstahl) in das Tunnelsystem eines Maulwurfs, die er täglich kontrollieren muß: Er umzingelt ihn mit Fallen. „Früher habe ich mehrere Maulwürfe gehäutet und das Fell gegerbt, ich wollte einfach wissen, ob ich das könnte.“

Obwohl Marc Hamer sich quasi schon zur Ruhe gesetzt hat und sowieso keine Maulwürfe mehr töten will, rufen immer noch alte Kunden von ihm gelegentlich an, er rät ihnen, „selbst zu lernen, wie man Maulwürfe los wird, oder eine Wildblumenwiese anzulegen, wobei ich ihnen gerne helfe. Gegen Bezahlung, versteht sich. Man muß Maulwürfe ja nicht töten. In Deutschland und Österreich steht der Europäische Maulwurf unter Naturschutz, dort leben die Gartenbesitzer einfach mit ihm.“ Schön wärs!

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Russischer Maulwurf (Desman)

Der Russische , dort auch Wychochol genannt, ist ein im Wasser lebender Maulwurf mit einer langen dünnen Schnauze, die er als Schnorchel benutzen kann. Das auch als „Wassermaulwurf“ bezeichnete Tier ist sehr selten geworden, für das Magazin Focus ist es schon „fast ein Fabelwesen“, aber für Kreuzworträtsellöser ist diese Maulwurfsart mit sechs Buchstaben ziemlich real.

Das deutsche Fernsehen finanzierte im Frühjahr ein Naturfilmteam, um einen lebenden im Wolgagebiet aufzuspüren und zu filmen. Als Sprecher wollten sie den Schriftsteller Wladimir Kaminer verpflichten. Der fragte den Redakteur verwundert: „Haben Sie etwa so wenig gute Sprecher, dass sie einen Laien mit starkem russischen Akzent anheuern müssen?“ Er nahm dann aber den Job doch gerne an.

Anschließend erzählte er: „Die Landschaft ist wunderschön, die Aufnahmen sind spektakulär, doch exotische Tiere kann die mittelrussische Ebene nicht bieten. Die Fauna an der Wolga ist den Deutschen gut vertraut, Wildschweine und Elche, Biber und Schildkröten, Adler, Mäuse und jede Menge Mücken. Das einzige Tier, das es nur an der Wolga und sonst nirgends auf der Welt gibt, heißt Wychochol.“

Es gibt dieses Tier allerdings auch noch – etwas kleiner und mit längerem Rüssel – in den Pyrenäen, wo es ebenfalls immer seltener wird. Die BBC drehte einmal einen Film über diesen „Galemys pyrenaicus“, der sich gern an schnell fließenden Gebirgsbächen aufhält, während der russische „Desmana moschata“ eher an Seen und Teichen zu finden ist. Beide haben Schwimmhäute zwischen den Zehen, können mit ihren Krallen aber auch gut klettern. Ihre Augen sind winzig, wirken jedoch durch eine weiße Umrandung sehr viel größer.

Kaminer bekam vom Sender weitere Informationen über dieses selten gewordene Tier, das einst über ganz Europa verbreitet war: „Es soll ein Millionen Jahre altes Relikt sein, ein Überlebenskünstler, es hat die Mammuts überlebt und Waldbrände und Weltkriege, es hat die Eiszeit und den Kommunismus überlebt und den Niedergang der Sowjetunion ebenfalls, der in meiner Heimat nach wie vor als GGKJ, ‚größte geopolitische Katastrophe des Jahrhunderts‘ bezeichnet wird. Die besondere Wehrhaftigkeit des Wychochol, das Geheimnis seines langen Lebens, ist im Schwanz des Tierchens versteckt. Es sind Drüsen, die einen dermaßen stark riechenden Duft produzieren, dass die Kühe das Wasser nicht mehr aus dem Fluss trinken, wenn dort zuvor ein Wychochol vorbeigeschwommen ist.“

Wegen ihres Fells und des Drüsensekrets, das man für die Parfümherstellung verwendete, hat man die intensiv verfolgt, sodass sie an den Rand der Ausrottung gerieten, 1957 wurde die Jagd auf sie deswegen verboten, zuvor gab es bereits einige regionale Schutzzonen für die Tiere, deren Fell an der Oberseite rotbraun und an der Unterseite aschgrau gefärbt ist.

1933 hieß es in einer Zusammenfassung über den Stand der russischen Wychochol-Forschung: „In den letzten Jahren wurde eine Reihe sehr interessanter Arbeiten über die Lebensweise des , dieses kostbaren Pelztieres, veröffentlicht. Während der nun fast zehnjährigen Schutzperiode wuchs der Bestand der Art merklich, sodass wir sie nicht mehr als aussterbendes Tier, sondern nur als leicht ausrottbares bezeichnen können.“

Es gab wiederholt Versuche, die Wassermaulwürfe in Gefangenschaft zu halten und zu züchten – aber ohne großen Erfolg, weil es sich als zu schwierig erwies, sie richtig zu ernähren. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte den neben der Jagd mehr und mehr die Gewässerverschmutzung zu. Laut Wikipedia richteten die sowjetischen Naturschutzbehörden daraufhin mehrere Schutzgebiete ein und initiierten Umsiedlungsprogramme, neben dem Wolgagebiet auch am Ob und am Dnepr, wo die früher nicht heimisch waren.

Gelegentlich werden heute noch Umsiedlungsprogramme durchgeführt: 1983 wurde eine Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir, einer Stadt am Fluss Kljasma, vereinbart. Im Internetblog „erlangenwladimir“ wird berichtet, dass 2019 die Arbeiten an der neuen Bahnstrecke für Hochgeschwindigkeitszüge zwischen Moskau und Kasan begonnen haben. Es ist ein chinesisch-russisches Gemeinschaftsprojekt. Die Züge sollen in Wladimir halten – die Hauptstadt des gleichnamigen Oblast liegt an der Kljasma, einem Nebenfluss der Oka, die in die Wolga mündet. Bei den Planungsarbeiten ging es darum, einen Ausgleich zwischen Verkehr und Umwelt zu finden: „So will man etwa 20 Wassermaulwürfe – der Blog berichtete schon öfter über diese fast ausgestorbenen Kleinsäuger – aus einer Zone im Becken der Kljasma umsiedeln, weil man befürchtet, die in der Nähe verlaufende Trasse könnte den Russischen stören.“

An der Wolga musste das Filmteam das kleine, etwa rattengroße Tier lange suchen: „Es folgte seinem Geruch am Fluss, verlief sich beinahe im Wald und wurde dann aber doch fündig: 20 Sekunden lang tauchte der Wychochol aus dem Wasser auf, winkte mit dem Rüssel dem deutschen Zuschauer und verschwand wieder. Schon schön, sagte die Redaktion bei der Abnahme des Films, aber etwas zu wenig Exotik. Deswegen wurde ich als Sprecher mit russischem Akzent angeheuert“, so Kaminer.

Dem Film ist nicht zu entnehmen, dass die im Gegensatz zu den Maulwürfen sozial leben, das heißt, dass sie sich oft zu mehreren einen Bau am Ufer teilen, dessen Eingänge unter der Wasseroberfläche liegen und den sie mit Pflanzenmaterial auspolstern. Gelegentlich legen sie ihre Baue auch in Biberburgen an.

Biber ebenso wie Bisamratten sind Nagetiere und fressen Pflanzen, sind also keine Nahrungskonkurrenten für die Wassermaulwürfe, die man gelegentlich auch als Bisamrüssler bezeichnet. Sie zählen zur Ordnung der Insektenfresser, jagen nachts und haben es dabei auf kleine Fische ebenso wie auf Krebstiere und Amphibien abgesehen, auch Insekten verschmähen sie nicht, das gilt noch mehr für den Pyrenäen-Wassermaulwurf, der sich hauptsächlich von Wasserinsekten und deren Larven sowie von Blutegeln, Ringelwürmern und Schnecken ernährt.

„Er lebt in monogamer Einehe“, behaupten jedenfalls die Autoren von „tierdoku.de“, die an anderer Stelle jedoch schreiben: „Über das Fortpflanzungsverhalten der Pyrenäen-Wassermaulwürfe ist nur sehr wenig bekannt“, gleiches gilt für die Lebenserwartung in ihren natürlichen Lebensräumen. Sie graben keine Baue, sondern nutzen Felsspalten und -höhlen.

Über den Russischen , von dem es noch etwa 30.000 Exemplare geben soll, schrieb Alfred Brehm: „Oft steckt er seinen Rüssel in das Maul und läßt dann schnatternde Töne hören, welche denen einer Ente ähneln. Reizt man ihn oder greift man ihn an, so pfeift und quiekt er wie eine Spitzmaus.“

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Wühlmäuse

Eine Wühlmaus kommt selten allein. Sie sind tag- und nachtaktiv, haben kurze Schwänze, einen gedrungenen Körperbau, ihre Ohren sind klein, ihr Fell ist dunkelbraun und sie sehen nett aus. Neulich fand eine taz-Redakteurin zwei Wühlmäuse auf ihrem Balkon im 5. Stock in einem Blumenkübel. Das wurde angezweifelt, weil die Wühlmäuse, von denen es 150 Arten gibt, eigentlich auf der Erde leben, wo sie Gänge graben, in denen sie sich nicht nur aufhalten, gebären und in Sicherheit bringen, sondern wo sie auch die unterirdischen Teile von Pflanzen fressen.

Beliebt sind bei ihnen die Gartenpflanzen. „Wühlmäuse können schwere Schäden an Wurzelgemüsen, Stauden, Kartoffeln, Obstbäumen und anderen Nutzpflanzen verursachen,“ heißt es auf Wikipedia. Wenn die Gartenbesitzer in den Beeten deren länglich flache Erdhaufen sehen, sind sie entsetzt und sehen die Früchte ihrer Arbeit in Gefahr, weswegen sie sogleich nach Mittel und Wegen forschen (googeln – 33.900 Einträge), wie man diese „Schädlinge“ nachhaltig vernichtet.

Das gilt vor allem für Veganer, die sich schon auf das Ernten ihres gesunden Gemüses im Herbst freuen und sogar planen, zum Erntedankfest alle Freunde mit Gerichten aus Selbstangebautem zu erfreuen. Ein Freund von mir, der Fleischesser ist, sagt sich dagegen: „Lass sie. Diese Wühler wollen auch leben und sie ersparen mir das Ernten und vor allem die noch mühsamere Verarbeitung des Gemüses.“ Er ist sich außerdem unsicher, ob die aufgeworfenen Erdhügel nicht von einem Maulwurf stammen, der zwar auch Gänge gräbt, aber Regenwürmer, Käfer und Wühlmausbabys frisst. Weil Regenwürmer überaus nützlich sind, könnte man ihn ebenfalls als „Schädling“ bezeichnen, aber Vorsicht: Der Maulwurf steht unter Naturschutz! Seine Erdhaufen sind zudem laut Wikipedia „rundlicher und größer, was bei den Wühlmäusen nicht der Fall ist. Auf dem Erdhaufen der Wühlmäuse liegt hingegen meist ein Stein, den sie beiseite geräumt haben.“

Die Nachbarn meiner Eltern haben Wühlmäuse mit einem Wasserschlauch in ihren Gängen zu vertreiben und zu ertränken versucht. Die Autoren des Wikipedia-Eintrags empfehlen „Begasungsmittel, Giftköder oder Mausefallen“. Da sie jedoch gleichzeitig keine Ökoignoranten sein wollen, meinen sie, dass sich „die Förderung der natürlichen Feinde der Wühlmaus – z. B. Hermelin, Mauswiesel und Rotfuchs als hilfreich erweist“. Aber wie „fördert“ man die? In Niedersachsen, wo besonders viele Jäger ihr Unwesen treiben, passiert genau das Gegenteil: Dort hat man so viele Füchse erschossen – etwa 60.000 jährlich (u.a. mit den dort seit 2022 erlaubten Nachtsicht- und Nachtzieltechniken), dass die Bauern nun über eine „Wühlmausplage“ klagen, die für einige sogar schon existenzbedrohend sein soll.

Wem die Unterstützung der Kleinraubtiere nicht gelingen will, dem empfiehlt Wikipedia florale Mittel: „das Anpflanzen von Holunder, Lavendel und auch Wacholder am Gartenzaun“ der für die „auf Duftstoffe empfindlich reagierenden Nager eine natürliche Barriere entstehen läßt. Das Vergießen von vergorener Buttermilch ist ebenfalls eine Möglichkeit, die Schädlinge zu vertreiben.“ Letzteres kommt jedoch für Veganer nicht infrage, da sie tierische Produkte ablehnen. Sonst könnten sie ja auch, wie einige indigene Völker in Nordamerika, gleich die Wühlmäuse essen. Das Internet ist in dieser Hinsicht indigenenunwissend: Gibt man „Mäuse essen“ ein, bekommt man nur Einträge über eine „tiergerechte Ernährung von Mäusen“: Getreide und Sämereien, kein Käse, denn auch die Wühlmäuse sind quasi Veganer.

Garten-Unkräuter wie Giersch, Löwenzahn, Quecke und Sauerampfer werden von ihnen jedoch eher verschmäht. Menschliche Pflanzenfresser können dagegen aus den „Unkräutern“ feine Suppen und Salate zubereiten: Katarina Körner z.B.. Sie hat daraus sogar ein Geschäft entwickelt: mit mehreren „Soup-Kultur“-Läden in Berlin. Ihr Partner Benny Härlin setzt in seinem Projekt „2000-Quadratmeter Weltacker“ aber eher auf Nutzpflanzen als auf Unkräuter. Im Gegensatz zu einem Landwirt in der Rhön, der Unkräuter anbaut, die er an Ackerbauern verkauft. Sie bekommen für das Einsäen eine staatliche Förderung. Das Getreide soll mit diesen, ihren uralten Feld-Partnern, laut neuesten Erkenntnissen besser gedeihen. Was den Wühlmäusen natürlich nur recht sein kann.

Die Literatur über diese Nager ist mager. Da gibt es „Earhart: Der abenteuerliche Flug einer Wühlmaus um die Welt“ von Torben Kuhlmann; „Nur die Wühlmaus war Zeuge – Ein Schrebergarten-Krimi von Martina Pahr; „Wühlmaus, Giersch und Laubenpieper“ von Hartmut Brinkmann; und „Als die winzige Wühlmaus Wanda…“ von Pauls/Bohm/Röckener.

Ich fragte den Schriftsteller Wladimir Kaminer per mail, ob er Wühlmäuse im Garten habe. „Oh ja“, schrieb er mir, „viele“. „Meine Frau Olga fuhr neulich zum Obi-Markt nach Lindow . Sie wollte ein bisschen Gift kaufen, um die schädlichen Mäuse zu beseitigen. Im OBI Markt zeigten sich die Gartenfreunde entsetzt über ihre Mordabsichten. Sie empfahlen Olga unangenehm riechende Tabletten, 20 Euro pro Packung, die man in die Mauselöcher reindrücken sollte. Die Wühlmäuse würden diesen Geruch nicht mögen, meinten sie. Das stimmte auch, die Wühlmäuse mochten die Tabletten wirklich nicht, sie gruben sie aus, brachten sie zu uns und legten sie vor die Tür. Aber wir mochten den Geruch auch nicht. Daraufhin hat Olga den Künstler Alexander animiert, etwas gegen die Wühlmäuse zu unternehmen. Alexander malte ein Schild: „Ihr seid hier nicht willkommen!“ und stellte es im Garten auf. Olga hat ihn darauf hingewiesen, dass Wühlmäuse nicht lesen können, weil sie unter der Erde leben. Daraufhin hat Alexander das Schild mit der Aufschrift nach unten in die Erde gesteckt. Die ganze Nacht hörten wir die Wühlmäuse, wie sie sich unter der Erde darüber amüsierten.“

Es gibt seit 1960 ein Kabarett in Westberlin: „Die Wühlmäuse“ und in Ostberlin seit 1962 die Stasiakte „Wühlmäuse“. Das waren zunächst einige Maoisten aus dem SDS, die Tunnel unter die Mauer gruben – für Republikflüchtlinge, und dann aus der Jungen Union Leute wie Eberhard Diepgen, Rüdiger Landowski und der spätere Astronaut Reinhard Furrer, der einmal bei einer entdeckten Flucht einen Grenzschützer, der sie verfolgte, anschoss. Angeblich gruben sie die Fluchtunnel nicht einmal selbst, sondern ließen dies (gegen Bezahlung?) von Studenten machen. Nichtsdestotrotz bekamen sie für ihre Schlepperdienste einen Orden. Heute, da die Flüchtlinge nicht mehr aus dem Osten sondern aus dem Süden kommen, sind solche Wühlmausdienste nicht mehr sonderlich ehrenvoll.

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Igel

Manche Tiere haben plötzlich Konjunktur, seit einiger Zeit sind es Igel, die 2024 zum „Tier des Jahres“ erklärt wurden . Erst fielen mir auf Facebook Fotos auf, die eine Igelmutter zeigten, die in einem Karton ein halbes Dutzend Junge säugte, dann gleich mehrmals ein Foto von einer Katze, die sieben kleine Igel adoptiert hatte und sie säugte (deren Mutter war von einem Rasenmäher getötet worden). Und immer wieder ein „süßes Igelbaby“ in der offenen Hand eines Menschen liegend.

Im deutschen Internet gibt es mittlerweile mehr als eine Million Einträge über Igel. Ihren Winterschlaf halten sie von November bis März. Manchmal unterbrechen sie ihn aber auch und gehen „einige Tage umher“. Im angloamerikanischen Internet werden unter „Hedgehog“ fast 100 Millionen Einträge gelistet. Dort bekommen die Igelmütter nur halb so viele Junge wie die in Deutschland. Dafür wird interessanterweise erwähnt, dass die Igel „gelegentlich ein Ritual durchführen.“ Die Forscher nennen es „Salbung, wenn das Tier auf einen neuen Duft stößt, leckt und beißt es die Quelle ab, bildet dann einen duftenden Schaum in seinem Maul und klebt ihn mit seiner Zunge auf seine Stacheln. Der Zweck dieser Angewohnheit ist unbekannt, aber einige Experten glauben, dass das Salben den Igel mit dem neuen Duft der Gegend tarnt und Raubtieren, die von seinen Stacheln gestochen werden, ein mögliches Gift oder eine Infektionsquelle bietet.“

Mein Vater hat jedes Jahr einige Igel in einer Holzkiste überwintern lassen, wenn sie munter wurden, gab er ihnen Milch zu trinken (von ihrer Laktoseintoleranz wußte er nichts), danach kratzten sie sich, aber wegen ihres „Stachelkleides“ können sie sich ihrer Flöhe, Zecken und Milben schlecht erwehren. Die Igelstation Göpner empfiehlt, damit sie ruhiger schlafen können, einen Spray namens „Frontline“. Auf „wildtierrettung.de“ heißt es jedoch: Bloß nicht! „1. Ihre Schlafnester sind ebenfalls voll mit Flöhen und sie werden sich genauso viele Flöhe wieder einfangen, aber ihr Immunsystem wird durch das Nervengift auf ihrem kleinen Körper geschwächt.“ Und 2. „‘Dein‘ Igel treibt sich auch im Garten Deiner Nachbarn herum, Dein Nachbar denkt genauso wie Du und besprüht ihn auch mit einem handelsüblichen Flohmittel. ‚Dein‘ Igel hat damit die doppelte Dosis mit dem angeschlagenen Immunsystem und er stirbt.“

Der größte Feind des Igels ist in England der Dachs. Den Namen „Heckenschwein“ hat das Tier wegen seiner lauten Geräusche, die es macht. Dazu schreibt die „deutschewildtierstiftung.de“: „Man hört sie durchs Unterholz rascheln, wo sie auf Nahrungssuche sind. Wenn Sie etwas zu fressen gefunden haben, schmatzen sie laut und knacken bisweilen Schneckenhäuser und Insektenpanzer. Am lautesten sind Igel jedoch, wenn die einzelgängerisch lebenden Tiere auf Artgenossen treffen und in Streit oder auch Paarungslaune geraten. Dann geben sie ein Keckern von sich und können sogar fauchen und kreischen.“ Igel haben kein Territorium, deswegen kann es durchaus sein, dass der fast zahme Igel in einem Garten, den der gerührte Besitzer regelmäßig fotografiert, jedesmal ein anderer Igel ist.

Besonders anrührend ist „die Geschichte des kleinen Igels mit dem großen Herzen: ‚Eine Handvoll Glück‘“ („25 Grammi di Felicita“ so der Originaltitel) über das anfänglich „winzige Igelweibchen Ninna“ des italienischen Tierarztes Massimo Vaccetta. Das Buch veröffentlichte er zusammen mit der Schriftstellerin Antonella Tomaselli. Auf Amazon heißt es dazu: „Massimo kümmert sich aufopfernd um seinen neuen Schützling und schon bald ist Ninna nicht mehr aus seinem Leben wegzudenken. Gemeinsam unternehmen die beiden Nachtspaziergänge, fahren ans Meer und flüchten vor einem gefährlichen Dachsangriff.“

So schlecht ist das Buch aber gar nicht, wie fast jedes Buch über ein oder mehrere Tiere als „companion species“ ist es mit Herzblut geschrieben, so to speak. Wenn man sich auf sie intensiv und lange eingelassen hat, dann bekommt man quasi automatisch mehr heraus (über ein Igelweibchen) als die halbe Igel-Artenforschung, Das Buch ist dennoch das Ergebnis einer Igelforschung, denn, mit den Worten des Ökologen Josef Reichholf, „der Artenschutz steht nicht über dem Tierschutz“. Es war hilfreich, die nichtmenschlichen Lebewesen als Arten zu erforschen, aber nun gehe es um Individuen: „Zu lange wurden sie lediglich als Vertreter ihrer Art betrachtet, das machte sie austauschbar und normierte sie zum ‚arttypischen Verhalten‘, aus dem die ‚artgerechte Haltung‘ abgeleitet wurde. Das ist falsch,“ sagt Reichholf an anderer Stelle.

Über das Igelweibchen Ninna heißt es auf „literallysabrina.de“, der Internetseite einer „Tierliebhaberin“: „Allein das Cover mit dem niedlichen Igel hat mich neugierig gemacht“. Aber auch die Artenschützer sind als Igelretter nicht bar aller Leidenschaften für diese Insektenfresser mit den Knopfaugen.„Urlaub, Wochenende, Feierabend – das sind Begriffe, die im Vokabular der meisten Menschen nicht vorkommen, die sich aktiv und ambitioniert in die Igelhilfe und den Igelschutz einbringen. Oft kreist ihr gesamtes Leben um die liebenswerten Stachler. Im Alltag geben medizinische Behandlung und zeitraubende Routinearbeiten bei Pflege und Betreuung den Takt vor, wenn man sich um hilfsbedürftige Igel kümmert …,“ heißt es in dem Buch „Stachelige Passion“ von Maja Langsdorff. Es werden darin die Geschichten von zwölf Frauen und einem Mann erzählt, „die ihr Leben, ihre Energie und ihre Zeit ganz den Igeln und dem Igelschutz widmen bzw. gewidmet haben.“ Die Porträtierten haben der Autorin von ihrer Igel-Leidenschaft berichtet. Erschienen sind ihre Interviews in Band 9 der Pro Igel-Reihe „Igelwissen kompakt“.

In England wurde unlängst der Guitarist der Rockband „Queen“, Sir Brian May, als „Retter von tausenden verwaisten oder verletzten kleinen Igeln“ bekannt. Er hat mit der Vorsitzenden des „Save Me Trust“ Anne Brummer und seinem Geld das „Amazing Grace Rescue Center“ gegründet. „Es ist wunderbar, den Igeln zu helfen, ich habe dabei so viele Freuden erlebt, an die ich vorher nicht einmal im Traum gedacht habe,“ erzählte er in der Channel 5 Show „Saving Britain‘s Hedgehogs“, über das Aufziehen und Auswildern der Igel in seinem „Rescue Center“, wo sie, um sich an die Freiheit zu gewöhnen, zunächst in einen großen Garten kommen, der „ein Paradies für Igel“ sei. Im Land der Gartenfreunde spielt der Igel eine viel wichtigere Rolle als in Deutschland, das in puncto Igelschutz noch durchaus zulegen könnte. Das meint auch die Wildtier-Stiftung, die mit ihrer Werbekampagne auf den langsamen Rückgang der Igel-Bestände aufmerksam machen will.

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Amsel

Zwei nach Geschlechtern getrennte Forschungsgruppen einer Berliner Privatuniversität befragten im Neubau-Viertel Karow-Nord Ehepaare, ob der Mann oder die Frau bei der Wahl ihres Einfamilienhauses bestimmend war. Sie kamen dabei zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Ähnlich ist es bei den Amselforschern: „Die Rolle des Männchens bei der Nistplatzwahl ist umstritten,“ heißt es auf Wikipedia. „Manche Autoren gehen von einer alleinigen Entscheidung des Weibchens aus, andere nehmen an, dass das Männchen dem Weibchen die in Frage kommenden Nistplätze zeigt oder auf andere Weise mehr oder weniger Einfluss nimmt.“

Bei einer anderen Amselforschung – im Rahmen eines „Jugend forscht“-Wettbewerbs – war die „Sonderpreisgewinnerin“ von der Frage ausgegangen, ob die Londoner und Berliner Amseln unterschiedlich singen: „Ja, es lassen sich Unterschiede (Dialekte) nachweisen.“ Dem Amselgesang widmen sich etliche Vogelforscher, denn die Amsel gilt als „besonders kreativ in der Erfindung, Kombination und Variation von Motiven. Die melodiösen Strophen klingen für menschliche Ohren eingängig und gefällig, ganz im Gegensatz zu dem bei Erregung zu hörenden Zetern oder ‚Tixen‘ . einer Aneinanderreihung hoher ‚tix‘-Laute,“ wie es auf Wikipedia heißt. Nicht zuletzt wegen des Gesangs, von Männchen wie Weibchen, wurden sie in Neuseeland und Australien eingebürgert. Vielen Farmern dort gelten sie nun als Schädlinge und werden verfolgt, weil sie ihre Obstplantagen und Weinberge plündern. In Nordamerika und Südafrika waren die Einbürgerungsversuche erfolglos.

Die Amsel war einmal ein scheuer Waldvogel, aber nach und nach wanderte sie in die Städte ein, wo sie sich stark vermehrte und inzwischen zu den beliebtesten und am wenigsten scheuen Wildvögeln gehört. Der Hobbyornithologe Dr. Salm-Schwader geht davon aus, dass die Ursache für diese Standortverlagerung mit der Erfindung des Rasenmähers und den damit möglich gewordenen großen Kurzrasenflächen in den städtischen Parkanlagen und Gärten zusammenhängt. Den Amseln erleichtern sie das akustische Auffinden von Regenwürmern, die in ihren Gängen ein scharrendes Geräusch verursachen, wenn sie sich bewegen. Die Regenwürmer zählen neben Insekten zur Hauptnahrung der Amseln. Der Hobbybiologe Dr. Salm-Schwader vertritt die These, dass das Kurzhalten der Rasenflächen sich positiv auf die Intelligenzentwicklung sowohl der Amseln als auch der Regenwürmer ausgewirkt habe, denn Je kürzer das Gras, desto schneller müssen beide reagieren.

Seit 2002 gibt es ein Forschungsprojekt namens „ICARUS“, in dem 200 in Gefangenschaft geborene Amseln mit GPS-Sendern ausgerüstet und freigelassen wurden; weitere 1800, die ebenfalls noch besendert werden sollen, will man „aus der Natur“ nehmen, wie der MDR das nannte. Man will dann die Flugrouten der 2000 Amseln verfolgen: Die Sensoren schicken Bewegungsdaten der besenderten Amseln mit präziser Positionsbestimmung an eine Antenne, die an der Außenwand der internationalen Raumstation ISS befestigt ist. An Bord dieses derzeit größten Satelliten im Erdorbit werden die Daten dann bearbeitet. Das System funktionierte auch nach einigen Pannen: Das ICARUS-Team hatte damit „den nächsten großen Meilenstein, mit Tieren rund um den Globus zu kommunizieren, erreicht.“ Als Russland 2022 die Ukraine angriff, wurde die Kooperation jedoch beendet.

„Aber was weiß man, wenn man weiß, ob und wo sich die Singvögel herumtreiben?“ Fragte sich der MDR. „Ihre Migrationsbewegungen von Nord nach Süd und umgekehrt sind bekannt. Auch, dass sich manche inzwischen nicht mehr jährlich auf die Reise machen.“ Man weiß, je weiter nördlich die Amseln leben, in Schweden, Finnland und Russland, desto mehr fliegen im Herbst nach Süden, während von den in Mitteleuropa heimischen sich ein immer geringerer Teil in etwas wärmere Regionen absetzt. Der Ornithologe Jochen Hölzinger weiß sogar, wo sich die Amseln aus Baden-Württemberg hinbegeben – und das ganz ohne ihre Besenderung: Ihr bevorzugtes Winterquartier ist das untere Rhonetal („Die Vögel Baden-Württembergs“ Band 3/1).

Außerdem weiß man, dass die in Städten lebenden Amseln seltener nach Süden fliegen als die in Wäldern lebenden. Und dass die Amselmännchen, häufiger in ihren Revieren bleiben als die Weibchen, höchstens weichen sie kurzfristig der Kälte aus. In den Städten brüten pro Hektar vier und mehr Paare, in den Wäldern kommt höchstens ein Brutpaar auf einen Hektar. Wobei die Beobachtungen der „Bird-Watcher“ ergaben, dass die Weibchen ihre Nester alleine bauen (in Büschen, auf Bäumen oder auf dem Boden) und dass sie ihre vier bis fünf Eier auch alleine ausbrüten. Das Männchen füttert sie währenddessen und beteiligt sich dann auch an der Aufzucht der Jungen.

In der Stadt suchen sich die Amseln höhergelegene Niststandorte als im Wald und scheuen auch nicht vor ausgefallenem Nistmaterial (wie Papier-, Plastik- und Stoff-Fetzen) zurück sowie vor ausgefallenen Nistplätzen – hinter Leuchtreklame, in Briefkästen, auf Balkone, in Motorräumen von Schrottautos… Ein Amselpaar baute einmal sein Nest in einem Berglift, als der in Betrieb genommen wurde, mußte das Männchen stets mit hoch- und wieder runterfliegen, um sein Weibchen zu versorgen und später mit ihm zusammen ihre Jungen.

Im Wikipedia-Eintrag heißt es, dass „im Siedlungsgebiet zwar mehr Bruten pro Jahr erfolgen können, der Bruterfolg aber durch Störungen von Menschen sowie auch von Hauskatzen beeinträchtigt wird und in ländlichen Gebieten oft größer ist. In Gebieten, in denen Rabenvögel, insbesondere Elstern, zahlreich sind, kann es zu einer Häufung von Gelegeverlusten kommen.“

Der Biologe Cord Riechelmann schrieb: Es sei zwar wahr, dass Elstern „in manchen Gegenden einen Großteil der Erstbruten von Amseln fressen. Dennoch lasse sich „kein nachweisbarer Einfluss dieser Tatsache auf den Bestand der Amseln finden. Amseln bringen es in Städten mitunter auf bis zu drei Bruten in einem Jahr und offensichtlich können sie sich den Verlust des ersten Geleges ‚leisten‘.“

Was sie jedoch kaum überleben, ist das seit 2018 durch Stechmücken übertragen Usutu-Virus: „Komplette Straßenzüge in Hamburg liegen voll mit toten Amseln,“ berichtete Renke Lühken vom Institut für Tropenmedizin dem NDR. Der NABU schrieb damals auf seiner Internetseite: „Das Amselsterben nimmt offensichtlich immer größere Ausmaße an. Gab es bis vor einer Woche erst 1.500 Verdachtsfälle, sind es heute bereits 5.000 Meldungen über kranke oder verendete Vögel.“

Wo Amseln in Gärten brüten und gefüttert werden, kann es vorkommen, dass sie die Gartenbesitzer um Hilfe bitten, wenn sich eine Elster ihrem Gelege bzw. ihren Jungen nähert. Die englische Bratschistin Len Howard verließ 1938 ihr Orchester und erwarb ein Haus mit einem großen Garten in Sussex. Dort beobachtete sie über 30 Jahre lang „Alle Vögel meines Gartens“, wie ihr 1952 veröffentlichtes Buch heißt (das 2025 auf Deutsch erschien). 1956 folgte „Living with Birds“. Die holländische Philosophin Eva Meijer schrieb über Len Howards begeisternde Vogelbeobachtungen einen Roman: „Das Vogelhaus“ (2018). Fast alle Vögel, vor allem Meisen, Amseln und Rotkehlchen, aber auch Spatzen und viele andere, die in ihrem Garten oder in der Nähe lebten, benutzten ihr Haus. Sie wurden von Len Howard gefüttert und hatten ein derartiges Vertrauen zu ihr, dass sie sie bei Gefahr um Hilfe riefen. „Was sonst, wenn nicht Denken und Vernunft, hätte sie so handeln lassen sollen? Es ist alles andere als Instinkt, einen Menschen aufzusuchen, im Gegenteil“, schreibt Len Howard.

Sie stellte bei den einzelnen Vögeln, es waren im Laufe der Zeit hunderte, „große Unterschiede in der Persönlichkeit und Intelligenz“ fest, sowohl innerhalb einer Spezies als auch zwischen den Arten. Dennoch fand sie, dass sich ihr „Geist oder Bewußtsein“ nicht „grundlegend von dem unseren unterscheiden“, auch wenn die Ornithologen ihrer Zeit das Gegenteil behaupteten und wohl immer noch behaupten. All ihre „Schlußfolgerungen beruhen auf der Beobachtung einzelner, in Freiheit lebender Vögel aus nächster Nähe. Mit Geduld ist es so möglich, viel aus dem Ausdruck in ihren Augen, aus ihren Bewegungen und aus ihrem Tonfall zu erfahren, die alle zusammen die Sprache der Vögel bilden.“

Umgekehrt sprach sie mit den Vögeln „in meiner ganz normalen Sprechstimme, denn sie lernten in relativ kurzer Zeit, anhand des Tons einige der Wörter zu verstehen…Und durch diesen engen Kontakt gelangte ich allmählich zu einem besseren Verständnis ihrer Denkweise.“ So schloß sie z.B. bei einem Vogel anhand seines „Gesichtsausdrucks, seiner Unruhe und angespannten Haltung“, dass er „zweifelsfrei wirklich besorgt“ war. „Meine Vögel geben mir durch ihre Rufe und Handlungen oder Nunancen in den Bewegungen zu verstehen, was ihnen durch den Kopf geht. Begreife ich nicht sofort, was sie mir klarmachen wollen, finden sie schon bald einen anderen Weg der Kommunikation, meist einen pantomimischen, den sie auch untereinander benutzen.

Der Hallenser Verhaltensforscher Karsten Brensing meinte einmal: Um Tiere zu verstehen, muß man sie gerade vermenschlichen. Als er das in einem Interview äußerte, erschrak er, denn für die objektivistische und reduktionistische Biologie, wie sie u.a. vom Zentralorgan der Genetiker unter den Biologen, der angloamerikanischen „Nature“, vorgegeben wird, ist so etwas tabu.

Ein Drittel von Len Howards erstem Buch mit Beobachtungsprotokollen ist der Vogelsprache im engeren Sinne, dem Gesang, gewidmet – mit Noten. „Noch nie war ein Gesang mir der Sprache so verwandt erschienen,“ schreibt Vinciane Despret (in: „Wie der Vogel wohnt“ 2022), nachdem sie einer Amsel zugehört hatte.

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Wasseramsel

Als Kind hatte ich die Zeitschrift „Der kleine Tierfreund“ abonniert. Einmal konnte man darin eine Reise in die Serengeti gewinnen. Dazu mußte man die Namen von 20 verrätselten Tieren herausfinden, einen Aufsatz über sie schreiben und ein Bild von ihnen malen. Am Schwierigsten war es für mich, auf die verrätselte Wasseramsel zu kommen, von der keiner in meiner Umgebung jemals gehört hatte. Sie läuft auf dem Grund von Bächen, um dort nach Nahrung zu suchen. So ähnlich wie die Amseln auf dem Rasen. Beide suchen Insekten und Würmer, die Wasseramsel dazu noch kleine Fische. „Als Standvogel stürzt sie sich auch in eiskalte Fluten,“ schreibt der BUND. Einen „Unterwasserjäger“ nennt sie „Geo“. Seit ich die Wasseramsel enträtselte, und auch ohne eine Serengeti-Safari zu gewinnen, bin ich ein Bewunderer dieses Vogels, den ich bis heute noch nirgendwo gesehen habe, obwohl er in etlichen Fließgewässern vorkommen soll. Das geht vielen so. In „Jasper und sein Knecht“ (2016) schreibt der holländische Autor Gerbrand Bakker, der in der Eifel wohnt: „Aus dem Augenwinkel entdecke ich im Bach den Vogel, nach dem ich schon zweieinhalb Jahre Ausschau halte. Die Wasseramsel.“

Sie ist die einzige Vertreterin der Familie der Wasseramseln. Das klingt zwar tautologisch, weist aber darauf hin, dass die Wasseramsel eine quasi singuläre Erscheinung ist, auch wenn sie zu den nicht gefährdeten Arten zählt. „Sie ist einzigartig unter den Singvögeln, da sie fliegen, schwimmen, tauchen und sogar unter Wasser laufen kann,“ heißt es auf dem Eifelportal „life-baeche“. Der NABU in Mosbach schreibt: „Sie sind die besten an ein Wasserleben angepaßten Singvögel.“

Man hört und liest nur Gutes über die Wasseramsel. Höchstens, dass die Angler gelegentlich maulen: „Die frißt uns die ganzen Jungfische weg!“ Aber beweisen können sie das nicht, denn sie haben auch noch nie eine Wasseramsel gesehen. Kommt noch hinzu, dass die meisten Menschen heute nur noch aus reinem Vergnügen angeln, während die Wasseramseln davon leben, also moralisch im Recht sind. In dem von der Vogelwarte Sempach herausgegebenen Handbuch „Die Vögel der Schweiz“ erklären die Biologen, was dem vermeintlichen „Fischereischädling“ die Unterwasserjagd erleichtert: „Schwere, markgefüllte Knochen, kurze, rundliche Flügel und ein pelzdunenreiches Gefieder. Das Auge wird unter Wasser durch eine halbtransparente Nickhaut geschützt und das Ohr durch eine Hautfalte verdeckt.“

Die Wasseramsel lebt an schnell fließenden, klaren Gewässern, an deren Ufern sie auch brütet. Das jeweilige Gewässer ist und bleibt ihr Revier, nur wenn es zufriert, treibt es sie ein Stück weiter nach Südwesten. Bei den wegen des Frostes aus dem Osten bis zu uns ausweichenden Wasserameln handelt es sich „merkwürdigerweise“, dem „natur-lexikon“ zufolge „vor allem um weibliche Vögel.“ Dies lasse den Schluß zu, dass die Männchen so lange sie können ihr Revier behüten, d.h. die Weibchen kehren nicht in ihr Revier, sondern in das der Männchen zurück. Die „relative Partnertreue“ ergibt sich durch Festhalten am angestammten Revier.

Dazu fand ich jedoch keinen Hinweis, obwohl alle deutschen Mittelgebirgsregionen und viele Städte im Internet „Wissenswertes“ über „ihre“ Wasseramseln mitteilen. Fast schämt man sich, noch keine gesehen zu haben, zumal die Wasseramsel „Vogel des Jahres 2017“ war. Der Regionalverband Harz schreibt auf seiner Internetseite: „Das Männchen versucht das Weibchen mit eindrucksvollen Imponierflügen, -tauchgängen, Tänzen und Gesang zu betören. Stimmt das Weibchen in den Hochzeitsgesang ein und akzeptiert die dargebotenen Speisen, steht der Familiengründung nichts mehr im Wege. Allerdings sind Möglichkeiten zum Nestbau in Felsnischen und an Steilufern rar geworden.“ Bei Flußbegradigungsmaßnahmen hat man ihnen stellenweise künstliche Bruthöhlen angeboten.

Dem Innsbrucker Alpenzoo gelang 1983 die weltweit erste Handaufzucht von Wasseramseln. Die Vögel verfügen über ein reichhaltiges Stimmrepertoire, ihre Rufe und Gesänge werden jedoch oft von dem lauten Geräusch ihres Lebensraumes übertönt. „Während der Mauser ist die Wasseramsel zwar flugfähig, ihre Manövrierfähigkeit ist jedoch eingeschränkt, deswegen hält sie sich sehr verborgen und verbleibt meist in einem kleinen, besonders beutereichen Abschnitt ihres Reviers,“ heißt es auf Wikipedia, wo auch noch erwähnt wird, dass ein Paar 0,4 Hektar untiefes Wasser beansprucht. Gute Wasseramselgebiete weisen etwa ein Brutpaar auf einen Kilometer Gewässer auf. Am Bach des englischen Farmers und Historikers John Lewis-Stempel ernähren bereits 200 Flussmeter ein Pärchen, ihre Nahrungsbeschaffung ist anglerähnlich, schreibt er in seinem Buch „Ein Stück Land“ (2017): Sie packen den gefangenen Fisch am Schwanz und zerschlagen seinen Kopf auf einem Stein.

Im Osten, bis hin nach Kamtschatka und Taiwan, überlappt sich ihr Verbreitungsgebiet weiträumig mit dem der Flußwasseramsel, die auch Pallasamsel genannt wird – zu Ehren des russischen Naturforschers Peter Simon Pallas, der auf seine alten Tage ein Haus in Berlin bezog, wo jetzt die taz auf ihre alten Tage ihr neues Redaktionsgebäude errichtete. Die Flußwasseramsel ist zwar größer, verträgt sich aber mit der Wasseramsel, die bis an die Zuflüsse des Baikalsees siedelt. Hierzulande überlappen sich ihre Reviere mit der Gebirgsstelze, die jedoch in flachem Wasser Insekten jagt und von Wald gesäumte Bäche bevorzugt, die von der Wasseramsel eher gemieden werden. Ihre bevorzugten Lebensräume sind Bäche und Flüsse der „Forellenregion“, nur selten dringt sie in die „Äschen- und Barbenregion“ vor.

1963 wurde die Wasseramsel durch eine Volksabstimmung zu Norwegens „Nationalvogel“ ernannt. Finnische Ornithologen weisen jedoch darauf hin, dass zwar nur etwa 350 Wasseramsel-Paare in Finnland leben, aber zum Überwintern kommen bis zu 10.000 dieser Vögel aus Nordnorwegen ins Land. Wenn man weiß, wie lang die Winter in Skandinavien sind, könnte man also auch sagen, dass dieser etwa starengroße, dreifarbige Vogel eher in Finnland beheimatet ist. Aber man geht immer vom Brutplatz aus.

Der Herrmann-Hesse-Stipendiat Wulf Kirsten veröffentlichte ein „Gespräch“ mit der Wasseramsel, darin heißt es: „Kaum hatte ich die Stadt Calw betreten und den Fluß im Blickfeld, meinte ich eine Schwalbe in den Wassermassen absaufen zu sehen. Aber der Vogel hatte mich genarrt, denn er tauchte wieder auf – nach geraumer Zeit. Da wußte ich, die heimliche Wasseramsel probt ihre Urbanisierung. Fortan sah ich flußauf, flußab Wasseramseln schwirren, im Mühltunnel verschwinden, Tauchkünste vollführen, Junge füttern. Eines Tages sah ich die Brut aufschwirren, dicht über den Spiegel hin schießen, schwalbenähnlich, aufgestoben, stadtaus an stillere Flußstrecken. Einmal, eines Morgens, und dann nicht wieder. Ich stand an der Brückenbrüstung neben der Kapelle, sah auf die Flußinsel, von der aus Hesse ins Wasser gesprungen war.“

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Mistkäfer

Der englische Biologe J.B.S. Haldane wurde einmal in einer Gesellschaft von Theologen gefragt, was er bei seiner Erforschung der Schöpfung über den Schöpfer erfahren habe: „Er hatte offenbar eine außerordentliche Zuneigung zu Käfern,“ meinte er. Denn es gibt nur eine Art „homo sapiens“ aber 400.000 Käferarten auf der Erde. Davon sind rund 150 Mistkäfer, 59 leben in Europa, d.h. in Wäldern, Feldern und Steppen, sie sind tag- und nachtaktiv und können fliegen, sind dabei allerdings „eher schwerfällig unterwegs,“ wie „tierchenwelt.de“ über diese schwarzblauen „Dickerchen“ urteilt. Schwerfällig heißt auch, dass sie schlecht steuern können und deswegen oft irgendwo gegenfliegen. Ist es ein Stacheldraht, spießen sie sich daran im Sommer reihenweise auf, bei anderen Gegenständen fallen sie bloß zur Erde, berappeln sich nach einiger Zeit und fliegen erneut los.

„Das Besondere an diesem Käfer ist die Kraft, mit der er das Ziel anfliegt, vorwärtsgetrieben wird, wie ein Torpedo. Der Antrieb dieser Kraft ist am Körper selbst nicht zu finden, im koordinierenden System der Nerven vielleicht, in der Ausscheidung von Wärmetropfen in den Gelenken. Der Käfer hebt sich vom Boden, scheint‘s – schwerfällig und ungeschickt und beinahe, würde man sagen, mit einigem Widerwillen. Und dann setzt die Triebkraft ein. Der Käfer kommt in Fahrt.“ Aber früher oder später: „Stoß gegen den Widerstand – und dann der Sturz. Einmal am Boden, ist alle Kraft gewichen. Ich habe oft den Käfer dann in der Hand gehalten. Er bewegte sich in einem engen Kreis und war noch nicht fähig, ein Ziel anzunehmen. Er war stark angeschlagen. Dazu kam die Panik, dass alles noch einmal begonnen werden muß und daß es weitergeht.“ Dies schrieb der revolutionäre Schriftsteller Franz Jung in seiner Autobiographie „Der Torpedokäfer“ (1972) hieß, denn: „Ich habe den Flug unzählige Male in mir selbst erlebt, bei Tag und bei Nacht. Das Ende ist immer das gleiche gewesen: Anprall, Sturz, Kriechen am Boden.“ – Und dann ein neuer Anlauf. Das hat Franz Jung also mit dem Mistkäfer gemeinsam, aber auch mit Donald Duck: „Wahrer Donaldismus ist Scheitern, es wieder versuchen, nochmal versuchen, wieder scheitern, scheitern, scheitern und nochmal scheitern, doch niemals aufgeben.“

Der gemeine Mistkäfer sucht den Kot von Pflanzenfressern. Er fliegt meist abends in Kreisen um diese Tiere herum und wartet darauf, dass etwas für ihn abfällt, denn er und seine Brut leben davon. Auf einen Kuhfladden landen schon bald zig. Einige, um zu fressen, viele, um sich Vorräte zu sichern.

Die Wissenschaft nennt ihn Geotrupes stercorarius. Geotrupes heißt übersetzt „Erdbohrer“ und Stercorarius: „der, der ausmistet“. Das gilt für Männchen und Weibchen, die ein Leben lang, d.h. ein bis drei Jahre, zusammen bleiben und sich auch – für Insekten untypisch – gemeinsam um den Nachwuchs kümmern. Dazu legen sie in der Erde einen aus vielen Kammern bestehenden Bau an, in den sie Kotkugeln zur Versorgung der Larven mit Nahrung packen. Diese bleiben bis zur Verpuppung ein Jahr in dem mit Lehm verschlossenen Bau, der jedoch ein mit Stroh verstopftes und damit luftdurchlässiges „Fenster“ hat. „Die unterirdische Versorgung des Nachwuchses mit Dung hat einen äußerst positiven Nebeneffekt, denn die Erde wird mit Nährstoffen versorgt und dadurch wesentlich fruchtbarer,“ heißt es auf „biologie-schule.de“.

Wegen der Kotkugeln nennt man ihn und vor allem seinen ägyptischen Verwandten, den scarabaeus sacer, auch „Pillendreher“. Dieser war den Ägyptern heilig, seine Mistkugeln, mitunter so groß wie Äpfel, wurden als ein Abbild der Weltkugel angesehen, er selbst als Verkörperung der Gottheit Chepre mit Skulpturen geehrt und als Amulett getragen. Eine meiner Tanten brachte einmal von einer Ägyptenreise einen solchen Skarabäus mit, den sie an einer Kette am Hals trug. Ihm hatte man einen Edelstein auf den Rückenpanzer geklebt. Er lebte, sie fütterte ihn und setzte sie ihn Nachts in ein Terrarium.

Die Mistkäfer orientieren sich im Dunkeln auf ihren Wegen von der Brutkammer zur Nahrungsquelle nach dem Sternenlicht. Eine Studie über dieses Orientierungsverfahren wurde 2013 mit dem ironischen Anti-Nobelpreis“ ausgezeichnet. 2016 legte eine Veröffentlichung nahe, dass sich Mistkäfer einen Schnappschuss des Nachthimmels merken. Dies passiert laut Wikipedia während sie sich um die Hochachse drehend auf der Dungkugel tanzen. – Hört sich wie ausgedacht an! Der gemeine Mistkäfer ist auch ohne seinen berühmten ägyptischen Verwandten ein interessantes und lustiges Tier. Obwohl er im Mist wühlt, freut man sich im Frühjahr auf ihn, ähnlich wie auf den schon fast ausgestorbenen Maikäfer – und zertritt ihn nicht angeekelt. Dennoch ist die Mistkäferforschung nicht gerade üppig, meist wird in den großen Insekten-Überblicken bloß auf die Beiträge des südfranzösischen Insektenbeobachters Jean-Henri Fabre (1823 – 1915) verwiesen. Im ersten Band seiner zehnbändigen „Erinnerungen eines Insektenforschers“ (2010) heißt es: „Sucht man in der Literatur Einzelheiten über das Verhalten des Scarabaeus im Allgemeinen und des Pillendrehers im Besonderen, stellt man fest, daß die Wissenschaft nicht über die Erkenntnisse der Pharaonenzeit hinausgelangt ist.“

Fabre hat verschiedenen Mistkäferarten dann jedoch viel Zeit gewidmet. Über die kleinsten Pillendreher „Sisyphus schaefferi L.“ schreibt er: Nachdem das Paar sich ein gutes Stück aus dem Kuhfladen rausgesäbelt und es rund geknetet hat, spannt sich die „an ihrem größeren Wuchs erkennbare Mutter“ vorne ein und zieht die Kugel im Rückwärtsgehen, „während der Vater von hinten schiebt“. Weil sie die Kugel stur geradeaus rollen, stürzen sie oft mit ihr auf Hügeln oder Steinen ab, geben aber nicht auf. Alle Mistkäfer könnten Sisyphus heißen! Während die Mutter mit dem Graben der Kammern anfängt, jongliert er so lange mit der Kugel, „indem er sie zwischen seinen in die Luft gestreckten Hinterbeinen sehr schnell rotieren läßt.“ Damit bewacht er sie auch, denn immer wieder klauen sich die Mistkäfer gegenseitig ihre Dungkugeln, die sie nicht nur als Nahrung für ihren Nachwuchs, sondern auch für sich selbst brauchen. Aber den Mistkäfer „wirft ein Dungdiebstahl nicht um, er fliegt zum nächsten Haufen und beginnt von vorn,“ schreibt Fabre (in Band 6). Bei zwei Mistkäferarten aus Argentinien, die er geschickt bekam, wird die Dungkugel gegen das Austrocknen mit einer lehmigen Schicht umkleidet und birnenförmig geformt – mit einer Art Warze am dünnen Ende, in der das Ei untergebracht wird, am Ende der Warze bringen sie einen „Verschluss mit luftdurchlässigem Filzpfropfen“ an. Die einzelnen Arten haben als „Grabegeräte“ ganz unterschiedlich geformte Hörner auf der Stirn, und „alle benutzen einen Rechen: mit ihren gezähnten Vorderbeinen sammeln sie das Material.“ Fabre bewundert und beneidet ihre „Charakterfestigkeit“, die „beinahe an das Reich der Moral rührt“.

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Gärten

„Gott steckt in jeder Tomate“ (Spinoza)

Mitten in der Coronazeit begann die Gartensaison. Das „Homeoffice“ einiger taz-Redakteure ist jetzt ein „Datschen-Büro“. Ein Verlag schickte mir ein kleines Buch mit dem Titel „Im Garten“ – von einer Journalistin mit Garten: Susanne Wiborg. Die etwa 30 alphabetisch geordneten, also nicht geordneten Kapitel haben Überschriften wie „Holunder“, „Quitte“, „Nelke“ usw.. Der Witz oder die Idee daran ist, dass sie in der Literatur gesucht hat, wo jemand sich über diesen oder jenen Gegenstand ihres Buches/Gartens geäußert hat. So beruft sie sich z.B. beim „Holunder“ auf ein Holunder-Gedicht von Peter Huchel, um fortzufahren: „Das Christentum bemühte sich nach Kräften, dieses stolze heidnische Gehölz zurechtzustutzen.“

Ich fühlte mich fast beschämt von ihrer Literaturkenntnis. Per mail schrieb ich ihr, dass ich mit dem Buch etwas anfangen könne, aber derzeit sei wegen Corona alles durcheinander geraten, und deswegen…Was auch stimmte. Zudem hatte ich den zu Hause bleibenden tazlern leichthinnig versprochen, mich im verwaisten taz-Gebäude um ihre privaten Topfpflanzen zu kümmern, nicht wissend, dass es über 50 waren. Hinzu kamen noch die sozusagen tazeigenen Pflanzen im Großraum, sowie auf den zwei Dachterrassen und auf dem Hof. Und weil es so warm und trocken war, gierten alle nach Wasser, nach mir. Die Autorin/Gärtnerin hatte Verständnis. Diese Entschuldigung für etwas „Liegengebliebenes“ hört man jetzt im Übrigen von allen Seiten. Als ich zur taz-Gartenbau-Redakteurin ging, um ihr eine Rezension über Wiborgs Buch anzubieten, war ihr Schreibtisch verwaist – natürlich. Es lag darauf die neue Ausgabe der Zeitschrift „Sinn und Form“. Im Inhaltsverzeichnis stieß ich auf zwei Texte des Sprachtheoretikers Francis Ponge – über „Die Nelke“ und „Die Mimose“, die ich mir kopierte. Im ersten schreibt er: „Meine Nelke muß nichts Besonderes sein: Man muß sie nur zwischen zwei Fingern halten können.“

Dann regnete es doch noch ein bißchen – und die Schrebergartenbesitzer waren wieder guter Laune. Ich bekam von der auf Gartenthemen spezialisierten Journalistin Sigrid Tinz gleich drei Gartenbücher geschickt: ein „Lob der Unordnung im Garten“, ein Plädoyer für einen „Frieden mit den Maulwürfen“ und eine Konzeption für eine auf die Pflanzen vertrauende „Gartengestaltung“. Hörte sich alles gut an, obwohl das letzte eher praktisch ausgerichtet war und ich ja eigentlich kein Gärtner bin sondern eher ein Gießer und derzeit mehr ein Notgießer. Zu dem Unordnungsbuch schrieb ich der Autorin, dass ein taz-Mitarbeiter unlängst das Buch „Der Gärtner im Dschungel“ eines Garten-Unordnungs-Theoretikers, Helmut Salzinger, wiederveröffentlicht hat. Zu ihrem Maulwurfsbuch: dass ich schon mehrmals in der taz Artikel über Maulwürfe (deutsche und russische) veröffentlichte hätte und ein weiterer in meiner Schublade läge – über englische Maulwürfe aus der Sicht eines Maulwurfjägers, der tausende von Maulwürfe landauf landab getötet hat, aber sie nun, altersmilde geworden, sogar in seinem Garten leben läßt. Er schreibt: Sein Gesinnungswandel könnte aber auch auf den moralischen Einfluß seiner Frau zurückzuführen sein. Über ihr „Einfach gärtnern“-Buch schwieg ich. Sigrid Tinz schrieb mir zurück, sie freue sich über die schnelle Antwort – auch noch von einem „Maulwurf-Liebhaber“. Das stimmte, die Maulwürfe gefallen mir. Mit dem eher praktischen Gartenbuch von Sigrid Tinz – „Selbst ist die Pflanze“ – konnten vielleicht die „Urban Gardening“-Leute neben dem taz-Gebäude etwas anfangen, überlegte ich.

In einer anthroposophischen Buchhandlung fand ich dann im Schaufenster ein dünnes Büchlein, das mir schon vom Titel her so gefiel, dass ich es kaufte: „Über das Geistige in der Möhre“. Da haben nämlich die wenigsten Pflanzenkundler und -grübler etwas drüber veröffentlicht. Außer Rudolf Steiner natürlich – zu dem ich in landwirtschaftlicher Hinsicht sowieso viel Vertrauen habe, seitdem ich weiß, dass er bereits 1921 den Rinderwahnsinn und das Bienensterben vorausgesagt hat – und zwar mit den richtigen Begründungen. Das ist doch irre oder? Das Möhren–Büchlein enttäuschte mich jedoch: Es handelte sich dabei um eine Wiederveröffentlichung von Steiners „Kurs für Landwirte“, den er 1924 auf einem schlesischen Gutshof vor geladenem Publikum durchführte und woraus dann die „biologisch-dynamische Landwirtschafts“-Bewegung hervorging. Aber ich suchte das Geistige in der Möhre, und die Möhre kam in dem Büchlein nicht ein einziger Mal vor, zudem war das „Geistige“ von Steiner derart ins Gestirn gedacht worden, dass es mir nicht gelang, es zurück auf die Erde zu beziehen, bzw. unter die Erde, wo die Möhren ja bekanntlich stecken.

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Tausendfüßer

Die Tausendfüßer gehören zum Stamm der Gliederfüßer (Arthropoda), und dort zum Unterstamm Tracheentiere. Sie sind meist wurmförmig, zwischen 2 und 28 Zentimeter lang und wegen ihrer vielen Beine manchmal ziemlich schnell. Die Tiere leben fast durchweg an Land – unter feuchten Steinen, Blättern, Baumrinden, in Kellern usw.. Sie besitzen stets ein Paar Fühler und zum Atmen verzweigte Luftröhren (Tracheen).

So weit ist ihre Beschreibung und Einordnung in die Systematik gesamtdeutsch, aber ihre Klassenzugehörigkeit wird im Westen und Osten unterschiedlich gefaßt: In „Grzimeks Tierleben“ (Band 1 – Niedere Tiere) gehören sie zu den „Myriapoda“, im „Urania Tierreich“ (Wirbellose Tiere – Band 2) zu den „Diplopoda“.

Im hervorragenden US-„Leitfaden“ der Zellbiologinnen Lynn Margulis und Karlene V. Schwartz: „Die fünf Reiche der Organismen“ – gehören die Tausendfüßer als Arthropoda (Gliederfüßer) zur Überklasse der Uniramia, auch Tracheata genannt, in der sie als „Diplopodia“ eine von fünf Klassen darstellen. Die anderen vier Tracheata-Klassen – das sind „die Hundertfüßer, die Wenigfüßer, die nur neun oder zehn Beinpaare und verzweigte Antennen aufweisen, die Zwergfüßer, mit zehn bis zwölf Beinpaaren, und – als bei weitem artenreichste Gruppe – die Insekten.“ Die (westdeutschen) „Myriapoden“ gibt es bei Margulis/Schwartz ebensowenig wie in der DDR. Den BRD-Übersetzern ihres „Leitfadens“ gelang es jedoch, das Wort noch schnell im Index unter zu bringen, wo es nun Verwirrung stiftet.

Die DDR-Philologen und -Systematiker waren im Zweifelsfalle genauer als die der BRD – und das ist auch hier der Fall, denn die etwa 11- bis 12.000 Diplopoda-Arten haben alle mindestens 13 Beinpaare, im Höchstfall jedoch nur 340 (u.a. die in den Tropen lebende Art „Siphonophorella progressor“). Unter den europäischen Formen erreichen Weibchen der in den Alpen lebenden Art „Ophioiulus nigrofuscus“ mit 121 Beinpaaren die höchste Extremitätenzahl. Der Klassenbegriff „Myriapoda“ (unzählige Füße) ist also übertrieben, während „Diplopoda“ (Paarbeinige) es besser trifft: Der Körper der so genannten Tausendfüßer besteht nämlich aus paarweise verschmolzenen Körperringen, an denen sich jeweils zwei Beinpaare befinden, bis auf das vordere Segment, das extremitätenlos ist. Manchmal schwankt die Zahl der Beinpaare auch innerhalb einer Art: bei den geschlechtsreifen Männchen der heimischen „Leptophyllum nanum“ z.B. zwischen 67 und 111. Generell gilt, dass die Zahl der „Doppelringe“ sich von Häutung zu Häutung vermehrt – und damit auch die Doppelbeinpaare. Die „Schwankungsbreite“ zwischen den Arten könnte laut „Grzimeks Tierleben“ darauf hindeuten, „dass die Tausendfüßer keine stammesgeschichtliche Einheit darstellen.,“

Die Keimdrüsen der Tausendfüßer befinden sich im Bereich der Hüften des zweiten Beinpaares. Das Männchen nimmt den Samen mit zu diesem Zweck umgestalteten „Begattungsfüßen“ auf – und übergibt ihn dem Weibchen. Einige Arten leben nur ein Jahr, bei vielen stirbt das Männchen nach der Begattung. Bei den „Schnurfüssern“ häutet sich das Männchen danach jedoch und hat dann erst einmal nur noch rückgebildete, lediglich durch Knospen angedeutete Fortpflanzungsorgane. Es gleicht damit wieder einem vor der ersten Reifehäutung stehendem Tier. Durch eine zweite Häutung ist es dann wieder begattungsfähig. Diese Tausendfüßer-Art kann sich also durch Sexualität mehrmals verjüngen – und wird damit älter als die meisten anderen Arten (viele alte reiche Amis und Saudis setzen auf diesen Trick!). Bei den in Mitteleuropa vorkommendenden „Pinselfüßern“, die sich mittels Jungfernzeugung vermehren, hat sich daneben auf der Prominenteninsel Sylt eine von ihnen fortentwickelte zweigeschlechtliche Form herausgebildet (auch das ist typisch für diese Insel und ihre anspruchsvollen Nutzer).

Die meisten Tausendfüßer ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, die sie mit ihren Beißorganen (Mandibeln) zerkleinern. Einige sind sehr wehrhaft, ihr Biß kann beträchtliche Schmerzen verursachen. Zum Lichtsehen haben die Tiere am Kopf Anhäufungen von Einzelaugen (Ocellen), die ihnen jedoch kein Bild liefern, dafür können sie mit den Sinneszapfen und Sinneskegeln an den Fühlern chemisch wahrnehmen. Eine Unterordnung, die „Bandfüßer“, ist sogar stets blind, sie hat dafür in der hinteren Körperhälfte einen flügelartigen Fortsatz, auf dem Wehrdrüsen-Poren liegen. Damit scheiden sie Blausäure aus. Eine Zoologin, die diese Tiere einmal in Afrika in einem Plastiksack sammelte, machte die Erfahrung, dass sie sich damit im luftdichten Sack alle selbst vergiftet hatten. Die „Schnurfüßer“ produzieren sogar ein noch stärkeres Gift: eine Verbindung zweier Chinone, die stark schleimhautreizend wirkt. Bei den „Saftkuglern“ ist dies ein Alkaloid – das so bitter ist, dass eine Maus, die einmal ein solches Tier in den Mund genommen hat, es wohl nie wieder tun wird. Während die zu den „Schnurfüßern“ zählende Art „Schizophyllum sablosum“ sich mit einer auffallend gelben „Warnfärbung“ begnügt. Die „Nemaphotora“ besitzen Spinndrüsen, mit denen sie seidenartige Gespinste herstellen, die ihnen Schutz bieten, ebenso ihrem Eigelege. Bei den „Wehrhaften“ handelt es sich meist um Unterklassen und deren Ordnungen bzw. Überordnungen. Die meisten Tausendfüßer-Arten rollen sich bei Gefahr bloß spiralförmig ein und sind deswegen harmlos.

Seit einigen Jahren werden die großen tropischen Arten zunehmend als Terrarientiere gehalten, in Gefangenschaft können einige bis zu acht Jahre alt werden. Sie lernen, ihren Besitzer von anderen Menschen zu unterscheiden, wahrscheinlich über den Geruch. Im Internet gibt es eine informative Homepage: „diplopoda.de“, dort erfährt man alles über Haltung, Pflege, Fütterung und Nachzucht der „Wörmi“ bzw. „Tausi“, wie die Besitzer ihre Tiere liebevoll nennen. Die Webseite wird von zwei westdeutschen Terrarianern betreut, von denen der eine Biologie studiert. Im Osten gibt es seit 1992 das „Magazin für Wirbellose im Terrarium – Arthropoda“. Es wird von der „Zentralen Arbeitsgemeinschaft Wirbellose im Terrarium“ (ZAG) in Wernigerode herausgegeben. Die ZAG war früher einmal dem Kulturbund der DDR angegliedert, heute kooperiert sie gelegentlich mit den westdeutschen Zentralorganen der Terraristik „Reptilia“ „Draco“ und „Terraria“, in denen ebenfalls gelegentlich über Tausendfüßer berichtet wird. Ihr Weddinger Chefredakteur Heiko Werning meint: „Die DDR-Terraristik war sehr gut. Weil die Tiere Mangelware waren, d.h. dass man sie nicht einfach im Laden neu kaufen konnte, wenn sie einem starben, deswegen hat man sich dort wohl mehr Mühe bei der Haltung, Pflege und Aufzucht gegeben als im Westen.“

2014 führten Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Görlitz eine Inventur der in deutschen Gewächshäusern lebenden Tausendfüßer durch. Dabei fanden sie 18 zugewanderte Arten, die bisher noch nicht in Deutschland entdeckt worden waren. Zwei der Tausendfüßer wurden das erste Mal in Südeuropa nachgewiesen.

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Entfremdung

1. In der sozialistischen Frühphase der Bremer Universität, in den Siebzigerjahren, haben wir uns mit den Frühschriften von Marx und dem Begriff der „Entfremdung“ wahre „Paper“-Schlachten geliefert. Und dann verschwand er – der Begriff. Nun verzeichnet Google bereits wieder 852.000 Eintragungen und die Philosophin Rahel Jaeggi veröffentlichte gerade ein Buch „zur Aktualität“ des Entfremdungs-Begriffs. „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch ‚Nach Marx‘ und ‚Der neue Chef‘.“

Die „Entfremdung“ ist ein sinnliches Wort – man denkt dabei an die „Fremde“, romantisch bis elendiglich, an Entwicklungen, die einen „befremden“, ans „Fremdgehen“ und „fremdeln“, ans „Verfremden“ und an „Realitätsfremdes“. Laut Wikipedia ist die Entfremdung ein „Zustand, in dem eine ursprünglich natürliche Beziehung (zwischen Menschen, Menschen und Arbeit, Menschen und dem Produkt ihrer Arbeit sowie von Menschen zu sich selbst) aufgehoben, verkehrt, ge- oder zerstört wird.“ Wir erleiden diese Entfremdung jedoch nicht nur, sondern erschaffen sie uns auch. Bei Hegel heißt es: „Was der Geist will, ist, seinen eigenen Begriff erreichen (den Ort an dem er theoretisch und praktisch in Harmonie mit dem Ganzen steht); aber er selbst verdeckt sich denselben, ist stolz und voll Genuß in dieser Entfremdung seiner selbst.“

In diesem Satz hat sich der Geraer Öko-Landwirt Michael Beleites mit seinem neuen Buch „Land-Wende. Raus aus der Wettbewerbsfalle“ verfangen. Die „Harmonie“ (mit der Natur) sowie „eine Rücknahme überdehnter Naturentfremdung“ ist sein Anliegen – d.h. der „Versuch einer Wiedervereinigung der Realität“. In theoretischer Hinsicht beruft der Autor sich dabei auf sein bereits von mir in der Broschüre „Fische“ (2016) erwähntes Buch „Umweltresonanz: Grundzüge einer organismischen Biologie“. In der „Land-Wende“ geht es ihm nun darum, seine „biologischen Erkenntnisse an einem praktischen Beispiel konkret“ zu machen, und zwar „aus der Perspektive einer fundamentalen Kritik am Selektionsdenken und an der Wettwerbslogik“ (in der heutigen Landwirtschaft). Was für ihn bis hin zu der allgemeinen Forderung nach „mehr Aufenthalt im Freien“ und „mehr körperliche Arbeit in ‚freier Natur'“ geht. Für das Ganze, die Gesellschaft, bedeutet das, „ein integratives Verhältnis zur Natur“ zu finden. Bereits mit der Seßhaftigkeit und der damit zusammenhängenden „Domestikation“ von Tieren und Pflanzen sowie der „Selbstdomestikation“ der Menschen sei es zu einer „Degeneration“ gekommen.

Ebenfalls 2016 hatte Beleites bereits eine Schrift mit dem Titel „Dicke Luft: Zwischen Ruß und Revolte: Die unabhängige Umweltbewegung in der DDR“ veröffentlicht. Mit seinem Buch „Land-Wende“ begibt er sich nun in dünne Luft.

1940 hatte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz einen Aufsatz „Durch Domestikation verursachte Störungen arteigenen Verhaltens“ veröffentlicht, der ihm 1973, bei Entgegennahme des Nobelpreis, heftig vorgehalten wurde: „Die Tierzucht“ gerate ihm darin „zum Modell für die Menschenzucht“. Bei Vergleichen zwischen Wild- und Hausgänsen hatte Lorenz fatale „Verfallserscheinungen“ bei den domestizierten Rassen festgestellt – und daraus u.a. geschlußfolgert: Beim Menschen sei es ebenfalls durch Domestikation „zur Vernichtung oder mindestens Gefährdung von instinktmäßig programmierten Verhaltensweisen wie Mutterliebe oder selbstlosem Einsatz für Familie und Sozietät gekommen“, woraus letztlich „Sozial-Parasitismus“ entstehe.

Auch Beleites spricht von „Parasitentum“, dem er eine „organismische Integration“ entgegenstellt. Ob diese aber auch die von Lorenz diagnostizierte „Verluderung der Instinkte“ (die Beleites „eine Art Präzisionsverlust erblicher Verhaltensmuster“ nennt) bei Mensch und Tier verhindert – und ob wir das wirklich wollen, läßt er in seinem durchgängigen „Biologismus“ offen. Erst recht Nietzsches Gegenfrage: „Seid natürlich! aber wie, wenn man eben ‚unnatürlich‘ ist…“

Beleites zitiert dafür den Wissenschaftsjournalisten Jörg Blech: „Die Umwelt in den Industriestaaten passt nicht zur Natur des Menschen.“ – Immer mehr werden krank. Die Bolschewiki waren noch davon überzeugt, sie und ihn passend zu machen. So meinte z.B. der Sowjetdiplomat Adolf Joffe in seinem Abschiedsbrief an Trotzki 1927: „Wer wie ich an den Forschritt glaubt, kann sich sehr gut vorstellen, dass die Menschheit, wenn unser Planet erschöpft ist, längst Mittel und Wege gefunden haben wird, um sich auf anderen, jüngeren Planeten anzusiedeln.“ Selbst die so DDR-verbundene Autorin Christa Wolf notierte sich noch 1959 auf dem Weg zum III. Schriftstellerkongreß in Moskau ein Gespräch, dass sie unterwegs mit Erwin Strittmatter geführt hatte: „Wir reden über die Möglichkeit von ‚Marsmenschen‘, die in letzter Zeit durch die Forschungen sowjetischer Wissenschaftler wieder in größere Nähe gerückt sind. Behaupte noch einer, die beiden Marsmonde (von dem Durchmesser!) seien künstliche Monde, vor Zeiten von vernunftbegabten Wesen hochgeschossen. Die darunterliegende Kultur ist längst vergangen – eine Vorstellung, die mich etwas deprimiert. Auch der große Komet, der 1908 in Sibirien niederging, soll ein Venusschiff gewesen sein.“

Nachdem Juri Gagarin 1961 den ersten Schritt in diese „richtige Richtung“ getan hatte – als Kosmonaut von „Wostok 1“ („Ab gehts!“ so seine berühmten Worte, heute Trinkspruch russischer Männer), jubelte der Philosoph des Judentums Emanuel Lévinas: Damit werde nun endgültig und weltweit das „Privileg der Verwurzelung und des Exils“ beseitigt. Seit Gagarins Weltraumflug gibt es keine „Heimat“ mehr. Fortan würden wir alle in der „Diaspora“ leben – und damit keiner mehr. Womit ein gutes Stück Entfremdung aufgehoben wäre.

Das Gegenteil ist jedoch inzwischen der Fall: Die aus der Lenkwaffenforschung nach dem Krieg entstandene Kybernetik und dann die computerbasierte Gentechnik haben die „Entfremdung“ zum Programm erhoben. Der Fortschrittsphilosoph Vilèm Flusser meinte, dass wir uns noch im Zeitalter der Vorkunst bewegen, die „wahre Kunst“ beginne mit der Gentechnik: „Erst mit ihr sind selbstreproduktive Werke möglich.“ Weniger optimistisch ausgedrückt: Sie läuft darauf hinaus, alle Lebewesen – von der Amöbe über die Birke und den Champignon bis zum Menschen – künstlich herzustellen, und zwar besser als sie sich bis jetzt auf quasi natürliche Weise entwickelt haben. Es ist noch ein weiter Weg bis dahin, aber schon jetzt ließe sich sagen: Es war ein schrecklicher Fehler, die organismische Natur den Naturwissenschaften zu überlassen, die nur Subjekt-Objekt-Beziehungen gelten lassen, verdinglichendes Denken, dabei geht es hierbei um Subjekt-Subjekt-Beziehungen, d.h. um die Welt, wie das Subjekt sie erfährt. Dagegen ließe sich nun wieder einwenden – mit den Worten eines Allgäuer Gräzisten: „Ja … die Sach mim Subjekt … Es is halt ein so junges Kindlein des Westens. ‚Der Pabest ist ze junk!'“ (Walther von der Vogelweide)

2. In seiner Habilitationsschrift Mitte der Achtzigerjahre sprach der französische Philosoph Jean Baudrillard von der „Kunst des Verschwindens“ – verstanden als ein „Tarnverfahren zum Überleben“ – d.h. als eine Subjektstrategie, die auf Verführung basiert. Kurz vor seinem Tod, 2007, hat er diese „Kunst“ noch einmal thematisiert: Diesmal als Objektstrategie eines umfassenden „digital processing“, das den Menschen qua Technologie zum Verschwinden bringt – damit aber auch das Böse sowie alle Radikalität: „Wenn sie sich vom mit sich selbst versöhnten und dank des Digitalen homogenisierten Individuum trennt, wenn alles kritische Denken verschwunden ist, dann geht die Radikalität in die Dinge über. Und das Bauchreden des Bösen wechselt zur Technik selbst hinüber…Wenn die subjektive Ironie verschwindet – und sie verschwindet im Spiel des Digitalen – dann wird die Ironie objektiv. Oder sie verstummt.“ Ja, dank des „Klonens, der Digitalisierung und der Netze“, so Baudrillard, sind wir eigentlich schon so gut wie verschwunden.

Die Ironie als Objektstrategie besteht z.B. darin, dass nach der Wende alle alten und neuen wilden Künstler anfingen, Baustellen zu malen – um ihre Kunst an den Bauherren zu bringen. Anders als früher gab es auf ihren Werken jedoch durchweg keine Bauarbeiter mehr. Deren hilflose Wut zeigte angesichts des Lohndumpings ausgerechnet im Hauptstadt-Bauboom bereits das langsame Verschwinden der alten Arbeiterklasse an – „in Wirklichkeit“ und nicht nur in der Kunst. Dafür wurden „Kranballets“ inszeniert und einmal erschlug ein umstürzender Baukran eine „Nachwuchskünstlerin“ (BILD). Solche ironischen Objektstrategien haben zum Hintergrund die enorme Warenanhäufung. Selbst die Liebe ist nur noch konsumistisch realisierbar: mittels Kinobesuch, Candlelight-Diner, romantischem Urlaub oder anderen Freizeitvergnügungen. Sogar der gelungene Geschlechtsakt hat mehr und mehr Waren bzw. käufliche Dienstleistungen – wie Fitness- und Solariums-Center-Besuche, Pornofilm-Kennerschaft, Reizwäsche, Viagra, Parfums, Öle, etc. – zur Bedingung. Und selbst die gemütliche Kneipenrunde hat sich schon objektmäßig gegen uns gewendet. Das Bier, das wir bestellen, ist nicht mehr Mittel zum Zweck (das Gespräch), sondern umgekehrt: Man hat sich nichts mehr zu sagen, stattdessen rückt die Frage, ob man noch eine Runde und noch eine und noch eine bestellt, in den Mittelpunkt. Dazu gibt es immer mehr Biersorten.

Und sowieso dürfen wir inzwischen nicht einfach mehr miteinander reden sondern müssen kommunizieren: Wie oft sieht man Leute zusammen sitzen und sich fast nur noch mit ihren Handys beschäftigen. Die „kommunikative Vernetzung“ ist zum Wert an sich geworden und nicht mehr „Mittel zum Zweck der Verständigung,“ schreibt Miriam Meckel in ihrem Buch „Wege aus der Kommunikationsfalle“, in dem sie vom „Tanz ums Telefon“ spricht. Allein das Marktvolumen für Klingeltöne beläuft sich inzwischen auf 5 Milliarden Dollar. Und täglich werden 171 Milliarden E-Mails verschickt. Eine Glasgower Studie ergab, dass Bürobeschäftigte bis zu 40 mal in der Stunde ihr E-Mail-Programm aufrufen. Beim Mikrochiphersteller Intel wurde festgestellt, dass selbst Ingenieure, die im selben Büro sitzen, sich lieber E-Mails schicken als miteinander zu reden. Einige große US-Unternehmen haben ihre Mitarbeiter bereits zu „No E-Mail Fridays“ verdonnert. Aber auch nach Feierabend oder gerade dort „organisieren bereits Millionen ihre Freundeskreise über Online-Netzwerke,“ schreibt der Spiegel in seiner Jahresend-Ausgabe – und zitiert eine „Userin“ namens Carolin Thiele (25): „Hundertmal am Tag gehe ich da rein, ganz schlimm.“ In dem neuen Suhrkamp-Reader „Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit“ hat Feridun Zaimoglu einen Anbieter von Internet-Sex interviewt: Die Männer zahlen über 100 Euro dafür, der Unternehmer meint jedoch, dass viele diesen Bildschirm-Wichs erotischer finden als reale Sexualkontakte. Die BZ veröffentlichte neulich schon Tipps für Leute, die nicht mehr vögeln können, wenn keine Kamera dabei ist, die sie währenddessen aufnimmt. Den Anfang dazu machte die Sängerin Amanda Lear, als sie alle Spiegel in ihrem Haus entfernte und durch Videokamers und Bildschirme ersetzte.

3. In seinem letzten Werk beklagte der englische Dichter Percy Bysshe Shelley 1821 die zunehmende Verarmung von immer mehr Menschen. Für die Ungleichheit und Unordnung machte er vor allem den „ungehemmten Gebrauch des Berechnenkönnens“ verantwortlich.

In Dostojewskis „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ (1864) sieht ein heruntergekommener ehemaliger Beamter in großer Klarheit, dass eine freie moralische Entscheidung in einer Welt, die zunehmend von instrumenteller Vernunft beherrscht wird, unmöglich ist. Er besteht darauf, dass es nicht für alle gültig sein darf, dass zwei mal zwei vier ergibt, und kritisiert die Fortschrittsgläubigkeit, die aus den modernen Errungenschaften der Technik und Naturwissenschaften (u.a. der Evolutionstheorie) resultiert und auf soziale Vorgänge übertragen wird.

Der spätere indische Premierminister Jawaharlal Nehru schrieb 1943 im englischen Gefängnis über die Auswirkungen des englischen Kolonialismus in seinem Land: „Die unverkennbarste und weitestgehende Veränderung war die Zerschlagung des Agrarsysystems und die Einführung der Begriffe des Privateigentums und des Großgrundbesitzes. Die Geldwirtschaft hatte sich langsam durchgesetzt, das Land wurde eine marktfähige Ware. Woran früher auf Grund bestehender Bräuche streng festgehalten worden war, das wurde jetzt durch das Geld aufgelöst.“

Ähnlich dachte auch der Mathematiker Theodore Kaczynski. Er gehörte zu den kalifornischen Computer-Pionieren. Als er sah, was für mächtige „Global Player“ aus ihren anfänglichen Gedankenspielen (u.a. auf den berühmt gewordenen „Macy-Konferenzen“) erwuchsen, zog er sich in eine Waldhütte zurück, von wo aus er ab 1978 Briefbomben an seine ehemaligen Kollegen schickte, die damit Karriere machten. Kaczynski, den man daraufhin „UNA-Bomber“ (von UN-iversities und A-irlines) nannte, wurde 1996 verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Leipziger Filmemacher Lutz Dammbeck veröffentlichte 2005 das „Manifest“ des UNA-Bombers auf Deutsch. Zuvor hatte er seinen Film „Das Netz“ vorgeführt: Interviews mit Beteiligten an der Entwicklung von Internet-Technologien und den entsprechenden Sozialtheorien. Deren Voraussetzung war die inzwischen nahezu weltweit durchgesetzte und empirisch fruchtbar gewordene Überzeugung, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind – also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften – gleichermaßen zutreffen. Dass der UNA-Bomber einigen dieser Denker und Macher Briefbomben geschickt hatte, wurde als „Maschinenstürmerei“ bezeichnet.

Diesen Begriff (in bezug auf einen Zentralcomputer allerdings noch) hatte 1953 der Schriftsteller Kurt Vonnegut mit seinem Buch „Das höllische System“ reloaded. In dem Aufstands-Szenario, das er darin entwarf, indem er die Militärforschung des „Fathers of Cyborg“ Norbert Wiener und des Mathematikers John von Neumann weiter dachte – geht es um die Folgen der „Maschinisierung von Hand- und Kopfarbeit“, d.h. um die aus dem Produktionsprozeß entlassenen Menschen, die überflüssig geworden sind und nur noch die Wahl haben zwischen 1-Dollarjobs in Kommunen und Militärdienst im Ausland, wobei sich beides nicht groß unterscheidet. Dagegen revoltieren sie, ihr Aufstand wird jedoch niedergeschlagen.

Norbert Wiener beschwerte sich brieflich beim Autor über seine reaktionäre Rolle dabei. Vonnegut antwortete ihm: „Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird.“ Es endet damit, dass die Rädelsführer hingerichtet werden, darunter der Seitenwechsler John von Neumann, er verspricht: „Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.“

Noch während der Attentatsserie von Theodore Kaczynski – 1984 – beantwortete der Schriftsteller Thomas Pynchon in der „New York Times Book Review“, die alte Frage „Is it o.k. to be a Luddit“? Er spielte damit auf die englischen Maschinenstürmer um 1800 an, die man „Ludditen“- nach ihrem( fiktiven) Anführer Ned Ludd – nannte, wobei Pynchon jedoch an eine mögliche Zerstörung der heutigen elektronischen Rechner dachte. Sein Text endet mit dem Satz: „Wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren… Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten“.

Pynchon sieht demnach ähnlich wie der französische Philosoph Jean Baudrillard das Heil in „Objekt-Strategien“: Erst mit der Vervollkommnung der Logarithmen kehren die Götter wieder, um es mit dem Berliner Kulturwissenschaftler und Pynchonforscher Friedrich Kittler zu sagen. Aber können und wollen wir so lange warten?

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Ernte/Dank/Fest

Auf „berliner-woche.de“ findet man alle Erntedank-Events. Vor diesen Feiern für die ganze Familie am 6. Oktober kam aber erst mal die Ernte: Wir hatten mal einen Acker an eine Wohngemeinschaft im Nachbardorf verpachtet, die darauf Zucchinis anbauten. Uns ermahnten sie, nicht zu viel davon zu essen, denn sie wollten die ganze Ernte verkaufen. Aber plötzlich waren tausende von Zucchinis reif und sie hatten sich um nichts gekümmert. Flehentlich baten sie, die Zucchinis an unsere Tiere zu verfüttern, aber die mochte nach drei Tagen keine mehr. Schließlich landete die ganze Ernte auf dem Misthaufen, der daraufhin umkippte und nur noch eine stinkende Lache war.

Wir hatten u.a. sechs Schafe, als wir die das erste Mal geschoren hatten, besaßen wir bereits genug Wolle zum selber Verarbeiten bis an unser Lebensende. Umgekehrt gab es vor einigen Jahren eine Invasion von Nacktschnecken, die den Gartenbesitzern die Ernte erheblich schmälerten. Die Trockenheit in diesem Jahr wirkte sich unterschiedlich aus: Die einen ernteten dank fleißigen Gießens Badewannen voll mit Rucola, bei anderen gab es so gut wie kein Beerenobst, bei einer Freundin so viele Pflaumen, dass ein dicker Ast abbrach, bevor sie ihn abstützen konnte.

Bauern, die nennenswerte Mengen an Weizen anbauten und genug Platz in ihrer Scheune hatten, brachten ihre Ernte nicht gleich zur Mühle, wie die meisten, sondern lagerten sie einige Wochen zwischen – bis der Weizenpreis sich „wieder erholt“ hatte. Das war vor dem Internetzeitalter. Heute ist das Geschäft globalisiert: Schon Monate vor der Ernte müssen die Anbauer Kontrakte auf der Getreidebörse „aushandeln“. Aber dennoch müssen sie noch immer entscheiden, wann der beste Zeitpunkt für den Verkauf ihrer Ernte ist. „Wir beobachten die Getreidebörse genau,“ meinte eine Bäuerin, „doch wenn der Preis nach unserem Verkauf noch steigt, darf man sich nicht darüber ärgern. Dann ist das eben so.“ Ein bißchen so wie mit dem Wetter?

In Italien habe ich erlebt, wie sich alle auf die ersten Tomaten freuten, aber dann wurden es immer mehr – und sie mußten auf verschiedene Weise haltbar gemacht werden. Schließlich konnte keiner mehr Tomaten sehen, geschweige denn essen. Ähnlich war es danach mit den Eßkastanien. Das ist eine richtige Kultur, mit besonderen Lagerplätzen in den Scheunen. Es gibt zig Zubereitungsarten, aber irgendwann ekelt man sich schon vor dem Geruch von Eßkastanien. Zwar werden immer noch mehr als genug geerntet, aber die letzten großen Bäume, die von den einstigen Eßkastanienhainen übrig geblieben sind, werden heute als Naturdenkmäler geschützt.

Das Haltbarmachen der Früchte nach der Ernte ist aufwendig: Tagelang wird entkernt, gewaschen eingekocht, aus Pflaumen im Backofen Mus gemacht und vor allem getauscht: Äpfel gegen Birnen, Salat gegen Beeren usw.. Danach, wenn alle alles im Überfluß haben, wird es im Verwandtenkreis verschenkt und schließlich selbst wildfremden Leuten geradezu aufgedrängt – mit Bemerkungen wie „Das verfault ja sonst. Wär doch schade drum“. Kürbisse sehen im Garten schön aus, aber einer reicht für die ganze Familie. Die Pachtobstbäume an den Alleen trugen heuer wegen der Trockenheit nur wenig, aber keiner wollte selbst die wenigen Äpfel oder Birnen haben. Aus „mundraub.org“ findet man Karten, wo überall in Mitteleuropa welches „herrenlose Obst“ geerntet werden kann. Bis jetzt sind dort 55.730 „Fundorte“ verzeichnet. Bei der Ernte soll man möglichst die Bäume gleich pflegen.

Der Erntedank gilt also erst einmal den Anbauern selbst: Gottseidank sind sie mal wieder alles losgeworden – und haben auch genug Vorräte für sich angelegt. Als nächstes dürfen sie dem Allmächtigen oder wenigstens dem Wettergott und hilfreichen Nachbarn danken. Wenn alle Bücklinge getan sind, darf man getrost ein Fest feiern – und ein bißchen fachsimpeln oder etwas angeben.

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Kleine Erdbewegungen

An der deutsch-holländischen Grenze hielt ein älterer Holländer mit Fahrrad an, auf seinem Gepäckträger hatte er eine Kiste mit Erde. Die Zöllner fragten ihn, ob er etwas zu verzollen habe, was der Mann verneinte. Nachdem er jedoch mehrmals die Grenze überquert hatte durchsuchten sie die Kiste mit Erde und schauten sich auch sein Fahrrad genau an, fanden aber nichts. Das ging so eine ganze Weile, schließlich hielt es ein junger Zöllner nicht mehr aus und sagte zu dem Mann: „Wir wissen, dass Sie etwas schmuggeln. Bitte verraten Sie mir doch: was, ich werde es für mich behalten. „Fahrräder!“ sagte der Holländer.

In Berlin gründeten einige Kenianer ein „On Bidong“, eine Art Bank: Jeder gab allmonatlich 20 Euro in eine Kasse und wenn jemand ein Geschäft gründen wollte, konnte er das Geld beanspruchen. Eine gute Idee, aber dann passierte es, dass einer ihrer Freunde starb und in der Heimat „in roter Erde“ beerdigt werden wollte. Die Überführung seiner Leiche in einem Holzsarg, der noch einmal in einem Zinksarg steckte, kostete mehr als die „On Bidong“-Leute in der Kasse hatten. Sie zahlten dennoch alle Kosten der Überführung und fingen wieder von vorne an zu sparen.

Etwas anderes dachten sich die Freunde von Jakov Blau in Odessa aus: Er war in den Achzigerjahren ausgewandert und hatte sich in Lyon niedergelassen. Als er alt wurde, wünschte er sich, ebenfalls in der Heimat beerdigt zu werden. Eine Überführung seiner Leiche nach Odessa war jedoch zu teuer, auch wußte er nicht, ob man ihm das überhaupt genehmigen würde. Aber dann hielt Putin 2022 eine „Peter-der-Große-Rede“, in der es ihm um „russische Erde einsammeln“ ging. Jakov Blaus Odessaer Freunde brachte das auf die Idee, ihm regelmäßig Pakete mit billigen Odessaer Souvenirs zu schicken, die sie statt in Papier in Erde packten. Ihre Idee funktionierte und Jakov Blau war auch einverstanden damit (viele russische Exilierte haben sich eine Handvoll russische Erde auf ihr Grab in der Fremde werfen lassen). Fortan kamen regelmäßig Pakete mit Erde bei Jakov Blau an, die er in seiner Wohnung stapelte.

Noch lebt Jakov Blau, aber die Geschichte geht noch weiter: Ich besuchte den umtriebigen Unternehmer Juri Sergienko in Perm, den ich kurz nach der Wende bereits als russischen Partner der DDR-Pipelinebaufirma GABEG kennengelernt hatte. Die Firma war für drei Abschnitte der Gaspipeline (die von Sibirien über die CSSR bis in die DDR reichte) verantwortlich: in der Ukraine, bei Moskau und im Oblast Perm. Der neureiche Sergienko hatte mit einigen Unternehmerfreunden ein nicht-öffentliches Restaurant in Perm gegründet, wohin er mich einlud. Nach einigen alkoholhaltigen Erfrischungsgetränken erzählte ich ihm Jakov Blaus Erdgeschichte, wobei ich erwähnte, dass er und seine Odessaer Freunde damit den KGB bzw. den Nachfolger FSB ausgetrickst hätten. Zu meiner Überraschung verwahrte sich Sergienko entschieden gegen jeden Witz über den KGB, vor allem aus deutschem Mund. Er stand auf, zahlte unser beider Zeche und ging.

Zurück in Berlin erfuhr ich von einem russophilen Freund eine weitere Erdbewegungsgeschichte. Sie spielte sich auf der Insel Walaam im Ladogasee bei Petersburg ab. Der See ist der größte Europas und die Insel Walaam (Teil eines Archipels) war ein großer nackter Felsen auf der einst ein orthodoxes Kloster gebaut wurde und drum herum etliche Kirchen und Kapellen. Die Gläubigen, die dort über Jahrhunderte hinpilgerten, brachten alle einen Sack Erde mit, worauf die Mönche Blumen und Gemüse pflanzten. Nach der Revolution wurde aus der Insel ein Straflager und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Siedlung für Kriegsversehrte. Ab 1990 übernahm die orthodoxe Kirche wieder die Insel und belebte auch das Kloster neu, zu dem nun auch der ehemalige KGB-Offizier Putin gerne hinpilgert.

In dem Buch „Nachruf aufs Paradies“ von Lutz Dursthoff über „Meine Frau, unsere russische Datscha und ich“ (2024) las ich später, dass der Kölner mit seiner aus Russland stammenden Frau ein Haus in einem Dorf nahe der weissrussischen Grenze besitzt (oder bis zum Ukrainekrieg besaß) und dass die beiden einmal mit dem Schiff von Petersburg aus die Klosterinsel besucht hatten. Dort sahen sie, dass man inzwischen noch mehr Erde auf die Insel getragen hat: „ausreichend für einen dichten Fichtenwald“.

Der Berliner Künstler Alexander „Xandi“ Krohn erzählte mir, dass ihn einmal ein Freund gebeten hatte, ihm für seine Tochter „gelben Wüstensand“ aus Australien mitzubringen. Für die zwölf Kilo musste Xandi Übergepäck bezahlen, aber das war ihm das Geschenk wert. Als dann jedoch ein anderer Freund von ihm starb, ein Australier, der als Musiker im Prenzlauer Berg gelebt hatte, erbat Xandi sich das Säckchen mit Sand zurück, um es dem Toten mit ins Grab zu geben. Und so geschah es dann auch.

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Kartoffeln

Wenn man in Rom eine Kartoffel mit der rechten Hand über die linke Schulter in den Trevi-Brunnen wirft, dann sollen angeblich alle Wünsche wahr werden. Dieser Aberglaube wird von der Stadtverwaltung quasi wissenschaftlich, genauer gesagt: volkswirtschaftlich aufgefangen, indem man die 200.000 Kilogramm, die Bedienstete jährlich aus dem Brunnen fischen, verkauft. Siehe dazu auch „Macht und Magie in Italien“ von Thomas Hauschild – eine ethnologische Studie, die sich bemüht, die Aufklärung nicht gegen den Aberglauben ins Feld zu führen. So wie es z.B. noch Friedrich Engels tat, als er sich 1878 kurz der „Geisterwelt“ zuwandte. Er war noch äußerst optimistisch, dass die aufklärerisch-wissenschaftliche Arbeit diesem Spuk früher oder später ein Ende bereiten würde: „Hat es aber schon die Arbeit von Jahrtausenden erfordert, bis wir einigermaßen lernten, die entferntern natürlichen Wirkungen unsrer auf die Produktion gerichteten Handlungen zu berechnen, so war dies noch weit schwieriger in bezug auf die entfernteren gesellschaftlichen Wirkungen dieser Handlungen.“ Dazu erwähnt Engels den Anbau der Kartoffel in Europa „und in ihrem Gefolge die Ausbreitung der Skrofeln.“ Dabei handelte es sich um leichte Vergiftungen, hervorgerufen durch den Verzehr der grünen Teile von Kartoffelpflanzen: Die Forschung hat dieses anfangs aus Unkenntnis entstandene Problem schnell beseitigt. (1)

Danach stand dem massenhaften Anbau und Verzehr von Kartoffeln in Europa erst einmal nichts mehr im Weg. Um auf den unterschiedlichen Schwierigkeitsgrad von „natürlicher“ und „politischer Ökonomie“ zu sprechen zu kommen, fragte Engels weiter: „Was aber sind die Skrofeln, gegen die Wirkungen, die die Reduktion der Arbeiter auf Kartoffelnahrung auf die Lebenslage der Volksmassen ganzer Länder hatte, gegen die Hungersnot, die 1847 im Gefolge der Kartoffelkrankheit Irland betraf, eine Million fast nur kartoffelessender Irländer unter die Erde und zwei Millionen über das Meer warf?“ (2)

Dagegen helfe nur die Organisierung der Massen und mit Hilfe des wissenschaftlichen Sozialismus der Klassenkampf. Aber erst einmal wurde dann der Kartoffelkäfer zum Problem. Während die Kartoffel aus Südamerika stammt, kommt der Käfer aus Nordamerika, genauer gesagt: aus Colorado, weswegen man ihn in den USA auch „Colorado Beetle“ nennt. Seine ursprüngliche Nahrungspflanze war die Büffelklette (Solanum rostratum), die auch zur Familie der Nachtschattengewächse gehört. Den Übergang auf die Kartoffel ermöglichte ihm das Vordringen der weißen Siedler, die Kartoffeln aus Europa mitbrachten und anbauten, „so wurde dem Käfer seine neue Nahrungspflanze praktisch entgegengebracht“, heißt es bei Wikipedia. In Europa hatte der Kartoffelkäfer keine natürlichen Fressfeinde, seine Warnfarben schützten ihn. Erst in den letzten Jahrzehnten begannen einheimische Vogelarten, u.a. Fasane, den Kartoffelkäfer als Beute anzunehmen. Vor allem versucht man, der Käferplage durch Chemikalien und eine gezielte Infizierung der Käfer mit dem Bacillus thurengiensis Herr zu werden. Auf kleineren Feldern wird er auch heute noch meist per Hand aufgelesen und vernichtet.

In der Weimarer Republik behauptete die deutsche Propaganda in einem Merkblatt, dass die Kartoffelkäferplage vom Erzfeind Frankreich verursacht worden sei. Im Zweiten Weltkrieg behauptete die Nazi-Propaganda, dass die Amerikaner Kartoffelkäfer als biologische Waffe einsetzen würden, indem sie sie über deutsche Felder abwürfen. Als um 1950 herum fast die Hälfte aller Kartoffelfelder in der DDR vom Kartoffelkäfer befallen wurde, machte die staatliche Propaganda erneut die Amerikaner dafür verantwortlich. Gleichzeitig mobilisierte die Regierung alle Schüler und Studenten, um den „Amikäfer“ und seine Larven auf den Feldern abzusammeln. Unterdes forderte die amerikanische Regierung von der Bundesrepublik Deutschland, propagandistische Gegenmaßnahmen zu unternehmen. Diese beschloss daraufhin einen Postversand an sämtliche Gemeinderäte der DDR und den Ballonabwurf von Kartoffelkäferattrappen aus Pappe mit einem aufgedrucktem „F“ für „Freiheit“. Die etwas unglückliche Aktion bestärkte die DDR noch in ihrer Annahme, es mit einer großangelegten US- bzw. Nato-Sabotageaktion zu tun zu haben, die darauf abzielte, eine Hungersnot in den sozialistischen Ländern herbeizuführen. Auch Polen wurde 1950 von einer Kartoffelkäferplage heimgesucht: „Unerhörtes Verbrechen der amerikanischen Imperialisten“, titelte im Mai des selben Jahres die „Trybuna Ludu“. Bis dahin war man dort davon ausgegangen, dass die deutsche Wehrmacht 1939 den Kartoffelkäfer in Polen eingeschleppt hatte. Die Deutschen hatten dort zuvor, im 18 Jahrhundert, schon die Kartoffel eingeführt, weswegen man sie in Polen auch „Berliner“ nannte. 1950 wurde nun ebenfalls das halbe polnische Volk mobilisiert, um der Kartoffelkäferplage Herr zu werden. Bereits 1946 war dazu eine Kampfschrift: „Der Kartoffelkäfer – ein bunter Saboteur“ von Irena Ruszkowska veröffentlicht worden. (3)

2001 stand die Kartoffel in Polen erneut im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Die Danziger Künstlerin Julita Wojcik hatte eine Performance in einer Warschauer Galerie angekündigt, die darin bestand, dass sie 50 Kilogramm Kartoffeln schälen wollte. Das sei keine Kunst, wurde ihr daraufhin vorgeworfen, ihr gehe es nur um den Skandal, denn „nach der Performance würden die Kartoffeln nicht verzehrt, es handle sich also um Verschwendung und Rowdytum,“ schreibt Sebastian Cichocki in „Alphabet der polnischen Wunder“. 2006 wurde der polnische Präsident Lech Kaczynski von der Berliner tageszeitung mit einer Kartoffel verglichen, woraufhin dieser eine offizielle Entschuldigung von Deutschland, mindestens von der tageszeitung verlangte. Das tat der taz-Journalist, Peter Köhler, auch – allerdings nicht beim Präsidenten, sondern bei der Kartoffel.

2007 wurde in Deutschland die Sorte „Linda“ zur Kartoffel des Jahres erklärt. Es gibt sie seit 1974, kreiert hat sie das Pflanzenzuchtunternehmen „Europlant“, das 2004 den Sortenschutz, der bis 2009 gültig war, an das Bundessortenamt zurückgab, weil die Firma inzwischen eine neue Sorte gezüchtet hatte, die ihr noch profitabler als „Linda“ dünkte. Die Kartoffelanbauer, aber auch viele Konsumenten, die sich inzwischen an Linda gewöhnt hatten, protestierten dagegen. Im Kartoffelanbaugebiet Lunestedt, zwischen Bremen und Hamburg gelegen, sowie in Barum bei Lüneburg gründete sich zur Rettung der alten Sorte erst ein regionaler „Linda-Freundeskreis“, der sich bemüht, sie wieder – für viel Geld – zugelassen zu bekommen, nicht nur in Deutschland, und sodann eine bundesweite „Ackerfront“, in der u.a. die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) und der Verband „Bioland“ sowie der Verein „Slow Food Deutschland“ vertreten sind. Die „Ackerfront“ hat nun zusammen mit dem Künstler Torsten Haake-Brandt eine „Hommage an die beste Kartoffel der Welt“ in Form eines Buches veröffentlicht – im Berliner „Karin Kramer Verlag“. Die Autoren stammen zumeist aus Lunestedt und Umgebung: „Kartoffelbauern wie die Familie Wrede, Erntehelfer, Freunde und Liebhaber der Kartoffel. Sie alle leben mit Linda in enger Verbundenheit,“ schreibt Torsten Haake-Brandt im Vorwort. Einer, Jürgen Bahlmann, bezeichnet darin die Züchter von Europlant als „Agrarhampelmänner“ und meint, dass sich ihre Linda-Ersatzsorte „Belana“ wie eine Slipeinlage anhöre. Bis der Streit mit der Firma, die laufend gegen die Linda-Rettungsaktivitäten klagt, ausgestanden ist, hat er für seine Kartoffeln eine „provisorische Insellösung“ – im Blumentopf – gefunden, wie er schreibt und mit Photo beweist. Andere Beiträge beschäftigen sich z.B. mit Kartoffelroder, Kartoffelschälen, Kartoffelschnaps und dem eingangs bereits erwähnten Kartoffelwerfen am römischen Wunschbrunnen.

Bei der „Ackerfront“ und ihren Buchautoren handelt es sich um eine westdeutsche Initiative. Das eigentliche Kartoffelanbaugebiet war jedoch Ostdeutschland: Einmal wegen der sandigen Böden in weiten Teilen des ostelbischen Junkerlandes und zum anderen wegen der großflächigen Anbaumöglichkeiten. Hier galt z.B. der mehrmalige Gutsverwalter und spätere Schriftsteller Hans Fallada als „Kartoffelexperte“ – angeblich konnte er 1000 Sorten auseinanderhalten. Nun macht dort in Brandenburg seit einigen Jahren eine Initiative für „nicht-kommerzielle Landwirtschaft“ (NKL) von sich reden. Sie begann unter der Parole „Kartoffeln für alle!“, wozu u.a. auch solche von der Sorte Linda gehören. Dazu verschickten die Diplomlandwirte von der „Lokomotive Karlshof“ 2006 einen „Aufruf zur Selbstorganisierung“ an rund 200 Wohn- und Landprojekte, um deren Bedarf an Kartoffeln zu erfassen. Sie kamen schließlich auf 4150 Kilogramm, woraufhin sie auf 0,7 Hektar Kartoffeln pflanzten. Mit 50 Helfern ernteten sie dann 4,5 Tonnen. 2007 erweiterten sie wegen des gestiegenen Bedarfs die Anbaufläche auf über einen Hektar, bekamen jedoch Probleme mit dem Kartoffelkäfer. 2008 ernteten sie bereits 15 Tonnen, die Erntehelfer wurden immer weniger, dafür schafften sie sich immer mehr Maschinen an. Ein Teil der Ernte wird in Berlin über sogenannte „Kartoffelcafés“ abgesetzt.

In ihrer Broschüre „NKL – ein Erfahrungsbericht“ heißt es, dass sie über das „Kartoffel-Experiment“ hinausgehen wollen – und müssen: „Schritt für Schritt wollen wir auch diese Herausforderungen angehen und im NKL-Rahmen finanzieren. So läuft gerade eine Finanzkampagne an, um Geld für einen größeren Traktor und weitere Bodenbearbeitungsmaschinen zu organisieren, die wir für die Grundbodenbearbeitung benötigen. Wir glauben, dass das ‚Netz‘ aus vielen es schafft, auch für die nächsten Jahre die Finanzierung in Angriff zu nehmen, und das gibt uns Mut.“ Die Finanzkampagne der NKL besteht im wesentlichen aus Spendenaufrufen

Dazu merkt einer ihrer Erntehelfer aus der Nachbarschaft, dem es ziemlich viel Spaß gemacht hat, mit ca. 20 anderen Kartoffeln aufzusammeln, ausgehend von einem Marx-Zitat, an: „‚An die Stelle des ökonomischen Werts der Dinge als indirekte und feteschistische Vermittlung trete die menschlich-soziale Kommunikation als direkte Vermittlung, die den kapitalistischen Irrationalismus ausschließe‘. Wenn ich das richtig verstanden habe, heißt das, dass sich die Kartoffeln vom Lebensmittel zum Kulturgut verwandeln. Und so hab ich es auch erfahren, die Arbeit verwandelt sich in ein Ferienlager. Das hat was von vorweggenommener Utopie.

Aber ein wenig absurd find ich es doch, wenn den Lebensmitteln, die ich mit produziert habe, auf der einen Seite ihr Geld-Wert entzogen wird, und auf der anderen Stelle, begründet mit der praktischen Kapitalismuskritik, wiederum Geld-Mittel eingeworben werden müssen, um NKL möglich zu machen.“

Ich möchte abschließend dazu bloß noch anmerken, dass die Kartoffel schon bei den Inkas ein „Kulturgut“ war und es erst recht jetzt in Form und Substanz der Sorte „Linda“ ist. Kultur beschränkt sich nicht nur auf die Assoziation von Subjekten, sondern schließt auch die Objekte mit ein, um so mehr, wenn sie – wie in diesem Fall die Kartoffeln – gewissermaßen im Lebensmittelpunkt stehen. Es ist aber noch ein weiter Weg, bis wir wirklich von der Naturgeschichte der Art „Kartoffel“ (Solanum tuberosum) und der Zuchtsorte „Linda“ zur Kulturgeschichte der Kartoffelpflanze Linda als Individuum kommen. Dazu oder dabei müßte erst einmal die Dichotomie von Natur und Kultur (Gesellschaft) und die von Objekt und Subjekt überwunden werden.

Anmerkungen:

(1) Im Internet findet sich dazu die Eintragung: Alle grünen Teile der Pflanze, die Beeren und die am Licht ergrünten Teile der Kartoffel, enthalten das für die Gattung Solanum typische Glyko-Alkaloid Solanin, das eine unangenehme Hautreizung hervorruft, leicht zu verwechseln mit den Skrofeln. Und das neue Gewächs roch in den Blättern anders als die bisher gekannten Pflanzen. Wenn Lager- oder Winterkartoffeln ungeschützt im Freien liegen, so werden sie grün. Nach ein bis zwei Tagen werden sie giftig und können weder gegessen noch verfüttert werden.

„Ein hübscher Knabe namens Brosi besaß einen Raben,/ der hatte aber im Herbst zu viele junge Kartoffeln ins Futter bekommen und war gestorben und … begraben“, schrieb Hermann Hesse. Die Blätter und Knollen sind dann stark blausäurehaltig. Insofern ist verständlich, wenn behauptet wurde, der Genuß der Kartoffeln rufe Aussatz, eine der gefürchteten Krankheiten jener Zeit, hervor. Sicherlich hat eine Rolle gespielt, die Knollen zwar zu kochen, aber nicht zu schälen oder zu pellen. Kartoffeln wurden auch in Preußen-Brandenburg verantwortlich gemacht für Gicht, Bleichsucht, Hautausschläge und Rheumatismus sowie für andere Krankheiten.

Karl Marx diskutierte das Kartoffelproblem etwas anders: „die Kartoffel, die Baumwolle und der Branntwein sind Gegenstände des allgemeinsten Gebrauches. Die Kartoffeln haben die Skrofeln erzeugt; die Baumwolle hat zum großen Teil die Schafwolle und das Leinen verdrängt, obwohl Leinen und Schafwolle in vielen Fällen von viel größerem Nutzen sind, sei es auch nur in hygienischer Beziehung. Endlich hat der Branntwein über Bier und Wein gesiegt, obwohl der Branntwein als Genußmittel allgemein als Gift anerkannt ist. Während eines ganzen Jahrhunderts kämpften die Regierungen vergeblich gegen das europäische Opium; die Ökonomie gab den Ausschlag, sie diktierte dem Konsum ihre Befehle. Warum aber sind Baumwolle, Kartoffeln und Branntwein die Angelpunkte der bürgerlichen Gesellschaft? Weil zu ihrer Herstellung am wenigsten Arbeit erforderlich ist und sie infolgedessen am niedrigsten im Preise stehen. Warum entscheidet das Minimum des Preises in bezug auf das Maximum der Konsumtion? Vielleicht etwa wegen der absoluten Nützlichkeit dieser Gegenstände, wegen der ihnen innewohnenden Nützlichkeit, wegen ihrer Nützlichkeit, insofern sie auf die nützlichste Art den Bedürfnissen des Arbeiters als Mensch und nicht des Menschen als Arbeiter entsprechen? Nein – sondern weil in einer auf das Elend begründeten Gesellschaft die elendesten Produkte das naturnotwendige Vorrecht haben, dem Gebrauch der großen Masse zu dienen. (aus: „Das Elend der Philosophie“)

(2) Die Kartoffelkrankheit „Braunfäule“ ist ein mit der Kartoffel aus Südamerika eingeschleppter Schmarotzerpilz, der zwischen 1845 und 1850 nahezu alle in Europa angebauten Kartoffeln erfaßte. „Als wirksamstes Mittel gegen den Pilz hat sich das zwei- bis dreimalige Bespritzen der Pflanzen mit einer fein zerstäubten Kupfervitriolkalklösung (Bordelaiser Brühe) bewährt,“ schreibt Meyers Lexikon. 2002 gelang Forschern des Max-Planck-Instituts für Züchtungsforschung in Köln die Isolierung eines Gen, das Kartoffeln vor dieser sog. „Kraut- und Knollenfäule“ schützt: Das zum Resistenz-Gen R1 gehörende Protein alarmiere die Kartoffelzellen, wenn eine Pilzspore eindringe. Weltweit richtet der Erreger der Ernteschäden von rund zwei bis drei Milliarden Euro jährlich an. Unter Leitung von Christiane Gebhardt sei es dem Kölner Forscherteam gelungen, das Gen R1 auf dem fünften von zwölf Chromosomensträngen der Kartoffel aufzuspüren und zu isolieren, teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit. Das Gen codiere ein Protein von etwa 1300 Aminosäuren, die im Fall von Eindringlingen eine hypersensitive Reaktion in der Pflanzenzelle auslösten. Die Zellwände würden dicker, so dass sich die Pilzsporen nicht ablagern könnten. Außerdem stoße die Zelle Stoffe aus, die für den Erreger (Phytophthora infestans) giftig sind. Mit dem isolierten Gen hätten die Wissenschaftler nun „eine Art Prototyp“ in der Hand, erklärte der MPI-Mitarbeiter Agim Ballvora. Im Erbgut der Kartoffel lägen mehrere andere Resistenzgene in unmittelbarer Nähe, darunter Gene zur Abwehr des Fadenwurms (Globodera). „Wir hoffen, dass die verschiedenen Resistenzgene eines Tages so weit erforscht sind, dass wir den gesamten Abwehrmechanismus der Kartoffel verstehen und für die Entwicklung neuer Sorten nutzen können“, sagte Ballvora.

(3) An einer Stelle geht es darin um einen Lehrer, der die Kinder und Erwachsenen über die mit der US-Sabotageaktion verbundenen Gefahren aufklärt, um sie zum Kampf gegen die Kartoffelkäfer zu motivieren: „Wenn der Feind die Oberhand gewinnt, wird die Kartoffel vielleicht eines Tages zu einer Delikatesse, die nicht für jedermann erschwinglich ist, so wie Orangen oder Bananen.“ In der DDR veröffentlichte die DEWAG Werbung 1950 eine Broschüre „Arbeiter und Bauern, seid wachsam. Kartoffelkäfer entlang der Bahn und Strassen“. Das bezog sich vor allem auf den sächsischen Landkreis Bautzen. Dazu waren auf einer Karte alle Befallstellen von Kartoffelkäfern in diesem Kreis mit roten Punkten verzeichnet worden.

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Florale Gefühle

1926 kam nach vierjähriger Produktionszeit der Film „Das Blumenwunder“ in die Kinos – und begeisterte die Künstler und Philosophen. Man sprach von einem „Biologischen Kino“. Gedreht wurde der mit einem Orchester musikalisch untermalte Stummfilm auf dem Versuchsgelände „Limburger Hof“ der BASF. Der Vorsitzende des Chemiekonzerns, Carl Bosch, war Hobbybotaniker und seine Firma hatte gerade einen Volldünger – „Nitrophoska“ – auf den Markt gebracht. Der Film war als Werbemaßnahme gedacht, denn der neue Kunstdünger mußte bei den Bauern erst noch durchgesetzt werden.

Inzwischen ist dies fast flächendeckend geschehen, die Biermösl Blosn singen: „Gott mit dir, du Land der Baywa [ein bayr. Agrargroßhändler], deutscher Dünger aus Phosphat / Über deinen weiten Fluren liegt Chemie von fruah bis spaat / Und so wachsen deine Rüben, so ernährest du die Sau / Herrgott, bleib dahoam im Himmi, mir hom Nitrophoska blau.“

In der Programmzeitschrift für das „Das Blumenwunder“ hieß es: „Stickstoff hin Stickstoff her, Werbezweck hin, Werbezweck her, hier war Höheres zu sehen.“ Und das sahen dann auch nach kurzer Zeit über 70.000 Kinobesucher so. Am Anfang werden einige im Garten spielende Mädchen von einer Frau, „Flora“ persönlich, darüber belehrt, dass man aus Gedankenlosigkeit und Gewalttätigkeit keine Pflanzen ausreißen darf.

Der philosophische Anthropologe Max Scheler schrieb seiner Frau, er hätte im Kino fast geweint: „man sieht die Pflanzen atmen, wachsen und sterben. Der natürliche Eindruck, die Pflanze sei unbeseelt, verschwindet vollständig. Man schaut die ganze Dramatik des Lebens – die unerhörten Anstrengungen.“

Der andere philosophische Anthropologe Helmuth Plessner war da gegenteiliger Ansicht: „Natürlich macht es Eindruck, wenn man im Film die Bewegungen etwa einer Ranke oder Winde“ sieht. Aber dabei eine Empfindungsfähigkeit zu unterstellen, sei grundsätzlich ein „Verrat am Wesen der Pflanze“. (Der Geobotaniker Hansjörg Küster hält noch heute die Pflanzen für gänzlich „willenlos“.)

Ähnlich sah das auch der Lebensphilosoph Ludwig Klages. Er sprach von einer „Sachverhaltsfälschung“, „wenn im zeitverdichtenden Laufbild die Tabakspflanze hastig in die Höhe schießt und Wurzeln schlangenartig auseinandergleiten…“ Wie wir ja wüßten, liegt der Zeitballung wie Zeitzerdehnung eine „Loslösung der metrischen Zeit von der Wirklichkeitszeit zugrunde.“ Klages konstatiert daher eine „Wesensverfehlung“ in den zeitgerafften Pflanzenbewegungen.“

Für Walter Benjamin waren diese Photos und Filme von Pflanzen dagegen eine willkommene „Erweiterung des Blicks“, mit dem die gezeigten „Formen den Schleier, den unsere Trägheit über sie geworfen hat, von sich abtun.“ Er schrieb: „Ob wir das Wachsen einer Pflanze mit dem Zeitraffer beschleunigen oder ihre Gestalt in vierzigfacher Vergrößerung zeigen – in beiden Fällen zischt an Stellen des Daseins, von denen wir es am wenigsten dachten, ein Geysir neuer Bilderwelten auf.“

Aus einem ganz anderen Grund davon begeistert war der Biosoph Ernst Fuhrmann, der nicht nur ausführlich „Das Blumenwunder“ würdigte, sondern auch selbst – gestützt auf die gleichermaßen botanischen wie künstlerischen Aufnahmen zweier Fotografen – eine illustrierte Reihe mit Monographien einzelner Pflanzengruppen, „Die Welt der Pflanze“ betitelt, herausgab, daneben den Bildband „Die Pflanze als Lebewesen“. Sie sollten helfen, „sich auf das Wesen der Pflanze zu konzentrieren.“

Für den Schriftsteller Franz Jung bedeuteten seine Arbeiten eine „Bloßlegung der geheimen Fäden, die Mensch, Tier und Pflanze verbinden.“ Alfred Döblin rezensierte Fuhrmanns Fotobuch in der „Frankfurter Zeitung“, wobei er erwähnte, auch selbst vom „Blumenwunder“-Film beindruckt worden zu sein. Danach habe er sich gefragt: „Was soll man jetzt machen? Tiere kann man nicht essen, nun sind auch noch die Pflanzen lebendig, jetzt fürchte ich mich, in ein Kohlblatt zu beißen.“

Tatsächlich zeigte das Haus der Kulturen der Welt in Berlin 2012 im Rahmen seiner Ausstellung „Animismus – Revisionen der Moderne“ einen sowjetischen Film, in dem ein Weißkohl zerschreddert wurde, während ein anderer Kohlkopf neben ihm, an eine Art Lügendetektor angeschlossen, die heftigsten Reaktionen zeigte. Sie ließen sich als Todesangst deuten. Ironischerweise fand dort im Haus zur selben Zeit ein Kongreß statt, auf dem die Tierrechtsaktivistin Hilal Sezgin bei der Frage „Was soll man jetzt machen?“ auf ihre vegetarische Lebensweise zu sprechen kam, die sie damit begründete, dass Pflanzen „keine Gefühle“ hätten. Im Gegensatz zu Tieren. Sie stieß mit dieser Meinung bei den Zuhörern auf heftigsten Widerstand.

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Lachende Wiesen

Auf einer wunderschönen Wiese in der Rhön fanden manchmal Lesungen statt. Ich las dort zuletzt einen Text über „Lachende Wiesen“: Wir können uns keine „lachende Wiese“ mehr vorstellen. Sie ist über Homer und dann das latinisierte Griechisch, schließlich das christianisierte Latein zu uns gelangt – als Paradebeispiel für eine Metapher. Den Poetiken und Rhetoriken des Mittelalters galt ihr Lachen als „uneigentliche Rede“, dahinter verbarg sich die „eigentliche“: eine blühende Wiese. Der Philosoph Friedrich Kittler erklärte dazu in einer seiner Vorlesungen über Griechenland:

„Daß Odysseus und seine Gefährten auf dem Schiff guten Grund hatten, jedem Schluck Süßwasser als einer göttlichen Nymphe oder Muse zu danken, fiel faulen dicken Mönchen, diesen Gefangenen in Kloster- und Universitätszellen, nicht mehr ein. Hinter der Harmlosigkeit lachender Wiesen verbargen sich also die schönen, für Christen jedoch bedrohlichen zwei Möglichkeiten, daß entweder die Götter auf Wiesen anwesend oder aber die heidnischen Dichter Wiesen zu Göttinnen verzaubern können.“

Und so wurden aus den Nymphen, den jungen Mädchen – als Personifikationen von Naturkräften, bloße Metaphern. Ähnliches geschah mit der griechisch-heidnischen „Mimesis“ – Nachahmung, das die Scholastiker mit „imitatio“ bzw. „repraesentatio“ übersetzten – was bei Thomas von Aquin z.B. heißt, daß jemand (ein Dichter) etwas (z.B. eine Metapher) für jemand (einen Hörer oder Leser) darstellt. Was bedeutete nun aber „Mimesis“ ursprünglich? Dazu wieder Kittler:

„Denken Sie von den Göttern nicht zu abstrakt…Ohne Götter, die miteinander schlafen, gäb es keine Sterblichen, ohne Eltern, die miteinander Liebe machten, keines von uns Kindern. So bleiben einzig Dank und Wiederholung. Nichts anderes heisst bei den Griechen, solang sie dichten, Mimesis, Tanz als Nachvollzug der Götter“ bzw. „göttlicher Liebestaten“.

Denn auch beim Geschlechtsverkehr ahmen wir laut Kittler die Götter nach. Er erwähnt dazu einen Song von Jimmy Hendrix: „And the Gods made love“. Die Popstars haben uns seiner Meinung nach die Götter wieder nahegebracht. Bei einem Popkonzert in Kopenhagen z.B. brachte ein Junge seine Freundin anschließend Backstage zum Sänger: „Der hat die Nacht mit ihr verbracht und am nächsten Tag ging die Liebe zwischen dem Mädchen und ihrem Freund weiter.“ Ähnliches passierte 1986 laut dem Musikkritiker Mießner auch der Punkband „Freygang“ nach einem Konzert in Bitterfeld. Für Kittler sind das Beispiele „einer uneifersüchtigen Variante des Amphytrion-Stoffes, so wie auch Amphytrion nicht ernsthaft zu Alkmene sagen kann: ‘Ich verbiete dir, mit Zeus zu schlafen!’“

Als die Wiesen noch lachten – zu Beginn unserer Zivilisation – war noch alles voller Götter und Göttinnen, Musen, Nymphen, Halbgötter und Heroen. Umgekehrt konnten alle Götter sich in Tiere, Menschen, Pflanzen, Wolken, Stürme und Nebel verwandeln – wenn es z.B. galt, ein Jungfrau zu verführen: aus Lust und um neue Helden zu zeugen. Bei dem „musenverlassensten Volk Europas“, den Römern, wurden die Götter erst entsexualisiert und schließlich im Christentum auf Einen reduziert.

Bei den Griechen waren Mensch und Tier noch ungetrennt: „zoon“. Der Begründer der modernen Zoologie – Jean-Baptiste de Lamarck – postulierte 1809 in seiner „Philosophie zoologique“: An der Komplexität heutiger Lebewesen könne man abschätzen, wann sich deren Urzeugung vollzogen hat. Was bedeutet, dass der Mensch als das Lebewesen mit der höchsten Komplexität, das älteste Lebewesen auf der Erde wäre.

In der Bibel ist dagegen das Wiesengras sehr viel älter als der Mensch, denn dieser wurde erst an Gottes letztem Werktag geschaffen – indem er ihn sich, wie überhaupt die ganze Welt, einfach vorstellte und wollte – nämlich: „Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“

Nun gibt es schon lange keine Griechen mehr, wohl aber noch Reste von anderen heidnischen Völkern, die manchmal nur noch ein Dutzend Menschen umfassen. Was sie jedoch eint, ist ein anderes Weltbild – und damit gegebenenfalls auch ein anderes Verständnis von lachenden Wiesen.

Der brasilianische Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro erklärt uns das so: Im Westen ist ein „Subjekt“ – der herrschenden „naturalistischen Auffassung“ gemäß – „ein ungenügend analysiertes Objekt.“ In der animistischen Kosmologie der amerikanischen Ureinwohner ist laut de Castro das Gegenteil der Fall: „Ein Objekt ist ein unvollständig interpretiertes Subjekt.“

Dass was wir als einen angenehmen Heugeruch wahrnehmen sind die Schmerzensschreie der Wiesengräser.

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Urban Gardening

Schon wieder so ein Angloamerikanismus – warum sagt man nicht Stadtgärtnern? Fragte ich mich, aber dann verstand ich, dass es wie so vieles aus Amerika kommt, wo die Armen in den deindustrialisierten Städten Detroit, Chicago und New York Brachflächen besetzt und mit Gemüse bepflanzt haben. Gleichzeitig bildete sich dort eine „Garden Guerilla“, die sie bei Auseinandersetzungen mit kommunalen und privaten Landbesitzern verteidigte.

Das Urban Gardening geht ideengeschichtlich auf die kalifornische Hippiebewegung zurück, die Anfang der Siebzigerjahre erst Landkommunen gründete und dann auch Gärten in der Stadt anlegte. Ihr „Zentralorgan“ war der 1968 gegründete „Whole Earth Catalogue“. In England entstand die Idee des Guerilla-Gardening: das heimliche Ausbringen von Pflanzensamen und Pilzsporen im öffentlichen Raum. In Berlin meinte kürzlich ein Teilnehmer an einem „Stadtforum von unten“ – zu dem daneben tagenden, quasi offiziellen „Stadtforum von oben“: „Die Planer machen immer top-down-Gärten, wir müssen bottom-up-Gärten machen, d.h. aus grau – Beton – grün.“ Die Initiatoren des größten Berliner Urban Gardening Projekts, des „Prinzessinnengartens“ kamen im Übrigen in Havanna auf die Idee.

Das erste Urban Gardening Projekt entstand in Westberlin genaugenommen auf einem DDR-Grundstück – auf einer kleinen Verkehrsinsel, die beim Mauerbau außen vor gelassen worden war. Mit Erlaubnis der Grenzsoldaten konnten zwei türkische Arbeiter dort 1983 Gemüsegärten anlegen und sich aus Abfallholz sogar zweigeschossige Lauben bauen. Ihre beiden Gärten existieren noch heute. In Ostberlin war es der „Hirschgarten“ in der Oderberger Strasse, auch nicht ganz legal.

Die häufigsten Urban Gardening Projekte in der Stadt – das sind die massenhaft von den Anwohnern begrünten Baumscheiben. Zwar wird manch liebevolle Bepflanzung irgendwann wieder aufgegeben oder zerstört, aber es kommen immer wieder neue dazu. Ihre kleinen Einzäunungen werden verbessert und Sitzbänke drumherum gebaut. Anfangs versuchten die Bezirksverwaltungen diese seltsame Bürgerbewegung noch mit Verfügungen zu stoppen. Aus Treptow hieß es 2010 z.B.: „Diese Begrünungsmaßnahmen mitsamt Umzäunung greifen ins öffentliche Stadtbild ein und stellen Gefahren dar.“ Das könne unter keinen Umständen erlaubt werden. In Neukölln ließ man 2015 rund 60 Baumscheibenbänke entfernen – wegen Lärmbelästigung. Und in Pankow wurde unlängst noch eine ganze Baumscheiben-Bepflanzung von Amts wegen entfernt.

Wenn man wie ich auf der Suche nach allem möglichen Grün in der Stadt ist, werden die Spaziergänge immer länger, gleichzeitig verfeinert sich der Blick. Die hiesige Stadt-Werbung verspricht: „Berlin ist die grünste Stadt Deutschlands.“ Das ist zwar übertrieben, aber tatsächlich stößt man hier ständig auf Büsche, Bäume, Blumen, Rasenflächen und kleine Blumenbeete, auf wunderbare Gärten in Hinterhöfen, auf wahre Dschungel zwischen Gewerbehöfen. Vor den Häusern und Geschäften stehen immer mehr Kübel und Töpfe mit Pflanzen, die Fassaden werden berankt, Balkone bepflanzt, Dächer begrünt. An jedem der hunderttausend Straßenbegrenzungspfähle, Poller genannt, sammelt sich mit der Zeit Erde und Staub und es sprießen irgendwelche Gräser daraus hervor. Manchmal welche mit üppigen Blüten. In feuchten Sommern wachsen sogar in den Ritzen zwischen den Naturpflastersteinen auf den Gehwegen allerlei Gräser. Der Verleger Alexander Krohn gab 2025 in seiner „Distillery Press“ ein Fotobüchlein mit dem Titel „Pflanzen in Ritzen“ heraus. Egal in welche Richtung man geht, irgendwann stößt man immer auf einen kleinen oder großen Park und auf eine Schrebergarten-Kolonie. Letztere weichen allerdings immer öfter Neubauvorhaben.

Wir nähern uns dem moralischen Dilemma allen Gärtnerns: Man möchte eine harmonische Beziehung mit der Natur erreichen – und muß dabei ständig über Leichen gehen. Für den französischen Philosophen Michel Serres sind Pflug und Spaten „Opfermesser“, mit dem alles kurz und klein geschlagen wird, die ganze chaotische Vielfalt, um hernach auf dem sauber geeggten bzw. geharkten Geviert die Homogenität zu zelebrieren, zu züchten: „Wenn die Wut des Messers sich gelegt hat, ist alles bearbeitet: zu feinem Staub geeggt. Auf die Elemente zurückgeführt. Analyse oder: Nichts ändert sich, wenn man von der Praxis zur Theorie übergeht. Agrikultur und Kultur haben denselben Ursprung oder dieselbe Grundfläche, ein leeres Feld, das einen Bruch des Gleichgewichts herbeiführt, eine saubere, durch Vertreibung, Vernichtung geschaffene Fläche. Eine Fläche der Reinheit…Der Bauer und Gärtner, der Priester, der Philosoph. Drei Ursprünge in drei Personen in einer einzigen Verrichtung im selben Augenblick.“ Für Serres ging es nicht darum, die Erde durch Bearbeitung fruchtbar zu machen: „es ging um Ausmerzen, Unterdrücken, Vertreiben, es ging um Zerstören, das Pflugmesser, die Hacke ist ein Opfermesser“. Auch beim Urban Gardening.

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Zäune

Laut Rousseau beginnt das Eigentum mit dem ersten Menschen, der sagt, das ist meins – und die anderen es akzeptieren, dass er einen Zaun zieht oder Grenzpfähle setzt. Der Journalist Christian Semler begleitete einmal eine deutsche Delegation nach Moldawien. Es ging dabei um organisatorisch-materielle Hilfe bei der Sicherung der Grenze gegen Flüchtlinge, die in die EU wollten. Im Gegensatz zu der wachsenden Zahl staatlicher Grenzsperren und Zäune werden auf der anderen Seite, im Privaten, die Einzäunungen jedoch eher weniger. Das fing mit dem Verschwinden von Weidezäunen an, weil die Kühe fortan in großen Laufställen gehalten wurden. Der ehemalige Waldarbeiter Peter Engstler erinnert sich, dass sie früher oft Zaunpfähle hergestellt hatten: „aber ungerne, denn die bringen nichts, weil sie so dünn sind und man so lange braucht, bis man einen Raummeter zusammen hatte, nach dem wir bezahlt wurden. Bei den wenigen Viechern, die heute noch nach draußen auf die Weide kommen, nimmt man meistens zum Einzäunen Pfähle aus Plastik oder Metall.“

Wenn ganze Wohnquartiere eingezäunt werden, spricht man von „Gated Communities“. Auf ihren Zaunpfählen sind mitunter Überwachungskameras montiert. Nicht wenige Sozialforscher gehen davon aus, dass dieses Elend bereits mit der Seßhaftigkeit begann: Während die Nomaden den Raum beherrschten, nahmen die Seßhaften ihn in Besitz, sie zerstückelten und markierten ihn, um ihn aufzuteilen. Anny Milovanoff schreibt in „Die zweite Haut des Nomaden“ (2076): „Der Nomade hält sich an die Vorstellung seines Weges und nicht an eine Darstellung des Raumes, den er durchquert. Er überläßt den Raum dem Raum.“

Berühmt wurden die Kämpfe gegen Einzäunungen in England, als dort das Gemeindeland (die Allmende) privatisiert wurde. „Diggers“ und „Levellers“ nannten sich die Widerständler, die die Zäune und Hecken „ausgruben“ und „einebneten“, daher ihre Namen. Nach dem Ende des DDR-„Volkseigentums“ brachen auch in und um Berlin „Zaunkriege“ aus. Der Staat hatte ganze Seen privatisiert und die neuen Besitzer sie eingezäunt, so dass die in der Nähe Wohnenden nicht mehr im See baden und angeln gehen konnten. Damit wurde ein Gewohnheitsrecht gebrochen. Nachts wurden Zäune entfernt oder Löcher in die Zäune gemacht. Am Liebenberger See, hielten die neuen Besitzer des „Seeschlosses“, die Deutsche Kreditbank (DKB), die Zudringlinge durch „Security-Kräfte“ von der Seenutzung ab. In und um Potsdam, wo um den Zugang zu den privatisierten Seegrundstücken am Heftigsten gestritten wurde, führte ein „Zaunkrieg“ zur Gründung einer Bürgerinitiative gegen die Seeeinzäunung. Nachdem sie drei Mal protestiert hatten, ließ die Stadt mit Baggern Hecken und Zäune auf zwei Grundstücken entfernen.

In der DDR gab es die größte Vielfalt an Grundstückszäunen. Hintergrund dafür war einst die Gründung von Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), dort wurden die landwirtschaftlichen Geräte der LPGen repariert. Im Winter gab es auf den Stationen nur wenig zu tun, deswegen schweißten die Mitarbeiter den Dörflern gerne aus MTS-Beständen an Band- und Muniereisen ihre Privatzäune zusammen, wobei sie deren gestalterische Sonderwünsche – Sonnen, Vögel, Sterne – berücksichtigten. Mit der Zeit wurden die ostdeutschen Zäune in den Dörfern immer künstlerischer, während zuvor mit der Kollektivierung der Landwirtschaft erst einmal tausende von Kilometer Zäune und Hecken niedergerissen worden waren. Noch heute werden diese Zäune alljährlich neu gestrichen, d.h. in Ehren gehalten.

In einigen Regionen Westdeutschlands gibt es staatliche Zuschüsse, wenn die Bürger sich dort beim Einzäunen regionaltypischer Zäune bedienen – in Norddeutschland z.B. für den „Friesenzaun“ und in der bayrischen Rhön für den „fränkischen Gartenzaun“.

Auf Sardinien gab es bis vor kurzem Weideland in Gemeindeeigentum – ohne Zäune. 1975 wurde jedoch ein „Reformgesetz zur Strukturentwicklung“ verabschiedet, das von den Schafzüchtern (Hirten) die Seßhaftwerdung sowie privaten Grundbesitz (mindestens 30 Hektar) verlangte. Die Fördergelder und Kredite mußten sie dann u.a. dazu verwenden, ihre Weiden zu „umzäunen und innen mit Zäunen und Gattern zu unterteilen“ – was einen scharfen Traditionsbruch bedeutete und gleichzeitig vielen armen Hirten die Existenzgrundlage raubte. Dies ließ das Banditentum auf Sardinien erneut aufleben.

Anders auf Korsika: Dort laufen die Schweine und Rinder halbwild herum. Viele Bauern wissen nicht einmal, wie viele sie besitzen. Die Kuhhaltung wird vom französischen Staat subventioniert, deswegen besitzt jeder mindestens ein paar – und sei es nur auf dem Papier. Es sind inzwischen so viele, dass sie alles platt machen – auf der Suche nach Futter. Deswegen fangen immer mehr Leute an, wenigstens ihre Gärten einzuzäunen. Aber die hungrigen Rinder springen selbst über hohe Zäune oder trampeln sie runter.

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Betonplaner

„Es kommt drauf an, was man draus macht!“ diesen alten Werbespruch der Zementindustrie scheint sich die Stadtplanung in Berlin zu eigen gemacht zu haben. Obwohl sie auf Plakaten für ein „Grünes Berlin“ wirbt, gehört sie damit ganz sicher nicht zur „ökologischen Klasse“, wie der Wissenssoziologe Bruno Latour und der Soziologe Nikolaj Schultz die neuen Klimaaktivisten und Umweltschützer in ihrem „Memorandum ‚Zur Entstehung einer ökologischen Klasse‘“ nennen. In Schweden gibt es schon lange „Brukarplanering“: Planung mit und für die Nutzer. Seit Berlin Hauptstadt ist, geschieht hier das Gegenteil: Die Behörden engagieren renommierte Architekten aus dem Ausland.

Vor 1989 wurde bei einem Verkehrsberuhigungsprojekt am Lausitzer Platz in Berlin-Kreuzberg vom Planungsbüro noch eine Anwohnerbefragung durchgeführt. Selbstverständlich kam dabei heraus, dass fast alle Geschäftsinhaber am Platz dagegen waren, weil sie sich vom Autoverkehr mehr Kunden erhofften. Der Platz wurde trotzdem „beruhigt“, denn die Planer von den Grünen meinte, dass ihre Gegner bloß von der CDU aufgewiegelt worden seien.

Nach der Wende konnte man am Invalidenpark in Mitte sehen, wie das plötzlich großdeutsch gewordene Gemüt seine Planungshoheit missbrauchte. Einst diente die Freifläche den Insassen des Invalidenhauses als Nutzgarten. Nun wurde für viel Geld der Zürcher Professor Girot und das Pariser Landschaftsarchitekturbüro atelier Phusis beauftragt, etwas ganz „Schickes“ dort zu planen. Heraus kam eine riesige Raketenabschussrampe aus Beton.

Ähnliches geschah mit dem Besselpark an der Friedrichstraße, benannt nach dem Astronomen F.W. Bessel. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. ließ dort von K.F. Schinkel eine Sternwarte bauen. Schon 1841 war man hier dem Größenwahn verfallen, denn am Gebäude wurde der „preußische Normalhöhenpunkt“ markiert, von wo aus „Berlin Mean Time“ angenommen wurde. Bekanntlich konnte man sich aber nicht durchsetzen gegenüber dem »historischen Nullmeridian« der Seemacht England an der Sternwarte in Greenwich. Das Observatorium wurde nach Babelsberg verlegt, das Gebäude abgerissen.

Erst 1995 legte man dort einen Park an: Rasenflächen mit einem Heckenriegel für Spatzen und fast 100 Kastanienbäumen. Während der Coronajahre wurde er vom Landschaftsarchitekturbüro Rehwaldt „aufwändig revitalisiert“, d. h. in ein „lebendiges und attraktives Parkareal umgestaltet“ – mit vielen „Sichtachsen“ aus Beton. Eine blühende Brachfläche nebenan wurde gleich ganz zubetoniert. Die Hecke entfernte man zugunsten eines halbmeterhohen Betonriegels (mit eingravierten Wörtern wie „Glück“, „Erfolg“ etc.), weil die Anwohner angeblich Angst gehabt hätten, im Dunkeln an der Hecke vorbei zu gehen. Die Planer „gestalteten“ auch den daran anschließenden zugepflasterten Platz vor der Akademie des Jüdischen Museums.

Das alles ist Teil einer Gentrifizierung dieses türkisch-proletarischen Gebiets mittels Eigentumswohnungen, Fahrradläden und Medienunternehmen. Alles vom Feinsten. Im Zentrum befindet sich der „soziale Brennpunkt“ Mehringplatz vor dem U-Bahnhof Hallesches Tor. Zur „Quartiersaufwertung“ wurde 2006 das Ende der Friedrichstraße bis zum Mehringplatz als illuminierter „Pfad der Visionäre“ mit Vorbildfunktion verlängert. 2014 gewannen die Büros Arge Lavaland GmbH und TH Treibhaus das Wettbewerbsverfahren für die Neugestaltung des Mehringplatzes, wofür man dann neun Jahre brauchte – bis 2023. So lange war der Platz eingezäunt. Wieder wurde vor allem mit Beton „revitalisiert“, wobei sie den geraden Fußweg vom „Pfad der Visionäre“ bis zum U-Bahnhof mit einer kleinen Betonmauer versperrten und den Weg 30 Meter weiter nach rechts verlegten. Schon kurz nach der Eröffnungsfeier wurde das von den Nutzern korrigiert: Sie stiegen über das Mäuerchen und gingen über den Rasen. Jetzt ist dort ein Matschweg.

Weil von oben derart dumpf-autoritär geplant wird, findet man solche eigenmächtigen „Nutzungsspuren“ überall: an der Humboldt-Bibliothek am Tegeler Hafen, im Volkspark Wilmersdorf, am Antonplatz in Weißensee usw.. Es handelt sich dabei um abkürzende Trampelpfade über Rasenflächen, weil die angelegten Beton- oder Steinplatten zu umwegig sind. Mit »Brukarplanering« hätte es intelligentere Lösungen geben können, aber das hätte Sozialforschung statt Beton erfordert.

P.S.: Es gibt ein hervorragendes Buch zum Thema „Beton“ – von Anselm Jappe, der sowieso interessante Bücher schreibt.

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Berliner Forschung

Gelegentlich fahren Busse durch die Stadt, auf denen Tierschützer für ein Verbot von Tierversuchen werben. Ein andern mal wirbt ein Pharma- oder Kosmetikkonzern für ein neues Produkt. Der BVG ist es egal, ob für oder gegen Tierversuche geworben wird, beide zahlen das Selbe. Früher protestierten die Tierschützer noch leibhaftig am Steglitzer „Mäusebunker“ der FU, in dem bis 2020 Versuchstiere gehalten wurden. „Die Zeit schrieb: „Für Tierversuche kann man keine Sympathie erwarten. Sie finden in einer Parallelsphäre von Labors und Instituten statt, mit der kaum ein Laie je in Berührung kommt. Auch wer sie im Prinzip für nötig hält, will es wahrscheinlich gar nicht so genau wissen. Von den millionenfachen Experimenten profitieren wir lieber stillschweigend, als uns mit einem ethischen Dilemma zu belasten“.

Inzwischen gibt es eine Kampagne „Rettet den Mäusebunker“, initiiert von Architekten, die dieses „Schlüsselwerk des Brutalismus“ erhalten wollen – nun für „Kreative“ statt für Versuchstiere. Für letztere gibt es mehrere neue „Mäusebunker“ in Berlin-Buch. Dort werden allein im Max-Delbrück-Centrum durchschnittlich 105.403 Tiere pro Jahr vernutzt. Daneben gibt es auch noch den Charité-Campus Buch, wo man die Wirt-Virus-Beziehung bei Vampirfledermäusen erforscht, die mit einem neuartigen Morbillivirus infiziert wurden.

In der Krebsforschung sind Onkomäuse beliebt. Es sind gentechnisch modifizierte Mäuse, die infolge einer künstlich herbeigeführten Mutation Krebs haben. „Die Onkomaus ist ein Meilenstein,“ schreibt die Philosophin Lara Huber in ihrem Buch „Relevanz“ (2020). Da diese Mäuse in Harvard patentiert wurden, darf man sie bei Strafe nicht nachzüchten, man muß ständig neue kaufen.

In Berlin wird daneben auch gerne mit Zebrafischen experimentiert. Es wurden bereits 25.000 wissenschaftliche Studien über sie veröffentlicht. An genetisch veränderten – durchsichtigen – Zebrafischen erforscht man „Störungen des Blutkreislaufs, Leberleiden, Nervendegenerationen und Krebs“. Forscher des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie untersuchten genetisch veränderte Zebrafische mit einem Cortisolmangel, dabei diagnostizierten sie Anzeichen einer Depression. Als sie Medikamente gegen Angstzustände, Valium und Prozac, ins Wasser gaben „normalisierte sich ihr Verhalten“ jedoch. Schon ein Sichtkontakt mit anderen Zebrafischen besserte ihre Stimmung. In Berlin züchtet ein Forschungsinstitut am Müggelsee Zebrafische, u.a. die „gläsernen“, was sie damit anstellen, weiß ich nicht.

Auch Meerschweinchen, die „Prügelknaben der Physiologen“, wie der Entomologe Fabre sie nannte, werden immer noch massenhaft in Forschungslaboren (diesen Tier-Folterkammern für verrohte Karrieristen) vernutzt. Wenn im 19. Jahrhundert irgendwo auf der Welt eine Seuche ausbrach, packten Robert Koch in Berlin und Louis Pasteur in Paris je 100 Meerschweinchen ein und eilten damit ins Zentrum der Seuche. Es war ein Wettrennen um den Nobelpreis. Ihre mit den Erregern infizierten Meerschweinchen blieben auf der Strecke. 1890 gelang es, mit den armen Tieren ein Serum gegen Diphterie herzustellen. Der preußische Staat hatte zunächst kein Interesse, die Diphterie (an der jährlich über 1000 Kinder allein in Berlin sterben) zu bekämpfen, er finanzierte stattdessen die Forschung an Tetanus, da dies eine große Gefahr für wertvolle Pferde darstellte. Es dauerte lange, bis die Firma Hoechst das neue Medikament auf den Markt brachte. Die Meerschweinchen waren dabei vom Versuchstier zu einem lebenden Laborgerät geworden, das Serum herstellte.

2012 wurden 3.721 Meerschweinchen für Hautsensibilisierungstests verwendet,“ heißt es auf „meerschwein-sein.de. „Auch werden Meerschweinchen zur Aus-, Fort-, und Weiterbildung benutzt sowie zur Qualitätskontrolle und Erforschung von Produkten und Geräten. 2007 wurde auch der stark umstrittene Schwimmtest, bei dem die Tiere bis zur Erschöpfung schwimmen müssen, an Meerschweinchen durchgeführt. Der Test mit dem Schweregrad ‚schwer‘ wurde mit 349 Meerschweinchen gemacht. Der Schwimmtest wird in der Depressionsforschung eingesetzt und dient zum Testen von Antidepressiva.“

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Volkseigentum

Der Historiker Marcus Böick bezeichnete die Treuhand als „Bad Bank“ der deutschen Erinnerungskultur, als eine Einrichtung, in die soziokulturelle beziehungsweise sozioökonomische Abstiegs-, Entfremdungs- und Zurücksetzungserfahrungen „ausgelagert“ wurden. Die Leipziger Kultursoziologin Yana Milev hat 2020 die Erinnerung an diese Kolonialisierungszentrale noch einmal hervorgeholt mit ihrem Buch „Das Treuhand-Trauma. Die Spätfolgen der Übernahme“.

Für die Autorin ist diese Anstalt, gegründet von westdeutschen Antikommunisten, in der sich Gauner und Betrüger die Klinke in die Hand gaben, ein „Modellfall der neoliberalen Annexion“.

Ich habe mir einmal im Kartellamt eine Liste aller privatisierten Betriebe im Elektrobereich besorgt, sie hörte jedoch bei „L“ auf. Als ich mir auch noch die andere Hälfte im Amt erbat, bekam ich keine Antwort mehr. Bei Durchsicht der ersten Hälfte wurde aber bereits deutlich, dass der Siemens-Konzern die übergroße Mehrheit der ganzen VEB in diesem Wirtschaftsbereich „übernommen“ hatte, die er dann wahrscheinlich peu-à-peu stillgelegt hat, wozu ihm wahrscheinlich noch einige Milliarden DM vom Weststaat zugeschoben wurden – als eine Art Verlustausgleich. So wie der BASF(Kali & Salz) für die Übernahme und Schließung des Bergwerks in Bischofferode.

Die „neoliberale Annexion“ hat aber laut Yana Milev nicht nur alle volkseigenen Betriebe liquidiert, es verschwanden auch „90 Verlage, 1700 Zeitungen und Zeitschriften, 217 Theater, 10 staatliche Puppentheater, 87 Orchester, 955 Museen, 190 Musikschulen, 99 Musikkabinette, 16900 Bibliotheken, 1500 Kultur- und Clubhäuser, 805 Kinos, 450 Galerien, 200 Heimat- und Volkskunst-Museen, 10.000 Jugendklubs, 1000 Kulturhäuser der VEB, 3 Staatszirkusse (Aeros, Berolina, Busch), 300 öffentliche Spielplätze, 161 spezifische Trainingszentren, 1820 DDR-Trainingszentren, der Rundfunk der DDR mit je 2 Rundfunkchören, Sinfonie- und Unterhaltungsorchestern sowie 3 Tanzorchestern und 2 Rundfunk-Kinderchören, ferner das Fernsehen der DDR und das DEFA-Filmkombinat.“

Der Schriftsteller Lothar Baier urteilte: „Die Bundesdeutschen entdeckten in der ihnen plötzlich zugänglich gewordenen DDR ein Terrain, auf dem sich ein Stück versäumter Kolonialgeschichte nachholen läßt.“ Diese Kolonialisierung war jedoch mit der Auflösung der Treuhandanstalt nicht beendet, sondern hält noch immer an – wenn auch vor allem in Form von Demütigungen und Unverschämtheiten. Etwa so wie ein THA-Bereichsleiter auf einer Treuhand-Konferenz im Kongreßzentrum am Alexanderplatz zu einem Kollegen meinte: „Ich muß unbedingt mal wieder Ostweiber beschlafen.“

Oder der Jurist Jörg Stein, der als „Parteienverräter“ im Osten reich wurde: Er arbeitete gleichzeitig für die Treuhand (70.000 DM monatlich), für die IG-Metall (5000 DM) und für die Belegschaften (allein für die Sozialplanbegleitung des Betriebsrats der Mikrotechnolgischen Gesellschaft Frankfurt/Oder 500.000 DM). In seinen unverschämten Briefen an die Betriebsräte zitierte er Marx und Brecht.

Der erste Treuhandchef Detlef Rohwedder, der die Mehrzahl Betriebe „sanieren“ und nicht nur „abwickeln“ wollte (und deswegen wahrscheinlich erschossen wurde – von einem „unbekannten Russen“, wie die Westmedien sofort mutmaßten) sah es kommen: „Die benehmen sich schlimmer als Kolonialoffiziere,“ meinte er über das Wirken eines Teils seiner THA-Truppe und der im Osten zu hunderten eingefallenen „Manager (Übernahmeinteressenten).

Im Sommer saß ich in einem Pankower Restaurant auf der Raucher-Terrasse, am Nebentisch unterhielten sich zwei Männer, sie sahen aus wie gut genährte Geschäftsleute. Der eine sagte, etwas lauter werdend: „Du hast mein Feuerzeug eingesteckt.“ Der andere griff in seine Jackettasche und holte ein durchsichtiges Einwegfeuerzeug heraus: „Meinst Du das?“ „Ja,genau!“ „Das ist nicht Deins!“ „Wie bitte?!“ „Weißt Du das nicht, seit der Wende sind Einwegfeuerzeuge und Kugelschreiber Volkseigentum.“ „Ok, dann gib Du mir Unser aller Einwegfeuerzeug.“

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Gentechnisches Weltwissen

Die Schriftstellerin Doris Lessing besaß viele Katzen in ihrem Leben und veröffentlichte mehrere Bücher über sie. Sie meinte zuletzt, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten.

Ja, sagt da das Magazin der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ in seiner Ausgabe vom Mai 2018, das liegt daran, dass es ihr vom Einzeller „Toxoplasma gondii“ aufgedrängt wurde, denn der „tut alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden. Den Mensch braucht er als Zwischenwirt. Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

So weit so idiotisch. Ich habe dieses „Forschungsergebnis“ im Nachwort des Buches „Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung“ als „Abbremser“ verwendet – nachdem ich den Philosophen Hans Blumenberg gegen die Genpool-Erhalter zitiert hatte: „Auch ohne naturschützerische Gebärde muß gesagt werden, dass eine Welt ohne Löwen trostlos wäre.“ Und mich dann entsetzt: „Bald ist es schon so weit. Die Raubtierforscher prognostizieren, dass höchstens die (urbanen) Hauskatzen überleben werden. Aber so sehr wir uns auch z.B. um unsere kleine Katze Luzie bekümmern, ihre häusliche Haltung ist die reinste Tierquälerei, eine extreme Reizunterflutung. Da es jedoch keinen Ausweg gibt, wir weiterhin ihre Lebensverlegenheiten ernsthaft erforschen – und uns an ihrem Witz erfreuen, gehört sie auch zur lustigen Tierwelt. Für unser Interesse an ihr scheint es aber noch einen tieferen Grund zu geben…“ Nämlich den Parasiten „Toxoplasma gondii“.

Damit wollte ich mich ironisch von unserer närrischen Katzenliebe freisprechen: Wir können nichts für unsere Depolitisierung – ein übler Parasit steuert uns.

Aber nun kommt auch noch das Magazin für Naturwissenschaft „spektrum.de“ an und erweitert die Wirkung des neurologischen Manipulators „Toxoplasma gondii“ über die Ökologie ins Ökonomische – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Es geht um eine neue Studie, veröffentlicht in den altehrwürdigen „Proceedings of the Royal Society B“: „Wohl mehr „als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit ihrem Toxoplasma darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Fänge trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren Raubkatzen zu nähern, anders bewerteten als andere, die hübsch auf Distanz blieben. Mangels Löwenrudel werden die Infizierten nun von Baulöwen magisch angezogen

Die Autoren der zweiten in „spektrum.de“ referierten Studie testeten ihre steile These erst mal an Mäusen, indem sie sie mit dem Parasiten infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“. Zuletzt durchforsteten sie demografische Statistiken aus 42 Ländern – und dann stand für sie fest: „Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und der Prozentsatz der Selbständigen.“

Damit sich aber nun nicht alle Leute Katzen anschaffen, um sich mit dem Urtierchen Toxoplasma gondii mental fit zu machen, fügen die Autoren hinzu: Da viele Selbständige scheitern, könne man nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache. Er bleibt jedoch auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Das hat bereits die Heidelberger Genetikerin Christiane Nüsslein-Volhard anläßlich der Verleihung des Nobelpreises an sie gesagt – “dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“ – und die kapitalistische Gesellschaft quasi naturgegeben ist. Da beißt sich die Katze in den Schwanz und wir sind so klug als wie zuvor. Nein dümmer, weil wir diese völlig verbretterte Ami-Lebensforschung möglicherweise für bare Münze nehmen.

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Das Geoingenieurprojekt „Joseph Beuys“

1979 schlug Joseph Beuys der damals gerade täglich erscheinenden taz vor, anläßlich der Eröffnung seiner Ausstellung im New Yorker Guggenheimmuseum mit AndyWarhol zusammen eine Aktion zu machen. Es wäre die Verbindung von Kunst, politischer Aktion und Reklame für eine gute Sache – die taz – geworden. In der Redaktion war man von solcher Öffentlichkeitsarbeit jedoch wenig begeistert und lehnte ab – mit der Begründung: der Flug nach New York wäre zu teuer.

Bei der linken italienischen Tageszeitung „Lotta Continua“ waren es umgekehrt die Redakteure, die Beuys um unterstützende Zusammenarbeit baten: Er kam nach Rom und half. „Wir kauften ein: fünf Kilo Butter, drei mal drei Meter Industriefilz, Leim, Eimer und Pinsel, eine Schaufel, eine Schere, saubere Lumpen, einen kleinen Kassettenrekorder, ein Dutzend große Schultafeln, Kreide und eine alte glorreiche Linotype aus Heidelberg.“ Im Palazzo Braschi legte Beuys damit los. „Vor hunderten und aberhunderten Zuschauern arbeitete, sprach und antwortete er pausenlos. Eine informelle Versteigerung erlaubte es dann, das Endprodukt zu einem Höchstpreis zu verkaufen. Die Zeitung wurde dadurch nicht gerettet. Beuys ermöglichte uns einen würdigen Tod, nicht die Verlängerung unseres Lebens,“ erinnerte sich in der taz Gianpiero De Vitis, der später im taz-Haus in der Rudi-Dutschke-Strasse das Restaurant „Sale e Tabacchi“ eröffnete.

Als Beuys 1986 starb, war die taz seinen Ideen gegenüber schon aufgeschlossener. In aller Eile wurden Freunde und Weggefährten als Nachrufer mobilisiert. Sein Freund, der Graphiker Klaus Staeck, der mit Beuys und Heinrich Böll die „Freie Hochschule für Kreativität und Interdisziplinäre Wissenschaften“ gegründet hatte, schrieb: „Wohl keiner hat die Einheit von Kunst und Leben so überzeugend gelebt wie er. Er hat die Tore des Kunstghettos ganz weit aufgemacht. In seinem erweiterten Kunstbegriff hatte alles Platz, was zu seinem universalen Weltbild gehörte.“

Ab 1996 veranstalteten die Gründer der Ost-taz André Meier und Jürgen Kuttner allmonatlich in der Volksbühne einen Videoschnipselabend: „Von Mainz bis an die Memel“ – mit kurzen Ausschnitten aus BRD- und DDR-Fernsehsendungen, die Kuttner witzig-medienwissenschaftlich kommentierte. Ihre bis heute über 200 Vorstellungen, die zwischendurch im Deutschen Theater, stattfinden, enden stets mit der Aufzeichnung eines Fernseh-Wahlspots der Grünen „Sonne statt Reagan“, in dem Beuys als Sänger auftritt („Jeder kann singen“).

1982 hatte Beuys anläßlich der 7. Kassler „documenta“ 7000 Eichen und 7000 Basaltstelen gepflanzt. Man sah darin eine lokale Begrünungsaktion, denn Beuys sprach von „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Sie zielte aber aufs große Ganze. Der Anthroposoph Beuys war ein Weltretter bzw. –verbesserer. Diese aufwändige Aktion war jedoch teuer. Staeck schrieb in der taz: „Ich wurde dreimal Zeuge, wie Beuys bei den verschiedensten Veranstaltungen in immer neuen Anläufen ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank, das vorgab, sehr an der Kunst von Beuys interessiert zu sein, bewegen wollte, für seine 7000-Eichen-Aktion in Kassel ein paar Bäume zu spenden. Schließlich erfolglos.“ Die Pflanzaktion wurde aber trotzdem durchgeführt.

Zu seinem 100. Geburtsstag fanden an vielen Orten Beuys-Feiern statt – in Nordrhein-Westfalen ein ganzes Veranstaltungspaket: „Ausstellungen, Aktionen und Performances, Theater, Musik und Vorträge“. Ähnlich in Kassel, wo die für den Erhalt der Bäume und Basaltstelen gegründete „Stiftung 7000 Eichen“ ein „beuyslaborkassel2021“ initiierte, das jede Menge Beuys-Events anbot. All diese Aktivitäten waren jedoch nicht viel mehr als Ahnenpflege.

Die wahren Erben der Beuysschen Eichen-Basaltstelen-“Pflanzaktion“ in weltrettender Absicht sitzen in angloamerikanischen Laboren. Sie nennen sich „Geoengineers“, es geht ihnen darum, das Klima erwärmende CO2 zu reduzieren. Zum Einen drängen sie darauf, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, die CO2 aufnehmen. Und zum Anderen zur Nutzung von Basalt-Bergwerken, die abgesaugten Stickstoff aufnehmen und durch Versteinerung binden. Schon gibt es auf Island und in der Schweiz solche Anlagen, die zum Teil mit dem gesammelten Stickstoff Gemüsegewächshäuser betreiben. In Deutschland machte das die Stickstoff produzierende Chemiefabrik SKW vor. Anlässlich des 500. Jahrestags des Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg wurde die Elbestadt von den evangelischen Kirchenoberen Deutschlands mit einer „Leistungsschau“ überzogen. Das im Wittenberger Ortsteil Piesteritz ansässige Stickstoffwerk beteiligte sich daran mit der Präsentation einer „Luther-Tomate“, die es in den Werksgewächshäusern mit Stickstoff aufzieht. Hier deutete sich die Erweiterung der von Beuys in Kassel „gepflanzten 7000 Eichen und 7000 Basaltstelen“ ins Globale an.

Die für den „New Yorker“ arbeitende Journalistin Elizabeth Kolbert hat all diese Geoengineers für ihr auf Deutsch erschienenes Buch „Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft“ besucht – und auch gleich die „Schwachstellen“ ihrer Weltrettungsprojekte benannt. In ihrem Buch geht es „um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben.“

Der „Gruppe von Negativ-Emissions-Technologen“, die vorschlägt, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, „was 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnte“, wird entgegen gehalten: „Bäume sind dunkler. Wenn wir z.B. die Tundra aufforsten würden, würde es die von der Erde absorbierte Energiemenge erhöhen“ – also sogar eher zur „Erderwärmung“ beitragen. „Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre, mit der CRISPR-Technologie genmodifizierte hellere Bäume zu schaffen.“ Also sie künstlich zu albinisieren. „Soweit ich weiß, hat das bisher niemand vorgeschlagen, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein,“ meint Elizabeth Kolbert.

Eine weitere Gruppe von Geoengineers will zwecks Verlangsamung der Erderwärmung Kalzit-, Sulfat- oder Diamant-Partikel in der Stratosphäre versprühen, die das Sonnenlicht zurückstrahlen. Dafür hat sie schon mal ein Flugzeug, den Stratospheric Aerosol Injection Lofter, kurz SAIL genannt, konstruiert. Mit dem will man im ersten Jahr 100.000 Tonnen Schwefel versprühen. Leider würde dies „das Erscheinungsbild des Himmels verändern. Er wäre nicht mehr blau, sondern weiß.“

Wenn man jetzt auch noch das Anthropozän-Phänomen der zunehmenden Zahl von quasi-natürlichen Albinogeburten bei Wildtieren und -pflanzen quer durch alle Arten – von der Mücke bis zum Elefanten und vom Hanf bis zum Ahorn – dazu zählt, kann man sich in etwa ein Bild machen: Kein Schnee im Winter mehr, aber ganzjährig weisse Mischwälder mit weissen Tieren unter weißem Himmel.

Der „documenta“-Erklärer Bazon Brock hat es vielleicht schon geahnt, als er in einer von der taz 1986 abgedruckten Diskussion mit Beuys über das Konzept „Gesamtkunstwerk“ diesem vorwarf: „Ihr könnt so viele Konzepte vertreten wie ihr wollt, sobald ihr uns aber zwingt, diese Konzepte eins zu eins in der Wirklichkeit zu realisieren, wird es totalitär.“ Das wird es ganz sicher, wenn die Geoingenieure ihre „Projekte“ verwirklichen dürfen, denn alle Länder der Erde wären davon betroffen – ungefragt. 

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Anthropozentrismus

Unlängst machte ich in der Komischen Oper die überraschende Erfahrung, dass dort jetzt auch schon gegen den westlichen Anthropozentrismus laut gedacht wird. Und ich dachte, das wäre eine Macke von mir, dass ich mich bei aller Empathie für Tiere und Pflanzen ständig über den Anthropozentrismen aufrege. In der Oper ging es um „Menschen und Tiere“. Und der eingeladene katholische Seelsorger und Verhaltensbiologe Ulrich Lüke, der an der Universität in Münster mit zwei Poitou-Eseln „auf Augenhöhe“ therapeutisch arbeitet, forderte, den „despotischen Anthropozentrismus“ zu überwinden. Für den Theologen „hat die anthropozentrische Theologie keine Bedeutung mehr.“ Dabei kann er sich sogar auf den derzeitigen Papst Franziskus berufen, der gemeint hatte: „Macht Euch die Erde untertan“ – das sei die falsche Aufforderung zum Handeln. Sie stammt von sogenannten guten Hirten. Das durch die Bibel fundierte Christentum ist eine Schafreligion. Und was sollen Schäfer schon groß beim Untertan machen anrichten? Mag man anfangs – im Jahr Null und später – gedacht haben. Nun ist die Situation jedoch eine ganz andere, auch wenn sich im Schaf-Hirte-Verhältnis nicht groß was verändert hat. Der Papst meint, es müsse nun heißen: „Macht Euch der Erde untertan!“

In der taz-Kantine stellte der „Zeit“-Korrespondent Thomas Fischermann sein Buch „Der letzte Herr des Waldes“ vor. Es war ein wunderbares Porträt des jungen Amazonasindianers Madarejuwa Tenharim, weitgehend dem weißen Europäer ins Aufnahmegerät diktiert. Aus seiner Welt- und Waldsicht ging hervor, dass er und sein Stamm, die Tenharim, sich gerade nicht als „Herren“ des Waldes sehen, sondern umgekehrt, dass sie dessen „Gesetze“ genau befolgen, damit sich der Wald nicht rächt.

Näheres erfuhr ich im Haus der Kulturen der Welt: dass nämlich die Indigenen der beiden Amerikas dem Anthropozentrismus mit einem totalen Anthropomorphismus entkommen. Laut dem brasilianischen Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro ist bei ihnen die Idee weit verbreitet, das jede Lebensform sich selbst als menschlich (an)sieht. Ich verstand das erst nicht, aber der Ethnologe führte das dann in seinem Buch „In welcher Welt leben?: Ein Versuch über die Angst vor dem Ende“ aus, das er mit der Pariser Philosophin Deborah Danowski veröffentlichte, die an der Päpstlichen Universität von Rio de Janeiro lehrt. Danach gehen die Indigenen davon aus, dass das, was alle von sich selbst sehen, „ihre ‚Seele‘ ausmacht. Demzufolge sieht ein Jaguar, wenn er einen anderen Jaguar anschaut, einen Menschen; aber wenn er einen Menschen anschaut, sieht er ein Schwein oder einen Affen, da dies das von den amazonischen Indios das am meisten geschätzte Wild ist.“ Die beiden Autoren definieren deren „Animismus“ als „ein ‚anthropomorphes Prinzip‘, das fähig ist, sich jenem ‚anthropozentrischen Prinzip‘ entgegenzustellen, das uns als eine der tiefsten Wurzeln der westlichen Welt erscheint.“

Aktuelles Beispiel: Mehrere wissenschaftliche Studien und sogar die Regierungsrichtlinien des Berliner Senats legen nahe, dass die Natur in der Stadt zum menschlichen Wohlbefinden beiträgt und das sie zu wenig ist, weswegen „die grüne Infrastruktur entwickelt“ werden soll. Nicht um ihretwegen, sondern für uns Menschen also soll mehr „Natur“ geschaffen werden, das ist Anthropozentrismus (für Doofe). Abgesehen davon, dass in Wirklichkeit genau das Gegenteil geschieht. So wurden z.B. die für Insekten und vor allem Spatzen so wichtigen sieben Hecken im Besselpark neben der taz und am Neuköllner Weigandufer sogar alle Büsche und Sträucher entfernt. Eine Mitarbeiterin des BUND fügte hinzu: „Gerade in Wohngebieten werden sie rücksichtslos runtergesägt, Wildblumenwiesen totgemäht und Gehölze verschnitten“ – der Gentrifizierung zuliebe.

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Angst einjagen

In Berlin darf jetzt wieder gejagt werden – auf junge Rehe, junge Reh-Mütter und ältere Mütter. Ganzjährig werden Wildschweine, Waschbären, Füchse und Kaninchen gejagt. In der letzten Saison erwischten die Berliner Jäger 338 Rehe, 2339 Wildschweine, 18 Waschbären, 81 Füchse und 862 Kaninchen. Deutschlandweit wurden 2017 rund 134.000 Waschbären und 435.000 Füchse getötet.

Rechtzeitig zur Jagdsaison erschien das Buch des Ethnopsychoanalytikers Paul Parin: „Die Jagd – Licence for Sex and Crime“ – mit Nachworten von einer Zoologin, einer Historikerin, einem Bibliothekar und einem Ethnologen. Das Buch war bereits 2003 mit einem Nachwort von Christa Wolf erschienen, aber völlig verstümmelt worden, „in einer eigenartigen Mischung aus Respektlosigkeit, Prüderie und sachlicher Unkenntnis“ – so dass eine Neuherausgabe notwendig wurde. Der Autor war Jude und Sozialist: Beide jagen nicht, aber Parin war eine „Ausnahme“. Zudem gehörte er zu den Tiermördern, die bei einem gelungenen Schuß einen Orgasmus bekamen, auch beim Reiten gelegentlich, ebenso beim Ausgepeitscht werden und beim Auspeitschen. „Das Jagdfieber gewährleistet hemmungslosen sexuellen Genuss und die Lust am Verbrechen,“ schreibt er, denn natürlich ist das alles extrem unmoralisch, außerdem jagt man heute nicht mehr, um sich zu ernähren, sondern um mit Lust zu morden. „Jagd ohne Mord wäre ein Oxymoron.“ Schon für seinen Vater, ein Gutsbesitzer in Slowenien, galt: Seine „Jagdleidenschaft hatte die Grenze verwischt, die Anstand und Moral von Vergehen und Verbrechen scheidet.“ Nach dem ersten erlegten Rehbock bekam die jugendliche „Gier“ seines Sohnes „ein Ziel: der Mord an eine Kreatur“.

Die heutigen Jäger benutzen eine verharmlosende „Waidmannssprache“, um dies zu kaschieren, einige entblöden sich nicht, sich als „Ökologen“ und „Naturschützer“ zu bezeichnen. Parin meint, dass „solche unbeholfenen Versuche, die Jagd vom Geruch der Sucht und Grausamkeit freizusprechen, gar nicht mehr nötig sind,“ denn „es könnte sein, dass die brutale Umgestaltung der Welt nicht mehr rückgängig zu machen ist.“ Zwar wird gelegentlich behauptet, dass Jäger aggressiver und sadistischer als nicht jagende Menschen sind, aber, wie es in einem der Nachworte heißt, „neuropsychologische Forschungen legen nahe, dass vor allem Männer Gewalt um der Gewalt willen ausüben und daran Spaß haben.“

Die Jagd hat natürlich mit Macht (über die Tiere) zu tun, mit der Herrschaft des Menschen über die Natur, aber mit der Forderung nach mehr Frauen in den Führungsetagen legen nun auch immer mehr Frauen die Jagdprüfung ab – und auf jagdbares Wild an. Die Schriftstellerin Dörte Hansen erwähnt in ihrem norddeutschen Dorfroman „Mittagsstunde“ (2018) einen Jagdverein, in dem die Frauen bereits die Mehrheit stellen, mit der Folge, dass das Wild von ihnen nicht mehr gejagt, sondern gehegt und gepflegt (gekuschelt) wird. Dies mag ein bloßer Autorenwitz sein, für den Münchner Ökologen Josef Reichholf steht es jedoch fest, dass die Angst der Tiere vor den Menschen eine Folge der Jagd ist und dass sich bei einem umfassenden Jagdverbot wieder eine Art „Urvertrauen“ bei ihnen einstellt, wie es die Tiere in vielen Gegenden der Welt an den Tag legten – bevor die Weißen kamen und alle zutraulichen töteten.

Parin hat solche „Tierparadiese“ noch erlebt – in der Sahelzone, dort hielten sich Gazellen und Trappen zwischen den Rinderherden der Einheimischen auf, die keine Gewehre besaßen. Reichholf erlebte im Golf von Kalifornien, wo Wale nicht mehr gejagt werden dürfen, dass ein Walweibchen an sein „Whale-Watcher-Boot“ kam und sich von ihm die lästigen Seepocken abpflücken ließ. Die Erfahrung, dass mit dem Jagdverbot die Fluchtdistanz von Wildtieren geringer wird, macht man in fast allen Nationalparks. In Berlin darf man bei Strafe keine Wildtiere füttern – und sollte das auch nicht, dann sobald sie etwas weniger scheu werden, erschießt man sie. Aber ist das nicht ihre einzige Überlebensmöglichkeit – dass wir halbwegs friedlich mit ihnen zusammenleben? Die in die Städte eingewanderten Tiere bemühen sich doch bereits darum.

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Zu den Sternen aufblicken

Meine Bekannte Jekaterina nahm einmal an einer „Sternfahrt“ mit PKWs zu Deutschlands erstem Sternenpark teil. Als einen solchen bestimmt und benannt hatte ihn eine „International Dark Sky Association“ in Arizona, die sich dem Kampf gegen „Lichtverschmutzung“ widmet. Das „Dark Sky Reserve“ ist ein über 1000 Quadratkilometer großes „Nachtschutzgebiet“ bei Gülpe im Havelland, in dem es zehn Beobachtungsplätze gibt, von denen aus man des Nachts in die Sterne guckt, wobei der Norden des Reservats besonders dunkel, also für Himmelsbetrachtungen sehr geeignet ist, weil es dort kaum (noch) menschliche Ansiedlungen gibt.

Die „Sternfahrt“ bestand aus 9 mit 4 PKWs von verschiedenen Orten angereisten Russen, darunter einige astronomisch und ornithologisch interessierte. Sie hatten sich Karten mit den fünf „Highlights“ des Sternenparks ausgedruckt: den WestHavelländer Astrotreff (WHAT), den Sternenblick Parey (SBP), das Optikmuseum (OPM), den Optikpark (OPP) und das Naturparkzentrum (NPZ), wo sie ein Buch über den Park: „Zurück zur Nacht“ erwarben.

Das Westhavelland ist ein bedeutender Rastplatz für Zugvögel, vor allem für Kraniche und Wildgänse. Dazu hätten die Sternfahrer jedoch schon tagsüber dort sein müssen, dann kreisen diese Vögel in Massen am Himmel. Den Hobbyornithologen verdroß es jedoch nicht, dass sie zu spät losgefahren waren, denn dafür ziehen dort nach Sonnenuntergang unzählige Sterne, Kometen und die internationale Weltraumstation ISS ihre Bahnen, wie es in einem Interneteintrag über die vier deutschen Sternenparks heißt.

Einer der Teilnehmer erzählte, dass allein die Milchstrasse aus etwa 200 Milliarden Sternen bestehe, von denen man nur einen winzigen Bruchteil sehe, denn die Milchstrasse habe einen Durchmesser von rund 100.000 Lichtjahren. Selbst mit den besten Teleskopen ließen sich nur 50 Milliarden Galaxien beobachten. Eine Galaxie ist eine durch Gravitation zusammengehaltene Ansammlung von Sternen, Planetensystemen, Gasnebeln, Staubwolken und Dunkler Materie.

Jekterina, die bis dahin mit mäßigem Erfolg Nachtwanderungen durch Mitte für Berlintouristen angeboten hatte, interessierte sich vor allem für die Beobachtung einiger Sterne wie Orion und Sirius und das Sternbild des Großen Bären, mit denen es eine besondere Bewandtnis hat. Es sind an den Himmel versetzte Ermordete: Artemis, die große olympische Göttin der Jagd, des Waldes, der Geburt und des Mondes, Hüterin der Frauen und Kinder, hatte den Himmelsjäger Orion quasi aus Versehen, weil ihr Bruder Apollo sie vorsätzlich irregeführt hatte, mit Pfeil und Bogen getötet. Daraufhin blieb ihr nichts anderes übrig als ihn, den sie eigentlich heiraten wollte, zusammen mit seinem Hund Sirius zu verstirnen.

Dieser griechische Mythos hat sein Pendant bei den kanadischen Schwarzfußindianern: Eine ihrer Urmütter heiratete einen Grizzlybären und wurde dadurch selbst zu einem Grizzly. Ihre Familie wollte die zur Bärin gewordene Tochter daraufhin töten, aber sie kam ihnen zuvor und tötete ihre Familie mit Pfeil und Bogen, starb dabei jedoch selbst. Alle zusammen bilden sie seitdem das Sternbild des Großen Bären.

Da die Erforscher der Vorgeschichte davon ausgehen, dass die Indianer während des Mittelpaläolithikums nach Amerika kamen, geht Claude Lévi-Strauss davon aus, dass die Mythologie Orions u.a. auf eine ebenso alte Zeit zurückgeht und mit ihnen dort angelangt ist.

Von einem der Amateurastronomen ließ Jekaterina sich diese Himmelskörper zeigen, fand sie aber enttäuschend. Die gelernte Starkstromingenieurin bekam wenig später eine Stelle im Weddinger Kulturamt. Dort mußte sie jedoch die Toiletten putzen, was sie so deprimierte, dass sie kündigte – und wieder zurück nach Moskau zog. 2018 fuhr sie zu einer entfernten Verwandten auf die inzwischen von Russland annektierte Krim, wo sie erst einmal blieb. Mir mailte sie im Jahr darauf, dass der nächtliche Himmel über der Krim noch viel weniger lichtverschmutzt sei als der über das Westhavelland und man deswegen noch viel mehr Sterne und Sputniks sähe. Die gemeinen Amis hätten die russische Halbinsel oder Teile davon jedoch nicht als „Dark Sky Reserve“ anerkennen wollen.

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Die Dunkelheit erhellen

„Es ist paradox: Gerade die Dunkelheit, die mit dem Einbruch der Nacht einsetzt, öffnet den Blick in die Ferne, in die Unendlichkeit des Weltalls,“ schreibt der Kulturwissenschaftler Bernd Brunner in seinem „Buch der Nacht“ (2021). In 36 Kapiteln lotet er darin die Finsternis aus. Dazu ist das Buch gespickt mit z.T. langen Zitaten von Dichtern, Schriftstellern und Philosophen über die Nacht. Seit Kafka weiß man, dass diese Menschen arbeiten, wenn alle Bürger schlafen. Für Brunner ist Marcel Proust der „berühmteste Schlaflose“.

Lange Zeit war die Nacht jedoch vor allem mit Schrecken und Angst verbunden – vor wilden Tieren, Räubern, Mooren und Gespenstern. Für die katholische Kirche war sie gar die Zeit der Umtriebe des Teufels und der Hexen. Erst die Aufklärung brachte Licht ins Dunkel. Während diese von den Romantikern eher verehrt wurde – u.a. von Novalis: „Trägt nicht alles, was uns begeistert, die Farbe der Nacht?“ Laut Brunner kommen einem dann die besten Ideen und brauchbarsten Einfälle, einigen Wissenschaftlern sogar noch im Schlaf.

Gehört dazu vielleicht auch die Erfindung der Glühbirne? Ernst Bloch hielt in finsteren Zeiten (1935) dafür, dass sie „die Anfechtungen des Nachtgrauens weit gründlicher geheilt hat als etwa Voltaire; denn sie hat das Grauen aus den Schlupfwinkeln der äußeren Dunkelheit selbst vertrieben und nicht nur aus der des Kopfes“. Heute, am Ende des technischen Fortschritts, beklagen wir jedoch die „Lichtverschmutzung“, die uns den „bestirnten Himmel“ über uns raubte, der Kants Gemüt noch mit „Bewunderung und Ehrfurcht“ erfüllte, ebenso wie das „moralische Gesetz“ in uns, mit dem es auch nicht mehr weit her ist, da die Verbrecher inzwischen selbst am hellichten Tag zuschlagen.

Jenseits der verschwindenden Sterne und der Moral bleibt uns jedoch die Lust erhalten, die schon Goethe für die Nacht reklamierte. Auch für Nietzsche erwachten in dieser Zeit „alle Lieder der Liebenden“, die für die „Nachtschwärmer“ heute in Technoclubs laut werden, sehr laut. Wo es in der Sonne zu heiß ist, machen die Menschen gerne die Nacht zum Tag, von dort kommen die „Geschichten aus tausendundeiner Nacht“, die von Scheherazade erzählt wurden, um den Tod (durch den persischen König) hinaus zu zögern. Aus einem ähnliche Grund zerstörten die europäischen Revolutionäre gerne Straßenlaternen: um im Dunkeln zu entkommen.

Brunner vergisst aber auch nicht die Tiere, Rehe, Füchse, Malaienbären, die ebenfalls, um den Tod (durch die Menschen) zu vermeiden, „nachtaktiv“ wurden. Bei den Nachtfaltern sind es die tagaktiven Vögel, vor denen sie ins Dunkle wichen. Auch einige Pflanzen, wie die Nachtkerze und die Mondblume, erwähnt er. Die Nachtschattengewächse haben jedoch laut Brunner nichts mit der Tageszeit zu tun, sondern sind eher Nachtschadensgewächse, weil einige giftige Substanzen enthalten, „die zu einer Art ‚Umnachtung‘ führen können“. Auch die sechs Monate dauernde Polarnacht im Hohen Norden kann für die Menschen aus südlicheren Ländern diesen Effekt haben.

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Nicht-menschliche Nachbarn

Die auf der Nordhalbkugel lebenden Tiere und Pflanzen wandern wegen der Klimaerwärmung in Richtung Arktis und die auf der Südhalbkugel lebenden in Richtung Antarktis, so der Befund des Politologen Benjamin von Brackel in seinem Buch „Natur auf der Flucht“ (2021). Eine weitere Wanderbewegung von Tieren und Pflanzen ist die vom Land in die Stadt. In Berlin leben inzwischen viel mehr Arten als im weiten Umland. Hier müssen sie sich nach neuen Lebens- und Wirtschaftsweisen umsehen – und sich möglichst an die Menschennähe gewöhnen. Der Ökologe Josef Reichholf meint, dass die Dörfer sich der Natur verschließen und die Städte sich ihr öffnen.

Am Wannsee z.B. kommen Badende und Wildschweine bereits ziemlich gut miteinander aus. Vor einiger Zeit besuchten wir ein Café am Schildhorn. Als wir auf den Parkplatz zurückgingen und ich das Auto aufschloß, drängt mich eine Wildsau zur Seite und sprang auf den Fahrersitz, wo sie in der Mittelkonsole was Eßbares suchte, aber nichts fand. Grummelnd zog sie sich zurück und drängte mich dabei erneut zur Seite. Dabei sah ich etwa sechs Frischlinge hinter mir, die auf ihre Mutter warteten. Am Rupenhorn wohnt die Veterinärin Dr. Malone, die täglich zwei Wildsauen mit Wasser versorgt, weil diese wegen eines Zauns nicht mehr an den Wannsee gelangen können. Sie sind schon fast handzahm geworden, was den Obrigkeitsdenkern allerdings nicht gefällt: Die Wildtiere sollen den Menschen meiden.

Kürzlich stand ich Nachts an der Ampel am Görlitzer Bahnhof und wartete auf grünes Licht als ich einige Meter neben mir einen Fuchs sah, der ebenfalls die Skalitzer Strasse überqueren wollte. Er wartete auch und als die Ampel grün wurde, gingen wir beide los. Anscheinend glaubte er zu Recht, dass er sicherer über die Straße gelangte, wenn er sich nach mir richtete. Im Prinzenbad, im Wannsee-Schulungsheimgarten von Verdi, auf einem Kreuzberger Schulhof und im Hinterhof vom Haus der Kulturen Welt stellte sich regelmäßig ein Fuchs ein, wenn die Leute dort ihr Essen bzw. Pausenbrot auspackten oder den Grill anschmissen. In höflicher Entfernung warteten sie darauf, etwas abzubekommen. Auf einem Neuköllner Spielplatz sollten die Ratten vernichtet werden; statt Gift auszulegen hoffte man hier aber auf die Hilfe von einem Fuchs, der dann dort auch tatsächlich auf Rattenjagd ging. Auch auf dem Prager Platz in Wilmersdorf holt sich ein Fuchs immer mal wieder eine Ratte. Manchmal allerdings auch ein Kaninchen. Sie werden auf den offenen Hinterhöfen in der Prinzregentenstrasse von den Anwohnern mit Gemüseresten gefüttert. Im Palast der Republik lebte zuletzt ein Fuchs, als der Palast abgerissen wurde, verschaffte man ihm ein neues Domizil in der Tiefgarage am Alexanderplatz, das er auch annahm.

Ähnlich klug und urban verhalten sich die Krähen z.B. auf dem Hackeschen Markt und an den zwei Imbißständen am Mehringdamm: Sie hoffen dort auf Brot- und Fleischreste. Anderswo haben die Krähen von den Flaschensammlern gelernt und durchsuchen die orangenen Abfallkörbe an den Straßenrändern.

Dreister als Füchse sind die Waschbären, bislang trauten sie sich jedoch nur bis in die Außenbezirke Spandau, Reinickendorf, Marzahn und Treptow.

Im Engelbecken brütet eine Schwänin gleich neben den Cafétischen und ist so durch die Nähe der Gäste vor Eierdieben und sonstigen Feinden geschützt.

Ein Eichhörnchen springt regelmäßig von einem Baum auf den Balkon des taz-Autors Kuhlbrodt, wo er Futter für das Tier hinlegt. Im Prenzlauer Berg kam im letzten kalten Winter ein Eichhörnchen durch die offene Tür einer Küche im Erdgeschoß, wo wir zu fünft saßen. Sofort wurden ihm einige Nüsse hingelegt, es wollte aber nicht fressen, sondern sich nur aufwärmen.

In der Alten Schönhauser Strasse in Pankow hängen an den Balkonen einige Nistkästen für Meisen. Bei einer Mieterin fliegen sie in das Zimmer, wenn die Balkontür offen ist und schauen ihr bei der Arbeit zu. Weil dort auch ein Elsternpaar sein Revier hat, fallen ihm oft die flügge gewordenen Jungmeisen zum Opfer. Bisher haben die Meiseneltern die Mieterin vergeblich gebeten, ihre Jungen vor den Elstern zu schützen.

Tauben und Spatzen muß man hier nicht erwähnen: Sie leben schon seit ewigen Zeiten in Berlin und kennen viele Überlebensmöglichkeiten. Derzeit nähern sich Goldschakale der Stadt.

Die Spatzen muß man aber doch erwähnen, füge ich Ende September 2025 hinzu, denn an mindestens sechs markanten Plätzen und in Gebüschen Berlins, wo sich stets kleine Schwärme von bis zu 50 Spatzen aufhielten, sind sie plötzlich verschwunden. Das verlangt, gründlicher als bisher von mir recherchiert zu werden. In Hamburg sind sie tatsächlich verschwunden, weil alles dort so schön wärmeisoliert und renoviert wurde, ebenso in London, weil man dort die Vorgärten mitsamt ihren Hecken aufgrund des Parkdrucks in „Car Ports“ umgewandelt hat. In Berlin sind auch die Amseln plötzlich seltener geworden, eigentlich alles Vögel bis auf die Tauben und Krähen und ein paar Möwen.

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Schwachstellen

Im Zweizwerge-Verlag Berlin erschien vor einiger Zeit die Autobiographie eines Polizisten: Er las auf der Wache täglich die taz – um seine BZ und Bild lesenden Kollegen zu provozieren, dann wurde er Kontaktbereichsbeamter (KOB) im Wedding, wobei er hoffte, aus der Bevölkerung heiße Tips für irgendwelche schweren Delikte zu bekommen, er wurde aber geradezu überhäuft von Denunziationen, was er zunächst schätzte, aber schnell merkte er, dass an all diesen Anschwärzungen nichts dran war. Enttäuscht gab er seinen KOB-Job auf – und wurde Personenschützer bei Willy Brandt, den er sehr schätzte und vor allem davor schützte, dass der regierende Bürgermeister ständig besoffen gemacht wurde. Jedesmal, wenn man „Cognac-Willy“ auf einer Versammlung abfüllte, ging er nach einiger Zeit in den Saal zu ihm und sagte laut: „Herr Brandt, der Wagen ist vorgefahren.“ Obwohl der die ganze Zeit vor der Tür stand. Aber Willy Brandt verstand, sagte „Letzte Runde“ und verschwand mit ihm.

Die US-Wissenschaftlerin Shoshana Zuboff nennt das, was auf uns zukommt „Überwachungskapitalismus – wobei sie zuvörderst an die elektronische Überwachungstechnik denkt, die ständig vervollkommnet wird. So besitzen die Ehemänner in Saudi-Arabien z.B. ein Smartphone, dass Alarm gibt, wenn eine ihrer Ehefrauen sich mit ihrem Smartphone dem Flughafen nähert.

Letzten Endes braucht aber auch die totale Überwachung Staatsdiener, die handgreiflich werden, also Polizisten, die den Überwachten oder Verdächtigen festnehmen.

Und das ist die Schwachstelle aller Systeme. Der jüdische Schriftsteller Valentin Senger überlebte mit seiner Familie, weil ein Polizist in der Meldestelle den Eintrag „mosaischer Glaube“ einfach löschte. Wer das heute angibt, der muß nur noch „Kultussteuern“ zahlen.

Am Souveränsten war unser Dorfpolizist: Wenn er einen Bauernsohn zur Musterung für die Bundeswehr melden mußte, ging er erst zu dessen Vater. Wenn der sagte, er bräuchte seinen Sohn unbedingt auf dem Hof, dann meldete er ihn nicht. Wenn der Abgabetermin für das Dieselrückzahlungsformular nahte, ging er zu den Bauern und füllte sie mit ihnen aus. Er besuchte regelmäßig meinen Vater, der für ihn einen Schnaps bereithielt, irgendwann zückte er sein Notizbuch und sagte: „Schorse, kann ich Dir mal mein neues Gedicht vorlesen?! Einmal druckste er herum: „Was Unangenehmes diesmal, jemand hat dich angezeigt, weil Du Dein Haus schwarz gebaut hast.“ Mit Hilfe des Dorfpolizisten kam mein Vater aber gimpflich davon.

Mein bayrischer Halbbruder lud mich einmal auf ein Dorffest ein, wo ausschließlich „Maß Bier“ ausgeschenkt wurde (in 1, 069 Litergläsern). Ich sagte, dass ich noch fahren müsse, er meinte daraufhin: „Bis zu drei Maß darfst Du hier trinken, da sagen die Polizisten nichts.“

Auch im bayrischen Bischofsheim wurde mir in einer Kneipe gesagt: „Keine Gefahr, die Polizei hält Dich nicht an, nur wenn oben im Walddorf die ‚Bösen Onkelz‘ spielen, werden ausnahmslos alle kontrolliert.“

Am Seltsamsten war ein Grenzpolizist am Grenzübergang Wannsee/Dreilinden. Gewöhnlich fragten die Grepos, ob man Waffen oder Funkgeräte dabei hatte, er fragte jedoch den Fahrer: „Was ist denn das, es riecht so komisch?“ Wir antworteten: „Haschisch“. Und wie wirkt das? Wollte er wissen. Es entspann sich daraufhin ein längeres Informationsgespräch. Als alles gesagt war, schenkten wir ihm ein Stück Haschisch. Als wir wieder mal nach Westdeutschland fuhren, hatte „unser“ Grepo erneut Dienst. Er grüßte uns wie alte Bekannte – und wir gaben ihm erneut ein Stück. Dann fragte er, was da auf dem Aschenbecher läge. Eine Purpfeife für Haschisch antworteten wir und reichten sie ihm. Er besah sie sich so genau, dass wir sie ihm schließlich schenkten. Als ich das einer DDR-Dissidentin erzählte, war sie entsetzt, wie unmoralisch wir uns gegenüber der DDR-Staatsgewalt verhalten hatten. Dabei waren wir hocherfreut gewesen, dass einer von den „Organen“ sich so menschlich uns gegenüber verhalten hatte.

Das mögen alles Kleinigkeiten gewesen sein, aber sie sind wichtig, um den immer unmenschlicheren Systemen zu entkommen.

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Startup-Fieber

Die Innovationsberater-Firma „Startup Genome“ fand heraus, Berlin ist die Startup-Metropole Deutschlands. 2020 schaffte diese nachgesellschaftliche Projektwelt hier bereits 19.000 Billigjobs. Fast im Monatstakt werben inzwischen neue Bringdienste in den U-Bahnhöfen. Ich vermute, dass dahinter jedesmal Millenials stehen, die ständig an ihren Smartphones rummfummelten, sich nächtens Fastfood und Softdrinks kommen ließen und dann die tolle Idee eines Bringdienst hatten. Dazu stellten sie einen Schwarm armer Schweine als Ausfahrer ein.

„Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald,“ hieß ab 1955 der Werbespruch der ersten Schnellrestaurantkette – mit Broiler To Go im Angebot. Ähnlich lautet nun der Spruch der Lieferfirma „Wolt“: „Berlin erreicht Herd-Immunität“. In den LPG der DDR gab es auch schon einen Lieferdienst, d.h. die Fahrer brachten den Mitarbeitern täglich Essen aufs Feld.

Es gibt wahre Startup-Moden: Nach den Fastfood-Lieferdiensten warben neue Bankgründungen in den U-Bahnhöfen, sie nannten sich Smartphone-Banken: Alle Geldgeschäfte wurden bei ihnen angeblich „easy“ erledigt – mittels „financial technology“. Deswegen hießen sie auch „Fintech-Banken“. Eine Wirtschaftszeitung unkte: „‘Es reicht nicht, Fantasien zu verkaufen‘ – ruppiges Börsenklima für Fintechs“.

Nach den Finanz-Startups kamen die Finanzamt-Startups. Eins nennt sich „taxfix“: Es will die jährliche Steuererklärung für uns erledigen. Als wenn es nicht schon genug Steuerberater gäbe. Das Problem dabei ist, bevor sie eine Steuerrückzahlung für uns erreichen, wollen sie erst mal selbst Geld von uns haben. Die taxfixer werben dafür mit dem kessen Spruch: „Schluss mit Steuer-blablablabla-erklärung“.

Noch abstoßender sind die Startups der Drogendealer. Kurando z.B., das uns „Medikamente in 30 Minuten“ liefern will: „Free delivery…“ Oder „Mayd“, das ebenfalls verspricht, uns blitzschnell z.B. Schmerztabletten zu liefern. Ihre Renner sind angeblich nicht-rezeptpflichtige Potenzmittel. Mayd kooperiert mit Apotheken. Diese nehmen die Bestellungen auf und stellen die Ware zur Abholung bereit. Mayd hat bloß die Fahrer, die sie ausliefern. Wir haben es also auch hier mit einem oder mehreren Cleverles (in Sneakers und Kapuzenpullis?) zu tun. Sie sitzen in ihrer Computer-Zentrale und stellen einen, mehrere oder ganz viele Arbeitslose bzw. besessene Sportler ein, die bei Wind und Wetter durch die Stadt jagen – und dabei ständig ihr Startup-Smartphone am Ohr haben.

Auf „businessinsider.de“ heißt es: „Mayd ist nicht das einzige deutsche Startup mit dieser Idee. Nach der aktuellen Seedrunde ist es allerdings das am besten finanzierte.“ Eine „Seedrunde“, das sind Samenspender, namentlich die Startups „468 Capital“, „Earlybird“ und „Target Global“. Laut eines Linkedln-Posts des Mayd-Gründers haben daneben auch bekannte „Business Angels“ wie die Gründer der Startups „Amorelie“, „Auto1, „Aitme“ und „Flixbus“ in seine Lieferfirma investiert – insgesamt 13 Millionen Euro.

Mayd war so erfolgreich als Drogendealer, dass seine Vertragsapotheken nicht nachkamen mit den Bestellungen. Einige Start-Upper haben bereits Lieferdienst und Apotheke verbunden: die Versandapotheke „DocMorris“ z.B., die 2000 von einem holländischen Apotheker und einem deutschen Ingenieur gegründet wurde und jetzt dem Schweizer Konzern „Zur Rose Group AG“ gehört.

Für den Apothekerverband ist die Strategie von DocMorris nur Augenwischerei. „Es gibt jetzt schon viele Einkaufsgemeinschaften von Apotheken. Diese kaufen bei Großhändlern billiger ein und unterbieten oft die Preise von DocMorris,“ sagte die Sprecherin der „Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände“ dem Leiter des „News-to-be-smart-Rooms“ bei „BurdaForward“, was der „Bunte“-Besitzer Hubert Burda als „digitales Medienhaus der Zukunft“ bezeichnet. Sein „Forward“ läuft wahrscheinlich auf eine „Bunte für die Startupper-Class“ raus.

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Staat-Ups

Grob gesagt kann man bei den Existenzgründern zwischen sich verwirklichen und verwirken unterscheiden. Erstere werden zumeist vom Arbeitsamt gefördert und mit einem Coach versehen, man spricht deswegen auch von „Staat-Ups“. Letztere suchen sich Investoren, die ihnen einen Projektmanager vor die Nase setzen, der sie auf marktwirtschaftlichem Kurs hält (so machen es z.B. die Zalando-Brüder). Von allen „Start-Ups“ gelangt höchstens einer von zehn in die Gewinnzone.

Unsere Kneipe in Neukölln war ein Staat-Up, das Wirtsehepaar Uschi und Ansgar war arbeitslos gewesen und hatte beim Jobcenter einen Projektantrag gestellt, der genehmigt worden war. Normalerweise muss sich jeder irgendwann entscheiden, ob er vor oder hinter der Theke stehen will, für unseren „Fuchsbau“ hinterm Comenius-Garten traf das nicht zu, d.h. Gäste und Wirte waren nicht unterscheidbar. Weswegen die Einnahmen nicht mit den Ausgaben für Getränke und Knabberzeug Schritt hielten: Es wurde großzügig eingeschenkt und die Deckelführung lax gehandhabt, während den „Aushilfen“ anständige Stundenlöhne gezahlt wurden.

Irgendwann führte der vom Jobcenter auf das „Projekt“ angesetzte „Coach“ ein ernstes Gespräch mit Uschi und Ansgar: Der Umsatz könnte besser sein, sagte er, der selbst eine Art „Staat-Up“ war: ein Unternehmensberater. Einst hatte er in der Hochschule für Ökonomie sozialistisches Wirtschaften gelernt, dann hatte er als Selbständiger Firmen beraten. Diese hatten seine Wirtschaftskonzepte jedoch meist abgelehnt und waren „deswegen wieder vom Markt verschwunden“. So war es dann auch beim „Projekt“ von Uschi und Ansgar, denen er vorschlug, mehr Touristen anzulocken und z.B. Cocktails und „Happy Hours“ einzuführen, sowie mit „Flyern“ draußen für ihre Veranstaltungen zu werben. Aber dazu fand sich niemand und das ganze „Hawaii-Gelumpe“ mit den Happy-Hours lehnten alle ab, zumal sie befürchteten, dass dann plötzlich Englisch im „Fuchsbau“ gesprochen wurde. Nicht dass sie generell was gegen Fremde hatten, Polen und Russen waren z.B. willkommen, es standen acht Wodka-Sorten im Kühlfach.

Als der Coach sich mit der Anökonomie das „Fuchsbaus“ vertraut gemacht hatte, schlug er vor, mit den Stammgästen einen Kulturverein zu gründen, das würde die Verluste auf viele Schultern verteilen, wenn nicht gar dazu führen, endlich Gewinn zu machen, denn hinter einem solchen altruistischen Verein stünden viele Egoisten, die nicht draufzahlen wollen auf Dauer. Der Coach argumentierte gerne biologisch, in diesem Fall bemühte er eine Drosselart, bei der die ledigen Vögel den Brutpaaren bei der Aufzucht helfen, wodurch sie an Ansehen gewinnen. Desungeachtet wurde sein Rat angenommen und schon bald waren alle Mitglieder im Verein der Freunde des klassenlosen Fuchsbaus. Da die Höhe des Mitgliedsbeitrags jedoch von jedem selbst bestimmt wurde und man auch nichts zu zahlen brauchte, änderte der Verein wenig an der finanziellen Misere. Den „e.V.“ gibt es noch heute, aber Uschi und Ansgar übergaben die Kneipe einem anderen Wirtsehepaar. Dennoch blieb alles so wie es war, nur dass die neue Thekencombo etwas strenger wirtschaftete und die Gläser nicht mehr so voll schenkte.

Zu den Vereinsmitgliedern gehörte Malgorzata, eine Fotokünstlerin. Da sie selten ein Foto verkaufte, war sie arbeitslos gemeldet. Irgendwann legte das Jobcenter ihr nahe, sich selbständig zu machen mit einer Förderung und einem Coach. Bei diesem handelte es sich um einen Westberliner, der eine Künstleragentur hatte, aber es sei ihm damit nach der Wende so ergangen wie Woody Allen in „Broadway Danny Rose“. Malgorzata photographierte vor allem Leute in U- und S-Bahnen. Danny Rose riet ihr, sich auf Hochzeiten, Betriebsfeiern und Firmenjubiläen zu werfen und dazu z.B. bei Kapitänen von Ausflugsschiffen und Betreibern von Hochzeitssälen vorzustellen – mit Visitenkarten. Seine Vorschläge machten Malgorzata regelrecht krank. Oft hatte sie sich vorgestellt, wenn sie mal wieder einen hupenden türkischen Hochzeits-Konvoy auf der Straße sah, hinzurennen und die Braut aus dem Auto zu zerren, um sie zu retten. Das war also alles nichts für sie, ihr Coach machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl und ihr Sachbearbeiter beim Jobcenter drohte: „Wir können auch anders!“.

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Tätowierungen

Da die kapitalistische Produktion von Anfang an eine Überproduktion ist, steigen ständig ihre faux frais, die keinerlei Mehrwert schaffen. Dazu zählt u.a. die Werbung, die laufend neue Ideen produzieren muß. Längst hat sie die Bekleidung unserer Körper erfaßt, indem die Textilproduzenten ihre Label außen sichtbar auf ihre Waren anbringen und Fußballer sowie Rennfahrer mit ihren Label geradezu pflastern. Seitdem die Unternehmen die sozialen Medien entdeckt haben, wimmelt es auch dort von Produkt-Reklame. Selbst die Zeitungen aus Holz spicken ihre Internet-Auftritte damit, man kann wählen: entweder Abo oder umsonst mit Werbung.

Hat die Wirtschaftswerbung es den Graffitikünstlern nachgemacht und alle freien Flächen mit Label – „tags“ und „pics“ – überzogen oder war es umgekehrt? Dann wären die Graffitijunkies die Rache von unten auf den Reklamedruck des Kapitals – von oben.

Parallel zu diesem Klassenkampf mittels Verunstaltungen traten immer mehr Leute auf, die eine Art von Eigenwerbung auf ihren T-Shirts und Stofftaschen trugen – „Kung Fu Fighter“ oder „Alles Fotzen außer Mutti“. Auf dem großen Busen einer Frau stand „Too Big To Fail“, eine Amerikanerin schrieb auf ihr T-Shirt: „Wish They Were Brains“.

Was lag da näher als unter die Haut zu gehen? Sich seine Eigenwerbung eintätowieren zu lassen. Unter „tattoo-sprüche“ finden sich Fotos dazu: Ein Frauenhals mit „Keep me wild“, ein Unterarm mit „Be happy“. Das Magazin „Men‘s Health“ schrieb 2016: „Ihr Tattoo soll ein Spruch sein? Dann liegen Sie voll im Trend!“ Eine Hamburger Tätowiererin erklärte der Redaktion: „Dass die Familie für Männer eine sehr wichtige Rolle spielt, erkennt man auch an der aktuellen Beliebtheit von Tattoo-Sprüchen zum Thema Familie. Bei Männer beliebt sind große Buchstaben auf den Fingern“, behauptet die Tätowiererin, „Auch die Brust wird mittlerweile oft mit großen Lettern verziert und die persönliche Botschaft stolz in die Welt getragen.“

Auf Frauenkörper liest man eher Buddhas Ratschläge für ein Leben im Hier und Jetzt. Der Schweizer Historiker Valentin Groebner studierte Tattoos im Freibad. Ihm flüsterte (in: Merkur 2019/10) jede entblößte Botschaft ein „Bitte schau mich an“ zu. Die „gezackten dunklen Bänder an den Oberarmen“ waren inzwischen so häufig geworden, dass sie ihm kaum noch auffielen. Die ersten tattoos in den Siebzigerjahren waren noch „gefährlich-verrückt“. Groebner meint, Tattoos seien keine Label, so wie auf Kleidern oder Sonnenbrillen, sondern sollen „Selbstbestimmung signalisieren – oder soll man ‚Werte‘ sagen?“.

Gerade auf diese will man bei den Beamten in Zukunft besonders achtgeben: Die angehenden Lehrer z.B. sollten einen „Fragebogen“, der ihre „Tätowierungen abfragt“ ausfüllen, ihre Gewerkschaft sorgte jedoch für Rücknahme der Bögen, er beinhaltete, genaue Angaben zu jedem Tattoo zu machen – inklusive einem Satz, was die Tätowierung einem persönlich bedeute und einem Foto, das beizulegen war.

Ein 2021 verabschiedetes Bundesgesetz zur „Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten“ hatte bereits festgelegt, dass Tattoos „im sichtbaren Bereich verboten“ sind – wenn sie „die Funktionsfähigkeit der Verwaltung gefährden“ oder an der Verfassungskonformität des Staatsbediensteten Zweifel aufkommen lassen. Extremistische oder Gewalt verherrlichende Darstellungen seien verboten.

Bei der Polizei wurde ein Bewerber abgelehnt, weil der Polizeiarzt sein tattoo als „sexistisch“ eingeschätzt hatte. Das bezog sich auf die Brüste einer eintätowierten Göttin Diana. Das Angebot des Bewerbers, die Brüste überarbeiten zu lassen, wurde abgelehnt.

Ähnliches passierte einer Bewerberin für den gehobenen Polizeivollzugsdienst: Sie wurde abgelehnt, weil sie auf einem Unterarm das auf Französisch eintätowierte Zitat „Bitte bezwinge mich“ trug. Das Verwaltungsgericht entschied, eine Polizistin dürfe „keine Ansätze für Provokationen bieten“.

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Briefmarken und Chinchillas

Ein Bremer hatte eine gute Geschäftsidee. Sowas gibt’s. Der in Berlin lebende Schriftsteller Peter Kohle (Nomen est Omen?) annoncierte in einer Philatelisten-Zeitschrift, dass er eine komplette Sammlung Briefmarken von afrikanischen Staaten besäße und sie umständhalber abgeben müsse. Ihm wurden daraufhin z.T. erhebliche Summen angeboten. Das könnte also funktionieren, dachte er sich. Seine Freundin und er kauften sich einen VW-Bus, bauten ihn aus und fuhren nach Afrika. Sie besuchten alle 54 Staaten und kauften deren Briefmarken, mehrere von jeder Marke.

Als die beiden Afrikareisenden wieder in Berlin angelangt waren, setzte Kohle erneut eine Anzeige in eine Philatelisten-Zeitschrift: Habe einen kompletten Satz Marken von allen afrikanischen Staaten zu verkaufen. Und weil er mehrere von allen besaß – wurde er damit zum Millionär. Gleichzeitig schrieb er einen Bericht über ihre Afrikatour, die er unter dem Titel „Afrika -Patt Problem“ veröffentlichte. Im Vorwort schrieb er: „…Die Besonderheit der folgenden Berichterstattung liegt in der Alltäglichkeit, in dem Irrsinn der Normalität, in dem täglichen Drama…“

Weniger Glück als Geschäftsmann hatte ein Altonaer namens Jörg Böttcher, der mit Frau und Kind in Teltow auf einem Resthof lebt und bei einem Besuch des Kirschblütenfests zwei Dithmarscher kennenlernte, die eine „tolle Geschäftsidee“ hatten: In seinem leeren Schweinestall könnte er wunderbar Chinchillas züchten, meinten sie. Chinchillafelle gelten neben dem Zobel als einer der wertvollsten Pelze im Rauchwarenhandel. Damit könne er reich werden: zwischen 100 und 150 Euro bekäme man für ein Fell. Und das Futter – Gräser, Blüten, Kräuter – koste so gut wie nichts. Die Dithmarscher boten sich sogleich an, ihm neun Paare zu verkaufen – pro Tier verlangten sie 250 Euro. Nähme er alle, bekäme er einen Mengenrabatt und müsse nur 4000 Euro insgesamt zahlen.

Jörd Böttcher wollte erst einmal Näheres über Haltung und Pflege von Chinchillas wissen: Es sind südamerikanische Nagetiere. Diese auch Wollmäuse genannten Tiere werden bis zu 35 Zentimeter lang. Die Weibchen können bis zu drei Mal im Jahr zwei bis vier Junge bekommen, die schon mit etwa acht Monaten geschlechtsreif sind.

Seine Frau, Marina Klose, war skeptisch, sie wollte erst einmal ein Tier sehen. Kein Problem: Die beiden Dithmarscher hatten in ihrem Auto ein Pärchen in einer Box dabei. Als sie den beiden die Tiere zeigten, waren sie begeistert – und machten den Deal sogleich perfekt.

Als die wertvollen Pelztiere angeliefert wurden, wuchs die Begeisterung noch, denn es waren zwei schwangere Weibchen dabei – und alle 18 lebten sich gut im Schweinestall ein. Im „Chinchilla-Lexikon“ las das Ehepaar: „Manche halten Chinchillas einfach nur aus Profitgier, andere aber haben sich das Ziel gesteckt, Qualität statt Quantität zu züchten. Grundsätzlich kann man aber sagen das nicht das teuerste Tier das beste Chinchilla ist. Jedoch ist auch gleichzeitig zu sagen, dass das günstigste Tier nicht immer das günstigste Tier ist. So müsse man für ein Persian Royal Angora Chinchilla momentan weit über 2000 € bezahlen. Und das wäre noch günstig!“

Im Geiste rechnete das Ehepaar sich schon die ungeheuren Gewinne aus. Und dann vermehrten sich die Tiere auch wirklich sehr gut. Als sie die ersten zum Verkauf anboten, machte man ihnen jedoch wenig Hoffnung, dass sie mehr als 25 Euro pro Tier bzw. Fell bekämen. Ein große Enttäuschung, doch loswerden mußten sie die Tiere, denn sie hatten schon bald zu viele. Mehrere Händler, die sich ihre Chinchillas persönlich ansahen, winkten ab: Das Fell war ihnen nicht gut genug. Zuletzt bot das Ehepaar die Tiere „fürn Appel undn Ei“ Zoologischen Handlungen an.

Unterm Strich war ihre Chinchillazucht ein Minusgeschäft. Immerhin konnten sie aber nun bei Gesprächen über Geschäftsideen am Start-Upper-Stammtisch in Teltow mitreden. Ihre Chinchilla-Pleite interessierte alle.

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Auf das Verschlechterungsverbot pochen

Die Kleinstadt Nauen nahe Berlin hat einen Gemeindewald. Auf „nauen.de“ befindet sich eine Liste mit „einige Leistungen, die ihr Stadtforst erbringt: „Industrieholz für Zellstoff und Faserplatten/ Brennholz für den Hausbedarf/ Praktikantenausbildung/ Erholungs- und Schutzleistungen/ Realisierung von Ersatz- und Ausgleichsmaßnahmen/ Totholz sowie Horst- und Höhlenbäume für die Tierwelt/ Bestattungsmöglichkeit in der Natur.“

Das ist viel Leistung für so einen kleinen Stadtforst (1100 Hektar), bei dem auch noch ein Drittel unter Naturschutz steht: das FFH-Gebiet Leitsakgraben. Und dort gilt ein „Verschlechterungsverbot“: Im „Lebensraumtyp 9160“, d.h. in einem Sternmieren-Eichen-Hainbuchenwald darf die Forstverwaltung nicht einfach eine Kiefernplantage anlegen. In der FFH-Richtlinie heißt es dazu in Art.6 Abs. 2, dass „Störungen von Arten, für die die Gebiete ausgewiesen sind, zu vermeiden sind.“

Zwischen einigen Bürgern und dem Stadtförster kam es deswegen in Nauen zu einem Konflikt. Der von dort stammende Student der Umweltwissenschaften Tobias Mainda hatte den starken Eindruck, dass das FFH-Gebiet „zum reinen Holzlieferanten der Stadt Nauen verkommen ist“ und bat die Europäische Kommission, Generaldirektion Umwelt, um Rechtsauskunft. „Umsetzung und Vollzug europäischen Rechts sind grundsätzlich Angelegenheit der Mitgliedstaaten,“ wurde ihm geantwortet. Konkret war das in diesem Fall das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie das Bundesamt für Naturschutz. Aber beide verwiesen ihn an die Behörde vor Ort. Also stellte er dort – d.h. bei der Staatsanwaltschaft Potsdam – Strafanzeige gegen den Förster Thomas Meyer wegen „Vergehen nach dem Bundesnaturschutzgesetz“. Der zuständige Staatsanwalt Kukuk sah jedoch von der Einleitung eines Ermittlungsverfahren ab, mit der Begründung, dass „die Rodungen als Grundlage für die Wiederaufforstung durchgeführt worden sind und somit der Wiederherstellung des FFH-Gebietes dienten“.

Tobias Mainda schaute sich zusammen mit dem Biologen Jens Esser von der „Entomologischen Gesellschaft Orion-Berlin“ das FFH-Gebiet Leitsakgraben noch einmal genauer an. Es hat die EU-Nummer DE 3343-301, zum Erhalt seiner Lebensraumtypen, insbesondere Eichen-Hainbuchenwälder und Erlen-Eschen-Wälder, dient ein Managementplan. Desungeachtet wurden dort Eichen in Furnierqualität gefällt, „quasi ein Kahlschlag“, und Stieleichen sowie Hainbuchen langsam „durch gepflanzte Lärchen und aktuell durch Kiefern verdrängt“. Die außerdem gepflanzten Douglasien, die angeblich der Klimaerwärmung und Trockenheit trotzen, „schwächeln und sind nicht schädlingsfrei“. Der Insektenforscher Esser entdeckte dort Borkenkäfer, u.a. den Kupferstecher auf ihnen.

In einem Leserbrief an die Lokalzeitung kritisierte Esser Nauens Stadtförster Meyer, der gemeint hatte, der Eichbockkäfer würde die Eichen töten: „Es gibt nicht nur einen, sondern zwei Eichbockkäfer-Arten“ – einen „Großen“ und einen „Kleinen“, beide sind bundesweit besonders geschützt, der Große zusätzlich noch EU-weit. Die Entfernung von besiedelten Bäumen stellt somit schon mal „einen Verstoß gegen deutsches Artenschutzrecht dar“. Wahrscheinlich lebte auf den gefällten Eichen der Kleine Eichbock, der auf abgestorbenen Stämmen oder Starkästen siedelt. „Durch die Fraßtätigkeit der Larven verliert das Holz an Verkaufswert, gewinnt aber ökologisch ungemein. Zumindest ersteres dürfte Herrn Meyer nicht gefallen. Den großen Eichbock findet man in Brandenburg nur noch sehr vereinzelt – „ein Werk vieler Generationen von Förstern.“

Was konnte man noch tun, um das kleine Nauener FFH-Gebiet zu erhalten? Vom NABU (Naturschutzbund) kam eine gute Nachricht: Im „Fauna-Flora-Habitat Leipziger Auwald“ ließ das Forstamt Bäume fällen ohne zuvor eine „Verträglichkeitsprüfung“ durchgeführt zu haben. Und die „Grüne Liga Leipzig“ brachte das bis vor das Oberverwaltungsgericht Bautzen zur Geltung, das dann im Juni 2020 auch alle Fällungen im Auwald erst einmal untersagte. Die Anwältin der Naturschützer, Franziska Heß, freute sich: „Die Bedeutung der Entscheidung ist kaum zu unterschätzen“ – auch für das FFH-Gebiet im Nauener Stadtwald?

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Wir Achtsamen

Zur Achtsamkeit, die demnächst in skandinavischen Schulen gelehrt werden soll, gehört die Umsichtigkeit – nicht nur im Hinblick auf „Schnäppchen“, sondern auch z.B. beim Gebrauch des Wortes „Wir“. „Wir müssen die Vermüllung der Meere stoppen!“ „Wir müssen den Waffenexport nach Saudi-Arabien unterbinden!“, „Wir wissen zu wenig über die Klitoris“, „…Wer, wenn nicht wir“ usw. Besonders absurd ist das in den „sozialen Netzwerken“, auf Facebook z.B., wenn dort das „Wir“ („…müssen was gegen den Elfenbeinhandel tun“) mit der Aufforderung zur Unterstützung verbunden wird – die darin besteht, dass man sie anklickt. Und gut is!

Ich verstehe: Es gibt viele „Wirs“ – ein Fußballvereins-Wir, ein „Partei- und Gewerkschafts-Wir „Wir Opelaner“, Schlesiertreffen, „Wir Motorradfahrer“, „Wir Friesen“ – Apropos: Als dieses „Wir“ Theodor Storm gepackt hatte, zieh ihn Theodor Fontane der „Husumerei“. Trotzdem sollte man nicht den Husumer Nationalökonomen Ferdinand Tönnies und seine Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft dabei vergessen. „Gemeinschaften“ gibt es viele, sie können sich an den unmöglichsten Orten, auch geistigen, entwickeln: So gibt es z.B. in Ost- und in Westdeutschland je einen Kreis von Leuten, die Tausendfüßer züchten („Tausi“ von ihnen genannt) und die sogar je eine eigene Zeitschrift herausgeben. Eine Gesellschaft gibt es aber schon lange nicht mehr, höchstens Nationen, Staaten. Also zielt das politische oder sozial engagierte „Wir“ auf die Weltbevölkerung, mindestens auf die in den industrialisierten Ländern. Der Autor Thomas Steinfeld schreibt in der SZ, dass viele Themen heute „oft ins Große zielen“ – und damit letztlich „Ohnmacht“ anzeigen. Ebenso oft aber würden die Argumente auch ins Kleine,“ auf den Einzelnen, „den verantwortungsvollen Bürger“ zielen. Er denkt dabei an die „Flugscham“, die nicht bis zu den „Kampfliegern“ denkt. Stattdessen wird es immer kleinteiliger – bis hin zu einer „Ideologie privater Verantwortung“. Diese debattiert dann z.B., inwieweit die Segelschiffstour mit Eskorte von Greta Thunberg noch „klimaneutral“ ist. Alles Private ist politisch – das hatte einmal eine andere Bedeutung: von sozial determiniert, es war also analytisch gemeint. Jetzt ist das Wir Teil einer Konsumentendemokratie, in der das Gesetz der großen Zahl gilt, das auch der vereinzelte Konsument für sich nutzen kann, indem er z.B., dem Vorbild Ralph Naders folgend, eine bestimmte Ware nicht kauft, um den Hersteller, wenn das viele machen, zu etwas zu zwingen.

Das war u.a. bei der „Anti-Shell-Kampagne“ Mitte der Neunzigerjahre der Fall, die von „Greenpeace“ mitgetragen wurde. Dieser Global NGO-Player spricht im übrigen auch gerne von „Wir“. Im Falle des „Glühbirnenverbots“ umfaßte dies sogar den Osram- und den Philips-Konzern, mit denen zusammen „Greenpeace“ am EU-Parlament vorbei die Ersetzung der Glühbirne durch quecksilberhaltige „Energiesparlampen“ durchsetzte. Derzeit ist die Organisation bei der „Anti-Nestlé-Kampagne“ aktiv: Ein Boykott wegen der auf Privatisierung drängenden „Wasserpolitik“ des weltgrößten Nahrungsmittelkonzerns und seiner Palmölimporte, für die in Indonesien der Urwald seinen Palmölplantagen weichen muß.

Und „Wir“ sollen deswegen keine Nestlé-Produkte mehr kaufen! Schon heißt es in den sozialen Medien, dass dadurch der Konzern bereits starke Umsatzeinbußen hinnehmen mußte. Die ersten Supermärkte hätten sich schon dem Boykott angeschlossen. So eine konsumistische Boykottaktion ist eine Art Heerschau: Man sieht, wie groß das „Wir“ ist – wenigstens in diesem einen Punkt im weltumspannenden Netz des Kapitals: Nestlé. Man geht bereits ins Detail: Die einen konzentrieren sich auf das in Flaschen verkaufte Raubwasser des Konzerns, andere haben sein Katzenfutter „Kitkat“ im Visier. Es kommt zu Überschneidungen – zwischen dem „Wir“ der Nestlé-Gegner und dem „Wir“ der Katzenliebhaber.

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Drei Bio-Bildungstage

Seitdem das Damoklesschwert der Schließung nicht mehr direkt über dem Botanischen Garten hängt, erschließt er sich ständig neue Finanzhebel: Mit (schrecklichen) Exotischen Nächten im Dschungelgewächshaus, mit „Das Dschungelbuch“-Inszenierungen, Hochzeitsfeiern, Halloween, „Christmas Garden“, Kakteentage, eigenem Geschenke-Shop…and more. Aber auch mit der Einbeziehung von immer mehr Hobbygärtnern – z.B. als Anbieter von Stauden, Kakteen, und fleischfressenden Pflanzen mit eigenem Verkaufsstand. Schon befürchtet mancher Jahreskartenbesitzer, dass aus dem Garten ein Spektakel wird, ein lauter Verkaufsrummel zwischen den stillen Gewächse – mit etlichen Nebeneinnahmen drumherum.

Kürzlich zeigte man eine „Orchideen-Show“: „Wir lieben Orchideen. Sie auch? Dann sprechen Sie uns an“. Die Züchter und Sprecher der Deutschen sowie auch der Polnischen Orchideen Gesellschaft und der Fachgesellschaft Andere Sukkulanten in der Deutschen Kakteen Gesellschaft ließen sich viel Zeit, um mir das schwierige Geschäft mit diesen komplizierten Pflanzen zu erklären, inzwischen gäbe es ganze „Orchideen-Industrien“, die die Super- und Baumärkte beliefern. Man nimmt ein bestimmtes Teil eines Orchideenstengels und macht daraus tausende von Zellen, aus denen neue Pflanzen gezogen werden. Hybridsorten züchtet man, indem die Pollen einer Art auf den Stempel einer anderen übertragen werden.

Damit gerade das nicht passiert, haben die frei lebenden Orchideen sich so weit auf die Vorlieben eines von ihnen gewählten Bestäubungsinsekts angepaßt, dass dieses, auch ohne Nektar dafür zu bekommen, „blütentreu“ bleibt. Anscheinend kann man alle rund 300 Orchideenarten miteinander kreuzen. Bis heute gibt es etwa 30.000 Hybridarten. Sie werden immer billiger, aber man hätte keine rechte Freude an ihnen.

Deutsche Orchideen gab es nicht zu sehen, außer Frauenschuh und einige andere nichteinheimische aber winterharte Freilandorchideen. Man machte mich auf winzige Orchideen aus Südamerika aufmerksam, sie hingen an einer Drahtwand und waren auf Korkstücke von der Größe einer Zigarettenschachtel festgebunden. Für die ständig neugezüchteten Hybriden wird offiziell keine wild wachsende Orchidee mehr genommen – „der Natur entnommen“. Das Biosphärenreservat Rhön beschäftigt zu ihrem Schutz sogar einen – sehr kenntnisreichen – Orchideenwart. Über die kleinen Orchideen in der kargen Rhön werden viele Bücher veröffentlicht.

Auch ein Züchter von fleischfressenden Pflanzen hatte einen Stand. Da ich in einem Moor voller Sonnentau groß geworden bin, interessierte mich vor allem diese Pflanze. Seine Sonnentaupflanzen sahen jedoch ganz anders aus: Sie stammten aus Südamerika, Südostasien und Australien. Ihr Züchter aus Großbeeren hatte sie von Kollegen gekauft und weitergezüchtet. Die Venusfliegenfallen hatte ich mir größer vorgestellt, vor allem die Kannen der Kannenpflanzen. Füttern tat er sie alle nicht: „Sie müssen nicht unbedingt Fleisch haben“. Im Übrigen sei das mehr eine Liebhaberei als ein Geschäft. Ich vergaß ihn zu fragen, ob er Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für fleischfressende Pflanzen“ ist.

Am darauffolgenden Tag besuchte ich die Naturschutzstation Marienfelde, wo man den Mitgliedern des Entomologen-Vereins „Orion“ das seit einem Jahr bestehende Schmetterlingshaus zeigte, aus dem bereits einige tausend Tagfalter in die Freiheit des 100-Hektar-Geländes entlassen werden konnten: „Vom Kleinen Fuchs allein 1500“. Bis dahin hatte der für das Schmetterlingshaus Verantwortliche sich um das Futter für ihre Raupen gesorgt und tat es auch noch, denn hunderte von Raupen des Tagpfauenauges fraßen auch bei kaltem Wetter noch in lockeren Gruppen Brennnesselpflanzen, die er für sie hingestellt hatte. Ein Schmetterlingsfreund hatte ihm einen Buchsbaum mit einigen Raupen des Buchsbaum-Zünslers geschenkt, der gerade in den Alpenländern die Buchsbäume niedermacht – seine Existenzbasis. Im Schmetterlingshaus sind die Parasiten der Feind – winzige Schlupfwespen u.a., die ihre Eier in die Raupe injizieren – heraus kommen dann statt eines Schmetterlings ein Dutzend weitere Schlupfwespen.

Der Vereinsvorsitzende des „Orion“ und der Verantwortliche der Naturschutzstation besprachen kurz das Was und Wie einer entomologischen Zusammenarbeit. Dabei kamen sie zwecks schonender Artbestimmung auf den Einsatz von UV-Lichtfallen („aus England, die sind die Besten“) zu sprechen. Im Vortragshaus erzählte uns dann der Gärtner Jürgen Gienskey, Orion-Mitglied seit 1960, etwas über „Meligethes und ihre Brutpflanzen“ – dazu zeigte er Photos von diesen Pflanzen, die er in seinem Garten gepflanzt hatte. Bei Meligethes handelt es sich um die sehr artenreiche Gattung der Glanzkäfer, konkret war dabei u.a. vom Rapsglanzkäfer die Rede, der für die Rapsanbauer zu einem Problem werden kann. Das Weibchen legt ihre Eier in die Blüte, die Larven gehen in die Fruchtstände. Der nur wenige Millimeter große Käfer geht zwar auch auf andere Blüten – sie müssen aber gelb sein. Wenn ich das richtig verstanden habe, geht er u.a. auf die „Gemeine Ochsenzunge“. Der Orion-Vorsitzende erklärte dazu: Diese Pflanze gibt es in Berlin nur noch an einem Standort: am Brandenburger Tor komischerweise. Früher hat man sie als Färbepflanze für Gelb benutzt, ihre Blüten sind jedoch blau-lila.

Zwar besitzt die Naturschutzstation Marienfelde neben Bienen auch einen wilden Eber und ein paar Schafe, deren kämpferischer Bock schon manchen Graffitisprayer auf frischer Tat weggestoßen hat, aber die Säugetiere behielt ich mir für den nächsten Tag vor, da stand ein Besuch des Zoos in Eberswalde an.

Schon von draußen sah man, dass das Weißkopfseeadler-Pärchen zwei Junge groß gezogen hatte, die Mutter stieß seltsame hohe Töne aus, gefolgt von einem leisen Grollen – anscheinend hatte sie irgendetwas erregt. Leider hat der Zoo zu viele Laubbäume stehen gelassen, so dass einige Tiere entschieden zu wenig Sonne ab bekamen, bei Klammeraffen und Leoparden hatte man sich allerdings damit geholfen, dass zwei entfernte Gehege bzw. Inseln über Gebäude hinweg miteinander durch einen Gang aus Draht für die Tiere verbunden wurde. Das Zoogelände ist hügelig. In einigen größeren Gehegen hält man afrikanische Vögel und Säugetiere, die sich in Freiheit ein Habitat teilen, zusammen. In einem anderen leben Bär und Wolf zusammen. So etwas wird in immer mehr Zoos versucht. Im Berliner Zoo hat man aus drei Volieren für die Greifvögel jeweils eine gemacht, in zwei weiteren können die Besucher sogar in die „Flugvoliere“ gehen. In Eberswalde haben nur die Webervögel im tropischen Reptilienhaus viel Flugraum. Sie machten denn auch einen aufgeräumten Eindruck. Auch ein geschecktes Elselfohlen freute sich augenscheinlich seines Lebens. Während das wohl läufige Fischotter-Weibchen von seinem sie unentwegt beschattenden Gatten eher genervt schien.

Das waren die drei Bio-Bildungstage hintereinander. Die nächsten Kulturtage werden in Berlin bestimmt nicht lange auf sich warten lassen.

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Öko-Abenteuer

Kürzlich fand das „1. Berliner Bergfilm-Festival“ statt – mit Reinhold Messner. Das Bergsteigen war ab den Siebzigerjahren Bestandteil von Manager-Fortbildungskursen: Am Seil in einer Steilwand hängend sollten sie das Aufeinanderangewiesensein sinnlich nachvollziehen. Die norwegische Reiseschriftstellerin Erika Fatland meint in ihrem Buch über den Himalaya, „Hoch oben“ (2021), dass dieser fromme Wunsch in Rekorde umgemünzt wird. Die Autorin brachte es selbst am Mount Everest bis zum Basislager 5364 Meter über N.N., dann blieb ihr die Luft weg.

1975 schaffte es die erste Frau auf den Gipfel (8848 Meter), 2013 die erste amputierte Frau, 2005 die erste Eheschließung, 2013 die ersten Zwillinge und der älteste Mann (80), 2014 das jüngste Mädchen (15), 2017 der erste Krebskranke, 2006 der erste Diabetiker (Typ 1), 2010 der erste mit künstlichem Darmausgang, 2001 der erste Blinde, 2006 der erste mit einer Doppelamputation. Er mußte jedoch die Erlaubnis, den Berg zu bezwingen, erst vor dem Obersten Gerichtshof Nepals erstreiten. Dieser kam zu dem Schluß: Keinem dürfe der Zugang zum Mount Everest verwehrt werden. Das war vor allen Dingen ein Recht der Sherpas gewesen – sich unverantwortlichen Führungen zu verweigern. Nicht wenige waren in der Vergangenheit „im Berg“ geblieben.

In der Sowjetunion war das Bergsteigen, aber auch das Hochklettern an Bäumen, Straßenlampen und Hausfassaden fast ein Volkssport. Ab 1939 wurde der noch populärer durch eine Reihe von deutschen Filmen von und mit dem Bergsteiger Harry Piel. Die Partei versuchte gegenzusteuern, eine Schlagzeile der Prawda lautete: „Wider den Harrypielismus“. Zu viele hatten ihre Kletterfähigkeit überschätzt.

In Berlin gibt es nur zum Klettern ungeeignete Trümmerberge, dafür jedoch rund ein Dutzend „Kletterparks“ und „Kletterhallen“.

Es geht beim Bergsteigen u.a. darum, an die Grenze der Fähigkeiten, an das „Limit“, zu gelangen. Alle horizontalen und vertikalen Wüsten durchwandern: Dem Südtiroler Bergsteiger Reinhold Messner geriet das zum Lebensinhalt. Er bestieg nacheinander alle 14 Achttausender, durchquerte Grönland und die Antarktis zu Fuß sowie mit 60 die Wüste Gobi – allerdings halb per Anhalter. Sein Buch darüber, „Gobi. Die Wüste in mir“ (2018), ist eine Art Tiroler Existentialismus. Es geht ihm, ein Schloßherr inzwischen, „immer wieder um extreme Herausforderungen“, um eine umweltschonende „Revolutionierung des Abenteuerbegriffs“. Man könnte ihn als einen Ernst Jünger für Ökos bezeichnen.

Er hat 96 Bücher geschrieben, ein Bergmuseum gegründet und viele Filme produziert. In seinem Gobi-Bericht schreibt er in gewohnt dramatischem Ton: „Ich darf jetzt keine Zeit verlieren, wenn ich mein Leben nicht verspielen will. Die Wüste ist ungeheuer groß und doch Schritt für Schritt zu durchqueren, wenn ich mir die Hoffnung nicht nehmen lasse und meinem innersten Wesen bis zuletzt treu bleibe.“ Unterwegs hört er Stimmen. „Im Gehen spüre ich, sogar in der Wüste, die Mitte in mir.“ Solch Gespür verhindert leider, die Außenwelt gründlich wahrzunehmen. Es ist ein Egoextrem-Trip.

Anders die Biologin Carmen Rohrbach, die ebenfalls eine Liebhaberin von „Extremdestinationen“ ist und dazu eine Menge Bücher veröffentlichte: Sie hat die Wüste Gobi „erkundet“. In ihrem Buch „Mongolei“ (2008) schreibt sie: „Man war schnell daheim in der Wüste, weil alle schwierigen Dinge fehlten.“ Dazu verhalfen ihr auch freundliche Viehzüchter. Mittendrin fragt sich die 60jährige „beliebteste Reiseschriftstellerin Deutschlands“: Was kommt nach der Mongolei – dem „Zufluchtsort“ für ihre „Seele“ zu DDR-Zeiten? „Wüßte ich den Tag meines Todes könnte ich meine Kräfte bündeln…Gefährliches wagen, auf das ich aus vernünftigen Gründen verzichtet habe.“

An Gefährliches wagen sich auch immer mehr Tierfilmer (der Sensationsgier der Medien folgend). Als man den jungen Tierfilmer Andreas Kieling fragte, warum er so an der arktischen Fauna interessiert sei, antwortete er: „Ganz einfach – ich mußte mir sehr genau überlegen, wo es eine Marktlücke gab.“

Der vielgereiste Fernsehproduzent Roger Willemsen berichtet in seinem posthum erschienenen Buch „Unterwegs“ (2020) von einem Gespräch mit einer Stewardess: „Sie gesteht mir in 11.000 Meter Höhe verschwörerisch, auf Langstreckenflügen höre sie Stimmen in den Wolken. ‚Es sind die Toten, die da reden,‘ sagt sie, sie tun es nur über Meeren, Bergen und Wüsten‘. Ich lächele. ‚Das Universum lacht nicht,‘ raunt sie.“

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Amerikanismen

Selbst die kleinste Kunstgalerie betitelt ihre Ausstellungen inzwischen auf Englisch – „In the heart of the West“ oder „Diversity United“ zum Beispiel. Die Hiesigen sprechen bis auf wenige alle Englisch und von den Ausländern, Touristen, die meisten – wird gesagt, und darauf hingewiesen, dass die Sprache in den sozialen Medien sich sowieso angloamerikanisiert.

Kürzlich fand am Brandenburger Tor eine „Demo“ statt, bei der nur noch englische Wörter auf den Transparenten standen – mit den Forderungen der Teilnehmer. Bei ihren Fotos auf Facebook konnte ich es nicht unterlassen, mich über diesen um sich greifenden PC-Trend zu mokieren. Woraufhin mich jemand streng anging, was ich denn für ein Typ sei: in der taz publiziere, RT gucke und eine arische Sprache verlange.

Ich verstand, das Deutsche war für ihn Nazisprache. Das konnte ich noch nachvollziehen: Als ich in Nordafrika war, begrüßte man mich, wenn man hörte, dass ich Deutsch sprach, mit „Hitler gutt!“. Und ein mir bekannter polnischer Bauer, der Zwangsarbeiter bei den Deutschen war, verläßt jedesmal den Raum, wenn jemand Deutsch spricht. Auch dass die Nazis sich als „Arier“ begriffen und SS-Expeditionen ausrüsteten, um im Himalaja und in Afghanistan nach Ur-Ariern zu suchen, wußte ich, aber nicht, was eine „Arische Sprache“ sein sollte. Auf Wikipedia gibt es sie sogar im Plural: Die indoiranischen Sprachen, früher als „arische Sprachen“ bezeichnet, bilden einen Primärzweig des Indogermanischen. Die indoiranische Sprachfamilie besteht aus den Hauptzweigen Iranisch, Nuristani, Indoarisch, die von insgesamt über eine Milliarde Menschen gesprochen werden.

Die arischen Sprachen entwickelten sich vor den germanischen. Meine Forderung nach Protest-Parolen auf Deutsch war aber nicht Altdeutsch-Nationalistisch gemeint noch bedeutete sie „Deutsche helfen Deutschen“. Diese bierernste AfD-Parole hatten wir übrigens 1990 als ironisches Logo der Treuhandanstalt in der taz veröffentlicht: Es bestand aus den zwei sich umfassenden Händen des SED-Emblems und um den Rand herum stand „Deutsche helfen Deutschen Treuhand“.

Mein Wunsch nach Vermeidung von Anglizismen war höchstens altmodisch erzieherisch: Die Passanten sollen aufgeklärt werden über die Notwendigkeit dieser oder jener Forderung: „Mieten runter!“, „Kein Impfzwang!“ oder „Keine Rinderzucht auf Regenwaldböden!“ zum Beispiel. Auch „Höhere Gehälter für Pflegepersonal“ vermittelte sich doch den Vorübergehenden und den Polizisten viel eindeutiger als „Higher salaries for Caregivers!“. Beim Wort „Pflegepersonal“ hat man hier sofort konkrete Bilder vor Augen. Ärgerlich benamt sind selbst die Boxen an Parkanlagen, denen man Plastiktüten zum Aufsammeln von Hundescheiße entnimmt: „Dogstations“.

Vor einiger Zeit hatte ich schon zu bedenken gegeben, dass diese Anglifizierung der deutschen Sprache doch im Zuge des amerikanischen Imperialismus geschieht. Ein Kollege antwortete mir kurz: US-Imperialismus – „darauf habe ich nur gewartet“. Das hörte sich an wie: Der Imperialismus ist doch längst aus der Mode.

Ein anderer Kritiker verortete mich nicht bei den Ariern oder bei den „Antiimps“, sondern bei den Gender-Gegnern wie etwa den Berliner Linguisten Peter Eisenberg, der davon ausgeht: „Die Genderfraktion verachtet die deutsche Sprache“ – aber nicht zwangsläufig auf amerikanischem Englisch. Im Gegenteil: Zwar kommt der Genderism aus den USA, aber hierzulande ist es wesentlich ein Deutsch-Schreib- und –Titelproblem. Er, Eisenberg, sei zwar kein „Hardliner“, doch er müsse die Sprache, die er liebt, verteidigen. Etwa gegen den Genderstern, sagte er. Die deutsche Sprache „lieben“, davon kann bei mir keine Rede sein.

Ich verstehe, dass durch den täglich ins Deutsche hinzukommende Anglizismus, „unsere“ Sprache peu à peu mit neuen Bedeutungen aufgeladen wird: z.B. von „Dauerlauf“ (Schweiß, stinkig, unschön aber sportlich) zu „Jogging“ (technisch und modisch ausgerüstet, entstressend, schön) oder von „Heimarbeit“ zu „Homeoffice“. In umgekehrter Richtung geschieht das auf den Philipinen, die lange eine US-Kolonie waren und es etliche englischsprachige Zeitungen gibt: Fast täglich ersetzen diese ein englisches Wort durch ein Tagalog-Wort.

Wenn man aber guten Willens ist, kann man die hiesige Angloamerikanisierung (bei der aus Entschuldigung „Sorry“ und aus Genau! „Exactly“ wurden), auch als „Deep Antifa“ verstehen. Die gegen Neonazis vorgehende Antifa wäre demnach eine eher oberflächliche Variante dieses „Kampfes“, während die zunehmende Ersetzung der deutschen Wörter durch Anglizismen in die Tiefe ginge, in das Denken mit Wörtern – deswegen: „Deep Antifa“. Ich halte eine solche PC-Arbeit an der Sprache jedoch für überschätzt.

An der mit egalitärem Geist gegründeten Bremer Universität duzten sich alle, aber schon den ersten jungen Dozenten Ende der Siebzigerjahre gelang es, ihr Duzen distanzierter klingen zu lassen als ein Siezen und dazu jede Menge Anglizismen „von drüben“ einzuflechten. Fast so wie die Modemacherin Jil Sander, die der FAZ mitteilte: „Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, daß man contemporary sein muß, das future-Denken haben muß…Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, daß man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auf bestimmte Zielgruppen.“

Immer seltener trifft man auf Leute, die noch einen ganz anderen spirit appreciaten – wie z.B. ein Kneipenbesitzer bei Husum, der seinen Cocktail nicht „Sex on the beach“, sondern „Geschlechtsverkehr am Wattenmeer“ nennt.

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Elefanten

Über Botswana erfährt man meistens nur etwas, wenn es um die dortigen Elefanten geht. In Botswana leben mehr als 130.000 Dickhäuter – rund ein Drittel aller Elefanten Afrikas, Der WWF meldete: „2020 starben 350 Elefanten in Botswana. Sie wurden nicht von Wilderern getötet, denn ihnen fehlten keine Stoßzähne.“ 2021 berichtete „netzfrauen.org“: „In Botswana dürfen in den kommenden Monaten 287 Elefanten legal getötet werden. Die Trophäenjäger kommen aus der ganzen Welt. Obwohl der KAZA-Nationalpark, die weltweit größte Zone für Naturschutz und Ökotourismus vor etwa 10 Jahren mit 50 Millionen Euro deutscher Finanzierung ausreichend Platz für Elefanten bieten müsste, werden Hunderte Elefanten entweder verkauft oder wie in Botswana von Trophäenjäger erschossen.“

2023 beabsichtigte die Bundesregierung, die Einfuhr von Jagdtrophäen geschützter Arten einzuschränken und in einigen Fällen sogar gänzlich zu verbieten. 2024 kam heraus, dass das Sterben der 350 Elefanten in Botswana auf Blutvergiftung zurückzuführen sei, verursacht durch Bakterien. Die Forscher vermuten, dass Stress aufgrund von Hitze und Trockenheit zu diesem Ausbruch beigetragen hat. Ebenfalls 2024 berichtete der Spiegel: „Wegen der anhaltenden Dürre ergreift die Regierung in Simbabwe eine umstrittene Notfallmaßnahme. Sie will Elefanten jagen, um den Hunger der Bevölkerung zu mildern.“

2025 wurden 410 Elefanten zum Abschuss durch Trophäenjäger freigegeben. Dabei handelt es sich um Bullen mit möglichst großen Stoßzähnen, deren Abschuß gravierende Folgen für die Elefantenherden hat. Weil die deutsche Beschränkung der Einfuhr von Trophäen aus Botswana zur Folge hat, dass weniger Trophäenjäger ins Land kommen, um dort Elefanten zu schießen (einer kostet etwa 70.000 Euro), ist der Präsident des Landes erbost, denn Botswana braucht dringend beides: weniger Elefanten und mehr Geld. Er verkündete deswegen, 20.000 Elefanten nach Deutschland zu schicken. Und er akzeptiere kein Nein.

Das „RedaktionsNetzwerk Deutschland“ fragte sich: „Könnten 20.000 Elefanten in Deutschland überleben – und wäre dann noch Platz für uns?“ Zunächst stellte die Autorin Miriam Keilbach fest: „Die Elefantenpopulation in Deutschland liegt bisher bei rund 130 Exemplaren, wobei es etwas mehr Asiatische als Afrikanische Elefanten und deutlich mehr Kühe als Bullen gibt. Die meisten Elefanten finden sich in Zoos, insgesamt halten noch 24 Zoos, Tierparks und Safariparks Elefanten. Hinzu kommt eine Art Altersheim für Zirkustiere, in denen ebenfalls Elefanten unterkommen, beispielsweise im Elefantenhof Platschow und im Erlebnispark Starkenberg.“

In Mitteleuropa lebten einst zwar Elefanten, die hiesige Bevölkerung ist inzwischen aber nicht mehr, ähnlich wie bei den Wölfen, an sie gewöhnt. „Grundsätzlich darf jede und jeder in Deutschland Elefanten als Haustier halten – insofern man eine artgerechte Haltung bieten kann,“ aber wer kann das schon – außer vielleicht Gloria von Thurn und Taxis. Aber ihr Landbesitz reicht nicht: „Wir bräuchten ungefähr die Fläche des gesamten Saarlands und des Stadtstaats Bremens, um die Tiere zu beheimaten, wenn sie so viel Platz wie im dicht besiedelten Chobe-Nationalpark von Botswana haben sollten. In deutschen Wäldern wäre ebenfalls Platz: Die Fläche des gesamten Waldes in Bayern ist mehr als doppelt so groß wie der Chobe-Nationalpark.“

Die 20.000 Elefanten würden gemeinsam 3000 bis 3500 Tonnen Grünzeug fressen – am Tag! Das Grasland müssten sie sich hier mit den anderen Weidetieren teilen, denen rund 4,73 Millionen Hektar zur Verfügung stehen (etwa 18-mal das Saarland). „Neu überdenken müsste man womöglich auch das Wassermanagement. Ein Elefant trinkt bis zu 150 Liter Wasser am Tag“ und da er bis zu 175 Kilogramm am Tag frisst, muss er natürlich auch viel kacken: „Bis zu 20-mal am Tag scheidet er etwa 100 Kilogramm Dung aus – das wären bei 20.000 Elefanten also jeden Tag 2000 Tonnen. Aber die gute Nachricht: Elefantenkacke eignet sich perfekt als Dünger, würde unserer Natur also gar nicht so schlecht tun.“

Nur, was machen die Elefanten, wenn es hierzulande kalt wird? „Sie bekommen schnell Erfrierungen an Rüssel und Ohren. Deshalb verbringen sie in Gefangenschaft in Deutschland die Winter häufig in beheizten Ställen.“ Zwar sind sie durchweg friedlich, können gelegentlich aber auch gefährlich werden: „vor allem wenn die Bullen in der sogenannten Musth sind oder es Konflikte um Futter gibt. Da Elefanten 40 Stundenkilometer schnell rennen können, hilft es wenig, bei einer Begegnung wegzulaufen. Rund 400 Menschen sterben jährlich durch Elefanten.“

Wenn die 20.000 Elefanten aus Botswana unter uns lebten, bestünde also ein sofortiger Handlungsbedarf. Die flämische Schriftstellerin Gaea Schoeters hat sich in ihrem Roman „Das Geschenk“ (2025) realistische Gedanken darüber gemacht, was der Regierung in Berlin alles dazu einfallen würde – an Schadensbegrenzung. Wenig! Zumal die Rechten im Bundestag dem Kanzler ständig vorhielten, dass seine Regierung Sozialleistungen kürzt, aber für die Elefanten Unsummen ausgibt und mit dieser Polemik Punkte bei den Wählern sammelt. Im Jahr zuvor hatte die Autorin bereits einen Roman mit dem Titel „Trophäe“ veröffentlicht, da ging es um Nashörner.

Für die Elefanten, von denen sich viele ausgerechnet in der Hauptstadt herumtreiben, wo sie in der Spree baden, wurde auf die während der Corona-Pandemie erprobten Maßnahmen zurückgegriffen, wobei der Virologe Drosten diesmal eine Elefantologin ist. Um den Autoverkehr, der wegen der Elefanten immer wieder ins Stocken gerät, zu entlasten, wird das Arbeiten im Home-Office propagiert. Außerdem werden „Sperrstunden“ eingeführt, und wie beim Flüchtlingsansturm wird nun auch beim Elefantenansturm auf „Wir schaffen das!“ gesetzt, indem die Länder und Kommunen Kontingente übernehmen müssen. Bayern weigert sich wie üblich.

Anders als beim überteuerten Kauf von Masken und Impfstoffen setzt man aber diesmal auf den lukrativen Verkauf von Elefantendung, auch ins Ausland. Das soll Geld in die Staatskasse „spülen“. Es gibt dafür einen „Kackeplan“, der sich zwar gut anläßt, aber dann scheitert, weil die Düngerportionen aus Unachtsamkeit Samen der schnell wachsenden Hülsenfrucht Kudzu enthalten, die alles überwuchert. Die Bauern sind sauer und protestieren vor dem Kanzleramt, auch die Abnehmer im Ausland sind erbost und stornieren.

Die Rechten fordern „Weg mit den Viechern. Zurück nach Afrika.“ Der Kanzler verweigert sich, unterschreibt dann aber doch schweren Herzens einen „Drittstaaten-Vertrag“ mit Ruanda, das gegen eine gehörige Summe die Elefanten übernimmt. Dafür wird seine Partei wiedergewählt und er bleibt im Amt. Getrübt wird sein Sieg nur durch die Presse, die meldet: „Ruanda erteilt erste Jagdlizenzen für Elefanten.“

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Berlin indisieren

Die Dörfer verschließen sich der Natur, die Städte öffnen sich ihr, stellte der Ökologe Josef Reichholf fest. In Berlin gehören dazu u.a. Wildschweine und Füchse. Was hier der Fuchs ist in indischen Städten der Leopard. In Europa gilt der Leopard als besonders gefährlich und unter den Zirkusdompteuren als das schwierigste Raubtier. Aber im hinduistisch-buddhistischen Indien geht man anders mit Tieren um und diese anders mit den Menschen. Auf dem Forum „downtoearth.org.in“ wurde unter der Überschrift „Die Leoparden in meinem Hinterhof“ daran erinnert, dass die Leoparden in Indien quasi schon immer an den Rändern menschlicher Siedlungen gelebt hätten. Heute gebe es in vielen Teilen des Landes keinen Wald mehr, sondern nur noch ein Mosaik von Äckern, was den Leoparden um so mehr den Siedlungen nahe bringe. Im übrigen habe man deswegen auch einigen Grund zum Stolz, denn Indien sei „das einzige Land weltweit, in dem die Menschen und ihr Vieh in nächster Nähe von Raubtieren leben.“

Allein auf dem Gemeindeland des Dorfes Akole bei Mumbai lebt rund ein Dutzend Leoparden. Und die Dorfbewohner wollen, dass das auch so bleibt. Manchmal reißt ein Leopard eine Katze oder einen Hund. Wenn eine Ziege gerissen wird, bekommt der Besitzer eine Kompensation. Im Ort gibt es einen Tempel für eine Göttin, die sich u.a. in einen Leopard verwandeln kann. Ihr werden gelegentlich Opfer gebracht. Drei Mal kam es zu einem Unfall: Einmal schlug ein Leopard ein Liebespaar vom Moped, ein andern Mal verletzte einer ein Kind. Umgekehrt wurde ein Leopard durch einen Stromschlag getötet. Seitdem dieses Zusammenleben diskutiert wird, entdeckt man überall Leoparden. Ein US-Internetmagazin titelte: „Viele Leoparden, keine Unfälle. Ein indisches Dorf erprobt, wie das geht!“ Das Magazin „National Geographic“ machte unter der Überschrift „Mit Leoparden leben“ aus den Raubkatzen gleich ein Vorbild für uns alle: „Wenn die Menschen den überkommenen Lebensraum der Leoparden umgestalten, passen diese sich dem neuen an. Können wir das auch?“ Diese Frage, hierzulande u.a. vom Fuchs und vom Wolf aus gestellt, ist keine akademische sondern eine lebenspraktische, weil es für viele Tiere (und Pflanzen) schon bald keine anderen Habitate als die wachsenden Städte geben wird. Dabei stellen sich z.B. Probleme ihrer Ernährung. So erfuhr ich von Rolf Schneider, Biologe an der Humboldt-Universität, über die letzte Dohlenkolonie in Köpenick: „Dohlen sind zwar überall geschützt, sie bekommen hier aber weniger Nachwuchs als auf dem Land. Das Futterangebot ist problematisch: Zwar gibt es genug Kohlehydrate (Brot z.B.), aber sie brauchen für die Aufzucht Eiweiß (Insekten, Würmer etc.). Die Sterberate der in der Stadt geborenen Jungen beläuft sich auf 70 bis 100 Prozent, auf dem Land betrifft es nur 25 Prozent.“ Um allein die Dohlen hier einigermaßen zufrieden zu stellen, bräuchten wir intelligente Gartenbauämter in den Bezirken, die nicht nur mit Rattengift, Mähmaschinen, Motorsägen und Laubbläser arbeiten und etwas mehr „Indien“ als auf Speisekarten: Nach der Studentenbewegung gab es im Urbankrankenhaus eine ganze Therapieeinrichtung für „Indienfahrer“, also für Berliner, die nach Indien gefahren und hierher zurückgekehrt prompt durchgeknallt waren. Wo sind die alle geblieben?

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Fake-Orte

Der Reichstagverhüller Christo hat das Verhüllen von der Pike auf gelernt: Als Kunststudent in Sofia gehörte er zu einer Brigade, die kaputte Scheunen längs einer Bahnstrecke nach Rumänien verhüllen sollte. Ein Semesterferienjob, der den bulgarischen Künstler offensichtlich geprägt hat.

Als Erfinder von Fake-Orten gilt indes Potemkin – mit seinen berühmten „Dörfern“, um Katharina die Große zu täuschen, die ihre Fahrt auf die Krim als Inspektionsreise nutzte. Die Dörfer ihres Gouverneurs Potemkin waren jedoch alles andere als vorgetäuscht. Der Historiker Gerhard Prause sagte es so: „Fürst Potemkins Dörfer waren nicht von Pappe“.

Die taz berichtete in den 1997 mehrmals über „mohammedanische Fake-Dörfer“ auf süddeutschen Übungsplätzen, wo Nato-Offiziere lernen, „deeskalierend“ auf eine sie hassende Bevölkerung einzuwirken. Die Statisten, die z.B. einen aufgebrachten Beerdigungszug spielen müssen, kamen meist uns Russland. Einer taz-Autorin, die Arabistik studierte, gelang es, von der deutsch-amerikanischen Verwaltung als Mitspielerin zugelassen zu werden. Wladimir Kaminer, veröffentlichte eine Geschichte über seine Moskauer Freunde, die aus Geldmangel ebenfalls unwillige Mohammedaner spielten.

1998 erklärte uns ein vortragender Major des Verteidigungsministeriums die neue NATO-Verteidigungsdoktrin: „Sie ist nicht mehr nach Rußland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen die selbe Einstellung zum Krieg wir wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Raketen in Ungarn und Polen z.B. so gut wie gesichert, es geht nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Verteidigungslinie jetzt auch” – Ratsch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan”.

In Lichterfelde besaßen die „US-Spearheads“, um den Häuserkampf zu üben, eine „Geisterstadt“. Ähnliche militärische Objekte auf Truppenübungsplätzen kannte auch schon die Reichswehr, die Wehrmacht, die Bundeswehr und die NVA. Manchmal sieht man noch Reste davon, wenn man an einem Manövergelände vorbeifährt, z.B. am Truppenübungsplatz „Wildflecken“ (Rhön). Dort bereitete die Wehrmacht sich auf den Russlandfeldzug vor. Zuletzt machte die US-Armee aus Wildflecken ein sündiges Dorf, heute wohnen Russlanddeutsche in ihren Häusern. In Afrika hatte Rommel zuletzt einen Panzerangriff dergestalt gefakt, dass er alle seine Volkswagen, die er noch hatte, in der Wüste im Kreis fahren ließ, um eine weithin sichtbare Staubwolke zu produzieren. Die Engländer ließen sich davon täuschen und zogen sich zurück, aber nur einmal.

Zu Hause entschieden sie sich für die Errichtung von „Scheinfabriken“ – in der Hoffnung, die Deutschen würden bloß diese „Starfishs“ bombardieren. Aus den Schornsteinen der Fake-Fabriken quoll dicker Rauch, jede verbrannte 160 Tonnen Treibstoff täglich. Das Dorf Arne am Ärmelkanal mußte einer solchen Fabrik weichen. 1966 übernahm die „Royal Society for the Protection of Birds“ die ausgelöschte Gemeinde.

Auch Fake-Städte wurden errichtet: 200 bis 1943. „Das Starfish-Projekt war ein großer Erfolg: Bis 1944 waren diese Orte 730 Mal angegriffen worden, schreibt der Sozialgeograph Alastair Bornett in: „Die seltsamsten Orte der Welt“ (2015). In seiner Region Dorset gibt es heute „250 verlassene Dörfer“, z.T. sind sie nur noch für Heimatforscher zu erkennen.

Ein ähnlich hohes Dorfsterben hat es auch in Niedersachsen, um Göttingen herum vor allem, gegeben. Hier interessierten die „Geisterdörfer“ eine Kulturwissenschaftlerin. Kürzlich warnten „Experten“ vor einem neuen „Dorfsterben“.

Im „Qualitätsjournalismus“ werden gerne die „Geisterstädte“ in Ostdeutschland thematisiert. Damit sind nicht die deindustrialisierten Städte Wittenberge oder Weißenfels z.B. gemeint, sondern die Kasernen der Roten Armee, die nach ihrem Abzug weder verkauft noch verschenkt werden konnten, so dass sie verfielen. Den Hobbyarchäologen sind sie willkommen. Einer entdeckte auf dem Gelände der zerbröselnden „Kaserne Vogelsang“ bei Berlin, wo bis 1994 15.000 Soldaten mit ihren Familienangehörigen lebten, eine „geheime russische Geisterstadt im Wald“, was sofort von einem Reiseveranstalter in die Abenteuer-Liste „Lost Places“ für Berlintouristen aufgenommen wurde. Auch der topophile Sozialgeograph Bornett findet „Geheime Städte, Verlorene Räume, Wilde Plätze“ interessant – und hat 47 von ihnen erkundet: Orte, die ihm zur „Wiederverzauberung der Welt“ dienen.

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Lockere Naturgesetze

Neulich wurde mir in einem Kneipengespräch gesagt, die Naturgesetze seien unumstößlich. „Gravitation und Lichtgeschwindigkeit sind sogenannte Fundamentalkonstanten.“ Nur in Berlin? Oder auch z.B. in London? Fragte ich. Blöde Frage, bekam ich zur Antwort. Aber das war sie nicht.

Im Londoner Patentamt fand der Botaniker Rupert Sheldrake heraus,
dass die Lichtgeschwindigkeit zwischen 1928 und 1945 um etwa 20
Kilometer pro Sekunde sank – überall auf der Welt. Aber ab
1948 stieg sie wieder an. Sheldrake suchte daraufhin den Leiter der
Metrologie am National Physical Laboratory auf und fragte
ihn: „Was sagen Sie zu diesem Rückgang der Lichtgeschwindigkeit
zwischen 1928 und 1945?“

„Oh je,“ sagte er, „Sie haben da die peinlichste Episode in der
Geschichte unserer Wissenschaft aufgedeckt.“

„Kann es sein, dass die Lichtgeschwindigkeit tatsächlich
gesunken ist? Und wenn ja, hätte das doch erstaunliche Auswirkungen.“

„Nein, nein, natürlich kann sie nicht wirklich gesunken sein.
Sie ist eine Konstante!“

„Aber wie erklären Sie dann die Tatsache, dass jeder festgestellt
hat, dass sie in dieser Zeit viel langsamer geworden ist? Liegt es
daran, dass sie ihre Ergebnisse gefälscht haben, um das
herauszubekommen, wovon sie dachten, dass es andere Kollegen
herausbekommen würden, und die ganze Sache nur in den Köpfen der
Physiker entstanden ist? “

„Wir benutzen das Wort verfälschen nicht gerne.“

„Was bevorzugen Sie dann?“

„Nun, wir nennen es lieber ‚intellektuelles Phase-Locking‘.“

„Wenn das damals so war, wie können Sie dann so sicher sein, dass es
heute nicht mehr so ist? Und dass die heutigen Werte nicht durch
intellektuelles Phase-Locking erzeugt werden?“

„Wir wissen, dass das nicht der Fall ist.“

„Wie können Sie das wissen?“

„Wir haben das Problem gelöst.“

„Und wie?“

„Wir haben 1972 die Lichtgeschwindigkeit per Definition festgelegt.“

„Aber sie könnte sich immer noch ändern.“

„Ja, das würden wir jedoch nie erfahren, weil wir das Messgerät in Bezug auf die Lichtgeschwindigkeit definiert haben, also würden sich die Einheiten mit ihr ändern!“

Er sah sehr erfreut darüber aus, dass sie dieses Problem gelöst hatten.

Sheldrake bohrte weiter: „Und was ist dann mit der Gravitationskonstante, das „große G“, Newtons universelle Gravitationskonstante. Sie hat sich in den letzten Jahren um mehr als 1,3 Prozent verändert. Und sie scheint von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit zu variieren.“

„Na ja, das sind eben Fehler. Leider gibt es ziemlich gravierende Fehler beim großen G.“

„Und wenn es sich wirklich ändert? Ich meine, vielleicht verändert es
sich wirklich.“

Sheldrake hat sich daraufhin angesehen, wie sie es machen: Sie messen es
in verschiedenen Laboren, erhalten an verschiedenen Tagen
unterschiedliche Werte und bilden dann den Durchschnitt. Andere Labore
auf der ganzen Welt machen das Gleiche und kommen in der Regel zu einem etwas anderen Durchschnittswert. Und dann trifft sich das internationale Komitee für Metrologie alle zehn Jahre oder so und bildet den Durchschnitt aus den Werten der Labore in der ganzen Welt, um den Wert von groß G zu ermitteln.

Aber was wäre, wenn G tatsächlich Schwankungen unterliegen würde? Was, wenn es sich ständig ändern würde? Es gibt bereits Beweise dafür, dass es sich im Laufe des Tages und des Jahres ändert. Was wäre, wenn die Erde auf ihrem Weg durch den galaktischen Raum dunkler Materie oder
anderen Umweltfaktoren ausgesetzt wäre, die den Wert verändern könnten? Vielleicht verändern sie sich alle zusammen. Was wäre, wenn diese Fehler gemeinsam ansteigen und abnehmen?

Seit mehr als zehn Jahren versucht Sheldrake, Messtechniker davon zu
überzeugen, sich die Rohdaten anzusehen. Außerdem bemüht er sich, sie
davon zu überzeugen, die Daten und die tatsächlichen Messungen ins
Internet zu stellen, um zu sehen, ob sie aufeinander abgestimmt sind. Um
zu sehen, ob sie zu einem bestimmten Zeitpunkt steigen und zu einem
anderen sinken. Wenn ja, könnten sie gemeinsam eine Schwankung
aufweisen. „Das würde uns etwas sehr Interessantes sagen. Aber niemand hat das getan, weil G eben eine Konstante ist. Und somit hat es also keinen Sinn, nach Veränderungen zu suchen. Dies ist ein Beispiel
dafür, dass eine dogmatische Annahme die Forschung tatsächlich behindert.“

Zusammengefaßt: In London wie in Berlin besteht man auf feste, ewig gültige Naturgesetze, aber damit lügt man sich nur in die Tasche: Sie sind es nicht! Nichts ist konstant. Das dient nur zur Beruhigung unserer kurzen Lebenszeit. In London beträgt sie im Durchschnitt höchstens 82 Jahre, in Berlin 80,5, Tendenz steigend, weil aufgrund der Gentrifizierung die Armen ausgedrängt und die Reichen reingebeten werden, die unsterblich werden wollen, dem sie sich mit normativem Verhalten, Nichtrauchen, Fitnesscenterbesuchen, Meeresurlaube, Biogemüse, Hafermilch, Gesundheitschecks, Wandern, ungiftigen Klamotten, regelmäßigem Geschlechtsverkehr usw. annähern.

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Immas Dingpolitik

Es begann mit Bruno Latour, der die Dinge als handelnde Akteure/Aktanten begriff, inzwischen habe ich schon ein ganzes Regal voller Bücher über die Dingwelt. Laut Latour wird die Moral mehr und mehr an Dinge delegiert – z.B. an die Hotelschlüssel, die man nicht abgibt, weil der nächste Gast sie braucht, sondern weil sie mit so einem dicken Gewicht verbunden wurden, dass man sie schnell wieder los werden will. Man ahnt, dass es mit den zunehmenden, alle Moral aufsaugenden Dingen nicht gut ausgehen kann. Die vielen Dinge machen nicht nur arm, wie der Schriftsteller Peter Mosler meinte, sondern auch asozial!

Die Massai besitzen im Durchschnitt 30 Dinge, die Deutschen 10.000. Der Bischof von Kamtschatka, Venjaminoff, lehnte es 1860 ab, die dingarmen Aleuten zu taufen, „da die Bekehrten dann mit ihrer eingeborenen Moral brechen, die unter ihnen sehr hoch entwickelt ist“ – höher als die der zivilisierten Christen. Die Yanomami-Indianerin, Yarima, heiratete den Ethnologen Kenneth Good und zog mit ihm nach New Jersey, wo sie als Hausfrau mit drei Kindern in einem Reihenhaus lebte. Ihr Ehemann verschaffte sich durch die Heirat mit ihr einen einzigartigen Zugang zur Gesellschaft der Yanomami. Seine Frau verließ ihn und ihre Kinder jedoch nach einigen Jahren – und ging zurück an den Orinoko. Sie hielt es in den USA nicht aus: „Das einzige, was sie lieben, sind Fernsehen und Einkaufszentren. Das ist doch kein Leben“, erklärte sie dem Autor Patrick Tierney (in: „Verrat am Paradies: Journalisten und Wissenschaftler zerstören das Leben am Amazonas“ 2002).

Die taz-Mitgründerin Imma Harms nahm sich 2017 vor, „von jetzt an jeden Tag“ ein Ding weniger zu besitzen. Sie vertritt eine so hohe Moralpolitik, dass die taz der irgendwann nicht mehr entsprach und sie sich auf einen taz-blog zurückzog (für 60 Euro im Monat). Sie trennt sich jedoch nicht von ihrem Besitz, um wieder mehr Moral zu gewinnen, sondern weil sie sich auf ihr „allmähliches Verschwinden vorbereiten muss und will“, wie sie schreibt. Die 71jährige hat zwar nicht vor, demnächst zu sterben, aber sie lebt auf dem Land und ihre wesentliche Tätigkeit besteht im Basteln und Reparieren (auf ebenso hohem Niveau wie ihre Moralpolitik – vor ihrem taz-Engagement war die Informatikerin Mitgründerin der technikkritischen Zeitschrift „Wechselwirkung“). Nun geht sie vorsorglich davon aus, dass sie in zehn bis fünfzehn Jahren zu solchen Arbeiten nicht mehr in der Lage sein wird. Gerahmt wird diese Ding-Reduzierung bei ihr von einem allgemeinen Zug zur Bescheidenheit, d.h. von ihrem Anspruch, immer weniger zum Leben zu brauchen. Fast hört sich das an wie ein geplantes „Fading-Away“, so dass am Ende vielleicht nur noch einige wenige Dinge (Filme und Bücher) von ihrer Anwesenheit hienieden zeugen – als eine Art Existenz-Essenz.

Ist das nicht geradezu eine Anti-Wirtschaftsweise? Wo doch die Lebensgeilheit der meisten Wohlhabenden sich gerade darin zeigt, dass sie immer mehr Dinge anschaffen (bis hin zu Schlössern, Schiffen und ganzen Inseln) – und ihnen zuletzt nichts anderes mehr übrig bleibt, als – zum Glück vergeblich – um ihre Unsterblichkeit zu „kämpfen“.

Über diese Anökonomie, die Imma allerdings nicht so nennt und schon gar nicht moralisiert, hat sie nun im „Aufland-Verlag“ (Oderbruch) „Reflexionen über das Mensch-Ding-Verhältnis“ veröffentlicht: „Dichtung und Heimwerk“ betitelt (wobei sie einiges ihrem taz-blog entnahm). Man erinnert sich vielleicht noch an das Buch von Arundhati Roy „Der Gott der kleinen Dinge“. Es heißt, „er ist der Gott dessen, was verloren geht, der persönlichen und alltäglichen Dinge, nicht der Gott der Geschichte, die die ‚kleinen Dinge‘ grausam in ihren Lauf zwingt.“ Der hiesige Gott steckt dagegen bereits laut Spinoza in allen Dingen (Tiere und Pflanzen sind auch „Sachen“). Zudem stellen sie und andere Sachen als Ware die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ her, wie Marx schrieb, während wir als Personen/Produzenten „sachliche Verhältnisse“ eingehen.

Imma Harms bezieht sich in ihren Reflexionen kaum auf solche und andere (Ding-)„Diskurse“, schreibt ihr Verleger Kenneth Anders im Vorwort. Ihre „beinahe pingeligen Analysen“ könnten entmutigen, es gibt darin „Trauer und Komik“, aber noch öfter ist da beim Basteln und Reparieren auch „das Gelingen“. Letzteres könnte sich sogar zu einem „gelungenen Leben“ aufsummieren. Man wird sehen.

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Schwarzes Loch

Der inzwischen verstorbene Religionswissenschaftler Klaus Heinrich hielt 1993 einen Vortrag in der Psychiatrischen Klinik des Universitätskrankenhauses Rudolf Virchow über „Sucht und Sog“. Es gäbe eine „Zielstrebigkeit des Süchtigen“, sagte er, sie sei an die Stelle „zielstrebigen Fortschreitens“ getreten. Heute verdanke die Sucht ihre gesellschaftliche Karriere im „Zerfall des Fortschrittsglaubens“ der „gleichsam leerlaufenden Begehrensstruktur“. Wobei man bei der Sucht auch immer das Wort „Suche“ mithöre. Sich Sehnen als Sucht. Wichtig sei dabei der Sog: Die Sucht ist eine saugende Strömung, die sich mit mit dem Metaphernbereich des Meeres verbindet, aber auch mit der oralen Erfahrung des Saugens, das im „Gesogenwerden“ einerseits „eine von der Anstrengung des Saugens entlastende halluzinativ infantile Umdeutung erfährt und andererseits dem weiblichen Part der genitalen Kopulation eine durchaus männlich fixierte, d.h. mit männlichen Lustvorstellungen und Ängsten besetzte ursprungsmythische Überhöhung, richtiger: Vertiefung, bietet.“

Das Bild des Meeres und seiner Gefahren habe als Metapher des Unbewußten weibliche Qualität, auch und vor allem die der vielversprechenden gefährlichen Verlockung. Die psychische Disposition des „Sogs“ sei also nicht nur „die halluzinierte Erfüllung eines Triebwunschs“, sondern berühre auch „die uns aus Mythologie, Liebesspiel und Analyse wohlbekannte Vertauschung von Mund und weiblichem Genital, die Zusammengehörigkeit also von Gefahr beschwörender und bannender Oralität. Bis hin in die entwickelsten Formen der Sprache, mit dem die Gefahr zugleich verkörpernden – um den Preis des Mitausgelöschtwerdens – sie auslöschenden weiblichen Schoß. ‚Sog‘ als Schoßmetapher, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht.“

Der „Vereinigungswunsch ist hier auch Todeswunsch“. Die Einheit von Eros und Thanatos, „Liebes- und Todessehnsucht, kennt das ganze 19. Jahrhundert als ein zentrales Thema der Literatur und der Künste. Der Liebestod in Verdis „Aida“ als Finale – „O Grab, O Brautgemach“.

In der „Realität des Süchtigen“ gehe es um die „Abstoßung von allen, was ihn am Erreichen der Sogbewegung hindert.“ Ein erstrebter Subjekt-Verlust – eine Katastrophen-Sehnsucht. „Katastrophennähe verwandelt in Katastrophenpräsenz macht aufmerksam auf eine Form der Sucht, die mir heute die herrschende zu sein scheint,“ meint Heinrich. Die wesentliche Verlockung in den Medien sei: „Ereignissucht. Ereignissucht aber, insofern sie eine allgegenwärtige Katastrophenfaszination verrät, hat den Namen ‚Katastrophensucht‘ verdient. ‚Süchtig nach Katastrophe‘ ist heute die aktuelle Form der Formel ‚süchtig nach Sog‘.“

Die ungerührte Hinnahme der realen Katastrophen scheint zu bekunden: „sie sind immer noch nicht katastrophisch genug, jede Möglichkeit der visuellen Steigerung wird ausgeschlachtet. Das süchtige Hinarbeiten auf die Katastrophe scheint im großen das zu sein, was unser ‚normales‘ alltägliches Suchtverhalten im kleinen ist.“ Das süchtige Subjekt will erfaßt werden vom Sog. Wobei wir jedoch regelmäßig enttäuscht werden – „süchtig nach Enttäuschung, sind“, die allein uns „weiterbringt auf dem Vertilgungsweg“. Die „Schoßmetapher für Vereinigung durch Ausgelöschtwerden“ ist für Heinrich ein sehr realistisches Bild „historischer Ambivalenz und Schuldgefühle, und zwar auf dem Hintergrund der Geschlechterspannung“.

„Die überspitzte Formulierung: ‚die Welt selbst aus der Welt zu schaffen, und ihr nach!‘ erscheint nur so lange als abstrakte Konstruktion, wie wir sie bildlos lassen…Wir bewegen uns in katastrophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungsvisionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Wirklich populär geworden ist das Bild – die große Phantasie vom ‚Schwarzen Loch‘. Dies ist die erstaunlichste Schoßmetapher, die wir zur Zeit haben: spur- und zeichenlos saugt es ein und läßt verschwinden.“

„Der sexuelle Phantasiehorizont“ des Schwarzen Lochs, „in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ‚Keine-Haare-Theorem‘: ‚Ein Schwarzes Loch hat keine Haare‘ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluß hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs). Doch so stark ist die Macht der mit Geschlechterspannung verfahrenden Phantasie, dass dieses letzte katastrophische Suchtprodukt – so möchte ich es angesichts seiner Popularität einmal nennen – doch wieder als Schoß und Schlund erscheint, freilich einer, der nur noch in der einen, der zerstörerischen Richtung tätig ist.“

Dazu hieß es in der Bild-Zeitung: „Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden Schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos!“ Und aktuell am 30. November 2020 im Wissenschaftsforum „spektrum.de“: Wenn „die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines Schwarzen Lochs im gleichen Radius“, dann läßt sich unser ganzes „Universum als das Innere eines Schwarzen Lochs annehmen“, was bedeute, „wir leben in einem Schwarzen Loch“, sind also drin: in Gustave Courbets „Ursprung der Welt“ und Else Lasker-Schülers „Weltende“ zugleich.

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Sag zum Abschied leise Service!

Man geht davon aus, dass die Computerisierung noch weitere Massenarbeitslosigkeitswellen hervorruft. Den entlassenen Arbeitern und Angestellten wird wie stets geraten, sich zu „qualifizieren“, umzuschulen und selbständig zu machen. Einer der Betroffenen erwiderte: „Reparaturwerkstätten, klar! Ich wollte eine aufmachen, als ich arbeitslos geworden bin. Jan, Sam und Alf auch. Wir haben alle geschickte Hände, also laßt uns alle eine Reparaturwerkstatt aufmachen. Für jedes defekte Gerät in Ilium ein eigener Mechaniker. Gleichzeitig sahnen unsere Frauen als Schneiderinnen ab – für jede Einwohnerin eine eigene Schneiderin.“ Dies ist ein Zitat aus dem 1953 veröffentlichten Buch des US-Schriftsteller Kurt Vonnegut: „Das höllische System“ – 1953!

Damals ging es um die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen der Einführung des „Zentralcomputers“. Heute ist es das Internet und die „Coaches“ der Jobcenter raten ihren „Kunden“ nun, „Spätis“ und Friseurläden zu eröffnen – in jeder Straße 10. Da das aber nicht funktioniert, geht es darum, „Zwischenhändler“ zu werden – möglichst im zukunftsoptimistischen Internet: Sei es mit immer neuen Apps und Papps, sei es mit „Datendiebstahl“ und -verkauf, oder mit erschlichenen Dienstleistungen: „Sag zum Abschied leise Service,“ wie dazu der Netzkolumnist Peter Glaser sagte. Es vergeht kein einziger Tag, an dem man mir nicht per mail versichert, ich hätte irgendwo 50.000 Euro oder 5 Millionen gewonnen, geerbt oder sonstwie verdient, ich müßte nur Soundsoviel vorschießen, überweisen. Am Schlimmsten ist das vollkommen mafiöse Firmengeflecht des Dr. Klenk aus dem Westerwald.

Seit drei Jahren bekomme ich von einem seiner vielen Callcenter mindestens zwei Mal in der Woche eine unsittliche Aufforderung: Ich soll ihnen das Jahresabogeld für „Die Zeit“ überweisen, dann soll ich endlich die Jahresgebühr für ihren Flugsicherheitsdienst FAS zahlen und neuerdings soll ich das Jahresabo für „Lotto24“ verlängern. Dazu mahnen mich auch noch ständig die Deutsche Bank, die Commerzbank und die ‚Sparkasse an, dass da was mit meinem Konto nicht stimmt. Ich habe aber überhaupt kein Konto! Klenk und seine Comrads in Crime“ sind nicht zimperlich: Einen abtrünnigen Geschäftspartner hat Klenk schon mal die Ohren abschneiden lassen (er bekam dafür 2001 eine sechsjährige Haftstrafe). Und einen jungen Abowerber, der es in der Drückerkolonne für das Pressevertriebszentrum“ (PVZ – das so ziemlich alle Kapitalmedien mit Abos versorgt) nicht mehr aushielt und sich absetzen wollte, hielten sein Kolonnenführer bei voller Fahrt auf der Autobahn aus dem Fenster, um ihn wieder zu motivieren. Bei den Juristen der Uni Erfurt hatte man 2015 zusammen mit dem LKA angefangen, ein Organogramm vom Klenk-Geflecht anzufertigen, dann erstellten sie dort ein zweites Organogramm von einigen der darin verflochtenen Firmen und schließlich ein Liste der vielen Branchen, in denen Klenk wirkt, mit den jeweiligen Jahresumsätzen. Das reichte bis zu Videoclubs, Pornoproduktionen, Drückenkolonnenfirmen, Hotels, Restaurants usw.

Mit der Liste der Geschäftsführer, Miteigentümer und Teilhaber dieser ganzen vernetzten Firmen sind sie noch immer beschäftigt, was nicht verwundert, denn diese neue „Servicebranche“ (mit ihren ganzen mehr oder weniger schwachsinnigen, aus Amerika kopierten „Start-Ups“) verändert sich ständig. Es ist ein Geflecht, in dem laufend Löcher entstehen (nicht zuletzt durch Gerichtsurteile), das sich gleichzeitig aber auch permanent nach außen erweitert, durch Verschmelzungen (Rationalisierungen) verdichtet, und im Inneren Teile liquidiert, weil bei diesen immer schneller überholten Technologien und Märkten ganze Branchen plötzlich hinfällig werden: zuletzt die Videoclubs… Ach, es wird böse enden.

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Von wegen Landei

Hühner gelten allgemein als nicht besonders klug. Deswegen setzten sich die Journalisten auch sofort in Marsch, als sie die Geschichte über die rotbraune Henne Inge erfuhren: Im Dezember 2017 hatte der Hühnerhalter Gerald Wernicke aus Wutzow (Potsdam-Mittelmark) das Tier an den Hühner-Bräter Heiko Weinberg im fünf Kilometer entfernten Ort Görzke verkauft. Der wollte sie zwar nicht grillen, wohl aber ihren Nachwuchs, den sie jedoch erst einmal legen und aufziehen sollte. Inge scheint dieses für sie und ihre noch ungeborenen Küken unvorteilhafte Geschäft geahnt, wenn nicht sogar gerochen zu haben, denn sie fand ein Schlupfloch im neuen Stall und flüchtete. „Tatsächlich hat Inge geahnt, dass es kein guter Ort für sie beim Broiler-Bräter ist,“ schreibt die Märkische Allgemeine Zeitung (MAZ).

Zwei Monate war die Henne unterwegs, dann meldete sie sich wieder zurück in Wutzow bei ihrem vormaligen Besitzer Gerald Wernicke: „Mir standen die Haare zu Berge, als ich Inge wieder unter meinen Hühnern fand“, sagte der 60-Jährige der MAZ. „Ich habe Inge hochgehoben und sie hat sich so gefreut,“ d.h. laut gegackert. Mehr war jedoch aus ihr nicht rauszubekommen. Wernicke versprach ihr dennoch, dass er sie nicht zum Hühner-Bräter zurückbringen oder sie anderweitig verkaufen werde: Inge darf jetzt uralt bei ihm werden! Die MAZ schreibt: „Nun muss Gerald Wernicke Interviews am laufenden Band über sein superschlaues Huhn geben. Gerade steht das zweite Fernseh-Team vor seiner Tür – diesmal von NTV.“ Sein Nachbar Richard Baum meint: „Inge ist inzwischen die bekannteste Persönlichkeit in Wutzow.“ Er bezweifelt jedoch, dass ein Huhn eine solche Entfernung zu seinem Heimatstall überwinden kann. Gerald Wernicke ist sich aber sicher: „Die Ringkennung ist eindeutig. Außerdem hatte er von Inges Rasse New Hampshire nur noch vier weitere Tiere, jetzt sind es mit Inge wieder fünf. Insgesamt hält er, der als Arbeiter bei Voestalpine in Kirchmöser beschäftigt ist, 30 Hühner, vor allem für den Eigenbedarf.“ Dem Hühner-Bräter Weinberg hat er als Ersatz für Inge zwei Hennen gegeben. „Der hat das verstanden, dass ich Inge behalten werde.“ Sie auf der nächsten Geflügelschau präsentieren, will er jedoch nicht: „Sie ist nicht schön genug, ihr fehlt das gewisse Etwas.“ Der Hühnerzüchter hofft jedoch laut WAZ, „dass nun Inges Küken Schönheit und Intelligenz vereinen. Auf den Nachwuchs des Superhuhns ist er gespannt und wird ihn aufziehen.“ Gut eine Woche später war es schon so weit: Da schlüpfte bereits das erste Küken von Inge, sein Vater war der Hahn Horst, während seine Mutter weitere Eier legte. Wieder erschien die Lokalzeitung vor Ort und berichtete: „Wernicke hat viele Nachfragen nach Küken seiner superschlauen Henne. Zunächst aber will er Inges Nachwuchs selbst aufziehen,“ außerdem T-Shirts mit Inges Konterfei herstellen und vermarkten.

Den MDR inspirierte diese Geschichte zu einer Sendung über Hühner-Intelligenz: „Der Volksmund spricht vom ‚dummen Huhn‘ – völlig zu Unrecht, wie die US-Biologin Lori Marino in der Zeitschrift „Animal Cognition“ zeigt. Marino hat eine Reihe aktueller Studien zur Psychologie, den Gefühlen und dem Verhalten der Tiere ausgewertet und kommt zu dem Schluss, dass die Vögel weit intelligenter sind, als landläufig angenommen. Demnach können Hühner bestimmte logische Schlüsse ziehen, zu denen Menschenkinder erst im Alter von sieben Jahren fähig sind und sie haben individuelle Charakterzüge. Überraschend komplex ist zudem die Verständigung zwischen den Tieren. Die Forscher haben über 24 verschiedene Rufe identifiziert, die Hühner nutzen, um miteinander zu kommunizieren.“ Die Leiterin des wissenschaftlichen Geflügelhofs des Bundes deutscher Rassegeflügelzüchter, Inga Tiemann, ergänzte (auf „wissenschaft.de“): „Ein Huhn kann sich außerdem bis zu 100 Gesichter merken und wird aus Erfahrungen klüger.“

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Einige Fotos von Eigentlich-Kopfarbeitern:

Vaclav Havel

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Theodor W. Adorno mit unbekannten Faschingspartnerinnen

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Alfred-Sohn-Rethel

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Paul Parin

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Peter Kropotkin

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Bert Papenfuß

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Leo Tolstoi auf einem Ritt zurück nach Hause

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Martin Otting am Meer

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Alce P. Liddell mit Farn

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Rosa Luxemburg mit Geschenkkorb

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Gilles Deleuze mit Claire Parnet

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Arthur Rimbaud

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Dr. Salm-Schwader (Dr. B.Scherer)

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Ich mit selbstgebautem Spielzeug

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Ich auf polnischem Spielpanzer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/09/22/zum-erntedankfest-am-5-oktober/feed/ 0
Löwenmäuler, Löwenzähne, Lust, Lügen und Lamarckismus https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/05/08/loewenmaeuler-loewenzaehne-lust-und-luegen/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/05/08/loewenmaeuler-loewenzaehne-lust-und-luegen/#respond Thu, 08 May 2025 16:34:29 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=15230 Das obige Beitragsbild zeigt englische Häftlinge, die 1895 auf einer Art Autopaternoster Strom für das Gefängnis produzieren.

Löwenmaul

Das Löwenmaul ist eine Modellpflanze zur Erforschung der Blütenentwicklung. Den mit ihr im 20. Jahrhundert experimentierenden Botanikern im Kaiser-Wilhelm-Institut für Kulturpflanzenzüchtung in Müncheberg erschloß das Löwenmaul die Idee der „Rassenhygiene“, der „Eugenik“ und des „Nationalsozialismus“, indem sie als Genetik-Pioniere ihre biologischen Erkenntnisse auf die Gesellschaft übertrugen, die sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg daran machte, sich selbst biologisch „neu zu erfinden“. In Müncheberg trieb dies der Gründer des Instituts, Erwin Baur, voran, danach forschte sein Schüler Hans Stubbe am Löwenmaul weiter. Nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg rettete er seine genetische Forschung gegen die sowjetische „proletarische Biologie“ in die DDR rüber, und brachte es schlußendlich mit seinem „Institut für Kulturpflanzenforschung“ in Gatersleben zum obersten DDR-Biologen. Indem Stubbe keimfähige Pollenkörper des Löwenmauls mit Röntgenstrahlen beschoß, wollte er künstlich Mutationen erzeugen, wobei er davon ausging, dass dessen erheblich von den normalen abweichenden „pelorischen Blüten“, die bereits sein Doktorvater Baur beforschte, durch Genmutation entstehen. 1934 berichtete er in der Zeitschrift „Die Naturwissenschaften“ über „Entwicklung und Stand der Mutationsforschung in der Gattung Antirrhinum majus“ – Garten-Löwenmaul.

Eine Kollegin von Stubbe in Müncheberg, die Genetikerin Gerta von Ubisch, kam wenig später als Jüdin im Exil zu der Einsicht: „Leider ist nicht zu leugnen, dass die große Popularisierung der Genetik durch Baur mit zu dem katastrophalen Mißbrauch beigetragen hat, den der Nationalsozialismus mit der Rassenfrage getrieben hat.“

Das Löwenmaul gilt inzwischen ironischerweise als ein Paradebeispiel für Mutationsbildungen, die – ebenso wie der Nationalsozialismus – gerade nicht genetisch entstehen. Schon Linné, der „Ordnung in die Natur“ bringen wollte, kannte eine mit den Löwenmäulern verwandte Pflanze, das Leinkraut, bei der ebenso „scheinbar aus dem Nichts abweichende Blütengestalten auftauchten,“ wie der Biologe Bernhard Kegel in seinem Buch „Epigenetik“ (2009) schreibt. Linné nannte die Abweichler „Peloria“ (Monster auf griechisch), die ihm nicht weniger phantastisch dünkte, „wie wenn eine Kuh ein Kalb mit Wolfskopf zur Welt brächte“.

Der einflußreiche Naturforscher Ernst Mayr war beeindruckt (in: „Die Entwicklung der biologischen Gedankenwelt“ 1984), „dass Linné bereits das Auftreten einer auffälligen Mutation (wie Peloria) kannte, die in den nachfolgenden Generationen unverändert bleibt und doch mit der Eltern-‚Art‚ kreuzbar ist. Botaniker und Gärtner fanden später viele Fälle, die Linnés Peloria ähnelten, indem plötzlich ein stark abweichender Typus auftrat. Linné kam dahin, daß ‚diese neue Pflanze sich mit ihrem eigenen Samen fortpflanzt und daher eine neue Art ist, die es zu Anbeginn der Welt nicht gab‚. Mehr noch: Nach Linnes Klassifikations-Methode war Peloria nicht bloß eine neue Art oder Gattung, sondern eine völlig verschiedene Blumen-Klasse. Dies erschütterte nicht nur seine Auffassung von der Konstanz der Arten, es schien auch seine Axiome der Klassifikation zu widerlegen.“ Das „Monster“ ließ ihn an seinem christlichen Glauben zweifeln.

Darwin, den dann vor allem das qualvolle Töten von Raupen durch Schlupfwespen an Gott verzweifeln ließ, begeisterte dagegen das Peloria-Problem. In „Die Variation von Tieren und Pflanzen unter Domestikation“ (1868) schrieb er: „Pelorische Rassen wie Löwenmaul können über Samen vermehrt werden, und sie unterscheiden sich auf eine wundervolle Weise von der typischen Form in Struktur und Erscheinung.“ Es ging ihm dabei um die „Vermehrungsweise“: „Es sind nicht die reproduktiven Elemente, auch nicht die Knospen, welche neue Organismen erzeugen, sondern die Zellen selbst durch den ganzen Körper. Diese Annahmen bilden die provisorische Hypothese, welche ich Pangenesis genannt habe…Bei Variationen, welche durch die directe Einwirkung veränderter Lebensbedingungen verursacht werden, … werden die Gewebe des Körpers nach der Theorie der Pangenesis direct durch die neuen Bedingungen afficiert und geben demzufolge modificirte Nachkommen aus, welche mit ihren neuerdings erlangten Eigenthümlichkeiten den Nachkommen überliefert werden.“ Dies Zitat zeigt laut Wikipedia, dass Darwin weit lamarckistischer im Sinne einer Vererbung erworbener Eigenschaften gedacht hat, als ihm das heutzutage zugestanden wird. Konkret äußerte er über das Peloria-Phänomen: „Wir müssen davon ausgehen, dass viele Ausdrucksformen, fähig zu evoluieren, in den Organismen verborgen sind. Wir wissen zum Beispiel, dass Pflanzen aus vielen Ordnungen gelegentlich pelorieren.“

Laut Kegel wurde aus Peloria, dem erstaunlichen Einzelfall, mit der Zeit ein ganzer Pelorismus: „Immer mehr Pflanzen wurden entdeckt, mit denen Ähnliches geschah.“ Bei ihrer Erforschung näherte man sich ungewollt der Vermutung, dass sich auch (Umwelt-) Erfahrungen vererben, was in der Mutations-Selektions-Lehre als unmöglich galt. Ironischerweise sind es die Genetiker, die sich nun für diese Vererbungsweise erwärmen (müssen). Bis dahin war sie stets nur von Vertretern der Geistes- und Sozialwissenschaften gegen die darwinistischen Genforscher und Biochemiker ins Feld geführt worden. Um sich nicht ganz von ihrer Sichtweise und ihrem Vokabular zu verabschieden, sprechen die Genetiker nun von „Epigenetik“, was bedeutet, dass sie zwar „das (komplizierte) Leben“ quasi akzeptieren, aber trotzdem weiterhin „lebendige Systeme“ und die „Algorithmen des Lebendigen“ erforschen, bei den Pelorien sprechen sie einstweilen auch noch von „Paramutationen“.

Im Vorwort seines Buches „Epigenetik“ fragt sich Kegel: „Erleben wir tatsächlich die Wiedergeburt der Lamarckschen Idee von der Vererbung erworbener Eigenschaften?“ Er erinnert daran, dass der Begriff des „Gen“ 2009 hundert Jahre alt wurde, und dass man ihn gebührend hätte feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia University gegenüber ‚Scientific American‚ angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden.“

Aber die „Epigenetik“ in den Analysegeräten und Rechnern der etwas ratlosen Genetiker, das ist noch kein „Lamarckismus“ – keine „Milieu-Biologie“: „In diesem Wort ‚Umgebung‘ drängt sich“ laut Heidegger 1946 „alles Rätselhafte des Lebe-Wesens zusammen“. Der sowjetische Dichter Ossip Mandelstam, der sein Schach von der Literatur auf die Biologie setzte, damit das Spiel ehrlicher werde, schrieb 1930 über eine Fahrt nach Armenien: „Ich weiß nicht, wie es andern ergeht, aber für mich vergrößert sich der Zauber einer Frau, wenn sie eine junge Reisende ist, die in wissenschaftlicher Mission fünf Tage lang im Zug nach Taschkent auf einer harten Bank hat liegen können, die sich gut im Latein Linnés zurechtfindet, die im Streit zwischen Lamarckisten und Epigenetikern weiß, wo sie steht, und etwas übrig hat für Löwenmäulchen, Baumwolle oder leichte Melancholie.“

Danach hörte man lange Zeit nichts vom Gartenlöwenmaul. Bis es vor einigen Jahren dem „Wageningen University & Research Center“ in Holland gelang, eine Tomate mit lila Pigmenten auf gentechnischem Wege zu entwickeln. „Der Wageninger Test-Tomate hatte man zwei Gene des Löwenmäulchens eingepflanzt,“ schreibt die holländische Autorin Annemieke Hendriks in ihrem Buch über „Tomaten“ (2017). Mit den Löwenmäulchen-Gene war sie nicht nur lila geworden, sondern – wie mit Mäusen im Experiment bewiesen: Sie sollte auch gut gegen Krebs sein. „Eine Anti-Krebs-Tomate“ gewissermaßen. Am Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaft der Humboldt-Universität meinte man dazu aber nur: „Wäre es doch bloß so einfach.“

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Schlafsaal eines englischen Obdachlosenasyls. Die etwas bessere Asylvariante für nicht ganz arme Obdachlose nennt sich „4 Penny Coffins“:

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Löwenzahn

Der Spandauer Schuldirektor Christian Sprengel kam 1790 der geschlechtlichen Vermehrung der Blumen durch Insekten auf die Spur. Sein Buch „Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen“ (1793) wurde jedoch lange Zeit als „absurd“ und „obszön“ abgelehnt.

Sein prominentester Gegner war Goethe, der Sprengel vorwarf, die Natur zu vermenschlichen. Ähnliches galt für Hegel, als er 1830 in seiner Vorlesung „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ auch „Die vegetabilische Natur“ behandelte. Für ihn war es noch „eine berühmte Streitfrage in der Botanik, ob wirklich bei der Pflanze erstens Sexualunterschied, zweitens Befruchtung wie bei den Tieren vorhanden“ sei. Er entschied sich, von der Geschlechtslosigkeit der Pflanzen auszugehen, selbst bei den Zweigeschlechtlichen, „weil die Geschlechtsteile, außer ihrer Individualität, einen abgeschlossenen, besonderen Kreis bilden.“ Zudem sah er für die „Begattung“, d.h. Bestäubung der Blüten, keine Notwendigkeit, es ist etwas „Überflüssiges: Luxus“, denn die Pflanzen können sich z.B. auch durch Ableger, Sprossen etc. vermehren. „Die Verstäubung ist für sich selbst Zweck der Vegetation, – ein Moment des ganzen vegetativen Lebens, welches durch alle Teile geht.“ Mit anderen Worten: Da die Blüte selbst ein Moment des „Fürsichseins“ ist, kann die Pflanze als Ganzes „nie eigentlich zum Selbst kommen“. Nicht erst die Befruchtung ihrer Blüten, sondern ihr bloßer Wachstumsprozeß ist bereits „Produktion neuer Individuen“.

Erst Charles Darwin verschaffte der von Sprengel entdeckten Symbiose zwischen Blumen und Insekten Geltung: In einem seiner letzten Werke „Über die Einrichtung zur Befruchtung britischer und ausländischer Orchideen durch Insekten“ (1862) urteilte er über Sprengel: „Dieses Schriftstellers eigenthümliches Werk mit seinem eigenthümlichen Titel wird oft geringschätzig beurtheilt. Er war ohne Zweifel ein Enthusiast und hat wohl auch einige seiner Ideen zu einer ausserordentlichen Länge ausgesponnen. Doch habe ich mich mittelst meiner eigenen Beobachtungen überzeugt, dass es einen gewissen Schatz von Wahrheit enthält. Und schon vor Vielen sprach Robert Brown, vor dessen Urtheil sich alle Botaniker neigen, nur mit hoher Achtung davon und bemerkt, dass nur Diejenigen darüber lachen können, welche nicht viel von der Sache verstehen.“

Hegel begriff alle geschlechtliche Vermehrung der Blumen als „Luxus“. Für den Basler Biologen Adolf Portmann war ihre Nektar- bzw. Saftproduktion zum Anlocken der Insekten 1962 nur noch beim Löwenzahn „Luxus“, den er vor allem gegen die Darwinsche Evolutionstheorie ins Feld führte, insofern darin stets auf die Nützlichkeit abgehoben wird. Dem gegenüber gibt es jedoch laut Portmann immer wieder zwecklose, „unadressierte“ Entwicklungsphänomene. „Auch die Schönheit einer Blüte ist nicht hinreichend durch den Zweck der Anlockung von bestäubenden Insekten geklärt, wie innig und sinnvoll solche symbiontischen Beziehungen auch in manchen Fällen sein mögen,“ schreibt der Biologe Joachim Illies in seiner Biographie über Adolf Portmann, der als Beispiel den Löwenzahn erwähnte: „Die ganze goldgelbe Pracht der Blüte, so nützlich sie für die zahllosen Insekten ist, die von ihr angelockt den Pollen und Nektar entnehmen, ist für die Pflanze selbst nutzlos, denn ihre Samenanlagen entwickeln sich grundsätzlich jungfräulich, d.h. ohne Befruchtung allein aus dem Erbgut der Mutterpflanze.“ Wenn die Orchidee ihre Insekten „täuscht“, dann „täuscht“ der Löwenzahn sich quasi selbst.

Portmann schrieb 1955 (in: „Ein Naturforscher erzählt“): „Das ist eine seltsame Geschichte; bereits um 1903 herum haben die Botaniker das alles aufgedeckt. Es entspricht dem ausgerichteten Zweckdenken unserer Zeit, daß der Löwenzahn wohl als ein sinnreiches Beispiel der Bestäubung von Blüten durch Insekten auftritt, daß aber die großartige Unnötigkeit dieses Verfahrens in allen diesen Darstellungen kaum gewürdigt wird.“

„Worin also liegt der Sinn dieses für die Pflanze selbst unnötigen Verfahrens?“ fragt sich sein Biograph Illies. „Allein in der ‚fremddienlichen Zweckmäßigkeit‘ für die Insekten? Solcher Altruismus wäre darwinistisch erst recht unbegreiflich, denn wo sollte sein Selektionsvorteil für die Pflanze liegen?“ Portmann war es dagegen immer wichtig, zu betonen, „daß sich in den Gestalten die Lebensformen selber darstellen, daß Selbstdarstellung wohl gar die oberste Leistung ist, der die anderen dienen müssen.“ In diesem Sinne deutete er auch die Blütengestalten: „Spricht sich bereits in den Blattformen das besondere der Art aus, so ist die Blüte als reichste Gestaltung erst recht ein Ausdruck dieser Selbstdarstellung.“

Die darwinistischen Biologen, die epidemieartig (über Seminararbeiten und Praktikumsaufgaben) neben unzähligen anderen auch den Wikipedia-Eintrag „Gewöhnlicher Löwenzahn“ verantworten, kennen natürlich keine wie auch immer geartete „Selbstdarstellung“ bei Tieren und Pflanzen: keine Kultur in der Natur. Immerhin nahmen sie zur Kenntnis, dass die jungfräuliche Entwicklung des Samens bei den Löwenzahnpflanzen „ungewöhnlich“ ist, insofern sie, „obwohl sie keine Bestäuber benötigen, dennoch Nektar produzieren.“ Aber die Wikipedia-Darwinisten fanden einen Dreh, auch dieses seltsame Phänomen evolutionistisch sich zu erklären, indem sie das scheinbar altruistische, insektenfreundliche Verhalten des Löwenzahns dahingehend deuteten, dass diese Pflanzen „erst vor so kurzer Zeit entstanden sind, so dass ihre Energie verschwendende Nektarproduktion im Laufe der Evolution noch nicht eingestellt werden konnte.“ Aber wenn man gleichzeitig davon ausgeht, dass die Blumen-Insekten-Ko-Evolution die „höchstentwickelte“ Form der Pflanzenvermehrung ist, dann sollte man doch eher davon ausgehen, dass der Löwenzahn dabei ist, seine Selbstbefruchtung langsam aufzugeben. Vielleicht lockt er die Insekten aber auch aus ganz anderen Gründen mit seinem Nektar an.

Der Naturfilmer Jan Haft spricht in seinem Buch „Die Wiese“ (2019) von einem „perfiden Trick“: Indem der Löwenzahn die Wiesen, egal ob Magerwiese oder überdüngte Weide, mit seinem „unwiderstehlichen Nektarangebot überschwemmt, sorgt er dafür, dass alle Insekten leicht satt werden und die anderen Blumen in der Wiese nicht oder zumindest weniger gründlich bestäuben,“ so dass sie weniger Samen bilden und auf diese Weise „nicht so viele Konkurrenten um den begrenzten Platz auf dem Wiesenboden heranwachsen. Der Löwenzahn blüht also nicht, um bestäubt zu werden, sondern um anderen das Wasser abzugraben und sich so Vorteile zu verschaffen.“ Jan Haft erwähnt im Zusammenhang des Löwenzahns ein weiteres „wahres Wunder: von einer nektarführenden Blume zu einer Kugel aus Flugsamen in weniger als einer Woche! Das schaffen nur wenige andere Pflanzen auf der Wiese.“

Es gibt viele Löwenzahnarten, die Taraxacologen (Löwenzahnforscher) haben bereits über 50 entdeckt, einer, der Botaniker Ingo Uhlemann von der Universität Dresden, spricht von einer „schwierigen Gruppe, die bisher nur unzureichend erforscht ist.“ Der Löwenzahn gilt im Allgemeinen als ein „Unkraut“, weil er dazu neigt, ganze Grünflächen mit seinen gelben Blüten und den „Pusteblumen“ zu überziehen. Sein Nektar und seine Pollen sind jedoch für die Insekten (vor allem für Honigbienen und Hummeln) ein Segen. Und aus den jungen Blättern kann man Gänse- und Kaninchenfutter sowie „Löwenzahn-Salat“ zubereiten, aus seiner bis zu einem Meter langen Wurzel angebraten eine ganze Mahlzeit. Im Mittelalter wurde die Pflanze zudem gegen viele Leiden verwendet, seltsamerweise war sie damals laut Jan Haft selten.

Statt in der Volksmedizin findet der Löwenzahn heute in der Industrie Verwendung – und zwar sein Wurzelsaft. Aus der milchigen Flüssigkeit des russischen Löwenzahns „kok-saghyz“ gewannen die sowjetischen Botaniker einen Kautschuk-Ersatz, um das devisenschwache Land von Importen unabhängig zu machen. Bereits 1941 bestand ein Drittel der sowjetischen Gummiproduktion aus Löwenzahnsaft. In Deutschland stellte man, ebenfalls aus „Autarkiebestrebungen“ heraus, den Kautschuk synthetisch her – in den BUNA-Werken: zuerst bei Schkopau und zuletzt auch noch in Auschwitz. Es ging dabei um Reifen für Wehrmachts-Fahrzeuge („Räder müssen rollen für den Sieg!“), aber die produzierten Mengen waren zu klein. Die Endfertigung geschah u.a. im Werks-KZ Stöcken der Reifenfirma „Continental“. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion bemächtigten sich deutsche „Sammelkommandos“ unter der Führung von uniformierten Botanikern der sowjetischen „kok-saghyz“-Forschungsinstitute und -felder und Himmler ernannte sich zum „Sonderbeauftragten für Pflanzenkautschuk“. Im Pflanzenzüchtungsinstitut der SS in Auschwitz wurde damit unter der Leitung des Müncheberger Züchtungsforschers Wilhelm Rudorf weiter experimentiert, um den Kautschukanteil im Milchsaft des Löwenzahns, der einen Milliliter pro Pflanze betrug, zu erhöhen. Aber erst 2014 stellte die Hannoveraner Firma „Continental“ auf der Automesse IAA erstmals einen Reifen aus „Löwenzahn-Kautschuk“ vor, damit wolle der Gummikonzern sich vom schwankenden Weltmarkt für Naturkautschuk unabhängig machen, meldete „finanzen 100“. Wird man den Löwenzahn bald auch hier feldmarschmäßig angebauen?

In dem kleinen Buch über „Botanische Wunder“ (2012) des Potsdamer Biologen Ewald Weber fand ich noch den Hinweis, dass die Früchte mit den Löwenzahn-Samen sich an einer Art Fallschirm so weit wie möglich vom Wind wegtragen lassen und wir tatsächlich daraus das Bauprinzip für Fallschirme entnommen haben. Das Schönste aber ist, dass die Pflanze während des Reifens der Früchte noch einmal ihren Stängel verlängert, so dass die Pusteblume zuletzt die meisten der um sie herum wachsenden Pflanzen überragt – damit der Wind sie voll erfassen kann. Der Löwenzahn ist bisher gut mit seinen selbstbefruchteten Fallschirmsamen gefahren, deswegen bleibt er einstweilen bei diesem „Verfahren“, nehme ich an.

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52.000 Goldsucher in der Mine Serra Pelada 1986. Aktuell gibt es einen ähnlich Gold-Rush auf einem goldhaltigen afrikanischen Sandstrand:

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Goldtresor – der Goldpreis hat dank Trump gerade einen vorläufigen Höchststand erreicht: 1 Unze (31,10 Gramm) kostet 3354,97 Dollar. Aber nun droht er wieder zu fallen:

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Lust

„Werdet selten!“ (Nietzsche) Ein Mückenschwarm kreist über einen Teich; aus dem Off raunt Heinz Sielmann: „Sie haben nur ein Interesse – sich zu vermehren.“ Der holländische Biologe Midas Dekkers sieht das anders: „Im Grunde sind Tiere gar nicht auf Elternschaft aus. Es ist nicht ihr Anliegen, die Art zu erhalten, sondern das von Mutter Natur. Läge es an den Tieren selbst, führten sie ewig ein lustiges Junggesellenleben.“ Zumal die Weibchen vieler niederer Tiere nach dem Eierlegen bzw. Gebären sterben, oder – wie z.B. die australische Krabbenspinne – von ihrer Brut aufgefressen werden? Einige Embryologinnen am Pariser Institut Pasteur sind gar davon überzeugt, dass das Austragen eines Kindes und das Wachsen eines bösartigen Tumors identische Vorgänge sind: Der Fötus ist ein fremdes Stück Fleisch, ein Pfropf, den der Körper der Mutter abzustoßen versucht. Aber dem Fötus wie dem Krebs gelingt es, das Immunsystem seines Wirts erfolgreich zu blockieren. Zwischen ihnen gibt es laut den Embryologinnen nur einen wesentlichen Unterschied: „Aus der befruchteten Eizelle entwickelt sich ein neuer Staat, mit dem Krebs bricht dagegen die Anarchie aus.“

In der Biologie hat man nie einen Unterschied zwischen Verpaarung und Vermehrung gemacht. Am ganzen mehr oder weniger subtilen Spiel der Anbahnung einer Beziehung (und darüberhinaus) interessiert die Naturwissenschaften bloß die materielle Seite: Fakten über die Anzahl der männlichen Spermien, mit denen die Befruchtung erfolgt, Fakten über die Zahl der Jungen, die dabei entstehen, Fakten über die unterschiedlichen Penis- und Hodenformen, Fakten über die Gene, die weitergegeben werden… Die meisten Fach- und Sachbücher über die Sexualität der Tiere gehen so weit, dass sie dem Spatz ebenso wie dem Löwen unterstellen, sie wollen partout, dass die Söhne und Töchter auch ganz sicher ihre eigenen sind. Dabei gibt es sogar unter den Menschen nicht wenige, ganze indigene Völker, die einen Zusammenhang zwischen Geschlechtsakt und Schwangerschaft nicht nur leugnen, sondern geradezu lächerlich finden. Aber die männlichen Tiere sollen es angeblich besser wissen. Deswegen tun sie alles, bis hin zur Ausbildung von Penissen mit denen sie vor dem Akt die eventuell schon vorhandenen Spermien in der Scheide ihrer „Partnerin“ gleichsam raussaugen können. Die US-Biologin Olivia Judson erklärt dazu in ihrem Buch „Die raffinierten Sexpraktiken der Tiere“: „Ein Männchen, das es schafft, seine Partnerin so zu stimulieren, dass sie mehr von seinen Spermien als von denen seiner Nebenbuhler aufnimmt, oder das die Spermien seiner Konkurrenten irgendwie beseitigen kann, gibt eine größere Anzahl seiner Gene weiter als seine weniger kunstfertigen Rivalen. Folglich ist die erste Konsequenz weiblicher Promiskuität, dass Männchen unter einem stärkeren Druck stehen, sich untereinander in allen Aspekten der Liebe auszustechen.“

Aber auch die weiblichen Tiere besitzen genügend Vererbungswissen, indem sie nämlich nur die Männchen mit den besten (gesündesten) Spermien „wählen“. Und das sind immer die Farbenprächtigsten, Lautesten, Stärksten, Schnellsten usw… Dabei geht es stets um ihren Nachwuchs, denn der ist z.B. für den Biologen Josef Reichholf „die eigentliche ‚Währung der Evolution‘.“ Ihre Anzahl ergibt zusammen mit der Zeit „die Leistung“. Die wilde Natur ist wie der Kapitalismus eine Leistungsgesellschaft. Wenn man dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz folgt, dann ist es nicht nur im Nazistaat, sondern auch in der Gänsegesellschaft so, dass das „Ehepaaar“ das höchste Ansehen hat, das die meisten Jungen großzog.

Nehmen wir einen Moment an, dass all diese Projektionen nur allzu wahr sind („Gänse sind schließlich auch nur Menschen,“ wie Lorenz einmal sagte), dann gilt aber immer noch, was sich die Tiersexforscherin Olivia Judson eingesteht, dass bei all ihren „Fakten“ etwas Wesentliches fehlt: die Lust! Aber leider „wissen wir so gut wie gar nichts über die Evolution der Lust.“ Dazu gehört zuvörderst eine gewisse Verständigung, jedenfalls in den meisten Fällen. Aber wie soll man das z.B. bei den Elefanten erforschen, die sich über mehrere Kilometer im Infraschallbereich „verständigen“, was jedoch für uns nicht vernehmbar ist. Oder wenn doch – mit Hilfe von Audiotechnik, wie es Professor John Lilly bei den noch weiter reichenden Lautäußerungen von Delphinen tat, dann weiß man immer noch nicht, was sie damit sagen wollen. Stattdessen zu erforschen, wie eine Art sich vermehrt, führt jedoch bloß dazu, dass man „unterhalb der Schafarten nur noch die Schafe zählen kann“, wie der Philosoph Michel Foucault einmal meinte, für den die animalische Liebe ein Fest war, das ihn traurig und glücklich zugleich machte.

Um die „animalische Liebe“ studieren zu können, bedarf die „bisherige Nutzphysiologie“ (des Darwinismus) mithin einer „lustbiologischen Ergänzung“; eine solche veröffentlichte der ungarische Psychoanalytiker Sandor Ferenczi 1923. Darin ist von „Brückenbildungen des Küssens, des Umarmens“ und von der „großen Eintrocknungskatastrophe“ als Ur- und Geburtstrauma die Rede. Weswegen für ihn „nicht das Meer die Mutter symbolisiert, sondern die Mutter das Meer,“ schreibt der Kulturwissenschaftler Peter Berz in „Die Einzeller und die Lust. Bölsche, Freud, Ferenczi“ (2012). Das „Ziel“ (im Feuchten) war einmal die „Verschmelzung“, bei den Vielzellern, auf dem Trockenen zumal, gibt es nur noch eine „Distanzliebe“ – mit der „Haut als Vermittlerin“ (aus der einst auch die Sinnesorgane hervorgingen): Sie (Wir) kennen keinen „Mischakt“ mehr, sondern bloß einen „Berührungs-Akt“. Ferenczi konnte sich auf das 1000seitige Werk „Liebesleben in der Natur. Entwicklungsgeschichte der Liebe“ stützen. Diesen Biologie-Bestseller (den die FU kürzlich neu herausgab) veröffentlichte 1898 der „Naturalist“, Gründer des „Friedrichshagener Dichterkreises“ und der Berliner Volksbühne Wilhelm Bölsche. Er begann darin ganz von vorne: „Wir haben keine Ahnung davon, was eine einzellige Amöbe, was eine Bakterie empfinden, wenn sie sich in zwei Stücke teilen. Es ist ihr Liebesakt. Warum soll sie nicht etwas dabei fühlen? Es ist nach allen Analogien selbstverständlich. Zugleich ist es der Urakt aller Liebe. Die Wollust wäre hier bei ihrem Urphänomen.“ Man ahnt das nur, aber wirklich „gewußt wird die Sache ganz sicher innerhalb unserer Leiber.“

Gerhart Hauptmann, in dessen niederschlesischem Bergdorf Schreiberhau Wilhelm Bölsche zuletzt lebte, urteilte 1931 über die „Lebensleistung“ seines Nachbarn in einer Festrede zu dessen 70. Geburtstag: „Das Interesse für die Natur und für die Wissenschaft von der Natur ist, zumal in Deutschland, zu einem sehr erheblichen Teil allein durch dich geweckt, gefördert und lebendig erhalten worden.“ Wenigstens das Interesse an tierischem „Sex“. Bölsche war ein Propagandist des Darwinismus, die animalische Liebe bestand für ihn in der Verquickung von Lust und Fortpflanzung und damit Arterhaltung. Mindestens bei den Rindern soll das aber ganz anders sein, wie der französische Schriftsteller Mehdi Belhaj Kacem in seiner „Philosophie im Kuhstall“ (2012) nahelegt: „Die Brunst ist ein Genuss für das Weibchen, nicht für das Männchen. Das Weibchen scheint ganze Tage lang einen quasi natürlichen Genuss zu empfinden, beim Koitus selbst empfindet es jedoch keine Lust. Umgekehrt zeigt das Männchen in der Brunstzeit kein Begehren wie das Weibchen… Soweit ein guter Kleinbauer wie ich das beobachten konnte.“

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Datenbank des FBI für Fingerabdrücke 1944

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Lügen

Arthur Schopenhauer fragte sich: „Woran sollte man sich von der endlosen Verstellung, Falschheit und Heimtücke der Menschen erholen, wenn die Hunde nicht wären, in deren ehrliches Gesicht man ohne Misstrauen schauen kann?“ Der Psychoanalytiker und Hundebesitzer Jeffrey Masson schrieb ein ganzes Buch, um zu beweisen: „Hunde lügen nicht“, die Psychologin Susanne Preusker kam dagegen in ihrem Ratgeberbuch „Wenn das Glück mit dem Schwanz wedelt“ zu dem Schluß: „Ein Hund versteht es, Dankbarkeit zu heucheln. In Wirklichkeit hält er alles, was Sie für ihn tun, für selbstverständlich, aber Sie werden sich wesentlich besser fühlen, wenn Sie an seine Dankbarkeit glauben.“ Auch Konrad Lorenz bemerkte bei seinen Hunden „Bully“ und „Stasi“, dass sie „geschickt lügen“ konnten.

Sind Wildtiere ehrlicher? Der Tierpsychologe Heini Hediger meint, sie seien die am wenigsten „beeinflußtesten“ und deswegen „die Norm für alle Beurteilung tierlichen Verhaltens.“ In diesem Sinn behauptet auch der US-Autor Mark Rowlands in seinem autobiographischen Buch „Der Philosoph und der Wolf“ (2009): „Wölfe sind nicht in der Lage zu lügen”. Er ist sich mit dem Primatenforscher Volker Sommer einig: „Erst die Menschenaffen und die Menschen haben die Fähigkeit zu lügen“ – und die Hunde passen sich den letzteren bloß an. In der Reihe der allegorischen Darstellungen steht allerdings die Katze – im Moabiter Gericht z.B. – für die Lüge. Die Erbauer konnten sich dabei auf das „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ berufen.

Der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal erwähnt in seiner „sozioökonomischen Bestandsaufnahme ‚Faktor Hund'“ (2004) einen, der mit seinem Herrn gewissermaßen mitlog: „Checker“ – der Hund des US-Präsidenten Nixon: Er half ihm, vor laufender Kamera seine Watergate-Lüge mit treuherzigem Gesichtsausdruck Glaubwürdigkeit zu verleihen. Laut den „Simpsons“ kam „Checker“ dafür in die „Hundehölle“.

Der Haushund steckt in seiner Abhängigkeit vom Menschen in einem Dilemma, das ähnlich auch für Kinder gilt: Einerseits legen die Eltern ihnen ein striktes Lügenverbot auf, andererseits werden sie genötigt, sich artig bei der lieben Tante für das uninteressante Geschenk zu bedanken. „Ob man nun lügt oder nicht – so oder so droht Ärger,“ schreibt die FAZ in ihrer Rezension des Buches „Lügen lesen“ der Kantianerin Bettina Stangneth.

Bei Wildtieren ist das Dilemma eher wie bei erwachsenen Menschen gelagert: Wenn sie nicht lügen, gehen sie unter Umständen leer aus und umgekehrt erreichen sie mitunter nur mit Lügen das von ihnen Begehrte. So wurde z.B. ein junger Pavian dabei von dem schottischen Zoologen Richard Byrne beobachtet, wie er sich einem Weibchen näherte, die gerade eine begehrte Knolle freilegte. Dort fing er jämmerlich an zu schreien, so dass seine Mutter herbeilief und das arglose Weibchen angriff, woraufhin ihr Sohn sich in Ruhe über die Knolle hermachte. Diesen Trick wiederholte er in einer ähnlichen Situation: „Zielgerichtet missbrauchte er den Hilferuf,“ schreibt die SZ, die als ein weiteres Beispiel einen Schimpansen namens Yeroen erwähnt, der im Zoo von Arnhem lebte: „Nach einem verlorenen Kampf gegen das neue Alphamännchen humpelte der abgesetzte, offenbar schwerverletzte Chef davon. Kaum war er allerdings aus dem Blickfeld des Siegers verschwunden, konnte Yeroen wieder völlig normal gehen.“

„Die Welt“ erwähnt den dänischen Verhaltsforscher Anders Møller: „Er hat beobachtet, wie Schwalbenmännchen ihre Bräute von Seitensprüngen abhalten: Finden sie bei der Rückkehr zum Nest ihr Weibchen nicht vor, stoßen sie Warnrufe aus. Das Weibchen wähnt das Nest in Gefahr und eilt herbei. Sobald alle Eier gelegt sind, spart sich der Eifersüchtige den falschen Alarm: Denn während der Brutzeit ist die werdende Vogelmutter nicht mehr in Paarungsstimmung.“

Eine andere Form der Täuschung ist das Sich-Totstellen. Am weitesten geht dabei laut „N24“ die Antillen-Boa: „Bei Gefahr verkrümmt sie sich, verfärbt ihre Augen zu einem leblosen Rosa, sondert ein Sekret ab, das nach Verwesung stinkt, und lässt sogar ein paar Tropfen Blut aus ihren Mundwinkeln rinnen. Sobald sich der Angreifer abwendet, schlängelt sich die Untote davon. Stellt sich hingegen ein Fuchs tot, hat er Hunger. Bereits in Tierbüchern des 12. Jahrhunderts steht, er gebärde sich als sein eigener Leichnam, um aasfressende Krähen anzulocken.“

Viele Tiere täuschen, indem sie sich nicht nur im Verhalten, sondern auch optisch einer anderen Art annähern. Bekannt sind die harmlosen Schwebfliegen, die das Aussehen von Wespen angenommen haben, um gefährlicher auszusehen als sie sind. Mit einer solchen „Mimikry“ versuchen auch harmlose Schmetterlinge und Schlangen ihren Freßfeinden zu entkommen, indem sie das Aussehen von giftigen angenommen haben: Sie mimen es quasi, dazu gehört Rousseaus Beitrag in der Enzyklopadie über das Theater, das er verbieten wollte, denn die Schauspielerei erziehe zur Lüge.

Dazu sind auch Pflanzen in der Lage, Orchideen zählt man z.B. zu den „Täuschblumen“, weil sie für ihre Befruchtung zwar Insekten durch Form, Farbe und Geruch anlocken, aber gar keinen Nektar in ihren Blüten für sie produzieren. Sie setzen allen Ehrgeiz darauf, „ihrem“ Insekt zu gefallen.

Die chilenische Kletterpflanze Boquila ist in der Lage, die Blätter von bis zu drei verschiedenen Bäumen nachzuahmen, um sich vor Fressfeinden – vor allem Schnecken und Käfer – zu schützen. Das „journal ‚pflanzenforschung.de’“ schreibt, dass „die Kletterpflanze die Blätter der Bäume, um die sie sich rankt, in punkto Farbe und Form, Stiellänge und Blattgröße sowie bezüglich der Blattdicke und Ausrichtung imitiert. Mitunter bildet sich sogar ein kleiner Blattstachel an der Blattspitze, wenn dies auch beim Wirt der Fall ist.“

Anders die Pflanzen der südafrikanischen Gattung Lithops: Sie sehen Steinen zum Verwechseln ähnlich (und zwar verschiedenen Steinen, je nachdem, wo sie wachsen), um Pflanzenfresser zu täuschen. Man nennt sie deswegen „lebende Steine“. Wie machen sie das? Die uns immer nur mit den zufällig mutierenden „Genen“ langweilenden Darwinisten müssen sich in solchen Fällen den verhassten Lamarckisten annähern, indem sie diesen Pflanzen laut Wikipedia „einen hohen Grad von phänotypischer Plastizität“ attestieren: „Je stärker der Einfluss von Umweltfaktoren auf den Phänotyp ist, desto höher auch die phänotypische Plastizität.“ Soll heißen, dass die Boquilas und Lithops im Gegensatz zu fast allen anderen Pflanzen, die sich weitgehend gleich bleiben, einem besonders starken Umweltdruck ausgesetzt sind – was eine allzu durchsichtige Erklärung ist – die bloß vortäuscht, etwas zu erklären. Man sagt, dass ein „gezieltes Täuschungsmanöver“ Bewußtsein voraussetzt. Könnte es sein, dass in der Botanik mehr davon vorhanden ist als bei den Botanikern?

In Kurt Mündls TV-Dokumentation „Über Lebenskünstler der Natur – Täuschen und Tarnen“ ist dies „zum Erfolgsprinzip geworden“.

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Arbeiter einer südafrikanischen Diamantenmine werden täglich nach ihrer Schicht geröntgt, um Diamantendiebstähle  durch Verschlucken zu entdecken.

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Lamarckismus

Der Soziologe Roger Caillois erwähnt es in seinem Buch „Der Krake“ (1986): „Dieses Hirntier, um nicht zu sagen, dieser Intellektuelle, beobachtet immerzu, während er agiert. Diese Besonderheit, die offenbar sein innerstes Wesen zum Ausdruck bringt, läßt sich sogar bei Hokusais wollüstigen Kraken feststellen: Er beugt sich über den Körper der nackten Perlentaucherin, die er in Ekstase versetzt, und läßt sie nicht aus den Augen, als verschaffe es ihm zusätzlichen Genuß, ihre Lust zu beobachten.“ Das Bild gehört zu Hokusais anonym erschienenen erotischen Album und hat den Titel „Perlentaucherin mit zwei Tintenfischen“. In Japan gelten die Kraken nicht wie bei uns als besonders fremdartig und bedrohlich, sondern als geselligkeitsliebend und sinnenfreudig.

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Über die japanischen Perlentaucherinnen, Ama genannt, gibt es nicht nur viele Bilder, Fotos und Youtube-Clips, sondern auch jede Menge ernsthafte Berichte. Erwähnt sei hier nur ein längerer Artikel der Wiener Japanologin Ruth Linhart: „Die Ama von Katada“ (http://ruthlinhart.com/japan_23.htm). Dazu schreibt die Autorin:

„Im ersten Teil gebe ich Interviews mit drei Taucherinnen wieder. Sie sollen Lebensläufe von Ama und Arbeitsbedingungen des Ama-Berufes authentisch veranschaulichen. Sodann werden die drei persönlichen Schicksale in einem deskriptiven Teil in den breiteren Rahmen der Dorfstruktur von Katada und der Ama-Gemeinschaft eingebettet. Schließlich folgt die Fragestellung: Entspricht das Bild der Ama, wie es durch Tourismus, bildliche und schriftliche Darstellungen gefiltert wird, der Wirklichkeit?

Ist „die Ama“ jenes Fischermädchen, jene schöne Nixe, die Fosco Maraini (1963) vor 20 Jahren auf der Insel Hekurajima filmte? Ist sie wirklich eine „Amazone“, wie die Taucherinnen von Braw und Gunnarson (1982) genannt werden? Genießen die Taucherinnen von Katada tatsächlich Verfügungsgewalt über die Produktion, wie es lwata Junichi (1971) wohlmeinend behauptet? Paßt die wahre Existenz der Ama mit der Klischeevorstellung von kakâdenka – Frauenherrschaft zusammen, die ihre Erwähnung immer wieder heraufbeschwört?

Nach Wochen Beobachtung aus nächster Nähe – ich wohnte in einer von einer Ama geführten Privatpension an einem der Tauch-Strände von Katada -, nach Gesprächen und Interviews [1978 und 1983], scheint es jedenfalls klar, daß die Ama und ihr Leben sich von romantisierenden Vorstellungen, wie sie bei japanischen Stadtbewohnern und im Westen verankert sind, unterscheiden, daß aber die Stellung der Ama im Dorf und in der Familie nicht in dem Maß von jener der städtischen Japanerin differiert, wie es die allgemeine Vorstellung erwartet. Herrschaft impliziert nämlich Entscheidungsgewalt und Machtausübung. Herrschaft ist ‚institutionalisierte Machtausübung, die zur Differenzierung einer Gesellschaft in Herrschende und Beherrschte führt‘ (König 1962). Die Attribute dieser Macht sind Überlegenheit und Einfluß, Führung und Gehorsam, Überordnung und Unterordnung, Prestige und Autorität. Die im folgenden geschilderten Tatsachen von Katada zeigen, warum die Taucherinnen in diese Definition nicht hineinpassen, Herrschaft scheint in Katada noch immer oder auch wieder Herr-schaft zu sein.“

2002 erschien in Tokyo ein Photoband über die Ama-San von Yoshiyuki Iwase: „Bildnisse von Taucherinnen in Onjuku, Präfektur Chiba 1931-1964“

2011 veröffentlichte die Photographin Ninay Poppe ebenfalls einen Photoband über die „Ama“. Ein Rezensent schrieb: „Ihre Bilder erzählen die Geschichte von japanischen Perlentaucherinnen. Diese Frauen verdienen ihr Geld damit, dass sie nach Seeohren tauchen, schleimige Seeschnecken, in denen sich Perlen bilden. Das Tauchen danach ist eine japanische Tradition und schon über zwei Jahrtausende alt. Auch heute noch tauchen die Ama auf die alte Art und Weise: Ohne Ausrüstung verlassen sie sich nur auf die Kraft ihrer Lungen. Die Japaner halten daran fest, dass die Mehrheit der Ama weiblich sein sollten, weil ihre Körper sich von den männlichen unterscheiden: Das Fett an einem Frauenkörper ist anders verteilt als bei bei einem Mann, was sie im kalten Wasser länger warm hält. Doch mittlerweile ist diese Praxis fast ausgestorben, denn die meisten dieser Frauen sind um die 60 Jahre alt, einige sogar über 80.“ Die Ama tauchen an einem Seil runter – bis zu 60 mal in der Stunde.

Ähnlich die südkoreanischen „Haenyeo“ auf der Insel Jeju-do, die allerdings nicht primär hinter Perlen her sind als vielmehr nach schmackhaften Meeresfrüchten. Man nennt sie auch in Korea „Meerfrauen“. Ihre Ausrüstung besteht seit den Siebzigerjahren aus einer Taucherbrille, Schwimmflossen, einem Neoprenanzug, einem Bleigurt, einer Harke zum Lösen der Meerestiere von Felsen, einem Netz zum Einsammeln des Fangs und einem Seil mit Boje, um ihren Standort zu markieren. Sie tauchen bis zu 20 Meter tief und können bis zu drei Minuten unter Wasser bleiben. Zwischendurch wärmen sie sich an Feuern, die sie in windgeschützten Höhlen am Meer entzünden und essen Muscheln. „Meist hört man die Haenyeo schon, bevor man sie sieht. Denn beim Auftauchen stoßen sie den Sumbisori aus, einen lauten Pfeifton, der durch das Auspusten der Luft verursacht wird,“ heißt es in einer Reportage der „Welt“.

Sie haben laut Wikipedia ein erweitertes Lungenvolumen und wie Wedellrobben nutzen sie die Milz als Sauerstoffreservoir. Beim Tauchen zieht sich das Organ zusammen, wodurch sauerstoffreiche rote Blutkörperchen in den Kreislauf gelangen und so einen längeren Tauchgang ermöglichen.

Die Zeitschrift „Nature“ berichtet in ihrem Newsletter: „Die Tradition des Tauchens auf der südkoreanischen Insel Jeju könnte das Erbgut aller Inselbewohner beeinflusst haben. Die Haenyeo – was so viel wie „Frauen des Meeres“ bedeutet – tauchen seit Jahrhunderten das ganze Jahr über in kaltem Wasser und ohne Atemgerät. Eine genetische Analyse ergab, dass Genvarianten, die mit vermindertem Blutdruck, Kaltwassertoleranz und der Anzahl der roten Blutkörperchen – die mit der Sauerstofftransportkapazität zusammenhängt – in Verbindung stehen, bei Menschen aus Jeju, unabhängig davon, ob sie selbst tauchen, häufiger vorkommen als bei anderen Südkoreanern.“ Wenn das nicht Lamarck Recht gibt, der davon ausging, dass die Umwelt die Körper beeinflusst…

Es gibt heute laut Auskunft der Haenyeo-Genossenschaft noch etwa 5000 Taucherinnen, ihr Altersdurchschnitt liegt bei weit über 50. Auch bei ihnen werden die Fangquoten wie in Japan inzwischen streng kontrolliert. Sie sammeln neben Muscheln, Schnecken, Seegurken und Seeigel auch noch Algen, die sie trocknen und verkaufen. Ihre Insel gilt als matriachalisch organisiert.

Auch über die koreanischen Muscheltaucherinnen – Haenyeos – gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen und journalistischen Veröffentlichungen – die meisten auf Koreanisch. Auf Youtube findet man aber fast 2000 Clips unter dem Stichwort „Haenyeo“, u.a. eine schöne vierteilige Über- und Unterwasser-Dokumentation von Melissa Struben: „Haenjeo – Koreas Meerjungfrauen“.

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Warn- und Tarntrachten

Viele Völker in Amazonien und Papua-Neuguinea kennen im Krieg und auf der Jagd Warn- und Tarntrachten, je nachdem. Bei den Bayern dient u.U. ein und die selbe Tracht diesen Zwecken. Sie können jedoch auch darauf verzichten – im Gegensatz zu den Tieren und Pflanzen, die sich ihrer Warn- und Tarntrachten nicht so einfach entledigen können. Weswegen diese auch nicht der Kulturgeschichte, sondern der natürlichen Auslese geschuldet sein sollen, also evolutionär, d.h. mutativ entstanden sind und dann der Selektion im Hinblick auf nützlich oder schädlich unterworfen wurden.

Das hat vor allem in der angloamerikanischen Forschung zu einer Unzahl von genetischen Erklärungsversuchen geführt, während an der französischen Forschung eher die kulturalistischen bzw. spekulativ-philosophischen Ansätze interessieren. Hier steht immer noch Lamarck gegen Darwin. Die einen wie die anderen haben sich dabei meist auf Insekten konzentriert (die z.B. Blätter nachahmen), wobei die französischen Mimikry-Mimese-Forscher gerne vom „Nutzen“ absehen. Der südfranzösische Insektenforscher und Nobelpreisträger Jean-Henri Fabre lehnte gleich alle „Mimikry/Mimese-Theorien ab, er sprach jedoch auch von von einer „Insektenästhetik“, weil er glaubte „zumindest bei der Lehmwespe die Neigung zu erkennen, ihr Werk zu verschönern“- mit glitzernden Steinchen und ausgebleichten Schneckenhäusern.

Was ist aber z.B. mit einer im Kongo lebenden Riesenkröte, die das Aussehen des Kopfes der Östlichen Gabunviper nachahmt? Sicher, sie sieht in ästhetischer Hinsicht auch beeindruckend aus, aber der Verdacht liegt doch nahe, dass sie damit vor allem ihre Freßfeinde warnen (abschrecken) will. Steckt also ein Wille hinter der Anverwandlung eines harmlosen Tieres oder auch einer Pflanze in eine giftige Art? Zuende gedacht würde das auf „Die Abschaffung der Arten“ hinauslaufen, wie der Science-Fiction-Autor Dietmar Dath 2014 sein Buch über die zukünftigen Lebewesen genannt hat, die „aus der Evolution das schlechthin Willentliche gemacht haben“. Dies ähnelt Walter Benjamins Mimese-Definition als „Fähigkeit, Ähnlichkeiten zu produzieren“.

Die Biologen tun sich nach wie vor schwerer, hinter der Mimese/Mimikry von Tieren und Pflanzen einen Willen zu vermuten, denn diese können ihre Tracht ja nicht wie die Bayern einfach wechseln, sehen wir von Chamäleon und Krake ab. Es braucht dazu wohl eine lange generationenübergreifende Entwicklung. Wenn z.B. Passionsblumen-Arten Eier auf ihren Blättern imitieren, um laut Wikipedia „eiablagebereite Schmetterlinge der Gattung Heliconius abzuwehren“.

Oder wenn z.B. bei der Orchideenart Fliegen-Ragwurz die Blüten in Form, Farbe und Geruch derart einer weiblichen Grabwespe ähneln, dass die Männchen sich mit ihnen verpaaren wollen und dabei zwei Pollenpakete auf die Stirn geklebt bekommen, die sie dann bei ihrem nächsten Paarungsversuch an der Narbe der Blüte einer anderen Fliegen-Ragwurzart abstreifen. Laut der Biologin des Berliner Botanischen Gartens, Birgit Nordt, geht die Täuschung teilweise soweit, „dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ragwurz-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Verhaltensforscher nennen das eine überoptimale Attrappe.“

Ist hier die Nachahmung vielleicht zu weit gegangen? Die französischen Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari haben desungeachtet ein ganzes postmodernes Beziehungs- und Organisationsmodell daraus gemacht. Statt von Evolution sprechen sie vom Werden und raten uns: „Werdet wie die Orchidee und die Wespe!“ Sie übertrugen dabei die biologische Mimikry auf die soziale, was der französische Kriminologe und Soziologe Gabriel Tarde bereits 1890 in seinem berühmten Werk „Die Gesetze der Nachahmung“ vorwegnahm. Unter den Begriffen Nachahmung und Erfindung verstand Tarde „jede beliebige Neuerung oder Verbesserung in jeglicher Art von sozialen Phänomenen wie Sprache, Religion, Politik, Recht, Industrie oder Kunst“. Wikipedia weist ferner daraufhin, dass sich heute auch Bruno Latour und Peter Sloterdijk auf Tardes Imitationstheorie beziehen. Dass eine Gesellschaft fast auf Nachahmung basieren soll, hat in den USA eine lange, teils wütende Diskussion über Mimikry ausgelöst, bis diese schließlich wieder auf Naturvorgänge eingegrenzt wurde – die nun in der „Bionik“ erforscht werden, um sie technisch nachzuahmen im Sinne einer Erfindung.

Zurück zur Natur: Der Wiener Amphibienforscher Paul Kammerer setzte z.B. Salamander auf Untergründe, vor denen sie grell abstachen. Es gelang diesen Tieren nicht nur, ihre Tarn- und Warntracht gewissermaßen umzufärben, indem sie die Farbe des Sandes, auf dem sie leben mußten, annahmen. Sie vererbten ihre, der neuen Umgebung angepasste Färbung auch ihren Nachkommen. Sein Experiment war insofern lamarckistisch als es ihm um die Vererbung erworbener Eigenschaften ging.

Noch komplizierter ist die Anverwandlung im Falle von Falschen Putzerfischen. Die Echten Putzerfische fressen anderen großen und kleinen Fischen die Parasiten weg – im Maul, zwischen den Kiemen und Schuppen. Wie beim Friseur warten ihre Kunden geduldig, bis diese Putzerfische (Aspidontus taeniatus) sie bedienen. Den Wartenden nähert sich der Falsche Putzerfisch (Labroides dimidiatus), der die Echten in Gestalt, Färbung und Schwimmweise imitiert, um an den ihre Parasitenbeseitigung erwartenden Fischen Flossen- und Hautstücke herauszubeißen. In seinem Buch „Mimikry. Nachahmung und Täuschung in der Natur“ (1971) hat der Zoologe Wolfgang Wickler diesen Falschen Putzerfisch, der als Parasit nur so tut als wäre er ein Parasitenvernichter näher erforscht, wobei er die Begriffe „Signalsender“ und „-Empfänger“ benutzte.

Dieser Parasit ist natürlich, wie andere Parasiten auch, nicht immer erfolgreich, denn ihre Wirte und Zwischenwirte sowie die in diesem Fall Imitierten sind auch nicht auf den Kopf gefallen, wenn man so sagen darf, und lassen sich laufend neue Gegenstrategien einfallen – es ist die reinste Waffenproliferation. „Genug, man muß die These wagen, daß überall, wo Wirkungen anerkannt werden, Wille auf Willen wirkt,“ wie Nietzsche meinte. Viele Gehirnforscher gehen heute vom schieren Gegenteil aus: dass es selbst beim Menschen keine „Willensfreiheit“ (und damit auch keine „Schuldfähigkeit“) gibt, weil wir genetisch, hormonal und enzymatisch sozusagen ferngesteuert sind. Das ist Biologie minus Leben.

Aber man muß den (freien) Willen gar nicht unbedingt rehabiltieren, man kann auch die These wagen: Was wir Menschen an Warn-, Tarn- oder auch Locktrachten an- und ausziehen (Maßanzüge, Camouflage-Jacken, Pelzmäntel, Reizwäsche), über die wir uns vorab Gedanken machen (durchaus im Vollzug einer Nachahmung), können Tiere und Pflanzen körperlich denken. So wie wir z.B. eine Angel mit speziellen Blinkern als Köder für bestimmte Fischarten „erfanden“, haben Anglerfische am Kopf Angeln mit angehängten Leuchtködern „entwickelt“.

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Orchideen

Manche Blume, so schrieb der Philosoph Theodor Lessing, könnte man „als ein festgebanntes Insekt“ bezeichnen – und andersherum „viele Insekten, zumal die Bienen und Schmetterlinge, als frei bewegliche Blumen“. Die meisten Orchideen, von denen weltweit etwa 25.000 Arten bekannt sind, sehen wirklich wie „festgebannte Insekten“ aus – und wer weiß, vielleicht wird man sie irgendwann auch als solche neu bestimmen. Ganz sicher weiß man jetzt schon, dass diese „Königin der Blumen“ die komplizierteste Existenzform unter den „bedecktsamigen Blütenpflanzen“ entwickelt hat, obwohl oder weil sie angeblich in evolutionärer Hinsicht die jüngste „Familie“ bildet. Fangen wir unten an – im Boden oder (epiphytisch siedelnd) auf Bäumen: Dort braucht sie einen Pilz, damit der Keim überhaupt aufgeht. Man kann die Nährstoffe, die ihm der Symbiosepilz zuführt, künstlich herstellen, das machen die Orchideenzüchter auch, weswegen es bereits über 100.000 Neuzüchtungen (Hybride) gibt, sie werden bei der „Royal Horticultural Society“ registriert und dort gelegentlich auch in ihrem botanischen Namen als besonders ausgezeichnet – „geadelt“. Es gibt aber auch heute noch tropische Orchideen, wild lebend, für die reiche Liebhaber mehr zahlen, „als heute ein Luxusauto kostet“ wie es im Ratgeber „Orchideen“ des Züchters Jörn Pinske heißt. Dabei geht es „nur“ um ihre seltsame Schönheit und manchmal auch um ihren Duft. Einige Arten enthalten daneben noch „psychoaktive Inhaltsstoffe“, aber ansonsten ist sie keine „Nutzpflanze“, abgesehen von der Vanille.

Die Mehrzahl der Orchideen-Liebhaber sind Männer. Der Pflanzenname leitet sich vom griechischen Wort „orchis“ her, was „Hoden“ heißt. Damit waren anfänglich die Knollen verschiedener Erdorchideen gemeint. Wegen dieser Speicherknollen, die bei Wildschweinen begehrt sind, gehört das „Männliche Knabenkraut“ zu einer besonders gefährdeten Art. Orchideen sind zweigeschlechtlich. In der Blüte hat sie (männliche) Staubblätter und eine (weibliche) Narbe, die zu einem „Säulchen“ (Gynosterium) verwachsen sind. Die Pflanze bestäubt sich nicht selbst damit, sondern braucht ein Insekt, dass ihren Pollen zu einer anderen bringt und ihr gleichzeitig fremden Pollen an die Narbe trägt.

„Daß Hummeln, Bienen, Tagfalter, also Insekten, irgendetwas mit den Blumen haben, wußte man schon seit der Antike. Auch daß sie sich irgendwie von ihnen ernähren. Seit Mitte des 17. Jahrhunderts wußte man auch, daß Blumen ein Geschlecht haben. Linné baute sein ganzes System der Pflanzen darauf auf,“ schreibt der Kulturwissenschaftler Peter Berz. Aber im Sommer 1787 entdeckte der Direktor der Spandauer Realschule Christian Konrad Sprengel auf einer Blumenwiese zwischen dem Wunder ihres Aussehens und den um sie herumschwirrenden Insekten eine völlig neue Beziehung.“

Sprengel findet, daß jedes kleinste Detail jeder Blume es nur auf Das Eine abgesehen hat: Insekten anzulocken, sie hinzuführen, hinzuweisen auf die in ihr verborgenen Schätze – Saft oder Nektar – also den „in der Luft herumschwärmenden Insekten als Saftbehältnisse schon von weitem ins Auge zu fallen“. Und „indem die (so angelockten) Insekten in den Blumen ihrer Nahrung nachgehen“ tun sie etwas ganz anderes: „Zugleich,“ schreibt Sprengel, „ohne es wollen und zu wissen“ befruchten sie die Blumen. Es wird dabei getäuscht und getrickst: viele der spektakulärsten Orchideen haben gar keinen Nektar. Sprengel: „Ich muß gestehen, daß diese Entdeckung mir keineswegs angenehm war.“ Denn: stimmt dann noch die Grundthese?

Die Blüten der Sexualtäusch-Orchidee „Ophrys insectifera“ (Fliegen-Ragwurz) haben nicht nur die Form und Farben einer potentiellen Partnerin für Grabwespen-Männchen angenommen, sondern auch noch den weiblichen Sexuallockstoff. Bei seinen Kopulationsversuchen bekommt das Männchen zwei Pollenpakete auf die Stirn geklebt. „Dolchwespen fallen gerne auf Blüten der mediterranen Orchidee Ophrys speculum (Spiegel-Ragwurz) herein. Teilweise geht die Täuschung so weit, dass Bienenmännchen der Gattung Andrena die entsprechenden Ophrys-Blüten sogar einem Weibchen vorziehen. Verhaltensforscher nennen das eine überoptimale Atrappe,“ schreibt die Biologin des Berliner Botanischen Gartens Birgit Nordt.

Peter Berz fragte sich darob: „Duft als Belohnung. Wie geht das? Nur als Droge, Rausch. Fast zu schön, um wahr zu sein. Die unmittelbare Reaktion der männlichen Bienen auf die Flüssigkeit kann man nur als Rausch bezeichnen. Sie verlieren in erheblichem Maße die Kontrolle über ihre Bewegungen und werden unbeholfen und träge und unaufmerksam. Offenbar genießen sie ihre Empfindungen, denn sie kommen über lange Zeit immer wieder zurück.“

Einige südamerikanische Orchideen, die mit „Prachtbienen“ kooperieren, bieten den Prachtbienenmännchen sogar einen Duft an, der nicht ihnen direkt gilt. Sie nehmen ihn laut dem Biologen Karl Weiß „in ansehnlichen Flakons an den Hinterbeinen“ auf und fliegen damit zu ihren „Balzplätzen“, wo sie „Präsentationsflüge“ unternehmen. „Dabei soll ihr farbenprächtiger Panzer zusammen mit dem betörenden Pflanzenduft die Weibchen anlocken.“

Besonders raffiniert ist die Duftproduktion bei der Germerblättrigen Stenderwurz, die im Jenaer Max-Planck-Institut für chemische Ökologie erforscht wurde: Um Schwebfliegen zur Bestäubung anzulocken, verströmt diese Orchidee einen Botenstoff, mit dem sich Blattläuse alarmieren, er lockt aber auch Schwebfliegenweibchen an, die ihre Eier bei Blattläusen ablegen, weil sich ihre Larven dann von ihnen ernähren. In der Orchideenblüte täuschen darüberhinaus „warzenartige Gebilde“ die Anwesenheit von Blattläusen vor. Es gibt dort aber gar keine, so dass die Larven der Schwebfliegen keine Nahrung finden und sterben. Der Biologe Johannes Stökl erwähnt zwei weitere Orchideenarten, die „stechende Insekten“ durch Vortäuschen von Schmetterlingsraupen in ihren Blüten zu deren Befruchtung verlocken.

Botaniker der Universität Wien erforschten auf Madagaskar Orchideenarten, die einen Geruch von faulem Fleisch verbreiten – um damit Aasfliegen anzulocken. Ihre Samen sind winzig klein und breiten sich wie eine Staubwolke aus, in jedem steckt ein Embryo. Es gibt daneben Orchideenarten, die bis zu zwölf Embryos in ein Samenkorn packen.

Über eine weitere auf Madagaskar vorkommende Art, die einen 30 Zentimeter langen Dorn in ihrer Blüte ausgebildet hat, an dessen Ende sich Nektar befindet, hat Darwin gemeint, man werde dort bestimmt auch einen Schmetterling finden, der einen genauso langen Saugrüssel hat. 1903 entdeckte man ihn tatsächlich.

Die Biogeochemiker der Universität Bayreuth haben bei einer Reihe südafrikanischer Orchideen herausgefunden: Wenn unterschiedliche Arten in enger Nachbarschaft leben und von den selben Insekten (Wespen z.B.) bestäubt werden, „platzieren sie ihre Pollen an unterschiedliche Stellen – z.B. auf verschiedenen Abschnitten ihrer Vorderbeine.“

Die Philosophen Gilles Deleuze und Félix Guattari gehen von einer wechselseitigen Beeinflussung aus, die eine Angleichung von Pflanze und Tier hervorgebracht hat. Ein solcher Vorgang – „Werden“ von ihnen genannt – gehört „immer einer anderen Ordnung als der der Abstammung an. Werden kommt durch Bündnisse zustande. Es besteht gewiß nicht darin, etwas nachzuahmen oder sich mit etwas zu identifizieren; es ist auch kein Regredieren-Progredieren mehr; es bedeutet nicht mehr, zu korrespondieren oder korrespondierende Beziehungen herzustellen; und es bedeutet auch nicht mehr, zu produzieren, eine Abstammung zu produzieren oder durch Abstammung zu produzieren…Das Werden ist eine Vermehrung, die durch Ansteckung geschieht.“ Affizieren und Affiziert-werden. „Werdet wie die Orchidee und die Wespe!“ raten sie.

Nach Meinung einiger Orchideenforscher ist bei diesem Angleichungsprozeß die Pflanze die treibende Kraft. Sie wollen festgestellt haben, dass eine Orchidee, die außerhalb des Vorkommens „ihrer“ Insekten „Fuß gefaßt“ hat, sich in Form und Farbe an eine neue Art angleicht. (*)

Im übrigen kennen die Orchideen auch eine vegetative Fortpflanzung (durch Ableger z.B.), weswegen G. W. F. Hegel in seiner Vorlesung „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ (1830) die geschlechtliche Fortpflanzung für einen reinen „Luxus“ hielt. Sie wird dafür mit umso mehr Liebe betrieben. Wenn z.B. die mikroskopischen Samen einer asiatischen Orchideenart durch den Wind an eine Baumrinde geweht wurden, entrollen sie „spiralige Ankerfäden“, um sich festzuklammern und in Kontakt mit einem Symbiosepilz zu kommen. Ist keiner da, muß der Keim sterben, schreiben die Mitarbeiter des Berliner Botanischen Museums in ihrem Band über „die skurrile Welt der Orchideensamen“.

Als ich unlängst im Orchideengewächshaus des Kassler „Bergparks Wilhelmhöhe“ war, konnte ich es nicht fassen: Es werden dort fast nur Orchideen gehalten, die der menschlichen Vagina in Form und oft auch in Farbe glichen. Ich erfuhr dort: Die Schamlippe heißt bei den Orchideen ebenfalls „Lippe“ (Labellum), es ist ein zur Lippe geformtes Blütenblatt, das den Insekten eine Landefläche bietet, und die Klitoris ist bei den Orchideen das vorstehende „Säulchen“. Hinzu kommt bei manchen Orchideenarten ein Sexualtäuschduft, der auch auf Menschen, mindestens Männer, wirkt, die Orchidee „Vanille“ kommt dem bereits nahe. Einige Orchideenblüten ähneln der Vagina auch deswegen, weil sie „Haare“ drumherum haben. Kurzum: „Die Sexualorgane der Orchideen sind einzigartig,“ wie die überwiegend männlichen Autoren der „Kosmos-Enzyklopädie Orchideen“ schwärmen. „Wir könnten eine Geistesgeschichte der letzten Jahrhunderte schreiben, indem wir eine Orchideenblüte schildern,“ meinte schon der Basler Biologe Adolf Portmann in seinem Radiovortrag „Insekten und Blumen“ (1942). Gleiches ließe sich auch wohl über die menschliche Vagina (vulgo: Vulva) sagen.

Soll man noch erwähnen, dass ein katholisches Forschungsteam der Botanikerin Marta Kolanowska von der Universität Danzig im Kolumbianischen Urwald eine winzige Orchideenart entdeckte, die statt einer Klitoris ein weinrotes Teufelsgesicht in ihrer Blüte ausgebildet hat? Sie wurde „Telipogon diabolicus“ genannt. Und dann gibt es auch noch die „Orchis italica“, deren Lippe zu einem weißen Männchen mit großem Penis geformt ist. Wer damit wohl angelockt werden soll?

Seit über dem Botanischen Garten nicht mehr das Damoklesschwert der

Schließung hängt, erschließt er sich ständig neue Finanzhebel: Mit (schrecklichen) Exotischen Nächten im Dschungelgewächshaus, mit „Das Dschungelbuch“-Inszenierungen, Hochzeitsfeiern, Halloween, „Christmas Garden“, Kakteentage, eigenem Geschenke-Shop…and more. Aber auch mit der Einbeziehung von immer mehr Hobbygärtnern – z.B. als Anbieter von Stauden, Kakteen und fleischfressenden Pflanzen mit eigenem Verkaufsstand. Schon befürchtet mancher Jahreskartenbesitzer, dass aus dem Garten ein Spektakel wird, ein lauter Verkaufsrummel zwischen den stillen Gewächsen – mit einigen Nebeneinnahmen drumherum.

Kürzlich zeigte man eine „Orchideen-Show“: „Wir lieben Orchideen. Sie auch? Dann sprechen Sie uns an“. Die Züchter und Sprecher der Deutschen sowie auch der Polnischen Orchideen Gesellschaft und der Fachgesellschaft Andere Sukkulanten in der Deutschen Kakteen Gesellschaft ließen sich viel Zeit, um mir das schwierige Geschäft mit diesen komplizierten Pflanzen zu erklären, inzwischen gäbe es ganze „Orchideen-Industrien“, die die Super- und Baumärkte beliefern. Mannimmt ein bestimmtes Teil eines Orchideenstengels und macht daraus Millionen Zellen, aus denen neue Pflanzen gezogen werden.

Hybridsorten züchtet man, indem die Pollen einer Art auf den Stempel einer anderen übertragen werden. Damit gerade das nicht passiert, haben die frei lebenden Orchideen sich so weit auf die Vorlieben eines von ihnen gewählten Bestäubungsinsekts angepaßt, dass dieses, oft auch ohne Nektar dafür zu bekommen, „blütentreu“ bleibt. Anscheinend kann man alle Orchideenarten miteinander kreuzen. Bis heute gibt es etwa 100.000 Hybride. Sie werden immer billiger, aber man hätte keine rechte Freude an ihnen, sagen die Züchter.

Deutsche Orchideen gab es nicht zu sehen, außer Frauenschuh und einige andere nichteinheimische aber winterharte Freilandorchideen. Man machte mich auf winzige Orchideen aus Südamerika aufmerksam, sie hingen an einer Drahtwand und waren auf Korkstücke von der Größe einer Zigarettenschachtel festgebunden. Für die ständig neugezüchteten Hybriden wird offiziell keine wild wachsende Orchidee mehr genommen – „der Natur entnommen“. Das Biosphärenreservat Rhön beschäftigt zu ihrem Schutz sogar einen – sehr kenntnisreichen – Orchideenwart. Über die kleinen Orchideen in der kargen Rhön wurden seit den Zwanzigerjahren schon viele Bücher veröffentlicht.

Auch ein Züchter von fleischfressenden Pflanzen hatte einen Stand im Ausstellungs-Gewächshaus des Botanischen Gartens. Da ich in einem Moor voller Sonnentau groß geworden bin, interessierte mich diese Pflanze besonders. Seine Sonnentaupflanzen sahen jedoch ganz anders aus als „unsere“: Sie stammten aus Südamerika, Südostasien und Australien. Ihr Züchter aus Großbeeren hatte sie von Kollegen gekauft und weitergezüchtet. Die Venusfliegenfallen hatte ich mir größer vorgestellt, vor allem die Kannen der Kannenpflanzen. Füttern tat er sie alle nicht: „Sie müssen nicht unbedingt Fleisch haben“. Im Übrigen sei das mehr eine Liebhaberei als ein Geschäft für ihn. Ich vergaß ihn zu fragen, ob er Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für fleischfressende Pflanzen“ ist.

Über das sehr viel größere Geschäft mit Orchideen fand ich in dem Buch der Biologin Monika Offenberger „Symbiose“ (2014) einige Details: Orchideen-Früchte enthalten bis zu einer Million Samen, die jedoch kein Nährgewebe besitzen und deswegen zum Keimen auf einen Pilz angewiesen sind, „der das Pflanzenembryo ernährt, bis es Blätter und Wurzeln gebildet hat und sich selbst ernähren kann.“ Die Gärtner brauchten lange, bis sie das erkannten und noch länger, bis sie ein geeignetes Nährmedium fanden, „das alle nötigen Substanzen für das Auskeimen der Orchideensamen enthielt“, und zudem eine sterile Umgebung benötigt, damit sich keine Schimmelpilze ansiedeln. „Steriles Arbeiten ist auch heute noch oberstes Gebot beim Kultivieren von Orchideen. Gewandelt haben sich indes die Vermehrungstechniken. Nur ausnahmsweise – etwa beim Frauenschuh – werden noch Samen ausgesät; das Gros der Arten wächst dagegen in Gewebekulturen herans, die man aus speziellen Wachstumsknospen der Mutterpflanze, den sogenannten Augen, gewinnt. Auf diese Weise entstehen beliebig viele Nachkommen. Sie sind, ähnlich wie gewöhnliche Stecklinge oder Ableger, genetisch identisch, sprich: Klone. Aus einem Auge lassen sich Millionen von Jungpflanzen gewinnen. Einer der größten Orchideen-Vermehrungsbetriebe der Welt, das Familienunternehmen Hark aus Lippstadt in Nordrhein-Westfalen, produziert pro Jahr zigmillionen Klone für Abnehmer aus zahlreichen Ländern. Allein „Phalaenopsis“ (Nachtfalterorchidee) deckt mit ihren Varianten fast die gesamte Farbpalette ab. Zudem steht die edle Schöne mit Blühzeiten von mehreren Monaten außer Konkurrenz. Kein Wunder, dass sie auch auf finanziellem Gebiet alle Rekorde bricht: Sie gehört zu den Zimmerpflanzen mit dem weltweit höchsten Umsatz.“

Das Gegenteil gibt es aber auch: In der Rhön nahm ich an einer Orchideen-Exkursion eines Bauern und seines Sohnes teil. Im Auftrag der Verwaltung des Biosphärenreservat schützt er die wilden Orchideen, die auf den Trockenwiesen der Rhön wachsen, vor Überwucherung durch andere Pflanzen und vor dem Abgeflückt-Werden durch Touristen. Er arbeitet dabei mit Traktor und Mähbalken. An unzugänglicheren Flächen übernehmen dies kleine Schafherden, es gibt auch noch eine Ziegenherde für die steilen Hänge. Die Orchideen der Rhön sind zumeist ganz unscheinbar. Man muß schon genauer hinsehen, um sie anhand ihrer kleinen Blüten zu identifizieren.

Der Bauer bewirtschaftet nebenbei noch einige Felder. Er baut darauf Ackerunkräuter an. Die Samen sind für andere Bauern, die sie unter ihr Getreide-Saatgut mischen. Für den dadurch bewirkten geringeren Ernteertrag bekommen die Bauern eine staatliche Entschädigung. Es sind dies alles Experimente, seitdem man meint zu wissen, dass sich eine bestimmte Anzahl von Ackerunkräutern günstig für das Gedeihen der Getreidepflanzen auswirkt.

In der Rhön gedeihen gut 40 Orchideenarten. Der erste, der sie erforschte war Franz Kasper Lieblein, der 1784 eine „Flora Fuldensis“ veröffentlichte. Dann kam Goldschmidt (1863-1916). Die Orchideen wurden 1908 im Band VI seiner Rhönflora bearbeitet.

Derzeit werden die Pilze der Rhön systematisch erforscht – u.a. von dem Botaniker Andreas Bresinsky von der Universität Regensburg. Er schreibt: „Die Rhön hat hinsichtlich ihrer Pilze als schlecht erforscht zu gelten, obgleich die Kenntnis der Großpilze Mitteleuropas ursprünglich von dort aus ganz wesentlich gefördert wurde.“

Auf seiner Internetseite über die Rhön schreibt der aus der hessischen Rhön stammende Autor Marco Klüber: „Auf sonnig-warmen Kalkstandorten sind im Frühling Manns- und Helm-Knabenkraut gebietsweise häufig anzutreffen. Im Sommer dominiert die Mücken-Händelwurz den Aspekt ihrer Standorte. In halbschattigen Bereichen wachsen Bleiches und Rotes Waldvögelein, Braunrote und Müllers Stendelwurz, Großes Zweiblatt und Grünliche Waldhyazinthe. Die sehr seltene Honigorchis hat in den Enzian-Schillergrasrasen der thüringischen Rhön überregional bedeutende Vorkommen, die Grüne Hohlzunge ist eine Besonderheit der Halbtrockenrasen im Bergwinkel. Ragwurze, Pyramiden-Orchidee, Ohnsporn und Bocks-Riemenzunge sind in nacheiszeitlichen Wärmeperioden aus dem Süden eingewandert und bevorzugen die wärmsten Gegenden der Rhön.

Auf extensiven Wiesen können Großes Zweiblatt, Kleines, Manns- und Breitblättriges Knabenkraut ihre Blütenpracht entfalten, stellenweise wachsen hier auch Weiße Waldhyazinthe und Mücken-Händelwurz. Eine der merkwürdigsten und seltensten heimischen Orchideen ist an besonders magere Weiden gebunden: die Herbst-Wendelähre.

Die bunten Bergwiesen an den Hängen der Rhöner Kuppen werden typischerweise zweimal im Jahr gemäht, und ihre Artenzusammensetzung ist von diesem Bewirtschaftungsrhythmus wesentlich beeinflusst. An Orchideen wachsen hier nicht nur Großes Zweiblatt, Mücken-Händelwurz und die beiden Waldhyazinthen, sondern auch Manns-, Kleines, Breitblättriges und sogar das sehr seltene Brand-Knabenkraut.

Manche Orchideenarten erschließen sich auch Lebensräume, in denen man sie nicht unbedingt vermuten würde, nämlich unsere Siedlungs- und Infrastruktur. Sie wachsen in Hausgärten, Wochenendsiedlungen, Stadtparks und auf Friedhöfen; in stillgelegten Steinbrüchen, an Bahndämmen, an Waldwegen, auf Verkehrsinseln und entlang stark befahrener Straßen und Autobahnen. Es lohnt sich, auch an scheinbar unmöglichen Standorten Ausschau zu halten, denn Orchideen sind immer für eine Überraschung gut.“

Anmerkung:

(*) Die Pflanzen, die der Geobotaniker Hansjörg Küster allzu entschieden für „willenlos“ hält, kommen ihnen bei der Futtersuche entgegen. Man nennt das Chiropterophilie – Fledertierblütigkeit und versteht darunter in der Botanik laut Wikipedia ein Merkmalssyndrom bei Pflanzen, die sich auf die Bestäubung durch Fledermäuse oder Flughunde konzentriert haben. Diese Pflanzen blühen oft nachts, ihre Blüten haben einen intensiven Duft. Sie produzieren sehr viel Pollen und Nektar. Die Blüten sind meist derb und weit geöffnet, um den Anflug dieser im Vergleich zu Insekten sehr viel größeren und schwereren Säugetiere auszuhalten. Die „thailändische Hummelfledermaus“ ist allerdings als „kleinstes Säugetier der Welt“ nicht viel schwerer als eine Hummel (1,5 Gramm) und als die kleinste Kolibriart, die kubanische Bienenelfe, die etwa 2 Gramm wiegt.

Bei einigen Pflanzen- und Fledertierarten sprechen Forscher von einer „Symbiose“, andere von einer „Co-Dependence“. Einige chiropterophile Pflanzen bilden ihre Blüten derart aus, dass sie den Schall gut reflektieren, so dass die mit Echoortung sich orientierenden Fledermäuse nicht nur den Standort der Blüte, sondern auch die Qualität und Quantität ihres Nektars abschätzen können. Mit diesem Entgegenkommen versuchen die Pflanzen, ihre Bestäuber zur „Blütentreue“ zu veranlassen. Und das sollen sie angeblich unwillentlich tun?

Ihre Nahrung wird den Fledertieren von den Pflanzen also geradezu angeboten, damit sie deren Samen und Pollen verbreiten (bis zu 70 Prozent der Pollen tragen Flughunde in ihrem Fell unversehrt zur nächsten Blüte). Viele asiatische, afrikanische und australische Bäume sind auf die Fledertiere als Bestäuber angewiesen – sie sind deswegen so nützlich, dass sie auf keinen Fall ausgerottet werden dürfen, wie Naturschützer immer wieder betonen.

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Aalgras gezeichnet von Erasmus Darwin

Aalgras

Man nimmt an, das das Leben im Wasser begann. Irgendwann gingen einige Wesen an Land – die Pflanzen zuerst, danach die Tiere (von denen ein paar Arten seltsamerweise wieder zurück ins Wasser gingen, wo sie dann in gewisser Weise überqualifiziert waren und noch sind). Das Aalgras wird auch „Gewöhnliche Wasserschraube“ (Vallisneria) genannt und ist ein „Froschbissgewächs“, als „echte Wasserpflanze“ blieb es wo es war.

Die Erstveröffentlichung von „Vallisneria spiralis“ erfolgte 1753 durch Carl von Linné. Man sagte, er habe diese Wasserpflanze erfunden, um eine Leerstelle in seinem großartigen „System der Natur“ zu füllen. Erst einige Jahre danach sei sie wirklich aufgetaucht – und zwar überall gleichzeitig. Ihre Herkunft ist jedoch noch immer unklar, jedenfalls nicht aus den schwedischen Gewässern, sie mag gerne wärmeres Wasser. Man vermutet, dass sie sich aus dem Süden immer weiter nach Norden vorgewagt hat – in Süß- aber auch Brackwasser, wobei ihr in jüngster Zeit die Klimaerwärmung hilft. Das gilt auch für andere Vallisneria-Arten. In Berlin steht „Vallisneria spiralis“ allerdings auf der „Roten Liste“ gefährdeter Arten.

Der Botaniker Hansjörg Küster spricht den Pflanzen jeden Willen ab. Wenn man dem belgischen Naturforscher und Dramatiker Maurice Maeterlinck folgt, gilt das nicht für das Aalgras, das etwas Tierisches an sich hat. Aber während Seeanemonen und andere Blumentiere fleischliche Nahrung brauchen, begnügt sich das Aalgras mit der Umwandlung von Licht in Energie; das für ihr Wachstum notwendige CO2 entnimmt sie dem im Wasser gelösten Gehalt.

Maeterlinck schreibt 1907, am Ende seiner Betrachtung über Wasserpflanzen (in: „Die Intelligenz der Blumen“): „Wir können die Wasserpflanzen nicht verlassen, ohne noch kurz das Leben der romantischsten unter ihnen, der Vallisneria, zu berühren, deren Befruchtung die tragischste Episode in der Liebesgeschichte der Pflanzenwelt bildet: Die Vallisneria ist ein ziemlich unansehnliches Gewächs, ohne die seltsame Grazie der Wasserrose oder gewisser Seegräser. Aber man möchte sagen, dass die Natur sie zur Trägerin eines schönen Gedankens erwählt hat. Ihr ganzes Dasein vollzieht sich im Wasser in einer Art Halbschlaf, bis zu der hochzeitlichen Stunde, wo sie zu neuem Leben erwacht. Dann rollt die weibliche Blüte langsam die Spirale ihres Stiels auf, steigt und taucht empor, schwimmt auf der Oberfläche des Teiches umher und entfaltet ihren Kelch. Die männlichen Blüten einer benachbarten Staude, die sie durch das sonnige Wasser erblicken, steigen hoffnungsvoll zu ihr empor. Aber auf halbem Wege sehen sie sich plötzlich festgehalten; ihr Stengel, der Quell ihres Lebens, ist zu kurz.

Man vergegenwärtige sich die Tragödie dieses Verlangens, das Unerreichbare, das doch fast berührt wird. Es wäre unlöslich wie das Drama unseres eigenen Erdenlebens, hätten die männlichen Blüten nicht vielleicht ein Vorgefühl ihrer Enttäuschung. Jedenfalls umschließen sie mit ihrem Kelch eine Luftblase, wie man in seinem Herzen einen Gedanken an verzweifelte Befreiung hegt. Sie zaudern anscheinend einen Augenblick, dann machen sie eine prächtige Kraftanstrengung, die übernatürlichste, die ich in der Geschichte der Insekten und Blumen kenne, um sich zum Glück zu erheben: sie zerreißen freiwillig das Band, das sie ans Dasein kettet. Sie reißen sich von ihrem Stiel los und mit unvergleichlichem Aufschwung, von Perlen des Frohsinns umgeben, durchbrechen ihre Blütenblätter die Wasseroberfläche.

Zu Tode getroffen, aber strahlend und frei, schwimmen sie eine kurze Weile neben ihren sorglosen Bräuten; die Vereinigung vollzieht sich und die Geopferten gehen unter, während die Gattin, die bereits Mutter ist, ihren Kelch, in dem ihr letzter Hauch fortlebt, schließt, ihre Spirale zusammenrollt und wieder in die Tiefen hinabsteigt, um dort die Frucht des heroischen Kusses zu zeitigen…“ Danach wickeln sich die Blütenstandschäfte schraubenartig auf und hoch und sorgen laut Wikipedia, „dafür, dass die reifenden Früchte immer genau unter der Wasseroberfläche gehalten werden“.

Die Pflanze wurde nach dem Naturforscher Antonio Vallisneri benannt, der 1707 bekannt gab, dass er die lange gesuchten Geschlechtsteile bei den Aalen gefunden habe, man wollte deswegen die Genitalien des weiblichen Aals nach ihm benennen, aber dann stellte sich heraus, dass es sich nicht um Eierstöcke, sondern um „eine krankhafte und aufgeblähte Schwimmblase“ handelte. Die Vallisneria wurde bis dahin volkstümlich Aalgras genannt, weil sich zwischen der Pflanze gerne Aale verstecken, aber auch Meerforellen.

In Kanada, an der Westküste von Vancouver Island, gibt es einen Indianerstamm: die Hesquiaht – was übersetzt nicht wie meist „Die Menschen“ heißt, sondern bescheidener: „Die Menschen des Geräusches, das durch das Essen von Heringseiern auf Aalgras entsteht.“ Sie hatten sich einst auf den Fang von Seeottern spezialisiert.

Die Region „Nord-Seeland“ in Dänemark wirbt um deutsche Angler: „Die Beschaffenheit der Küste und des Untergrundes ist äußerst abwechslungsreich: kleine sandige Inseln, kleine Riffs, Blasentang und Aalgras-Felder bilden ein absolut spannendes Meerforellenrevier!“ In dem Forum „leidenschaft-meerforelle.de“ wurde sogleich das Problem der Ausbreitung des „Amerikanischen Borstenwurms in den Aalgras-Feldern an Dänemarks Küsten“ diskutiert. Einer der Teilnehmer meinte: „Aalgras braucht Dünger…und anscheinend kann der Wurm diesen liefern.“

Hierbei handelt es sich um ein im Salzwasser lebendes Aalgras, von dem die Autoren des 2. Bandes „Orthomolekulare Medizin“ annehmen, dass es sich dabei eher um Riedgras (Cladium mariscus) handelt. Der Name Aalgras sei jedoch verständlich, „da diese Pflanze auch viel mit Aalfang zu tun hat“. Sie gehört jedoch nicht wie Vallisneria zur Familie der Froschbissgewächse sondern zu den Sauergrasgewächsen. Diese sind weit verbreitet, die Vallisneria ist eingewandert und gilt als eine invasive Art. Jedoch nicht bei den hiesigen Aquarianern: „Die Schraubenvallisnerie ist eine der meistverkauften Aquarienpflanzen,“ heißt es auf „aquarienpflanzen-shop.de“. Derzeit kartographiert die Universität von Cardiff mithilfe von „Seegras-Spottern“ und einer App alle Aalgras-Felder der Welt, bis jetzt sind es schon 300.000 Quadratkilometer.

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Seegras

Seehasen, auch Lumpfische genannt, sind auf Seegras-Weiden angewiesen. Es sind plumpe Bodenfische, die 10 Kilo wiegen können, bis zu einem halben Meter lang werden und schlechte Schwimmer sind. Sie leben in den kühlen Gewässern des Atlantiks. Meereskaninchen, besser bekannt als Kaninchenfische, leben dagegen im Indopazifik. Nach dem Bau des Suezkanals wanderten sie ins Mittelmeer ein. Auch sie sind auf Seegras-Weiden angewiesen.

Die Ersteren ernähren sich von Weichtieren und Quallen, letztere von Algen und Seegras, eine Blütenpflanze, die auf Schlick- und Sandböden wächst. Die Kaninchenfische suchen Seegraswiesen auf, weil sie sich davon ernähren und die Seehasen, vor allem wenn sie noch jung sind, weil sie u.a. von Robben gejagt werden und sich im Seegras verstecken. Während diese eher zwischen den Pflanzen am Boden leben, halten sich die Kaninchenfische laut Wikipedia „über“ den Seegraswiesen auf.

In Friedrichshafen feiert man „Seehasenfeste“, das hat jedoch nichts mit dem Fisch zu tun, man nannte bloß die Bodensee-Anrainer früher so. Und dann gibt es noch eine Meeresschnecke (Aplysia), die auf Deutsch wegen ihrer hasenartigen Tentakel auf dem Kopf Seehase genannt wird. Sie ernährt sich von Algen und Seegras. Während die Seehasen-Fische sich u.a. von ihr ernähren.

Seegraswiesen kommen in 159 Ländern und auf allen sechs Kontinenten vor. Ihre Wiesen werden jedoch immer kleiner. Auf dem niedersächsischen Wattboden gingen die Seegraswiesen bereits um 77 Prozent zurück. Da sie eine wichtige „Kinderstube“ für viele Fischarten bilden, sind die Meeresforscher besorgt und sinnen auf Rettung.

Die Ursachen ihres Rückgangs sind vielfältig: Die Anker der Yachten, die Wasserverschmutzung, bestimmte Fischfangmethoden und ein Pilzbefall. Es gibt inzwischen mehrere Versuche, u.a. in den USA, diese Wiesen, bestehend aus Zwergseegras und Echtem Seegras, künstlich zu vermehren. Ein solches „Projekt“ gibt es auch in einer Bucht auf Mallorca. Ebenso auf Ibiza im Park Les Salines. Dort zählen die Seegraswiesen seit 1999 zum Weltkulturerbe. Die Journalistin Felicitas Bläsche erwähnt sie in ihrem „TV-direkt“-Bericht „Ibiza – Eine Insel zum Träumen“ (2/25), weil sie meint, dass darin „zahlreiche Vogelarten nisten“: Unter Wasser? Unsinn!

Das Seegras wird vielerorts, z.B. in Südkorea, wie das Wiesengras gemäht, an Land geholt, getrocknet (wie Heu) und dann verkauft. Es dient u.a. als Dämm- und Polstermaterial. Hierzulande verkauft es z.B. die Seegrashandels GmbH.  Man kann das Seegras auch essen, besonders begehrt ist es u.a. in Japan und China. Edeka bewirbt es als „Gemüse aus dem Meer“.

Auf der Internetseite des NABU steht unter einem Foto, das einen „juvenilen Seehasen zwischen juvenilen Miesmuscheln“ zeigt: „Auch der neuen Bundesregierung ist das Potential der Unterwasserwiesen bekannt“. Auf „seegraswiesen.de“ heißt es: Diese „fördern Biodiversität und bieten wichtige Ökosystemleistungen wie Kohlenstoffbindung und Sedimentstabilisierung, die für den Klima- und Küstenschutz von großer Bedeutung sind.“ Das Wort „Ökosystemdienstleistungen“ ist ein anthropozentrisches Ekelwort und wird den kleinen Seegräsern in keinster Weise gerecht. Die Internetseite stammt von der „Küsten Union Deutschland e.V.“ in Warnemünde und wirbt für „Seegras-Wiederansiedlungen in der Ostsee“, die „ein neues und aktives Instrument des Unterwassernaturschutzes“ sind. Dazu pflanzt sie jedoch nicht selbst Seegräser, sondern will uns bloß „bei einer fundierten Berichterstattung darüber helfen“.

In einer Seegraswiese leben nicht nur Seehasen und Meereskaninchen, sondern auch jede Menge andere Tiere. Es ist ein Biotop oder besser noch: ein Soziotop. Dies legen jedenfalls zwei Forschungen nahe, die erste kommt aus der Pflanzenforschung, die zweite aus der Soziologie.

1. In ihrem Buch „Die Lichtwandler (2024), in dem es um neuere botanische Forschungsansätze geht, zitiert die Wissenschaftsjournalistin Zoe Schlanger den spanischen Botaniker Rubén Torices: „‚Das Leben der Pflanzen innerhalb ihrer näheren Umgebung ist eine soziale Frage‘, sagt er. ‚Und deshalb sollten wir sie auch aus einer sozialwissenschaftlichen Perspektive betrachten‘.“

2. In der „Zeitschrift für Theoretische Soziologie“ hat die Ausgabe 2/2020 den Schwerpunkt „Symbiose. Theorie für die biosoziale Gegenwart“. In der Biologie hat seit einiger Zeit nicht nur die Erforschung des sozialen Verhaltens in der Tier- und Pflanzenwelt Konjunktur, sondern auch (wieder) der Begriff „Symbiose“. Ende des 19. Jahrhunderts hatten russische Forscher mit dem Begriff verschiedene enge Kooperationen benannt, dann änderte sich der Forscherblick und man entdeckte – mit Darwin – überall den „Kampf ums Dasein“ und ein „Survival of the Fittest“, bis mit einigen amerikanischen Feministinnen, allen voran die Mikrobiologin Lynn Margulis, die Symbiose erneut ins Blickfeld geriet und nun ständig neue Formen des Zusammenlebens entdeckt werden.

Indem die Soziologen diesen Begriff aufgreifen, versuchen sie, ähnlich wie Rubén Torices, eine Brücke zwischen Natur- und Sozialwissenschaft zu schlagen – nur von der anderen Seite her. Dies geschieht natürlich vor dem Hintergrund von Klimaerwärmung, Pandemien und weltweitem Artensterben, das alle Lebewesen betrifft und die menschliche Gesellschaft für den Gegensatz von Ökologie und Ökonomie sensibilisiert hat. Wobei man sich derzeit allerdings meist wieder für letztere und gegen erstere entscheidet.

Die Meereskaninchen nehmen als Pflanzenfresser ihre Nahrung laut Wikipedia „mit mümmelnden Bewegungen der Oberlippe [auf], daher ihr Name“. Sie haben kleine Münder mit winzigen Zähnen und als einzige unter allen Knochenfischfamilien Bauchflossen oben und unten, die von „je einem Hartstrahl gestützt werden“, wobei der von Rücken- und Afterflosse eine Giftdrüse hat. Da die Meereskaninchen in den tropischen Küstenländern ein Speisefisch sind, ist ihr Verzehr nicht ungefährlich: ihr Gift bewirkt eine Fischvergiftung namens Ciguatera.

Bei den Seehasen ist bloß das Fleisch des Männchens „wohlschmeckend“. In Island gilt es getrocknet sogar als Delikatesse. Während die Weibchen nur in Hinsicht auf ihre Eier eine Ökosystemdienstleistung für uns erbringen: Diese Eier, Rogen genannt, von denen ein Weibchen bis zu 700 Gramm in der Laichzeit absetzt, werden schwarzgefärbt und in Salzlake eingelegt als „Deutscher Kaviar“ vermarktet.

Indirekt sind daneben beide Geschlechter menschennützlich, indem sie, in Norwegen z.B., gezüchtet und dann als „Putzerfische“ (siehe taz v. 16.5.2022) auf Lachsfarmen eingesetzt werden. Sie sollen die Lachslaus, einen kleinen Ruderfußkrebs, von den Lachsen abfressen, der sich in Zuchtbecken explosionsartig vermehrt. Die Reduzierung der Lachsläuse soll wiederum den Einsatz von Antibiotika reduzieren, heißt es auf Wikipedia. Und der Seehase reduziert auch die Lachsläuse, denn neben Weichtieren frißt er auch gerne harte Krustentiere.

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Das letzte deutsche Grubenpferd. Es durfte 1972 wieder ans Tageslicht – mit Pressebegleitung. Auch die Arbeiter im Uranbergwerk Wismut posierten für die Presse Untertage:

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Die Arbeit der französischen Messerschleifer war 1902 mindestens ebenso anstrengend wie die Untertage. Sie sollten möglichst ihre Katzen und Hunde mitbringen, damit sie ihnen wenigstens die Beine wärmten:

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Arbeitstiere (ein lichtbildgestützter Vortrag)

1.Video: Meerschweinchen

1890 gelang es, durch gezielte Infektion von Meerschweinchen ein Serum gegen Diphterie herzustellen, an der damals alljährlich tausende von Kinder starben. In der Folgezeit wurden immer mehr Meerschweinchen angeschafft, um das neue Medikament zu testen, bis es die Firma Höchst auf den Markt brachte. Die Meerschweinchen waren dabei vom Versuchstier zu einem lebenden Laborgerät geworden, das Serum herstellte. Sie waren Arbeitstiere geworden. Zur Serumherstellung wurden dann auch Kaninchen, Ratten und Ziegen genommen sowie Pferde, woran eine Tierschutzorganisation kürzlich erinnerte: „Jedes Jahr werden zahlreiche Pferde als Lebendspender von Gegengiften, sogenannten Antitoxinen, missbraucht. Hierzu wird den Pferden zunächst mehrfach das entsprechende Gift injiziert; anschließend werden die Antitoxine aus ihrem Blut isoliert.“ In der DDR waren z.B. die Pferde des Staatsgestüts Liebenberg bei Oranienburg ebenfalls Serumlieferanten, sie lebten nicht lange.

2.Bild: Schimpansen in Labor/Gut Aiderbichl

2012 erteilte das Europäische Patentamt (EPA) der US Firma Altor ein Patent auf einen genveränderten Schimpansen – für Medikamenten-Tests. Nach Ansicht der Tierschützer verstößt die Patentierung eines dem Menschen technisch angeähnelten Affen gegen die ethischen Grenzen des Europäischen Patentrechts. „Es ist für mich eine schockierende Vorstellung, dass eine Firma in einem Menschenaffen nur noch ein technisches Instrument sieht,“ sagte die Schimpansenforscherin Jane Goodall, die Einspruch gegen die Patenterteilung erhob.

„Für Tierversuche kann man keine Sympathie erwarten. Sie finden in einer Parallelsphäre von Labors und Instituten statt, mit der kaum ein Laie je in Berührung kommt. Auch wer sie im Prinzip für nötig hält und darauf vertraut, dass der Gesetzgeber diese unsichtbare Sphäre strengen Regeln unterworfen hat, will es wahrscheinlich selbst gar nicht so genau wissen: wovor das Tierschutzgesetz die Labortiere da schützt. Von den millionenfachen Experimenten profitieren wir lieber stillschweigend, als uns mit einem ethischen Dilemma zu belasten,“ schreibt „Die Zeit“.

3.Foto: Zebrafisch-RoboterBei den meisten Labortieren besteht ihre Arbeitsleistung darin, dass sie innerlich und äußerlich eingeführte künstliche Substanzen (meistens Chemikalien) aushalten müssen. Die kaum 6 Zentimeter groß werdenden Zebrafische aus dem Ganges gelten dabei als die „Laborratten“ unter den Fischen. Es wurden bereits 25.000 wissenschaftliche Studien über sie veröffentlicht, „darunter über 2000 allein im Jahr 2015,“ berichtet der Verhaltensbiologe Jonathan Balcombe in „Was Fische wissen“ (2018). Sein Plädoyer für mehr Empathie mit Fischen müßte jedoch heißen: „Was wir über die Fische wissen wollen“.

Die Aquarianerzeitschrift „Koralle“ schreibt in ihrer April-Ausgabe über die Zebrafischforschung: „Seit es Anfang der 80er-Jahre gelang, einen Zebrafisch zu klonen, wurden verschiedene genetische Stämme rein gezüchtet.“ Und damit kennt nun die Forschung an diesem anspruchslosen und sich schnell vermehrenden kleinen Bärblingen kein Halten mehr. So pflanzten z.B. einige Genetiker in Singapur ihren Zebrafischchen Gene einer Leuchtqualle ein, so dass sie nun ebenfalls im Dunkeln leuchten. Vor allem wurde der Zebrafisch ein „Kleintier-Krankheitsmodell“ – für Störungen des Blutkreislaufs, Leberleiden, Nervendegeneration und Krebs. Der „Koralle“-Autor erwähnt ferner, „dass Stämme mit fehlender Pigmentierung Einblicke in das Innenleben eines Zebrafisches gestatten. Spezielle Computersysteme, ausgerüstet mit Videokameras zeichnen ihre Verhaltensänderungen bei epileptischen Anfällen auf und helfen, diese auszuwerten. Neue Arzneimittel können so geprüft werden, indem man testet, ob sie eine Linderung der Symptome erreichen. Aber auch die negativen, toxischen Auwirkungen dieser Substanzen werden mithilfe der Zebrafische erforscht.“ Es sind Millionen jährlich, die dabei draufgehen. Im Dienste unserer Gesundheit. Es gibt aber auch eine im Dienste ihrer Gesundheit, insofern man vor allem ihr Empfindungsvermögen experimentell erforscht. Auch dabei geht es jedoch meist nur um ihre Leidensfähigkeit. In einer der Studien, die Balcombe erwähnt, wurden dazu z.B. 132 Zebrafischen Essigsäure in den Schwanz gespritzt. „Sie schlugen daraufhin auf eine eigenartige Weise mit dem Schwanz.“ Setzte man sie dagegen dem Alarm-Pheromon eines anderen Zebrafisches aus, reagierten sie „normal und schwammen zum Grund“. Die Forscher schlossen daraus: Die Angst der Fische hat Vorrang vor ihrem Schmerz.

Bei einem anderen Experiment wurde einigen Zebrafischen Essigsäure injiziert, anderen ein etwas harmloseres Salzwasser. Beide Gruppen änderten ihr Verhalten nicht und zogen den Teil des Aquariums vor, wo im Gegensatz zu einem anderen Pflanzen wuchsen. Als man jedoch in den gemiedenen Teil ein Schmerzmittel gab, schwammen die Zebrafische, denen man Säure injiziert hatte, sofort dorthin.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie untersuchten genetisch veränderte Zebrafische mit einem Cortisolmangel, dabei diagnostizierten sie Anzeichen einer Depression. Als sie jedoch Medikamente gegen Angstzustände, Valium und Prozac, ins Wasser gaben „normalisierte sich ihr Verhalten“. Schon ein Sichtkontakt mit anderen Zebrafischen, die durch eine Scheibe von ihnen getrennt waren, besserte ihre Stimmung.

Diese und ähnlich ärmliche Experimente haben mit dazu beigetragen, immerhin, dass die Leidensfähigkeit von Fischen in der von Hobbyanglern wimmelnden USA nun quasi amtlich anerkannt ist. Damit sind sie dem Subjektstatus ein Stückchen näher gekommen. Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour ist optimistisch: „Irgendwann wird man es genauso seltsam finden, dass die Tiere und Pflanzen kein Stimmrecht haben – wie nach der Französischen Revolution, dass bis dahin die Menschenrechte nicht auch für Frauen und Schwarze galten“.

4. Fehlt

5.Foto: Bundeswehrsoldatin richtet Hunde ab

Bei einigen Tieren ist der Übergang von Haus- zu Nutztieren fließend. Bei den Gebrauchshunden z.B.: Sie sind heute laut der Biologin Donna Haraway vor allem als Zuchttiere und Labortiere sowie als Arbeitshelfer (d.h. als Produktionswerkzeuge) “tätig”. Hunde, die z.B. als Hütehunde ausgewählt und “weiterentwickelt” werden, könnte man deswegen auch bereits als “Biotechnologien in einem System marktförmiger Landwirtschaft” begreifen, schreibt sie. Im US-Fernsehkanal “Animal Planet” werden in der Serie “Dogs with Jobs” regelmäßig weitere Arbeitseinsatzmöglichkeiten für Hunde vorgestellt. Haraway erwähnt u.a. die “Cell Dogs”, die in einem kalifornischen Gefängnis von den Insassen zu Wachhunden ausgebildet werden. Sie leben mit den Inhaftierten für die Dauer dieser “subjekttransformierenden Beziehung” in einer Zelle. Für die einen wie für die anderen gilt: “der Weg zu Freiheit und Arbeit außerhalb der Gefängnismauern” besteht aus dem Lernen von “Disziplin und Gehorsam”. „Einen Hund, der die abschließende Prüfung nicht besteht, erwartet der Tod.”

Anders die Suchhunde, die in Freiheit trainiert werden, so dass sie sich im Einsatzgebiet ihre Fährten selbständig ausarbeiten,“ wie die amerikanische Leichensuchhundebesitzerin Cat Warren in ihrem Buch „Der Geruch des Todes“ schreibt. Ihr Schäferhund Solo soll im Einsatz einen „intelligenten Ungehorsam“ zeigen und das „Suchgebiet wie ein „Vermessungstechniker auf Meth-amphetamin ablaufen“. Die Autorin riecht im Wald bloß die Erde, „Solo riecht die Verstorbenen“. Dann „glitzern seine braunen Augen glücklich und ungeduldig.“

In Mitteleuropa arbeiteten sich einst die Hunde von Aas- und Abfallfressern zu Hüte-, Wach- und Kriegshunden und schließlich zu Jagdhunden hoch, sie wurden quasi adlig, wobei sie sich spezialisierten: in Stöber-, Hühner-, Hetz- und Apportierhunde usw..

6.Foto: Schifftransport mit Rindern

Über die pflanzenfressenden Haustiere schreibt der Kurator der Ausstellung „Arme Schweine“, Thomas Macho, Kulturwissenschaftler in Wien: „Jene Tiere, die seit Jahrtausenden mit den Menschen lebten und arbeiteten – nämlich die Haustiere – wurden aus allen konkreten Lebens- und Arbeitskontexten der Moderne verdrängt. Die Rinder wurden durch Traktoren ersetzt, durch Mähdrescher und andere landwirtschaftliche Maschinen, die Ziegen und Schafe durch die Produktion synthetischer Bekleidung. Die Kavallerie wurde gegen Panzerdivisionen ausgetauscht; und zunehmend wurden die ehemals militärisch idealisierten Pferde zu Zugtieren degradiert, die allenfalls jene Gulaschkanonen schleppen durften, in denen sie bei Bedarf gekocht und an die Soldaten verfüttert werden konnten. Die Kutschen wichen den Eisenbahnen und Automobilen, die Lasttiere den Kränen und Baggern, die Brieftauben den Computern und Telefonen. Wollten wir die Grundtendenz des Modernisierungsprozesses in gebotener Knappheit erfassen, so müßten wir sie als progressive Eliminierung der Haustiere durch Maschinen beschreiben. Diese gesellschaftliche Verdrängung der Haustiere reduzierte die Tiere schlagartig auf eine einzige Funktion, die noch kein Wild- oder Haustier jemals zuvor in vergleichbarer Größenordnung erfüllen mußte: auf die Funktion des Massenschlachtviehs.“

Zu den Pferden sei noch hinzugefügt, dass James Watt, der Entwickler von Dampfmaschinen, die die Pferdekraft ersetzten, zunächst große Schwierigkeiten hatte, den Wirkungsgrad seiner Technik in „Pferdestärken“ (PS) angeben zu können. Inzwischen hat die Maßeinheit „PS“ vergessen lassen, dass sie auf die Zugkraft von Pferden zurückgeht, zumal man seitdem die starken Zugpferd-Rassen, die sog. Kaltblüter, zu nervösen Hobbyreitpferden umgezüchtet hat.

Bei der industriellen Massentierhaltung geht es fast immer um kostengünstiges Aufwachsen lassen – was an sich keine Arbeit ist. Jedenfalls nicht so, wie wir sie meist verstehen: als Ausbeutung, wie das z.B. in extremer Form bei den Milchkühen der Fall ist. Die Schlachtviehhaltung ist dagegen eher eine gewaltsame Reduktion – insofern die Tiere in der industriellen Landwirtschaft auf Fressen, Wachsen und Vermehren reduziert werden. Das gilt auch für die Tiere im Zoo, die die Pfleger gerne beschäftigen würden, aber aus Versicherungs-Gründen meist nicht dürfen.

Auch die Katze erfuhr eine Reduktion – als man sie vom agrarischen Nutztier – als Mäusefänger – zu einer urbanen Haus- und Wohnungskatze machte, die dabei extrem unterfordert wird. Ich habe zusammen mit einer Freundin auch eine Wohnungskatze, Luzie. Das, was wir mit ihr machen ist genaugenommen Tierquälerei, insofern wir sie permanent einer Reizarmut aussetzen.

7.Foto: Katze vor Mauseloch

Eine andere Form von Tierquälerei sind die Millionen Kleintiere in Kinderzimmern, die durchweg ein schreckliches Schicksal haben, das am Ende absurderweise meist in einer aufwändigen Beerdigungszeremonie für das trauernde Kind endet.

Bei den Wildtieren im Zirkus kann man noch am ehesten von Arbeitstieren sprechen.Man sagte lange, dass die im Zirkus auftretenden Tiere, wie Großkatzen, Bären, Seelöwen und Elefanten, es besser als ihre Artgenossen in den Zoos haben, weil sie nicht wie diese hinter Gittern einfach stillgestellt sind, sondern was tun müssen – arbeiten. In den sozialistischen Ländern wurde die Dressur im Sozialismus „wissenschaftlich“ organisiert und die Zirkusse stationär gebaut, bis dahin, dass „Zirkusarchitekten“ einen „kybernetischen Zirkus“ auf den Moskauer Leninbergen planten. Während man im Westen heute die Wildtierdressur verbietet und die Zirkusse überhaupt sich hier quasi überlebt haben, werden in Russland und China weitere gegründet. Artisten und Dompteure sind dort Staatsangestellte.

8.Foto: Zirkusnummer mit Ursula Böttcher

Carl Hagenbeck hatte 1867 in seinem Zirkus die wilde Dressur – „die gewohnheitsmäßige Brand- und Stockdressur“ – durch eine „zahme Dressur“ – eine Mischung aus Schlägen bzw. Peitschenhieben und Belohnungshappen – ersetzt. Es waren die fruchtbarsten Jahre der Naturforschung und des Experiments – wie es im Vorwort der Autobiographie von Carl Hagenbeck: „Von Tieren und Menschen“ heißt. Der Hamburger Tierhändler und Zoodirektor wollte mit der zahmen Dressur „einen Weg zur Psyche des Tieres“ finden, wie er 1928 schrieb: „Je geduldiger und gütiger der Dompteur ist, desto mehr Vertrauen werden die Tiere zu ihm fassen; ist seine Güte aber nicht mit Strenge gepaart, die sich Gehorsam zu erzwingen weiß, dann wird der Vorführung die Sicherheit mangeln.“ Der sowjetische Zirkushistoriker Jewgeni Kusnezow spricht in seinem Buch „Der Zirkus der Welt“ (1970) von einer „humanen Dressur“, aus der Carl Hagenbeck eine ganze „Dressurschule“ entwickelte, sowie auch das Konzept eines „Zoologischen Zirkus“ (ohne Artistik). „Gegen Ende der Neunzigerjahre hatte sich die humane Dressur überall durchgesetzt, ihre Erfolge waren zu offensichtlich,“ schreibt Kusnezow. Dabei wandelten sich jedoch die Begriffe: „Zahm war jetzt eine ruhige, seriöse Nummer“ und „wild“ eine gefährlich wirkende, „bei der man die Tiere reizte“. Kusnezow zufolge begann „mit der Verbreitung der humanen Dressur die große Zeit der Frauen im Raubtierkäfig,“ und sie dressierten meist nicht mit männiglicher Respekterheischung, sondern eher mit jungfräulicher Anmut. Die Dressurnummern mit Raubtieren im Zirkus und im Zoo, wurden immer beliebter.Der Tierpsychologe Otto Koehler äußerte 1942 in Berlin während einer S-Bahnfahrt gegenüber dem späteren Zoodirektor Bernhard Grzimek: „So weit, dass wir mit Elefanten und Tigern Versuchsreihen anstellen, sind wir noch lange nicht. Wir müßten erst mal wenigstens mit ihnen richtig Fühlung haben und das nicht nur den Zoowärtern und Dompteuren überlassen.“ Bernhard Grzimek, der bereits bei sich zu Hause einen Wolf gezähmt hatte, bat daraufhin die Zirkusdirektorin Trude Sarrasani um Erlaubnis, bei ihr als „Tigerdompteur“ aufzutreten. Der Raubtierdompteur Hermann Haupt, der einst bei der berühmten Leipziger Löwenbändigerin Claire Heliot assistiert und später ihre Löwen übernommen hatte, leitete ihn an – indem er Grzimek im Manegenkäfig z.B. zurückzog mit der Bemerkung: „So nahe dürfen Sie an Daisy niemals ran, die packt sie von hinten an.“ Als eine andere Tigerin einen zweiten Sprung verweigerte, übernahm Haupt die weitere Übung und erklärte: „Wenn man so etwas durchgehen läßt, wird sie zeitlebens nur noch einmal springen.“ Vor der „großen Tigerin Gitta“ warnte er ihn: Sie ist „bösartig“ – sie war dann auch die einzige, bei der Grzimek „etwas unbehaglich zumute“ war. Im übrigen empfand er die Raubtiere als „grässliche Pedanten“: Wenn nur eine Kleinigkeit im Ablauf der Nummer anders war (Grzimek schwang z.B. die Peitsche von unten gegen die Beine, während Haupt sie über ihre Köpfe hielt), klappte die Vorführung nicht. Besonders schlimm wäre es gewesen, wenn z.B. „einer der Tiger mit seinem Podest hinfiele, es würde Krach, Aufregung und womöglich einen Aufstand geben.“

Manche ruhmversessenen Dompteure inszenieren so etwas. Der „Tierlehrer“ Otto Sailer-Jackson, der die Laute der Raubkatzen nachahmte, wenn er sie ansprach, mußte einmal im Zirkus Sarrasani für den Dompteur Hermann Haupt einspringen, den seine Löwen schwer verletzt hatten, aber sie waren immer noch zu „aufsässig“, so dass er mit ihnen keine Vorstellung geben konnte. In seinem Buch „Löwen meine besten Freunde“ (1978) beschreibt er, wie seine „handzahm gemachten“ Löwen als „wahre Schauspieler“ einen Aufstand spielten: „In jeder Vorstellung ging Pascha mit furchtbarem Gebrüll gegen mich zum Scheinangriff vor. Die anderen folgten ihm und gaben mit ihrem Brüllen ein schreckenerregendes Konzert, das bange Herzen erzittern ließ. Im Augenblick höchster Erregung des Publikums warf ich meine Peitsche weg und stand mit verschränkten Armen den brüllenden Löwen gegenüber. Als Pascha ganz nahe heran war, sprang ich ihm plötzlich entgegen, umarmte ihn unter dem Gebrüll der anderen und gab ihm einen Kuß. Pascha drehte sich daraufhin um und ging auf seinen Platz zurück. Die anderen folgten ihm. Tosender Beifall.“

Der indische Dompteur Damoo Dhotre trat mit verschiedenen Raubkatzengruppen in amerikanischen, sowjetischen und französischen Zirkussen auf. In Indien veröffentlichte er 1961 eine Autobiographie „Wild Animal Man“. Seine schwierigste Dressur war die eines schwarzen Jaguars, „Negus“, der einen „eigenartigen Humor“ bei seinen Widerstandsaktionen entwickelte. Seinen „Ruhm“, vor allem in Amerika, verdankte Dhotre jedoch der Leopardin „Sonia“, die nur mit einem Lasso dirigiert werden konnte (in Amerika dressierte man mit Schlinge und Stuhl). Sie galt als „bösartig“, weil sie „andere Tiere angriff und den Dompteur behandelte, als wäre er Luft für sie“. Dhotre gegenüber verhielt sich die wild geborene Leopardin jedoch wider Erwarten ganz freundlich: „Sie hätte eine Hauskatze oder ein Schoßhund sein können, nach ihrem Verhalten zu urteilen.“ Für ihn wurde sie eine „Königin, und sie war so lange glücklich, wie man sie als solche behandelte.“ Als sie sich einmal im Freien von der Leine losriß und er „Sonia komm her!“ rief, kam sie sofort zu ihm zurück. „Sie hatte gelernt, alle die manchmal für ein Tier sicher unverständlichen Dinge zu akzeptieren, die ihr von mir beigebracht wurden.“ Für eine Vorstellung im New Yorker Square Garden wollte er zum Abschluß mit ihr zur Musik von „An der schönen blauen Donau“ im Zentralkäfig tanzen: Als alle anderen Tiere draußen waren, breitete er die Arme aus und warf Stock und Peitsche weg, Sonia kam langsam auf ihn zu, erhob sich auf die Hinterbeine und umarmte ihn. So tanzten sie „durch den ganzen Käfig. Dies war die Nacht, von der ich mein Leben lang geträumt hatte.“ Es hätte auch ein „Tanz des Todes“ werden können, fügte er hinzu, dann wäre „das der krönende Höhepunkt einer aufregenden Dompteurlaufbahn gewesen“.

Grzimek erinnerte in seinem Buch „Unsere Brüder mit den Krallen“ (1961) daran, dass in der „Tierseelenforschung“ versucht wurde und werde, den Menschen aus der Versuchsanordnung rauszuhalten, um auch unbewußte Beeinflussungen auszuschalten, wohingegen bei der „Zirkusdressur gerade diese enge Beziehung von Mensch und Tier psychologisch interessant“ sei. Zwei der Tiger des Dompteurs Haupt wurden von einer Hündin aufgezogen: „Für sie bedeutet es gar nichts, dass ein Mensch an sie herantritt und sie streichelt,“ schreibt Grzimek. Mit den anderen, den ängstlichen, die vor ihm zurückweichen, würde er jedoch auf Dauer lieber arbeiten: denn „Ceylon und Daisy sind zwar zahm, sie haben aber auch keinen Respekt mehr.“ Im Gegensatz dazu meinte der Dompteur des Circus Siemoneit-Barum, Gerd Siemoneit, zu dem Zirkusbuch-Autor Werner Philipp (in: „Die dressierte Gesellschaft“ 1982), dass er „Tiger, die im Circus geboren sind, am Liebsten hat: ‚Die latschen mit acht Monaten mit den anderen mit‘.“ Auf der anderen Seite seien es oft die „Peiniger“ unter den Dompteuren, „die ihren Tieren zum Opfer fielen“. Er gestand, „sich manchmal schon ganz schofelig vorzukommen, so schöne Kreaturen hinter Gittern zu halten – aber wer von uns ist schon frei?“ Manche Raubtierdompteure arbeiten mit Drogen, Tierärzte sprechen von „Valium-Tigern“.

Einige Dompteuse gehen mit ihren Arbeitstieren mütterlich um: Als die später mit einer Eisbärengruppe berühmt gewordene DDR-Dompteuse Ursula Böttcher 1955 das erste Mal vor einer Löwengruppe stand und die brav alles taten, was sie sollten, dachte sie: „Hui, die haben ja Respekt vor mir.“ Aber einmal, als sie dem Löwen „Royal“ ein Stück Fleisch zur Belohnung gab, was dieser gewohnheitsmäßig mit einem Prankenhieb quittierte, dem Ursula Böttcher nicht schnell genug auswich, zerriß es ihr die Pulsader. Ihr holländischer „Tierlehrer“ Gaston Bosman sagte, nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, er würde es ihr nicht übel nehmen, wenn sie nun aufgebe. Aber warum denn, antwortete sie, „Royal hat es doch bestimmt nicht mit Absicht getan. Ich glaube sogar, der ist noch mehr erschrocken als ich.“ Die berühmte Leipziger Dompteuse Claire Heliot äußerte sich ähnlich, nachdem ihr Löwe „Pascha“ sie in den Arm gebissen hatte: „Ganz beschämt wäre er davongeschlurft, in einer Ecke habe er schließlich gelegen, die mächtigen Tatzen vor dem Gesicht.“

9. Foto: Löwendompteurin

Die Behandlung der Zirkustiere wird vom Publikum mitbestimmt. Die amerikanische Tigerdompteuse Mable Stark, deren Lieblingstiger mit ihr im Wohnwagen lebte, wollte irgendwann mit ihren geliebten Großkatzen keine albernen Kunststücke mehr einüben (sie auf einer Kugel balancieren oder durch einen brennenden Reifen springen lassen), stattdessen wollte sie deren Schönheit präsentieren: Die Tiger liefen herum, sprangen von Postament zu Postament – und taten alles wie im Fluß. Sie erwartete großen Applaus, er war aber nur verhalten „respektvoll“. Ganz anders die darauffolgende Löwennummer eines Dompteurs: „Die Tiere fletschten die Zähne, schlugen mit den Tatzen durch die Luft, der Dompteur mußte mehrmals seine Schreckschußpistole einsetzen. Als sie von ihren Postamenten runtersprangen und auf ihn losgingen „konnte er sich nur mit einem Hechtsprung durch die auffliegende Käfigtür retten.“ Das Publikum johlte und klatschte stehend.

Die Löwendompteuse beim Zirkus Busch, Tilly Bébé, über die Paula Busch einen Roman veröffentlichte, schrieb über ihre abendlichen Auftritte: „Diese unverkennbare Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod ist im Grunde die Stelle, die das Publikum interessiert.“

10.Foto: Hitchcocks „Vögel“

Wo jemand zur Arbeit gezwungen wird, gibt es auch Widerstand. Der Harvard-Neurologe Marc Hauser ist sich jedoch sicher, Tiere sind generell nicht in der Lage, sich zu einem Aufstand gegen die Menschen zusammenzurotten. Eine Revolution ist mit Tieren nicht zu machen, schreibt er in seinem Buch „Wild Minds“.

Schon die Ornithologin in dem Hitchcock-Film „Die Vögel“ war davon überzeugt, dass den Vögeln das geistige Potential fehlt, Angriffe mit destruktiven Beweggründen zu führen, wie sie sich ausdrückte.

Hitchcocks Film handelte genau davon. Ein englischer Landarbeiter sieht, dass sich die See- und Landvögel immer aggressiver verhalten. Er vermutet bald, dass hinter ihrer scheinbar zufälligen Schwarmbildung eine Art kollektive Intelligenz steckt – und sieht darin eine zunehmende Gefahr. Er fängt an, seine Hütte zu befestigen. Aus dem Radio erfährt er von ähnlichen Vorgängen im ganzen Land. Nachdem alle Verbindungen zur Außenwelt unterbrochen und die benachbarten Bauern durch Attacken der Vögel umgekommen sind, entwirft der Landarbeiter für sich und seine Familie einen Überlebensplan.

11.Foto: Arbeitselefanten

Ein kleiner Aufstand gelang vor einigen Jahren einer Brigade von Arbeitselefanten in einem indischen Forstbetrieb: Wenn sie nach Feierabend in den nahen Wald entlassen wurden, fielen sie immer wieder in Plantagen ein. Ihre Mahuts banden ihnen schließlich Kuhglocken um, damit die Bauern rechtzeitig gewarnt wurden und die Elefanten vertreiben konnten. Das funktionierte auch – bis zu jenem Tag, als die Elefanten das akustische Warnsignal ausschalteten und ungestört eine Bananenplantage abernteten. Sie hatten alle ihre Glocken mit Schlamm verstopft. Der Philosoph Nietzsche bemerkte, dass „auch im Gehorchen ein Widerstreben liegt; es ist die Eigenmacht durchaus nicht aufgegeben“. In den Human-Animal-Studies spricht man heute von der „Agency“ der Tiere, sie wird von der Biologin Donna Haraway sogar für Labortiere geltend gemacht. Agency ist die Möglichkeit von Individuen, freie Entscheidungen zu treffen. Agency beinhaltet also auch und vor allem Widerstand.

Es gibt Versuchstiere, denen man das im Labor sogar beibringt: Im Jahr 2007 starb Alex, die Intelligenzbestie unter den Papageien. Er hatte in seinen 31 Jahren bei seiner Besitzerin, der Psychologiedozentin Irene Pepperberg, die ihm unentwegt Worte und Zahlen beibrachte, gelernt, auf verschiedene Weise „Nein!“ zu sagen. In Pepperbergs Buch „Alex und ich“, das sie ein Jahr nach seinem Tod veröffentlichte, heißt es: „Während unserer Arbeit lernte Alex, Nein zu sagen. Und Nein hieß dann auch Nein.“ Alex war ein Graupapagei, der für seine Arbeit – Menschensprache lernen – von der Universität bezahlt wurde.

Bis es so weit war, hatte er es erst einmal auf die unter afrikanischen Papageien übliche Weise zu „sagen“ versucht: laut kreischen, beißen oder, „wenn er keine Lust mehr hatte, auf die Fragen eines Trainers zu antworten, die betreffende Person ignorieren“, ihr den Rücken zukehren, sich ausgiebig putzen …

Meist kam er damit durch, seine „Trainer“ verstanden ihn: „Subtil war unser Alex nicht gerade“, meint Irene Pepperberg. Aber dann reichte ihm diese „Sprache“ nicht mehr im Umgang mit seinen Betreuern. Diese sagten häufig „Nein [bzw. No], wenn er etwas falsch identifizierte oder etwas anstellte.“ Irgendwann bemerkten sie, „dass Alex in Situationen, in denen ein ,No‘ angemessen gewesen wäre, ein Laut wie ,Nuu‘ hervorbrachte“. Irene Pepperberg, sagte daraufhin zu ihm: „Gut, dann können wir dir auch gleich beibringen, das richtig schön zu sagen.“ Schon bald verwendete Alex „diese Bezeichnung, um uns zu signalisieren: ,Nein, das mag ich nicht!‘“

12.Foto: Graupapagei Alex und Dr. Irene Pepperberg

In einem Dialog mit seiner Sprachtrainerin Kandia Morton hörte sich das folgendermaßen an: „K: Alex, was ist das? [ein quadratisches Holzstück hochhaltend] – A: Nein! – K: Ja. Was ist das? – A: Vier Ecken Holz [undeutlich, aber richtig] – K: Vier. Sag es schöner! – A: Nein! – K: Ja! – A: Drei … Papier [völlig falsch] – K: Alex. Vier, sag vier. – A: Nein. – K: Komm schon. – A: Nein.“

Laut Irene Pepperberg genoss Alex seine wachsende Publicity immer mehr: Kameras, Mikrofone, staunendes Personal, freudige Trainer und Fans: „Er stand nun mal gerne im Mittelpunkt. Dann trat ein gewisses Glitzern in seine Augen, er plusterte sich auf – im übertragenen Sinne – und nahm die Pose des Stars an.“ Irgendwann war er jedoch das ewige Sprachtraining und auch die wachsende Aufmerksamkeit leid: „In puncto Verweigerung wurde er umso kreativer, je älter er wurde“, schreibt die Autorin, dann freute sie sich aber doch: „Alex versteht die Bedeutung des Begriffs ,Nein‘.“ Sie folgerte daraus sofort positiv – ganz im Sinne ihrer Projektbeschreibung: „Sein Ausdruck eines negativen Konzepts war durchaus schon als fortgeschrittenes Stadium sprachlicher Entwicklung zu betrachten.“

„Wege zum Nein“ – so heißt eine feministische Aufsatzsammlung, herausgegeben von Sina Holst und Johanna Montanari.

13. Foto: Weiße und Schwarze Schwäne auf der Bühne

Im Zirkus sollen die Arbeitstiere zwar verboten werden, aber im Theater und beim Film werden es immer mehr: Auf der Internationalen Tanzmesse in Düsseldorf, dessen innerstädtischer See „Schwanenspiegel“ heißt, gab es 2012 mehrere Versionen vom Schwanensee-Ballett zu sehen. Die „Schwanensee“-Version von Luc Petton hieß kurz und bündig: „Swan“. Und es spielten dabei acht Schwäne mit. Damit es zu den lasziven Berührungen mit den Schwänen kam, arbeiteten die Tänzerinnen mit Futter in ihren Händen, wobei die fünf weißen Schwäne auf der Trockenbühne agierten, was aufgrund ihres watschelnden Gangs nur mäßig elegant wirkte, während die drei schwarzen Schwäne in einem gläsernen Wasserbecken graziös um die Tänzerinnen herumschwammen.

Die Schwäne wurden für ihren „Tanz“ nicht gedrillt. Man ließ sie nach dem Schlüpfen auf Menschen prägen und machte sie schon als Jungschwäne, noch während sie ihr graues „Dunenkleid“ trugen, mit der Bühne vertraut.

Ihrem Auftritt in Düsseldorf war eine öffentlicher Streit zwischen Tierschützern, Theatermanagern und dem Ordnungsamt vorausgegangen. Letztere argumentierten zunächst: „Der Showeinsatz von Schwänen ist im deutschen Recht nicht geregelt“. Erstere konnten dabei auf ein Vorkommnis im Freiburger Theater verweisen: Dort war ein in der Wagner-Oper „Lohengrin“ vom Regisseur Frank Hilbrich eingesetzter Schwan namens Scapetti trotz Dauerpräsenz seiner Tiertrainerin Tatjana Zimek während der Vorstellung von der Bühne geflogen und im Orchestergraben gelandet.

Mit Tieren arbeitet Frank Hilbrich normalerweise nicht, „das ist eine absolute Ausnahme“, der anmutige Schwan sei ein Symbol der Hoffnung, eine märchenhafte Erscheinung; mit einem Stofftier sei diese Wirkung nicht zu erzielen und der lebende Schwan deshalb nicht zu ersetzen.

Die Tiertrainerin Zimek kündigte an, Scapetti – der ein „sehr verschmuster Schwan“ sei – bei der nächsten Vorstellung ein Geschirr anzulegen. „Das ist besser, denn er weiß jetzt, dass er davon fliegen kann.“ Das Geschirr sei aber nicht schlimm für ihn, „sondern wie wenn man einen Hund an die Leine nimmt“. Dennoch entschied die Theaterleitung, ab sofort auf jeden Auftritt von Schwänen auf der Bühne zu verzichten. Nach dem Vorfall mit dem Schwan sei das Risiko zu groß, dass die künstlerische Intention der Szene – die Darstellung von Unkontrollierbarkeit – nicht aufgehe, erklärte die Dramaturgin Jutta Wangemann.

Auch ein Auftritt von 25 lebenden Hühnern, die in einer Szene von Elfriede Jelineks „Winterreise“ auftreten sollten, wurde gestrichen. In Zukunft werde man höchstens noch „dressierte Hunde“ erlauben. Die Freiburger Rathaussprecherin begrüßte den Beschluß: „Der Schwan stand unter Streß.“ Die Tiertrainerin, die mit einer gewerblichen Genehmigung ihre 120 Tiere, die sich auf ihrem Hof in der Nähe von Karlsruhe frei bewegen dürfen, europaweit für Theater- und Filmarbeiten einsetzt, widersprach dem entschieden: „Der Schwan war seelenruhig und hat nicht mal geschnauft“. Nicht Angst habe den Vogel Reißaus nehmen lassen (in der betreffenden Szene geht der Chor singend auf den Schwan zu); schließlich habe sie ihn mehrere Wochen intensiv auf die spezielle Bühnensituation und die Musik vorbereitet. Vielmehr habe das Tier sich bedrängt gefühlt, weil sich ihm der Chor zu schnell genähert habe. Sie bedauerte die Entscheidung der Theaterleitung deswegen. Die Lokalzeitung meldete wenig später noch, dass es sich bei dem Schwan namens Scapetti um eine Gans gehandelt habe, genauer gesagt: um eine argentinische Coscoroba-Gans.

14. Foto: Der Esel Balthazar

In der ersten Ausgabe der Zeitschrift “Tierstudien” machte sich der Dramaturg Maximilian Haas Gedanken darüber, was das Lachen des Publikums über Tiere auf einer Theaterbühne bedeutet. Er hatte 2011 zusammen mit dem belgischen Performancekünstler David Weber-Krebs das Stück “Balthazar” aufgeführt, in dem ein Esel namens Balthazar neben fünf Schauspielern die Hauptrolle spielt. Inspiriert wurde das Projekt von Robert Bressons Film “Au hasard Balthazar” (1966), in dem es um das traurige Leben und den einsamen Tod eines Esels geht. Erst bei der Premiere stellte sich laut Maximilian Haas heraus, dass sie eine Komödie inszeniert hatten – mit dem völlig untheatralischen Esel. In dem Lachen des Publikums über das Tier lag „gleichermaßen eine Quelle der Lust wie ein Gewaltpotential.”

In Düsseldorf fand man dann folgende Lösung: Das zuständige Amt verbot der französischen Choreographin Coraline Lamaison die zwei lebenden Wölfe, mit denen sie auf der Bühne tanzen wollte. Die Tierschutzorganisation Peta hatte zuvor ihrer Behauptung heftig widersprochen, dass die Wölfe auf der Bühne glücklich seien.

Dafür durften aber die acht Schwäne der Compagnie Le Guetteur auftreten – wobei erhebliche Auflagen verfügt wurden: „Die Tiere brauchen für die Dauer ihres Engagements in Düsseldorf einen ausreichenden Auslauf, außerdem müssen sie Nester bauen, gründeln und schwimmen können.“ Die Festivalleitung richtete ihnen daraufhin ein Freigehege mit einer Wiese und einem Teich ein. Luc Petton hat bereits mehrmals Inszenierungen mit lebenden Tieren durchgeführt, u.a. mit Raben und Falken. Mit den Schwänen will er nun eine ‚Tour der Poesie‘ durch Europa unternehmen. „Sicher wird er das Publikum vielerorten in Staunen versetzen mit seiner süßen Utopie vom Frieden zwischen den Geschöpfen. Tierquälerei jedenfalls kann man dieser Inszenierung nicht vorwerfen,“ schrieb die Rheinische Post.

Es gibt immer mehr Agenturen zur Vermittlung von Tiere für Film und Fernsehen. Den Anfang machte die Borsig-Chefsekretärin Rosemarie Fieting 1987 mit einer Künstleragentur für Look-Alikes und Tiere. Im Prinzip kann „die Fieting“ jeden und alles besorgen. Manche Aufträge erfordern Erfindergeist: Einmal wurden zum Beispiel zwei Goldfische verlangt, die miteinander reden sollten. Frau Fieting nahm ihre eigenen und trennte sie mit einer Glasscheibe im Becken. Sofort schwammen sie von beiden Seiten gegen die Scheibe, wobei sie ihre Mäuler auf- und zumachten: „Es sah einer Unterhaltung täuschend ähnlich.“

Bei der steigenden Zahl ihrer Tieraufträge hat Frau Fieting erst einmal mit den „schwierigen“ Besitzern zu tun, die oft besondere Bedingungen stellen. Bei einer Katze, die für 200 Euro im Prenzlauer Berg in einem FU-Lehrfilm mitspielen sollte, waren das zum Beispiel „keine Scheinwerfer, keine Zugluft, keine Straßenszenen“. Alle paar Tage kommt inzwischen jemand mit seinem Tier zu ihr in die Agentur: eine alte Frau mit ihrem Wellensittich, der angeblich „perfekt spricht“, eine Punkerin mit einer weißen Ratte, die „überdurchschnittlich intelligent“ ist oder alleinstehende Männer, deren Hund oder Katze „besonders photogen“ ist bzw. „auch schwierigste Aufgaben meistert“.

15. Foto: Filmtiere

Manche Leute vermarkten ihre „Filmtiere“ selbst. Das in Hoppegarten lebende Ehepaar Ralf und Manuela Grabo z.B.. In ihrer ausgebauten Scheune und mehreren Volieren im Garten halten sie vier Hühner, drei Greifvögel, einen Kolkraben und zwei Pferde. In zwei Terrarien im Haus leben fünf Riesenschlangen und in einem Aquarium etliche Fische. Ralf Grabo war früher Jockey und arbeitete dann im Tierpark (Abt. Raubtierhaus), Manuela Grabo hat, als gelernte Tischlerin, früher nie etwas mit Tieren zu tun gehabt. Sie fand jedoch Schlangen „schon immer schön, mein Liebling aber ist der Uhu“. Dieser sowie die anderen Greifvögel wurden zu DDR-Zeiten aus Nachzuchten erworben, teilweise über befreundete Falkner. Über den Heimtierpark Thale fanden die Grabos 1995 ihren Kolkraben „Kolja“, der schon seinen Namen sowie „Hollo“ sagt, außerdem kann er bellen und gackern. Ihre Nebelkrähe spielte in einem neudeutschen Film, der im Knast Rummelsburg gedreht wurde, mit sowie in einem phantastischen US-Film – auf einem See in der Sächsischen Schweiz, wo sie auf dem Rand eines im Wasser schwimmenden großen Schuhs entlangzugehen hatte: „Die tat das, als hätte sie nie etwas anderes gelernt.“ Auch die Zumutung, mit einem fremden Hund zusammen einen überfahrenen Hasen an der Landstraße zu verspeisen, absolvierte sie mit Bravour: „In die Kamera fliegen mußte sie dann auch noch, und dann hatte die Filmproduktion auch noch nicht mal Geld dafür.“ Die ledige Honorarfrage: „Das sind Aufwandsentschädigungen, die nicht einmal den Unterhalt der Tiere decken.“ Eine der Graboschen Krähen spielte – für ein Trinkgeld – in einem Kinderfilm mit: auf einem schwankenden Oderkahn. „Auch das hat gut geklappt, mit der Zeit werden wir ja sowieso alle, wie soll ich sagen: professioneller.“

16.Foto: Rabenvögel

Mit Greifvögeln darf man laut des nun auch im Osten geltenden Bundestierschutzgesetzes nur beschränkt kommerziell auftreten. Grabos Bussard trat in einem Stück von Johann Kresnik auf: Er saß auf dem ausgestreckten Arm einer schwangeren Schauspielerin. Obwohl der Bussard kaum Probleme mit dieser Rolle hatte, durfte er dann nicht mit auf ein Gastspiel der Volksbühne nach Belgrad: „Die Behörden wollten es nicht genehmigen. Serbien gehöre nicht zur EU und so weiter.“ Wegen solcher oder ähnlicher Restriktionen nehmen die Filmproduktionen meist gleich einen Falkner vor Ort in Anspruch oder hier einen Vogel der Adlerwarte im Teutoburger Wald.

Auch die Schlangen der Grabos kommen nicht aus dem Urwald, sondern aus der DDR. Eine wirkte neulich in einer TV-Dokumentation über verbotenen Tierhandel mit, wo sie auf dem Schwanebecker Zollhof in einer Voliere eine beschlagnahmte Python zu mimen hatte, die sich auf einem Ast zusammenringelt und noch ganz benommen ist von der ganzen. Schmuggeltour: Es klappte auf Anhieb.

17. Foto Python

Eine Schlange besichtigt die Volksbühne/ https://vimeo.com/7655813Die Berliner Volksbühne war bekannt dafür, dass sie in ihren Stücken oft und gerne Tiere einsetzt: Hunde, Pferde und ganze Ziegenherden (in Hauptmanns „Weber“ z.B.). Die meisten Tiere engagierte der Frank Castorf, der Intendant, von Bernd Wilhelm. Der gelernte Tierpfleger arbeitete früher in den Tierversuchslabors der FU. Nach einer Infektion wurde er Frührentner. „Schon immer“ hatte er privat Tiere gehalten – die überdies gerne irgendwelche „Dummheiten“ machten. Mit den Jahren entstand daraus eine ebenso eigenwillige wie freundliche Dressurmethode, die sich heute auszahlt, insofern Herr Wilhelm mit seinen Tieren nicht nur von der Volksbühne, sondern auch von Film- und Fernsehproduktionen „gebucht“ wird: „Die Tiere arbeiten für ihren Lebensunterhalt.“ Daneben tritt er – mit seinen Eseln, Ponys und Ziegen etwa – auch bei Laubenpieperfesten auf und unternimmt Kutscherfahrten mit spastischen Kindern. Außerdem hält er für Problempferde eine „orthopädische Hufbehandlung“ parat. Alles im erlaubten „Rahmen des 400-Euro- Zugewinns“. Die meisten seiner Tiere landeten nach einer „Leidensgeschichte“ bei ihm, und sie müssen nicht auftreten, wenn sie nicht wollen. Die Perserkatze „Missy“ zum Beispiel „wurde schlecht behandelt“: Jetzt liegt sie die meiste Zeit hinterm Ofen in einem Pappkarton. Benno, der kurzbeinige schwarze Hund, gehörte einer Fixerin, die jetzt in einem Haus der Treberhilfe wohnt: „Aus ihm könnte noch mal was werden.“ „Fuchsy“ wurde angefahren am Straßenrand gefunden. Der Kapuzineraffe „Kingkong“ „arbeitet zwar nicht gerne, ist aber dafür nie böse“. Er mag am liebsten Limonade und Gummibärchen und liegt abends neben der für Kunststücke zu alt gewordenen Schäferhündin Sandra. Alle Tiere, auch die Waschbären, der Nasenbär, die Zwergschweine und die Hühner verstehen sich untereinander: „Das müssen sie auch, sonst geht das gar nicht.“ Herr Wilhelm lehnt Aufträge, bei denen sie „schwierige Sachen“ machen sollen, ab. Unlängst buchte die Volksbühne seinen Hengst, damit der auf der Bühne mit herabhängendem Gemächt und von den Schauspielerinnen bewundert, auf und ab gehe. Als das nicht klappte, schlug Wilhelm vor, ihm einen Plastikpenis umzubinden. Das fand der Chefdramaturg jedoch allzu unrealistisch, statt dessen wollte er eine „leichte Narkose“ für das Tier vor (dabei hängt das Gemächt unwillkürlich herunter). Wilhelm fand diese Forderung unannehmbar. Auch der Tierschutzverein protestierte dagegen bei der Volksbühnenleitung. Weniger Probleme gab es mit seinem Esel Max, als der ein wochenlangen Engagement am Gorki-Theater hatte. Wilhelms Ziege tritt regelmäßig bei „Porgy und Bess“ auf, wenn das US-Musical in Berlin gastiert. „Die größte Schwierigkeit sind sowieso die Schauspieler, „die sich erst an die Tiere gewöhnen müssen,“ meint Bernd Wilhelm.

18. Foto: Agility-Course

Auf dem Land, bei Oranienburg, lebt die Hundetrainerin Sabine Berg, allerdings in einem kleinen Reihenhaus mit einem winzigen Garten. Sie hält derzeit neun Hunde. Trotzdem sieht dort innen wie außen alles blitzblank aus, überall stehen Topfpflanzen und Nippes und selbst auf den Plüschsesseln findet sich kein einziges Hundehaar. Sabine Berg kann sich inzwischen eine Putzfrau leisten, außerdem hat sie aber ihre Tiere auch so gut erzogen, dass sie sich vertragen und nichts kaputt oder schmutzig machen: „In so einer Wohngemeinschaft, wie wir sie hier haben, muß jeder Rücksicht auf den anderen nehmen und sich halbwegs anständig betragen!“ Sabine Bergs letzte Neuanschaffung war ein großer grauer Mischlingshund, den sie sich in einem polnischen Tierasyl beschaffte und erst einmal entwurmte und aufpäppelte. Gleich bei seiner ersten kleinen Rolle erwies er sich als ein „wahres Naturtalent“: Er mußte in einem TV-Krimi neben einem Mann über einen Acker gehen, dieser wurd dann erschossen und der Hund mußte die ganze Zeit traurig neben der Leiche ausharren, die er ab und zu beschnüffelte und anstupste, so als könne er es nicht fassen.“Das hat der so gut gemacht, das ich glaube, aus dem wird noch mal was.“

Ein interessantes Filmtier-Problem tut sich gerade in Namibia auf. Dort halten eine Reihe von Leute sich neuerdings Wolfshunde. Weil es sich dabei um Kreuzungen zwischen Hunden und Wölfen handeln soll, wird das als nicht ganz ungefährlich angesehen. Nun gibt es aber in Namibia gar keine wild lebenden Wölfe und deswegen gingen einige Forscher dort der Frage nach: Wo dann die Wolfshunde herkommen? Ihre vorläufige Antwort lautet, dass mehrere ausländische Filmteams Außenaufnahmen in Namibia drehten, wobei sie einige mitgebrachte Wölfe frei ließen, um sie zu filmen. Diese halbwilden Tiere seien nach Drehschluß im Land geblieben und hätten sich dort mit halbzahmen Hunden gepaart.

19/20/21. – 3 Fotos: Glühwürmchen bei Nacht

Auch Glühwürmchen wurden gelegentlich als Arbeitstiere benutzt: Arme chinesische Studenten sammelten sie in ein Glas, um bei ihrem Licht Nachts lesen und schreiben zu können. Im Westen wurden sie zu Millionen als Labortiere vernutzt – nachdem man ihr Glühen chemisch analysiert hatte, es besteht aus Luziferinen und dem Enzym Luciferase, das in Gegenwart des Moleküls Adenisintriphosphat (ATP) aufleuchtet: Schon bald begann u.a. die Sigma Chemical Company mit dem Verkauf von Luciferase für medizinische Zwecke und verbrauchte dazu zigmillionen Glühwürmchen.

In Japan, wo Glühwürmchen-Fangen ein sommerliches Freizeitvergnügen war und an vielen Orten Glühwürmchen-Festivals stattfinden, sind die 50 dort vorkommenden Leuchtkäfer-Arten inzwischen ein Indikator für den Umweltschutz. Sie werden gezüchtet – einerseits zum Verkauf und andererseits, um sie in Schutzzonen wieder anzusiedeln. Solche gibt es für den Tourismus inzwischen auch in Malaysia und China, und ähnlich in den USA. Die Glühwürmchen sind dort im Showbusiness.

22. Foto: Floh-Zirkus

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Flöhe

„Die Flöhe sind seit langer Zeit Gegenstand der verschiedenartigsten Untersuchungen gewesen: man hat sie vom philologischen und vom satirischen Standpunkte aus beleuchtet, man hat sie wegen ihrer lustigen Sprünge besungen und noch häufiger wegen ihres Blutdurstes verwünscht, man hat sie ‚abgerichtet‚ und so aus ihnen Gewinn zu ziehen gewußt, nur gerade der Zoologe hat ihnen bisher nicht in der gebührenden Weise seine Beachtung geschenkt,“ so schrieb der Parasitologe E. O.Taschenberg 1880. Der derzeitige Wissensstand über die hiesigen Flöhe basiert in erster Linie auf den ökologisch-faunistischen Arbeiten von Peus (zuletzt 1972), heißt es auf der Internetseite der Frankfurter Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, „ergänzende Arbeiten erschienen danach hauptsächlich für einzelne Bundesländer. Die jüngste faunistische Übersicht für das gesamte Deutschland datiert mit Kutzscher & Striese auf das Jahr 2003.“

Der jüngste Flohüberfall geschah im Sommer 2016 in einem Celler Pflegeheim, wo die Bewohner rote Punkte auf der Haut bekamen, die juckten. Die Feuerwehr löste Großalarm aus: Sie riegelte den Ort hermetisch ab – bis die medizinische Hochschule Hannover Entwarnung gab: Flohbisse sind zwar unangenehm aber keine Lebensbedrohung. Das Internetforum „heilpraxis“ erklärte dazu: „Der Speichel des Flohs verhindert, dass das Blut gerinnt. Durch diese Sekrete entzünden sich die Stichstellen und jucken. Wird der Floh gestört, hüpft er ein Stück weiter, so dass die Einstiche sich aneinander reihen“ – meistens sind es wie bei den Wanzenstichen drei. Warum immer drei, weiß kein Mensch! Das Berliner Naturkundemuseum gibt bekannt, seine Flohsammlung umfasse 237 Arten. Im Berliner Tieranatomischen Theater und im Wittstocker Museum des Dreißigjährigen Krieges sah ich Pestflöhe unter dem Mikroskop.

Lebend sind diese flügellosen Insekten, die man paradoxerweise zu den „Fluginsekten“ zählt, äußerst selten geworden. Selbst die Flohzirkusse sind fast ausgestorben – bis auf einen, der alljährlich auf dem Oktoberfest gastiert, wo sich die Kinder unter den Besuchern oft darüber entrüsten, dass diese winzigen Tierchen so große Kutschen ziehen müssen. Gelegentlich bringen Reisende von „Flohmärkten“ im Ausland einige „Siphonaptera“ mit, sie werden hier aber nicht alt. Die Senckenbergischen Naturforscher erwähnen die „sogenannten Sandflöhe“, die in tropischen Ländern die Füße von Warmblütern befallen und dabei die „Tungiasis“ übertragen. Die Berliner Sandflohforscherin Marlene Thielecke setzte sich dieser Gefahr in Madagaskar und Kenia aus, war aber im Gegensatz zu den Einheimischen dank einer Tetanusspritze geschützt: „Als ich den Floh zufällig entdeckte, hatte er sich schon mit seinem ganzen Körper kopfüber in meine Haut gebohrt. Zuerst war er nur ein winziger roter Punkt in der Mitte meiner Fußsohle. Dann ist er Tag für Tag ein bisschen gewachsen, bis er sich als erbsengroße, druckempfindliche Erhebung abzeichnete: der Sandfloh oder in schlau: Tunga penetrans. Er setzt sich wochenlang fest, am liebsten an Ferse und Spann oder unter den Zehennägeln, um dort seine Eier reifen zu lassen. Eigentlich sollte ich ‚sie‚ sagen, denn das machen nur die Flohweibchen.“ Für die Humanmedizinerin ist die Infektion durch den Sandfloh eine „Armutskrankheit: Damit lässt sich kein Geld machen, also investiert auch die Pharmaindustrie nicht in Forschung und Medikamente. Ich wusste: Hier kann man noch vieles herausfinden und bewirken.“

Die US-Ökologen J. F. Masello und P. Quillfeldt fanden in Patagonien unter den Parasiten von Felsensittichen, eine extravagante Flohart, die an den Küken in deren Nasenhöhlen und unter der Zunge parasitiert. Mich haben schon mehrmals Hunde- und Katzen-Flöhe gestochen, aber sie ließen schnell wieder von mir ab. Mein „Lebenssaft“ (Schiller) wirkt bei ihnen empfängnisverhütend, wie die Biologin Lisa Signorile nahelegt, wenn sie schreibt: „Unser Blut stillt ihren Hunger, schmälert aber die Fruchtbarkeit und die Zahl der abgelegten Eier.“ (in: „Mißgeschicke der Evolution“ 2012). Sie fand auf einigen Katzen alle drei Arten: Katzen-, Hunde- und Menschenflöhe. „Unsere“ sind mit den Schweineflöhen identisch. Im Wikipedia-Eintrag heißt es, dass „Flöhe zwar Vorlieben für bestimmte Wirtstiere haben, aber nicht ausschließlich auf diese angewiesen sind. Vielmehr scheinen sie eine größere Bindung zu ihren Nestern zu haben als zu ihren Wirten.“ Und die „Nester“ finden sie außerhalb ihrer Wirte (in Polstermöbeln z.B.), was deren Domestikation und Seßhaft-Werdung geschuldet ist: Ihre Wirte laufen ihnen nicht weg. Als diese noch nomadische Viehzüchter waren, mußten die Flöhe in ihrer Kleidung bzw. im Fell ihrer Tiere mitwandern.

Für alle gilt, dass sie das Blut von jungen Warmblütern besonders bekömmlich finden, denn sie dringen mit ihrem zu einem Stechrüssel umgewandelten Mund leichter durch deren noch dünne Haut. In einer Hamburger Schule für Körperbehinderte bewiesen sie 2005, dass sie auch zählen können: Über 100 Flohweibchen überfielen wie ausgehungert 110 Schüler dort, die dann von der verzweifelten Schulleitung nach Hause geschickt wurden. Ein Sprecher der Bildungsbehörde versicherte: „Ein Befall in diesem Ausmaß ist sehr ungewöhnlich – zumal im November“. Außerdem wurden zwar jede Menge Flohstiche identifiziert, aber kein einziger Floh gefunden. Man forderte daraufhin die Eltern auf, bei sich zu Hause nach den Tieren zu fahnden. Meist ruft man heute bei Flohalarm den US-Weltkonzern „Rentokil“ – danach traut sich lange Zeit kein Floh mehr in das Gebäude. 1998 demonstrierten die ostdeutschen Kammerjäger in Berlin gegen diese ausländische Konkurrenz, die ihren „Lehrberuf“ entwertete, indem sie straflos ungelernte Ungeziefervernichter einstellte.

Einer ihrer „Außendienstmitarbeiter“ erzählte mir, als ich das Gespräch auf Flöhe brachte: „Man kann sie kaum zerdrücken, sie haben einen sehr harten Chitinpanzer, man muß sie mit dem Fingernagel zerknacken. Und erst mal fangen. Sie können in Bruchteilen einer Sekunde losspringen – 30 Zentimeter weit, und das ununterbrochen: tagelang. Ihre Sprünge werden durch die umfunktionierten Flugmuskeln ausgelöst… Aber gegen unsere chemischen Mittel nützt ihnen das alles nichts.“ Auch im Internet erfährt man eher was über das Wie und Womit ihrer Vernichtung, als über das, was sie sonst so treiben. Aber so ist das immer in Deutschland: Wenn man über Parasiten spricht, geht es stets um deren „Bekämpfung“, in Frankreich vermutet man hingegen erst einmal, dass „parasitäre Verhältnisse das System selbst sind,“ wie der Philosoph Michel Serres es ausdrückte. Er scheint ein ähnlich sympathisierendes Verhältnis zu Flöhen zu haben wie ich. Zum einen nannte meine erste Freundin mich „Floh“ und zum anderen besaß ich ein Aquarium und mußte für die Fische laufend Wasserflöhe fangen. Sie hüpften auch unter Wasser und erfreuten mich mit ihrer Munterkeit. Ein Gymnasiast in Ratingen, Lukas Schier, hat unlängst entdeckt, dass sie mit Kaffee noch munterer werden: „Sie hören gar nicht mehr auf, sich zu paaren,“ berichtete er der „Westdeutschen Zeitung“. Die Haustier- und Menschen-Flöhe auch so nicht: „Unter einer halben Stunde ist die Verpaarung nicht fruchtbar,“ meint Lisa Signorile, nicht zuletzt, weil die männlichen Flöhe „die komplexesten Genitalien des gesamten Tierreichs“ haben, und sowieso müssen beide vorher eine anständige „Blutmahlzeit zu sich genommen haben“ – sonst läuft gar nichts.

 

23. Photo: Grillenkampf

Ähnlich wie mit den Glühwürmchen ist es mit den Grillen in China, Japan und Korea, die dort zu tausenden gefangen und verkauft werden – in kleinen Käfigen. Sie werden als Musiker, aber auch massenhaft zu Kämpfen benutzt.

 

24. Foto: Ratten, die in Kambodscha Minen suchen

25. Foto: Scheußliche Rattenexperimente

26. Foto: Mit Kormoranen fischen

27. Foto: Mit Geparden jagen

28. Gepard-Safari heute

29. Foto: Mit Falken jagen

Falken

Aus den Falken, diesen Arbeitstieren, wurden inzwischen Haustiere. Sie werden ebensowenig gebraucht wie ihre Beute. Die Falkenjagd ist ein Hobby für Reiche. Ähnliches gilt auch für das Jagdwild (Rehe, Hirsche, Wildschweine, Mufflons, Hasen, Fasane, Rephühner). Sie werden wie die Fische der Angler gezüchtet, um dann frei gelassen und von ihnen getötet zu werden. Die Jäger essen nicht einmal ihre Beute, es geht ihnen nur darum, kapitale Männchen zu erwischen, die ihnen eine Medaille, in Gold, Silber und Bronze, einbringen und eine beeindruckende Trophäe abgeben. Die Jagd ist vom Adel auf die Reichen und Staatsmänner übergegangen, sie ist zugleich immer widerlicher geworden – weitaus widerlicher als das Töten der Nutztiere am Fließband durch rumänische Schlachthofarbeiter, deren Armut sie dazu zwingt.

Im Ostblock haben die führenden Parteimitglieder alle wie verrückt in ihren eigentlich volkseigenen Wäldern gejagt, wobei sie sich in eine glorreiche Vergangenheit als Partisanen zurückphantasierten. Witzigerweise dachten die DDR-Oberen und vor allem die Stasiführung tatsächlich, dass die Feinde aus der BRD sich zuerst in den lächerlichen Wäldern der DDR sammeln und verstecken würden, um von da aus weitere Angriffe durchzuführen. Deswegen wurden die Jagdgebiete ständig und mit einem irren Personalaufwand durchgekämmt. Meist entdeckte man nur ein paar Wilderer – und das waren fast immer sowjetische Offiziere, die nicht belangt werden durften. Ähnlich war es mit den amerikanischen Soldaten im Westen. Es ging mir jedoch hierbei um die mit viel Geld extra zum Abschießen gezüchteten Wildtiere. Inzwischen werden auch die Wildtiere in den afrikanischen Nationalparks derart „bewirtschaftet“. Sie sind nicht nur im Hinblick auf den Safari-Tourismus ein Wirtschaftsfaktor – mit eigenen Schlachthöfen, sehr reiche Leute dürfen in den Nationalparks auch jagen.

30. Foto: Lanzenotter in Terrarium“

Der Ostberliner Tierpark hat eine Schlangenfarm. Es war einmal die größte Giftschlangenfarm Europas, sie stammte aus einer Serumfabrik bei Dresden. Als diese geschlossen wurde, brachte der „legendäre“ Pfleger, „Vater (Fritz) Kraus“ die Tiere in den Tierpark. Sein Nachfolger wurde dann Dr. Petzold und schließlich Klaus Dedekind. Kurator der Farm war zuletzt der Sohn des Tierparkgründers Falk Dathe. Früher geschah das „Abmelken“ des Giftes noch öffentlich. Die „Schlupferfolge“ sind bis heute beachtlich.

Im Englischen bedeutet labour sowohl Arbeit als auch Gebären – in diesem Sinne könnte man auch alle Tiere als Arbeitstiere bezeichnen, die nur gezüchtet werden, um sich zu vermehren, damit wir immer genug Nahrung haben. Die Nazis redeten einst davon, die Eiweißlücke in der Versorgung der Bevölkerung zu schließen. 2014 machte der „Grain Club“ der Landwirtschaftsverbände und -konzerne den Bundestag darauf aufmerksam: „Deutschland kann die Eiweißlücke nicht aus eigener Erzeugung schließen.“ Die Wochenzeitung „Zeit“ konterte: “Würden wir uns gesund ernähren, hätten wir auch keine Eiweißlücke“.

31. Foto: Maulbeerbaumspinner

32. Foto: Götterbaumspinner

Es gibt aber auch ein Textillücke, d.h. es gab sie, die mit dem Züchten von Tieren geschlossen werden sollte, nicht nur von Schafen und Alpakas, sondern z.B. auch von Maulbeerbaumspinnern und Götterbaumspinnern, deren Raupen, wenn sie sich verpuppen, einen Kokon aus Seide spinnen. Mitten in ihrer Metamorphose zum Schmetterling nimmt man sie und wirft sie in heißes Wasser. Anschließend wird die Seide des Kokons getrocknet und aufgespult. Es gibt daneben auch eine Muschel – im Mittelmeer, die seidenähnliche Fäden spinnt, um sich damit am Meeresboden fest zu halten, ihre Fäden waren schon in der Antike bekannt und begehrter als reine Seide.

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Götterbaumspinner

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33. Foto: Fischfarm in Berlin

Die Meeresfische sind oder waren zumindest die einzigen, die lange Zeit keine Arbeitstiere waren – insofern die Fischer die einzigen sind, die ernten ohne zu säen. In der DDR hießen die Fischrestaurants deswegen „Gastmahl des Meeres“. Aber seitdem die Fänge zurückgehen und die gefangenen Fische immer kleiner werden (bis 1910 fing man z.B. Plattfische, Heilbutte, die größer als die Fischer waren und über zwei Zentner wogen), geht man mehr und mehr dazu über, die angeblich gefährliche Eiweißlücke mittels Fischfarmen (Aquaponik) zu schließen.

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Auch Tierleichen ernähren manchmal ihren Mann – hier wird Berlins beliebter Gorilla „Bobby“ für das Museum fit gemacht

Ausgestopfte Tiere

Früher waren die Zoos Wartezimmer für die Museen. Als es noch einen tasmanischen Beutelwolf in einem Zoo gab, meinte ein namhafter Biologe: „Der ist viel zu schade fürs Publikum, der gehört ins Museum.“ Als wir erfuhren, dass im Berliner Naturkundemuseum eine besondere Art der Tierpräparation entwickelt wurde, die „Berliner Schule“, interviewten wir neugierig den Chepräparator Detlef Mazke, er erzählte:

„Die Dermoplastik verlangt eine wissenschaftlich fundierte und ins Künstlerische gesteigerte Art Tierfreundschaft. Da kommt also jetzt aus dem Zoo ein totes Tier ins Museum. Das liegt dann vor einem auf dem Tisch. Das guckt man sich erst einmal an, ob man Zeit hat, damit zu arbeiten. Zeit in dem Sinne, daß noch kein Fäulnisprozeß drinne ist. Erst einmal muß man sich ja mit dem Tier innerlich vertraut machen.

Man fängt also an, dieses Tier zu bewegen: wie weit kann ich das Kniegelenk nach oben nehmen, rutscht mir z.B. die Haut dabei unter dem Gelenk durch, wann gibt es Hautfalten usw. Wie weit kann es den Kopf rumnehmen? Man muß das Tier in seinem Bewegungshorizont erfassen. Das ist das erste, was man macht. Als nächstes nimmt man eine Totenmaske ab. Daran kann man bestimmte Haarrichtungen erkennen und Abstände, vom Augen- bis zum Nasenpunkt z.B., die man hinterher umsetzen muß. Dann wird das Tier noch ein bißchen photographiert, und man macht ein paar Skizzen. Auch Farbskizzen sind wichtig.

Dann wird das ganze Tier abgezogen, also ich zieh die Haut runter wie beim Kaninchen, suche mir aber vorher schon eine Schnittfolge, so daß bei der späteren Präparation die Schnitte nicht zu sehen sind. Jetzt liegt als nächstes der Muskelkörper vor mir auf dem Tisch oder am Boden. Jetzt kann ich wieder das gleiche machen, das Tier erst mal bewegen, Skizzen von den Muskelformen machen usw..Nachdem ich mir dann systematisch bestimmte Muskelgruppen runterpräpariert habe, habe ich da einen Haufen Knochen zu liegen. Davon bau‘ ich mir im Grunde ein grobes Skelett wieder auf und bringe es in die Stellung, in der das Präparat sein soll. Dadurch habe ich immer die Sicherheit, daß ich mich nicht vergaloppiere, weil das Skelett ja stimmen muß.

Und dann fange ich an, mit dem Modellierton auf diesem Skelett Muskel für Muskel aufzutragen. Da gibt’s zwei Möglichkeiten: entweder ich bau das Ding von innen nach außen auf, so richtig schön anatomisch, bis ich zum Schluß das ganze Tier dazustehen habe. Oder es wird gleich in die äußere Form gebracht. Das setzt aber voraus, daß ich meine Studien gemacht habe, dazu muß man in den Zoo gehen und sich selber die Tierchen anschauen. Heutzutage kann man dazu auch sehr schön mit der Videokamera arbeiten und Bewegungsabläufe aufnehmen. Wenn Sie im Zoo sitzen und gucken sich das Tier an – da kann ich fünf Stunden davor sitzen! –, aber wenn ich nach Hause komme, weiß ich immer noch nicht: Wie setzt der Löwe eigentlich den Fuß exakt auf? Man hat zwar den Gesamteindruck, aber die Details fehlen.

Manchmal denke ich: Der Bildhauer hat es einfacher als wir, der richtet sich nach dem äußeren Umriß, während die Präparatoren die innere Form des Tieres rekonstruieren müssen. Nehmen Sie einen Braunbären, der sieht puschelig aus, der hat einen dicken Hals und einen schönen Bauch. Wenn man sich aber von dieser äußeren Form leiten läßt, dann kriegen Sie anschließend niemals das Fell rüber, das wird dann ein völlig unförmiges Gebilde. Wenn man dann das Tier fertig modelliert hat, dann kommt eine Klebeschicht rauf, die Haut wird regelrecht aufgeklebt. Das ist ein Prozeß, der relativ lange dauert. Die Haut liegt da wie ein großer Teppich und ich muß es ja um die runde Form anbringen, da gibt es erst einmal tausend Falten. Eine Woche oder vierzehn Tage während dieses Trockenprozesses muß man täglich mehrere Stunden an diesem Ding arbeiten, um immer wieder Korrekturen anzubringen.“

Dem Museumspräparator geht es im Endeffekt nicht um das Tier und seine individuelle Geschichte, wo dann sogar die (Glas-)Augenfarbe bis aufs I-Tüpfelchen stimmen müßte: Wie es bei einem Hund z.B. der Fall zu sein hätte, dessen Leiche sein sentimentales Herrchen bei einem privaten Präparator in Auftrag gibt.

„Daß man im Westen eine größere Vorliebe für Action-Präparationen hat als im Osten, liegt vielleicht an der Reizüberflutung. In Amerika hat man in Museen z.B. ganze galoppierende Herden – von Säbelantilopen etwa. Das ist, als wenn ich ein Fernsehbild anhalte. Eine eingefrorene Bewegungsphase. Wenn ich da eine Sekunde hinschaue, ist es phantastisch, und präparationstechnisch absolut genial gemacht, Hut ab auch vor der statischen Seite. Das sind ganz komplizierte Geschichten, so ein galoppierendes Tier zu zeigen. Aber es ist eine eingefrorene Phase, die eigentlich das Ding nicht bringt. Unser Auffassung, die der ‘Berliner Schule’ kann man sagen, ist so: Wenn ich z.B. ein Reh habe und will da eine Spannung reinbringen – das Tier ist gelaufen, hat also eine Schrittfolge gehabt, dann am Boden geäst und plötzlich hat es ein Geräusch gehört, nimmt den Kopf hoch, macht sich relativ lang und hat also dieses Äugen in die Gegend, und ist dabei schon so weit gespannt, daß es im nächsten Augenblick abspringen könnte. Also man ahnt, daß jetzt gleich etwas passieren könnte, aber das Reh kann genauso gut auch im nächsten Moment feststellen: Es ist nichts – und weiter äsen. Es muß da eine Zeitebene drin sein und es muß auch eine Geschichte erzählt werden – an diesem Tier. Man möchte doch den Besucher überraschen: Was könnte aus der Sache werden. Man muß sich mit dem Tier auch identifizieren können.”

Als die Chinesen 1980 dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Pandabärin namens Tjen Tjen schenkten, der sie an den Westberliner Zoo gab, protestierte Moskau, weil Westberlin nicht Teil der BRD war. Tjen Tjen starb 1984 an einer Virusinfektion. Im Tieranatomischen Theater auf dem Biologie-Campus der Humboldt-Universität stellte der chinesische Künstler An-Chi Cheng 2016 im Rahmen einer Ausstellung über “Mensch-Tier-Beziehungen” Tjen Tjen aus: Sie zeigte vom ersten bis zum letzten verschenkten Pandabär, was die chinesische Regierung in den Jahren ihrer “Panda-Diplomatie”, die 1982 aufgrund weltweiter Proteste von Tierschützern beendet wurde, damit alles erreicht hatte, vornehmlich im “Ostblock”: an Verträgen, Handelsbeziehungen usw.. Chefpräparator Matzke hat dann auch die im Westberliner Zoo 2007 und 2012 gestorbenen Pandabären Yan Yan und Bao Bao ausgestopft. „Die Luftfeuchtigkeit darf nicht schwanken und die Vitrinen müssen so dicht sein, dass an keiner Stelle ein Schädling eindringen kann“, erklärte er der „Welt”, „dann können sie locker mehrere hundert Jahre alt werden“.

Zu den berühmten Tieren im Naturkundemuseum zählt auch der im Zoo einst beliebte Gorilla „Bobby“, er befindet sich ebenfalls in einer Glasvitrine. Bei Bobby erstmalig die aus der Anatomie entlehnte Paraffin-Methode an, die den Affenstar von damals zu einem bis heute beeindruckenden Meisterwerk der Dermoplastik werden ließ. Das Verfahren, so erklärt uns Chefpräparator Matzke, sei konservationsgeschichtlich sehr bedeutsam gewesen, eine Art Revolution in der Kunst, tote Tiere mit ihren individuellen Gesichtszügen für die Nachwelt zu erhalten. „So eine Affenhaut ist ja sehr nackt. Bei Tieren mit langen Haaren oder dicken Federn sieht man die Haut im Original nicht, die kann ich verstecken, wenn sie etwas geschrumpft, verknittert oder pergamentartig geworden ist. Bei einem Menschenaffengesicht geht das nicht, die Schrumpfungsrisse können nicht kaschiert werden. Da hat der damalige Präparator Kästner diese Methode entwickelt, mit der das Wasser über eine Alkoholstufenreihe aus dem Gewebe gezogen und dann Paraffin anstelle von Wasser in die Haut gebracht wurde.“ Das Resultat kann sich heute noch, neben den lebendigen Gorillas im Zoo, sehen lassen.

Es gibt dort ferner einen präparierten Schwarm Fische. An ihrer Vitrine wird dazu erklärt: „Bei einem Fischschwarm fertigt man nur einen Abguß an, der mehrmals abgeformt wird, woraus dann Silikonpositive gemacht werden, die man sich hinbiegen kann.“ Die meisten Fische kann man auch lebend kaum voneinander unterscheiden. Mimiklos verkörpern sie zunächst ähnlich den Silikon-Exponaten „Typen“. Der Chefpräparator des Naturkundemuseums Detlev Matzke erklärte uns zu den Fischpräparaten: „Wir haben einen eigenen Präparator, der sich mit Fischabgüssen beschäftigt. Das hier sind alles Abgüsse. Man kann einen Fisch auch mit Haut und Schuppen präparieren. In beiden Fällen ist es so, daß sich die Farbe, die der Fisch hat, nicht erhalten läßt, die geht in jedem Fall verloren, er muß also hinterher bemalt werden. Da streiten sich die Geister: der eine möchte unbedingt das Original haben, dem ist es ganz wichtig, daß es der Originalfisch ist, der andere möchte lieber einen Abguß vom Fisch haben, weil die Struktur beim Vertrocknen nicht wegfällt. Beim originalen Fisch liegt ja ohnehin eine Schleimschicht drüber, die sich sowieso verliert. Wenn ich also den Originalfisch nehme und dessen Schuppen bemale, dann sehe ich hinterher auch bloß die Farbe und nicht mehr die Schuppen. Wir haben uns hier im Museum entschieden, mit Abgüssen zu arbeiten. Der Museumsbesucher kann das kaum unterscheiden – da kommt immer als erstes die Frage “Ist das Ding echt?” und wenn dann gesagt wird “Nein, das ist ein Abguß”, dann ist es nicht mehr interessant. Das Original hat bei vielen eine ganz andere Bedeutung noch.

Es gibt eine Technologie, die sich noch nicht so ganz durchgesetzt hat und die auch sehr kompliziert ist, die nennt sich Dermoplastik ohne Haut. Bei borstigen, sehr kurzhaarigen Tieren geht das sehr gut, bei einem Stachelschwein z.B. Da wird das fertig präparierte Tier mit einer Paraffinschicht umhüllt, dann trenn ich das Tier durch, und dann habe ich die Haut mit den Haarwurzeln in der Paraffinschicht drinne. Diese Schicht kann ich dann wegätzen. Dann bleiben nur noch die Haarwurzeln in dieser Kappe gehalten. Da rein läßt sich jetzt ein Kunststoff eingießen und dann füg ich das Ding wieder zusammen. Anschließend steht es als Kunststofftier da mit den Originalhaaren. Den Kunststoff kann ich einfärben. Ich habe also überhaupt kein Problem mehr, daß das Tier später mal reißt, es kann auch nicht mehr schrumpfen. Es ist ein Stück Plastik mit Originalhaaren.

Bei den Fischen ist das ähnlich. Es geht dabei ja nicht darum, zu zeigen, daß ist jetzt der Karpfen Kuno aus dem und dem Teich, sondern darum, eine bestimmte Form zu zeigen, die typisch sein muß für den Karpfen. Wir wollen ja in der Museumspädagogik ganz andere Sachen mit rüberbringen: Wir wollen darauf aufmerksam machen, welche Körperform hat er, wird er schnell schwimmen oder langsam, ist es ein Friedfisch oder hat er kräftige Zähne…Das kann man über ein naturgetreues Modell viel besser machen als mit einer Originalpräparation eines Fisches, wo ich immer aufpasssen muß, daß die Luftfeuchtigkeit nicht zu sehr abfällt im Winter und ich hinterher Risse habe und das Ding auseinanderfällt.“

Neben den Trockenpräparaten gibt es im Naturkundemuseum auch noch eine „nasse“ Fischsammlung, deren Grundstock einst Dr. Marcus Elieser Bloch im 18.Jahrhundert zusammentrug, „Millionen Fische, Reptilien, Krebs- und Spinnentiere, seit Humboldts Zeiten in aller Welt gesammelt, konserviert in 80 Tonnen reinem Ethanol, verteilt auf knapp 260.000 Gläser,“ schrieb die Berliner Morgenpost.

2014 bekamen die etwa 50000 Fische einen eigenen Saal: Gut ausgeleuchtet stehen da nun alle ihre Gläser auf hohen Metallregalen und mittendrin befindet sich der aus Brandschutzgründen bloß fiktive Arbeitsplatz eines Fischforschers. Als Besucher kann man nur außen herum gehen und beeindruckt sein über die vielen Fische – in so einer modernen Museums-Inszenierung. In der Aufsatzsammlung „Wissenschaft im Museum“ (2014) der Wissenschaftshistorikerinnen Margarete Vöhringer und Anke te Heesen kritisiert letztere diesen neuen „Raum voller Gläser“, in dem „nicht das einzelne Objekt hervorgehoben und mit einer Erklärung versehen“ wird, sondern „ihr Erscheinen als Menge im Vordergrund“ steht. In den Naturkundemuseen wird die „Natur mithilfe toter Gegenstände dargestellt, ihre Präsentationen aber sollen das Leben selbst symbolisieren.“ Aus der Warte des naturkundlichen Objekts stellt der Raum mit den Fischgläsern ein „Unterforderung“ dar. Von der Warte allein des Atmosphärischen her stellt er jedoch eine Überforderung dar, „denn was sollen wir auswählen, was besonders intensiv betrachten, woran uns orientieren?“ fragt Anke te Heesen. Hier wurde mit großer Geste leichtfertig der Museumsauftrag Vermittlung von Wissen zugunsten einer künstlerischen Rauminstallation fallen gelassen, das Feuilleton lobte dann auch prompt den Verzicht auf „die sonst übliche Museumspädagogik“.

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Papageien-Kollektion des amerikanischen Natural History Museums

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Algen

Blaualgen sind weder Pflanzen noch Tiere, sondern Bakterien. Wenn sie kugelige Kolonien bilden, nennt man sie „Teichpflaumen“, wenn es bei ihnen zur „Algenblüte“ kommt, werden sie giftig (was jetzt in der Oder geschah). Einige dieser heute „Cyanobakterien“ genannten Algen betreiben einen im Tag-Nacht-Rhythmus wechselnden Stoffwechsel: tagsüber Photosynthese und nachts Stickstofffixierung. Dies ist laut Wikipedia „nach heutigem Wissensstand einmalig“.

Kieselalgen sind einzellige Algen, auch Diatomeen genannt, die sich mit einer Zellhülle aus Siliziumdioxid umgeben, deswegen heißen sie Kieselalgen. Die Art „Thalassiosira pseudonana“ war der erste marine Mikroorganismus, dessen gesamtes Genom sequenziert wurde. „Geo“ nennt diese Art eine „Chimäre“, weil sie wie wir Harnstoff produziert, aber über einen pflanzlichen Fettstoffwechsel verfügt. Die chemische Verbindung des Harnstoff nutzt die Kieselalge als Energiequelle. Zum Fettabbau verfügt sie über zwei unterschiedliche Methoden: In ihren Mitochondrien, den Zell-„Kraftwerken“, findet sich ein Abbauprozess, wie er auch bei Tieren abläuft. In anderen Organellen zerlegt die Alge Fettsäuren wie eine Pflanze. „Hier scheint die Grenze zwischen Tier- und Pflanzenreich zu verschwimmen.“ Einst hatte die Kieselalge andere Einzeller „in sich aufgenommen“: Ein internationales Forscherteam fand sie als Organellen, die wohl aus einer Symbiose mit Rotalgen stammen.

Auch bei der einzelligen Grünalge Chlamydomonas reinhardtii wußte man lange nicht, ob sie eine Pflanze oder ein Tier ist: Einerseits verfügt sie, um Photosynthese zu betreiben, über Chloroplasten, die einen roten „Augenfleck“ haben, andererseits hat sie zwei Geißeln, mit denen sie sich lichtgesteuert fortbewegen kann. Zwei US-Biologen haben laut FAZ in einer Analyse der Proteine von C. reinhardtii festgestellt, dass sie „mehr Pflanze als Tier“ ist. Was sie von Pflanzen unterscheidet, sind „Gene für die Ausbildung des Bewegungsapparates“. Von den Menschen unterscheidet sie sich durch „1879 Proteinfamilien“, die nur Pflanzen besitzen. Diese einzellige Alge kann sich in kurzer Zeit in einen vielzelligen Organismus verwandeln.

Der italienische Bioingenieur Julian Melchiorri hat mit der Grünalge gebastelt. Heraus kam dabei ein „Lebendiger Algen-Kronleuchter“, der das Zimmer erhellt und angeblich so viel Sauerstoff wie 100 Hektar Wald produziert.

Eine Grünalge, die auf Spitzbergen vorkommt, wurde auf ihre Widerstandsfähigkeit getestet, indem man sie für 530 Tage an der Außenseite der internationalen Raumstation ISS anbrachte – sie überlebte.

Die holländische „Unterwasser-Autorin“ Mieke Zwamborn beschäftigt sich mit der Ästhetik von Algen. Dazu hat sie Herbarien von Algologen und die Algen-Poesie von Dichtern und Musikern studiert. In ihrem „Portrait ‘Algen’“ (2019) erwähnt sie Andreas Greiner, der in einem abgedunkelten Raum ein Salzwasseraquarium auf die Saiten seines Klaviers stellte, in dem „Meeresleuchttierchen, einzellige Algen, schwammen, die bei Vibrationen aufblitzen“. Ein anderer Musiker entlockte einer Wasserpflanze mit einem Unterwassermikrophon Töne: Sie werden hervorgerufen durch „Tausende kleine Sauerstoffbläschen,“ die von der Pflanze beim Wachstum abgegeben werden.

An der französischen Küste gab es bis Anfang des 20. Jahrhunderts Tangsammler, -mäher und -fischer. Sie trockneten die Algen und verbrannten sie. Die Asche brauchte man zur Herstellung von Schießpulver, das Kaliumcarbonat darin verwendete die Seifen- und Glasindustrie. Die Algen – Seegras bzw. Tang – wurden auch als Heilmittel für verschiedene Leiden sowie als Nahrungsmittel gesammelt. In Nordeuropa trieben die Bauern ihre Viehherden im Winter an den Strand, wo sie sich vom angeschwemmten Tang ernährten.

Die Japaner haben besonders viele Algen-Gedichte und -Gerichte: In ihrem Darm leben Bakterien, „die dasselbe stärkespaltende Enzym wie ein Meeresbakterium produzieren. Offenbar haben ihre Bakterien das Gen im Laufe der Zeit übernommen,“ schreibt der Spiegel. In Europa ißt man nun auch gerne Sushi, aber unsere Darmflora braucht noch eine Weile, bis wir die Algen darin ebenfalls verdauen können.

Carl von Linné zählte die Algen in seiner Systematik zu den „Verborgenblütern“, weil sie „auf eine für uns unsichtbare Weise blühen“. Um 1940 entdeckte eine britische Algologin jedoch den „komplexen Fortpflanzungszyklus der Rotalge“. In ihrer Heimat interessierte sich niemand dafür, wohl aber die Algenzüchter in Japan, denen damit schon bald nach dem Krieg eine lukrative Algen-Produktion gelang. 2017 trafen sich 120 Algenspezialisten zu einem Kongreß, „um die aufstrebende europäische Algenzucht und die Möglichkeit, Kraftstoff aus Algen zu gewinnen, voranzutreiben.“

In der Sowjetunion faßte man bereits ab 1933 Nutzungsmöglichkeiten für die Algen ins Auge – und zwar im ersten GULag auf den Solowezki-Inseln im Weissen Meer. Forschungsleiter war dort das Universalgenie Pawel Florenski. Als Ikonenverehrer begriff er die Zentralperspektive als eine „Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“. Weil er in seinem Werk „Imaginäre Größen in der Geometrie“ Dantes „Göttliche Komödie“ mit der Relativitätstheorie interpretiert hatte, war er auf der Gefängnisinsel inhaftiert worden, wo er bei der Gewinnung von Jod und Agar-Agar aus Algen helfen sollte. Es gelang ihm, zehn Patente dafür anzumelden. Daneben hielt er dort fast täglich wissenschaftliche Vorträge über Algen und schrieb Briefe an seine Familie (2001 im Anthroposophenverlag Pforte unter dem Titel „Eis und Algen“ veröffentlicht). Im ersten Brief an seine Frau schrieb er: Eigentlich sei er mit seiner Isolierung auf Solowetzki am Ziel seiner Wünsche angelangt. Als Jüngling habe er immer davon geträumt, ins Kloster zu gehen, jetzt lebe er im Kloster, nur dass es eben ein Lager sei. Als Kind sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, auf einer Insel zu wohnen, Ebbe und Flut zu erleben und sich mit Algen zu befassen. „Nun bin ich auf einer Insel, hier herrscht Ebbe und Flut, und ich habe mit Algen zu tun“.

Pawel Florenski

Pawel Florenski studierte ab 1900 in Moskau Mathematik bei Nikolai Bugajew, Philosophie bei Sergej Trubezkoi und Psychologie bei Lew Lopatin, 1904 kam er in Kontakt mit der literarischen Gruppe der Symbolisten, Andrej Bely legte ihm eine Beschäftigung mit der Anthroposophie nahe, daneben las Florenski Goethe, schließlich wandte er sich einem geistlichen Führer, dem Starez Isidor, zu. 1910 heiratete er die Bauerntochter Anna Michailowna Giazintowa, aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. 1911 wurde er zum Priester geweiht, er lebte jedoch von Veröffentlichungen, Vorträgen und Lehrtätigkeiten. 1920 übernahm er die Leitung der Forschungen zur Anwendung von Kunstharz in der Elektrotechnik in der Moskauer Fabrik „Karbolit“. In seinen Schriften kritisierte er die Zentralperspektive, die er zugunsten der Ikonenmalerei verwarf, weil jene „eine Maschine zur Vernichtung der Wirklichkeit“ sei, während jene ein „synarchisches Feld“ zu denken erlaube. 1922 erschien sein Buch „Imaginäre Größen in der Geometrie“, an dem er 20 Jahre gearbeitet hatte und das u.a. von Ossip Mandelstam, Wsewolod Iwanow, Maxim Gorki, Jewgeni Samjatin und Michail Bulgakow gelobt wurde, die offizielle Kritik monierte dagegen insbesondere das Schlußkapitel, in dem er das Weltbild in Dantes „Göttlicher Komödie“ mit Hilfe der Relativitätstheorie interpretierte. Dies wird später einer der Anklagepunkte sein, die zu seiner Verhaftung und Inhaftierung führen, obwohl die Zensur etliche Passagen darin vor Drucklegung gestrichen hatte, worüber er sich in einem Brief „An die Politabteilung“ beschwerte.

Von 1925 bis 1933 ist Florenski Leiter der Abteilung für Materialkunde am Staatlichen Forschungsinstitut für Elektrotechnik. 1928 wird er jedoch vorübergehend verhaftet: Man wirft ihm vor, unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Arbeit religiöse Propaganda betrieben zu haben, er wird nach Nishni Nowgorod verbannt, wo er im Radiolaboratorium arbeitet. Gorkis erste Frau, Jekaterina Peschkowa, bemüht sich als Leiterin des Politischen Roten Kreuzes um seine Rückkehr nach Moskau“. Sie hat schließlich Erfolg. 1930 holt man Florenski als stellvertretenden Direktor für Wissenschaft ans Allunionsinstitut für Elektrotechnik in Moskau. Am 25. Februar 1933 wird er jedoch erneut von der GPU verhaftet und schon einige Monate später wegen „Konterrevolutionäre Agitation und organisierte konterrevolutionäre Tätigkeit“ zu zehn Jahren Zwangsarbeit an der Baikal-Amur-Magistrale in Ostsibirien verurteilt, wo man ihn dann der Abteilung für wissenschaftliche Forschung zuteilt. 1934 überführt man ihn ins Amurgebiet, auf eine Versuchsstation zur Erforschung von Dauerfrostböden. In Moskau versucht derweil die Familie, seine Freilassung zu erwirken. Der tschechoslowakische Botschafter in Moskau bietet an, den Verurteilten in seinem Land aufzunehmen, Florenski lehnt jedoch unter Berufung auf den Apostel Paulus (Phil. 4,11) ab: „…ich habe gelernt, worin ich bin, mir genügen zu lassen“.

Im Herbst 1934 überführt die GPU ihn auf die Solowki-Inseln im Weißen Meer, dem ersten bolschewistischen Straflager. Er soll sich dort mit Meeresalgen befassen und beim Aufbau einer Fabrik zur Gewinnung von Jod und Agar-Agar aus Algen helfen. In den darauffolgenden dreieinhalb Jahren gelingt es ihm, dafür zehn Patente anzumelden. Daneben hält er dort fast täglich wissenschaftliche Vorträge und schreibt Briefe (vier im Monat sind ihm erlaubt) vor allem an seine Kinder, seine Frau und seine Mutter – über 150 insgesamt. Sie wurden auf Deutsch 2001 im Dornacher Anthroposophenverlag Pforte veröffentlicht unter dem Titel „Eis und Algen“, herausgegeben von Fritz und Sieglinde Mierau, die daneben auch für eine zehnbändige Ausgabe seiner Werke im Berliner Kontext-Verlag verantwortlich sind.

In ihrem Vorwort zu dem Band mit „Briefen aus dem Lager“ heißt es an einer Stelle: „Kein Wunder, schreibt Florenski einmal seiner Frau, wenn bei so vielen ein- und ausgehenden Briefen die Zensoren an nervlicher Zerrüttung litten. Und: Eigentlich sei er mit seiner Isolierung auf den Solowki-Inseln am Ziel seiner Wünsche angelangt. Als Jüngling habe er immer davon geträumt, ins Kloster zu gehen, jetzt lebe er im Kloster, nur dass es eben zum Lager gehört. Als Kind sei es sein sehnlichster Wunsch gewesen, auf einer Insel zu wohnen, Ebbe und Flut zu erleben und sich mit Algen zu befassen. ‚Nun bin ich auf einer Insel, hier herrscht Ebbe und Flut, und ich werde bald mit Algen zu tun bekommen‘.“

Nachdem jedoch die Algenerforschung sowie die Jod- und Agar-Agar-Testproduktion auf den Solowki-Inseln erfolgreich verlaufen ist, wird das Projekt aufs Festland verlagert – und Pawel Florenski erschossen: am 8. Dezember 1937. Er wurde 55 Jahre alt. 1959 wird er offiziell rehabilitiert, 1989 wird seiner Familie eine Sterbeurkunde ausgestellt. Inzwischen hat die orthodoxe Kirche ihn heilig gesprochen.

Brief v. 26.11. 1934 (an seinen Sohn Michail)

Lieber Mik…

Es gibt hier viele Algen und wohl auch Muscheln. Die Stürme werfen die Algen (oder „Meerespflanzen“, wie man sie auch nennt) auf den Strand, so daß sich Wälle von mehreren Kilometern Länge, 1 1/2 Metern Höhe und mehreren Metern Breite bilden. Diese Meerespflanzen sind eßbar (giftige gibt es gar nicht), aber ihre Zubereitung ist ziemlich kompliziert. In manchen Ländern werden sie leicht angekocht, dann getrocknet und so gegessen, aber das schmeckt nicht besonders. In Amerika, Japan, China, Indochina, England, Schottland u.a. Ländern werden Algen sehr viel gegessen, man macht die verschiedensten Dinge daraus. Konfekt, Konfitüre, Blancmanger [Mandelpudding], Kissél [Fruchtpudding], Speiseeis, Salate, Soßen, Sauermilchpudding, ich glaube sogar Gebäck. Bei uns sind wir noch nicht soweit, die Algen auf diese Weise zu verwenden, wir stellen aus ihnen nur Jod her. Man kann aus Algen viele verschiedene technisch wichtige Stoffe gewinnen: einen besonderen Klebstoff, das Algin, dann Zellulose, Mannit, verschiedene Lösungsmittel für die Lackindustrie, Kalisalze usw. Vorerst wird aus den Algen aber nur Jod gewonnen; die Algen werden zu Asche verbrannt, dann wird die Asche in Lauge gewaschen und in diesem Wasser das Jod aus dem Kaliumjodid freigesetzt. Die Asche enthält auch noch Chlorkalium, schwefelsaures Kalium, Soda, Bromkalium und andere nützliche Stoffe. Ich küsse Dich innig, lieber Mik. Folge Mamma, sei lieb zu ihr und vergiß Deinen Papa nicht.

Brief v. 3.12. (an seine Frau Anna)

Liebe Annulja…

Die Werkstatt, in der ich arbeite, befindet sich am Ufer ddes Blagopolutschied-Hafens. Es ist eine armselige kleine Werkstatt, an deren Tür das stolze Wort ‚LABORATORIUM‘ prangt. Das steht zwar nur auf dem Schild, aber es ist doch befriedigend, es beim Eintritt zu lesen. Manchmal bin ich aber auch in einem richtigen Laboratorium, es ist klein, aber für die Verhältnisse von Solowki recht anständig. Es liegt zwei Kilometer vom Kreml entfernt im Wald am Ufer eines Sees.

Brief v. 14.12. (an seinen Sohn Kirill)

Lieber Kirill…

– Ich teile Dir eine Beobachtung mit, die ich gemacht habe, ich glaube, sie kommt in der Literatur nicht vor. Sie ist von Bedeutung für die Mineralogie, etwas Analoges zum Alexandrit. Es handelt sich um folgendes: Bei der Jodgewinnung nach dem sog. Bichromatverfahren wird der Extrakt aus Algenasche mit Bichromat und Schwefelsäure behandelt. Diese Lösung zeigt sowohl vor als auch nach der Entfernung des Jods je nach Art der Beleuchtung eine Zweifarbigkeit. Bei abendlicher (künstlicher) Beleuchtung, zum Beispiel bei elektrischem Licht, ist die Lösung von violett-purpurner Farbe, bei Tageslicht dagegen ist sie smaragdgrün. Der Unterschied in der Farbe ist so verblüffend, daß man nicht glaubt, es handle sich um ein und dieselbe Flüssigkeit. Da das Jod hier keine Rolle spielt, zeigt sich vermutlich der Unterschied auch bei einer sehr schwachen Lösung von Bichromat und Schwefelsäure. Man kann aber auch versuchen, Kalium-Jodid hinzuzufügen, das das Bichromat auflöst und zu anderen Chromverbindungen führt. Dieser Versuch ist so schön, daß es sich lohnt, ihn nachzumachen, um das mit eigenen Augen sehen zu können. Vermutlich kann man durch eine Veränderung des Mediums erreichen, daß das Purpurviolett ind Rot übergeht. – Küß Mama und die Kinder und sag ihnen, daß ich ihnen in Kürze einzeln schreiben werde.

Brief v. 14.12. (an seinen Wohn Wassili)

Lieber Wasjetschka…

Im Augenblick denke ich (privat, das gehört nicht zu meinen dienstlichen Aufgaben) über den Aufbau einer komplexen Produktion hier nach, eines ganzen Kombinats zur Gewinnung von Brom aus Meerwasser unter Ausnutzung der Wind- und Gezeitenenergie, über einen wohlabgestimmten Zyklus verschiedener Prozesse und Produkte. Ein schöner Plan, aber ehe ein Projekt daraus wird, ist noch viel Arbeit nötig, leider braucht man auch Bücher, die hier nicht vorhanden sind. Dennoch werde ich mit einigen Spezialisten über die Sache nachdenken. Dann prüfe ich nach und nach verschiedene Varianten der Gewinnung von Jod und anderen Produkten aus Meeresalgen. Die Beschäftigung mit den Algen und dem Brom verspricht interessante Ergebnisse, die in engem Zusammenhang mit meinen Arbeiten über die Elektromaterialien stehen.

Brief v. 21/22 6. 1935 (an seinen Sohn Wassili)

Lieber Wasjutschka…

Im Augenblick studiere ich die Alginate, speziell das Natrium- und Kaliumalganit, die ich aus Algen gewinne. Diese Stoffe können das importierte Tragant und Gummiarabikum sehr gut ersetzen, u.a. in der Textilindustrie beim Stoffdruck u..ä. Ihre Bindekraft ist erstaunlich: Eine 8%ige Alginatlösung hat eine bedeutend höhere Bindekraft als eine 32%ige Gummiarabikumlösung, ist also mehr als 4mal so ergiebig, ganz zu schweigen vom Preisunterschied. Andererseits ist ihre Kapillaritätskonstante nur etwa halb so groß wie die des Gummiarabikums, daher werden selbst schwache Lösungen in bedeutend geringerem Maße aufgesogen, was wiederum von großem Vorteil ist sowohl in bezug auf den Materialverbrauch als auch auf die Druckqualität. Die Messungen der physikalisch-chemischen Konstanten müssen mit improvisierten Geräten vorgenommen werden. Bei meiner mathematischen Bearbeitung der Meßergebnisse habe ich einiges gefunden, was von der Kolloidchemie bisher nicht geleistet worden ist….Ich küsse Dich, mein Lieber

Brief v. 5./6.9. (an seine Frau Anna)

Liebe Annulja…

Im Augenblick arbeite ich in dem neugeschaffenen Konstruktionsbüro; ich bin hauptsächlich damit beschäftigt, eine Reihe unserer Erfindungen auf dem Gebiet der Algenverarbeitung und der Nutzung von Algin und Alginat zum Patent anzumelden. Außerdem sind ein paar Artikel zu schreiben. Und bald werde ich mich mit dem Projektieren von Chemischen Fabriken zu befassen haben…

Brief v. 24./25. 9. (an seinen Sohn Michail)

Lieber Mik…

Ich lebe hier wie auf Jules Vernes ‚Geheimnisvoller Insel‘ – alles muß selber ausgedacht und aus fast nichts hergestellt werden, nichtsdestoweniger ist dabei etwas herausgekommen. Habt ihr die Natriumalginatblättchen erhalten? Das ist ein Algenprodukt, esläßt sich auf die erstaunlichste Weise verwenden, davon werde ich Dir in den nächsten Briefen erzählen…

Brief v. 15.11. (an seine Mutter)

Liebe Mamotschka…

In letzter Zeit haben mich die verschiedenen Anwendungsmöglichkeiten eines Algenprodukts, nämlich des Algins, beschäftigt. Es sind unzählig viele, ganz unterschiedliche Anwendungsbereiche, die da in Frage kommen. Vielleicht sind einige der von mir aufgespürten längst bekannt, und da ich keinen Zugang zur Literatur habe, entdecke ich sie noch einmal. Ich stelle Pauspapier her, verschiedene Arten Zeichen- und Malpapier, Packpapier, Papier für Ölmalerei u.ä., dann Farben, Fixative, Leim, Substanzen zum Beschichten verschiedener Oberflächen usw. Insbesondere reparieren wir alte Gummischuhe und gießen Stiefelnähte aus, damit sie wasserdicht sind. Ich habe 4 Artikel für die Zeitschrift des BBK geschrieben, weiß aber nicht, ob sie sie dort drucken können, denn sie sind ziemlich lang. Ich schreibe unzählige Notizen für Wandzeitungen zu verschiedenen technischen Fragen, vor allem im Zusammenhang mit Algen.

Brief v. 16-23.12. (an seine Frau Anna)

Liebe Annulja…

Ich bin gesund, leide an nichts Not, arbeite im Laboratorium mit Algen und Sphagnum und lebe unter erträglichen Bedingungen, halte Vorlesungen über Mathematik, schreibe allerhand technische Notizen, bin den ganzen Tag von morgens bis spät in die Nacht beschäftigt – das ist Pflicht und ist zugleich nützlich für mich, es erstickt die Sehnsucht.

Brief v. 7-11.1. 1936 (an seine Frau)

Liebe Annulja…

Meine Arbeit geht in der gewohnten Richtung weiter, ist aber durch die Ausdehnung der Experimente etwas komplizierter geworden. Wir sind schon halbwegs am Produzieren und rechnen täglich mit 2-3 kg Algin und 2 kg Agar. Schon für diese Menge müssen bedeutende Massen Rohstoff verarbeitet werden und damit große Wasserbottiche vorhanden sein. Der Rohstoff wird in Wasser aufgekocht, dann filtriert, gefroren, wieder aufgetaut, eingedampft und getrocknet, das erfordert Aufmerksamkeit, eine entsprechende Apparatur, die allerdings sehr einfach ist, eine riesige Menge verschiedener Gefäße usw. Da es sich bei diesen Vorgängen um Versuche handelt, muß ständig gewogen, gemessen, protokolliert, gerechnet und analysiert werden. Jede einzelne Operation ist nicht weiter kompliziert, aber im ganzen, wenn man bedenkt, wieviel Vorgänge aufeinander abzustimmen und welch große Mengen Rohstoff zu bewegen sind, ist es schon ein beachtliches Unternehmen. Neben den Versuchen halte ich Vorlesungen – 3mal zwei Stunden die Woche, und einmal muß ich zur Sitzung des BRIS (des Büros für Erfindungen).

Brief v. 7.-13.2. (an seine Frau Anna)

Liebe Annulja…

In diesen Tagen erblickten wir die Früchte unserer Mühen: Ein Konditor hier hat Marmelade auf der Grundlage von Agar aus unserer Produktion hergestellt und war mit dem Ergebnis höchst zufrieden. Auf die Marmeladenmasse kam 1 1/2% Agar, aber das war schon etwas zu viel, es genügen 1,2%, d.h. es entspricht gutem Auslandsagar. In letzter Zeit war es klar und kalt, genau das Richtige für unsere Versuche….Tag und Nacht wird ununterbrochen gearbeitet, und meine Gehilfen dürfen nicht ohne Aufsicht bleiben, sonst kommt es zu Versäumnissen.

Brief v. 24-25.3. (an seine Tochter Maria-Tinatin)

Liebe Tika…

Heute brachte man mir ganz frische Algen, die man mit einer besonderen Vorrichtung vom Grunde des Meeres unter dem Eis hervorgeholt hat (das Eis ist dieses Jahr nicht dick, 80 cm). Es sind fleischige, elastische große algen aus der Klasse der Braunalgen, der Ordnung der Laminarien. Sie heiße Laminaria digitata, d.h. Fingerlamelle, weil das ‚Blatt‘ der Alge einer riesigen Hand mit gespreizten Fingern ähnelt. Außerdem gibt es Laminaria saccharina, d.h. Zuckerlamelle, sie ist ziemlich süßt. Ich habe sie gekostet, sie ist recht fest, aber äußerst schmackhaft, leicht salzig, erinnert an Sauerkraut, nur daß sie nicht sauer schmeckt. Die Algen saugen sich (mit ihren Rhizoiden, so etwas wie Wurzeln) an Steinen fest, um sich im Wasser Halt zu verschaffen, ernähren sich aber eigentlich nicht durch die Wurzeln, sondern sie nehmen ihre Nahrung über die ganze Oberfläche direkt aus dem Wasser auf. Von Mitte Juli bis Ende August vermehren sich die Laminarien mittels Sporen. Bei der Saccharina entwickeln sich die Sporen in der Mitte des ‚Blatts‘, bei der Digitata an den Blattenden. Die Sporen zeigen sich als einzelne rote Punkte, etwa wie beim Farn. Ich küsse mein liebes Töchterchen innig und erwarte die Ankunft der Möwen, um von ihnen etwas über mein Töchterchen zu erfahren.

Brief v. 8.-10.4. (an seine Frau Anna)

Liebe Annulja…

Du fragst nach den Algen. Deine Fragen lassen sich nicht mit einem Satz beantworten. Es gibt 13 Klassen von Algen; im Weißen Meer wurden von den 4 bedeutenderen Klassen 121 Arten und 129 Formen gefunden,…

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Die Polizei prüft 1922 die Kleiderlänge von zwei Frauen, die zu viel Bein zeigen. Beim Zigarettenverkauft und -konsum war man damals weniger pingelig:

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Chinesische Sternzeichentiere

Als Buddha die Erde verlassen wollte, rief er alle Tiere zu sich. Nacheinander kamen sie zu ihm, um sich zu verabschieden – in folgender Reihenfolge:

Ratte: Ich hatte mal einen zahme Ratte, die ich zusammen mit einem Meerschweinchen und einem Kaninchen auf einer Insel im Moor hielt, wo wir wohnten. Sie konnte aber schwimmen und tat das auch gerne, wenn sie nicht gerade die Insel untertunnelte oder schlief. Ursprünglich sollte sie im Aquarium des Bremer Überseemuseums an Schlangen verfüttert werden. Sie war weiß und tauchte gerne, wenn sie hochkam, war ihr Kopf voller brauner Pflanzenteile. Wir hatten den Eindruck, dass sie besonders gerne schwamm und tauchte, wenn wir Besuch aus der Stadt hatten, der davon sehr beeindruckt war. Für die Chinesen ist die Ratte im Tierkreiszeichen charmant, gesellig, einfallsreich.

Ochse: Gemeint ist ein Wasserbüffel. Der Autor Aravind Adiga erinnert sich: „An der Tür steht das wichtigste Familienmitglied: die Wasserbüffelkuh. Sie war bei weitem die Fetteste in unserem Haus, und so war es auch bei allen anderen Familien des Dorfes. Den ganzen Tag fütterten die Frauen sie mit frischem Gras; das Füttern war ihre Hauptbeschäftigung im Leben. Alle Hoffnungen dieser Frauen richteten sich auf den Leibesumfang der Büffelkuh. Gab sie genug Milch, konnten die Frauen etwas davon verkaufen, und am Ende des Tages war vielleicht ein bisschen Geld übrig. Sie war wohlgenährt, ihr Fell glänzte, über ihrem haarigen Maul stand eine Ader hervor, und von ihren Lefzen hingen lange, dicke, perlmuttfarbene Speichelfäden. Den ganzen Tag lag sie in ihrem dicken Scheißhaufen. Sie war die Haustyrannin!“ So gaben die Frauen z.B. Aravind Adigas Vater erst nach der Büffelkuh zu essen. Früh am Morgen band der Vater sie von ihrem Pfahl los und zusammen mit seinem Sohn brachte er das dicke Tier an einen Wassergraben, damit es sein Morgenbad nahmen konnte. „Die Büffelkuh watet hinein und kaut an den Seerosenblättern. Währenddessen geht über ihr, dem Vater, und mir und meiner Welt die Sonne auf. Es ist kaum zu glauben, aber manchmal vermisse ich diesen Ort.“ Die Männer arbeiten im Reisfeld mit Wasserbüffelbullen, die kastriert sind: Ochsen. Sie verkörpern die Eigenschaften stur, geduldig, beharrlich.

Tiger: Die amerikanische Dompteurin Mabel Stark arbeitete zeitweilig mit 20 Tigern. Sie meinte: „Tiger mögen nur Menschen, die einen stärkeren Willen als sie haben“. Mit dem von ihr großgezogenen Tiger „Rajah“ lebte sie in ihrem Wohnwagen zusammen, er schlief auch in ihrem Bett, ebenso wie ihr dritter Ehemann. In der Manege bestand ihre berühmteste Nummer darin, dass sie denTigern den Rücken zukehrte und Rajah sie plötzlich von hinten ansprang, zu Boden warf und mit ihr rang. Mit der Zeit entwickelte sich daraus bei dem Tiger ein Paarungsakt. Weil sein Samen auf ihrem schwarzen Lederkostüm unschön aussah, wechselte sie in ein weißes Kostüm, das sie bis zum Ende ihrer Karriere 1968 trug. Tiger werden in China als durchsetzungsfähig, abenteuerlustig und unabhängig charakterisiert.

Hase (2023): Hasen gibt es auf allen Kontinenten, sie leben im freien Feld und flachen Mulden. Neugeborene Hasen sind Nestflüchter, haben bereits Fell und können sehen. Häsinnen boxen laut WWF gerne mal einen Verehrer um. Und sie können zweimal gleichzeitig schwanger werden, bis zu 80 km/h schnell werden, drei Meter weit und zwei Meter hoch springen und sehr gut schwimmen. Sie sind quasi Wiederkäuer, d.h. sie kauen ihre ausgeschiedenen Kotkugeln noch einmal durch. Hasen lassen sich nicht zähmen. Auf der Flucht schlagen sie ihre typischen Haken, ändern also mehrfach abrupt die Richtung. In den budhistischen Ländern wird der Hase verehrt und wenn man einen sieht wird einem „ganz kühl ums Herz“. Sie werden dort als distanziert, klug, diskret charakterisiert.

Drache: Man sagt in China: ein Chinese ist ein Drache, zwei Chinesen sind ein Wurm, und bei den Japanern ist es umgekehrt. Unter den Tieren gibt es heute nur noch den kleinen bis zu 20 Zentimeter langen Flugdrachen, der in Südostasien lebt. Er ist ein Insekten fressender Baumbewohner. Die von den ausgebreiteten verlängerten Rippen getragene Flankenhaut wird als Flughaut benutzt, mit der er von Baum zu Baum gleiten kann. Ihn charakterisieren die Chinesen als aktiv, launisch und vielseitig.

Schlange: In der Volksbühne machten einmal fünf Pythonschlangen Theater. Die Pythons wirkten bühnenerprobt. Sie balancierten auf einer Bambusstange und bewegten sich langsam auf den Schultern ihres Besitzers Rainer Kwasi. Die größte, eine etwa fünf Meter lange gelbe Python, spielte die Hauptrolle in einem Film. Man sah, wie sie züngelnd die ganze Volksbühne erkundete – bevor sie sich im Roten Salon dem zahlreich erschienenen Publikum zeigte. Derweil erklärte man uns das multifunktionale Sinnesorgan ‚gespaltene Schlangenzunge‘, zudem habe die Python noch eine Art drittes Auge auf der Stirn, mit der sie etwa Infrarotstrahlen wahrnehmen kann. Im übrigen sei ihr gesamtes Sensorium so ausgeprägt, dass sie sehr feine Informationen über den Menschen wahrnehmen könne – „vielleicht mehr als wir über sie“ – die von den Chinesen als sensibel, unabhängig und ab und an als faul charakterisiert wird.

Pferd: Früher gehörte dem die Welt, der ein gutes Pferd und eine Stunde Vorsprung hatte. Heute sind Pferde aus Chrom und Stahl gemacht und kleine dicke Männer reiten sie. Nach wie vor gilt jedoch laut Adorno, dass „der Gestus Münchhausens, wie er sich und sein Pferd am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht, zum Schema einer jeden Erkenntnis wird, die mehr sein will als bloßer Entwurf.” Im Internet findet man dagegen mehrere Fotos, auf denen eine Reiterin verzweifelt versucht, ihr Freizeit-Pferd aus einem Sumpf zu ziehen, in dem es stecken geblieben ist. Pferde sind im Gegensatz zu Eseln Fluchttiere und drehen mitunter durch. Sie werden als aufmerksam, kontaktfreudig und eloquent charakterisiert.

Ziege: Von den Ziegen ist ein beträchtlicher Teil verwildert (frei). „Schafe zu bewachen ist ein Kinderspiel verglichen mit dem Ziegenhüten,“ meint der Ökologe Josef Reichholf. Er sieht einen Unterschied zwischen den zwei Tierarten vor allem in ihrem Grad an Eigensinnigkeit. Die schwäbische Schäferin Ruth Häckh bewundert Ziegen, aber „aus Sicht des Schäfers sind sie eigentlich unmöglich. Wie Schafe hüten lassen sie sich jedenfalls nicht, dafür sind sie zu ausgeprägte Individualisten.“ Schafe fressen Gras, Ziegen lieber Blätter, die sie sich suchen. Dazu springen sie über Zäune und plündern Gärten. Für Ruth Häckh gibt es „keinen wirtschaftlichen Grund, Ziegen zu halten. Sie tun aber der Seele gut, sie steuern sozusagen ein abenteuerliches Element bei“. Das trifft sich mit ihrer chinesischen Charakterisierung: kreativ, künstlerisch, großzügig.

Affe: Der französische Kardinal Melchior de Polignac soll zu dem im Jardin du Roi gezeigten Menschenaffen gesagt haben: „Sprich – und ich taufe Dich!“ Die indigene Dayakbevölkerung auf Borneo behauptet, dass diese von ihnen „Waldmenschen“ genannten Orang-Utan nicht sprechen, weil sie sonst arbeiten müssten. Die einheimischen Angolaner unterstellen den Schimpansen ebenfalls mutwilliges Schweigen. Der amerikanische Primatenforscher Robert Yerkes ging davon aus, dass sie unfähig sind, Gedanken durch Laute wiederzugeben, dennoch haben sie viel zu erzählen. „Vielleicht können sie sich eine einfache nichtlautliche ‚Zeichensprache‚ aneignen.“ Das taten sie auch: Schon bald gab es Menschenaffen, die über 100 Wörter in der Gebärdensprache beherrschten. Eine Primatenforscherin brachte einem Bonobo statt Handzeichen eine Reihe von Symbolen („willkürliche geometrische Formen“) auf einer elektronischen Tastatur bei, mit deren Hilfe sowie mit Gesten und Lauten er mit den Menschen kommunizieren sollte. „Eine Methode, die eine normale, gesellige Unterhaltung nicht gerade fördert,“ kritisierte der Gebärdensprachlehrer Roger Fouts, der eine „computerfeste Schimpansin“ namens „Lana“ erwähnt, die traurige Sätze wie „Bitte, Maschine, kitzel Lana“ tippte. Affen werden als einfallsreich, lustig und gesellig charakerisiert.

Hahn: Der Pater Athanasius Kircher hypnotisierte 1646 einen Hahn, danach auch noch andere Vögel, aber mit Hühnern war es am Leichtesten, so leicht, dass auch Leute wie Helmut Kohl, Al Gore und Werner Herzog es Kircher nachgemacht haben. . Einmal hypnotisiert, bleibt die Hühner solange liegen bis der Hypnotiseur sie ein paar Mal mit dem Finger anstupst. „Sie scheinen so etwas wie die Stars der Tierhypnose zu sein,“ schrieb die Nordwest-Zeitung, die gleich eine ganze Reihe von Hühner-Hypnotiseuren erwähnte. Aber wozu macht man so etwas Unsinniges? Wir hatten sechs Hühner und einen Hahn, der sehr umsichtig war. Er rief die Hennen, wenn er etwas zu fressen fand und verteidigte sie mutig gegen Feinde, aber nicht gegen uns: Dass wir den Hennen täglich die Eier aus dem Nest klauten und seine Schar sich deswegen nicht vergrößerte, nahm er schicksalsergeben hin. Als ordentlich, gewissenhaft und ehrenhaft wird er nicht nur in China charakterisiert.

Hund: Er kann zwar nicht so gut sehen wie wir, aber dafür viel besser riechen, was ein ganz anderes Weltbild ergibt als eines, das auf optische Eindrücke beruht. Nietzsche hatte wahrscheinlich recht, als er sagte: „Ich erst habe die Wahrheit erkannt – indem ich sie roch. Mein Genie liegt in meinen Nüstern.“ Was einige Engländer für die einzig angemessene Wahrnehmungsweise für einen Philosophen hielten. Inzwischen ist es jedoch mit unserem Geruchssinn nicht mehr weit her, deswegen nimmt man dafür gerne Hunde. Mit ihrer feinen Nase müssen sie immer mehr erschnüffeln: Trüffel, Drogen, Bomben, Vermisste, Leichen … Eigentlich kann man ihre Nase auf alles trainieren. Eine Gruppe in Deutschland phänomenologisch ausgebildeter US-Chefreporter um Robert Ezra Park gründete 1920 die Chicago School of Sociology, in ihr gehört das „Nosing Around“ bis heute zum Unterrichtsprinzip. Hunde werden in China als ehrlich, zuverlässig und fürsorglich charakterisiert – aber auch gegessen.

Schwein: „Als aufs Land geschickter jugendlicher Intellektueller hatte ich Schweine gezüchtet,“ schreibt Wang Xiaobo in seiner Geschichte eines Schweines, „das so geschickt wie ein Steinbock war, es prang mit einem Satz über den Zaun des Schweinestalls hinweg. Deshalb trieb es sich überall herum und blieb nie im Stall.“ Es war sein Lieblingsschwein, „weil es sich nichts vorschreiben ließ und solch ein freies und unbändiges Leben führte. Unsere Leiter veranstalteten speziell deswegen eine Sondersitzung und erklärten den Schweinbruder zum bösen Element, das die Frühlingsarbeit sabotiere. Sie beschlossen, Mittel der proletarischen Diktatur gegen ihn einzusetzen.“ Aber das Schwein konnte entkommen und mied fortan die Menschen. Xiaobo meint: „Nun habe ich vierzig Jahre gelebt. Außer diesem Schwein habe ich in meinem Leben noch kein anderes Wesen getroffen, das es wie dieses Tier gewagt hätte, dem vorgesehenen Leben die Stirn zu bieten. Ganz im Gegenteil, ich habe viele Menschen getroffen, die das Leben anderer mit Inhalten zu versehen versuchen und Menschen, die ein von anderen vorgegebenes Leben führen und damit glücklich sind. Aus diesem Grund kann ich dieses Schwein, das seine eigenen Wege ging, nicht vergessen.“ Schweine werden im chinesischen Horoskop als hilfsbereit, gefühlvoll und treu charakterisiert.

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WKZwo: Bräute verabschieden ihre Männer, die in den Krieg ziehen. Was die rot eingekreiste Damentasche soll, weiß ich nicht. Nach dem Krieg geht das Leben irgendwie weiter: Badende an der Havel in den Fünfzigerjahren:

 

 

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Faits divers https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/03/20/faits-divers/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2025/03/20/faits-divers/#respond Thu, 20 Mar 2025 00:00:05 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=15001

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#TeslaTakedown: Protest in Berlin-Mitte am Samstag 5.4. um 12 Uhr +
Breite Kampagne für Demokratie kritisiert Musk

Unter dem Motto #TeslaTakedown rufen zahlreiche Organisationen und
Bündnisse zu einer Kundgebung am Samstag den 5.4. um 12 Uhr vor dem
Tesla Showroom in Berlin-Mitte auf.
Unter #TeslaTakedown protestieren Menschen weltweit gegen Elon Musks
Angriffe auf die Demokratie. Seit im Januar die ersten Proteste in den
USA stattfanden, wird mittlerweile weltweit vor Tesla Verkaufsräumen und
Fabriken demonstriert. In Deutschland fanden im Laufe der letzten Tage
bereits in verschiedenen Städten erste Proteste statt, am heutigen Tag
beispielsweise in Strausberg. Die Demonstrierenden stellen sich gegen
Elon Musk, den reichsten Menschen der Welt, der rechte Parteien
unterstützt.

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Elon Musk, das ekpathische Frontschwein von Trump, meinte kürzlich:„Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist Empathie.“

Darauf Donald Trump laut Tagesschau: „Elon macht einen großartigen Job, aber ich würde gerne sehen, dass er aggressiver wird“.

J.D. Vance mit Frau auf dem Weg nach Grönland: „Wir werden uns ansehen, wie die Dinge dort laufen. Im Namen von Präsident Trump wollen wir die Sicherheit der Menschen in Grönland wieder stärken, weil wir glauben, dass dies für die Sicherheit der ganzen Welt wichtig ist.“

Die Nichte von Donald Trump, Mary L. Trump, schreibt in ihrem Buch „Amerikas Alptraum  – Warum Donald Trump nicht zu stoppen ist“: „Donald ist von seinem Instinkt her ein Faschist, der aufgrund seiner Unfähigkeit, über sich selbst hinauszublicken, beschränkt ist…Es ist an der Zeit, unseren Körper aufs Spiel zu setzen.“

Die Tochter von Elon Musk Jenna Wilson hat ihn auf ihre Weise aufs Spiel gesetzt: Sie ist jetzt eine „Transfrau“, wie sie sagte. Über ihren Vater äußerte sie in einem Interview mit „Teen Vogue“: „Er ist ein erbärmliches Kind“.

Die Aktie von Musk Unternehmen Tesla, die Mitte Dezember 2024 einen Höchststand von fast 480 US-Dollar pro Aktie erreichte, ist bis heute auf rund 248,71 US-Dollar abgestürzt – ein erschreckender Rückgang von 48 %. Dies entspricht einem Marktwertverlust von über 800 Milliarden US-Dollar und macht Tesla in diesem Jahr zu einer der Aktien mit der schlechtesten Performance.

Auf die Forderung einiger Tesla-Aktionäre, Elon Musk müsse als Unternehmenschef von Tesla zurücktreten, antwortete er: „Ich gehe nirgendwo hin, Tesla wird wieder auferstehen.“ Sodann hob er das Zukunftspotenzial von Tesla hervor, insbesondere in den Märkten für Robotaxis und humanoide Roboter, und pries das kommende Cybercab und den Optimus-Roboter als bahnbrechend an.

Schon im Wahlkampf drohte Trump, Grönland notfalls mit Gewalt zu vereinnahmen. Es geht dabei vor allem um die Rohstoffe auf der Insel. Als er jetzt den NATO-Generalsekretär empfing, wiederholte er noch einmal seine Drohung: „Ich denke, es wird passieren, dass ich Grönland annektiere.“

Noch mal zur Empathie (von „David Attenboroug Fans“):

Eine Studentin fragte die Anthropologin Margaret Mead, was sie als erstes Zeichen der Zivilisation betrachten würde. Der Schüler erwartete Antworten wie Tontöpfe, Fischhaken oder Werkzeuge. Aber Meads Antwort war überraschend – sie sagte, es sei ein geheilter Oberschenkelknochen. Warum? Denn wenn man sich im Tierreich das Bein bricht, stirbt man. Man kann nicht jagen, Raubtieren nicht entkommen, kann nicht überleben. Aber ein geheilter Oberschenkel bedeutet, dass jemand geblieben ist. Jemand hat geholfen. Jemand kümmerte sich genug, um die Verletzten zu tragen, sie zu schützen, zu füttern und mit ihnen während der Genesung zu
Das erste Zeichen der Zivilisation ist keine Erfindung – es ist Mitgefühl.
Es hilft anderen durch Schwierigkeiten. Da hat die Menschheit wirklich angefangen.

 

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Zitat von Mark Twain

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Weitere US-Idiotismen

Über 80% aller US-Biologen sind Eigentümer oder Teilhaber von Firmen, die ihre Forschungsergebnisse vermarkten, so die US-Biologiehistorikerin Lilly E. Kay. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben die Biologen noch „„ohne jegliches kommerzielles Interesse geforscht,“ meint die US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen,“ kritisierte sie.

Gleichzeitig versprechen uns die angloamerikanischen Naturwissenschaftler mit ihren albernen Erkenntnissen das Blaue vom Himmel. So tönt z.B. der Biologe Semir Zeki in seinem Buch „Glanz und Elend des Gehirns“ (2010): „Mein Ansatz ist von der Wahrheit bestimmt, von der ich denke, dass sie unumstösslich ist: dass jede menschliche Handlung von der Organisation und den Gesetzen des Gehirns bestimmt ist und dass es deshalb keine wahre Kunst- und Ästhetik-Theorie geben kann, außer wenn sie auf Neurobiologie beruht“ – also auf einem höchst fragwürdigen Forschungsansatz.

Dieser Schwachsinn ist unter aller Kritik, ebenso die folgenden Gedanken des US-Physikers Michio Kaku. In seinem Bestseller „Wettlauf um die Zukunft“ (2023) geht es ihm darum, „wie der Quantencomputer die Probleme der Menschheit lösen wird“. So einen kindischen Unsinn will man doch nicht lesen!

Ebensowenig den US-Bestseller für den sich das „manager-magazin“ erwärmt: „Die digitale Revolution: Verheißungen einer vernetzten Welt – die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft“ (1996) von Don Tapscott, den Vorsitzenden der wirtschaftsstrategischen Denkfabrik „nGenera Insight“. Tapscott prophezeit in seinem Buch: Die neuen Medien werden eine völlig neue Ökonomie hervorbringen, die die alten Wertschöpfungsketten durch -netze ersetzt und eine neue Unmittelbarkeit erlauben. Zudem werden in den Unternehmen Kommandohierarchien obsolet, wobei „zunehmend Kapital durch Geist geschaffen wird“ – Kreativität, die nicht mehr von oben „beaufsichtigt und befohlen“ wird. „In der modernen Wissensökonomie sind Lernen und Arbeiten hundertprozentig identische Aktivitäten“, deswegen werden die neuen „Unternehmen die zukünftigen Universitäten sein“. Als Beispiel erwähnt Tapscott die Universität des Konzerns McDonalds, in der 2006 „eine Million Menschen lernten“, er nennt sie die „Net-Generation“.

Diese hier zitierten Ami-Wissenschaftsutopien sind grauenhafte Dystopien. Manchmal ist so ein nach Ruhm, Ehre und Reichtum gierender Dumpfbeutel aber ohne es zu wollen, ehrlich genug, um das selbst zu sehen. Z.B. der Genetiker und Berater von Biotech-Unternehmen, William Bain in der Zeitschrift „Nature Biotechnology”: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.”

Ironischerweise nennt sich die mit Computern und anderen Hightech-Geräten operierende Biologie heute „Life Sciences“, obwohl sie mit dem „Leben“ so gut wie nichts zu tun hat. Das Wort „Leben“ taucht in den Biologiebüchern schon so gut wie gar nicht mehr auf. Die Lebenswissenschaftler erforschen heute „nicht mehr das Leben, sondern die Algorithmen des Lebendigen“, stellte der französische Genetiker und Nobelpreisträger Francois Jacob klar.

Der kürzlich verstorbene französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt dagegen die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, räumte allerdings ein, dass sie in der Industrie durchaus Sinn ergebe, d.h. Gewinne verspreche. Mit „Industrie“ ist in gewisser Weise die nahezu weltweit angloamerikanisierte Biologie gemeint, die mit ihren Geräten „objektiv verwertbare Erkenntnisse“ liefert. Ähnlich wie Latour sieht das auch der deutsche Philosoph Gregory Fuller: „Mit der Gentechnik erreichen wir den Höhepunkt unserer Verachtung gegenüber allen natürlichen Wesen,“ schrieb er in „Das Ende – von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe“ 1993.

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Fegen (1)

Mir erzählte Oi-Ok Shu, eine koreanische Krankenschwester, jetzt Rentnerin, die gelegentlich das koreanische Buddhakloster in der Oranienstraße besuchte, dass dort eine “Intensivmeditation” stattfand, bei der die Teilnehmer sich rund um die Uhr im Zentrum versammeln. Morgens gehen sie dann als erstes in den Görlitzer Park, um dort – „etwas Gutes zu tun, d.h. die Wege zu fegen – und damit gleichzeitig der eigenen Erleuchtung näher zu kommen”. Denn wenn man diese nicht erreiche, dann werde einem – laut Frau Shu – „jeder Grashalm zur Falle”.

Nanu: fegen?! dachte ich – und begann sofort in Gedanken loszurattern: Mao – „Für alles Reaktionäre gilt, daß es nicht fällt, wenn man es nicht niederschlägt. Es ist die gleiche Regel wie beim Fegen: Wo der Besen nicht hinkommt, wird der Schmutz nicht von selbst verschwinden!”

Und dann die chinesische Kulturrevolution – Wie viele Intellektuelle und Kader hat es damals gegeben, die man zwecks Umerziehung zum Fegen, als Pförtner oder Hausmeister abkommandiert hatte? Die „Narben-Literatur” ist voll von Klagen über diese entehrende Tätigkeit, mit der die Betreffenden ihr falsches – reaktionäres – Bewußtsein ändern sollten.

Außerhalb Chinas und der von oben gesteuerten Kulturrevolution wurde jedoch ebenfalls gefegt wie verrückt – im Westen allerdings eher auf freiwilliger Basis, aber mit dem selben Ziel: um von unten nach oben alles umzudrehen – die Kacke des Seins umzugraben! Ich erinnere mich noch, z.B. das Georg-von-Rauchhaus tagelang gefegt zu haben, ebenso den Republikanischen Club, die Alte TU-Mensa bis zum Erbrechen, das Audimax der TU einmal und auch die Diskothek “Dschungel” sowie mindestens zwei Mal Teile des zugefrorenen Wannsees, um eine schneefreie Fläche zum Eishockey-Spielen zu schaffen.

Auf dem Höhepunkt dieser ganzen Fegerei gab es nicht nur mehrere französische Filme, in denen Straßenfeger eine tragende Rolle spielten (“Themroc” z.B.), sondern auch Joseph Beuys Fegeaktion in Neukölln, wo er hinter der Revolutionären 1.-Mai-Demonstration die Karl-Marx-Straße wieder besenrein machte. Sein damals dort zusammengefegter Dreck ist heute längst unbezahlbar.

Auf dem Höhepunkt meiner Fegeleidenschaft baute ich einmal bei einem Bauern einen ausrangierten Heuwender mittels 12 Piasawa-Besen zu einer Kehrmaschine um – und konnte fortan jeden Samstag seinen Hof mit dem Trecker fegen. Dem Bauer gefiel die Konstruktion. Genau das Gegenteil passierte mir dann während der umgedrehten Kulturrevolution – Wende genannt – in der DDR, auf einer LPG: Dort fegte ich einmal einen Stallgang auf der Rindermast sehr langsam und gründlich, aber eigentlich nur, um mich weiter mit einem Kollegen zu unterhalten, der noch mit Füttern beschäftigt war. Irgendwann stand er hinter mir und sagte – in einem Ton als würde ein Arbeiterverräter zurechtgewiesen: „Laß gut sein, wenn du es zu sauber machst, dann stecken sich das die da oben bloß wieder an den Hut!” Bei einer ähnlichen Gelegenheit meinte ein anderer Kollege, dafür sei die und die Brigade zuständig – nicht wir. Auf meinen Einwand, dass diese doch aufgelöst sei, entgegnete er: “Darüber müssen die da oben sich einen Kopp machen!”

Seitdem habe ich eigentlich nie mehr so richtig gefegt. Höchstens Staubsaugen. So wird es auch in China jetzt sein, dass man die Leute gegebenenfalls zum Staubsaugen verdonnert. Das Fegen war während der Kulturrevolution eine derart harte Umerziehungsmaßnahme, dass die Betreffenden meistens Nachts aufstanden, um damit fertig zu sein, bevor die ersten Nachbarn wach wurden und sie auf der Gasse sahen – so sehr schämten sie sich! Daran sieht man, wie wichtig gerade das Fegen ist!

Bei mir ist es noch immer so, dass ich – umgekehrt – mit niemandem liiert sein möchte, der seine Wohnung fegen (oder staubsaugen) läßt: So etwas gehört sich einfach nicht! Das macht man selber oder läßt den Dreck liegen! Jemanden für so etwas anzustellen, ist eine gemeine Verschwendung anderer Leute Lebenszeit!

In der Wende versprach Gregor Gysi, als er zum PDS-Vorsitzenden gewählt wurde, die Partei mit „hartem Besen auszukehren” – und einen solchen hielt er dann auch in die ARD-Kamera. Da war das Fegen aber längst zu einer Metapher geworden. So wie bei der Bürgerinitiative, die am 1. Mai hinter einer Neonazi-Demo die Straße „medienwirksam” sauber fegte. Wenig später, am Tag der Kapitulation, fand in der Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg eine Diskussion über eben diesen Bezirk statt, in dem heute immer mehr Leute ihre Lofts und Flats von Putzfrauen fegen lassen. U.a. sprachen Papenfuß, Kuttner und Schappi (Wawerzinek) darüber, wie es dort früher war. Interessanterweise hatten alle drei auch mal als Hausmeister gearbeitet – und als solche regelmäßig, z.B. eine Kita, ausfegen müssen. In Erinnerung war ihnen jedoch vor allem das allmorgendliche Anheizen des Zentralofens geblieben, aber Heizer müssen zwischendurch auch immer mal fegen.

SPD-Vorständler kümmern sich gerne im Sommerloch um Großbetriebe – und gehen besuchsweise an die Basis. Nachdem so einer, aus Hessen, einmal bei der Berliner Stadreinigung gearbeitet hatte, fragte er einen Ostkollegen, ob sich seine jetzige Tätigkeit bei der BSR im Vergleich zu früher wesentlich unterscheide. Dieser antwortete: „Eijentlich hat sich nüscht jeändert – außer det Gesellschaftssystem”.

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Fegen (2)

In einem Moabiter Ballsaal traf ich einmal eine quasi allein tanzende Chinesin – mit Blumen im Haar. Sie verdiente ihr Geld als Putzfrau in einem Bioladen. „Manchmal findet man beim Fegen Münzen“. In der Kulturrevolution war sie für drei Jahre aufs Land geschickt worden, wo sie in einer Gemüsebrigade arbeitete. Während der ganzen Zeit hatte sie auf eine Rehabilitation durch ihre Grundeinheit gewartet, die ihr die Rückkehr an die Universität ermöglicht hätte. Die sie jedoch ablehnen wollte, um sich weiter durch die Landarbeit zu „reformieren”. Ich sah ein Photo aus jener Zeit, auf dem sie wie eine stolze Rotgardistin aussieht, die ihren Blick über Rübenfelder bis an den Horizont schweifen läßt. Ihre Rehabilitation kam jedoch nicht – und das stürzte sie fast in Verzweiflung: Sie wollte endlich einmal „Nein!” sagen – aber man gab ihr keine Chance. Als sie dann doch die Produktionskommune verließ, die wenig später schon wie alle anderen aufgelöst wurde, war es mehr ein leises Verschwinden – zurück in die Stadt, nach Shanghai. Und ähnlich ging es dann auch weiter, bis nach Berlin: über einen Schwager, der inzwischen in Amsterdam lebte.

Ich fragte sie, wo sie so gut Tanzen gelernt hätte. Ich meinte sogar gesehen zu haben, dass sie die Männer vor allem nach ihrem Tanzvermögen taxiert hatte. „Während der Kulturrevolution und auch schon davor wurde in China immer viel getanzt und gesungen”, antwortete sie, und heutzutage laufe dort nichts ohne Karaoke. Da ich nicht besonders gut tanzen und schon gar nicht singen kann, nahm ich an, dass es meine China-Begeisterung gewesen war, die sie dazu bewegt hatte, sich mit mir an der Theke noch weiter zu unterhalten. Später verabredeten wir uns für den nächsten Tag in einem China-Restaurant am See. Dort winkte sie allen vorbeifahrenden Touristen auf den Ausflugsschiffen zu – während sie gleichzeitig weiter aß, mit Stäbchen. Ich fragte sie nach dem Essen, warum es im Chinesischen so viele Nautikmetaphern gäbe: vom Großen Steuermann angefangen – über den Schiffbruch im Sozialen bis zum individuellen Glück, das mit geblähten Segeln umschrieben wird und der neuen Politik der Geschäftemacherei, die „Ins Meer tauchen” heißt. Sogar in der Literatur über die Verbannung der Intellektuellen aufs Land und zum Fegen heißt es – z.B. von einem solchen, den Gu Hua schilderte, er habe morgens auf der Straße „seinen Besen geschwungen, als rudere er auf einer Bühne im Boot”…

Das sei ihr noch gar nicht aufgefallen, wahrscheinlich weil in Shanghai als Hafenstadt immer schon alles Intime zugleich auch maritim gewesen sei, überdies wäre ihr Vater bei der Marine gewesen. Und selbst während ihrer Landverschickung, fügte sie hinzu, habe sie ständig mit Wasser zu tun gehabt: Entweder bekamen die Gemüsepflanzen nicht genug, dann mußten sie Brunnen graben oder zu viel, dann mußten Entwässerungsgräben angelegt werden. Ich erzählte ihr daraufhin, dass in der Endphase der Kulturrevolution ein Neuköllner Maoist namens Thomas Kapielski einmal eine Landverschickung von Künstlern aus Westberlin organisiert hatte – in die Lüneburger Heide. Viele würden noch heute von diesem Arbeits-Wochenende auf dem Dorf reden, ebenso einige Bauern dort. Ich selbst hätte einmal einen freiwilligen Arbeitseinsatz von 60 Linken bei einer Landkommune in der Wesermarsch organisiert.

Ob ich etwa der Meinung wäre, dass die Worte des Großen Vorsitzenden bis hierher wirksam geworden seien, fragte sie mich daraufhin ironisch. „Ja, aber noch wirksamer waren wohl die dadurch in Bewegung geratenen chinesischen Massen, zu denen u.a. Du gehörtest”. Im übrigen habe es auch in Berlin nicht an Mao-Bibeln gemangelt. 1969 hätte z.B. allein die so genannte Kommune I tausende von Exemplare aus der Ostberliner chinesischen Botschaft nach Westen geschmuggelt, wo sie dann während einer Vietnam-Demonstration an der Gedächtniskirche umsonst verteilt wurden.

Und in Ostberlin ließ eine ebenfalls maoistisch inspirierte Kommune ihren individuellen Solibeitrag für Vietnam nicht mehr vom Stipendienkonto abbuchen, sondern ging als Kollektiv in die Fabrik, zu Narva, um anschließend vom Gehalt ein Fahrrad zu kaufen, das sie der Vietkong-Botschaft übergaben. Auch wäre dort genauso antirevisionistisch die Überwindung bürgerlicher Verhaltensweisen sowie die Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit diskutiert worden. Es gab sogar einen Abwaschplan. Das sei ja gerade das Merkwürdige, fügte ich hinzu, dass wir vielleicht seit der Kulturrevolution von Peking ferngesteuert werden – bis hin zu Deng und seiner Modernisierungs-Parole „Bereichert Euch!”

„Mit dem kleinen Unterschied, dass uns die Mao-tse-tung-Ideen eingehämmert wurden, während ihr sie heimlich unter der Bettdecke studiert habt”, sagte sie. „Würdest du noch einmal eine Wandzeitung aufhängen?” fragte ich sie – schon fast verschwörerisch. „Nein,” antwortete sie, „ich bin doch eine moderne Frau, heute würde ich meine Angriffe ins Netz stellen. Und das mache ich auch”. Ich war enttäuscht: Wie konnte man sich nur so leicht von den großen Schriftzeichen verabschieden, von Pinsel und Tusche? „Und mit Besen arbeite ich auch nicht mehr, ich hab nur noch einen Staubsauger und einen Handfeger,“ fügte sie hinzu.

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Fegen (3)

Mein Professor, der marxistische Erkenntnistheoretiker Alfred Sohn-Rethel, besuchte während der Kulturrevolution u.a. den Güterbahnhof von Nanking. Wieder zurück in Bremen meinte er, der Zentralcomputer würde dort nicht mehr gegen die Eisenbahner eingesetzt werden, sondern sie würden ihn in ihrem Sinne nutzen. Dies galt ihm als ein Beweis dafür, dass die chinesischen Genossen auch im industriellen Bereich versuchten, die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufzuheben, nicht nur, indem sie die gebildete Jugend aufs Land schickten – gemäß den berühmten „3 Mits: Mit den Bauern leben, arbeiten und lernen!“ Um die sogenannten „3 Trennungen“ – von der Praxis, vom Volk und von der körperlichen Arbeit – zu überwinden.

Kürzlich hat der junge Schriftsteller Yu Hua im Zusammenhang seines Bestsellers „Brüder” die These aufgestellt, dass die von Deng Xiaoping 1978 eingeleiteten “4 Modernisierungen”, mit denen der kollektive Altruismus zugunsten einer egoistischen Profitsucht abgelöst wurde, ohne die antiautoritäre Kulturrevolution unmöglich gewesen wäre. Erst diese trieb den Chinesen das 2500 Jahre lang eingedrillte hierarchische Denken von Konfuzius aus. In Berlin eröffneten die Chinesen allerdings vor einiger Zeit zusammen mit der einstigen Maoismus-Hochburg FU ihr erstes Kulturzentrum ausgerechnet unter dem Namen „Konfuzius-Institut”.

Es geht in China immer noch um ein Schwanken zwischen Altruismus und Egoismus. Ersterer kulminierte während der Kulturrevolution propagandistisch im vorbildlichen Menschen Lei Feng, der sich als “kleine Schraube der Revolution” begriff – und danach auch handelte, u.a. mit einem Besen. Von seinen altruistischen Taten kündete u.a. ein in Westdeutschland zu maoistischen Zeiten, 1973, veröffentlichter chinesischer Comicroman. Zur gleichen Zeit hatte Joschka Fischer für den Voltaire-Verlag einen theoretischen Text über die “Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit” in der Großen chinesischen Kulturrevolution übersetzt – es handelte sich dabei um einige Kapitel einer Doktorarbeit aus Harvard.

Den jungen Soldaten Lei Feng und sein kurzes Leben nahm sich 2000 Jürgen Kuttner für seine erste Volksbühnen-Inszenierung vor – nicht zuletzt, weil „uns Ostler doch immer noch der ganze SED-Staat um die Ohren gehauen wird, aber den ehemaligen Maoisten im Westen man die chinesischen Verbrechen nie vorwirft.” Kuttner dachte dabei an die Gräuel der Kulturrevolution – und deswegen nun Lei Feng: als ein Comicmärchen-Stück. Inzwischen ist dieser Volksbefreiungsarmist in China sogar zu einem „Popstar” geworden, wie die FAZ schreibt.

Statt US-gentechnisch argumentiert man dort gegen den um sich greifenden Egoismus – eben chinesisch: so brachte z.B. die Firma Shanda ein Computerspiel mit dem Titel „Von Lei Feng lernen” heraus, bei dem derjenige gewinnt, der am meisten anderen Menschen geholfen hat, also der Altruistischste. Und um noch deutlicher zu werden, hat man im renovierten Revolutionsmuseum am Tienamenplatz ein Wachsfigurenkabinett eingerichtet – mit „offiziell anerkannten nationalen Helden” (aus Vergangenheit und Gegenwart). Am Ende der illustren Parade, „wo der Besucher in die Zukunft entlassen wird”, stehen sich auf der einen Seite Lei Feng und auf der anderen Seite der Microsoftgründer Bill Gates gegenüber: Das Politische und das Private – der Revolutionär und der Idiot: Idiot in der alten griechischen Bedeutung von Privatmann – jemand, der sich nicht um die Polis, sondern bloß um seine Privatgeschäfte, den oikos, bekümmert.

Der US-Präsident Coolidge sagte es einmal – positiv – so: „Americas Business is the Business!” In diesem Sinne dürfte Bill Gates der allergrößte Idiot sein – wohingegen die kleine Schraube der Revolution Lei Feng bis zur Selbstopferung das genau entgegengesetzte Prinzip verkörperte. Die chinesische KP selbst versucht, sich dazwischen auszubalancieren. Während gleichzeitig immer mehr KP-Politiker die polis zu ihrem oikos machen und die Kopfarbeiter wieder auf die Handarbeiter herabsehen.

Erinnert sei nur an die Literaturdozentin Yue Daiyun, die während der Kulturrevolution zur Arbeit auf dem Land verurteilt wurde – zusammen mit den Intellektuellen der Pekinger Universität. Sie sollten am Poyang-Sees „ein Projekt zur Umwandlung der Sommerschlammflächen des Sees in festes Land beginnen“. In ihren Erinnerungen schreibt sie: „Manche Intellektuelle fühlten sich wirklich allen anderen in der Gesellschaft überlegen; und einige, besonders die Männer unter den Akademikern waren wirklich vollkommen hilflos – sie konnten nicht einmal Teewasser heiß machen, so sehr waren sie es gewöhnt, von anderen versorgt zu werden“.

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Folgenreiche Anfänge

„Das Prinzip des Privateigentums, des Warentauschs, ist die Negation von Gesellschaft.“ (Alfred Sohn-Rethel) Der von Herodot so genannte „Demokratie-Begründer“ Kleisthenes mußte – im 6.Jhd. v.Chr. in Athen – von den unteren Klassen gezwungen werden, zuzulassen, dass auch vermögenslose Bürger in Staatsämter gewählt werden durften. Für den Altphilologen George Thomson zeigte dies bereits „den Mittelstandscharakter der Revolution“, zudem war die neue Verfassung dem früheren „Stammesmodell“ nachgebildet – und verbarg so die Tatsache, dass mit ihr die „letzten Überreste der urtümlichen gesellschaftlichen Verhältnisse hinweggefegt worden waren,“ d.h. die Warenbesitzer traten sich nunmehr in der „‚Freiheit‘ des offenen Marktes als Gleiche gegenüber.“

Diese allgemeine „Gleichheit vor dem Gesetz“ (isonomia) bezeichnete bereits Diodoros aus Agyrion im 1. Jhd.v.Chr. als Mogelpackung, da sie ohne „Gleichheit des Eigentums“ (isomoiria) durchgesetzt wurde. Infolgedessen hatte sich laut Thomson „der Klassenkampf, weit davon entfernt, beendet zu sein, noch verschärft.“ Es standen sich nun nicht mehr Adlige und Bürger, Mitglieder einer menschlichen Gesellschaft, gegenüber, sondern Sklavenhalter und Sklaven, wobei letztere „aus der Gesellschaft Ausgestoßene“ und zugleich „Schöpfer ihres Wohlstands“ waren. Dadurch entstand eine Spaltung zwischen Konsumtion und Produktion, zwischen Theorie und Praxis. Die „Ersten Philosophen“, von denen nicht wenige Kaufleute waren, mithin Sklavenhändler, verdanken dieser Trennung von Hand- und Kopfarbeit ihre Existenz.

Das beginnt mit Parmenides: „Er ist der Mann, der unveränderliche und rein begrifflich formulierte Gesetze anstelle anschaulicher Ereignisfolgen setzt und der so Wirklichkeit und Welterfahrung, Denken und Anschauung, Wissen und Handeln entschieden voneinander trennt,“ wie Paul Feyerabend in seiner „Naturphilosophie“ (2018) schreibt. Parmenides begründete damit unsere westliche Wissenschaft – mit ihm beginnt die Philosophie, wie Hegel meint.

Als nächster politischer Reformer trat im 6.Jhd.v.Chr. der Kaufmann Solon auf den Plan. Seine Leistung bestand laut Thomson darin, „die Gesellschaft von der Natur geschieden und als ein sittliches Ordnungsgefüge erklärt zu haben“. Die „isonomia“ ohne „isomoiria“ tastete er nicht an, wiewohl er erkannte, dass der Reichtum „kein Maß“ hat und die „Geldgier der Bürger die Stadt zerstören“ könnte. Gleichzeitig sprach er jedoch davon, dass einer, der sich alles leisten kann, nicht reicher ist als ein anderer, der nur genug zu essen hat. Deswegen wollte er Reichtum und Gerechtigkeit nicht gegeneinander ausspielen, „da diese niemals zu erschüttern ist, während das Geld beständig von einem Menschen zum anderen hinüber wechselt.“

Mir drängte sich dieser ganze Demokratie-Widersinn erstmalig als einkommensloser 18jähriger auf, als ich wegen abgefahrener Reifen an meinem alten VW 160 DM Strafe zahlen mußte, die ich nicht hatte. Während z.B. mein beim Staat angestellter Vater eine solche Summe aus seiner Brieftasche hätte bezahlen können – abgesehen davon, das die Reifen an seinem Auto nie abgefahren waren, weil er immer genug Geld hatte, um sie rechtzeitig zu wechseln. Anders gesagt: Die gerechte – für alle gleiche Strafgebühr – war (und ist) eine schreiende Ungerechtigkeit. In Finnland hat man jetzt durchgesetzt, dass die Höhe der Strafmandate sich nach dem Einkommen der damit Belangten richtet:

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In Deutschland helfen einstweilen nur Klebeaktionen:

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Keine Wahl

2001 schlenderte ich die Einkaufsstraße der mongolischen Hauptstadt entlang. Als ich an einem Terrassencafé vorbeikam, sah ich in nächster Nähe von mir ein Pärchen vor zwei Cocktails sitzen: eine junge Mongolin und ein etwa 22jähriger amerikanischer Volontär des Konzerns „Ivanhoe Mines“, wie ich etwas später erfuhr. Ivanhoe ist der Titel eines Kreuzritter-Romans von Sir Walter Scott. Der Bergbaukonzern gleichen Namens hat eine Goldmine in der Mongolei ausgebeutet. Weil er glaubhaft machte, dass er dazu 15 Jahre benötigte, gewährte die Regierung ihm 5 Jahre Steuerfreiheit. Er benötigte jedoch nur viereinhalb Jahre, um alles Gold aus der Mine zu lösen – und weg war er. Dieser „Betrug“ erboste die Mongolen derart, dass es zu gewalttätigen Auschreitungen in der Hauptstadt kam. Inzwischen gehört der Konzern dem noch größeren Bergbaukonzern „Rio Tinto“, der in der Wüste Gobi eine riesige Gold- und Kupfermine ausbeutet.

Zurück zum mongolisch-amerikanischen Pärchen auf der Caféterrasse: Während die junge Mongolin auf der Caféterrasse etwas gelangweilt die Passanten betrachtete, hatte er sich in ein Buch vertieft. Ich spinne nicht: Es war „The White Man’s Burden“ („Die Bürde des Weißen Mannes“ 1899) – ein Poem von Rudyard Kipling, in dem er die Amerikaner zur Kolonisierung Kubas und der Philipinen aufrief, was er als einen humanitären Akt darstellte. Ausgerechnet diesen „Klassiker“ las nun dieser Amischnulli in der Mongolei, während gleichzeitig einen Steinwurf davon entfernt drogenkranke Straßenkinder in der Kanalisation hausten, Frauen an der Landstraße ihre Muttermilch verkauften und die US-Botschafterin in Ulaanbaatar der mongolischen Regierung sagte, was diese als nächstes tun muß.

Sprung – April 2014: Um Russland wie weiland 1918 von White Man’s Nations zu umzingeln, besuchte der US-Verteidigungsminister die Mongolei und bat die Regierung, eine Militärbasis im Land errichten zu dürfen. Der mongolische Verteidigungsminister bedauerte, dass er das nicht genehmigen könne, die Verfassung gäbe das noch nicht her. Aber westliche Experten sind sich sicher: „Wir werden die Mongolei bald nicht mehr wiedererkennen.“ Ja, denn schon werden aus reichen Nomaden seßhafte „Farmer“, die für das Hüten ihres Viehs arme viehlose Nomaden beschäftigen. Für sie ist nun der weiße Mann mit seiner Privateigentumsidee die Bürde.

Die US-Botschafterin in der Mongolei gibt in der dortigen Zeitung laufend politische Ratschläge. In einem Interview meinte sie: „Uns ist es egal, welche Partei an die Macht kommt. Sie haben sowieso keine Wahl.“

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Beschichtungsstoffe

Bei Oranienburg fand ich im Sperrmüll einen großen Tisch mit einer Arbeitsfläche aus grünem Linoleum. Das kannte ich bisher nur als Bodenbelag. Es besteht aus Leinöl, Korkmehl, Naturharzen und Jutegewebe und ist kompliziert herzustellen.

Die erste Linoleumfabrik in Deutschland wurde laut Wikipedia 1882 als „German Linoleum Manufacturing Comp.“ in Delmenhorst gegründet. Die zweite Delmenhorster Linoleumfabrik „Anker-Marke“ wurde zehn Jahre später 1892 gegründet, und die Linoleumfabrik „Adler-Marke“ 1893 in Maximiliansau.

Beim PVC (Polyvinylchlorid) gibt es hartes und weiches – beides ist ein thermoplastisches Polymer. Ab 1935 produzierte die I.G. Farben PVC. Man kennt den Werbespruch der in Sachsen-Anhalt einst ansässigen VEB Chemische Werke Buna: „Plaste und Elaste aus Schkopau“. Das Buna-Werk in Schkopau erwarb nach der sog. Wende der PVC-Hersteller Westlake Vinnolit bei München. 2020 hieß es in einer Firmenmitteilung: „Vinnolit GmbH & Co. KG hat heute am Standort Schkopau Konsultationen mit dem Betriebsrat über die Schließung der dortigen Pasten-PVC-Anlage eingeleitet. Ausschlaggebend für die Entscheidung waren die mangelnde Wirtschaftlichkeit und die fehlende langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Standorts. Die Kunden werden weiterhin von den größeren, rückwärtsintegrierten Vinnolit-Standorten Burghausen, Gendorf und Köln beliefert.“

Das Linoleum wurde aber nicht nur durch PVC ersetzt, sondern auch durch die billigeren Bodenbeläge Stragula und Balatum. Infolge der BRD-Krise in den Sechzigerjahren kam es zu einem drastischen Produktionsrückgang. „Hatten 1960 Linoleum und ähnliche Bodenbeläge wie Stragula und Balatum noch einen Marktanteil von über 50 %, so fiel er bis 1969 auf rund 10 %. Als Folge mussten alle deutschen Werke bis auf das Werk in Delmenhorst schließen oder die Produktion von Linoleum einstellen. Im Zuge des wachsenden Umweltbewußtseins stieg jedoch ab den Achtzigerjahren die Nachfrage nach Bodenbelägen aus natürlichen Rohstoffen und damit auch die nach Linoleum, wobei einer der heute größten Hersteller die DLW AG (Deutsche Linoleum Werke) ist, die seit 1938 in Bietigheim ihren Sitz hat.

Daneben gab es schon seit den Dreißigerjahren den „dekorativen Schichtstoff“ Resopal, der als „High Pressure Laminate“ hergestellt wird. In der BRD wurde er vor allem durch den Einsatz in Küchen, bei Frühstücksbrettchen und Nierentischen aus den 50er-Jahren bekannt. Das Patent dafür wurde 1930 von der Hermann Römmler AG in Spremberg angemeldet. Abnehmer für die Schichtstoffplatte sind laut Wikipedia „u. a. Küchenhersteller. Resopal wird aber auch im Innenausbau, in Nasszellen, in Verkehrsmitteln (Züge, Kreuzfahrtschiffe), im Krankenhaus, im Ladenbau, in Schulen, Sportstätten und im Laborbereich eingesetzt. Es wird in Möbeln und Türen verbaut sowie zur Herstellung von Fußböden genutzt.“

1938 übernahm der Schweizer Konzern „Brown, Boveri & Cie (BBC) die Spremberger Firma, deren Anlagen die sowjetische Besatzungsmacht 1946 demontierte. Wenig später nahm die BBC die Produktion in ihrem Großumstädter Werk (in Hessen) wieder auf.

Gorki hatte einmal vorgeschlagen Biographien von Fabriken zu schreiben. Heute kann man nur noch Biographien von Werkstoffen bzw. Produkten schreiben, denn die Fabriken wechseln immer schneller Besitzer und Namen: 1987 übernahm die schweizerische Forbo AG die Mehrheit an der BBC-Tochter. 1997 wurde Resopal von der Premark FEG GmbH & Co. KG gekauft. Seit 1998 gehört das Unternehmen zum weltweit operierenden Laminathersteller Wilsonart, Temple/Texas, der Teil des ITW-Konzerns (Illinois Tool Works) ist. 2012 wurde Resopal Teil der Wilsonart International LLC, die zu 51 Prozent dem Fondsverwalter Clayton, Dubilier & Rice und noch zu 49 Prozent dem ITW gehört.

Trotz Demontage des Spremberger Werks nahmen einige Meister dort mit vom russischen Kommandanten überlassenen kaputten Maschinen die Produktion vor Ort wieder auf. Ihr Resopal nannten sie nun Sprelacart. „Die Großumstädter glaubten nach der Wende die Firma Sprela für kleines Geld kaufen zu können,“ schreibt Wikipedia. „Dem verweigerte sich die Treuhand jedoch. Die Gläubiger bestellten einen Insolvenzverwalter, der in den Papieren von Sprela ein so großes Potential erkannte, dass er selbst als Unternehmensberater das Werk kaufte. Als die Amerikaner in Großumstadt bei Resopal einstiegen und Personal abbauten, kehrten Ingenieure, die vorher bei Römmler in Spremberg waren, zurück. Mit doppeltem KnowHow und einer diplomatischen Firmenleitung überholte der Umsatz von Sprelacart und Laminat bis heute die Großumstädter Resopal-Platten.“ SPRELA ist damit eines der wenigen DDR-Betriebe, die überlebt haben.

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Plüsch

Der Plüsch ist ein Gewebe oder Gewirke mit sehr weicher Haptik. Aber warum wird alles immer plüschiger, puscheliger, kuscheliger? Die Frauenzeitschrift „Elle“ und die Männerzeitschrift „Mens Health“ verrieten: „Die besten Stellungen für Kuschelsex“ – „für noch mehr Spaß“. Dabei geht es beim Kuschelsex gerade nicht um „Stellungen“, deswegen ist das Genre „Kuschelporno“ („Cuddle Porn“) ein Etikettenschwindel, denn es sind normale Pornos, vielleicht grad mal eine Nuance kuscheliger und werden „Cuddle Fucking“ genannt.

In der U-Bahn sprach jemand ein Mädchen mit „Hallo Puschel!“ an. Ein Puschel ist laut Duden eine weiche Quaste oft aus Plüsch. Auf „Amazon“ findet man „eine große Auswahl an Puschel für verschiedene Zwecke und Anlässe“. Ein „Plüsch-Kaufhaus“ bietet „über 3000 hochwertige Kuscheltiere“ an.

Die juvenilen Rucksackträger lassen bunte Puschel oder Kuscheltiere an ihren „City-Bags“ raushängen, sog. „Puschelanhänger“, und schlafen neben „Kuscheltieren“. Diese sind häufig aus Plüsch und werden daher auch als Plüschtiere bezeichnet. In Frank Schulz Roman „Amor gegen Goliath“ (2024) war das einschneidendste Erlebnis des späteren „Womanizers“ Philipp Büttner die Trennung von seinem Teddybär. Meine alte Tante hat immer noch ihren Plüschteddy von „Steiff mit Knopf im Ohr“. Ihm fehlt inzwischen die halbe Schnauze und vom vielen Waschen ist ihm das Fell mürbe geworden, gar nicht mehr kuschelig. Im Roman „Matisse“ (2015) des Geopoeten Alexander Ilitschewski fand der „Straßenmensch“ Wadja einmal im Moskauer Müll einen solchen „Plüschbär mit abgerissener Nase, der ein hicksendes Gejaul von sich gab“.

Für Puschel, auch Püschel, Bommel oder Pompon genannt, findet man im Internet Bastelanleitungen. In einer Anime-Serie heißt das Eichhörnchen Puschel und bei „ticketonline“ kann man sich Eintrittskarten sichern, um „Puschelgeschichten live auf der Bühne zu erleben“. Hausschuhe, Türstopper, Deko-Engel, Anorakkrägen, Autositze – alles muß puschelig sein. Auf „puschel-wiki“ werden 26 Puschelarten aufgelistet: von „Berufspuschel“ über „Gruselpuschel“ und „Tierpuschel“ bis zu „Zwergpuschel“. Ehrlich gesagt verstehe ich diese Puschelarten alle nicht. Vielleicht haben sie etwas mit der „Puschelfarm“, einem Browsergame, zu tun und werden dort sogar „produziert“.?

Ich favorisiere jedoch eine andere Herkunft dieses ganzen Kuschelkitsches, eine global-ökonomische Erklärung. Meine Freundin wollte jedoch nicht auf meine Vermutung eingehen, dass ein rotchinesischer Textilkonzern den europäischen Markt mit Billigplüsch überschwemmt, ganze Schiffladungen, die in Hamburg angelandet und dann hier zu Plüschdecken und diversen Puscheln verarbeitet werden.

Sie, die erst beim Aufwachen Alpträume hat, vertrat stattdessen eine andere Plüschtheorie: Danach hat die Erosion des Sozialen, das Fading-Away aller Top-Down-Entscheidungen, die Klimaerwärmung, das Artensterben, das ganze Plastik im Meer, die wachsende Atomkriegsgefahr, der nahezu globale Rechtsruck, die gestiegenen Benzin- und Flugpreise, die Miet- und Strompreissteigerungen sowie die haarsträubend-deduktiven Narrative der bürgerlichen Politik und Presse etc. im Verein mit der Natürlichen Intelligenz (NI) und der Künstlichen Intelligenz (KI), dazu geführt, dass immer mehr Menschen sich angesichts der wachsenden Zahl komplexer „Konflikte“ nur noch „Einkuscheln“ und mit immer mehr Plüschobjekten umgeben wollen. Das „Cuddeln“ wäre damit Weltflucht und nicht wie das „Grooming“ bei den Affen eine Verstärkung der sozialen Beziehungen. Es gibt stattdessen immer mehr „Kuscheltherapien“, eine heißt „Kuschelhimmel“.

Obwohl: Eine Kollegin verriet mir neulich, dass ihr 17jähriger Sohn von seiner Freundin verlassen worden war und tagelang depressiv im Bett lag mit seiner Plüscheule im Arm, zu der er Sätze sagte wie „Du bleibst mir doch treu, oder?“ „Du verläßt mich nie!“ Wenn die Angst vor Konflikten, die Hilflosigkeit und scheinbare Ausweglosigkeit so weit gedeiht, dass die Handlungsmacht auf die Dinge übergeht, auf Plüschtiere z.B., dann stellen diese vielleicht auch so etwas wie eine soziale Bindung zu ihrer „Bezugsperson“ her.

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Poller

Es droht eine neue Pollerwelle. Bisher gab es vier in Berlin, das heißt: nur in Westberlin, dem Osten war das dafür verwendete Metall zu wertvoll, um es für industriell hergestellte Poller zu verschwenden. Es gab dort nur individuelle von Hausmeistern gebastelte.

Die erste Westberliner Pollerwelle in den achtziger Jahren war dem zunehmenden Parkdruck geschuldet. Weil die lebenden Polizisten im Westen, im Gegensatz zu den Vopos im Osten, nicht ständig Falschparker aufschreiben wollten, entschied man sich für stumme Polizisten: eben für Poller. In Kreuzberg durchgehend für in Ungarn hergestellte „Wellmann-Poller“, von den Lokalpolitikern „Kreuzberger Penisse“ genannt, die wegen des Randale-Tourismus ankerverstärkt geliefert wurden.

Die zweite Welle kam mit den „modernen“ elektronisch versenkbaren Pollern, mit denen man ganze Innenstadtbezirke absperren kann. Lieferanten bekommen eine Art Fernbedienung. Weil jedoch immer mal wieder ein Pkw noch schnell durchfahren wollte und dann von einem hochfahrenden aufgespießt wurde, installierte man noch kleine Ampeln daneben, in Leipzig zum Beispiel.

Die dritte Welle kam nach Terrorangriffen mit Lkws gegen Massenveranstaltungen auf Plätzen und bestand neben besonders stabilen versenkbaren Pollern aus temporären Betonquadern.

Die vierte Welle sollte die sich derzeit üppig vermehrenden RadfahrerInnen schützen, weswegen man diese „Protektionselemente“ nennt.

Deren Formenvielfalt will der Senat nun zugunsten eines einheitlichen Berlin-Pollers ausmerzen, wozu er die Verpollerung aus der Bezirksverantwortung nehmen möchte.

Das Vorbild ist hierbei Amsterdam, wo man mit diesen „Amsterdammertjes“ auch die Stadt bewirbt und sie zum Beispiel als Souvenirs (etwa in Form von Schlüsselanhängern) kaufen kann. Dort gibt es jedoch auch ein „Entpollerungsprogramm“ – von einem Berliner Architekten, der den Ku’dammpoller entwarf.

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Foto: Stefanie Peter

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James C. Scott

In den Siebzigerjahren zogen in Westdeutschland etliche Linke aufs Land, so auch ich – in eine Landkommune. Und weil dort in landwirtschaftlicher Hinsicht alles anders gemacht werden sollte, kam bei mir der Wunsch auf, erst einmal die normale (moderne) Landwirtschaft kennen zu lernen. Dazu arbeitete ich – von Nord nach Süd – bei diversen Mittelbauern als Betriebshelfer.

Sie hatten im Durchschnitt alle etwa 100 Hektar und Milchvieh. Danach wollte ich auch noch die sozialistische Landwirtschaft kennen lernen und bewarb mich – vergeblich – in drei Botschaften von sozialistischen Ländern. Aber einige Jahre später „fiel die Mauer“ und meine Freundin und ich wir stellten uns im November 1989 bei einer LPG Tierproduktion in Saarmund vor. Am 1. Dezember fingen wir als Rinderpfleger im Nachbardorf an, wo die Brigade für Kälber, Färsen, Jungbullen und etwa 60 Schweinen zuständig war. Jeden Morgen um 5 fuhren wir mit unserem alten Audi aus Kreuzberg los und zogen in der LPG Blaumann und Stiefel an, die man uns zugeteilt hatte. Die Brigade bestand aus 10 Leuten und wir arbeiteten uns nicht tot, so oft es ging saßen wir im Sozialraum, tranken Kaffee und diskutierten die Zeitläufte.

Das hielten wir bis zu den Märzwahlen 1990 durch, aber theoretisch beschäftige ich mich auch weiterhin mit Landwirtschaft. In diesem Zusammenhang stieß ich auf den Anthropologen James C. Scott. Er war Leiter des Programms für Agrarstudien an der Yale-Universität und betrieb nebenbei eine kleine Landwirtschaft in Connecticut. Und sein Buch, das mich begeisterte, hieß – übersetzt: „Die Kunst, nicht regiert zu werden“ und war eine „Anarchistische Geschichte der kleinen Völker im Hochland von Südostasien“. Scott hatte in den Sechzigerjahren ein Jahr an der Universität von Rangoon in Burma gelehrt und u.a. ein Buch über den Fluß Irrawaddy veröffentlicht. Daneben mehrere Bücher über die bäuerliche Wirtschaftsmoral, die Waffen der Schwachen und den Widerstand gegen das Beherrscht-Werden. Ins Deutsche übersetzt sind bis jetzt nur seine Bücher „Die Mühlen der Zivilisation – eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten“ und „Applaus dem Anarchismus“.

Gleich im ersten Applaus-Kapitel berichtet Scott, dass er im Spätsommer 1990 sechs Wochen in einer LPG bei Neubrandenburg arbeitete. Er hatte ein Stipendium im Westberliner Wissenschaftskolleg und um vorab sein Deutsch zu verbessern, kam er auf die Idee, auf einem Bauernhof zu arbeiten. Ein Freund von ihm hatte einen Schwager, der Leiter einer LPG in Pletz war und ihm dort Arbeit sowie Kost und Logis verschaffte. Die LPG-Mitarbeiter begegneten ihm jedoch mit so großem Mißtrauen, dass die Arbeit für ihn ein „Alptraum“ wurde. Man vermutete, er sollte bei ihnen im Dienst holländischer Investoren oder des neuen Staates (der Treuhand?) spionieren.

Die LPG war auf den Anbau von „Stärkekartoffeln“ spezialisiert, die als „Stärkebasis für osteuropäische Kosmetika“ dienten. Für diese war jedoch der Markt zusammengebrochen und so verrotteten die Kartoffeln neben den Bahngleisen. Die LPG-Mitarbeiter fragten sich darob, ob nicht alle „das blanke Elend erwartete“ und welche Rolle Scott dabei womöglich spielte. Außerdem, ob seine „schwächlichen Deutschkenntnisse“ nicht die Arbeitsabläufe gefährden könnten: „Würde ich die Schweine zum falschen Tor hinauslassen, so dass sie auf das Feld eines Nachbarn gerieten? Würde ich den Gänsen das Futter geben, das für die Bullen gedacht war? Würde ich immer daran denken, das Tor zu schließen, wenn ich in der Scheune arbeitete…Ich hatte ihnen, das ist wahr, in der ersten Woche mehr als genügend Grund zur Beunruhigung gegeben.“

Das war bei meiner Freundin und mir in der LPG nicht der Fall – im Gegenteil. In „unserer“ Brigade herrschte ein arbeiterliches, kein bäuerliches Bewußtsein und damit kamen gelegentlich wir ins Grübeln: Wenn ich z.B. die Stallgasse bei den Färsen allzu sauber fegte, sagte mein Kollege Bernd: „Mach es nicht zu ordentlich, sonst stecken die da oben sich das an den Hut.“ Oder wenn ich am Tor, an dem der Traktorfahrer ein Stück Putz weggerissen hatte, meinem Kollegen Michael vorschlug, dass wir das doch nebenbei wieder verputzen könnten, sagte der: „Das muß die Maurerbrigade machen.“ Ich entgegnete, dass er als Maurer doch wüßte, das diese Brigade aufgelöst sei. Woraufhin er nur sagte: „Da müssen die da oben sich einen Kopp drüber machen.“

Umgekehrt wollte es mir nicht in den Kopp, dass der Traktorfahrer Jens uns nasses vergammeltes Stroh zum Einstreuen brachte. Damit würden die Tiere schon nach 10 Minuten wieder im Mist stehen. „Ja, aber nasses Stroh läßt sich leichter mit Traktor ausmisten,“ meinte er.

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Lamarckismus/Lamarxismus

Dabei geht es um einen tragischen Helden: den Biologen Paul Kammerer, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus stark machen wollte. Von 1902 bis 1926 experimentierte er in der Biologischen Versuchsanstalt „Vivarium“ im Wiener Prater mit Amphibien, um den Nachweis zu führen, dass sich Erfahrungen vererben können. Er scheiterte: Ein Prüfer des Zentralorgans der Darwinisten „Nature“ wies nach, dass sein Präparat einer Geburtshelferkröte, die den Einfluß einer veränderten Umweltbedingung auf den Organismus beweisen sollte, verfälscht worden war.

Unbeeindruckt von diesem Wissenschaftsskandal bot die Sowjetunion, gedrängt u.a. von den lamarckistischen Biologen um Boris Kusin und den Dichter Ossip Mandelstam, Kammerer ein eigenes Institut in Moskau an. Der international gefeierte, durch den Fälschungsvorwurf jedoch entehrte Amphibienforscher zog es jedoch vor, sich im Wiener Wald zu erschießen.

Der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, und seine Frau drehten daraufhin 1928 mit Geldern aus der deutschen Arbeiterbewegung einen Spielfilm über Kammerer: „Salamandra“ – in dem der linke Lamarckist von rechten Darwinisten und Jesuiten in den Selbstmord getrieben, jedoch im letzten Moment von Lunatscharski persönlich gerettet und in die Sowjetunion gebracht wird, wo er frei forschen kann und dafür vom Staat alle Unterstützung bekommt. Der Film wurde in Deutschland verboten.

2017 veröffentlichte der Wiener Soziologe Klaus Taschwer eine Geschichte der Biologischen Versuchsanstalt „Vivarium“, die – von jüdischen Wissenschaftlern initiiert und finanziert – mit dem Einzug der Nazis in Österreich für immer abgewickelt worden war: „Experimentalbiologie im Wiener Prater“. Der Gründer und Leiter, Hans Leo Przibram, starb in Theresienstadt, seine Frau beging Selbstmord.

Bereits 1971 versuchte der Schriftsteller Arthur Koestler Kammerer als Wissenschaftler mit einer Biographie „Der Krötenküsser“ zu rehabilitieren. 2010 wurde sein Buch wieder neu aufgelegt. Im Nachwort schreiben die Herausgeber: „Kammerer ist eine Art Gegenheld zur etablierten Wissenschaft.“

2019 hat der einst am Münchner Institut für Experimentelle Chirurgie forschende Arzt und Schriftsteller Michael Lichtwarck-Aschoff sich in seinem Buch „Der Sohn des Sauschneiders Oder ob der Mensch verbesserlich ist“ erneut den „Fall Kammerer“ vorgenommen. Es wird den genialen Biologen vielleicht auch nicht rehabilitieren, aber dafür ist sein „Roman“ genial. Der Autor erzählt darin die Geschichte des Wiener „Vivariums“ aus der Sicht einiger dort beschäftigter Hilfstierpfleger, die vom Land kommen, in ihrer Dorfsprache – dem „Steinbüchlton“ und zugleich im „Vivariumton“. Sie bringen ihr eigenes lamarckistisches Anliegen mit in die Versuchsanstalt: Sie wollen Kühe ohne Hörner, die diese doch domestiziert nicht mehr brauchen. Wenn die Menschen gut zu ihnen sind, u.a. mit ihnen zusagender Musik, bilden sich ihre Hörner in einer freundlichen Umwelt vielleicht zurück – und sie vererben dann sogar ihre „Hornlosigkeit“. Tatsächlich wird auf diese Weise ein Kalb ohne Hörner geboren und schon bald ist Steinbüchl das „Dorf der Hornlosen“. Dies Buch ist auch eine Parodie auf den amerikanischen Neodarwinismus, denn dieser „produziert“ seit 2018 hornlose Rinder mittels Gentechnik.

Boris Kusin lernte Mandelstam in Armenien kennen, wo der Biologe auf der Suche nach einer Art Cochenilleschildlaus war, aus der man den roten Farbstoff Karmin gewinnt, den die Sowjetunion nicht länger aus dem Westen importieren wollte. Es gab sie dort auch, aber die armenische Laus lieferte zu wenig Farbstoff. Immerhin begeisterte Kusin dort Mandelstam für die Biologie. Zurück in Moskau gründeten sie dazu einen kleinen Arbeitskreis.

Mandelstam wurde 1938 nach Wladiwostok deportiert und starb unterwegs, während man Kusin nach Kasachstan verbannte. Von dort holte ihn 1956 der Polarforscher Iwan Papanin, nachdem er als Leiter der Hauptverwaltung Nördlicher Seeweg in Rente gegangen und Reorganisator der lamarckistischen Forschungsstation „Borok“ an der künstlichen Wolgainsel „Darwin“ geworden war. Kusin wurde sein wissenschaftlicher Leiter dort. „Borok“ war ein Gutshof gewesen, den Sawwa Morosow geerbt hatte, der jedoch als Bolschwik ins Ausland flüchten mußte und erst mit der siegreichen Revolution zurückkehrte und den Gutshof zurück bekam, den er dann der Wissenschaft übereignete. Papanin machte daraus die größte limnologische Forschungsstation der Welt – sie existiert noch heute, auch einige unveröffentlichte Manuskripte von Kusin liegen dort noch „begraben“. Irgendwann wird man sie hervorholen und veröffentlichen – wenn sie nicht vorher auf dem Müll landen.

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Anthropause

Dieser ganze, inzwischen schon fast globale Rechtsruck, der vielleicht mit der unseligen „Wiedervereinigung“ einsetzte und die linke Bewegung endgültig ins Abseits drängte, hat micht bewogen, eine Anthropause einzulegen. Selbst die zaghaften Ansätze eines ökologischen Denkens und Planens werden derzeit ad acta gelegt zugunsten eines parteienübergreifenden Ausländerabschiebewillens. Was dieses biodeutsche Wollen unter den ganzen Ausländern mit deutschem Pass anrichtet, kann man noch gar nicht abschätzen.

Die Anthropause ist für mich nichts Neues. Ich hatte sie schon einmal eingelegt – als die Bremer Schülerbewegung verebbte und verschiedene Wirtschaftsbetriebe, in denen ich gearbeitet hatte, mir nur „Bullshit Jobs“ gewährten. Weswegen ich dann als Hilfpfleger im Bremer Tierpark arbeitete, der einem indischen Großtierhändler gehörte. Dort war ich u.a. für 12 indische Flughunde verantwortlich. Sie waren mir die liebsten Tiere, die ich zu versorgen hatte, obwohl ich jeden Tag einen ganzen Eimer Obstsalat für sie zubereiten musste. Und nicht nur für sie. Aber die Flughunde erwiesen sich als äußerst dankbare Abnehmer. Obwohl Früchte- und Nektarfresser hatten sie spitze Zähne, ihr Gesicht war eher fuchs- als hundeartig, jedoch feiner und kleiner. Sie hatten ein schönes Gesicht, sie sahen überhaupt schön aus, rotbraun mit dunklen großen Flügeln, an denen sich jeweils ein hakenähnlicher Daumen befand, mit dem sie wild herumfuchtelten, um sich möglichst schnell vorwärts zu hangeln und in den Fruchtsalat zu stürzen.

Irgendwann gingen sie auf Transport – in den Tierpark eines Ostblocklandes. Ich war damals noch davon entfernt, die Flughunde in der Perspektive einer „Ökologie ohne Natur“ wahrzunehmen, wie der Philosoph Timothy Morton das nennt; er meint damit, dass eine wahre Ökologie die Trennung zwischen Kultur und Natur aufgelöst hat, und womit ich erst einmal nur meine, dass man dazu einem Tier dauerhaft sehr nahe kommen muss, was bei mir nicht der Fall war.

Die japanische Anthropologin Chihiro Hamano ist dem im Rahmen einer Feldforschung in Deutschland über Mensch-Tier-Verbindungen nachgegangen. Ihr Bericht darüber heißt „Saint Zoo“ (2023). Sie geht davon aus, „dass sich die Persönlichkeit von Tieren innerhalb der Beziehung zu ihnen entwickelt“. Am Ende schreibt sie: „Sich im Entdecken von Persönlichkeit zu üben ist eine Form von ‚Liebe‘, wie ich nun erfahren habe“. Dabei ist sie zu ähnlichen Schlüssen wie der holländische Biologe Midas Dekkers gekommen. In seinem Buch „Geliebtes Tier“ (2003) heißt es über den Unterschied zwischen Tierschutz und Naturschutz: „Die erste Voraussetzung für eine Beziehung besteht darin, dass man den anderen als Individuum betrachtet. Bei Naturschützern ist das nicht der Fall. Die lieben einen Regenpfeifer als Repräsentanten aller Regenpfeifer und sagen: ‚In dieser Gegend kommt der Regenpfeifer vor‘. Um ein Tier lieb zu haben, muss man es als Individuum ansehen. Dann erst tritt eine persönliche Beziehung an die Stelle einer versachlichten. Eine ganze Tierart kann man nicht lieb haben, das einzelne Tier aber sehr wohl.“ Im Idealfall entsteht daraus ein „Ich-Du“-Verhältnis im Sinne des Philosophen Martin Buber.

Dies könnte auch die Tierrechtlerin Hilal Sezgin unterschreiben, aber in Ethik geschult geht sie trotzdem aufs Ganze, wobei sie jedoch einräumen muss, dass sie bei ihren „Begegnungen mit Wildtieren immer wieder an die Grenzen“ nicht nur ihrer „praktischen Möglichkeiten“ stößt, „sondern eben auch an die Grenzen ethischen Nachdenkens,“ wie sie in ihrem Buch „Vom fordernden und beglückenden Leben mit Tieren“ (2023) über die Mitbewohner ihres Tierhofs in der Lüneburger Heide schreibt. Weil „ihre“ Tiere dort eines natürlichen Todes sterben können, werden sie immer älter und auch kränker, was Hilal Sezgin bisher ein Vermögen an Medikamenten und Operationen gekostet, aber auch ihre Gedanken über Tiere und das Zusammenleben mit ihnen enorm geschärft hat.

In meiner Familie war das ähnlich bei einem Hund, einer Katze und einem Sperling der Fall, im Bremer Tierpark war es dann ein Pfleger bei den Hornträgern, ein ehemaliger Bauer, der keinen Feierabend kannte und z.B. Tage vor der Geburt im Stall einer Antilope schlief, um ihr notfalls sofort helfen zu können. Soweit ich das beurteilen konnte, fanden die hochträchtigen Antilopen das auch tatsächlich hilfreich. Wie so viele Tierliebhaber hatte er mit Menschen nicht mehr viel im Sinn. Weil ich mich im Rahmen eines kleinen Arbeitskreises seit 1999 vor allem mit Biologie beschäftige, lag es nahe, erneut eine Anthropause einzulegen, auch wenn ich mich jetzt praktisch bloß um zwei Katzen kümmere. Mit Jaroslav Hasek könnte ich trotzdem sagen: „Ich habe die Seite gewechselt und bin jetzt bei den Tieren“. Oder auch Ossip Mandelstam zitieren: „Ich habe mein Schach auf die Biologie gesetzt, damit das Spiel ehrlicher werde.“

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Ubermenschen

Der „Übermensch“ (mit „ü“) ist ein Idealmensch, der laut Wikipedia über das gewöhnliche Leben eines als normal abgewerteten Menschen hinausgewachsen ist oder hinausstrebt. Dieser „homme supérieur“ taucht bei vielen Denkern auf – bei Augustinus, Dante, Luther, Dostojewski, Sri Aurobindo etc. Berühmt wurde vor allem Nietzsches „Übermensch“, der einen neuen Menschentypus propagierte. Ebenso später der Harvardprofessor und LSD-Propagandist Timothy Leary für den 1988 der Mensch von Morgen ein Kalifornier sein wird – ein Ubermensch (mit „u“).

Nicht nur der Weltkonzern „Uber“ hat sein Hauptquartier in San Francisco. Hinter diesem Unternehmen steckt laut Wikipedia das Kapital von Benchmark Capital, Goldman Sachs, Google Ventures, First Round Capital, Menlo Ventures und Lowercase Capital. Auch der Springer-Verlag hat sich an Uber finanziell beteiligt. Ebenso mit 500 Millionen Dollar der von Elon Musk mitgegründete kalifornische „Bezahlfreund“ (PayPal), der bis 2015 zum kalifornischen Konzern „eBay“ gehörte. Ferner beteiligen sich der japanische Automobilhersteller Toyota sowie ein Konsortium des japanischen Unternehmens Softbank an Uber. Das chinesische Internetunternehmen Baidu will smit 600 Millionen US-Dollar bei Uber einsteigen.

Die Uber-Produktpalette umfasst u.a. UberEats, das Fastfood von McDonald’s ausliefert. Im Uber-PR-Beirat sitzt der ehemalige BILD-Chefredakteur Kai Diekmann. Die Berliner Mercedes-Benz-Arena heißt jetzt Uber-Arena.

Seit Ende 2019 darf Uber über seine App in ganz Deutschland vorerst keine Beförderung per Mietwagen mehr anbieten. Dies entschied das Langericht Frankfurt/Main mit sofortiger Wirkung. Beobachtungen zeigen jedoch laut Wikipedia, „dass Uber dieses Gerichtsurteil weitestgehend ignoriert und dies auch öffentlich bekundet.“

Weitere kalifornische Ubermenschen, die eine globale Plusmacherei anstreben, ist der in Palo Alto lebende Mark Zuckerberg, der viertreichste Mann der Welt. Er betreibt mit seiner Firma „Meta (Über) Platform“ u.a. „Facebook“. Dann ist da noch „Google“ mit Sitz in Mountain View Kalifornien, gegründet von Larry Page und Sergey Brin, die Platz 13 und 14 auf der Forbes-Liste der reichsten Männer belegen.

Der Hauptsitz des Apple-Konzerns befindet sich im kalifornischen Cupertino. Ihr Gründer Steve Jobs lebte in San Francisco und starb 2011 in Palo Alto Kalifornien. Der Apple-Konkurrent Microsoft hat sein Konzernhauptquartier in Seattle Washington. Dessen Gründer Bill Gates besitzt mehrere Häuser in Kalifornien. Seine Stiftung, zur weltweiten Verbesserung der Gesundheitsversorgung, deren wichtigste Mitarbeiter (von 1500) erst einmal mit der Beeinflussung oder Unterwanderung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschäftigt sind, ist mit über 60 Milliarden Dollar die weltweit größte Privatstiftung. Sie hat ihren Sitz ebenfalls in Seattle. Dort befindet sich auch der Amazon-Konzern von Jeff Bezos.

Dieser besitzt außerdem noch ein Raumfahrtunternehmen nahe Seattle: „Blue Origin“ genannt. Zudem gehört ihm die einflußreiche Tageszeitung „Washington Post“ und die Biotechnologiefirma „Altos Labs“, ein Silicon Valley Unternehmen, in dem es um Unsterblichkeit geht, d.h. wo über Lebensverlängerungsmöglichkeiten geforscht wird. Bezos war der erste Ubermensch, dessen Vermögen die 200 Milliarden Dollar Marke überschritt.

Mehr als doppelt so groß ist heute das Vermögen von Elon Musk, Gründer des Raumfahrtunternehmens Space X und des Elektroautounternehmens Tesla sowie des Mikrobloggingdienstes X (vormals Twitter). Seine Firmensitze sind verstreut, er behauptet, alle seine sieben Häuser in Kalifornien verkauft zu haben und inzwischen mal hier und mal dort zu wohnen, zuletzt vor der Präsidentenwahl im Haus von Trump in Florida.

Anfänglich waren die meisten der hier erwähnten kalifornischen Ubermenschen noch vom New Age Spiritualismus und vom Buddhismus angetan sowie von der posthippiesken Atmosphäre in San Francisco. Inzwischen wird diese jedoch von ihren Entwicklern und Managern im nahen Silicon Valley weggentrifiziert. Das einzige, was sie beibehalten, sind LSD-Mikrodosen, die sie ständig einwerfen, um noch profitablere Ideen umzusetzen.

Der „Freitag“ berichtete gerade, dass der Tech-Standort Silicon Valley lange als „links und woke“ (d.h. liberal und halbwegs sozial) galt, aber nun haben sich die dortigen Unternehmer dem „Trumpismus verschrieben“.

Zu den Silicon Valley Konzernen gehören auch noch Cisco und Oracle und im kalifornischen Santa Clara der KI-Entwickler Nvidia (lateinisch Neid), der 2024 zum „wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt“ aufstieg. Als 2025 der chinesische Chip-Entwickler „DeepSeek“ mit einem „KI-Assistenten“ auf den Markt kam, fiel der Nvidia-Börsenwert jedoch um fast 600 Milliarden Dollar. Zuvor hatte das chinesische Videoportal TikTok bereits Facebook den Rang abgelaufen und soll in den USA verboten werden.

Morgan-Stanleys Hightech-Analystin, Mary Meeker, wies bereits 2011 in einer Präsentation vor Silicon-Valley-Chefs darauf hin, dass inzwischen sechs der 15 größten Internet-Aktiengesellschaften in Asien angesiedelt sind. Trumps Regierungsprogramm sieht eine 500-Milliarden-Investition für ein „Mega-KI-Projekt“ (Der Freitag) vor, um in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht China weiterhin Paroli zu bieten. Das erklärt vielleicht, warum die kalifornischen Ubermenschen Trump-Follower wurden.

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Ukrainischer Ausverkauf

In der Ukraine fielen die „Chicago Boys“, die wirtschaftswissenschaftliche Speerspitze des Neoliberalismus, als erstes nach 1991 ein. Schon bald nach ihrem Beratungseinsatz war die Ukraine laut Spiegel „das korrupteste Land Europas“ – und die ausländischen Investoren standen Schlange.

Mit dem Erfolg, dass Bauern, die in der EU 100 Hektar besaßen, in der Ukraine nun 2-3000 Hektar bewirtschaften. Allein 40 große ukrainische Agrarbetriebe sind in deutscher Hand. Ein österreichischer Bauer übernahm eine aufgelöste Kolchose und mästet dort 4500 Schweine. Einer der größten Schweinebetriebe ist in dänischer Hand.

Investoren aus Russland beteiligten sich direkt an ukrainischen Agrarbetrieben. China bewirtschaftet 100.000 Hektar Ackerland in der ostukrainischen Schwarzerderegion, das auf drei Millionen Hektar vergrößert werden soll. Neben dem Futtermittelanbau sollen darauf vor allem Schweine für den chinesischen Markt gezüchtet werden. Die chinesische Agroholding China National Cereals, Oils and Foodstuffs Corporation (COFCO) ist einer der größten Arbeitgeber in der ukrainischen Landwirtschaft und einer der größten Investoren in die landwirtschaftliche Infrastruktur (über 200 Milliarden Dollar seit 2008).

US-Investoren stiegen bisher, ähnlich wie die russischen, in ukrainische Agrarbetriebe ein. „Selbst Land kaufen dürfen die ausländischen Unternehmen in der Ukraine nämlich nicht, schreibt „Die Zeit“, „doch die Investoren finden andere Wege. Sie können Land pachten, maximal 49 Jahre lang, zu günstigen Preisen. Sie nehmen Einfluss, indem sie Kredite an ukrainische Unternehmen vergeben, und sie beteiligen sich auch direkt an den Betrieben, zum Beispiel indem sie Aktien kaufen. Einige der ukrainischen Holdings sind an westlichen Börsen notiert, so gehören sie zumindest teilweise Anlegern aus dem Westen.“

Und diese Unternehmen weiten ihren Einfluss auf den ukrainischen Agrarsektor immer weiter aus. Nach der mit US-Hilfe und Gewalt gelungenen Absetzung von Präsident Viktor Janukowitsch 2014, der das „Assoziationsabkommen“ der Ukraine mit der EU abgelehnt hatte, das u.a. den Anbau von „Genprodukten“ vorsah, wurde eine Harvard-Businessfrau, Natalie Jaresko, Finanzministerin, die seit den 1990er Jahren in der Ukraine einen von den USA aufgelegten privaten Aktienfonds zur Förderung von Investitionen verwaltete und Geschäftsführerin von ‘Horizon Capital’ war, einer Investmentfirma in Berlin mit 11 Milliarden Dollar, die westliche Investitionen im Land betreut.

Die riesigen Schulden, die die Ukraine seit ihrer gelenkten „Orangenen Revolution“ 2004 beim IWF und der Weltbank hatte, wurden vom IWF genutzt, um den Tausch von „Natur gegen Schulden“ zu erzwingen. Man nennt das „Schuldenfallen-Diplomatie“. Auf diese Weise erwarben die drei US-Konzerne Cargill, Dupont und Monsanto 17 Millionen Hektar ukrainisches Ackerland (so viel wie ganz Italien hat). Ihre Hauptaktionäre sind die US-Investmentfirmen Vanguard, BlackRock und Blackstone. BlackRock verfügt über 10 Milliarden Dollar, Vanguard über 6 Milliarden und Blackstone über 881 Milliarden – für gewinnbringende Investitionen. Gemeinsam werden diese sechs „global player“ den Anbau von genveränderten und patentierten Nutzpflanzen durchsetzen – auf 28 Prozent des ukrainischen Landes, das nun amerikanisch ist.

„Cargill, Vertreiber von Pestiziden, Saatgut und Düngemitteln, hat inzwischen in den Bau von Getreidespeichern, Sonnenblumenöl-Fabriken und Tiernahrung investiert, daneben erwarb das Unternehmen einen Anteil von 25 Prozent plus eine Aktie an einem Getreideterminal in der Hafenstadt Noworossijsk. Außerdem verfügt es über Anteile an ‘UkrLandFarming’, dem größten Agrobusiness des Landes. Die Firma Monsanto hat die Anzahl ihres Mitarbeiterstabs in der Ukraine verdoppelt. Im März 2014, nur Wochen nach der Absetzung von Janukowitsch, investierte Monsanto 140 Millionen Dollar in den Bau einer Saatgutfabrik. Auch DuPont kündigte den Bau einer Saatgutfabrik in der Ukraine an,“ schrieb Frédéric Mousseau, Strategiedirektor des kalifornischen Oakland Instituts, 2015 auf „oaklandinstitute.org“. Er beschuldigte die USA und die Europäische Union, gemeinsam die Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft zu betreiben. „Die Bestrebungen zeugten sowohl von der direkten Verstrickung des Westens in den Ukraine-Konflikt als auch von Verantwortungslosigkeit gegenüber den ukrainischen Bauern und europäischen Verbrauchern.“ Für Mousseau sind alle Messen in der Ukraine bereits gesungen: Die Agrarkonzerne haben ihre Investitionen derart erhöht, dass es einer „Übernahme der ukrainischen Landwirtschaft durch westliche Firmen“ gleichkomme. Den Rest der ukrainischen Ressourcen werden sich die westlichen Staaten und Konzerne nach Beendigung des Krieges auch noch holen – es gab bereits eine „Geberkonferenz“, die in Wahrheit eine „Nehmerkonferenz“ war.

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Naturkosten 1

In einer Talkshow erzählte ein Millionär, dass er für die Operation seiner Katze 18.000 Euro bezahlt hätte. Das Publikum maulte: Wie kann man für ein schnödes Tier so viel Geld ausgeben. Die Tierschützerin Karen Duve meinte: Wenn er sich von dem Geld ein schickes Auto gekauft hätte, würde das keiner kritisiert haben.

Zwei Zootierpfleger erzählten mir, dass es in der DDR private Züchter von Papageien, Königsittichen, Trakopanfasanen etc. gab. Die beiden hatten sie auf gesucht, um im Tiertausch Nachzuchten für den Zoo zu bekommen, dabei erfuhren sie, daß fast alle diese Vögel durch Eierschmuggel über die Westdeutsche-Westberlingrenze gelangt waren. Ein Königssittichpärchen kostete im zuchtfähigem Alter 15.000 bis 20.000 Ost-Mark. Die Eier wurden für ein Taschengeld in Australien Nestern entnommen und dann von jemanden aus Gefälligkeit im Flugzeug mitgenommen. Die Oma, die in den Westen fahren durfte, hat dann z.B. von ihren Verwandten „Wachteleier“ geschenkt bekommen.

Die brasilianischen Spix-Aras sind wildlebend ausgestorben, aber in einigen Zoos und bei privaten Haltern leben noch weltweit 160, berichtete „spektrum.de“. Einer kostet etwa 100.000 Dollar. 2011 meldete die Märkische Oderzeitung: Die letzten Spix-Aras leben in einer Papageienzucht-Einrichtung in 15566 Schöneiche. Sie gehören zur „wertvollen ‚Reservepopulation‘ des Vereins zur Erhaltung bedrohter Papageien“. Sie werden dort „umsorgt von Pflegerinnen, Tierärzten und Biologen, geschützt hinter Sicherheitstoren und Stahlzäunen, überwacht von Kameras und abgeschirmt von blickdichten Hecken,“ schrieb die Süddeutsche Zeitung 2018.

2015 wurden in Schöneiche vier Spixaras geboren, der Vereinsvorsitzende Martin Guth („Ich komm aus‘m Osten. Papageien waren schön bunt“) schickte zwei der Jungvögel zwecks Auswilderung nach Brasilien. Sie wurden von der brandenburgischen Umweltministerin am Flughafen Tegel medienwirksam verabschiedet.

Die Schweizer „Handelszeitung“ berichtete, dass der Schweizer Geschäftsmann „R.M.“ 2008 in Brasilien verhaftet wurde, nachdem man 10 Papageieneier in den Taschen seiner speziellen Weste gefunden hatte. Er habe die Eier zum Züchten erhalten, verteidigte R.M. seine „Dummheit“.

Die Journalistin Anja Rützel besuchte einen bayrischen Kurs in „Bibermanagement“ und berichtet darüber in ihrem Buch „Saturday Night Biber“ (2017). Gleich auf der ersten Folie des Kursleiters stand: „Bibermanagement ist Menschenmanagement“. Dazu gehöre auch ein sensibler „Bibertourismus“, der die Tiere nicht stört oder vertreibt. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist wenn ein Biberproblem am Stammtisch landet,“ meinte der Kursleiter. Zur Not müsse man eine „Biberumsiedlung“ vornehmen, was rund 7000 Euro pro Tier koste.

2018 schickte die BBC den Biologen Mark Carwardine und den Satiriker Douglas Adams mit einem Kamerateam auf eine „Reise zu den aussterbenden Tieren unserer Erde“, 1991 erschien ihr Bericht „Die letzten ihrer Art“ darüber. Ihre Recherchen führten sie u.a. nach Mauritius. Dort wurden sie vom Ornithologen Richard Lewis und dem Biologen Carl Jones abgeholt, die mit viel Geld von Spendern eine Rettungsstation für bedrohte Tierarten auf Mauritius betreiben. Anfangs machten sie bei der kostspieligen Aufzucht und anschließenden Auswildung der seltenen Mauritiusfalken und Rosentauben Fehler: Die Inselbewohner fingen sie alle oder schossen sie ab und aßen sie auf. „Wir konnten es einfach nicht fassen“.

Das BBC-Team wurde von der Botanikerin Wendy Strahm begleitet, die ihnen eine Pflanze – als die letzte ihrer Art – zeigte: eine wilde Kaffeesorte (Ramus mania). Sie galt als ausgestorben – bis ein Schüler dort doch noch eine Pflanze am Straßenrand entdeckte. Um ihre Abholzung zu verhindern, wurde sie schnell eingezäunt, aber dadurch wurden die umliegenden Bewohner auf sie aufmerksam. Sie stiegen über den Zaun und rissen kleine Äste, Blätter und Rindenstücke ab. „Da der Baum etwas Besonderes war, wollte jeder ein Stück davon haben“. Ihm wurden plötzlich Heilkräfte angedichtet. Vor dem Zaun wurde deswegen noch ein Stacheldrahtzaun errichtet. „Dann mußte der erste Stacheldrahtzaun von einem zweiten Stacheldrahtzaun eingezäunt werden und dann der zweite von einem dritten, bis das Gehege sich über knappe 2000 Quadratmeter erstreckte. Schließlich wurde auch noch ein Wächter eingestellt, um die Pflanze zu schützen.“. Im Botanischen Garten von England, Kew Garden, versuchte man unterdes „mit Ablegern dieser einen Pflanze zwei neue Pflanzen zu kultivieren“, um sie irgendwann auszuwildern.

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Naturkosten 2

Seit dem Siegeszug des Neoliberalismus gibt es einen Trend zur Rehabilitierung des Wolfes. Nach der Wende wimmelte es in der Berliner Treuhandanstalt von westdeutschen Privatisierungsmanagern und Investoren, die „Wolf“ mit Vor- oder Nachnamen hießen. „Die benehmen sich schlimmer als Kolonialoffiziere“, meinte der kurz darauf erschossene Treuhandchef Detlev Rohwedder, wobei man sofort einen „Russen“ als Täter annahm. Den Privatisierungsmanagern standen auf ostdeutscher Seite überforderte Betriebsräte gegenüber, die nicht selten Friedbert, Christfried oder Lammfromm hießen, einer sogar Feige mit Nachnamen. Kein Witz, sondern ein Fall von Namensmagie im ausklingenden 20. Jahrhundert. Die sich im 21. mit Wolfowitz, Wolfensohn etc. sogar noch steigerte.

Im Maße die Brandenburger in den Neunzigerjahren wegen der Abwicklung ihrer Betriebe gen Westen abwanderten, gelang es dort verschiedenen Raubtieren von Polen aus einzuwandern. Im Januar 2000 kam der erste (dreibeinige) Wolf über die Oder . Er wurde eingefangen und in den Tierpark Schorfheide verbracht. Der Tagesspiegel titelte: „Die Angst vor dem Osten oder Sibirien ist unheimlich nah“.
2003 wurde der Wolf zum „Tier des Jahres“ gekürt. Im Monitoringjahr 2022/2023 wurde die Wolfspopulation in Deutschland bereits auf etwa 1.400 bis 2.500 Tiere geschätzt, offiziell sollen es 185 Rudel, 45 Paare und 22 Einzeltiere sein.

Aber nun geht es ans Reduzieren: Die Jäger töteten eine Wölfin aus dem Herzlaker Rudel; dann die Mutterwölfin des Burgdorfer Rudels, ferner eine Wölfin aus dem Rodewalder Rudel (das 1,25 Millionen Euro Schaden verursachte); in der Hohen Rhön wurde eine falsche Wölfin (GW3092f) erschossen; im Rudel Schermbeck wurde die Wölfin Gloria als „Problemwölfin“ zum Abschuß freigegeben; ebenso eine Wölfin ohne Rudel in Schleswig-Holstein (die Jäger verlangten jedoch, anonym zu bleiben). Die grüne Umweltministerin Steffi Lemke verkündete, sie wolle Abschüsse von Wölfen erleichtern.

In den USA hat man bereits Erfahrung mit dem Abschießen, Auswildern und wieder Abschießen von Wölfen. Im Yellowstone-Nationalpark wurden 1916 die ersten Park-Ranger durch den US-Kongress eingestellt, sie sollten gegen die Wilderer vorgehen (die bis dahin vom Militär gejagt wurden), zugleich sollten sie aber auch Pumas, Luchse, Rotluchse, Koyoten und andere Fleischfresser ausrotten, 1926 erschossen sie den letzten Wolf im Park. Dort vermehrten sich dann jedoch die Wapitihirsche derart, dass die Ranger bis 1970 tausende umsiedelten oder erschossen. Danach stieg ihre Zahl aber wieder so an, dass sie die Weiden- und Pappelsetzlinge abfraßen. Für 117 Millionen Dollar wurde daraufhin 14 in Kanada gekaufte Wölfe im Park ausgesetzt, woraufhin sich langsam wieder eine ökologische Vielfalt einstellte.

2012 verfügte der US-Kongress aufgrund von Eingaben der Jäger, dass die Wölfe von der Liste der bedrohten Arten gestrichen wurden. Bereits sechs Monate später hatten Jäger und Fallensteller von geschätzten 1700 Wölfen 550 getötet. Darunter befanden sich auch 7 Wölfe mit Senderhalsbändern, die ihnen Forscher im Yellowstonepark angelegt hatten. Auf „HuntWolves.com“ war zuvor verraten worden, wie die Jäger deren Funkstrahlen orten und für sich nutzen können.

Unter den von ihnen erschossenen Tieren befand sich die berühmte Wölfin „Null-Sechs“, Anführerin eines Rudels im Lamar-Tal. Die New York Times widmete ihr einen langen Nachruf. Weil sich ihr Rudel danach zerstreute, verringerte sich der vor allem auf das Lamar-Rudel fokussierte Wolfs-Tourismus und die Zahl der Sponsoren für die teuren GPS-Halsbänder für die Parkwölfe und für deren Erforscher. Sie fragten sich: Warum sollen wir weiter Geld für Wölfe geben, wenn diese doch erschossen werden? Der Parkverwaltung entstand dadurch ein finanzieller Schaden von 11 Millionen Dollar.

2020 veröffentlichte der Journalist Nate Blakeslee „Die wahre Geschichte des berühmtesten Raubtiers von Yellowstone: Die Wölfin“. Darin heißt es: „Die Jäger konnten 100 Wölfe außerhalb des Parks abschießen. Ohne dass es jemandem auffiel. Aber erschoss man einen Parkwolf, den die Menschen kennen und lieben gelernt hatten, redeten plötzlich der ganze Staat über die schlimme Jagd auf Wölfe.“ Ebenfalls 2020 erlaubte Trump zum Entsetzen der Wildhüter das Erschlagen von jungen Wölfen und Bären.

Anfang 2025 meldete die Presse im In- und Ausland auch noch den Tod der Wölfin „907f“ im Yellowstonepark. Sie war die Leitwölfin des Junction Butte Rudels und wurde knapp 12 Jahre alt. Die halbblinde und hinkende Wölfin starb Heiligabend nach einem Kampf mit einem anderen Rudel. Die Parkverwaltung sprach von einem „großen Verlust“.

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Genpolitik

1820 wurden in England die menschlichen Lebensgrundlagen dem selbstregulierenden Markt untergeordnet – mit der definitiven Liberalisierung der Arbeits-, Boden- und Geldmärkte. Die Zerstörung der Allmende (des Gemeinschaftseigentums) und die Atomisierung der Dorfgemeinschaften kam um 1860 zum Abschluß. Theoretisch gerechtfertig wurde diese “schöpferische Zerstörung” von den drei Liberalen Jeremy Bentham, Herbert Spencer und Thomas Malthus.

Sie lieferten Charles Darwin die tragenden Begriffe für seine Evolutionstheorie, die 1859 veröffentlicht wurde: Er übernahm von Jeremy Bentham den Utilitarismus, den dieser begründet hatte: das Prinzip der Nützlichkeit. Daneben entwickelte Bentham panoptische Gefängnisse und Arbeitshäuser. Nach ihm dienten alle Lebensäußerungen eines Individuums der Nutzenmaximierung. Vom Philosophen Herbert Spencer übernahm Darwin die Vorstellung vom Überleben des Tüchtigsten: dem “Survival of the fittest”. Spencer kreierte einen Sozialevolutionismus, indem er naturwissenschaftliche Erkenntnisse auf die Gesellschaft übertrug. Von Thomas Malthus übernahm Darwin den Populationsbegriff und die Idee der Konkurrenz als treibende Kraft der Entwicklung: der „Evolution“. Der Nationalökonom Malthus hatte berechnet, dass die Bevölkerungszahl exponentiell steige, die Nahrungsmittelproduktion in derselben Zeit aber nur linear. Die erheblichen sozialen Probleme seiner Zeit betrachtete Malthus in erster Linie als Folgen einer zu großen Bevölkerung. Er empfahl, die Armenhilfe einzuschränken, sie sei wider die ‘Naturgesetze’. Denn direkte Hilfe würde seiner Meinung nach die Armen nur ermutigen, noch mehr Nachkommen zu zeugen – und so neue Armut schaffen. „Damit leitete er einen Wandel in der britischen Armenpolitik ein: weg von Almosen, hin zu Zuchthäusern” – so das “manager-magazin”. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichte diese asoziale englische Weltanschauung mit Margret Thatchers berühmten Ausspruch: „Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen.”

Gleichzeitig erlebte die angloamerikanische Biologie mit Richard Dawkins Gen-Reduktionismus und seinen einfältigen Computer-Lebewesen-Vergleichen einen abscheulichsten Tiefpunkt. Der Evolutionsbiologe saß an der Universität Oxford auf dem Lehrstuhl für „Public Understanding of Science“ und sollte seinen „Ultradarwinismus“ unter die Leute bringen. In seinem Hauptwerk „Das egoistische Gen“ begriff er die Gene als evolutionäre Treiber und das ganze Lebewesen als „schwerfälligen Roboter“: „Individuen sind nur als Vehikel für das Überleben der Gene von Bedeutung”. Dem Gen als „Zielpunkt der natürlichen Selektion” widmete er ein Gedicht: „Ein wanderndes egoistisches Gen/Sagte: ‘Körper hab ich schon viele gesehn./Ihr denkt, ihr seid schlau,/Doch ich weiß ganz genau:/Ich lebe ewig, und ihr müsst vergehn’.”

Diese Sichtweise ist nahezu identisch mit der Weltsicht der preußischen Junker, namentlich den Ständen des Kurmärkischen Kreises wie das Haus des Grafen Finckenstein und das des Ludwig von der Marwitz, die erst gegen Napoleon und dann gegen die „Stein-Hardenbergschen Reformen“ kämpften – vor allem gegen deren Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern.

Für Hardenberg hatte der Adel seine „politische Bedeutung“ schon lange eingebüßt. Aufklärung und Bürgertum hatten dessen ideologischen Grundlagen zerstört. Nur der Landadel hielt noch stand. In ihm war „das patriachalische und Familienwesen noch so fest gegründet, dass das bloße Lesen noch keinen Eindruck machte,“ wie Marwitz schrieb. Die Familie als Genealogie ist hier das konservierende Element, „in der das einzelne Glied“ Hannah Arendt zufolge „als diese bestimmte Person mit ihrem persönlichen Schicksal kaum eine Rolle spielte. Dennoch ist der einzelne unersetzbar wichtig als Vertreter des Standes und als Garant der Unsterblichkeit des Geschlechts.“

Dass dieser Einzelne in der Erbfolge aber „ein Recht auf sein persönliches Leben“ und den Anspruch „glücklich zu sein“ geltend macht, hält Marwitz für eine „grundfalsche Prämisse“ der modernen Zeit, aus der „die ganze Teufelei, die seitdem Europa auf den Kopf gestellt hat“ resultiert. Der Einzelne ist für ihn bloß der momentane Repräsentant des „dauernden und unveränderlichen Interesses des Standes als einer moralischen, sonach unsterblichen Person“.

Aus dem Stammbaum der Adelsgeschlechter wurde die Anthropogenese der Evolution. „Das Geheimnis des Adels ist die Zoologie,“ kann Marx deswegen sagen. Sein „Egoistisches Gen“ lebt, sofern kein „Junkerland in Bauernhand“ gerät, für die Ewigkeit, während der jeweilige Sprecher des „Adelsnestes“ es nur für den Augenblick repräsentiert. Er hat sonst nichts anderes zu tun. Der letzte Sproß des Gens derer von Marwitz, Hans-Georg (geb. 1961), bekam nach Auflösung der DDR den Gen-Stammsitz Gut Friedersdorf fürn Appel und n Ei zurück. Das galt auch für den letzten Sproß des Hauses Finckenstein, Karl Wilhelm (geb.1923), der 1990 das Landschloss seiner Familie in Alt Madlitz zurück bekam. Mit Dawkins könnte man solche rückwärtsgewandten Restitutions- und damit Kontinuitätsvorgänge auch als „Rache der Gene“ bezeichnen.

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Gentechnik

Ab etwa 2000 wurde fast täglich ein neues Gen isoliert. In den Medien war jedesmal triumphalistisch vom endlich entdeckten „Neid-Gen“, „Erfolgs-Gen“, „Schönheits-Gen“, „Eifersuchts-Gen“, „Fettmach-Gen“, „Autisten-Gen“, „Juden-Gen“ usw. die Rede. Sogar das Magazin der Max-Planck-Institute titelte: „Singvögel mit Casanova-Gen“. Jede Lebensäußerung und -einstellung war plötzlich biologisch determiniert und die Biologie damit zur Leitwissenschaft geworden. Als es den Biochemikern Watson und Crick gelang, ein räumliches Modell der DNA-Doppelhelix zu erstellen, teilte ersterer der Presse mit, es sei ihnen gelungen, „den Code des Lebens zu knacken“.

2021 hat die US-Zeitschrift „The New Yorker“ einen 11 Seiten langen Text über die Pro-und-Contra-Diskussion eines Buches der US-Psychologin Kathryn Page Harden: „Die Gen-Lotterie – Wie Gene uns beeinflussen“ veröffentlicht. Dieses „bahnbrechende Buch bietet eine kühne neue Vision einer Gesellschaft, in der es allen gut geht…“

Harden arbeitet auf dem Gebiet der „Verhaltens-Genetik“, u.a. gründete sie das „Texas Zwillings Projekt“. Sie untersucht den Einfluß der Gene auf Charaktereigenschaften (Neurotizismus, Verträglichkeit) und Lebensumstände (wie Bildungs-Errungenschaften, Intelligenz, Einkommen, Kriminalitätsanfälligkeit). Der „New Yorker“ fragte sich: „Kann Harden die Linken davon überzeugen, dass Gene wichtig sind – und die Rechten, dass die Gene nicht alles entscheiden?

Weil sich herausstellte, dass man eben nicht alles mit den Genen erklären kann, kreierten israelische Mäuse-Forscherinnen die „Epigenetik“: Eine nicht-genetisch bedingte Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften. Es ist dies alles die ewige Diskussion „Angeboren oder Anerzogen“ – ein Lavieren zwischen Neodarwinismus und Lamarckismus.

2009 veröffentlichte der Biologe Bernhard Kegel das Buch „Epigenetik“. Darin heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor von der New Yorker Columbia Universität angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden‘.“

Der französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, er räumt jedoch ein, dass er in der Industrie durchaus Sinn macht – also Profite. Und mit Industrie ist vor allem die angloamerikanische Biologie gemeint: über 80% aller US-Biologen sind Geschäftsführer oder Teilhaber von Firmen.

Die Genkritikerin Silja Samerski sagte in einem Interview: „Das ,GEN‘ ist nichts anderes als ein Konstrukt für die leichtere Organisation von Daten, es ist nicht mehr als ein X in einem Algorithmus, einem Kalkül. Aber außerhalb des Labors wird es dann zu einem Etwas, zu einem scheinbaren Ding mit einer wichtigen Bedeutung, mit Information für die Zukunft… über das sich anschaulich und umgangssprachlich reden lässt. Es ist jedoch sehr fraglich, ob man umgangssprachlich über Variablen von… oder Bestandteile eines Kalküls oder Algorithmus sprechen kann, ob sich also überhaupt außerhalb des Labors sinnvolle Sätze über ,GENE‘ bilden lassen, die von irgendeiner Bedeutung sind. Wenn aber solche Konstrukte in der Umgangssprache auftauchen und plötzlich zu Subjekten von Sätzen werden, mit Verben verknüpft werden, dann werden sie sozusagen in einer gewissen Weise wirklich.“

Wie wirklich hat der Berater von Biotech-Unternehmen William Bains in der Zeitschrift „Nature Biotechnology“ angedeutet: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.“ Und darum geht es!

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Das amerikanische Bilderinventar in Europa

Die Besetzung der DDR als Neuland dauert bis in die Gegenwart an und „ist in starkem Maße von einem europäischen Diskursgeflecht überzogen, was nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, dass die Langfristigkeit und Sichtbarkeit dieser Diskurse mittels ihrer Verschriftlichung sichergestellt wurden,“ schreibt die Literaturwissenschaftlerin Ana Pizarro, die mit dem spanischen Conquistador gleichen Namens weder verwandt noch verschwägert ist. Ihr Statement erinnert an einen kanadischen Indigenen, der von einem Bayreuther Ethnologen über die Büffeljagd ausgefragt, antwortete: „Unsere Vorfahren haben die Bison geheiratet, sie haben ihre Lebensweise kennengelernt, und sie haben diese Kenntnisse von Generation zu Generation weitergegeben. Die Weißen schreiben alles in ein Buch, um es nicht zu vergessen.“

Ostelbien „ist wie eine große Mauer“, in die laut Pizarro „unzählige Geschichten eingeflochten sind“. Es muß natürlich heißen, dass das Land von einer großen Mauer umgeben war, allerdings nur nach Westen hin, und dass erst seit ihrem Verschwinden „unzählige Geschichten“ dort eingeflossen sind. Dieses Land gilt es auf gut lateinamerikanisch zu erobern.

Weiter heißt es in der Monografie der chilenischen Femme de Lettres: „Die Länder, die bei diesem amerikanischen Beutezug miteinander konkurrierten, spornten ihre Vertreter zu dem Abenteuer an, diese Region des [europäischen] Kontinents zu erforschen.“ Bei diesem „Beutezug“ hatten die amerikanisierten „Besserwessis“ dank einer klugen Politik der Treuhandanstalt, die das Land und seine Reichtümer als erste verschriftlicht hatte, um es besser durchzuprivatisieren, eine Rangliste aufgestellt, die festlegte, welche Länder sich zuerst und welche sich zuletzt in Ostelbien bedienen durften. Als erste kamen die westelbischen Wirtschaftsmächte dran, dann folgten andere Länder mit ebenso eindrucksvollen militärisch-industriellen Komplexen. Priorität wurde auch der Rückgabe der einst enteigneten jüdischen Besitztümer eingeräumt, diese wurde jedoch durch ein „Investitionsvorranggesetz“ listig ausgehebelt.

Wie der Literaturwissenschaftler Ottmar Ette irgendwo anmerkt, hat jedes An-sich-Reißen sein „Vor-Gewußtes“, verweise jedes An-sich-Reißen auf ein anderes. „Es war nicht nur die Lust daran, Unbekanntes zu entdecken,“ schreibt Ana Pizarro, die das An-sich-Reißen zu einer besonders reizvollen Tätigkeit machte; „es war die Möglichkeit, in ihr den Intertext zu lesen, die Persönlichkeiten anderer An-sich-Reißer wiederzuerkennen sowie auf andere außergewöhnliche Wesen oder Tiere zu treffen“.

„Außergewöhnlich Wesen“, dass waren einerseits die emanzipierten Ostfrauen, die „den besseren Sex“ hatten, wie eine Studie der US-Ethnologin Kristen Ghodsee ergab. Angeblich hatten sie „doppelt so viele Orgasmen“ wie die westelbischen Frauen („ich muß unbedingt mal wieder Ostweiber beschlafen,“ meinte deswegen ein Treuhandmanager zu einem Kollegen auf einer Betriebsräte-Konferenz in der Kongreßhalle am Alexanderplatz). Andererseits waren die „außergewöhnlichen Wesen“ feindliche Ostmänner. Sie betranken sich, grölten und schwangen „Baseballschläger“ gegen Andersdenkende, obwohl sie nie Baseball gespielt hatten und die Spielregeln nicht kannten. Zu den „außergewöhnlichen Wesen“ zählte aber auch die „Stasi“, die noch gefährlicher war, weil nach wie vor „der Russe“ irgendwie hinter ihr stand. Angeblich war jeder zweite Ostelbier ein Stasispitzel, was den Umgang mit ihnen besonders prickelnd machte, da man nie wußte, ob oder ob nicht.

Und „Tiere“ – das waren die in Westelbien längst ausgestorbenen Biber, Seeadler, Großtrappen, Wölfe. Letztere drängten allerdings sofort über die verschwundene Mauer nach Westen rein, um dort Tod und Verderben zu bringen oder sich schlicht als Schäferhunde getarnt in den Weichbildern der rechtsrheinischen Städte einzurichten. Für einige Tiere waren diese jedoch nur Zwischenstationen auf dem Weg nach Süden.

Umgekehrt gab es das Selbe jedoch auch unter den An-sich-Reißern. Der Drang nach Osten eröffnete laut Ana Pizarro „der Fantasie einen Raum des Bekannten-Unbekannten und verursachte von jeher einen virtuellen Transformationsprozess“ – im An-sich-Reißer selbst und in denjenigen, die sehnsüchtig auf seine Einschätzungen, Berichte und Kompromate warteten. Erwähnt sei der Wirtschaftsredakteur der „Woche“, Peter Morner. Er schrieb angesichts all der Schätze, die im Osten darauf warteten, privatisiert zu werden – wie im Delirium: „Bangemachen gilt nicht. Auf also nach Sibirien – ohne Zaudern, ohne Angst!“

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Endzeit-Geraune

Man sprach vor etlichen Jahren schon von der „German Angst“. Jetzt bescheren die ganzen Kriege und Krisen den Deutschen eine Realangst oder jedenfalls sind die Praxen der Verhaltenstherapeuten und Tiefenpsychologen geradezu überlaufen, wie mir der Berliner Atemtherapeut Christoph Großheim berichtete. Man nimmt auch die Veröffentlichungen von Apokalyptikern wieder wahr.

Ich erinnere mich, dass ein Friedensaktivist, ich glaube, er hieß Kohl, 1982 ein Buch publizierte, in dem er die Folgen einer atomaren Verstrahlung in Oberhessen, dort wo im NATO-Jargon der „thüringische Balkon auf die hessische Taille“ stößt, schilderte. Ein fürchterliches Buch: der Autor suhlte sich geradezu in halbverbrannten und verstrahlten Toten. Dazu muß man wissen, dass der März-Verleger Jörg Schröder, der damals dort lebte, zuvor, 1980, in der Zeitschrift „Transatlantik“ eine Geschichte veröffentlicht hatte, in der es um „Atomminendepots an der DDR-Grenze“ ging. „Alle vierzig Kilometer entlang der Grenze hat die Nato Munitionsdepots eingerichtet, die auch Atomwaffen enthalten. In als Wasserwerke getarnten Sprengstoffbunkern lagern zusammen mit konventionellem Sprengstoff hochradioaktive Atomminen, die für die entlang der Grenze ausgehobenen Atomminenschächte bestimmt sind.“ Die Amerikaner, die diese Atomminen vom Typ „Golf“ dort im Angriffsfall zünden wollten, um die Rote Armee zu stoppen, hatten die Gegend als „Ground Zero“ ausgewiesen. Das war kein Endzeit-Geraune, sondern eine erschreckende Tatsache, die durch Jörg Schröders Bericht die darniederliegende Friedensbewegung noch einmal beflügelte.

Es gab schon früher apokalyptische Phantasien – u.a. von Arno Schmidt, der 1951 eine Erzählung „Schwarze Spiegel“ veröffentlichte. Darin schildert er in Tagebuchform als „der letzte Mensch“, wie er sich aus den menschenentleeren Dörfern Sachen holt, die er für den Bau und die Einrichtung einer Hütte in der Lüneburger Heide braucht. In seinen anderen frühen Erzählungen klagte er bereits, dass es trotz Krieg zu viele Menschen gäbe und dass die Rote Armee den letzten Zug beschoss, in dem er und einige andere Leute flüchten wollten.

Ganz anders das 1938 auf Englisch und 1971 auf Deutsch erschienene Kinderbuch „Die grüne Wolke“ von Alexander Neill, dem Gründer des antiautoritären Internats „Summerhill“. Die Grüne Wolke schwebt über der Erde und versteinert alle Menschen – bis auf acht Internatsschüler und ihren Lehrer Neill, die sich in einem Luftschiff oberhalb der grünen Wolke befanden. Als „die letzten Menschen auf der Erde“ wollen sie daraufhin eine neue Ordnung für sich schaffen. Jedes Kapitel in dem Buch ist eine Episode, die Neill seinen Schülern vorm Einschlafen erzählt. Wenn einer ihn kritisiert, weil er darin zu schlecht weggekommen ist, läßt Neill ihn in der nächsten Episode sterben.

Die Berliner Kulturanthropologin Luise Meier ist weniger rabiat in ihrem halbutopischen Roman „Hyphen“ (2024) vorgegangen und ihre Endzeit ist auch nicht durch Massenvernichtungswaffen oder grüne Wolken entstanden: Die Handlung spielt in naher Zukunft zwischen Rügen und Marzahn und beschreibt Selbstorganisationsformen und vernetzte Wirtschaftsweisen, die in der BRD bereits seit einigen Jahrzehnten real existierten, jedoch aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft nicht weit kamen. Dem hat Luise Meier nun vorgebeugt, indem sie die „Energieschranke des Kapitals“ (Sandrine Aumercier) derart radikal in Szene setzte, dass das Kapital verschwand, weil die Energieversorgung (Strom, Gas, Öl) zusammengebrochen ist – und mit ihr alle „Top-down“-Institutionen. Diese werden nun aber nicht durch „Bottom-up“-Einrichtungen ersetzt. Die lokalen Initiativen verbleiben in der Horizontalen und verdichten sich dort. Dabei ahmen sie Pflanzenwurzeln (Roots) und Pilzhyphen (sic) praktisch nach, die als Verbündete Mykorrhizen bilden. Mit dem vorläufigen Endergebnis: Ein „Großteil beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025“ (dem Jahr des ersten Stromausfalls, der endgültige erfolgte 2027). Diese Zufriedenheit hat laut Luise Meier ihren Grund „eindeutig“ in der „Zunahme von Selbstwirksamkeit oder ‚Sinn‘“ sowie in der „Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation“ (die jedoch in der Wirklichkeit 2024-25 zunehmen und den Psychotherapeuten viele Klienten zutreiben).

Eher metaphorisch reden derzeit 600 russische und 15 Belarussische Atomwissenschaftler von „Endzeit“, weil man ihnen in der „European Organization for Nuclear Research“ (CERN bei Genf) gekündigt hat. Eine Embargo-Maßnahme. Von „wahren apokalyptischen Zuständen in der Heimat“ berichten dagegen die nach Deutschland geflüchteten Ukrainerinnen den nach 1991 hierher emigrierten Russinnen, bei denen sie eine Anstellung als Putzfrau, Köchin, Pflegerin oder Kindermädchen fanden – und das sind nicht wenige.

Aber wie apokalyptisch ist das denn – was die US-Mathematikerin Cathy O’Neill in ihrer Studie „Weapons of Math Destruction“ (2016) herausfand? Sie schildert darin die Anwendung von Algorithmen in Versicherungen und bei Stipendienvergabestellen, die Arme, Schwarze und Leute aus „schlechten Wohngegenden“ diskriminieren – und damit laut O’Neill „die Demokratie unterminieren“.

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Solschenizyn

Als Mitte der Siebzigerjahre Alexander Solschenizyns Hauptwerk „Der Archipel Gulag“ auf Deutsch erschien, wurde er sogleich von der Springerstiefelpresse vereinahmt, die ja schon immer gewußt hatte, dass die Kommunisten allesamt Verbrecher sind.

Für uns Linke, die 1967/68 den Höhepunkt der antiautoritären Studentenbewegung und in den Siebzigerjahren dann den Zerfall dieser Bewegung in unterschiedliche Gruppen und Kollektive erlebten, waren Solschenizyns Bücher damit tabu. Nichtsdestotrotz schenkten alle möglichen westdeutschen Eltern ihren studentischen Kindern die drei Bände des „Archipel Gulag“. Diese sollten damit von ihrer Neigung zum Kommunismus geheilt werden. Aber so einfach ging das nicht. Erst als in den Achzigerjahren der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ wirkte, freundeten die Linken sich langsam mit der „sozialen Marktwirtschaft“ an und sogar mit der elenden „Plusmacherei“.

1987 meinte der Bewegungshistoriker Hans-Dieter Heilmann, der 1962 in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) eingetreten war: „So ist das eben – damals waren wir zu zwölft. Und heute sind wir wieder zwölf“. 1989 fingen wir beide in einer LPG als Rinderpfleger in der Vormast an. Nach den Märzwahlen 1990 kauften wir wie blöd und für fast Nichts DDR-Bücher aus den abgewickelten Betrieben, deren Bibliotheken aufgelöst wurden.

Ein ebenfalls abgewickelter Leipziger Philosoph eröffnete zusammen mit seinem Freund ein Antiquariat in Kreuzberg, wo ich oft hinging. Der Laden lief gut: „Wir können unseren Frauen damit das Studium finanzieren,“ meinte er in den Neunzigern. Zwanzig Jahre später klagte er: „Niemand kauft mehr Bücher. Inzwischen müssen unsere Frauen uns finanzieren.

In den Neunzigern eröffneten viele Antiquariate und ich sichtete ihre Bücherbestände. Dabei fiel mir auf, dass überall reihenweise Solschenizyns Gulag-Bände standen – alle ungelesen. Das waren die elterlichen Belehrungsgeschenke für ihre linken Söhne und Töchter gewesen, die diese in ihre Bücherregale gestellt und nie angerührt hatten. Ich kaufte mir für ein paar Mark die drei Bände – und war begeistert von diesem Autor und seiner Ironie, mit der er die Schrecken der Arbeitslager schilderte.

Der Humor läßt sich fallen, bis auf das Schwarze unter dem Fingernagel, die Ironie erhebt sich und ist subversiv. Daraufhin las ich auch noch die anderen Bücher von Solschenizyn – sie kosteten alle Nichts.

1963 hatte er in seiner Erzählung „Matrjonas Hof“ den Anfang mit einer neuen, nicht mehr heroisch-sozialistischen  „Dorfliteratur“ gemacht, im Jahr darauf wurde er dafür für den Leninpreis vorgeschlagen. Schon in seinem zuvor veröffentlichten Lager-Bericht „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ war es ihm darum gegangen, dass man gute handwerkliche Arbeit leisten sollte – auch und gerade unter den widrigsten Umständen. In einem weiteren Lager-Bericht ging es dann um eine dreiköpfige Brigade in einem kleinen Gulag-Luxus-Lager bei Moskau, die an einer abhörsicheren Telefonanlage für Stalin arbeitete. Sie bestand aus dem Mathematiker Solschenizyn, dem Sprachwissenschaftler Lew Kopelew und dem Ingenieur Dimitri Panin. Solschenizyn hat ihre intellektuelle Zwangsarbeit in seinem Buch „Der erste  Kreis der Hölle“ beschrieben, Kopelew in „Aufbewahren für alle Zeiten“ und Panin in den „Notebooks of Sologdin“.  Aus seinem altrussischen Arbeitsbegriff folgte für Solschenizyn später: „Es geht nicht darum, immer mehr zu verdienen, sondern immer weniger zum Leben zu brauchen.“

Nachdem Solschenizyn 1970 den Nobelpreis für Literatur bekommen hatte, geriet ein Jahr später sogar sein auf viele Bände angelegtes „Rotes Rad“ über den 1. Weltkrieg und die Revolution auf die Spiegel-Bestsellerliste. Auch die ersten drei dieser Bände las ich mit Begeisterung. Als die Sowjetunion aufgelöst wurde und die DDR verschwand, stellte der Verlag leider die Übersetzung des vierten Band ein. Und Solschenizyn stellte die weitere Arbeit am „Roten Rad“ angeblich „aus Altersgründen“ ein.

Wegen des im Ausland veröffentlichten „Archipel Gulag“ war er 1974 ausgewiesen worden. Zunächst fand er Aufnahme bei Heinrich Böll. Über mehrere Stationen ließ er sich schließlich in Vermont nieder. 1994 kehrte er nach Russland zurück. Ab seinem Aufenthalt in den USA wurde er in seinen Reden und Schriften immer reaktionärer und nationalistischer. 1995 bekam er ein eigenes Fernsehmagazin, das jedoch wegen schwindender Popularität bald wieder eingestellt wurde. 1999 übte er zu meiner Freude Kritik am Einsatz der NATO in Jugoslawien: „Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren“.

Solschenizyn traf sich mehrmals mit Putin und nach seinem Tod 2008 suchte seine zweite Frau die Nähe des Präsidenten. Der Moskauer Verlag „Wremja“ bringt derzeit das auf 30 Bände angelegte Gesamtwerk Solschenizyns heraus.

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Sexualisierung

Eine US-Studie ermittelte: Wenn man gesund bleiben will, sollte man mindestens 18 mal im Monat vögeln („Sex haben“). Hierzulande veröffentlichte die AOK einen Artikel mit der Überschrift „Darum ist regelmäßiger Sex gesund“. Er mindert „Schlafstörungen, Stress, Schmerzen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Prostatakrebs und steigert die Fruchtbarkeit“.

Die Zeitschrift „Focus“ versuchte dagegen nachzuweisen, dass Vögeln auch ungesund sein kann. Die Tantralehrerin Regina Heckert zählte 10 Situationen auf, „in denen Sex krank machen kann“: Machtkampf um Sex/ Orgasmen vortäuschen/ Zu viel „schnellen Sex“ in Swingerclubs den Männern zuliebe, läßt Frauen „schließlich jede sexuelle Aktivität verweigern“/ Leistungsdruck im Bett/ Männer die nächtelang im Internet sexuelle Kicks suchen, lassen bei ihrer vernachlässigten Partnerin „Wut“ aufkommen/ Heimlich außerhalb der Beziehung neue Lust suchen, läßt Schuldgefühle, Stress und Angst entdeckt zu werden, aufkommen/ Sexuelle Gewalt/ Reibungsschmerzen nach dem Sex läßt die Lust verschwinden.

Auf „aerzteblatt.de wurde 2020 eine Umfrage-Studie „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“ veröffentlicht, in der es um „Geschlechtsspezifische Effekte“ geht. Danach sind dickleibige Frauen „sexuell weniger aktiv als normalgewichtige“. Und Frauen, die ziemlich viel Alkohol trinken und/oder rauchen, sind sexuell aktiver als abstinente Nichtraucherinnen. Hinzugefügt sei, dass auch attraktive Frauen und Männer sexuell aktiver sind als nicht so attraktive. Dabei tut sich laut Susan Sontag ein Paradox auf: „Schön zu sein macht einen einzigartig, außergewöhnlich. Aber schön zu sein bedeutet auch, einer Norm oder Regel zu entsprechen.“

Weil „Schönsein“ sich erst einmal auf einen visuellen Eindruck bezieht, muß man etwas für sein Äußeres tun. Der Ästhetikprofessor Peter Sloterdijk entdeckte „im Fitness-Studio ein Plakat mit einer auf dem Rücken liegenden Frau, die ‚Fit mich!‘ ruft.“ Er beobachtete auf dem Campus der Harvard-Universität: „Um halb sieben am Morgen ist das Fitness-Studio schon voll von Trainierenden, die sich selbst antreiben, wie Akteure, die noch Größeres vorhaben.“ Die Jogger, Schwimmer und an Geräten Trainierenden sind laut Sloterdijk „Berufsevolutionäre“, denn sie gehen darwinistisch angeregt vom „Survival of the Fittest“ aus, also dass nur der Fitteste im Geschlechter- und Daseinskampf überlebt, d.h. erfolgreich ist.

Über das Fitnesstraining hinaus gibt es noch viele weitere Möglichkeiten, die Attraktivität zu steigern: In den Clips von Facebook und TikTok führen täglich Dutzende junge Frauen ihr vermeintlich verführerisches Aussehen vor, dass sie mit aufgespritzen Lippen, vergrößerten Brüsten und Hintern, sowie mit Tätowierungen, künstlichen Fingernägeln und knappsten Bikinis erreichten. Das alles kostet ein Vermögen, es ist eine Investition in Schönheit, die man deswegen auch zeigen muß, d.h. mit der man für sich wirbt. Die israelische Soziologin Eva Illouz hat sich in mehreren Büchern über diese Formen des Aufbrezelns ausgelassen, eins heißt „Wa(h)re Gefühle“.

Der Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann sprach von „Okulartyrannis“ in einer Gesellschaft, die laut dem Filmemacher Harun Farocki „vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist“. Die „plastisch“ Verschönerten sind „neuzeitliche Monaden“, die „auf sich selbst mit den Blicken der anderen sehen“, sich also „als Gesehene sehen“, meint Jürgen Manthey (in: „Wenn Blicke zeugen könnten“ 1983). Die “Baywatch”-Schauspielerin Pamela Anderson schreibt in ihrer Autobiographie: “Meine Brüste hatten eine fabelhafte Karriere, ich bin einfach immer nur mitgetrottet.”

Derzeit werben in den Clip-Serien der sozialen Medien Transsexuelle – gefilmt in den Rotlichtbezirken Bangkogs sowie in US-Fitnessclubs – für sich. Die „BZ“ machte neulich mit der Schlagzeile auf: „So viele Geschlechter kennen Berliner Clubs“ – nämlich „über 50“. Wobei es allein für „Transpersonen 26 Kategorien“ gibt. Die Zahlen stammten aus dem Club „Münze“ am Molkenmarkt, für den man Tickets im Vorverkauf erwerben und dazu ein „Benutzerprofil“ auf Englisch anlegen muß. Noch vor Inkrafttreten des neuen Selbstbestimmungsgesetzes haben in Berlin 1200 Menschen beantragt, ihr Geschlecht und ihren Vornamen behördlich ändern zu lassen; 117 sind es in Augsburg.

Mit der globalen LGBTQ+-Bewegung (Lesbian/ Gay/ Bisexual/ Transgender/ Queer/ Sich anders sexuell Identifizierende) könnte diese mit Glück (d.h. wenn sie sich nicht sofort kapitalistisch verwerten läßt) das Primat des weißen hollywoodesquen Schönheitsideals aufbrechen – in eine zunehmende Zahl („+“ ) neuer Schönheitsideale. Leider sind alle LGBTQ+-Erscheinungen sexuell ausgeprägt, insofern noch „repressiv entsublimiert“ (Marcuse). „Die Sphäre der Sexualität ist kaum noch von der Sphäre der Produktion zu unterscheiden,” heißt es in dem Essay „Was ist sexuelles Kapital?” von Eva Illouz und Dana Kaplan.

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Neosexuell werden?

Die Prostitution war einmal der verfemte Teil der gezähmten weiblichen Sexualität in Ehe und Familie. Mit der Auflösung der selben und der Ausbeutung auch noch der mütterlichsten Fähigkeiten, wie „emotionale, kommunikative und soziale Kompetenzen“, wird inzwischen jedem angeraten: „Sie müssen sich besser verkaufen!“ Für viele Frauen (aber auch Männer) bedeutet dies, buchstäblich ihre Haut zu Markte zu tragen, zur Not sogar das eine oder andere Organ.

Indem so die Prostitution sich ebenfalls globalisiert und auch räumlich mobilisiert, wird sie nahezu ununterscheidbar von anderen prekären Beschäftigungen – und umgekehrt. Dazu trägt nicht zuletzt auch die ungeheure Medienproliferation bei, mit der selbst die Mitwirkung in einem Pornofilm glamourös geworden ist: Der erste Pornoweltstar Linda Lovelace (Deep Throat) mußte noch von seinem  Zuhälter/Regisseur gezwungen werden, öffentlich zu behaupten, es habe ihr Spaß gemacht, aber schon Debbie Harry (Blondie) nahm man es ab, dass es „Fun“ sei, fürs Ficken auch noch bezahlt zu werden, ebenso später Paris Hilton.

„Die Pornographie seit den Neunzigerjahren hat dagegen ihre eigene politische Ökonomie zum Inhalt. Der pornographische Diskurs verwirft den weiblichen Körper nicht mehr (um ihn in einem seltsamen Jenseits, dem Pornotopia der Literatur wie des ‚Rotlichtmilieus‘ und allen ihren Romantisierungen, zu restaurieren), er fügt ihn vielmehr in den Mainstream ein…Pornographie ist die letzte große Illusion der Teilhabe der unnützen Menschen am System,“ meint Georg Seeßlen,  der die „alte ‚Elendsprostitution‘ – vorwiegend in der Form der sexuellen Ausbeutung der proletarischen Frau durch den bürgerlichen Mann oder der kolonialisierten Frau durch den kolonialistischen Mann“ – nur noch für    einen „Störfaktor“ hält in der Entwicklung der globalen Prostitution, „die den Wert des ‚fuckable‘ Menschen nicht durch institutionellen Zwang, sondern durch Marktkonkurrenz bestimmt“.

Seeßlen vermutet, dass die neue pornographische Sexualität, die auch den Krieg und die Folter „genußvoll“ mit einschließt, auf folgende Kernaussage hinausläuft: „Dein Körper gehört dir, nicht wie ein geistiges oder historisches Eigentum, sondern wie ein Auto oder ein Bankkonto. Er gehört dir wie Waren im Kreislauf, du kannst ihn verkaufen, vermieten, drauf sitzenbleiben, ihm Mehrwert abtrotzen oder ihn verspekulieren. Je neosexueller du bist, desto weniger kannst du Heimat in ihm haben, aber desto mehr Profit kannst du ihm entnehmen.“  Im Grunde ist bereits die gesamte (US-)Kulturindustrie ein einziges „Body-Shaping“, wie die New York Times anläßlich der Oscar-Verleihung vermutete: Mit chemischen, pharmazeutischen und chirurgischen Mitteln sozusagen „jung und attraktiv bleiben“, um sich den eigenen Warenwert zu erhalten bzw. zu steigern.

Auf sich selbst bezogen hat das die Bestsellerautorin Sophie Passmann in ihrem Buch „Pick Me Girls“ (2023) beschrieben: „Girls“, die alles tun, um begehrenswert zu sein und zu bleiben: „Der männliche Blick ist die höchste Währung“, meint die Autorin. Sie ließ sich tätowieren, dann die Augenringe mit Hyaluron unterspritzen und anschließend die Lippen aufspritzen sowie einige Fettpolster absaugen. Auf eine Brustvergrößerung mit Silikon-Implantaten, wie sie von Hollywood-Schauspielerinnen verlangt wird, verzichtete die Radiomoderatorin, die 320.000 „Follower:innen“ hat.

Silikon war ursprünglich ein Werkstoff, der vom US-Militär zu elektrischen Isolierung verwendet wurde. „In der Geschichte der Schönheitschirurgie wird Silikon direkt mit Sex verbunden. Das Material sei zunächst an japanischen Prostituierten verwendet worden, die es sich injizieren ließen, um damit dem Wunsch US-amerikanischer Soldaten nach großen Brüsten entgegenzukommen. In der Literatur dazu ist etwas verklausuliert die Rede davon, dass die Silikoninjektionen später als Schwarzmarktangebot an US-amerikanische Frauen ‚in der Unterhaltungsindustrie‘ vermarktet worden seien. Artikel aus dezidiert feministischer Perspektive sprechen von ‚sex slavery‘, schreibt Anja Zimmermann, Mitherausgeberin der „Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur (FKW), in ihrem Buch „Brust – Geschichte eines politischen Körperteils“ (2023).

Im selben Jahr veröffentlichte die marxistische Philosophin Theodora Becker ihre Dissertation unter dem Titel „Dialektik der Hure – Von der ‚Prostitution‘ zur ‚Sex-Arbeit‘“. Sie argumentiert weitgehend historisch und geht davon aus, dass die Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft ein unlösbarer Widerspruch ist: Die Männer brauchen sie einerseits, aber andererseits sind die sie ausübenden Frauen verächtlich, tendenziell betrügerisch. Dass es in der Frauenbewegung schon seit langem Bestrebungen gibt, die Prostituierten als „Sex-Arbeiterinnen“ (Sozialhygienikerinnen) quasi zu rehabilitieren, findet sie ihrerseits verachtenswert. Ihr neoromantisches Ideal läuft eher auf das Gegenteil hinaus: auf die „Hure“ als Künstlerin.

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Leben

Für das Leben ist eigentlich die Biologie zuständig, insofern sie die Lehre oder Wissenschaft vom Leben ist, aber sie wurde inzwischen in Physik und Chemie aufgelöst. „Das Leben lebt nicht,“ klagte Theodor W. Adorno im amerikanischen Exil (in: „Minima Moralia“ 1951). Er dachte dabei an das entfremdete Leben. An das, was Marx im Kapitalismus wahrnahm, dessen „ungeheure Warenansammlung“ ein „sachliches Verhältnis zu Personen“ und ein „gesellschaftliches Verhältnis der Sachen“ hervorbringt.

Der in Deutschland gebliebene Dichter Gottfried Benn schimpfte über die Reduktion des Lebens: „Was fruchtbar ist, allein ist wahr – das legen sie sich so aus, die Eierstöcke sind die größten Philosophen.“ Nicht die Eierstöcke, aber die Gentechnik hatte der Philosoph Vilem Flusser im Blick, als er meinte: „Alle Kunst ist bisher bloß Vorkunst. Die wahre Kunst beginnt mit der Gentechnik, wenn diese in der Lage ist, reproduktive Werke zu schaffen,“ also Kunstwerke, die sich aus sich heraus vermehren können.

Bevor man sich über die Reproduktionsfähigkeit Gedanken macht, müßte man jedoch erst einmal wissen, was „das Leben“ ausmacht. Ab 1907 diskutierte man dazu den „Élan Vital“ des Philosophen Henri Bergson. Bald war der „Vitalismus“ laut Wikipedia ein Sammelbezeichnung, für Lehren, die als Grundlage alles Lebendigen eine Lebenskraft oder einen besonderen „Lebensstoff“ als eigenständiges Prinzip, annahmen. Aber der „Stoff“ ließ sich nicht finden.

1944 versuchte sich der Physiker Erwin Schrödinger in seinem Buch „Was ist Leben“ erneut an der Frage, wobei er sich auf „die lebende Zelle“ konzentrierte. Er diskutierte sie im Hinblick auf „Probleme der Vererbung, der Natur des Gens (als ein aperiodischer Kristall), der Mutation, der Stabilität lebender Systeme im Licht des Entropieprinzips und ob das Leben auf physikalischen Gesetzen beruht oder eine Eigengesetzlichkeit hat,“ wie es in einer Zusammenfassung seines Buches heißt.

2021 veröffentlichte der Biochemiker Paul Nurse erneut ein Buch mit dem Titel „Was ist Leben“ und hatte dafür ebenfalls fünf Antworten parat: „die Zelle, das Gen, Evolution durch natürliche Selektion, das Leben als Chemie und das Leben als Information.. Nurse erhielt 2001 den Nobelpreis für seine Forschung über die Zellteilung und -reifung. Ich las sein Buch und warf es in die Ecke: Es enthält nichts, was seit 50 und mehr Jahren über den Lehrstoff für Biologiestudenten im ersten Semester hinausgeht. Und ich kann es nicht mehr hören: Evolution qua Mutation und Selektion. Es gibt hunderte ernsthafte Biologen, die das längst als viel zu grobschlächtig erkannt haben, ähnlich ist es mit der völlig überbewerteten Rolle der Gene im Lebensprozeß.

Im Buch „Epigenetik“ (2009) des Biologen Bernhard Kegel heißt es: Man hätte den Begriff des „Gen“, der gerade hundert Jahre alt wurde, gebührend feiern sollen, „denn ob dieser Begriff seinen nächsten runden Geburtstag noch erleben wird, ist fraglich“: Das „genzentrische Weltbild“ war allzu simpel. „Selbst Craig Venter, der vor wenigen Jahren mit seinen Sequenzierrobotern an vorderster Front der biomedizinischen Forschung stand, muss heute eingestehen: ‚Im Rückblick waren unsere damaligen Annahmen über die Funktionsweise des Genoms dermaßen naiv, dass es fast peinlich ist‘. ‚Wir müssen blind gewesen sein‘, seufzte der Entwicklungsgenetiker Timothy Bestor angesichts eines ganzen ‚Universums‘ ungeahnter und unerwarteter Phänomene. Über Vererbung und Evolution muss neu und intensiv nachgedacht werden’.“

Dieses Eingeständnis verdankt sich nicht zuletzt der Endosymbiontentheorie der US-Mikrobiologin Lynn Margulis, deren Buch „Die andere Evolution“ 1999 neu veröffentlicht wurde. Sie schreibt: „Mutationen sind äußerst selten und meist schädlich. Die Evolution kommt vor allem durch Symbiosen zustande.“ Die Symbioseforschung, die in Russland begann, ist schon über 140 Jahre alt. Bekannt wurde sie zunächst durch einige Flechtenforscher (Flechten bestehen aus einer Alge, einem Pilz und einer Bakterie) und dann durch Kropotkins Werk „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1902). Aber die Symbiosen wurden von den geharnischten Darwinisten immer wieder als Ausnahmen begriffen, und sogar – in der DDR z.B. – völlig abgelehnt. Die meist männlichen Biologen fokussierten sich auf die „Konkurrenz“ innerhalb und zwischen den Arten. Aber seit dem Hochkommen der feministischen Biologinnen vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo eine neue Symbiose entdeckt wird. Im Bremer Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie gibt es um die Symbioseforscherin Nicole Dubilier einen ganzen Forschungsbereich über Symbiosen.

Dass das Leben mit winzigen einzelligen Algen begann, die andere marine Lebewesen inkorporierten – bis so komplexe Organismen wie Pflanzen und Tiere daraus hervorgingen, ist mittlerweile fast unbestritten, zumal wir selbst ja zu einem großen Teil aus Bakterien, Pilzen und Viren bestehen. Aber „das Leben“ in ihnen allen ist damit immer noch nicht klar. Was jedoch die ganzen Darwinisten, die Schrödinger- und Nurse-Follower angeht, da gilt der Seufzer des Essayisten Erich Heller (in: „Enterbter Geist“ 1981): „So demokratisch sind wir in unseren Denkgewohnheiten geworden, dass wir bereit sind, ein Plebiszit von Tatsachen über die Wahrheit entscheiden zu lassen.“

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„Das Leben“

Indem ausgehend von den USA „das Leben“ als „Code“ am Beispiel der Viren und mithilfe von Kybernetik und Informationswissenschaften im Rahmen der amerikanischen Kriegsforschung begriffen, d.h. „geknackt“ wurde, konstituierte sich nach und nach fast weltweit eine Molekularbiologie, für die „lebendige Entitäten“ wie (programmierte) Computer funktionieren. Während umgekehrt unsere Computer von immer mehr (deprogrammierenden) Viren überfallen werden. Dergestalt wurden Mensch und Maschine wesensgleich; ihre Austauschbarkeit war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs nahezu besiegelt. „Die neue Semiotik wurde in den neuen Bedeutungsregimen des industriell-militärisch-akademischen Komplexes und der Kultur des Kalten Krieges formuliert“, schreibt die Wissenschaftshistorikerin Lilly Kay.

Ab 1970 forschte der Neurobiologe Humberto Maturana an Heinz von Foersters  „Biological Computer Laboratory“ in den USA. Von dort aus gab er den „Artificial Intelligence-Forschern“ zu bedenken, sie „ahmten biologische Phänomene nach. Wenn man (aber) biologische Phänomene nachahmt und dabei nicht zwischen den Phänomenen und seiner Beschreibung unterscheidet, dann ahmt man am Ende die Beschreibung des Phänomens nach.“ Seine Überlegungen gipfelten 1975 in dem Buch „Autopoietic Systems“.

Diesen Begriff – Autopoiesis – griff der Marxist Robert Kurz auf, um damit die bisherige „reale Selbstzweckbewegung der permanenten Verwandlung von Arbeit in Geld“ zu beschreiben, die zur bloßen Erscheinung von etwas anderem degradiert wird, „nämlich der autopoietischen Bewegung des entkoppelten Finanzkapitals und seiner creatio ex nihilo in der Zirkulation von Eigentumstiteln“. Dieser „potenzierten Verkehrung von Wesen und Erscheinung“ entspricht laut Kurz auch faktisch einer Verkehrung von materieller Produktion und Wertform als Geldform: „Nicht mehr die Realakkumulation trägt einen Finanzüberbau, sondern das Recycling von substanzloser Geldform generiert zunehmend überhaupt erst materielle Produktion, indem die Gewinne aus den Preisbewegungen der Eigentumstitel als Kaufkraft reale Güter nachfragen.“

Mit der Verselbständigung des Finanzkapitals wird die materielle Produktion“ zu einem „Nebeneffekt“, von dem jedoch „das Wohl und Wehe von Betrieben und Regionen abhängt, die nicht aus ihrem ‚Standort‘ aussteigen können, so wenig wie ein Mensch aus seinem Körper ‚aussteigen‘ kann“. Kurz spricht von einer „Finanzblasenökonomie der Globalisierung“ – als Folge eines großen Strukturumbruchs am Ende der fordistischen industriellen Ära, der seitdem  immer mehr Arbeitslose und an der Peripherie sogar Zusammenbrüche von ganzen Nationalökonomien hervorrief.

„Die Ursache besteht eindeutig darin, dass in der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik der Effekt der ‚Freisetzung‘ von Arbeitskraft die für die neuen Technologien notwendige Anwendung zusätzlicher Arbeitskraft nicht nur weit übertrifft, sondern erstmals in der kapitalistischen Gesellschaft auch die Produktion des ‚relativen Mehrwerts‘ aushebelt. Die ‚Entsubstantialisierung‘ des Kapitals tritt damit in ein historisches Reifestadium.“

Nur scheinbar geriert es sich dabei neokolonialistisch, in Wirklichkeit streift es alle einstigen Territorialisierungen und Raumbeherrschungswünsche ab. So wie es der Philosoph Emmanuel Lévinas nach dem ersten bemannten Weltraumflug noch glückhaft empfand: „Mit Gagarin wurde endgültig das Privileg der Verwurzelung und des Exils beseitigt“. Seitdem gäbe es keine „Heimat“ mehr. Nach Auflösung der Sowjetunion gab einer der letzten MIR-Kosmonauten jedoch bereits zu bedenken: „Wir haben unser Hauptproblem nicht gelöst. Wir können in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltraum – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Tätigkeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen.“

Ähnlich geht es nun den Global Playern und ihren Topmanagern, nur dass sie dies als Befreiung ansehen: „Wir sind keine japanische Firma. Wir sind ein globales Unternehmen, das seinen Sitz nur aus historischen Gründen in Japan hat,“ beteuert der Sony-Präsident und ein BASF-Manager meint: „Wir haben zwar einen gesellschaftlichen Auftrag, weil wir hier unsere Wurzeln haben und weil wir uns – auch – als deutsche Staatsbürger sehen. Aber wir haben den Patriotismus ein bißchen übertrieben.“ Der BMW-Chef gab bereits Anfang der Neunzigerjahre unumwunden zu: „Wir sind gezwungen, unsere betriebswirtschaftlichen Probleme zu Lasten der Volkswirtschaft zu lösen“. Inzwischen transnationalisieren sich selbst schon kleine mittelständische Betriebe, indem sie immer mehr Bereiche und Funktionen in Billiglohnländer verlegen. Robert Kurz spricht von einer zunehmenden „Gesellschaftsunfähigkeit des Kapitalismus“ und kritisiert in diesem Zusammenhang den Philosophen Peter Sloterdijk, der gegenüber dem „Globalen“  und seiner Barbarisierung der Verhältnisse für einen „Wohlfühlraum“ von Privilegierten plädiert: einen „Lokalismus“, der den „Existentialismus reformuliert“.

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Schöner Sterben

Das scheint hierzulande ein echtes Anliegen der Bevölkerung zu sein, denn im Internet findet man zu den Stichworten „Schöner Sterben“ und „Gutes Sterben“ 340.000 Suchergebnisse. Es gibt einen im Altersheim spielenden „Tatort“-Krimi“: „Schöner Sterben“ und einen Krimi mit dem Titel „Schöner sterben auf Sylt“. Auf „deutschlandfunk.de“ heißt es: „Forscher untersuchen, wie sich die Vorstellung vom Tod gewandelt hat und was ‚gutes Sterben‘ ist.“ In den Hospizen und Sterbekliniken bemüht man sich angeblich praktisch darum.

Auch bei Aufführungen von „Madame Butterfly“ in der Wiener Staatsoper und von Verdis Oper „Troubador“ in Stuttgart ging es laut Kritik um „schöner Sterben“. Eigentlich geht es in fast allen Opern darum, vor allem wenn es sich um Frauen handelt, die am Ende sterben: z.B. in „Tosca“, „La Traviata“, „Carmen“, „Aida“, „Turandot“, „Lucia de Lamamour“, „Tristan und Isolde“ und „Othello“.

Derzeit läuft in den Kinos der Film „The Room Next Door“ von Pedro Almodóvar. Er besteht fast nur aus Dialogen – zwischen zwei Frauen (gespielt von Julianne Moore und Tilda Swinton). Letztere in einer schönen Doppelrolle als Mutter und Tochter. Dazu mußte sie als Mutter jedoch erst einmal sterben – an Krebs, fast schon eine Modekrankheit der Überdomestizierten.

Was in diesem Filmfall noch einmal sichtbar wird, denn es geht darum, wie man als Angehörige der oberen Mittelschicht noch schöner an Krebs sterben kann, wenn man auch seinen Tod (mittels einer Giftpille) selbst bestimmt und für seinen letzten Lebensabschnitt eine gute Freundin hat, die einem Beistand leistet und das in einer „traumhaft schönen Villa im Wald“, wo die Freundin sich neben der zum Sterben bereiten Krebskranken im „Room Next Door“ einquartiert. Die Erkrankte läßt in ihrem Zimmer die Tür auf. Wenn sie die Pille genommen hat und stirbt, macht sie ihre Tür zu, so dass die Freundin bescheid weiß und ihr der Anblick der Toten erspart bleibt. Alles in diesem Film, in dem der Krebs im Mittelpunkt und die Personen um ihn herum voller Mitgefühl zart und klug, sind, handelt vom „Schöner Sterben“ – von Almodóvar genauso inszeniert wie Sterbeforscher sich das „Gute Sterben“ vorstellen, nämlich in voller „Autonomie und Selbstbestimmung“.

Wie inzwischen jeder Deutsche weiß, rüsten wir uns derzeit erneut für einen großen Krieg, der noch einmal gegen „die Russen“ geht: „Jeder Schuß ein Russ“ – und natürlich auch umgekehrt. Deswegen kommt die deutsche Kriegspropaganda auch nicht drumherum, dass dabei massenhaft tote Deutsche anfallen würden/werden. Schon jetzt müssen alle Soldaten vor ihrem Einsatz in „Krisengebieten“ ihr Testament machen. Ihre psychische Betreuung übernehmen tradtionell die Militärseelsorger.

Neben der Bundeswehr-Zeitschrift „Y“ (aktuell mit dem Beitrag „Wie TikTokt die Bundeswehr“) und dem Verbandsmagazin „Bundeswehr Journal“ („Zukunftsvision: Flugzeugträger unter europäischer Flagge“ und „Frauen in der Bundeswehr: Quote noch immer nicht erreicht“), die sich eher um das Bewußtsein und Wohlbefinden der gemeinen Soldaten „kümmern“, gibt es noch das online-magazin „katholische-militaerseelsorge.de“ und das „JS – Die evangelische Zeitschrift für junge Soldaten und Soldatinnen“. In der ersteren geht es u.a. darum „Den Ängsten einen Ort [zu] geben“. Zu diesem Thema referierte die Soziologin Dr. Hilke Rebenstorf eine „Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“.

Die wichtigste Erkenntnis daraus: „Die Militärseelsorge findet ungemein hohen Zuspruch unter den Soldaten, nämlich zu 91 Prozent. Mehr als die Hälfte der Soldaten und Soldatinnen hat die Angebote der Militärseelsorge schon in Anspruch genommen, insgesamt 75 Prozent der Befragten bewerten ihre persönlichen Erfahrungen mit Militärseelsorgern positiv. Die absolute Verschwiegenheitspflicht der Militärseelsorgenden ist für die Befragten von zentraler Bedeutung. Auch deren Unabhängigkeit und ihre Stellung außerhalb der militärischen Hierarchie sind entscheidend.“

Aus der noch unveröffentlichten Studie geht also vor allem hervor, dass die Seelsorger beiderlei Konfessionen schon im Vorfeld des neuen großen Krieges, so er denn kommt, um mehr Einfluß, Personal, Gelder und Geltung „ringen“, denn: Sie sind für die für Deutschland notfalls zum Sterben bereiten Menschen in Uniform besonders wichtig wichtig.

Die evangelische „JS“ (Nr. 11/2024) macht sich dazu schon auf dem Cover Gedanken: „Leben mit dem Tod“ steht dort auf dem Foto einer blonden jungen Frau im olivgrünen T-Shirt, die melancholisch guckt, denn : „Ihr Vater war Soldat und starb in Mali. Tochter Kimberly führt seine Mission auf ihre Art fort“. Soll wohl heißen, dass nun auch sie bereit ist, für Deutschland zu sterben, denn ein Held ist einer, der nicht überlebt hat – und einen „süßeren Tod“ (auch ein Filmtitel) gibt es angeblich nicht.

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Flösse bauen

„Das Alter spielt keine Rolle, außer beim Käse,“ sagte sie, als er an der Reihe war, bedient zu werden und ihre wiederholte Aufforderung, 14 Euro 86 zu zahlen, mit der Bemerkung quittiert hatte: „Ich habe Sie gerade nicht gehört, ich werde wohl alt“. Sie hatte einen weißen Kittel an, in dem sie aussah wie eine Zahnärztin, vor allem mit ihrer hellblauen Mundschutzmaske. Die Schriftstellerin A.L.Kennedy spricht von einer „Käseärztin“.

Da er der letzte in der Reihe gewesen war, redeten sie weiter miteinander, zunächst über Weichkäse, einkaufsbezogen, dann übers Wetter und über Urlaubstage am Meer, während er das Eingekaufte einpackte. Man könne noch baden, meinte sie und blickte ihn mit strahlenden Augen an: Hinreißend, er versuchte sie sich im Badeanzug vorzustellen. Das lenkte ihn ab, so dass er vergaß, worüber sie weiter geredet hatten.

Als ein neuer Kunde kam, verabschiedete er sich, aber wenig später traf er sie vor der Einkaufspassage wieder, sie hatte Feierabend. Er lud sie in ein Café ein. „Warum nicht,“ sagte sie. Dort war er dann so fasziniert von ihrem Lachen und ihrer Mimik, dass er wieder kaum registrierte, über was sie sich eigentlich unterhielten. Bevor sie sich verabschiedeten, fragte er sie, ob er ihr seine Telefonnummer geben dürfe, „ja, warum nicht“ sagte sie wieder, etwas ironisch diesmal. Er schrieb ihr die Nummer auf den Kassenbon. Vielleicht könnten sie sich noch einmal treffen und sich dazu telefonisch verabreden. Sie nickte und zog zu seiner Überraschung eine Visitenkarte aus ihrer Tasche. Sie hieß Elvira Schmied und bezeichnete sich darauf tatsächlich als Käsefachverkäuferin.

Am Samstag rief er sie an und fragte, ob sie mit ihm zum Essen in ein Restaurant gehen würde. Nein, sie hatte bereits anderes vor. Er war verunsichert: Vielleicht fand sie ihn nicht attraktiv genug, zu alt…Aber am darauffolgenden Tag rief sie umgekehrt ihn an und lud ihn zu sich nach Hause ein, in ihre kleine Wohnung, sie hätte gekocht. Sie aßen in der Küche. Sie zeigte ihm dann ihr Wohn- und Schlafzimmer. Es lag dort nur eine große Matraze. „Mein Floß,“ sagte sie.

Das kannte er, eine alte Freundin hatte eine Art Hochbett besessen, dass sie ihr Floß nannte. Er war zweieinhalb Tage auf ihrem Floß geblieben, dann mußten sie sich wieder ihren Pflichten der Welt gegenüber stellen. Mist! Nie mehr dieses Floß verlassen! Nur noch sich lieben, höchstens noch rauchen, trinken, essen, schlafen…

Nach einem Kaffee, als er die Käsefachverkäuferin verließ und auf den Bus wartete, fiel ihm ein, dass am Tag des Milizionärs im sowjetischen Radio immer das Lied „Auf dem kleinen Floß“ gesungen wurde. Ob das heute immer noch so war? Es handelte davon, dass nur ein solches Floß uns durch alle Irrungen und Wirrungen des Lebens bringen kann, ein Floß – als Inbegriff der Liebe – und einer schönen Reise zu zweit.

Er hatte auch noch andere Erinnerungen an ein Floß. In der Schule hatten die Lehrer einmal eine dünne Broschüre verteilt. Darin ging es um zwei Jugendliche, die sich mehrere Benzinfässer zusammengebunden hatten und dieses Floß an der Elbe zu Wasser ließen. Die Strömung trug sie immer weiter – bis in die Nordsee, die sie dann verschluckte.

2020 hatte er an einer Journalistenreise zu einem schwedischen Gebirgsfluß teilgenommen. Am Flughafen Oslo stieg die Gruppe in einen Kleinbus um, der sie nach Mittelschweden brachte. Der Platz am Fluß war ein ehemaliges Lager von Flößern, das jetzt dem Tourismus diente. Die Journalisten sollten dort ein Floß bauen und damit ein paar Kilometer flußabwärts treiben. Die eine Hälfte der Journalisten mußte ins Wasser gehen und die andere Hälfte ihnen Baumstämme hinrollen, die dann im Wasser zusammengebunden wurden. Drei Lagen Stämme. Dann nahmen alle darauf Platz, die Reiseleiterin hatte Nudelsalat und Kaffee dabei. Das Floß war langsam und er war hungrig. Von seinem Nudelsalat hatte er aber neun Erben übrig gelassen, die er ins Wasser werfen wollte, aber die Reiseleiterin sagte: „Nein, die kommen in die Biotonne“. Die sind hier aber öko, dachte er.

Nach zwei Stunden gingen sie in einer Bucht an Land, wo für die Taue, das Geschirr und die neun Erbsen Kisten und Abfallcontainer standen. Sie bauten das Floß auseinander und wurden dann wieder von einem Kleinbus abgeholt, der sie am Fluß entlang und am Lager der Flößer vorbei in ein Hotel brachte. Für den Floßauf– und –abbau und die kurze Floßfahrt hatten sie sieben Stunden gebraucht. Die Busfahrt dauerte dagegen nur 20 Minuten. Was für ein Irrsinn, dachte er. Am nächsten Tag ging es wieder zurück zum Flughafen der norwegischen Hauptstadt, ein weiterer Irrsinn. Auf dem Rückflug las er in der FAZ, dass es auch eine „Floß GmbH“ gäbe, eine westdeutsche Unternehmensberatungsfirma für „IT-Security“.

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Bewegtes Leben

Neulich stieß ich auf einem Friedhof in Neukölln auf einen Grabstein, der dem dort „Ruhenden“ – einem Bäckermeister – ein „bewegtes Leben“ bescheinigte. War sein Leben deswegen so bewegt, weil er auf vielen Bahnhöfen „Backshops“ eröffnet hatte und dazu ständig unterwegs gewesen war? Mir fielen dazu bloß zwei Merksätze von Adorno ein: „Das Leben lebt nicht!“ und „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“. Könnte man demnach bei dem zu Lebzeiten so umtriebigen Bäckermeister von einer „Falschen Bewegung“ ausgehen?

Ich will mich nicht über ihn lustig machen. Ist mir doch noch die schöne „Rede an das Volk“ eines kommunistischen Bäckermeisters aus Darmstadt in Erinnerung, der damit einen Wettbewerb des Hessischen Rundfunks gewann – als beste „Rede an das Volk“. Damals gefiel uns auch noch die Rede eines reichen Justitiars aus dem Taunus, die sich um zwei Schlüsselbegriffe drehte: um „Kreatibilililität“ und „Individualililität“, wie er sie nannte. Er gewann keinen Preis damit.

„Falsche Bewegung“, so hieß 1975 ein Film von Wim Wenders, in dem dieser aus Goethes doppeltem Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ und „Wanderjahre“ einen „Road-Movie“ machte. Wer „Wanderjahre“ einlegt, muß sich natürlich „bewegen“. Das habe ich auch mal gemacht, indem ich bei verschiedenen Bauern arbeitete und mich dabei von Nord- nach Süddeutschland „bewegte“, später noch mal vom Brennerpass in die Toskana. Danach sprach ich auch von „Lehr- und Wanderjahren“. Später, d.h. im November 1989, habe ich meinen Arsch noch einmal hoch gekriegt und bin mit einer Freundin täglich von Kreuzberg nach Saarmund in eine LPG gefahren, wo wir in der Rinder-Vormast eingesetzt wurden – und bis nach den Märzwahlen blieben.

Schon 1975 wollte ich in einer LPG arbeiten, als das nicht ging, fragte ich in der kubanischen Botschaft nach, ob ich in einer ihrer berühmten Rinderzuchtanlagen arbeiten könnte, was ebenfalls nicht ging, und dann in der sowjetischen Botschaft, ob ich in einer Kolchose arbeiten könne. Ja, wurde mir gesagt, aber ich müßte eine Landwirtschaftslehre nachweisen und bräuchte eine Empfehlung vom Bauernverband. Beides konnte ich nicht beibringen, aber meine diesbezüglichen Bemühungen hatten mich bereits ganz schön „bewegt“, denn ich lebte damals in Bremen und die kubanische Botschaft war in Ostberlin, wo ich mich auch schon wegen einer Arbeit in einer LPG hinbewegt hatte, und die sowjetische Botschaft befand sich bei Bad Godesberg am Rolandseck. 1989 fragten wir den LPG-Vorsitzenden direkt. Der ersuchte daraufhin den Rat des Kreises um eine Arbeitserlaubnis für uns, aber der Rat konnte oder wollte das nicht mehr entscheiden.

Heutzutage werden einem ja selbst die freiwilligen Handlungen (Bewegungen) aufgezwungen, aber das ist natürlich nichts gegen die mit unsicheren kleinen Booten nach Europa flüchtenden Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, obwohl es ihnen ebenfalls um Arbeit geht. Noch extremer war es für die „von Land zu Land gejagten Flüchtlinge aus aller Herren Länder,“ schreibt Hannah Arendt über die von den Deutschen verfolgten Juden: Einst gab es „Weltbürger“, nun habe man es mit „Weltreisenden wider Willen“ zu tun.

Den Bootsflüchtlingen geht es um „Bleiberecht“, die Philosophin Eva von Redecker hat ein Buch mit dem Titel „Bleibefreiheit“ (2023) veröffentlicht. Damit will sie das andauernde Wegfahren (von Lehrern in den Schulferien z.B.) kritisieren: „Wir reduzieren Freiheit oft auf ein geometrisches Verständnis als Bewegung im Raum“.

Gerade lese ich ein „Gleichnis für einen Planeten in Aufruhr: Der Fluch der Muskatnuss“ (2023) von Amitav Gosh. Darin geht es um „Terraforming“ – beginnend mit den Sklavenplantagen und den Siedlerkolonien bis heute, wobei noch immer „Landgrabbing“ zwecks Nutzung stattfindet, was die Erde inzwischen buchstäblich „umgeformt“ hat.

Von den ersten großen Segelschiffen mit Kanonen zu den Gewürzinseln und den transatlantischen Sklavenschiffen über die Stückgutfrachter und Öltanker bis zu den modernen Container-, Fischfang-, Kriegs- und Kreuzfahrt-Schiffen findet eine gigantische Bewegung von Menschen und Waren statt. Nicht zu vergessen die ganzen Fortbewegungsmittel zu Lande und in der Luft. Goshs „Essay“ läuft auf eine Ökologie hinaus, die antikolonialistisch-indisch geschärft ist und zudem von Sympathie mit dem Denken der Indigenen und Afrikanern in den beiden Amerikas getragen wird. Auch ein Bewegt-Sein oder -Werden. Hin zu einer weniger materialistischen (zerstörerischen) Einstellung gegenüber den Lebewesen, Bergen, Flüssen und Meeren. Aber es ist eine Bewegung im Geiste – während des Corona“-Lockdowns in New York.

Anders der afroamerikanische Publizist Howard W. French, der für sein umfangreiches Buch „Afrika und die Entstehung der modernen Welt“ (2023) alle Orte auf mehreren Kontinenten aufgesucht hat, die einst für den Transport und die Arbeit der Sklaven von Bedeutung waren. Ihnen ein „bewegtes Leben“ zu bescheinigen, wäre allerdings zynisch, denn dazu braucht es einen gewissen Willen.

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Plündern

Es gibt Plünderungen von oben und von unten. Die von oben sind häufiger und weiter verbreitet. Der „Zeit“-Reporter Navid Kermani berichtet in seinem Reisebuch „In die andere Richtung jetzt“ (2024) von ostafrikanischen Ländern, in denen es beide Formen des Plünderns gab und gibt. In Grand Comore, der Hauptinsel der seit 1974 unabhängigen Komoren, notierte er: „Die Stimmung ist am Boden, gerade dieser Tage sind Protesten gegen die Zentralregierung aufgeflammt, Krawalle, Plünderungen.“

Auf Madagaskar, einst ebenfalls eine französische Kolonie, erwähnt er dagegen eine Plüdngerung von oben: Der Staat das „ist eine Elite, die von der Kolonialherrschaft das Plündern übernommen hat. Eigentlich wäre Madagaskar ein reiches Land, es hat Vanille, Mineralien, Gold, Saphir, es hat phantastische Nationalparks, endlose Strände, die größte Artenvielfalt der Welt. Noch Ende der Sechzigerjahre waren die Menschen hoffnungsfroh.“ Einige gesellschaftliche Bereiche „entwickelten sich für nachkoloniale Verhältnisse ziemlich gut, allerdings waren da noch kaum Bodenschätze entdeckt, von denen eine verschwindende Minderheit um so ungenierter lebt.“

Ähnliches schreibt die junge Biologin Rebecca Gehrig in ihrem Erfahrungsbericht „Der Ruf der Lemuren“ (2024) über Madagaskar: „Die Franzosen ließen in vielen Bereichen eine ausgebrannte Insel zurück, die Regierung machte nach Ausrufung der Unabhängigkeit 1960 gerade so weiter. Nur eine Spur korrupter. Eine kleine Elite bereichert sich auf Kosten der Bevölkerung. Der Ausverkauf ging munter weiter – und geht immer weiter.“ 90 Prozent des Waldes sind bereits vernichtet. Gehrig traf drei Vietnamesen, die dort waren, um eine Schiffsladung Edelhölzer in ihr Land zu bringen, wo sie zu Möbeln verarbeitet werden. Im Süden Madagaskars brach 2021 die erste von der UNO ausgerufene „klimabedingte Hungersnot“ aus. Während Gehrigs Tour durch einige Nationalparks, in denen sie sich von den „Guides“ die Tier- und Pflanzenwelt zeigen ließ, brach in einigen Regionen der Insel die Lungen- und Beulenpest aus. Das erinnert an das alte Seemannslied „Wir lagen vor Madagaskar/ und hatten die Pest an Bord“, das immer für eine Übertreibung gehalten wurde. Nicht nur die Herrschenden bis runter zu den Polizisten plündern das Land aus, auch die verarmte Bevölkerung: Durch Abholzung der Wälder, Wilderei und Überfischung des Meeres.

In den Frontbereichen des Krieges in der Ostukraine plündern russischen und ukrainische Soldaten, aber auch die nicht geflüchteten Bewohner verlassene Häuser.

Nachdem die Sowjetunion sich aufgelöst hatte, gab es eine Hungerrevolte auf Kuba. Ein Kubaner erzählte Landolf Scherzer (in: „Buenos Dias, Kuba – Reise durch ein Land im Umbruch“ 2018): „Die Menschen schmissen mit Steinen die Fenster der leeren Geschäfte, der leeren Magazine und der Villen ein und stahlen, was essbar war. Überall lagen Steine und Scherben auf der Strasse. es wäre vielleicht zum Aufruhr gekommen. Aber dann stand Fidel auf einem LKW vor den Wütenden und schrie: Ich bin hier, um mir bei euch meine Portion Steine abzuholen. Also werft! Und keiner schmiss.“

In Falko Hennigs erstes Buch „Alles nur geklaut“ (1999) las ich, dass sein Vater Sportlehrer in Ludwigsfelde war und ständig irgendetwas aus der Schule nach Hause schleppte. Seine Frau bekam irgendwann Angst, er beruhigte sie aber – mit den Worten: „Ach was, Honecker hat doch selbst gesagt, dass wir noch viel mehr aus unseren Betrieben rausholen können.“

In New York kam es 1965 und 1977 zu zwei „Black-Outs“ (Stromausfällen). Der erste bewirkte neun Monate später einen Babyboom, der zweite führte zu Plünderungen durch die Unter- und die Mittelschicht. Erstere konzentrierte sich auf Fernseher und ähnlich große Dinge. Letztere plünderte Schmuck- und Uhrenläden aus. Die Preziosen versteckten sie am Körper, so dass die Polizei sie als Unbeteiligte davonkommen ließ, während die Ersteren fast alle verhaftet wurden.

In Westberlin wurde während der „1.Mai-Randale“ in Kreuzberg eine „bullenfreie Zone“ erkämpft, in der ein „Bolle“-Supermarkt geplündert und dann angesteckt wurde.

Während des Bürgerkriegs in Indonesien sah ich in Djakarta wie ein alter Mann aus einem Laden mühsam ein Motorrad auf die Straße schleppte, wo er es dann anzündete.

Die Armen plündern meist aus Not, die Reichen aus „Gier“, wie ein armer Fischer gegenüber Kermani meinte. Selbst von den „Nothilfen“ aus dem Ausland greift die Elite noch 20 bis 30 Prozent ab. Der „Zeit“-Reporter erklärt: „Vor allem bricht mir den Bodenschätzen der ungeschriebene Vertrag zwischen Regierenden und Regierten zusammen, weil der Staat nicht auf Besteuerung angewiesen ist, um sich zu finanzieren, und damit auch nicht auf die Zustimmung des Volks.“

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Plündern – ein Brief an Luise

Ich würde Plünderungen weder für dystopisch noch für utopisch halten, sondern für eine Normalität, sie sind seit Jahrhunderten immer wieder vorgekommen.

Während des Bürgerkriegs in Indonesien, wo ich damals in Djakarta war, wurde z.B. von einem alten Mann ein Geschäft mit Motorrädern geplündert. Er schleppte diese Maschinen schwitzend auf die Strasse und zündete sie an – die Verbrennung fand ich verblüffend, die Plünderung selbst dagegen nur allzu verständlich. Ebenso wie das Ausplündern der Sommerhäuser von reichen Deutschen in der Toskana, was bis zum Diebstahl der (kupfernen) Regenrinnen ging.

In Indonesien haben übrigens die Bäuerinnen Golfplätze besetzt und gleich mit dem Anlegen von Gemüsebeeten begonnen.

Plündern ist meistens ja wohl nur eine Tat in der Not oder eine kleine Besitzübertragung von Dingen, d.h. von reich zu arm. Ein eigenmächtiger Ausgleich. So wie ja auch der Beschiss von reichen Touristen, die man wandelnde Geldbörsen nennt, in den armen Ländern eine Kompensation für Ungerechtigkeit ist.

Im Übrigen wurden und werden ja auch gerne „abgewickelte“ Fabriken von Plünderern aufgesucht, um noch dieses oder jenes Brauchbare da rauszuholen, bevor es auf dem Müll landet – die Plünderer bringen das Zeug zu „Sero“ oder ähnlichen Einrichtungen oder ins Ausland, wo es dringend gebraucht wird – von einer Schraube oder einem Elektromotor bis zu einem halben Fließband oder Kabel und Rohre.

Eine Schweinebauer, bei dem ich gearbeitet hatte, hat mal mit mir zusammen einen pleite gegangenen Heidehof, den der reichste, recht Getreidehändler, der schon viele Höfe in Europa besaß, gekauft, um ih nostalgisch aufzumotzen. Der Bauer war mal Betriebsverwalter bei ihm gewesen und er wußte, dass der Getreidehändler die modernen Selbstfütterungsautomaten nicht brauchte, deswegen sind wir da hingefahren mit Traktor und Anhänger und haben sie alle abgebaut – die waren mindestens 100.000 DM wert. Man kann es Diebstahl nennen, aber auch Plünderung, was juristisch allerdings keinen Unterschied macht.

Nachdem die Sowjetunion sich aufgelöst hat gab es eine Hungersnot auf Kuba. Ein Kubaner erzählte Landolf Scherzer (in: „Buenos Dias, Kuba – Reise durch ein Land im Umbruch“ 2018):

„Der Hunger in Havanna wurde damals, als Kuba ganz allein auf sich gestellt war, immer schlimmer. Die Menschen schmissen mit Steinen die Fenster der leeren Geschäfte, der leeren Magazine und der Villen ein und stahlen, was essbar war. Überall lagen Steine und Scherben auf der Strasse. es wäre vielleicht zum Aufruhr gekommen. Aber dann stand Fidel auf einem LKW vor den Wütenden und schrie: Ich bin hier, um mir bei euch meine Portion Steine abzuholen. Also werft! Und keiner schmiss.“

Wieso sagst Du übrigens, „letztlich geschieht das wahrscheinlich in Stadien“? Was kann man denn in Stadien denn groß plündern oder meinst Du, dass die Plünderer so wie in Chile die Linken in Stadien konzentriert werden?“

In New York wußten die Plünderer und auch die Nichtplünderer ja, dass der Stromausfall beseitigt werden würde. Sie glaubten also an eine schnelle Wiederherstellung „der alten Ordnung“, es war sicher mehr als eine Hoffnung, aber sie hofften, dass sie nach der Wiederherstellung der elektrischen Versorgung ein besseres Fernsehbild zu Hause hätten oder endlich einen Plattenspieler mit einem anständigen Verstärker.

Das kleine Beispiel aus Havanna eben zeigt meiner Meinung nach, dass die Plünderer 1. im Sozialismus lebten und nicht unbedingt den Kapitalismus wieder zurück haben wollten, und dass sie 2. glaubten, hofften, dass Fidel es schon schaffen werde, die Versorgung wieder zu gewährleisten, was er ja auch einigermaßen geschafft hat. Daran beteiligt war mindestens die Hälfte der Bevölkerung, weswegen man Kuba heute auch das Land der Erfinder nennt, u.a haben sie das „Urban Gardening“ erfunden, die Einrichter des „Prizessinnengartens“ am Moritzplatz und nun in Neukölln auf einem aufgegebenen Friedhof haben sich in Havanna das „Urban Gardening“ abgekuckt. Aber das ist nur ein Beispiel, im o.e. Buch von Landolf Scherzer werden weitere Erfindungen erwähnt, oft sind es ja ganz kleine und manchmal geradezu geniale.

Die westdeutsche „Bauernzeitung“ gibt es in jedem Bundesland extra, darin befinden sich regelmäßig auch sehr schöne Erfindungen von Bauern, wobei diese dann meist von Nord nach Süd in den übrigen Bauernzeitungen übernommen werden, ausgehend von der Bauernzeitung Niedersachsen.

Noch eine Frage: Kennst Du die nicht mehr existierende „Nichtkommerzielle Landwirtschaft“ – den „Karlshof“? Das war auch so eine kleine Erfindung, ein linkes Projekt auf dem Land, das auf die Mitarbeit der an Kartoffeln interessierten Stadtlinken angewiesen war.

Außerdem war die Sowjetunion, sowie auch Polen und die DDR geradezu ein Paradies wenn nicht der Plünderer dann der Leute, die staatliches Eigentum stahlen – Volkseigentum, das ihnen ja sowieso gehörte, nominell.

Ich erinnere mich an Falko Hennigs erstes, sehr mutiges Buch „Alles nur geklaut“ (1999), darin las ich, dass sein Vater Sportlehrer in Ludwigsfelde war und ständig irgendetwas aus einem Wirkungsbereich nach Hause schleppte. Seine Frau bekam irgendwann Angst, er beruhigte sie aber – mit den Worten: „Ach was, Honecker hat doch selbst gesagt, dass wir noch viel mehr aus unseren Betrieben rausholen können.“

Das gilt auch in der taz, die geringe Löhne zahlt, aber die Mitarbeiter holen dafür viel raus aus dem Betrieb, ohne schlechtes Gewissen. Die Liste der hier geklauten Dinge ist lang.

Auch der Leiter der Westberliner gelben Gewerkschaft der Angestellten hat ständig was aus seinem Büro und aus den Büros seiner Mitarbeiter nach Hause geschleppt. Und auch seine Frau, eine Tschechin, fand das nicht lustig.

Übrigens sind auch die vielen begrünten Baumscheiben eine Entwendung/Privatisierung der Nutzung von Staatsbesitz. Die Bezirksämter gingen anfangs noch dagegen vor, aber dann wurden das so viele, dass sie die Baumscheibenbegrünung der Anwohner und Gewerbetreibenden unterstützten.

Grundsätzlich gilt aber natürlich der utopische Weg der Selbstorganisation von Kollektiven, Dörfern, Hochhaus-Bewohnern etc., wie in deinem Buch entfaltet, als der bessere, sinnvollere und weiterreichende Weg zur Einkommensnivellierung.

Dazu fällt mir noch die Kritik eines Griechen, etwa 200 Jahre nach Durchsetzung der Demokratie in Athen.

Diese allgemeine “Gleichheit vor dem Gesetz” (isonomia) bezeichnete bereits Diodoros aus Agyrion im 1. Jhd.v.Chr. als falsch, halbherzig, da sie ohne “Gleichheit des Eigentums” (isomoiria) durchgesetzt wurde.

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Durchcomputerisierte Welt

Die dritte Industrielle Revolution bereitete sich zur selben Zeit wie die Gründung von IWF und Weltbank am Ende des letzten imperialistischen „Zweiten Weltkriegs“ vor. Dazu fanden zwischen 1946 und 1953 die so genannten „Macy-Konferenzen“ statt, auf denen sich die „technokratische Wissenschaftselite der USA“, darunter viele Emigranten aus Europa, versammelt hatte – um ausgehend von der  Waffenlenk-Systemforschung, der Kryptologie, der Experimentalpsychologie und    der Informationswissenschaft sowie von Erwin Schrödingers 1943 erschienenem Buch „What is Life?“ Theorie und Praxis der „Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems“ zu diskutieren. Hierzu gehörten u.a. John von Neumann, Norbert Wiener, Claude Shannon, Gregory Bateson und Margret Mead, als Konferenzsekretär fungierte zweitweilig Heinz von Foerster. Im Endeffekt entstand daraus die inzwischen nahezu weltweit durchgesetzte und empirisch fruchtbar gewordene Überzeugung, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind – also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften gleichermaßen zutreffen.

Als einer der ersten Gegner dieses bald immer mehr Wissenschaftsbereiche erfassenden Paradigmenwechsels trat 1953 der Schriftsteller Kurt Vonnegut mit seinem Buch „Das höllische System“ auf, in dem er die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen des kybernetischen Denkens bei seiner umfassender Anwendung beschrieb, die Herbert Marcuse dann als „Herrschaft eines technologischen Apriori“ bezeichnete, was der Wiener Philosoph Günters Anders wiederum zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen und Recherchen zur „Antiquiertheit des Menschen“ machte. Diese besteht nach ihm darin, dass spätestens mit dem Koreakrieg (1950-53) die rechnerischen Kalküle alle moralischen Urteile ersetzt haben. Selbst die antifaschistischen Charakteranalysen von Adorno im amerikanischen Exil fanden noch Eingang in die Macy-Konferenzen, indem man auch den „‚Antiautoritären Menschen nach Maß‘ noch zum Ziel der Kybernetik erklärte.

In dem Aufruhr-Szenario, das Vonnegut entwarf – indem er die Militärforschung des „Fathers of Cyborg“ Norbert Wiener und des Mathematikers John von Neumann weiter dachte – geht es um die Folgen der „Maschinisierung von Hand- und Kopfarbeit“, d.h. um die  vom Produktionsprozeß freigesetzten Menschenmassen, die überflüssig sind und nur noch die Wahl haben zwischen 1-Dollarjobs in Kommunen und Militärdienst im Ausland, wobei sich beides nicht groß unterscheidet. Theoretisch könnten sie sich auch selbständig machen – „Ich-AGs“ gründen, wie das 1997 in Wisconsin entwickelte „Trial Job“-Modell nach Übernahme durch die rotgrüne Regierung hierzulande heißt, oder „Start-Ups“. „Reparaturwerkstätten, klar! Ich wollte eine aufmachen, als ich arbeitslos geworden bin. Joe, Sam und Alf auch. Wir haben alle geschickte Hände. Für jedes defekte Gerät in der Stadt ein eigener Mechaniker. Gleichzeitig sahnen unsere Frauen als Schneiderinnen ab – für jede Einwohnerin eine eigene Schneiderin.“

Da das nicht geht, bleibt es also dabei: Die Massen werden scheinbeschäftigt und sozial mehr schlecht als recht endversorgt, während eine kleine Elite mit hohem I.Q., vor allem „Ingenieure  und Manager“, die Gesellschaft bzw. das, was davon übrig geblieben ist – „Das höllische System“ – weiter perfektioniert. An vorderster Front steht dabei Norbert Wiener. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr „Aussteigern“ unterstützt. Der Autor  erwähnt namentlich John von Neumann. Nach Erscheinen des Romans beschwerte sich Norbert Wiener brieflich beim Autor über seine Rolle darin. Die Biologiehistorikerin Lily E. Kay bemerkt dazu in ihrem 2002 auf Deutsch erschienenen „Buch des Lebens“ – über die Entschlüsselung  des genetischen Codes: „Wiener scheint den Kern von Vonneguts Roman völlig übersehen zu haben. Er betrachtete ihn als gewöhnliche Science Fiction und kritisierte bloß die Verwendung seines und der von Neumanns Namen darin.“ Vonnegut antwortete Wiener damals: „Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird.“

Im Roman geht es dann so weiter, dass die von der fortschreitenden Automatisierung auf die Straße Geworfenen sich organisieren, wobei sie sich an den letzten verzweifelten Revivalaktionen der Sioux im 19. Jahrhundert orientieren: an den Ghost-Dancers, die gefranste westliche Secondhand-Klamotten trugen. Im Roman heißen sie „Geisterhemd-Gesellschaften“ – und irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an „ihren“ Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, von Neumann: „Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.“ Leider ging es jedoch erst einmal so weiter, dass heute jeder mindestens einen Handcomputer hat, der ihn trotz Vereinsamung mit der Welt „verbindet“.

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Hyphen

„Alles wichtige passiert auf dem Land“ (Gertrude Stein)

Die Berliner Kulturanthropologin Luise Meier veröffentlichte jetzt nach ihrer analytischen Studie „MRX-Maschine“ (2018), in der sie die Marxschen Instrumente versuchsweise auf die Probleme der Gegenwart anwendete, einen halbutopischen Roman: „Hyphen“ (2024). Er spielt in naher Zukunft und beschreibt Selbstorganisationsformen und vernetzte Wirtschaftsweisen, die hier bereits seit einigen Jahrzehnten real existieren, jedoch aufgrund der marktwirtschaftlichen Rahmenbedingungen oft nicht weit kamen. Dem hat Luise Meier nun vorgebeugt, indem sie die „Energieschranke des Kapitals“ (Sandrine Aumercier) derart radikal in Szene setzte, dass das Kapital verschwand, weil die Energieversorgung (Strom, Gas, Öl) zusammengebrochen ist – und mit ihr alle „Top-down“-Institutionen. Diese werden nun aber nicht peu à peu durch „Bottom-up“-Einrichtungen ersetzt. Die lokalen Initiativen verbleiben in der Horizontalen und verdichten sich dort nur – ganz ohne Computerisierung.

Die Menschen – zum Beispiel zwischen Berlin-Marzahn und Rügen – organisieren ihren Alltag also neu und statt sich virtuell zu vernetzen (wie bis zum Zusammenbruch der Energieversorgung), ahmen sie eher Pflanzenwurzeln (Roots) und Pilzhyphen (sic) praktisch nach, die als Verbündete Mykorrhizen bilden. Mit dem vorläufigen Endergebnis: Ein „Großteil…beschreibt sich trotz aller Entbehrungen und traumatischen Erfahrungen, besonders in den ersten Monaten und Jahren, heute als zufriedener als vor 2025“ (dem Jahr des ersten Stromausfalls, der endgültige erfolgte 2027). Diese Zufriedenheit hat laut Luise Meier ihren Grund „eindeutig“ in der „Zunahme von Selbstwirksamkeit oder ‚Sinn‘“ sowie in der „Abnahme von Erfahrungen der Konkurrenz und Isolation“. Und was lernen wir daraus?

1. kann man bei der Lektüre von „Hyphen“ an die Vielzahl von selbstverwalteten Kollektiven denken, die sich zunächst, nach „68“, auf dem Land (im Westen) ansiedelten und dann, nach der „Wende“, vor allem im menschenausgedünnten Osten. Was hier die Landschaften mit Initiativen und Projekten sprenkelte, wird nun nach dem Zusammenbruch aller alten Gewißheiten und Gewohnheiten quasi flächendeckend zur Notwendigkeit, die unerwartet neue Freiheiten mit sich bringt – während zugleich die massive „Dingwelt“ langsam schrumpft.

2. Wird man eventuell an die derzeitige Konjunktur des indigenen Denkens erinnert, das sich uns zunehmend selbst in Form von Literatur, Theater, Film, Tanz und Musik mitteilt. Obwohl uralt, fast ausgestorben und seit Jahrhunderten schon vom westlich-kolonialen „Fortschritt“ überwunden geglaubt, hat sich dieses immer noch lebendige Denken plötzlich in unser Herz geschlichen und wirkt jetzt sogar in sozialer und ökologischer Hinsicht als vorbildlich. Wenn dieses bei der „Hyphen“-Lektüre nun mitschwingt, dann ist diese Indigenität, dieses laut Claude Lévi-Strauss „wilde Denken“, doch auch hier schon um Einiges älter als seine derzeitige Konjunktur uns weismachen will.

Erwähnt sei nur der sowjetische Polarforscher Sawwa Uspenski, der als Biologe bereits Anfang der Sechzigerjahre das Verhältnis der Tschuktschen und Inuit zu ihren „Ernährern“ (den Robben, Rentieren, Moschusochsen, Walrossen, Walen, Eisbären, Vögeln und Fischen), ihre Ökonomie also, für ökologisch vorbildlich hielt – im Gegensatz zur wenig empathischen dafür jedoch um so enthusiastischeren Ausbeutung der Polarregion durch kommunistische Stoßtrupps. Seltsam nur, dass die dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt geradezu verfallenen Sowjets Uspenski ein derartiges Forschungsergebnis damals durchgehen ließen.

3. Pessimistisch gestimmt gemahnt die „Hyphen“-Lektüre jedoch auch an die unmittelbaren Folgen der zwei großen „Blackouts“ (Stromausfälle) in New York 1965 und 1977. An der Bremer Universität wurden sie 1979 vom Dozenten Gunnar Heinsohn thematisiert und 2012 vom Wiener Autor Marc Elsberg in seinem Technik-Thriller „Blackout – Morgen ist es zu spät“ für das gegenwärtige Europa durchgespielt.

Nach dem ersten „Blackout“ kam es neun Monate später zu einem Babyboom in New York, beim zweiten plünderte die Unterschicht, vorwiegend Afroamerikaner, Geschäfte mit Braunware (Fernseher, Plattenspieler, Verstärker etc.), während die weiße Mittelschicht sich auf die Plünderung von Schmuck- und Uhrenläden konzentrierte. Die ersteren kamen mit ihren klobigen Gegenständen meist nicht weit, sie wurden von der Polizei festgenommen. Letztere versteckten die geklauten Preziosen an ihrem Körper und verließen die Tatorte unbehelligt als bloße „Bystander“.

Etwas anders verlief 1987 die Plünderung eines Supermarkts („Bolle“) in Berlin Kreuzberg, bei der die mehrheitlich aus der Mittelschicht stammenden Jugendlichen und Künstler es primär auf die Alkoholika abgesehen hatten. Um diese sicher nach Hause zu tragen, hatten sie vorher die Polizeikräfte weit genug zurückgeschlagen und sich eine „bullenfreie Zone“ erkämpft“.

Die optimistische halbe Utopie von Luise Meier werden alle, die sich inzwischen in einer Anthropause befinden, mit einer realistischeren Dystopie kontern: Der Zusammenbruch aller hochtechnoiden kapitalistischen Systeme werde dazu führen, dass sich Gangs über Gangs bilden, die plündern, Dinge und Lebensmittel horten, Einrichtungen zerstören, morden und mit Gewalt Herrschaftsansprüche durchsetzen. So wie es jetzt im Kursker Gebiet in Abwesenheit ziviler Ordnungskräfte geschieht, wo Nachbarn und russische sowie ukrainische Soldaten sich die Beute beim Plündern streitig machen. Der Historiker Harald Jähner hat Ähnliches für die Zeit unmittelbar nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Deutschlands 1945 bis 1955 in seinem Buch „Wolfszeit“ (2019) registriert.

Ein weniger dystopischer Realismus wird dagegen nicht den Zusammenbruch der Techno-Systeme ins Kalkül ziehen, sondern seine Wahrnehmung eher auf die seit den Neunzigerjahren schleichende Erosion des Sozialen, verbunden mit der leisen Agonie der Behörden und Dienstleistungsbetriebe richten, die seit den von oben dumpf befohlenen Corona-Maßnahmen epidemisch geworden sind. Anders gesagt: Die hochkomplexen Staaten werden zusehens unregierbarer, weil man es nicht geschafft hat, beim Zusammenbruch des Ostblocks und der Auflösung der Sowjetunion über die zentral-staatliche Planung hinaus zu gehen, sondern zurück zu fallen in idiotisches Privateigentum und eine unbarmherzige Monetarisierung aller Lebensäußerungen (einschließlich die der letzten Nicht-Menschen): Ein Schritt vor und zwei zurück.

Aber auch das läßt sich aus Luise Meiers „Hyphen“ entnehmen, wenn sich drei ihrer Protagonisten angesichts des bisher erreichten solidarischen Zusammenwirkens über Dörfer und Stadtteile hinweg der Gedanke aufdrängt: Es ist „‚wie Kommunismus ohne Strom’, lachte Ersan. ‚Oder Sowjetmacht minus Elektrifizierung‘, trumpfte Marianne auf. „Alle denken bei Gefahren an ‚Fight or Flight‘, aber gerade bei Frauen gibt es auch die Reaktion ‚Tend and befriend‘ – sich Kümmern und Freundschaften knüpfen’, sagte Susanne.“

Genau das habe ich 2006 in der Wüste Gobi erlebt: Nach der „demokratischen Revolution” 1989 und dem Zusammenbruch des Sozialismus wurden alle Kolchosen im Land aufgelöst und jeder Mongole bekam 100 Stück Vieh – egal, ob er als Friseur, Fahrer oder Buchhalter gearbeitet hat. Viele dieser „Ich-AGs“ gaben bald auf – besonders nach den zwei harten Wintern 1999 und 2000, als Millionen Tiere verhungerten. Es waren vor allem Männer, die als neue Nomaden scheiterten. Danach fingen sie als Händler für alles Mögliche an, scheiterten aber an den geschäftstüchtigeren Chinesen, woraufhin sie nur noch deprimiert dasaßen und sich betranken.

Inzwischen gibt es jedoch über 80 Viehzüchter-Kooperativen allein in der Südgobi – alle werden von Frauen geleitet. Und sie wandern wieder mit ihrem Vieh. Die nomadische Wirtschaftsweise ist eine ökologische Notwendigkeit, um Überweidung zu vermeiden, aber die Ökologie reicht inzwischen tiefer.

Eine Viehzüchterin berichtete: „Nach 1990 war jede Familie auf sich selbst gestellt, und sie wanderte so gut wie gar nicht. Das konnte nur durch die Genossenschaften gelöst werden. Das sind Kollektive wie im Sozialismus, aber diesmal bestimmen wir selbst, was zu tun ist. Etwas 2000 Viehzüchter haben sich bisher hier zusammengeschlossen. Schon im ersten Jahr 1999 haben wir das Positive daran gemerkt. Nach sieben Jahren können wir nun sagen, dass es richtig war. Wir haben uns kundig gemacht, wie die negative Entwicklung zustande kam. Die Wilderei hat völlig aufgehört und keine Familie sammelt mehr Feuerholz. Wir wissen heute, wie die Natur zu verbessern ist. Außerdem waren wir drei Mal im Ausland, haben viel gesehen und sind auf neue Ideen gekommen.”

Ein Viehzüchter meinte: „Früher wurde alles von oben organisiert, dann kam plötzlich die Marktwirtschaft. Wir sind die ersten in der Mongolei, die aus dem Dunkeln rausgekommen sind. Unser Beispiel macht inzwischen Schule.“

Eine Viehzüchterin ergänzte: „Es gibt auch große Veränderungen im Verhältnis zwischen Mann und Frau. Die Frauen waren vorher immer nur zu Hause mit Kindern, haben wenig untereinander geredet. Und die Männer waren nicht gut genug ausgebildet, um die richtigen Entscheidungen treffen zu können, sie haben viel gegessen und getrunken und waren als Händler ohne Erfahrung. Bereits das erste Meeting mit dem Naturschutzprojekt, wo die Idee des Zusammenschließens begründet wurde, hat uns die Augen geöffnet. Seitdem hat es viele Veränderungen in unserem Leben gegeben. Ich bin selbst ein Beispiel dafür: Obwohl eine einfache Viehzüchterin habe ich mich in den letzten Jahren sehr verändert und mein Leben verbessert. Wir sind 35 Familien, 144 Menschen und haben 7000 Tiere. 1999 ging es nur sechs Familien gut, der Rest war arm. Wir hatte keinen Zugang zu Informationen und waren zerstreut.”

Eine andere Viehzüchterin erzählte: „Den Anfang haben fünf Frauen gemacht – sie sind raus aus den Gers [das mongolische Wort für Jurten]. Dann kamen mehr dazu. Wir haben Einfluß auf die Männer genommen. Und mit ganz kleinen Sachen angefangen, uns gegenseitig zu helfen. Das war ein langsamer Prozeß. Wir haben z.B. Zäune gemeinsam repariert, die Weiden von Tierkadavern gesäubert, mit Behörden verhandelt, Kurse im Gemüseanbau für uns organisiert…Dann haben wir in der Kreisstadt für Geld gearbeitet und den armen Familien dafür Vieh gekauft, damit wir alle gleich viel haben. Unser Fähigkeit zu kooperieren hat sich immer mehr verbessert.. Gleichzeitig mußten wir die Balance zwischen Familie und Kollektiv finden.”

Ein alter Viehzüchter wirft schließlich noch ein: „Die Frauen haben die Ideen, die Männer setzen sie um.” Die Frauen lachen, korrigieren ihn aber nicht.

Sage also keiner, dass die Geschichten in Luise Meiers „Hyphen“ bloß ausgedacht sind.

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Klasse

Neuerdings spricht man von „Klassismus“, wenn jemand den Klassenbegriff ins Spiel bringt. Also wenn einer meint, Ressourcen, Güter, Privilegien und Positionen seien nicht zufällig verteilt, sondern weisen „ein systematisches Muster“ auf . Das ist das der Kern dessen, „was man eine Klassengesellschaft nennt“, meint Oliver Nachtwey in einem Nachwort zu E.O.Wrights Buch „Warum Klasse zählt“ (2023), eine US-marxistische Analyse, die nun als „Meilenstein der Klassentheorie“ aus dem 20. Jahrhundert beworben wird.

Im 21. sind es dann zunächst französische Autoren, die erzählen, dass und wie ihre Herkunft aus der Arbeiterklasse es ihnen schwer machte, in der „Pariser Gesellschaft“ Fuß zu fassen. Dies galt vor allem für den Soziologen Didier Eribon und sein überaus erfolgreiches Buch „Rückkehr nach Reims“ (2009, auf Deutsch 2016), dessen Arbeitereltern sich im Laufe der Zeit politisch von links nach rechts orientierten, was gleichzeitig einem allgemeinen „Klassendrift“ entsprach. Auch die französische Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux hat mit gleich mehreren autobiografischen Büchern ihren „Lebensweg vom Arbeiterkind zur Schriftstellerin“ geschildert, wie Wikipedia schreibt. Ihr Vater war jedoch Kneipenbesitzer und ihre Mutter besaß einen kleinen Lebensmittelladen. „Nicht mehr in der Fabrik arbeiten müssen, keinen Chef haben, der dir auf den Wecker geht, sieh Dich nur um, die armen Schweine mit ihren Henkelmännern, die vor ihrem Chef buckeln…“ Sie finanzieren ihrer Tochter Schule und Universität, die wünscht sich jedoch eher, dass sie als Arbeiter in eine Fabrik gehen statt ihre Krüppelexistenz als Selbständige in einem Armenviertel aufrecht zu erhalten.

Ausführlich beschreibt Ernaux das in ihrem 1974 veröffentlichten Buch „Die leeren Schränke“, das erst 2023 auf Deutsch erschien. Hierzulande liest man also quasi das erste Buch zuletzt, was den falschen Eindruck hinterläßt, dass Ernaux sich immer mehr radikalisierte, indem sie in „Die leeren Schränke“ ihren Hass auf ihre ungehobelten Eltern und ihre Scham im Gymnasium angesichts der aus besseren Kreisen stammenden Mitschülerinnen erzählt, während sie jedoch in Wahrheit zunehmend feinsinniger in ihren späteren Büchern über ihre Herkunft urteilt.

Ich hasste etwa zur selben Zeit als Jugendlicher ebenfalls meine Eltern, die Schule und dass ich immer zu wenig Geld hatte – bis ich dank der linken Bewegung ab 1967 nicht mehr so werden wollte wie alle. Ernaux schrieb über ihre Eltern: „Ich sehnte mich nach Diskretion, Zurückhaltung, Taktgefühl. Stattdessen Eile, Exzeß, Dreck, Essengeräusche. Ich hätte sie nicht danach bewerten sollen. Aber für mich [als 15/16jährige] war das der Unterschied.“

Der Soziologe Franz Schultheis schrieb 2020 über sie: „In Frankreich hatte Ernaux parallel zu Bourdieus ‚Die feinen Unterschiede‘ vor fast vier Jahrzehnten eine wahlverwandte und in vielerlei Hinsicht ergänzende literarische Sicht auf die französische Klassengesellschaft entwickelt. Es ist erstaunlich, wie spät man sie im deutschsprachigen Raum entdeckt hat. In den 1980er Jahren, als Bourdieus und Ernaux’ Gesellschaftsanalysen in Frankreich zum Standardrepertoire des intellektuellen Lebens gehörten, feierte die deutsche Mainstream-Soziologie das ‚Ende der Klassengesellschaft‘ und den Fahrstuhl nach oben für alle. Jetzt, fast 4 Jahrzehnte danach, scheint man sich angesichts wachsender gesellschaftlicher Ungleichheiten beim Zugang zu allen Formen an Lebens-Chancen zu besinnen und die Schwerkraft gesellschaftlicher Reproduktionen neu zu entdecken.“

Mitte der 1980er Jahren kam eine „Arte“-Redakteurin von einem „Princeton“-Forschungsaufenthalt in den USA zurück und schwärmte davon, dass jetzt die Arbeiter dort alle Aktien kaufen würden, aus deren Gewinnen sie ihren Kindern das Studium finanzieren. Dass sie das nur können, wenn sie als „Aktionäre“ dazu beitragen, ihre eigenen Arbeitsplätze weg zu rationalisieren, kam ihr nicht in den Sinn.

Etwas später kam dieser neoliberale Idiotentraum auch hier an – indem u.a. der beliebte DDR-Arbeiterdarsteller Manfred Krug Werbung für die Telekom-Aktie machte – und damit im Osten tausende, die ihm gutgläubig folgten, ins Unglück stürzte: Sie verloren ihre Abfindungen, die sie bei der Abwicklung ihrer Betriebe bekommen hatten, als die hochgelobten „T-Aktien“ von 100 auf 10 Euro abstürzten. „Das hat viele Privatanleger traumatisiert“, berichtete die Tagesschau 2021. Deswegen (?) mehren sich nun auch im Deutschen Sprachraum die autobiographischen Berichte von Studierten über ihre Arbeitereltern. Da jedoch gleichzeitig immer weniger Arbeiterkinder studieren können (die Hans-Böckler-Stiftung des DGB spricht von „einem eindeutigen Rückschritt im Bemühen um soziale Chancengleichheit“), ist das Ende dieses neuen literarischen „Klassismus“ wohl „vorprogrammiert“, wie man heute zwar gedankenlos sagt, aber unbeabsichtigterweise damit für einmal richtig liegt.

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Neues zum Klassenbegriff

Der kürzlich verstorbene Wissenssoziologe Bruno Latour und der dänische Soziologe Nikolaj Schultz haben 2022 ein „Memorandum ‚Zur Entstehung einer ökologischen Klasse‘“ veröffentlicht. Sie meinen, die marxistische Definition von Klassen liegt im Verständnis ihrer materiellen Bedingungen. „Will die ökologische Klasse diese Tradition als Erbschaft übernehmen, muß sie diese marxistische Lektion akzeptieren und sich ebenfalls im Verhältnis zu den materiellen Bedingungen ihrer Existenz definieren.“

Zwar bleibt die Analyse in Begriffen dieser ökologischen Klasse materialistisch, „aber sie muss sich anderen Phänomenen als der alleinigen Produktion und der alleinigen Reproduktion ausschließlich der Menschen zuwenden“. Das „Neue Klimaregime“ zwingt sie, sich auch Tieren und Pflanzen bis hin zu den Mikroorganismen im Boden, im Wasser und in der Luft zuzuwenden. Der bisherigen Ökonomie ging es um den Einsatz der Ressourcen zum Zwecke der Produktion. Aber, so fragen sich die beiden Autoren, „existiert auch eine Ökonomie, die in der Lage ist, sich zurück zu wenden in Richtung des Erhalts der Bewohnbarkeitsbedingungen der terrestrischen Welt?“

Anders gesagt: „Man konnte stets auf die Energien bauen, die mit der Losung entfacht wurden ‚Vorwärts!‘ Aus der Sicht des alten Modells klingt die Losung heute dagegen eher wie ‚Alles zurück!‘“ Für die ganzen jungen Klimaaktivisten und klimapolitisch argumentierenden Wissenschaftler mag diese Parole stimmig sein, für die Politiker der demokratischen Parteien ist sie jedoch trotz ihrer Lippenbekenntnisse und Sonntagsreden unannehmbar, denn sie wurden gewählt, um das Wohl der Volkes, mindestens ihrer Wähler, zu mehren. Und nicht, um sie mit immer neuen finanziellen Belastungen zu konfrontieren. Die „mobilisierenden Werte“ waren bislang „Wohlstand, Emanzipation und Freiheit“. Für die beiden sich um die ganze Welt Sorgen machenden Soziologen gibt es „keinen Staat der Ökologisierung: Keine Beamtin, kein Abgeordneter, vermag anzugeben, wie der Wechsel von ‚Wachstum‘ – und dessen damit einhergehenden Elendsformen – zur Prosperität – und den damit verbundenen Opfern – gelingen kann.“ Das kann für sie nur in Form von Basisbewegungen praktisch geschehen, die sie vorerst wie „in einem dichten Nebel“ nur erahnen können.

Laut der „tagesschau“ hat bereits der Wärmepumpenplan des grünen Wirtschaftsministers Habeck der rechten Partei AfD einen „besorgniserregenden“ Aufschwung beschert, wie eine Studie ermittelte. Man kann das auch so wie Latour und Schultz ausdrücken: „Die Zahl getöteter Umweltaktivisten ist heute höher als die der Gewerkschaftler.“ Die beiden Autoren scheinen davon auszugehen, dass sich die Zunahme des Gewichts der „ökologischen Klasse“ in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen an dieser Todesstatistik quasi messen läßt. Ähnlich könnte auch „Die letzte Generation“ argumentieren, wenn sie die Zahl ihrer verhafteten Aktivisten und die zunehmenden Repressionen gegen sie in Anschlag brächte – als Indikator für das Wirksam-Werden ihrer Protestaktionen.

Als der Wissenssoziologe Bruno Latour ,bereits vor Jahren, verkündete: „Es gibt keine ökonomische Utopie mehr, nur noch eine ökologische“, erntete er wenig Widerspruch. Es ist ja auch wahr, dass die Ökologiebewegung – inklusive Parteien, Gesetze, Verordnungen, Forschungsinstitute, Lehrstühle, NGOs, „Fridays for Future“, Naturschutzbeauftragte Umweltbundesamt- und -ministerien – eine enorme „Karriere“ gemacht hat. Der Soziologe Harald Welzer gibt jedoch zu bedenken: Gleichzeitig werde jedes Jahr „ein neues Weltrekordjahr im Material- und Energieverbrauch“ angezeigt.

Auch Latour und Schultz müssen in ihrem „Memorandum“ zugeben: „Seit Längerem sind Beobachterinnen und Beobachter verwundert, dass weder die Gewissheiten noch die Bedrohungen jene Mobilisierung der Massen nach sich ziehen, die angesichts der Dringlichkeit angemessen wäre. Dabei läuten die Alarmglocken schon seit 40 Jahren; seit 20 Jahren schrillen sie in den Ohren aller; und seit dem letzten Jahrzehnt – zumal während des letzten Jahres – hat die Gefahrenlage nach der unmittelbaren Erfahrung von Abermillionen von Menschen die Stufe Rot erreicht.“

Die ökologische Klasse versucht zwar wie die Arbeiterbewegung „den öffentlichen Raum von unten zu füllen, aber sie trat damit zu einem Zeitpunkt an, als „das politische Leben seinen Tiefpunkt erreicht hat“.

Erkennbar daran, dass die Regierungen der westlichen Industriestaaten zwar bei der Corona-Epidemie blitzschnell Medikamente und Testzentren finanzieren konnten (auch wenn dabei Milliarden durch Betrug verloren gingen); wie sie auch beim darauffolgenden Ukrainekrieg blitzschnell Waffenlieferungen, Embargos, neue Energielieferanten, Grenzöffnung für Flüchtlinge, neue Häfen etc. in die Wege leiteten (obwohl auch dabei durch Betrug und Korruption Milliardensummen verschwanden). Aber noch bei der kleinsten – Opfer verlangenden – Klima-Maßnahme kommt nach endlosem Hin und Her nur ein nichtsnutziger Kompromiss zwischen Ökonomie und Ökologie heraus.

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Arbeiterklasse

In der Zeitschrift „konkret“ (10/2024) schreibt Nelli Tügel: „Die Arbeiterklasse galt vielen als verschwunden“, die Marxsche „Kapital“-Analyse gelte nicht mehr, so wurde gesagt, stattdessen ist von „Multitude“, „Unterschicht“, „Subalterne“ und „Prekariat“ die Rede. Seit Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ und ähnlichen Autobiographien auch deutscher Autoren, die sich aus einem Arbeiterhaushalt zu Soziologen oder Schriftstellern hochgearbeitet haben, habe die Arbeiterklasse jedoch ein „begriffliches Comeback“ erlebt. Zumal der Kapitalismus sich ja auch im Kern nicht verändert habe, d.h. „die private Aneignung von Mehrwert“, so dass die „lohnabhängige Klasse“, global gesehen, sogar wächst, „sie ist heute so groß wie noch nie zuvor“. Man müsse deswegen nach wie vor darauf bestehen: „Wer seine Arbeitskraft zu Markte tragen muß, der gehört zur Arbeiterklasse“.

Nicht die Arbeiterklasse ist also verschwunden, sondern nur bestimmte Branchen in einigen Regionen. Sie sind in „Billiglohnländer“ abgewandert. So gab es z.B. in Westberlin eine Spinnerei, die Kunstfaser verarbeitete. Als sich in Chile Pinochet an die Macht putschte und die Stundenlöhne auf umgerechnet 90 Pfennig gesenkt wurden, verlagert man die „Spinne“ sofort nach dort.

Ich arbeitete kurz im „Industriesalon“ in Oberschöneweide, wo man die materiellen Hinterlassenschaften des dortigen Industriegebiets zusammenträgt. Danach besuchte ich einige Industriemuseen. Das Ledermuseum in Offenbach, die Eisenbahn-, Fahrrad-, Textil- oder Luftfahrt-Museen in Bayern und die Musealisierungen der Zechen im Ruhrgebiet, die ähnlich wie die Hafen-Lagerhallen in Bremerhaven zu Event- und Amüsierorten umgestaltet wurden. Daneben hat man die Stollen der Bergarbeiter zu „Besucher-Bergwerken“ erklärt. Überall dominiert der Stolz auf die Produkte und Herstellungsweisen, es waren genaugenommen Ausstellungsorte für deutsche Ingenieurskunst.

Anders in Polen, wo ich (wie in der JW am 24.9. und 1.10. erwähnt) das Bergarbeitermuseum in Kattowitz, das Werftarbeitermuseum in Danzig und das Textilmuseum in Lodz besuchte.

Das Kattowitzer Museum entstand auf dem Gelände der abgewickelten „Zeche Katowice“, es umfasst vier oberirdische und drei unterirdische Stockwerke und nennt sich „Schlesisches Museum“. 1940 wollten die Deutschen schon einmal ein „Schlesisches Museum“ eröffnen. Das fast fertige Gebäude sollte ein „Denkmal des polnisch-jüdischen Hochmuts“ werden, es wurde jedoch laut Wikipedia 1944 „abgebrochen“ und die Exponate zerstreut. Gut möglich, dass einige im 2006 von Westdeutschen eröffneten „Schlesischen Museum“ in Görlitz landeten, das im schönsten Haus der Stadt untergebracht ist.

Die ganze spätgotisch-barocke Altstadt wurde nach der Wende mit Kamelhaarpinseln renoviert und gehört nun westdeutschen Emeritierten. In den Plattenbauten drumherum brüten Neonazis Böses aus. Die Polen im Museumsbeirat vermuteten auch bei der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach als Beirätin Böses. Es wurde heftig gestritten. Steinbach, die seit 2022 AfD-Politikerin ist, mußte gehen, bekam aber 2021 ein Vertriebenenmuseum in Berlin.

Während das Schlesische Museum in Görlitz nun grob gesagt die im Auftrag von preußischen Adligen und Fabrikbesitzern hergestellten Luxuswaren ausstellt und mit der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien endet, behandelt das Schlesische Museum in Kattowitz die industrielle Entwicklung Schlesiens ab 1945, wobei es sich auf den Anteil der Bergarbeiter am Wiederaufbau Polens konzentriert. Ich kam dort mit einem ehemaligen Bergarbeiter ins Gespräch: „Wir sind mit unserem Museum zufrieden,“ meinte er.

Das zweite – ebenso riesige – Museum in Danzig feiert die Tätigkeit der Werftarbeiter und ihren Kampf für die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“. Dieses Museum und das in Kattowitz sind keine Industriemuseen, geschweige denn „Industriesalons“, sondern Arbeitermuseen.

Anders das aus einer Textilkunstsammlung hervorgegangene Textilmuseum in der Textilstadt Lodz. Dieses ähnelt den Industriemuseen in Westdeutschland und den vielen Industriemuseen in Ostdeutschland, in denen man aus den „abgewickelten“ Betrieben die materiellen Hinterlassenschaften sammelte. Erwähnt seien hier nur das „Technische Museum der Hutindustrie“ in Guben und das „Nähmaschinenmuseum“ in Wittenberge. Dieses ist ebenfalls der Ingenieurskunst gewidmet, daneben zeigte es vorübergehend aber auch Kunst, und zwar von der Künstlerinnengruppe „Endmoräne“. Auch das ist typisch für die stillgelegten Betriebe: dass sie von Künstlern genutzt werden – bis sich eine neuer Investor zeigt, bis dahin gehören sie meist einer Bank.

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Plattmacher-Kapitalismus

Der Kapitalismus hat schon immer, wo er hin(ge)langen konnte, alles platt gemacht, einer seiner Ideologen, Joseph Schumpeter, nannte das eine „schöpferische Zerstörung“. Aber mit dem amerikanischen Internet wird jetzt erneut die „Kacke des Seins“ umgegraben. Der US-Präsident Calvin (!) Coolidge sagte 1925 in einer Rede: „The chief business of the American people is business. They are profoundly concerned with producing, buying, selling, investing and prospering in the world.” Kurz: „The business of America is the business“. Und nun ist erstmalig ein Präsident dort an der Macht, der die Politik nur als Business begreifen kann. Inzwischen heißt dieses „Geschäft“, das weltweit alle historisch entstandenen sozial-ökonomischen Strukturen zerstört: „Plattformkapitalismus“.

Zwar haben einige Leute in Berlin jüngst schon mal einen Verein gegründet, der ein „Museum des Kapitalismus“ (in der Köpenicker Strasse 172) betreibt, aber das war zu voreilig. Der letzte kapitalistische Schrei – „Plattformen“ – ist leider noch lange nicht reif für seine Musealisierung. Im Gegensatz zu den Museen der polnischen Arbeiterklasse, von denen ich zwei – für die Werftarbeiter und für die Bergarbeiter – kürzlich erwähnte. Ein drittes in Lodz, das bereits 1975 gegründete „Zentrale Textilmuseum“ ging aus einem Kunstmuseum hervor und thematisiert nur die Produkte und nicht die Textilarbeiter, dabei hatten im März 1989 4000 Textilarbeiter in Lodz noch gegen die Abwicklung ihrer Fabrik „Portex“ gestreikt und und der Aufstand der schlesischen Weber 1844 wurde damals sofort von Schriftstellern, Philosophen, Journalisten und Künstlern thematisiert, u.a. von Heinrich Heine mit seinem dann in Preußen verbotenen Gedicht „Die armen Weber“ und Gerhart Hauptmann mit einem sozialen Drama: „Die Weber“.

Der „barbarische Manchesterkapitalismus“ von damals könnte aus „heutiger Perspektive“ jedoch „fast ein Sehnsuchtsort sein“, schreibt das „Philosophie Magazin“ 2021 in einem Artikel über „Die neue Macht des Plattformkapitalismus“, in dem „Wertschöpfung mit Daten“ betrieben wird, wobei „die Plattformen nicht auf Märkten operieren, sondern sich selbst als Märkte anbieten“ – z.B. „Uber“ mit seinen weltweiten Taxi- und Lieferdiensten und die Plattform „Amazon“, über die schier alles verkauft wird oder die sozialen Medien wie „Facebook“ und Suchmaschinen wie die des Konzerns „Google“, der heute allwöchentlich eine Firma aufkauft.

Erwähnt seien außerdem die Plattformen „Airbnb“, die Unterkünfte sowie Ferienhäuser vermittelt, und „Booking.com“ für Hotelvermittlungen. Die Besitzer solcher Immobilien müssen für jede Vermittlung eines Gastes zahlen. Sie schimpfen natürlich, wie auch die Buchverlage über Amazon, weil sie so hohe Gebühren dafür zahlen müssen. Ähnlich funktioniert auch die Plattform „eBay“, das 2002 den börsennotierten Onlinedienstleister „PayPal“ („Bezahlfreund“ auf Deutsch) für 1,5. Milliarden Dollar erwarb, über den die meisten „eBay“Kunden ihre Waren bezahlen.

Derzeit wirbt eine neue Plattform auf Berliner U-Bahn-Plakaten in englischer Sprache (!) für Klempner. Die Idee kommt über „Temu“ aus den USA, das für Waren aus China gedacht ist. Man klickt die „Plumber“-Plattform an, sucht sich – etwa wegen eines verstopften Klos – einen Klempner auf einer Liste aus und der muß dann bestimmte Prozente seines Honorars an das Unternehmen abgeben. Er muß kein Handwerker mehr sein, sondern ist einfach ein Selbstständiger (eine Ich-AG) und die Handwerkskammer kann ihn mal.

Als Selbstständiger (Subunternehmer?) ist es schwer, einen Arbeitskampf zu führen. Bereits kurz nach der Wende gab es eine Protestdemonstration von ausgebildeten Ostberliner Kammerjägern gegen die global operierende englische Aktiengesellschaft „Rentokil“, die jeden einstellt, der sich zutraut, mit Ungeziefervernichtungsgiften umzugehen.

Es gibt inzwischen Dutzende Bücher über den „Plattformkapitalismus“. Der finanzökonomisch argumentierende Kulturwissenschaftler Joseph Vogl führte in einem Interview über sein Buch „Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart“ (2021) aus: „Plattformunternehmen liefern so etwas wie neue soziale Infrastrukturen. Der vorsorgende Staat soll durch fürsorgliche Unternehmen abgelöst werden. Und die Wertschöpfung wird durch die Besetzung ehemaliger Regierungsaufgaben komplettiert und gesichert.“

Bei vielen Plattformen sind US-Investmentgesellschaften beteiligt, u.a. BlackRock, die ein Vermögen von 10 Billionen Dollar verwaltet (der deutsche Staatshaushalt verfügt „nur“ über 1,3 Billionen). Kürzlich stiegen „BlackRock“ und „Fidelity“ wegen des eskalierenden Ukrainekriegs beim Waffenhersteller „Rheinmetall“ ein. Wie Joseph Vogl gehen sie von einer „neuen Vorkriegszeit“ aus. Das Philosophie Magazin meint: „Solange weder das Internet abgeschaltet noch der Geldverkehr eingestellt wird, bleibt Vogls Kritik des Plattformkapitalismus Pflichtlektüre“.

Aber was tun? „Um irgendwo anzufangen, kann man ja zunächst den Empfehlungen von Digitalexperten gegen ‚Infodemien‘ im Netz folgen: Friktionen erhöhen, Geschwindigkeit reduzieren, Abkühlzeiten einschieben, Pausen verlängern, Rauschen verstärken, Kreisläufe stören, Automatismen unterbrechen, Abschalten,“ rät Joseph Vogl.

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Animiert

Man kennt inzwischen die japanischen Manga-Comics, als Film „Anime“ genannt, die mit ihren „Merchandising“-Produkten ganze Hallen auf der Leipziger Buchmesse füllen. Wer sich als Comic-Figur, als „Cosplayer“ kostümiert, hat auf der Messe freien Eintritt. Es gibt aber dezidierte Anweisungen, wie lang z.B. ein Schwert sein darf, aus welchem Material usw.. Die weiblichen Teenager in den Comics haben große Brüste und sind knapp bekleidet. Es gibt sie auch als Anime-Pornos.

Auf dem chinesischen „tik tok“-Kanal treten die Mangamädchen nun real – im Großstadtgetümmel spazieren gehend – auf. „Are they real?“ heißt diese Parade auffälliger junger chinesischer Frauen. Die Frage stellt sich wirklich, denn diese dünnen langbeinigen Teenager in engen Kleidern haben alle enorme Brüste. Es sind verlebendigte Mangamädchen – ihr Lächeln ist sogar noch echter.

Ich erinnere ein Interview mit der Berliner Künstleragentur von Frau Fieting in den Neunzigern, die vor allem Doppelgänger, „Look-Alikes“ managte. Im Neuköllner-Monster Hotel von Eduard Strelinsky („Estrel“) finden regelmäßig „Look-Alike“-Contest statt. Über ihre „Pamela Anderson“-Doppelgängerin erzählte Frau Fieting, dass die ihre Authentizität auch dadurch erreiche, dass sie stets mit einer Fantruppe erscheine: „Die rennen ihr bei Dreharbeiten bis aufs Mädchenklo nach. Außerdem hat sie die selben Hobbys wie die wahre Pamela. Unlängst war sie ganz verzweifelt, weil sich in Hollywood alle Frauen ihre Brüste vergrößern ließen und sie das eigentlich nicht wollte.“ Rosemarie Fieting bestärkte sie darin: „Du wirst Dir doch Deinen schönen Busen nicht kaputt machen“. In den „Reels“ von Facebook zeigen sich jene im Bikini, die sich eine solche Vergrößerung zwecks Attraktivitätssteigerung geleistet haben.

Für den kleinen Geldbeutel tut es neuerdings auch das Aufblasen der Lippen, wenn man die zunehmende Zahl von Frauen mit dicken Lippen für einen Trend hält. Mit Revolax aufgespritzte Lippen kosten zwischen 120 („Normale Technik“) und 200 Euro („Russian Lips“, „Davinci Lips“).

Vorausgegangen ist dem die Mode der „tattos“ und der „tatto“-Künstler, deren Preise nach oben keine Grenze haben. Hinzu kamen dann noch immer mehr Piercing-Möglichkeiten. Neuerdings wird in U-Bahnen für die Entfernung von „tattos“ geworben, was auch nicht billig ist.

Ebenfalls in den Neunzigerjahren hörte ich eine Abiturientin rufen, als ihre Mutter aus dem Bad kam: „Iih, Mutti ist ja behaart!“ Da war also schon das Schamhaar-Entfernungs-Muß bis zu den Teenagern in Grimma durchgedrungen. Auch wenn einer sich tatoolos zeigt, bekommt er zu hören „Was! du hast gar kein tatoo?“ Eine Bekannte überraschte ihren Freund zu seinem Geburtstag mit einer tätowierten Rose auf dem Hintern.

Diese Moden und ähnliche entstehen aus einer nachahmenden Distinktion. Für den Soziologen Gabriel Tarde war die Nachahmung, das, was die Gesellschaft zusammen hält. Mimikry! Man erforscht sie zumeist bei den Tieren: Wenn z.B. ein ungefährliches Tier sich im Aussehen und Verhalten einem gefährlichen anähnelt. Wikipedia nennt die „Mimesis“ Nachahmung, was im Griechischen einst „mittels einer Geste eine Wirkung erzielen“ bedeutete. Als Mimesis bezeichnet man in den Künsten das Prinzip der Nachahmung im Sinne der Poetik von Aristoteles, im Unterschied zur ‚imitati‘“. Von Mimesis spricht man in der Biologie, wenn Tiere oder Pflanzen das Aussehen ihrer Umgebung nachahmen.

Das „Prinzip der Nachahmung“ gilt auch bei den „Look-Alike-Contests“ im Hotel Estrel. Mich interessierte daran zunächst, dass es ein Medienphänomen ist, d.h. die Doppelgänger entstehen wesentlich über die Medienpräsenz der Originale. Seien es die Queen, Clinton, Einstein oder Freddy Mercury. Und natürlich Marilyn Monroe. Eine ihrer Doppelgängerinnen hat sich sogar so wie ihr Vorbild umgebracht. Wenn ihr Vorbild stirbt, müssen ihre Doppelgänger viel Geld für Schönheitsoperationen ausgeben, damit sie so bleiben wie ihr „Star“ war. Eine Zeitlang liebäugelten wir mit der Erklärung dieses psychosozialen Phänomens der Nachahmung, die von dem englischen Botaniker Rupert Sheldrake stammt, der ebenfalls eine Medientheorie dazu entwarf, an der er seit 40 Jahren feilt. Seine „morphogenetische Theorie“ geht von einem „Feld“ aus, das via „morphogenetische Resonanz“ dem Leben Form und Farbe gibt. Es ist eine antigenetische Theorie, die eher eine (esoterische?) Art von Funkwellen favorisiert. „Are they real?“ fragte ich mich. Desungeachtet: Wenn einem einmal die „Nachahmung“ aufstößt – die „Mimikry und „Mimesis“, dann sieht man sie überall am Werk. Bei den Haarfrisuren, den getrimmten Bärten, beim Parfum, den Hochzeitsfeiern und Beerdigungsabläufen. Manchmal kann man sogar sagen, wann dieses oder jenes Detail in Mode oder aus der Mode gekommen ist und bei welcher diese oder jener „stehengeblieben“ ist, auch intellektuell.

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Musealisierung der Arbeiterklasse

Während des Werftarbeiterstreiks auf der Danziger Lenin-Werft 1980-81, aus dem die Solidarnosc-Gewerkschaft hervorging, wurde der Regisseur Andrzej Wajda aufgefordert, einen Film über die Bewegung zu drehen, womit er sofort begann. Die Streikenden hatten 21 Forderungen, die staatliche Zensurbehörde verlangte von Wajdas Film dann 21 Kürzungen. Seine Produzentin riet ihm, die Zensur zu ignorieren – und ihn sogleich, während der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen 1981, bei den Filmfestspielen in Cannes einzureichen, wo er mit der „Goldenen Palme“ ausgezeichnet wurde. Der Film hat den Titel „Der Mann aus Eisen“ und beginnt mit den studentischen „März-Unruhen 1968“ und dem „Aufstand der Arbeiter 1970“, deren getötete Kämpfer 1980 mit einem riesigen Denkmal vor dem Tor der Lenin-Werft geehrt wurden.

Der Solidarnosc schlossen sich nach und nach andere gesellschaftliche Gruppierungen an, daneben gab es seit 1976 das von Intellektuellen, u.a. von Jacek Kuron gegründete „Komitee zur Verteidigung der Arbeiter“ (KOR). Kuron wurde enger Mitarbeiter des Arbeiterführers Lech Walesa und nach dem „Systemwechsel“ 1989 Arbeits- und Sozialminister. Der KOR-Gründer Antoni Macierewicz wurde Verteidigungsminister.

Der Kampf gegen die kommunistische polnische Regierung wurde von der katholischen Kirche mitgetragen, vor allem vom Vatikan und dem polnischen Kardinal Karol Wojtyla, der 1978 zum ersten nicht-italienischen Papst gewählt wurde. Als „Johannes Paul II.“ nutzte er die Vatikanbank zur Geldwäsche von Mafia-Vermögen, um die polnische Oppositionsbewegung mit Zigmillionen Dollar zu unterstützen.

1989-90 kam es auch zur Auflösung der DDR und anderer sozialistischer Staaten sowie 1991 zur Auflösung der Sowjetunion, wobei die neoliberalen „Chicago-Boys“ sich zunächst die Ukraine vornahmen. 18 Jahre nach dem triumphalistischen „Mann aus Eisen“ war der sozialistische Ostblock quasi zurückkapitalisiert, die Arbeiterklasse entmachtet und der kommunistische Rocksänger und Baggerfahrer im Lausitzer Braunkohlerevier (heute Vattenfall) Gerhard Gundermann konnte mit einem Film „Das Ende der Eisenzeit“ (1999) verkünden. Der arbeiterliche „Stahlinismus“ wich digitalisierten Dienstleistungsgesellschaften.

Die Lenin-Werft wurde wie viele andere Werften geschlossen, dafür aber 2007 ein riesiges Arbeitermuseum aus rostigem Stahl auf dem Gelände errichtet. Es war politisch derart umstritten, dass ständig seine Direktoren zurücktreten mußten. In diesem „Europäischen Centrum der Solidarnosc“ (ECS) wurde die Geschichte des polnischen Widerstands gegen den Kommunismus multimedial aufs Feinste aufbereitet. Im zweiten Stock befindet sich das „Solidarnosc-Zentralarchiv“ und das Büro von Lech Walesa.

Finanziert wurde das Museum von der EU (mit 51 Mio Euro) und vom Danziger Bürgermeister Bogdan Adamowicz, den man 2019 ermordete. Das ECS wird heute von über einer Million Menschen jährlich besucht. Die Neue Zürcher Zeitung schrieb 2019, dass „Polens Regierung dem Solidarnosc-Museum an den Kragen will“ – und die Zuschüsse um 40% kürzte. Der sozialdemokratische „Vorwärts“ nannte es 2023 einen „Ort demokratischen Denkens und Handelns“.

Ebenfalls 2007 wurden auch die polnischen Bergarbeiter musealisiert: Auf dem Gelände der abgewickelten „Zeche Katowice“ entstand für 100 Mio Euro ein vier oberirdische und drei unterirdische Stockwerke umfassendes „Schlesisches Museum“. Man hat viele Bergwerke in Schlesien touristisch umgenutzt, aber aus dem in Kattowitz wurde eine ganze multimediale „Kulturzone“.

Schlesien war besonders, denn nachdem Preußen das Land im 18. Jahrhundert in drei Kriegen den Österreichern abgenommen hatte, bemächtigten sich die preußischen Adligen der Ländereien und ließen es von Polen bearbeiten. Als sie unter ihren Äckern die Bodenschätze entdeckten, mutierten sie zu Kohlebaronen und ihre Landarbeiter zu Bergarbeitern.

Und nun „verändert sich das Profil Schlesiens erneut: weg von der Bergbau- und Schwerindustrie hin zu Dienstleistungen,“ erklärte die für Investitionen in der Regionalregierung zuständige Izabela Domagala dem Deutschlandfunk 2020. Ich kam einmal im Schlesischen Museum mit einem arbeitslosen Bergarbeiter ins Gespräch: „Wir sind mit unserem Museum zufrieden,“ meinte er. Politisch wurde um die Museumskonzeption heftig gestritten, „so dass mehrere Museumsdirektoren gehen mußten,“ berichtete Deutschlandfunkkultur.

1940 wollten die Deutschen schon einmal ein Schlesisches Museum eröffnen. Das fast fertige Gebäude sollte ein „Denkmal des polnisch-jüdischen Hochmuts“ werden, es wurde jedoch bis 1944 laut Wikipedia „abgebrochen“ und die Exponate zerstreut. Gut möglich, dass einige im 2006 eröffneten „Schlesischen Museum zu Görlitz“ landeten, das im schönsten Haus der Stadt untergebracht ist.

Die ganze spätgotisch-barocke Altstadt wurde nach der Wende mit Kamelhaarpinseln renoviert und gehört nun westdeutschen Emeritierten. In den Plattenbauten drumherum brüten Neonazis Böses aus. Die Polen im Museumsbeirat vermuteten auch bei der Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach als Beirätin Böses. Es wurde heftig gestritten. Steinbach, die seit 2022 AfD-Politikerin ist, mußte gehen, bekam aber 2021 ein Vertriebenenmuseum in Berlin.

Das Museum in Görlitz ist im Wesentlichen mit den Werken deutscher Hochkultur in Schlesien bis 1945 angefüllt. Während das Museum in Kattowitz genaugenommen erst da anfängt, wobei die Kulturschaffenden vor allem polnische Arbeiter waren.

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Gemeinsam Essen

Wenn in Indien jemand stirbt, treffen sich an seinem Todestag seine Freunde und essen gemeinsam seine einstigen Lieblingsspeisen. Bevor sie zulangen, muss jedoch eine Krähe kommen und sich etwas davon nehmen. Normalerweise entdecken diese klugen Vögel jeden noch so kleinen Nahrungsbrocken sofort (ich habe das in Bombay mit Käsestücken getestet). Aber wie es der Zufall will, läßt sich keine dieser allzu oft diebischen Krähen blicken, wenn man mal eine braucht. Für nicht wenige Hindus verkörpern natürlich auch Krähen die Seelen von Verstorbenen. Die Leute, die mir das erzählt haben, waren zwar ungläubige Linke, auf eine Krähe, die sich den ersten Bissen schnappt, warteten sie aber dennoch bei solchen Essen im Gedenken an einen oder eine Tote(n). Auch wenn alles kalt wurde.

Auf Wikipedia heißt es: „Gemeinsames Essen als Ausdruck von Geselligkeit ist im Hinduismus kein verbreitetes Konzept. Gegessen wird alleine, an einem zuvor gereinigten Platz. Speisereste einer anderen Person gelten als in hohem Maße unrein. Diese zu essen, stellt einen Akt der Unterwürfigkeit dar“. Zwar ist das hinduistische Kastensystem aufgeweicht, nicht zuletzt durch Ghandi, der die 4000 Kasten auf vier „Varnas“ (farblich unterschiedene Stände) reduzieren wollte. Am Ende seines Lebens sprach er sich sogar, wie Arundhati Roy in mein „Mein aufrührerisches Herz“ (2023) schreibt, „für die gemeinsame Mahlzeit zwischen den Kasten aus“.

Gleichzeitig verlangte die Reinheit seines „Satyagrahi“ (Ghandis „Strategie der gewaltlosen Durchsetzung des als wahr erkannten“), dass er allen Vergnügen und (sexuellem) Verlangen abschwor. „Sogar Essen bekam sein Fett ab“, heißt es bei Roy, die ihn zitiert: „Essen ist ein so schmutziger Akt wie die Reaktion auf den Ruf der Natur“.

„Sein ganzes Leben lang schrieb Ghandi viel über ‚Latrinenreinigung‘ als religiöse Pflicht. Es schien unwichtig, dass die Menschen im Rest der Welt kein solches Theater um ihre Exkremente machen“. Auf einem Kongreß 1925 hatte Ghandi in seiner Eingangsrede gemeint: „Wenn ich überhaupt eine Stelle suchen würde, dann die eines Bhangi“ – eines städtischen Unberührbaren (auch „Dalit“ genannt), den er zu den „Müllarbeitern“ zählte. „Ich mag den Weg des Dienens, deswegen mag ich den Banghi. Ich habe persönlich nichts dagegen, gemeinsam mit ihm zu essen, aber ich verlange nicht von euch, dass ihr mit ihm esst oder ihn heiratet.“

Als es damals im Bundesstaat Kerala zu „direkten Aktionen von Unberührbaren“ kam, reiste der Kongressführer und Ghandis erster Stellvertreter an. Die „besorgten Hindus aus privilegierten Kasten“ beruhigte er mit den Worten: „Der Mahatmaji will das Kastensystem nicht abschaffen, sondern nur die Unberührbarkeit. Ihr müsst nicht mit ihnen gemeinsam essen. Er will, dass ihr die sogenannten Unberührbaren anseht, wie ihr eine Kuh oder einen Hund oder andere Geschöpfe anseht“.

Die vielen in den Textilfabriken von Bombay arbeitenden Unberührbaren (meist aus Maharashtra stammend) organisierten sich in einer ersten kommunistischen Gewerkschaft. Sie wurden nur in schlecht bezahlten Spinnabteilungen beschäftigt, „weil in den Abteilungen, in denen gewebt wurde, die Arbeiter die Fäden mit dem Mund halten mussten und der Speichel der Unberührbaren als unrein galt“. 1928 rief ihre Gewerkschaft den ersten Streik aus. Der von indischen Unternehmern finanzierte und von amerikanischen Klerikalen als zweiter Jesus gepriesene Ghandi schimpfte: „Hinduistische und muslimische Arbeiter haben sich selbst entehrt und erniedrigt, indem sie den Fabriken fernblieben“.

Mehrmals besuchte Ghandi in Delhi eine Kolonie von Valmiki-Arbeitern. Der Spiegel berichtete 2007 über drei dort arbeitende „Kanalarbeiter“, die seit ihrer Geburt zur Kaste der Valmiki gehören: „den Benachteiligten der indischen Gesellschaft. Seit Jahrhunderten müssen ihre Mitglieder die schmutzigsten und gefährlichsten Arbeiten des Subkontinents übernehmen. In der ständischen Hierarchie – eigentlich gesetzlich abgeschafft – gibt es für sie praktisch keine andere Möglichkeit zu überleben.“

In der Valmiki-Kolonie weigerte sich Ghandi 1946, „mit der Gemeinde zu essen“. Roy zitiert einen Ghandi-Historiker: „Als ein Dalit Ghandi Nüsse gab, verfütterte er sie an seine Ziege und sagte, dass er sie später zu sich nehmen würde, in der Ziegenmilch“. Ghandis Essen bestand aus Nüssen und Körner, „er nahm nichts von den Dalits“.

Während der „Muslimherrschaft“ (im Mogulreich von 1526 bis 1858) war die unterste, schwarze „Varna“ (Diener, Knechte,Tagelöhner) bereits „befreit“ worden. „Nicht nur das, sie erlaubten auch gemeinsames Essen und Eheschließungen mit ihnen“.

Nach der Unabhängigkeit mußte die regierende Kongreßpartei neben den Hinduisten und den „Unberührbaren“ auch die Muslime als dritte große Wählerschaft ansprechen. Das Problem war dabei laut Roy, dass die Muslime „von den Kasten-Hindus auf der Reinheit-Unreinheit-Skala als ‚mleccha‘ – unrein eingestuft wurden; gemeinsames Essen und Trinken war verboten“.

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Phishing for Compliments (1)

Hallo, Sie haben eine Spende von zwei Millionen US-Dollar (2.000.000 $) gewonnen.

Ich bin Harry H. Stine. Ich bin einfach ein Bauer und ein amerikanischer Milliardär. Ich bin der Gründer und Eigentümer von Stine Seed.

2017 habe ich den Giving Pledge unterzeichnet und mich damit den 154 anderen Milliardären angeschlossen, die versprochen haben, mindestens die Hälfte ihres riesigen Vermögens für wohltätige Zwecke zu spenden.

Sie können auf dieser seriösen Website mehr über das Spendenversprechen lesen:

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Giving_Pledge

Sie können zur Bestätigung auf diesen Websites/Links nachsehen:

https://www.cnbc.com/2017/05/31/14-billionaires-signed-bill-gates-and-warren-buffetts-giving-pledge.html

https://www.usatoday.com/story/money/2017/06/01/14-billionaires-giving-pledge-bill-gates-warren-buffet/362275001/

https://www.independent.co.uk/news/business/news/billionaires-giving-pledge-14-fortunes-warren-buffett-bill-gates-charity-give-away-a7766991.html

Also dachten mein Team und ich, wir könnten Familien nutzen, die Arbeiterklasse und eigene Unternehmen sind eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen und die Auswahl der Gewinner muss unparteiisch und zufällig erfolgen und darf nur auf Glück beruhen.

Einige unserer Ziele sind unten aufgeführt:

Armutsbekämpfung
Flüchtlingshilfe
Katastrophenhilfe
Globale Gesundheit
Bildung
Stärkung von Frauen und Mädchen
Medizinische Forschung
Kunst und Kultur
Strafrechtsreform
Ökologische Nachhaltigkeit
Stärkung bereits bestehender Unternehmen

Ich bin derzeit in den Kategorien Wohltätigkeitsorganisationen, Einzelpersonen und Unternehmen oder Körperschaften, Sie haben also in einer dieser Kategorien gewonnen. Ich mache das aus reiner Herzensgüte und fühle mich verpflichtet, meinen Reichtum mit glücklichen Gewinnern auf der ganzen Welt zu teilen, ohne Vorurteile, ohne Rassendiskriminierung, ohne ethnische Vorurteile. Wir haben viel karitative Arbeit in Afrika und vielen anderen Ländern geleistet. Bitte kontaktieren Sie mich für weitere Informationen unter:

harryhstinefoundation@outlook.com

Bitte beachten Sie, dass ich diese gute Arbeit ernst nehme. Daher beantworte ich derzeit alle E-Mails persönlich und verwende wie jeder andere eine normale Domain-E-Mail.

Nochmals herzlichen Glückwunsch zu Ihrem großartigen Gewinn der Spende in Höhe von 2.000.000 USD.

Mit freundlichen Grüßen
Harry H. Stine

Hallo, mein Liebster,

Ich möchte, dass du diesen Brief sehr sorgfältig liest, und ich muss mich entschuldigen, dass ich dir diese Nachricht aufgrund der Dringlichkeit dieser Angelegenheit ohne formelle Einleitung per E-Mail geschickt habe. Ich bin froh, dich zu kennen, aber Allah, der Allmächtige, kennt dich besser und weiß, warum er mich an dieser Stelle an dich verwiesen hat. Zunächst habe ich deine E-Mail und Kontaktdaten bei meiner Online-Suche nach einem guten nächsten Angehörigen gesehen, weil ich meinen letzten Wunsch unbedingt verwirklichen wollte, bevor ich bald sterbe.

Ich schreibe Ihnen diese E-Mail mit schweren Tränen in den Augen und großer Trauer im Herzen. Mein Name ist Frau Feyza Olcay Ýbrahim. Ich kontaktiere Sie aus meinem Heimatland, der Türkei. Ich möchte Ihnen das sagen, weil mir nichts anderes übrig bleibt, als es Ihnen zu sagen, da es mich berührt hat, mich Ihnen anzuvertrauen. Ich bin mit Herrn Yusuf Ýbrahim verheiratet, der acht Jahre lang beim türkischen Generalkonsulat in Toronto, Kanada, gearbeitet hat, bevor er bei dem Erdbeben in der Türkei am 6. Februar 2023 starb, bei dem 50.783 Menschen ums Leben kamen. Wir waren elf Jahre lang verheiratet und hatten keine Kinder.

Er starb nach dem Erdbeben der Stärke 7,8 in der Türkei. Er wurde Opfer eines Gebäudeeinsturzes und konnte nicht überleben. Zu Lebzeiten meines verstorbenen Mannes hatte er einen Betrag von 10.850.000,00 € (zehn Millionen achthundertfünfzigtausend Euro) auf einer Bank hier in der Türkei hinterlegt. Dieses Geld liegt derzeit noch auf der Bank. Vor seinem plötzlichen Tod stellte er es für den Import von Gold aus Papua und Indonesien zur Verfügung. Kürzlich teilte mir mein Arzt mit, dass ich aufgrund einer erneuten Krebserkrankung die nächsten drei Monate nicht überleben würde. Am meisten beunruhigt mich mein Schlaganfall. Nachdem ich von meinem Zustand erfahren hatte, beschloss ich, Ihnen dieses Geld zu übergeben, damit Sie sich um die unterprivilegierten Menschen kümmern können. Sie werden das Geld so verwenden, wie ich es Ihnen hier befehle.

Ich möchte, dass Sie 60 Prozent des Gesamtbetrags für Ihren persönlichen Gebrauch und für Ihren Einsatz und Ihre Hingabe für die Wohltätigkeitsarbeit verwenden, während 40 Prozent des Geldes an die Wohltätigkeitsarbeit, bedürftige Menschen von der Straße und auch an das Waisenhaus gehen. Ich bin als Waise aufgewachsen und habe niemanden als Familienmitglied. Stellen Sie außerdem sicher, dass das Haus Allahs, die Moschee, von den Mitteln unterhalten wird. Ich tue dies, damit der allmächtige Allah mir meine Sünden vergibt und meine Seele annimmt, denn ich habe so sehr unter dieser Krankheit gelitten. Sobald ich Ihre Antwort erhalte, werde ich Ihnen die Kontaktdaten der Bank hier in der Türkei mitteilen und den Bankdirektor anweisen, Ihnen eine Vollmacht auszustellen, die Sie als aktuellen Begünstigten des Geldes auf der Bank ausweist, sofern Sie mir versichern, dass Sie entsprechend den hierin dargelegten Anweisungen handeln werden.

In der Hoffnung auf Ihre Antwort werde ich Sie dann so bald wie möglich zur Bank begleiten, um das Geld auf Ihr Bankkonto zu überweisen, sofern Sie es ernst genug meinen, das Projekt in Angriff zu nehmen und sich auch dafür einsetzen, denn ich glaube, ich kann Ihnen ehrlich vertrauen.

Mit freundlichen Grüßen.
Frau Feyza Olcay Ýbrahim
feyzaybrahim62@gmail.com

Dieser Phisher hat sich dagegen keine Mühe gegeben:

Deutsche Kreditbank: Ihre Karte ist gesperrt 396985675 / 7234BD

Guten Morgen,
Beim letzten Update unserer Anwendung ist mit Ihrer DKB-Karte ein Fehler aufgetreten. Aus diesem Grund haben wir Ihre Karte gesperrt. Um Ihre Karte wieder zu aktivieren, aktualisieren Sie bitte Ihre Mobiltelefonnummer.

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Phishing for Compliments (2)

Das haben wir nun aus den fast flächendeckenden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), die in massenhafte Umschulungsmaßnahmen (UBM) mündeten, welche im Wesentlichen aus Computerkursen bestanden. Sie wurden flankiert von aufmunternden Zurufen diverser Politiker: „‘Heimat, Hightech, Highspeed’ – dafür arbeiten wir,“ sagte der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, während der bayrische CSU-Ministerpräsident tönte, „Hightech und Heimat“ seien in seinem Bundesland bereits „vereint“. Gelegentlich heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, „Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, „KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“. Die rotgrüne Bundesregierung entschied sich unterdes für den Satz: „Das Leitbild der KI-Strategie ist ein europäisches KI-Ökosystem für Innovationen“.

Im Endeffekt brachte dieser ganze Computerscheiß bloß neue Verbrechen hervor, die sogenannte „Cyber-Kriminalität“. Gut, man kann das für einen Fortschritt halten, dass die Gangster nun keine Handarbeiter mehr sind, die mit Gewalt Geldschränke knacken oder mit einer Knarre barsch Bargeld fordern. Stattdessen sind es jetzt Kopfarbeiter, die sich zu Hause am Computer als Hacker versuchen oder Erpressungsmails verschicken. Solche z.B.:

„Kriminalpolizei: Verwarnung Strafanzeige Nr. 20060024

Diese Nachricht ist die letzte Warnung in Bezug auf die sehr ernste Beschwerde, die gegen Sie vorliegt. Wir bitten Sie, sich innerhalb von 48 Stunden ausschließlich über die in der Strafanzeige angegebene E-Mail-Adresse mit uns in Verbindung zu setzen, damit wir Ihre Erklärungen zu den Ihnen vorgeworfenen Taten hören können. Nach Ablauf dieser Frist wird ein Haftbefehl gegen Sie ausgestellt und Sie müssen mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

Anhang: Anklageordner“

Oder solche:

Schwerkraft-Spion: Letzte Warnung.

Ihr System wurde geknackt. Wir haben alle Informationen von Ihrem 
Gerät auf unsere Server kopiert. Außerdem haben wir das Video von 
Ihrer Kamera aufgenommen, in dem Sie einen Pornofilm ansehen.

Mein Virus hat Ihr Gerät über eine Website für Erwachsene 
infiziert, die Sie kürzlich besucht haben.

Ich kann Einzelheiten mitteilen, falls Sie nicht wissen, wie es 
funktioniert. Ein Trojaner-Virus gewährt mir vollständigen 
Zugriff und Kontrolle über Ihr Gerät. Dadurch kann ich Ihren 
Bildschirm sehen, die Kamera und das Mikrofon aktivieren, und Sie 
werden nicht einmal davon erfahren.

Ich habe ein Video von Ihrem Bildschirm und der Kamera 
aufgenommen und ein Video erstellt, in dem ein Teil des 
Bildschirms Sie beim Masturbieren zeigt und ein anderer Teil ein 
Pornovideo zeigt, das Sie zu diesem Zeitpunkt angesehen haben.

Ich kann die gesamte Liste Ihrer Kontakte auf dem Telefon und in 
den sozialen Netzwerken sehen.

Ich kann dieses Video mit nur einem Klick an alle Kontakte in 
Ihrem Telefon, per E-Mail und in den sozialen Netzwerken senden. 
Darüber hinaus kann ich die Daten Ihrer E-Mail und Ihrer 
Messenger an jeden senden.

Dies würde Ihren Ruf ein für alle Mal ruinieren. Falls Sie solche Konsequenzen verhindern möchten, gehen Sie wie 
folgt vor:
Überweisen Sie 4700 EUR (EURO) auf mein Bitcoin-Wallet.
(Wenn Sie nicht wissen, wie das geht, geben Sie in Google als 
Suchbegriff „Bitcoin kaufen“ ein.)

Mein Bitcoin-Wallet (BTC-Wallet): 
bc1qhax5rjay9vrtf8d3d38wndfu5mz87fyekw0r2e. Sofort nach Gutschrift der Zahlung werde ich Ihr Video löschen und Sie nicht mehr belästigen.

Sie haben 50 Stunden (etwas mehr als 2 Tage), um die Zahlung zu 
tätigen.

Ich erhalte eine automatische Benachrichtigung über das Lesen 
dieses Briefes. Der Timer wird auch automatisch gestartet, sobald 
Sie diese E-Mail gelesen haben.

Versuchen Sie nicht, sich irgendwo zu beschweren – mein BTC-
Wallet kann nicht zurückverfolgt werden und eine E-Mail, die 
Ihnen den Brief gesendet hat, wird automatisch erstellt – jede 
Antwort wäre sinnlos.

Sollten Sie versuchen, diese E-Mail mit jemandem zu teilen, 
sendet das System automatisch eine Anfrage an die Server und 
diese beginnen, die gesamten Informationen an soziale Netzwerke 
zu senden.

Das Ändern der Passwörter von sozialen Netzwerken, einer E-Mail 
und des Geräts wäre ebenfalls sinnlos. die gesamten Daten wurden 
bereits auf den Cluster meiner Server heruntergeladen.

Kontaktieren Sie mich per E-Mail ‚jafar_script@outlook.com‘ und 
senden Sie eine Kopie an ‚tbens091627652@gmail.com‘ mit dem
Betreff: *RESTOREKEYPC9273730*

Nach diesen Schritten erhalten Sie per E-Mail den Schlüssel und 
ein Entschlüsselungs-Tutorial.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und machen Sie nichts Dummes. Denken 
Sie an Ihren guten Ruf.“

Bei manchen verbrecherischen Mails weiß man nicht einmal, ob sie überhaupt verbrecherisch sind. Zum Beispiel diese:

„mgdmh04@gmail.com

Hallo, ich sende Ihnen eine E-Mail bezuglich der Unterstutzung bei der sicheren Aufbewahrung einiger Pakete. Ich werde Ihnen weitere Einzelheiten mitteilen, sobald Sie mich uber meine personliche E-Mail-Adresse (siehe oben) kontaktieren.

Ihre Diensthabenden

Generalmajorin Diana Holland“

Will sie wirklich helfen? Gewiß ist nur, dass die Tastatur der Generalmajorin keine Umlaute hat und dass ich Pakete nie aufbewahre, sondern bei Empfang sofort aufreiße und den Inhalt an mich nehme.

Ich habe kein PayPal-Konto, bekam jedoch folgende mail:

„Konto vorübergehend gesperrt

Lieber Kunde, Wir haben ungewöhnliche Aktivitäten in Ihrem Konto festgestellt und einen Anmeldeversuch von einem unbekannten Gerät blockiert.

Details: IP-Adresse: 18.1.100.78. Standort: Indien

Bitte sichern Sie Ihr Konto, indem Sie innerhalb von 24 Stunden auf den unten stehenden Link klicken, da Ihr Konto sonst möglicherweise deaktiviert wird, um die Sicherheit der Gemeinschaft zu gewährleisten:  Link unten.

Dieser Prozess ist wichtig, um regulatorische Standards einzuhalten und Ihre Vermögenswerte zu schützen.“

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Phishing for Compliments (3)

Diese kleine Chronik erlaubt einen Einblick in die praktische Intelligenz, wobei sich manchmal alte Geldbeschaffungsmaßnahmen mit neuester Technologie verbinden – so wie hier:

So geht’s aber auch:

„Wollen Sie Ihre Niere für Geld verkaufen? Unser Krankenhaus ist spezialisiert auf Nierenchirurgie / Transplantation und andere Organ-Behandlung, werden dringend in der Notwendigkeit für O + ve, A + ve und B + ve Nierenspender mit oder ohne Pass und wir bieten Ihnen eine schöne Menge von maximalem Betrag $ 950.000 US Dollar. Jeder Interessierte sollte freundlich Kontaktieren Sie uns per E-Mail: ubth11@gmail.com oder WhatsApp +2347063061652“

Der folgende Betrugsversuch ist nicht mehr neu – mails von scheinbar seriösen Banken. Eine (bei der ich gottlob kein Konto habe) schreibt mir z.B.:

„Guten Abend Helmut Höge wir müssen Sie davon in Kenntnis setzen, dass es zu 3 fehlgeschlagenen Anmeldeversuchen gekommen ist. Um möglichen Schaden zu vermeiden, haben wir ihren Kontozugang vorsorglich gesperrt. Damit Sie weiterhin im vollen Umfang die Vorteile des OnlineBankings müssen Sie sich anhand ihrer Daten verifizieren. Hier klicken. Mit freundlichen Grüßen Deutsche Bank Sicherheit“

Die bereits auf vielen Internetseiten als Betrüger bezeichnete „Fin Tech“ behelligte auch mich:

„Lieber Freund, Hören Sie aufmerksam zu und ich werde Ihnen zeigen, wie Sie wirklich große Gewinne mit Hilfe des Internets machen können. Vor einigen Monaten rollten sich meine Freunde vor Lachen auf dem Boden als ich ihnen sagte, dass ich mir ein profitables Online-Geschäft aufbauen will. „Ja sicher, toll Gelegenheit“ sagten sie alle, da ich absolut keine Website-Design-Fähigkeiten hatte und auch nichts von HTML verstand und keine Programmierkenntnisse besaß… ich hatte in der Tat nicht viel Computer-„Know-how“ (das habe ich auch immer noch nicht). Ihr Lachen verwandelte sich schnell zu Erstaunen, nachdem ich FinTech beigetreten bin und die Gewinnflut nicht mehr endet. Sie könnten Monate (und Tausende Dollar) verschwenden, um zu versuchen, herauszufinden, was über das Internet tatsächlich funktioniert. Oder Sie könnten sich die Frustration, Zeit und die Fehler ersparen, indem Sie meinem Beispiel folgen. Hier ist der Link damit Sie einen Blick auf das neue Programm werfen können Sie werden es nicht bereuen! Mit freundlichen Grüßen Lukas Kolditz“

Hier ist eine Geldbeschaffungsmaßnahme, die mich mit ihrem Nachsatz ins Grübeln brachte:

„Hallo, Finanzmittel von bis zu 650.730 Euro sind derzeit verfügbar, bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung hier, um loszulegen. Damit wird es Ihnen noch leichter fallen, in 3 Monaten zum Millionär zu werden. Steigen Sie jetzt ein, so lange die Finanzierung noch verfügbar ist. Grüße, Daniel. Unsere Daten zeigen, das Helmut Höge unsere Internetseite aufgerufen und darum gebeten hat, ihn zu kontaktieren.“ Das kann doch nicht sein, das wüßte ich doch!

Um ohne zu arbeiten an Geld zu kommen, muß man nur Mails wie die folgenden beantworten:

„Der Fonds der Susanne Klatten Family investiert in ein breites Spektrum von Branchen, Kontinenten und Anlageklassen, darunter direktes Private Equity, Immobilien, alternative Energien, Finanzinstrumente und Start-ups der Grundstoffindustrie, die von der Familie zu Fundraising-/Investitionszwecken initiiert wurden. Deshalb wurden Sie für eine Spende/Investition von 7,5 Millionen Euro ausgewählt. Grüße Susanne Klatten Familienfonds“

Am Sichersten scheint immer noch der Geldbeschaffungsweg über das uralte sexuell konnotierte Menscheln – nun über Email an zigtausend Adressaten gleichzeitig gerichtet:

„Hallo!!! Es tut mir Leid, dass ich Euch Schreibe, mit einer kleinen Verzögerung. Ich hoffe, dass ich dir interessant und du willst eine ernsthafte Beziehung? Ich hoffe, dass wir gemeinsame Interessen fur die Zukunft. Ich Suche einen ernsten Mann, der bereit ist an der Beziehung. Wenn du dann andere Interessen dazu, dann konnen wir uns besser nicht treffen. Ich brauche nur ein ernster und anstandiger Mann, der eine ernsthafte Beziehung haben mochtest. Mein name ist Elena, ich bin 29 Jahre alt und mit meinem Alter habe ich keine Zeit fur Spielchen! Ich die ernste und anstandige Frau, ohne schadliche Gewohnheiten. Wenn Sie Interesse an der Fortsetzung der Bekanntschaft, schreiben Sie mir bitte. Ich freue mich, dich kennen zu lernen! Warte auf deine Briefe. Elena!“

Mal was Nettes:

„Grüße vom Welteliteimperium der Illuminaten.

Möchten Sie Teil einer Gruppe netter Menschen sein, die danach streben,

Ihr Wissen zu erweitern, um persönliches Wachstum zu erreichen?

Möchten Sie reich sein?, mächtig und berühmt.

Brauchen Sie Schutz in Ihrer Arbeit oder Ihrem Geschäft, um mehr

Aussichten für das zu haben, was Sie tun?

Falls JA! Dann können Sie Ihre Träume verwirklichen, indem Sie Mitglied

des großen Illuminatenimperiums werden.

Sobald Sie Mitglied sind, können all Ihre Träume und Herzenswünsche

vollständig erfüllt werden.

Wenn Sie daran interessiert sind, Mitglied der großen

Illuminatenbruderschaft zu werden,

melden Sie sich von Ihrem privaten E-Mail-Konto aus bei uns, um weitere

Informationen zum Beitritt zu den Illuminaten zu erhalten.

Bitte antworten Sie nur auf unsere direkte Rekrutierungs-E-Mail an:

info@contactilluminati.online

Bitte beachten Sie: Stellen Sie sicher, dass alle Ihre Antworten direkt

und ausschließlich an die oben angegebene E-Mail-Adresse gesendet

werden. Weitere Anweisungen zu unserem Mitgliedschaftsprozess finden Sie hier:

Die Illuminaten.“

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Parlament der Natur

Der Direktor des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz Martin Wikelski fängt Tiere aller Arten weltweit ein und befestigt kleine Sender an ihnen, um ihre Wanderrouten zu verfolgen. Die den Tieren als kleine Rucksäcke umgehängten Sensoren messen darüberhinaus permanent deren Gesundheitszustand, ihre Herzfrequenz, ihre Körpertemperatur und ob sie Krankheitsträger sind. Die Daten werden dann zu einem Satelliten (bis zum Ukrainekrieg die russische Weltraumstation) übertragen – und von da aus zur Auswertung auf die Rechner der Wissenschaftler. Sein hochdotiertes Projekt nennt sich ICARUS.

Der ICARUS-Gründer hält mit der Besenderung der Fauna Erich Kästners Kinderbuch „Die Konferenz der Tiere“ (1949) für realisierbar. Darin treffen sich die Tiere zu einer großen Konferenz, um fürderhin die Geschicke der Erde zu leiten, nachdem die Menschen sich als unfähig erwiesen haben, Kriege zu vermeiden: „Die moderne Technologie ermöglicht es uns“, schreibt Wikelski, „eine repräsentative parlamentarische Onlineversammlung von Tieren abzuhalten, an der Tausende Tierarten und Hunderttausende einzelne Tiere aus der ganzen Welt teilnehmen können.“

Können sie sich denn alle untereinander verständigen und würden wir das auch verstehen? Der Wissenssoziologe Bruno Latour ist von der Taubheit der Tiere überzeugt, die sich der Aufklärung (Kant) verdanke. Ihre Stille sei jedoch „keine dem Tier wesentlichen Unfähigkeit – vielmehr ist das Schweigen gerade die Antwort der Tiere auf die Art und Weise, wie wir sie behandeln.” Ob man mit an ihnen befestigten Computern, Satelliten und Sendern ihr Schweigen brechen kann, halte ich für bloße Investorenwerbung eines amerikanisierten Plattform-Kapitalismus. Immer mehr Biologen begeistern sich jedoch für diesen technischen „Quantensprung“ im „Dialog“ mit der Natur.

Noch einen Schritt weiter gehen der Direktor des Berliner Naturkundemuseums Johannes Vogel und seine Frau, die Ururenkelin von Charles Darwin, Sarah Darwin. Beide sind Botaniker. Sie gehörten zu den Experten, die neben dem Politikjournalisten Boris Herrmann den Bundespräsidenten auf seinem Besuch der Galapagos-Inseln begleiteten. Herrmann hat die beiden Experten später interviewt und daraus ein Buch gemacht mit dem Titel: „Das Parlament der Natur. Was uns Farne, Finken und ihre Verwandten zu sagen haben“ (2025).

Im Vorwort heißt es: „Frank-Walter Steinmeier erreichte den Archipel knapp zwei Millionen Jahre nach den Riesenschildkröten, im Februar 2019.“ Diese leben nur auf den Galapagos-Inseln. Der Bundespräsident übernahm die Patenschaft für die neugeborene Riesenschildkröte Alejandra. Sarah Darwin ist die „führende Forscherin über die endemische Galapagos-Tomate“ und Johannes Vogel hat über Farne geforscht. Herrmann hält sie für ein „Traumpaar der Naturforschung…Sie kämpfen für nichts Geringeres als für die Rettung der Welt“, wobei der Direktor des Naturkundemuseums zusammen mit anderen ähnlichen Museen aus diesem Naturkunde-Cluster voller toter Tiere und Tierteile (30 Millionen Objekte allein in Berlin) eine „Weltrettungsmaschine“ bauen will – für 150 Milliarden Euro.

„Dafür haben Sarah und Johannes die Idee von einem ‚Parlament der Natur‘ entwickelt.“ Ihre „Mission“ steht in engem Zusammenhang mit der Mission des Museums und die heißt: „Eintreten für die Natur“. Soll heißen: „Indem man Menschen zusammenbringt, für Veränderungen wirbt und Veränderungen anstößt. Es ist also unsere Vision, Wissensgemeinschaften zu schaffen, die mit uns wissensbasiert ein gesundes, nachhaltiges, gutes Leben für die Menschen anstreben.“ Dabei setzt Vogel ebenfalls auf Hightech: „KI“. Zunächst baut er aber die große Saurier-Halle um für Veranstaltungen und Menschen-Konferenzen, von denen bereits viele im Museum stattfanden: Hanns Zischler stellte einzelne Tierexponate vor, ein Insektengift-Hersteller warb engagiert für den Schutz von Fliegen und in einem der Hörsäle tagt regelmäßig der Insektenforscherverein „Orion“.

Äuch Martin Wikelkski will mit seinen Sendern ein gutes Leben für die Menschen, es geht ihm darum, „wie viel wir von der Natur lernen können…auch und vor allem von dem Verhalten der Tiere. Die Verhaltensmuster, die sie entwickelt haben und die kurzfristigen Verhaltensanpassungen, zu denen sie fähig sind, werden der Menschheit den Weg in eine bessere Zukunft weisen. Ich denke, wir stimmen alle darin überein, dass eine Verbesserung unseres eigenen Wohlbefindens auf dem gesamten Planeten eine der wesentlichen Herausforderungen ist, mit denen wir es als Spezies zu tun haben.“ Und dabei sollen uns die besenderten Tiere helfen.

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Storch Gabo aus Kirchzarten hat Afrika erreicht

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Und dieses ganze Hightech-Gewurschtel an den Beinen soll sie nicht behindern?

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Tiere im Widerstand

Ich bereitete unlängst einen lichtbildgestützten Vortrag über „Tiere im Widerstand“ vor und als gebürtiger Bremer fielen mir dazu natürlich die Bremer Stadtmusikanten ein. Sie werden meist so dargestellt: Ein Hahn steht auf dem Rücken einer Katze, diese auf einem Hund und der auf einem Esel.

Es ist ein „Volksmärchen“, das die Gebrüder Grimm 1819 veröffentlichten: Der alte Esel soll verkauft werden. Deshalb flieht er und will Stadtmusikant in Bremen werden, wo es damals tatsächlich Stadtmusikanten gab. Unterwegs trifft er auf den Hund, die Katze und den Hahn. Auch diese drei sind schon alt und sollen sterben. Sie schließen sich der Flucht des Esels an, um ebenfalls in Bremen als Musiker zu überleben. Den vieren geht es bei ihrer Flucht also um „Nein oder Nichtsein“, d.h. um die „Schwierigkeit, Nein zu sagen“, wie der Titel der Habilitationsschrift des Religionsphilosophen der FU Klaus Heinrich 1964 hieß, die ebenso wie er selbst wichtig für die Westberliner Studentenrevolte war.

Auf ihrem Fluchtweg kommen die vier Tiere durch einen Wald, in dem sie übernachten wollen, dabei entdecken sie ein Räuberhaus. Indem sie sich vor dem Fenster aufeinanderstellen und mit lautem ‚Gesang‘ einbrechen, erschrecken und vertreiben sie die Räuber. Hernach besetzen sie das Haus und setzen sich an die gedeckte Tafel, auf der alles vorhanden ist, was Veganer und Karnivoren gerne essen.

Ein Räuber, der später in der Nacht erkundet, ob das Haus wieder betreten werden kann, wird von den Tieren nochmals und damit endgültig verjagt. Den vier alten Tieren gefällt das Haus so gut, dass sie nicht mehr fort wollen und dort bleiben.

Diese Märchen-Zusammenfassung habe ich hier der von Wikipedia entlehnt. Dort heißt es weiter: „Die Geschichte ist dem Literaturtyp der Tierfabel verwandt und sie zeigt die Merkmale einer Gesindeerzählung: Die Tiere entsprechen den im Dienst bei der Herrschaft alt gewordenen, abgearbeiteten und durch den Verlust an Leistungskraft nutzlos gewordenen Knechten und Mägden. Mit ihrem Aufbruch, ihrem Zusammenhalt und Mut schaffen sie das fast Unmögliche. Sie entkommen ihren Besitzern und überlisten die Bösen, schaffen sich ein Heim und somit ein neues Leben…Das Märchen ‚Die Bremer Stadtmusikanten‘ ist ein Musterbeispiel für den Erzähltypus ‚Tiere auf Wanderschaft‘“ – und wie ich finde, für den Erzähltypus „Tiere im Widerstand“.

Zumal heute, da es etliche Kühe und Kälber gibt, die vom Schlachthof flüchteten und sich im Wald Hirschen bzw. Bisons anschlossen oder in einem Gnadenhof aufgenommen wurden. Daneben gibt es auch Eisbären, die verlassene Hütten von Polarforschern besetzten und Füchse in leerstehenden Fabriken.

Der Satz des Esels im Märchen: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall“, mit dem er die anderen drei Tiere überredet, sich ihm anzuschließen, wurde immer wieder von Schriftstellern aufgegriffen, u.a. von Carl Zuckmayer, Günter Bruno Fuchs, Nicolas Born und Janosch.

Wikipedia behauptet nun: „Mit ‚Bremen‘ im Titel des Märchens ist eindeutig die Hansestadt Bremen gemeint“ – in dessen Überseehafen die Auswanderer sich nach Amerika einschifften.

Das Märchen stammt jedoch aus dem „Bremer Grund“ im sogenannten hessischen Hinterland und gelangte von dort mit den armen Auswanderern nach Bremen, wo sie auf ein Schiff warten mußten – und bis dahin von den Bremern schamlos ausgebeutet wurden: So mußten sie u.a. Unsummen für bloße Schlafplätze in Schweineställen zahlen. Überdies eigneten sie sich auch noch ihr Märchen aus dem Bremer Grund an – in Form von Erzählungen, Denkmälern, Medaillen, Souvenirs, als Ziel von Stadtführungen, als Stadtlogo und sogar in den Grünphasen der Bremer Ampeln.

Auf der Internetseite „bremen.de/tourismus“ heißt es: „Auf der Suche nach einer sicheren Zukunft machten sich die Stadtmusikanten einst auf den Weg nach Bremen. Die Hoffnung auf ein gutes Leben in der schönen Weserstadt teilen nicht nur aktuell, sondern seit je her zahlreiche Menschen, die aus allen Teilen Deutschlands und der Welt nach Bremen kamen und kommen. In der Tradition einer weltoffenen Hansestadt betrachtet Bremen Zuwanderung als Bereicherung und lebt eine aktive Kultur des Willkommens.“

Das bekannteste Denkmal dort für die vier Bremer Stadtmusikanten, die das ja nie waren, weil sie in Hessen blieben, schuf 1953 der Bildhauer Gerhard Marcks. Es steht auf dem Marktplatz neben dem Rathaus. Ein anderes Kunstwerk in einer Galerie, das die vier Stadtmusikanten 1993 zeigte, fanden die Bremer nicht so toll: Die polnische Künstlerin Katarzyna Kozyra hatte die vier Tiere ausgestopft und aufeinander gestellt. Heute steht diese Skulptur in einer Warschauer Galerie. Eine weitere Plastik – in Leipzig – zeigt die vier Stadtmusikanten, wie sie den letzten Räuber (einen Wessi?) vertreiben.

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Partisanen

2007 fasste ich einige Texte über Wölfe, Partisanen und Prostituierte in einem Buch („WPP“ genannt) zusammen. Die drei haben vieles gemeinsam: Sie „arbeiten“ vorwiegend Nachts und sie lösten einander quasi ab. So wurden z.B. die einstigen Wolfpfade in den Wäldern Osteuropas erst von Partisanen (die gegen die Deutschen kämpften) und zuletzt von Schlepperbanden benutzt, die vor allem junge Frauen über die Grenzen schmuggelten, um hernach im Westen als Prostituierte tätig zu werden. In vielen Ländern Afrikas waren die Bordelle zudem Hauptstützpunkte der „Rebellen“.

Im Abschnitt „P“ – „Partisanen“ – habe ich von den Arbeiten der am 25.Januar gestorbenen Schriftstellerin Ingrid Strobl viel gelernt. Als Faustregel für die Partisanenliteratur gilt vielleicht: Je professioneller desto leidenschaftloser – und so ist oft auch die Wahrheitsfindung in solchen Werken: allzu seicht, wenn nicht gar verlogen oder ideologisch borniert. Ingrid Strobl ist eine feministische Partisanin aus der Arbeiterklasse, die einst für die Antiautoritären aus der „Bewegung 2. Juni – Rote Zora“ einen Wecker kaufte für ein Bombenattentat – und dafür fünf Jahre ins Gefängnis kam. Für die Innsbrucker Literaturwissenschaftlerin gilt nicht nur für die Partisanenliteratur nach 1945 sondern auch für die „gute Arbeiterliteratur“ aus den Zwanzigerjahren, die „vermeintlich authentisch“ war, dass „diese ganzen ‚Arbeiterdichter‘… das war alles Kitsch. Das war ein Mißbrauch der Arbeiter“.

Im Gegensatz zu den Autoritären der RAF, die in jedem Gefängniswärter einen Handlanger der Faschisten sahen, pflegte Ingrid Strobl mit den „Schließerinnen“ im Knast ein entspanntes Verhältnis. Sie sah in den weiblichen Justizvollzugsbeamtinnen eher Frauen und Arbeiter. In ihrem „Rechenschaftsbericht“ „Der Wecker, der Knast und ich“ (2020) erzählt die einstige „Emma“-Redakteurin, wie sie in ihrer Zelle das Buch „Sag nie, du gehst den letzten Weg“ übersetzte: Die Geschichte von „Frauen im bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung“, die ein „Bestseller“ wurde. „Das hat mir erspart, bis heute Anwalts- und Prozesskosten abzuzahlen. Es war die erste Monografie zum Thema,“ erklärte Ingrid Strobl in einem Interview 2020, da war sie beim WDR quasi „für die schweren Fälle zuständig: Heroinabhängige, Prostituierte, Arme“.

Im Knast hatte sie auch noch den 2. Teil über Osteuropa und die jüdischen Frauen geschrieben. Außerdem übersetzte sie dort die Erinnerungen der polnischen Ghettokämpferin Chaika Grossman. Besonders ergiebig war für sie die Quellenlage beim einstigen partisanischen Bermudedreieck zwischen Litauen/Weißrußland und Polen/Galizien: „Nirgendwo sonst haben so viele beteiligte Frauen während oder kurz nach dem Krieg schriftliche Zeugnisse über den jüdischen Widerstand hinterlassen,” meinte sie, die darüberhinaus viele der Überlebenden befragte. Kommt noch hinzu, dass es z.B. etliche Bücher gibt über die Wilnaer Stadtguerilla-Gruppe, insbesondere den späteren „Rächern” um Abba Kovner, Ruzka Korczak und Vitka Kempner (alle drei gelangten später nach Palästina, wo sie sich einem Kibbuz anschlossen). Von Ingrid Strobl kam dazu 1998 eine vergleichende Studie: „Die Angst kam erst danach“. Es ist hochinteressant, auf diese Weise nach und nach die ganze Partisanengruppe kennen zu lernen.

“Die Scheidelinie zwischen Geschichte und Fiktion ist das erste Hindernis auf dem Weg zu einer gerechten Erinnerung,” meinte Paul Ricoeur. Der weißrussische Kriegsveteran und Schriftsteller Wassil Bykau, der sich ähnlich wie sein Landsmann Ales Adamowitsch mit nichts anderem als mit dem Partisanenkampf gegen die Deutschen beschäftigte, gab, als er wegen Auseinandersetzungen mit „seiner” Regierung in Minsk im Exil in Köpenick lebte, der Zeitung “Russkij Berlin” ein Interview. Darin meinte er: „Bis vor kurzem durfte man die ganze Wahrheit über den Krieg nicht sagen. Das lag nicht an der Zensur oder am dogmatischen Sozialistischen Realismus, die natürlich auch die Literatur unterdrückten, sondern an dem besonderen Charakter des gesellschaftlichen Bewußtseins in der Sowjetunion, das nach dem Krieg eine fast süchtige Beziehung – nicht zur Wahrheit des Krieges, sondern zu den Mythen des Krieges hatte: das betraf die Helden, die Flieger, die Partisanen usw..“

„Diese schönen Mythen waren auch für die Veteranen annehmbar, obwohl sie ihren eigenen Erfahrungen widersprachen. Die Wahrheit über den Krieg war nutzlos und sogar amoralisch. Schon die kleinste Annäherung an die Wahrheit wurde sofort als ein Attentat auf das Allerheiligste – den Kampf für die Freiheit und Unabhängigkeit der Heimat – aufgefaßt. Die Autoren, die über den Zweiten Weltkrieg schrieben, waren jedoch begabte und durchaus zu Selbstopfern bereite Menschen, die der Wahrheit in ihren Büchern auf der Spur waren. Ihre Werke hatten deswegen auch oft ein schweres Schicksal. Die russische Umschreibung für jahrelanges Druckverbot. Das ist jedoch nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, daß diese Wahrheit nicht nur in Redaktionsstuben, sondern auch im Krieg selbst erobert werden mußte.“

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Weltretter

1982 hatte Joseph Beuys anläßlich der 7. Kassler „documenta“7000 Eichen und 7000 Basaltstelen gepflanzt. Man sah darin eine lokale Begrünungsaktion, denn Beuys sprach von „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Sie zielte aber aufs große Ganze. Der Anthroposoph Beuys war ein Weltretter bzw. –verbesserer.

Zu seinem 100. Todestag 2021, finden an vielen westdeutschen Orten Beuys-Feiern statt, die wahren Erben der Beuysschen Eichen-Basaltstelen-“Pflanzaktion“ in weltrettender Absicht sitzen jedoch in angloamerikanischen Laboren. Sie nennen sich „Geoengineers“, es geht ihnen darum, das Klima erwärmende CO2 zu reduzieren. Zum Einen drängen sie darauf, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, die CO2 aufnehmen. Und zum Anderen zur Nutzung von Basalt-Bergwerken, die abgesaugten Stickstoff aufnehmen und durch Versteinerung binden sollen.

Schon gibt es auf Island und in der Schweiz solche Anlagen, die zum Teil mit dem in der Luft gesammelten Stickstoff Gemüsegewächshäuser betreiben. In Deutschland machte das die Stickstoff produzierende Chemiefabrik SKW vor. Anlässlich des 500. Jahrestags des Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg präsentierte das im Wittenberger Ortsteil Piesteritz ansässige Stickstoffwerk 2017 eine „Luther-Tomate“, die es in den Werksgewächshäusern mit Stickstoff aufzieht. Hier deutete sich die Erweiterung der von Beuys in Kassel „gepflanzten 7000 Eichen und 7000 Basaltstelen“ ins Globale an.

Die für den „New Yorker“ arbeitende Journalistin Elizabeth Kolbert hat diese Geoengineers für ihr 2021 auf Deutsch erschienenes Buch „Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft“ besucht – und auch gleich die „Schwachstellen“ ihrer Weltrettungsprojekte benannt. In ihrem Buch geht es „um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben“.

Der „Gruppe von Negativ-Emissions-Technologen“, die vorschlägt, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, „was 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnte“, wird von ihr entgegen gehalten: „Bäume sind dunkler. Wenn wir z.B. die Tundra aufforsten würden, würde es die von der Erde absorbierte Energiemenge erhöhen“ – also sogar eher zur „Erderwärmung“ beitragen. „Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre, mit der CRISPR-Technologie genmodifizierte hellere Bäume zu schaffen.“ Also sie künstlich zu albinisieren. „Soweit ich weiß, hat das bisher niemand vorgeschlagen, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein,“ meint Elizabeth Kolbert.

Eine weitere Gruppe von Geoengineers will zwecks Verlangsamung der Erderwärmung Kalzit-, Sulfat- oder Diamant-Partikel in der Stratosphäre versprühen, die das Sonnenlicht zurückstrahlen. Dafür hat sie schon mal ein Flugzeug, den Stratospheric Aerosol Injection Lofter, kurz SAIL genannt, konstruiert. Mit dem will man im ersten Jahr 100.000 Tonnen Schwefel versprühen. Leider würde dies „das Erscheinungsbild des Himmels verändern. Er wäre nicht mehr blau, sondern weiß.“

Wenn man jetzt auch noch das Anthropozän-Phänomen der zunehmenden Zahl von quasi-natürlichen Albinogeburten bei Wildtieren und -pflanzen quer durch alle Arten – von der Eidechse bis zum Elefanten und vom Hanf über Mammutbäume bis zum Ahorn – dazu zählt, kann man sich in etwa ein Bild machen: Kein Schnee im Winter mehr, aber ganzjährig weisse Mischwälder mit weissen Tieren unter weißem Himmel.

Der „documenta“-Erklärer Bazon Brock hat es vielleicht schon geahnt, als er in einer Diskussion mit Joseph Beuys über das Konzept „Gesamtkunstwerk“ diesem vorwarf: „Ihr könnt so viele Konzepte vertreten wie ihr wollt, sobald ihr uns zwingt, diese Konzepte eins zu eins in der Wirklichkeit zu realisieren, wird es totalitär.“

Bei dem Künstler Beuys bestand dazu keine Gefahr, auch wenn er später mit der Rockgruppe BAP einen Wahlkampf-Spot für die Grüne Partei aufnahm – mit dem Titel: „Sonne statt Reagan“. Aber mit den technischen Weltrettungs-Projekten der amerikanischen Geoingenieure würde diese Gefahr Wirklichkeit werden.

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Endzeit

Die Zeitschrift „Soziopolis – Gesellschaft beobachten“ hat gerade von Soziologen, Kriminologen u.a. alle möglichen Bücher besprechen oder interviewen lassen, deren Autoren apokalyptisch zumute war oder ist.

Wenn es stimmt, dass die Wende 89/90 der Anfang vom Ende deutscher Nachkriegsherrlichkeit war, dann gilt die Endzeit nunmehr global, jedenfalls wenn man den vielen Schriftstellern und Wissenschaftlern glauben darf, die sich mit der “Apokalypse” beschäftigt haben. Und so heißen dann auch die Obertitel ihrer Rezensionen in der Soziopolis „Bücher zur Apokalypse I“, „…II“ und „Apocalypse -wow!“.

Unter dem letzten Titel steht eine Besprechung des Buches „Geist und Müll“ von Guillaume Paoli, die der Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Stephan Lessenich, verfasst hat. Sie fängt so an: „Was für Zeiten! Die deutsche Politik ist in einen gnadenlosen Unterbietungswettbewerb um die menschenverachtendste Umgangsweise mit Geflüchteten und Zuwandernden eingetreten. Im Anbahnungsdokument einer Großen Koalition im Bundesland Hessen gerät das existenzielle Problem des Klimawandels an den Rand des Interesses, während die Unterbindung des „Genderns mit Sonderzeichen“ an Schulen, Universitäten und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in dessen Zentrum rückt.“

Lessenich streift sodann das politische Elend im Globalen: „In Argentinien schickt sich ein anarcho-autoritärer Psychopath an, fünfzig Jahre nach Pinochet im Nachbarland Chile ein neuerliches marktradikales Gesellschaftsexperiment zu vollziehen – diesmal ganz ohne Militärputsch, sondern dank absoluter Mehrheit in den Präsidentschaftswahlen. Und, apropos Präsidentschaftswahlen, in den USA steht Donald Trump schon Gewehr (aka „X“) bei Fuß, um das in seiner ersten Amtszeit Unerledigte endlich nachzuholen und die demokratische Verfassung nun wirklich nachhaltig zu schleifen.“

Danach kommt der Rezensent auf seine Eingangsfrage zurück: „Was ist hier bitteschön los?“ Guillaume Paolis sagt es uns in seinem „Plädoyer für einen aufgeklärten Katastrophismus“. Darum „Krisendiagnostiker:innen aufgepasst“, denn uns steht ‚keine Katastrophe bevor, wir stecken bereits mittendrin.‘ Wir haben den Schuss nur noch nicht gehört, obwohl es doch an jeder Ecke unüberhörbar knallt. Noch aber wähnen wir uns in unserer gewohnten Welt. ‚Eine stabile, zuverlässige Welt mit vier Jahreszeiten, vollen Supermarktregalen, Urlaubsbuchungen, Karriereplänen und für alle Pannen technische Lösungen‘.“

Es ist dies jedoch „eine Welt, die in Wirklichkeit bereits nicht mehr existiert. Noch leben wir so wie in den alten Zeiten. Doch dieses Leben ist Traum. Es ist dem Tod geweiht, aber es weiß dies noch nicht. Oder will es nicht wissen.“

Das gilt nicht für Paoli, der all die aus der Unvernunft geborenen Ideen und Ratschläge zum guten oder besseren Leben für ein „Übel“ hält: „Um gegen präsente und kommende Übel geistige Antikörper zu entwickeln“, sei es ratsam, „sich Bazillen der Negativität einzuimpfen“. Der Rezensent seufzt darob „Wenn Adorno das erleben dürfte“. Lessenich ist quasi der jüngste Erbe des Adorno-Horkheimer-Instituts, ich nehme an, er meint mit seinem Seufzer den Rat, den Adorno seinen zukünftigen Soziologen gab: „Und vergeßt nicht den ‚bösen Blick‘, sonst seid ihr verloren“ (in dieser kapitalistischen Gesellschaft).

Auch der „französisch-deutsche Philosoph, Schriftsteller und situationistische Aktivist“ Paoli (geb. 1959) hat den „bösen Blick“ (woher auch immer – für den Situationismus, die antiautoritäre Studentenbewegung und den leibhaftigen Adorno, der 1969 ebenso wie die beiden kulturrevolutionären Bewegungen starb, war er noch zu jung). Mit diesem Blick haut er aber alle möglichen Denker in die Tonne. Sein Buch ist eine mehr oder weniger polemische Rundum-Kritik. Nach der Lektüre hat man nichts in der Hand, außer das man beim „Deepreading“ (sic) der von Paoli Kritisierten diese fürderhin etwas kritischer liest. U.a. Bruno Latour, der meinte: Vergeßt die Kritik, dahinter steckt nichts mehr.

Für die Zeitschrift “Soziopolis” mit ihrem Besprechungs-Schwerpunkt „Apokalypse“ (mit „c“) ist überraschend selbst die Endzeit gekommen: Sie gehört zum Hamburger Institut für Sozialforschung des Tabakmilliardenerben Jan Philipp Reemtsma, das dieser demnächst liquidieren will, wahrscheinlich samt Verlag „Hamburger Edition” und seiner zweiten Zeitschrift “Mittelweg 36”, um die es allerdings nicht schade ist. Im Reemtsma-Institut hat sich der „böse Blick“ umgedreht: Anfänglich arbeiteten dort etliche Linke, darunter einige Anarchisten und Marxisten-Leninisten. Die wenigen Linken, die dort nach einigen Jahren als Forscher übrig blieben, richteten ihren bösen Blick dann vornehmlich auf die antiautoritäre Bewegung. Und das war keine (späte) Selbstkritik, sondern (schnöde) Distanzierung. Aber gehört das nicht auch zu den erschreckenden Zeitläuften?

Dies ist im Übrigen auch das Thema des Buches von Pankaj Mishra „Das Zeitalter des Zorns“ (2017), das für mich Ähnlichkeit hatte mit Guillaume Paolis Buch „Geist und Müll“, nur dass Mishra sich in seiner globalen Befindlichkeits-Analyse statt auf Theoretiker vor allem auf Romane stützt.

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Beeinflusser

Beim Beeinflusser (Influencer auf Plattdeutsch) geht es um Kaufen, Kaufen, jedenfalls wenn der oder die Influencerin damit Geld verdienen will. Eine Studie der Universität Göttingen kam laut WDR zu dem Ergebnis, dass rund die Hälfte aller Abiturienten gerne Influencer wäre. Und die Ökonomin Barbara Engels vom Institut der Deutschen Wirtschaft fand anhand des JUNIOR-Schülerfirmenprogramms 2022/2023 heraus, dass mehr als ein Fünftel der Befragten gerne Influencer sein würden, berichtet die baden-württembergische Internetseite „bw24.de“. „Influencer bewerben in der Regel Produkte anderer Unternehmen und regen damit einen Kaufimpuls bei den Followern [ihren „Fans“] an.“ Je mehr Follower ein Influencer hat, desto eher sind Firmen bereit, Anzeigen bei ihm zu plazieren oder ihm ihre Produkte zum Bewerben anzudienen.

Laut Barbara Engels gaben 41,7 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler an, dass sie bis zu 150 Influencern folgen. Sie stellte daraufhin folgende Rechnung für die zukünftigen Influencer auf: „Wenn man als Influencer 20.000 Follower braucht, um sich zu etablieren, könnten deutsche Internetnutzer rund 500.000 Influencer am Markt halten. Da es aber auch Influencer anderer Generationen und Influencer aus dem Ausland gibt, dürfte der Markt gesättigt sein“, erklärte Engels der FAZ.

Viele Influencer seien Freiberufler, so Rebecca Wasinski von der Landesanstalt für Medien NRW im Interview mit dem WDR, und weil sich dabei Beruf und Privatleben vermische, wären sie oft überlastet, was man beispielsweise bei den Influencerinnen Louisa Dellert oder ‚Melina Sophie‘ gesehen habe. Die beiden kenne ich nicht, aber ich las kürzlich das Buch der Influencerin Sophie Passman „Pick me Girls“. Darin schreibt sie: „Ich habe viel Geld dafür ausgegeben, so auszusehen, wie ich heute aussehe.“ Sie führt ein medienbestimmtes, quasi amerikanisches Frauenleben und klärt ihre vielen Follower auf Instagram über Mode auf. In der „Zeit“ schrieb sie, dass ihre Schönheitseingriffe nicht ganz freiwillig geschehen seien, aber die Männerherrschaft mitsamt ihrer Einteilung von Frauen in attraktive und weniger attraktive Exemplare habe ihr keine andere Wahl gelassen: „Der männliche Blick ist die höchste Währung.“

Mit KI wird sich diese Sichtweise noch einmal verschärfen, denn sie wird, wie auch schon die vorangegangene Computerisierung, noch mehr Berufsgruppen arbeitslos machen. Der Spiegel zitierte im August 2023 eine Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey zum US-Arbeitsmarkt, danach „könnten fast sechs Millionen Jobs durch KI vernichtet werden, vor allem solche von Frauen“.

In China ebenso wie in den USA gibt es immer mehr Einkommensschwache, vor allem Frauen, die eigene oder Firmen-Produkte bewerben, um sie dann im Internet als Influencer per Livestream anzubieten. Dazu heißt es im Buch der US-Chinesin Xiaowei Wang „Blockchain Hühnerfarm“ (2023): „Menschen, die vom Livestreaming leben, stehen unter hohem Druck, ein bestimmtes Aussehen zu haben. Manche Livestream-Stars lassen mehrere plastische Operationen pro Jahr über sich ergehen“ – damit sich ihr Aussehen dem globalen Hollywood-Look anähnelt bzw. ähnlich bleibt.

Die Trierer China-Forscherin Kristin Shi-Kupfer erwähnt in ihrem Buch „Digital China“ (2023) die 1985 geborene „Königin des Livestreaming“ Viya (Weiya Huang), die sie als „eine der Meisterschülerinnen des entfesselten Kommerzes des Kommunistischen Partei“ bezeichnet. „Viya war einer der größten Stars des Livestreaming-Kanals von Taobao, Chinas erste und größte E-Commerce-Plattform“. Schon bald besaß sie 18 Firmen unter ihrem Namen. Sie bietet alles an, was ihre Fans möglicherweise brauchen: „Türklingel, Teppiche, Zahnbürsten, Möbel, Matratzen“ usw..“ Im April 2020 verkaufte sie einen Raketenstart für 5,69 Millionen Euro“.

Xiaowei Wang ist sich sicher: „KI wird Pausenbrote zubereiten und Pakete packen“. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer besuchte kürzlich das Filmstudio Babelsberg und dort eine KI-Entwicklungsfirma. Anschließend schrieb er, dass die Überwachungstechnik KI eher für etwas anderes als für Pausenbrote und Pakete eingesetzt wird: „In meiner Kindheit in der Sowjetunion war viel von der Roboterisierung der Arbeitsprozesse die Rede, es ging in erster Linie darum, dass die Maschinen uns die schwere Arbeit abnehmen, Straßen fegen, Röhren legen und Brücken bauen. Sie sollten Post austragen und Brote backen, während wir von der lästigen Pflicht des Frühaufstehens und der körperlichen Anstrengung befreit uns dem Kaffeetrinken widmen und kreativen Tätigkeiten nachgehen. Genau das Gegenteil ist dabei herausgekommen: Die KI übernimmt die kreativen Berufe, sie möchte malen, dichten, Musik machen, Bücher schreiben und tanzen. Und wir sollen fegen und backen.“

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Gefühlsmenschen

Die „Autonomen“ sprachen in den Achtzigerjahren von „Gefühl und Härte“. Dies war dann auch der Titel einer Punk-LP. Seit 2000 etwa heißt es, das Zeitalter der großen „Ideologien/Narrative“ sei überwunden. Jetzt, im solipsistischen Neoliberalismus, geht es vor allem um „Gefühle“. So wollen z.B. eine linke und eine rechte Initiative, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, „Gefühle schützen“ – und fordern deswegen ein „Gesetz gegen Hassreden“. Die Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ rät: „Gefühle spüren, annehmen und loslassen“.

Das ging schon los mit Worten und Sätzen wie „Es sind gefühlte 2 Grad“, „gefühlte 2 Stunden Verspätung“ oder „gefühlte 200 Kilometer“. Es war und ist von „Schuldgefühlen“, „Gefühlskälte“, „gefühlsmäßig“ und „ich fühle es eben“ die Rede. In der U-Bahn hört man auf Englisch: „I feel good“, „My feelings say ‚No‘ to him“, „He doesn’t feel anything“. Die englische Psychoanalytikerin Maxine Mei Fung Chung, und nicht nur sie, will in ihren Fallgeschichten „What Women Want“ (2023) an die Gefühle ihrer Klientinnen heran; sie will „offen sein für die Unterströmung unter den Dingen, die sie zur Sprache bringen“. Bei einer Patientin mutmaßt sie: „Vielleicht fällt es Ihnen leichter, ein negatives Gefühl gegen sich selbst zu richten“ – als auf andere, die sie schlecht behandeln.

Die Nietzscheaner raten dagegen: „Werdet oberflächlich, denn dorthin kommen die Wesen der Tiefe, um zu atmen!“ Ich will hier nicht darauf hinaus, dass die Freudsche Psychoanalyse zu einer Ich-Psychologie verkommen ist, zur Lebenshilfe von Leuten, die sich diese leisten können, wie es in der „Frankfurter Schule“ von Adorno/Horkheimer hieß, in der die Psychoanalyse mit Marxismus verbunden wurde, um die Gesellschaft im Hinblick auf ihre Veränderung zu analysieren – und nicht, um Mittelschichtler mit „Gefühlsstörungen“ in jahrelangen „Talking-Cures“ zu therapieren (fit zu machen).

Es ist noch schlimmer: Immer öfter fragen irgendwelche idiotischen TV-Moderatoren ihre Gäste – z.B. eine Frau, die überfallen wurde: „Und was haben Sie da gefühlt?“ Eine Umweltaktivistin wird gefragt: „Und was tun Sie persönlich gegen die Klimaerwärmung?“ Oder einen Kanadier, der auf ukrainischer Seite gegen die Russen kämpft: „How did you feel?“

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Völlig grotesk ist die Lektüre des berühmten Bergsteigers Reinhold Messner, der ein Buch über seine Durchquerung der Wüste Gobi veröffentlichte – schon im Titel „Gobi – die Wüste in mir“. Es geht darin auf 265 Seiten um seine „Gefühle“. Ich war zwei Mal in der Gobi – und nie wäre mir eingefallen, mir gerade dort Gedanken über meine Gefühle zu machen. Ein anderes Buch von Messner heißt „Mein Leben am Limit“. Dies ist inzwischen ein geflügeltes Wort geworden von Millennials, die das Wochenende im Berliner Club „Berghain“ durchtanzen.

Es könnte aber z.B. auch von Geertje Marquardt stammen, die anderthalb Jahre trainierte, um Grönland zu durchqueren. Oder Birgit Lutz, die in ihrem Buch „Unterwegs mit wilden Kerlen: Eine Frau erobert die Arktis“ berichtet, dass und wie sie fünf Mal von einer russischen Driftstation zum Nordpol wanderte. Beiden Frauen ging es um die enorme Leistung, d.h. um Erfahrung und ihre „Gefühle“ bei diesem Extremsport im ewigen Eis, wo es sonst nichts gibt, und wenn doch, dann heißt es, schnell weiterstolpern, weil sonst die Vorräte nicht reichen. Solche Anstrengungen dienen dem „Austesten der Ich-Grenzen“, es sind „Ich-Unternehmen“, die massenhaft auch für viel Geld von Managern gebucht werden, wie das „Manager-Magazin“ 2018 berichtete, das dabei von „Limit Skills“ und „Erfolgsstrategien“ spricht.

Gegenüber diesen ganzen amerikanisch-profitabilisierten Ichigkeiten postulierte der französische Dichter Antonin Artaud bereits: „Das Ich ist eine Sauerei!“ Und „Alles Schreiben ist eine Schweinerei!“ (1925) Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss erklärte: „Das Ich hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts“. In der Psychotherapie soll es zwischen dem eigenen Begehren und den Anforderungen der Anderen (der Gesellschaft) vermitteln. Da ist ein starkes Ich nur nützlich, und es läßt sich auch stärken, so dass der Patient hernach glücklicher ist, bewusster lebt, seelisch ausgeglichener ist usw.. So jedenfalls das Versprechen der „Seelenklempner“.

Aber nicht nur die Psychotherapie, in Kalifornien geriet selbst der Buddhismus, der eigentlich zur Überwindung der Ichigkeit (aller Selbstbezogenheiten) entstand, zu einer „Ich-Technik“ – einer Ich-Anreicherung oder zu einem „Ich + Ich“, wie ein Popsong 2010 beim Bundesvision Song Contest hieß, der auf Platz 3 kam: Eine Millennial-Antwort auf das Hauptwerk „Ich und Du“ des Religionsphilosophen Martin Buber 1923?

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Micky Maus

Plötzlich tragen alle Teenager T-Shirts und Hemden mit Micky Maus drauf. Das wünschen sich jedenfalls die Modeketten, Desigual, Zara, Mango, HM etc.. In ihren Online-Verkaufsktalogen ist es schon so weit. Und das gab uns Rätsel auf. In der Vergangenheit hatte der Disney-Konzern jede Entwendung seiner Comicfiguren geahndet, mindestens abgemahnt. Hatten die Modeketten etwa die Rechte an Micky Maus gekauft oder hatte der Disney-Konzern sie ihnen sogar überlassen – als Werbemaßnahme, denn die Donald- und Micky Maus-Hefte sind bei den Millenials und ihren Nachgeborenen nicht mehr sonderlich gefragt.

Die Nachkriegsgeneration, zu der ich gehöre, ist dagegen mit dieser amerikanischen „Schundliteratur“ sozialisiert worden. Wir kannten keinen Ödipuskomplex, weil unsere geschlagen heimgekehrten Väter nach 45 keine Überzeugungskraft mehr aufbrachten, dafür mußten wir jedoch hilflos mit ansehen, wie unsere Mütter unsere erste Heftchensammlung vernichteten.

Es gab seit 1951 „Micky Maus Magazine“ und dann „Donald Duck“-Hefte, „Donald Duck & Co“, Donald-Taschenbücher etc.. Micky Maus war und ist ein elender Klugscheisser, zumal vor dem Hintergrund seines tumben Freundes Goofy, was schon dessen Name besagt. Aber Donald Duck, der zunächst 1931 als ein Freund von Micky Maus in Erscheinung trat, hatte mehr drauf: Sein Zeichner Carl Barks schuf ab 1952 eine ganze Entensippe um ihn herum, und daneben noch etliche andere Querdenker, wie den guten und den böse Erfinder Daniel Düsentrieb und Hugo Habicht sowie die verbrecherische „Panzerknackerbande“. Sie alle wirkten im Universum „Entenhausen“.

Donald, der sich in allen möglichen Berufen, sogar als Politiker, versucht, scheitert in jeder seiner Geschichten. Wenn er doch einmal Erfolg hat, dann ist das Erreichte ganz anders als das Erträumte, so dass es auch einem Scheitern gleichkommt. Aber Donalds Credo und damit das der international organisierten „Donaldisten“ lautet: „Scheitern, wieder aufstehen, wieder scheitern, wieder aufstehen usw. aber nie aufgeben!“ Die „Deutsche Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus“ beschäftigt sich in ihren Periodika nur mit den von Barks gezeichneten Geschichten, deren Sprechblasen von der Germanistin Dr. Erika Fuchs ins Nachkriegsdeutsche übertragen wurden. In ihrer Heimatstadt Schwarzenbach an der Saale ehrte man sie mit einem „Erika-Fuchs-Haus – Museum für Comic und Sprachkunst“. Einer, der heute für das FAZ-Ressort „Geisteswissenschaften“ zuständige Donaldist Patrick Bahners, wurde von Erika Fuchs als Antiquar in Entenhausen integriert. Bahners hat über die vielschichtigen Univerumsforschungen der Donaldisten 2014 das schöne Buch „Entenhausen – die ganze Wahrheit“ im FAZ-Verlag veröffentlicht.

Der kämpferische, aber etwas cholerische Donald hatte 1943 mit dem Donald-Duck-Zeichentrickfilm „Der Fuehrer’s Face“ einen Oscar für sein Auftreten gegen Hitler und dessen Regime bekommen. Im Jahr zuvor hatte er bereits Propaganda für den Krieg gegen Deutschland gemacht – mit dem Zeichentrickfilm „Donald Gets Drafted“. Kurzum: Donald ist trotz seines autoritären Charakters ein Antifaschist, während Micky Maus zwar „politisch korrekt“ ist, aber man glaubt ihm nicht, er ist außerdem extrem witzlos. Und hat auch einen anderen Zeichner.

Kann man sagen, dass die Micky Maus-Figur wie die Faust aufs Auge auf die Mode der jetzigen Teenager passt? Aber wie ist sie dorthin gekommen? Unter „Micky Maus Copyright“ findet sich folgender Eintrag: „Das Urheberrecht Micky Maus gehört nun allen. Die frühe Version der Micky Maus aus dem Kurzfilm ‚Steamboat Willie‘ (1928) ist nicht mehr durchs US-Urheberrecht geschützt.“ 95 Jahre besaß der Disney-Konzern die Rechte an ihm. Daraus folgere ich, dass die Modeketten aus Spanien und anderswo darauf nur gewartet haben – und ihre Designer sofort beauftragten, Micky Maus auf allen Produkten zu platzieren.

Der Verdacht drängt sich auf, dass es sich dabei um eine Verschwörung handelt, um eine Micky Maus Verschwörung. Was machen zwei Mädchen mit Micky Maus auf der Brust, wenn sie sich begegnen? Grüßen sie sich, zwinkern sie sich zu? Wir müssen mit der Aufklärung bis zum Frühjahr warten, dann sind sie nicht mehr so eingemummelt und man sieht ihre Micky Mäuse. Es ist dies eine internationale „Mädchenmode“. Machen die Jungs sie irgendwann mit – oder kontern sie mit „Minnie Maus“ – der ewigen Verlobten von Micky Maus oder gar mit dessen treudoofen Freund Goofy? In Albanien brachte man eine ganze Briefmarkenserie mit Goofy-Motiven heraus. Es gibt ihn auch noch als ständig lachenden „Supergoof“. Was für „Asterix“ der Zaubertrank sind für „Supergoof“ die Erdnüsse in seinem Garten. „Es passiert ihm aber regelmäßig, dass die Nüsse plötzlich aufhören zu wirken, während er sich noch in der Luft befindet,“ heißt es auf „Duckipedia“. Bei Micky Maus wirken die Erdnüsse gar nicht.

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Lonely Planet

So heißt ein australischer Reiseführer für „Individualreisende“, vor allem für junge Leute („Backpacker“): „Komm mit zu den aufregendsten Städten, entlegensten Winkeln und zu den absoluten Geheimtipps…“ heißt es auf dessen Internetseite. Die Gesamtzahl der „Einsamen Planeten“-Ausgaben liegt bei etwa 650, die Gesamtauflage bei etwa 55 Millionen. Der Titel verdankt sich einem akustischen Mißverständnis und hätte eigentlich – basierend auf einem US-Song – „Lovely Planet“ heißen müssen, zumal der Planet, den die Backpacker abgrasen, alles andere als „lonely“ ist. Er ist aber auch nicht mehr „lovely“.

Eher gilt das für den Reiseführer „Ortskunde“ (2009) des Westberliner Künstlers und Geographen Thomas Kapielski, der dabei von einer „Kleinen Geosophie“ spricht, wohl weil sein „Planet“ nur den deutschsprachigen Raum umfasst. Als Schriftsteller, Musiker, Maler und Zeichner kommt er mit seinem „Bauchladen“, wie er das nannte, viel herum. Und „Lonely“ trifft es auch, denn er nimmt die Einladungen meistens alleine wahr.

Zur Autostadt Wolfsburg z.B.., wo er erfuhr, dass dort ein „Rolltreppenfest“ stattfand. Und in der Kreisstadt Itzehoe, dass dort ein Mann aus Laboe eine „Rolltreppenfahrt seiner Wahl“ gewann. „Er konnte sich zwischen Rolltreppen bei Karstadt, Hertie und denen des Holstein-Center-Itzehoe entscheiden.“ Bei Karstadt, fand Kapielski heraus und schrieb es in seinen Eintrag „Itzehoe“, gab es das „Fahrtreppenmodell Verlino – ‚das Allroundtalent für Kaufhäuser, Einkaufszentren, Flughäfen, Messen etc:‘ von Thyssen-Krupp“. Im Kaufhaus Hertie glitt man zu den einzelnen Verkaufsetagen mit dem „modernsten Fahrtreppentyp, den Competence 110 der Fa. Kone“. Und im Holstein-Center-Itzehoe konnte man sogar zwischen zwei verschiedenen Rolltreppen-Modellen wählen: „das Modular Moving Walkway von Otis und die Fahrtreppe 9300 AE für Geschäftsgebäude von Schindler“.

Bei den „Lonely Planet“-Reiseführern fragt man sich manchmal: Woher hat der Autor diese oder jene „Information“ bloß? – Und man ihm einfach glauben muß, so ist es mitunter auch in Kapielskis „Ortskunde“. Sein Eintrag „Itzehoe“ z.B. endet mit der „Information“, dass der Rolltreppenfahrt-Gewinner dort anscheinend alle Fahrtreppenmodelle ausprobierte, „anschließend spendierte [ihm] die Itzehoesche Kulturdezernentin Frau Dr. Hobl-Brühl Bananen-Split und gab freimütig Presseauskünfte“. War Kapielski bei ihrer Pressekonferenz dabei oder erfuhr er das bei einem Kneipengespräch in dieser „Mittelstadt beiderseits der Stör“? Viele Ortseintragungen in seinem Buch beginnen oder enden mit einem oder gar mehreren Kneipen-Hinweisen und geben Auskunft über die dort geführte Biersorte, gegebenenfalls mit einer knappen Aufzählung der Speisen, die der Autor dort zu sich nahm. Im Eintrag „Itzehoe“ hat er uns allerdings keinen Kneipentipp hinterlassen.

Das darf ich hier vielleicht ergänzen: „Die Marktklause“. Dort werden – bis heute – Biere der „Dampfbierbrauerei Zwiesel“ angeboten. Ich weiß das deswegen, weil ich vor langer Zeit in Itzehoe wegen Fahnenflucht vor Gericht stand. Ich sollte unweit der Stadt in eine Luftwaffenkaserne der Bundeswehr einrücken, hatte es aber vorgezogen, nach Stockholm auszuweichen, wo ich jedoch kein Auskommen fand und deswegen nach Westberlin fuhr, dessen Bewohner die vier Alliierten für nicht wehrpflichtig erklärt hatten. Dort wurde ich Hilfserzieher in einem Kinderheim. Damals zogen viele Fahnenflüchtige nach Westberlin. Als das dem Senat zu bunt wurde, leistete er „Amtshilfe“, d.h. die Fahnenflüchtigen wurden verhaftet und in die BRD ausgeflogen, wo sie sich vor einem Gericht zu verantworten hatten. Anschließend holten die Feldjäger sie ab und steckten sie erst einmal in eine Arrestzelle. Weil das nicht ganz rechtens war, fand jeden Freitag eine Protestdemonstration statt, wobei jedesmal etliche Kudamm-Geschäfte „entglast“ wurden. Zur besseren Koordinierung verteilte Christian Ströbele jedesmal Megaphone an die Kolonnenführer.

Weil ich zwar „freiwillig“ – mit der Bahn – zum Itzehoer Gericht gefahren war, aber die Feldjäger fürchtete, wurde ich von einigen Genossen begleitet. Ich bekam drei Jahre auf Bewährung und eine nicht unerhebliche Geldstrafe, zahlbar an einen Bundeswehr-Verband, aufgebrummt, die ich abstottern konnte. Und da mich anschließend keine Feldjäger in Empfang nahmen, gingen wir in die „Marktklause“, wo ich einen ausgeben mußte. So war das.

Hinzugefügt sei, dass sich in den „Lonely Planet“-Reiseführern die üblichen „Geheimtipps“ für Rucksacktouristen finden (Burgen, Schlösser, Museen etc.), während die „Ortskunde“ von Kapielski eher etwas für Reisende mit Aktentasche ist, wobei ein kleines Latinum, das ich jedoch nicht habe, durchaus das Verständnis seiner vielen religionsgeschichtlichen Eintragungen erleichtert.

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Subtile Solidarität (1)

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Subtile Solidarität (2)

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Nashörner

Die Klimaforscher Werner Krauß und Hans von Storch warnten ihre Kollegen 2013 im Buch „Die Klimafalle“, sich der Politik anzudienen. Die Wissenschaft, die den Staat unterstützt, wird mit diesem vom Markt geschluckt. Die Politiker sind zudem gar nicht in der Lage, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, denn sie sind verpflichtet, dem Wohle des Volkes zu dienen, höchstens können sie sich für solche Ökoprojekte engagieren, die ökonomisch profitabel sind oder das versprechen. Aber „wenn sie die Ökologie ökonomisieren, fügen sie bloß einer schwindelerregenden Vielfalt eine weitere hinzu,“ gibt der Wissenssoziologe Bruno Latour in seinem Buch „Kampf um Gaia“ (2017) zu bedenken.

Und die Wirtschaft? Der Chef von Shell z.B., Wael Sawan, ist den Anteilseignern verpflichtet, deswegen muß er genau prüfen, ob sein Konzern in diese Richtung „weiter aktiv bleiben“ will. „Wir wollen unbedingt weniger Kohlenstoff emittieren, aber der Weg dahin muss profitabel sein.“ Investitionen im fossilen Bereich bringen „mindestens 15% Rendite“, aber solche in „erneuerbare Energie nur 5-8%“.

Shell ist wie so viele andere große Konzerne ein „global Player“, Nutznießer der von Reagan und Thatcher angestoßenen „Globalisierung“. Diese wollen manche Linke und NGOs (Greenpeace z.B.) auch für sich reklamieren, was sich etwa in der Parole „Lokal handeln – Global denken“ zeigt oder in der Idee einer „Weltregierung“. Aber, sagt Latour, „genau dieser Utopie dürfen wir nicht auf den Leim gehen. Wir stoßen hier wieder auf die Figur des ‚Globus‘, die nicht nur unmöglich, sondern moralisch, wissenschaftlich und politisch tödlich ist…Sollten sie sich wundern, dass man den ‚Wald‘ sprechen läßt [wie u.a. der Anthropologe Eduardo Kohn in: „Wie Wälder denken“ – 2023], dann müssen Sie sich auch darüber wundern, dass ein Präsident als Vertreter von ‚Frankreich‘ spricht.“

Zwar müssen wir dem Staat „die Flötentöne beibringen“, aber wichtiger noch ist, wenn die „Demokratie neu beginnen soll“, dass dies „von unten her“ geschieht. Und das trifft sich laut Latour gut, denn „es gibt nichts Niedrigeres als den Boden“. Und der ist für uns „Erdverbundene“ (im Gegensatz zu den zum Mars flüchtenden Ami-Milliardären) unabdingbar. Alle Bodenforscher sind sich darin einig. (Siehe dazu den Überblick von Christiane Grefe und Tanja Busse „Der Grund“ – 2024): „Wie wir mit dem Land, mit den Flächen umgehen, ist die zentrale Zukunftsfrage.“

Die Vernachlässigung dieser „Grundlage“ zeigt, dass wir nie materialistisch genug gedacht haben. Und wenn doch einmal, dann wurde es ganz idealistisch – furchtbar falsch. 2016 veröffentlichten der Journalist John Mbaria und der Ökologe Mordecai Ogada eine Kritik des Naturschutzes in Kenia („The Big Conservation lie“). In einem „Geo“-Interview sagte Ogada: „Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben.“

Immer wieder werden Dorfbewohner als Wilderer erschossen. „Geld aus Anti-Terror-Budgets, u.a. von den Amerikanern, fließt in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes“.

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die in Kenia ein Schutzgebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn.“

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Altruismus – Egoismus

Vor einiger Zeit wurden die Leipziger Schimpansenforscher durch eine Notiz in „Nature“ weltberühmt: Sie hatten experimentell bewiesen, dass auch Affen zu „altruistischem Verhalten“ in der Lage sind. Bisher ging die „Nature“-Forschung davon aus, dass dies nur dem Menschen eigen ist – eine Kulturleistung sozusagen, denn ansonsten herrsche unter den Lebewesen ein wüstes Hauen und Stechen (Competition). Dabei gilt dies im Gegenteil eher für angloamerikanisierte Gesellschaften, wo sogar die „Gewerkschaft“ ein schmutziges Wort ist, das man in Gegenwart von Vorgesetzten nicht in den Mund nehmen darf und in Harvard ist es den Studenten bei Strafe verboten, zusammen zu arbeiten. Deswegen erfand man in England auch das Survival of the Fittest – als Lebensprinzip, das Darwin dann laut Marx bloß auf die Natur übertrug. Die ganze Welt – Natur und Kultur – ein einziges riesiges Fitness-Center!

Die großartige Leipziger Altruismusentdeckung ließ den Tübinger Entwicklungsbiologen keine Ruhe: Der Hypothese des Anarchisten Fürst Kropotkin folgend, wonach man mit fortschreitender Mikrokopietechnik auch im bakteriellen Bereich ganz viel „gegenseitige Hilfe“ (Gewerkschaften) finden werde, entdeckten nun auch sie den Altruismus – speziell für die US-Zeitschrift „Nature“ – neu: und zwar bei den im Erdboden lebenden Myxobakterien. Wie in einem schlechten Hollywoodfilm, d.h. wie im globalisierten Neokapitalismus, gewinnen die Egoisten unter ihnen (die sich nicht zusammenschließen, um sich selbstlos fortzupflanzen), immer mehr an Boden – bis, ja bis kurz vorm Ende der ganzen schönen Bakterien-Kultur (die Forscher sprechen von einem „evolutionären Selbstmord“) wieder die Altruisten sich – einem „Phönix“ gleich – erheben und schließlich obsiegen. Durch aufopferungsvolles Kinderkriegen (Sporenbilden)! Die neodarwinistischen Tübinger machen dafür natürlich keine „Kommunikation“ oder Kooperation verantwortlich, sondern ganz dumpf-materialistisch ein vom Phönix-„Stamm“ produziertes Enzym namens „Acetyltransferase“, das sich selbstredend einer Gen-„Mutation“ verdankt. Während die FAZ kurz und gelassen blieb (mit Sporenfarbphoto), projizierte das Internetmagazin „Telepolis“ diese Altruismus-Entdeckung unter Bakterien, die leider nichts anderes tut, als den (antidarwinistisch) ausufernden Symbioseforschungen der US-Zellbiologin Lynn Margulis ein neues materialistisches Korsett zu verpassen, euphorisch – in einer Rezension – auf die menschliche Gesellschaft (zurück): „Das soziale System hat also letztendlich vom Kontakt mit den Betrügern (den Egoisten) profitiert und gelernt, sich zu verbessern.“ Wir – ein lernfähiges System, jedenfalls wenn Profit lockt!

Demgegenüber steht das ebenfalls vom Systemdenken durchdrungende chinesische „Weltbild“ der Kulturrevolution, das u.a. in dem vorbildlichen Menschen Lei Feng kulminierte, der sich als „kleine Schraube der Revolution“ begriff – und danach auch handelte. Von seinen altruistischen Taten kündete u.a. ein in Westdeutschland zu maoistischen Zeiten 1973 veröffentlichter Comic, der zuerst in Italien von Feltrinelli herausgegeben worden war. Zur gleichen Zeit hatte Joschka Fischer für den Voltaire-Verlag einen theoretischen Text über die „Aufhebung der Trennung von Hand- und Kopfarbeit“ in der Großen chinesischen Kulturrevolution übersetzt – aus dem Amerikanischen, es handelte sich dabei um einige Kapitel einer Doktorarbeit aus Harvard.

Den jungen Soldaten Lei Feng und sein kurzes Leben nahm sich 2000 Jürgen Kuttner für seine erste Volksbühnen-Inszenierung vor – nicht zuletzt, weil „uns Ostler doch immer noch der ganze SED-Staat um die Ohren gehauen wird, aber den ehemaligen Maoisten im Westen man die chinesischen Verbrechen nie vorwirft.“ Kuttner dachte dabei an die Gräuel der Kulturrevolution – und deswegen nun Lei Feng: als ein Comicmärchen.

Inzwischen ist der Volksbefreiungsarmist in China sogar zu einem „Popstar“ geworden, wie die FAZ schreibt. Statt US-genetisch mit Schimpansen und Bakterien argumentiert man dort gegen den um sich greifenden Egoismus eben chinesisch: so brachte z.B. die Firma Shanda ein Computerspiel mit dem Titel „Von Lei Feng lernen“ heraus, bei dem derjenige gewinnt, der am meisten anderen Menschen geholfen hat, also der Altruistischste.

Um noch deutlicher zu werden, hat man im früheren Revolutionsmuseum am Tienamenplatz ein Wachsfigurenkabinett eingerichtet – mit „offiziell anerkannten nationalen Helden“ (aus Vergangenheit und Gegenwart). Am Ende der illustren Parade, „wo der Besucher in die Zukunft entlassen wird“, stehen sich auf der einen Seite Lei Feng (mit seinem Armeelastwagen) und auf der anderen Seite der Microsoftgründer Bill Gates gegenüber: Das Politische und das Private – der Revolutionär und der Idiot: Iidiot in der alten griechischen Bedeutung von Privatmann – jemand, der sich nicht um die Polis, sondern bloß um seine Privatgeschäfte bekümmert. Der US-Präsident Coolidge sagte es einmal – positiv – so: „Americas Business is the Business!“ In diesem Sinne dürfte Bill Gates der weltweit größte Idiot sein – wohingegen die kleine Schraube Lei Feng bis zur Selbstopferung das genau entgegengesetzte Prinzip verkörperte. Die chinesische KP selbst versucht heute, sich dazwischen auszubalancieren – und das wird im ehemaligen Revolutionsmuseum auch jedem Chinesen geraten.

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Weltverbesserungs-Vagabunden

Laut einer Gallup-Studie gibt es in der deutschen Wirtschaft 5,7 Millionen Beschäftigte, „die innerlich gekündigt haben“. Hinzu kommen mindestens noch einmal so viele, die keine Beschäftigung in der „deutschen Wirtschaft“ wollen. Überall werden Arbeitskräfte gesucht – und nicht gefunden, weswegen das „Bürgergeld“ gekürzt werden soll, damit die Bezieher nicht damit über den Monat kommen und dann doch entgegen ihrem Wünschen einen „Job“ annehmen müssen. Denken wir nur an die zigtausend jungen Frauen, die in Klamottenläden als Verkäuferinnen arbeiten und nichts anderes tun müssen, als immer wieder die Kleiderhaufen, die gelangweilte Kundinnen durchwühlt haben, erneut zusammenzulegen. Eine völlig sinnlose Beschäftigung, dazu noch sauschlecht bezahlt.

Ohne ihren Fortschrittsbegriff hat die kapitalistische Wirtschaft keine andere Bedeutung mehr als darin Geld zu verdienen. Aber die Unwilligkeit, die ihr Gefüge erodiert, bringt gleichzeitig hier und da Gegenentwürfe hervor. „15000 bis 20000 Deutsche werden dieses Jahr ihren Urlaub mit einem Freiwilligeneinsatz verbinden,“ schätzt eine Vermittlungsagentur.

Laura, die als Volontärin auf einer Meeresschildkröten-Rettungsstation in Costa Rica arbeitet, „um mit motivierten Menschen in Verbindung zu tretten und gemeinsam etwas von Bedeutung zu tun“, erzählt, wie sie da hingekommen ist: „Da gehst du jeden Tag zur Arbeit, legst über viele Monate Geld zur Seite, damit du irgendwohin reisen kannst, wo es schön ist, aber dann kannst du da nur zwei Wochen bleiben und gehst zurück in dieselbe Situation, aus der du gerade erst geflogen bist. Das ist doch verrückt! Und am nächsten Morgen klingelt der Wecker, und du hast dieses abscheuliche Gefühl im Bauch, dass ein neuer Tag an Dingen vor dir liegt, die du gar nicht wirklich magst. Aber du mußt sie erledigen, Tag für Tag, Jahr für Jahr, weil du ja dein Haus mit dem schönen Garten halten willst, in dem du allerdings fast nie wohnst, weil du ja ständig bei der Arbeit bist“.

Diese Wahrnehmung einer einst erstrebenswerten bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Existenz entnehme ich dem Buch von Lars Bendels „Traum über Kopf“ (2024). Er, ein „Werbefuzzi“ und seine Freundin Anja Mäuerle, eine Spanisch-Dolmetscherin, waren zwei Jahre unterwegs in Afrika, Nord- und Mittelamerika, auf Hawaii, den Azoren und in Neuseeland, wo sie als „vagabundierende Voluntäre“ in Naturschutzprojekten und ökologischen Land- und Forstwirtschaften arbeiteten. Sie lösten ihre Haushalte auf, legten ihr Geld zusammen und begannen im südafrikanischen Nationalpark und in Botswana eine Ausbildung als Ranger. Dafür mußten sie einen „höheren fünfstelligen Betrag“ hinlegen! Die beiden begannen also als Azubis, die wie früher für ihre Lehre zahlen mußten. Auch ihre Arbeit in den darauffolgenden Projekten, jeweils für einige Monate, war etwas mehr als „ehrenamtlich“, weil sie auch dort ein bißchen was kostete. Immerhin brachte es ihnen neben Weltwissen und vielen Kenntnissen über Pflanzen und Tiere einen Buchvertrag ein.

Inzwischen kann man schon von einem ganzen Genre reden: Bücher von „vagabonding Volunteers“. Erwähnt sei Michi Schreibers Bericht „Unbändig: Wie ich nicht nur einen Affen auswilderte, sondern auch mich selbst“, Gesa Neitzels inzwischen drei Berichte über ihre Ranger-Arbeit in diversen afrikanischen Wildtier-Schutzreservaten (einer heißt „Frühstück mit Elefanten“), Kerstin Plehwes Buch „Die Weisheit der Elefanten“ über ihre Arbeit als Rangerin im Krüger-Nationalpark.

Wer sich als „Ranger“ ausbilden lassen will, muß viel Geld mitbringen. Der kenianische Ökologe Mordecai Ogada sieht das kritisch, in einem Geo-Interview meinte er: „Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden“.

Etwas anders gelagert ist Markus Huths Erfahrungsbericht als reisender Tiersitter: „Mit 80 Viechern um die Welt“. Er passte in verschiedenen Ländern auf Haustiere auf, während ihre Besitzer verreist waren und bekam dafür etwas Geld.

Die eben beschriebenen Formen von ehrenamtlicher oder so gut wie nicht bezahlter Arbeit (was das Gegenteil von einem Job ist) sind erst einmal nur für junge Leute interessant, die nicht ganz mittellos sind, aber ziemlich anspruchslos und etwas abenteuerlustig. Im Internet finden sie die gewünschten Projektadressen. Und es werden dort immer mehr. Lars Bendels und Anja Mäuerles „Zuhause“ befand sich während ihrer Azubi- und Volontärszeit auf Instagram. Und unter ihren Lesern (Followern) gibt es sicher etliche, die es nicht bei Klicks belassen, sondern ebenfalls mehr vom Leben haben wollen – und dazu wohl erst einmal „Suchbegriffe zu Volunteers in Nationalparks und Wildtierrettungsstationen“ im Internet eingeben. Ähnliches traf auch auf eine Gruppe wandernder Zimmerleute aus Hessen zu, die ich in der Mongolei traf, wo sie von burjatischen Handwerkern Holzhausbau lernten.

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Wir-eGs (1)

Weil die Arbeitslosen sich nicht so recht mit den sogenannten „Ich-AGs“ anfreunden wollen, versucht man potentiellen „Existenzgründern“ die „Wir-eG“ schmackhaft zu machen – also die Genossenschaft. Dazu wurde das aus dem Jahr 1889 stammende Genossenschaftsgesetz 2006 vereinfacht – und gleichzeitig den anderen Unternehmensformen angeglichen, d.h. einige seiner Besonderheiten gelöscht: Die Genossen heißen nun Mitglieder, aus dem Statut wurde eine Satzung, man braucht nicht mehr 7, sondern nur noch 3 Gründer, die jährlichen Pflichtprüfungen wurden entschärft, und außerdem eine Reihe wirklicher „Erleichterungen“ geschaffen, wie die „Financial Times Deutschland“ in ihrer Sonderbeilage über Genossenschaften schreibt. Zwar kam es daraufhin bereits zu einigen hundert Neugründungen in Deutschland, aber die meisten „Steuerberater, Rechtsanwälte und Bankangestellten“ wollen noch immer nichts von dieser Rechtsform wissen, wie der Deutsche Genossenschafts- und Raiffeisenverband (DGRV) klagt.

Selbst bei der Agentur für Arbeit und in feministischen Beratungsstellen wird immer noch z.B. einer arbeitslosen Sekretärin, die ein Café eröffnen will oder einer Floristin, die sich mit einem Blumenladen aus ihrer „Hartz IV“-Existenz „befreien“ möchte, erklärt, was sie dabei alles an Marktanalysen, Versicherungen und Finanzierungshebeln benötigt. Am Ende kommen selbst bei den simpelsten selbstgeschaffenen Arbeitsplätzen leicht Summen zwischen 30 und 80.000 Euro raus, was sich so manche Existenzgründerin, die man staatlicherseits sogar besonders fördern würde, zwei mal überlegt. So gut wie nirgends wird solchen Frauen nahegelegt, eine „gemeinschaftliche Existenzgründung“ ins Auge zu fassen. Dabei gehen die meisten „Ich-AGs“ pleite, während bei den „Wir-eGs“ die Insolvenz laut DGRV „fast ein Fremdwort ist“. Aber die Marktwirtschaftsstrategen und ihre ideologischen Steigbügelhalter sind noch immer primär auf durchsetzungsstarke Unternehmerpersönlichkeiten fixiert – und solche sind gerade in Genossenschaften „fehl am Platz“, wie der Vorsitzende der DGRV-Rechtsabteilung zu bedenken gibt, weil darin nämlich die „Basisdemokratie ganz groß geschrieben“ wird. Der Leiter der Akademie Deutscher Genossenschaften in Montabaur fügt hinzu: „Die Existenzberechtigung des Genossenschaftsunternehmens sind die Genossenschaftsmitglieder.“

In der EU wurde Anfang 2007 beschlossen, die Gründung von „beschäftigungsorientierten Genossenschaften“ zu fördern, vor allem um „lokale Ökonomien“ zu stärken. Das Land Berlin bot sich an, hierbei eine „Vorreiterrolle“ zu spielen, schreibt der Genossenschaftsexperte Jost W. Kramer von der „University of Technology, Business and Design Wismar“ in einer Studie darüber. Sie hat den Titel „Geförderte Produktivgenossenschaften als Weg aus der Arbeitslosigkeit? Das Beispiel Berlin“. Kramer hebt darin vor allem auf die Widersprüche in den Fördermaßnahmen ab, die zwar die Gründung von Produktivgenossenschaften forcieren sollen, deren Procedere jedoch gleichzeitig jeden abschreckt. War es bei den Ich-AGs noch das allzu hohe Risiko, so sind es nun bei den Wir-eGs die Hürden der behördlichen Überkomplexität – resultierend aus deren widerstreitenden Interessen und Ideologien. Kramer befürchtet denn auch, „dass die Maßnahme die beabsichtigten Ziele nicht erreicht.“ Die angehenden Genossen könnten über die Antrags-Widersprüche leicht die eigentliche Aufgabe ihres gemeinschaftlichen Unternehmens vergessen: nämlich etwas zu produzieren. Im Falle Berlins muß dies „Non-Food“ sein: Landwirtschafts- und Fischerei-Genossenschaften sind von der Förderung ausgeschlossen, dafür dürfen es nun jedoch Kulturgenossenschaften sein – heißt es im Prospekt der Investitionsbank Berlin, die dieses Senatsprogramm „abwickelt“: ein Wort, das im Osten keinen guten Klang hat.

Im Westen hat dagegen das Wort „Genossenschaft“ keinen guten Klang (mehr): Es klingt nach Funktionärssitzungen, wo man in verräucherten Räumen besoffene Entscheidungen trifft – Nach einem doch an sich überwundenen Kommunismus und überhaupt jeder „arbeiterlichen Gesellschaft“.

Anders linke Analytiker in Italien, wie z.B. Sergio Bologna und Franco Berardi (Bifo): Sie begreifen die Neigung vieler italienischer Arbeiter, die das Kapital in die „Selbständigkeit“ entließ, sich in Dienstleistungskooperativen bzw. Sozialkooperativen zu organisieren, als eine Art von Selbstbetrug. Nirgendwo in Europa gibt es inzwischen so viele Selbständige, aber auch nirgendwo so viele Genossenschaften wie in Italien.

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Wir-eGs (2)

Als das Kreuzberger „Taxifahrer-Kollektiv“ sich in den Siebzigerjahren für die Unternehmensform „Genossenschaft“ entschied, wurde ihnen gesagt, sie seien in Westberlin die ersten Gründer wieder – seit 1945. Statistisch gesehen nahm die Zahl der Genossenschaften seit 1938 jedoch bis 2006 kontinuierlich ab. Ein anderer Brüssler Dachverband für 25 nationale Verbände – die CECOP – trägt dem bereits im Namen Rechnung – als „Europäische Konföderation von Produktivgenossenschaften, Sozialgenossenschaften und anderen Formen mitarbeiterkontrollierter Unternehmungen“.

Um den Gedanken von solchen gemeinschaftlich geführten Betrieben zu verbreiten – und gleichzeitig ihre Produkte vorzuführen, finanziert der Dachverband „Cooperatives Europe“ 2008/09 eine Art Leistungsschau europäischer Produktivgenossenschaften – in Berlin-Neukölln, Budapest, Dunaujvaros und Usti nad Labem.

Den Produkten sieht man die genossenschaftliche Herkunft nicht an, deswegen wird die Verkaufsausstellung ab dem 9. September flankiert von Filmen, Diskussionen und Dokumentationen über die Produzenten. Es handelt sich dabei um ein „Kunstprojekt“ das außerdem noch vom EU-Programm „Kultur 2007-2013“, vom ungarischen und tschechischen Ministerium für Kultur sowie von der Bundeskulturstiftung und dem Kulturamt Neukölln, finanziert wird.

Die Gegenseite schläft jedoch auch nicht. So meinte z.B. gerade Daniel Terberger, Chef der Modehandel-Verbundgruppe Katag, der von der Süddeutschen Zeitung nach dem Grund einiger Konkurse von Einkaufsgenossenschaften gefragt wurde: „Vielleicht sei es auch kein Zufall, dass vor allem solche Gruppen gescheitert seien, die genossenschaftlich organisiert waren und sich nicht in Familienbesitz befanden. ‚Wer gegenüber der eigenen Familie Rechenschaft ablegen muss, besitzt weniger Spielraum, Eitelkeiten zu pflegen, und empfindet möglicherweise größere Verantwortung‘.“

Sogar die Verfasser der Förderrichtlinien des Berliner Senats für Genossenschaftsgründungen sind noch an einer solchen Familienunternehmens-Philosophie ausgerichtet, wie Jost W. Kramer moniert, denn antragsberechtigt ist in den Richtlinien zwar die Genossenschaft, aber die Mitglieder haften für ihren rechnerischen Anteil am Förderbeitrag/Kredit „selbstschuldnerisch“. Formal „beantragt also die juristische Person eine Förderung, für die nicht sie, sondern ihre Mitglieder haften. Das steht in klarem Gegensatz zum Genossenschaftsgesetz.“ Wenn daraufhin dennoch Genossenschaften gegründet werden – und zwar wohlmöglich „ausschließlich wegen der Art und Weise ihrer finanziellen Förderung“, dann stellen diese überdies faktisch „einen Missbrauch des Genossenschaftsgedankens dar“.

In dem von Ferdinand Lassalle inspirierten „Gothaer Programm“ hieß es einst: „Die deutsche Arbeiterpartei verlangt, um die Lösung der sozialen Frage anzubahnen, die Errichtung von Produktivgenossenschaften mit Staatshilfe unter der demokratischen Kontrolle des arbeitenden Volks. Die Produktivgenossenschaften sind für Industrie und Ackerbau in solchem Umfang ins Leben zu rufen, daß aus ihnen die sozialistische Organisation der Gesamtarbeit entsteht.“ Karl Marx merkte dazu an: „An die Stelle des existierenden Klassenkampfes tritt eine Zeitungsschreiberphrase – ,die soziale Frage‘, deren ,Lösung‘ man ,anbahnt‘. Statt aus dem revolutionären Umwandlungsprozesse der Gesellschaft ,entsteht‘ die ,sozialistische Organisation der Gesamtarbeit‘ aus der ,Staatshilfe‘, die der Staat Produktivgenossenschaften gibt, die er, nicht der Arbeiter, ,ins Leben ruft‘. Es ist dies würdig der Einbildung Lassalles, daß man mit Staatsanleihen ebensogut eine neue Gesellschaft bauen kann wie eine neue Eisenbahn!“

Desungeachtet wurden dann aber doch jede Menge „Gewerksgenossenschaften, Produktivgenossenschaften ins Werk gesetzt – und dabei vergessen,“ wie Friedrich Engels rückblickend schreibt, „daß es sich vor allem darum handelte, durch politische Siege erst das Gebiet zu erobern, worauf allein solche Dinge auf die Dauer durchführbar waren.“

Es kömmt also darauf an, dass die Genossen über die Gründung ihres Gemeinschaftsunternehmens hinaus darum kämpfen, dass die gesellschaftlichen Bedingungen dafür allen entgegenkommen – sonst ist auch ihre eigene Genossenschaft zum Untergang verdammt. Die neuere Genossenschaftsforschung unterscheidet dabei drei Phasen – wobei sie den Genossenschaften eine quasi natürliche „Lebensspanne“ attestiert: Nach einer stürmischen Gründungsphase kommt eine ruhigere Konsolidierungsphase, die ihrerseits in ein langsames Siechtum übergeht.

Die Praxis vieler Genossenschaften, von denen einige immerhin schon weit über 100 Jahre existieren, hat jedoch gezeigt, dass im Gegensatz zu den Menschen die Genossenschaften mehrere „Lebensspannen“ kennen, jedenfalls dann, wenn sie sich in dem einst von Rosa Luxemburg so genannten Widerspruch zwischen sozialistischer Betriebswirtschaft und kapitalistischer Volkswirtschaft bzw. zwischen mitarbeiterfreundlichem Arbeitsklima und profitorientierten Geschäftsführung immer wieder ausbalanciert.

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Helden/Heldinnen (1)

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat,“ schrieb Bertolt Brecht. Jetzt ist das deutsche Land endlich unglücklich, mit so ziemlich allem – von der Stationierung amerikanischer Raketen und den eskalierenden Ukraine-Gaza-Yemen-Kriegen über die Fußball-EM und die vielen Starkregen bis zu den zu hohen Mieten und der rotgrünen Regierung mit ihrem Wärmepumpengesetz, verbunden mit dem Wechsel von billigem russischen Erdgas zu teurem amerikanischen Frackingscheiß.

Und da kommen uns auch schon – quasi wie bestellt – ein paar Eventkanonen mit einer fetten Ausstellung samt Katalog über „Helden“, d.h. mit einem ganzen Fächer voller Held*innen. Es ist selbstverständlich eine „kritische“ Ausstellung, diachronisch und synchronisch sowieso, zudem legt sie nahe, dass die Wahrheit des Heldentums heute vielfältig ist, eine Multitude geradezu: Helden für jeden und in jeder Lebenslage. Solch eine Vielfalt verdanken wir, als Habenichtse, der angloamerikanischen Globalisierung (während ihre neoliberalen Profiteure allerdings eher die Einfalt preisen).

Die einen aus dem Prekariat schwärmen nun für ihre Helden im „Dschungelcamp“, für den Fußballer Lionel Messi oder für den Hitlerattentäter Stauffenberg, die anderen für einen schwulen Formel-1-Fahrer, für Donald Trump oder für den ermordeten Martin Luther King, und wieder andere für Greta Thunberg Carola Rackete oder Taylor Swift. Für kurze Zeit auch für drei junge Männer von einer freiwilligen Feuerwehr in Sachsen, die mutig alle Brände löschten, aber dann als Brandstifter entlarvt wurden. Wir wollten als Helden dastehen, entschuldigten sie sich vor Gericht.

All diese Vorbilder und noch viele mehr werden von der Ausstellung auf dem ehemaligen französischen Flugplatz in Berlin-Gatow, der nun ein „Militärhistorisches Museum“ ist, ins Feld geführt. Drumherum befindet sich auf dem Freigelände die weltweit größte Sammlung von militärischen Großgeräten. Sie umfasst Flugabwehrsysteme (Flugabwehrkanonen und Flugabwehrraketen), Radargeräte, aber auch andere Erfassungssysteme und Zielhilfen, Transport-, Schlepp- und Wartungsfahrzeuge, Fernmeldesysteme und ortsfeste Anlagen.

Für die Ausstellung sind die Veranstalter tiefschürfend in die Geschichte des Heldischen eingestiegen: Angefangen mit dem mythischen Helden Herakles, der Griechenland einst löwenfrei machte, und dem biblischen Helden David, der den Riesen Goliath besiegte, wenn man dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ glauben darf.

Aber wer ist das, der nun diese ganzen Helden derart ins Spiel bringt? Das ist zum Einen der „Sonderforschungsbereich 948 der Universität Freiburg“, von dem ich immer dachte, dass da knallharte Militärforschung betrieben wird, aber nein: doch eher weiche. Denn mit Geld von der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ wurde in diesem „DFG-Projekt Nummer 181750155“ zwölf Jahre lang über „Helden. Heroisierungen. Heroismen“ geforscht, d.h. gegrübelt und Material gesammelt – bis entweder das Geld ausging oder man sich sagte: Nun ist genug. Vielleicht meinte aber auch das mitbeteiligte „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ in Potsdam (wo man statt in weißen Kitteln in olivfarbenen Uniformen forscht und der Leiter ein forscher Oberst ist, zusammen mit einem englischen Militärhistoriker): Jetzt müssen wir endlich mal Nägel mit Köpfen machen!

Eben eine Ausstellung. Der „Sprecher“ des Sonderforschungsbereichs, ein „klassischer Archäologe“, bekam einen neuen Job: als Sprecher des „Direktoriums des Freiburg Institute for Advanced Studies“. Und für die Gestaltung der Ausstellung gewann man (mit viel Geld?) die linke, aufklärerische „Künstlergruppe Rimini Protokoll“, wie Wikipedia das dreiköpfige Berliner „Autoren-Regie-Team“ nennt, das normalerweise eher die „Anti-Helden“ feiert/featured, denn „die Helden wurden inzwischen von Antihelden verdrängt, da diese wesentlich attraktiver zu sein scheinen. Dies liegt daran, dass sie verletzlich, unglücklich und größtenteils das Produkt einer gescheiterten Gesellschaft sind,“ wie es auf „gedankenwelt.de“ heißt und wie die Uni Kiel sie erforscht. Also eher Don Quichotte als Manfred von Richthofen.

Der sowjetische Schriftsteller Alexander Goldstein will diese Verdrängungsleistung allerdings nicht hinnehmen. In seinem Roman „Denk an Famagusta“ (2016) fragt er sich deswegen, ob „die Kultur“ nicht am Ende ist, „wenn fette Operettenballetteusen und sie beweihräuchernde Börsenspekulanten die Helden sind“? An anderer Stelle bedauert Goldstein: „Der Familienvater ist der heutige Held.“ Also wenn es um „Helden des Alltags“ geht – wird dann nicht das „Prinzip Held“ ausgehebelt? Der Polnische Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth meint in seiner erzählten Autobiographie „Nach vorn“ (2013), dass die ungeheuerlichen Naziverbrechen eine „Entindividualisierung des Helden“ bewirkt habe, verbunden mit einer „Entindividualisierung der Situation“. An anderer Stelle spricht er dafür von einem „Heroismus des Aufhörens“, dazu erwähnt er verschiedene Theaterkollegen, die, wenn es am Schönsten war, etwas anderes unternahmen.

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Helden/Heldinnen (2)

Es gab neben dem rechten Hamburger Verleger Axel Caesar Springer noch einen anderen Multimillionär, der eine Berghütte in den Alpen besaß. Aber während Springer ein eher trauriger Rechter war, der seltsame Partys in seinem Haus auf Sylt feierte und seinen Astrologen befragte, wann der günstigste Zeitpunkt für ein Geheimgespräch mit Nikita Cruschtschow wäre, dem er dann das Angebot machte, die DDR zu kaufen, war der Mailänder Multimillionär Giangiacomo Feltrinelli ein linksradikaler Verleger. Er veröffentlichte zwar das Buch „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak im Westen, was ihm von der CIA zugespielt wurde. Ansonsten verlegte er jedoch keine antisowjetischen sondern antikapitalistische Werke. Überhaupt ähnelte er eher dem Genfer Schriftsteller Daniel de Roulet, der „oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand steckte,“ wie Roulet schrieb (siehe Junge Welt v. 9.7.).

Feltrinellis Berghütte in den Kärtner Bergen war sein „geheimer Zufluchtsort, zwischen den Bäumen versteckt hielt der fortschrittliche Verleger all die alten schikanösen Herrenrechte aufrecht. Man bezahlte ein Wegegeld, um passieren zu dürfen und die Wachen mit Federhut nahmen Frauen, die Holz sammelten, fest und übergaben sie der Polizei. Es war ein Gärtner, der ihn später zur Revolution bekehrte,“ schreibt der Schriftsteller Nanni Balestrini in seinem Buch „Der Verleger“ (2020), in dem es um Feltrinellis Versuch geht, 1972 einen Strommast bei Mailand in die Luft zu sprengen, bei dem er umkam.

Balestrini und mit ihm einige „Experten“ legen nahe, dass an dem Sprengstoffattentat „mindestens drei, wenn nicht sogar vier Personen, darunter auch eine Frau“ beteiligt waren. „Es gibt Gerüchte über eine ausländische Freundin des Verlegers, die Schmiere gestanden haben soll“ (so wie auch die Freundin von Roulet bei seinem Brandanschlag Schmiere stand. )

Am Ende seines Buches über Feltrinellis Tod erwähnt Balestrini einen Koffer, in dem sich ein Tonband befand, das aus einem Versteck der „Roten Brigaden“ stammte, und „auf dem ein Mitkämpfer Feltrinellis mit dem Kampfnamen ‚Gunter‘ den Ablauf der Aktion erzählte.“

„Die Roten Brigaden hatten eine eigene Untersuchung des Todes von Feltrinelli durchgeführt. ‚Gunter‘ war ein Mitglied der GAP (der 1970 von Feltrinelli gegründeten ‚Gruppo d‘Azione Partigiana’), das parallel zu dem Anschlag auf den Strommast eine zweite Aktion gegen einen weiteren Strommast ausführen sollte, um Mailand in Dunkelheit zu hüllen und dort geplante Aktionen militanter Gruppen zu erleichtern Angeblich ist ‚Gunter‘ mit einem ehemaligen Partisan namens Ernesto Grassi, der 1977 verstorben ist, identisch“ (dieser ist nicht mit dem eher rechten Mailänder Philosophen Ernesto Grassi identisch, der 1991 hochgeehrt in München starb.)

Wikipedia hat sich für eine andere Erklärung des Todes von Feltrinelli entschieden: „Nach 2010 ans Licht gekommene Indizien bestärken Zweifel an der Unfalltheorie, so die Verletzungen an der Leiche Feltrinellis, die – einem damals unterdrückten Gutachten zufolge – auf einen ‚Angriff von hinten‘ und nicht auf eine selbstverschuldete, versehentlich zu früh ausgelöste Bombenexplosion hindeuten. Auch Staatsanwalt Guido Viola will heute eine Verwicklung von Geheimdiensten in den Tod Feltrinellis nicht mehr ausschließen. Zu Feltrinellis 50. Todestag, 2022, war zumindest klar, dass er sowohl vom italienischen Geheimdienst als auch von der CIA beobachtet worden war.“

Die Familie Feltrinelli war mit Immobilien reich geworden. Giangiacomo Feltrinelli besaß neben vielen anderen Immobilien auch eine „Jugendstilvilla am Gardasee mit einem Garten aus Tausendundeiner Nacht und einem Kilometer Privatstrand“, wo er seine „prunkvollen und verrückten Partys mit Hunderten von Gästen, intellektuelle Anarchisten, Extremisten, Abenteurer jeder Couleur, und vielen schönen Frauen…“ feierte. Wenn er nicht auf seiner Yacht war oder am Gardasee Hof hielt, dann war er auf Kuba – als großer Verehrer von Ernesto „Che“ Guevara und Freund von Fidel Castro, deren Bücher er verlegte.

Den Verlag hatte Giangiacomo Feltrinelli 1954 gegründet. Nach seinem Tod übernahm seine Frau Inge Feltrinelli (1930–2018) die Leitung des Verlags, der heute von ihrem Sohn Carlo Feltrinelli geführt wird. Der Verlag hat ab 1957 in die Bereiche Buchhandel (122 Läden bis heute) sowie in den Onlinehandel und in Fernsehen investiert. Zur „Gruppo Feltrinelli“ gehört das Verlagshaus mit einer von Giangiacomo Feltrinelli gegründeten Forschungs- und Kulturstiftung, die laut Balestrini eine einmalige Sammlung linker Schriften beinhaltet.

Daneben unterstützte er auch einige linksradikale italienische Gruppen finanziell und besorgte laut Wikipedia die Pistole, „mit der am 1. April 1971 in Hamburg der dortige bolivianischen Konsul Roberto Quintanilla möglicherweise von der Deutschen Monika Ertl erschossen wurde. Quintanilla war führend an der Polizeiaktion zur Aufspürung und Ermordung Che Guevaras beteiligt gewesen.“

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Helden und ihre Geliebten

Zwei Mal hatte ich mit Redakteuren zu tun, die immer wieder von ihren Freundinnen kritisiert wurden, wenn sie lasch und luschig wurden, also es ohne Not an radikalem Denken fehlen ließen. Sowohl die Redakteure als auch ich, wenn ich es denn mitbekam, begrüßten diese Kritik. Dabei ging es um männigliche Kopfarbeit (Textbearbeitungen). Es gibt aber auch Fälle, wo eine Frau ihren Freund aus Liebe zur Handarbeit (zur Tat) drängte.

Im Gegensatz zum slowakischen Widerstand gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, der in einen blutigen Partisanenkrieg gipfelte, war der tschechische Widerstand kurz: Er begann am 5. Mai 1945 und endete mit einem Waffenstillstand sowie mit dem Abzug der deutschen Wehrmacht aus Prag am 8. Mai 1945. Er dauerte also drei Tage, am nächsten Tag zog die Rote Armee in die befreite Stadt ein. Bei den Widerständlern kämpfte der Gymnasiast Josef Skvorecky. Seine Beteiligung geschah, weil er seiner Freundin imponieren wollte, wie er später in seinem Buch „Feiglinge“ (1986) berichtete. Es erschien zunächst in seinem Verlag „68 Publisher“, nachdem er mit seiner Frau ins Exil nach Kanada geflohen war, als die Rote Armee den „Prager Frühling“ 1968 mit Waffengewalt beendete.

In der amerikanischen und westdeutschen Studentenbewegung in den Sechziger- und Siebzigerjahren gab es ebenfalls etliche Linke, die militant wurden, um ihrer Freundin zu imponieren, vermute ich jedenfalls stark. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und der KPDSU sowie der KPD weiß man von einigen Genossen sogar, dass sie ihrer Freundin bzw. Ehefrau in den Untergrund bzw. den bewaffneten Kampf folgten, nachdem diese sie zum Mitmachen gedrängt hatten.

2006 erschien auf Deutsch ein Bericht des Genfer Informatikers und Schriftstellers Daniel de Roulet mit dem Titel „Ein Sonntag in den Bergen“. Dazu hieß es auf dem Umschlag: „An einem schönen Sonntag im Kalten Krieg habe ich oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand gesteckt. Wie und warum, das will ich hier erzählen.“ Weiter heißt es dort: „Zuvor aber möchte ich schildern, was mich dazu getrieben hat, diese Tat zu gestehen. Auslöser war nur eine Bemerkung, die mich im Innersten berührt hat: ‚Ich weiß nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mann engagiert habe‘.“

Die Bemerkung stammt vom Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003. Daniel de Roulets erfolgreicher Brandanschlag geschah 1975, die Tat war gemäß Schweizer Gesetz nach 10 Jahren verjährt. Seinen Bericht danach widmete der Autor seiner Jugendliebe, die 2005 an Krebs gestorben war. Er wurde 1944 geboren, sie vier Jahre später. Während ihrer Beziehung kritisierte sie ihn immer wieder: „Sie fand mich zu zögerlich, warf mir vor, ich hielte Sonntagsreden und trüge nichts dazu bei, unsere prachtvollen Schweizer Berge von den Mistkerlen zu säubern, die sich dort verkrochen.“

Mit der Zerstörung des Springerschen „Adlernestes“ oberhalb des noblen Gstaad, wo man im Winter nur mit dem Hubschrauber hinkam, wollte er ihr „beweisen, dass sie sich irrte“ – ihr zeigen, dass er „zur Abwechslung auch mal ein Held sein konnte“ – als „Sonntagsterrorist“, den sie einen „Textualtäter“ nannte. Sie beteiligte sich an der Tat. Als „Weihnachtsgeschenk“ für sie mietete er eine Nacht im Gstaader „Palace Hotel“ – unter falschem Namen, mit windfesten Perücken und einer gestohlenen Kreditkarte. Zuvor hatte er an der TH Zürich einen „Kurs über Dynamit“ mit praktischen Übungen und einem Zeugnis am Ende belegt. Die Brandstiftung führte er jedoch mit zwei Weihnachtskerzen und einer Tube Brennpaste im Living-Room des Chalets aus, während sie draußen „den Luftraum überwachte“.

Das Schlimmste war früh Morgens von Palace Hotel aus der Aufstieg zum Chalet. Sie brauchten dazu fünf Stunden in Eis und Schnee. „Lächelnd übernahm sie die Führung.“ Die Zerstörung des „Adlernests“ von Springer, dem vermeintlichen „Nazischwein“, nannte er „Operation Berchtesgaden“ – in Anspielung an Hitlers Alpen-Refugium. Für die Presse hatte er ein Bekennerschreiben verfaßt und in frankierten Umschlägen bereit gelegt. Der Anschlag hatte internationale Ermittlungen zur Folge, „auf unseren Kopf wurde ein Preis ausgesetzt“. Zunächst richtete sich der Verdacht natürlich (!) auf einen Russen und dann auf deutsche Terroristen. Jahre später besuchte Daniel de Roulet den Tatort noch einmal, ohne seine Freundin: Vom Springerschen Chalet keine Spur mehr, der Berg war wieder „rein und weiß“.

Es gab noch einen anderen Multimillionär, der eine ähnliche Berghütte – allerdings auf einem Kärtner Berg – besaß: den linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Die Hütte war sein „geheimer Zufluchtsort, zwischen den Bäumen versteckt hielt der fortschrittliche Verleger all die alten schikanösen Herrenrechte aufrecht. Man bezahlte ein Wegegeld, um passieren zu dürfen und die Wachen mit Federhut nahmen Frauen, die Holz sammelten, fest und übergaben sie der Polizei. Es war ein Gärtner, der ihn später zur Revolution bekehrte,“ schreibt der Neoavantgardist Nanni Balestrini in seinem Buch „Der Verleger“ (2020), in dem es um Feltrinellis Versuch ging, 1972 einen Strommast bei Mailand in die Luft zu sprengen, bei dem er umkam.

Balestrini und mit ihm einige „Experten“ legen nahe, dass an dem Sprengstoffattentat „mindestens drei, wenn nicht sogar vier Personen, darunter auch eine Frau“ beteiligt waren. „Es gibt Gerüchte über eine ausländische Freundin des Verlegers, die Schmiere gestanden haben soll“. Am Ende seines Buches über Feltrinellis Tod erwähnt Balestrini einen Koffer, in dem sich ein Tonband befindet, das aus einem Versteck der „Roten Brigaden“ stammt, und „auf dem ein Mitkämpfer Feltrinellis mit dem Kampfnamen ‚Gunter‘ den Ablauf der Aktion erzählt.

Die Roten Brigaden hatten eine eigene Untersuchung des Todes von Feltrinelli durchgeführt. ‚Gunter‘ war ein Mitglied der GAP (der 1970 von Feltrinelli gegründeten ‚Gruppo d‘Azione Partigiana’), das parallel zu dem Anschlag auf den Strommast von Segrate eine zweite Aktion gegen einen weiteren Strommast ausführen sollte, um Mailand in Dunkelheit zu hüllen und dort geplante Aktionen militanter Gruppen zu erleichtern Angeblich ist ‚Gunter‘ mit einem ehemaligen Partisan namens Ernesto Grassi, der 1977 verstorben ist, identisch.“ Dieser ist nicht mit dem Mailänder Philosophen Ernesto Grassi identisch, der 1991 in München starb.

Feltrinelli besaß neben vielen anderen Immobilien auch eine „Jugendstilvilla am Gardasee mit einem Garten aus Tausendundeiner Nacht und einem Kilometer Privatstrand“, wo er seine „prunkvollen und verrückten Partys mit Hunderten von Gästen, intellektuelle Anarchisten, Extremisten, Abenteurer jeder Couleur, und vielen schönen Frauen…“ feierte. Und wenn er nicht am Gardasee Hof hielt, dann war er auf Kuba, als großer Verehrer von Ernesto „Che“ Guevara und Freund von Fidel Castro, deren Bücher er verlegte.

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Politikerschellen und -schelte

Es gibt ein DDR-Satiremagazin „Eulenspiegel“ (obwohl es die DDR nicht mehr gibt) und ein BRD-Satiremagazin „Titanic“ (obwohl es auch die BRD nicht mehr gibt, weil sie sich über ganz Deutschland ausgedehnt hat).

Ein Humorvergleich – aus Platzgründen an einem Beispiel. In beiden Heften werden in ihren Juni-Ausgaben Angriffe auf Politiker und Wahlhelfer aus den Parteien thematisiert.

„Politikerdresche“ heißt der zweiseitige Text im „Eulenspiegel“, in dem die Angegriffenen „Backpfeifengesichter“ genannt werden. Über die Angreifer heißt es da, dass die einen ihren „Unmut über den Zustand der Welt“ verbalisieren (schimpfen), während andere eher zuschlagen: „Die Bevorzugung eines dieser beiden Talente erscheint willkürlich und ungerecht.“ Wenn es um die Teilhabe am politischen Geschehen geht, sollte Deutschland die Kritik, „die im Vollkontakt zum Volksvertreter ihren Ausdruck findet, nicht pauschal als unangemessen verurteilen.“

Allerdings gibt der Autor den „Prügelverächtern“ Recht: Die handfeste, gleichsam proletarische Kritik sollte den „richtigen Adressaten“ treffen. Zu oft greifen die „Schläger“ noch „weithin unbekannte Kommunalpolitiker an – arme Seelen mit Geltungsdrang und sogenanntem Gestaltungswillen, deren Handlungsspielraum meist gegen Null geht“. Darauf folgt eine lange Aufzählung von allen wichtigen Politikern – bekannt aus Funk und Fernsehen.

Der Autor unterscheidet beim „Kontakt“ also zwischen Kopf- und Handarbeitern. Da scheint noch die Old Klassenkampf-School durch, denn er fährt fort: „Wer beim Lesen all dieser Namen nicht ein einziges Mal innerlich die Faust geballt hat, werfe den ersten Stein.“

So weit die „Pro“-Handarbeiter-Seite, die 2. Seite soll dazu „Contra“ geben, ihr Autor hebt jedoch bloß auf die intellektuellen Mängel der Handarbeiter ab, die „zu selten den Wirtschaftsteil der Tageszeitung lesen und sich häufiger auf die eher schlicht gehaltenen Informationen aus Whatsapp-Nachrichten, Tiktok und Spiegel Online verlassen“. Als Demokrat sollte man aber „immer die Sichtweise jeder Seite betrachten“.

Das BRD-Satiremagazin „Titanic“ geht das Thema pragmatischer als die DDR-Satire an, indem sie einen „großen Politiker-Prügel-Planer“ veröffentlicht, ausgehend von dem Eindruck, dass mit den Angriffen die „Politikverdrossenheit“ wohl endgültig überwunden ist. Damit das auch so bleibt hat der Autor Ort und Zeit von 10 Parteitreffen recherchiert und gibt dazu jeweils Prügel-Tipps. Bis auf das Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW) und die FDP sind dies jedoch alles Parteien, die nach den Wahlen unter „Sonstige“ rangieren, also eher „Underdogs“, zudem „Single Issue“-Gruppen (Tierschützer z.B.), die wohl kaum Angriffe gewaltbereiter Wähler fürchten müssen.

Dazu sind die „Titanic“-Prügelvorschläge alle mehr dichterischer Natur. So schlägt sie z.B. bei der FDP vor: „Auf nach Eckernförde zum fröhlichen Liberalen-Wämmsen“ und beim BSW: „Es lechzt nach Knüppelsuppe mit Königsberger Kloppe – in Radolfzell“. Bei den acht „Sonstigen“ geraten dem Autor seine „affrond action“-Vorschläge vollends zu Lyrismen: Da wird einer Partei „Senge bis der Poppen glüht“ versprochen, für eine andere „saftige Schellen“ empfohlen, und eine dritte darf „frische Blessuren in Bitburg“ erwarten.

Beim Ost-West-Vergleich fällt auf, dass gerade die größeren Parteien und ihre Wortführer den Handarbeitern von den „Eulenspiegel“-Autoren nahegelegt werden, während die „Titanic“ CDU, AfD, SPD und Die Linke unberührt läßt, erst recht deren „Zugpferde“. Ihr „Prügel-Planer“ nimmt vor allem die Kleinen, nahezu Selbstlos-Aktiven ins Visier. Bei ihr im Westen (Frankfurt/M) hat man sich also wohl vom Klassenkampf abgewendet, mehr noch: Seit die Frankfurter Lederjacken-Fraktion von Joschka Fischer in die große Politik aufrückte, und er den Ritterschlag in Harvard bekam, wird auf die weiterhin auf Straßenpolitik beschränkten Prekären eingedroschen, wobei die „Schläger“ einen Sinn für lyrisches Haudrauf mitbringen sollen. Der „Eulenspiegel“ gefällt sich dagegen in parteiischem Abwägen eines angemessenen Zorns beim Wahlvolk in einer „gelebten Demokratie“.

Was ist für diese beiden „Printmedien“ erfolgreicher? Während die „Titanic“ laut FAZ „vor der Pleite steht“, gehören zur „Eulenspiegel Verlagsgruppe“ schon acht Buchverlage. Auch die Personalpolitik ist aufschlußreich: Während die „Titanic“ sich vom berühmt-berüchtigten DDR-Publizisten Karl-Eduard von Schnitzler („Sudel-Ede“) schnell wieder verabschiedete, stellte der „Eulenspiegel“ den proletarischen Westberliner Kaufhauserpresser Arno Funke bis heute als seinen wichtigsten Karikaturisten an. Als der noch im Freigänger-Knast saß, bekam er schon einen Arbeitsplatz in der Redaktion und dazu ein Fahrrad, das ihm allerdings bereits am 1.Tag im Gefängnis (!) geklaut wurde.

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Jammerossis

„Zum ersten Mal fiel mir auf, dass es in der Leipziger Innenstadt keine öffentlichen Plätze mehr gab. Dass all die Orte, an denen man sich einst versammeln konnte, verschwunden waren…Der Osten ist überschrieben worden, schreibt Jana Hensel in „Achtung Zone“ (2009). Ähnliches geschah auch in Berlin mit dem Alexanderplatz.

2004 wurde im Osten gegen die Einführung von Hartz IV demonstriert. Diese Montags-Demonstrationen waren laut Hensel „ein jämmerliches Bild, das sich bot. Es war kein Platz mehr für sie da.“ Immerhin kamen in Leipzig noch 10.000 Demonstranten zusammen (in Hamburg waren es 30). Der Spiegel schrieb über die demonstrierenden Ostler: „Sie klagen, sie jammern. Viele hängen der Bequemlichkeit der DDR nach und haben sich an das Prinzip der Eigeninitiative nicht gewöhnt.“ Für die Schnullijournalisten der Westpresse waren die einzigen positiven Momente in der Geschichte der DDR zwei Aufstände gegen die SED-Diktatur: die der Bauarbeiter 1953 (mit Westunterstützung) und des Wir-Volkes 1989, der schon 1990 von der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (AfD) nachhaltig beeinflußt wurde.

Für Jana Hensel sind die Straßenproteste nach 1989 (wo es 220 gab) bis heute viel wichtiger: 1990 wurden sie zunächst weniger, aber 1991 waren es bereits 291, 1992 waren es 268 und 1993 noch mehr, nämlich 283. Die Studie, auf die sich die Autorin beruft, endet in jenem Jahr, das auch durch eine zunehmende Härte in der Auseinandersetzung mit der Unverschämtheit der BRD charakterisiert war. In Bischofferode und u.a. in der Berliner Batteriefabrik Belfa fanden Hungerstreiks statt, bei Demonstrationen gegen die Treuhand-Politik wurden Spitzel und Provokateure vom Westen eingesetzt.

Es war eine reine „Spiegelfechterei“ meinte die Narva-Justitiarin über den langen erfolglosen „Kampf“ des Berliner Glühlampenwerks gegen dessen Abwicklung durch die Treuhand. Ähnlich gingen auch die meisten anderen Widerstandsaktivitäten der anderen Ostbelegschaften aus. Die am Streik der Kalibergarbeiter in Bischofferode beteiligte Pastorin Christine Haas meinte anschließend über ihre resignierten Mitkämpfer: „Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar. Nach der Niederlage passierte fast nur noch rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen.“ Neben dem Eingang zum Kaliwerk stand noch 1996 die Büste Thomas Müntzers mit dem eingemeißelten Spruch „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Mann”. Dies sei leider zu wörtlich genommen worden, erklärte mir der letzte Betriebsratsvorsitzende Walter Ertmer: “Die allergemeinsten haben jetzt die Macht!”

Zwischen 1991 und 1993 gab es die „Ostdeutsche Betriebsräteinitiative in die so ziemlich alle zu dem Zeitpunkt noch halbwegs existierenden, aber von gänzlicher Abwicklung bedrohten DDR-Großbetriebe ihre Betriebsräte entsandten. Die Initiative war branchenübergreifend und wurde deswegen von den Branchengewerkschaften IG Metall und IG Chemie bekämpft, gleichzeitig jedoch vom DGB materiell unterstützt: Eine typische infantilisierende „Double-Bind“-Strategie der Westgewerkschaftsorganisationen.

Aus dem „rückwärtsgewandten Zeug“ mendelten sich an vielen Orten im Osten dann die „Pegida-Montagsdemonstrationen“ heraus (20.000 Teilnehmer allein in Dresden), und diese Bewegung ging dann in der „Alternative für Deutschland“ (AfD) auf, deren Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit sich mit ähnlichen Rechtsentwicklungen in vielen anderen, nicht nur europäischen Ländern verbindet. Didier Eribon hat in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ (2016) nachgezeichnet, wie aus den Linken Rechte wurden. Bei der Bundestagswahl 2017 verlor die Linke laut Hensel 400.000 Wähler bundesweit an die AfD.

2018 veröffentlichte sie zusammen mit Wolfgang Engler eine Diskussion über die bisherigen Erfahrungen von Ostdeutschen: „Wer wir sind“. Engler meint darin, „dass diese Bundestagswahl vielleicht das Ende der Nachwendezeit markiert – so wie das Jahr 1968 das Ende der Nackriegszeit markiert“ (die 68er-Bewegung hatte damals ebenfalls viele Länder erfaßt). Der Erfolg der AfD stellt für Engler, „erst einmal gänzlich wertfrei gesagt, die bisher größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar“. Eine „Emanzipation“ vom Denken der verfluchten „Besserwessis“. Bei der Europawahl 2024 war das Ergebnis noch einschneidender: Die Linke kam auf 2,7% der abgegebenen Stimmen, die AfD dagegen auf 15,9%.

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„Deutsche Dunkelheit“

1943 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Ist Deutschland unheilbar?“, zuvor hatte der Autor, ein Psychiater namens Richard M. Brickner, bereits einen Aufsatz über die deutsche „Paranoia“ veröffentlicht (die später auch als „German Angst“ bezeichnet wurde). Deutschland war für Brickner „ein Kind, das sein Gefühl des Versagens, das mittelalterliche ‚Reich‘ durch Reform oder Revolution in die Gegenwart zu transformieren und damit zu eigener Identität zu kommen und Staat zu werden, durch Aggressivität gegen sich und andere zu kompensieren versuchte,“ schreibt der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck in seinem Buch „Seek“, das der Entstehung und Ausweitung der militärischen Elektronik in das zivile und künstlerische Leben der USA bis zur „Pax Americana“ nachgeht.

In seiner Ferndiagnose für Deutschland stellte Brickner den „friedlichen und auf Kooperation bedachten Balinesen“ (die 1935 von der mit Brickner zusammenarbeitenden Anthropologin Margaret Mead studiert worden waren), ferner den „Indianern und anderen ‚Naturvölkern‘ den preußischen Junker gegenüber: das Schreckgespenst einer Kaste, die mit ihrer Aggressivität, Arroganz und Militanz die deutsche Kultur dominierte und von klein auf erzogen und trainiert wurde, Krieg zu führen.“

Schon seit langem hatte man das von den Junkern beherrschte Ostelbien mit der Plantagensklaven-Ökonomie der Südstaaten verglichen. Und bis heute hat sich der Süden der USA nach dem Sieg des Nordens und seiner „Reconstruction“ nicht wieder ökonomisch erholt.

Ähnlich in Ostelbien: Nach Auflösung der DDR wurde ihr deindustrialiertes Territorium mit einem gigantischen „Umschulungsprogramm“ überzogen: „Sie müssen lernen, sich besser zu verkaufen,“ hieß das Erziehungsziel in ihrem zu einem „Marktstaat“ umgebauten Sozialismus. Gleichzeitig erhielten die Junker bzw. ihre Erben preisgünstig ihre Ländereien und Gebäude im Osten zurück, einschließlich vieler volkseigener Wälder.

1944 diskutierte eine Konferenz in New York die Bricknersche „These von einer kollektiven Paranoia der Deutschen“, dabei wurde ein großes Programm zu ihrer Umerziehung („Reeducation“) entworfen. Die meisten Teilnehmer (Psychiater, Psychoanalytiker, Soziologen und Pädagogen) „waren dem psychoanalytischen Konzept Freuds verpflichtet, vor allem seiner im englischsprachigen Raum dominierenden Definition von Paranoia,“ schreibt Lutz Dammbeck, der an anderer Stelle seines „Seek“-Buches nachweist, dass Freuds Paranoia-Definition „schlicht falsch“ war. Obwohl die Brickner-Konferenz „mit einem in der Sache falschen Begriff arbeitete, den sie den Reeducation-Rezepten zugrunde legte, hatten die Konzepte der USA für eine Reeducation der Deutschen nach 1945 langfristig gesehen einen scheinbar großen Erfolg“. Scheinbar.

„Der Geist des Rationalismus“ sollte nach dem Sieg der Alliierten „die deutsche ‚Dunkelheit‘ ersetzen, der Geist des Kalküls die deutsche ‚Unberechenbarkeit‘, der Geist der Toleranz den deutschen ‚Radikalismus‘, der Geist des Liberalismus die deutsche ‚Despotie‘ und der Geist einer humanitären Brüderlichkeit den deutschen ‚Rassenwahn‘.“ Dabei wollte man die Demütigung der Deutschen, wie nach dem Ersten Weltkrieg geschehen, vermeiden. Nach ihrer „Genesung“ sollten sie „Partner Amerikas in einer neuen Weltordnung“ sein, dazu musste das Land ein „Marktstaat“ werden. „Die Eigenkräfte der Wirtschaft und deren normative Kraft des Faktischen würden dann zum Anschluss Deutschlands an das westliche System einer liberalen Marktwirtschaft und eines unteilbaren freien Weltmarktes führen.“

Heraus kam dabei jedoch, dass die Westdeutschen servile Nachäffer der Amis wurden und ihre Paranoia sich im Kollektiv erneut bei „Corona“ und „Putin“ zeigte und zeigt. Schon in den Siebzigerjahren, hatte der nach Amerika ausgewichene und 1955 zurückgekehrte deutsch-jüdische Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann dafür plädiert, Westdeutschland auf einer 870-Kilometer-Couch zu therapieren. Ich habe vorweg gegriffen.

Um für das nicht billige Projekt der Umerziehung aller Deutschen zu werben, kam Ende 1944 ein Film in die amerikanischen Kinos: „Morgen, die ganze Welt!“ Darin reist ein Hitlerjunge als Waisenkind in die USA, wo er gegen Juden, Frauen und Schulkinder von Einwanderern agiert. An ihm wird mit Hilfe einer Mischung aus Psychoanalyse und Reflextheorie/Behaviorismus „das Experiment der deutschen Umerziehung erprobt“. Er bekommt auch Prügel – von einem polnisch-stämmigen Klassenkamerad. Aber am Ende erhält er „durch den Akt eines ‚Reinforcement‘ [einer Verstärkung] die Uhr, die er sich zu Beginn des Films so sehnlich gewünscht hat. Danach bricht er zusammen. Er weint. Nun kann er neu aufgebaut werden. Der deutsche Hitlerjunge wird in die amerikanische Familie aufgenommen und amerikanisiert. Schaut her, so werden wir das machen. ‚Auch ihr könnt so wie wir sein!‘“ Ihr Deutsche!

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„Gesellschaft“

Marx hielt die russische Dorfgemeinschaft (Obschtschina) 1881 noch für sozialismustauglich, wenn die Bauern sich mit der Arbeiterklasse verbündete. Er erwähnte dazu das auf Blutsverwandtschaft basierende germanische Gemeinwesen, das sich zur „ersten gesellschaftlichen Gruppierung freier Menschen“ umwandelte -    hin zu einer Wahlverwandtschaft , die nicht mehr „durch Blutsbande eingeengt war“. Diese freien germanischen Dorfgemeinden gingen jedoch im Gegensatz zu den unfreien russischen unter.

100 Jahre nach Marx ist jedoch nicht nur mit der bolschewistischen Revolution und der darauffolgenden Kollektivierung der Landwirtschaft – als Basis der nachgeholten Industrialisierung – auch die russische Dorfgemeinschaft so gut wie untergegangen. Im Westen ist inzwischen sogar das Dorf selber verschwunden, wie der holländische Autor Geert Mat 1996 am Beispiel des friesischen Ortes  Jorwerd zeigte; seine Studie trägt den Titel „Der Untergang des Dorfes in Europa“.

Nach Auflösung der von Marx beschriebenen „Gesellschaftlichkeit der Arbeit“ setzte sich mit der Verwandlung von Kaufmannskapital in Industriekapital, d.h. mit der Scheidung von Produzent und Produktionsmittel, langsam eine „Wiedervergesellschaftung der Arbeit“ durch, jedoch nur in ihrer abstrakten Form. Denn die Warenproduktion läßt nur eine solche zu. In ihrem „gesamten Umkreis herrscht Abstraktheit“, erklärte uns dazu der Marxist Alfred Sohn-Rethel. „In erster Linie ist der Tauschwert selbst abstrakter Wert im Gegensatz zum Gebrauchswert der Waren. Der Tauschwert ist einzig quantitativer Differenzierung fähig, und die Quantifizierung, die hier vorliegt, ist wiederum abstrakter Natur im Vergleich zur Mengenbestimmung von Gebrauchswerten. Selbst die Arbeit…wird als Bestimmungsgrund der Wertgröße und Wertsubstanz zu ‚abstrakt menschlicher Arbeit‘, menschlicher Arbeit als solcher nur überhaupt. Die Form, in der der Warenwert sinnfällig in Erscheinung tritt, nämlich das Geld,…ist abstraktes Ding und in dieser Eigenschaft genaugenommen ein Widerspruch in sich. Im Geld wird auch der Reichtum zum abstrakten Reichtum, dem keine Grenzen mehr gesetzt sind.“

Bereits die Griechen befürchteten diese Grenzenlosigkeit des Geldes. „Als Besitzer solchen Reichtums wird der Mensch selbst zum abstrakten Menschen, seine Individualität zum abstrakten Wesen des Privateigentümers. Schließlich ist eine Gesellschaft, in der der Warenverkehr den nexus rerum bildet, ein rein abstrakter Zusammenhang, bei dem alles Konkrete sich in privaten Händen befindet.“ Bzw. die nicht eher ruht, bis alles privatisiert ist. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an die weltweite Privatisierung von Wasserwerken und in den Dürrezonen von Brunnen durch IWF, Weltbank und WTO sowie auch an deren Erleichterungen bei der Patentierbarkeit ganzer Organismen und Zelllinien durch Konzerne.

Für den Marxisten Robert Kurz bedeuten solche „Staatsakte“ eine Art Schlußverkauf – d.h. den Anfang vom Ende, jedenfalls der    Nationalökonomien, die mit den nun transnational operierenden    Betriebsökonomien obsolet geworden sind und selbst nur noch betriebswirtschaftlich agieren können – einmal, indem sie gegeneinander und bis runter zu den letzten Großgemeinden „Standortmarketing“ betreiben, gleichzeitig ihre ganze Infrastruktur verscherbeln („wenn dabei jedoch die Konkurrenz eingeführt wird, dann ist es keine Infrastruktur mehr“) und zum anderen, indem sie sich bald nur noch auf Sicherheitsaufgaben beschränken. Denn die Zonen der Verwilderung und Barbarei herrschen längst nicht mehr nur an der Peripherie, sondern ziehen sich durch die kapitalistischen Metropolen selbst.

Es ist aber kein vermeintlich „freies Land“, wie während der Ersten Industriellen Revolution in Amerika, Australien und  Teilen Russlands mehr vorhanden – zum Ansiedeln von „Überflüssigen“, wie Zygmunt Baumann sie nennt. Und während es der Zweiten Industriellen Revolution noch gelang, die vom Land verdrängten Menschenmassen z.T. für das Fabriksystem zu mobilisieren, wobei sie dann mit dem Fordismus auch noch als Konsumenten in Erscheinung traten, geschieht nun mit der Dritten Industriellen Revolution das Gegenteil: das Kapital demobilisiert sie, während gleichzeitig die Ende des 19.Jahrhunderts für sie geschaffenen  „sozialen Netze“  demontiert werden: Die Gesundheitssysteme werden ebenso privatisiert wie die Bildungseinrichtungen.

Einige Soziologen meinen bereits, dass es keine Gesellschaft mehr gibt, sie schlagen deswegen vor, auch auf den Begriff zu verzichten, da er analytisch irreführend geworden sei. Das erinnert an Margaret Thatcher, die zusammen mit Ronald Reagan den globalisierten Neoliberalismus beförderte – mit dem Satz „Ich kenne keine Gesellschaft, nur Individuen“.

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Battlefield Engagement

„It’s the economy, stupid!“. Mit diesem Wahlkampf-Slogan gewann Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen. Er gewann zwar, aber wie er richtig gesagt hatte, die Wirtschaftspolitik wird von der Wirtschaft, d.h. vom Kapital bestimmt. 2002 übersetzte mir jemand ein Interview, das die damalige US-Botschafterin in der Mongolei einer mongolischen Zeitung gegeben hatte. Darin legte sie der mongolischen Regierung eine entschiedenere Deregulierung nahe. Auf die Frage, welche Partei sie dies denn am ehesten zutrauen würde, sagte sie: „Es ist egal, welche Partei die Regierung hier stellt, sie hat sowieso keinen Spielraum.”

2007 wurde der maßgebliche Deregulierer der USA, der Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan gebeten, eine Empfehlung für die bevorstehende Präsidentenwahl zu geben. Er meinte: „Wir haben das Glück, dass die politischen Beschlüsse in den USA dank der Globalisierung größtenteils durch die weltweite Marktwirtschaft ersetzt werden. Mit Ausnahme des Themas der nationalen Sicherheit spielt es kaum eine Rolle, wer der nächste Präsident wird.“

Und selbst die „nationale Sicherheit „ wird nicht unwesentlich von den Waffenherstellern zum „Thema“ gemacht. Notfalls über solche Transmissionsriemen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie sitzt u.a. im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik und im Förderkreis Deutsches Heer, wo auch die Wehrindustrie mitredet. „Beides sind von der Rüstungsindustrie stark beeinflusste Organisationen,“ schreibt „Lobbycontrol“. Als FDP-Politikerin ist sie Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der NATO, ferner Vorsitzende im Verteidigungsausschuss des Bundestages und fungiert im Parlament als scharfe Kritikerin des Zögerns der Bundesregierung beim Waffengang der NATO-Staaten in die Ukraine, um Russland zurück zu schlagen. Ihr Wahlkreis ist der „Rheinmetall“-Standort Düsseldorf. Der Westdeutschen Zeitung sagte sie: „Wir waren immer der Auffassung, dass wir unter keinen Umständen zulassen dürfen, dass Russland mit seinem Angriff Erfolg hat. Wenn das einträfe, dann werden weitere Angriffe in Europa folgen. Die Nachbarn Russlands sind stark gefährdet. Und irgendwann kratzt die russische Kriegsmaschinerie auch an unserm Nato-Territorium. Zurecht würden uns die Bürger vorwerfen, nicht weitsichtig genug reagiert zu haben, als noch Zeit dazu war.“

Auch der bayrische CSU-Ministerpräsident Markus Söder legt sich für „seine“ Waffenindustrie ins Zeug: „Die TAURUS-Marschflugkörper müssen zum Einsatz kommen,“ meinte er in der „Tagesschau“. Die Herstellerfirma „TAURUS Systems“ befindet sich nämlich in Bayern und sucht derzeit wegen der zu erwartenden großen Nachfrage schon mal 170 weitere Mitarbeiter für ihr „Battlefield-Engagement“, wie die Firma ihr Massenmordwaffengeschäft nennt.

Als hohe deutsche Luftwaffenoffiziere kürzlich zusammen kamen, um die Möglichkeit zu besprechen, wie die Bundeswehr die Ukraine mit TAURUS-Marschflugkörpern beliefern und „praktische Hilfe für die ukrainischen Streitkräfte gegen Ziele in Russland“ leisten könne, wurde ihr Gespräch von russischer Seite abgehört und der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, daraufhin im russischen Außenministerium aufgefordert, eine „Erklärung“ dazu abzugeben. Auch dieser FDP-Mann ist dafür, die Ukraine mit Waffen aus dem Westen derart aufzurüsten, dass sie Russland Paroli bieten kann – und wenn die ganze Welt dabei in Scherben fällt. Über die zaghafte Friedensbewegung hierzulande äußerte er 2023: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch“.

Aus allen Rohren wird uns nahegelegt: Es diesmal dem Iwan aber wirklich zu zeigen. Auch die Kinder werden indoktriniert: Am 27. Februar sendete z.B. die ZDF-Kindernachrichtensendung Logo ein kleines Video, in dem TAURUS-Marschflugkörper und andere Waffen als Personen, die sprechen können, für Waffenlieferungen in die Ukraine plädierten. Ebenfalls im ZDF äußerte sich die stellvertretende Leiterin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien, Florence Gaub, über die Gegner: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, dass sie einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben.“

Das sahen die NATO-Strategen und -Analysten 2001 noch anders: Damals erklärte uns ein Major des Verteidigungsministeriums die neue NATO-Verteidigungsdoktrin: „Sie ist nicht mehr nach Russland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen dieselbe Einstellung zum Krieg wie wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Raketen in Ungarn und Polen so gut wie gesichert, es geht nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Verteidigungslinie jetzt auch“ – rasch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“.

Aber jetzt geht es wieder andersherum: So wie es einst der Oberst Graf Stauffenberg gehofft und geplant hatte: Noch einmal, diesmal mit den westlichen Alliierten zusammen, gegen die Russen.

Die von den Amis gehirngewaschene neue Außenministerin Baerbock sagte es so: „Wir müssen der Ukraine helfen, auch wenn wir einen Atomkrieg riskieren“. Der ehemalige Leiter der Heinrich Böll Stiftung, nunmehr Geschäftsführer des finsteren European Resilience Initiative Center, Sergej Sumlenny findet: „Der sicherste Weg zu einem nachhaltigen Frieden ist es, das nukleare Russland zu zerstören. Einige Atombomben könnten dabei explodieren, aber sie werden ohnehin explodieren.“

Die Liste der Kriegslüsternen, die so reden, wächst täglich. Vor allem angloamerikanische Kapitalfraktionen scheinen die Eskalation zu forcieren. Wohl weil einige kalkulieren: „Wir überleben das“. Wenn ein paar Milliarden Menschen oder wie viele auch immer dabei draufgehen, dem Planeten tut das nur gut. Das ist auch eine Art von Öko-Politik. Sie bereiten sich auf einen Atomkrieg vor und erwerben gleichzeitig bombensichere Villen auf Neuseeland. Eine andere Kapital-Fraktion, nennen wir sie die Silicon-Valley-Highflyer, will anscheinend auf den Mars ausweichen.

Neben immer mehr Hightechwaffen schicken die NATO-Staaten auch immer mehr Bodentruppen an die russische Grenze, getarnt als Sicherheitspersonal für die Botschaften: Im Februar 2023 waren bereits 97 Spezialtruppen aus den Nato-Ländern in der Ukraine stationiert, davon 14 aus den USA. Für diese wurde am 13.Juli 2023 verfügt, dass „das Landgebiet und der Luftraum über der Ukraine mit Wirkung vom 24. April 2022 als Gebiet für unmittelbare Gefahrenzulage“ ausgewiesen sei. Die Zulage besteht aus 225 Dollar pro Monat, zusätzlich kommen weitere 100 Dollar Erschwerniszulage pro Aufenthaltsmonat in der Ukraine hinzu.“

Einem Bericht der „New York Times“ zufolge soll die US-Regierung mit einem russischen Einsatz von Atomwaffen im Herbst 2022 gerechnet haben. Auch Olaf Scholz wusste von der Bedrohung. Die Amerikaner hatten ihn anscheinend informiert.

Egal. Seit der Antike gilt, dass sich mit dem Tod bessere Geschäfte als mit dem Leben machen lassen. „Nichts steigert Nachfragen und Umsätze schneller als Kriege, und nirgends werden mehr Gewinne gemacht als beim Wiederaufbau,“ schreibt der Regisseur Holger Teschke.

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Paradiesvertreibung

Aus dem Paradies vertrieben mußten die ersten beiden Menschen sich draußen schweißnaß durchkämpfen. Noch lange danach wurde die von Europäern „unberührte Wildnis“ als gefährlich wahrgenommen. Das hat sich jedoch am Ende der Aufklärung im 18. Jahrhundert verändert. Der Umwelthistoriker William Cronon thematisiert dies in seinem Buch „Uncommon Ground: Rethinking the Human Place in Nature“ (1995). Die „Wildnis“ wurde positiv besetzt, zunächst von der Romantik und dann von den zahlreich sich artikulierenden Naturschützern. Die ersten Tierschutzgesetze gab es in England bereits 1822 und zwei Engländerinnen gründeten 1898 den ersten Vogelschutzbund „The Royal Society for the Protection of Birds“.

Im Gegensatz etwa zu Novalis, der als Dichter und Ingenieur Ende des 18. Jahrhunderts noch Romantik und Bergbau verbinden konnte, betrachteten 100 Jahre später die aktivistischen Naturfreunde während der stürmischen Industrialisierung und Kolonialisierung das weltweite und emsige Wirken der Weißen vor allen anderen als naturzerstörerisch. Von den Indigenen nahmen sie zunächst noch an, dass diese „in Harmonie mit der Natur“ leben würden. Und sei es nur, weil deren bescheidene Kräfte (Jagdwaffen, Rodungen, Landwirtschaft) die „Wildnis“ nicht völlig denaturieren konnten.

Im Maße die Indigenen jedoch von den Weißen „berührt“ und in den kapitalistischen Warenverkehr einbezogen wurden, was zugleich bedeutete, dass ihre „Kräfte“ wuchsen (Gewehre, Kleidung, Fernsehen, Pick-up-Trucks, Motorboote, Smartphones etc.), wurden sie aus den „wilden“ Landschaften vertrieben – von all jenen, die diese „mit Mühe zu bewahren versuchen“, wie die Philosophin Deborah Danowski und der Anthropologe Eduardo Viveiros de Castro das in ihrem Buch zur Klimakatastrophe: „In welcher Welt leben?“ (2023) über die Naturschützer schreiben. Die beiden brasilianischen Autoren erinnern darin an den „Indio in Jeans, der ‚nicht mehr Indio‘ sei und daher nicht mehr der Erde [und der Wälder] bedürfe, sondern der ‚Staatshilfe‘, wie die Großgrundbesitzer meinen – mit der stets enthusiastischen Unterstützung jener ‚engagierten‘ Medien, die gleichzeitig interessengeleitete Partner und servile Klienten des Kapitals sind“.

Die Vertreibung der Indigenen aus ihren Stammesgebieten, Reservaten und unzugänglichen Wäldern „spielt Machthabern in die Hände, die nichts mit denen der Präservationisten [Naturschützer] zu tun haben“. Für diese basierte die „Wildnis“ dann auf einer „grundlegenden Opposition zwischen ‚Leben‘ (dem unerschöpflichen Überfluß von Formen und einem subtilen Gleichgewicht der Kräfte) und ‚Menschheit‘ (als ‚antinaturale‘ Spezies per se oder lediglich in ihrer modern-industriellen Form), die als das Leben beschmutzend und es qualitativ wie quantitativ vermindernd gedacht wird“.

In letzter Zeit mehren sich jedoch die Verteidiger der vertriebenen oder von Vertreibung bedrohten Indigenen, was man u.a. an der Arbeit von Organisationen wie „Survival International“, das „Oakland Institut“ und der Zahl der Bücher zum Problem feststellen kann. „Die Naturschutzgebiete bedecken heute etwa ein Achtel der Landflächen des Planeten: rund 19 Millionen Quadratkilometer. Vor allem in den so genannten Entwicklungsländern schossen Nationalparks und Tierreservate in den vergangenen drei Jahrzehnten wie Pilze aus dem Boden – ihre Zahl verfünffachte sich dort“, berichtete das Wissenschaftsportal „spektrum.de“ 2008, das Beispiele erwähnt, wo sich Geschäftsleute an den Rändern von Naturschutzgebieten ansiedelten, um am Öko-Tourismus zu verdienen, während die dort lebenden Indigenen in die Slums der Städte abwanderten. Was einst die Verfasser der brasilianischen Staatsdoktrin zur Eingeborenenpolitik pathetisch veröffentlichten, klingt heute bloß noch zynisch: „Unsere Indianer sind Menschen wie wir alle. Aber das Leben in der Wildnis, das sie in den Wäldern führen, setzt sie Elend und Leid aus. Es ist unsere Pflicht, ihnen dabei zu helfen, sich aus ihrer Zwangslage zu befreien. Sie haben ein Recht darauf, sich in den Stand der Würde eines brasilianischen Staatsbürgers zu erheben, um ganz am Fortkommen der einheimischen Gesellschaft teilzunehmen, und um in deren Annehmlichkeiten zu kommen.“

2013 bezeichnete die brasilianische Kabinettschefin Gleisi Hoffmann die Verteidiger der verfassungsmäßigen Rechte der Indios an ihrem Land als „Minderheiten mit irrealen ideologischen Projekten“.

Genauso reden auch die indischen Politiker über „ihre“ Indigenen, die sie oft „Maoisten“ und mit Militär jagen. Bedeutend sensibler geht man auf dem Subkontinent mit den Wildtieren um. Auf „downtoearth.org.in“ heißt es z.B.: „Wir haben einigen Grund zum Stolz, denn Indien ist das einzige Land weltweit, in dem die Menschen und ihr Vieh in nächster Nähe von Raubtieren leben“. So haben z.B. um Bombay (Mumbai) herum inzwischen rund 40 Leoparden ihren Lebensraum. Nachts streifen sie durch die Stadt und jagen Strassenhunde, die sie fressen – etwa 1500 im Jahr.

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Naturschutz-Miseren

Statt der europäischen und amerikanischen Trophäenjäger suchen jetzt vermehrt die noch reicheren arabischen Jäger die Nationalparks heim. Darüberhinaus fließt immer mehr Geld „aus Anti-Terror-Budgets, u.a. von den Amerikanern, in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes“, meint der kenianische Autor Mordecai Ogada , der 2016 eine Kritik des Naturschutzes in Kenia mitveröffentlichte: „Die große Naturschutz-Lüge“, 2020 interviewte ihn die Zeitschrift „Geo“ zu seiner These „Naturschutz ist der neue Kolonialismus“.

„Als die etwa 70.000 Massai sich im Sommer 2022 weigerten, ein 1500 Quadratkilometer großes Gebiet im Bezirk Loliondo (östlich des Serengeti- und nördlich des Ngorongoro-Nationalparks) zu verlassen, schoss die tansanische Polizei mit scharfer Munition und tötete einen Angehörigen der Volksgruppe, deren stolze Hirten in keinem Werbeprospekt der Serengeti fehlen,“ schrieb „Le Monde dplomatique“. Die Verwaltung der tansanischen Region Arusha hatte das Gebiet in Loliondo einem Jagdunternehmen der Vereinigten Arabischen Emirate zur Nutzung überlassen: als Großwildjagdgebiet für Ölscheichs, deren Geld die Regierung in der tansanischen Hauptstadt Dodoma überzeugt hatte. Schon seit 1992 veranstaltet dieses Jagdunternehmen Großwildjagden in Tansania, u.a. mit Treibjagden vom Hubschrauber aus und dem Anlocken mit Salzlecksteinen. Nun sollen in Loliondo auch noch fünf Luxushotels entstehen. „Ein unbegreiflicher Vorgang, meint der Geschäftsführer der African Wildlife Foundation, Kaddu Sebunya: Wir müssen die Art und Weise, wie Naturschutz auf unserem Kontinent betrieben wird, von Grund auf verändern“.

Ogada erwiderte auf die Frage von „Geo“: Wer lügt? „Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, an dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung – geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben. 2018 haben weiße Tourismus-Investoren die Regierung um eine Genehmigung gebeten, für teure Restaurants Tiere schießen zu dürfen. Und eine Arbeitsgruppe des Ministers ist bizarrerweise zu dem Schluss gekommen, dass man das erlauben sollte. Bisher ist das nicht umgesetzt worden. Aber es ist doch verrückt, dass jemand es für politisch tragfähig hält, den Touristen Impala-Steaks zu servieren, während ein schwarzer Dorfbewohner erschossen wird, wenn er bloß den Nationalpark betritt. Wilderer werden in Kenia immer wieder erschossen, aber manchmal trifft es auch jemanden, der einfach nur durch ein Schutzgebiet läuft.“

Die chinesischen Interventionen in Afrika tangieren die Nationalparks bisher nur am Rande – buchstäblich, denn sie errichten höchstens Industrieobjekte und Bergwerke zu nahe an den Tierreservaten oder sie planen eine Eisenbahntrasse zwischen Mombasa Port und der Hauptstadt Nairobi sowie in Richtung der Nachbarländer durch den Nairobi Nationalpark. Die Umweltschützer sehen dadurch die dortige Tier- und Pflanzenwelt bedroht und verklagten die Regierung.

Im Internetorgan der „gemeinnützigen Denkfabrik“ Deutschlands „Young Initiative on Foreign Affaris and International Relations“ wägt eine Autorin das zwischen Ökonomie und Ökologie ab – und schreibt über die „Standard Gauge Railway (SGR) – die chinesische Projektleitung, die auch an der Finanzierung der Milliarden teuren kenianischen Bahnlinie „erheblichen Anteil“ hat: „Infrastrukturprojekte [bergen] stets ökologische und soziale Risiken. Die SGR ist insofern ökologisch bedeutend, als dass das moderne Zugsystem CO2-Emissionen im Vergleich zum Autoverkehr reduziert“.

Die der Falkenjagd frönenden Saudis zog es 2010 in das Ölland Aserbaidschan. Der Physiker und „Geopoet“ Alexander Ilitschewski schrieb 2016 ein Buch „Der Perser“ – über seinen einstigen Schulkameraden in Baku, der inzwischen Leiter der Wildhüter-Brigade des Nationalparks “Sirvan“ an der Küste des kaspischen Meeres geworden war. Aufgrund der immer maßloser von den müßigen Saudis betriebenen Falkenjagd waren die Trappen auf der arabischen Halbinsel und in Marokko ausgerottet worden. Deswegen erkauften sie sich bei der aserbaidschanischen Regierung das Recht, mit ihren Falken im Trappen-Schutzgebiet zu jagen. „Sie wollen mit 100 Falken kommen. Das macht für die Dauer ihres Jagdausflugs 2000 Trappen“, rechnete „der Perser“ seiner Rangertruppe vor. Heimlich brachten sie daraufhin so viele Zuchttrappen wie sie fangen konnten auf eine unbewohnte iranische Insel im Kaspischen Meer. Die Falken konnten nur noch wenige Trappen im Nationalpark erwischen. Die Saudis beschwerten sich bei der Regierung in Baku. Diese veranlaßte den Umweltminister, den Nationalpark „Sirvan“ zu schließen. Fortan waren die Wildhüter arbeitslos. Und der Perser führte mit Ilitschewski lange Gespräche über die Weltläufte.

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Der berühmte Zoodirektor

Als ich 2020 im Frankfurter Zoo war, sah ich große Reliquien seines ersten Nachkriegsdirektors, des westdeutschen TV-Stars Dr. Bernhard Grzimek. Er hat maßgeblich, auch finanziell, zur Gründung des Serengeti-Nationalparks in Kenia und Tansania beigetragen. Und hat sich dort auch begraben lassen, neben seinem Sohn, der beim Zählen der Gnu- und Zebraherden im zukünftigen Nationalpark mit seinem Flugzeug abgestürzt und gestorben war. Das Flugzeug mit Zebrastreifen steht heute im Frankfurter Zoo. Hierzulande hat man Grzimek seine Mitarbeit als Experte im Landwirtschaftsministerium der Nazis vorgeworfen. Weil er dazu bei der Entnazifizierung falsche Angaben gemacht hatte, mußte er kurzzeitig seinen Direktorenposten räumen.

Nun wird er rund um den Serengeti-Nationalpark kritisiert, denn dazu wurden 1959 die dort lebenden Massai umgesiedelt. Ebenso im Ngorongoro-Krater, ein weiterer Nationalpark, wo die Vertreibung der Massai noch im Gange ist. 5000 sind schon weg, die letzten 5000 werden durch Zerstörung ihrer kommunalen Einrichtungen zum Wegzug gedrängt. Grzimek ging es darum, so große Wildtier-Schutzzonen wie möglich einzurichten. Die ersten waren nur für weiße Großwildjäger gewesen, mit Grzimek kamen auch weiße Touristen. Zunehmend jetzt auch weiße Studentinnen, die sich in den afrikanischen Nationalparks und Rehabilitationszentren für Nashörner und Elefanten nützlich machen und dafür nur wenig zahlen müssen. Noch heute werden viele Parks erweitert und neue eingerichtet. Daneben gibt es auch viele private – von reichen Weißen und westlichen Konzernen.

Deren Primat des Artenschutzes kollidiert aber zunehmend mit den Anstrengungen afrikanischer Länder, ihre artenreichen Gebiete in eigener Regie zu verwalten und zu vermarkten. Noch immer besteht ein Großteil der Parkleiter und ihren staatlichen Vorgesetzten aus Weißen. Und das Geld für ihre Budgets kommt aus Europa und Amerika. Es wird vor allem zum Kauf von Waffen gegen Wilderer verwendet.

2022 organisierte der kenianische Naturschützer Kaddu Sebunya einen „Kongress für Afrikas Schutzgebiete“ in Ruandas Hauptstadt Kigali. Das erste Mal, dass sich Regierungsvertreter von 52 afrikanischen Staaten und Manager der rund 8.500 Naturschutzgebiete des Kontinents im eigenen Kreis und nicht unter der Ägide ausländischer Naturschutzorganisationen trafen. „Afrikanischen Experten ist die Deutungshoheit über den Naturschutz seitens der ‚Ersten Welt‘ schon lange ein Dorn im Auge: Sie führen deren Denkweise auf den Kolonialismus zurück – und dessen Verständnis des Naturschutzes als ‚Festung‘,“ berichtete die Frankfurter Rundschau. „Europäer sehen Afrikas Bevölkerung als größten Feind der großartigen Fauna und Flora ihres Kontinents. Afrikas Nationalparks sind ausschließlich auf die Bedürfnisse ausländischer Touristen ausgerichtet – ob sie mit Fotoapparaten oder Repetiergewehren kommen. Dagegen kommen Afrikaner und Afrikanerinnen in den Reservaten vornehmlich als tanzende Mädchen in Baströckchen, als Kellner oder höchstens als Spurensucher vor. Solange die Interessen und Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung nicht berücksichtigt werden, könne Naturschutz nur scheitern, meint Sebunya. Unter anderem müsse die Ökonomie in den Regionen um die Parks auf die Schutzgebiete abgestimmt werden, sagt er, als Sozialwissenschafter: Denn nichts ist für wilde Tiere gefährlicher als arme und unzufriedene Menschen“.

Über die Perspektiven der Artenschutz-Gebiete in Afrika hatten ein Jahr zuvor drei Naturwissenschaftler ihre Überlegungen u.a. als „Open-Access-Paper“ in den kalifornischen „Academia Letters“ veröffentlicht: Der Biologe Eric Djom Nana vom Kameruner Institut of Agricultural Research for Development sieht die Entwicklung der Wildtier-Reservate pessimistisch, was er in seiner Studie schon im Titel ausdrückte: „Das Paradigma des Naturschutzes in Zentralafrika ist gescheitert“. Diese These war ihm quasi Voraussetzung dafür, dass man über Alternativen nachdenken müsse.

Ähnlich sah das der südafrikanische Zoologe Mduduzi Ndlovu von der Universität in Mpumalanga: Man müsse neue Weg zum Schutz von Wildtieren und -pflanzen gehen. Er schlägt konkret einen „Mixed-Land-Use“ vor, d.h. er fragte sich: „Könnte ein auf den ländlichen Communities basierender Tierschutz ein solches Modell dafür sein?“ Konkret dachte er dabei an die Integration von Rinderherden der Ngunis in die Reservate für Spitzmaulnashörner.

Der nigerianische Umweltforscher Jonathan Chukwujekwu Onyekwelu an der TU von Akure, Abteilung Forst- und Holz-Technologien, setzt auf die unter den afrikanischen Menschen weit verbreitete Angst vor den Göttern, die zur Heiligung der Friedhöfe führte – und die deswegen zur Erhaltung der Biodiversität beitragen, d.h. Rückzugsgebiete für bedrängte Arten sein könnten. Dabei sah Onyekwelu allerdings eine Gefahr im Wechsel der Glaubenssysteme: „Die Leute glauben nicht mehr an die (alten) Götter, das entheiligt die Friedhöfe, wodurch aus diesen Standorten für Wildtiere und – pflanzen Immobilien werden könnten.“

In den Industrieländern macht man aus verlassenen Immobilien, die radioaktiv oder chemisch verseucht sind, Naturschutzgebiete. So demnächst auch die „Todeszone“ um das AKW Tschernobyl zum „Radioökologischen Biosphärenreservat Tschernobyl“, das so groß wie Luxemburg und das Saarland ist. In den USA gibt es 3000 verseuchte Gebiete, die nicht betreten werden dürfen, außer von Biologen und „Rangern“. Sie umfassen z.T. hunderte Quadratkilometer. Ihre Entgiftung ist unfinanzierbar. Desungeachtet hat sich dort eine reichhaltige Flora und Fauna angesiedelt, die geschützt wird oder werden soll. In Tschernobyl u.a. Przewalski-Pferde – kein Mensch weiß, wie sie da hingefunden haben. Sie haben sogar einen verlassenen Stall – besetzt, wenn man so will.

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Der „Animal Turn“

In der Germanistik wurde erst ein „Cultural Turn“, dann ein „Visual Turn“ und nun in der Geschichtswissenschaft ein „Animal Turn“ ausgerufen. Letzteres war eine Zuspitzung in den „Animal Studies“, wobei inzwischen ganze Buchreihen, u.a. in der Michigan State University Press, diesem „Turn“ gewidmet sind. Gemeint ist damit eine Geschichte von unten, d.h eine Darstellung aus der Sicht von Tieren, die dabei als Subjekte wahrgenommen werden.

Derlei ist vor allem in den USA verbreitet – und mit einer ganzen Reihe von Zeitschriften, Dokumentarfilmen und Videoclips verbunden, wobei die Anarchisten wohl die ersten waren, die, inspiriert von Kropotkins Werk „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1900), Nutz- und Wildtiere in ihren Fokus auf Widerstand nahmen. Auch der Anarchist Jaroslav Hasek zählt dazu. Er meinte 1910 „Ich habe mich politisch umgestellt. Ich bin jetzt bei den Tieren“ – als er Chefredakteur der Zeitschrift „Welt der Tiere“ wurde.

Auch in Deutschland gibt es „Animal Studies“, die darin entstandenen Publikationen sind jedoch noch reichlich akademisch gequält, während die Amis natürlich stark empirisch ausgerichtet sind. So veröffentlichte der Historiker Jason Hribal 2003 einen Text mit dem Titel: „Die Tiere sind Teil der Arbeiterklasse: Eine Herausforderung für die Geschichte der Arbeit“. 2007: „Tiere, Widerstandsformen und Klasse: Die Geschichte der Tiere von unten schreiben“ und 2010: „Angst vor einem Planet der Tiere: Die verborgene Geschichte der Rebellion von Tieren“.

Ich lese gerade von der „Animal Studies“-Autorin Sarat Colling das Buch „Der Widerstand von Tieren in der Äre des globalisierten Kapitalismus“ (2021). Es handelt zur Hauptsache von Tieren, die aus Farmen, Zoos und Schlachthöfen flüchteten. Viele wurden wieder eingefangen, manchmal erst nach Monaten, nur wenige blieben für immer verschwunden (frei), aber etliche landeten, nachdem man sie betäubt und eingefangen hatte, in Tierasylen (Sanctuaries), wo sie bis zu ihrem natürlichen Tod leben dürfen. Schon während ihrer Flucht bekamen sie Namen (die Kuh „Emily“ später sogar ein Denkmal neben Ghandi auf einem Pazifistenfriedhof) – und zwar von Reportern, die eine „Story“ witterten und im Übrigen der Meinung waren, dieses oder jenes Tier, dass so viel unternommen hat, um frei zu sein, hat es verdient, am Leben zu bleiben. Rinder, Schafe, Ziegen, Affen, Kamele, Papageien, Hühner und Truthähne, die ihre Freiheit erkämpften, sich dann oft in Wäldern versteckten und benamt wurden, erlangten durch die Medien den Status von Subjekten/Individuen, während all jene Tiere – Milliarden jährlich, die ihr Schicksal nicht herausforderten, sondern halbwegs friedlich in den Schlachthof gingen oder in ihrem Käfig blieben, Statistik/Objekte sind.

Auch in Deutschland sind die Medien im Falle von entflohenen Tieren meist auf deren Seite und nicht auf der ihrer Besitzer, die sie wieder haben wollen, um sie weiter auszubeuten, zu schlachten oder zu zwingen, erneut gegen Geld ein Publikum zu unterhalten. In München hatte z.B. ein Polizeitrupp eine „wild gewordene Kuh“ erschossen, die sich auf dem Schlachthof losgerissen und eine Joggergruppe auf dem Bavariaring über den Haufen gerannt hatte. Die Beamten hatten das Tier zuerst mit ihren Pistolen bewegungsunfähig geschossen – und anschließend mit zwei Gewehrschüssen getötet. Der „Spiegel“ sprach von einem „Kugelhagel“, in dem die Kuh starb. Schon am nächsten Tag wurden am Tatort Blumen hinterlegt, sowie Grablichter in Milchflaschen angezündet und mit einem Zettel „an das Kuh-Drama erinnert“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. „Sie wollte leben und floh vor dem Schlachthof“, stand auf dem Zettel.

Noch parteiischer wirkte die Tierrechtsorganisation „Animal Peace“, als sie auf ihrer Internetseite „viva-vegan.info“ frohlockte: „Ein dreijähriger Bulle hat nahe Köln seinen Sklavenhalter angegriffen und tödlich verletzt. Der 61-jährige Landwirt wollte eine Schiebetür im Stall reparieren. Als am Abend der Sohn den Stall betrat, um die Kühe zu melken, entdeckte er die Leiche seines Vaters. Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen.“ Es folgten erst einmal heftige Kritik von allen Seiten und sogar eine Strafanzeige, so dass die radikalen Veganer sich gezwungen sahen, ihre Äußerung zu verteidigen: „Wir haben mit keinem einzigen Wort den getöteten Bauern verhöhnt.“ Man habe sich nur über den „Aufstand eines Geknechteten“ gefreut. „Es ist eine politische und keine persönliche Botschaft.“ Rinder seien Subjekte, „die fühlen und denken können und mit diesen Gefühlen und Gedanken ein freies und unversehrtes Leben führen wollen. Wie wir.“ Die Vegetarier/Veganer sind nicht nur gegen die Bio-Bauern, weil auch sie ihre Tiere töten, daneben bemühen sie sich auch um den Nachweis, dass Milch nicht gut für uns ist, sie ist für das Kalb da. Zudem sei auch die Milch „Produkt eines Gewaltverhältnisses“.

Die Amis im „Animal Turn“ sind natürlich durchweg Veganer, während hierzulande die Bauern und Spitzköche den Verzicht auf tierische Produkte schlicht für Schwachsinn halten. Leider nicht deswegen, weil Pflanzen und Tiere sich nicht groß unterscheiden. Es gibt nur zwei nicht-parasitär lebende Säugetiere: Flughunde und Wickelbären. Sie essen nur das, was die Pflanzen ihnen freiwillig anbieten.

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Tiger (1)

Kürzlich begleitete ich meinen Philosophenfreund Anselm in den Ostberliner Tierpark. Er wollte sich u.a. die zwei jungen Sumatra-Tiger Luise und Lotte ansehen, aber man hatte sie gerade in den Westberliner Zoo verbracht. Anselm schimpfte: „Dieser verdammte Doppeldirektor von Zoo und Tierpark. Er packt auf Drängen des Zoo-Aufsichtsrates alle interessanten Tiere, und Tiger sind die philosophisch interessantesten, in den Zoo. Zurück bleiben in Ostberlin nur solche Tiere, die der Zoo nicht haben will. Eine Riesensauerei, denn der Tierpark ist der größte Europas und hat viel Platz, aber seit der Wende immer weniger Tiere, während der Zoo einer der kleinsten ist, aber von Knieriem wird er immer mehr mit Prestigebauen und Gehegen zugeballert. Dabei sollte man das Gelände besser verkaufen, es ist die wertvollste innerstädtische Immobilie, und die Tiere in den Tierpark umsiedeln. Stattdessen wird dort das Gelände Stück für Stück an Immobilienentwickler verkauft und die Tierpfleger demotiviert. Ach, diese verbrecherische Wiedervereinigung und dieser unselige Doppeldirektor.“

Anselm kritisierte dann auch mich: Ich hatte in einem Tiertext geschrieben: „Im indischen Sundabardelta wurden vor einiger Zeit mehrmals Menschen von Tigern getötet. Da die Raubtiere stets von hinten angeschlichen kamen, setzten sich die Waldarbeiter Halloweenmasken verkehrt herum auf, so dass es aussah, als hätten sie hinten Augen: Nach Einführung dieses Maskentricks wurden keine Maskenträger mehr angegriffen.“

Das stimmte zwar, meinte Anselm, aber nur zur Hälfte, denn nach einiger Zeit kamen die Tiger hinter diesen Trick, der damit nicht mehr funktionierte. Auch meine Bemerkung, dass Putin den vom Aussterben bedrohten Amur-Tiger unter seinen persönlichen Schutz gestellt habe, sei Unsinn, meinte Anselm, denn das sei doch bloß eine blöde Propagandaaktion. Ich widersprach ihm: Tiger können unterscheiden. Naturforscher, die im Fernen Osten Russlands arbeiten, behaupten, dass die Amurtiger sie nicht angreifen sondern tolerieren, weil sie ihnen wohlgesonnen seien, während sie Jägern bzw. Wilderern mitunter tagelang auflauern würden. Anselm bezweifelte das: Wenn sie sich dabei man nicht irren…

Ich erzählte ihm von einer indischen Zoologin, die einen Tiger groß zog, nicht die einzige, und ihn dann in einem Nationalpark auswilderte. Dazu mußte sie dem Tier, ein Weibchen namens Jenny, das Jagen beibringen. Zunächst übte Jenny das Fangen und Töten an kleinen Amphibien. Bei ihrem ersten richtigen „Riß“ tanzte sie noch um den Kadaver herum. Die Zoologin mußte ihn ihr mit einem Messer quasi mundgerecht zubereiten, aber dann kam die Tigerin langsam auf den Geschmack – und wurde sogar ungehalten, wenn die Zoologin hinter ihr durch den Wald stolperte und der Lärm die Beute von Jenny verscheuchte.

Anselm hatte ein Gegenbeispiel parat – vom Leipziger Zoodirektor Karl Max Schneider, der meinte, dass die Jagdfähigkeit angeboren sei: In seinem Buch „Tiere im Zoo“ habe er einen viereinhalb Monate alten Tiger aus Indonesien erwähnt, der im Wirtschaftshof aufgezogen wurde und dort eine kleine Antilope, die noch die Flasche bekam, „kunstgerecht“ riß – mit den Zähnen am Hals und den Krallen im Rücken: „Dabei hatte der Racker noch nie gesehen, wie erwachsene Tiger Beute schlagen! Und wie überhaupt in ihm das Gefühl dafür aufdämmerte…“

Ich erzählte ihm daraufhin von der amerikanischen Tigerdompteurin Mabel Stark. Sie lebte mit dem von ihr großgezogenen Tiger „Rajah“ in ihrem Wohnwagen zusammen, er schlief auch in ihrem Bett, ebenso wie ihr dritter Ehemann, der Löwendompteur Louis Roth. In der Manege bestand ihre berühmteste Nummer darin, dass sie ihren 20 Tigern den Rücken zukehrte und Rajah sie plötzlich von hinten ansprang, zu Boden warf und mit ihr rang. Mit der Zeit entwickelte sich daraus bei dem Tiger ein Paarungsakt. Weil sein Samen auf ihrem schwarzen Lederkostüm unschön aussah, wechselte sie in ein weißes Kostüm, das sie bis zum Ende ihrer Karriere 1968 trug.

Mable Stark wollte irgendwann mit ihren geliebten Tigern keine albernen Kunststücke mehr einüben, stattdessen wollte sie deren Schönheit präsentieren: Sie liefen herum, sprangen von Postament zu Postament – und taten alles wie im Fluß. Sie erwartete großen Applaus, er war aber nur verhalten „respektvoll“. Ganz anders die darauffolgende Löwennummer eines Dompteurs: „Die Tiere fletschten die Zähne, schlugen mit den Tatzen durch die Luft, der Dompteur mußte mehrmals seine Schreckschußpistole einsetzen. Als sie von ihren Postamenten runtersprangen und auf ihn losgingen „konnte er sich nur mit einem Hechtsprung durch die auffliegende Käfigtür retten.“ Das Publikum johlte und klatschte stehend.

Die Löwendompteurin beim Zirkus Busch, Tilly Bébé schrieb über ihre abendlichen Auftritte: „Diese unverkennbare Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod ist im Grunde die Stelle, die das Publikum interessiert.“ Aber das interessiert nicht die Tiger.

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Tiger (2)

Noch einmal zu den Tigern: Was ist denn nun so philosophisch an ihnen, die der Katzenforscher Paul Leyhausen trotz ihrer Größe zu den „Kleinkatzen“ zählt, weil sie nicht brüllen und Streifen haben? Das hat die Kulturschaffenden jedoch nicht davon abgehalten, in dieser größten Raubkatze eine geeignete Metapher für die den Menschen gefährliche aber auch verführerische „Natur“ zu sehen. Der Dadaist Walter Serner behandelte 1921 dieses vormoderne „Spannungsverhältnis“ in seinem Roman über eine Verführerin, die er schon im Titel „Die Tigerin“ nannte.

Der Zirkushistoriker Werner Philipp behauptet: „Tiger riechen angenehm, ihr Geruch sei erotisierend, sagen manche Frauen.“ Meinen sie damit einen kraftvollen männlichen Geruch oder sind diese Katzen ihnen eher „Gleichnis für die Femme fatal“? wie der Ökologe Josef Reichholf vermutet. Die Männer scheint ansonsten nicht so sehr das Geschlecht, sondern eher die Gefährlichkeit der Tiger zu interessieren. So bezeichnete Mao tse Tung die USA mit ihren Atombomben einst als „Papiertiger“ und Noam Chomsky kürzlich Russland – allerdings mit Fragezeichen.

Der Philosoph Theodor W. Adorno dachte 1951 über die echten Tiger in den Zoos nach (in: „Minima Moralia“): „Der Tiger, der endlos in seinem Käfig auf und ab schreitet, spiegelt negativ durch sein Irresein etwas von Humanität zurück, nicht aber der hinter dem unüberspringbaren Graben sich tummelnde.“

Solche „Freianlagen“ stellen laut Adorno einen humanitären Fortschritt dar. Weniger fortschrittlich ist dagegen, dass allein in den nordamerikanischen „Freianlagen“ mehr Tiger als in wirklicher Freiheit leben. „Verderblich ist des Tigers Zahn, / Jedoch der schrecklichste der Schrecken, / Das ist der Mensch in seinem Wahn,“ hieß es 1799 in Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“, im Jahr, als Napoleon die Revolution für beendet erklärte.

Die Russische Revolution nahm dann einen neuen Anlauf. Leo Trotzki schrieb 1924 in „Literatur und Revolution“: „Der sozialistische Mensch will und wird die Natur mittels der Maschine beherrschen. Natürlich bedeutet das nicht, dass der ganze Erdball liniert und eingeteilt sein wird. Es werden bleiben Dickicht und Waldungen und Auerhähne und Tiger, aber dort, wo der Mensch ihnen den Platz angewiesen haben wird. Und er wird dies so geschickt anstellen, dass sogar der Tiger den Hebekran nicht merken und sich nicht langweilen und so leben wird, wie er in Urzeiten gelebt hat. Das Bestreben, die Not, den Hunger, den Mangel zu besiegen wird eine Reihe von Jahren die herrschende Tendenz sein. Später wird der Gegensatz von Technik und Natur in einer höheren Synthese seine Lösung finden.“

– Und damit den Tigern posthum Gerechtigkeit widerfahren lassen? Angesichts der aktuellen „Krisen“ kann man mit Walter Benjamin von einem „Tigersprung in die Geschichte“ sprechen, insofern nicht das Nächstliegendste (Klimakatastrophe, Artenschwund, Armut…) „angesprungen“, sondern sich erneut in Nationalismus und Rassismus verbissen wird. Im Kern des „Tigersprungs“ ging es ihm 1940 um eine Fortschrittskritik.

Der Menschenfreund Benjamin ging dabei tigermäßig nicht so weit wie der Tierfreund Arthur Schopenhauer, der 1851 in „Parerga und Paralipomena II“ schrieb: „Der Mensch ist das einzige Tier, welches Andern Schmerz verursacht, ohne weiteren Zweck, als eben diesen. Die andern Tiere tun es nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen, oder im Zorn des Kampfes. Wenn dem Tiger nachgesagt wird, er töte mehr, als er auffresse: so würgt er alles doch nur in der Absicht, es zu fressen.“

Es gibt eine alte chinesische Redewendung: „Fasse einen Tiger nicht am Hintern an“. Die heutige chinesische Regierung „reitet“ gar „auf dem Tiger“ (bei ihrer Taiwan-Politik), wie der Philosoph Cajo Kutzbach meint. Während der Philosoph Peter Reiter eine „neue globale Ökonomie“ visioniert, die er „Den Tiger reiten“ nennt, will der Philosoph Julius Evola mit seinem Buch „Den Tiger reiten“ eine „Revolte gegen die moderne Welt“ anzetteln. Die Metapher stammt in allen Fällen von Friedrich Nietzsche, der 1873 in „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ schrieb: „Verschweigt die Natur dem Menschen nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper!“ Aber wer hinter das „Bewußtseinszimmer“ blickt, der ahnt, „dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!“

Dazu heißt es auf der Plattform „uni-stuttgart.de“: „Spätestens seit dem Einzug des Internets ist klar, dass wir alle auf einem Tiger reiten“. Meinen die Studies damit etwa das Apple-Betriebssystem „Mac OS X Tiger“?

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Grenzwerte

„Über den Wolken muß die Freiheit wohl grenzenlos sein,“ sang Reinhard Mey 1974. Aber das ist sie nicht mehr. Die nationalen Territorien schützen ihre Grenzen auch über die Wolken hinaus. Der Berliner Makrosoziologe Steffen Mau hat die eher bodennahen Begrenzungen der Menschenströme in seinem Buch „Sortiermaschinen. Die Neuerfindung der Grenze im 21. Jahrhundert“ (2021) thematisiert. In einer Zusammenfassung heißt es, „dass Grenzen im Zeitalter der Globalisierung von Anbeginn nicht offener gestaltet, sondern zu machtvollen Sortiermaschinen umgebaut wurden. Während ein kleiner Kreis Privilegierter heute nahezu überallhin reisen darf, bleibt die große Mehrheit der Weltbevölkerung weiterhin systematisch außen vor.“

Und was dabei für ein technischer, personeller und ethischer Aufwand getrieben wird…„Während die Mobilität von Menschen über Grenzen hinweg in den letzten Jahrzehnten stetig zunahm und Grenzen immer offener schienen, fand gleichzeitig eine in Wissenschaft und Öffentlichkeit unterschätzte Gegenentwicklung statt. Vielerorts ist es zum Bau neuer abschreckender Mauern und militarisierter Grenzübergänge gekommen. Grenzen wurden zudem immer selektiver und – unterstützt durch die Digitalisierung – zu Smart Borders. Zudem ist die Grenzkontrolle räumlich massiv ausgedehnt worden, und zu einer globalen Unternehmung geworden, die sich vom Territorium ablöst.“ Als Privatfirmen sind diese tendenziell global tätig. Steffen Mau zeigt, auf welche Weise diese neuen Sortiermaschinen Mobilität und Immobilität zugleich schaffen: Geöffnet für wenige Erwünschte, geschlossen für Millionen Unerwünschte.

Ende September stimmte der Bundeskanzler für eine EU-Asylverschärfung. Davor wurden bereits erhebliche Summen aus Europa in die nordafrikanischen Länder transferiert, damit sie die an ihren Küsten auf Schiffe wartenden Flüchtlinge davon abhalten, über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. Außerdem wurde die europäische Grenz- und Küstenwachen-Agentur „Frontex“, zuständig für die Außengrenzen des Schengen-Raums, vergrößert und technisch aufgerüstet. Ähnliches gilt für die Flüchtlinge aus Asien, die über den Landweg nach Europa einwandern wollen und dabei an die immer mehr befestigten EU-Außengrenzen gelangen. Selbst Moldawien wurde vor einigen Jahren schon von der EU mit grenzsichernder Überwachungs-Hightech ausgerüstet. So werden schon auf dem Glacis der Festung Europa die Flüchtlinge gestoppt.

Grund für solche und ähnliche Bevölkerungsströme ist die Globalisierung. Vom US-Kapital einst durchgesetzt, werden nun immer mehr Länder, nicht nur Europa, amerikanisiert, d.h. herkunftsmäßig durchmischt (und mit Anglizismen und kalifornischer Konsum-Elektronik ausgestattet). Indem jedoch der Grund und Boden schon lange kapitalisiert wurde (laut Marx war dies zu seiner Zeit nur noch nicht in Russland der Fall), hat man im übrigen Teil der Welt damit leben müssen, dass sich in den Gemeinschaften, Gemeinden, Dörfern usw. ohne zu fragen Fremde niederließen. Dies setzte sich fort in den Mietshäusern, wo die Eigentümer und ihre Verwaltung bestimmen, wer in ihren Häusern einziehen darf und nicht die Mieter, die mit diesen Neuzugängen klar kommen müssen. Selbst bei abstrusestem Eigenbedarf müssen die Mieter dem Wohnungsbesitzer weichen. Und auch die kleinen Hausbesitzer können nichts dagegen unternehmen, wenn nebenan z.B. extreme Widerlinge einen Neubau errichten. In den Betrieben bestimmen die Personalchefs und nicht die zukünftigen Kollegen, wer dort mit ihnen arbeitet.

Kurzum: Die städtischen und dörflichen Gemeinwesen sind derart zerstört (machtlos), dass Soziologen schon gar nicht mehr von „Gesellschaft“ reden und deswegen auch den Begriff fallen lassen wollen. Mit Mao tse Tung könnte man stattdessen vielleicht von einem „Haufen Sandkörner“ sprechen. Nur dass in China daraus eine Gesellschaft, ein Staat, eine Nation wurde, während man hier von einer zunehmenden „Atomisierung“ der Bevölkerung und einer Erodierung der Institutionen spricht.

Was halten dann aber noch die ganzen Grenzen zusammen oder ab? „Ältere Grenzen zwischen zwei Ländern fallen manchmal mit den natürlichen, teilweise nur schwer überwindbaren Hindernissen zusammen: ein Gebirge, ein Meer oder Meeresarm, eine Wüste, ein Urwald oder ein Bergland. Diese stellen im Regelfall auch die Sprach- und Kulturgrenzen dar. Flüsse hingegen bilden erst seit etwa 1800 Staatsgrenzen (neue Grenzziehungen infolge von Kriegen bzw. Friedensverträgen), da sie früher viel eher einende Handelswege als trennende Hindernisse darstellten. Zudem waren sie noch nicht begradigt und änderten nach Hochwasser ihren Verlauf, was Anlass zu Streitigkeiten gab,“ heißt es auf Wikipedia. Auf der „Tortilla-Grenze“ zwischen Mexiko und den USA gibt es auf dem Rio-Grande eine „schwimmende Mauer“. Wenn Grenzen vertraglich auf Längen- und Breitengrade festgelegt werden, wie z.B. in den USA, spricht man von „Reichsbrettgrenzen“. Sie entstanden laut Wikipedia „nicht durch jahrhundertelange Entwicklungsprozesse, sondern sind auf Willensakte in der Regel fremder Herrscher zurückzuführen (Kolonialismus)“. Und daraus speist sich nun der Flüchtlingsstrom, quasi ein kollektiver „Willensakt“ dagegen.

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Grenzen

Das Wort Grenze kommt aus dem altpolnischen „granica“ und ist laut Wikipedia „der Rand eines physischen Raums und damit eine Trennfläche, Trennlinie oder ein Trennwert“. Seit dem „Fall der Mauer“ werden überall auf der Welt mit Beton und/oder Stacheldraht neue Grenzmauern errichtet und das Wort Grenze tritt in immer neuen Verbindungen auf: Firewall, Paywall, Rote Linie, Zustrombegrenzungsgesetz, Brandmauer, Bezahlgrenze, Verdienstgrenze, rechtliche Grenzen, Minijob-Grenze, Wenn Grenzen in einer Beziehung überschritten werden, Umgang mit Grenzüberschreitungen, Urlaub ohne Grenzen, ethische Grenze Grenzgänger…

Vor dem ersten Weltkrieg konnte man ohne Paß und Kontrollen durch ganze Europa reisen. Stefan Zweig schrieb: „Ich will die Monarchie wieder haben, und ich will es sagen. Und mehr als die alte Monarchie. Ein neues Europa, in dem man ohne Pass, von Ort zu Ort, von Hotel zu Hotel, von Bar zu Bar, zu allen Menschen reisen kann und in dem sich die alten Nationengrenzen langsam auflösen.“ Das Gegenteil ist passiert.

Der Salzburger Schriftsteller Karl-Markus Gauß schreibt in „Die unaufhörliche Wanderung“ (2020): Im Frühling 2015, als sich so viele Flüchtlinge auf den Weg machten, stand ich am Grenzfluß Pruth und wurde verhaftet, weil ich in Verdacht geraten war, illegal in die Europäische Union einreisen zu wollen.“

Das war eine Folge der Osterweiterung der EU, die in Wahrheit eine Westerweiterung war. Der Pruth trennte seit Ende des Zweiten Weltkriegs die Sowjetrepublik Moldawien von der sozialistischen Volksrepublik Rumänien und seit dem Beitritt Rumäniens zur EU wurde der Fluß eine „Außengrenze der Union“. Gauß schreibt weiter: „Um in die EU eintreten zu können, hat die Republik Moldau ihre Grenze zu aufrüsten müssen. Niemand sollte über Moldawien in die Union gelangen können. Das Land hat selbst überhaupt nichts davon, dass es für die Union den Grenzwächter gibt. Aber es muß ihn spielen, um mit der Union im Gespräch zu bleiben und ins Geschäft zu kommen. Überall in der Moldau rosten die industriellen und landwirtschaftlichen Maschinen dahin; einzig die Grenzwächter sind technologisch auf den Unionsstandard A1-plus gebracht worden.“

Mein verstorbener Freund Christian Semler begleitete einmal als Journalist eine EU-Delegation nach Moldawien, die Moldawien mit zig Millionen Euro Überwachungstechnik „beschenkte“, damit deren „Grenztruppen“ alle Leute daran hindern können, über die EU-Grenze nach Rumänien und weiter nach Westen zu gelangen.

Doris Lessing schrieb in „Rückkehr nach Afrika“ (1994): Mit ihren Eltern in Südrhodesien (später Zimbabwe) zu reisen bedeutete, dass ihr „boy“ Äste, Laub, Dornenzweige schlug um damit den Nachtplatz zu schützen – vor Leoparden z.B., aber „Wir hätten uns auch ohne die Einfriedung (!) unter die Bäume legen können, denn jeder Leopard, der sein Geld wert war, hätte darüberspringen und einen von uns wegschleppen können. Nein, diese ‚boma‘ war Ausdruck von etwas anderem, sie sollte im Grund nichts von uns fernhalten, sondern vor allem uns, Fremde in einem fremden Land, zusammenhalten.“

Das ist eine „Einfriedung“ wie sie auch der US-Anthropologe James C. Scott in die „Mühlen der Zivilisation“ (2020) diskutiert. Allerdings nicht als eine freiwillige Einfriedung: Die Mauern, mit denen die ersten Stadtstaaten im Zweistromland sich umgaben, dienten ihm zufolge nicht, um Eindringlinge von außen abzuwehren, sondern um die Bewohner im Inneren zu halten. Sie mußten dort Steuern in Form von Getreideabgaben zahlen und hätten das gerne vermieden, aber man zwang sie, in der Stadt zu leben. Eine schöne Umdrehung unserer gängigen Vorstellungen über den Ursprung von Stadtmauern.

Gauß hatte in der Schule noch gelernt, dass es „natürliche Grenzen“ gäbe, „die den Herrschaftsbereich von Staaten markieren“ – Flüsse oder Gebirge etwa. Inzwischen weiß er jedoch, dass „selbst die vorgeblich natürlichen Grenzen erfunden, künstlich gezogen, menschengemacht sind, aus Verabredung und Kampf hervorgegangen, auf Konvention und Gewalt gegründet, auch wenn sich ihr Verlauf an der Natur orientiert.“ Besonders beeindruckt hat ihn die Grenze an der Neiße, die Görlitz von Zgorzelec trennt, obwohl es eine Stadt war, die nach dem EU-Beitritt Polens eine „Europastadt“ wurde.

Mich hat die Grenze amüsiert, die Bad Muskau von Muzakov auf der anderen Neiße-Seite trennte und direkt durch den vom Fürsten Pückler angelegten Muskauer Park verläuft. In den Neunzigerjahren hat man beide Parkteile mit einer kleinen Fußgängerbrücke über die Neiße verbunden. Als ich darauf vom polnischen Teil in den deutschen Teil ging, wurde ich in der Mitte von zwei Grenzbeamten angehalten. Sie standen zusammen, redeten und rauchten – und wollten dann meinen Pass kontrollieren. Es war ihnen immerhin peinlich, wir lachten alle drei gequält.

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Querulanten

1973 gründete sich in Frankfurt/Main der „Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten“ (ID). Daraus entwickelte Dr. Richard Herding später das „Projekt Alltag“, in dem man sich „pressewirksam“ um „Querulanten“ kümmerte – nicht um Meinungs- sondern um Interessens-Querulanten. Das waren in Bedrängnis geratene Menschen, die sich hilfesuchend u.a. an das Projekt wandten, weil die sonstigen Medien nicht an solchen „Einzelfällen“ interessiert waren. Die von ihnen nur mit spitzen Fingern angefaßten Briefe landeten im Papierkorb. Bei ihnen mußten jede schriftliche Klage mindestens einen Trend anzeigen, weswegen die häufigsten Worte dieses Journalismus „immer mehr“ und „zunehmend“ waren und sind.

Wenn man aber die Briefe dieser Menschen, oft mit Hand geschrieben, gründlich las, enthielten sie doch oft detaillierte Darstellungen z.B. des allgemeinen Elends im Knast, in der Psychiatrie, im Altersheim oder im Falle von Mobbing in einem Dorf oder an der Uni (siehe dazu z.B. das gerade erschienene Buch „Alptraum Wissenschaft“ der Laborbotanikerin Anne Christine Schmidt). Es sind Enthüllungsberichte. Die am System leidenden und sich mit solchen „Kassibern“ an die Öffentlichkeit wendenden Briefschreiber waren erst verfluchte „Muckraker“ und sind nun in der „neuen Unübersichtlichkeit“ (Habermas) von vielen ermunterte „Whistleblower“.

Ich habe immer mal wieder über „Querulanten“ berichtet, wobei ich dieses schon seit dem normannischen Recht abfällig gemeinte Wort beibehielt. Auch die deutschen Behörden und Richter benutzten es, seit Ende der Naziherrschaft allerdings nur noch hinter vorgehaltener Hand. In den USA gab es nicht einmal das Wort Querulant, es wurde erst von deutschen Emigranten dort eingeführt, wohingegen die Schweizer Behörden sogar eine „Querulanten-Kartei“ anlegen wollten.

Hier erwähne ich nun einen polnischen Querulanten, der aus Angst, auf eine schwarze Liste von Spediteuren zu geraten, anonym bleiben möchte. Er kann nur schlecht Deutsch schreiben, ich habe seinen Brief deswegen beim Abschreiben verbessert. Er enthält einen Skandal, aber man müßte ihn nachrecherchieren. Leider ist mein Geigerzähler kaputt, so dass auch die Möglichkeit besteht, dass es sich dabei um einen antiukrainischen Fake handelt. Vor dem Hintergrund des mainstreamigen Solidar-Schwurbels und den begeisterten Polit-Pilgerreisen zu Selensky halte ich es jedoch für möglich, dass der Inhalt des maschinengeschriebenen Briefs durchaus wahr sein kann. Immerhin ist die „Todeszone“ um das Atomkraftwerk Tschernobyl so groß wie Luxemburg und das Saarland zusammen – und besteht aus besten Anbauflächen:

„Sehr geehrte Damen/Herren

Ich habe viele Jahre für eine polnische Spedition als LKW-Fahrer gearbeitet. Seit September 2022 transportiere ich regelmäßig Getreide aus der Ukraine nach Polen, Deutschland und in die Slowakei. Es ist eine harte Arbeit mit tagelangen Wartezeiten an den Grenzen und schlechter Bezahlung. Hinzu kommt, dass ich immer öfter radioaktiven Weizen aus der Region nordwestlich von Kiew transportieren muß. Durch Zufall nur habe ich erfahren, dass das Getreide stark abstrahlt, weil es mit Cäsium und Strontium kontaminiert ist, oft hat es über 100.000 Becquerel und müßte eigentlich als Sondermüll gelten. Mein Schwager hat die Strahlung dieses Weizens immer wieder gemessen, und meint, man dürfte es nicht einmal als Viehfutter verwenden.

Wir haben uns immer wieder bei unseren Chefs beschwert , die aber drohten uns bloß mit Entlassung, wenn wir das bekannt machen würden. Der Weizen war außerdem noch übermäßig mit Pestiziden belastet und stank, dazu war er oft schimmelig, weil er zu lange in Hallen gelagert worden war. Beim Abladen an Mühlen und Mehlfabriken sagten wir nur, der Weizen ist Ostware, es gab anders als bei Weizen aus Deutschland keine Kontrollen. Wir hatten Papiere dabei, die den verseuchten ukrainischen Weizen als polnischen Weizen auswiesen, was an der Grenze keine Probleme machte. Unsere Chefs meinten, die Getreidetransporte würden gut bezahlt werden, es sei ein gutes Geschäft.

Wir belieferten Großmühlen in Berlin, Mannheim, Schweinfurt, Ulm, Ergolding. Von meinen Kollegen erfuhr ich, dass sie nicht mehr nach Polen und in die Slowakei fahren, weil die Lieferungen radioaktiv verseucht und voller Pestizide seien, außerdem würden die Bauern dort mit ihren Traktoren gegen das Billiggetreide aus der Ukraine kämpfen. Deswegen gehen jetzt alle Transporte nach Deutschland. Dort wird nichts kontrolliert, sondern die Ladung nur mit deutschem Weizen vermischt. Angeblich würde man danach im Mehl keine Gifte mehr nachweisen können.

Ich habe trotzdem mit dem Job Schluss gemacht – aus gesundheitlichen Gründen, aber die Leute in Deutschland essen weiterhin dieses Mehl und das damit gebackene Brot.“

Hinzugefügt sei, dass ich in Mitte der Siebzigerjahre während meiner Arbeit in verschiedenen Landwirtschaftlichen Betrieben dabei half, dass mein Chef nicht unwesentliche Mengen an quecksilbergebeiztem Saatgut, das beim Ausbringen auf den Acker übrig geblieben war, auf den Weizenberg in seiner Lagerhalle kippte. Auf meinen Einwand: „Das Zeug ist doch gesundheitsschädlich“, meinte er: „Das vermischt sich – bis zur Unkenntlichkeit“.

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Medienschelte

Der Chefreporter vom „Content Network KiVVON“, Frank Überall, hat ein Buch veröffentlicht mit dem Titel „Dead Line für den Journalismus – Wie wir es schaffen, nicht zur Desinformationsgesellschaft zu werden“. Während ich mich freue, dass mit den „Sozialen Medien“ und den Blogs langsam das Ende des professionellen Journalismus eingeläutet wird und stattdessen die Leute selbst das Wort (und Bild) ergreifen, äußern sich meine Freunde zunehmend abschätziger über Facebook, TikTok, Instagram etc.. Denen sie, zumal jetzt mit KI, Fakes und Schlimmeres vorwerfen. Sie vertrauen nach wie vor ihren Mainstreammedien (Tagesspiegel, Tagesschau, FAZ, Spiegel).

Während ich z.B. bei einem Spiegelartikel, der etwas thematisiert, was ich selbst genau kenne, merke, dass der Reporter völligen Unsinn schreibt. Das passiert mir allerdings selten. Und seit Corona, Ukraine und Gaza kann ich diese ganzen staatstragenden Medien sowieso nicht mehr lesen.

Richtig gemein wurde es bereits – in fast allen Printmedien – als sie über den Hungerstreik der Bergarbeiter in Bischofferode berichteten. Nämlich etwa so wie die kenianische Schriftstellerin Nanjala Nyabola in ihrem Text „Why Do Western Media Get Africa Wrong“ es bemerkte: Wenn der erste westliche Journalist vor Ort eintrifft und eine Story schreibt (oft geht es um eine Katastrophe), dann wird er als verläßlichere Stimme angesehen als einheimische Blogger oder Reporter. (Dieses Beispiel habe ich Jeremy Hardings Text über Binyavanga Wainaina im Merkur 2/25 entnommen.)

Es gibt ein weiteres Beispiel, das mir näher liegt, weil ich dort in der Nähe wohne: Die Berichterstattung über den sozialen Brennpunkt „Kottbusser Tor“ in Kreuzberg. Er gilt als „gefährlicher Ort“, „gefährlichster Ort Berlins“ oder sogar als „gefährlichster Ort Deutschlands“. Immer wieder war in der Vergangenheit in den Kapitalmedien davon die Rede – bis die Polizei, die dabei von einem „kriminalitätsbelasteten Ort“ sprach, 2023 am „Kotti“ eine Wache einrichtete, von wo aus sie seitdem jeden Passanten anhalten und durchsuchen darf. Die Medien haben sie buchstäblich dort hingeschrieben, indem sie die Politiker damit quasi zum „Handeln“ zwangen.

Die promovierte Juristin Nora Keller hat darüber 2024 eine Recherche veröffentlicht für die sie etliche Anwohner interviewte (die Polizei weigerte sich, von ihr interviewt zu werden). Ihr Buch hat den Titel: „‘Stärker als das, was uns trennt’ – Kriminalisierungen und Solidarität am ‚gefährlichsten Ort‘ Kottbusser Tor in Berlin Kreuzberg“. Darin zitiert sie einige Schlagzeilen aus den Medien, die so grauenhaft sind, dass man ihren Autoren sofort den „Bockschein“ entziehen müßte. Die BZ-Berlin: „Kriminalität explodiert – Das Kotbusser Tor ist der Platz der Gesetzlosen“ usw..

Zwischen 2016 bis etwa 2019 waren der Ort und seine vermeintliche Gefährlichkeit verstärkt Anlass einer breiten öffentlichen Debatte, schreibt Nora Keller. „Mehrfach war zu lesen, dass sich die Diebstähle am Ort vom Jahr 2014 auf das Jahr 2015 verdoppelt und gegenüber 2013 sogar vervierfacht hätten, Zeitungen berichteten, die Zahl der Raubüberfälle sei innerhalb eines Jahres um 50% und die Drogendelikte um 100% gestiegen.“ Wenn die publizistische Diskriminierung der Anwohner und der sich dort Aufhaltenden nicht hilft, dann tut es die Statistik, aufgrund derer die professionellen Politiker „denken und handeln“, in diesem Fall also die Polizei in Marsch setzen.

Als „besonders bedrohlich wurden in Politik und Medien“ laut Nora Keller die (größtenteil türkisch- und kurdischstämmigen) „Gangs‘ besprochen, die Jugendliche in den 90er Jahren gründeten und die das Kottbusser Tor zu ihrem Zentrum erklärten“. Ein „bedrohliches Phänomen“ – so ähnlich wie die „Clans“ der arabischen Großfamilien in Berlin, die ebenfalls ständig von der Journaille, vornehmlich der Springerstiefelpresse, angeprangert werden. Es gibt außerdem ein reißerisch aufgemachtes „Spiegel-Buch“ über sie.

Am „Kotti“ gab es vor den „Gangs“ Anfang der Achtzigerjahre schon einmal ein „bedrohliches Phänomen“: die Punker, die sich dort trafen. Die Medien und Politiker behaupteten: Weil dieser Haufen dort säuft und rumpöbelt trauen sich keine Kunden in die Geschäfte dort, denen es deswegen schlecht geht. Diese Hetze ließ erst nach, als die New Yorker Stadtplanungskritikerin Toni Sachs-Pfeifer sich dem Platz widmete und zu dem Schluß kam: Alles Quatsch! Die Omas und Opas kommen von weit her, um sich die Punker am Kotti anzusehen.

„Pressefreiheit!“ – dass ich nicht lache, es sind mehrheitlich angemaßte Ordnungshüter. Die Journaille der Kapitalmedien steht unter dem Zwang zu skandalisieren, ist oberflächlich, d.h. muß täglich neue „Problemfelder“ aufreißen, und ist ohne Einfühlungsvermögen für Arme, Minderheiten und Verhaltensauffällige.

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Bert Papenfuß

Der Dichter Bert Papenfuß starb mit 67 am 26.August 2023. „Papenfuß war der Sohn eines NVA-Offiziers und ging zeitweise in Leningrad zur Schule. Er erlernte den Beruf des Elektronikfacharbeiters, Ton- und Beleuchtungstechnikers. Vor dem Armeedienst als Bausoldat arbeitete er als Theaterbeleuchter in Schwerin und ab 1976 in Berlin. Ab 1980 war er freier Schriftsteller. Da seine Publikationsmöglichkeiten in der DDR eingeschränkt wurden, trug er seine Texte in Begleitung verschiedener Rock- und Punkbands vor,“ heißt es auf Wikipedia.

Ich lernte ihn in den Achzigerjahren in Westberlin kennen, wo er sich eine zeitlang aufhielt und auch heiratete: eine Chicagoer Punksängerin, wenn ich das richtig erinnere. Mit ihr hatte er eine Tochter: Leila. Damals bekamen etliche DDR-Punker eine Ausreisegenehmigung nach Westberlin. Sie vermuteten, dass die DDR-Regierung hoffte, sie würden dableiben. Dem war aber nicht so: Es waren keine Republikflüchtlinge sondern Anarchisten.

Als sie nach der Wende im Prenzlauer Berg die Kneipe „Torpedokäfer“ eröffneten, die dann auch meine Stammkneipe wurde, traf ich Papenfuß dort fast jeden Abend. Hinter der Theke arbeitete Lothar, ein Philosoph, der lange Gutachten und Einsprüche brauchte, um nicht vom Arbeitsamt zum Gärtner umgeschult zu werden. Ironischerweise traf ich dort einmal einen Musiker aus Heidelberg, der ebenso lange gebraucht hatte, um vom Arbeitsamt eine Umschulung zum Gärtner finanziert zu bekommen.

Eine der Kellnerinnen im „Torpedokäfer“ war die junge Frau Djamila, die so bezaubernd war, dass alle möglichen Typen ihr Komplimente und Freundschaftsanträge machten – auf Bierdeckel, Büttenpapier und ausgerissenen Kalenderseiten. Sie sammelte diese Geständnisse und stellte sie irgendwann im „Torpedokäfer“ aus – eine ganze Wand voll. Der Name der Kneipe ging auf den ersten Titel der Autobiographie des expressionistischen Dichters und Schiffsentführers Franz Jung zurück, dessen Buch später unter dem Titel „Der Weg nach unten“ erschien, was in gewisser Weise auch auf die Perspektiven der „Torpedokäfer“-Stammgäste zutraf, die sich nach der Westerweiterung der BRD ihrer regelmäßigen Einkünfte beraubt sahen und zudem oft ihre Wohnungen im Prenzlauer Berg wegen Mieterhöhung oder Eigenbedarf verloren.

Bert Papenfuß war mit dem dissidentischen Verlag „Basisdruck“ liiert und forschte nebenbei über Piraten. Ihm verdanke ich einige Ideen für meine Texte, die dort veröffentlicht wurden – übrigens nach dem alten linksradikalen Prinzip „Wer schreibt der zahlt“. In diesem Verlag erschienen nacheinander auch die Zeitschriften „Sklaven“, „Sklaven Aufstand“, „Gegner“ und zuletzt „Abwärts“, dessen 54. Ausgabe Morgen am 26.3. in der Prenzauer-Berg-Anarchospelunke „Baiz“ vorgestellt wird. Papenfuß war bei allen Redakteur und ich gelegentlich Autor.

Außerdem veröffentlichte er ab und zu, ebenso wie ich, ein Buch im Verlag von Peter Engstler, der in der Rhön lebte und dort alle zwei Jahre eine dreitägige Lesung auf der Jungviehweide „Kalte Buche“ veranstaltete. Als Engstler seine Verlagstätigkeit aufgab, wanderten wir mit unseren Büchern zum Verlag „Moloko“ von Ralf Friel in Sachsen-Anhalt, bei dem Papenfuß zunächst als Korrektor meiner Tierbücher fungierte.

Nach dem „Torpedokäfer“ hatte er mit zwei Freunden das „Kaffee Burger“ eröffnet dessen Attraktion die „Russendisko“ von Wladimir Kaminer war. Alle vier wurden damit reich – vorübergehend. Papenfuß stieg nach einer Weile aus diesem Touristenmagnet aus und bekam dafür ein paar Jahre lang eine Rente. Dann eröffnete er zusammen mit Mareile Fellien, die ihn inzwischen geheiratet hatte, die „Kulturspelunke Rumbalotte“ im Prenzlauer Berg – als Ausweichquartier für die „Torpedokäfer“-Freunde.

Das Wort „Rumbalotte“ geht auf einen Witz des Künstlers Thomas Kapielski zurück: Drei Matrosen vergleichen ihre reichlich tätowierten Schwänze, wobei sie über einen lachen, der nur „Rumbalotte“ auf seinem Schwanz stehen hatte. Er brachte sie jedoch zum Staunen als daraus im erigierten Zustand der Satz „Ruhm und Ehre der baltischen Rotbannerflotte“ wurde.

Der Arbeitsamts-Coach empfahl Mareile und Bert immer wieder, sie sollten sich zwecks Umsatzerhöhung für die Touristen fit machen – mit Mixgetränken und ähnlichem Hawaii-Gelumpe, aber sie wollten ja gerade keine Touristen in ihrem Laden haben. Irgendwann traten sie ihn an die Malerin Cindy ab, eine quasi professionelle Gastronomin, und Papenfuß/Fellien mieteten einen Raum in einer stillgelegten Pankower Brauerei an – als Rumbalotte II, für die sie einen Unterstützerverein gründeten. Die Rumbalotte I blieb jedoch, von Cindy umbenannt in „Watt“, Stammkneipe und Veranstaltungsraum der Scene um Papenfuß/Fellien. „Cindy und Bert“ kennt man in der BRD nebenbeibemerkt als gruseliges Gesangsduo. Jetzt soll Cindys „Watt“ gerade wegen einer Mieterhöhung weichen und Kai Pohl, einer der Papenfuß-Dichterfreunde, ruft zu einer Rettungsaktion der Kneipe auf:

Als Papenfuß starb, war ich entsetzt, denn er war der wunderbarste Integrator der Scene gewesen und ein extrem freimütiger Denker: So stellte er z.B. den arbeitslos gewordenen Stasi-Offizier, der die IM für die Prenzlauer-Berg-Anarchos betreut hatte, als Türsteher im „Kaffee Burger“ ein und veröffentlichte dessen Agitprop-Gedichte im „Gegner“. Und mit seinem quasi persönlichem IM Sascha Anderson bestritt Papenfuß nach 2000 gemeinsam Dichterlesungen – z.B. auf der „Kalten Buch“ in der Rhön. 

Papenfuß plötzlicher Tod beendete seine Herausgabe der Autobiographie von Norbert „Knofo“ Kröcher, ein (west-)„deutsches Mitglied der terroristischen Vereinigung Bewegung 2. Juni“, wie es auf Wikipedia heißt. Dessen ersten Band hatte Papenfuß im Basisdruck-Verlag veröffentlicht und den zweiten hatte er fast fertig lektoriert. „Knofo“ war zuletzt ehrenamtlicher Feuerwehrhauptmann in Brandenburg gewesen und hatte sich 2016 erschossen. Vielleicht weil er die Schnauze voll hatte.

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Wehrertüchtigung

In den sozialen Medien tauchen plötzlich lauter Soldaten- und Waffenfotos aus dem Zweiten Weltkrieg auf. Daneben Fotos von jungen hübschen ukrainischen und israelischen Soldatinnen. Eine Wirtschaftszeitung titelt „Waffenhersteller fahren Rekordgewinne ein“. Auf „Panorama“ heißt es „Mehrheit für US-Atomwaffen in Deutschland“. „Newsweek“ meldet „Rob Bauer, Vorsitzender des Nato-Militärausschusses, sagte kürzlich, dass das Bündnis „bereit für eine direkte Konfrontation mit Russland sei, während das Land in der Ukraine weiter kämpft.“

In seinem Buch „Himmel über Charkiw” bezeichnet der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan die Russen laut „Die Zeit“ als “Horde”, “Verbrecher”, “Tiere”, “Unrat”. Der Friedenspreisträger meinte: “Die Russen sind Barbaren, sie sind gekommen, um unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Bildung zu vernichten. Brennt in der Hölle, ihr Schweine.” Fabio De Masi postete: „Jeden Morgen an dem ich den Bundestag betrat, war ich stolz der Bevölkerung ztu dienen, der eine große Inschrift gewidmet ist. Andere halten es für angemessen, den Reichstag in einen Bazar für die Rüstungsindustrie umzuwidmen.“ „Aufgrund der schweren Völkerrechtsverletzung durch den offenbar geistig gestörten Autokraten Putinlehnen wir ab sofort die Behandlung russischer Patienten ab,“ postete Prof. Dr. Ortrud Steinlein aus München.

„Krieg ist verdichteter Friede!“ meint der Kriegsschriftsteller Roland Linowski in seinem Roman „Stille Erde“. Das Bündnis Sahra Wagenknecht plakatierte: „Angriffe auf Russland über Wiesbanden. Dieser Wahnsinn muß aufhören!“ In Wiesbaden sitzen amerikanische und ukrainische Offiziere und bereiten von dort aus Angriffe mit Raketen und Drohnen auf Russland bzw. russische Truppen vor. Das ukrainische Model Milena erklärt im „Playboy“: „Warum ich mich trotz Krieg nackt zeige“. Die Frau von Wladimir Selensky posierte derweil für „Vogue“ in einem Mantel von Gucci vor einem abgeschossenen russischen Kampfflugzeug. In der britischen Nationalgalerie wurde das Gemälde „Russische Tänzer“ umbenannt in „Ukrainische Tänzer“.

Der FDP-Politiker Alexander Graf Lambsdorff schimpft: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch.“ Florence Gaub, stellvertretende Leiterin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien urteilte in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben.“

Beweis: Wer hat den Treuhandchef Detlev Rohwedder 1991 erschossen? „Ein Russe!“ (hieß es anfänglich sofort)

Wer hat im Kalten Krieg mit U-Booten vor der schwedischen Küste die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt? „Die Sowjetunion!“ 2021 erklärte jedoch ein hoher US-Militär stolz: „Das waren wir, wir haben dafür extra italienische U-Boote geleast“.

Wer manipulierte die US-Wahlen? „Die Russen!“ (Russische Hacker)

Wer beschießt das von russischen Truppen eingenommen ukrainische AKW „Saporischschja“? „Die Russen!“

Wer sprengte die zwei Northstream-Pipelines in die Luft? „Die Russen!“

Ursula von der Leyen kündigte nach den Sprengungen sofort „härteste Konsequenzen“ an. Die CIA hatte zuvor bereits verlauten lassen, dass es dazu kommen werde. US-Präsident Joe Biden sagte in einer Pressekonferenz im Beisein von Olaf Scholz: „Wenn die Russen in die Ukraine einmarschieren, wird es keine Pipelines mehr geben. Wir werden das schaffen, versprochen.“ Victoria Nuland vom US-Senatsausschuss für auswärtige Beziehungen erklärte: Wenn die Russen weiter die Ukraine angreifen, wird das einen „direct impact on the pipelines“ haben. Wir erwarten, dass die Pipelines „suspended“ werden.

Ironischerweise gibt es jetzt amerikanische Interessenten, die die Pipeline kaufen und reparieren wollen.

Auf einem Video sagte der ehemalige US-Senator Richard Black: „Es ist uns egal, wie viele Ukrainer sterben – wir wollen gewinnen. Die Entscheidung über den Kriegsverlauf und auch über das mögliche Ende liegt alleine in den Händen Washingtons.“

Die Zeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft berichtet in ihrer Ausgabe 9/24 über die Anstrengungen, die Bundeswehr „in die Mitte der Gesellschaft“ zu holen. Bereits 2022 hatte die FDP-Bildungsministerin Stark-Watzinger die Schulen aufgefordert, mehr Bundeswehr-Offiziere einzuladen. Außerdem sollten die Schulen die Kinder auf einen möglichen Kriegsfall vorbereiten und Zivilschutzübungen einführen. Die Hochschulen sollten sich für Militärforschung öffnen. Vor allen Söder forciert diesen Trend zur neuen Wehrhaftigkeit. Laut Koalitionsvertrag der Ampelkoalition sollen die Ausbildung und Dienst an der Waffe erst ab 18 Jahren möglich sein, aber Deutschland gehört zu einer Minderheit von 46 Staaten, die Minderjährige für das Militär anwerben – 2023 waren es 2000, darunter 315 Mädchen.

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Der Lehniner Spielplatz für sone:

und solche:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Alles Banane https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/10/17/alles-banane/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/10/17/alles-banane/#respond Thu, 17 Oct 2024 16:36:30 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=14864 Bananen-Gene

Etwa 98,5 Prozent unserer Gene sind mit denen von Schimpansen identisch, mit Bananen teilen wir jedoch nur 50 Prozent unserer Gene. „Der Mensch ist zur Hälfte eine Banane“, titelte darob die Berliner Morgenpost. 

 

„Alles Banane“ ist ein Kinderlied des Komponisten Manfred Kindel:

„Wenn am Morgen ein Nashorn kräht
und im Zimmer ein Nilpferd steht,
wenn ein Igel dich zärtlich küsst
und ein Seehund dein Müsli frisst:

Dann ist wieder mal alles Banane, dann ist wieder mal alles klar,
dann ist wieder mal alles Banane, dann ist wieder mal alles klar.“

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Eine Bananengeschichte von Jasmin Lindinger (Klasse 2.c) aus der Sicht einer Banane:

„Ich wohne auf einer Bananenplantage in Südamerika. Da ist es sehr heiß. Mit 200 Bananenfreunden hänge ich dort auf einer Staude. Auf einmal kommen zwei Männer und schneiden mich vorsichtig mit einer Machete von der Staude. Ein Schiff bringt mich in ein anderes Land. Das war eine Schauklerei! Mir ist noch immer ganz schlecht. Mit einem Lastwagen fahre ich in die Reiferei. Dort muss ich vier bis acht Tage reifen. Dann komme ich schön gelb in ein Geschäft. Ich hoffe, mich kauft ein nettes Mädchen!“

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Eine Antifagruppe in Dresden rief daraufhin zum Bananenboykott auf

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Aber wo kommen die Bananen her, d.h. zu uns?

Auf „helles-koepfchen.de“ heißt es dazu: Als der makedonische König Alexander der Große mit seinem griechischen Heer seinen Feldzug durch Asien veranstaltete, kosteten er und seine Mitstreiter wahrscheinlich im Jahr 327 vor Christus zum ersten Mal eine Banane. In den folgenden Jahren erlangte die Frucht auch in Europa einen gewissen Bekanntheitsgrad – namentlich erwähnt wird sie zum Beispiel in den Texten der altgriechischen Schriftsteller Megasthenes und Theophrastos sowie in den Werken des römischen Autors Plinius des Älteren.

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Bananenbaum in den Tropen

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Bananenbaum im Harz

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Das Wort Banane gelangte Wikipedia zufolge über das portugiesische banana ins Deutsche. Es stammt ursprünglich aus einer westafrikanischen Sprache, vermutlich aus dem Wolof

Bananen, auch Paradiesfeigen genannt, sind eine Pflanzengattung in der Familie der Bananengewächse. Es gibt etwa 80 Arten. Einige Arten bilden essbare Früchte aus, von den die „Dessertbanane“ (Musa x paradisiaca) als Nahrungsmittel angebaut wird. Der Fruchtstand von Bananen wird als „Büschel“ bezeichnet.

Ein „Büschel“ kann aus 6 bis 19 sogenannten „Händen“ bestehen, welche die einzelnen Reihen eines Büschels umfassen. Die einzelnen Früchte, die botanisch zu den Beeren gehören, werden meist 20 bis 35 Zentimeter lang und auch als „Finger“ bezeichnet. Sie sind länglich geformt, meist gekrümmt.

Auf den Staudenblättern der Dessertbanane breitet sich der Pilz Black sigatoka aus, weshalb industriell betriebene Bananenplantagen einmal pro Woche mit Fungiziden besprüht werden.

Im Vergleich mit anderen Obstsorten enthalten die herkömmlichen Zuchtbananen viel Fruchtzucker, also viele Kohlenhydrate und deshalb viel Nahrungsenergie. Aus diesem Grund…,Wikipedia schreibt jedoch: Dennoch… sind Bananen neben den Äpfeln das beliebteste Obst der Deutschen. Eine Umfrage aus dem Jahr 2015 besagt, dass der Durchschnittsbürger in Deutschland pro Jahr ca. 12 Kilogramm Bananen verzehrt.

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Bananenpflücker

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In Manila gerieten wir an einem Nachmittag in einen Taifun.

Wellblechdächer flogen durch die Luft und alle Bananenbäume, die von der Stadtverwaltung zur Verschönerung auf kleine Grünflächen gepflanzt worden waren, wurden umgeknickt, zerfleddert und in alle Winde versreut. Wir flüchteten uns in eine Karaoke-Bar. Als wir unseren Spaziergang am Abend fortsetzten, bot sich uns ein Bild der Verwüstung. Mir taten vor allem die frisch gepflanzten Bananenstauden leid.

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Bananenwaggon von Märklin

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Die Banane hat es in sich

Im September 2024 meldete der WDR aus Mönchengladbach: In mehreren Lebensmitteldiscountern in der Region ist kiloweise Kokain in Bananenkartons aufgetaucht. Die insgesamt 95 Kilogramm Kokain haben einen geschätzten Wert von mehr als sieben Millionen Euro auf dem Schwarzmarkt, sagt die Polizei Mönchengladbach.

Die „Kronen-Zeitung“ meldete im November 2024: „Verdeckte Ermittler. Getarnt als Bananen stellten die Beamten in den vermeintlichen Obstkisten nicht weniger als 740 Kilo Kokain sicher.“ Die Polizisten konnten für ihren Einsatz zwischen vier verschiedenen Bananenkostümen wählen:

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Nach diesen weissen Punkten suchten die Einsatzkräfte nicht. Es handelt sich dabei um ein Spinnennetz:

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Die Polizisten entschieden sich alle für die gelben Kostüme, obwohl der Einsatzleiter vergessen hatte, erst einmal zu recherchieren, in welchem Reifezustand sich die Bananen mit dem Kokain in der Lagerhalle gerade befanden.

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In Bremen gab es einen Ermittler

Er untersuchte die im Hafen angelandeten Bananen daraufhin, ob sich in den Büscheln nicht eine große Spinne oder eine Schlange verbarg, die womöglich giftig waren. Das kam gelegentlich vor. Die Tiere landeten dann meist in einem der Terrarien im „Aquarium“ des Bremer Überseemuseums, das es inzwischen jedoch nicht mehr gibt.

In den Hallen für Bananen im Bremer Überseehafen werden sie unreif eingelagert

Um sie alle auf einmal reifen zu lassen, wird in die Halle das Reifegas Ethylen in konzentrierter Form reingeblasen. Vor der Einlagerung wird die geringe Menge Ethylen, die sich in der Hallenluft befindet, rausgefiltert, um die Lagerzeit für die Bananen zu verlängern.

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Neil Langley (52) aus Wolverhampton (Großbritannien)

Er wollte in seiner Mittagspause gerade sein Essen verzehren, als er eine Spinne zwischen seinen Bananen bemerkte. Schnell schloss er sie in eine Tupperdose ein – und ging in ein Meeting. Langley sagte dem britischen „Mirror“: „Ich fand sie gar nicht so angsteinflößend, aber meine Kollegen waren doch sehr besorgt.“ Einer von ihnen rief bei der Tierschutzorganisation RSPCA an, deren Mitarbeiter das Tier aus der Ferne als Brasilianische Wanderspinne identifizierten.

Erst einmal werden alle beim Anlanden oder später zwischen den Bananen entdeckten Spinnen als „Bananenspinnen“ bezeichnet.

 

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Nach der „D-Day“-Affäre startete Die Linke nun ein „Bananen-Challenge“ gegen Lindner

Damit soll des FDP-Chefs Krisenmanagement konfrontiert werden: Wer hält länger durch – die Banane, bis sie verfault ist und entsorgt werden muß oder Lindner, der bereits angeschlagen ist und vielleicht ebenfalls bald von seiner Partei entsorgt bzw. endversorgt wird?

Die taz schrieb daraufhin:

Ob Kritik am Kunstmarkt oder Christian Lindner – egal, was schief läuft, sie muss dafür herhalten. Als Mittel für rassistische Beleidigungen im Fußballstadion, als sexuell aufgeladener Gegenstand, um Frauen herabzuwürdigen, als Beleidigung für wenig kluges Verhalten, als abwertende Bezeichnung für korrupte Staaten…Doch wieso eigentlich immer die Banane? Ihre Form allein kann nicht erklären, warum sie als Symbol für allerlei krumme Dinger herhalten muss.

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„Egal wie Banane“

Die „Freiwilligenhelferin“ in einer südafrikanischen Aufzuchtstation für verwaiste Paviane und Meerkatzen, Michi Schreiber, hat nach ihrem erfolreichen Erlebnisbericht „Unbändig – Wie ich nicht nur Affen auswilderte sondern auch mich selbst“ (2022) nun einen weiteren Bericht über ihre Affenliebe veröffentlicht – zusammen mit dem Kriminalbeamten Marc, den sie inzwischen geheiratet hat. Ihre Flitterwochen verbrachten die beiden auf der südafrikanischen Affenstation. Das Buch, dass sie danach veröffentlichten hat den Titel: „Unter Affen – Unsere Reise als Freiwilligenhelfer in Südafrika“.

Daraus sei hier folgende Passage von Michi zitiert:

„Der weiße Truck hatte einen Berg Bananen an der Futterstation abgeladen. Zusammen mit ein paar anderen war es nun unsere Aufgabe, diese nach Reifegrad zu sortieren, sie im Anschluss daran zu waschen und dann zu lagern. Sehr weiche Bananen kamen ins Kühlhaus, die fast reifen Bananen ins Lager und die unreifen unter eine Plane.

‚Wie lange brauchen wir?‘ fragte Marc.

‚Ich würde sagen, so zwei Stunden, wenn wir uns beeilen.‘ Dann schnappte ich mir einen Korb, setzte mich an den Fuß des Bananenberges, schaltete Gute-Laune-Musik an und sortierte los. Hin und wieder wechselten wir die Plätze, sodass wir immer neue Gesprächspartner hatten und es nicht langweilig wurde. Zuletzt brachten wir den Korb mit den aussortierten verschimmelten Bananen auf den Trailer, ein Anhänger, auf dem das gammelige Obst gesammelt und später zum Kompost gebracht wurde.“

Als der weiße Truck eine Woche später erneut Bananen für die Affen brachte, sortierten alle Freiwilligenhelfer den „riesigen Bananenhaufen und lagerten das ältere Obst noch mal um. Die Bananen aus der letzten Woche, die noch nachreifen mußten, würden nun essbar sein. Daher mußten wir sie ins Kühlhaus bringen, sonst wären sie binnen zwei Tagen verdorben. Marc, zwei weitere Helfer und ich sollten den großen Haufen mit den reifen Früchten abtragen, während ein anderes Team die neuen Bananen sortierte und wiederum andere diese in der Badewanne wuschen. Ein letztes Team stapelte die Körbe mit dem Obst um. Was nach vielen Helfern klingt, waren tatsächlich auch an die 20 Leute, und dennoch brauchten wir den ganzen Morgen für die Arbeit. Kurz bevor wir fertig waren, schrie die Helferin, die uns gegenübersaß, jedoch panisch los:

‚Schlange!‘

Wir allen machten einen Satz zurück. Denn am gefährlichsten ist eine Schlange, wenn man sie nicht sieht und dadurch versehentlich bedroht oder einengt. Eigentlich sind die Tiere vor allem Menschen gegenüber sehr friedlich…Das Wichtigste war nun, das Tier zu finden. Irgendwo in den restlichen Bananen mußte es sich versteckt haben…Jasmin fragte das Mädchen, das die Schlange gesehen hatte, wie groß sie war. ‚Etwas dicker als mein Finger und vielleicht einen halben Meter lang‘, sagte sie zitternd. Dann zog Jasmin an einem Ende der vier Meter langen Plane und ich am anderen. Die Bananen kullerten runter und mit ihnen eine kleine Schlange:

eine Erdviper.

Das Tier, das durch die Anwesenheit so vieler Menschen vermutlich sehr gestresst war, zischte in unsere Richtung, ehe es davon kroch. Danach waren alle Helfer sehr viel vorsichtiger und keiner fasste mehr blind in den Bananenhaufen.“

Marc hat dazu Folgendes geschrieben:

Als der völlig überfüllte Truck um die Ecke fuhr, kullerten links und rechts immer wieder Bananen herunter, und als der Fahrer abbremste, fiel ein Haufen Früchte von der Ladefläche. Das bedeutete nichts Gutes! Zu allem Überfluß mußte ich auch noch die herangereiften Bananen sortieren. Manche von ihnen schienen jedoch zu reif und waren innerhalb von zwei Tagen unter der Plane verdorben. Durch meine Arbeit als Polizist habe ich schon so einiges gesehen, aber nichts ist für mich so ekelerregend wie verdorbene Lebensmittel. ‚Wir kann man sich nur so bei ein paar zu weichen Bananen anstellen, wenn man keine Probleme damit hat, Tote zu identifizieren‘, zog Michi mich auf und hatte tatsächlich recht. Die Obduktion und Identifizierung Toter empfand ich in den meisten Fällen sogar spannend. Aber einer schimmelnden Banane konnte ich nichts abgewinnen.

Ein vorbei fliegender Klumpen Bananenmatsch riss mich aus meinen Gedanken, und als ich das freche Lachen von Michi sah, hatte ich den Übeltäter identifiziert. Auch wenn ich mich dafür gewaltig revanchieren wollte und mir bereits eine fiese Banane rausgesucht hatte, die ich für die Rache sogar bereit war anzufassen, musste meine Retourkutsche aufgrund der Schlangensichtung leider verschoben werden.“

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Auf Twitter wird derzeit ein „Bananentrick“ diskutiert

Um an der Supermarktkasse genug Zeit zum Einpacken der Ware zu haben soll man die Bananen einzeln wiegen und die Barcodes genau in die Krümmungen kleben. Das bremst die Kassiererin ab:

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Noch mehr hassen es die KassiererInnen, wenn jemand beim Bananenkauf die Schale vorher abpellt und im Laden läßt. Der Kassierer auf dem folgenden Foto rächte sich, indem er die Eier zerbrach, die Schalen weg warf und nur Eiklar mit Dotter im  Karton verkaufte:

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Bananen ohne Schale zu kaufen kommt nicht gut an beim Kassierer

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Im Bielefelder Sex-Shop von Klaus und Uschi

Dort wurden lange Zeit neben Dildos und DVDs auch Gurken, Zucchinis und Bananen verkauft. Das scheint nun den Gestalter für eine Buchwerbung inspiriert zu haben (siehe weiter unten). In dem Sex-Shop wurde das Obst und Gemüse jedoch nach einiger Zeit wieder aus dem Angebot genommen, weil es, so das Besitzer-Ehepaar, schneller vergammelte als es gekauft wurde. Die Bananen-Pornos (ein eigenes Genre) ließen sie jedoch im Regal. Auf dem Berliner Pornfilm-Festival meinte eine Schweizer Pornodarstellerin: „Mir sind ehrlich gesagt Bananen und Gurken lieber als Männer“.

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In der taz wurde einmal eine Bild von Endart abgedruckt

Es zeigte eine Banane in einer Möse steckend. Wegen dieser „Pornoseite“, die auch noch aus Versehen am Frauentag 8. März erschien, kam es zu einem Streik der taz-Frauen, der jedoch ohne Forderungen blieb, nur dass der verantwortliche Redakteur und ein Autor für ein paar Tage beurlaubt wurden, wobei einige der streikenden Frauen ihnen versicherten, der Protest sei nicht gegen sie persönlich gerichtet. Es war eher eine unkonventionelle taz-werbeaktion. Die taz-Anzeigenabteilung war nie besonders erfolgreich beim Acquirieren von lohnenden Großanzeigen. Erfolgreicher waren immer nicht-journalistische Aktionen wie taz-Frauenstreiks, taz-Skandale, taz-Notrufe wegen drohender Pleite etc. Auch größere Katastrophen wie der Reaktorunfall in Tschernobyl oder eine Öltanker-Havarie bewirkten jedesmal eine gehörige Auflagensteigerung, während die jetzige Triplekatastrophe Corona-Ukraine-Gaza wohl erst dann in der Hinsicht greift, wenn Russland und/oder der Westen Atombomben an der ukrainischen Front zum Einsatz bringt. Am 19. November 2024 hat die taz darauf bereits spekuliert mit ihrem Seite-1-Aufmacher-Bild, das keine LGBTQIA- sondern eine gerade abgeschossene ATACMS-Rakete zeigt, die nun laut dem Amipräsidenten doch auf Russland abgeschossen werden darf und auch prompt wurde. Dazu kam eine neckisch-russophobe taz-Überschrift: „Last-Minute-Flüge nach Russland“.

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„Ausgerechnet Bananen!“ 

So lautet der deutsche Titel des US-amerikanischen Foxtrottschlagers „Yes! We have no  Bananas“ mit der Melodie von Irving Cohn und dem Text von Fritz Löhner-Beda, der ihn 1923 schrieb. Die deutsche Ausgabe dieses Foxtrotts erschien zunächst als „Bananen-Shimmy“ beim Wiener Bohème-Verlag. (Wikipedia)

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In den Potsdamer Gewächshäusern des Schlosses Sanssouci wurden Bananen geerntet, von denen der König sich laut Thomas Hettche (in: „Pfaueninsel“ 2016) eine Linderung seiner Gicht erhofft hatte.

Im Aquarium des Westberliner Zoos werden noch heute die Bananenstauden am Krokodilbecken abgeerntet.

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Auf der Mondbasis trat auf dem Jahresendfest eine Gurkentruppe auf

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Eine aggressive Pilzerkrankung bedroht laut „oekotest.de“ Bananen-Plantagen weltweit

Die Bananenkrankheit TR4 trifft ausgerechnet die Sorte, die 99 Prozent aller Exportbananen ausmacht.

  • Eine Pilzerkrankung namens Tropical Race (TR4) bedroht die Bananensorte Cavendish. Ein Gegenmittel gibt es bislang nicht.
  • Jetzt ist der Pilz auch in Costa Rica angekommen. Das Land hat den phytosanitären Notstand verhängt. 
  • Für Menschen ist der Pilz ungefährlich, für die Bananenpflanze allerdings tödlich..

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„Quarks.de“: Bananen sind die radioaktivsten Früchte

Eine durchschnittliche Cavendish enthält etwa 0,4 Gramm Kalium, das zu 0,01 Prozent aus dem radioaktiven Kaliumisotop K-40 besteht. Eine Banane gibt deswegen 12 Becquerel radioaktive Beta- und Gammastrahlung ab. Wer eine Banane isst, wird umgerechnet mit etwa 0,0001 Millisievert Strahlung “belastet“. Im Vergleich ist das sehr wenig. Bei Flugreisen beispielsweise ist die Belastung durch Höhenstrahlung stärker. Wie stark, hängt von der Flugdauer, -höhe, -route und Sonnenaktivität ab. Für Gelegenheitsflieger ist die Strahlenbelastung durch das Fliegen jedoch genauso gering und gesundheitlich unbedenklich wie das gelegentliche Verzehren von Bananen.

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Die Bananenkäuferin Elizabeth Bagaya auf dem Markt in Kampala

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„Warum sind Bananen krumm?“

So lautet der Titel eines Kinderbuches. Der SWR hat die Frage so beantwortet: Die Erklärung findet man schnell, wenn man Gelegenheit hat, Bananen beim Wachsen zuzusehen. Am Anfang, wenn die Bananen noch klein sind und zwischen den Blättern herauswachsen, wachsen sie nach unten. Wenn sie dann größer werden und die Blütenblätter abgefallen sind, wachsen sie zunehmend nach oben Richtung Licht. Das heißt, sie verändern die Richtung im Laufe des Wachstums; dadurch werden sie krumm.

Man kann das auch im Laden sehen: Es gibt ja inzwischen auch bei uns diese kleinen Baby-Bananen zu kaufen. Die haben nur wenig Krümmung. Sie werden so gezüchtet, dass sie klein bleiben und damit gar keine Gelegenheit haben, während des Wachstums „ihren Kurs zu ändern“.

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In den Siebzigerjahren besuchte ich den Ostberliner Tierpark

Dort nahm mich die Menschenaffenpflegerin mit hinter die Kulissen. Durch die dort vergitterte Tür zum Schimpansenkäfig sah ich, wie eine Schulklasse das Affenhaus betrat. Ein älterer Schimpanse schälte gerade eine Banane. Die Kinder schauten ihm zu und auf die Banane. Das merkte der Schimpanse irgendwann und ging näher an die Glaswand heran. Die Kinder freuten sich. Aber als er plötzlich seine Banane an der Scheibe zerquetschte und diese langsam in das Sägemehl rutschte, fingen zwei Kinder an zu weinen. Der Lehrer verließ daraufhin mit der Klasse eilig das Affenhaus. Die Pflegerin erklärte mir später, dass die Südfruchtverschwendung der Tiere in den DDR-Zoos wirklich ein Problem sei.

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Man erinnert sich vielleicht noch an das viel zitierte Wende-Cover der Titanic: Es zeigt eine lächelnde junge Frau, die eine geschälte Gurke in der Hand hält. Dazu heißt es auf dem Cover:

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Zwei sehr kritische DDR-Frauen beim Bananenkauf im „Konsum“

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Jetzt hat die Ostberliner Kulturanthropologin Luise Meier in ihrem Roman „Hyphen“ (2024) ebenfalls das Bananenthema aufgegriffen

Es geht in dem Buch um eine Neuorganisation des Sozialen und Ökonomischen nach dem Zusammenbruch der Energiesysteme in den Jahren 2025-2027. Der Kapitalismus wurde damit nicht durch den Klassenkampf „besiegt“, sondern quasi technisch weggewischt.

Eine der Protagonistinnen, Maja, empfand heimlich „eine große Genugtuung, als Bananen praktisch nirgendwo mehr in Deutschland aufzutreiben gewesen waren. Sie waren eben genau das Symbol dafür gewesen, dass im Kapitalismus die vermeintliche Freiheit der einen mit der Unterdrückung, Ausbeutung und massiven Zerstörung der Lebensräume der anderen untrennbar verkettet gewesen war.“

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Luise Meier. Vor ihrem Roman „Hyphen“ veröffentlichte sie eine theoretische Arbeit mit dem Titel „MRX-Maschine“

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(Es gibt inzwischen mehrere Bücher über die blutige Geschichte der US-Bananenplantagen in Südamerika, neuerdings geht es den Autoren dabei jedoch vor allem um den ökologischen Anbau von Bananen und um Fair-Trade.)

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Arnold Schönberg beim Nachdenken über die Komposition einer Bananensymphonie. Er raucht dabei getrocknete Bananenschalen.

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„Maja hatte es nicht verwundert, „dass das alte Logo der United Fruit Company noch bis zur Umbenennung in Chiquita 1944 ein Gewehr geziert hatte und die Profite des neokolonialen Unternehmens in den Zweitausendern direkt in kolumbianische Todesschwadrone und Paramilitärs geflossen waren. Was man auch tat, wie man den Einkaufszettel auch drehte und wendete, es war ein Kolonialverbrechen, ein Sklavenhandel, ein Landraub gewesen.“

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Harry Belafonte singt seinen berühmten „Bananaboat-Song“.  In Deutschland hat der Komponist Rolf Zuckowski daraus ein Bananenbrot-Lied gemacht: „Theo, The-e-e-o/Komm und hilf mir in meiner Not!/The-, lieber The-, lieber The-/ Lieber The-, lieber The-e-e-o,/ Bitte mach mir ein Bananenbrot!“

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Für die hiesigen Konsumenten bedeutete dies laut Luise Meier: „Die Bananen hatten sich in den Supermärkten gestapelt wie Siegessäulen des Antikommunismus, Triumphbögen des Neokolonialismus – nicht die Bananenrepublik hatte die Banane in deiner Hand hervorgebracht, sondern die Banane in deiner Hand die Bananenrepublik. Die Gewalt jenseits des konsumierenden Bewußtseins hatte sich an der Harmlosigkeit des Produkts genährt, das sich als Frucht ausgegeben hatte.“

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Die eigentlichen Früchte wurden jedoch Luise Meier zufolge „auf amerikanische und Schweizer Konten gelagert, haltbar gemacht in der Abstraktion“. Es wurmte Maja ein bißchen, dass der Kapitalismus mit dem Stromnetz nun einfach in sich zusammengebrochen war und man sich nicht mehr „irgendwie an ihm rächen konnte“.

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Lange vor diesem Meierschen Systemzusammenbruch besuchte ich Israel und dort u.a. einen Kibbuz am See Genezareth

Im Speisesaal meinte eine Frau zu mir, die neben mir saß: „Wenn Du statt an unserem Bananenhain nicht zum Kibbuzhaupteingang links abgebogen sondern geradeaus gefahren wärst, wärst du nach 15 Kilometern zum Paradies gekommen. „Meinst Du das biblische Paradies?“ fragte ich sie ungläubig. Ja, das meinte sie. Erschüttert dämmerte es mir, dass selbst die Sozialisten in den Kibbuzen die Bibel inzwischen als Grundbuch (Kataster) lasen. Eine Studie bestätigte das kürzlich: Immer mehr Israelis werden gläubig.

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Das liegt aber wohl nicht an der paradiesischen Frucht Banane, die im Christentum eine eher spirituelle Symbolik hat: „Ihre schützende Schale steht für Gottes Liebe, ihr Wachstum in Büscheln symbolisiert die christliche Gemeinschaft und ihr Reifungsprozess spiegelt die geistliche Reife wider,“ heißt es auf „christianpure.com“

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So eine Banane wie diese hier im Bild wurde eine Zeit lang in Berlin von außen an Kunstgalerien gesprayt. Die Galeristen fanden das anscheinend gut.

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Jedesmal wenn ich bei meiner Freundin übernachte, legte sie mir am Morgen nach dem Frühstück eine Bio-Banane auf meine Aktentasche

Später im Büro esse ich sie am Schreibtisch. Wenn ich zu Hause schlafe, kaufe ich mir auf dem Heimweg Abends bei einem Spätkaufladen zwei ChiquitaFyffes-Bananen: Eine esse ich sogleich am Schreibtisch, die andere nehme ich Morgens mit ins Büro.

Bio-Bananen ist klar, es sind angeblich ungespritzte, über einen Fair Trade via Biosupermarkt über uns gekommene Südfrüchte. Eine Organisation, die sich dazwischen bewegt, ist die Bananalink (bananalink.org.uk). Sie hat laut eigener Aussage „a long track record of making a real difference to the lives of plantation workers, small scale farmers and their communities, and has made a significant contribution to making tropical fruit export production more ethical and sustainable.“

ChquitaFyffes-Bananen sind etwas ganz anderes: 2014 fusionierte der amerikanische Schweinekonzern Chiquita mit dem irischen Konkurrenzunternehmen Fyffes (mit seiner Marke „Sol“). Die Welt schrieb: „Damit entstehe das neue Unternehmen ChiquitaFyffes mit einem Umsatz von 4,6 Milliarden Dollar (3,3 Milliarden Euro), teilten die Unternehmen in einer gemeinsamen Erklärung mit. Chiquita werde einen Anteil von 50,7 Prozent halten, Fyffes 49,3 Prozent. Durch die Fusion entsteht aber nicht nur ein neuer Bananen-Riese, sondern auch ein Schwergewicht im Bereich abgepackte Salate, Melonen und Ananas. Es zählt rund 32.000 Beschäftigte und wird in mehr als 70 Ländern präsent sein. Durch die Fusion versprechen sich beide Unternehmen Einsparungen in Höhe von umgerechnet 28,8 Millionen Euro. Gemeinsam überholen die beiden Unternehmen nach Zahlen der Marktbeobachter der Organisation Bananalink mit 27 Prozent Weltmarktanteil knapp den bisherigen Marktführer, den US-Konzern Dole (26 Prozent). Zusammen mit dem ebenfalls amerikanischen Konzern Del Monte und Noboa aus Ecuador beherrscht das Firmenquintett fast 80 Prozent des Weltmarkts.“

All das ist ziemlich unappetitlich. Die „Welt“ schreibt: „Die Marktmacht der wenigen großen Lieferanten könnte also [aufgrund der Fusion] zunehmen. Ob es in den deutschen Supermärkten zu steigenden Preisen kommt, ist dennoch keine ausgemachte Sache. Denn den Bananenkonzernen stehen ebenfalls große Abnehmer gegenüber, in Deutschland etwa die vier großen Gruppen um Edeka, Rewe, Aldi und Lidl. Bei ihnen werden sich die Lieferanten schwer tun, höhere Preise durchzusetzen, denn Bananen gelten – ebenso wie beispielsweise Frischmilch – als typisches Produkt, an dem die Verbraucher die Preiswürdigkeit eines Ladens insgesamt bemessen. Die Handelsketten wissen um diese Signalwirkung und werden deshalb darum kämpfen, die Endverbraucherpreise niedrig zu halten.

Für die Preiszusammensetzung spielen Lieferanten wie Chiquita eine wichtige Rolle. Der Marktexperte Denis Loeillet hat die Endverbraucherpreise auf den Anteil der Wertschöpfungsstufen hin analysiert. Ergebnis: Auf die Lieferanten entfällt mit 43 Prozent der dickste Brocken. Rund 25 Prozent kassieren die Reifereien, gut 14 Prozent der Einzelhandel. Den Rest teilen sich Produzentenfirmen und Pflücker.

In Deutschland sind Bananen nach Äpfeln das zweitbeliebteste Obst mit einem Konsum von durchschnittlich etwa zwölf Kilo pro Kopf. Die Zeiten großen Marktwachstums sind allerdings vorbei – der Bananenmarkt gilt in Deutschland als gesättigt.

Auf dem Weltmarkt ist die Frucht indes die wichtigste gehandelte Obstsorte. Knapp 20 Prozent der Bananenernte, die Agrarfachleute auf 105 Millionen Tonnen taxieren, werden grenzüberschreitend gehandelt. Zum Vergleich: Bei Äpfeln liegt dieser Anteil bei gut zehn Prozent, andere tropische Früchte wie Mangos schaffen nur Exportanteile im unteren einstelligen Prozentbereich.

Dennoch wird der größte Teil der Bananen in den Erzeugerländern verspeist. In einigen afrikanischen Ländern wie Ruanda, Kamerun oder Gabun zählen sie zu den Grundnahrungsmitteln mit Verbräuchen von schätzungsweise mehr als 100 Kilogramm jährlich pro Kopf.“

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Diese mit Duct Tape an die Wand geklebte Banane wurde am 20.11.2024 für 6,2 Millionen Dollar als Kunstwerk von Maurizio Cattelan an einen Sammler versteigert

Im Preis inbegriffen ist, dass die Banane regelmäßig, bevor sie verfault, durch eine frische ersetzt wird, und dabei auch das Stück Duct Tape. Vielleicht ist dieser neoliberale Schwachsinn das erste Kunstwerk mit Frischegarantie…Das ZDF berichtete auf seiner Internetseite:

„Das Kunstwerk heißt ‚Comedian‘. Es ist eine Banane, die mit Duct Tape an der Wand hängt. Materialwert: Unter fünf Euro. Mehr braucht der italienische Künstler Maurizio Cattelan nicht, um die Kunstwelt 2019 ordentlich aufzumischen.
Als das Werk damals auf der Art Basel in Miami Beach auftauchte, musste es irgendwann abgehängt werden, weil so viele Leute kamen, um es anzusehen. Einmal wurde die Banane ersetzt, weil ein Mann sie aufgegessen hatte. Das Werk, und der Tumult, den es auf der Messe auslöste – ein Sicherheitsrisiko für die Veranstalter.
Von der Ausstellung in die Welt – ‚Comedian‘ ging viral. Glauben Sie nicht? Geben Sie mal ‚Banana Duct Tape‘ in den GIF-Generator Ihres Vertrauens ein. Nicht viele Werke in der Kunst können von sich behaupten, auch in der Welt außerhalb der Kunst-Kenner für Furore zu sorgen (Banksy ausgenommen).
Ist das ein Scherz? Ein Kommentar zur Kunstwelt? Wie auch immer man es sieht: ‚Comedian‘ ist für 6,2 Millionen Dollar bei Sotheby’s in New York versteigert worden. Der Kryptowährungsunternehmer Justin Sun sei der neue Besitzer des umgerechnet rund 5,88 Millionen Euro teuren Werks, erklärte das Auktionshaus.“
[Man erinnert sich hoffentlich noch, wie es einigen reichen Amis mit Hilfe der CIA gelang, das „Weltkunstzentrum“ von Paris nach New York zu verschieben – wohin Sotheby’s dann folgte. Das ist der Kunst nicht gut bekommen, sie ist jetzt bloß noch eine Kapitalanlage. Vergessen kann man auch die Charlottenburger Paris-Bar als Weltkunstzentrum: „Wir haben doch Berlin an den Weltkunstmarkt angeschlossen. Die Paris-Bar wurde zum absoluten Muss der Kunstwelt,“ meinte der Maler Markus Lüpertz 1995 in einer SFB-Dokumentation mit dem Titel „Wüste Westberlin“.]
„‚Das ist nicht nur ein Kunstwerk. Es stellt ein kulturelles Phänomen dar, das die Welten der Kunst, der Memes und der Kryptowährungs-Community überbrückt‘, zitierte Sotheby’s den Käufer Sun. ‚Ich glaube, dass dieses Werk in Zukunft zu weiteren Überlegungen und Diskussionen anregen und in die Geschichte eingehen wird‘.
Sun hat allerdings keine der Bananen erhalten, die damals auf der Messe zu sehen waren. Das wäre ziemlich unappetitlich. Nein, laut Sotheby’s war immer vorgesehen, dass Obst und Tape regelmäßig ersetzt werden.
Statt des Originalkunstwerks wird Sun also ein Zertifikat ausgehändigt, ‚das dem Besitzer die Erlaubnis und Befugnis verleiht, diese Banane und das Klebeband auf seiner Wand als Original-Kunstwerk von Maurizio Cattelan zu reproduzieren‘, sagte David Galperin, Leiter der Abteilung für zeitgenössische Kunst von Sotheby’s.
Der in China geborene Sun, der die Kryptowährungsbörse Tron gegründet hat, will das Kunstwerk verspeisen. ‚In den kommenden Tagen werde ich die Banane als Teil dieser einzigartigen künstlerischen Erfahrung persönlich essen, um ihren Platz in der Kunstgeschichte und in der Populärkultur zu würdigen‘, erklärte der Unternehmer.
Aber was ist nun die Message von ‚Comedian‘? Liegt das nicht, wie so oft, im Auge des Betrachters? Dozentin Chloé Cooper Jones von der Columbia University School of the Arts denkt, dass es Cattelan bei seiner Arbeit häufig darum gehe, ‚uns zu provozieren und dazu zu bringen, dunkle Aspekte der Geschichte und der eigenen Persönlichkeit zu betrachten‘.
Auch bei Sotheby’s macht man sich Gedanken. Kunst, ein Scherz, ein Symbol für den exzessiven Kunsthandel – ‚es ist natürlich all das‘, heißt es da.
Und dann ist Cattelan natürlich auch nicht der erste, der die Banane in ihrer Reinform abbildet. So sprühte der deutsche Künstler Thomas Baumgärtel Bananen an Kunstmuseen und Galerien [siehe oben]. Man nannte ihn deswegen ‚Bananensprayer‘.“
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Jetzt reichts aber auch mit dem brunzdummen Bananenquatsch der Reichen in diesen apokalyptischen Zeiten. Die Fotografin Eva Maria Horstick sollte man allerdings doch noch erwähnen, denn sie hat sich dazu auf Facebook sofort etwas einfallen lassen: Ein Kunstwerk mit dem Titel „Zwei zum Preis von einer“:
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Nein, der Bananen-Kunsttrick-Verkauf hat im Internet doch einen größeren Kreativitätsschub bewirkt als ich gestern noch dachte. Hier ein Foto von Isot Lang:
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Hier ein Foto von Tina Oelker:
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Hier ein Foto von Simone Hartau:
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Slam-Kunst genannt
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Und hier: So haben wir früher Rechnen gelernt – von Todd Allington:
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Eine entfesselte Banane von Alnamar Bakshi:
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Ein Foto von Ushma Zimmer – Eine Vitrine im Berliner Hamburger Bahnhof:

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Eine Bananenrache von Rosalind Bee:

Mit etwas Verspätung hat die Bananenkunstwerke auch die „konkret“-Kolumnistin Katrin Hildebrand inspiriert: „Ausgerechnet Bananen“ heißt ihr Text im Heft 2/25, in dem sie gleich mehrere Bananenkunstwerke erwähnt. Und ich erwähne das hier nur aus einem gewissen Zwang zur Vollständigkeit heraus.

Dazu gehört auch die „Schock-Nachricht für alle Bananenliebhaber“: Das Verbraucher-Magazin „Öko-Test“ hat jede Menge Pestizidrückstände in konventionellen Bananen gefunden – denn die reichen Bananenkunstwerk-Käufer haben die Bananen sogleich nichtsahnend gegessen. Arme Schweine.

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„Teneriffa.news“: Kanaren werfen 2,2 Millionen Kilo Bananen auf den Müll

Der Bananenpreis droht zu sinken. Als Gegen-Maßnahme schmeißen die Kanaren 2,2 Millionen Kilo Bananen einfach auf den Müll.

2.200.000 Kilogramm Bananen sind auf den Kanarischen Inseln vernichtet worden. Die Maßnahme ist drastisch. Und mit Blick auf den Hunger unter anderem nur wenige Hundert Kilometer weiter östlich kaum nachzuvollziehen. Und trotzdem hat die Politik der Kanaren sogar zugestimmt.

Der Verband der Bananenerzeuger der Kanarischen Inseln (Asprocan) will mit der drastischen Maßnahme der Vernichtung von 2,2 Millionen Kilo Bananen einem Preisverfall zuvorkommen.

Die Regierung der Kanarischen Inseln muss dieser Maßnahme zustimmen. Nicht zuletzt, da sie den Anbau subventioniert. Und nun werden nicht nur Lebensmittel in großem Stil vernichtet, sondern auf diesem Weg erneut Kosten erzeugt. All das geschieht paradoxerweise, um den Preis stabil zu halten. Und das, obwohl der Preisunterschied zwischen Erzeugung und Verbraucher im August bei 666 Prozent lag.

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Der letzte Schrei für solche, die alles, was aus Plastik ist, gerne kaufen – und sind das nicht fast alle Konsumenten, die wenig Geld haben, aber viele Wünsche?:

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Diese Bananen-Sorten gibt es

  • Obstbanane: Die gelbe Obstbanane wird in Europa besonders gerne verspeist: Sie ist frisch genießbar und liefert Stärke, Zucker, Vitamine und Kohlenhydrate.
  • Kochbanane: Neben der gelben Obstbanane gibt es auch noch die fast schwarze Kochbanane, die vor allem in Asien und Südamerika als Grundnahrungsmittel verwendet wird. Sie ist roh nicht verdaulich und wird daher gekocht, gebraten, frittiert oder gebacken.
  • Textilbanane: Die Textilbanane hingegen wird hauptsächlich zur Fasergewinnung angebaut.

Die Blätter der Bananenstaude finden Verwendung als Viehfutter und zum Dachdecken, während die Blüte in Indien als Gemüse gekocht und verzehrt wird.

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„Duda.news“: Egal, ob in Büchern, in der Affenforschung oder in Filmen: Affen fressen in darin häufig Bananen. Doch mit der Wirklichkeit hat das nicht so viel zu tun.

Wenn der Affenkönig Louie durch den Film „Dschungelbuch“ tanzt, liegen überall um seinen Thron Bananenschalen herum. Auch in anderen Geschichten und Liedern kommen häufig Bananen fressende Affen vor. Selbst Affen-Stofftiere halten welche in den Händen.

„Polyvore.ch“: Sind Bananen gesund für Affen? Der Grund: die süßen Früchte verursachen bei vielen Tieren Verdauung- und Zahnprobleme – und Diabetes. “In freier Wildbahn fressen Affen zwar auch Bananen, jedoch sind diese längst nicht so zuckerhaltig wie die `Kulturbananen`, die bei uns verzehrt werden”, erklärt die Artenschutzbeauftragte des Zoos, Dr. Parin.

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„Der Präsident ist Sohn des Bananen-Milliardärs“

Das japanische Unternehmen Furukawa konnte in Ecuador ein System der Leibeigenschaft aufbauen. Mit politischer Hilfe, kritisiert der Soziologe Stalin Herrera.

taz: Herr Herrera, das ecuadorianische Verfassungsgericht hat den japanischen Konzern Furukawa wegen „moderner Sklaverei“ verurteilt . Er hat über Jahrzehnte die Menschenrechte Hunderter Landarbeiter auf Plantagen mit Abacá-Bananenpflanzen verletzt, deren reißfeste Fasern in vielen Produkten wie Seilen, Teppichen und manchen Papiersorten stecken. Was bedeutet das Urteil?

Herrera: Zuerst einmal ist es überaus positiv, dass die höchste juristische Instanz des Landes ein derartiges Urteil spricht und dass dieses Urteil nicht mehr anfechtbar ist. Der Prozess hat seit 2019 alle juristischen Etappen durchlaufen und ist ein Erfolg für die Arbeitsrechte in Ecuador. 342 Ar­bei­te­r:in­nen hatten sich in der Organisation „Nie wieder Furukawa“ zusammengeschlossen und Klage eingereicht.

taz: Die Liste an Vorwürfen ist lang und furchtbar: kein Zugang zu Trinkwasser, zu grundlegenden sanitären Einrichtungen und Gesundheitsdiensten für die Mitarbeitenden, schwere Arbeitsunfälle wegen Missständen vor Ort. Wie war das überhaupt möglich? Es gibt doch Inspektionsteams der Regierung, Arbeits- oder Gesundheitsministerium hätten die Kon­trol­leu­r:in­nen doch nach Aufkommen der ersten Vorwürfe auf den Plantagen vorbeischicken können oder sogar müssen.

Herrera: Gute Frage. In Ecuador ist zum einen die staatliche Infrastruktur seit 2017 rückgebaut worden. Die von Ihnen angesprochenen Inspektionsteams gibt es nicht mehr in der gleichen Zahl wie noch 2017 oder 2018. Hinzu kommt, dass das Arbeitsministerium den Konzernen sehr nahesteht. So hieß der Arbeitsminister unter Präsident Lenín Moreno von 2017 bis 2021 Raúl Ledesma und ist der Sohn des Präsidenten des wichtigsten Exportgremiums im Bananensektor.

taz: Gewerkschaften hatten damit wohl also einen schweren Stand?

Herrera: Für Ge­werk­schaft­le­r:in­nen war mit dieser Nominierung klar, dass es unter dieser Regierung zu keinerlei Fortschritten bei den Arbeitsrechten kommen würde – das Arbeitsministerium galt als de facto unter der Regie der bananenexportierenden Wirtschaft. Die Präsenz der ökonomischen Elite in den politischen Entscheidungsstrukturen ist ein historisches und strukturelles Problem Ecuadors – bis heute. Der heutige Präsident, Daniel Noboa, ist der Sohn des Bananenmilliardärs Álvaro Noboa. Sein Vorgänger war mit Guillermo Lasso ein Vertreter der Finanzbranche.

taz: Machen sich diese Verhältnisse bei den Inspektionsteams der Regierung bemerkbar?

Herrera: Durchaus. Schon ihre Zahl ist im Vergleich zu den Nachbarländern wie Peru oder Kolumbien deutlich geringer. Zudem werden Visiten vorab angekündigt, sodass sich die Unternehmen darauf vorbereiten können. Das konterkariert die Idee der Inspektionen, trägt dazu bei, dass Verstöße gegen die Arbeitsrechte ungeahndet bleiben und die gewerkschaftliche Organisationsquote in Ecuador bei gerade 2,8 Prozent liegt.

taz: Ist der Fall Furukawa die Ausnahme oder ist es einer von vielen Fällen? Es gibt Berichte, denen zufolge Unternehmen die Agrarar­bei­te­r:in­nen über Dekaden in einem System der Leibeigenschaft gehalten und systematisch ausgebeutet haben.

Herrera: Nein, das ist kein Einzelfall, es gibt gut dokumentierte Fälle von den Plantagen, vor allem im Bananenanbau. Besonders an der Küste und dort speziell im Süden des Landes gibt es Fälle vergleichbarer Strukturen. Sie stehen für eine Ausbeutungskultur unter der großgrundbesitzenden Elite, die weit verbreitet ist und die durch wissenschaftliche Studien seit Anfang der achtziger Jahre belegt ist. Neben dem Bananen- geht es etwa auch um den Schnittblumenanbau. Mit dem Fall Furukawa kommt ein weiteres Produkt hinzu, eben die Abacá-Pflanzenfaser. Die dort über einen sehr langen Zeitraum praktizierte Ausbeutung, die mit extremen Arbeitsrechtsverletzungen einherging, ist tatsächlich schockierend.

taz: Ecuador ist ein Land, in dem es kaum noch organisierte Ar­bei­te­r:in­nen gibt. Auf 2,8 Prozent ist die Quote gewerkschaftlichen Bindung gesunken. Woran liegt das?

Herrera: Es gibt einen ganzen Strauß von Gründen: Wir haben es mit einem gewerkschafts­feindlichen Ambiente zu tun, vor allem auf dem Land. Branchengewerkschaften, die eben nicht an den einen Betrieb gebunden sind, sondern Ar­bei­te­r:in­nen aus der gesamten Branche vertreten, werden behindert. Das zeigt das Beispiel von ASTAC, einer Branchengewerkschaft im Plantagensektor Ecuadors, die auf ein Urteil des Verfassungsgerichts wartet, um legal in Ecuador arbeiten zu können. Hinzu kommt, dass Ecuador mehr und mehr zum Land mit kleiner und mittelständischer Unternehmensstruktur wird. Der Bedarf an klassischen Gewerkschaften, die sich ab 25 Ar­bei­te­r:in­nen organisieren dürfen, ist rückläufig. Hinzu kommt, dass immer mehr Unternehmen mit Sub-Sub-Sub-Angestellten arbeiten, die von Dienstleistern gestellt werden, sich aber erst gar nicht organisieren dürfen.

taz: Sie sprechen von einer gewerkschaftsfeindlichen Kultur: Haben organisierte Ar­bei­te­r:in­nen auch persönlich Nachteile zu befürchten?

Herrera: Wer sich trotzdem organisiert, wird oft entlassen, landet auf schwarzen Listen und wird bedroht. Auch tätliche Angriffe hat es schon gegeben. In Ecuador gibt es wirklich einen enormen institutionellen Widerstand dagegen, sich mit Arbeitsrechten zu beschäftigten oder sie sogar einzufordern. Die gewerkschaftsfeindlichen Strukturen reichen weit in die Institutionen hinein.

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taz: Der US-Bananenkonzern Chiquita Brands hat die paramilitärische Gruppe AUC in Kolumbien finanziert

Jetzt muss Chiquita Brands erstmals die Familien von acht ermordeten Opfern mit rund 38 Millionen Dollar entschädigen. Das entschied am Montag ein Geschworenengericht in Florida in einem Zivilprozess.

„Dieses Urteil ist eine Botschaft an alle Firmen dieser Welt, die sich auf Kosten der Menschenrechte bereichern: Ihre Taten werden nicht ungestraft bleiben“, sagte Marco Simons von der Organisation Earth­Rights International. Seine Organisation hat einige der Opfer vertreten.

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Bis in die 1950er-Jahre waren Bananen teurer Luxus. Bezahlbar und quasi Grundnahrungsmittel wurden die Bananen erst mit der Erfindung des Bananenkartons Mitte der 1960er-Jahre. Der Karton rationalisierte den Transport und vereinfachte den Handel.

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taz v. 23.4.2025:

Voll Banane

Die Kanarischen Inseln produzieren Bananen zum Wegwerfen, gestützt durch EU-Subventionen. Nun will die Inselregierung die Produktion eindämmen – und hat viele Bauern auf ihrer Seite

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Thomas Gsella in „konkret“ (12/2024):

Erdogans letzte Bananen

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Aber heut: der Knast! Wohlan!/ Und sein Bauherr Erdogan,/ Der an leichtem Hunger litt,/ Nahm sich drei Bananen mit.

Und er biss vor stolzen Fahnen/ In die erste der Bananen,/ Schälte sie und fraß sie auf,/ Trat auf ihre Schale drauf,/ Und er war zwar nicht der Hellste,/ Doch er spürte: „Oh jetzt fällste!“ Und ein Tayip knallte barsch/ Auf den Präsidentenarsch.

Knechte halfen ihm zu stehen./ Wütend schrie er:“Weitergehen!“/ Als ob nichts geschehen sei,/ Fraß Banane Nummer zwei, Fraß und warf die Schale wieder/ Vor sich hin und stürzte nieder,/ Und er schrie: „Ich glaub, ich spinn!/ Ob ich wohl Banane bin?!“

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Schüler wollen Lehrerin mit Banane töten

Eine Kunstlehrerin aus dem US-Bundesstaat Ohio hat knapp einen allergischen Schock überlebt. Schüler bewarfen sie nämlich mit Bananenstückchen. Laut der „New York Post“ sollen Schüler der Starling-K-8 Schule in Columbus bereits im November 2018 ihre Lehrerin fast umgebracht haben. Sie schmierten die Tür und Türklinke des Klassenzimmers der Lehrerin mit einer Bananenschale ein und bewarfen die Frau mit einzelnen Bananen-Stückchen. Wie „FOX News“ berichtet, wusste jeder an der Schule, wie hochgradig allergisch sie auf Bananen ist. An der Klassentür des Lehrers befand sich außerdem ein Schild mit der Aufschrift „Bananenfreie Zone“, welches die Schüler vor dem Eintreten auffordert, sich die Hände zu waschen, sofern sie mit den Früchten in Berührung gekommen sind.

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„Chip.de“: Im Netz kursieren Gerüchte über den Code „4011“ auf Bananen. Was er für Kunden und Händler wirklich bedeutet:

In den sozialen Netzwerken macht eine Behauptung die Runde, die Verbraucher verunsichert: Bananen mit dem Aufkleber 4011 seien gentechnisch manipuliert. Doch dieser Mythos hält einer genauen Überprüfung nicht stand, wie „Mikikama“ schreibt. Die Wahrheit hinter dem Code ist weit weniger spektakulär, aber nicht weniger wichtig für die korrekte Kennzeichnung von Obst und Gemüse.

Der PLU-Code, kurz für Price Look-Up Code, ist ein Identifikationssystem, das von der International Federation for Produce Standards (IFPS) verwaltet wird. Der Code 4011 ist international für konventionell angebaute Bananen reserviert. Gentechnisch veränderte Produkte hingegen werden durch eine fünfstellige Nummer ausgewiesen, die mit der Zahl 8 beginnt.

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Moderne Bananenplantage mit Arbeiter in Schutzkleidung gegen die dort ständig gespritzten Gifte – Insektizide, Pestizide, Fungizide etc.

 

Ralf Sotscheck ist der Bananenkorrespondent der taz, er hat sich nicht zufällig in Dublin domiziliert. Hier drei Bananentexte von ihm:

1. Ausgerechnet Bananen

Vor ein paar Monaten war an dieser Stelle von teuren Bananen in England die Rede. Das hat sich geändert. In Beeston in der Grafschaft ­Nottinghamshire taucht seit Jahren einmal im ­Monat ein Teller mit Bananen an einer Straßenecke auf. Die Bananen erscheinen frühmorgens am zweiten Tag des Monats, zuletzt am 2. Januar. Es sind jedes Mal 15 bis 20 Stück, sie sind geschält und mit Honig beträufelt.

Dann verfaulen sie, bis ein Anwohner den Matsch beseitigt. Vor Kurzem hat deshalb jemand ein Schild angebracht: „Bitte, bei allem Respekt, keine Bananen mehr! Die verrottenden Bananen hinterlassen eine solche Sauerei. Ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr!“

In Beeston rätselt man, warum sich jemand nachts mit einem Obstteller anschleicht. Manche vermuten religiöse Gründe. Im Hinduismus ist es üblich, den Göttern Bananen zu opfern, da die Früchte für Überfluss, Fruchtbarkeit und Glück stehen. Und Honig gilt als natürliche Süße für Opfergaben. Die Göttin Durga ist eine Göttin der Vollkommenheit, sie existiert in unterschiedlichen Erscheinungsformen – zum Beispiel als Bananenpflanze, die mit einem Sari umwickelt zum Altar getragen wird.

Aber welche Art von Bananenpflanze? Es gibt mehr als zweihundert. Eine davon ist die Vierfruchtbanane, die Donald Duck 1972 auf Fruttania entdeckt hat, nachdem er die Insel geerbt hatte. Sein Onkel Dagobert vermarktete die Banane, die nicht nur nach Banane, sondern auch nach Erdbeere, Zi­tro­ne und Birne schmeckte. Doch die Frucht war in Entenhausen so erfolgreich, dass der Absatz aller anderen Süßigkeiten der Duck-Unternehmen einbrach.

Einige Beester denken, dass jemand die örtliche Tierwelt füttern will, obwohl sich die Biester augenscheinlich nicht für das Obst interessieren. Eine weitaus logischere Erklärung ist die ­Entdeckung, die Archäologen vor gut vier Jahren im nahe gelegenen Nottingham Castle gemacht haben: Sie haben bei der Sanierung des Schlosses die Knochen von drei Affen aus der georgianischen Zeit ausgegraben. Die Abnutzung der Zähne lässt auf ein hohes Alter schließen.

Vermutlich handelt es sich dabei um Haustiere von Jane Kirkby, die dort von 1791 bis 1825 gewohnt hat. Die „extravaganteste Bewohnerin von Nottingham Castle“ habe stets einen „großen Affen als Begleiter“ gehabt, so heißt es. Ihren Reichtum verdankte Kirkby ihrem Großvater, der ein unehelicher Sohn des Earl of Chesterfield war.

Jedenfalls sind die Affen damals in ihrer Totenruhe gestört worden. Ungefähr zur selben Zeit begannen die Bananenlieferungen in Beeston. Verantwortlich dafür sind wahrscheinlich die Berberaffen aus dem Trentham Monkey Forest, wo 140 dieser Tiere frei leben. Sie bringen eine Opfergabe, um die Geister ihrer Artgenossen zu beschwichtigen.

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2. Bananen mit zweierlei Maß

Der Engländer misst gerne mit zweierlei Maß. Großbritannien sei „ein Land, wo die Menschen Meilen fahren, aber Meter rennen“, merkte der Observer selbstironisch an, „wo das Bier in Pints, das Wasser aber in Litern gesoffen wird“.

Damit soll es nun vorbei sein. Der Europäischen Kommission, so hat das Blatt herausgefunden, ist der Kragen geplatzt. Sie hat die Londoner Regierung ermahnt, endlich ein nicht allzu weit entferntes Datum festzulegen, an dem Pints und Meilen in die Geschichte verbannt werden. Das hat bei Englands Trinkern – also praktisch bei der gesamten Nation – Wutgeheul ausgelöst.

Das war bei jedem Schritt der Metrifizierung so. Das „imperiale Pfund“, das 453 Gramm schwer ist, darf seit fast sechs Jahren nicht mehr benutzt werden. Auch damals gab es einen Aufschrei. Bei einer Umfrage erklärten 72 Prozent, dass sie die alten Maße beibehalten wollten. Der Gemüsehändler Steven Thoburn zog damals mit einem Bündel Bananen vor Gericht, weil er durchsetzen wollte, dass er sie weiterhin in Pfund und Unzen verkaufen durfte. Die „imperiale Lobby“ feierte ihn zunächst als Helden. Nach seiner kostspieligen Niederlage ernannte ihn der „Verband für britische Maße und Gewichte“, eine zutiefst konservative Organisation, die das metrische System als „politische Philosophie“ abtut, zum „metrischen Märtyrer“. Prominentestes Mitglied dieses Verbandes ist J. K. Rowling, die Mutter von Harry Potter.

Richter Bruce Morgan ernannte Thoburns Obststaude zum „vermutlich berühmtesten Bananenbündel in der englischen Rechtsgeschichte“, wies die Klage jedoch ab: Als der damalige Premierminister Edward Heath 1972 den Europäischen Vertrag unterzeichnete, habe er den Untergang des imperialen Maßsystems eingeleitet. Zunächst geschah allerdings nichts, denn als Margaret Thatcher an die Macht kam, ernannte sie sich sogleich zur antimetrischen Vorkämpferin, was die Europäische Union dazu veranlasste, den Briten eine Direktive vor den Latz zu knallen. Thatcher blieb diese Schmach erspart, weil ihre eigene Partei sie rechtzeitig abgesägt hatte und ihr Nachfolger John Major 1994 die Direktive unterzeichnen musste.

Eigentlich war der Weg jedoch bereits seit fast 150 Jahren vorgegeben: 1864 legte das „Gesetz für Maße und Gewichte“ fest, dass die Briten nach Lust und Laune imperiale oder metrische Maßeinheiten verwenden dürfen. Doch schon damals kam den Briten die Metrik nicht geheuer vor, sodass es bei Meile, Zoll, Unze und Pint blieb. Und das Pint wird weiterhin bestehen bleiben, denn die EU schreibt ja nicht vor, in welchen Mengen die Getränke ausgeschenkt werden – auch wenn die britische Boulevardpresse so tut, als wenn EU-Beamte künftig die Pubs überwachen und jeden Gast verhaften werden, der ein Pint bestellt.

Bananen werden demnächst allerdings in Kilogramm gewogen. Meistens kauft man sie aber ohnehin pro Stück. Oder musste schon mal jemand eine Viertelbanane kaufen, um das Gewicht auf ein Kilo aufzurunden? Steven Thoburn wird das alles nicht mehr erleben. Er ist Anfang des Jahres im Alter von nur 39 Jahren aus Gram gestorben und ruht nun zehn Fuß unter der Erde. Beziehungsweise drei Meter.

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3. Ja, wir haben keine Bananen

Was viele Menschen über die grüne Insel nicht wissen: Irland ist Bananen-Exporteur. Vor gut 100 Jahren kamen die Iren auf den gelben Geschmack.

Meine Berliner Oma fragte oft, ob es in Irland Bananen gebe. Sie fürchtete, dass ihre Urenkel darben mussten. So banden wir eines Tages Bananen, Apfelsinen, Birnen und eine Ananas in die Palme vor unserem Haus, machten ein Foto und schickten es ihr mit dem Vermerk: „Der berühmte irische Mixed Fruit Tree.“ Danach erwähnte sie Bananen nie mehr.

Überraschenderweise liegt Irland als Bananenexporteur an 50. Stelle in der Welt. Voriges Jahr führte Irland Bananen im Wert von 11,7 Millionen Dollar aus, vor allem nach Großbritannien, Portugal und Frankreich. Im selben Jahr importierte die Insel aber Bananen im Wert von 57,1 Millionen US-Dollar und lag damit an 35. Stelle der Bananen importierenden Länder. Irgendwie geht die Rechnung nicht auf.

Die Iren kamen vor einem Jahrhundert auf den Geschmack. Anders als einheimisches Obst waren Bananen das ganze Jahr über erhältlich. In den Dreißigerjahren verzehrten die Iren etwa zwei Kilo Bananen pro Jahr, heute sind es 17 Kilo. Das entspricht 97 Bananen durchschnittlicher Größe.

Während 1939 und 1940 noch einige Bananen nach Irland gelangten, versiegten die Lieferungen für den Rest des Zweiten Weltkrieges. Es überrascht daher nicht, dass der Zwanzigerjahre-Hit „Yes, We Have No Bananas“ in den Vierzigerjahren in Irland erneut in den Charts auftauchte.

Die amerikanischen Musiker Frank Silver und Irving Cohn hatten den Song komponiert, als die Braunfäule in Brasilien eine Bananenknappheit in den USA ausgelöst hatte. Angeblich soll ein griechischstämmiger Gemüsehändler in New York den Musikern ihren Bananenwunsch mit eben jenem Satz abgeschlagen haben, der dann zum Liedtitel wurde. Später wurden die beiden vom US-Verleger Georg Friedrich Händels verklagt, weil sie vier Noten aus Händels „Messiah“ übernommen hatten. 1923 entstand die deutsche Version unter dem Titel „Ausgerechnet Bananen“.

Aufgrund des Nachholbedarfs begrenzte die irische Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg den Preis für Bananen. Erst in den Fünfzigerjahren normalisierte sich die Versorgung wieder – bis zum EU-Binnenmarkt 1993. Der hatte Folgen für die Bananen. Deutschland und Irland kauften billige Bananen aus Mittel- und Südamerika, aber das Vereinigte Königreich und Frankreich setzten einen EU-weiten Schutz für die teureren Bananen aus ihren ehemaligen Kolonien durch. Das führte dazu, dass der Bananenpreis um die Hälfte anstieg.

Viele Jahre später fand ich heraus, dass es den „Mixed Fruit Tree“ tatsächlich gibt. Der Kunstprofessor an der Universität Syracuse, Sam van Aken, pflanzte 2008 seinen „Tree of 40 Fruit“ in New York, indem er Äste von verschiedenen Bäumen zusammenpfropfte. Der Baum produziert 40 verschiedene Obstsorten – Pflaumen, Pfirsiche, Aprikosen, Nektarinen, Kirschen und andere. Meine Oma wäre begeistert gewesen.

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/10/17/alles-banane/feed/ 0
Die Erosion des Sozialen https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/08/20/erosion-des-sozialen/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/08/20/erosion-des-sozialen/#respond Tue, 20 Aug 2024 19:30:56 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=14811 Anmerkung der taz Blogs Redaktion: Der vorliegende Beitrag möge gewisse Spiele mit dem Faktischen beinhalten. Lesende haften für ihre Fiktionen!

Die russische Elite scheint einen Atomkrieg zu befürworten, eine Atombombe auf Kiew, wobei man allgemein davon ausgeht, dass die Amerikaner wegen der Ukraine nicht mit Atomwaffen reagieren werden. Es reiche ihnen, dass das atlantische Europa die Ukraine weiterhin mit Waffen versorgt, wobei die amerikanischen Investmentfonds sich bereits am Boom der hiesigen Waffenfabriken beteiligen. Sollten die Waffenlieferungen an die ukrainische Armee die Russen in Bedrängnis bringen, steigt die Gefahr eines russischen Einsatzes von Atombomben.

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Geldbeschaffungsmaßnahmen (GBM)

Das haben wir nun aus den fast flächendeckenden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM), 
die in massenhafte Umschulungsmaßnahmen (UBM) mündeten, welche im Wesentlichen aus 
Computerkursen bestanden. Sie wurden flankiert von aufmunternden Zurufen diverser Politiker: 
„‘Heimat, Hightech, Highspeed’ – dafür arbeiten wir,“ sagte der grüne Ministerpräsident von 
Baden-Württemberg, während der bayrische CSU-Ministerpräsident tönte, „Hightech und Heimat“ 
seien in seinem Bundesland bereits „vereint“. Gelegentlich heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, 
„Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, 
„KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“. 
Die rotgrüne Bundesregierung entschied sich unterdes für den Satz: „Das Leitbild der KI-Strategie ist ein 
europäisches KI-Ökosystem für Innovationen“.  

Im Endeffekt bringt dieser ganze Computerscheiß bloß neue Verbrechen hervor, die sogenannte „Cyber-Kriminalität“.

Gut, man kann das für einen Fortschritt halten, dass die Gangster nun keine Handarbeiter mehr sind, die mit Gewalt Geldschränke knacken oder mit einer Knarre barsch Bargeld fordern. Stattdessen sind es jetzt Kopfarbeiter, die sich zu Hause am Computer als Hacker versuchen oder Erpressungsmails verschicken. Solche z.B.:

„Kriminalpolizei: Verwarnung Strafanzeige Nr. 20060024

Diese Nachricht ist die letzte Warnung in Bezug auf die sehr ernste Beschwerde, die gegen Sie vorliegt. Wir bitten Sie, sich innerhalb von 48 Stunden ausschließlich über die in der Strafanzeige angegebene E-Mail-Adresse mit uns in Verbindung zu setzen, damit wir Ihre Erklärungen zu den Ihnen vorgeworfenen Taten hören können. Nach Ablauf dieser Frist wird ein Haftbefehl gegen Sie ausgestellt und Sie müssen mit einer Gefängnisstrafe rechnen.

Anhang: Anklageordner“

Oder solche:

Schwerkraft-Spion: Letzte Warnung.

Ihr System wurde geknackt. Wir haben alle Informationen von Ihrem 
Gerät auf unsere Server kopiert. Außerdem haben wir das Video von 
Ihrer Kamera aufgenommen, in dem Sie einen Pornofilm ansehen.

Mein Virus hat Ihr Gerät über eine Website für Erwachsene 
infiziert, die Sie kürzlich besucht haben.

Ich kann Einzelheiten mitteilen, falls Sie nicht wissen, wie es 
funktioniert. Ein Trojaner-Virus gewährt mir vollständigen 
Zugriff und Kontrolle über Ihr Gerät. Dadurch kann ich Ihren 
Bildschirm sehen, die Kamera und das Mikrofon aktivieren, und Sie 
werden nicht einmal davon erfahren.

Ich habe ein Video von Ihrem Bildschirm und der Kamera 
aufgenommen und ein Video erstellt, in dem ein Teil des 
Bildschirms Sie beim Masturbieren zeigt und ein anderer Teil ein 
Pornovideo zeigt, das Sie zu diesem Zeitpunkt angesehen haben.

Ich kann die gesamte Liste Ihrer Kontakte auf dem Telefon und in 
den sozialen Netzwerken sehen.

Ich kann dieses Video mit nur einem Klick an alle Kontakte in 
Ihrem Telefon, per E-Mail und in den sozialen Netzwerken senden. 
Darüber hinaus kann ich die Daten Ihrer E-Mail und Ihrer 
Messenger an jeden senden.

Dies würde Ihren Ruf ein für alle Mal ruinieren. Falls Sie solche 
Konsequenzen verhindern möchten, gehen Sie wie folgt vor:
Überweisen Sie 4700 EUR (EURO) auf mein Bitcoin-Wallet.
(Wenn Sie nicht wissen, wie das geht, geben Sie in Google als 
Suchbegriff „Bitcoin kaufen“ ein.)

Mein Bitcoin-Wallet (BTC-Wallet): 
bc1qhax5rjay9vrtf8d3d38wndfu5mz87fyekw0r2e. Sofort nach 
Gutschrift der Zahlung werde ich Ihr Video löschen und Sie 
nicht mehr belästigen.

Sie haben 50 Stunden (etwas mehr als 2 Tage), um die Zahlung zu 
tätigen.

Ich erhalte eine automatische Benachrichtigung über das Lesen 
dieses Briefes. Der Timer wird auch automatisch gestartet, sobald 
Sie diese E-Mail gelesen haben.

Versuchen Sie nicht, sich irgendwo zu beschweren – mein BTC-
Wallet kann nicht zurückverfolgt werden und eine E-Mail, die 
Ihnen den Brief gesendet hat, wird automatisch erstellt – jede 
Antwort wäre sinnlos.

Sollten Sie versuchen, diese E-Mail mit jemandem zu teilen, 
sendet das System automatisch eine Anfrage an die Server und 
diese beginnen, die gesamten Informationen an soziale Netzwerke 
zu senden.

Das Ändern der Passwörter von sozialen Netzwerken, einer E-Mail 
und des Geräts wäre ebenfalls sinnlos. die gesamten Daten wurden 
bereits auf den Cluster meiner Server heruntergeladen.

Kontaktieren Sie mich per E-Mail ‚jafar_script@outlook.com‘ und 
senden Sie eine Kopie an ‚tbens091627652@gmail.com‘ mit dem
Betreff: *RESTOREKEYPC9273730*

Nach diesen Schritten erhalten Sie per E-Mail den Schlüssel und 
ein Entschlüsselungs-Tutorial.

Ich wünsche Ihnen viel Glück und machen Sie nichts Dummes. Denken 
Sie an Ihren guten Ruf.“

Bei manchen verbrecherischen Mails weiß man nicht einmal, ob sie  überhaupt verbrecherisch sind. Zum Beispiel diese:

„mgdmh04@gmail.com

Hallo, ich sende Ihnen eine E-Mail bezuglich der Unterstutzung bei der sicheren Aufbewahrung einiger Pakete. Ich werde Ihnen weitere Einzelheiten mitteilen, sobald Sie mich uber meine personliche E-Mail-Adresse (siehe oben) kontaktieren.

Ihre Diensthabenden Generalmajorin Diana Holland“

Will sie wirklich helfen? Gewiß ist nur, dass die Tastatur der Generalmajorin keine Umlaute hat und dass ich Pakete nie aufbewahre, sondern bei Empfang sofort aufreiße und den Inhalt an mich nehme.

Der folgende Betrugsversuch ist nicht mehr neu – mails von scheinbar seriösen Banken. Eine von vielen (bei denen ich gottlob kein Konto habe) schreibt mir z.B.:

„Guten Abend Helmut Höge wir müssen Sie davon in Kenntnis setzen, dass es zu 3 fehlgeschlagenen Anmeldeversuchen gekommen ist. Um möglichen Schaden zu vermeiden, haben wir ihren Kontozugang vorsorglich gesperrt. Damit Sie weiterhin im vollen Umfang die Vorteile des OnlineBankings müssen Sie sich anhand ihrer Daten verifizieren. Hier klicken. Mit freundlichen Grüßen Deutsche Bank Sicherheit“

Die bereits auf vielen Internetseiten als Betrüger bezeichnete „Fin Tech“ behelligte auch mich:

„Lieber Freund, Hören Sie aufmerksam zu und ich werde Ihnen zeigen, wie Sie wirklich große Gewinne mit Hilfe des Internets machen können. Vor einigen Monaten rollten sich meine Freunde vor Lachen auf dem Boden als ich ihnen sagte, dass ich mir ein profitables Online-Geschäft aufbauen will. „Ja sicher, toll Gelegenheit“ sagten sie alle, da ich absolut keine Website-Design-Fähigkeiten hatte und auch nichts von HTML verstand und keine Programmierkenntnisse besaß… ich hatte in der Tat nicht viel Computer-„Know-how“ (das habe ich auch immer noch nicht). Ihr Lachen verwandelte sich schnell zu Erstaunen, nachdem ich FinTech beigetreten bin und die Gewinnflut nicht mehr endet. Sie könnten Monate (und Tausende Dollar) verschwenden, um zu versuchen, herauszufinden, was über das Internet tatsächlich funktioniert. Oder Sie könnten sich die Frustration, Zeit und die Fehler ersparen, indem Sie meinem Beispiel folgen. Hier ist der Link damit Sie einen Blick auf das neue Programm werfen können Sie werden es nicht bereuen! Mit freundlichen Grüßen Lukas Kolditz“

Hier ist eine Geldbeschaffungsmaßnahme, die mich mit ihrem Nachsatz ins Grübeln brachte:

„Hallo, Finanzmittel von bis zu 650.730 Euro sind derzeit verfügbar, bitte bestätigen Sie Ihre Anmeldung hier, um loszulegen. Damit wird es Ihnen noch leichter fallen, in 3 Monaten zum Millionär zu werden. Steigen Sie jetzt ein, so lange die Finanzierung noch verfügbar ist. Grüße, Daniel. Unsere Daten zeigen, das Helmut Höge unsere Internetseite aufgerufen und darum gebeten hat, ihn zu kontaktieren.“

Das kann doch nicht sein, das wüßte ich doch!

Um ohne zu arbeiten an Geld zu kommen, muß man nur Mails wie die folgenden beantworten:

„Der Fonds der Susanne Klatten Family investiert in ein breites Spektrum von Branchen, Kontinenten und Anlageklassen, darunter direktes Private Equity, Immobilien, alternative Energien, Finanzinstrumente und Start-ups der Grundstoffindustrie, die von der Familie zu Fundraising-/Investitionszwecken initiiert wurden. Deshalb wurden Sie für eine Spende/Investition von 7,5 Millionen Euro ausgewählt. Grüße Susanne Klatten Familienfonds“

Am Sichersten scheint immer noch der Geldbeschaffungsweg über das uralte sexuell konnotierte Menscheln – nun über Email an zigtausend Adressaten gleichzeitig gerichtet:

„Hallo!!! Es tut mir Leid, dass ich Euch Schreibe, mit einer kleinen Verzögerung. Ich hoffe, dass ich dir interessant und du willst eine ernsthafte Beziehung? Ich hoffe, dass wir gemeinsame Interessen fur die Zukunft. Ich Suche einen ernsten Mann, der bereit ist an der Beziehung. Wenn du dann andere Interessen dazu, dann konnen wir uns besser nicht treffen. Ich brauche nur ein ernster und anstandiger Mann, der eine ernsthafte Beziehung haben mochtest. Mein name ist Elena, ich bin 29 Jahre alt und mit meinem Alter habe ich keine Zeit fur Spielchen! Ich die ernste und anstandige Frau, ohne schadliche Gewohnheiten. Wenn Sie Interesse an der Fortsetzung der Bekanntschaft, schreiben Sie mir bitte. Ich freue mich, dich kennen zu lernen! Warte auf deine Briefe. Elena!“

So geht’s aber auch:

„Wollen Sie Ihre Niere für Geld verkaufen? Unser Krankenhaus ist spezialisiert auf Nierenchirurgie / Transplantation und andere Organ-Behandlung, werden dringend in der Notwendigkeit für O + ve, A + ve und B + ve Nierenspender mit oder ohne Pass und wir bieten Ihnen eine schöne Menge von maximalem Betrag $ 950.000 US Dollar. Jeder Interessierte sollte freundlich Kontaktieren Sie uns per E-Mail: ubth11@gmail.com oder WhatsApp +2347063061652“

Hier noch eine mail von wirklichen Herzchen, die damit die niedersten Instinkte von Scheißkerlen wecken wollen:

„Grüße vom Welteliteimperium der Illuminaten. Möchten Sie Teil einer Gruppe netter Menschen sein, die danach streben, Ihr Wissen zu erweitern, um persönliches Wachstum zu erreichen? Möchten Sie reich sein?, mächtig und berühmt. Brauchen Sie Schutz in Ihrer Arbeit oder Ihrem Geschäft, um mehr Aussichten für das zu haben, was Sie tun? Falls JA! Dann können Sie Ihre Träume verwirklichen, indem Sie Mitglied des großen Illuminatenimperiums werden. Sobald Sie Mitglied sind, können all Ihre Träume und Herzenswünsche vollständig erfüllt werden. Wenn Sie daran interessiert sind, Mitglied der großen Illuminatenbruderschaft zu werden, melden Sie sich von Ihrem privaten E-Mail-Konto aus bei uns, um weitere Informationen zum Beitritt zu den Illuminaten zu erhalten.

Bitte antworten Sie nur auf unsere direkte Rekrutierungs-E-Mail an: info@contactilluminati.online Bitte beachten Sie: Stellen Sie sicher, dass alle Ihre Antworten direkt und ausschließlich an die oben angegebene E-Mail-Adresse gesendet werden: info@contactilluminati.online Weitere Anweisungen zu unserem Mitgliedschaftsprozess folgen. Die Illuminaten

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Helden/Heldinnen (1)

„Unglücklich das Land, das Helden nötig hat,“ schrieb Bertolt Brecht. Jetzt ist das deutsche Land endlich unglücklich, mit so ziemlich allem – von der Stationierung amerikanischer Raketen und den eskalierenden Ukraine-Gaza-Yemen-Kriegen über die Fußball-EM und die vielen Starkregen bis zu den zu hohen Mieten und der rotgrünen Regierung mit ihrem Wärmepumpengesetz, verbunden mit dem Wechsel von billigem russischen Erdgas zu teurem amerikanischen Frackingscheiß.

Und da kommen uns auch schon – quasi wie bestellt – ein paar Eventkanonen mit einer fetten Ausstellung samt Katalog über „Helden“, d.h. mit einem ganzen Fächer voller Held*innen. Es ist selbstverständlich eine „kritische“ Ausstellung, diachronisch und synchronisch sowieso, zudem legt sie nahe, dass die Wahrheit des Heldentums heute vielfältig ist, eine Multitude geradezu: Helden für jeden und in jeder Lebenslage. Solch eine Vielfalt verdanken wir, als Habenichtse, der angloamerikanischen Globalisierung (während ihre neoliberalen Profiteure allerdings eher die Einfalt preisen).

Die einen aus dem Prekariat schwärmen nun für ihre Helden im „Dschungelcamp“, für den Fußballer Lionel Messi oder für den Hitlerattentäter Stauffenberg, die anderen für einen schwulen Formel-1-Fahrer, für Donald Trump oder für den ermordeten Martin Luther King, und wieder andere für Greta Thunberg Carola Rackete oder Taylor Swift. Für kurze Zeit auch für drei junge Männer von einer freiwilligen Feuerwehr in Sachsen, die mutig alle Brände löschten, aber dann als Brandstifter entlarvt wurden. Wir wollten als Helden dastehen, entschuldigten sie sich vor Gericht.

All diese Vorbilder und noch viele mehr werden von der Ausstellung auf dem ehemaligen französischen Flugplatz in Berlin-Gatow, der nun ein „Militärhistorisches Museum“ ist, ins Feld geführt. Drumherum befindet sich auf dem Freigelände die weltweit größte Sammlung von militärischen Großgeräten. Sie umfasst Flugabwehrsysteme (Flugabwehrkanonen und Flugabwehrraketen), Radargeräte, aber auch andere Erfassungssysteme und Zielhilfen, Transport-, Schlepp- und Wartungsfahrzeuge, Fernmeldesysteme und ortsfeste Anlagen.

Für die Ausstellung sind die Veranstalter tiefschürfend in die Geschichte des Heldischen eingestiegen: Angefangen mit dem mythischen Helden Herakles, der Griechenland einst löwenfrei machte, und dem biblischen Helden David, der den Riesen Goliath besiegte, wenn man dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ glauben darf.

Aber wer ist das, der nun diese ganzen Helden derart ins Spiel bringt? Das ist zum Einen der „Sonderforschungsbereich 948 der Universität Freiburg“, von dem ich immer dachte, dass da knallharte Militärforschung betrieben wird, aber nein: doch eher weiche. Denn mit Geld von der „Deutschen Forschungsgemeinschaft“ wurde in diesem „DFG-Projekt Nummer 181750155“ zwölf Jahre lang über „Helden. Heroisierungen. Heroismen“ geforscht, d.h. gegrübelt und Material gesammelt – bis entweder das Geld ausging oder man sich sagte: Nun ist genug. Vielleicht meinte aber auch das mitbeteiligte „Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr“ in Potsdam (wo man statt in weißen Kitteln in olivfarbenen Uniformen forscht und der Leiter ein forscher Oberst ist, zusammen mit einem englischen Militärhistoriker): Jetzt müssen wir endlich mal Nägel mit Köpfen machen!

Eben eine Ausstellung. Der „Sprecher“ des Sonderforschungsbereichs, ein „klassischer Archäologe“, bekam einen neuen Job: als Sprecher des „Direktoriums des Freiburg Institute for Advanced Studies“. Und für die Gestaltung der Ausstellung gewann man (mit viel Geld?) die linke, aufklärerische „Künstlergruppe Rimini Protokoll“, wie Wikipedia das dreiköpfige Berliner „Autoren-Regie-Team“ nennt, das normalerweise eher die „Anti-Helden“ feiert/featured, denn „die Helden wurden inzwischen von Antihelden verdrängt, da diese wesentlich attraktiver zu sein scheinen. Dies liegt daran, dass sie verletzlich, unglücklich und größtenteils das Produkt einer gescheiterten Gesellschaft sind,“ wie es auf „gedankenwelt.de“ heißt und wie die Uni Kiel sie erforscht. Also eher Don Quichotte als Manfred von Richthofen.

Der sowjetische Schriftsteller Alexander Goldstein will diese Verdrängungsleistung allerdings nicht hinnehmen. In seinem Roman „Denk an Famagusta“ (2016) fragt er sich deswegen, ob „die Kultur“ nicht am Ende ist, „wenn fette, Operettenballetteusen beweihräuchernde Börsenspekulanten die Helden sind“? An anderer Stelle bedauert Goldstein: „Der Familienvater ist der heutige Held.“ Also wenn es um „Helden des Alltags“ geht – wird dann nicht das „Prinzip Held“ ausgehebelt? Der Polnische Theaterwissenschaftler Andrzej Wirth meint in seiner erzählten Autobiographie „Nach vorn“ (2013), dass die ungeheuerlichen Naziverbrechen eine „Entindividualisierung des Helden“ bewirkt habe, verbunden mit einer „Entindividualisierung der Situation“. An anderer Stelle spricht er dafür von einem „Heroismus des Aufhörens“, dazu erwähnt er verschiedene Theaterkollegen, die, wenn es am Schönsten war, etwas anderes unternahmen.

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Helden und ihre Geliebten

Zwei Mal hatte ich mit Redakteuren zu tun, die immer wieder von ihren Freundinnen kritisiert wurden, wenn sie lasch und luschig wurden, also es ohne Not an radikalem Denken fehlen ließen. Sowohl die Redakteure als auch ich, wenn ich es denn mitbekam, begrüßten diese Kritik. Dabei ging es um männigliche Kopfarbeit (Textbearbeitungen). Es gibt aber auch Fälle, wo eine Frau ihren Freund aus Liebe zur Handarbeit (zur Tat) drängte.

Im Gegensatz zum slowakischen Widerstand gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg, der in einen blutigen Partisanenkrieg gipfelte, war der tschechische Widerstand kurz: Er begann am 5. Mai 1945 und endete mit einem Waffenstillstand sowie mit dem Abzug der deutschen Wehrmacht aus Prag am 8. Mai 1945. Er dauerte also drei Tage, am nächsten Tag zog die Rote Armee in die befreite Stadt ein. Bei den Widerständlern kämpfte der Gymnasiast Josef Skvorecky. Seine Beteiligung geschah, weil er seiner Freundin imponieren wollte, wie er später in seinem Buch „Feiglinge“ (1986) berichtete. Es erschien zunächst in seinem Verlag „68 Publisher“, nachdem er mit seiner Frau ins Exil nach Kanada geflohen war, als die Rote Armee den „Prager Frühling“ 1968 mit Waffengewalt beendete.

In der amerikanischen und westdeutschen Studentenbewegung in den Sechziger- und Siebzigerjahren gab es ebenfalls etliche Linke, die militant wurden, um ihrer Freundin zu imponieren, vermute ich jedenfalls stark. Aus der Geschichte der Arbeiterbewegung und der KPDSU sowie der KPD weiß man von einigen Genossen sogar, dass sie ihrer Freundin bzw. Ehefrau in den Untergrund bzw. den bewaffneten Kampf folgten, nachdem diese sie zum Mitmachen gedrängt hatten.

2006 erschien auf Deutsch ein Bericht des Genfer Informatikers und Schriftstellers Daniel de Roulet mit dem Titel „Ein Sonntag in den Bergen“. Dazu hieß es auf dem Umschlag: „An einem schönen Sonntag im Kalten Krieg habe ich oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand gesteckt. Wie und warum, das will ich hier erzählen.“ Weiter heißt es dort: „Zuvor aber möchte ich schildern, was mich dazu getrieben hat, diese Tat zu gestehen. Auslöser war nur eine Bemerkung, die mich im Innersten berührt hat: ‚Ich weiß nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mann engagiert habe‘.“

Die Bemerkung stammt vom Bundeskanzler Gerhard Schröder 2003. Daniel de Roulets erfolgreicher Brandanschlag geschah 1975, die Tat war gemäß Schweizer Gesetz nach 10 Jahren verjährt. Seinen Bericht danach widmete der Autor seiner Jugendliebe, die 2005 an Krebs gestorben war. Er wurde 1944 geboren, sie vier Jahre später. Während ihrer Beziehung kritisierte sie ihn immer wieder: „Sie fand mich zu zögerlich, warf mir vor, ich hielte Sonntagsreden und trüge nichts dazu bei, unsere prachtvollen Schweizer Berge von den Mistkerlen zu säubern, die sich dort verkrochen.“

Mit der Zerstörung des Springerschen „Adlernestes“ oberhalb des noblen Gstaad, wo man im Winter nur mit dem Hubschrauber hinkam, wollte er ihr „beweisen, dass sie sich irrte“ – ihr zeigen, dass er „zur Abwechslung auch mal ein Held sein konnte“ – als „Sonntagsterrorist“, den sie einen „Textualtäter“ nannte. Sie beteiligte sich an der Tat. Als „Weihnachtsgeschenk“ für sie mietete er eine Nacht im Gstaader „Palace Hotel“ – unter falschem Namen, mit windfesten Perücken und einer gestohlenen Kreditkarte. Zuvor hatte er an der TH Zürich einen „Kurs über Dynamit“ mit praktischen Übungen und einem Zeugnis am Ende belegt. Die Brandstiftung führte er jedoch mit zwei Weihnachtskerzen und einer Tube Brennpaste im Living-Room des Chalets aus, während sie draußen „den Luftraum überwachte“.

Das Schlimmste war früh Morgens von Palace Hotel aus der Aufstieg zum Chalet. Sie brauchten dazu fünf Stunden in Eis und Schnee. „Lächelnd übernahm sie die Führung.“ Die Zerstörung des „Adlernests“ von Springer, dem vermeintlichen „Nazischwein“, nannte er „Operation Berchtesgaden“ – in Anspielung an Hitlers Alpen-Refugium. Für die Presse hatte er ein Bekennerschreiben verfaßt und in frankierten Umschlägen bereit gelegt. Der Anschlag hatte internationale Ermittlungen zur Folge, „auf unseren Kopf wurde ein Preis ausgesetzt“. Zunächst richtete sich der Verdacht natürlich (!) auf einen Russen und dann auf deutsche Terroristen. Jahre später besuchte Daniel de Roulet den Tatort noch einmal, ohne seine Freundin: Vom Springerschen Chalet keine Spur mehr, der Berg war wieder „rein und weiß“.

Es gab noch einen anderen Multimillionär, der eine ähnliche Berghütte – allerdings auf einem Kärtner Berg – besaß: den linksradikalen Verleger Giangiacomo Feltrinelli. Die Hütte war sein „geheimer Zufluchtsort, zwischen den Bäumen versteckt hielt der fortschrittliche Verleger all die alten schikanösen Herrenrechte aufrecht. Man bezahlte ein Wegegeld, um passieren zu dürfen und die Wachen mit Federhut nahmen Frauen, die Holz sammelten, fest und übergaben sie der Polizei. Es war ein Gärtner, der ihn später zur Revolution bekehrte,“ schreibt der Neoavantgardist Nanni Balestrini in seinem Buch „Der Verleger“ (2020), in dem es um Feltrinellis Versuch ging, 1972 einen Strommast bei Mailand in die Luft zu sprengen, bei dem er umkam.

Balestrini und mit ihm einige „Experten“ legen nahe, dass an dem Sprengstoffattentat „mindestens drei, wenn nicht sogar vier Personen, darunter auch eine Frau“ beteiligt waren. „Es gibt Gerüchte über eine ausländische Freundin des Verlegers, die Schmiere gestanden haben soll“. Am Ende seines Buches über Feltrinellis Tod erwähnt Balestrini einen Koffer, in dem sich ein Tonband befindet, das aus einem Versteck der „Roten Brigaden“ stammt, und „auf dem ein Mitkämpfer Feltrinellis mit dem Kampfnamen ‚Gunter‘ den Ablauf der Aktion erzählt.

Die Roten Brigaden hatten eine eigene Untersuchung des Todes von Feltrinelli durchgeführt. ‚Gunter‘ war ein Mitglied der GAP (der 1970 von Feltrinelli gegründeten ‚Gruppo d‘Azione Partigiana’), das parallel zu dem Anschlag auf den Strommast von Segrate eine zweite Aktion gegen einen weiteren Strommast ausführen sollte, um Mailand in Dunkelheit zu hüllen und dort geplante Aktionen militanter Gruppen zu erleichtern Angeblich ist ‚Gunter‘ mit einem ehemaligen Partisan namens Ernesto Grassi, der 1977 verstorben ist, identisch.“ Dieser ist nicht mit dem Mailänder Philosophen Ernesto Grassi identisch, der 1991 in München starb.

Feltrinelli besaß neben vielen anderen Immobilien auch eine „Jugendstilvilla am Gardasee mit einem Garten aus Tausendundeiner Nacht und einem Kilometer Privatstrand“, wo er seine „prunkvollen und verrückten Partys mit Hunderten von Gästen, intellektuelle Anarchisten, Extremisten, Abenteurer jeder Couleur, und vielen schönen Frauen…“ feierte. Und wenn er nicht am Gardasee Hof hielt, dann war er auf Kuba, als großer Verehrer von Ernesto „Che“ Guevara und Freund von Fidel Castro, deren Bücher er verlegte.

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Helden/Heldinnen (2)

Es gab neben dem rechten Hamburger Verleger Axel Caesar Springer noch einen anderen Multimillionär, der eine Berghütte in den Alpen besaß. Aber während Springer ein eher trauriger Idiot war, der seltsame Partys in seinem Haus auf Sylt feierte und seinen Astrologen befragte, wann der günstigste Zeitpunkt für ein Geheimgespräch mit Nikita Cruschtschow wäre, dem er dann das Angebot machte, die DDR zu kaufen, war der Mailänder Multimillionär Giangiacomo Feltrinelli ein linksradikaler Verleger. Er veröffentlichte zwar das Buch „Doktor Schiwago“ von Boris Pasternak im Westen, was ihm von der CIA zugespielt wurde. Ansonsten verlegte er jedoch keine antisowjetischen sondern antikapitalistische Werke. Überhaupt ähnelte er eher dem Genfer Schriftsteller Daniel de Roulet, der „oben auf einem Schweizer Berg Axel Caesar Springers Chalet in Brand steckte,“ wie Roulet schrieb (siehe Junge Welt v. 9.7.).

Feltrinellis Berghütte in den Kärtner Bergen war sein „geheimer Zufluchtsort, zwischen den Bäumen versteckt hielt der fortschrittliche Verleger all die alten schikanösen Herrenrechte aufrecht. Man bezahlte ein Wegegeld, um passieren zu dürfen und die Wachen mit Federhut nahmen Frauen, die Holz sammelten, fest und übergaben sie der Polizei. Es war ein Gärtner, der ihn später zur Revolution bekehrte,“ schreibt der Schriftsteller Nanni Balestrini in seinem Buch „Der Verleger“ (2020), in dem es um Feltrinellis Versuch geht, 1972 einen Strommast bei Mailand in die Luft zu sprengen, bei dem er umkam.

Balestrini und mit ihm einige „Experten“ legen nahe, dass an dem Sprengstoffattentat „mindestens drei, wenn nicht sogar vier Personen, darunter auch eine Frau“ beteiligt waren. „Es gibt Gerüchte über eine ausländische Freundin des Verlegers, die Schmiere gestanden haben soll“ (so wie auch die Freundin von Roulet bei seinem Brandanschlag Schmiere stand. )

Am Ende seines Buches über Feltrinellis Tod erwähnt Balestrini einen Koffer, in dem sich ein Tonband befand, das aus einem Versteck der „Roten Brigaden“ stammte, und „auf dem ein Mitkämpfer Feltrinellis mit dem Kampfnamen ‚Gunter‘ den Ablauf der Aktion erzählte.“

„Die Roten Brigaden hatten eine eigene Untersuchung des Todes von Feltrinelli durchgeführt. ‚Gunter‘ war ein Mitglied der GAP (der 1970 von Feltrinelli gegründeten ‚Gruppo d‘Azione Partigiana’), das parallel zu dem Anschlag auf den Strommast eine zweite Aktion gegen einen weiteren Strommast ausführen sollte, um Mailand in Dunkelheit zu hüllen und dort geplante Aktionen militanter Gruppen zu erleichtern Angeblich ist ‚Gunter‘ mit einem ehemaligen Partisan namens Ernesto Grassi, der 1977 verstorben ist, identisch“ (dieser ist nicht mit dem eher rechten Mailänder Philosophen Ernesto Grassi identisch, der 1991 hochgeehrt in München starb.)

Wikipedia hat sich für eine andere Erklärung des Todes von Feltrinelli entschieden: „Nach 2010 ans Licht gekommene Indizien bestärken Zweifel an der Unfalltheorie, so die Verletzungen an der Leiche Feltrinellis, die – einem damals unterdrückten Gutachten zufolge – auf einen ‚Angriff von hinten‘ und nicht auf eine selbstverschuldete, versehentlich zu früh ausgelöste Bombenexplosion hindeuten. Auch Staatsanwalt Guido Viola will heute eine Verwicklung von Geheimdiensten in den Tod Feltrinellis nicht mehr ausschließen. Zu Feltrinellis 50. Todestag, 2022, war zumindest klar, dass er sowohl vom italienischen Geheimdienst als auch von der CIA beobachtet worden war.“

Die Familie Feltrinelli war mit Immobilien reich geworden. Giangiacomo Feltrinelli besaß neben vielen anderen Immobilien auch eine „Jugendstilvilla am Gardasee mit einem Garten aus Tausendundeiner Nacht und einem Kilometer Privatstrand“, wo er seine „prunkvollen und verrückten Partys mit Hunderten von Gästen, intellektuelle Anarchisten, Extremisten, Abenteurer jeder Couleur, und vielen schönen Frauen…“ feierte. Wenn er nicht auf seiner Yacht war oder am Gardasee Hof hielt, dann war er auf Kuba – als großer Verehrer von Ernesto „Che“ Guevara und Freund von Fidel Castro, deren Bücher er verlegte.

Den Verlag hatte Giangiacomo Feltrinelli 1954 gegründet. Nach seinem Tod übernahm seine Frau Inge Feltrinelli (1930–2018) die Leitung des Verlags, der heute von ihrem Sohn Carlo Feltrinelli geführt wird. Der Verlag hat ab 1957 in die Bereiche Buchhandel (122 Läden bis heute) sowie in den Onlinehandel und in Fernsehen investiert. Zur „Gruppo Feltrinelli“ gehört das Verlagshaus mit einer von Giangiacomo Feltrinelli gegründeten Forschungs- und Kulturstiftung, die laut Balestrini eine einmalige Sammlung linker Schriften beinhaltet.

Daneben unterstützte er auch einige linksradikale italienische Gruppen finanziell und besorgte laut Wikipedia die Pistole, „mit der am 1. April 1971 in Hamburg der dortige bolivianischen Konsul Roberto Quintanilla möglicherweise von der Deutschen Monika Ertl erschossen wurde. Quintanilla war führend an der Polizeiaktion zur Aufspürung und Ermordung Che Guevaras beteiligt gewesen.“

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Kofferworte

Das sind zusammengesetzte Wörter – „Jein“ zum Beispiel, bestehend aus Ja und Nein. Mir geht es hier aber darum, ein paar Worte über Kofferprobleme zu verlieren. Einer Ghanaesin war ihr Koffer auf dem Mailänder Flughafen beim Umsteigen in ein Flugzeug nach Berlin nicht mitgekommen. Sie bat mich, ihr zu helfen. Für solche Fälle gibt es das „Montrealer Übereinkommen“. Es legte fest, dass der kofferlos da stehende Reisende Anspruch auf Ersatzkleidung und Hygieneartikel hat, deren Kosten die Airline erstatten muss. Wenn der Koffer ganz weg ist, wie bei der Ghanaesin, kann man eine Entschädigung (bis zu 1574 Euro) verlangen. Die Fluggesellschaften zahlen jedoch oft weniger als gewünscht. Im Falle der Ghanaesin gar nichts.

Umgekehrt war der Fall bei einer Bekannten aus Hongkong, die ich in Berlin zum Flughafen fuhr: Sie hatte ihren Koffer derart voll mit Geschenken für ihre große Familie gepackt, dass er viel zu schwer war. Und als „Übergepäck“ weder von ihr noch von mir zu bezahlen war, deswegen bot ich ihr an, die Hälfte des Inhalts ihres Koffers als Paket nach zu schicken. Auch das war dann nicht billig.

Ebensowenig mein jüngstes Koffererlebnis: Ich war in Basel, wo ich übernachten mußte. Am nächsten Tag gab ich für 12 Franken meinen Rollkoffer bei der Gepäckaufbewahrung auf dem Hauptbahnhof „Basel SBB“ ab, weil ich noch in der Stadt spazieren gehen wollte. Danach holte ich meinen Koffer ab und stieg in den Zug nach Berlin, wo ich nach einiger Zeit im „Bord-Bistro“ ein Buch aus dem Koffer holen wollte. Dabei stellte ich fest, dass es nicht mein Koffer war, denn es befand sich darin eine rumänische Bibel. Ohne Lektüre aß und trank ich stattdessen für 38 Euro.

Die zwei männlichen Zugbegleiter meinten zu mir dienstlich gestimmt, ich solle den falschen Koffer in Berlin zum Basler Hauptbahnhof zurückschicken und im Internet eine Verlustmeldung bei der Deutschen Bahn ausfüllen. Eine weitere Zugbegleiterin hatte jedoch Mitleid mit mir und telefonierte nach hierhin und dorthin. Heraus kam schließlich, dass sie den Koffer des Rumänen beim nächsten Halt in Karlsruhe zum Bahnhof „Basel SBB“ zurückschicken würde. Seinen Besitzer hatte man bereits auf den nächsten Tag vertröstet. Meinen Koffer, den man dort schon mit meinen Namen versehen hatte (wenn auch auf Schweizerisch: mit „Högge“) würde man zum „Badischen Bahnhof Basel“ bringen, der zu Deutschland gehöre. Von dort gehe alle zwei Wochen ein DHL-Transport ab, mit dem mein Koffer dann für 20 Euro nach Berlin käme.

In Berlin erhielt ich am nächsten Tag eine Mail von einer Frau, die bei der Gepäckaufbewahrungsstelle am „Badischen Bahnhof Basel“ arbeitete: Sie hätte Nachtschicht gehabt, schrieb sie, und da nur wenig los war, hätte sie meinen Koffer schon mal versandfertig gemacht. Er würde deswegen bereits in den nächsten Tagen mit DHL zu mir unterwegs sein.

Im Internet erfuhr ich dann 1. dass ich über eine „DHL-Sendungsverfolgung“ herausbekommen konnte, wo sich mein Koffer gerade auf der Strecke Basel-Berlin befand und 2. dass es sich bei der DHL um die Anfangsbuchstaben von drei cleveren Amis handelt, deren Geschäftsidee 1969 darin bestand, dass sie die Warenbegleitpapiere schon vor dem eigentlichen Warentransport versendeten und die Verzollung der entsprechenden Schiffsladungen damit bereits vor dem Eintreffen der Schiffe beginnen konnte. Bei den Waren handelte es sich zumeist um Versorgungsteile für Ölbohrstellen und Bohrinseln.

2002 kaufte die zuvor privatisierte Deutsche Bundespost für viel Geld den weltweit tätigen Expressdienst DHL. Die Deutsche Post AG besitzt heute laut Wikipedia fünf Airline-Tochtergesellschaften, die für DHL tätig sind. Sie verfügt über 250 Flugzeuge und weitere 21 Flugzeuge auf Bestellung.

2011 arbeitete ein TV-Journalist drei Wochen „Undercover als Paketsklave“ für einen Service-Partner von DHL. Der Film übte massive Kritik an den Arbeitsverhältnissen der Zusteller. 2012 trennte sich DHL von dem Subunternehmer. 2023 erhielt die DHL Group zum zweiten Mal den Datenschutz-Negativpreis „Big Brother Award“ in der Kategorie Verbraucherschutz, weil „sie die Technik ihrer Packstationen so umgestellt hatte, dass man dort kein Paket mehr abholen kann ohne Smartphone und die Nutzung der Post & DHL App“. Die Jury begründete ihre Entscheidung überdies damit, dass die „Post & DHL App“ ungefragt Daten an Tracking-Unternehmen sendet und dass die Ersetzung von Postfilialen durch Paketstationen einen „Versuch, sich den Pflichten der Grundversorgung bei der Briefzustellung zu entziehen“ darstelle.

Ich konnte anhand der DHL-Sendungsverfolgung feststellen, dass mein Koffer tagelang in Karlsruhe lagerte. Aber dann ging es doch weiter – bis ich ihn schließlich vom Zusteller gegen Zahlung von 20 Euro wieder bekam. Indem ich hier nun darüber berichte und dafür ein Honorar bekomme, habe ich unterm Strich aber sogar noch einen kleinen Gewinn gemacht.

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US-Idiotismen

Über 80% aller US-Biologen sind Eigentümer oder Teilhaber von Firmen, die ihre Forschungsergebnisse vermarkten, so die US-Biologiehistorikerin Lilly E. Kay. Vor dem Zweiten Weltkrieg haben die Biologen noch „„ohne jegliches kommerzielles Interesse geforscht,“ meint die US-Mikrobiologin Lynn Margulis. Ihre Kollegen „interessieren sich heute nicht mehr für die Geschichte des Lebens auf der Erde, sondern vor allem dafür, bessere Tomaten zu machen,“ kritisierte sie.

Gleichzeitig versprechen uns die angloamerikanischen Naturwissenschaftler mit ihren albernen Erkenntnissen das Blaue vom Himmel. So tönt z.B. der Biologe Semir Zeki in seinem Buch „Glanz und Elend des Gehirns“ (2010): „Mein Ansatz ist von der Wahrheit bestimmt, von der ich denke, dass sie unumstösslich ist: dass jede menschliche Handlung von der Organisation und den Gesetzen des Gehirns bestimmt ist und dass es deshalb keine wahre Kunst- und Ästhetik-Theorie geben kann, außer wenn sie auf Neurobiologie beruht“ – also auf einem höchst fragwürdigen Forschungsansatz.

Dieser Schwachsinn ist unter aller Kritik, ebenso die folgenden Gedanken des US-Physikers Michio Kaku. In seinem Bestseller „Wettlauf um die Zukunft“ (2023) geht es ihm darum, „wie der Quantencomputer die Probleme der Menschheit lösen wird“. So einen kindischen Unsinn will man doch nicht lesen!

Ebensowenig den US-Bestseller für den sich das „manager-magazin“ erwärmt: „Die digitale Revolution: Verheißungen einer vernetzten Welt – die Folgen für Wirtschaft, Management und Gesellschaft“ (1996) von Don Tapscott, den Vorsitzenden der wirtschaftsstrategischen Denkfabrik „nGenera Insight“. Tapscott prophezeit in seinem Buch: Die neuen Medien werden eine völlig neue Ökonomie hervorbringen, die die alten Wertschöpfungsketten durch -netze ersetzt und eine neue Unmittelbarkeit erlauben. Zudem werden in den Unternehmen Kommandohierarchien obsolet, wobei „zunehmend Kapital durch Geist geschaffen wird“ – Kreativität, die nicht mehr von oben „beaufsichtigt und befohlen“ wird. „In der modernen Wissensökonomie sind Lernen und Arbeiten hundertprozentig identische Aktivitäten“, deswegen werden die neuen „Unternehmen die zukünftigen Universitäten sein“. Als Beispiel erwähnt Tapscott die Universität des Konzerns McDonalds, in der 2006 „eine Million Menschen lernten“, er nennt sie die „Net-Generation“.

Diese hier zitierten Ami-Wissenschaftsutopien sind grauenhafte Dystopien. Manchmal ist so ein nach Ruhm, Ehre und Reichtum gierender Dumpfbeutel aber ohne es zu wollen, ehrlich genug, um das selbst zu sehen. Z.B. der Genetiker und Berater von Biotech-Unternehmen, William Bain in der Zeitschrift „Nature Biotechnology”: „Die meisten Anstrengungen in der Forschung und in der biotechnologischen industriellen Entwicklung basieren auf der Idee, dass Gene die Grundlage des Lebens sind, dass die Doppelhelix die Ikone unseres Wissens ist und ein Gewinn für unser Zeitalter. Ein Gen, ein Enzym, ist zum Slogan der Industrie geworden…Kann das alles so falsch sein? Ich glaube schon, aber ich bin sicher, das macht nichts. Denn die Hauptsache ist, dass es funktioniert: Manchmal funktioniert es, aber aus den falschen Gründen, manchmal wird es mehr Schaden anrichten als Gutes tun…Aber die beobachtbare Wirkung ist unbestreitbar…Wir müssen nicht das Wesen der Erkenntnis verstehen, um die Werkzeuge zu erkennen…Inzwischen führen die Genom-Datenbanken, die geklonten Proteine und anderes Zubehör der funktionalen Genetik zu Werkzeugen, Produkten, Einsichten, Karrieren und Optionen an der Börse für uns alle.”

Ironischerweise nennt sich die mit Computern und anderen Hightech-Geräten operierende Biologie heute „Life Sciences“, obwohl sie mit dem „Leben“ so gut wie nichts zu tun hat. Das Wort „Leben“ taucht in den Biologiebüchern schon so gut wie gar nicht mehr auf. Die Lebenswissenschaftler erforschen heute „nicht mehr das Leben, sondern die Algorithmen des Lebendigen“, stellte der französische Genetiker und Nobelpreisträger Francois Jacob klar.

Der kürzlich verstorbene französische Wissenssoziologe Bruno Latour hielt dagegen die ganze Genetik für einen ärmlichen „Reduktionismus“, räumte allerdings ein, dass sie in der Industrie durchaus Sinn ergebe, d.h. Gewinne verspreche. Mit „Industrie“ ist in gewisser Weise die nahezu weltweit angloamerikanisierte Biologie gemeint, die mit ihren Geräten „objektiv verwertbare Erkenntnisse“ liefert. Ähnlich wie Latour sieht das auch der deutsche Philosoph Gregory Fuller: „Mit der Gentechnik erreichen wir den Höhepunkt unserer Verachtung gegenüber allen natürlichen Wesen,“ schrieb er in „Das Ende – von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe“ 1993.

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In der taz wurde neulich die Preiserhöhung bei Butter begrüßt, weil dadurch die Konsumenten mehr Margarine kaufen. Butter wird aus Milch hergestellt und Margarine aus Pflanzen gewonnen. Milch ist also ein Produkt von Kühen und da es zu viele Kühe auf der Welt gibt, die mit ihrem Pupsen und Rülpsen wesentlich mit zur Klimaerwärmung beitragen, wird den Konsumenten nahe gelegt, sich von pflanzlichen Produkten zu ernähren und also auch Margarine statt Butter zu verwenden, die überdies auch gesünder sein soll.

Das leuchtet alles ein. Allein, diese Logik ist sozial blind wenn nicht gar sozialfeindlich, denn sie bedeutet, dass fürderhin nur noch die Besserverdienenden sich Butter leisten können, während die Geringverdiener auf Margarine umsteigen müssen. Grob gesagt handelt es sich bei diesen beiden Konsumentenschichten um Kopf- und Handarbeiter. Und noch gröber: Einerseits um Leute, die den ganzen Tag am Bildschirm im Büro oder im Home-Office arbeiten und andererseits um Leute, die sich, teilweise draußen, körperlich betätigen müssen.

Erstere joggen oder gehen ins Fitnesscenter nach Feierabend, um nicht zu verfetten und letztere knallen sich Abends müde vor den Fernseher oder treffen sich mit ihren Freunden auf ein oder mehrere Biere. Sie müssten also wegen ihrer schweren Arbeit Butter (Fett) essen und die anderen, die nicht körperlich arbeiten, sollten besser Margarine essen, sich vegan ernähren. Es müßte also genau umgekehrt sein als es nun ist: dass die Butter billiger wird und die Margarine teurer – wenn es schon darum gehen soll, dass ein Lebensmittel im Preis steigen soll oder muß. 

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Folgenreiche Anfänge

„Das Prinzip des Privateigentums, des Warentauschs, ist die Negation von Gesellschaft.“ (Alfred Sohn-Rethel) Der von Herodot so genannte „Demokratie-Begründer“ Kleisthenes mußte – im 6.Jhd. v.Chr. in Athen – von den unteren Klassen gezwungen werden, zuzulassen, dass auch vermögenslose Bürger in Staatsämter gewählt werden durften. Für den Altphilologen George Thomson zeigte dies bereits „den Mittelstandscharakter der Revolution“, zudem war die neue Verfassung dem früheren „Stammesmodell“ nachgebildet – und verbarg so die Tatsache, dass mit ihr die „letzten Überreste der urtümlichen gesellschaftlichen Verhältnisse hinweggefegt worden waren,“ d.h. die Warenbesitzer traten sich nunmehr in der „‚Freiheit‘ des offenen Marktes als Gleiche gegenüber.“

Diese allgemeine „Gleichheit vor dem Gesetz“ (isonomia) bezeichnete bereits Diodoros aus Agyrion im 1. Jhd.v.Chr. als Mogelpackung, da sie ohne „Gleichheit des Eigentums“ (isomoiria) durchgesetzt wurde. Infolgedessen hatte sich laut Thomson „der Klassenkampf, weit davon entfernt, beendet zu sein, noch verschärft.“ Es standen sich nun nicht mehr Adlige und Bürger, Mitglieder einer menschlichen Gesellschaft, gegenüber, sondern Sklavenhalter und Sklaven, wobei letztere „aus der Gesellschaft Ausgestoßene“ und zugleich „Schöpfer ihres Wohlstands“ waren. Dadurch entstand eine Spaltung zwischen Konsumtion und Produktion, zwischen Theorie und Praxis. Die „Ersten Philosophen“, von denen nicht wenige Kaufleute waren, mithin Sklavenhändler, verdanken dieser Trennung von Hand- und Kopfarbeit ihre Existenz.

Das beginnt mit Parmenides: „Er ist der Mann, der unveränderliche und rein begrifflich formulierte Gesetze anstelle anschaulicher Ereignisfolgen setzt und der so Wirklichkeit und Welterfahrung, Denken und Anschauung, Wissen und Handeln entschieden voneinander trennt,“ wie Paul Feyerabend in seiner „Naturphilosophie“ (2018) schreibt. Parmenides begründete damit unsere westliche Wissenschaft – mit ihm beginnt die Philosophie, wie Hegel meint.

Als nächster politischer Reformer trat im 6.Jhd.v.Chr. der Kaufmann Solon auf den Plan. Seine Leistung bestand laut Thomson darin, „die Gesellschaft von der Natur geschieden und als ein sittliches Ordnungsgefüge erklärt zu haben“. Die „isonomia“ ohne „isomoiria“ tastete er nicht an, wiewohl er erkannte, dass der Reichtum „kein Maß“ hat und die „Geldgier der Bürger die Stadt zerstören“ könnte. Gleichzeitig sprach er jedoch davon, dass einer, der sich alles leisten kann, nicht reicher ist als ein anderer, der nur genug zu essen hat. Deswegen wollte er Reichtum und Gerechtigkeit nicht gegeneinander ausspielen, „da diese niemals zu erschüttern ist, während das Geld beständig von einem Menschen zum anderen hinüber wechselt.“

Mir drängte sich dieser ganze Demokratie-Widersinn erstmalig als einkommensloser 18jähriger auf, als ich wegen abgefahrener Reifen an meinem alten VW 160 DM Strafe zahlen mußte, die ich nicht hatte. Während z.B. mein beim Staat angestellter Vater eine solche Summe aus seiner Brieftasche hätte bezahlen können – abgesehen davon, das die Reifen an seinem Auto nie abgefahren waren, weil er immer genug Geld hatte, um sie rechtzeitig zu wechseln. Anders gesagt: Die gerechte – für alle gleiche Strafgebühr – war (und ist) eine schreiende Ungerechtigkeit.

Es kam aber noch dicker: 2001 schlenderte ich die Einkaufsstraße der mongolischen Hauptstadt entlang. Als ich an einem Terrassencafé vorbeikam, sah ich in nächster Nähe von mir ein Pärchen vor zwei Cocktails sitzen: eine junge Mongolin und ein etwa 22jähriger amerikanischer Volontär des Konzerns „Ivanhoe Mines“, wie ich etwas später erfuhr. Ivanhoe ist der Titel eines Kreuzritter-Romans von Sir Walter Scott. Der Bergbaukonzern gleichen Namens hat eine Goldmine in der Mongolei ausgebeutet. Weil er glaubhaft machte, dass er dazu 15 Jahre benötigte, gewährte die Regierung ihm 5 Jahre Steuerfreiheit. Er benötigte jedoch nur viereinhalb Jahre, um alles Gold aus der Mine zu lösen – und weg war er. Dieser „Betrug“ erboste die Mongolen derart, dass es zu gewalttätigen Auschreitungen in der Hauptstadt kam. Inzwischen gehört der Konzern dem noch größeren Bergbaukonzern „Rio Tinto“, der in der Wüste Gobi eine riesige Gold- und Kupfermine ausbeutet.

Zurück zum mongolisch-amerikanischen Pärchen auf der Caféterrasse: Während die junge Mongolin auf der Caféterrasse etwas gelangweilt die Passanten betrachtete, hatte er sich in ein Buch vertieft. Ich spinne nicht: Es war „The White Man’s Burden“ („Die Bürde des Weißen Mannes“ 1899) – ein Poem von Rudyard Kipling, in dem er die Amerikaner zur Kolonisierung Kubas und der Philipinen aufrief, was er als einen humanitären Akt darstellte. Ausgerechnet diesen „Klassiker“ las nun dieser Amischnulli in der Mongolei, während gleichzeitig einen Steinwurf davon entfernt drogenkranke Straßenkinder in der Kanalisation hausten, Frauen an der Landstraße ihre Muttermilch verkauften und die US-Botschafterin in Ulaanbaatar der mongolischen Regierung sagte, was diese als nächstes tun muß.

Sprung – April 2014: Um Russland wie weiland 1918 von White Man’s Nations zu umzingeln, besuchte der US-Verteidigungsminister die Mongolei und bat die Regierung, eine Militärbasis im Land errichten zu dürfen. Der mongolische Verteidigungsminister bedauerte, dass er das nicht genehmigen könne, die Verfassung gäbe das noch nicht her. Aber westliche Experten sind sich sicher: „Wir werden die Mongolei bald nicht mehr wiedererkennen.“ Ja, denn schon werden aus reichen Nomaden seßhafte „Farmer“, die für das Hüten ihres Viehs arme viehlose Nomaden beschäftigen. Für sie ist nun der weiße Mann mit seiner Privateigentumsidee die Bürde.

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Nashörner

Die Klimaforscher Werner Krauß und Hans von Storch warnten ihre Kollegen 2013 im Buch „Die Klimafalle“, sich der Politik anzudienen. Die Wissenschaft, die den Staat unterstützt, wird mit diesem vom Markt geschluckt. Die Politiker sind zudem gar nicht in der Lage, etwas gegen die Klimaerwärmung zu tun, denn sie sind verpflichtet, dem Wohle des Volkes zu dienen, höchstens können sie sich für solche Ökoprojekte engagieren, die ökonomisch profitabel sind oder das versprechen. Aber „wenn sie die Ökologie ökonomisieren, fügen sie bloß einer schwindelerregenden Vielfalt eine weitere hinzu,“ gibt der Wissenssoziologe Bruno Latour in seinem Buch „Kampf um Gaia“ (2017) zu bedenken.

Und die Wirtschaft? Der Chef von Shell z.B., Wael Sawan, ist den Anteilseignern verpflichtet, deswegen muß er genau prüfen, ob sein Konzern in diese Richtung „weiter aktiv bleiben“ will. „Wir wollen unbedingt weniger Kohlenstoff emittieren, aber der Weg dahin muss profitabel sein.“ Investitionen im fossilen Bereich bringen „mindestens 15% Rendite“, aber solche in „erneuerbare Energie nur 5-8%“.

Shell ist wie so viele andere große Konzerne ein „global Player“, Nutznießer der von Reagan und Thatcher angestoßenen „Globalisierung“. Diese wollen manche Linke und NGOs (Greenpeace z.B.) auch für sich reklamieren, was sich etwa in der Parole „Lokal handeln – Global denken“ zeigt oder in der Idee einer „Weltregierung“. Aber, sagt Latour, „genau dieser Utopie dürfen wir nicht auf den Leim gehen. Wir stoßen hier wieder auf die Figur des ‚Globus‘, die nicht nur unmöglich, sondern moralisch, wissenschaftlich und politisch tödlich ist…Sollten sie sich wundern, dass man den ‚Wald‘ sprechen läßt [wie u.a. der Anthropologe Eduardo Kohn in: „Wie Wälder denken“ – 2023], dann müssen Sie sich auch darüber wundern, dass ein Präsident als Vertreter von ‚Frankreich‘ spricht.“

Zwar müssen wir dem Staat „die Flötentöne beibringen“, aber wichtiger noch ist, wenn die „Demokratie neu beginnen soll“, dass dies „von unten her“ geschieht. Und das trifft sich laut Latour gut, denn „es gibt nichts Niedrigeres als den Boden“. Und der ist für uns „Erdverbundene“ (im Gegensatz zu den zum Mars flüchtenden Ami-Milliardären) unabdingbar. Alle Bodenforscher sind sich darin einig. (Siehe dazu den Überblick von Christiane Grefe und Tanja Busse „Der Grund“ – 2024): „Wie wir mit dem Land, mit den Flächen umgehen, ist die zentrale Zukunftsfrage.“

Die Vernachlässigung dieser „Grundlage“ zeigt, dass wir nie materialistisch genug gedacht haben. Und wenn doch einmal, dann wurde es ganz idealistisch – furchtbar falsch. 2016 veröffentlichten der Journalist John Mbaria und der Ökologe Mordecai Ogada eine Kritik des Naturschutzes in Kenia („The Big Conservation lie“). In einem „Geo“-Interview sagte Ogada: „Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten. Naturschutz in Afrika ist eine Form von Selbstverwirklichung geworden. Gott sei Dank hat Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, noch kein Interesse an der afrikanischen Tierwelt gezeigt. Er würde uns den Rest geben.“

Immer wieder werden Dorfbewohner als Wilderer erschossen. „Geld aus Anti-Terror-Budgets, u.a. von den Amerikanern, fließt in den Naturschutz. So viel, dass private Sicherheitsunternehmen nach Afrika kommen. Typen, die vorher für das amerikanische Militär im Irak oder in Afghanistan gearbeitet haben. Keiner dieser Leute ist in Polizeiarbeit ausgebildet. Alles, was sie können, ist töten. Sie kommen nach Afrika, um Menschen zu töten. Weil es zu viel Geld gibt. Schutzgebiete sind ein unglaublich primitives und gewaltsames Mittel des Naturschutzes“.

Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die in Kenia ein Schutzgebiet für Nashörner eingezäunt hat: „Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn.“

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Politikerschellen und -schelte

Es gibt ein DDR-Satiremagazin „Eulenspiegel“ (obwohl es die DDR nicht mehr gibt) und ein BRD-Satiremagazin „Titanic“ (obwohl es auch die BRD nicht mehr gibt, weil sie sich über ganz Deutschland ausgedehnt hat).

Ein Humorvergleich – aus Platzgründen an einem Beispiel. In beiden Heften werden in ihren Juni-Ausgaben Angriffe auf Politiker und Wahlhelfer aus den Parteien thematisiert.

„Politikerdresche“ heißt der zweiseitige Text im „Eulenspiegel“, in dem die Angegriffenen „Backpfeifengesichter“ genannt werden. Über die Angreifer heißt es da, dass die einen ihren „Unmut über den Zustand der Welt“ verbalisieren (schimpfen), während andere eher zuschlagen: „Die Bevorzugung eines dieser beiden Talente erscheint willkürlich und ungerecht.“ Wenn es um die Teilhabe am politischen Geschehen geht, sollte Deutschland die Kritik, „die im Vollkontakt zum Volksvertreter ihren Ausdruck findet, nicht pauschal als unangemessen verurteilen.“

Allerdings gibt der Autor den „Prügelverächtern“ Recht: Die handfeste, gleichsam proletarische Kritik sollte den „richtigen Adressaten“ treffen. Zu oft greifen die „Schläger“ noch „weithin unbekannte Kommunalpolitiker an – arme Seelen mit Geltungsdrang und sogenanntem Gestaltungswillen, deren Handlungsspielraum meist gegen Null geht“. Darauf folgt eine lange Aufzählung von allen wichtigen Politikern – bekannt aus Funk und Fernsehen.

Der Autor unterscheidet beim „Kontakt“ also zwischen Kopf- und Handarbeitern. Da scheint noch die Old Klassenkampf-School durch, denn er fährt fort: „Wer beim Lesen all dieser Namen nicht ein einziges Mal innerlich die Faust geballt hat, werfe den ersten Stein.“

So weit die „Pro“-Handarbeiter-Seite, die 2. Seite soll dazu „Contra“ geben, ihr Autor hebt jedoch bloß auf die intellektuellen Mängel der Handarbeiter ab, die „zu selten den Wirtschaftsteil der Tageszeitung lesen und sich häufiger auf die eher schlicht gehaltenen Informationen aus Whatsapp-Nachrichten, Tiktok und Spiegel Online verlassen“. Als Demokrat sollte man aber „immer die Sichtweise jeder Seite betrachten“.

Das BRD-Satiremagazin „Titanic“ geht das Thema pragmatischer als die DDR-Satire an, indem sie einen „großen Politiker-Prügel-Planer“ veröffentlicht, ausgehend von dem Eindruck, dass mit den Angriffen die „Politikverdrossenheit“ wohl endgültig überwunden ist. Damit das auch so bleibt hat der Autor Ort und Zeit von 10 Parteitreffen recherchiert und gibt dazu jeweils Prügel-Tipps. Bis auf das Bündnis Sarah Wagenknecht (BSW) und die FDP sind dies jedoch alles Parteien, die nach den Wahlen unter „Sonstige“ rangieren, also eher „Underdogs“, zudem „Single Issue“-Gruppen (Tierschützer z.B.), die wohl kaum Angriffe gewaltbereiter Wähler fürchten müssen.

Dazu sind die „Titanic“-Prügelvorschläge alle mehr dichterischer Natur. So schlägt sie z.B. bei der FDP vor: „Auf nach Eckernförde zum fröhlichen Liberalen-Wämmsen“ und beim BSW: „Es lechzt nach Knüppelsuppe mit Königsberger Kloppe – in Radolfzell“. Bei den acht „Sonstigen“ geraten dem Autor seine „affrond action“-Vorschläge vollends zu Lyrismen: Da wird einer Partei „Senge bis der Poppen glüht“ versprochen, für eine andere „saftige Schellen“ empfohlen, und eine dritte darf „frische Blessuren in Bitburg“ erwarten.

Beim Ost-West-Vergleich fällt auf, dass gerade die größeren Parteien und ihre Wortführer den Handarbeitern von den „Eulenspiegel“-Autoren nahegelegt werden, während die „Titanic“ CDU, AfD, SPD und Die Linke unberührt läßt, erst recht deren „Zugpferde“. Ihr „Prügel-Planer“ nimmt vor allem die Kleinen, nahezu Selbstlos-Aktiven ins Visier. Bei ihr im Westen (Frankfurt/M) hat man sich also wohl vom Klassenkampf abgewendet, mehr noch: Seit die Frankfurter Lederjacken-Fraktion von Joschka Fischer in die große Politik aufrückte, und er den Ritterschlag in Harvard bekam, wird auf die weiterhin auf Straßenpolitik beschränkten Prekären eingedroschen, wobei die „Schläger“ einen Sinn für lyrisches Haudrauf mitbringen sollen. Der „Eulenspiegel“ gefällt sich dagegen in parteiischem Abwägen eines angemessenen Zorns beim Wahlvolk in einer „gelebten Demokratie“.

Was ist für diese beiden „Printmedien“ erfolgreicher? Während die „Titanic“ laut FAZ „vor der Pleite steht“, gehören zur „Eulenspiegel Verlagsgruppe“ schon acht Buchverlage. Auch die Personalpolitik ist aufschlußreich: Während die „Titanic“ sich vom berühmt-berüchtigten DDR-Publizisten Karl-Eduard von Schnitzler („Sudel-Ede“) schnell wieder verabschiedete, stellte der „Eulenspiegel“ den proletarischen Westberliner Kaufhauserpresser Arno Funke bis heute als seinen wichtigsten Karikaturisten an. Als der noch im Freigänger-Knast saß, bekam er schon einen Arbeitsplatz in der Redaktion und dazu ein Fahrrad, das ihm allerdings bereits am 1.Tag im Gefängnis (!) geklaut wurde.

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Jammerossis

„Zum ersten Mal fiel mir auf, dass es in der Leipziger Innenstadt keine öffentlichen Plätze mehr gab. Dass all die Orte, an denen man sich einst versammeln konnte, verschwunden waren…Der Osten ist überschrieben worden, schreibt Jana Hensel in „Achtung Zone“ (2009). Ähnliches geschah auch in Berlin mit dem Alexanderplatz.

2004 wurde im Osten gegen die Einführung von Hartz IV demonstriert. Diese Montags-Demonstrationen waren laut Hensel „ein jämmerliches Bild, das sich bot. Es war kein Platz mehr für sie da.“ Immerhin kamen in Leipzig noch 10.000 Demonstranten zusammen (in Hamburg waren es 30). Der Spiegel schrieb über die demonstrierenden Ostler: „Sie klagen, sie jammern. Viele hängen der Bequemlichkeit der DDR nach und haben sich an das Prinzip der Eigeninitiative nicht gewöhnt.“ Für die Schnullijournalisten der Westpresse waren die einzigen positiven Momente in der Geschichte der DDR zwei Aufstände gegen die SED-Diktatur: die der Bauarbeiter 1953 (mit Westunterstützung) und des Wir-Volkes 1989, der schon 1990 von der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (AfD) nachhaltig beeinflußt wurde.

Für Jana Hensel sind die Straßenproteste nach 1989 (wo es 220 gab) bis heute viel wichtiger: 1990 wurden sie zunächst weniger, aber 1991 waren es bereits 291, 1992 waren es 268 und 1993 noch mehr, nämlich 283. Die Studie, auf die sich die Autorin beruft, endet in jenem Jahr, das auch durch eine zunehmende Härte in der Auseinandersetzung mit der Unverschämtheit der BRD charakterisiert war. In Bischofferode und u.a. in der Berliner Batteriefabrik Belfa fanden Hungerstreiks statt, bei Demonstrationen gegen die Treuhand-Politik wurden Spitzel und Provokateure vom Westen eingesetzt.

Es war eine reine „Spiegelfechterei“ meinte die Narva-Justitiarin über den langen erfolglosen „Kampf“ des Berliner Glühlampenwerks gegen dessen Abwicklung durch die Treuhand. Ähnlich gingen auch die meisten anderen Widerstandsaktivitäten der anderen Ostbelegschaften aus. Die am Streik der Kalibergarbeiter in Bischofferode beteiligte Pastorin Christine Haas meinte anschließend über ihre resignierten Mitkämpfer: „Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar. Nach der Niederlage passierte fast nur noch rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen.“ Neben dem Eingang zum Kaliwerk stand noch 1996 die Büste Thomas Müntzers mit dem eingemeißelten Spruch „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Mann”. Dies sei leider zu wörtlich genommen worden, erklärte mir der letzte Betriebsratsvorsitzende Walter Ertmer: “Die allergemeinsten haben jetzt die Macht!”

Zwischen 1991 und 1993 gab es die „Ostdeutsche Betriebsräteinitiative in die so ziemlich alle zu dem Zeitpunkt noch halbwegs existierenden, aber von gänzlicher Abwicklung bedrohten DDR-Großbetriebe ihre Betriebsräte entsandten. Die Initiative war branchenübergreifend und wurde deswegen von den Branchengewerkschaften IG Metall und IG Chemie bekämpft, gleichzeitig jedoch vom DGB materiell unterstützt: Eine typische infantilisierende „Double-Bind“-Strategie der Westgewerkschaftsorganisationen.

Aus dem „rückwärtsgewandten Zeug“ mendelten sich an vielen Orten im Osten dann die „Pegida-Montagsdemonstrationen“ heraus (20.000 Teilnehmer allein in Dresden), und diese Bewegung ging dann in der „Alternative für Deutschland“ (AfD) auf, deren Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit sich mit ähnlichen Rechtsentwicklungen in vielen anderen, nicht nur europäischen Ländern verbindet. Didier Eribon hat in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ (2016) nachgezeichnet, wie aus den Linken Rechte wurden. Bei der Bundestagswahl 2017 verlor die Linke laut Hensel 400.000 Wähler bundesweit an die AfD.

2018 veröffentlichte sie zusammen mit Wolfgang Engler eine Diskussion über die bisherigen Erfahrungen von Ostdeutschen: „Wer wir sind“. Engler meint darin, „dass diese Bundestagswahl vielleicht das Ende der Nachwendezeit markiert – so wie das Jahr 1968 das Ende der Nackriegszeit markiert“ (die 68er-Bewegung hatte damals ebenfalls viele Länder erfaßt). Der Erfolg der AfD stellt für Engler, „erst einmal gänzlich wertfrei gesagt, die bisher größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar“. Eine „Emanzipation“ vom Denken der verfluchten „Besserwessis“. Bei der Europawahl 2024 war das Ergebnis noch einschneidender: Die Linke kam auf 2,7% der abgegebenen Stimmen, die AfD dagegen auf 15,9%.

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Paddeln

Ruder sind fest verankert und Paddel werden in der Hand gehalten. Man rudert im Ruderboot und paddelt in einem Kanu, was sich auf alle Paddelboote bezieht. Aber „in der Alltagssprache werden die beiden Begriffe gerne synonym verwendet“, heißt es auf „decathlon.de“.

In Kunst und Werbung haben immer Frauen das Paddel in der Hand, aber in Wirklichkeit paddeln immer die Männer, jedenfalls ich und alle, die ich kenne. Wie oft saßen wir schon mit einer oder mehreren Frauen in einem Boot – mit dem Rücken zur Fahrtrichtung und paddelten. Die Frauen guckten dagegen nach vorne und sahen alle Augenblicke etwas Interessantes. Seltene Wasservögel zum Beispiel. Wir Männer konnten aber nie den Kopf so weit und schnell herumdrehen, dass wir sie auch sahen. Und sowieso mußten wir uns aufs Paddeln konzentrieren, damit wir nicht ans Ufer stießen und gleichmäßig paddelten, so dass es das Boot nicht zur Seite zog und es nicht spritzte. Schwierig wurde es, wenn uns auf schmaler Fahrrinne ein Paddelboot entgegen kam. Auch darin paddelte ein Mann, während eine Frau, die mit im Boot saß, ihm zurief: „Vorsicht, es kommt uns jemand entgegen!“

Noch erschwerender war der kritische Blick der Frauen von Achtern, mit dem sie uns beim Paddeln vorne beobachteten, besonders wenn das Boot mal wackelte. „Hoffentlich kentern wir nicht,“ dachten sie, „viel Paddelerfahrung hat er jedenfalls nicht“. Und das stimmte ja auch. Ich bin höchstens mit Mutter und Kind öfter mal auf dem Neuen See im Tiergarten gepaddelt, genauer: gerudert, weil die Tochter die ersten geschlüpften Enten sehen wollte. Ähnlich war es auch auf der Spree bei der Insel der Jugend im Treptower Park.

Dort hatte man einst an der Inselbrücke entlang ein Wasserrohr verlegt, das Löcher hatte, aus denen immer mal wieder Wasser spritzte. Die Boote mit den paddelnden oder rudernden Männern fuhren unter der Brücke durch und mit Glück kam ein Schwall Wasser von oben. Die Frauen kreischten und eine, die eine weiße Bluse trug, sagte zur Freundin neben ihr leicht entsetzt: „Du, Schantal, isch glaub, isch werd durchsischtisch“. Als ich das erste Mal mit einer Kollegin unter der Brücke durchfuhr, war diese Spritzanlage aber schon lange außer Betrieb, das Bezirksamt hatte sie aus Spargründen abgestellt.

Neben dem Ruderbootsverleih vis à vis der Insel sprangen bei Bandauftritten auf der Insel die Fans ins Wasser und schwammen rüber, um das Eintrittsgeld zu sparen. Während ich hinter der Brücke das Boot treiben ließ – „mit ruhenden Rudern“ (Pasternak), zitierte meine Kollegin (aus dem Osten) – wohl um mich anzuspornen – Majakowski: „Solange in dieser Newa-Tiefe/Die rettende Liebe Dir nicht begegnet/Irre weiter durch die Kanäle/Rudere!”

All das wäre mir nicht seltsam erschienen, wenn ich nicht seit einiger Zeit Bilder von Menschen mit Paddel sammeln würde – alles Frauen! Das reichte von vielen Plastiken nackter sowjetischer Frauen mit Paddel in der Rechten (im Gorki-Park z.B.) über das berühmte Denkmal für die Fischerfrau „Tine“ auf dem Husumer Marktplatz, die ein Paddel in der Linken hält, bis hin zu Mädchen aus Porzellan oder auf Ansichtskarten mit Paddel und Werbefotos für Bademoden am Strand: Mit einem Paddel in der Hand einer sportlichen jungen Frau.

Es hat da allerdings im Zuge des die Globalisierung begleitenden Individualismus und Feminismus eine Veränderung stattgefunden: Nun wollen mehr und mehr Frauen auch mal paddeln (nicht rudern)! Und dafür bietet sich das neumodische „Stand-up-Paddle-Board“ – inzwischen gewerblich so verbreitet wie die E-Scouter – an. Wenn man auf dem Inselort Wannsee an einem der Verbindungskanäle sitzt, sehen diese Frauen mit ihren langen Paddeln von weitem aus wie „Nordic Walker“.

Die ersten Frauen, die das Paddel selbst in die Hand nahmen, waren aber gar nicht diese „Stand-up-Paddlerinnen“ sondern die Lehrerinnen in den Internatsschulen der amerikanischen Evangelikalen im Amazonasgebiet, die die jungen Indianerinnen bei Verfehlungen mit kleinen Paddeln schlugen, wie ehemalige Internats-Schülerinnen berichten.

Diese kleinen Paddel für schlagende Frauen gibt es noch heute zu kaufen: als SM-Utensil. Sie kosten zwischen 19 und 64 Euro und werden „Spanking-Paddle“ genannt. Für Männer, die sich nicht in SM-Studios trauen oder denen die Bestrafung dort zu teuer ist, gibt es „Home-Spanking-Machines“, bei denen man die Paddelschläge auf seinen Arsch mit der Hand oder mittels Elektromotor auslöst.

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Weltretter

1982 hatte Joseph Beuys anläßlich der 7. Kassler „documenta“7000 Eichen und 7000 Basaltstelen gepflanzt. Man sah darin eine lokale Begrünungsaktion, denn Beuys sprach von „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Sie zielte aber aufs große Ganze. Der Anthroposoph Beuys war ein Weltretter bzw. –verbesserer.

Zu seinem 100. Todestag 2021, finden an vielen westdeutschen Orten Beuys-Feiern statt, die wahren Erben der Beuysschen Eichen-Basaltstelen-“Pflanzaktion“ in weltrettender Absicht sitzen jedoch in angloamerikanischen Laboren. Sie nennen sich „Geoengineers“, es geht ihnen darum, das Klima erwärmende CO2 zu reduzieren. Zum Einen drängen sie darauf, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, die CO2 aufnehmen. Und zum Anderen zur Nutzung von Basalt-Bergwerken, die abgesaugten Stickstoff aufnehmen und durch Versteinerung binden sollen.

Schon gibt es auf Island und in der Schweiz solche Anlagen, die zum Teil mit dem in der Luft gesammelten Stickstoff Gemüsegewächshäuser betreiben. In Deutschland machte das die Stickstoff produzierende Chemiefabrik SKW vor. Anlässlich des 500. Jahrestags des Anschlags der 95 Thesen durch Martin Luther an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg präsentierte das im Wittenberger Ortsteil Piesteritz ansässige Stickstoffwerk 2017 eine „Luther-Tomate“, die es in den Werksgewächshäusern mit Stickstoff aufzieht. Hier deutete sich die Erweiterung der von Beuys in Kassel „gepflanzten 7000 Eichen und 7000 Basaltstelen“ ins Globale an.

Die für den „New Yorker“ arbeitende Journalistin Elizabeth Kolbert hat diese Geoengineers für ihr 2021 auf Deutsch erschienenes Buch „Wir Klimawandler. Wie der Mensch die Natur der Zukunft erschafft“ besucht – und auch gleich die „Schwachstellen“ ihrer Weltrettungsprojekte benannt. In ihrem Buch geht es „um Menschen, die Probleme zu lösen versuchen, die Menschen beim Versuch, Probleme zu lösen, geschaffen haben“.

Der „Gruppe von Negativ-Emissions-Technologen“, die vorschlägt, anderthalb Milliarden „Eichen“ zu pflanzen, „was 200 Milliarden Tonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre binden könnte“, wird von ihr entgegen gehalten: „Bäume sind dunkler. Wenn wir z.B. die Tundra aufforsten würden, würde es die von der Erde absorbierte Energiemenge erhöhen“ – also sogar eher zur „Erderwärmung“ beitragen. „Eine Möglichkeit, dieses Problem zu umgehen, wäre, mit der CRISPR-Technologie genmodifizierte hellere Bäume zu schaffen.“ Also sie künstlich zu albinisieren. „Soweit ich weiß, hat das bisher niemand vorgeschlagen, doch es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein,“ meint Elizabeth Kolbert.

Eine weitere Gruppe von Geoengineers will zwecks Verlangsamung der Erderwärmung Kalzit-, Sulfat- oder Diamant-Partikel in der Stratosphäre versprühen, die das Sonnenlicht zurückstrahlen. Dafür hat sie schon mal ein Flugzeug, den Stratospheric Aerosol Injection Lofter, kurz SAIL genannt, konstruiert. Mit dem will man im ersten Jahr 100.000 Tonnen Schwefel versprühen. Leider würde dies „das Erscheinungsbild des Himmels verändern. Er wäre nicht mehr blau, sondern weiß.“

Wenn man jetzt auch noch das Anthropozän-Phänomen der zunehmenden Zahl von quasi-natürlichen Albinogeburten bei Wildtieren und -pflanzen quer durch alle Arten – von der Eidechse bis zum Elefanten und vom Hanf über Mammutbäume bis zum Ahorn – dazu zählt, kann man sich in etwa ein Bild machen: Kein Schnee im Winter mehr, aber ganzjährig weisse Mischwälder mit weissen Tieren unter weißem Himmel.

Der „documenta“-Erklärer Bazon Brock hat es vielleicht schon geahnt, als er in einer Diskussion mit Joseph Beuys über das Konzept „Gesamtkunstwerk“ diesem vorwarf: „Ihr könnt so viele Konzepte vertreten wie ihr wollt, sobald ihr uns zwingt, diese Konzepte eins zu eins in der Wirklichkeit zu realisieren, wird es totalitär.“

Bei dem Künstler Beuys bestand dazu keine Gefahr, auch wenn er später mit der Rockgruppe BAP einen Wahlkampf-Spot für die Grüne Partei aufnahm – mit dem Titel: „Sonne statt Reagan“. Aber mit den technischen Weltrettungs-Projekten der amerikanischen Geoingenieure würde diese Gefahr Wirklichkeit werden.

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„Deutsche Dunkelheit“

1943 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Ist Deutschland unheilbar?“, zuvor hatte der Autor, ein Psychiater namens Richard M. Brickner, bereits einen Aufsatz über die deutsche „Paranoia“ veröffentlicht (die später auch als „German Angst“ bezeichnet wurde). Deutschland war für Brickner „ein Kind, das sein Gefühl des Versagens, das mittelalterliche ‚Reich‘ durch Reform oder Revolution in die Gegenwart zu transformieren und damit zu eigener Identität zu kommen und Staat zu werden, durch Aggressivität gegen sich und andere zu kompensieren versuchte,“ schreibt der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck in seinem Buch „Seek“, das der Entstehung und Ausweitung der militärischen Elektronik in das zivile und künstlerische Leben der USA bis zur „Pax Americana“ nachgeht.

In seiner Ferndiagnose für Deutschland stellte Brickner den „friedlichen und auf Kooperation bedachten Balinesen“ (die 1935 von der mit Brickner zusammenarbeitenden Anthropologin Margaret Mead studiert worden waren), ferner den „Indianern und anderen ‚Naturvölkern‘ den preußischen Junker gegenüber: das Schreckgespenst einer Kaste, die mit ihrer Aggressivität, Arroganz und Militanz die deutsche Kultur dominierte und von klein auf erzogen und trainiert wurde, Krieg zu führen.“

Schon seit langem hatte man das von den Junkern beherrschte Ostelbien mit der Plantagensklaven-Ökonomie der Südstaaten verglichen. Und bis heute hat sich der Süden der USA nach dem Sieg des Nordens und seiner „Reconstruction“ nicht wieder ökonomisch erholt.

Ähnlich in Ostelbien: Nach Auflösung der DDR wurde ihr deindustrialiertes Territorium mit einem gigantischen „Umschulungsprogramm“ überzogen: „Sie müssen lernen, sich besser zu verkaufen,“ hieß das Erziehungsziel in ihrem zu einem „Marktstaat“ umgebauten Sozialismus. Gleichzeitig erhielten die Junker bzw. ihre Erben preisgünstig ihre Ländereien und Gebäude im Osten zurück, einschließlich vieler volkseigener Wälder.

1944 diskutierte eine Konferenz in New York die Bricknersche „These von einer kollektiven Paranoia der Deutschen“, dabei wurde ein großes Programm zu ihrer Umerziehung („Reeducation“) entworfen. Die meisten Teilnehmer (Psychiater, Psychoanalytiker, Soziologen und Pädagogen) „waren dem psychoanalytischen Konzept Freuds verpflichtet, vor allem seiner im englischsprachigen Raum dominierenden Definition von Paranoia,“ schreibt Lutz Dammbeck, der an anderer Stelle seines „Seek“-Buches nachweist, dass Freuds Paranoia-Definition „schlicht falsch“ war. Obwohl die Brickner-Konferenz „mit einem in der Sache falschen Begriff arbeitete, den sie den Reeducation-Rezepten zugrunde legte, hatten die Konzepte der USA für eine Reeducation der Deutschen nach 1945 langfristig gesehen einen scheinbar großen Erfolg“. Scheinbar.

„Der Geist des Rationalismus“ sollte nach dem Sieg der Alliierten „die deutsche ‚Dunkelheit‘ ersetzen, der Geist des Kalküls die deutsche ‚Unberechenbarkeit‘, der Geist der Toleranz den deutschen ‚Radikalismus‘, der Geist des Liberalismus die deutsche ‚Despotie‘ und der Geist einer humanitären Brüderlichkeit den deutschen ‚Rassenwahn‘.“ Dabei wollte man die Demütigung der Deutschen, wie nach dem Ersten Weltkrieg geschehen, vermeiden. Nach ihrer „Genesung“ sollten sie „Partner Amerikas in einer neuen Weltordnung“ sein, dazu musste das Land ein „Marktstaat“ werden. „Die Eigenkräfte der Wirtschaft und deren normative Kraft des Faktischen würden dann zum Anschluss Deutschlands an das westliche System einer liberalen Marktwirtschaft und eines unteilbaren freien Weltmarktes führen.“

Heraus kam dabei jedoch, dass die Westdeutschen servile Nachäffer der Amis wurden und ihre Paranoia sich im Kollektiv erneut bei „Corona“ und „Putin“ zeigte und zeigt. Schon in den Siebzigerjahren, hatte der nach Amerika ausgewichene und 1955 zurückgekehrte deutsch-jüdische Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann dafür plädiert, Westdeutschland auf einer 870-Kilometer-Couch zu therapieren. Ich habe vorweg gegriffen.

Um für das nicht billige Projekt der Umerziehung aller Deutschen zu werben, kam Ende 1944 ein Film in die amerikanischen Kinos: „Morgen, die ganze Welt!“ Darin reist ein Hitlerjunge als Waisenkind in die USA, wo er gegen Juden, Frauen und Schulkinder von Einwanderern agiert. An ihm wird mit Hilfe einer Mischung aus Psychoanalyse und Reflextheorie/Behaviorismus „das Experiment der deutschen Umerziehung erprobt“. Er bekommt auch Prügel – von einem polnisch-stämmigen Klassenkamerad. Aber am Ende erhält er „durch den Akt eines ‚Reinforcement‘ [einer Verstärkung] die Uhr, die er sich zu Beginn des Films so sehnlich gewünscht hat. Danach bricht er zusammen. Er weint. Nun kann er neu aufgebaut werden. Der deutsche Hitlerjunge wird in die amerikanische Familie aufgenommen und amerikanisiert. Schaut her, so werden wir das machen. ‚Auch ihr könnt so wie wir sein!‘“ Ihr Deutsche!

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Tiger

Kürzlich begleitete ich meinen Philosophenfreund Anselm in den Ostberliner Tierpark. Er wollte sich u.a. die zwei jungen Sumatra-Tiger Luise und Lotte ansehen, aber man hatte sie gerade in den Westberliner Zoo verbracht. Anselm schimpfte: „Dieser verdammte Doppeldirektor von Zoo und Tierpark. Er packt auf Drängen des Zoo-Aufsichtsrates alle interessanten Tiere, und Tiger sind die philosophisch interessantesten, in den Zoo. Zurück bleiben in Ostberlin nur solche Tiere, die der Zoo nicht haben will. Eine Riesensauerei, denn der Tierpark ist der größte Europas und hat viel Platz, aber seit der Wende immer weniger Tiere, während der Zoo einer der kleinsten ist, aber von Knieriem wird er immer mehr mit Prestigebauen und Gehegen zugeballert. Dabei sollte man das Gelände besser verkaufen, es ist die wertvollste innerstädtische Immobilie, und die Tiere in den Tierpark umsiedeln. Stattdessen wird dort das Gelände Stück für Stück an Immobilienentwickler verkauft und die Tierpfleger demotiviert. Ach, diese verbrecherische Wiedervereinigung und dieser unselige Doppeldirektor.“

Anselm kritisierte dann auch mich: Ich hatte in einem Tiertext geschrieben: „Im indischen Sundabardelta wurden vor einiger Zeit mehrmals Menschen von Tigern getötet. Da die Raubtiere stets von hinten angeschlichen kamen, setzten sich die Waldarbeiter Halloweenmasken verkehrt herum auf, so dass es aussah, als hätten sie hinten Augen: Nach Einführung dieses Maskentricks wurden keine Maskenträger mehr angegriffen.“

Das stimmte zwar, meinte Anselm, aber nur zur Hälfte, denn nach einiger Zeit kamen die Tiger hinter diesen Trick, der damit nicht mehr funktionierte. Auch meine Bemerkung, dass Putin den vom Aussterben bedrohten Amur-Tiger unter seinen persönlichen Schutz gestellt habe, sei Unsinn, meinte Anselm, denn das sei doch bloß eine blöde Propagandaaktion. Ich widersprach ihm: Tiger können unterscheiden. Naturforscher, die im Fernen Osten Russlands arbeiten, behaupten, dass die Amurtiger sie nicht angreifen sondern tolerieren, weil sie ihnen wohlgesonnen seien, während sie Jägern bzw. Wilderern mitunter tagelang auflauern würden. Anselm bezweifelte das: Wenn sie sich dabei man nicht irren…

Ich erzählte ihm von einer indischen Zoologin, die einen Tiger groß zog, nicht die einzige, und ihn dann in einem Nationalpark auswilderte. Dazu mußte sie dem Tier, ein Weibchen namens Jenny, das Jagen beibringen. Zunächst übte Jenny das Fangen und Töten an kleinen Amphibien. Bei ihrem ersten richtigen „Riß“ tanzte sie noch um den Kadaver herum. Die Zoologin mußte ihn ihr mit einem Messer quasi mundgerecht zubereiten, aber dann kam die Tigerin langsam auf den Geschmack – und wurde sogar ungehalten, wenn die Zoologin hinter ihr durch den Wald stolperte und der Lärm die Beute von Jenny verscheuchte.

Anselm hatte ein Gegenbeispiel parat – vom Leipziger Zoodirektor Karl Max Schneider, der meinte, dass die Jagdfähigkeit angeboren sei: In seinem Buch „Tiere im Zoo“ habe er einen viereinhalb Monate alten Tiger aus Indonesien erwähnt, der im Wirtschaftshof aufgezogen wurde und dort eine kleine Antilope, die noch die Flasche bekam, „kunstgerecht“ riß – mit den Zähnen am Hals und den Krallen im Rücken: „Dabei hatte der Racker noch nie gesehen, wie erwachsene Tiger Beute schlagen! Und wie überhaupt in ihm das Gefühl dafür aufdämmerte…“

Ich erzählte ihm daraufhin von der amerikanischen Tigerdompteurin Mabel Stark. Sie lebte mit dem von ihr großgezogenen Tiger „Rajah“ in ihrem Wohnwagen zusammen, er schlief auch in ihrem Bett, ebenso wie ihr dritter Ehemann, der Löwendompteur Louis Roth. In der Manege bestand ihre berühmteste Nummer darin, dass sie ihren 20 Tigern den Rücken zukehrte und Rajah sie plötzlich von hinten ansprang, zu Boden warf und mit ihr rang. Mit der Zeit entwickelte sich daraus bei dem Tiger ein Paarungsakt. Weil sein Samen auf ihrem schwarzen Lederkostüm unschön aussah, wechselte sie in ein weißes Kostüm, das sie bis zum Ende ihrer Karriere 1968 trug.

Mable Stark wollte irgendwann mit ihren geliebten Tigern keine albernen Kunststücke mehr einüben, stattdessen wollte sie deren Schönheit präsentieren: Sie liefen herum, sprangen von Postament zu Postament – und taten alles wie im Fluß. Sie erwartete großen Applaus, er war aber nur verhalten „respektvoll“. Ganz anders die darauffolgende Löwennummer eines Dompteurs: „Die Tiere fletschten die Zähne, schlugen mit den Tatzen durch die Luft, der Dompteur mußte mehrmals seine Schreckschußpistole einsetzen. Als sie von ihren Postamenten runtersprangen und auf ihn losgingen „konnte er sich nur mit einem Hechtsprung durch die auffliegende Käfigtür retten.“ Das Publikum johlte und klatschte stehend.

Die Löwendompteurin beim Zirkus Busch, Tilly Bébé schrieb über ihre abendlichen Auftritte: „Diese unverkennbare Grenze zwischen Spiel und Wirklichkeit, zwischen Leben und Tod ist im Grunde die Stelle, die das Publikum interessiert.“ Aber das interessiert nicht die Tiger.

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Tiger (2)

Was ist denn nun aber so philosophisch an den Tigern, die der Katzenforscher Paul Leyhausen übrigens trotz ihrer Größe zu den „Kleinkatzen“ zählt, weil sie nicht brüllen und Streifen haben? Das hat die Kulturschaffenden jedoch nicht davon abgehalten, in dieser größten Raubkatze eine geeignete Metapher für die den Menschen gefährliche aber auch verführerische „Natur“ zu sehen. Der Dadaist Walter Serner behandelte 1921 dieses vormoderne „Spannungsverhältnis“ in seinem Roman über eine Verführerin, die er schon im Titel „Die Tigerin“ nannte.

Der Zirkushistoriker Werner Philipp behauptet: „Tiger riechen angenehm, ihr Geruch sei erotisierend, sagen manche Frauen.“ Meinen sie damit einen kraftvollen männlichen Geruch oder sind diese Katzen ihnen eher „Gleichnis für die Femme fatal“? wie der Ökologe Josef Reichholf vermutet. Die Männer scheint ansonsten nicht so sehr das Geschlecht, sondern eher die Gefährlichkeit der Tiger zu interessieren. So bezeichnete Mao tse Tung die USA mit ihren Atombomben einst als „Papiertiger“ und Noam Chomsky kürzlich Russland – allerdings mit Fragezeichen.

Der Philosoph Theodor W. Adorno dachte 1951 über die echten Tiger in den Zoos nach (in: „Minima Moralia“): „Der Tiger, der endlos in seinem Käfig auf und ab schreitet, spiegelt negativ durch sein Irresein etwas von Humanität zurück, nicht aber der hinter dem unüberspringbaren Graben sich tummelnde.“

Solche „Freianlagen“ stellen laut Adorno einen humanitären Fortschritt dar. Weniger fortschrittlich ist dagegen, dass allein in den nordamerikanischen „Freianlagen“ mehr Tiger als in wirklicher Freiheit leben. „Verderblich ist des Tigers Zahn, / Jedoch der schrecklichste der Schrecken, / Das ist der Mensch in seinem Wahn,“ hieß es 1799 in Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“, im Jahr, als Napoleon die Revolution für beendet erklärte.

Die Russische Revolution nahm dann einen neuen Anlauf. Leo Trotzki schrieb 1924 in „Literatur und Revolution“: „Der sozialistische Mensch will und wird die Natur mittels der Maschine beherrschen. Natürlich bedeutet das nicht, dass der ganze Erdball liniert und eingeteilt sein wird. Es werden bleiben Dickicht und Waldungen und Auerhähne und Tiger, aber dort, wo der Mensch ihnen den Platz angewiesen haben wird. Und er wird dies so geschickt anstellen, dass sogar der Tiger den Hebekran nicht merken und sich nicht langweilen und so leben wird, wie er in Urzeiten gelebt hat. Das Bestreben, die Not, den Hunger, den Mangel zu besiegen wird eine Reihe von Jahren die herrschende Tendenz sein. Später wird der Gegensatz von Technik und Natur in einer höheren Synthese seine Lösung finden.“

– Und damit den Tigern posthum Gerechtigkeit widerfahren lassen? Angesichts der aktuellen „Krisen“ kann man mit Walter Benjamin von einem „Tigersprung in die Geschichte“ sprechen, insofern nicht das Nächstliegendste (Klimakatastrophe, Artenschwund, Armut…) „angesprungen“, sondern sich erneut in Nationalismus und Rassismus verbissen wird. Im Kern des „Tigersprungs“ ging es ihm 1940 um eine Fortschrittskritik.

Der Menschenfreund Benjamin ging dabei tigermäßig nicht so weit wie der Tierfreund Arthur Schopenhauer, der 1851 in „Parerga und Paralipomena II“ schrieb: „Der Mensch ist das einzige Tier, welches Andern Schmerz verursacht, ohne weiteren Zweck, als eben diesen. Die andern Tiere tun es nie anders, als um ihren Hunger zu befriedigen, oder im Zorn des Kampfes. Wenn dem Tiger nachgesagt wird, er töte mehr, als er auffresse: so würgt er alles doch nur in der Absicht, es zu fressen.“

Es gibt eine alte chinesische Redewendung: „Fasse einen Tiger nicht am Hintern an“. Die heutige chinesische Regierung „reitet“ gar „auf dem Tiger“ (bei ihrer Taiwan-Politik), wie der Philosoph Cajo Kutzbach meint. Während der Philosoph Peter Reiter eine „neue globale Ökonomie“ visioniert, die er „Den Tiger reiten“ nennt, will der Philosoph Julius Evola mit seinem Buch „Den Tiger reiten“ eine „Revolte gegen die moderne Welt“ anzetteln. Die Metapher stammt in allen Fällen von Friedrich Nietzsche, der 1873 in „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ schrieb: „Verschweigt die Natur dem Menschen nicht das allermeiste, selbst über seinen Körper!“ Aber wer hinter das „Bewußtseinszimmer“ blickt, der ahnt, „dass auf dem Erbarmungslosen, dem Gierigen, dem Unersättlichen, dem Mörderischen der Mensch ruht, in der Gleichgültigkeit seines Nichtwissens, und gleichsam auf dem Rücken eines Tigers in Träumen hängend. Woher, in aller Welt, bei dieser Konstellation der Trieb zur Wahrheit!“

Dazu heißt es auf der Plattform „uni-stuttgart.de“: „Spätestens seit dem Einzug des Internets ist klar, dass wir alle auf einem Tiger reiten“. Meinen die Studies damit etwa das Apple-Betriebssystem „Mac OS X Tiger“?

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/08/20/erosion-des-sozialen/feed/ 0
„Battlefield Engagement“ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/06/11/battlefield-engagement/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/06/11/battlefield-engagement/#respond Tue, 11 Jun 2024 21:52:58 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=14519 So wie wir erst in den späten Neunzigerjahren gemerkt haben, dass Westberlin eine Insel der Seligen war und der angeloamerikanisch globalisierte Neoliberalismus ein pain in the ass, wird diese Punk-Parole auch langsam nur allzu wahr (Klimakatastrophen, Ukrainekrieg, Palästinakrieg, in immer mehr Ländern Rechtstendenzen, Trumpismus, Zunahme ziviler Gewaltakte, Drogenwracks, unregierbare Bereiche, Erosion des Sozialen, Vereinsamungsfurcht, Artensterben – Zukunftsängste):

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Es hat nicht lange gedauert, bis dieser Wandspruch von Wien nach Passau wanderte, aber man hat sich doch gewundert…

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„Deutsche Dunkelheit“

1943 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Ist Deutschland unheilbar?“, zuvor hatte der Autor, ein Psychiater namens Richard M. Brickner, bereits einen Aufsatz über die deutsche „Paranoia“ veröffentlicht (die später auch als „German Angst“ bezeichnet wurde). Deutschland war für Brickner „ein Kind, das sein Gefühl des Versagens, das mittelalterliche ‚Reich‘ durch Reform oder Revolution in die Gegenwart zu transformieren und damit zu eigener Identität zu kommen und Staat zu werden, durch Aggressivität gegen sich und andere zu kompensieren versuchte,“ schreibt der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck in seinem Buch „Seek“, das der Entstehung und Ausweitung der militärischen Elektronik in das zivile und künstlerische Leben der USA bis zur „Pax Americana“ nachgeht.

In seiner Ferndiagnose für Deutschland stellte Brickner den „friedlichen und auf Kooperation bedachten Balinesen“ (die 1935 von der mit Brickner zusammenarbeitenden Anthropologin Margaret Mead studiert worden waren), ferner den „Indianern und anderen ‚Naturvölkern‘ den preußischen Junker gegenüber: das Schreckgespenst einer Kaste, die mit ihrer Aggressivität, Arroganz und Militanz die deutsche Kultur dominierte und von klein auf erzogen und trainiert wurde, Krieg zu führen.“

Schon seit langem hatte man das von den Junkern beherrschte Ostelbien mit der Plantagensklaven-Ökonomie der Südstaaten verglichen. Und bis heute hat sich der Süden der USA nach dem Sieg des Nordens und seiner „Reconstruction“ nicht wieder ökonomisch erholt.

Ähnlich in Ostelbien: Nach Auflösung der DDR wurde ihr deindustrialiertes Territorium mit einem gigantischen „Umschulungsprogramm“ überzogen: „Sie müssen lernen, sich besser zu verkaufen,“ hieß das Erziehungsziel in ihrem zu einem „Marktstaat“ umgebauten Sozialismus. Gleichzeitig erhielten die Junker bzw. ihre Erben preisgünstig ihre Ländereien und Gebäude im Osten zurück, einschließlich vieler volkseigener Wälder.

1944 diskutierte eine Konferenz in New York die Bricknersche „These von einer kollektiven Paranoia der Deutschen“, dabei wurde ein großes Programm zu ihrer Umerziehung („Reeducation“) entworfen. Die meisten Teilnehmer (Psychiater, Psychoanalytiker, Soziologen und Pädagogen) „waren dem psychoanalytischen Konzept Freuds verpflichtet, vor allem seiner im englischsprachigen Raum dominierenden Definition von Paranoia,“ schreibt Lutz Dammbeck, der an anderer Stelle seines „Seek“-Buches nachweist, dass Freuds Paranoia-Definition „schlicht falsch“ war. Obwohl die Brickner-Konferenz „mit einem in der Sache falschen Begriff arbeitete, den sie den Reeducation-Rezepten zugrunde legte, hatten die Konzepte der USA für eine Reeducation der Deutschen nach 1945 langfristig gesehen einen scheinbar großen Erfolg“. Scheinbar.

„Der Geist des Rationalismus“ sollte nach dem Sieg der Alliierten „die deutsche ‚Dunkelheit‘ ersetzen, der Geist des Kalküls die deutsche ‚Unberechenbarkeit‘, der Geist der Toleranz den deutschen ‚Radikalismus‘, der Geist des Liberalismus die deutsche ‚Despotie‘ und der Geist einer humanitären Brüderlichkeit den deutschen ‚Rassenwahn‘.“ Dabei wollte man die Demütigung der Deutschen, wie nach dem Ersten Weltkrieg geschehen, vermeiden. Nach ihrer „Genesung“ sollten sie „Partner Amerikas in einer neuen Weltordnung“ sein, dazu musste das Land ein „Marktstaat“ werden. „Die Eigenkräfte der Wirtschaft und deren normative Kraft des Faktischen würden dann zum Anschluss Deutschlands an das westliche System einer liberalen Marktwirtschaft und eines unteilbaren freien Weltmarktes führen.“

Heraus kam dabei jedoch, dass die Westdeutschen servile Nachäffer der Amis wurden und ihre Paranoia sich im Kollektiv erneut bei „Corona“ und „Putin“ zeigte und zeigt. Schon in den Siebzigerjahren, hatte der nach Amerika ausgewichene und 1955 zurückgekehrte deutsch-jüdische Sozialphilosoph Ulrich Sonnemann dafür plädiert, Westdeutschland auf einer 870-Kilometer-Couch zu therapieren. Ich habe vorweg gegriffen.

Um für das nicht billige Projekt der Umerziehung aller Deutschen zu werben, kam Ende 1944 ein Film in die amerikanischen Kinos: „Morgen, die ganze Welt!“ Darin reist ein Hitlerjunge als Waisenkind in die USA, wo er gegen Juden, Frauen und Schulkinder von Einwanderern agiert. An ihm wird mit Hilfe einer Mischung aus Psychoanalyse und Reflextheorie/Behaviorismus „das Experiment der deutschen Umerziehung erprobt“. Er bekommt auch Prügel – von einem polnisch-stämmigen Klassenkamerad. Aber am Ende erhält er „durch den Akt eines ‚Reinforcement‘ [einer Verstärkung] die Uhr, die er sich zu Beginn des Films so sehnlich gewünscht hat. Danach bricht er zusammen. Er weint. Nun kann er neu aufgebaut werden. Der deutsche Hitlerjunge wird in die amerikanische Familie aufgenommen und amerikanisiert. Schaut her, so werden wir das machen. ‚Auch ihr könnt so wie wir sein!‘“ Ihr Deutsche!

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Prenzlauer Berg im Winter 2024

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Bezahlkarte für Asylbewerber

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Jammerossis

„Zum ersten Mal fiel mir auf, dass es in der Leipziger Innenstadt keine öffentlichen Plätze mehr gab. Dass all die Orte, an denen man sich einst versammeln konnte, verschwunden waren…Der Osten ist überschrieben worden, schreibt Jana Hensel in „Achtung Zone“ (2009). Ähnliches geschah auch in Berlin mit dem Alexanderplatz.

2004 wurde im Osten gegen die Einführung von Hartz IV demonstriert. Diese Montags-Demonstrationen waren laut Hensel „ein jämmerliches Bild, das sich bot. Es war kein Platz mehr für sie da.“ Immerhin kamen in Leipzig noch 10.000 Demonstranten zusammen (in Hamburg waren es 30). Der Spiegel schrieb über die demonstrierenden Ostler: „Sie klagen, sie jammern. Viele hängen der Bequemlichkeit der DDR nach und haben sich an das Prinzip der Eigeninitiative nicht gewöhnt.“ Für die Schnullijournalisten der Westpresse waren die einzigen positiven Momente in der Geschichte der DDR zwei Aufstände gegen die SED-Diktatur: die der Bauarbeiter 1953 (mit Westunterstützung) und des Wir-Volkes 1989, der schon 1990 von der Kohlschen „Allianz für Deutschland“ (AfD) nachhaltig beeinflußt wurde.

Für Jana Hensel sind die Straßenproteste nach 1989 (wo es 220 gab) bis heute viel wichtiger: 1990 wurden sie zunächst weniger, aber 1991 waren es bereits 291, 1992 waren es 268 und 1993 noch mehr, nämlich 283. Die Studie, auf die sich die Autorin beruft, endet in jenem Jahr, das auch durch eine zunehmende Härte in der Auseinandersetzung mit den Unverschämtheiten der BRD charakterisiert war. In Bischofferode und u.a. in der Berliner Batteriefabrik Belfa fanden Hungerstreiks statt, bei Demonstrationen gegen die Treuhand-Politik wurden Spitzel und Provokateure vom Westen eingesetzt.

Es war eine reine „Spiegelfechterei“ meinte die Narva-Justitiarin über den langen erfolglosen „Kampf“ des Berliner Glühlampenwerks gegen dessen Abwicklung durch die Treuhand. Ähnlich gingen auch die meisten anderen Widerstandsaktivitäten der anderen Ostbelegschaften aus. Die am Streik der Kalibergarbeiter in Bischofferode beteiligte Pastorin Christine Haas meinte anschließend über ihre resignierten Mitkämpfer: „Während der Auseinandersetzungen, so anstrengend sie waren, ging es fast allen gut. Danach fiel alles auseinander. Viele wurden krank, vier starben sogar. Nach der Niederlage passierte fast nur noch rückwärtsgewandtes Zeug im Eichsfeld: Schützenvereinsgründungen, Traditionsumzüge und sogar Fahnenweihen.“ Neben dem Eingang zum Kalibergwerk stand noch 1996 die Büste Thomas Müntzers mit dem eingemeißelten Spruch „Die Gewalt soll gegeben werden dem gemeinen Mann”. Dies sei leider zu wörtlich genommen worden, erklärte mir der letzte Betriebsratsvorsitzende Walter Ertmer: “Die allergemeinsten haben jetzt die Macht!”

Zwischen 1991 und 1993 gab es die „Ostdeutsche Betriebsräteinitiative in die so ziemlich alle zu dem Zeitpunkt noch halbwegs existierenden, aber von gänzlicher Abwicklung bedrohten DDR-Großbetriebe ihre Betriebsratsvorsitzenden entsandten. Die Initiative war branchenübergreifend und wurde deswegen von den Branchengewerkschaften IG Metall und IG Chemie bekämpft, gleichzeitig jedoch vom DGB ein wenig materiell unterstützt: Eine typische infantilisierende „Double-Bind“-Strategie der Westgewerkschaftsorganisationen.

Aus dem „rückwärtsgewandten Zeug“ mendelten sich an vielen Orten im Osten dann die „Pegida-Montagsdemonstrationen“ heraus (20.000 Teilnehmer allein in Dresden), und diese Bewegung ging dann in der „Alternative für Deutschland“ (AfD) auf, deren Nationalismus und Ausländerfeindlichkeit sich mit ähnlichen Rechtsentwicklungen in vielen anderen, nicht nur europäischen Ländern verbindet. Didier Eribon hat in seinem Buch „Rückkehr nach Reims“ (2016) nachgezeichnet, wie aus den Linken Rechte wurden. Bei der Bundestagswahl 2017 verlor die Linke laut Jana Hensel 400.000 Wähler bundesweit an die AfD.

2018 veröffentlichte sie zusammen mit Wolfgang Engler eine Diskussion über die bisherigen Erfahrungen von Ostdeutschen: „Wer wir sind“. Engler meint darin, „dass diese Bundestagswahl vielleicht das Ende der Nachwendezeit markiert – so wie das Jahr 1968 das Ende der Nackriegszeit markiert“ (die 68er-Bewegung hatte damals ebenfalls viele Länder erfaßt). Der Erfolg der AfD stellt für Engler, „erst einmal gänzlich wertfrei gesagt, die bisher größte Emanzipationsleistung der Ostdeutschen dar“. Eine „Emanzipation“ vom Denken der verfluchten „Besserwessis“. Bei der Europawahl 2024 war das Ergebnis noch einschneidender: Die Linke kam auf 2,7% der abgegebenen Stimmen, die AfD dagegen auf 15,9%.

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Eine „Toolbox“ für jeden Bürger: Endlich tut die Regierung etwas gegen die Klimaerwärmung!

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Mongolische Wüstenrennmäuse

Sie werden nicht nur gerne in Kinderzimmern vernutzt, sondern auch als Versuchstiere in Laboren gehalten. Die Forschung an Mäusen ist Menschenforschung. Weil die Forscher meist Englisch sprechen, werden diese Mäuse Gerbils genannt.

Die Wissenschaftssoziologin KarinKnorr Cetina erwähnt in ihrem Buch „Die Fabrikation von Erkenntnis“ (2023) ein Forschungsprojekt, in dem die Gerbils rot eingefärbtes Chitin zu fressen bekamen, das man unter ihr Futter mischte. „Das Polymer Chitin gehört zu den Zellulosen, die vom menschlichen Körper nicht verdaut werden. Die Frage war, ob und bis zu welchem Grad es sich als Trägersubstanz für andere Substanzen eignet.“

Mit Farbmeßmethoden wurde die Kacke der Gerbils untersucht, inwieweit das Chitin eine „entsprechende Substanz“ bindet und deren Absorption verhindert. Schon bald verloren die Gerbils jedoch Haar und Gewicht. Daraufhin wurde das Experiment nach 13 Tagen abgebrochen. „Abbruch hieß, dass die Mäuse getötet und für spätere pathologische Untersuchungen eingefroren wurden“.

Die Forscher rätselten, was die „Food and Drug Administration“ bewogen hatte, die rote Farbe für den menschlichen Genuß frei zu geben (die Behörde „veröffentlichte ihre Informationsbasis nicht“). Der Leiter der Forschung wandte sich an den Hersteller der roten Farbe, er wurde dort jedoch „vollständig abgeblockt“. Vielleicht war die Farbe an Ratten getestet worden und diese waren weniger empfindlich als die Mäuse für das möglicherweise leicht toxische Rot, vermutete man.

Das nächste Experiment mit Gerbils wurde 1970 in einer Ausstellung des Jüdischen Museums New York durchgeführt. Sie hieß „Software – Information technology: its new meaning for art“. Daran beteiligt waren viele Künstler, im Zentrum stand jedoch eine computergesteuerte Versuchsanordnung namens „Seek“, die vom „Urban Systems Laboratory“ des Massachusetts Institute of Technology (MIT) entwickelt wurde. „‚Seek’ war eine Maschine, die sowohl ein kybernetisches Weltmodell wie ein behavioristisches Experimentallabor sein konnte und von einem Allzweckrechner gesteuert wurde,“ schreibt der Leipziger Künstler Lutz Dammbeck in seinem Buch „Seek – Der Golem geht um: Affären zwischen Kunst, Wissenschaft und Technologie“ (2023), in dem er die amerikanische Entwicklung und Ausweitung der militärischen Elektronik in den zivilen und künstlerischen Bereich nachzeichnete, wobei die „Software“-Show im Museum eine Erweiterung ihrer Judaica-Sammlung auf Techno-Kunst darstellte.

Statt Menschen standen auch hier Mäuse im Mittelpunkt. Sie lebten hinter Glas in einer kleinen Stadt aus Metallwürfeln. „Herr“ ihrer Stadt war ein „computergesteuerter Roboterarm“ mit einem elektromagnetischen Greifer, „diversen Mikroschaltern und Druckfühlern“. Die Gerbils hatten „die Funktion des Zufalls und des Chaos“ – indem sie die Würfel umstießen und verschoben. Der Roboterarm sollte dagegen „Ordnung“ schaffen und „die Würfel an den richtigen Standort zurücksetzen“, gleichzeitig auch die Differenz „statistisch erfassen, um ein Muster für das ‚Chaos‘ und den ‚Zufall‘ [zu] erstellen“. Hinzu kam ein „psychoakustischer Aspekt“: Die Würfel waren nach einem vorprogrammierten Muster angeordnet, so dass der Rechner „auf den von Mäusen produzierten Lärm, zum Beispiel das Trippeln ihrer Füßchen auf den Bausteinen oder die Klopfzeichen mit ihrem Schwanz, reagieren konnte“.

Die MIT-Arbeitsgruppe konzentrierte sich derweil täglich auf die Weiterentwicklung des Computers und des Programms von „Seek“. Die Mäuse „waren eher Material für eine Vernutzung im Ablauf des Experiments und dienten nebenher zur Unterhaltung des Publikums,“ schreibt Dammbeck.

Für den Leiter der MIT-Arbeitsgruppe, Nicholas Negroponte, sollte das Mäuseexperiment „die Möglichkeiten erahnen lassen, die sich ergäben, wenn ein Großrechner in einer Stadt mit vielen Sensoren oder Kameras an öffentlichen Orten nicht nur Muster des Verkehrs, sondern auch das Verhalten der Bewohner oder ganz allgemeine demografische Muster erstellen konnte – von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr.“ Das würde den Computer „wirklich zu einer Maschine des Verhaltens machen“ und die damit ausgerüstete Stadt zu einer „Smart City“.

Die Ausstellung im Jüdischen Museum erwies sich jedoch laut Dammbeck als ein technisches Desaster. Durch ein Versehen des Hausmeisters wurde der Hauptcomputer PDP-8 „außer Gefecht gesetzt und mußte mehrmals umprogrammiert werden“. In den Ausstellungsräumen herrschte „teilweise Chaos“. Einige beteiligte Künstler zog sich wegen der „kritischen, zum Teil hämischen Berichterstattung“ zurück, anderen wurde es „ungemütlich angesichts der Proteste gegen den Vietnamkrieg und den an der Ausstellung beteiligten Institutionen, die für die Rüstungsindustrie arbeiteten“.

Das größte Problem aber waren Dammbeck zufolge die Mäuse: Da sie „soziale Wesen“ waren, die in Familienverbänden lebten, versuchten sie, ihr „Seek“-Gehege so zu strukturieren, „wie sie es an jedem anderen Lebensort getan hätten“. Nur gab es in dem neuen „Heim für ihren Gestaltungswillen kein brauchbares Material: keine Einstreu, kein Heu oder Gras, keine Zweige oder Mulch“. Da „Seek“ wie der „Ablauf einer Gameshow streng strukturiert“ war, konnten die Mäuse auch ihren Biorhythmus nicht aufrecht erhalten. Sie waren ununterbrochen in dem „riesigen verglasten Kubus eingesperrt und bald vom Stress durch den Roboterarm und den neugierigen Besuchern erschöpft“. Es kam zu Machtkämpfen und Kannibalismus.

„War ‚Seek‘ der Vorbote eines digitalen Faschismus?“ fragt sich Dammbeck. Die Gerbils wurden am Ende „entsorgt“. Der Betreiber des Museums, das Theologische Seminar, zog aus dem Fiasko den Schluß, fortan nur noch jüdische Ausstellungen zu finanzieren.

Dammbeck aber blieb dran: Er besorgte sich bei Halle 25 Gerbils und inszenierte mit neuer Hightech „Seek II“ – 2007 in einer Berliner Galerie, 2009 in der Hamburger Kunsthalle, 2010 im Kunstraum des Deutschen Bundestags und 2023 im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Das für den Tierschutz zuständige Veterinäramt bestand dabei allerdings auf „einen Rückzugsort für die Mäuse“. Durfte dort kein Greifarm mehr für „Ordnung“ sorgen?

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Tötungsgebote laut der Bibel und laut den Opernkomponisten

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Auch das noch!

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Lachen

Auf allen Werbeplakaten lachen die Menschen, meist junge Frauen, die sich z.B. über eine neue Online-Bank, eine neue Versicherungsgesellschaft oder einen neuen Schokoriegel herrlich freuen. Das macht mir schlechte Laune. Es ist so dumm und eigentlich sogar hundsgemein, weil es Glück mit Konsum verquickt. Was ja leider nicht einmal ganz falsch ist: Wenn ich z.B. eine Arbeit gut erledigt habe, belohne ich mich gerne mit dem Kauf eines Buches oder mit etwas anderem. Aber deswegen lache ich doch nicht gleich los.

Das Lachen soll ein Vertrauensbeweis im Sozialen sein. Es stimmt, wie oft lächelt mich eine Passantin an und ich lächel zurück. Und damit sind wir beide mit uns im Reinen – für die Dauer einer U-Bahnfahrt oder einer Kaffeepause an getrennten Tischen. Wolfgang Neuss riet dem Radiomoderator Lord Knuth einmal, er solle seine Morgensendung mit dem Satz beginnen „Ab 5 Uhr 45 wird zurückgelächelt!“ Lord Knuth vergeigte den Spruch jedoch, indem er unwillkürlich lostrompetete „Ab 5 Uhr 45 wird zurückgeschossen!“ Wir haben noch lange darüber gelacht.

Den Verkäuferinnen und Kellnerinnen wurde im Zuge der Amerikanisierung aller Lebensäußerungen ein verkaufsförderndes Dauerlächeln aufgezwungen. In Moskau wurden sogar nach der Privatisierung vieler Geschäfte Verkäuferinnen entlassen, weil sie sich weigerten, selbst dem gemeinsten Kunden lächelnd entgegenzutreten. Ähnliches geschah bei den Berliner Verkehrsbetrieben als den U-Bahnabfertigern, die es nach ’89 noch eine Weile gab, beigebracht wurde, dass sie fürderhin gefälligst „Zurückbleiben bitte!“ zu sagen hätten. Einer weigerte sich, „bitte“ zu sagen. „Det ham wa noch nie jesagt.“ Er wurde entlassen. „Wir mußten ein Exempel statuieren,“ erklärte ein BVG-Sprecher der Presse.

Der DDR-Dramatiker Heiner Müller meinte einmal: „Auch die schlechte Laune der Kellnerinnen ist eine echte sozialistische Errrungenschaft“. Wie wahr das war, merkt man jetzt an den ganzen mit dem aufgesetzten Lachen junger Frauen gespickten schrecklichen Werbeplakaten und dem zur dauerhaft guten Laune verpflichteten Servicepersonal (von griechisch servus: Sklave). Zum Glück gibt es darunter immer noch genug, die ihren Scheißjob mit einer ehrlichen miesen Laune erledigen. Eine japanische Ethnologin, die nach Berlin gezogen war, verriet mir, dass ihr die ewig sich ein Lächeln abringenden Japaner auf den Geist gegangen seien. Im Internet fand ich später, dass es dafür dort einen Begriff gibt: „Tatemae“ – Maskerade auf Deutsch. Dazu erklärte der japanische Psychologe Makoto Natsume: „Wer krampfhaft dauerlächle und eine positive Stimmung vortäusche, um eine Fassade zu wahren, riskiere körperliche und seelische Schäden bis hin zur Depression.“ Also besser so einem vorgeblich reichen Fatzke, der einen als Kunde von oben herab behandelt und an allem herummäkelt einfach das z.B. von ihm georderte Getränk wütend ins Gesicht schütten – und sich dann zu Hause über seine dumme Fresse noch tagelang schief lachen.

Der Philosoph Henri Bergson veröffentlichte 1914 (!) einen Essay über „Das Lachen“. Es ging ihm darin um eine Theorie des Komischen, die für ihn aus dem Widerspruch zwischen Lebendigem und Mechanischem resultiert. Das Lachen der jungen Frauen auf fast allen Werbeplakaten ist jedoch nicht komisch, im Gegenteil: Es ist ein kapitalistische Sauerei sondergleichen, denn da die kapitalistische Produktion von Anfang an eine Überproduktion ist und die Konkurrenz infolge der Globalisierung immer mehr zunimmt, muß immer mehr in Werbung investiert werden (das gilt sogar für Kirchen, staatliche Kampagnen, NGOs etc., was besonders schändlich erst, wenn man sieht, wie deren moralische Botschaften von Wurst- und VW-Reklame flankiert werden), und all diese Werbemaßnahmen dabei auf lachende junge Frauen zurückgreifen, die, wenn sie besonders geil aussehen, als „echte Hingucker“ bezeichnet werden.

Wenn das Lachen laut Bergson „ein kollektives Phänomen ist, das Gemeinsamkeit stiftet“, wie Wolfgang Martynkewicz schreibt (in: „Das Café der trunkenen Philosophen“ 2022), dann sind diese lachenden jungen Models sowie auch die zum Dauerlächeln gezwungenen Verkäufer und Kellner echte Betrüger, die sich scheinbar frohsinnig ins Zeug legen, nur um einem irgendeinen Scheiß anzudrehen. Sie stabilisieren damit das „Schweinesystem“. Adorno meinte, die Frau sei „in gewissem Maße mehr vom Warencharakter beherrscht als der Mann“. Die Frauen und ihr „spezifisches Konsumentenbewußtsein“ seien „als Kitt zu betrachten als z.B. die Familienautorität mit ihrer asketischen Sexualmoral,“ brüchig wurde, „ohne dass dadurch Entscheidendes am bürgerlichen Charakter geändert wäre“.

Das wird mir besonders deutlich an den vielen TV-Programmzeitschriften. Warum gibt es überhaupt so viele, in allen steht das selbe drin: eben die Fernsehprogramme? Aber was noch irrer und rätselhafter ist: Alle zeigen in jeder Ausgabe auf ihren Covern lachende Blondinen! Wo kriegen die bloß diese ganzen blöden Weiber alle her? Die Vermutung meines Biologen-Freundes geht dahin, dass sie alle geklont sind und auf Halde produziert werden. Das wäre dann wirklich „komisch“: eine Synthese aus Lebendigem und Mechanischem – Cyborgs.

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Gefühlsmenschen

Die „Autonomen“ sprachen in den Achtzigerjahren von „Gefühl und Härte“. Dies war dann auch der Titel einer Punk-LP. Seit 2000 etwa heißt es, das Zeitalter der großen „Ideologien/Narrative“ sei überwunden. Jetzt, im solipsistischen Neoliberalismus, geht es vor allem um „Gefühle“. So wollen z.B. eine linke und eine rechte Initiative, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, „Gefühle schützen“ – und fordern deswegen ein „Gesetz gegen Hassreden“. Die Initiative „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ rät: „Gefühle spüren, annehmen und loslassen“.

Das ging schon los mit Worten und Sätzen wie „Es sind gefühlte 2 Grad“, „gefühlte 2 Stunden Verspätung“ oder „gefühlte 200 Kilometer“. Es war und ist von „Schuldgefühlen“, „Gefühlskälte“, „gefühlsmäßig“ und „ich fühle es eben“ die Rede. In der U-Bahn hört man auf Englisch: „I feel good“, „My feelings say ‚No‘ to him“, „He doesn’t feel anything“. Die englische Psychoanalytikerin Maxine Mei Fung Chung, und nicht nur sie, will in ihren Fallgeschichten „What Women Want“ (2023) an die Gefühle ihrer Klientinnen heran; sie will „offen sein für die Unterströmung unter den Dingen, die sie zur Sprache bringen“. Bei einer Patientin mutmaßt sie: „Vielleicht fällt es Ihnen leichter, ein negatives Gefühl gegen sich selbst zu richten“ – als auf andere, die sie schlecht behandeln.

Die Nietzscheaner raten dagegen: „Werdet oberflächlich, denn dorthin kommen die Wesen der Tiefe, um zu atmen!“ Ich will hier nicht darauf hinaus, dass die Freudsche Psychoanalyse zu einer Ich-Psychologie verkommen ist, zur Lebenshilfe von Leuten, die sich diese leisten können, wie es in der „Frankfurter Schule“ von Adorno/Horkheimer hieß, in der die Psychoanalyse mit Marxismus verbunden wurde, um die Gesellschaft im Hinblick auf ihre Veränderung zu analysieren – und nicht, um Mittelschichtler mit „Gefühlsstörungen“ in jahrelangen „Talking-Cures“ zu therapieren (fit zu machen).

Es ist noch schlimmer: Immer öfter fragen irgendwelche idiotischen TV-Moderatoren ihre Gäste – z.B. eine Frau, die überfallen wurde: „Und was haben Sie da gefühlt?“ Eine Umweltaktivistin wird gefragt: „Und was tun Sie persönlich gegen die Klimaerwärmung?“ Oder einen Kanadier, der auf ukrainischer Seite gegen die Russen kämpft: „How did you feel?“

Völlig grotesk ist die Lektüre des berühmten Bergsteigers Reinhold Messner, der ein Buch über seine Durchquerung der Wüste Gobi veröffentlichte – schon im Titel „Gobi – die Wüste in mir“. Es geht darin auf 265 Seiten um seine „Gefühle“. Ich war zwei Mal in der Gobi – und nie wäre mir eingefallen, mir gerade dort Gedanken über meine Gefühle zu machen. Ein anderes Buch von Messner heißt „Mein Leben am Limit“. Dies ist inzwischen ein geflügeltes Wort geworden von Millennials, die das Wochenende im Berliner Club „Berghain“ durchtanzen.

Es könnte aber z.B. auch von Geertje Marquardt stammen, die anderthalb Jahre trainierte, um Grönland zu durchqueren. Oder Birgit Lutz, die in ihrem Buch „Unterwegs mit wilden Kerlen: Eine Frau erobert die Arktis“ berichtet, dass und wie sie fünf Mal von einer russischen Driftstation zum Nordpol wanderte. Beiden Frauen ging es um die enorme Leistung, d.h. um Erfahrung und ihre „Gefühle“ bei diesem Extremsport im ewigen Eis, wo es sonst nichts gibt, und wenn doch, dann heißt es, schnell weiterstolpern, weil sonst die Vorräte nicht reichen. Solche Anstrengungen dienen dem „Austesten der Ich-Grenzen“, es sind „Ich-Unternehmen“, die massenhaft auch für viel Geld von Managern gebucht werden, wie das „Manager-Magazin“ 2018 berichtete, das dabei von „Limit Skills“ und „Erfolgsstrategien“ spricht.

Gegenüber diesen ganzen amerikanisch-profitabilisierten Ichigkeiten postulierte der französische Dichter Antonin Artaud bereits: „Das Ich ist eine Sauerei!“ Und „Alles Schreiben ist eine Schweinerei!“ (1925) Der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss erklärte: „Das Ich hat nicht einmal Platz zwischen Uns und dem Nichts“. In der Psychotherapie soll es zwischen dem eigenen Begehren und den Anforderungen der Anderen (der Gesellschaft) vermitteln. Da ist ein starkes Ich nur nützlich, und es läßt sich auch stärken, so dass der Patient hernach glücklicher ist, bewusster lebt, seelisch ausgeglichener ist usw.. So jedenfalls das Versprechen der „Seelenklempner“.

Aber nicht nur die Psychotherapie, in Kalifornien geriet selbst der Buddhismus, der eigentlich zur Überwindung der Ichigkeit (aller Selbstbezogenheiten) entstand, zu einer „Ich-Technik“ – einer Ich-Anreicherung oder zu einem „Ich + Ich“, wie ein Popsong 2010 beim Bundesvision Song Contest hieß, der auf Platz 3 kam.: Eine Millennial-Antwort auf das Hauptwerk „Ich und Du“ des Religionsphilosophen Martin Buber 1923?

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Die Anziehungskraft von Katzen

Mein Interesse an Tieren und besonders meine Hinwendung zu unserer Katze Lottie, bewirkte über die Jahre eine gewisse Entpolitisierung, eine regelrechte Anthropause, bei mir. In ironischer Absicht entschuldigte ich das dann damit, dass ich mich mit einem Neuroparasiten infiziert hätte – mithin für meine Zuneigung zu Katzen quasi nichts könne – und somit unschuldig sei. Dazu berief ich mich auf einen Bericht des Magazins der Max-Planck-Gesellschaft „Forschung“ (vom Mai 2018), der nahelegte, dass mir meine närrische Katzenliebe quasi aufgezwungen werde, und zwar von dem Einzeller „Toxoplasma gondii“, denn der „tue alles dafür, dass der Mensch und die Katze zusammenfinden“. Er braucht die Katzenhalter, um weiter zu kommen. „Nur im Darm von Raub- und Hauskatzen kann der Parasit neue Eier legen…Das würde erklären, warum sich infizierte Menschen von Katzen besonders angezogen fühlen.“

Damit wollte ich es bewenden lassen, aber da ging der Forschungswahnsinn mit diesem parasitären Protozoon erst richtig los.

So meinten z.B. einige mit mir befreundete Journalisten: Wenn die berühmte Schriftstellerin Doris Lessing, die viele Katzen in ihrem Leben besaß und mehrere wunderbare Bücher über sie veröffentlichte, zuletzt behauptet hatte, dass sie inzwischen mehr über eine gestorbene Katze trauere als über einen gestorbenen Bekannten oder Verwandten – dann sei das eindeutig ein Beweis dafür, dass die sich mit dem Einzeller „Toxoplasma gondii“ infiziert hätte. Das fand ich ja noch ganz witzig. Und warum sollte nicht auch die Prototierwelt lustig sein. Mir fielen daraufhin noch ganz andere Infizierte ein, die daraufhin von dem Neuroparasiten zum Teil sogar gegen ihren Willen zu Katzen hin gesteuert wurden: Franz Kafka z.B., der Katzen eigentlich „im Geheimen seit jeher gehasst“ hatte, aber sich dann – wegen der Mäuse in seinem Zimmer – doch eine anschaffte, in die er sich dann prompt verliebte, so dass er sogar seiner „kleinen schlafenden Katze ein Gedicht deklamierte“.

Oder E.T.A. Hoffmann, der eines Tages einen ausgesetzten kleinen Kater fand, den er adoptierte – und von dem er schon nach kurzer Zeit infiziert wurde, indem er fand, dass das kleine Tier sich zum „gescheitesten, artigsten, ja witzigsten Tier“ entwickelt hatte. Als es starb, veröffentlichte Hoffmann erst einen sentimentalen „Nachruf“ auf ihn und dann ein ganzes Buch, dass mit einer Kritik an der menschlichen Gesellschaft einherging: Die „Lebens-Ansichten des Katers Murr“.

Fast das Gleiche passierte dann dem japanischem Schriftsteller Natsume Soseki: Er schaffte sich einen Kater an und „verliebte“ sich in ihn. Was wahrscheinlich nichts anderes heißt, als dass das Tier ihn mit dem Parasiten „Toxoplasma gondii“ infiziert hatte. Als sein Kater starb, verfaßte er erst einen liebevollen Nachruf auf ihn und schrieb dann ein dickes Buch „Ich, der Kater“. Es findet sich darin ebenfalls eine engagierte Gesellschaftskritik.

Am Schlimmsten hat es neuerdings den Westberliner Schriftsteller und Katzenhalter Detlef Bluhm erwischt: Als sein Kater Paul 2011 im Alter von zehn Jahren starb, konnte er sich lange nicht beruhigen und veröffentliche „Das Facebook-Tagebuch Kater Paul“, das er auf der Leipziger Buchmesse vorstellte. Und dann auch noch einen blog „Kater Paul“, den er der Katzenwelt und ihrer literarischen bzw. wissenschaftlichen Erforschung widmete. Aber das reichte ihm oder seinem Toxoplasma gondii“ noch nicht: Inzwischen hat er mehr Katzenbücher veröffentlicht als alle die eben erwähnten Schriftsteller zusammen. Überdies rief er auch noch ein „Katzenliteraturfestival“ ins Leben, das in der Berliner Passionskirche stattfand. Es wurde von einer Firma „gesponsert“, die u.a. Bio-Katzenfutter herstellt: Gimborn. Die Firma war der erste Anbieter von laktosefreier Katzenmilch, heute gehört sie zum Mischkonzern „Penta Investment Prag“. Auf dem Literaturfestival, das mehrmals stattfand, wurde 2014 ein Katzenliteratur-Preis vergeben, der vom Katzenstreu-Hersteller „Cats Best“ und der Königlich-Preußischen Porzellanmanufaktur gesponsert worden war.

Nicht nur wimmelte es in der Passionskirche von Frauen, die in Katzen vernarrt (infiziert) waren, es lasen auch mehrere Schriftstellerinnen Auszüge aus ihren Katzenbüchern, u.a. die ganz sicher von dem Neuroparasiten heimgesuchte Russin Olga Kaminer, denn sie hatte ein „Katzenbuch“ veröffentlicht, das genaugenommen ihre Lebensgeschichte war, die von ihrer Geburt an bis heute von Katzen quasi getaktet wurde und einst auf der Insel Sachalin begann. In Berlin lebte sie nun mit zwei Stadtkatzen zusammen und kümmerte sich überdies in ihrem märkischen Landhaus um vier streunende Katzen. Ihr wahrscheinlich ebenfalls infizierter EhemannWladimir Kaminer las anschließend eine Geschichte über den Kater einer Freundin vor, der sehr alt ist, Diabetes hat und regelmäßig zur Notaufnahme in die Tierklinik gebracht werden muß, was jedesmal ein Heidengeld kostet.

Erwähnen muß man in diesem parasitologischen Zusammenhang auch die diversen Katzenforen im Internet, in denen Frauen z.B. diskutieren, ob man seinen Freund verlassen soll, weil der ihre Katze nicht mag – oder diese ihn nicht. Die meisten sind dafür. Eine Teilnehmerin schrieb: „Wenn ich daran denke, wie viele Jahre ich mit einem ausgemachten Volldeppen zusammen war, den mein Kater Sky von Anfang an nicht mochte, und wie deutlich ich nun gerade an Sky jeden Tag merke, dass ich jetzt den richtigen gefunden habe…“ Sie überläßt also sogar ihre Partnerwahl einer Katze.

Eine andere Frau meinte: „Mein damaliger ‚Traummann‘, mit dem ich über fünf Jahre eine Wochenendbeziehung geführt hatte, entpuppte sich nach dem Zusammenziehen als ‚Alptraummann‘. Er kam mit den Katzen absolut nicht klar. Sie durften weder ins Schlafzimmer, noch auf die „gute“ Couch (die übrigens 15 Jahre alt war). Ausserdem stank ihm das Katzenfutter und am Ende hat er von mir verlangt: entweder ich oder die Katzen. Die Katzen haben natürlich gemerkt, dass er sie nicht leiden konnte und haben protestgepinkelt und die Tapeten und Teppiche zerstört, was sie vorher noch NIE gemacht hatten… Hab dann meine Katzen geschnappt und bin ausgezogen. In meiner neuen Wohnung – ohne diesen Mann – waren dann die Katzen wieder ganz die alten und sichtlich glücklicher.“

Eine dritte Frau schrieb: „Ich hab meinen Traumtypen in den Wind geschossen, als ich gemerkt habe, dass ALLE unglücklich waren. Ich – weil ich es ihm nicht recht machen konnte und meine Katzen immer unglücklicher gesehen habe. Er – weil er es mit den Katzen nicht konnte. Und meine Katzen – weil sie gemerkt haben, dass sie bei ihm nicht willkommen waren. Natürlich durfte ich mir danach noch wochenlang anhören, dass ich meine Katzen mehr lieben würde als ihn. Aber für mich war es einfach die richtige Entscheidung und nie und nimmer hätte ich meine Katzen ins Tierheim geben können, wie er es am Ende von mir verlangte.“

Von der anderen Betroffenenseite gibt es nebenbeibemerkt einen eher launigen als traurigen Bericht – vom Schriftsteller Stefan Schwarz – mit dem Titel: „Ich kann nicht, wenn die Katze zuschaut“. Ich weiß jedoch, dass daran durchaus etwas Wahres ist.

Ähnliche Liebeserklärungen an Katzen wie die von den Katzenbesitzerinnen finden sich auch in den diversen Katzen-Zeitschriften. Doris Lessing schreibt in einem ihrer Katzenbücher: „Jeder aufmerksame, sorgsame Katzenbesitzer weiß mehr über Katzen als die Leute, die sie beruflich studieren. Ernsthafte Informationen über das Verhalten von Katzen findet man oft in Zeitschriften, die ‚Geliebte Katze‘ oder ‚Katze und Du‘ heißen, und kein Wissenschaftler würde im Traum daran denken, sie zu lesen.“

Was sagt aber nun die Wissenschaft über „Toxoplasma gondii“, der all diese Leute von ihrer närrischen Katzenliebe und Depolitisierung freispricht, weil er ihr Verhalten seinen eigenen Neigungen folgend steuert? Wenn man die diesbezügliche Forschung verfolgt, könnte man glatt meinen, dass dieser Neuroparasit auch die Wissenschaftler steuert – und zwar in immer dünnere Luft. Man spricht dabei von einem „Richthofen-Syndrom“, weil diesem Kampfflieger, je weiter er, ohne Sauerstoffmaske, seine Maschine nach oben zog desto mehr das Bewußtsein verdämmerte.

Eine tschechische Studie kam z.B. zu dem kühnen Schluß, dass mit Toxoplasma infizierte Männer attraktiver auf Frauen wirken als nicht infizierte.

Eine dänische Untersuchung an 45.000 Frauen erbrachte das Ergebnis, dass mit dem Neuroparasiten infizierte Frauen mit einer um 50 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit einen Suizidversuch unternehmen.

Ende Juli 2018 erschien auch noch im Magazin für Naturwissenschaft „Spektrum“ die Zusammenfassung einer sozialwissenschaftlichen US-Forschung über die Wirkung des „neurologischen Manipulators ‚Toxoplasma gondii‘“ die über die Ökologie hinaus ins Ökonomische griff – schon in der Überschrift: „Macht Katzenparasit Berufsanfänger mutiger?“

Das Forschungsergebnis wurde zunächst in den „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht: „Wohl mehr als 2 Milliarden Menschen sind weltweit mit ‚Toxoplasma gondii‘ infiziert“ und schon „seit Langem berichten Forscher über Indizien für mögliche psychische Veränderungen bei Infizierten“. Die neue Studie zeige nun, „dass toxoplasmainfizierte Menschen weltweit häufiger beruflich selbständig sind – und somit Risiken vielleicht anders bewerten als andere.“ (ich bin auch selbständig – Zufall?)

Die Autoren der ersten im MPI-Magazin referierten Studie wollten mit dem „Toxoplasma“ darauf hinaus, dass einst, als die Raubkatzen noch viele waren und gefährlicher, die Menschen aber weniger und hilfloser als heute, dieser üble Parasit sie geradewegs in ihre tödlichen Pranken trieb. Er manipulierte sie also derart, dass sie das Risiko, sich einer oder mehreren großen Raubkatzen zu nähern, anders einschätzten als Nichtinfizierte, die hübsch auf Distanz zu ihnen blieben.

Die Autoren der zweiten in „Spektrum“ referierten Toxoplasma-Studie testeten ihre steile These erst einmal an Mäusen, indem sie sie mit dem Einzeller infizierten. Und siehe da: Er „macht die Nager zum Teil selbstmörderisch mutig“. Zudem wurden sie geradezu magisch von Katzenurin angezogen (was ich von mir nicht sagen kann).

Bei infizierten Ratten wird im limbischen System ihres Gehirns die sexuelle Erregung gesteigert, wenn die Tiere dem Geruch von Katzenurin ausgesetzt werden.

Dann untersuchten sie 1495 Studenten: Die mit dem Erreger infizierten „wählen knapp eineinhalb mal so häufig wie Gesunde Wirtschaftswissenschaften im Hauptfach.“ Und schließlich stellten sie noch „bei Teilnehmern an Berufsbörsen, die auf eine selbständige Tätigkeit vorbereiten sollen,“ fest, dass sie „1,8mal häufiger infiziert sind als der Durchschnitt der Bevölkerung“.

Zuletzt durchforsteten die Forscher auch noch demografische Statistiken aus 42 Ländern – dann stand für sie fest:„Offenbar korreliert die Durchseuchungsrate mit ‚Toxoplasma‘ in einem Land und dem Prozentsatz der Selbständigen.“ Also je mehr Infizierte desto mehr Ich-AGs. Da jedoch viele Selbständige scheitern, könne man allerdings nicht sagen, „dass der Einfluß des Parasiten Menschen grundsätzlich erfolgreicher“ mache.

Er bleibt aber auch im Anthropozän quasi raubtierorientiert. Dies hatte bereits die Genetikerin und Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard geahnt – „dass die Natur in gewisser Weise kapitalistisch funktioniert“, wobei sie jedoch bloß die Marxsche Kritik an der Evolutionstheorie (mit ihren Mechanismen Mutation und Selektion) umdrehte: Darwin habe darin, so Marx, bloß die schlechten Angewohnheiten der englischen Bourgeoisie auf die Natur übertragen.

Genug dieses ganzen Schwachsinns, man muß hierbei wirklich langsam die Notbremse ziehen. Es gibt inzwischen im Internet ebenso unfassbare wie undurchlesbare 2,6 Millionen Einträge zum Begriff „Toxoplasma gondii“. Und die durch den Neuroparasiten übertragene Krankheit „Toxoplasmose“ ist weitaus verbreiteter als die Infizierung mit dem Corona-Virus.

Die Deutschen wollen natürlich als erstes (wenn man den Begriff aufruft) wissen, „Wie gefährlich ist Toxoplasmose wirklich?“ und „Ist Toxoplasmose heilbar?“ Anwort zu 1: „Obwohl sich Menschen häufig anstecken, bleiben die meisten Toxoplasmose-Infektionen unbemerkt.“ Antwort zu 2: „Meistens ist eine Therapie nicht nötig, wenn die Toxoplasmose ohne Anzeichen verläuft und die Heilung spontan eintritt.“

Da sich natürlich aufgrund des „Toxoplasma gondii“-Hypes immer mehr Ärzte berufen fühlen, bei irgendwelchen Schmerzen oder vermeintlichen Leiden sofort „Toxoplasmose“ zu argwöhnen und dann auch zu diagnostizieren (was nicht weiter schwierig ist, da ja wie oben erwähnt über zwei Milliarden Menschen mit dem Neuroparasiten infiziert sein sollen, was bei ca. 900 Millionen Hauskatzen in der Welt nicht ganz unrealistisch ist) – deswegen verschreiben sie natürlich wahlweise Antibiotika oder Cortison, bei Gelenk- und Gliederschmerzen zur Not auch Sportlersalbe. Nun tragen aber nicht alle Katzen quasi automatisch den Erreger in sich, „problematisch“ ist jedoch laut einem Internet-Tierarzt, „dass infizierte Katzen nicht zwingend Erkrankungszeichen zeigen“. Sie sind (bloß) der Endwirt, wir sind dagegen die (leidenden) Zwischenwirte.

Wie kam der Einzeller nun in die Menschenwelt – bzw. in die Schlagzeilen? Laut Wikipedia wurde Toxoplasma gondii „erstmals 1907 in Tunesien als Parasit eines mit den Stachelschweinen verwandten Nagetiers namens Gundi entdeckt. Aufgrund der Halbmondform wurde er von den Entdeckern Charles Nicolle und Louis Manceaux als Toxoplasma (griechisch toxon, Bogen; plasma, Gebilde) und aufgrund des Wirtstieres als Toxoplasma gondii benannt. Erst viel später konnte er auch beim Menschen als Krankheitserreger gefunden werden. 1948 entwickelten Sabin und Feldman einen serologischen Test auf der Basis von Antikörpern. Mit Hilfe dieser Methode konnte festgestellt werden, dass Toxoplasma gondii weltweit verbreitet ist und beim Menschen sehr häufig vorkommt.“ In uns „vermehren sie sich rapide“. Das Robert-Koch-Institut nimmt an, „dass ungefähr 30 Prozent der Weltbevölkerung infiziert sind“. Andere Quellen gehen von 50 Prozent aus. Die Mediziner raten Schwangeren, nicht mit Katzenkot in Berührung zu kommen, kein Katzenklo sauber zu machen oder nur mit einem Mund-Nasenschutz, sich vor dem Essen die Hände zu waschen, nicht im Garten zu arbeiten und außerdem soll man Kinder-Sandkästen abdecken.

Ich möchte abschließend noch zwei Verhaltensforscher erwähnen, zunächst den Katzenexperten Dennis C. Turner: Katzen, so sagt er, seien womöglich noch größere Anpassungstalente als Hunde, „die einfach nur ihren Rudelbegriff umdefinieren mußten. Katzen aber mußten ihr naturgegebenes raubtierhaftes Einzelgängertum in menschenkompatibles Sozialverhalten abändern. Erfolgreich paßten die Nachfahren der nordafrikanischen Wildkatze (Felis libyca) zum Beispiel ihre Nachtaktivität menschlichen Schlafgewohnheiten an und schlafen nun ebenfalls durch, gerne auch mit ihren Besitzern in einem Bett,“ wo sie sich sogar häufig an sein Gesicht anschmiegen. Diesem schweizerisch-amerikanischen Wissenschaftler ist nicht aufgefallen, dass dies keine Anpassungsleistung von Katzen ist, sondern umgekehrt: eine Infizierung des (schlafenden) Menschen mit dem Neuroparasiten, damit er sich der Katze anpaßt.

Auch in der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle im österreichischen Grünau steht die Katze im Mittelpunkt einiger Projekte. Eine Studie zielt auf die Persönlichkeit des Katzenhalters und das daraus resultierende Verhalten der Katze: „Je emotional instabiler der Mensch, desto mehr beansprucht er die Katze als Unterstützer“, berichtete der Forschungsleiter Kurt Kotrschal. Diese Abhängigkeit wisse die Katze raffiniert für sich zu nutzen: „Die Katzen labiler Menschen waren bei den Untersuchungen die wählerischsten, was das Futter angeht. Durch theatralisches Verhalten und jammervolles Miauen versuchen sie ihre Bezugsperson dazu zu bewegen, ihnen etwas Besseres zu geben. Katzen machen soziale Spielchen, um den Menschen zu kontrollieren, damit er ihnen quasi gehorcht.“

Dieser der Humanpsychologie anscheinend unkundige Biologe spricht leichtfertig von „labilen Menschen“ statt erst einmal davon auszugehen, dass die Katzen diese Menschen mit Hilfe von Toxoplasma gondii (im Bett oder beim Katzenklosäubern) gefügig gemacht haben. Genaugenommen können aber weder die Katzen noch ihre (labilisierten) Besitzer etwas für diese Umdrehung des Herrschaftsverhältnisses. Der Betreiber eines „Winter Garden Animal Hospitals“ in Florida hat gleich vorne an der Einfahrt ein Schild angebracht, auf dem ganz groß steht: „Sagen Sie mir nicht, was ich zu tun habe, Sie sind nicht meine Katze!“

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Neosexuell werden?

Die Prostitution war einmal der verfemte Teil der gezähmten weiblichen Sexualität in Ehe und Familie. Mit der Auflösung der selben und der Ausbeutung auch noch der mütterlichsten Fähigkeiten, wie „emotionale, kommunikative und soziale Kompetenzen“, wird inzwischen jedem angeraten: „Sie müssen sich besser verkaufen!“ Für viele Frauen (aber auch Männer) bedeutet dies, buchstäblich ihre Haut zu Markte zu tragen, zur Not sogar das eine oder andere Organ.

Indem so die Prostitution sich ebenfalls globalisiert und auch räumlich mobilisiert, wird sie nahezu ununterscheidbar von anderen prekären Beschäftigungen – und umgekehrt. Dazu trägt nicht zuletzt auch die ungeheure Medienproliferation bei, mit der selbst die Mitwirkung in einem Pornofilm glamourös geworden ist: Der erste Pornoweltstar Linda Lovelace (Deep Throat) mußte noch von seinem  Zuhälter/Regisseur gezwungen werden, öffentlich zu behaupten, es habe ihr Spaß gemacht, aber schon Debbie Harry (Blondie) nahm man es ab, dass es „Fun“ sei, fürs Ficken auch noch bezahlt zu werden, ebenso später Paris Hilton.

„Die Pornographie seit den Neunzigerjahren hat dagegen ihre eigene politische Ökonomie zum Inhalt. Der pornographische Diskurs verwirft den weiblichen Körper nicht mehr (um ihn in einem seltsamen Jenseits, dem Pornotopia der Literatur wie des ‚Rotlichtmilieus‘ und allen ihren Romantisierungen, zu restaurieren), er fügt ihn vielmehr in den Mainstream ein…Pornographie ist die letzte große Illusion der Teilhabe der unnützen Menschen am System,“ meint Georg Seeßlen,  der die „alte ‚Elendsprostitution‘ – vorwiegend in der Form der sexuellen Ausbeutung der proletarischen Frau durch den bürgerlichen Mann oder der kolonialisierten Frau durch den kolonialistischen Mann“ – nur noch für    einen „Störfaktor“ hält in der Entwicklung der globalen Prostitution, „die den Wert des ‚fuckable‘ Menschen nicht durch institutionellen Zwang, sondern durch Marktkonkurrenz bestimmt“.

Seeßlen vermutet, dass die neue pornographische Sexualität, die auch den Krieg und die Folter „genußvoll“ mit einschließt, auf folgende Kernaussage hinausläuft: „Dein Körper gehört dir, nicht wie ein geistiges oder historisches Eigentum, sondern wie ein Auto oder ein Bankkonto. Er gehört dir wie Waren im Kreislauf, du kannst ihn verkaufen, vermieten, drauf sitzenbleiben, ihm Mehrwert abtrotzen oder ihn verspekulieren. Je neosexueller du bist, desto weniger kannst du Heimat in ihm haben, aber desto mehr Profit kannst du ihm entnehmen.“  Im Grunde ist bereits die gesamte (US-)Kulturindustrie ein einziges „Body-Shaping“, wie die New York Times anläßlich der Oscar-Verleihung vermutete: Mit chemischen, pharmazeutischen und chirurgischen Mitteln sozusagen „jung und attraktiv bleiben“, um sich den eigenen Warenwert zu erhalten bzw. zu steigern.

Auf sich selbst bezogen hat das die Bestsellerautorin Sophie Passmann in ihrem Buch „Pick Me Girls“ (2023) beschrieben: „Girls“, die alles tun, um begehrenswert zu sein und zu bleiben: „Der männliche Blick ist die höchste Währung“, meint die Autorin. Sie ließ sich tätowieren, dann die Augenringe mit Hyaluron unterspritzen und anschließend die Lippen aufspritzen sowie einige Fettpolster absaugen. Auf eine Brustvergrößerung mit Silikon-Implantaten, wie sie von Hollywood-Schauspielerinnen verlangt wird, verzichtete die Radiomoderatorin, die 320.000 „Follower:innen“ hat.

Silikon war ursprünglich ein Werkstoff, der vom US-Militär zu elektrischen Isolierung verwendet wurde. „In der Geschichte der Schönheitschirurgie wird Silikon direkt mit Sex verbunden. Das Material sei zunächst an japanischen Prostituierten verwendet worden, die es sich injizieren ließen, um damit dem Wunsch US-amerikanischer Soldaten nach großen Brüsten entgegenzukommen. In der Literatur dazu ist etwas verklausuliert die Rede davon, dass die Silikoninjektionen später als Schwarzmarktangebot an US-amerikanische Frauen ‚in der Unterhaltungsindustrie‘ vermarktet worden seien. Artikel aus dezidiert feministischer Perspektive sprechen von ‚sex slavery‘, schreibt Anja Zimmermann, Mitherausgeberin der „Zeitschrift für Geschlechterforschung und visuelle Kultur (FKW), in ihrem Buch „Brust – Geschichte eines politischen Körperteils“ (2023).

Im selben Jahr veröffentlichte die marxistische Philosophin Theodora Becker ihre Dissertation unter dem Titel „Dialektik der Hure – Von der ‚Prostitution‘ zur ‚Sex-Arbeit‘“. Sie argumentiert weitgehend historisch und geht davon aus, dass die Prostitution in der bürgerlichen Gesellschaft ein unlösbarer Widerspruch ist: Die Männer brauchen sie einerseits, aber andererseits gelten die sie ausübenden Frauen verächtlich, tendenziell betrügerisch. Dass es in der Frauenbewegung schon seit langem Bestrebungen gibt, die Prostituierten als „Sex-Arbeiterinnen“ (Sozialhygienikerinnen) quasi zu rehabilitieren, findet sie ihrerseits verachtenswert. Ihr neoromantisches Ideal läuft eher auf das Gegenteil hinaus: auf die „Hure“ als Künstlerin.

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Battlefield Engagement

„It’s the economy, stupid!“. Mit diesem Wahlkampf-Slogan gewann Bill Clinton 1992 die US-Präsidentschaftswahlen. Er gewann zwar, aber wie er richtig gesagt hatte, die Wirtschaftspolitik wird von der Wirtschaft, d.h. vom Kapital bestimmt. 2002 übersetzte mir jemand ein Interview, das die damalige US-Botschafterin in der Mongolei einer mongolischen Zeitung gegeben hatte. Darin legte sie der mongolischen Regierung eine entschiedenere Deregulierung nahe. Auf die Frage, welche Partei sie dies denn am ehesten zutrauen würde, sagte sie: „Es ist egal, welche Partei die Regierung hier stellt, sie hat keinen Spielraum.”

2007 wurde der maßgebliche Deregulierer der USA, der Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan gebeten, eine Empfehlung für die bevorstehende Präsidentenwahl zu geben. Er meinte: „Wir haben das Glück, dass die politischen Beschlüsse in den USA dank der Globalisierung größtenteils durch die weltweite Marktwirtschaft ersetzt werden. Mit Ausnahme des Themas der nationalen Sicherheit spielt es kaum eine Rolle, wer der nächste Präsident wird.“

Und selbst die „nationale Sicherheit „ wird nicht unwesentlich von den Waffenherstellern zum „Thema“ gemacht. Notfalls über solche Transmissionsriemen wie Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie sitzt u.a. im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik und im Förderkreis Deutsches Heer, wo auch die Wehrindustrie mitredet. „Beides sind von der Rüstungsindustrie stark beeinflusste Organisationen,“ schreibt „Lobbycontrol“. Als FDP-Politikerin ist sie Mitglied der Parlamentarischen Versammlung der NATO, ferner Vorsitzende im Verteidigungsausschuss des Bundestages und fungiert im Parlament als scharfe Kritikerin des Zögerns der Bundesregierung beim Waffengang der NATO-Staaten in die Ukraine, um Russland zurück zu schlagen. Ihr Wahlkreis ist der „Rheinmetall“-Standort Düsseldorf. Der Westdeutschen Zeitung sagte sie: „Wir waren immer der Auffassung, dass wir unter keinen Umständen zulassen dürfen, dass Russland mit seinem Angriff Erfolg hat. Wenn das einträfe, dann werden weitere Angriffe in Europa folgen. Die Nachbarn Russlands sind stark gefährdet. Und irgendwann kratzt die russische Kriegsmaschinerie auch an unserm Nato-Territorium. Zurecht würden uns die Bürger vorwerfen, nicht weitsichtig genug reagiert zu haben, als noch Zeit dazu war.“

Auch der bayrische CSU-Ministerpräsident Markus Söder legt sich für „seine“ Waffenindustrie ins Zeug: „Die TAURUS-Marschflugkörper müssen zum Einsatz kommen,“ meinte er in der „Tagesschau“. Die Herstellerfirma „TAURUS Systems“ befindet sich nämlich in Bayern und sucht derzeit wegen der zu erwartenden großen Nachfrage schon mal 170 weitere Mitarbeiter für ihr „Battlefield-Engagement“, wie die Firma ihr Massenmordwaffengeschäft nennt.

Als hohe deutsche Luftwaffenoffiziere kürzlich zusammen kamen, um die Möglichkeit zu besprechen, wie die Bundeswehr die Ukraine mit TAURUS-Marschflugkörpern beliefern und „praktische Hilfe für die ukrainischen Streitkräfte gegen Ziele in Russland“ leisten könne, wurde ihr Gespräch von russischer Seite abgehört und der deutsche Botschafter in Moskau, Alexander Graf Lambsdorff, daraufhin im russischen Außenministerium aufgefordert, eine „Erklärung“ dazu abzugeben. Auch dieser FDP-Mann ist dafür, die Ukraine mit Waffen aus dem Westen derart aufzurüsten, dass sie Russland Paroli bieten kann – und wenn die ganze Welt dabei in Scherben fällt. Über die zaghafte Friedensbewegung hierzulande äußerte er 2023: „Die Ostermarschierer sind die fünfte Kolonne Wladimir Putins, politisch und militärisch“.

Aus allen Rohren wird uns nahegelegt: Es diesmal dem Iwan aber wirklich zu zeigen. Auch die Kinder werden indoktriniert: Am 27. Februar sendete z.B. die ZDF-Kindernachrichtensendung Logo ein kleines Video, in dem TAURUS-Marschflugkörper und andere Waffen als Personen, die sprechen können, für Waffenlieferungen in die Ukraine plädierten. Ebenfalls im ZDF äußerte sich die stellvertretende Leiterin des EU-Instituts für Sicherheitsstudien, Florence Gaub, über die Gegner: „Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wenn Russen europäisch aussehen, dass es keine Europäer sind, jetzt im kulturellen Sinne, dass sie einen anderen Bezug zur Gewalt haben, einen anderen Bezug zum Tod haben.“

Das sahen die NATO-Strategen und -Analysten 2001 noch anders: Damals erklärte uns ein Major des Verteidigungsministeriums die neue NATO-Verteidigungsdoktrin: „Sie ist nicht mehr nach Russland hin angelegt, die russischen Soldaten haben inzwischen dieselbe Einstellung zum Krieg wie wir auch – sie wollen nicht sterben! Außerdem ist die Stationierung von Raketen in Ungarn und Polen so gut wie gesichert, es geht nur noch darum, wie viel wir dafür zahlen müssen. Ganz anders sieht es jedoch bei den Arabern aus, mit dem Islam. Deswegen verläuft die neue Verteidigungslinie jetzt auch“ – rasch zog er hinter sich eine neue Landkarte auf – „etwa hier: zwischen Marokko und Afghanistan“.

Aber jetzt geht es wieder andersherum: So wie es einst der Oberst Graf Stauffenberg gehofft und geplant hatte: Noch einmal, diesmal mit den westlichen Alliierten zusammen, gegen die Russen.

Die von den Amis gehirngewaschene neue Außenministerin Baerbock sagte es so: „Wir müssen der Ukraine helfen, auch wenn wir einen Atomkrieg riskieren“. Der ehemalige Leiter der Heinrich Böll Stiftung, nunmehr Geschäftsführer des finsteren European Resilience Initiative Center, Sergej Sumlenny findet: „Der sicherste Weg zu einem nachhaltigen Frieden ist es, das nukleare Russland zu zerstören. Einige Atombomben könnten dabei explodieren, aber sie werden ohnehin explodieren.“

Die Liste der Kriegslüsternen, die so reden, wächst täglich. Vor allem angloamerikanische Kapitalfraktionen scheinen die Eskalation zu forcieren. Wohl weil einige kalkulieren: „Wir überleben das“. Wenn ein paar Milliarden Menschen oder wie viele auch immer dabei draufgehen, dem Planeten tut das nur gut. Das ist auch eine Art von Öko-Politik. Sie bereiten sich auf einen Atomkrieg vor und erwerben gleichzeitig bombensichere Villen auf Neuseeland. Eine andere Kapital-Fraktion, nennen wir sie die Silicon-Valley-Highflyer, will anscheinend auf den Mars ausweichen.

Neben immer mehr Hightechwaffen schicken die NATO-Staaten auch immer mehr Bodentruppen an die russische Grenze, getarnt als Sicherheitspersonal für die Botschaften: Im Februar 2023 waren bereits 97 Spezialtruppen aus den Nato-Ländern in der Ukraine stationiert, davon 14 aus den USA. Für diese wurde am 13.Juli 2023 verfügt, dass „das Landgebiet und der Luftraum über der Ukraine mit Wirkung vom 24. April 2022 als Gebiet für unmittelbare Gefahrenzulage“ ausgewiesen sei. Die Zulage besteht aus 225 Dollar pro Monat, zusätzlich kommen weitere 100 Dollar Erschwerniszulage pro Aufenthaltsmonat in der Ukraine hinzu.“

Einem Bericht der „New York Times“ zufolge soll die US-Regierung mit einem russischen Einsatz von Atomwaffen im Herbst 2022 gerechnet haben. Auch Olaf Scholz wusste von der Bedrohung. Die Amerikaner hatten ihn anscheinend informiert.

Egal. Seit der Antike gilt, dass sich mit dem Tod bessere Geschäfte als mit dem Leben machen lassen. „Nichts steigert Nachfragen und Umsätze schneller als Kriege, und nirgends werden mehr Gewinne gemacht als beim Wiederaufbau,“ schreibt der Regisseur Holger Teschke.

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Die Pravda-Brauerei mit Sitz in Lviv wechselt von der Herstellung von Bier auf Molotow-Cocktail. Auf dem Etikett steht „Putin ist ein Idiot“.

Die Finnen setzten Molotowcocktails erfolgreich gegen sowjetische Panzer ein. Auf Turm oder Motor der damaligen Panzer geworfen, setzten sie diese häufig in Brand. Finnland ging dazu über, die Cocktails industriell von der staatseigenen Firma Oy Alkoholiliike Ab (heute Alko) herstellen zu lassen und mit den benötigten Streichhölzern paketweise an die Front zu schicken. Insgesamt wurden 450.000 Stück produziert.

Etwa gleichzeitig wurde 1940 für die englische Home Guard ein Northover Projector genannter Werfer entwickelt, der Brandflaschen mit Phosphorzündung rund 180 m weit verschießen konnte. Allerdings war diese Waffe für den Schützen nicht ganz ungefährlich, da die Glasflaschen schon im oder kurz nach Verlassen des Rohres zerbrechen konnten.

Im Zweiten Weltkrieg schließlich setzten auch die Rote Armee und die Wehrmacht Molotowcocktails ein. Massenhaft zum Einsatz kamen sie auch 1943 beim Aufstand im Warschauer Ghetto, 1944 beim Warschauer Aufstand und 1956 während des sowjetischen Einmarschs in Ungarn, der den Ungarnaufstand beendete.

Im Februar 1968 veröffentlichte der Vorsitzende des Liberalen Studentenbundes Deutschlands (LSD) einen Artikel mit dem Titel „So baut man einen Molotow-Cocktail“. Die Brandflasche war mittlerweile zum Symbol für den Kampf gegen die Staatsmacht geworden. Der LSD-Mann musste sich vor Gericht verantworten

In Deutschland wird der Molotowcocktail in der Waffenliste als verbotene Waffe aufgeführt. Somit sind gemäß § 52 Abs. 1 Nr. 1 WaffG der Erwerb, der Besitz, das Überlassen, das Führen, das Verbringen, das Mitnehmen, das Herstellen, das Instandsetzen sowie der Handel damit verboten. Ebenso ist es nicht erlaubt, zum Herstellen von Molotowcocktails anzuleiten oder aufzufordern. Verstöße gegen das Verbot werden mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

Wikipedia: Molotowcocktail, auch Brandflasche oder Benzinbombe, abgekürzt häufig auch Molli genannt, ist eine Sammelbezeichnung für eine Vielzahl einfacher Wurfbrandsätze, wie sie bei Aufständen, Krawallen, Straßenschlachten, in Guerillakriegen oder zur Verübung von Brandanschlägen verwendet werden.

Das Griechische Feuer, Feuertöpfe und Brandkugeln sind frühere Formen eines Wurfbrandsatzes. Durch die zunehmende Verarbeitung von Erdöl zu petrochemischen Produkten wie Petroleum oder Benzin und deren Verbreitung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren entsprechend gut brennbare Flüssigkeiten praktisch für jedermann leicht erhältlich, so dass die Verwendung dieser Art von Waffen auch in irregulären Konflikten möglich wurde. Erstmals mit eindeutigem Beleg kam die Waffe im russischen Bürgerkrieg (1918–1922) zum Einsatz.

Der Name selbst wurde 1939/40 von finnischen Soldaten und Zivilisten in Anlehnung an Wjatscheslaw Molotow, den damaligen sowjetischen Regierungschef und Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Stalins, geprägt, der für die sowjetische Invasion in Finnland beziehungsweise deren Verharmlosung und den folgenden „Winterkrieg“ verantwortlich gemacht wurde.[1] Molotow hatte beim Versuch der Annexion behauptet, russische Bomber würden Brot für die Zivilbevölkerung bringen – eine Lüge, die in Finnland für Empörung sorgte. Die Finnen nannten daraufhin die Bomben „Molotows Brotkörbe“ und wollten den Sowjetsoldaten dazu mit ihren Brandsätzen das passende Getränk servieren, in finnisch: „Molotovin koktaili“ („Molotows Coktail“). Die Verschiebung zu Molotowcocktail entstand erst später.

„Die Angriffe der russischen Panzer wurden mit großer Kühnheit und einem neuen Typ von Handgranaten, der bald den Spitznamen ‚Molotow-Cocktail‘ erhielt, abgeschlagen.“(Winston Churchill)

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Durchcomputerisierte Welt

Die dritte Industrielle Revolution bereitete sich zur selben Zeit wie die Gründung von IWF und Weltbank am Ende des letzten imperialistischen „Zweiten Weltkriegs“ vor. Dazu fanden zwischen 1946 und 1953 die so genannten „Macy-Konferenzen“ statt, auf denen sich die „technokratische Wissenschaftselite der USA“, darunter viele Emigranten aus Europa, versammelt hatte – um ausgehend von der  Waffenlenk-Systemforschung, der Kryptologie, der Experimentalpsychologie und    der Informationswissenschaft sowie von Erwin Schrödingers 1943 erschienenem Buch „What is Life?“ Theorie und Praxis der „Circular Causal and Feedback Mechanisms in Biological and Social Systems“ zu diskutieren. Hierzu gehörten u.a. John von Neumann, Norbert Wiener, Claude Shannon, Gregory Bateson und Margret Mead, als Konferenzsekretär fungierte zweitweilig Heinz von Foerster. Im Endeffekt entstand daraus die inzwischen nahezu weltweit durchgesetzte und empirisch fruchtbar gewordene Überzeugung, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind – also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften gleichermaßen zutreffen.

Als einer der ersten Gegner dieses bald immer mehr Wissenschaftsbereiche erfassenden Paradigmenwechsels trat 1953 der Schriftsteller Kurt Vonnegut mit seinem Buch „Das höllische System“ auf, in dem er die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen des kybernetischen Denkens bei seiner umfassender Anwendung beschrieb, die Herbert Marcuse dann als „Herrschaft eines technologischen Apriori“ bezeichnete, was der Wiener Philosoph Günters Anders wiederum zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen und Recherchen zur „Antiquiertheit des Menschen“ machte. Diese besteht nach ihm darin, dass spätestens mit dem Koreakrieg (1950-53) die rechnerischen Kalküle alle moralischen Urteile ersetzt haben. Selbst die antifaschistischen Charakteranalysen von Adorno im amerikanischen Exil fanden noch Eingang in die Macy-Konferenzen, indem man auch den „‚Antiautoritären Menschen nach Maß‘ noch zum Ziel der Kybernetik erklärte.

In dem Aufruhr-Szenario, das Vonnegut entwarf – indem er die Militärforschung des „Fathers of Cyborg“ Norbert Wiener und des Mathematikers John von Neumann weiter dachte – geht es um die Folgen der „Maschinisierung von Hand- und Kopfarbeit“, d.h. um die  vom Produktionsprozeß freigesetzten Menschenmassen, die überflüssig sind und nur noch die Wahl haben zwischen 1-Dollarjobs in Kommunen und Militärdienst im Ausland, wobei sich beides nicht groß unterscheidet. Theoretisch könnten sie sich auch selbständig machen – „Ich-AGs“ gründen, wie das 1997 in Wisconsin entwickelte „Trial Job“-Modell nach Übernahme durch die rotgrüne Regierung hierzulande heißt, oder „Start-Ups“. „Reparaturwerkstätten, klar! Ich wollte eine aufmachen, als ich arbeitslos geworden bin. Joe, Sam und Alf auch. Wir haben alle geschickte Hände. Für jedes defekte Gerät in der Stadt ein eigener Mechaniker. Gleichzeitig sahnen unsere Frauen als Schneiderinnen ab – für jede Einwohnerin eine eigene Schneiderin.“

Da das nicht geht, bleibt es also dabei: Die Massen werden scheinbeschäftigt und sozial mehr schlecht als recht endversorgt, während eine kleine Elite mit hohem I.Q., vor allem „Ingenieure  und Manager“, die Gesellschaft bzw. das, was davon übrig geblieben ist – „Das höllische System“ – weiter perfektioniert. An vorderster Front steht dabei Norbert Wiener. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr „Aussteigern“ unterstützt. Der Autor  erwähnt namentlich John von Neumann. Nach Erscheinen des Romans beschwerte sich Norbert Wiener brieflich beim Autor über seine Rolle darin. Die Biologiehistorikerin Lily E. Kay bemerkt dazu in ihrem 2002 auf Deutsch erschienenen „Buch des Lebens“ – über die Entschlüsselung  des genetischen Codes: „Wiener scheint den Kern von Vonneguts Roman völlig übersehen zu haben. Er betrachtete ihn als gewöhnliche Science Fiction und kritisierte bloß die Verwendung seines und der von Neumanns Namen darin.“ Vonnegut antwortete Wiener damals: „Das Buch stellt eine Anklage gegen die Wissenschaft dar, so wie sie heute betrieben wird.“

Im Roman geht es dann so weiter, dass die von der fortschreitenden Automatisierung auf die Straße Geworfenen sich organisieren, wobei sie sich an den letzten verzweifelten Revivalaktionen der Sioux im 19. Jahrhundert orientieren: an den Ghost-Dancers, die gefranste westliche Secondhand-Klamotten trugen. Im Roman heißen sie „Geisterhemd-Gesellschaften“ – und irgendwann schlagen sie los, d.h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft, wobei es ihnen vor allem um den EPICAC-Zentralcomputer in Los Alamos geht. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an „ihren“ Maschinen zu arbeiten. Bevor die Rädelsführer hingerichtet werden, sagt einer, von Neumann: „Dies ist nicht das Ende, wissen Sie.“ Leider ging es jedoch erst einmal so weiter, dass heute jeder mindestens einen Handcomputer hat, der ihn trotz Vereinsamung mit der Welt „verbindet“.

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Der „Animal Turn“

In der Germanistik wurde erst ein „Cultural Turn“, dann ein „Visual Turn“ und nun in der Geschichtswissenschaft ein „Animal Turn“ ausgerufen. Letzteres war eine Zuspitzung in den „Animal Studies“, wobei inzwischen ganze Buchreihen, u.a. in der Michigan State University Press, diesem „Turn“ gewidmet sind. Gemeint ist damit eine Geschichte von unten, d.h eine Darstellung aus der Sicht von Tieren, die dabei als Subjekte wahrgenommen werden.

Derlei ist vor allem in den USA verbreitet – und mit einer ganzen Reihe von Zeitschriften, Dokumentarfilmen und Videoclips verbunden, wobei die Anarchisten wohl die ersten waren, die, inspiriert von Kropotkins Werk „Die gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ (1900), Nutz- und Wildtiere in ihren Fokus auf Widerstand nahmen. Auch der Anarchist Jaroslav Hasek zählt dazu. Er meinte 1910 „Ich habe mich politisch umgestellt. Ich bin jetzt bei den Tieren“ – als er Chefredakteur der Zeitschrift „Welt der Tiere“ wurde.

Auch in Deutschland gibt es „Animal Studies“, die darin entstandenen Publikationen sind jedoch noch reichlich akademisch gequält, während die Amis natürlich stark empirisch ausgerichtet sind. So veröffentlichte der Historiker Jason Hribal 2003 einen Text mit dem Titel: „Die Tiere sind Teil der Arbeiterklasse: Eine Herausforderung für die Geschichte der Arbeit“. 2007: „Tiere, Widerstandsformen und Klasse: Die Geschichte der Tiere von unten schreiben“ und 2010: „Angst vor einem Planet der Tiere: Die verborgene Geschichte der Rebellion von Tieren“.

Ich lese gerade von der „Animal Studies“-Autorin Sarat Colling das Buch „Der Widerstand von Tieren in der Äre des globalisierten Kapitalismus“ (2021). Es handelt zur Hauptsache von Tieren, die aus Farmen, Zoos und Schlachthöfen flüchteten. Viele wurden wieder eingefangen, manchmal erst nach Monaten, nur wenige blieben für immer verschwunden (frei), aber etliche landeten, nachdem man sie betäubt und eingefangen hatte, in Tierasylen (Sanctuaries), wo sie bis zu ihrem natürlichen Tod leben dürfen. Schon während ihrer Flucht bekamen sie Namen (die Kuh „Emily“ später sogar ein Denkmal neben Ghandi auf einem Pazifistenfriedhof) – und zwar von Reportern, die eine „Story“ witterten und im Übrigen der Meinung waren, dieses oder jenes Tier, dass so viel unternommen hat, um frei zu sein, hat es verdient, am Leben zu bleiben. Rinder, Schafe, Ziegen, Affen, Kamele, Papageien, Hühner und Truthähne, die ihre Freiheit erkämpften, sich dann oft in Wäldern versteckten und benamt wurden, erlangten durch die Medien den Status von Subjekten/Individuen, während all jene Tiere – Milliarden jährlich, die ihr Schicksal nicht herausforderten, sondern halbwegs friedlich in den Schlachthof gingen oder in ihrem Käfig blieben, Statistik/Objekte sind.

Auch in Deutschland sind die Medien im Falle von entflohenen Tieren meist auf deren Seite und nicht auf der ihrer Besitzer, die sie wieder haben wollen, um sie weiter auszubeuten, zu schlachten oder zu zwingen, erneut gegen Geld ein Publikum zu unterhalten. In München hatte z.B. ein Polizeitrupp eine „wild gewordene Kuh“ erschossen, die sich auf dem Schlachthof losgerissen und eine Joggergruppe auf dem Bavariaring über den Haufen gerannt hatte. Die Beamten hatten das Tier zuerst mit ihren Pistolen bewegungsunfähig geschossen – und anschließend mit zwei Gewehrschüssen getötet. Der „Spiegel“ sprach von einem „Kugelhagel“, in dem die Kuh starb. Schon am nächsten Tag wurden am Tatort Blumen hinterlegt, sowie Grablichter in Milchflaschen angezündet und mit einem Zettel „an das Kuh-Drama erinnert“, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete. „Sie wollte leben und floh vor dem Schlachthof“, stand auf dem Zettel.

Noch parteiischer wirkte die Tierrechtsorganisation „Animal Peace“, als sie auf ihrer Internetseite „viva-vegan.info“ frohlockte: „Ein dreijähriger Bulle hat nahe Köln seinen Sklavenhalter angegriffen und tödlich verletzt. Der 61-jährige Landwirt wollte eine Schiebetür im Stall reparieren. Als am Abend der Sohn den Stall betrat, um die Kühe zu melken, entdeckte er die Leiche seines Vaters. Wir verneigen uns vor dem Held der Freiheit. Mögen ihm viele weitere Rinder in den Aufstand der Geknechteten folgen.“ Es folgten erst einmal heftige Kritik von allen Seiten und sogar eine Strafanzeige, so dass die radikalen Veganer sich gezwungen sahen, ihre Äußerung zu verteidigen: „Wir haben mit keinem einzigen Wort den getöteten Bauern verhöhnt.“ Man habe sich nur über den „Aufstand eines Geknechteten“ gefreut. „Es ist eine politische und keine persönliche Botschaft.“ Rinder seien Subjekte, „die fühlen und denken können und mit diesen Gefühlen und Gedanken ein freies und unversehrtes Leben führen wollen. Wie wir.“ Die Vegetarier/Veganer sind nicht nur gegen die Bio-Bauern, weil auch sie ihre Tiere töten, daneben bemühen sie sich auch um den Nachweis, dass Milch nicht gut für uns ist, sie ist für das Kalb da. Zudem sei auch die Milch „Produkt eines Gewaltverhältnisses“.

Die Amis im „Animal Turn“ sind natürlich durchweg Veganer, während hierzulande die Bauern und Spitzköche den Verzicht auf tierische Produkte schlicht für Schwachsinn halten. Leider nicht deswegen, weil Pflanzen und Tiere sich nicht groß unterscheiden. Es gibt nur zwei nicht-parasitär lebende Säugetiere: Flughunde und Wickelbären. Sie essen nur das, was die Pflanzen ihnen freiwillig anbieten.

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Ralf Sotschek

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Brandenburg Gruenheide Tesla Ca. 250 Menschen demonstrierten am Samstag den 25. Januar 2020 in der brandenburgischen Ortschaft Gruenheide gegen die geplante Ansiedlung des Automobilherstellers TESLA. Sie wehren sich gegen die Rodung mehreren Hektar Wald und die Beeintraechtigung der Trinkwasserversorgung durch die Autofabrik. 25.1.2020, Gruenheide.

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Schwarze Löcher

Die Ukraine-Kriegsbegeisterung der Millenials ist erklärungsbedürftig. Ist es die Techno-Marschmusik? Der Religionswissenschaftler der FU Klaus Heinrich hielt dafür eher „Sucht und Sog“, über das er 1993 in einem Vortrag in der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums der FU Berlin sprach: Die ungerührte Hinnahme der realen Katastrophen scheint zu bekunden: „Sie sind immer noch nicht katastrophisch genug, jede Möglichkeit der visuellen Steigerung wird ausgeschlachtet, die Phantasmagorien laufen der Realität, und zwar mit dem Anspruch, selbst real zu sein oder doch wenigstens so potent, dass sie die Wirklichkeit hinter sich herzuziehen vermögen, lustvoll davon.“

Die Katastrophenfaszination und, „ihr entsprechend, das süchtige Hinarbeiten auf die Katastrophe scheint im großen das zu sein, was unser ‚normales‘ alltägliches Suchtverhalten im kleinen ist…Und es sind ja auch die gleichen Subjekte, die hier von den Suchtmitteln des Konsums und dort von der medialen Exaltation der Verarbeitung realer und imaginärer Katastrophen angezogen und mit schöner Regelmäßigkeit enttäuscht werden (und die Enttäuschung immer auch herbeizuführen trachten, d.h. süchtig nach Enttäuschung, sind, die allein sie weiterbringt auf dem Vertilgungsweg).“

Die „sexuell aufgeladene Realerfahrung und Metaphernwelt des Sogs“ – mit seiner „Maelströmfaszination“, also „diese Schoßmetapher für Vereinigung durch Ausgelöschtwerden“, erscheint Klaus Heinrich als ein sehr realistisches Bild „historischer Ambivalenz und Schuldgefühle, und zwar auf dem Hintergrund der Geschlechterspannung – die ja das Movens aller Faszination“ ist.

Der „Sog als Schoßmetapher, sozusagen der Schoß in actu, der uns in Totalregression in sich hineinzuziehen verspricht, überschreitet freilich die Imagines von Geschlecht und Mund, ist daher Grund der Faszination von all jenen gefahrvollen Situationen, die uns immer wieder in die Nähe des Ausgelöschtwerdens mit selbstzerstörerischer Lockung vor Augen führen und die wir darum mit lustvollem Schauder teils herbeiführen teils aufsuchen.“

Laut Heinrich kann „die überspitzte Formulierung: ‚die Welt selbst aus der Welt zu schaffen, und ihr nach!‘ nur so lange als abstrakte Konstruktion gelten, wie wir sie bildlos dem Maelström gegenüberstellen…Wir bewegen uns in katastrophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungs-Visionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Und damit nicht genug: Chaostheorien beschwören die Selbstordnungskräfte der Materie und lassen uns als Nutznießer davon profitieren. Wirklich populär geworden aber ist das Bild – die große Phantasie vom ‚Schwarzen Loch‘. Dies ist die erstaunlichste Schoßmetapher, die wir zur Zeit haben: spur- und zeichenlos saugt es ein und läßt verschwinden, auch die Reizüberbietung der Katastrophenmetapher ist stillgestellt, denn keine Information dringt hier heraus, geschweige, dass ein Geschichtenerzähler, ein kosmischer Aussteiger sozusagen, ihm entkäme.“

Dazu die Bild-Zeitung: „Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden Schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos! Unser Reporter interviewt den Entdecker exklusiv!“

Laut Süddeutsche Zeitung gelang der US-Informatikerin Katie Bouman 2019 das erste Foto von einem Schwarzen Loch.

Die Zeitschrift „Nature“ berichtete: „Ein Schwarzes Loch in 12 Lichtjahren Entfernung – die Strecke, die Licht in zwölf Jahren zurücklegt. (Licht breitet sich mit knapp 300000 Kilometern pro Sekunde, d.h. mit etwa einer Milliarde Stundenkilometern aus). Das neu entdeckte Schwarze Loch ist nur dreimal so weit vom Sonnensystem entfernt wie unser nächster Nachbar, der Stern Alpha Centauri, und gehört damit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA hat sofort die Entsendung einer unbemannten Raumsonde angekündigt, die fundamentale neue Erkenntnisse liefern wird. Diese Mission ist ein Generationenprojekt: Bis die Sonde das Schwarze Loch erreicht, werden Jahrzehnte vergehen und wenn dann die ersten Daten zur Erde gefunkt werden, brauchen sie weitere 12 Jahre für den Rückweg.“

2020 schreibt das Wissenschaftsforum „spektrum.de“: Wenn „die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines Schwarzen Lochs im gleichen Radius“, dann läßt sich unser ganzes „Universum als das Innere eines Schwarzen Lochs annehmen“, was bedeute, „wir leben in einem Schwarzen Loch“, sind also schon drin.

Das konnte Klaus Heinrich 1993 noch nicht wissen. Bei ihm heißt es weiter über das begehrt-gefürchtete Schwarze Loch: „Der sexuelle Phantasiehorizont in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ‚Keine-Haare-Theorem‘: ‚Ein Schwarzes Loch hat keine Haare‘ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluß hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs.)“. Das Schwarze Loch ist ein schamhaarloser Genderwitz.

Heinrich zufolge ist „die Macht der mit Geschlechterspannung verfahrenden Phantasie so stark, dass dieses letzte katastrophische Sucht-und Sogprodukt“ – so nennt er es angesichts seiner Popularität – „doch wieder als Schoß und Schlund erscheint, freilich als einer, der nur noch in der einen, der zerstörerischen Richtung tätig ist.“

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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/06/11/battlefield-engagement/feed/ 0
Was die außerparlamentarische Opposition heute anzubieten hat https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/01/15/was-die-ausserparlamentarische-opposition-heute-anzubieten-hat/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/01/15/was-die-ausserparlamentarische-opposition-heute-anzubieten-hat/#respond Mon, 15 Jan 2024 17:08:50 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=14207 Die Klimawissenschaftler fordern von der Politik, dass sie dringend etwas gegen die Erderwärmung tun. Mit kommt es seltsam vor, dass ausgerechnet die Politiker etwas gegen die „Klimakrise“ tun sollen. Das können die doch gar nicht, da steht das Eigentumsrecht und ihre Verpflichtung auf das Volkswohl vor. Politische Veränderungen können nur von unten kommen. Aber was kommt denn da derzeit so, was tut sich im Volk, was will es, was hat es auf der Pfanne? Ein kleiner Katalog seiner Forderungen:

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Grafitti: Ilse ich liebe dich

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Auch eine Botschaft

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Grafitti: Friede den Hütten, Krieg den Palästen – gegen alle Käfige und Knäste.

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Demoslogan: Was wir wollen – Arbeiterkontrollen!

Passanten in Neukölln: Wat, jetz wolln se uns och noch kontrollieren.

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Grafitti: Solidarität muss Praxis werden. Feuer und Flamme den Repressionsbehörden!

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Grafitti: Stoppt den Missbrauch des Mafiaparagraphen! Ihr wollt damit nur Kritiker bestrafen

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Wahlplakat der „Linken“: „Gutes Klima nicht nur für Reiche“

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Graffiti: Einen machen sie ein. Du bist nicht allein

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Grafitti: No justice – no peace – no prisons – no police.

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Grafitti: Gegen bürgerliche „Liebe“! Für das Ausleben der Triebe!

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Plakat zur Berliner Nachwahl – darauf drei Begriffe, die unsere Gesellschaft nun aber wirklich voranbringen sollen – von einem CDU-Dumpfkandidaten (plakatiert in der Friedrichstrasse): „Kreativität/ Individualität/ Freiheit

Vor einigen Jahren hatte der Hessische Rundfunk die Idee, dass wer wollte eine „Rede an das Volk“ halten konnte. Der Sender kam dann mit Ü-Wagen an. Den 1. Preis bekam die Rede eines kommunistischen Bäckermeisters aus Darmstadt. Aber allgemein gefiel den Hörern am Besten die „Rede an das Volk“ eines reichen Justitiars aus dem Taunus, der meinte, er hätte dem Volk was ganz Wichtiges zu sagen. Seine drei tragenden Begriffe, die er mindestens ein Dutzend Mal in seiner Rede wiederholte, waren dann: „Kreatibilililität, Individualililität und Pfreiheit“. Wir lachten uns kaputt, je öfter wir seine völlig bekloppte Rede hörten

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Grafitti: Keine Rinderzucht auf Regenwaldböden

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Grafitti: Gegen Herrschaft und Repression – für die vegane Revolution!

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Demo gegen Corona-Maßnahmen - Teilnehmerzahl wird zum Streitthema

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Grafitti: Jäger verpisst euch, keiner vermisst euch!

Grafitti: Nie- Nie- Nieder mit der Jagd!

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Grafitti: Freiheit für alle – sonst gibt’s Krawalle!

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Grafitti: Die Grenze verläuft zwischen oben und unten

Grafitti: Nein, die Grenze verläuft zwischen mir und dir

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Lina E.: Leipzig verbietet Soli-Demo am Samstag - Ausschreitungen befürchtet - DER SPIEGEL
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Grafitti: Wer heute noch lacht – wird morgen überwacht!

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Demo-Zug mit Transparenten in Augsburg: Unzufriedene und enttäuschte Bürger - Augsburg
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Grafitti: Bullen raus aus Kreuzberg

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Gegen-Demo zum Tag der Deutschen Einheit in Hamburg droht zu kippen

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Umweltbewegung in Halle: Was "Fridays For Future" von der DDR-Opposition mitnehmen kann | MDR.DE
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Helft uns aus dem Dreck“ - Ahrtal-Flutopfer-Demo in Mainz
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Dachau: 250 Demonstrierende begehen den ersten Christopher Street Day - Dachau - SZ.de
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Grafitti: Für ein selbstbestimmtes Leben: Den Herrschenden den Laufpass geben!
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Bilder - Rückblick auf die unbewilligte 1.-Mai-Demo im vergangenen Jahr
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Aufmarsch fürs Impfen: Demo gegen Querdenker in Hamburg - taz.de
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Grafitti: Jürgen du alte Sau
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Demo in Bönningstedt: Bürger wehren sich gegen Pläne für Polizei | SHZ
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Grafitti: Uta du Votze

Grafitti: Vulva!

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Grafitti: Make Love Not CO2

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Transparent zur Grünen Woche: Die Gefühle der Kühe achten!

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Grafitti: Bullen verpisst euch – keiner vermisst euch

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Grafitti: Power to the Bauer

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Grafitti: Die AfD ist dialektisch aus der CDU-Allianz für Deutschland (AfD) hervorgegangen

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Grafitti: Die Welt ist alles was der Fall ist

Grafitti: Idiot

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Beliebtestes Bremer Grafitti: Ficken auf Sylt! Sylt Ja! Revolution auf Sylt“

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Schlachterwerbung N.Y.: „Send a Salami to Your Boy in the Army!

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Russische Pussy Riot

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Ukrainische Femen

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Grafitti: Antifa macht Kinder froh und Erwachsene ebenso

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Grafitti: Alles Fotzen außer Mutti

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Grafitti: Freibier für alle!

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Offener Brief an Bundeskanzler Scholz von der Schriftstellerin Iris Hanika:

Es gibt einen offenen Brief an den Bundeskanzler mit der Aufforderung, nun bitte endlich die Waffen zu liefern, die die Ukraine braucht, um siegreich aus diesem Krieg hervorzugehen, und siegen muß sie, sonst sind wir alle verloren.

Bitte unterzeichnen! Und weiterverbreiten.

https://protect-europe.eu/

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Klimaprotest: Entfremdung über den Krieg in Israel und Gaza? | BR24
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Grafitti: Free Gaza
Grafitti: From Hamas

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Israel-Gaza war is having a chilling effect on academic freedom – podcast
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Israel faces protests and continued unease over its brutal assault on Palestinians in Gaza | Morning Star
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Grafitti: Immer positiv Denken!
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Graffiti am Berliner Hauptbahnhof: ALLES BANANE
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Wenn es stimmt, dass die Wende 89/90 der Anfang vom Ende war, dann gilt die Endzeit nunmehr global, jedenfalls wenn man den vielen Schriftstellern und Wissenschaftlern glauben darf, die sich mit der „Apokalypse“ beschäftigen. Ihre Bücher haben jetzt Soziologen und Kriminologen ausführlich in der Zeitschrift „Soziopolis“ gewürdigt. Die Texte finden sich im Internet, ein Text über Guillaume Paolis Buch „Geist und Müll“ wurde vom Direktor des Frankfurter Instituts für Sozialforschung Stephan Lessenich überraschend lässig veröffentlicht.
Die Zeitschrift „Soziopolis“ ist noch überraschender selbst in die Endzeit gefallen insofern sie zum Hamburger Institut für Sozialforschung des Milliardenerben Jan Philipp Reemtsma gehört, das dieser demnächst liquidieren will, wahrscheinlich samt Verlag „Hamburger Edition“ und seiner zweiten Zeitschrift „Mittelweg 36“, um die es allerdings nicht schade ist.
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https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2024/01/15/was-die-ausserparlamentarische-opposition-heute-anzubieten-hat/feed/ 0
Ein Algorithmus, bei dem jeder mit muß https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2023/12/15/ein-algorithmus-bei-dem-jeder-mit-muss/ https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/2023/12/15/ein-algorithmus-bei-dem-jeder-mit-muss/#respond Thu, 14 Dec 2023 22:29:46 +0000 https://blogs.taz.de/hausmeisterblog/?p=14065 Vortrag gehalten in der Neuköllner Kneipe  „Laidak“ und veröffentlicht in der Zeitschrift „Abwärts“:

„‘Heimat, Hightech, Highspeed’ – dafür arbeiten wir,“ sagte der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, während der bayrische CSU-Ministerpräsident, „Hightech und Heimat“ seien in seinem Bundesland bereits „vereint“. Gelegentlich heiße es auch noch „Laptop und Lederhose, „Rosenkranz und Raumfahrt“, „Leberkäs und Laser“, „Gigabit und Gamsbart“, „WLAN und Weißbier“, „KI und Knödel“, ergänzte der Herausgeber des bayrischen „Unternehmer-Magazins“. Die rotgrüne Bundesregierung entschied sich unterdes für den Satz: „Das Leitbild der KI-Strategie ist ein europäisches KI-Ökosystem für Innovationen“.

Gegen die „KI-Strategien“ von Hollywood wehrten sich kürzlich die amerikanischen Drehbuchautoren und Schauspieler. Ihre Autoren-Gewerkschaft WGA streikte ab Mai, im September schloss sich ihr SAG-AFTRA an, Hollywoods größte Gewerkschaft, die 160.000 Schauspielerinnen und Schauspieler vertritt.

Es geht ihnen vor allem um die Zusicherung, dass man sie nicht durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzt: „Es darf nichts produziert werden, das nicht von Menschen geschrieben ist,“ lautet die Forderung der WGA. Die SAG-AFTRA-Vize-Präsidentin erklärte: „Wir kämpfen gegen das Vordringen künstlicher Intelligenz und dafür, dass wir zustimmen müssen und bezahlt werden, wenn sie Scans verwenden, die sie von uns sehr bald machen könnten.“

Sie machen es bereits. Das Internet und das so genannte soziale Medium Facebook z.B. ist bereits voll davon. Anfänglich bestand diese „Plattform“ aus Eintragungen, theoretisch aus aller Welt, die aus parteipolitischen, linken und reaktionären Meinungen, Ideen, Kommentaren, Demo-Berichten, Witzen, Sprüche, Comics, Selfies, Aufrufen, Artikel, Tier-, Pflanzen-, Urlaubs- und Essens-Fotos bestanden. Dazwischen kamen dann immer mehr Werbeanzeigen (von sogenannten „Sponsoren“).

Aber nun überwiegen Manga-Bilder von jungen Mädchen mit riesigen Brüsten in 2D, 3D und KI-generiert, sowie BMW-, Mercedes-, Lamborghini-, Motorrad- und Traktor-Models mit riesigen Brüsten, Serien mit dicken Frauen, die große Brüste und riesige Hintern haben, Serien mit dünnen Bikini-Frauen, Serien mit halbnackten Hollywood-Stars und Sternchen, Serien mit Pin-Up-Girls und Serien mit Retrogirls in Schwarz-Weiß. Jeder dritte Eintrag besteht aus Serien von jungen Frauen, die meist künstlich vergrößerte Brüste und Lippen haben.

Darüberhinaus gibt es auf jeder Facebook–Seite zwei weitere Serien mit zahllosen „Reels“ – kurze Filmchen, die noch einmal die gleiche Mädchen/Frauen-Parade zeigen. Immer mehr zeigen auch kurz ihre Möse oder ziehen ihren Schlüpfer aus und machen ein Selfie von ihrer Vulva. Vorbilder für diese „Pussy-Flashs“ sind Celebrities wie Paris Hilton, aber frühzeitig haben auch schon einige Künstlerinnen demonstrativ ihr (damals noch unrasiertes) Geschlechtsteil „veröffentlicht“ (siehe unten). Ab und an führt auch einmal ein Mann in den Reels alberne technische Tricks oder ein neues Werkzeug vor. Oder die Parade posierender Frauen wird von Tier-Videos unterbrochen, auf denen es meist darum geht, dass Krokodile oder Raubtiere irgendein anderes Tier zerfleischen oder große Schlangen ein Säugetier erwürgen. Süße Katzen gibt es dazwischen  natürlich auch. Die Mehrzahl der Reels zeigt jedoch Frauen, die ihre Lippen und Brüste vergrößern ließen. Nicht wenige lassen sich dabei filmen, wie sie sich in ihren Smartphones für ein „Selfie“ spiegeln. Es sieht aus wie eine solipsistische face-to-face Kommunikation als Teil einer Auftrittsschulung für eine Gesellschaft, die laut Harun Farocki „vollständig auf ihr Abbild hin organisiert ist“. Diese meist „plastisch“ Verschönerten sind „neuzeitliche Monaden“, die „auf sich selbst mit den Blicken der anderen sehen“, sich also „als Gesehene sehen“, meint Jürgen Manthey (in: „Wenn Blicke zeugen könnten“ 1983). Alle ihre Erfahrungen sind aufs Auge angewiesen, auf das unausgesetzte Kreuzfeuer der Blicke, welche die Selbstüberwachung/Selbstkontrolle voraussetzt. Diese Frauen haben sich der „Okulartyrannis“ unterworfen und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Der Philosoph Wolfgang Kaempfer fügt dem hinzu (in: „Der stehende Sturm“ 2005): „Der Gipfel der gesellschaftlichen Karriere würde sich demnach erst erreichen lassen, wenn es gelungen sein sollte, von niemandem mehr übersehen zu werden“. Ihre Entwicklung dahin läßt sich anhand der „Clicks“ und „Followers“ in Zahlen ablesen, aber auch an den Kosten (Investitionen). „Survival of the Biggest“ oder „To Big to Fail“.

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Valie Export: Aktionshose Genitalpanik 1969

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Marina Abramović: Performing Valie Export

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Deborah de Robertis im Museé d’Orsay 2014 vor dem Gemälde von Gustave Courbet „Der Ursprung der Welt“ (1866):

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Annie Sprinkle zeigt Männer mittels eines Spekulums ihre Möse.

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Mit Revolax aufgespritzte Lippen kosten zwischen 120 („Normale Technik“) und 200 Euro („Russian Lips“ oder „Davinci Lips“). Vergrößerte Grüste mit dem für die Weltraumforschung entwickelten Silikon kosten hierzulande zwischen 6.000 und 10.000 Euro, in der Türkei zwischen 2.500 bis 3.500 Euro, in Tschechien halb so viel. Hinzu kommen oft noch „tattooes“ und künstliche Fingernägel. Die 28jährige Moderatorin Sophie Passmann ließ sich erst tätowieren, dann die Augenringe mit Hyaluron unterspritzen und anschließend die Lippen aufspritzen sowie einige Fettpolster absaugen. In ihrem Buch „Pick me Girls“ (2023) schreibt sie: „Ich habe viel Geld dafür ausgegeben, so auszusehen, wie ich heute aussehe, und ich wäre heute nicht so zufrieden, wie ich es bin, wenn ich es nicht getan hätte.“ Sie führt ein medienbestimmtes, quasi amerikanisches Frauenleben und klärt ihre Mitmillenials auf Instagram über Mode auf. In der „Zeit“ schrieb sie, dass ihre Schönheitseingriffe nicht ganz freiwillig geschehen seien, aber die Männerherrschaft mitsamt ihrer Einteilung von Frauen in attraktive und weniger attraktive Exemplare habe ihr keine andere Wahl gelassen: „Der männliche Blick ist die höchste Währung.“

„Durch TikTok und Instagram wird der optimierte Körper zur neuen Normalität. Und die Kundschaft wird immer jünger,“ schreibt der Spiegel unter der Überschrift „Eine neue Lippe ist wie ein neues Leben“. Die „Kundschaft“ wird nicht nur immer jünger, sondern auch immer nicht-menschlicher: In einem anderen Artikel berichtet der Spiegel über den traditionellen Schönheitswettbewerb für Kamele in Saudi-Arabien, wo 43 Tiere 2021 disqualifiziert wurden, „weil man bei ihnen mit Botox nachgeholfen hatte“.

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Bei der Bilderschwemme auf Facebook und anderswo, z.B. auf TikTok, scheint es genaugenommen um einen imperialen Wettbewerb zwischen Asien und Amerika zu gehen: Welches System hat die schärfsten jungen Frauen: Einerseits die immer realistischer und pornographischer präsentierten Manga- bzw. Hentai- (Porno)–Mädchen aus Japan, Korea, Singapur, Thailand oder Vietnam, die getoppt werden von ganz realen Mangamädchen aus China, die durch die modernen Einkaufszonen dort wie auf einem Catwalk spazieren.

Und andererseits amerikanische junge Frauen, die meisten blond, mit ebenfalls künstlich vergrößerten Lippen und Brüsten. Eigentlich ist damit fast der ganze Facebook-“Content“ zum Systemwettbewerb von Schönheitschirurgen geworden, wobei die chirurgisch verschönten jungen Frauen und die KI-generierten ununterscheidbar geworden sind.

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Wenn der Dirigent Barenboim in Anlehnung an Goethe ein „West-Eastern Divan Orchestra“ gründete – für ein anspruchsvolles Kulturpublikum aus der oberen Mittelschicht, dann deuten die oben erwähnten Mädchen-Paraden auf einen West-Östlichen OP-Tisch für das Prekariat hin, wobei mit der Künstlichen Intelligenz die Style-Leader oder Role-Models zunehmend gefakt werden. „Das Kino ist die Couch der Armen,“ meinte Roland Barthes. Auf der Leinwand oder dem Bildschirm treten ihre Vorbilder in Erscheinung. Auf Facebook kann man sich (von TikTok) neuerdings auch selbst „tolle asiatische Mädchen“ per Mausclick basteln – aus den drei Teilen Gesicht, Körper und Beine, sowie auch Mangamädchen als Wackelfiguren fürs Armaturenbrett seines Autos bestellen.

Als die Computerisierung um sich griff, zersetzte sie das Soziale. Aber vielleicht läßt es sich mit den neuen Sozialen Medien im Internet retten, hofften anfangs die jungen Netz-Werker des „Chaos-Computer-Clubs“ und Internet-Theoretiker wie Geert Lovink. Inzwischen ist es still geworden um diese „Digitale Bohème“. Lovink sieht bereit das Internet als Ganzes vor dem Aus: „Internetdämmerung“ nennt er das in der Zeitschrift „Lettre“ (1/2023), aber so ganz möchte er doch nicht auf den Boden der Tatsachen diesseits der Medien zurückkehren, denn er fragt sich: „Wie kann man ein Leben ohne Plattformen führen und dennoch die Vorteile sozialer Netzwerke genießen?“

1996 schwärmte er noch wie das „manager-magazin“ vom neuen elektronisch vernetzten Zeitalter – ähnlich wie  sein Vorreiter Don Tapscott und dessen Bestseller „Die digitale Revolution“. Die neuen Medien, prophezeite Tapscott, werden eine völlig neue Ökonomie hervorbringen, die die alten Wertschöpfungsketten durch -netze ersetzt und eine neue Unmittelbarkeit erlauben. Zudem werden in den Unternehmen Kommandohierarchien obsolet, wobei „zunehmend Kapital durch Geist geschaffen wird“ – Kreativität, die nicht mehr von oben „beaufsichtigt und befohlen“ wird. „In der modernen Wissensökonomie sind Lernen und Arbeiten hundertprozentig identische Aktivitäten“, deswegen werden die neuen „Unternehmen die zukünftigen Universitäten sein“. Der Vorsitzende der wirtschaftsstrategischen Denkfabrik „nGenera Insight“ Tapscott erwähnt als Beispiel die Privathochschule von McDonalds, in der 2006 „eine Million Menschen lernten“, er nennt sie die „Net-Generation“.

Diese wird auch „Generation X“, „Y“ oder „Z“ genannt, ihre linken Vordenker sind zwar inzwischen von der Internet-Entwicklung enttäuscht, weil das Kapital „das Soziale“ in den sozialen Medien „letztlich zur Kapitulation zwingt“, wie Lovink (geb. 1959) schreibt, aber die sozialen Medien werden desungeachtet wohl als „Asoziale Medien“ weiter existieren: 1. für legale und illegale Geschäfte – Plusmachereien, und 2. für immer weitergehende Pornographisierungen, die sowieso neben dem „Gaming“ (den Internet-Spielen) die meisten der über 5 Milliarden Internetnutzer interessieren.

Die KI-Technik macht es bereits möglich, dass es z.B. hunderte von völlig realistischen Pornos mit Scarlett Johansson und anderen bekannten Schauspielerinnen bzw. „Celebrities“ gibt. Man braucht dazu bloß Bilder von diesen Stars. Je prominenter jemand ist, desto mehr wird er abfotografiert und desto mehr und bessere Scans lassen sich von ihm/ihr machen. Man kann den Promis nur raten, sich das Copyright auf ihre Erscheinung und ihre Stimme zu sichern, damit sie an den auch „Deepfake“ genannten KI-Pornos und Bildern von ihnen wenigstens noch etwas verdienen. Aber ob Fake oder Echt – sie bleiben attraktiv und taugen zur Nachahmung (für die Massen). Nicht zufällig werden in dem zwischen Asien und Amerika sich identitär auspendelnden Südkorea weltweit die meisten Schönheitsoperationen durchgeführt. Daneben investiert Südkorea enorme Summen in das aus der Pandemienot hervorgegangene Regierungsprogramm „Untact“, um so viele „zwischenmenschliche Interaktionen wie möglich aus der Gesellschaft zu entfernen“, d.h. in virtuelle zu überführen. Geplant ist außerdem laut Gauillaume Paoli (in: „Geist und Müll“ 2023) eine „große digitale Behandlungsplattform. Allein lebende Personen werden mit KI-Helfern und virtuellen Psychotherapeuten interagieren können, die realen Menschen verblüffend ähnlich sind“.

Scarlett Johansson ist nur eine von vielen tausend Frauen und Stars, die Protagonisten von Sexvideos sind, die von künstlicher Intelligenz generiert wurden. Die „Washington Post“ berichtet, dass ein „Deepfake“-Video, in dem Johanssons zu sehen ist, allein auf einer Pornoseite über 1,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. „KI ist für Frauen ein Alptraum“, titelte die Zeitung.

„Tatsache ist, dass der Versuch, sich vor dem Internet und seiner Verderbtheit zu schützen, im Grunde ein hoffnungsloser Fall ist. Das Internet ist ein riesiges Wurmloch der Finsternis,“ meint Scarlett Johansson. Zumal die rechtlichen Möglichkeiten, gegen „Deepfake-Pornographie“ vorzugehen, sehr begrenzt seien, und die KI-Bilderflut quasi stündlich steige:

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Mit KI erweitern sich die Anwendungsmöglichkeiten des Internets aber auch in anderer Hinsicht erheblich. Die Journalistin Xiaowei Wang schreibt in ihrem Bericht „Blockchain Hühnerfarm“ (2023) über den Einsatz von KI-Überwachungstechnik im ländlichen Chinas: „In den USA und in China ist die Verlockung durch KI schon allerorten mit Händen zu greifen“. Die USA haben deswegen jüngst den Chipexport nach China beschränkt. Die US-Regierung will damit das chinesische Entwicklungstempo bei der KI bremsen. Meint der Amsterdamer Internetprofessor Geert Loving wegen dieser Systemkonkurrenz, dass wir nun „zu den militärischen Ursprüngen der Kybernetik und des Internets zurückkehren“?

Jen-Hsun Huang ist der chinesisch-amerikanische Gründer und Chef des kalifornischen Chipkonzerns Nvidia, der seit kurzem zu den sechs wertvollsten Unternehmen der Welt zählt. „NVIDIA erfindet den Grafikprozessor und fördert Fortschritte in den Bereichen KI, Gaming, autonome Fahrzeuge und Robotik,“ heißt es auf seiner Internetseite. Der Konzern entwickelte auch jene Chips, die KI-Modelle wie ChatGPT antreiben. „Bei der künstlichen Intelligenz handelt es sich um das größte Instrument zur Datenverarbeitung, das die Welt je gesehen hat. Die Chance, aus KI etwas wirklich Wertvolles rauszuholen, ist enorm,“ sagte Huang dem Spiegel, der ihn fragte, ob der Erfolg seiner Firma vielleicht nur ein kurzlebiger sein könnte. „Im Gegenteil,“ antwortete er. „Tatsächlich beginnt ein neues Computerzeitalter. Das ist der wichtigste Punkt der künstlichen Intelligenz: Man kann jetzt einen Computer bitten, einen Computer zu programmieren. Und das geht auch noch super einfach. Nun können nicht nur Spezialisten, sondern Lehrer, Künstler, Buchhalter ein Programm schreiben. Alle können künftig mit KI ihre Arbeit verbessern und produktiver werden. Einer unserer neuen H100-Computerchips kann Hunderte von herkömmlichen Prozessoren ersetzen. Die Energieeffizienz lässt sich damit enorm steigern. Weltweit gibt es Rechenzentren im Wert von etwa einer Billion Dollar – und die müssen nun alle beschleunigt werden. Gleichermaßen steigt mit KI die Effizienz von Software. Deshalb wird früher oder später jeder Computerchip ausgewechselt werden, jede Software mit KI ausgerüstet. All das wird unser Wachstum mindestens eine Dekade lang treiben.“

Mit KI wird die vierte Industrielle Revolution eingeleitet, die viele Berufsgruppen arbeitslos machen wird. Der Spiegel zitierte im August 2023 eine Analyse des Beratungsunternehmens McKinsey zum US-Arbeitsmarkt, danach „könnten fast sechs Millionen Jobs durch KI vernichtet werden, vor allem solche von Frauen“.

Wie sahen die Anfänge dieser Entwicklung aus? Der Krieg ist der Vater aller Dinge, sagt man. So gäbe es z.B. die ganze Rockmusik nicht ohne die dafür „entwendete Heerestechnik“, wie der Medienforscher Friedrich Kittler meinte. Und Computer und Gentechnik gäbe es nicht ohne die Waffenlenkforschung im Zweiten Weltkrieg – u.a. in Peenemünde. Dort war Helmut Gröttrup Chefingenieur für die Funksteuerung der Raketen.

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Gleich nach dem Krieg bemächtigten sich die Amerikaner der ersten Riege der Peenemünder – 120 Techniker insgesamt (u.a. den Leiter General Walter Dornberger, die SS-Offiziere Wernher von Braun und Arthur Rudolph). Letzterer entwickelte dann die Pershing-Rakete und die Saturn-V-Mondrakete. Alle drei waren Kriegverbrecher, Rudolph mußte erst 1991 entehrt die USA verlassen. Dornberger war an der Entwicklung eines Vorläufers des Space-Shuttle beteiligt, Nach 1965 ging er als Rentner zurück nach Deutschland, wo man eine Patriot-Flugabwehrraketen-Stellung bei seinem Geburtsort Gießen nach ihm benannte.

Laut Kittler kombinierten sie zusammen mit den US-Ingenieuren die beiden wichtigsten technologischen Kriegsinnovationen, nämlich die amerikanische Atombombe mit der Peenemünder Rakete und „konstruierten durch die Kombination dieser beiden Ungeheuer, wie Robert Jungk das genannt hat, diese unschlagbare und wirklich strategisch bestimmende Waffe des gesamten Nachkriegs und der gesamten Pax Americana“.

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Deutscher Raketentest (Tegel)

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V2-Rakete von DDR-Antifaschistin geritten.

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Der erste Raketenflieger Juri Gagarin.

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Kosmonauten vor dem Start

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Die Sowjets schossen als erstes eine Hund, Laika, ins All.

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Nach dem „Sputnikschock“ ersetzten die Amerikaner ihre ins All geschossenen zwei Schimpansen sschnell durch „Astronauten“, die an Bord die selben Experimente wie die Affen durchzuführen hatten:

Diese 7 wurden „Die Helden der Nation“, wie anschließend ein Roman von Tom Wolfe über sie hieß.

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DDR-Raketenflieger Sigmund Jähn.

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Russische Raketenreiterin.

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Amerikanische Raketenreiterin.

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Raketenreiterin eines japanischen Mangazeichners.

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Deutsche und amerikanische Raketeningenieure, allesamt Verbrecher. Zweiter von Rechts: Wernher von Braun, nach dem dann ein bayrisches Gymnasium benannt wurde, das als das beste der BRD gilt, weil es über 50% der Schüler vor dem Abitur aussiebt.

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Kein „Held der Nation“ sondern ein reaktionärer Idiot

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Miss Atomtest schneidet die Atompilztorte mit an.

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Kinderwagen in Form der ersten Atombombe „Little Boy“

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Die zweite Riege der Peenemünder, Helmut Gröttrup und rund 600 seiner Mitarbeiter, griffen sich die Sowjets. Das war ein glücklicher Zugriff. Die Amerikaner wußten nicht, dass im deutschen Ingenieurwesen die zweite Riege stets besser als die erste ist, weil diese vor allem mit Budget-, Verwaltungsaufgaben und Politikerpflege befaßt ist, während die zweite die eigentliche Forschung macht (wie auch heute noch an den Unis). Deswegen waren die Sowjets 1957 die ersten bei der sogenannten Eroberung des Weltraums – erst mit Hunden und dann 1961 mit dem Kosmonauten Gagarin. Die Gruppe um Gröttrup wurde von ihnen 1945 zunächst in einem „Institut Rabe“ bei Bleicherode konzentriert und dann in der Mehrzahl an einem Standort auf der russischen Insel Gorodomlia im Seeliger See.

Die dritte Riege griffen sich die Franzosen. Eine weitere Gruppe arbeitete im Auftrag des ägyptischen Präsidenten Nasser an einer Rakete gegen Israel. Sie wurde teilweise vom israelischen Geheimdienst mit Paketbomben dezimiert. Einige Mitarbeiter fanden in den siebziger Jahren in der Abschreibungsfirma von Lutz Kayser, OTRAG (Orbit-Transport-Aktiengesellschaft) eine neue Anstellung. Aufsichtsratsvorsitzender dieses Konsortiums für den Bau von „Billigraketen“ war der Peenemünder Kurt Debus, sein alter Raketentechniker Richard F. Gomperts wurde Konstruktionschef. Als Versuchsfeld hatte die OTRAG ein Gelände in Zaire von der Größe Österreichs erworben, für das sie mit dem Staatspräsidenten Mobutu ausserdem eine „freie Uranausbeutung“, „gesperrten Luftraum“ und die „Durchführung beliebiger Arbeiten“ aushandelten.

Gestützt auf Geheimdiensterkenntnisse outete 1976 ein Mitarbeiter der New York Times, Szule, die Firma von Lutz Kayser als „ein Unternehmen der Rüstungskonzerne Messerschmitt, Bölkow, Blohm“ (das dann zusammen mit der Dornier GmbH als Deutsche Aerospace AG, DASA, firmierte und zur Daimler-Benz AG gehörte). Die OTRAG-Experimente beendete der Bürgerkrieg in Zaire.

Die DASA gründete 1990 eine „Deutsche Agentur für Raumfahrt-Angelegenheiten“, die DARA GmbH, in deren „Sonderauftrag“ der Dornier-Wissenschaftler Dr. Dieter Genthe 1991 eine Studie „Zur Realisierbarkeit eines Raumfahrtparks/ Space Parks in der BRD“ erstellte. Diese Studie wurde dann Grundlage für eine „Betriebsgesellschaft Raumfahrtpark Peenemünde“, die der Landkreis Ostvorpommern, die Kommune Peenemünde und die Kreissparkasse Wolgast 1994 gründeten.

Die Historikerin Regina Scheer, die im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung die Gedenkstätten Mecklenburg-Vorpommerns katalogisiert und dabei auch Peenemünde besucht hatte, erfuhr dort zu ihrem Schrecken, dass inmitten der „Waffenverherrlichung“ eine neue Gedenkstätte „für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“ geplant war, wobei man an erster Stelle auch noch der „Opfer der Vertriebenen aus Pommern“ zu gedenken beabsichtigte. Regina Scheer wandte sich daraufhin an die jüdische Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern und diese informierte das Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles, wo ein Rabbiner, Abraham Cooper, sogleich die Bundes- und Landesregierung sowie deutsche Firmen aufforderte, „kein Geld für ein Museum zu spenden, das eine Terrorwaffe in den Mittelpunkt stellt, die einst mehr als 2000 Briten und zehnmal mehr Zwangsarbeiter in Deutschland tötete“.

Das Dara-Konzept wurde stattdessen 2004 mit 600 Millionen Euro als „Space Park“ in Bremen realisiert – ging aber nach kurzer Zeit pleite. Das etwas demilitarisierte, d.h. von DDR-Kriegstechnik gesäuberte „Historisch-technische Museum Peenemünde“ gilt dagegen seit einiger Zeit als die beliebteste deutsche Freizeit- und Urlaubs-Ausflugsstätte, ihr erster Direktor wurde ein westdeutscher Wehrdienstverweigerer.

Während Gröttrups Truppe auf Gorodomlia enthusiastisch an einer sowjetischen Rakete arbeitete, führte seine Frau Irmgard ein Tagebuch, das sie nach der Repatriierung ihrer Familie in Westdeutschland veröffentlichte – unter dem Titel „Die Besessenen im Schatten der roten Rakete“. Im Anhang finden sich „Tarif- und Arbeitsverträge“, die ihr Mann für seine deutschen Mitarbeiter entwarf. Als ihre Familie 1953 wieder in der BRD eintraf – und von der CIA verhört wurde, wobei man ihrem Mann einen lukrativen Job in den USA anbot, war sie es, die entschied: „Wir bleiben hier!“ Daraufhin mußten sie die Villa, die man ihnen in Köln zur Verfügung gestellt hatte, räumen. Auf Gorodomlia hatte Irmgard Gröttrup irgendwann angefangen, einen Raben zu zähmen. Diesen nahm sie mit nach Deutschland, wo sie zunächst im Ostberliner Hotel Adlon unterkamen. Wegen des Rabens, der alles vollschiß, mußten sie jedoch das Hotel wieder verlassen – und zogen vorübergehend nach Westberlin.

Helmut Gröttrup wurde wenig später von Siemens eingestellt – und dort schließlich Leiter einer Abteilung von zuletzt 400 Mitarbeitern, die sich mit elektronischen Rechenmaschinen beschäftigte. U.a. kreierte er dabei das Wort „Informatik“. Seine Computerbegeisterung ging so weit, dass er in einem Vortrag vor Hamburger Geschäftsleuten meinte: Die unternehmerische Freiheit sei ein bloßer Irrtum, der auf Informationsmangel beruhe (schon der Philosoph Marquis de Condorcet hatte im Überschwang der Französischen Revolution geglaubt, dass die Geschichte sich vorausberechnen lassen werde).

In China soll ein Konzern bereits von einem Androiden mit KI geleitet werden. In seinem Buch „Geist und Müll“ (2023) benennt der Philosoph Guillaume Paoli als „Vorteile“, die der virtuelle CEO gegenüber einem realen hat: „Er arbeitet rund um die Uhr, verdient kein Spitzengehalt und hat keinerlei Gefühle“

1969 ließ Helmut Gröttrup zusammen mit seinem Mitarbeiter Jürgen Dethloff einen „Identifikanden mit integrierter Schaltung“ patentieren, aus der dann erst die Chipkarte und schließlich die Mikroprozessorkarte entstand, mit der wir alle heute an den Bankautomaten zu unserem Geld kommen. Auch an der Entwicklung dieser Technik war Gröttrup maßgeblich beteiligt, nachdem die Firma Siemens ihm wegen Verdachts auf Spionage für die Sowjetunion entlassen hatte. Er starb 1981 an Krebs.

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Foto: Guillaume Paoli

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Wie fing das alles an? „Wenn Gott rechnet und sein Denken wirksam werden läßt, entsteht die Welt,“ schrieb Gottfried Wilhelm Leibniz 1687. Da haben wir schon den ersten Rechner. Die Maschinisierung von Kopfarbeit geschah 250 Jahre später: 1937 konstruierte Konrad Zuse in einer Kreuzberger Hinterhofwerkstatt „den ersten Vorläufer des heutigen Rechners, mit einem binären Zahlensystem und Programmen aus Lochstreifen, die Z1“, woran der Philosoph Thomas Fuchs in seiner Computerkritik „Verteidigung des Menschen“ (2020) erinnerte. Während des Krieges finanzierte die Rüstungsindustrie Zuses Computer.

Danach gründete er, der seinen Rechner „Z4“ mit auf die Flucht nach Westen genommen hatte, eine Firma für Rechenmaschinen und schrieb 1967 das Buch: „Rechnender Raum“ (1967), ein „Grundstein der digitalen Physik“. Schließlich zog er mit seiner Familie aufs Land zog und fing an, „im expressionistischen Stil“ zu malen. 1995 ernannte ihn der „Chaos-Computer-Club“ zum Ehrenmitglied, im selben Jahr starb er.

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Konrad Zuse schenkt Bill Gates ein Bild.

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Währenddessen hatte gleich nach dem Krieg die Weiterentwicklung von Rechenmaschinen in den USA stattgefunden. Kybernetik nun genannt, Steuerungskunst aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt: die „Basistheorie der künstlichen Intelligenz“. Mit der Kybernetik beginnt die Dritte Industrielle Revolution, digitale Revolution auch genannt. Danach kommt die Quanten-Revolution, wenn alles gut geht…

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In New York fanden zwischen 1946 und 1953 zehn so genannte „Macy-Konferenzen“ statt, auf denen sich die „technokratische Wissenschaftselite der USA“, darunter viele Emigranten aus Europa, traf. Diskussions-Grundlage waren die Erkenntnisse aus der Waffenlenkforschung, der Kryptologie, der Experimentalpsychologie und der Informations-Wissenschaft. Zu den Teilnehmern gehörten u.a. John von Neumann, Norbert Wiener, Claude Shannon, Gregory Bateson und Margret Mead. Als Konferenzsekretär fungierte zeitweilig Heinz von Foerster. Im Endeffekt entstand daraus die inzwischen nahezu weltweit durchgesetzte und empirisch fruchtbar gewordene Überzeugung, dass die Gesetze komplexer Systeme unabhängig von dem Stoff, aus dem sie gemacht sind – also auf Tiere, Computer und Volkswirtschaften gleichermaßen zutreffen. Für den französischen Genetiker und späteren Nobelpreisträgers Francois Jacob hieß das z.B.: „Heute interessiert sich die Biologie nicht mehr für das Leben, sondern für die Algorithmen der lebenden Welt“. Und wegen des Artensterbens ist der Erhalt der Diversität ein Problem geworden. Die ausgestiegene Biochemikerin Anne-Christine Schmidt gibt in ihrem Erfahrungsbericht „Alptraum Wissenschaft“ (2023) allerdings zu bedenken: „Die Neugründung von Forschungszentren zur Biodiversität hält die ungehindert forschreitende Zerstörung der Natur nicht auf. Denn in diesen Instituten hocken Heerscharen von WissenschaftlerInnen vor Bildschirmen und erstellen komplexe Datenbanken über die schrumpfende Artenvielfalt, aber nichts weiter“.

Es ging zunächst so weiter: 1956 fand in New Hampshire die „Dartmouth-Konferenz“ statt, wo unter der Leitung von John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester (von IBM) und Claude Shannon ein „Research Project on Artificial Intelligence“ (KI) stattfand.

Drei Jahre später wurde die erste Rakete, „Minuteman“, mit einem Computer ausgestattet. Die Chips dafür lieferten Texas Instruments und Fairchild. Die „Minuteman“ war die erste amerikanische Interkontinentalrakete: „Das Rückrat der US-Atomstreitkräfte,“ wie der „Spiegel“ schrieb. Die Chips befinden sich heute in jedem PC, Laptop, Handy etc. Thomas Fuchs erinnert daran, dass Tim Berners-Lee 1983 am Genfer CERN „mit Hilfe der Verknüpfung von Rechnern die Grundlagen des ‚World Wide Web‘,“ schuf, das Internet.

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Und nie zu jung!

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Als einer der ersten Gegner dieser bald immer mehr Wissensbereiche erfassenden Computerisierung war schon 1953 der Schriftsteller Kurt Vonnegut mit seinem Science-Fiction-Roman „Das höllische System“ aufgetreten, in dem er die Massenarbeitslosigkeit produzierenden Folgen des kybernetischen Denkens bei seiner umfassenden Anwendung beschrieb. Die Massen werden scheinbeschäftigt und sozial mehr schlecht als recht endversorgt, während eine kleine Elite mit hohem IQ, vor allem „Ingenieure und Manager“ (Problemlöser/Kreative), die Gesellschaft bzw. das, was davon noch übrig geblieben ist, weiter perfektioniert. Schon bald sind alle Sicherheitseinrichtungen und -gesetze gegen Sabotage und Terror gerichtet. Trotzdem organisieren sich die unzufriedenen Deklassierten im Untergrund, sie werden von immer mehr „Aussteigern“ (u.a. John von Neumann) unterstützt – und irgendwann schlagen sie los, d. h. sie sprengen alle möglichen Regierungsgebäude und Fabriken in die Luft. Ihr Aufstand scheitert jedoch. Nicht zuletzt deswegen, weil die Massen nur daran interessiert sind, wieder an „ihren“ geliebten Maschinen zu arbeiten. Und weil das Ziel ihrer Angriffe die „Zentralcomputer“ sind (so wie einst für die ludditischen „Maschinenstürmer“ die mechanischen Webstühle). Der „Zentralcomputer“ wurde dann von IBM entwickelt. Danach brachten Microsoft und Apple dezentrale Personalcomputer auf den Markt. Auch diese PCs ersetzten massenhaft Arbeitsplätze.

1973 veröffentlichte der US-Autor Thomas Pynchon einen großartigen Peenemünde-Roman: „Die Enden der Parabel“. 1984 schrieb er in der New York Times Book Review unter der Überschrift „Is it o.k. to be a Luddit?“: „Wir leben jetzt, so wird uns gesagt, im Computer-Zeitalter. Wie steht es um das Gespür der Ludditen? Werden Zentraleinheiten dieselbe feindliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie einst die Webmaschinen? Ich bezweifle es sehr…Aber wenn die Kurven der Erforschung und Entwicklung von künstlicher Intelligenz, Robotern und der Molekularbiologie konvergieren. Jungejunge! Es wird unglaublich und nicht vorherzusagen sein, und selbst die höchsten Tiere wird es, so wollen wir demütig hoffen, die Beine wegschlagen. Es ist bestimmt etwas, worauf sich alle guten Ludditen freuen dürfen, wenn Gott will, dass wir so lange leben sollten.“

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Frauen in Rüstungsindustrien

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„Ist KI die neue Atombombe“ fragte sich der Tagesspiegel im August 2023 in einem Artikel zum US-Film über den „Vater der Atombombe“ Robert Oppenheimer. Der Computer-Kulturtheoretiker Martin Burckhardt schrieb in der Zeitschrift „Lettre“ (1/2023): „Die Digitalisierung ist eine Form der symbolischen Kernspaltung. Das Internet entsteht im Schatten der Atombombe. Machine Learning und KI läuft auf eine Devalorisierung des Menschen hinaus. Auf eine psychische Kernspaltung“, was für ihn derzeit bereits in der „Identitätspolitik“ der „Generation X/ der Millenials“ geschieht.

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Frau in Rüstung (1)

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Aber noch ist die Implosion der Rechnersysteme, auf die sich alle guten Ludditen freuen dürfen, eine vage Hoffnung oder Sorge – je nachdem. Erst einmal leben immer mehr Menschen in einer Welt, in der maschinelles Lernen und bestimmte Formen künstlicher Intelligenz zunehmend ihren Alltag bestimmen. Die US-Chinesin Xiaowei Wang erwähnt „Empfehlungsalgorithmen, lustige Gesichtsfilter und Selfie-Apps wie Snapchat oder Meitu und Bilderkennung an der automatischen Kasse…Weil ‚Künstliche Intelligenz‘ ein vager Begriff ist, ist er auch ein beliebtes Schlagwort, um tiefsitzende Ängst vor einer ungewissen Zukunft zu schüren. Einige glühende Verfechter der KI orakeln, wir stünden ‚unmittelbar vor einer Revolution, die von der Künstlichen Intelligenz angestoßen wird‘.“

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Frau in Rüstung (2)

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Die Trierer China-Forscherin Kristin Shi-Kupfer hat für ihr Buch „Digital China“ (2023) untersucht, wie die 400 Millionen Nutzer der Online-Community „Zhihu“ (eine Wissens-Plattform, u.a. für Gutverdiener aus dem IT-Bereich) „Fragen von KI und Ethik diskutieren“. Das Ergebnis hat sie überrascht: Etwa 38,5 Prozent der Posts „sieht KI vor allem als Bedrohung. Die Gründe für diese kritische Haltung lassen sich überwiegend mit ‚Besorgnis für die Menschheit‘ überschreiben. Diese speisen sich aus auch im Westen bekannten Science-Fiction-Dystopien und thematisieren, dass IT-Technologie menschliche Beziehungen instrumentalisiere. In den Bereichen Bildung und Gesundheitswesen könnten Mitmenschlichkeit und Empathie verloren gehen, sollte Pflege und/oder Unterricht von KI-programmierten Robotern übernommen werden. Darüber hinaus schürt KI die auch bei uns weit verbreitete Sorge vor dem Verlust von Arbeitsplätzen – insbesondere für formal ungebildete bis wenig gebildete Menschen.“

Die US-Autorin und Programmierin Xiaowei Wang ist sich sicher: „KI wird Pausenbrote zubereiten und Pakete packen“. Der Schriftsteller Wladimir Kaminer besuchte kürzlich das Filmstudio Babelsberg und dort eine KI-Entwicklungsfirma. Anschließend schrieb er, dass die Überwachungstechnik KI eher für etwas anderes als für Pausenbrote und Pakete eingesetzt wird: „In meiner Kindheit in der Sowjetunion war viel von der Roboterisierung der Arbeitsprozesse die Rede, es ging in erster Linie darum, dass die Maschinen uns die schwere Arbeit abnehmen, Straßen fegen, Röhren legen und Brücken bauen. Sie sollten Post austragen und Brote backen, während wir von der lästigen Pflicht des Frühaufstehens und der körperlichen Anstrengung befreit uns dem Kaffeetrinken widmen und kreativen Tätigkeiten nachgehen. Genau das Gegenteil ist dabei herausgekommen: Die KI übernimmt die kreativen Berufe, sie möchte malen, dichten, Musik machen, Bücher schreiben und tanzen. Und wir sollen fegen und backen. Zurzeit hinkt es noch ein wenig bei der Stimmwiedergabe, erzählten mir die Babelsberger KI-Entwickler. Eine Stimme ist schwieriger zu berechnen als das Aussehen. Wenn jemand klar und deutlich wie ein Nachrichtensprecher spricht, dann ist es kein Problem so eine Stimme nachzumachen. Doch einen russischen Akzent kann die KI zum Beispiel noch nicht glaubwürdig imitieren.“

Dafür kann sie jedoch schon mal dazu beitragen, dass wir auf unseren Abbildern alle schöner aussehen: So lassen sich laut Wang z.B. mit der „Beauty-App von Meitu im Handumdrehen Selfies bearbeiten“, d.h. aus asiatischen Gesichtern dem modischen Ideal entsprechend „kaukasische Gesichtszüge“ (mit blasser Haut und großen runden Augen) herstellen. „Diese Schönheitsstandards, die durch die bequemen Gesichtsfilter der App im Nu zu haben sind, dominieren auch die Werbeplakate von Schönheitschirurgen, die heute überall in den chinesischen Städten zu sehen sind: brünette Frauen mit perlweißer Haut und der heißbegehrten schmalen Nase“ – sowie mit vergrößerten Brüsten:

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In China ebenso wie in den USA gibt es immer mehr Einkommensschwache, vor allem Frauen, die sich eigene Produkte ausdenken, um sie dann im Internet per Livestream anzubieten. Dazu heißt es bei Wang: „Menschen, die vom Livestreaming leben, stehen unter hohem Druck, ein bestimmtes Aussehen zu haben. Manche Livestream-Stars lassen mehrere plastische Operationen pro Jahr über sich ergehen, und viele aufstrebende Sternchen unterwerfen sich drastischen Maßnahmen, damit ihr Gesicht am Ende die hochbegehrte Form hat – übergroße Augen und ein spitzes Kinn.“

Kristin Shi-Kupfer erwähnt die 1985 geborene „Königin des Livestreaming“ Viya (Weiya Huang), die sie als „eine der Meisterschülerinnen des entfesselten Kommerzes des Kommunistischen Partei“ bezeichnet. „Viya war einer der größten Stars des Livestreaming-Kanals von Taobao, Chinas erste und größte E-Commerce-Plattform“. Schon bald besaß sie 18 Firmen unter ihrem Namen. Sie bietet alles an, was ihre Fans möglicherweise brauchen: „Türklingel, Teppiche, Zahnbürsten, Möbel, Matratzen“ usw..“ Im April 2020 verkaufte sie einen Raketenstart für rund 5,69 Millionen Euro“.

Neben künstlich vergrößerten Lippen und Brüsten ist neuerdings auch noch ein vergrößerter Hintern in Mode gekommen. Für Manga, Hentai und KI kein Problem. Im wirklichen Leben widmet sich aber auch die Kosmetikindustrie und die plastische Chirurgie den Hintern: Auf der Internetseite des US-Lifestyle-Magazins für „junge Leute“ „refinery29.com“ schreibt Zoe Huxford: 2014 erklärte die Vogue pralle Hintern in einem Artikel für „offiziell allgegenwärtig“ und die „Ära des Big Booty“ damit für eingeläutet. In dem Jahr hatte der „Reality-Star Kim Kardashian das Internet fast zum Erliegen gebracht, als sie das Cover des Paper Magazine zierte. Auf dem Titelbild war eine geplatzte Champagnerflasche zu sehen, die sich in ein Glas ergoss, das auf ihrem berühmten Hintern stand. In der Folge stürzten sich Frauen aus aller Welt auf den Operationstisch, um sich einem Brazilian Butt Lifting zu unterziehen. Ein BBL ist ein chirurgischer Eingriff zur Vergrößerung des Gesäßes. Dabei entnehmen die Chirurgen Fett aus anderen Körperregionen wie dem Bauch, den Hüften oder den Oberschenkeln der Frau. Anschließend wird das Fett auf den Po übertragen, um einen größeren, wohlgeformteren Po zu erhalten.“

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Für eine Povergrößerung mit Eigenfett oder durch Einspritzen von Hyaluronsäure zahlt man laut „Focus“ bis zu 7000 Euro. Er wird damit u.U. zu ihrem „Allerwertesten“.

Die Neue Zürcher Zeitung titelte: „Ein Herz für den Hintern: Warum Frauen ein grosses Gesäss anstreben. Der neue Fetisch von Frauen ist der dicke Hintern. Die plastische Chirurgie hilft nach.“ Anderswo erfährt man: „Das angesagteste Fitnessstudio in Los Angeles ist derzeit Bünda: Portugiesisch-brasilianischer Slang für Hintern, die „Heimat des besseren Hinterns“ – ein Fitnessstudio, das sich ganz der Arbeit am Hintern widmet.“

Auf „mic.com“ heißt es: „Während Fettabsaugungen, Gesichtsstraffungen und Brustimplantate in den letzten 30 Jahren einen enormen Aufschwung erlebt haben, wird der Po immer mehr zur neuen ‚Problemzone‘, die es zu beheben gilt. Einem Bericht der Amerikanischen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie zufolge wurden allein 2013 in den USA mehr als 11 000 Operationen zur Gesäßvergrößerung durchgeführt, 58 % mehr als 2012. Laut einem Bericht der International Society of Aesthetic Plastic Surgery sind die USA im Vergleich zu Brasilien im Rückstand, wo 2013 63.925 Po-Vergrößerungen durchgeführt wurden, fast fünfmal so viele wie in den USA. Bei der Gesäßvergrößerung werden Implantate, Fetttransfers oder manchmal auch eine Kombination aus beidem eingesetzt, um den Po zu vergrößern und seine Form zu verändern. Leider können sich viele Frauen die Kosten der plastischen Chirurgie nicht leisten und entscheiden sich stattdessen für billigere, gefährlichere Optionen.“

Oder erst einmal nur für eine kosmetische Behandlung, Butt Facial genannt, um ihrem Hintern eine „geschmeidige Pfirsichhaut“ angedeihen zu lassen. „Peelings, antibakterielle Salicylsäure-Seren und entgiftende Masken zählen da ebenso zur Prozedur, wie moderne Facial-Techniken à la Microdermabrasion, bei der abgestorbene Hautzellen und Verhornungen entfernt werden oder die sogenannte Microcurrent Therapie, die Fettzellen reduzieren, die Haut straffen und die Muskeln noch ein wenig mehr hervorheben soll. Kostenpunkt: rund 150 Euro,“ laut „stylight.de“. Dazu gehören dann auch noch „Butt-Lifting-Leggings“.

Schon bald machte sich der Wunsch junger Frauen nach einem größeren Hintern via „Transatlantikbrücke“ auch in Europa bemerkbar. Der Guardian schreibt: „Der Trend zum Big Butt hat britische Fitnessstudios erreicht, die jetzt eine Reihe von Kursen anbieten, die sich ausschließlich auf die Gesäßmuskulatur konzentrieren, von ‚BadAss‘ bis zum ‚Kylie Butt Lift‘ – benannt nach Minogue, nicht Jenner. Aber es ist der Aufstieg von Jenner und der Kardashian-Familie, deren Hintern mit ihren Bankguthaben gewachsen sind, der zu einer seismischen Verschiebung in der Workout-Kultur geführt hat. Während viele Frauen natürlich schon immer stolz auf gut entwickelte Gesäßmuskeln waren, hat die Betonung eines festen oder ‚saftigen‘ Hinterns nun den flachen Bauch als heiligen Gral der Fitness in den Mainstream-Frauengesundheits-Magazinen abgelöst.“

Aber etwas stimmt daran nicht. In einem nigerianischen blog schreibt eine Frau: „Komisch, dass dicke Lippen und ein großer Hintern schlecht waren, als sie noch eine natürliche Eigenschaft schwarzer Frauen waren, aber zum Schönheitsstandard wurden, als sie durch eine Operation erreicht werden konnten. Kim wird gelobt, weil sie sich einen Hintern gekauft hat, und Kylie wird gelobt, weil sie sich Lippen gekauft hat. Schwarze Frauen werden verteufelt und diskriminiert, weil sie einen natürlichen großen Hintern und natürliche große Lippen haben. Ich bin darüber hinweg.“

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Aber viele andere afrikanische und afroamerikanische Frauen nicht. Auf Facebook mehren sich noch immer Fotoserien aus Sierra Leone, Jamaica, Südafrika, Brasilien, Zambia und vor allem Ghana („Ghanamore“, „Ghana Vibes“, „Afro Pride“ etc.). Sie zeigen Frauen mit großen und immer größeren Hintern. Man könnte vermuten, es erleichtert und freut sie, dass ihre Hintern nun ein internationaler Trend sind, aber leider animieren die künstlichen großen Hintern von weißen Frauen (auf „Good for the eye“, „Leather and Nylon Women“, „Ferrari-Frauen“ etc.) viele nur, ihre Hintern künstlich noch mehr zu vergrößern.

Dazu heißt es auf dem nigerianischen blog: „In Afrika gilt eine Frau als attraktiv, wenn sie eine Sanduhrfigur mit großen Brüsten und Gesäß hat. Aus diesem Grund sind viele afrikanische Frauen auf einen großen Hintern fixiert und sind bereit, dafür extreme Anstrengungen auf sich zu nehmen. Wer einen flachen Hintern hat, gilt nicht als schön, sondern nur als trocken. Frauen, die von Natur aus nicht so ausgestattet sind, wollen also zur begehrten Gruppe gehören, um Männer anzuziehen. Ein typischer afrikanischer Mann mag eine Frau mit einem großen Hintern. Ein großer Hintern lässt die Frau weiblicher erscheinen. Mit diesem weiblichen Killer-Merkmal kann eine Frau fast jeden Mann bekommen, den sie will. Alles, was sie tun muss, ist, ihr Hinterteil zur Schau zu stellen und zu beobachten, wie das männliche Geschlecht um sie herumschwirrt wie Bienen an einem Bienenstock. Natürlich will keine Frau ignoriert werden, und so greifen die Verzweifelten, die sich keine teuren Schönheitsoperationen leisten können, zu Maggi-Würfeln.“

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Maggiwürfel sind japanisch, meint der Schriftsteller Thomas Kapielski, insofern sie den fǘnften Geschmack – „umami“ beisteuern. Vor allem sind sie aber ein afrikanisches Wundermittel: Auf vielen Märkten Afrikas sieht man Frauen, die an ihrem Stand bloß ein paar zu Pyramiden geschichtete Maggiwürfel verkaufen. Der Schweizer Schriftsteller Al Imfeld hat in einem Aufsatzband und später auf seiner Internetseite („Maggi-Würfel zwischen Magie und Macht“) berichtet, welch wichtige Funktion Maggi in Afrika hat. Es gab sogar einmal einen Maggi-Krieg: Weil die Werbung für die Brühwürfel als familienfeindlich angesehen wurde, riefen Priester zu einem Maggi-Boykott auf. Dagegen protestierten die Frauen. Sie sind zunehmend gezwungen, Geld zu verdienen, daneben müssen sie auch noch ihre Kinder versorgen und ihren Mann bekochen. Dabei machen sie es sich leicht, indem sie ihm eine Maggi-Suppe vorsetzen. „potage africain“ genannt.

Der Maggi-Brühwürfel ist ein Gewürz, benannt nach Julius Maggi, der damit ein Schweizer Unternehmen der Lebenmittelindustrie gründete, das auch Instantsuppen und Fertiggerichte herstellte. Julius Maggi ging es 1869 darum, die Ernährungslage der Arbeiter zu verbessern. Die Maggi-Würze auf Basis von Hülsenfrüchten war ein Konkurrenzprodukt zu Justus von Liebigs Fleischextrakt. 1908 kam Maggis Brühwürfel auf den Markt. Für die Werbung wurde der Schriftsteller Frank Wedekind gewonnen. Er erzählte Maggi-Geschichten wie diese: „Wenn der Kochkurs nicht wär’“, seufzte das siebzehnjährige, schlanke, schwarzäugige Engelskind, „so wollte ich ja gerne heirathen. Aber er wünscht durchaus, dass ich vorher einen Kochkurs nehme.“ „Elschen, beruhige Dich“ sagte darauf die verständige Mutter. „Das nothwendigste will ich Dir schon beibringen; und dann würzest Du ihm jeden Mittag die Gerichte mit diesem Fläschchen hier. Pass mal auf, was der für Augen machen wird. Täglich giebt er Dir zwei Küsse mehr dafür! Es ist nämlich Maggi’s Suppen- und Speisewürze.“ (Kommentar von Julius Maggi: „Famos!“).

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In den Dreißigerjahren erhielt die Firma einen Exklusiv-Belieferungs-Vertrag für die deutsche Wehrmacht, für die sie eine Spezialsuppe produzierte. Seit 1947 ist Maggi eine Marke des Schweizer Weltkonzerns Nestlé AG. Nestlé besitzt sechs Maggi-Fabriken in Afrika. Auf Wikipedia heißt es: „In Afrika ist folgender Fernsehwerbespot bekannt: ‚Mädchen, wie hast du diesen Killerhintern in nur zehn Tagen hingekriegt? Was ist dein Geheimnis?‘ Antwort: ‚Mit einem Maggiwürfel.‘ Allein in West- und Zentralafrika werden pro Jahr 36 Milliarden Maggi-Bouillonwürfel verkauft. Sie enthalten zu 50 % Salz, dazu Mononatriumglutamat, verdrängen die Vielfalt lokaler Gewürze und könnten zu Bluthochdruck und Zuckerkrankheit beitragen. Maggi-Berater versuchen darauf hinzuwirken, dass die afrikanischen Kunden Maggi-Würfel ohne zusätzliches Salz verwenden, um den Salzkonsum zu reduzieren.“

Der Tagesspiegel begann einen Bericht über „Maggi in Afrika“ mit den Gedanken einer in Berlin lebenden Nigerianerin über Maggi: „‘Oh nein, wir haben Maggi vergessen!‘, ruft Sholly Onatolu entsetzt. ‚Richtiges afrikanisches Essen ohne Maggi – das geht gar nicht.‘ Die kleine Nigerianerin dreht sofort um, trippelt mit ihren schweren Tüten voller Yams-Wurzeln und Kochbananen zurück in den kleinen Afro-Shop auf der Karl-Marx-Straße in Neukölln. Ganz hinten im engen Laden wird Sholly Onatolu fündig: Im Regal liegt eine durchsichtige Tüte mit kleinen leuchtend rot-gelben Brühwürfeln. „Maggi Cubes“ steht in englischer und arabischer Schrift auf der Packung. Made in Côte d’Ivoire. Das Logo kommt nostalgisch daher: Ein rotes M in einem Stern auf gelbem Grund. ‚Bei euch ist ein Herz drauf‘, erklärt die 36-Jährige. ‚Aber das taugt nichts.‘ Das Produkt aus Afrika, wo Maggi auch ursprünglich herkomme, wie sie versichert, schmecke viel besser als das fade ‚Herzchen-Maggi‘ aus dem deutschen Supermarkt.“

Der Tagesspiegelautor weiß es natürlich besser. „Vor nicht allzu langer Zeit war die ‚Würze‘ in der kleinen braunen Flasche auf deutschen Küchentischen so präsent wie Salz und Pfeffer.“ Nach Al Imfeld hat der Ethnologe Manfred Stoppok ein Buch über die 4 Gramm wiegenden kleinen Würfel geschrieben: „Maggi in Guinea-Bissau“, über die dortige Beliebtheit der Würfel wundert er sich noch immer. „Überall hängen Maggi-Plakate“, bestätigt er. „Mit Maggi strahlt jede Frau wie ein Stern“, steht in Guinea-Bissau auf den Plakaten. „Koch mit Maggi, dann will er keine Zweitfrau mehr“, heißt es im muslimisch geprägten Senegal. Im Münchener Afro-Shop von Denis Akomagi findet man die komplette Produktpalette. „Die Afrikaner kommen aus ganz Oberbayern zu mir“, sagt der Togolese, „für sie bedeutet der Cube ein Stückchen Heimat“.

Der ghanaesische Arzt Silas Joy hat über seinen Twitter-Account @OfficialSilasMD über die Gefahren des Big Butt-Gewürzes von Maggi aufgeklärt: „Frauen, die sich dieses Gebräu injizieren, hoffen oft, dass das Natrium und das Öl in den Würfeln ihren Hintern größer machen. Der Arzt erklärte jedoch, dass die Gewürzwürfel Salz enthalten, das von der Schleimhaut des Anus aufgenommen wird und in den Blutkreislauf gelangen kann. Übermäßiger Salzkonsum führt häufig zu Bluthochdruck, einer unter Afrikanern weit verbreiteten Krankheit. Bleibt sie unbehandelt, kann er zu komplizierteren Gesundheitsproblemen wie Schlaganfall und Herzerkrankungen führen, die tödlich enden können. Neben Bluthochdruck besteht auch die Gefahr schwerer Blutinfektionen durch Verletzungen, die von den für das Big Butt Spice verwendeten Spritzen verursacht werden. Bei diesen Infektionen kann es sich um HIV/AIDS, Hepatitis B und C handeln, und sie können schwere Folgen haben. Schließlich gibt es keinen Beweis dafür, dass das Big Butt Spice von Maggi wirkt…Wenn Sie unbedingt einen großen Hintern haben wollen und Ihre Erbanlagen nicht günstig sind, sollten Sie zu sichereren Maßnahmen greifen, wie z. B. Training oder kosmetische Po-Liftings in den Händen von zertifizierten Fachleuten.“

Traurigerweise kommt noch hinzu, dass dieser „Trend zu größeren Hintern“ im Westen bald wieder vorbei sein könnte. Schon lassen amerikanische Celebritys mit künstlich vergrößerten Hintern wie Kim Kardashian und andere ihre Hintern wieder verkleinern. Auf „littleoldladycomedy.com“ heißt es: „In jedem Jahrzehnt gibt es einen neuen großen Trend für Frauen. In den 80ern waren es große Haare, in den 90ern große Brüste, in den 00ern große Hintern und nun sind es große Lippen. In jedem dieser Fälle gilt: Je größer das jeweilige Körperteil, desto besser. Und obwohl man darüber streiten kann, ob diese Trends übertragbar sind (große Brüste sind schließlich zeitlos), wird die Bedeutung eines jeden Trends von der nächsten Modeerscheinung in den Schatten gestellt. Während zum Beispiel ein großer Hintern heutzutage immer noch begehrt ist, sind große Lippen zweifelsohne der angesagtere Look.“

Auf Facebook-Fotos und den Internetseiten mit Manga- bzw. Hetai-Bildern ist es umgekehrt: Erst häuften sich dort die Fotos von jungen Frauen mit vergrößerten Lippen und Brüsten und nun die mit großen Hintern. Und davon werden fast täglich mehr gepostet, wobei das Lenken der eigenen und der fremden Aufmerksamkeit auf den Hintern, seine Aufwertung, vielleicht schon mit den Tätowierungen begann, d.h. mit den anfänglich so beliebten „Arschgeweihen“.

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Inspiriert von den Celebrities (u.a. Paris Hilton und Freundinnen), die keine Schlüpfer mehr tragen, um gelegentlich ihre Mösen vor irgendwelchen Kameras aufblitzen zu lassen und verbreitet über die sozialen Medien, in denen Frauen reihenweise Pussy-Selfies machen (die sie aber noch nicht richtig zeigen dürfen), werden als nächstes, nach Lippen, Brüsten und Gesäß, „Vaginal-Operationen“ zur Mösenverschönerung kommen.

„Im Kontext von Intimchirurgie werden häufig Begriffe wie „Barbie-Vagina“ oder „Designer-Vagina“ verwendet. Es heißt, dass der Intimbereich – insbesondere die Schamlippen – möglichst jugendlich und möglichst unauffällig aussehen soll – wie eben bei Barbie. Es ist durchaus möglich, eine Schamlippenkorrektur durchführen und das Gesamtbild des Intimbereichs jugendlicher gestalten zu lassen,“ schreibt der Hamburger Schönheitschirurg Dr. Sattler in werbender Absicht im Internet. Er hat folgende Eingriffe im Angebot:

  • Die Schamlippenkorrektur – in der Regel werden hierbei die inneren oder die äußeren Schamlippen chirurgisch verkleinert.
  • Ein Eigenfetttransfer im Intimbereich: Mittels Eigenfett lassen sich als zu klein empfundene oder erschlaffte äußere Schamlippen unterfüttern.
  • Eine „Scheiden-OP“ zur Verengung der Scheide. Dieses Ergebnis wünschen sich viele Frauen, beispielsweise nach einer Schwangerschaft. Im Rahmen dieser Behandlung wird häufig auch von einer Vaginalstraffung oder Vaginakorrektur gesprochen.
  • Eine Verkleinerung oder Straffung des Hütchens über dem Kitzler. Dieser Eingriff lässt das Genital jünger aussehen und kann darüber hinaus zu einer verbesserten Stimulation beim Geschlechtsverkehr führen.
  • Eine Absaugung des Venushügels. So bekommt auch der Übergang vom Intimbereich zum Bauch eine schöne Kontur.

Die meisten Schönheitsoperationen in Deutschland werden, wie man sich denken kann, in München durchgeführt. In Berlin haben sich fast alle Schönheitschirurgen rund um den Kurfürstendamm in einer Art Cluster niedergelassen. Das kann man schon bei einem Kudamm-Spaziergang feststellen, weil einem dabei laufend Mädchen/Frauen mit aufgespritzen Lippen begegnen. Der Kudamm heißt deswegen auch „Boulevard der Entenschnäbel“.

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Die französische Autorengruppe Tiqqun hat sich Gedanken über die „Millennials“ gemacht, die Ende der 90er-Jahre heranreiften. Ihr Buch darüber besteht aus, so der Titel: „Grundbausteinen einer Theorie des Junge-Mädchens“ (2009). Den ersten „Grundbaustein“ dafür legte bereits D.H.Lawrence u.a. in seinem Buch „St. Mawr“ 1925 vor. Tiqqun geht davon aus, dass sich Jungs wie Mädchen angleichen und austauschbar werden, wobei die Mädchen Role-Models sind, denn: „Wenn das Spektakel [der kapitalistische Warenzirkus] ausposaunt, dass die Frau die Zukunft des Mannes ist, ist natürlich vom Jungen-Mädchen die Rede, und die Zukunft, die es verheißt, ist nur die schlimmste kybernetische Sklaverei“.

Aber „kann sich das ‚Online-Ich‘ aus der Gefangenschaft der Eitelkeits-Marketing-Falle befreien – ohne in Offline-Romantik zurückzufallen?“ fragt sich Geert Loving, der nicht auf sein „geliebtes Medium“ verzichten möchte.

Tiqqun schreibt: „Die Schönheit des Jungen-Mädchens wird produziert. Es selber lehnt es nicht ab, daran zu erinnern: ‚Schönheit fällt nicht vom Himmel‘, das heißt, sie ist die Frucht einer Arbeit…Vom Muskeltraining übers Fettabsaugen bis zur Anti-Falten-Creme gibt es beim Jungen-Mädchen überall die beharrliche Bemühung, von seinem Körper zu abstrahieren und aus seinem Körper eine Abstraktion zu machen…Alles, was man machen kann, um sich mit seinem Bild in Einklang zu bringen…Das Gespenst des Mannes und der Frau geht auf den Straßen der Metropole um. Seine Muskeln kommen aus dem Fitness-Center und seine Brüste bestehen aus Silikon. ‚Die Biologisierung des Geschlechts im Besonderen und des Körpers im Allgemeinen macht den Körper des jungen Mädchens aus medizinischer Sicht zum idealen Laboratorium‘ (so Jean-Claude Caron in: ‚Le corps des jeunes filles‘).“ In der Werbung für den US-Film „Barbie“ heißt es: „Sie ist alles. Er ist nur Ken.“

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Barbie-Lookalike nach einem Dutzend  Schönheitsoperationen

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Die Jungen-Mädchen sagen Sätze wie: „Ich fände es toll, wenn alle Leute schön wären“, „Ich mache mit meinen Haaren, was ich will“, „Neue Brüste zu meinem 18. Geburtstag“, „Man muß an die Schönheit glauben“.

Serena aus Kanada berichtet auf „Facebook“: „Ich habe 50.000 Dollar ausgegeben, um mich vom jungen Mädchen zum ‚it-girl‘ zu verwandeln“. Dabei handelt es sich laut Wikipedia um eine „junge oder jüngere Frau, die durch ihr häufiges öffentliches Auftreten in Gesellschaft prominenter Personen und ihre starke Medienpräsenz einer breiten Öffentlichkeit bekannt ist“.

„Das Junge-Mädchen weiß allzu gut, was es im Einzelnen will, um irgendetwas im Allgemeinen zu wollen“. Für das Junge-Mädchen geht es vor allem darum, seinen Wert geltend zu machen…Die Biomacht ist in Cremes, Pillen und Spraydosen verfügbar…In ganz allgemeiner Weise erfreuen sich die schlechten Substantialitäten spontan der Gunst des Jungen-Mädchens. Allerdings zieht es bestimmte vor. So etwa all die Pseudo-Identitäten, die einen ‚biologischen‘ Gehalt geltend machen können (Alter, Geschlecht, Größe, Rasse, Körpermaße, Gesundheit etc.)…‚Alles schön, alles bio‘.“

Dazu gehört auch der Hintern. Tiqqun schreibt: „Der Hintern des Jungen-Mädchens genügt, um sein Gefühl zu begründen, dass es einzigartig und unvergleichlich ist“/ „Das Junge-Mädchen führt alle Größe auf das Niveau seines Hinterns zurück“/„Es scheint, dass sich die gesamte Konkretheit der Welt in den Hintern des Jungen-Mädchens zurückgezogen hat“/ „Der Hintern des Jungen-Mädchens ist ein globales Dorf.“ Ein Begriff des Medientheoretikers Marshall Mc Luhan, der damit 1962 die ganze (verbundene) Welt meinte, also dass ein Trend im Medienzeitalter sogleich global wird.

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Aphrodite Kallipygos (die Prachthintrige)

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Frauenstatue im Moskauer Gorki-Park 1936.

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Die Frankfurter Umsetzer der Ideen von Jungen-Mädchen „Ownlyou“ schreiben auf ihrer Internetseite: „An manchen Tagen fühlt man sich eher nach Booty und an anderen ist man mehr in einem Vulva Modus“. Demnach konzentrieren die Jungen-Mädchen ihre Achtsamkeit manchmal auf ihren Hintern und manchmal auf ihre Möse.

Die Berliner Schriftstellerin Sofie Lichtenstein hat 2023 über den „Vulva Modus“ aufschlußreiche „Protokolle über geschlechtliche Handlungen“ veröffentlicht – unter dem Titel „Bügeln“. Dazu hat ihre Ich-Erzählerin auf „Tinder“ kundgetan, dass sie Jungs und Mädchen zum Ficken sucht. Mit denen, die sich daraufhin meldeten und die sie akzeptabel fand, traf sie sich.

Einer hieß Bastian: „Er sieht okay aus. Auf einem der Bilder ist er sogar ganz ansehnlich. Buzzcut und Bart gehen immer“. Am nächsten Tag nimmt sie ihn mit zu sich nach Hause. „Wir sehen uns viele hundert Fotos an. Dann öffne ich Pornhub, um Bastian meine Favoriten zu zeigen. Ich spiele ein paar Oraljob-Videos ab, die er mit derselben asexuellen Neugier anschaut wie ich zuvor die Exhibitionistinnen-Fotos auf Reddit.“

Die Sexualtherapeutin Heike Melzer warnt: „Wer fünfmal am Tag Pornos schaut und sich dabei einen Vibrator auf die Vulva hält, der reagiert nicht mehr auf einen unmotorisierten Penis“. „Pornhub“ ist das größte Pornographieportal der Welt, 2019 wurde es 42 Milliarden Mal besucht. Daneben gibt es aber auch noch mehrere hundert Millionen andere Porno-Seiten im Internet. Weltweit werden sie vor allem von der „Generation Z“, also von den um 2000 geborenen Junge-Mädchen genutzt.

Sofie Lichtenstein berichtet weiter: „Bastian geht ins Bad. Ich nutze den Moment, um das Licht zu dimmen und eine vielsagende Pose im Bett einzunehmen.“ Als die beiden nackt sind und sie ihm ein Kondom überziehen will, erschlafft sein Schwanz. „Kein Orgasmus heute für mich“, seufzt sie, aber am nächsten Tag hat sie desungeachtet „Fantasien mit Bastian. Fantasien, die in die Tat umgesetzt werden wollen. Mein Blick wandert zum Handy. Es liegt direkt neben dem Laptop. Ich nehme es in die Hand, öffne WhatsApp und fragte Bastian, ob er sich mit mir heute Abend treffen wolle…Wieder und wieder schau ich aufs Handy, wieder und wieder steigt die Anspannung. Herrgott, wie ich es hasse, wenn ich das tue. Dieses manische Abchecken von Benachrichtigungen und Onlinezeiten…“

Endlich. Sie trifft sich mit Bastian und sie gehen in ihre Wohnung, wo sie sich aufs Sofa wirft. „Bastian sieht mich an. Dann legt er sich auf mich…Hatte ich bei unserem ersten Mal keinerlei Erregung gespürt, empfinde ich jetzt maximale Geilheit…Ich höre mich stöhnen, will angepackt werden und anpacken, gefickt werden und ficken, die ganze Nacht mit ihm schwitzen, mich an ihm aufgeilen.“ Das geschieht auch, aber danach geht er und läßt nichts mehr von sich hören, außer Unverbindliches und Ausreden.

Klaus: Nach dem Billardspiel mit ihm sagt sie sich: „Ich bin bereit. Bereit, weil ich’s irgendwann im Verlauf des Abends ja einmal sein muss und mit Klaus inzwischen auch nichts anderes mehr anzustellen weiß, als Sex mit ihm zu haben…Schließlich dringt er ein, und ich bin erleichtert.“ Er spritzt jedoch nicht ab, „sondern hört einfach auf…Irgendwann steigt in mir die Befürchtung, Klaus könnte bei mir übernachten wollen.“

Johannes: „Wir unterhalten uns über Dinge, die uns nicht interessieren. Zum Beispiel, was wir beruflich machen…Ich ziehe mich aus und über seinen Schwanz ein Kondom. Sein Penis steht, ist aber nur halbsteif. Es passt zu Johannes, dass die an seinem Körper rasierten Stellen dem State of the Art von Mainstream-Pornos entsprechen.“ Bald spürt sie seinen Schwanz überhaupt nicht mehr. „Nach einem kurzen Smalltalk steht Johannes endlich auf, um aufzubrechen.“

Sie hat gerade ein Date mit der von ihr verehrten Chris, da schickt ihr Olaf eine WhatsApp-Nachricht nach der anderen. „Er postet seine Adresse, ohne dass ich ja gesagt hätte. Unvermittelt ploppt ein Dickpic auf. Ich erschrecke und stecke schnell mein Handy in die Gesäßtasche. Scheiße, Olaf: Bloß weil wir miteinander gevögelt haben, ist das keine Legitimation, mir unaufgefordert Schwanzbilder zu senden.“

Tom: Als sie mit ihm spazieren geht, ist sie in einer Verfassung, „in der ich mir augenblicklich das Gehirn herausficken könnte.“ In der Straßenbahn beschreibt sie ihm den Plot ihres nächsten „Buchprojekts“. Zu Hause „fackeln wir nicht lange und ziehen uns aus. Tom ist gut bestückt. Er kommt unbefangen und selbstbewußt gleich zur Sache, insbesondere verbal. Er kündigt an, er werde mich teasen. Ein Satz, der inhaltlich mehr umspannt als alles, was ich bisher beim Sex mit X und Y vernommen habe. Als Tom im Begriff ist, zu kommen, fragt er mich, wohin. Auf den Bauch, sage ich. Ich will besudelt werden.“

Als sie sich das nächste Mal treffen, kocht sie Spätzle mit Maggi-Sauce. „Nachdem ich seinen Teller gefüllt habe, setzen wir uns hin und unterhalten uns über die Anime-Serie ‚Neon Genesis Evangelion‘.“ Als sie sich anschließend küssen, kommt ihr alles wieder so vertraut vor, „wie ich es haben will. Ich habe mein Narrativ zurück…Wenige Augenblicke später muss ich schon über einen Satz nachsinnen, den er wiederholt gebraucht: ‚Ich will dir geben‘. In Gedanken besetze ich die leerstehenden Argumentstelle von ‚geben‘ mit dem erforderlichen Akkusativobjekt, das Tom mir vorenthält, ist ‚geben‘ doch immerhin ein ditransitives Verb.“ Dann will Tom von ihr wissen, ob sie ihn liebt. „Ich erkläre, noch niemanden geliebt zu haben, möglicherweise nicht mal verliebt gewesen zu sein.“

Während sie in der Bibliothek sitzt, bekommt sie eine Nachricht von Lukas auf Tinder. Er schreibt ihr, dass sie „arg stilvoll und attraktiv“ ausschaut. Aber er hat einmal zu viel „Quatschi“ statt „Quatsch“ gesagt.

Sie trifft sich mit Nils. In ihrer Wohnung spielen die beiden zunächst „Star Trek: Starfleet Academy“ auf ihren „Super Nintendo“. Es ist „mein erstes Mal, beliebte ich doch mit Fuckdates bisher ‚Mario Kart‘ zu zocken…bis auf das eine Mal, als ich die Frau, die mich nur beim Sex und nicht danach berühren wollte, zu mir eingeladen hatte. Wir spielten ‚Super Street Fighter‘ und wenn mich nicht alles täuscht, auch ‚Soul Calibur II‘ auf dem Gamecube, ehe ich das Gamepad beiseitelegte und befand, dass wir nun rumknutschen könnten.“

Laut einer Umfrage nutzen rund 54 Prozent aller Deutschen fast täglich digitale Spiele auf PCs, Konsolen, Smartphones oder Tablets. Weltweit soll es 3,7 Milliarden regelmäßige Spieler (Gamer) geben. Neuerdings ist die Spieleindustrie Kooperationen mit Luxus-Modelabels eingegangen, so dass z.B. der Mops im Videospiel „Fortnite“ mit einem Kapuzenpulli von Balenciaga bekleidet ist, heißt es im Artikel „Dresscode für Super Mario“ in der Wochenzeitung „Freitag“ (v. 3.8.2023). „Das Videospiel ‚Fortnite‘ des US-Unternehmens Epic Games ist mit rund 40 Millionen Spielern monatlich und mehreren Milliarden Dollar Umsatz im Jahr eines der erfolgreichsten weltweit“. Das Label „Balenciaga“ gehört neben der „Gucci Gruppe“ zum Pariser „Kering“-Konzern, der 2023 einen Umsatz von 20,4 Milliarden Euro machte.

Erneutes Treffen mit Lukas. Sie spielt mit ihm erst mal „FIFA 20 auf der Switch“. Dann: „Das Küssen ist okay“, aber „die Penetration ist schmerzhaft…Ich teile es Lukas mit und breche ab. Wir geben uns gegenseitig einen Handjob, wobei Lukas unsinnigerweise mehrfach seine Finger anleckt. Dabei ist meine Möse feucht genug.“

Eine äußerst attraktive Anja meldet sich via Tinder. „Ich schlage ihr vor, zu mir nach Hause zu gehen“. Anja findet die Icherzählerin ebenfalls „attraktiv“… „Ihr Shirt riecht nach Lenor-Weichspüler. Ich mag das, auch wenn ich weiß, dass es wegen des Mikroplastiks ökologisch fragwürdig ist…Wir ficken gut anderthalb Stunden miteinander.“

Am nächsten Tag trifft sie sich erneut mit Anja. Sie reden über „harten Sex“. Anja hat ein „strap-on“ dabei – ein Dildo, den die Ich-Erzählerin sich umschnallt, während Anja sich auf den Rücken legt. „Weil sie den Eindruck erweckt, durchgevögelt zu werden, beuge ich mich über sie rüber zu den Präservativen. Ich stülpe ihn über den Dildo. Anja rückt mit ihrem Becken zu mir. Obwohl sie nicht nur feucht ist, sondern schon fast ausläuft, habe ich Angst, ihr Schmerzen zu bereiten. Vorsichtig dringe ich in sie ein. Der strap-on sitzt fest…Sie keucht und stöhnt mir ins Ohr…Ihr Katalog-Körper glänzt vor Schweiß…Dann steigt sie gierig auf meinen Schoß und reitet so lange, bis es ihr kommt…Während wir uns von unserer physischen Ertüchtigung erholen, schalte ich das ‚Dschungelcamp‘ ein…Als Anja aus dem Bad kommt, legt sie sich gleich in die Federn, ohne den geringsten Anstoß daran zu nehmen, dass ich direkt neben ihr noch YouTube-Videos schaue, E-Mails checke usw..“

Nach einiger Zeit trifft sie Anja erneut. „Am Abend schlage ich vor, ein Sexvideo zu drehen. Sie findet die Idee aufregend, bittet mich aber darum, keine Gesichter zu filmen.“ Das geschieht auch nicht. Aber danach sehen sie sich nicht wieder.

So weit die Protokolle über etwa ein Dutzend Erlebnisse eines Junge-Mädchens im „Vulva-Modus“, verbunden mit so ziemlich allen elektronischen Medien. Die Autorin ist 33, sie hat Linguistik und selbstverständlich auch Gender Studies studiert. Ihrem lapidaren Bericht aus Berlin ging der literarisch anspruchsvolle einer verheirateten Pariser Kunsthistorikerin, Catherine Millet, voraus, die ihre im wesentlichen auf ihren „Booty“ fokussierten Erlebnisse in Swinger-Clubs und anderswo („Ich setzte meinen Hintern häufiger als meine Scheide ein“) unter dem Titel „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ (2001) veröffentlichte.

Abschließend sei noch erwähnt, dass in der Raketentechnik die Phallusform überwiegt. „Jenseits der simplen Erektion aus Stahl ist die Rakete ein ganzes System, abgewonnen einem weiblichen Dunkel,“ heißt es in Pynchons Peenemünde-Roman. Im Zeitalter von Feminismus und der Gender-Debatten wird „eine Rakete, die wie ein Penis aussieht“ jedoch laut „Die Welt“ als ein „Fauxpas“ begriffen, den zuletzt der Amazon-Gründer Jeff Bezos beging, als er seine bemannte Rakete „Blue Origin“ überdeutlich als Penis konstruieren und sich mit ihr in den Himmel schießen ließ. Diese Taktlosigkeit „wollen sich andere begüterte Weltraum-Pioniere nicht mehr leisten. Ein Milliardär, der anonym zu bleiben wünscht und sich selbst ‚als großer Frauenfreund‘ bezeichnet, ließ seine sogenannte ‚Brakete‘ (von Englisch ‚bra‘, Büstenhalter) so konstruieren, dass sie nicht an ein männliches Glied, sondern an zwei wohlgeformte weibliche Brüste erinnert. Versuche mit einer fliegenden Vulva waren gescheitert, weil die Modelle immer in der Mitte auseinander brachen. Inspiriert von Woody Allens Film ‚Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten‘, gelang es den Ingenieuren, aus riesengroßen Brüsten ein Raumschiff zu kreieren, dessen beide Warzen als Kommandokapsel dienen. Nach eigenen Worten kann es der Milliardär gar nicht abwarten, mit den ‚fetten Glocken‘ abzuheben.“

Solch ein Geschlechterwechsel bei der militärisch-industriellen Technik ist keine neue amerikanische Idee. Eine ähnliche Verweiblichung des Raketenkörpers halluzinierten bereits sowjetische Militärs. Der Dichter und Sänger Jewgeni Jewtuschenko zitierte in seiner Autobiographie „Stirb nicht vor deiner Zeit“ (1996) einen am Putsch gegen Gorbatschow beteiligten Afghanistan-Veteran, der dann ein bekannter sowjetischer Schriftsteller wurde: „Ich spürte in der Finsternis an meiner Handfläche den schneeweißen Frauenkörper der Kampfrakete. Anfangs war sie noch kühl, aber je mehr ich sie streichelte, desto wärmer und wärmer wurde sie, ihre Hüften schienen schwer atmend vor unausgesprochener Leidenschaft zu vergehen, und es schien mir, als würde ich auf dem Körper der Rakete unter meinen Fingerkuppen gleich die Wölbungen der in Erwartung meiner Berührung aufgerichteten Brustwarzen spüren.“

Thomas Pynchon erwähnte in „Die Enden der Parabel“ bereits eine Forschungsgruppe bei den Peenemündern, die an einem „erektionsfähigen Plastik“ arbeitete.

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P.S.: Weiterführend seien noch zwei Bücher von Philosophinnen erwähnt: „Negierte Lust – Die Klitoris denken“ von Catherine Malabou (2021) und „Dialektik der Hure – Von der Prostitution zur Sex-Arbeit“ von Theodora Becker (2023), der es in ihrer umfangreichen Studie um die Ablösung der Huren durch Prostituierte geht, die zwar nicht mehr „verrucht“ sind und polizeylich verfolgt werden, aber dafür in einer Art Industriearbeit eingespannt sind, wobei ihr „Service“ immer billiger wird.

Der Vollständigkeit halber seien hier auch noch die kulturhistorischen Bücher: „Brust“ von Anja Zimmermann, „Vulva“ von Mithu M. Sanyal und „Der Ursprung der Welt“ (vulgo Vulva) von Liv Strömquist sowie „Vagina“ von Naomi Wolf angeführt. Über  „Lippen“ und „Schamlippen“ haben bisher nur Männer Bücher veröffentlicht – wahrscheinlich in schwärmerischer oder schweinischer (sprich: wissenschaftlicher) Absicht. 2004 schrieb die Chemikerin Gundula Dreßen ein Manual über cunnilingusfeste Schamlippen-Stifte in rubinrot und anderen Farben, fand aber keinen Verleger. 

Für Außerirdische haben die  Frauen hienieden übrigens weder Vulva, Vagina oder Klitoris noch Schamlippen, wie der Spiegel berichtet: „Als die NASA 1972 ihre Pioneersonde Nummer 10 ins All schoss, hatte sie Bilder von Menschen an Bord, eine Art Weltraumflaschenpost an mögliche außerirdische Nachbarn. Das waren zwar nur schematische Zeichnungen in Schulbuchoptik, aber trotzdem zu viel für den leitenden NASA-Wissenschaftler John E. Naugle. Die Frau hatte da nämlich einen Schlitz zwischen den Beinen, der ihre Schamlippen erahnen ließ. Naugle ließ den kleinen Strich, mehr war das gar nicht, entfernen und den Schambereich so in ein ebenes, mehr oder weniger dreieckiges Stück Haut verwandeln – wie bei einer Schaufensterpuppe, während am Mitmenschen zur Rechten ganz ungeniert ein Penis baumelt.

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Huren aus Plaste und Elaste

Immer mal wieder haben in Berlin KünstlerInnen versucht, neue Bordellformen zu entwerfen. Erinnert sei nur an Felicitas, die Betreiberin des Bordell-Cafés „Pssst!“, und an die drei HDK-Absolventinnen, die in Schöneberg ein SM-Bordell namens „Atelier Rheingold“ eröffneten. Diese Experimente lebten meist nicht lange.

Nun, da die aktuelle Bundesregierung verkündete: „Das Leitbild der KI-Strategie ist ein europäisches KI-Ökosystem für Innovationen“, gibt es in der Hauptstadt ein neues Experiment, in dem es um „Sex of the Future“ geht. Das aus einer Kunstinstallation entwickelte Cybrothel in Friedrichshain bietet für 350 Euro eine ganze Nacht an, sich mit einer von elf Silikon-Sexpuppen zu „vergnügen“. Dabei kann man sich nebenbei noch von einem Pornofilm anregen lassen. Auf Wunsch liegen Kondome parat. „Alle Puppen sprechen fließend Deutsch und Englisch.“ Bezahlt wird vorab per Computer.

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„Das Cybrothel sieht sich als Weiterentwicklung des konventionellen Puppenbordells“, steht im Konzept der Betreiber. „Nach japanischem Vorbild bietet es ein immersives, erotisches Erlebnis, nämlich durch die Live-Interaktion mit einer Puppe und ihrer menschlichen Sprecherin.“ Die „lebensechten“ Puppen aus China bestehen aus Silikon. Und das Wort „immersiv“ heißt so viel wie Eintauchen, Einbetten, Eintreten: Damit werden vor allem Computerspiele beschrieben, in die der Spieler regelrecht eintaucht und in seiner eigenen Wahrnehmung ein Teil der Spielewelt wird.

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Im Cybrothel scheint es umgekehrt zu sein: Der sexuell erlebnishungrige Kunde zahlt Minimum 85 Euro für 30 Minuten mit Monika, Barbie oder Hito. Wer sie zum Vergnügen beschädigt, muss natürlich was draufzahlen. Je realistischer sie aussieht, desto teurer ist sie. „Die Silikonpuppen werden nach jedem Gebrauch gereinigt und desinfiziert.“

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Wäre man so begeistert von dieser unblutigen Abschaffung der Prostitution durch Silikonpuppen wie etwa der Chaos-Computer-Club vom Cyber Space, dann würde man vielleicht meinen: Im Cybrothel werden aus Zuhältern oder Bordellbetreibern wieder Künstler – KI-induzierte und -inspirierte Sexclub-Gestalter. Jede Puppe hat einen Lebenslauf. So liest eine Puppe namens Paris aus ihrem Paris-Hilton-„Tagebuch“ vor und sieht ihr ähnlich – wenn auch noch nicht so wie all die „wirklich“ KI-generierten Fotos und Clips u.a. mit dem „Deepfake-Pornostar“ Scarlett Johansson.

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Silikon-Puppe „Scarlett Johansson“.

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Sie ist nur eine von vielen Frauen und Stars, die Protagonisten von Sexvideos sind, die von KI generiert wurden. Die Washington Post berichtet, dass ein „Deepfake“-Video, in dem Johansson zu sehen ist, allein auf einer Pornoseite über 1,5 Millionen Mal aufgerufen wurde. „KI ist für Frauen ein Albtraum“, titelte die Zeitung.

Das Internet ist ein „riesiges Wurmloch der Finsternis,“ meint Johansson. Zumal die rechtlichen Möglichkeiten, dagegen vorzugehen, sehr begrenzt sind und die KI-Bilderflut ständig steigt. Wandert damit auch die Pornoproduktion ins Virtuelle? Und ist das Cybrothel fast schon ein innovatives „KI-Ökosystem“?

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Die Quadratur des Greises

Eine Bildungsreise zwischendurch: Eigentlich wollten wir zur Butterberg-Konferenz, die heuer im Schloß von Decin (Böhmen) stattfand, aber dann bekamen wir auf dem Weinfest im Schloßhof einen Werbeprospekt über die Bäder-Touren von Goethe – und beschlossen, ihm zu folgen. Der Geheimrat hielt sich mit Vorliebe im edlen „Bäderviereck“ Karlsbad, Marienbad, Franzensbad und Schönau auf, insgesamt drei Jahre, immer hinter Frauen her. Man glaubt es kaum. Er „kurte“ dort (damals nahm man noch an, dass der phlogistonhaltige Atem junger Mädchen die alten weissen Männer verjüngt).

Goethe war 70 als er sich in die 19jährige Ulrike von Levetsow verliebte: „Ich hatte mich auf sechs Wochen einem hübschen Kinde in Dienst gegeben,“ schrieb er in seinen „Marienbader Elegien“, nachdem das Kind ihm laut unseres Reiseführers „Tschechien“ (2022) eine „Absage“ erteilt hatte. Ansonsten besuchte der „Schürzenjäger“ in Marienbad häufig den Kreuzquellenpavillon. Hier wurden die Kurgäste von sogenannten „Quellmädchen in weissen Schürzen“ bedient: „Sie hatten das Privileg (!), das aus der Quelle sprudelnde Wasser in Trinkgefäße abzufüllen und es ihnen zu reichen,“ heißt es im „Guide ‚Marienbad‘“.

Sinnigerweise waren die dortigen Heilquellen im frühen 18. Jahrhundert zur Gesundung der Armen von Medizinern und Mönchen erschlossen worden. Spätestens zu Goethes Zeiten war das Kurbad aber mondän. Und heute kommen wieder die Ärmeren: Rentnerehepaare, Witwen bzw. Witwer und Kurzurlauber. Statt edler Garderobe trägt man Streetwear. Es gibt ein halbes Dutzend Quellen und einen riesigen Kurpark mit einer „Goethe-Route“ und einem „Geologischen Park“, den er quasi initiiert hat, denn er sammelte Minerale, „im Museum befindet sich eine Ausstellung, die an Goethes hiesige Aufenthalte erinnert“. Zudem wurde der Platz davor nach ihm benannt. Das hat jedoch nicht verhindert, dass viele Hotels und Restaurants verfallen, auf den Dächern einiger Paläste wachsen Birken. Statt „Galanterie- und Luxuswarengeschäfte“ gibt es nun immer mehr Nagelstudios und Läden mit Billigklamotten aus Asien.

Was im Westen das Veröden der Kurbäder bewirkte: das „Kureigenbeteiligungsgesetz“ hat hier das Ende des Sozialismus bewirkt: Seitdem muß man sich einen Kuraufenthalt in den böhmischen Bädern leisten können. Zwar gibt es immer mehr „Anwendungen“ für Kurgäste, die heil werden oder bleiben wollen, die Kurärzte bieten dafür jeden neuen „Trend“ an, wie der „Guide ‚Marienbad‘“ betont, aber die heutigen „Kurlauber“ wollen eher unterhalten werden, etwas erleben in pompöser Kulisse (wie Goethe).

Chopin hatte in Marienbad mehr Glück als Goethe, den er beim „Kuren“ kennen lernte: Es gelang ihm, Marie Wodzinska zu überreden, ihn in Dresden zu heiraten, wo er sich zuvor in die Sechzehnjährige verliebt hatte. Aus der Heirat wurde dann aber doch nichts.

Goethe besuchte auch das von Metternich aus Konkurrenzgründen nahe Marienbad errichtete Bad Königswart (Kynzvart), das heute ein Kinder-Sanatorium ist. Ferner den kleinen Burg-Ort Loket, den er als „landschaftliches Kunstwerk“ bezeichnete. Es gibt dort ein Hotel „Goethe“ und ein Restaurant „Faust“. Es gibt in allen Orten im und am „Bäderviereck“ Goethe-Tafeln, -Büsten, -Wege oder Denkmäler.

Äuch in der Kleinstadt Zatec, wo Goethe im Hotel zum Goldenen Löwen logierte. Wir taten es ihm nach. Der Weintrinker besichtigte in Zatec den Hopfen-Anbau und seine Verarbeitung. Die Hopfen-Exporte gingen bis nach Amerika. Wir besuchten das Biermuseum in diesem laut dem Goethe-Tourprospekt „sympathischen Ort“. Die Wirtin des Restaurants „Kapitan“ am „Hopfengarten“ im Zentrum lieh uns ein Buch mit Fotos von Zatec ab 1900. Damals war da noch richtig was los, heute stehen viele schöne Läden und Hotels leer. Auch der „Goldene Löwe“ hatte schon bessere Tage gesehen. Zwar haben die neuen Besitzer aus Prag die großen Räume restauriert und die Zimmer modernisiert, aber das Café und Restaurant wurde an die Drogeriekette „DM“ vermietet und die Kellerbar, „Plan B“ genannt, wieder geschlossen. Mit EU-Geldern hat man ein altes Stadthaus ökologisch restauriert, in dem Jan Hus übernachtet hatte. 100 Jahre vor Luther hatte Hus eine „Reformation“ gefordert. Er wurde während des Konstanzer Konzils verbrannt, woraus sich die „Hussitenkriege“ entwickelten. In Zatec wie in Loket kreisten im Luftraum über den klassischen Marktplatz ab 19 Uhr zig Schwalben. Um 20 Uhr verschwanden sie wieder. Aber dann kamen die Fledermäuse, es waren jedoch nicht ganz so viele.

Goethe besuchte mehrmals das damals von berühmten Musikern bevorzugte Kurbad Schönau (Teplice), u.a. lernte er dort Beethoven kennen. 50 Jahre nach seinem Tod (1832) rückte der Braunkohle-Tagebau dem Ort nahe. Und vollends im Sozialismus wurde dann aus dem im „Zuckerbäckerstil“ errichteten Heilbad, „Klein-Paris“ genannt, eine Industriestadt. Sie will nun erneut das vierte der „drei großen böhmischen Bäder“ werden, aber noch ist es nicht so weit, meint unser Reiseführer. Dennoch wird Teplice bereits von reichen Arabern besucht. Seltsam, wir wollten dort nicht übernachten.

Das gegenteilige Bild bot Franzensbad: Riesige Hotel- und Restaurant-Kästen im schönbrunngelben „Belle Epoque“-Stil, dazu mehrere Heilquellen und ein gepflegter Kurpark, wo gerade Laub zusammengeharkt wurde. „Goethe hat die Entwicklung Franzensbads vom Dorf zur Kurstadt miterlebt“, heißt es auf Wikipedia. Er war dort 33 Mal. Daran erinnert auch das dortige Goethedenkmal, „es wurde 1906 eingeweiht, in Form einer Brunnenanlage im Stil des Neoklassizismus und des Jugenstils“. Heute werden alle nur möglichen Kuren angeboten – aber kaum einer kommt. Wir sahen nur einige wenige Renter. Dazu logierten die wenigen Bus-Reisegruppen aus Deutschland in Billighotels außerhalb des Kurviertels. Etliche Nobelhotels und –restaurants mußten schließen. Auf der palmengesäumten Promenade langweilte sich ein Dutzend Kurzurlauber.

Anders in Karlsbad, wo es auf den Promenaden von Touristen wimmelte und auch noch ein gewisser Luxus in den Läden angeboten wird. Aber Karlsbad ist von allen böhmischen Kurbädern am meisten von den Zeitläuften gedeutelt, denn der Ort wurde bis zum Ukrainekrieg von Russen dominiert, die sich kostspielig amüsierten und Immobilien erwarben. Sie sind nun alle weg. Es gab sogar eine Fluglinie Moskau-Karlsbad. Der russische Konzern Saiin ließ 2001 sein „Sanatorium Imperial“, das einstige „Refugium der Hochfinanz“, modernisieren, das des Adels, das „Grand Hotel Pupp“ vor dem „Goetheweg“, erwarb die Investmentgruppe „Unicapital“. Unter den vielen Thai-Massagesalons fiel uns die „Royal Thai Massage“ auf.

Goethe hatte Humboldt 1812 gestanden: „Karlsbad und Rom sind die einzigen Orte, wo ich leben möchte“. Unser Reiseführer schreibt: „Angeblich hatte er dort ein heimliches Techtelmechtel mit der 23jährigen Maria Ludovika Beatrix, der Kaiserin von Österreich. Und auch über eine Liebelei mit der 20jährigen Marie Louise, Der Gattin Napoleons, wird spekuliert.“ Er hielt sich 13 Mal in Karlsbad auf, insgesamt fast zwei Jahre – und lernte Tschechisch, um auch die jungen Kellnerinnen zu charmieren.

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Neues Nagelstudio in Zatec, früher eine Bäckerei. Photo: Ushma Zimmer

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Neues Bordell in Offenbach, davor Reisemobil eines Ehepaars.

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Massagesalon in Gera

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Tattoo-und Piercing-Studio in Mühlhausen

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In diesem Karlshorster Laden befand sich zuletzt ein Swingerclub (Montags: Gangbang), der mit dem Spruch warb: „Wir haben Verständnis für Toleranz“

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Über den Zusammenhang von sexuellem und extraterrestrischem Begehren

Der Religionswissenschaftler Klaus Heinrich sprach in einem jetzt wiederveröffentlichten Vortrag über „Sucht und Sog“, den er 1993 in der Psychiatrischen Klinik des Universitätsklinikums Rudolf Virchow der Freien Universität gehalten hatte, von einem „Begehrensmodell“ und davon, dass Begehren zunehmend „ins Leere laufen“.U.a. führte er dazu aus:

„Katastrophenfaszination und, ihr entsprechend, das süchtige Hinarbeiten auf die Katastrophe scheint im großen das zu sein, was unser ‚normales‘ alltägliches Suchtverhalten im kleinen ist…Und es sind ja auch die gleichen Subjekte, die hier von den Suchtmitteln des Konsums und dort von der medialen Exaltation der Verarbeitung realer und imaginärer Katastrophen angezogen und mit schöner Regelmäßigkeit enttäuscht werden (und die Enttäuschung immer auch herbeizuführen trachten, süchtig nach Enttäuschung, sind, die allein sie weiterbringt auf dem Vertilgungsweg).“

Die „sexuell aufgeladene Realerfahrung und Metaphernwelt des Sogs“ – mit seiner „Maelströmfaszination“, also „diese Schoßmetapher für Vereinigung durch Ausgelöschtwerden“, scheint Heinrich ein sehr realistisches Bild „historischer Ambivalenz und Schuldgefühle, und zwar auf dem Hintergrund der Geschlechterspannung – die ja das Movens aller Faszination“ – zu sein. Die Figuren von E.A.Poe und Jules Verne versuchen mit ihrem neuen analytischen Umgang mit diesen Metaphern der Sogfaszination zu widerstehen und – „auszusteigen“. „Diese Möglichkeit, auszusteigen, ist heute ebenfalls illusionär, aber für das Thema Sog und Sucht hat gerade diese Illusion Brisanz.“

„Die überspitzte Formulierung: ‚die Welt selbst aus der Welt zu schaffen, und ihr nach!‘ erscheint nur so lange als abstrakte Konstruktion, wie wir sie bildlos dem Maelström gegenüberstellen…Wir bewegen uns in katastrophisch eingefärbten Untergangs- und Auferstehungsvisionen, damit immer noch in einem großen, kosmisch geweiteten Initiationsraum. Und damit nicht genug: Chaostheorien beschwören die Selbstordnungskräfte der Materie und lassen uns als Nutznießer davon profitieren. Wirklich populär geworden aber ist das Bild – die große Phantasie vom ‚Schwarzen Loch‘. Dies ist die erstaunlichste Schoßmetapher, die wir zur Zeit haben: spur- und zeichenlos saugt es ein und läßt verschwinden, auch die Reizüberbietung der Katastrophenmetapher ist stillgestellt, denn keine Information dringt hier heraus, geschweige, dass ein Geschichtenerzähler, ein kosmischer Aussteiger sozusagen, ihm entkäme.“

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Der amerikanischen Informatikerin Katie Bouman (sic) gelang erstmalig ein auf gemessenen Daten beruhendes Bild vom Schwarzen Loch.

(Dazu die Bild-Zeitung: „Weltallmonster bedroht Erde. Vor zwei Stunden Schwarzes Loch in Erdnähe entdeckt! Verschlingt alles erbarmungslos! Unser Reporter interviewt den Entdecker exklusiv!“

Und „Nature“ – nichtkatastrophistisch: „Ein Schwarzes Loch in 12 Lichtjahren Entfernung – die Strecke, die Licht in zwölf Jahren zurücklegt. (Licht breitet sich mit knapp 300000 Kilometern pro Sekunde, d.h. mit etwa einer Milliarde Stundenkilometern aus). Das neu entdeckte Schwarze Loch ist nur dreimal so weit vom Sonnensystem entfernt wie unser nächster Nachbar, der Stern Alpha Centauri, und gehört damit zu unserer unmittelbaren kosmischen Nachbarschaft. Die Europäische Raumfahrtagentur ESA hat sofort die Entsendung einer unbemannten Raumsonde angekündigt, die fundamentale neue Erkenntnisse liefern wird. Diese Mission ist ein Generationenprojekt: Bis die Sonde das Schwarze Loch erreicht, werden Jahrzehnte vergehen und wenn dann die ersten Daten zur Erde gefunkt werden, brauchen sie weitere 12 Jahre für den Rückweg.“

Bis das schwarze Loch die Erde verschlingt, werden wir auch Beobachter und Geschichtenerzähler haben – dank des US-Milliardärs Elon Musk. Dazu heißt es auf „ingenieur.de“: „Der große Wettlauf zum Mars hat längst begonnen. Siedlungspläne, Baustoffe, Polizisten – auf der Erde bereiten sich schwerreiche Unternehmer und Wissenschaftler schon detailliert auf die künftige Kolonisierung des roten Planeten vor.“ Und freiwillige Siedler, die nicht vom Mars zurückkehren wollen und auch nicht können sollen, gibt es ebenfalls bereits: zu Tausenden.

Aber vielleicht ist alles ganz anders: Am 30. November 2020 hieß es im Wissenschaftsforum „spektrum.de“: Wenn „die Masse des Universums in seinem Hubble-Radius so groß ist wie die Masse eines Schwarzen Lochs im gleichen Radius“, dann läßt sich unser ganzes „Universum als das Innere eines Schwarzen Lochs annehmen“, was bedeute, „wir leben in einem Schwarzen Loch“, sind also schon drin.)

Das konnte Klaus Heinrich 1993 natürlich noch nicht wissen. Bei ihm heißt es weiter über das Schwarze Loch: „Der sexuelle Phantasiehorizont in dem die Forschung metaphorisch eingebunden bleibt, wird aufdringlich deutlich im sogenannten ‚Keine-Haare-Theorem‘: ‚Ein Schwarzes Loch hat keine Haare‘ (das bezeichnet den Umstand, dass die Beschaffenheit des Körpers, aus dessen Zusammensturz es resultiert, keinen Einfluß hat auf die Größe und die Gestalt des Lochs.“)

„Doch so stark ist die Macht der mit Geschlechterspannung verfahrenden Phantasie, dass dieses letzte katastrophische Suchtprodukt – so möchte ich es angesichts seiner Popularität einmal nennen – doch wieder als Schoß und Schlund erscheint, freilich einer, der nur noch in der einen, der zerstörerischen Richtung tätig ist…)

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Eher in der heilenden Richtung wurde dagegen die US-Schriftstellerin Eve Ensler aktiv als sie Recherchen für ihr dann vielgelobtes Buch „Die Vagina-Monologe“ (1999) anstellte. U.a. nahm sie an einem „Vagina-Workshop“ teil, indem die Kursleiterin die Teilnehmerinnen bat, ein Bild von ihren Vaginas zu malen. Eve Ensler „malte einen riesigen schwarzen Fleck, der von kleinen krakeligen Linien umgeben war. Der schwarze Fleck glich einem schwarzen Loch im Weltall und die krakeligen Linien sollten Leute oder Dinge oder auch nur ihre elementaren Bestandteile darstellen, die dort verschwinden. Ich hatte mir meine Vagina immer wie ein anatomisches Vakuum vorgestellt, das wahllos Teilchen und Objekte aus seiner Umgebung einsaugt.“

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So sieht das Schwarze Loch für die NASA aus.

In Mithu Sanyals Buch „Anti-Christie“ (2024) heißt es:“Begriffsklärung, Schwarzes Loch steht für:

„- Das Gefängnis, in dem der Nawab von Bengalen 1756 britische Kriegsgefangene eine Nach lang auf so engem Raum zusammenpferchte, dass von 146 Gefangenen 123 zerdrückt wurden oder erstickten.

– Ein atsronomische Objekt, dessen Masse auf ein extrem kleines Volumen konzentriert ist, benannt nach dem Scjwarzen Loch von Kalkutta, in dem viele Menschen auf engstemm Raum konzentriert wurden.

Zur Erinnerung an das Grauen des Schwarzen Lochs ließ Lprd Curzon, Vozekönig von Indien, 1902 einen Obelisken in Kalkutta errichten. “

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Der Kriegsgott Mars ruft zu seiner friedlichen Nutzung auf

Am 27. Dezember 2012, starb der dienstälteste Mitarbeiter der amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA: ein Schweizer Nachkomme aus einem hinterpommerschen Junkergeschlecht – der Diplomingenieur Jesco von Puttkamer. Bevor er 1962 zur NASA stieß und sich Wernher von Brauns Team anschloß, hatte er sich einen Namen als „Science Fiction“-Autor gemacht. Fortan schrieb er vor allem Sachbücher über den „Aufbruch ins All“ (1969). Sein letztes, kurz vor seinem Tod veröffentlichtes Werk hieß: „Projekt Mars“. Seit 1974 leitete er die „Arbeitsgruppe zur strategischen Planung der permanenten Erschließung des Alls“ in der NASA-Hauptverwaltung in Washington.

Es ging dabei um die Kolonisierung des Weltraums, die erst einmal die Suche nach Planeten mit Lebensmöglichkeiten meinte. Den Anstoß dazu gab, wenn nicht seine eigene Begeisterung für „Science Fiction“, der US-„Futorologe“ Herman Kahn. Mit ihm und den Weltraumkolonie-Ideen der Siebzigerjahre hat sich der Kulturwissenschaftler Claus Pias befaßt. In seinem Aufsatz „Schöner leben“ heißt es über den Futorologen: Der Hintergrund für Kahns „Space-Szenarios“ waren die alarmistischen Prophezeiungen des Club of Rome zu Umweltverschmutzung, Hunger, Ressourcenknappheit und Überbevölkerung 1973. Eine erste „Machbarkeitsstudie“ legte dann 1977 Gerard O’Neill, ein Physiker aus Princeton, vor – mit dem Titel: „Human Colonies in Space“. Er kommt darin zu dem Schluß, „daß es weniger Dreck mache, einen Menschen in den Weltraum zu befördern, als ihn auf der Erde zu lassen.“ Dazu müßte jedoch der „amerikanische Kongreß ein besonderes Gesetz verabschieden, das den Kolonieerbauern den Wunschtraum des Amerikaners erfüllt, nämlich ein schuldenloses Eigenheim, ein Haus in der Weltraumkolonie. Diese Maßnahmen werden die Kolonisierung des Weltraums fördern…Neben allerhand unentfremdeter Arbeit und extraterrestrischem Kunsthandwerk, würde es neue, unschuldige Freizeitvergnügen geben, wie 3-D-Fußball, schwebende Schwimmbäder, meditative Weltraumausflüge oder Sex bei zero-gravity. Offener Raum und Toleranz würden es unterschiedlichen Gemeinschaften erlauben, ‚to do their own thing and build small worlds of their own, independent of the rest of the population‘.“

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Chinesische Raumstation, die seit 2022 ständig bemannt ist.

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Claus Pias sieht in diesen Weltraumkolonie-„Visionen“ eine direkte Anleihe bei den aus der Hippiebewegung hervorgegangenen amerikanischen Landkommunen: „Als berühmtestes Beispiel mag man an ‚The Farm‘ denken, die Steve Gaskin 1971 gründete und mit einer Erstbesetzung von über 300 Leuten den Ausstieg aus der Gesellschaft probte, um in unberührter Gegend als autarke, landwirtschaftliche Gemeinschaft zu leben. Was sich nämlich die sogenannten ‚Ecovillages‘ als Agenda setzen – ‚organic gardening and composting; biological waste management; reuse, recycle, rebuild; renewable power systems; egalitarian and open democratic governance‘ – sollte Punkt für Punkt auch für die Weltraumkolonien gelten.“ Laut Pias verwiesen dabei „Technikapologeten wie Zivilisationskritiker“ gleichermaßen auf eine „Humanität“ – die es dort oben „zu gewinnen und zu entfalten gelte“. Dabei kam es zu Konversionen zwischen den Lagern – „wie das berühmte Beispiel von Timothy Leary zeigt, der von chemischen zu elektronischen Drogen und von Roadtrips zu Spacetrips wechselte.“ Als er 1976 aus dem Gefängnis entlassen wurde, sagte er in einem Interview, dass es einen „extraterrestrischen Imperativ“ gäbe: Wir seien dazu bestimmt, im Weltraum zu siedeln. Dazu legte er auch sogleich ein Programm vor – namens S.M.I.L.E.: „Space Migration, Intelligence Increase und Lifespan Extension“. Sympathisanten wie die Ethnologin Margaret Mead sahen darin eine Chance zur Diversität. Hollywood befaßte sich in mehreren Spielfilmen mit den „Space-Colonies“. Jesco von Puttkamer war von 1978 bis 1980 technischer Berater für „Star Trek – Der Film“. Claus Pias schreibt über die Landkommune-Utopien dieses und anderer Weltraumbesiedler: Sie würden „schwerlich den Verdacht abweisen können, dass hinter der versprochenen menschenfreundlichen Pluralität immer schon ein (sich selbst ideologiefrei wähnender) Ingenieur herrscht. So oft und unverblümt das Wort ‘humanity’ im Schrifttum der Kolonisierer fällt, so wenig Vertrauen scheinen sie in dieselbe investieren zu wollen.”

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USA

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UDSSR

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Ab Mitte der Achtzigerjahre ging Jesco von Puttkamer auf Missionsreise – u.a. um Geldgeber für die Weltraum-Siedlungsprojekte zu finden. Dazu organisierte u.a. die Kölner Universität 1987 mit Unterstützung namhafter Sponsoren aus Politik und Wirtschaft für ihn einen Kongreß zum Thema „Weltraum als Markt – Die zivile Nutzung des Weltalls“. Im Jahr darauf lud ihn die Techische Universität Berlin zu einem ähnlichen Thema ein.

Die taz schrieb über seinen Auftritt in der TU: „‚Wir möchten auf die Europäer nicht mehr länger verzichten‘, erklärte der NASA-Projektleiter Jesco von Puttkammer. Der in den USA eingebürgerte Freiherr entwarf mit Hilfe von »Ektas« und Overhead-Projektion eine Vision der ‚Humanisierung des Alls‘, in der altes deutsches Ingenieurdenken, amerikanischer Pioniergeist und New Age-Begrifflichkeit – ‚Netzwerkdenken‘ – einen tibetanischen Gebetsmühlen-Charakter annahmen. Den Einwänden der „Ökos“ hielt er entgegen, ihr Denken sei noch im 19. Jahrhundert behaftet, man habe es nunmehr – in der Verbindung von Technik und Gesellschaft im Weltraum, „Natur ist ja schon da“ – mit einer „Super-Ökologie“ zu tun. Den Feministinnen kam er zuvor: Auch deren Interessen seien bei den Space-Missions bestens aufgehoben. Die Gewerkschafter beruhigte er mit dem Hinweis: ‚Für den Bau der Großraumstation seien jetzt schon 12.000 Arbeitsplätze in Kalifornien entstanden‘. Den um ihre Sicherheiten besorgten Investoren kam er mit der US-Regierung, die sich auf Folgendes festgelegt hatte: ‚1. Verpflichtung und nationaler Wille zur Raumstation, 2. Expansion über die Erdorbits hinaus, 3. Schaffung von Opportunitäten für US-Firmen im All‘.“

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Zwei junge Kosmonauten im Prenzlauer Berg.

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Einen Monat später hielt Timothy Leary im Westberliner Tempodrom einen Vortrag zum selben Thema – „Space Emigration“. Die Ostberliner Popsängerin Nina Hagen wollte daraufhin sofort die Erde verlassen. Als „die Mauer fiel“ gab es jedoch auch hier auf Erden plötzlich genug Abenteuerliches. Die NASA-Weltraumprogramme gerieten darüber fast in Vergessenheit, zudem schrumpfte auch noch die sowjetische Kosmosforschungsprogramme in Baikonur mangels finanzieller Unterstützung immer mehr zusammen. Dort wurden die Raketenflüge zum Teil bereits von internationalen Tabakkonzernen bezahlt – und mußten dafür mit Werbung für die Zigarettenmarke „West“ in den Orbit starten, die ein westdeutscher Punksänger und Maler auf den Raketenkörper malte. Danach zahlte Pepsi Cola fünf Millionen Dollar dafür, dass die noch im All auf der sowjetischen Raumstation MIR verbliebenen Kosmonauten außerhalb ihrer Station eine Pepsi-Dose schweben ließen. Etwas später startete eine russischen Protonrakete von Baikonur aus mit dem Logo von „Pizza Hut“. Mike Rawlings, Chef der weltweit größten Kette von Pizza-Restaurants erklärte dazu: „Wir wollten ein mythisches Symbol, um der Welt zu zeigen, dass unser 41 Jahre alte Pizza Hut Brand revitalisiert wird und mit einem schwindelerregenden Wachstum ins neue Jahrtausend eintritt…Das ist nur ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Sprung für unsere Erneuerung von Pizza Hut.“ Immerhin werde man 500 Millionen Dollar investieren, um die Restaurants umzubauen und um das neue Image der Öffentlichkeit in einer Werbekampagne zu vermitteln. Die Bemalung der Rakete kostete erst einmal eine Million Dollar.

Florian Rötzer meinte dazu in seinem Internetmagazin „telepolis“, die Kampagne zeige, „dass nun der Weltraum offen ist für die Kommerzialisierung. Vielleicht wird die Raumstation ja tatsächlich zu einem Werbeträger, und wahrscheinlich hofft auch die NASA, mehr Gelder über Werbung zu erhalten. Pizza Hut hat jedenfalls noch weitere Anschläge auf die Aufmerksamkeit vor: Wenn eine Sojus-Rakete die ersten drei Amerikaner auf die sowjetische Raumstation bringt, wird dort die erste Pizza-Party im Weltraum stattfinden. Da Lebensmittel im Weltraum anderes schmecken würden, werde man auch eine neue Weltraumpizza kreiieren: ‚Pizzas sind das beliebteste Nahrungsmittel auf der Erde – und jetzt wird die Pizza von Pizza Hut zum beliebtesten Nahrungsmittel im Weltraum werden‘.“

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Ein „Rocket-Boy“ in Buxtehude.

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Trotz solch kosmischem Optimismus fehlte auch dem amerikanischen Programm seit dem Zerfall der Sowjetunion schon bald der Schwung – und das Geld. Lustlos wurden privatwirtschaftliche Kooperationen vereinbart und reiche Touristen mit preisgünstigen Angebote in den Weltraum gelockt – “just for fun”. 1998 war diese immer offensichtlicher werdende systemübergreifende Krise bereits in dem Dokumentarfilm des polnischen Regisseurs Maciej Drygas: “Der Zustand der Schwerelosigkeit” von drei ehemaligen sowjetischen Kosmonauten diskutiert worden. K1 meinte damals: “Die Zeit von Gagarin – das war großartig. Die ganze Nation war begeistert. Es ist uns gelungen. Wir sind die ersten!” K2 ergänzte: “Jetzt wollen die Leute dagegen, dass etwas Nützliches bei der Weltraumforschung herauskommt”. K3 präzisierte daraufhin: “Wir haben unser Hauptproblem nicht gelöst. Wir können in den Weltraum fliegen, dort arbeiten und wieder zurückkehren, aber wir haben keine natürliche menschliche Betätigung im Weltraum – im Zustand der Schwerelosigkeit – gefunden. Bis jetzt haben wir keine produktive Tätigkeit dort oben entwickeln können. Ich empfinde das als persönliches Versagen”.

2001 wurde die sowjetische Raumstation MIR (Dorf, Welt, Frieden auf Russisch) mit einem „kontrollierten Absturz“ sozusagen vom Himmel geholt. Am 21. April 2001 jährte sich auch Juri Gagarins Weltraumflug zum 40. Mal. Aus diesem Anlaß trafen sich die Freunde der sowjetischen Kosmosforschung im Berliner Haus der russischen Kultur. Ihr Treffen wurde „überschattet vom Ende der Raumstation Mir”, wie es in den Hauptstadt-Medien hieß. Der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn wünschte der MIR einen gelungenen „Absturz”, begrüßte ansonsten jedoch ihre internationale Nachfolgerin ISS, weil solche Stationen als “Objekt des Stolzes” für die einzelnen Nationen inzwischen zu teuer geworden seien.

Auch Alexander Kaleri war nach Berlin gekommen. Er hatte im Jahr davor, am 15. Juni als Letzter oben in der MIR das Licht ausgeknipst – und den Autopiloten angeschaltet. Jähns damaliger Kopilot Waleri Bykowski hielt statt einer Rede, die er in Moskau vergessen hatte, eine Eloge auf Gagarin – “den Träumer und strengen Ausbilder”. Dessen Autobiografie war kurz zuvor auf Deutsch im Elbe-Dnjepr-Verlag erschienen. Mit Gagarin wurde – folgt man dem Philosophen Emmanuel Lévinas – endgültig das Privileg “der Verwurzelung und des Exils” beseitigt. Man könnte auch sagen: Seit Gagarins Weltraumflug gilt die einstige jüdische “Juxtaposition” für jeden und niemanden mehr. Hinzu kommt, dass in der sowjetischen Kosmonautik die Psychoanalyse überlebte, d.h. jeder Kosmonaut hatte – wegen seiner irren Träume dort oben, über die auch Siegmund Jähn einmal ausführlich berichtete – neben dem Ground-Control-Diensthabenden noch einen Psychoanalytiker am Boden. Mit Lévinas kann man das damit erklären, dass diese letztmalige “Verführung des Heldentums” sich nur “jenseits der Infantilität” verwirklichen läßt. Heldentum und Heimweh sind für ihn die zwei Seiten ein und derselben Wiederentdeckung von “Welt und Kindheit”.

Auf Deutsch erschienen dann – ebenfalls im Elbe-Dnjepr-Verlag – auch noch die fünfbändigen Memoiren des stellvertretenden Leiters des sowjetischen Raketenbau-Programms: Boris E. Tschertok. An einer Stelle heißt es darin, dass trotz wiederkehrender antisemitischer Direktiven von oben (gegen die Kosmopoliten z. B.) „die Juden in der Verteidigungs- und in der Atomindustrie von Stalin und Berija nicht nur gelitten, sondern talentierte Juden sogar beschützt wurden. Sie wurden fast genauso bewacht wie Mitglieder der Regierung.” Tschertok legt nahe, dass auch hinter dem Weißrussen Gagarin viele jüdische Forscher und Techniker standen, dass also auch die Weltraumforschung eine “jüdische Wissenschaft” war, mindestens in der Sowjetunion.

Der amerikanisierte Schweizer Adlige Jesco von Puttkamer wurde 2004 an der Realisierung des Mond/Mars-Langfristprogrammes der NASA beteiligt, das vom damaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten George W. Bush initiiert wurde. Ab 2007 war er im „Office of Space Operations“ (OSO) in führender Stellung mit der neuen, diesmal „internationalen“ Raumstation „ISS“ (die von den Amis zunächst als militärische Station geplant war) befaßt. Die Pläne für eine große, internationale Raumstation gehen bis in die 1980er Jahre zurück. „Die Station war damals noch unter den Namen Freedom bzw. Alpha in Planung. Die ISS befindet sich seit 1998 in Bau und ist zurzeit das größte künstliche Objekt im Erdorbit. Sie kreist aktuell in ca. 400 km Höhe und soll mindestens bis ins Jahr 2020 betrieben werden,“ heißt es auf Wikipedia.

Ich schrieb 2009 in der taz: „Dass der Tod von Michael Jackson (“Moonwalk”) und das Jubiläum der ersten Mondbegehung (durch den Astronauten Armstrong) zusammenfallen, ist natürlich ein schöner Zufall, aber dass die Medien sich seit Tagen wegen dieses “kleinen Schritts” auf dem Mond überschlagen ist mehr als dämlich.“ In der NZZ hieß es zuvor: “Die Gründe für das wiedererwachte Interesse am Mond sind vielschichtig. Neben dem Ringen um die Vormachtstellung im Weltraum spielen handfeste wirtschaftliche Interessen – Stichwort Bodenschätze – eine Rolle. Auch die Wissenschaft meldet sich zu Wort und verweist darauf, dass der Mond trotz den Apollo-Missionen immer noch Rätsel aufgibt. Es wird sich zeigen, ob Obama auch in der Raumfahrtpolitik neue Akzente zu setzen gedenkt. Dabei geht es nicht primär um die Frage, ob man zum Mond fliegen soll oder anderswohin. Entscheidend ist vielmehr, ob es Obama gelingt, eine Gesamtstrategie zu entwickeln, die auf breite Zustimmung stösst. Denn ohne gesellschaftliche Geschlossenheit rückt im Weltraum jedes Ziel in weite Ferne – ob es nun Mond, Mars oder anders heisst.“

Es geht also um “gesellschaftliche Geschlossenheit” – deswegen das ganze Mediengedröhne, auch in Europa: „So wäre die europäische Raumfahrtbehörde ESA ohne die Nasa kaum in der Lage, ihre Pläne für eine bemannte Mission zum Mond zu verwirklichen,” schreibt die NZZ.

Jesco von Puttkamer wurde 1996 die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber von der Universität Saarbrücken verliehen. Von 1983 bis 2000 war er als Honorarprofessor an der TH Aachen tätig (noch in der letzten Novemberwoche 2012 hielt er dort laut Wikipedia als Honorarprofessor Vorträge vor Studenten). 2009 veröffentlichte er das Buch „Abenteuer Apollo 11: Von der Mondlandung zur Erkundung des Mars“ und in seinem letzten Lebensjahr wie erwähnt sein Vermächtnis: „Projekt Mars“.

Von diesem Planeten aus war 2008 von der Marskamera einer Raumsonde ein Datenstrom zur Erde gelangt, dessen Auswertung „Sensationelles“ zutage brachte: „Nicht der Mensch ist das erste Lebewesen auf dem Mars, sondern eingefrorene Bakterien“: Diese sind nämlich mit Raumsonde „Phoenix“ auf den roten Planeten gelangt, sagen manche Forscher. Sollte sich der Rote Planet erwärmen, könnte dort Leben erwachen. Dies würde den Weg für den Menschen ebnen, hieß es in der „Welt“:

„Phantasien wie die etwa von Jesco von Puttkamer werden mit den Erkenntnissen von Phoenix ein kleines bisschen realistischer. Müssten doch die von ihm angedachten Siedlungen auf dem Mars ‚die Nabelschnur kostspieliger Nachschubtransporte von der Erde auf ein Minimum reduzieren‘, meint der Marsexperte und Chefvisionär der Nasa; es gelte, die ‚Verwendung lokal gewinnbarer Rohstoffe und ein Treibhaus für die Eigenerzeugung agrarischer Produkte zum Grundstein ständiger Besiedlung zu machen‘.

Von Puttkamer der Anfang der 60er Jahre zum Team Wernher von Brauns stieß und mit ihm die Saturn-Rakete für die Apollo-Missionen zum Mond baute, will nun weiter hinaus. Für ihn ist es ein kultureller Prozess, zum Mars aufzubrechen, der zum genetischen Programm des Menschen gehöre, ähnlich wie die Reise des Kolumbus. Er denkt deshalb an Projekte in noch fernerer Zukunft als jene in 25 Jahren mit den ersten ‚Mars-Menschen‘, er sieht den Mars als ‚Heimstätte für einen echten Ableger der irdischen Zivilisation, nicht lediglich einen Außenposten für wissenschaftliche Forschung und Bergbau wie den Mond‘. Natürlich werde die ‚zunehmende Abnabelung von der Erde‘, die er mit der kolonialen und nachkolonialen Geschichte Amerikas vergleicht, ‚viele Generationen dauern‘. Währenddessen aber könnte reger Außenhandel laufen: ‚Mars müsste spezialisierte High-Tech-Produkte, Luxuswaren und nicht örtlich vorkommende Rohstoffe importieren, und sein Export bestünde aus eigenen Gütern oder auch aus den in jeder Pioniergesellschaft frischer sprießender Ideen, Erfindungen und Neuerungen, wie es das Amerika des 19. Jahrhunderts gegenüber der ‚Alten Welt‘ demonstriert hat.‘

Für solch ferne Zukunftsmusik sind gute Nachrichten vom Mars deshalb besonders bedeutsam, weil er auf absehbare Zeithorizonte der einzige Planet ist, der solche Gedankenspiele erlaubt. Ansonsten bietet unser Sonnensystem außer dem sonnennahen und schwer zu erreichenden Merkur sowie der glühend heißen, giftigen, unwirtlichen Venus nur Welten aus Gas. Planeten anderer Sonnensysteme wären mit heute denkbarer Technik nur in Jahrtausende langen Reisen erreichbar. Der Mars dagegen wäre schon in den 80er Jahren von Menschen betretbar gewesen, mit Fortentwicklungen der Apollo-Technik aus der Mondfahrt. Davon sind die Nasa-Experten heute überzeugt.

Zurück zu Jesco von Puttkamers „Vision“ einer Koloniegründung auf dem Mars: Sie ist erst einmal zurückgestellt – so lange bis die Existenz von Leben in seinen Anfängen, in Form von Bakterien, geklärt ist. Danach, d.h. wenn es sie dort gab oder gar noch gibt, dann wird man die Frage zu klären haben, ob man dort mit ihnen leben kann. Mit den irdischen Milchsäurebakterien der Gattung Carnobacterium haben wir bereits eine lange Zeit des Zusammenlebens hinter uns – sie sind für uns „nützlich“ bei der Herstellung verschiedener Lebensmittel.

Hienieden auf Erden wurde derweil – seit 1991 bereits – eine Art Marskolonieleben – simuliert: mit dem Projekt „Biosphäre 2“: Ein 1991 für 200 Millionen Dollar erbauter Gebäudekomplex in Arizona, mit dem Ziel, ein von der Außenwelt unabhängiges, in der ursprünglichen Planung sich selbst erhaltendes Ökosystem zu schaffen. Das Experiment sollte beweisen, dass in einem eigenständigen, geschlossenen ökologischen System Leben langfristig möglich ist. Es gilt jedoch nach zwei erfolglosen Versuchen erst einmal als gescheitert. Wikipedia schreibt: „Der technische Aufwand (Pumpen, Filtersysteme, Ventilatoren) dabei war erheblich, da ein komplettes und autarkes Lebenserhaltungssystem geschaffen werden sollte. Die diesbezügliche Verwirklichung von Langzeitreisen im Weltraum oder Weltraumkolonien war als Fernziel ebenfalls Gegenstand des Experiments. In den verschiedenen Biotopen Lebensräume, in denen Lebewesen leben können) wurden außerdem ca. 3800 verschiedene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt.

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Das amerikanische Haus in Arizona: Biosphäre 2

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Acht Teilnehmer lebten bis 26. September 1993, genau 2 Jahre und 20 Minuten in dem Glasgebäude mit dem Ziel, vollständig von allen Außenkontakten (Luft- und Materialaustausch) abgeschlossen zu sein, außer vom natürlichen Sonnenlicht und zugeführter elektrischer Energie.

Im Laufe der Zeit ergaben sich Zustände, die das Leben der Bewohner sowie der anderen Lebewesen zunehmend beeinträchtigten. Beispielsweise ergaben sich aus ökologischer und sozialer Sicht folgende Probleme:

  1. Der in der Konstruktion verbaute Stahlbeton absorbierte schleichend (über den Umweg CO2 im Pflanzenkreislauf) Sauerstoff. Auch diffundiert Sauerstoff wesentlich schneller aus einer Glaskuppel als Kohlenstoffdioxid, da es ein wesentlich kleineres und leichteres Molekül ist.

  2. Parasitäre Mikroorganismen im Ackerboden erhöhten die Anteile von Stickstoff bzw. Kohlendioxid in der Atmosphäre.

  3. Kakerlaken und eine spezielle Ameisenart (Gelbe Spinnerameisen) breiteten sich extrem aus.

  4. Eine zweite Gruppe hielt sich 1994 über sechs Monate lang in der künstlichen Biosphäre auf. Während dieser Zeit wurden mit wenigen Ausnahmen die Luft, das Wasser und die Nahrung für die in ihr befindlichen Menschen von den Ökosystemen erzeugt und wieder aufbereitet. Aber nicht das soziale Miteinander: Sie zerstritten sich. Die Einrichtung befindet sich seit 2002 wieder im Besitz des Erbauers, des Öl-Milliardärs Edward Bass. Die Universität von Arizona wünschte, sie von ihm zu pachten und zur Erforschung der Globalen Erwärmung zu nutzen, woraufhin sie der Uni kostenlos zur Verfügung gestellt wurde. Seit 2012 offeriert die Uni Besichtigungstouren zu Biosphäre 2.

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Das russische Haus für Kultur und Wissenschaft in Berlin.

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Das Russische Haus in Berlin, das von einer ehemaligen Kosmonautin geleitet wurde, lud einen amerikanischen Kollegen ein, den Astronauten Charles Duke und seine Ehefrau Dotty. Den beiden ging es primär um ihren Gottesbeweis. “Charlie” leitete den Vortrag mit seinem Spaziergang auf der dunklen, “erdabgewandten Seite des Mondes” und seiner anschließenden Ehekrise ein: “Wenn ich zu Hause war, gab ich meinen Kindern Befehle, als wäre ich ein General, der ich auch tatsächlich war.” Dotty wurde derweil immer depressiver: “Als er vom Mond zurückkam, hatte er sich nicht geändert!” Dazu konnte man für 2 Euro ein Büchlein von ihr erwerben: “Die Gattin eines Astronauten – Von der Traurigkeit zur Freude”. Ihr Mann ist inzwischen Priester in Texas, sein Geld verdient er als Bierhändler – wobei er einer seiner besten Kunden ist, wie der Berliner Kurier schrieb.

Ich unterhielt mich anschließend noch mit dem letzten – ebenfalls religiös gewordenen – US-Kommandanten des Spandauer Kriegsverbrechergefängnisses Eugene K. Bird, der in einem von Albert Speer im Knast entworfenen Haus in Dahlem lebt und Vertreter für Ofenrohrreiniger ist. Er meinte, Martin Bormann habe nach dem Krieg für den CIA gearbeitet und wäre erst 1992 in Argentinien gestorben, einer seiner Söhne sei von Walter Scheel adoptiert worden, und Rudolf Hess, der zuletzt ebenfalls zum Christentum zurückfand, sei von den Westalliierten im Spandauer Gefängnis ermordet worden, was man anschließend mit Sekt gefeiert habe. Der Nazismus, der Wahn von der Überlegenheit der weissen Rasse, sei im übrigen nicht tot, sondern lebe in Amerika weiter.

Vor allem der Wahn von der Überlegenheit des christlichen Gottes – z.B. gegenüber dem Mondgott “Trival” der Fulbe in Burkina Faso. Immerhin hat dieser noch jeden Ami-Astronauten, der den Mond betrat, durchknallen lassen: Der größenwahnsinnige Ed Mitchell (Apollo 14) behauptet seitdem, Außerirdische hätten ihn zu einem “Guru” ausgebildet. Der Astronaut Jim Irwin (Apollo 15) suchte danach die Arche Noah auf dem Berg Ararat und wurde Wanderprediger. Der Alkoholiker Edward Aldrin (Apollo 12) vergnügte sich oben angeblich mit “Weltraum-Groupies” und schreibt seitdem Sciene-Fiction-Pornos. Der “erste Mensch auf dem Mond” – Neil Armstrong – unterstützte zuletzt die beiden Bush-Präsidenten. Der Astronaut Alan Bean malt seit seiner Rückkehr auf die Erde ununterbrochen den Mond.

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Als den Astronauten das Rauchen unter dem Sauerstoffhelm  noch nicht verboten war.

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Für die Verfilmung des amerikanischen Peenemünde-Romans „Die Enden der Parabel“ von Thomas Pynchon durch den Regisseur Robert Bramkamp, der seine Doku-Fiction dann „Prüfstand 7“ nannte, interviewte ich die einstige „Peenemünderin“ Ruth Kraft, die es nach 1945 in der DDR zu einer Bestsellerautorin brachte.

Die Autorin hatte als technische Rechnerin im Windkanal des aerodynamischen Instituts der Heeresversuchsanstalt gearbeitet und diese Erfahrung nach dem Krieg zu einem Roman „Insel ohne Leuchtfeuer“ verarbeitet, der 1959 im Verlag der Nation erschien. Das Buch wurde bis zum Ende der DDR 23mal wiederaufgelegt und insgesamt über 500 000mal verkauft. 1991 gab es der ehemalige kaufmännische Geschäftsführer des Verlags in seinem eigenen Verlag, Vision, neu heraus.Zwar haben viele “Peenemünder” über ihre damalige Pionierarbeit Buch geführt: erwähnt seien Walter Dornberger (von der Autorin “der General” genannt), und sein Direktor, Wernher von Braun (“der Doktor”) – aber Ruth Kraft ist die einzige Frau, die dabei auch noch im Gegensatz zu den männlichen Autoren, bewusst Fakten und Fiktion vermischte.

Ihr autobiographischer Roman wurde in der DDR, wenigstens anfänglich, vor allem von Frauen gelesen.”Das Buch war sofort ein Knüller, weil zuvor noch niemand über das Thema geschrieben hatte.”
Gleich bei ihrer ersten Lesung in Wolgast wurde Ruth Kraft von einer Mathematiklehrerin angesprochen: “Das war die in dem Roman gewesen, die den spitzen Schrei unter der Dusche ausgestossen hatte. Sie war mir aber nicht böse. ,Aber was du mit dem Buch hier [unter den ehemaligen ‚Peenemündern‘] angerichtet hast . . .’, meinte sie.”

Damals wurden gerade in den Arbeitsdienstlagern Maedchen mit Abitur fuer die Heeresversuchsanstalt rekrutiert. Obwohl ohne Abitur stellte die dortige Personalstelle Ruth Kraft aufgrund ihrer guten Mathematiknoten am 1. Maerz 1940 ein. Sie blieb drei Jahre und lernte dabei einige hundert Leute kennen: “beruflich und auf geselliger Ebene. Aspekte, die mir spaeter die ganze Chose am deutlichsten darzustellen schienen, habe ich mir jeweils aus verschiedenen Personen rausgesucht. Wir lebten dort sehr freizuegig und in herrlicher Landschaft. Es bildeten sich Freundeskreise. Viele Maenner, Ingenieure und Wissenschaftler, waren ja Junggesellen und meist vier bis sechs Jahre aelter als die Maedchen. Die Spitzen der Unverheirateten wohnten “Am Platz” – Wernher v. Braun z.B. und sein Stellvertreter Eberhard Rees, ebenso die Erprobungsflieger, zu denen gelegentlich auch Hanna Reitsch gehörte. Am Platz befand sich auch das Kasino, das war unser Treffpunkt.Ein Grossteil ihres Buches befasst sich mit den Liebesabenteuern der freiwilligen und dienstverpflichteten Mädchen – auf Partys, Segeltoerns in den Greifswalder Bodden, Ausflüge zum Festland und Rendezvous am Strand.

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Der russische Weltraumfilm „Wysow“ von Wladimir Kaminer

Am Anfang war Tom Cruise. Er wollte den ersten Film im Weltall drehen, zu diesem Zweck kam er mit seinem Filmteam nach Russland und nahm Kontakt mit dem Direktor von „Roskosmos“, der Weltraumorganisation der russischen Föderation, auf. Er ist in Russland ein gern gesehener Gast. Putin mag ihn, wie er kleine schlaue Männer mag, die angstfrei agieren. Der Schauspieler suchte eine passende Rakete für seinen Actionfilm, die ihn und sein Filmteam samt Ausrüstung weit genug ins Weltall schießen könnte. Der adrenalinsüchtige Cruise ist dafür bekannt, dass er seine Actions ohne Stuntman dreht, wie eine Eidechse auf Felsen klettert, nur mit einem dünnen Seil abgesichert vom Dach des höchsten Hauses der Welt springt, und brennende Autos zu Schrott fährt. Der Mann kann angeblich 6 Minuten lang unter Wasser die Luft anhalten und rückwärts schwimmen. Er hat auch schon in der Schwerelosigkeit eines vom Himmel fallenden Flugzeugs eine Kampfszene gedreht. Angeblich musste die Szene 23 Mal wiederholt werden. Welche Heldentaten hat er für seinen ersten Weltraumfilm geplant? Wollte er ohne Astronautenanzug auf der Kapsel herumschrauben, mit Meteoriten Fußball spielen, Außerirdische k.o. schlagen? Die Möglichkeiten für Actionszenen sind auf einer Raumstation ziemlich begrenzt. Da kann man nicht allzu toll herumspringen. Aus dem Projekt wurde sowieso nichts, Cruise machte einen Rückzieher ohne Angabe von Gründen. Man munkelte, die amerikanische Administration habe dem Schauspieler verboten, mit einer russischen Rakete zu fliegen, das sei eine unpatriotische Kooperation und würde ein falsches Signal in die Welt setzen, so als wären die russischen Raketen den amerikanischen überlegen. Er solle mit einer heimischen Dragon fliegen oder noch besser sein Weltraumabenteuer auf der Erde in einem Hollywood-Studio nachstellen.

Die Russen waren maßlos enttäuscht. Der Direktor von Roskosmos sagte, wenn die Amerikaner so feige sind, dann drehen wir unseren eigenen Film, keinen stumpfen Actionfilm, sondern eine Liebesgeschichte, denn der Kosmos soll kein Schlachtfeld, sondern ein Ort der Liebe sein. Der Plot des Films ( Arbeitstitel: „Die Herausforderung“) darf nicht erzählt werden, ich spekuliere: Einem alten russischen Kosmonauten ist auf der Raumstation schlecht geworden, er hat was am Herzen, sendet einen Notruf und flugs kommt eine junge Ärztin zu ihm hoch, die ihn am offenen Herzen im All operiert. Kaum kommt er wieder zu sich, fangen die beiden an, einander zu mögen. Inzwischen sind die Szenen im Weltraum abgedreht, der Regisseur und die Schauspielerin samt fünf Kameras wurden erfolgreich ins Weltall transportiert und sind zurückgekehrt, drei Kameras sind abgebrannt, zwei geblieben, die Darstellerin landete gesund und munter auf der Erde:

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Die Schauspielerin, eine äußerst attraktive und begabte junge Frau, gab gleich nach der Landung, bereits gut geschminkt, Interviews – darüber, wie anstrengend und herausfordernd die Dreharbeiten waren. Am schlimmsten fand sie, dass man in der Schwerlosigkeit die wichtigsten Sachen nicht bei sich behalten kann, Lippenstift, Tusche, die ganze Kosmetik flog ihr ständig aus der Hand. Sie musste die notwendigsten Sachen mit einem Klebeband befestigen und hinter sich schleifen lassen. Sie klebte die Sachen immer wieder mal an einer und mal an einer anderen Ecke in der Kabine an und vergaß schließlich ihre gesamte Kosmetiktasche im Weltall. „Ich hoffe sehr,“ sagte die Schauspielerin, „dass wir bald den zweiten Teil drehen, ich vermisse meine Kosmetiktasche sehr“.

Natürlich ist der Film schon jetzt der teuerste aller Zeiten. Wenn man den russischen Klatschblättern glauben darf, ist die Schauspielerin die neue Freundin von Roman Abramowitsch, dem russischen Milliardär und Besitzer des Fußballvereins Chelsea. Er habe sich an den Raketenflugkosten beteiligt, behaupten die Klatschblätter. Die Dreharbeiten wurden zur Hauptnachricht des Monats, das Land ist stolz wie Bolle.

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Die Rakete ISS Sojus mit der das Filmteam zur Raumstation flog.

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Countdown statt Klappe. Auch die ISS-Besatzung spielte im Film mit. Von Martha Wilczynski, ARD-Studio Moskau

Bei diesem Flug geht es der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos vor allem um eines: „Nochmals zu beweisen, dass wir die Besten sind. Dass wir auch Nicht-Fachleute nehmen und sie in kurzer Zeit vorbereiten – ihnen die Möglichkeit geben, ins All zu fliegen, sie dort ihre Arbeit machen und ihre Mission erfüllen lassen.“ So erklärt es Anton Schkaplerow, Kommandeur der Sojus MS-19.

Diese Rakete ist pünktlich vom kasachischen Weltraumbahnhof Baikonur zur Internationalen Raumstation ISS aufgebrochen – mit Klim Schipenko und Julia Peresild an Bord, einem Filmregisseur und einer Schauspielerin. Ihre Mission: Den ersten Kinofilm im Weltraum zu drehen.

Rund vier Monate haben sie sich im Trainingslager der Kosmonauten darauf vorbereitet. Schon da habe sie verstanden, dass es ein äußerst schwieriger Dreh werde, erzählte die 37-jährige Schauspielerin, die sich gegen Tausende Bewerberinnen auf die Rolle durchgesetzt hat, vor dem Start. Angst vor dem Flug ins All habe sie aber nicht: „Das Gefühl der Schwerelosigkeit ist ein unglaubliches. Nur die ersten zwei Sekunden fürchtest du dich. Dann begreifst du aber, welche grenzenlosen Möglichkeiten dir das gibt.“

Der Arbeitstitel des Films „Wyzow“ – auf Deutsch: „Herausforderung“ – ist somit genauso zutreffend für die Dreharbeiten. Und auch im Inhalt spiegelten sich die Erfahrungen, die das Filmteam an Bord der ISS machen wird, erklärt Regisseur Klim Schipenko:

Die Grundlage dieses Films ist die Geschichte einer Frau, die mit Raumfahrt nichts zu tun hat – und der angeboten wird, zur ISS zu fliegen. Sie ist Ärztin und soll dort einem Kosmonauten das Leben retten. Also das tun, was sie eigentlich auf der Erde tut – nur unter ihr bisher unbekannten Bedingungen.

Auch die Besatzung der ISS werde sich in den kommenden Tagen auf unbekanntem Terrain bewegen, meint Schipenko: „Die Kosmonauten werden bei den Dreharbeiten helfen und Rollen spielen. Das Drehbuch ist so geschrieben, dass sie zu Schauspielern werden und wir – zu Kosmonauten. Es ist ein kreativer beruflicher Erfahrungsaustausch.“

Mindestens zwölf Tage soll das Filmteam auf der ISS verbringen. Die Dreharbeiten sollen direkt nach dem Andocken beginnen. Auch Kommandeur Schkaplerow, der das Team zur ISS fliegt, wird eine Rolle übernehmen – für ihn der eigentlich interessante Teil dieser Mission.

Herauskommen soll am Ende aber kein großer Blockbuster à la Hollywood, sondern ein „einzigartiges wissenschaftliches und pädagogisches Projekt“, wie es vonseiten der russischen Raumfahrtbehörde heißt. Und zwar eines, das vermitteln soll, dass jeder ins All fliegen könne. Denn auch Russland ist engagiert im Zukunftsprojekt Weltraum-Tourismus.

Bevor es aber soweit ist, ist man erst einmal stolz darauf, nach dem ersten Weltraumsatelliten und dem ersten bemannten Raumflug nun auch den ersten Film vorweisen zu können, dessen Dreharbeiten nicht mit einer Klappe beginnen, sondern mit einem Countdown.

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Ein Millionär, der mit seiner Rakete beweisen will, dass die Erde eine Scheibe ist.

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Zwei Anfragen per mail:

1. „Subject: Nigerianischer Astronaut möchte nach Hause. Dr. Bakare Tunde, Astronautics Project Manager National Space Research and Development Agency (NASRDA). Dear Mr. Sir, Anfrage um Assistenz – strikt vertraulich. Ich bin Dr. Bakare Tunde, Cousin des nigerianischen Astronauten Luftwaffenmajor Abacha Tunde. Er war der erste Afrikaner im Weltraum, als er 1979 seinen geheimen Flug zur Weltraumstation Saljut 6 unternahm. 1989 beteiligte er sich am Weltraumflug Sojus T-16Z zur geheimen sowjetischen Militärstation Saljut 8T. Als sich die Sowjetunion 1990 auflöste, strandete er dort. Seine Kameraden, die sowjetischen Kosmonauten, kehrten mit der Sojus T-16Z zur Erde zurück, aber sein Platz wurde von technischem Gerät eingenommen. Es hat gelegentlich Versorgungsflüge gegeben, um ihn am Leben zu erhalten. Sein Gesundheitszustand ist auch in Ordnung, aber er möchte endlich nach Hause. Während der 14 Jahre, die er seitdem da oben verbracht hat, sind16 pt Kosten für die Flüge und andere Ausgaben in Höhe von fast 15.000.000 US-Dollar aufgelaufen. Der Betrag steht im Fonds der Lagos National Savings and Trust Association zur Verfügung. Wir müssen jedoch noch weitere Anstrengungen unternehmen, um diese Schuldsumme bei der russischen Weltraumbehörde zu begleichen, damit er wieder zur Erde zurückkehren kann. Mir wurde gesagt, das werde noch einmal 3.000.000 US-Dollar kosten. Um mit dem Trust weiterzukommen, brauchen wir Ihre Hilfe. Meine Kollegen und ich sind bereit, die gesamte Summe auf Ihr Konto zu transferieren. Weil wir Staatsbedienstete sind, ist uns von seiten des Code of Conduct Bureau (Civil Service Laws) verboten worden, Konten im Ausland zu eröffnen. Überflüssig zu erwähnen, dass wir großes Vertrauen in Sie setzen, wir sind bereit, Ihnen 20 Prozent der zu transferierenden Summe zu überlassen, weitere zehn Prozent sind reserviert für unvorhergesehene Ausgaben (intern oder extern) zwischen den Parteien während der Transaktion. Sie werden hiermit mandatiert, den Auftrag mit den 70 Prozent zu übernehmen. Unsere Bitte ist jedoch, ihn zügig durchzuführen, denn wir sind schon jetzt in Verzug mit der Zahlung, um Abacha Tunde endlich runterzuholen. Freundliche Grüße, Dr. Bakare Tunde, Astronautics Project Manager, http://www.nasrda.gov.ng“ 

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2. „Sehr geehrter Herr, wir haben ein ebenso ernstes wie diskret zu behandelndes Anliegen. Zunächst zu meiner Person: Ich bin stellvertretender Kommandant des Kosmodrom Baikonur. Wie Sie vielleicht wissen, unterscheidet sich der sowjetisch-russische „Kosmos“-Begriff vom amerikanischen „outer space“ dadurch, dass ersterer mit der irdischen Lebenswelt „harmonisch“ verbunden ist, während der US-Weltraum so etwas wie eine „new frontier“ darstellt.

Während der „Kaltes Krieges“ gab es eine Art Wettlauf zum Mars. Bereits im Oktober 1960 starteten innerhalb von vier Tagen zwei sowjetische Raketen, die Sonden zum Mars bringen sollten – lange vor den ersten Versuchen der USA. Im Oktober 1962 starte eine zweite sowjetische Rakete zum Mars. Alle drei Versuche scheiterten. Im Westen sorgte 2015 der Plan einer „Marskolonisation“, finanziert u.a. von einer holländische Stiftung, für öffentliche Aufmerksamkeit. Aus einigen tausend Bewerbern wurden 40 Astronauten ausgewählt, die als Pioniere zum Mars fliegen – und dort bleiben sollten, an ihre Rückkehr war nicht gedacht. Aus diesem Unternehmen wurde jedoch nichts. Seitdem hat die „Mars-Eroberung“ die Amerikaner aber nicht ruhen lassen, sowohl in praktischer als auch und vor allem in propagandistischer Hinsicht. Dies hat die Weltraumorganisation der russischen Föderation Roskosmos bewogen, ihre Flüge zum Mars und dessen Erforschung nicht unter die große Glocke zu hängen, wie man im Deutschen sagt. 2018 und 2019 starteten zwei Raketen mit je vier Kosmonauten. Sie brauchten knapp ein Jahr, bis sie zum Mars gelangten. Dort begannen sie ein Basislager zu errichten. Und nun komme ich zu unserem Anliegen.

Die acht Kosmonauten wollen nun und müssen auch – aus einigen technischen Gründen – so bald wie möglich zurück. Dazu müssen erneut zwei Raketen ausgerüstet und zu ihnen geschickt werden. Das Geld dafür ist da, allein, es befindet sich auf Konten im westlichen Ausland – und die sind gesperrt seit der militärischen Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine. Und wegen dieser Kämpfe sieht sich auch der russische Staat derzeit nicht in der Lage, finanziell auszugleichen. Roskosmos hat aber einen Weg gefunden, wie wir an unser im Westen deponiertes Vermögen herankommen. Dazu brauchen wir Ihre und nicht nur Ihre Hilfe. Sie sollen das nicht umsonst tun, im Gegenteil, für unsere Unterstützer im Westen haben wir eine größere Provisionssumme vorgesehen. Wenn Sie uns grundsätzlich Ihre Mithilfe bei dieser Transaktion zusagen, werden wir Sie mit den Details bekannt machen. Zunächst geht es also darum, Sie zu fragen, ob Sie überhaupt dazu bereit sind. Einer unserer Mitarbeiter wird Sie in den nächsten Tagen kontaktieren, um Ihre Bereitschaft zu erkunden. Freundliche Grüße Sergej Georgijewitsch Panow (Oberst)“

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Juri über uns am Himmel.

 

 

 

 

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