Advertise with Googlier.com Blicktausch https://blicktausch.com Flüchtlinge erzählen - Berichte eines Arabisch sprechenden Helfers Tue, 12 Dec 2017 06:46:01 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 https://blicktausch.com/wp-content/uploads/2015/12/cropped-Blicktausch_Logo-32x32.png Blicktausch https://blicktausch.com 32 32 Tag 54 – Samirs Weg in die Alpen https://blicktausch.com/tag-54-samirs-weg-in-die-alpen/ https://blicktausch.com/tag-54-samirs-weg-in-die-alpen/#respond Tue, 12 Dec 2017 06:46:01 +0000 https://blicktausch.com/?p=1710 Weiterlesen]]> Ich stehe in einer kleinen sauberen Küche im Keller des Zentrums für Pflege und Therapie in Kiefersfelden und wende ein Stück Lammfleisch und ein paar Köfte, die in einer heißen Pfanne vor sich hin brutzeln. Meine Kinder essen einen Schokoladennikolaus, den eine nette Pflegerin ihnen zuvor geschenkt hatte. „Hier kochen wir manchmal zusammen mit Einwohnern, die aus anderen Ländern stammen, landesspezifische Gerichte. Damit sie ein bisschen das Gefühl bekommen zu Hause zu sein.“ erklärt mir die Pflegerin. Entspannt unterhalten wir uns über Samir und seine schwierige Zeit im Pichelmayr Altenheim. „Wie kann das sein, dass dort solche Zustände herrschen? Wir unterliegen so scharfen Regeln und werden drei Mal im Jahr bewertet.“ Ich frage mich, ob Einrichtungen für Behinderte stärker reglementiert sind als Altenheime.

Das Essen ist für Samir. Er wohnt seit drei Wochen hier und ist voller Lob für die Pflege, das Personal und die gesamte Einrichtung.

(Die ganze Geschichte von Samir kann man hier nachlesen)

***

Im August dieses Jahres begleitete ich Samir zu einer Untersuchung nach Großhadern. Dort sagte man uns zu ihn aufzunehmen, um seine schweren Dekubitus zu behandeln. Die Aufnahme erfolgte bereits wenige Tage später im selben Monat. Da das Pichelmayr Altenheim, wo Samir bisher untergebracht war, bereits im Mai eine Kündigung schickte, die jedoch aufgrund mangelnder Alternativen nicht vollstreckt werden konnte, trat die vom Gericht beauftragte Vertreterin mit dem Sozialdienst des Krankenhauses in Kontakt und vereinbarte, dass diese sich um eine Alternative kümmern würde. Vor allem sollte sichergestellt werden, dass die neue Einrichtung im Stande ist, die behandelten Wunden fachgerecht zu versorgen.

Der Sozialarbeiter

In dieser Zeit trat ich in Verbindung mit Herrn Claus Fussek, Sozialpädagoge und Autor, der sich seit langen Jahren für die Rechte von behinderten und alten Menschen einsetzte. Ich schilderte ihm Samirs Fall detailliert in einer Email, worauf er mich zurückrief. Wir unterhielten uns eine Weile und machten ein Treffen aus. In einem Park in der Nähe des Krankenhauses trafen wir uns und unterhielten uns sehr lange über die Lage der Pflege in Deutschland, über Flüchtlinge, alte Menschen und über das Ehrenamt. Wir unterhielten uns über die Verantwortung des Staates und über die Schwierigkeit etwas an den Missständen zu ändern. Herr Fussek äußerte die Hoffnung, dass Samirs Fall etwas Bewegung in die Situation bringen könnte und einige Menschen nachdenklich stimmen würde. Denn was sagt das über ein Land aus, wenn ein Kriegsflüchtling, der vor Tod und Terror geflohen ist, Mitleid mit alten Deutschen hat, die in diesen Pflegeheimen leben müssen. Was sagt das über die Situation in unserem Land aus, wenn einen Kriegsflüchtling nicht Alpträume über Tod und Terror plagen, sondern die Angst in ein Altenheim zurückkehren zu müssen.

Der Anwalt

Vier Wochen nach dem Treffen mit Herrn Fussek, erhielt ich eine E-Mail von Herrn Dr. Lindner, einem Anwalt aus Rosenheim. Er verklage das Pichlmayr Heim in einem anderen Fall und würde sich gerne mit mir über Samirs Situation unterhalten. Ein paar Tage später trafen wir uns im gleichen Park. Er würde gerne Samir vertreten, um eine Klage gegen das Pichlmayr Heim einzureichen. Herr Lindner scheint das Thema wirklich am Herzen zu liegen. Bereits vor Jahren hatte er eine viel beachtete Verfassungsbeschwerde gegen den Pflegenotstand in Deutschland eingereicht. Und auch wenn er damit letztendlich gescheitert ist, so hat sein wagemutiger Schritt für viel Aufsehen gesorgt. Die Pichelmayr Heime wären berüchtigt, für die schlechte Pflege und ihm sind viele Fälle bekannt. Ich muss ihm zustimmen, denn auch ich habe mehrere Familien kennen gelernt, die Angehörige in diesem Heim haben und unfassbare Horrorgeschichten zu erzählen hatten. Er erklärte mir, dass Beschwerden bei der Heimaufsicht meist ins Leere laufen würden, eine traurige Erfahrung, die auch ich bereits machen musste. Nichts würde die Betreiber schließlich mehr treffen als wirtschaftliche Konsequenzen. Und aus diesem Grund würde eine Klage auf Schmerzensgeld am ehesten etwas an den Zuständen ändern können.

Das Problem ist jedoch, dass die meisten Familien vor solchen Klagen zurückschrecken, aus Angst ihre Angehörigen könnten noch schlechter behandelt werden. Oft behaupten die Altenheime auch einfach, dass alles nicht stimmen würde, schließlich sind die meisten Misshandelten alt und leiden unter Demenz. Samir ist anders. Er ist jung und bei Sinnen, sein Zeugnis ist nicht so einfach abzutun.

Wir gingen gemeinsam zu Samir und ich erzählte ihm von dem Vorschlag, wies ihn gleichzeitig jedoch darauf hin, dass es sein kann, dass er von diesem Geld auf Grund seines Status als Flüchtling und seiner Abhängigkeit nichts behalten darf. Darauf antwortete er: „Ich würde mich freuen, wenn wir sie verklagen würden. Mir geht es nicht um das Geld. Sie sollen bezahlen für das Unrecht, das sie mir und anderen antun. Vielleicht hilft es auch denen, die noch dort verweilen. Es gibt da so viele alte Menschen, die sich nicht wehren können.

Einige Wochen später schickt der Anwalt ein Schreiben mit der Bitte auf Übersendung des Heimvertrages, sowie der vollständigen Pflegedokumentation. Das Schreiben wird ignoriert. Nun bereiten wir eine erste Klage auf Herausgabe der Unterlagen vor.

Krankenhaus

In den zwei Monaten Aufenthalt wird Samir zehn Mal operiert. Immer wieder müssen seine Wunden operativ gereinigt werden. Zwischen jeder OP ist er an einem Gerät, dass das Wundsekret absaugt, angeschlossen. Bei den letzten OPs wurde die Wunde schließlich mit eigenem Gewebe und Muskeln abgedeckt. Seine Wunden verheilen und mit der Zeit bessert sich seine gesundheitliche Lage. Medizinisch leistete das Klinikum gute Arbeit. Im November wird er schließlich von einem Arzt aufgefordert das Krankenhaus zu verlassen. Nach einigem hin und her stellt sich heraus, dass der Sozialdienst es versäumt hat eine neue Unterkunft zu organisieren. Die Ärzte erhöhten dennoch den Druck, damit Samir sein Bett im Klinikum verlässt. Wir waren in einer Zwickmühle. In das Pichlmayr konnte und wollte er nicht zurück, und schon gar nicht vor dem Hintergrund der Klage, die wir vorbereiteten.

Heimsuche

Eigentlich hatten wir Anfang November einen Termin bei der Pfennigparade, einer Stiftung, die sich der Inklusion körperbehinderte Menschen widmet. Leider musste ich den Termin kurzfristig absagen, da die behandelnden Ärzte uns erst sehr spät sagten, dass Samir den ersten Monat nach seiner Entlassung weiterhin liegen muss und den zweiten Monat nicht länger als 15 Minuten am Tag sitzen darf. Ich rief also meine Ansprechpartnerin bei der Pfennigparade an und erklärte die Situation. Wir einigten uns, den Termin abzusagen und auf das neue Jahr zu verschieben. In meiner Verzweiflung fragte ich sie noch, ob sie eine Idee für eine Zwischenlösung hätte, wo Samir untergebracht werden könnte. Vor allem musste gewährleistet sein, dass seine Wunden dort fachgerecht gepflegt werden. Sie riet mir, es beim Alpenpark in Kiefersfelden zu probieren. Ich gab den Tipp an die rechtliche Betreuerin weiter, diese setzte sich mit der Einrichtung in Kontakt und keine zwei Wochen später bezog Samir dort ein Zimmer.

Alpenpark

Am letzten Sonntag fand ich endlich die Zeit Samir dort zu besuchen. Am Telefon schon erzählte er mir, dass er sehr gut behandelt wird. Und das alle Pfleger sehr nett und menschlich sind. Begeistert erzählte er mir, dass er gleich nach seiner Ankunft geduscht wurde und täglich seine Zahnbürste ans Bett bekommt, ohne dass er danach fragt. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, doch leider war er auch anderes gewohnt. Vorbei sind die Zeiten, als er im Pichlmayer sechs Monate lang nicht gewaschen wurde und eine Zahnbürste auch nur sehr selten, nach viel Betteln ans Bett bekam. Ich brachte Samir einiges an Essen mit und verstaute es in seinem kleinen Kühlschrank. Denn, auch wenn das Essen im Altenpark im Vergleich zum Pichelmayr sehr gut ist, so tut er sich mit manch deutscher Kost noch immer schwer. Ich fragte also, ob es möglich sei ein bisschen Fleisch für ihn zu braten. Zu meiner Überraschung war dies kein Problem und alles Nötige wurde mir sofort zur Verfügung gestellt. Das Heim wirkte lebendig, viele Einwohner fuhren auf ihren Rollstühlen durch die Gegend. Und nicht wenige schienen dabei gut gelaunt zu sein. Auch begegnete ich mehreren Pflegern, die allesamt freundlich und hilfsbereit waren und immer ein Lächeln im Gesicht trugen. Niemand wirkte dabei gehetzt.

Samir ist dort fürs Erste sehr gut aufgehoben. In wenigen Wochen wird er auch an kleineren Ausflügen teilnehmen können, die für die Bewohner organisiert werden. 4–5mal die Woche erhält er Physio- und Ergotherapie. Eine Ergotherapeutin rief mich sogar vor ein paar Tagen an um ein paar Fragen zu Samirs psychischer Verfassung zu stellen. Kann er Gefühle zeigen? Empfindet er überhaupt Trauer, Wut oder Freude? Allein das Interesse zeigt, dass die Bewohner dort als Menschen behandelt werden. Und ja er kann Gefühle zeigen. Gefreut hat er sich zum Beispiel auch ganz besonders über das freie Wlan.

Familie

Als ich ihn besuchte, begleiteten mich meine Frau und meine Kinder. Es ist mir wichtig, dass sie sehen, dass es Menschen gibt, die im Rollstuhl sitzen, oder anders benachteiligt sind. Früh möchte ich ihnen vermitteln, dass auch dies zu unserer Gesellschaft gehört und wir ihnen mit Respekt und Achtung begegnen können und müssen. Und weil Samir seine Nikolaus-Schokolade mit ihnen teilte und bei ihm auch noch ein Zeichentrickfilm im Zimmer lief, wollten die Kleinen gar nicht mehr gehen.

Samir freute sich die Kinder zu sehen. Ich habe oft gemerkt, dass Menschen mit besonderen Bedürfnissen so wie auch die Menschen im Altenheim beim Anblick kleiner Kinder förmlich aufzublühen scheinen. Meiner Frau zeigte Samir ein Bild seiner beiden Kinder, die weiter in einem Flüchtlingslager in der Türkei ausharren müssen und das, obwohl sie berechtigt wären nach Deutschland zu kommen. Doch sie haben keine Pässe und an diese zu kommen, ist nicht einfach, auf jeden Fall sehr kostspielig, wenn nicht fast unmöglich. Samirs Onkel, der in Damaskus lebt, versprach uns die Pässe dort zu beantragen. Wir schickten ihm das Familienbuch per Post zu. Es kam nie an. Also schickten wir ihm 600 €, damit er dieses neu ausstellen lassen sollte. Das Geld sammelte ich über einen kleinen Spendenaufruf. Immer wieder vertröstete er uns, da die Lage in Damaskus immer unsicherer wurde. Nach mehreren Monaten kam das Familienbuch per Post überraschenderweise zurück zum Absender nach Deutschland. Der Onkel wollte sich auf einmal nicht mehr um die Papiere kümmern und schickte uns das Geld auf Umwegen abzüglich der Gebühren zurück. Wir sind in der Hinsicht also wieder am Anfang. Vor einigen Wochen führte ich ein Gespräch mit Handicap International und bat dort um Unterstützung. Sie versprachen mir, sich mit dem Fall zu befassen. Noch warten wit auf ein Feedback. Es fällt einem jedoch schwer die Hoffnung aufrecht zu halten.

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OEZ Prozess – Vergesslischer Zeuge https://blicktausch.com/oez-prozess-vergesslischer-zeuge/ https://blicktausch.com/oez-prozess-vergesslischer-zeuge/#comments Tue, 05 Dec 2017 23:50:17 +0000 https://blicktausch.com/?p=1697 Am Freitag nahm ich zum dritten Mal in Folge an einer Sitzung im OEZ Prozess gegen den Waffenhändler als Besucher teil. Anders als ursprünglich angekündigt, fand die Verhandlung diesmal im Justizpalast in der Prielmayerstraße statt, einem imposanten geschichtsträchtigen Palast in der Nähe von Stachus.

(Tag 1 meiner Teilnahme als Beobachter am OEZ Prozess)

***

Nach den obligatorischen Durchsuchungen, sowohl im Eingangsbereich als auch vor dem Saal im ersten Stock, betrat ich den eigens hergerichteten Verhandlungsraum. Es handelte sich dabei um einen schönen hellen Saal. Die Wände im Deckenbereich mit Wappen, Richtern, Königen und Inschriften wie „Corpus Iuris“ und „Montesquieu“, verziert. Die großen Fenster zeigten direkt auf den Stachus und man konnte auch die hellleuchtende Reklametafel des gegenüberliegenden Kinosaals sehen. Der Raum war groß und ich nahm in der letzten Reihe Platz. Insgesamt bot der Raum ausreichend Platz für über 100 Anwesende, davon jeweils 33 für Besucher und Presse, 25 für Anwälte und Nebenkläger und der Rest für Staatsanwälte, Angeklagte und Richter. Als die Sitzung kurz nach neun begann, zählte ich 8 Pressevertreter und 52 Besucher. Später erklärte der Richter, dass der Saal extra für diesen Prozess bestuhlt wurde und für dessen Dauer bereitstehen wird, um der Bedeutung gerecht zu werden. Eine späte, jedoch richtige Einsicht.

Als der Angeklagte den Raum betritt, trägt er einen Pullover mit der Aufschrift „Uncle Sam“, fast zeitgleich betritt ein alter Herr den Raum mit einer auffällig roten Krawatte mit dem Konterfei Kemal Ataturks. Der Zufall ließ mich schmunzeln.

Verirrte Gäste

Während der Richter die Anwesenheitsliste durchging, betraten zwei Asiatinnen den Raum und nahmen neben mir Platz. Sie unterhielten sich leise und verdeckten den Mund, während sie erheitert jedoch lautlos lachten. In der Hand hielt eine der beiden, eine Broschüre mit der Aufschrift „Free Munich Map“. Ich fragte mich, wie zwei Touristen sich bis in den Saal eines solchen Prozesses verirren können. Als eine der beiden anfängt, mit ihrem Handy zu spielen, wird sie von einer Justizbeamtin aufgefordert dieses auszuschalten, worauf beide den Raum fluchtartig verlassen.

Vergesslicher Zeuge

Die Verhandlung beginnt mit dem Aufruf des Zeugen B. Dieser teilte sich im Januar 2017 ein paar Wochen die Zelle mit Häftling S in der JVA Erding. Häftling S machte zuvor Angaben zu dem Angeklagten Phillip Körber, die der heutige Zeuge B bestätigen sollte. Anders als erwartet, konnte oder wollte dieser jedoch keine Angaben machen. Immer wieder sagte er, sich an nichts erinnern zu können oder nichts gewusst zu haben. Seine Aussagen waren teilweise auch widersprüchlich. So gab er anfangs an, dass der Angeklagte nie in seiner Zelle war um später dann zu erzählen, dass sie dort zusammen Mau-Mau gespielt haben. Auch konnte er sich an keinen einzigen Namen erinnern, nicht einmal an die der eigenen Zellengenossen. Das einzige Detail, an das er sich erinnern konnte, war das Hakenkreuz, das  der dritte Häftling in der Zelle auf „Brust oder Rücken“ tätowiert hatte.

Diese Vergesslichkeit und Ahnungslosigkeit sorgte im Gerichtssaal für Verwunderung. Als die Fragen der Anwälte immer bohrender wurden, fragte der Zeuge genervt: „Bin ich jetzt Angeklagter hier?“ und „Ich kann keine Angaben zu diesem Sachverhalt machen.“. Er berief sich auf seinen schlechten gesundheitlichen Zustand und wünschte immer wieder in seine Therapie zurückzukehren. Ein Anwalt fragte den Zeugen, was er fühle, jetzt wo er erfahren hat, dass der Angeklagte mitverantwortlich für den Tod von 9 Menschenleben ist. Darauf antwortete der Zeuge: „Ich habe gar keine Gefühle für andere Menschen. Ich versuche mein Leben gerade in den Griff zu bekommen. Ich möchte meine Therapie abschließen. Gefühle habe ich im Moment deshalb nur für meine Familie und meine Kinder.“

Nach gut einer Stunde wird der Zeuge entlassen. Als er den Saal verlässt, ist die Enttäuschung unter Anwälten, Nebenklägern und den meisten anderen Anwesenden spürbar.

Verdeckte Ermittlungen

Im Anschluss verliest ein Richter, dass der Antrag der Nebenkläger auf Aussage eines weiteren Zeugen abgelehnt wurde, da sonst verdeckte Ermittlungen gefährdet würden und damit die „Erfüllung öffentlicher Aufgaben“ durch die Sicherheitsbehörde ernsthaft gefährdet würden.

Chatprotokolle

Nach einer kurzen Pause kündigt eine Anwältin der Nebenklage an, 39 Stellen aus den Chatprotokollen vorlesen zu wollen. Für die Auswertung dieser Protokolle wurden die Verhandlungen zuvor vier Wochen unterbrochen. Der Anwalt des Angeklagten spricht sich gegen ein öffentliches Vorlesen aus und schlägt vor, eine Selbstlesemappe für die Prozessbeteiligten zusammenstellen zu lassen. Der Richter befürwortet das Vorlesen der relevanten Stellen und begründet dies mit dem Interesse der Öffentlichkeit an den Verhandlungen.

Die Passagen offenbaren eine menschenverachtende Haltung des Angeklagten und anderer Mitglieder aus dem Forum im Darknet. Unter anderem ist die Rede von „Moslem Ratten“ und „Musels“ und „Kalaschnikows für Terroristen“. An einer Stelle wünscht sich der Angeklagte einen „Dritten Weltkrieg oder eine Zombieapokalypse“ herbei. Um die Effektivität einer Waffe zu beschreiben, schreibt er weiterhin, dass „sie für einen kleinen Terroranschlag mit 100 Toten“ reichen würde. Eine andere Waffe könne man auch „einfach geladen in die Menge werfen und lässt sie dann um sich selbst drehen.“ An einer anderen Stelle gibt er detaillierte Anleitung, wie man eine asymmetrische verschlüsselte Anfrage über PGP, einer Verschlüsselungstechnologie, für den Kauf illegaler Waffen im Forum erstellt.

Nachdem die Anwältin die unterschiedlichen Stellen zitiert hat, verliest der Vorsitzende Richter einige weitere Stellen, die er zuvor als potenziell relevant identifiziert hatte. In diesen Einträgen wird ersichtlich, dass der Angeklagte seit 5 Jahren Waffen sammelt und dafür schon mal bis nach „Bratislava und in die Tschechei“ gefahren ist. Der Richter liest auch Beiträge aus dem Forum, wo über Zahlungen per Bitcoin diskutiert wird. Auch einen Forumseintrag, in dem der Täter Sonboly eine Glock 17 unter dem Namen Mauracher sucht, wird gelesen.

Befreite Zeuge

Nach anderthalb Stunden sind alle relevanten Stellen gelesen. Der Richter kündigt an die Verhandlung zu vertagen. Ein Anwalt weist den Richter auf einen Bericht (1) im SWR hin. Dort hat ein gewisser Uwe S. Aussagen über den Fall gemacht. Uwe S. trat zuvor als Zeuge im OEZ Prozess auf, verweigerte allerdings die Aussage da er „Angst um sein Leben“ habe. Der Anwalt argumentiert, dass diese Angst nicht mehr aktuell zu sein scheint, da er und seine Eltern ja nun im Fernsehen ausgesagt haben und bittet deshalb um eine erneute Vorladung des Zeugen.

***

Gegen 14Uhr verlasse ich den Justizpalast und mache mich auf den Weg nach Hause. Dort erwartet mich meine zwei Wochen alte Tochter. Sie hat ihr Leben gerade erst begonnen und ich hoffe sie hat noch viele Jahre vor sich. Ich gehe an den Angehörigen der ermordeten vorbei. Ihre geliebten hatten nur ein kurzes Leben. Nichts wird ihre Trauer je mindern können. Zwischen Leben und Tod liegt manchmal nicht viel. Manchmal trennt sie nur ein einziges Gefühl: Hass.

[sta_anchor id=“reportmainz“ unsan=“ReportMainz“ /](1) Report Mainz vom 28.11.2017: https://www.swr.de/report/das-netz-hinter-dem-muenchener-attentat-wurde-david-s/-/id=233454/did=20470950/nid=233454/s7dwvz/index.html

Folgetermine

Datum Uhrzeit Adresse
13.12.2017 9 Uhr Prielmayerstraße 7
19.12.2017 9 Uhr Prielmayerstraße 7
20.12.2017 9 Uhr Prielmayerstraße 7
10.01.2018 9 Uhr Prielmayerstraße 7
15.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
19.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
26.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
09.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
14.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
16.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
21.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
28.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest

 

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Codename Caesar – Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie https://blicktausch.com/codename-caesar-im-herzen-der-syrischen-todesmaschinerie/ https://blicktausch.com/codename-caesar-im-herzen-der-syrischen-todesmaschinerie/#respond Wed, 15 Nov 2017 11:04:19 +0000 https://blicktausch.com/?p=1683 Codename Caesar ist die Geschichte eines Fotografen der syrischen Militärpolizei, der über Jahre Verbrechen des Regimes von Bashar Al-Assad dokumentierte und die Beweise mit Hilfe syrischer Aktivisten außer Landes schaffen konnte. Neben Caesar berichten außerdem weitere Zeugen von erlebten Grausamkeiten. Diese Berichte sind so eindringlich, dass das Grauen, das diese Menschen durchlebt haben, fassbar wird. Dabei verzichtet die Autorin Garance Le Caisne darauf, zu detailliert die sadistischen Foltermethoden der Schergen des Regimes zu beschreiben. Wahrscheinlich tut sie dies nicht nur, um den Leser nicht zu sehr zu erschüttern, sondern auch um den Kampf der Aktivisten auf der einen Seite und die Untätigkeit der Weltgemeinschaft auf der anderen Seite mehr in den Fokus zu rücken. Und genau mit dieser unerträglichen Untätigkeit werden nicht nur die Aktivisten, die seit Jahren ihr Leben aufs Spiel setzen, verraten. Es ist auch ein Verrat an unseren eigenen Werten und an das Versprechen, so etwas nie wieder zuzulassen.

Denn unweigerlich zwingt sich die Erinnerung an die Verbrechen der Nazis auf. Und auch wenn ein Vergleich angemessen ist, so bestehen doch Parallelen. Zu diesen Parallelen gehören nicht nur die Systematik der Folter mit dem Ziel Menschen zu vernichten, sondern auch die Grausamkeit der Methoden, die Verachtung gegenüber den Familien der Gefangenen, die Schändung und Entsorgung der Leichen, das Einbeziehen von Krankenpflegern und Ärzten in den Vernichtungsprozess und nicht zuletzt die peinlich genaue, fast schon detailverliebte Aufzeichnung dieser Verbrechen in unzähligen Dokumenten.

Cameron Hudson, Direktor des Zentrums zur Verhinderung von Völkermorden am Holocaust-Museum in Washington sagt dazu im Buch:

„Die Fotos der Leichen, die Tötungsmethoden, die Dokumentation, das System der Buchführung und Archivierung, Nummern, all das erinnert ganz eindeutig an den Holocaust. Ich möchte keine Vergleiche ziehen, selbst wenn das einen Grad der Organisiertheit erkennen lässt, den man nur von Genoziden und einer Politik kennt, die willens ist einen Teil der Bevölkerung auszulöschen.“

Einige Leser werden sich die Frage über die Glaubwürdigkeit der Zeugen stellen. Vor allem da sich diese als Gegner des Regimes ausgeben und von dessen Opposition gestützt werden. Aus eigener Erfahrung kann ich dazu nur sagen, dass die meisten Syrer solche Horrorgeschichten kennen und von solchen Verbrechen berichten können. Die Angst vor den Geheimdiensten und deren Folterkerker verfolgt viele sogar bis in das europäische Exil.

Doch soll der Leser sich nicht allein auf solche Zeugenaussagen verlassen müssen und so kommen Experten zu Wort, die die Authentizität der Bilder bestätigen:

„Wie oft habe ich bei meiner Arbeit in Ruanda, in Sierra Leone grauenhafte Zeugenaussagen gehört, für die wir keine Beweise hatten. Aber die Fotos von Caesar… ich habe niemals so schlagende Beweise für Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesehen“ Stephen Rapp, einstige Ankläger der internationalen Sondertribunale für Ruanda und Sierra Leone

Hartgesottene können sich auch auf der Seite der „Syrian Association For Missing And Conscience Detainees“ informieren. (Ich werde diese unten verlinken, warne jedoch gleichzeitig vor deren grausamen Inhalt 1).

Codename Caesar ist nicht nur die Beschreibung der syrischen Todesmaschinerie, es ist gleichzeitig auch ein schonungsloses Zeugnis des Versagens der Weltgemeinschaft. Ein Versagen, das die Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben und dies noch immer tun, verzweifeln lässt.

„…die Fotos wurden vor der Europäischen Union, vor dem Kongress in Washington, vor dem UNO-Menschenrechtsrat gezeigt. Aber die Politiker wollen zur Tagesordnung übergehen und Verhandlungen mit Baschar al-Assad aufnehmen. Wie konnte es so weit kommen?“ Ein Aktivist aus der Gruppe um den Fotografen Caesar.

Was löst dies in den Köpfen der Menschen aus, die unter diesen Verbrechen leiden mussten oder die dabei ihre Angehörigen verloren haben? Die Konsequenzen könnten verheerend.

„Diese Bilder sind wie ein Nährboden für die Kämpfer des Islamischen Staates.“

„Und die Opfer können sich in Monstren verwandeln, wenn die Rechtsnormen außer Kraft gesetzt bleiben und die Unterscheidung von Gut und Böse nicht wiederhergestellt wird.“

Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für alle Politiker werden, die mit dem Regime von Bashar Al-Assad liebäugeln und es für das kleinere Übel im Vergleich zu dem IS halten. Denn weder der eine noch die anderen sind eine Alternative für ein friedliches Syrien.

„Die Welt warf die wirklichen Revolutionären und die Dschihadisten in einen Topf und man vergaß den Staatsterrorismus, der am Ursprung des Ganzen stand und weiterging.“ Hasan Schalabi, ein oppositioneller Syrer.

Ganz besonders empfehlen möchte ich dieses Buch im Übrigen denjenigen, die eine Rückkehr von Flüchtlingen aus Syrien befürworten und den Beamten und Richtern, die über den Verbleib Geflüchteter entscheiden müssen.

Codename Caesar ist ein Buch über wahre Helden, über das absolute Böse und über tödliche Gleichgültigkeit einer passiven Weltgemeinschaft. Es ist ein Buch, das unter die Haut geht

Codename Caesar
Im Herzen der syrischen TodesmaschinerieGarance Le Caisne2. Auflage 2016
Originalausgabe erschien 2015 auf Französisch unter dem Titel: Opération César: Au cœur de la machine de mort syrienne.
ISBN 978-3-406-69211-6
Preis: €17,95
http://www.chbeck.de/le-caisne-codename-caesar/product/16128742Ich erhielt vom C.H.BECK Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar

[sta_anchor id=“safmcd“ class=“safmcd“ /](1) Ich möchte an dieser stelle noch mal ausdrücklich vor den Inhalten dieser Seite warnen. Sie dient Familien dazu nach ihren verschollenen Angehörigen zu suchen und enthält sehr grausame Bilder: http://safmcd.com/martyr/confirm

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OEZ Prozess – Chatprotokolle https://blicktausch.com/oez-prozess-chatprotokolle/ https://blicktausch.com/oez-prozess-chatprotokolle/#comments Tue, 31 Oct 2017 23:04:52 +0000 https://blicktausch.com/?p=1663 Weiterlesen]]> Nachdem die Anzahl der Nebenkläger und die der Zuschauer in den letzten beiden öffentlichen Anhörungen im OEZ Prozess rund um den Waffenhändler zugenommen haben, wurde die heutige Sitzung in die JVA in der Stettnerstraße verlegt. Um dorthin zu gelangen, fuhr ich von der U-Bahn-Station am St.-Quirin-Platz mit dem Bus bis zur Station Stettnerstraße. Der Himmel war blau und die Sonne spendete etwas Wärme an dem sonst recht kühlen Tag. Der Weg führt über einen Straßenübergang und dann quer durch ein Wohngebiet. Erst auf den letzten Metern erblickt man den Wachturm der JVA. Ich näherte mich einem Eingang und erkannte einige Zuschauer und auch Nebenkläger, die neben dem Eingang warteten.

(Tag 1 meiner Teilnahme als Beobachter am OEZ Prozess)

Vor der JVA

Eine Dame mittleren Alters, die auch auf Einlass wartete, grüßte mich freundlich auf Arabisch und sagte:
„Du bist derjenige, der nach der letzten Sitzung einen Artikel geschrieben hat. Richtig?“
„Ja das stimmt.“
„Ich bin die Tante eines der Kinder.“
„Möge Allah barmherzig mit ihm sein.“, sage ich die arabische Beileidsbekundung und füge dann hinzu: „Es ist schrecklich, was passiert ist.“
Sie zeigt auf eine Familie, die ebenso vor der JVA wartet. „Dort sind die Eltern. Sie machen sehr schwere Zeiten durch.“ Ich erkenne die Mutter, die in der letzten Sitzung eine emotionale Erklärung abgab und den Angeklagten hart anging, bevor sie einen Nervenzusammenbruch erlitt. Neben ihr stand ihr Mann und weitere Verwandte.
„In unserer Familie sprechen alle Arabisch. Wir kommen zwar aus der Türkei, unsere Vorfahren sind jedoch arabischen Ursprungs, deshalb sprechen wir sowohl Arabisch als auch Türkisch.“, sagte die Tante zu mir, als hätte sie meine Frage erraten.

Wir unterhielten uns ein wenig über den Tag, an dem 9, meist sehr junge Menschen, mitten in München ihr Leben verloren.
„Wie alt war der Junge?“, frage ich sie.
„14 Jahre.“
„Wurde er auch im McDonald’s ermordet?“, frage ich vorsichtig.
„Ja er war mit Freunden unterwegs, als diese vorschlugen dort vorbeizugehen.“
„Kannte er den Täter?“
„Nein, sie gingen nicht mal auf die gleiche Schule.“

Neue Saal

Kurz darauf werden wir von den JVA-Beamten hereingelassen. Wie am Flughafen durchlaufen wir eine Sicherheitskontrolle. Meinen Laptop muss ich am Empfang abgeben.

Die Sitzung findet diesmal in einem großen modernen und hellen Saal statt. Der Eingang liegt im Untergeschoss. Die Wände sind mit hellem Holz verkleidet. Über der Tür hängt ein schlichtes Holzkreuz. Der Raum bietet genug Platz für alle Nebenkläger und deren Anwälte. Die Tische verfügen allesamt über Mikrofone. Im hinteren Teil des Saals zähle ich 52 Plätze für Besucher und 48 für Pressevertreter.

Langsam füllt sich der Saal. Ein paar Stühle neben mir nimmt die Großmutter eines Opfers Platz. Diese ist in der vorangegangenen Sitzung durch einen wütenden Zwischenruf aufgefallen. Auch andere der Besucher, erkenne ich als Angehörige der Opfer.

Als die Richter schließlich mit 20 Minuten Verspätung den Saal betreten, sind alle Besucherplätze belegt. Und da nur 10 Pressevertreter anwesend sind, werden auch deren restlichen Plätze für Besucher freigegeben. Auch der Angeklagte hatte bereits Platz genommen. Die Handschellen wurden ihm zuvor von Beamten abgenommen.

Beginn der Verhandlung

Nachdem die Anwesenheitsliste geprüft wurde, verkündete der Richter, dass die Befangenheitsanträge der Anklage abgewiesen wurden und dass sich die zuletzt neu angekündigten Nebenkläger dem Verfahren anschließen dürfen. 

Dann informierte die Staatsanwaltschaft Richter und Anklage, dass er eine CD mit Chatprotokollen und Nachrichten aus einem Forum, in dem sowohl der angeklagte Waffenhändler als auch der Mörder David Sonboly verkehrten, verteilen wird.

Als der Anwalt der Anklage nach dem Umfang der Dokumente fragt, sagt der Staatsanwalt, es wären fünf gefüllte Leitzordner oder geschätzt zwei bis drei Tausend Seiten. Zusätzlich verteilt die Staatsanwaltschaft eine zweiunddreißigseitige Erklärung des Zollfahndungsamtes.

Der Anwalt der Anklage beantragt eine Unterbrechung, um die Daten prüfen zu können und merkt an, dass es unmöglich sein wird, die Daten an diesem Tag in Gänze zur Kenntnis zu nehmen. Der Richter pflichtet dem bei. Während der Staatsanwalt die CDs an die Anwälte verteilt, steht plötzlich ein Nebenkläger auf. Er zerknüllt demonstrativ ein Papier, schmeißt es auf den Tisch. Dann geht er wutentbrannt Richtung Tür und schlägt einmal gegen die Wand. Bevor er schließlich die Tür öffnet, um den Saal zu verlassen, bleibt er stehen, dreht sich zu dem Angeklagten und sagt: „Du sollst niemals rauskommen! Du sollst niemals rauskommen!“ Dann verlässt er den Saal.

Am 22. Juli 2016 hatte der Mann einen Sohn verloren. Ermordet mit der Glock 17, die der Angeklagte dem Attentäter vom OEZ über das Darknet verkauft hat. Auch wenn der Angeklagte versichert, von den Absichten des Attentäters nichts gewusst zu haben, so sind die Familien vom Gegenteil überzeugt. Einiges deutet darauf hin, dass der Angeklagte dem Attentäter sogar Tipps für die Tat gegeben hat.

Der Vater verlässt den Raum, seine Frau bleibt regungslos im Saal sitzen. Ein Zuschauer, erhebt sich aus den hinteren Reihen und eilt nach draußen. Ich vermute, dass er den Vater kennt und versuchen wird ihn zu beruhigen.

Der Richter diktiert die Situation für das Hauptverhandlungsprotokoll. Die Großmutter neben mir ruft: „Er hat ja recht.“ Wie bei der letzten Verhandlung, weist der Richter darauf hin, dass von Zwischenrufen aus dem Publikum abzusehen ist und droht mit einem Ordnungsgeld.

Es folgt eine Diskussion zwischen Richter und Anwälten, ob ein Zeuge vorgeladen oder ob er von der Polizei verhört werden soll. Die Anklage befürchtet eine Fluchtgefahr, nachdem ein zuvor ausgestellter Haftbefehl wieder gelöscht wurde. Die Anwälte stimmen einstimmig dafür, den Zeugen vorladen zu lassen. Dann geht es für eine halbe Stunde in die Pause.

Eigenes Süppchen

Vor dem Sitzungssaal komme ich ins Gespräch mit einer Journalistin. Sie sagt, es ist auch für Journalisten manchmal schwierig dem Verfahren zu folgen. Die Zusammenhänge und die Beziehungen der Zeugen sind nicht immer sofort erkennbar. Denn der Richter ist ja auch nicht da, um den Anwesenden alles zu erklären. Sie sagt auch, dass es ein wichtiger Prozess ist und dass es gut ist, dass sich mittlerweile mehr Menschen dafür interessieren. Dann fügt sie hinzu: „Wir wollen ja nicht, dass die da ihr eigenes Süppchen kochen. Auch wenn so was eigentlich nicht passieren dürfte.“ 

Anträge

Um 11.30 Uhr geht es weiter. Der Anwalt der Anklage ergreift das Wort und drückt seine Verwunderung darüber aus, dass die Staatsanwaltschaft die Wichtigkeit der neu gelieferten Beweise herunterspielen möchte. Er weist darauf hin, dass die neu gelieferten Inhalte auch mehrere unverschlüsselte Nachrichten beinhaltet, in denen unter anderem auch die Rede von „Kalaschnikows für Terroristen“ ist. 

Die Anklage kündigt nun eine Liste von 11 Anträgen an. Die Rechtsreferendarin Claudia Neher liest diese einen nach dem anderen vor und geht nach jedem einzelnen zum Richter, um ihm einen Ausdruck in Papierform auszuhändigen. Dreimal ruft der Richter, die Rechtsreferendarin bei einem falschen Namen. Ich wundere mich, dass er sich ihren Namen in der 17. Sitzung immer noch nicht einprägen konnte.

In den Anträgen wird gefordert, weitere Zeugen vorzuladen, Informationen auszuwerten, Elemente aus anderen Verfahren zur Kenntnis zu nehmen. Die Anträge offenbaren ein tiefes Misstrauen, nicht nur gegenüber dem Richter, sondern vor allem gegenüber der Staatsanwaltschaft. Dieser wird vorgeworfen, es versäumt zu haben Ermittlungen einzuleiten und Informationen nur schleppend freigegeben zu haben. Die Anwälte der Anklage vermuten sogar Abstimmungen zwischen der Staatsanwaltschaft und dem Zollamt und sprechen dieser deshalb das Vertrauen ab. Vermutet wird unter anderem, dass Fehler von Ermittlern und die Rolle von V-Männern als Agent Provocateur vertuscht werden sollen. 

Der Staatsanwalt bezeichnet die Ausführungen als Fantasien und Unverschämtheiten. Er weist jede Anschuldigung, Absprachen geführt zu haben von sich und tut diese als Verschwörungstheorien ab. 

Der Anwalt der Anklage Yavuz Narin ergreift daraufhin das Wort. Er zitiert aus den ausgehändigten Chatprotokollen, in denen die Rede von „Türkenschweine“, „Waffen für Terroristen“ und Sympathie für die NSU bekundet wird. Er wirft der Staatsanwaltschaft „Realitätsverlust“ vor oder unwillig zu sein, den Fall aufklären zu wollen. Das Publikum applaudiert. Der Richter weist erneut darauf hin, dass dies zu unterlassen sei, da er sonst ein Ordnungsgeld verhängen würde. 

Es folgt der Antrag des Anwalts eines Nebenklägers, Onur Özata. Er wundert sich, dass die Kränkung des Mörders von Ermittlern, Behörden und Staatsanwaltschaft in den Vordergrund gestellt wird und damit indirekt auch die Opfer als Mobber stigmatisiert werden. Er sagt, dass ein rechtsradikaler Hintergrund viel wahrscheinlicher wäre und dass Hinweise darauf erdrückend wären. Hinweise dafür wären das Datum (auch der Rechte Attentäter Breivik verübte seine Tat an einem 22. Juli), Hakenkreuzschmierereien und Sympathiebekundungen für die AfD. Der Anwalt beantragt den Rechtsextremismusforscher Matthias Quent diesbezüglich anzuhören. Dieser wurde neben zwei weiteren Experten, von der Fachstelle für Demokratie der Stadt München beauftragt ein Gutachten über den politischen Hintergrund des Amokläufers zu erstellen. Alle drei kamen zu dem Schluss, dass die Tat politisch motiviert war. Für das Verfahren gegen den Waffenhändler wäre dies insofern relevant, da die Anklage dann „Beihilfe zum politischen Mord“ lauten würde. 

Der Richter ordnet eine einmonatige Unterbrechung der Hauptverhandlung an, um den Anwälten genug Zeit einzuräumen, um alle Dokumente einzusehen. Der nächste Termin wird für den 1. Dezember um 10 Uhr in der Stettner Straße angesetzt. Für die Folgetermine (siehe unten) steht der Saal noch nicht fest.

***

Den Weg von der JVA bis zur U-Bahn laufe ich. Noch immer scheint die Sonne und ich genieße deren Strahlen. Meine Gedanken kreisen um die Eltern der Ermordeten. Ich versuche mich in sie hinein zu versetzen und muss unwillkürlich an meine eigenen Kinder denken. Ich verwerfe den Gedanken, denn er erscheint mir unerträglich. Unerträglich weil so viel fassbarer. Nicht wie das Leid der Syrer. Dies ist so weit weg. Doch ist es das wirklich? Saß nicht ein Syrer neben mir in den Zuschauerrängen und beklagte das Leid seines Volkes? Ich frage mich, ob all diese Menschen die Strahlen der Sonne noch genießen können. 

Folgetermine

Datum Uhrzeit Adresse
01.12.2017 10 Uhr Stettnerstraße 10
13.12.2017 9 Uhr Steht noch nicht fest
19.12.2017 9 Uhr Steht noch nicht fest
20.12.2017 9 Uhr Steht noch nicht fest
10.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
15.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
19.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
26.01.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
09.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
14.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
16.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
21.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest
28.02.2018 9 Uhr Steht noch nicht fest

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OEZ Prozess – Ein Verhandlungstag https://blicktausch.com/oez-prozess-ein-verhandlungstag/ https://blicktausch.com/oez-prozess-ein-verhandlungstag/#comments Sat, 14 Oct 2017 20:46:25 +0000 https://blicktausch.com/?p=1653 Vor kurzem erzählte mir jemand von dem Verfahren gegen den Waffenhändler, der dem Mörder im OEZ Massaker die Tatwaffe verkauft hatte. Ich erfuhr auch, dass die Familien enttäuscht über das geringe Interesse der Öffentlichkeit waren. Da ich noch nie in einem Gerichtsaal war, hatte ich mir bisher auch nie Gedanken über die Rolle des Publikums gemacht. Ich entschloss mich also, an einer Verhandlung als Zuschauer teilzunehmen.

***

Am Freitag, den 6. Oktober versuchte ich es das erste Mal, da der Saal jedoch gefüllt war, kam ich nicht mehr rein. Für Zuschauer waren lediglich 20 Plätze reserviert. Ich war nicht der einzige, der wieder gehen musste.

Ich versuchte es also diese Woche erneut und kam diesmal eine halbe Stunde früher. Vor dem Verhandlungsaal wurden alle durchsucht. Meine Tasche musste ich abgeben, da ich einen Computer dabei hatte.

Ich setzte mich auf eine der hinteren Reihen, die für Zuschauer vorgesehen sind.

Nach und nach füllte sich der Saal. Schnell waren alle 20 Plätze belegt. Die 20 für die Presse reservierten Plätze blieben größtenteils frei. Wie ich später erfuhr, waren lediglich 2 oder 3 Pressevertreter anwesend. Die übrigen Plätze wurden schließlich auch an Zuschauer vergeben.

Auch die Anwälte der Anklage, die Kläger und Nebenkläger und deren Anwälte nahmen Platz. Als der Angeklagte hereinkam bin ich von seiner Erscheinung überrascht. Ein junger Mann in schwarzer Hose und grünem, kurzärmligen Hemd, einer dicken Brille und gepflegten Haaren. Ich schaue ihn lange an und versuch mir vorzustellen, wie ein solcher Mensch Waffen über das Darknet an einen jungen hasserfüllten Menschen verkaufen kann. Erwartet habe ich einen glatzköpfigen, tätowieren Muskelmann. Der Angeklagte nimmt neben seinem Anwalt Platz. Auf der gleichen Seite nehmen die beiden Staatsanwälte Platz.

Als schließlich auch der vorsitzende Richter, Berufsrichter und Schöffen herein kommen erheben sich alle und nehmen dann wieder Platz.

Die Stimmung ist geladen. Der Anwalt der Anklage beschwert sich über den kleinen Saal und das seine Mandanten nicht genug Platz haben. Zwei der Nebenkläger mussten auf den Besucherreihen platziert werden. Ein Kläger sitzt an einem „Katzentisch“. Dann kommt noch das Problem mit der Platzierung der Dolmetscher.

Ich schätze den Raum auf 18 mal 9 Meter und zähle mindestens 89 Personen. Betrachtet man nun all die Tische im Raum, kann man sich vorstellen, wie überfüllt der Raum war.

Aufgrund des Durcheinanders ordnet der vorsitzende Richter eine Unterbrechung von 30 Minuten an. Alle werden aufgefordert den Raum zu verlassen, Zuschauer, Anwälte und auch die Familien der Opfer.

Gemeinsam warten wir vor der Tür. Die meisten stehen, nur eine Handvoll Stühle stehen zur Verfügung. Ich stelle mich zu einem Bekannten und wir unterhalten uns über die Situation. Neben ihm steht ein junger Mann. Es ist einer der Nebenkläger, der bei den Zuschauern Platz nehmen musste. Er ist zwanzig und sollte eigentlich in der Ausbildung sein. Ich frage mich, ob er einen Bruder oder eine Schwester verloren hat, wage jedoch zunächst nicht zu fragen. Ich überwinde mich und frage dennoch: wen hast du verloren?

„Meine Mutter“, sagt er und schaut mich mit traurigen Augen an.

Mir stockt der Atem. Ich bin einen Moment sprachlos. „Mein Beileid, es tut mir leid“, murmle ich. Nach ein paar Minuten unterhalten wir uns über seine Ausbildung, eigentlich wollte er nicht kommen. Als er erfuhr, dass der Angeklagte anwesend war, änderte er jedoch seine Meinung.

Die Unterbrechung dauert schließlich ganze 40 Minuten. Der Vorsitzende geht eine Anwesenheitsliste durch und erteilt dem Anwalt der Anklage das Wort. Dieser beginnt damit, einen Befangenheitsantrag gegen die Richter vorzutragen. Beanstandet wird der Umgang mit Zeugen und die nicht Berücksichtigung von Zeugenaussagen, ebenso wie die Räumlichkeiten. Da der Antrag sehr lang ist, wechselt er sich mit einer Kollegin ab. Gemeinsam lesen sie über eine halbe Stunde, im Hintergrund hört man die Dolmetscher. Als sie fertig sind, ruft eine ältere Dame aus der Zuschauerreihe: „Bravo“ und beginnt zu klatschen. Das gesamte Publikum klatscht mit.

Der vorsitzende Richter weist darauf hin, dass es kein Theater ist, sondern ein Gericht und dass von Zwischenrufen und Klatschen abzusehen ist. Aufgebracht sagt die alte Dame: „Ich darf das, ich bin die Großmutter eines dieser Kinder.“ Wieder stockt mir der Atem.

Der Anwalt reicht dem Richter zur Einsicht nun die Geburtsurkunde eines neuen Nebenklägers. Der Vorsitzende buchstabiert den Namen. Der Anwalt protestiert und sagt „Nun buchstabieren sie nicht noch den Namen, ich reiche Ihnen die Namen mit Absicht, um meine Mandanten zu schützen, vor der Öffentlichkeit und vor den Nazis.“ Als er „Nazis“ sagt, schaut der Anwalt in Richtung des Angeklagten. Der Anwalt des Angeklagten erhebt sich und sagt aufbrausend: „Na hören sie mal. Das lass ich mir nicht bieten. Ich erwarte eine Entschuldigung. Sie können mich nicht als Nazi bezeichnen.“

Der Anwalt der Anklage sagt, dass er doch nicht über ihn sprach und fügt dann mit einer Prise Sarkasmus hinzu: „Wenn Sie, Herr Anwalt, sich angesprochen fühlen, dann sollten Sie sich ernsthafte Gedanken machen.“

Als Nächstes kündigt der Anwalt die Stellungnahme der Mutter eines Opfers an. Vorsitzender Richter sowie Staatsanwalt, wollen die Stellungnahme zurückstellen, wegen des Befangenheitsantrags. Die Anklage besteht darauf, da die Mutter seit dem Mord an ihrem Kind unter gesundheitlichen Problemen leider und nur selten in der Verfassung ist an einer Verhandlung teilzunehmen. Das Wort wird nach 5 Minuten Pause der Mutter erteilt.

Die Mutter redet auf Türkisch. Ich schätze sie auf Anfang vierzig. Eine Dolmetscherin übersetzt ins Deutsche. Mit zunächst gefasster Stimme wendet sie sich an den Richter und fragt, ob er Kinder hat. Sie wünscht niemandem sein Kind vor sich sterben zu sehen. Dann prangert sie das Gericht und die vorsitzenden Richter an. Sie wirft ihnen vor, die rechte Gesinnung der Angeklagten und des Täters vertuschen zu wollen und stellt fest: „Was für ein Zufall, dass es alles nur ausländische Kinder waren“. Ich selbst muss an die NSU-Morde denken, die zunächst als Döner-Morde bezeichnet wurden.

Ihre Stimme wird lauter. Sie erhebt sich und zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den angeklagten Waffenhändler und sagt: „Du hast mich von meinem Kind getrennt.“ Sie hofft, dass er bestraft wird, sonst wird sie es tun. Mit eigenen Händen. Sie würde ihn töten, droht sie aufgewühlt. Es ist die Drohung einer gebrochenen und verzweifelten Mutter.

Der Staatsanwalt versucht etwas zu sagen, doch auch er wird von der aufgebrachten Mutter angeschrien und beschuldigt nicht an der Aufklärung der wahren Hintergründe interessiert zu sein. Immer aufgewühlter schreit sie. Ihr Mann versucht sie zu beruhigen, doch sie reißt sich los und stürmt fluchend aus dem Saal. Später erklärt ihr Anwalt, sie habe einen Nervenzusammenbruch erlitten und sie würde an diesem Tag nicht weiter an den Verhandlungen teilnehmen können. Bedrückt schweigen die Anwesenden.

Der vorsitzende Richter ordnet erneut fünf Minuten Pause an. Während der Pause verlasse ich den Saal nicht. Ich beobachte, wie ein Anwalt eines Nebenklägers sich mit jemandem unterhält und dann schallend lacht. Ich empfinde dieses Lachen als unangebracht vor allem angesichts der Familien der Opfer und frage mich, ob ich mir vielleicht zu viel Gedanken mache. Als der Anwalt erneut laut lacht, höre ich die alte Dame, die zuvor eine Auseinandersetzung mit dem Richter hatte, ihre Sitznachbarin erbost fragen: „Warum lacht der hier? Schämt der sich nicht?“

Ein Mann aus den Zuschauerreihen erhebt sich und ruft laut: „Entschuldigung Herr Anwalt. Ja Sie dort. Sie haben hier mehrmals laut gelacht. Können Sie das bitte unterlassen. Ein wenig Respekt bitte.“

Der Anwalt schaut den Mann kurz an, antwortet aber nicht und schaut dann weg. Er führt seine Unterhaltung weiter, lacht jedoch nicht mehr.

Nach der Pause bittet der Anwalt des Angeklagten die Sitzung aufgrund der emotionsgeladenen Situation zu vertagen. Er drückt Verständnis für die Gefühle der Angehörigen aus, beschwert sich jedoch erneut, dass er angeblich als Nazi beschimpft wurde. Es kommt zu einem kurzen Geplänkel zwischen ihm und dem Anwalt der Anklage.

Der Richter zieht sich erneut für 5 Minuten zurück und vertagt dann die Sitzung und kündigt gleichzeitig an, dass der nächste angesetzte Termin ausgesetzt wird, da zunächst über die Befangenheitsanträge entschieden werden muss.

Für den Termin am 23. Oktober verspricht der Richter des Weiteren, dass das Gericht sich um einen größeren Saal bemühen wird.

Ich verlasse das Gericht an der Nymphenburgerstraße und komme an den Familien vorbei. Ich überlege, ob ich ihnen noch mein Beileid ausdrücken soll, verwerfe den Gedanken dann aber wieder. Irgendwie fehlte mir der Mut. Ich erinnere mich an die Zeit, als Ende 2015 all die Syrer bei uns ankamen und ich wusste, dass die meisten enge Verwandte im Krieg oder auf dem Meer verloren haben. Ein ähnliches Gefühl der Ohnmacht überkam mich. Doch diesmal war es anders. Diesmal geschah es nicht in einem fernen Land oder auf offenem Meer. Diesmal passierte es in unserer Stadt. In München. Vor unseren Augen und gleich bei uns um die Ecke. Mein Büro liegt eine U-Bahn-Station vom Olympia Einkaufszentrum entfernt.

Am 22. Juli 2016 starben in München neun Menschen. Ein rechtsradikaler Hintergrund scheint sehr wahrscheinlich. Unabhängige wissenschaftliche Gutachten haben dies festgestellt. Die Behörden versuchen den Mörder bis heute vor allem als Mobbing-Opfer darzustellen und das Interesse in der Öffentlichkeit an diesem Verfahren bleibt sehr gering.

Warum nur?

Weiter zu Tag 2 meiner Teilnahme als Beobachter am OEZ Prozess: Chatprotokolle

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Aeham Ahmad – Und die Vögel werden singen https://blicktausch.com/aeham-ahmad-und-die-voegel-werden-singen/ https://blicktausch.com/aeham-ahmad-und-die-voegel-werden-singen/#comments Thu, 05 Oct 2017 05:42:04 +0000 https://blicktausch.com/?p=1645 Weiterlesen]]> „Und die Vögel werden singen“, erzählt die Geschichte Aeham Ahmads, jenes Pianisten, der mitten im zerstörten Yarmouk in Syrien sein Klavier auf die Straße stellte und für die hungernden Menschen musizierte.
Und diese Geschichte beginnt lange vor dem Krieg. Sie beginnt dort, wo er die Musik kennen lernte, sie liebte und hasste und sich schließlich mit ihr versöhnte. Der Leser erhält einen sehr persönlichen Einblick in seinen frühen Werdegang. Dabei bekommen selbst unmusikalische Menschen ein Gefühl dafür, was für harte Arbeit hinter seinem Talent steckt. Ganz nebenbei lernt der Leser die syrische Gesellschaft kennen. Man lernt sie mit anderen Augen zu betrachten und erkennt das Unbeschwerliche sowie das Hässliche in ihr. Und hässlich ist vor allem das korrupte politische System, die soziale Segregation und die Omnipräsenz der allmächtigen Geheimdienste.
Und doch werden nicht nur schwierige Momente seines frühen Lebens beschrieben, sondern auch besonders glückliche Momente seines Alltags. Ein Alltag, der ganz plötzlich in ein unendliches Chaos stürzt, zu einer Zeit, in der das Leben ihn endlich anzulächeln schien.
Als ich Aeham vor zwei Jahren persönlich kennen lernte, wagte er es nicht öffentlich über die Revolution, über das Regime, über das Schicksal seines Bruders, über die zynische Politik und wie alles in einem blutrünstigen Krieg endete, zu reden. Zu viel Angst hatte er damals um seine Frau und seine Kinder. Angst vor der Rache des Regimes und seinen Geheimdiensten. Doch die meisten Medien interessierten sich ohnehin nur für seine Erfahrung mit dem IS und wie dieser das berühmte Klavier in Flammen aufgehen ließ.
Heute schreibt er offen und ohne Angst. Er erzählt seinen Weg aus einer sehr persönlichen Perspektive. Und beantwortet dennoch, ganz nebenbei wichtige Fragen: War es wirklich eine Revolution? Ist das Assad Regime wirklich so schlimm? Wie groß war die Rolle des IS in seiner Geschichte? Warum flüchteten vor allem junge Männer und ließen ihre Familien zurück?
Seine Geschichte lehrt uns Demut, ohne dabei belehrend zu sein. Demut vor den Leistungen, der Geduld und vor allem dem Mut der Menschen, die zu uns gekommen sind und vor denen die noch heute in den Kriegsgebieten ausharren. Dazu gehört bis heute seine alte Mutter und sein blinder Vater. Er zeigt uns, welche Kraft in den Frauen steckt, welche Lebenskraft in den Kindern und wie ein alter blinder Mann eine unverwüstliche Säule in so zerstörerischen Zeiten sein kann.
Ich betrachte Aeham als Freund, weshalb mein Urteil nicht unvoreingenommen ist. Als ich das Buch erhielt, fragte ich mich, was ich tun würde, wenn es mir nicht gefallen würde. Schließlich möchte ich ihm nicht schaden. Würde ich meine Meinung trotzdem öffentlich machen? Oder würde ich lieber gar nichts schreiben? Ein schlechtes Buch zu beschönigen käme nicht in Frage, denn es würde schließlich auch meiner Glaubwürdigkeit schaden. Heute bin ich erleichtert darüber, nicht vor dieser Wahl zu stehen. Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt und ohne Vorbehalt. Es ist ehrlich, bewegend, schockierend, spannend und aufschlussreich. Müsste ich etwas kritisieren, dann die Tatsache, dass das Buch über weite Teile sehr detailreich ist und viele interessante Anekdoten enthält. Gegen Ende überschlagen sich die Ereignisse jedoch und vieles wird nur noch angeschnitten. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Buch locker weitere hundert Seiten beinhalten könnte. Mit 366 Seiten war es dem Verlag wahrscheinlich schon zu umfangreich.
„Und die Vögel werden singen„ ist, wie ein epischer Blicktausch, der den Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt. Und ich würde mich nicht wundern, wenn es früher oder später verfilmt wird.

Das Buch ist ab heute, den 5. Oktober überall erhältlich.

Habt ihr das Buch auch gelesen? Hat es euch gefallen? Oder vielleicht doch nicht? Ich würde mich freuen, wenn ihr mir eure Meinung zum Buch in die Kommentare schreiben würdet.

Aeham Ahmad
Und die Vögel werden singen
Ich, der Pianist aus den TrümmernAufgeschrieben von
Sandra Hetzl und Ariel Hauptmeier
ISBN 978-3-10-397317-4 Ich erhielt vom S. Fischer Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar.

 

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Willkommen in Österreich? https://blicktausch.com/willkommen-in-oesterreich/ https://blicktausch.com/willkommen-in-oesterreich/#respond Mon, 02 Oct 2017 07:10:19 +0000 https://blicktausch.com/?p=1638 Weiterlesen]]> Willkommen in Österreich ist eine Sammlung von Artikeln und Interviews, die in ihrer Summe ein umfangreiches und interessantes Bild der Fluchtbewegung aus der österreichischen Perspektive zeichnet.

Umfangreich deshalb, weil Personen unterschiedlichster Hintergründe, Politiker, Flüchtlingshelfer, Experten und Flüchtlinge, zu Wort kommen. Alle spielten sie eine wichtige Rolle in den Ereignissen und schildern in diesem Buch ihre Erfahrungen und die Lehren, die sie daraus gezogen haben. Interessant, weil es für mich als Deutschen einen Einblick in die Geschehnisse in Österreich ermöglicht und die Frage „Was ist damals eigentlich in Österreich passiert?“ beantwortet. Denn als Deutscher endete mein Horizont an der deutsch-österreichischen Grenze. Um genauer zu sein in Braunau-Simbach. Dort erlebte ich damals, wie die Menschen, eingerollt in weiße Papierdecken, wie Geister die Grenze passierten. Alles was hinter dieser Grenze geschah, lag für mich im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkeln. Dieses Buch bringt nun viel Licht in dieses Dunkel. So erfährt man, wie sich die Hilfe organisierte, wie die Österreicher reagierten und mit welchen Schwierigkeiten die Flüchtenden zu kämpfen hatten. Doch am Aufschlussreichsten fand ich die Ausführungen zum Verhalten der Politik und der Behörden und der verantwortlichen Beamten und wie Helfer und Hilfsorganisationen damit umgingen. Denn genau aus diesen Ausführungen können wir am meisten lernen. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass es hier primär um Österreich geht, die meisten Probleme waren auch in Deutschland nicht anders. Als aktiver Helfer konnte ich viele der Probleme nachvollziehen. Das Buch stellt keine fertigen Lösungen bereit, denn es ist nicht als Leitfaden zu verstehen. Es öffnet viel mehr die Augen für die unterschiedlichen Aspekte und Probleme, die in einer solchen Situation auftreten können und ist dabei weder alarmistisch noch naiv.

Die unterschiedlichen Schilderungen und Interviews ergänzen das Mosaik der Ereignisse durch mehrere Steine und erweitert das Bild, dass sich bis heute nicht vollständig vor uns ausgebreitet hat. Dabei helfen nicht nur die Texte, sondern auch die Fülle an Bilden, die fast jede fünfte Seite illustrieren und so die Geschehnisse greifbarer machen. Diese unterschiedlichen Gesichtspunkte sind vielleicht auch gleich der einzige Nachteil in diesem Buch, denn es ist keine zusammenhängende Erzählung, sondern eine Aneinanderreihung mehrerer Blickwinkel. Einen roten Faden, dem man von der ersten Seite bis zur letzten folgt, sucht man vergeblich. Doch vielleicht hängt das auch mit der Natur der Ereignisse zusammen. Es war alles irgendwie chaotisch. Und jeder einzelne, der damals seinen Beitrag geleistet hat und in diesem Buch darüber berichtet, hat letztendlich nur versucht ein wenig Ordnung in dieses Chaos zu bringen.

Willkommen in Österreich?

Ferry Maier

Julia Ortner

ISBN 978-3-7022-3617-5 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3617-5 (E-Book)

175 Seiten

Ich erhielt vom Verlag TYROLIA ein kostenloses Rezensionsexemplar.

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Tag 53: Der Oppositionelle – Hinter den Kulissen (Teil 2) https://blicktausch.com/tag-53-der-oppositionelle-teil-2/ https://blicktausch.com/tag-53-der-oppositionelle-teil-2/#respond Tue, 19 Sep 2017 06:46:34 +0000 https://blicktausch.com/?p=1617 In einem zweiten Treffen erzählte mir Yamen von den Anfängen der Revolution in Syrien und wie er es aus seiner Sicht erlebt hat. Seine Rolle als Korrespondent eines regimenahen Senders und seine Zugehörigkeit zu der Minderheit der Alawiten ermöglichte ihm dabei einen ungewöhnlichen Einblick in die damaligen Geschehnisse und den ersten großen Demontrationen.

(Den ersten Teil seiner Geschichte kann man hier nachlesen)

***

Vor der Revolution in Tunesien, traf ich mich in regelmäßigen Abständen mit einer Gruppe von Freunden. Wir setzten uns in ein Kaffee, unterhielten uns über Kulturelles, wie Musik und Theater, und tranken dabei Mate-Tee. Mate-Tee ist in Syrien ein sehr beliebtes Getränk. Es wird warm und mit einem speziellen Strohhalm getrunken. Auch wenn wir uns gut kannten, so blieben während dieser Treffen politische Themen außen vor. Die Angst vor Spitzeln und auch erzwungenem Verrat war zu groß. Überhaupt war diese Vorsicht in Syrien damals nichts Außergewöhnliches. Es gehörte einfach zu unserem Leben dazu.

Dann mit Beginn der tunesischen Revolution, änderte sich vieles und auch in unserem Kreis wurde plötzlich über Politik gesprochen. Schnell fingen wir an, uns zu fragen, wie weit es dort gehen würde. Unsere Gruppe bestand aus Alawiten, Ismaeliten, sunnitischen Beduinen und einem Christen. Politisch waren wir alle eher Links positioniert und alle hofften wir auf Veränderung in der Gesellschaft und im politischen System.

Die Angst

Im Allgemeinen war die Begeisterung für die Revolution anfangs groß und dies selbst unter Alawiten und Ismaeliten. Als die Proteste in Syrien begannen, nahmen sogar viele an Demonstrationen, in denen es um Freiheit und um mehr soziale Gerechtigkeit ging, teil. Doch das Regime wusste, wie es diese Begeisterung unter den Minderheiten zügeln konnte. So wurden gezielt Fahrzeuge mit bewaffneten Männern in alawitische Viertel geschickt. Dort gaben sie willkürlich Schüsse ab, meist nur in den Himmel. Es gab nie Tote und auch nur selten Verletzte, denn denn es ging zunächst nur darum, den Menschen Angst einzujagen. Befeuert wurde diese Angst weiter durch inszenierte Festnahmen von angeblichen Terroristen. Die Identität der Festgenommenen blieb immer geheim. Sie verschwanden auch immer schnell und man hat nie deren Gesichter gesehen, geschweige denn, dass sie vor Gericht gestellt wurden. Als Mitarbeiter von Addounia TV bat ich darum Interviews mit den gefangenen Terroristen führen zu dürfen, dies wurde mir jedoch immer verwehrt. Und es geschah nicht, um deren Rechte zu schützen. Das wäre vielleicht in Deutschland so gewesen. Nicht aber in Syrien, dort hätte man jeden echten Terroristen vorgeführt. Es steckte mehr dahinter und bald wurde vielen klar, dass alles eine große Inszenierung der Geheimdienste war. Ziel war es unter den Alawiten und anderen Minderheiten Angst zu verbreiten. Es hieß dann, es wären Islamisten, die den Djihad gegen diese Minderheiten ausgerufen hätten. Außerdem verbreitete das Regime über alle medialen Kanäle die eigene Propaganda, in der es hieß, dass eine globale Verschwörung gegen Syrien im Gange wäre.

Ich weiß dies, da ich zu dieser Zeit Angestellter bei Addounia TV war. Dieser Sender gehörte Sleiman Maarouf und Mhamad Hamchou, beide standen Bashar Al-Assad sehr nahe und galten als dessen Geldwäscher. Hinweise dazu gab es sogar in den Panama Papers. Wegen dieser und anderer Anschuldigungen wurde der Sender später verboten und vom Satelliten Nilesat verbannt. Daraufhin änderte der Sender seinen Namen in Sama TV und sendete einfach weiter. Und während staatliche Sender den Anschein bewahren mussten, unvoreingenommen zu sein, hetzten die Privaten ungezügelt und verbreiteten die einseitige Propaganda des Regimes.

Auch wenn hohe Vertreter des Regimes schon immer ein Tabu waren, so konnten wir bis dahin wenigstens auf kleinere soziale Missstände aufmerksam machen und auch unbedeutende Politiker kritisieren. Damit war nun auf einmal Schluss. Wir wurden angewiesen nur noch Positives zu berichten.

Die erste große Demonstration

Am 25. März 2011 kam es zur ersten großen Demo in Homs. Mehrere meiner Freunde nahmen daran teil. Die Demo fand auf dem wichtigsten Platz in Homs statt, auf dem „Platz der neuen Uhr“. Es nahmen geschätzt 3000 Menschen dran teil. Ich war auch dort jedoch nicht unter den Demonstranten, sondern als Pressevertreter für meinen Sender. Ich war also auf der anderen Seite der Barrikaden, die durch die Sicherheitskräfte errichtet wurden und konnte von dort aus den ganzen Platz überblicken. Auf diese Weise konnte ich auch den Verlauf der Ereignisse verfolgen.

Anfangs verlief die Demonstration ruhig, es wurden Schilder hochgehalten und die Masse rief Parolen. In den extremsten Forderungen ging es darum, den Bürgermeister abzusetzen. Es waren hauptsächlich Studenten anwesend. Die Sicherheitskräfte hatten an allen Ausgängen des Platzes Barrikaden errichtet und ließen niemanden mehr passieren. Unterstützt wurden sie von Studenten der nationalen Vereinigung der Studenten Syriens, einer regimetreuen Vereinigung der Baath Partei. Diese waren mit Stöcken bewaffnet und stellten sich zu den Sicherheitskräften. Sie schlugen auf die Demonstranten ein und versuchten, diese einzeln aus der Menschenmenge zu zerren, um sie dann verhaften zu lassen. Es war von Anfang an offensichtlich, dass die Motivation dieser Studenten der Baath Vereinigung gering war und im Verlauf der Demo weiter nachließ. Schließlich kannten sich viele aus der Universität und sowohl Demonstranten als auch Studenten der Vereinigung waren gemischt und gehörten den unterschiedlichsten Konfessionen an.

Die Polizisten, die auf meiner Seite der Barrikaden standen versuchten es daraufhin mit Reizgasgeschossen. Durch Zufall drehte sich jedoch der Wind und trug den ganzen brennenden Rauch in unsere Richtung zurück.

Als auch dies fehlschlug und nicht zur Auflösung der Menschenansammlung führte, wurden Anwohner aus nahegelegenen alawitischen Vierteln herbeigerufen. Man konnte es an den Bussen erkennen, mit denen sie vorgefahren sind. Viele kannte ich auch persönlich. Dass alawitische Zivilisten für solche Drecksarbeit missbraucht wurden, war auch nichts Überraschendes, denn das Regime hat schon Wochen zuvor begonnen, Gegendemonstrationen zu organisieren. So wurden Sicherheitskräfte nicht nur in Rufbereitschaft versetzt, sondern zusätzlich angewiesen die eigenen Angehörigen für Gegendemonstrationen zu sensibilisieren. Es war also einfach, sehr schnell und unkompliziert eine größere Menge zu mobilisieren.

Diesmal ging es rabiater zur Sache und die alawitischen Zivilisten schlugen auf die Demonstranten ein und schafften es diese in Aufruhr zu versetzten. Die Menschen versuchten zu flüchten und entkamen über den einzigen Ausweg, den die Sicherheitskräfte offenließen.

Dieser führte in eine Straße, in der der Club der Offiziere lag. Dabei handelt es sich um ein großes Gebäude, in dem sich Offiziere und dekorierte Mitglieder der Armee erholen konnten. Zur Verfügung standen Sportgeräte, Schwimmbad und Festsaal. An diesem Tag wurde dieses Gebäude nur schwach bewacht, was zu dieser Zeit in Syrien sehr ungewöhnlich war. Vor dem Gebäude sammelten sich die Demonstranten erneut und leisteten den Verfolgern Widerstand. An dem Gebäude hing ein überlebensgroßes Konterfei von Hafiz Al-Assad und von Bashar Al-Assad, seinem Sohn, den aktuellen Präsidenten. Ein junger Mann kletterte die Fassade hoch und trat mit seinem Fuß in das Konterfei des Präsidenten und zerstörte es. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich so etwas sah. Es war wahrscheinlich das erste Mal für alle Anwesenden. Für die einen ein Affront für die anderen eine unvergleichbare und mutige Heldentat. Unter den Demonstranten brach Jubel aus und es kam zum ersten Mal zu den Rufen „Das Volk will den Sturz des Regimes“.

Plötzlich fingen die wenigen, im Club der Offiziere anwesenden Sicherheitskräfte an, mit scharfer Munition zu schießen. Fünf Menschen wurden tödlich getroffen. Einige Demonstranten stürmten daraufhin das Gebäude. Es flogen Steine und Wächter wurden tödlich getroffen. Die Lage eskalierte immer weiter. Die Demonstranten warfen Steine, zündeten Autos der Sicherheitskräfte an und die Polizei schoss mit Reizgas zurück.

Am Abend nach der Demo wurden wir Pressevertreter zu einem Treffen mit der Staatssicherheit geladen. Dort zeigten sie uns Videos aus der Demo, die allesamt beweisen sollten, dass die Demonstranten Randalierer sind. Die Videos wurden sowohl von außen als auch mitten aus der Demo aufgenommen, ein Hinweis auf V-Männer unter den Demonstranten. Von wem die Gewalt ausging, war auf den Videos jedoch nicht ersichtlich.

Lauffeuer

Wie ein Lauffeuer erreichte die Nachricht der Gefallenen die verschiedenen Wohnviertel. Dort gingen die Menschen spontan auf die Straße, um gegen die Gewalt der Sicherheitskräfte zu protestieren. Es kam zu Protesten in den Vierteln Bab-Sbaa (mehrheitlich Christen und Sunniten), in Deir Baalba (mehrheitlich sunnitische Beduinen), in El-Bayadha und Khalidia (hauptsächlich Sunniten). In diese Viertel trauten sich die Sicherheitskräfte nachts nicht rein, da die Straßen dort eng und verwinkelt sind.

In den darauffolgenden Wochen eskalierte die Situation immer weiter. Überall gab es kleine Demonstrationen und die Sicherheitskräfte setzten immer häufiger auf Gewalt und auf scharfe Munition. Je länger die Proteste dauerten, desto tiefer drangen sie außerdem in die Wohnviertel ein, worauf die Demos in die Nacht verlegt wurden, um im Schutz der Dunkelheit zu protestieren. Nach einigen Wochen entsendete das Regime schließlich das Militär und wir sahen zum ersten Mal gepanzerte Fahrzeuge und Kriegsgerät mitten in der Stadt. Die Demos, die nun zwischen ein Uhr und fünf Uhr in der Früh stattfanden, waren jedoch keine klassischen Demos. Die Menschen gingen auf die Dächer und Balkons und schlugen mit Löffeln auf Kochtöpfe und Metallschüsseln, um einen ohrenbetäubenden Lärm zu erzeugen. Dabei riefen sie Parolen gegen das Regime: „Verflucht sei deine Seele oh Hafiz“ und „Es falle, es falle das Regime“, um nur einige zu nennen. Ganze Viertel erbebten unter diesem Protest und das Militär schoss in die Luft und nicht selten direkt auf die Gebäude und Balkons. Manchmal wurde dem Viertel auch einfach der Strom abgestellt und alles versank in Dunkelheit. Es ging darum den Menschen Angst zu machen.

Die Beerdigung

Am 18. April kam es zu der Beerdigung von sieben Demonstranten, die während dieser Unruhen gefallen sind. Der Trauerzug bestand aus mehreren Tausend jungen Männern. Die Stimmung war geladen. Die Toten wurden zunächst für das Totengebet in der Moschee aufgebahrt und von dort zum Friedhof gebracht. In der Nähe des Friedhofs wurde der Trauerzug von Schlägertruppen des Regimes zunächst bedrängt und dann angegriffen. Dass selbst ein Trauerzug nicht unbehelligt blieb, ließ die bereits geladene Stimmung weiter aufkochen. Anschließend an die Beerdigung entschloss sich deshalb ein Teil der Anwesenden einen Dauerprotest auf dem zentralen Hauptplatz der Stadt Homs zu einzurichten.

Damals hatte ich mit ein paar Freunden eine säkulare Gruppe gegründet. Aus dieser Gruppe heraus wurde versucht einen entsprechenden Diskurs während der Proteste zu etablieren. Das Ziel war es, das Ausspielen der konfessionellen Gemeinschaften zu verhindern und einen rein revolutionären Diskurs zu etablieren. Es wurde ein Zelt errichtet, das Zelt der nationalen Einheit genannt wurde, und es kamen unterschiedliche Redner zu Worte: Sunniten, Schiiten, Alawiten und Christen. Es war wichtig Einheit zu zeigen und das sollte sich in den skandierten Parolen widerspiegeln: „Einig, einig, einig, das syrische Volk ist einig“ und „Nationale Einheit“, um nur einige zu nennen. Unter den Demonstranten wurden Aufgaben verteilt. So kümmerten sich einige um das Essen, während andere den anfallenden Müll wegräumten. Und da die Sicherheitskräfte anfangs nicht einschritten, wurde die Menschenmenge schnell größer. Es kamen Menschen aus den umliegenden Vierteln dazu. Und im Laufe des Nachmittags reisten sogar einige aus anderen Städten, wie Hama und Damaskus an. Dort war das Demonstrieren verboten, weshalb diese Demo eine willkommene Gelegenheit darstellte.

Ich war noch immer Korrespondent bei Addounia TV und an diesem Tag beim Gouverneur, wo wir Medienvertreter über die Situation informiert wurden. Da alle akkreditierten Sender dem Regime nahestanden, vertraute man uns viel an und es wurde offen über die Bewegungen der Sicherheitskräfte geredet. Ich gab diese Informationen an meine Freunde, die an der Demo teilnahmen, weiter und konnte sie so vorwarnen.

Der Protest ging bis spät in die Nacht. Ca. 800 meist junge Männer entschieden sich auf dem Platz zu übernachten und ignorierten dabei die Warnungen der Sicherheitskräfte. Gegen zwei Uhr morgens dann eröffnete das Militär das Feuer. Ich war zu dieser Zeit wieder zu Hause, mehrere Kilometer entfernt und doch hörte ich den Lärm des massiven Beschusses. In dieser Nacht gab es viele Tote, wie viele es genau waren, wusste jedoch niemand genau, da nicht wenige der Anwesenden extra angereist waren. Die Sicherheitskräfte verbreiteten die Information, dass es um die 200 Tote gab und dass die Körper mit Baggern weggeschafft wurden. Es war keine offizielle Information und doch sollte jeder wissen, dass das Regime bereit ist bis zum Äußersten zu gehen. Der Protest war damit aufgelöst.

Monate später, nach genaueren Recherchen und Nachforschungen durch Aktivisten, stellte sich heraus, dass in dieser Nacht nur ca. 20 Menschen gestorben sind. Doch das Regime hatte sein Ziel bereits erreicht: Angst zu verbreiten und vor weiteren Protesten zu warnen.

Propaganda

Noch in derselben Nacht, kurz nach dem Massaker ertönten aus mehreren Moscheen Appelle zum Djihad. Es war klar, dass dieser Appell gegen die Alawiten gerichtet war und dies löste große Angst aus. Verwirrend war jedoch, dass nur Moscheen in unmittelbarer Nähe zu alawitischen Vierteln damit ertönten. In den sunnitischen Vierteln war nichts davon zu hören. Später stellte sich noch dazu heraus, dass diese Moscheen durch Polizeikräfte besetzt waren. Es wurde schnell klar, dass dies auch wieder ein Trick des Regimes war, um Angst unter die Minderheiten zu sähen und diese somit an sich zu binden oder zumindest die Solidarität mit den Protesten zu schwächen. Ich habe in den Wochen darauf auch von mehreren Polizisten gehört, wie sie sich darüber lustig machten.

Am nächsten Tag erhielt ich den Auftrag einen Fernsehbeitrag zu drehen. Ich sollte Stimmen sammeln von Bürgern, die verlangten, dass das Militär dauerhaft in der Stadt stationiert wird. Natürlich wusste ich an wen ich mich wenden musste und wie ich die Leute dazu brachte genau diese Forderungen auszusprechen. Trafen wir auf einen Alawiten, vertrat er meist von sich aus die geforderte Meinung. Trafen wir auf einen Sunniten, traute sich dieser meistens nicht zu widersprechen. Man muss wissen, dass wir immer von Polizisten begleitet wurden und die Menschen Angst hatten festgenommen zu werden. Einmal beschimpfte uns eine junge Frau als Lügner und Lautsprecher des Regimes. Die Polizisten wollten sie festnehmen. Ich bat sie davon abzusehen, worauf sie nach längerem Hin und Her wieder gehen durfte.

Natürlich spielte ich immer wieder mit dem Gedanken zu kündigen. Schließlich produzierte ich Propaganda für ein System, das mich anwiderte. Ich konnte jedoch zu dieser Zeit nicht kündigen, da ich sonst sofort unter Verdacht geraten wäre. Außerdem hatte ich nichts, wo ich unterkommen konnte. Ich wusste auch, dass wenn ich die Arbeit nicht erledigen würde, ein anderer es tun würde. Und tröstete mich damit, dass ich so zumindest an heikle Informationen kam, die ich an Freunde weiterleiten konnte.

So saß ich einmal im Büro des Geheimdienstes der Luftwaffe, als ein Offizier mich bat ihm zu helfen, Bilder von einem Laptop auf einen anderen Rechner zu übertragen. Es handelte sich dabei um Bilder von Demonstranten, mit denen diese identifiziert werden sollten, um sie später zu verhaften. Ich nutzte für das Übertragen meinen USB-Stick und löschte die Bilder anschließend nicht. Später reichte ich die Dateien an Aktivisten weiter, die die Fotografierten warnten und somit vor Festnahmen bewahren konnten.

Außerdem sorgte ich dafür, dass die Beiträge, die ich für den Sender erstellte, widersprüchliche Informationen beinhalteten, um die Propaganda des Regimes unauffällig ins Absurde zu führen. Ich lehnte immer öfter Aufträge ab oder meldete mich krank.

Aktivismus

Zur gleichen Zeit gründeten wir die Bewegung „Nabdh“, auf Deutsch Puls. Ziel war es, den Puls der Proteste zu erfassen und diese im Sinne der Revolution zu beeinflussen. Die Gruppe bestand aus 15 bis 30 Mitgliedern, meist junge Beeinflusser und Aktivisten. Wir versuchten Brücken zwischen den verschiedenen aktiven revolutionären Gruppierungen zu bauen, um deren Positionen anzunähern. Es wurden Gespräche und Treffen mit Vertretern der verschiedenen Konfessionen organisiert, mit Sprechern der Wohnviertel und mit Anhängern des politischen Islams. Außerdem starteten wir unterschiedlichste Aktionen, um Aufmerksamkeit zu erregen und um das Regime zu verunsichern. Einmal wurden im Viertel der Muhajirin in Damaskus tausende Pingpong Bälle mit Aufschriften verschüttet. Die Polizei sammelte diese anschließend wieder ein. Ein anderes Mal verteilten wir als Christen und Alawiten in sunnitischen Vierteln Rosen, um drauf hinzuweisen, dass es auch solche gibt, die die Revolution stützen und sich gegen die Diktatur stellten. Diese Aktionen konnten wir jedoch nicht in den alawitischen Vierteln durchführen, da die Polizeipräsenz dort viel zu hoch war.

Im Juni 2011 fuhr ich nach Damaskus, um meine Freundin zu besuchen. Was anfangs nur als kurzer Besuch geplant war, sollte mein bisheriges Leben auf den Kopf stellen und mich zum Gehetzten werden lassen.

Im dritten und letzten Teil dieser Erzählung, berichtet Yamen von seiner Verbannung aus Homs, seiner Zeit als Aktivist in Damaskus und seiner Flucht aus Syrien.

Bei vielem, von dem was Yamen mir erzählt hat, ist es mir nicht möglich es zu überprüfen. Dennoch konnte ich online viele Videos finden, die die meisten geschilderten Ereignisse bestätigen können. Ich habe im Folgenden einige dieser Videos aus YouTube verlinkt. Ich habe sogar ein Video gefunden auf dem Yamen als Korrespondent zu sehen ist, werde es hier jedoch nicht direkt verlinken.

Ausschreitungen vor dem Club der Offiziere in Homs am 25.3.2011:

Zerstörung von Al-Assads Konterfei am 25.3.2011:

Beerdigung der gefallenen Demonstranten am 18.4.2011:

Demo am platz der neuen Uhr am 18.4.2011:

Nächtliche Demo in Deir Baalba am 23.5.2011:

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Tag 52: Neues von Samir – Hoffnung und Hürden https://blicktausch.com/tag-52-neues-von-samir-hoffnung-und-huerden/ https://blicktausch.com/tag-52-neues-von-samir-hoffnung-und-huerden/#comments Wed, 09 Aug 2017 11:08:08 +0000 https://blicktausch.com/?p=1605 Ich kenne Samir nun seit über einem Jahr und habe seine Geschichte und seinen Weg in mehreren Artikeln festgehalten. Im März 2017 erhielt er endlich seinen Bescheid, in dem ihm die Flüchtlingseigenschaft zuerkannt wurde. Alle Beteiligten, Helfer und Samir selbst waren sehr erleichtert. Vor allem, da es nun möglich war, einen Antrag zu stellen um seine Frau und die beiden Kinder aus der Türkei nachzuholen. Doch es sollte nichts so einfach sein, wie es eigentlich schien.

(Die ganze Geschichte von Samir kann man hier nachlesen)

Familiennachzug

Eine Voraussetzung für einen Familiennachzug ist jedoch, dass die betroffenen Angehörigen auch einen Pass besitzen. Einen Pass zu besorgen ist jedoch für flüchtige Syrer, die außerhalb Syriens auf der Flucht sind, kein einfaches Unterfangen und vor allem ein sehr kostspieliges. Der syrische Pass ist weltweit der teuerste Pass. Bis zu 800 Euro muss man für einen Pass aufbringen, für Frau und zwei Kinder sind das 2400 Euro.

Nach vielem Hin und Her erklärte sich Samirs Onkel, der in Damaskus lebt, bereit, die Pässe zu beantragen. In Damaskus würden die drei Pässe um die 1500 Euro kosten. Vorher mussten wir ihm jedoch das Familienbuch schicken. Nachdem Samir mir sagte, dass es bei der BAMF lag, und ich mehrere Telefonate führte um herauszufinden, wie wir es zurückerhalten konnten, stellte sich heraus, dass er es doch in seinen Unterlagen gefunden hatte.

Wir schickten das Familienbuch mit DHL und mulmigem Gefühl nach Damaskus zu seinem Onkel. Uns war natürlich bewusst, dass es lange dauern würde bis es ankommt, doch nach zwei Monaten verloren wir die Hoffnung, dass es jemals ankommen würde. Also planten wir zunächst ein neues Familienbuch zu beantragen, dies stellte sich dann als unnötig heraus und es reichte, den in der Türkei geborenen Sohn nach Zahlung einer Strafe in das staatliche Geburtenregister einzutragen. Dann vor zwei Wochen erhielt Samir einen Umschlag mit dem Familienbuch darin. Es wurde aus Damaskus zurückgeschickt, weil der Empfänger angeblich nicht auffindbar war.

Verwaltungsdschungel

In der Zwischenzeit mussten wir uns um ein anderes Problem kümmern. Nachdem Samir nämlich anerkannt wurde, fiel er aus der Zuständigkeit des Landratsamts Erding. Hier der Bericht von Heidi, die sich primär um dieses Problem gekümmert hat:

***

Laut der Aussage mehrerer Mitarbeiter im Landratsamt Erding ist das LRA nicht mehr für Samirs Finanzierung zuständig. Mit der Begründung – er ist kein Asylbewerber mehr, sondern anerkannter Flüchtling. Somit wäre eigentlich das Jobcenter zuständig. Da Samir aber nicht erwerbstätig sein kann, würde das Sozialamt des Landkreises aufkommen müssen. Da Samir aber mit Sicherheit mehr als Pflegestufe 1 hat, fällt er auch da raus. In diesem Falle muss der Bezirk Obb. zahlen.  Dort habe ich auch einen Antrag auf Gewährung der Sozialhilfe nach SGB IIX gestellt.

Bis dieser Antrag aber bewilligt wird muss jemand für Samirs Versorgung aufkommen… um herauszufinden wer das ist war ich beim Sozialamt der Stadt Erding – die haben mich an das Sozialamt im LRA verwiesen. Zu einer Sachbearbeiterin… die Dame war im Urlaub. Eine Kollegin hat sich sehr nett und geduldig meine Ausführungen angehört. Versicherte mir dann wieder, dass sie nicht mehr zuständig sind und ich mich an den Bezirk Obb. wenden soll. Sie könnten nichts machen. Die Nummer von einem Herrn dort bekam ich noch von Ihr.

Ein Anruf bei dieser Nummer blieb erfolglos, da dieser auch in Urlaub war.

Da ich eine Nachricht auf dem AB hinterlassen habe wurde ich nach Ostern von einer Vertretung zurückgerufen. Dieser Herr- sehr freundlich wusste leider gar nicht Bescheid. Hat mich aber mit einer anderen Dame verbunden.

Diese meinte, dass der Antrag geprüft wird, man allerdings erst eine Beurteilung von Samirs Pflegegrad dazu benötigt. Diesen sollten wir sobald wir ihn wissen an sie weitergeben.

Die Einstufung des Pflegegrades wurde laut Leitung des Pichlmayr vom Landratsamt Erding im März beantragt. Es ist derzeit mit einer Wartezeit von ca. 3 Monate zu rechnen.

Aber auch die Bearbeitung beim Bezirk dauert laut Sachbearbeiterin ca. 3 Monate. Es gibt nach ihrer Aussage auch keine Möglichkeit der Beschleunigung.

Man sagte mir aber der Landratsamt Erding wäre verpflichtet, da Samir schon seit mehr als einem Jahr vom Landratsamt versorgt wird, das auch weiter zu tun. Sie müssten einen Antrag für Samir auf medizinische Grundversorgung stellen. Da Samir ja im Moment noch nicht Krankenversichert sein kann.

Ich habe versucht jemanden zu erreichen, um dort nachzufragen- bis heute Morgen nicht erfolgreich!

Ich versuche es gleich Montag früh nochmal.

Die Dame vom Bezirk meinte, es ist auch völlig widersinnig, dass das Landratsamt zwar die Unterbringung im Heim bezahlt, aber nicht die medizinische Versorgung. Entweder beides, oder sie weigern sich komplett.

***

 

Dies zog sich über mehrere Monate hin und ist auch nur ein Teil des Berichts. Heidi, die ursprünglich Samir nur Deutsch unterrichten wollte, fand sich in einem nicht enden wollenden Verwaltungsdschungel. Sie war zusehends verzweifelt von dem Hin und Her, bis sie in Erfahrung gebracht hat, dass es möglich ist, einen vom Gericht bestellten Betreuer für Samir zu beantragen. Auch wenn dies natürlich wieder ein paar Wochen dauern würde, so hofften wir, dass es eine Erleichterung darstellen würde.

Das Geld

Ein weiteres Problem war in dieser Zeit das Geld. Da die Frage der Zuständigkeit nicht geklärt war, erhielt Samir auch kein Geld mehr vom Amt. Wir mussten ihn immer wieder mit Lebensmitteln, Internet Karten und Geld für kleinere Anschaffungen unterstützen. Genauso sah es mit der medizinischen Grundversorgung aus. Auch hier wurde nur noch das nötigste unter Voraussetzung vorheriger Genehmigung und jeweils für wenige Tage vom LRA übernommen. Ständig fehlte Verbandsmaterial für seine Dekubitus und mussten umständlich nachbestellt werden. Dies führte dazu, dass die ohnehin bereits sehr schlechte Versorgung im Pichlmayr Altenheim in Erding noch schlimmer wurde und der Zustand seiner Wunden „Katastrophal“ (Zitat) wurde. Im Juli war er dann endlich krankenversichert und erhielt endlich wieder seine 100 € Taschengeld, diesmal sogar rückwirkend ab Mai.

Krankenhaus

Mein Geschäftspartner, auch Deutsch-Tunesier, organisierte diesmal einen Termin im Klinikum Großhadern in der Hoffnung, dass seine Dekubitus-Wunden dort stationär behandelt werden können. Nach diesem ersten Termin begleitete ich Samir am 8. August zu einem zweiten Termin, an dem auch der Oberarzt anwesend sein würde. Die Krankenschwestern konnten sich noch sehr gut an Samir erinnern. Sie erwähnten den Katastrophalen Zustand seines Verbands beim letzten Termin und beschrieben mir den grässlichen Geruch der davon ausging. Meine Ausführungen über die katastrophalen Pflegezustände im Pichelmayr Altenheim in Erding hörten sie konsterniert zu.

Ich ging relativ optimistisch in den Termin, und doch wollte ich Samir meinen Optimismus nicht zeigen, um seine Erwartungen vorsichtshalber runterzuschrauben. Der Oberarzt wirkte sehr zurückhaltend, ja fast schon defensiv. Er sagte uns auch sehr schnell, dass in Großhadern keine Kapazitäten frei wären. Mein Optimismus verflog daraufhin sehr schnell und Verzweiflung machte sich in mir breit. Ich fragte, was uns denn noch für Optionen blieben würden und schilderte auch ihm die Zustände im Altenheim. Doch der Oberarzt schien keine Lösung für uns Parat zu haben und verschwand kurz darauf, weil er einen anderen Arzt bei einer OP unterstützen musste. Bevor er ging bat er uns nur noch auf einen anderen Arzt zu warten. Also warteten wir. Über eine Stunde saßen wir alleine in dem Zimmer und überlegten, was wir noch tun konnten. Dann kam der angekündigte zweite Arzt in den Raum und sagte: „So wir haben nun die Aufnahme in der Innenstadt organisiert. Er wird dort operiert und gepflegt.“

Die unerwartete Ankündigung machte mich sprachlos und es vergingen ein paar Sekunden bis ich die Worte verstand und ein Stein mir vom Herzen fiel. Ich war den Tränen nahe und hätte den Arzt am liebsten umarmt.

Wie lange die Behandlung dauern wird, kann niemand sagen, aber weniger als sechs Wochen werden es wohl kaum werden.

Unsere Hoffnung ist nun, dass Samir nach der OP nicht mehr in das Altenheim zurück muss, sondern in eine andere Unterkunft kommt. Bei der Pfennigparade in München wird sein Fall bereits geprüft und eine grundsätzliche Bereitschaft ihn aufzunehmen wurde angedeutet.

Mobilität

Außerdem hat sich Samirs Physiotherapeut Ralf, der sich seit einigen Monaten mit viel Hingabe um Samir kümmert, nach einem elektrischen Rollstuhl umgeschaut. Da ein entsprechender Antrag bei der Krankenkasse zu sehr langen Wartezeiten führen und wahrscheinlich dann noch abgelehnt würde, wollte er einen solchen gebraucht kaufen, damit Samir den Rest des Sommers ein wenig unabhängiger sein kann. Heidi und Ralf kauften dann vor einigen Tagen einen gebrauchten Elektro-Rollstuhl in einem guten Zustand und legten den Preis, insgesamt 850 €, aus eigener Tasche aus. Ich habe versprochen zu helfen und zumindest einen Teil der Summe zu sammeln.

Am Abend als er den Rollstuhl erhielt, schickte Samir mir ein Video seiner ersten Fahrt und erzählte mir, dass er den ganzen Tag in Erding umherfuhr und spät in der Nacht sogar den Pflegern half.

Samirs Weg in die Alpen

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Erzähl mir von Deutschland, Soumar https://blicktausch.com/buchkritik-erzaehl-mir-von-deutschland-soumar/ https://blicktausch.com/buchkritik-erzaehl-mir-von-deutschland-soumar/#respond Wed, 12 Jul 2017 22:22:30 +0000 https://blicktausch.com/?p=1591 Der Verleger kontaktierte mich per Mail und bot  an, mir das Buch kostenlos zuzuschicken mit der Bitte es zu lesen und eventuell auf meinem Blog zu besprechen. Da ich mich viel mit dem Thema befasst habe, sagte ich zu und las das Buch in den zwei darauffolgenden Wochen. Hier nun meine Buchkritik.

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Der Autor Florian Schmitz, ein ausgewanderter Deutscher, trifft Soumar, einen syrischen Flüchtling in Griechenland. Er begleitet ihn in diesem Buch auf dessen Weg nach Deutschland und in die deutsche Gesellschaft. Und auch wenn diese Reise und das Einleben in Bremen den roten Faden durch die 285 Seiten spannt, so geht es nicht ausschließlich um Soumar. Es geht vor allem auch um die Sichtweise des Autors auf Deutschland, die sich im Laufe der Zeit von einer anfänglichen Aversion in eine differenziertere, teilweise wohlwollende Sicht wandelt.

Der Autor beschreibt mit viel Humor Situationen, die er mit Soumar erlebt. Dabei analysiert er oft sehr selbstkritisch seine eigenen Gefühle ebenso wie die Reaktionen Soumars.

Aus diesem Blickwinkel bietet das Buch eine interessante Sicht auf Deutschland und auf viele Situationen, die uns im alltäglichen Leben begegnen. So erkennt der Autor unter anderem plötzlich Vorteile deutscher Pünktlichkeit und Ordnung, er lernt Errungenschaften, wie das hiesige Sozialsystem zu schätzen, und entdeckt wider Erwarten bei Fußballfans große Solidarität und viel Menschlichkeit.

Für ein wohliges Gefühl sorgten bei mir auch die mir bekannten Situationen und Schauplätze aus dem Buch. So wurde Erinnerungen an einen nächtlichen Besuch an der Grenze Simbach-Braunau in mir erweckt, an meinen Aufenthalt in Idomeni und Thessaloniki in Griechenland und meinen Besuch in der KZ-Gedenkstätte in Dachau mit einem syrischen Freund.

All dies hätte dieses Buch zu einer interessanten und erfrischenden Lektüre machen können, wäre da nicht ein Makel, der dem ganzen einen unschönen Beigeschmack verlieh.

In einem ausführlichen Kapitel wird in dem Buch über Freiheit diskutiert: Die Freiheit zu glauben und vor allem über die Freiheit sich dem Glauben zu entziehen. Es wird über die Gräueltaten von Radikalen geredet, die die eigene Denkweise durch Gewalt und Terror anderen aufzwingen wollen. Auch an anderen Stellen ist die Rede von Terroristen, Radikalen und Islamisten, die in Syrien wüten. Als einzige weitere Kriegspartei wird an einer Stelle, gegen Ende des Buches, die Freie Syrische Armee erwähnt, die einen Freund Soumars bei einem Angriff auf ein Trainingslager der Syrischen Armee tötete. Doch nirgends im gesamten Buch, werden die Gräueltaten des Regimes thematisiert oder auch nur angedeutet, obwohl diese die Mehrheit der Opfer in diesem Krieg auf dem Gewissen haben.

Nun könnte man es damit erklären, dass Soumar selbst Alewit ist und er nie unter diesem Regime leiden musste, es ihn im Gegenteil sogar Schutz geboten hat. Doch ist dies ein Grund die Verbrechen des Regimes und seiner Alliierten als einzige Kriegspartei unerwähnt zu lassen? Ich habe selbst mit Alewiten gesprochen und gelernt, dass sie nicht alle hinter diesem Regime stehen, sondern einige sich ihm sogar offen entgegenstellen. Doch auch wenn man dies so akzeptiert, warum thematisiert der Autor selbst diesen Aspekt nirgends?

Vor einigen Monaten war ich mit einem Syrer im KZ in Dachau. Als wir dort Bilder von ausgehungerten Gefangenen und den Berge von Toten sahen, kam sofort die Rede auf Madaya, das Yarmouk Lager, die Gefangenen aus Saidnaya oder Caesars Berichte über die Todesmaschinerie des syrischen Regimes.

Auch der Autor begleitet Soumar in ein KZ, das in Bergen-Belsen. Auch sie sehen dort vergleichbare Bilder und Videomaterial und doch wird nur Religion und Rassismus als Auslöser solcher Verbrechen thematisiert. Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Despotismus und Diktatur finden in dem Buch keine Erwähnung. Im Angesicht all der anderen philosophischen Gedankenexperimente, die der Autor führt, eine überraschende Unzulänglichkeit.

Im KZ Bergen-Belsen fragt Soumar, wie es sein kann, dass die Menschen damals zu Nazizeiten im benachbarten Dorf nichts unternommen haben. Darauf antwortet der Autor: „…viele wollten es einfach nicht wissen…“

Ein ähnlicher Gedanke zu beiden Protagonisten drängte sich mir ab der zweiten Hälfte des Buches immer mehr auf: „Was in Syrien wirklich passiert, wollen sie einfach nicht wissen oder zumindest nicht drüber reden.“

Leider führt diese vereinfachte und vor allem einseitige Darstellung der Situation in Syrien zu einer pauschalisierten Sicht auf die Menschen, die in Deutschland ankommen. Das Buch in dem der Integrationswille eines einzelnen gewürdigt wird, erhebt dabei leider ungewollt, Zweifel an der Integrationsfähigkeit derer, die sich der Religion verbunden fühlen. Gleichzeitig wird verschwiegen, dass die meisten Syrer vor einer säkularen blutrünstigen Diktatur Geflüchtet sind, die die Religion,  wie einen Spielball benutzt,  mit dem die verschiedenen Konfessionsgemeinschaften ausgespielt werden.

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