Advertise with Googlier.com Kommentare zu: Kein Enjambement ohne Kadenz http://abgedichtet.org/?p=31 Das private Weblog von LeVampyre Fri, 06 Jun 2014 21:30:40 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.4 Von: fatcat http://abgedichtet.org/?p=31#comment-89 Sun, 29 Oct 2006 12:25:28 +0000 http://levampyre.de/blog/?p=31#comment-89 Hallo, LeV

Ich antworte mal anstelle meines nichtregistrierten Pseudonyms „f@c@“.

Ich glaub, jetzt habe ich’s kapiert: Der Unterschied zwischen Phrasengrenze und Kadenz liegt zwar teils in der Gestaltung durch den Autor (Zeilenumbrüche), beruht aber hauptsächlich auf Sprach-(Schreib- und Lese-)sensibilität. (wie dein letztes Beispiel beweist).

Ich stimme dir zu, dass die Hervorbringung eines Enjambements demzufolge gesteigerte Einsicht in die Größen „Sprache“ und „Inhalt“ benötigt.

Da ich momentan sonst nichts Konstruktives beitragen kann, erweitere ich einfach mal die Liste mit selbst verfassten Beispielen aus dem Fernschachfaden von gedichte.com und untersuche sie auf Enjambements (bzw. versetzte Kadenzen):

1)Geschlossen bleibt das Feld, und auch mein Bauer/
zieht d5, ist nicht viel schlauer

– Obwohl es nur ein Zweizeiler ist, würde ich ein Enjambement vermuten. Natürlich lesbar ist nur „und auch mein Bauer zieht d5“, denn durch den (etwas konstruierten, weil per Reim generierten) Zeilensprung bekommt das Ziel „d5“ eine entladende Wirkung. (Dies ist ja auch, worauf der Empfänger, mein Schachpartner, wartet.)

2)Und so trübt zu frühster Stunde/
unerhörtes pferdetrampeln/
diesen schlachtbeginn.

Bauern, ebensolche Hampeln,/
drehen ruhig ihre Runde/
auf e6, mit nichts im Sinn.

– Strophe eins enthält kein Enj., Strophe zwei hingegen schon, zu „auf e6“,(mit der Begründung der Zielgerichtetheit eines Zuges und der Notwendigkeit dieses grammatischen Objekts, ist ja auch ganz ähnlich wie Beispiel 1), und nach „auf e6“ haben wir eindeutig die Kadenz.

3)Zu Schutz und Trutze zieht sodann/
der Läufer auf den gleichgefärbten Feldern/
nur um einen kleinen Schritt.

– Nix Enj., obwohl ich mit anderer Aufteilung/Zeichensetzung nach dem „Läufer“ eine Kadenz hätte setzen können. Aber so wie’s da steht, liest sich Vers 2 vollkommen zusammengehörig (als Angabe des Subjekts antwortet er auf die Fragen: „wer?“ und im gleichen Atemzug „welcher Läufer?“), ohne Kadenz im Innern.

4)Es reizt zu einer Bauernkette,/
Ein reiht euch, Tölpel ihr, rettet/
mein Reich. Lasst jene Barbaren/
sich reiben an euch,/
mit c5 wird der Andrang verscheucht!

Zu guter letzt eine Problemstellung.
[Mal abgesehen vom Metrumwechsel im letzten Vers, der ist auch problematisch :)]
Nach der Lektüre in deiner Kategorie „Reime ETC“ selbstbewusster geworden, schreibe ich diese Strophe um, sodass aus dem durch Zeilensprung erzwungenen Endreim „kette-rettet“ ein komplexeres Reimgeflecht wird, allerdings übersichtlicher und ohne die isolierten Phrasen „mein Reich“ und „sich reiben an euch“:
Es reizt zu einer Bauernkette!/
Ein reiht euch, Tölpel ihr,/
rettet mein Reich!/
Lasst jene Barbaren sich reiben an euch;/
mit c5 wird der Andrang verscheucht!

Welche Variante ist besser, die mit oder die ohne Enjambement? Bzw. die mit Endreim, oder die mit mehr reimlichen Verflechtungen? Oder, wieder anders, die Variante mit längeren Zeile, oder die mit den sinnloserweise isolierten Teilsätzen? (vielleicht kommen dadurch mehr Reime an?)

Das ist doch mal kein schlechtes Rätsel, schätze ich.
Man sieht, was da alles am Enjambement dranhängen kann.

Viel Spaß damit nicht nur dir, LeV, adieu!

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Von: LeV http://abgedichtet.org/?p=31#comment-88 Sat, 21 Oct 2006 11:08:16 +0000 http://levampyre.de/blog/?p=31#comment-88 Ja, Phrasengrenzen finden sich eigentlich überall dort, wo Satzglieder auf höchster Ebene „zuende“ sind. Eine Kadenz ergibt sich überall dort, wo der Umstand einer Phrasengrenze eine „längere“ Sprechpause nachsich zieht. Das heißt aber auch, dass sich nicht jede Phrasengrenze gleichermaßen zur Kadenz eignet, was wiederum nicht heißt, das man seinen Vers nicht so gestalten könnte, dass sie es trotzdem tun.

Wie außergewöhnlich das Enjambement (zumindest als Kadenzübergreifendes) ist, siehst du schnell, wenn du dir einfach ein paar klassische, metrische Gedichte zur Hand nimmst und mal zählst, wie oft das Enjambement da eingesetzt wird. Und dass es nur mit (wenigstens intuitivem) syntaktischem Verständnis hervorzubringen ist, ist sicher richtig, dürfte aber für einen Großteil der Sprachfiguren gelten.

Ich gehe sogar soweit zu glauben, dass zum Dichten ein (zumindest intuitives) Verständnis von den Formen und Funktionsweisen der Sprache unabdingbar ist, auch wenn ich mit diesem Glauben heutzutage wohl eher einsam bin. 😉

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Von: f@c@ http://abgedichtet.org/?p=31#comment-87 Fri, 20 Oct 2006 16:10:04 +0000 http://levampyre.de/blog/?p=31#comment-87 Hi, LeV,

mal wieder eine hintertückische Frage meinerseits:

Du hast als Hilfestellung für die Erkennung der Phrasengrenze genannt, dass dort theoretisch ein Punkt, Komma oder eine Konjunktion stehen könnte. Meine Frage bezieht sich auf die Setzbarkeit von Konjunktionen.
Da in der Syntax eines Satz man jedem (sinnvollen) Satzglied eine Funktion zuordnen kann, bzw. ein Satzglied immer auf eine Frage (schlussendlich bezogen auf das Prädikat) Antwort gibt, ist es möglich, fast alle Satzglieder durch passende Konjunktionen zu verbinden.
[Ergänzung: Selbst wenn die passende Konjunktion nicht im üblichen Sprachgebrauch (Duden) existiert, so ist sie doch DENKBAR.)

Bedeutet dies also, das prinzipiell nach (fast) jedem Satzglied eine grammatisch bedingte Phrasengrenze zu sehen ist, und damit einher gehend auch eine Kadenz?

Mir scheint, dass dies die Zahl existenter Kadenzen in JEDEM Satz enorm hoch liegen lassen würde, nämlich nach fast jedem Satzglied. Und dies hätte zur Folge, dass ein Enjambement ein ziemlich seltenes und nur mit genauem syntaktischem Verständnis hervorzubringendes Stilmittel darstellt.

Ich stelle diese Frage mit der Absicht, herauszufinden, ob das tatsächliche (und nicht nur Zeilen springende) Enjambement wirklich so eine außergewöhnliche Sache ist. Dessen möchte ich mir absolut gewiss sein, und es sollte jedem Autoren bewusst werden.

akademischer gruß eines Nichtstudenten
‚f@c@‘

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