Weihnachten ohne Perfektionsdruck: Wie wir mit Konflikten umgehen und unsere seelische Gesundheit stärken können
Weihnachten ist für viele Menschen eine emotional aufgeladene Zeit. Manche erleben Nähe, Verbundenheit und Wärme – andere spüren eher Stress, Einsamkeit oder das Wiederaufleben alter Konflikte. Besonders in herausfordernden seelischen Phasen können die Feiertage überwältigend wirken. Doch es gibt Wege, diesen Tagen mit mehr Gelassenheit und Selbstfürsorge zu begegnen. Wir haben dazu mal die besten Tipps unserer Vitos Expertinnen und Experten für Dich zusammengetragen.
Wenn Erwartungen auf Realität treffen
Merle Dammann, psychologische Psychotherapeutin der psychiatrischen Tagesklinik Idstein, betreut jedes Jahr viele Patient/innen, die mit Sorge auf das Weihnachtsfest mit ihren Familien blicken. Sie weiß, dass viele Konflikte entstehen, weil unsere Erwartungen so hoch sind oder mit den Erwartungen anderer kollidieren. Das Bild eines perfekten Familienfestes liegt wie ein Filter über allem. Wenn die Realität dann anders aussieht – wenn jemand gereizt ist, wenn ein altes, unangenehmes Thema aufkommt, wenn Traurigkeit auftaucht – fühlen sich Menschen schnell überfordert oder enttäuscht. Gerade hier kann ein zentraler Ansatz helfen: Radikale Akzeptanz. Sie bedeutet nicht, schwierige Situationen gutzuheißen, sondern anzuerkennen, dass sie da sind; dass Gefühle wie Überforderung, Trauer oder Ärger menschlich und erlaubt sind.
Sollte ein für Dich unangenehmes Thema auftauchen, darfst Du Dich abgrenzen, indem Du zum Beispiel sagst: „Über dieses Thema möchte ich heute lieber nicht sprechen.“
Chaos vorbeugen durch vorausschauende Planung
Ein weiterer Schlüssel liegt in guter Planung. Nicht im Sinne eines perfekt durchstrukturierten Tages, sondern als Möglichkeit, Stress zu reduzieren. Eine ruhige Vorbereitung kann verhindern, dass die Feiertage wie ein Strudel wirken und durch unterschiedliche Erwartungen Spannungen entstehen.
Hilfreich kann es sein, sich während der Feiertage an grundlegenden Säulen seelischer Stabilität zu orientieren. Prof. Dieter F. Braus, Klinikdirektor der Vitos Klinik Eichberg und Ärztlicher Direktor des Vitos Klinikums Rheingau, beschreibt in seinem Basisprogramm für seelische Gesundheit genau diese Grundpfeiler, die unser Wohlbefinden langfristig unterstützen:
Madlen Augustin, therapeutische Leiterin und Achtsamkeitstherapeutin am Vitos Klinikum Heppenheim, rät mehr im Jetzt zu sein und Achtsamkeit entstehen zu lassen: „Ob beim Einkaufen, Schmücken, Kochen oder Zusammenkommen – halte kurz inne und atme tief durch. Wie fühlt sich das an? Erlaube Dir, dass manches unvollkommen bleibt.“ Raus aus der Erwartungshaltung zu kommen und für sich selbst zu sorgen sei wichtig „Manchmal geht es nicht darum, sich besser zu fühlen, sondern besser im Fühlen zu werden. Den Blick bewusst auf das zu richten, was da ist: Menschen, Momente, Angenehmes und auch Unangenehmes.“
Weihnachten mit Sucht: Mentale Vorbereitung ist wichtig
Schwieriger kann die Weihnachtszeit für Menschen mit Suchtvergangenheit sein. Andrea Frisch, Sozialarbeiterin auf der Station für Suchterkrankungen bei Vitos Hochtaunus, rät zu „Wenn-dann-Strategien“: „Wenn bei der Familienfeier Alkohol angeboten wird, hole ich mir sofort ein alkoholfreies Getränk.“ Bei starker Rückfallgefahr sollten solche Situation aber vermieden werden.
Wichtig sei die mentale Vorbereitung. „Stell Dir bewusst vor, wie Du ruhig, klar und stolz bleibst, wenn andere trinken und feiern.“ Gleichzeitig rät die Expertin zu einem Notfallplan. „Kläre frühzeitig, mit wem Du Kontakt aufnehmen möchtest, wenn es Dir nicht gut geht oder der Suchtdruck zu hoch ist.“
Was hilft gegen Einsamkeit?
Nicht jeder Mensch kann in der Weihnachtszeit auf den Rückhalt von Familie und Freunden setzen. „Einsamkeit ist sowohl ein Mitauslöser als auch eine Folge vieler psychischer Erkrankungen“, sagt Lena Reitz, Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Das könne für Menschen aller Altersgruppen zum Problem werden.
Die Weihnachtszeit könne sich für Menschen, die ohnehin schon Einsamkeit erlebten, bedrohlich anfühlen. Es gibt noch weniger Möglichkeiten für soziale Kontakte, wenn man nicht an der Arbeit ist und Vereine als Treffpunkt wegfallen.
Lena Reitz rät, sich für die Feiertage positive Unternehmungen einzuplanen. Es gibt in vielen Städten organisierte Weihnachtsessen. Ein Anlaufpunkt kann neben der Telefonseelsorge auch die digitale Landkarte des Kompetenznetzwerks Einsamkeit sein, auf der sich Anlaufstellen finden.
]]>Vitamin D wird oft als „Sonnenvitamin“ bezeichnet und spielt eine wichtige Rolle für unsere Gesundheit. Doch wie stark beeinflusst es unsere Stimmung und Konzentration? Und ist es im Winter notwendig, auf Präparate zurückzugreifen? Zwei Expertinnen geben Antworten.
Ein weit verbreiteter Mythos besagt: Im Winter müsse man den körpereigenen Vitamin-D-Spiegel mithilfe von Präparaten stärken. Tatsächlich sind andere Faktoren entscheidend – zum Beispiel das ganzjährige Auffüllen der Vitamin-D-Reserven im Fett- und Muskelgewebe. Auch in Bezug auf unsere Psyche gibt es spannende Erkenntnisse aus der Forschung, auch wenn diese noch nicht vollständig abgeschlossen sind. Fakt ist jedoch: Vitamin D übernimmt eine Schlüsselrolle bei der Herstellung von Serotonin, dem sogenannten „Glückshormon“, und beeinflusst die Verwertung von Dopamin – wichtig für Konzentration und Emotionsregulation.
Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in zentralen Bereichen des Gehirns, die für Stimmung, kognitive Funktionen und psychische Gesundheit verantwortlich sind. Die Pharmakologinnen Dr. Gudrun Hefner (Vitos Rheingau, Klinik für forensische Psychiatrie Riedstadt, Eltville und Hadamar) und Nicole Erlacher (Vitos Haina, Klinik für forensische Psychiatrie Gießen) haben sich intensiv mit dem Thema beschäftigt und wissen, worauf es im Winter ankommt.
Warum ist Sonnenlicht für unseren Körper und speziell für die Vitamin-D-Produktion so essenziell?
Dr. Hefner: Ohne Sonnenlicht ist die körpereigene Vitamin-D-Produktion kaum möglich. UVB-Strahlung bildet Vitamin D3 in den oberen Hautschichten. Anschließend wandeln Leber und Niere Vitamin D3 in die biologisch aktive Form „Calcitriol“ um. Das zeigt: Bei der Vitamin-D-Synthese sind mehrere Organe beteiligt. Damit unser Körper ausreichend Vitamin D3 produzieren kann, gilt:
Sonnenschutz – Freund oder Feind der Vitamin-D-Produktion?
Dr. Hefner: Für die kurze Zeitspanne funktioniert es am besten ohne Sonnenschutz, sonst gelangt zu wenig UVB-Strahlung in die Haut.
Erlacher: Wichtig ist: Unsere Haut ist in diesem Zeitraum nicht sofort gefährdet. Sonnenschutzmittel blockieren die UVB-Strahlung und hemmen damit die Vitamin-D-Produktion.
Ab wann im Jahr ist die körpereigene Vitamin-D-Produktion nicht mehr ausreichend?
Erlacher: In den Wintermonaten – etwa von November bis Februar – steht die Sonne in ganz Deutschland zu tief, um genügend UVB-Strahlung für die Vitamin-D-Produktion bereitzustellen. Die für die Synthese notwendige Wellenlänge der UVB-Strahlung kommt in dieser Zeit nicht ausreichend vor. Der Körper greift dann auf Vitamin-D-Reserven im Fett- und Muskelgewebe zurück. Je nach Fülle dieser Reserven kann es jedoch sein, dass sie für die Versorgung nicht ausreichen.
Auch in den Sommermonaten kann die UVB-Strahlung reduziert sein – etwa durch ungünstige Witterungsverhältnisse wie starke Bewölkung, Luftverschmutzung oder einen hohen Ozongehalt.
Was sind typische Anzeichen eines Vitamin-D-Mangels?
Dr. Hefner: Vitamin D spielt eine Schlüsselrolle beim Knochenaufbau und -erhalt. Bei Erwachsenen kann ein langanhaltender Mangel zu Osteoporose (Verringerung der Knochendichte) oder Osteomalazie (Verformung der Knochen mit Schmerzen) führen. Bei Säuglingen und Kindern kann ein Mangel Rachitis verursachen – schwere Störungen des Knochenwachstums mit bleibenden Verformungen des Skeletts. Psychologische Symptome können sein:
Der Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Depressionen wird weiterhin erforscht. Auffälligkeiten treten besonders dann auf, wenn zusätzlich andere Vitalstoffe fehlen.
Welche Rolle spielt Vitamin D im Gehirn?
Erlacher: Vitamin D ist wichtig für die Herstellung von Serotonin („Glückshormon“) und beeinflusst die Verwertung von Dopamin, das für Konzentration und Emotionsregulation entscheidend ist. Vitamin-D-Rezeptoren befinden sich in Hirnarealen, die für Stimmung, kognitive Funktionen und psychische Gesundheit verantwortlich sind.

Dr. Gudrun Hefner, Pharmakologin
Dr. Hefner: Zudem besitzt Vitamin D entzündungshemmende Eigenschaften, die entzündliche Prozesse im Gehirn reduzieren können – Prozesse, die mit der Entstehung von Depressionen in Verbindung gebracht werden.
Gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass die Einnahme von Vitamin D das Risiko für depressive Verstimmungen oder saisonale Depression senken kann?
Beide: Es gibt Hinweise, dass Vitamin D eine Rolle bei der Stimmung spielt. Große Fachgesellschaften wie die World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) und das Canadian Network for Mood and Anxiety Treatments (CANMAT) empfehlen Vitamin-D-Präparate als Ergänzung zur Standardbehandlung von Depressionen (Psychotherapie und Medikamente), nicht als alleinige Therapie. Studien zeigen:
Eine große Analyse von über 53.000 Teilnehmern fand einen kleinen, aber signifikanten positiven Effekt, vor allem bei höheren Dosierungen (über 2.000 IE/Tag). Empfohlen werden 1.500–4.000 IE pro Tag als Zusatztherapie.
Wichtig: Vitamin D ersetzt keine Behandlung, sondern kann unter ärztlicher Begleitung unterstützend wirken.
Ab welchem Wert im Blut spricht man von einem Vitamin-D-Mangel?
Erlacher: Der Vitamin-D-Status wird über die Konzentration von 25-Hydroxy-Vitamin-D (25(OH)D) im Blutserum gemessen. Laut Robert-Koch-Institut gilt: Werte unter 30 nmol/l (12 ng/ml) zeigen eine mangelhafte Versorgung und erhöhen das Risiko für Erkrankungen wie Osteomalazie und Osteoporose.
Reicht es im Herbst und Winter, auf Ernährung zu achten – oder braucht man fast immer Supplemente?
Dr. Hefner: Anders als im Sport ist bei Vitamin D die Ernährung nicht das A und O. Rund 80 bis 90 Prozent des Vitamins bildet der Körper durch Sonnenlicht, nur 10 bis 20 Prozent stammen aus Lebensmitteln wie Fisch, Eier oder Pilze. Ob eine zusätzliche Einnahme nötig ist, kann nur ein Bluttest beim Arzt zeigen. Vitamin-D-Präparate werden empfohlen, wenn eine Unterversorgung nachgewiesen wurde und weder Ernährung noch Sonnenlicht ausreichen.
Gibt es Unterschiede in der Aufnahme – Tabletten, Tropfen oder Kombipräparate?
Erlacher: Ja, die Form macht einen Unterschied. Vitamin D ist fettlöslich, deshalb wird es in öligen Lösungen besser aufgenommen als in Tablettenform. Egal ob Tropfen oder Tabletten: Am besten zur Hauptmahlzeit einnehmen, da diese meist Fett enthält. Tropfen lassen sich zudem individueller dosieren.
Dr. Hefner: Bei den B-Vitaminen, die wasserlöslich sind, ist das anders. Sie spielen ebenfalls eine wichtige Rolle für die psychische Gesundheit. Besonders Vitamin B12 ist relevant: Ein Mangel kann Depressionen begünstigen und wirkt sich auch auf die Blutbildung aus.
Wie wichtig ist die Kombination mit Magnesium oder Vitamin K2?
Dr. Hefner: Eine Kombination ist nur sinnvoll, wenn ein Mangel nachgewiesen wurde. Magnesium wird benötigt, um Vitamin D in seine aktive Form umzuwandeln. Vitamin K2 sorgt dafür, dass Kalzium in die Knochen eingebaut wird. Diese Kombination kann Vorteile bringen, aber Vorsicht: Vitamin K2 kann mit Blutgerinnungshemmern wechselwirken. Deshalb vor der Einnahme unbedingt ärztlich beraten lassen.

Nicole Erlacher, Pharmakologin
Wer ist besonders gefährdet für einen Vitamin-D-Mangel?
Erlacher: Gefährdet sind vor allem Menschen, die sich nicht regelmäßig ohne Sonnenschutz für kurze Zeit im Freien aufhalten können oder möchten. Dazu gehören Personen mit viel Büroarbeit, Menschen mit eingeschränkter Mobilität oder Pflegebedürftige. Auch ältere Menschen sind betroffen, weil die körpereigene Produktion mit zunehmendem Alter nachlässt. Das liegt unter anderem daran, dass die Haut dünner wird und die Fähigkeit, Vitamin D in Leber und Nieren umzuwandeln, abnimmt. Säuglinge haben ebenfalls ein erhöhtes Risiko, da sie nicht direkt der Sonne ausgesetzt werden sollten.
Die Vitamin-D-Synthese ist ein komplexer Prozess, an dem mehrere Organe beteiligt sind – neben der Haut auch Leber und Nieren. Wenn eines dieser Systeme nicht richtig funktioniert, kann die Bildung von Vitamin D gestört sein.
Welche Risiken hat eine Überdosierung, wenn man „auf eigene Faust“ supplementiert?
Erlacher: Vitamin D ist fettlöslich. Das bedeutet: Überschüsse werden nicht einfach über die Nieren ausgeschieden, sondern im Fett- und Muskelgewebe gespeichert. Eine Überdosierung entsteht fast immer durch zu hohe Mengen an Nahrungsergänzungsmitteln.
Es gibt keine direkte „Vitamin-D-Vergiftung“, aber zu viel Vitamin D erhöht den Kalziumspiegel im Blut (Hyperkalzämie). Das kann zu Übelkeit, Appetitlosigkeit, Bauchkrämpfen und Erbrechen führen. In schweren Fällen drohen Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen oder sogar Bewusstlosigkeit.
Bei Verdacht auf einen Mangel: Wie viel Vitamin D kann man unbedenklich einnehmen?
Dr. Hefner: Grundsätzlich sollte Vitamin D nicht ohne vorherige Blutuntersuchung eingenommen werden, da es fettlöslich ist und im Körper gespeichert wird. Eine Überdosierung ist möglich und kann gesundheitliche Folgen haben. Deshalb ist eine Blutkontrolle wichtig, um den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln. Zur Vorbeugung kann eine tägliche Dosis von 1.000 IE in Betracht gezogen werden – vor allem bei Menschen über 65 Jahren oder bei Risikogruppen für Osteoporose.
Erlacher: Wer einen Mangel vermutet, sollte das beim Arzt ansprechen. Der Wert wird nicht routinemäßig bestimmt und muss oft selbst bezahlt werden, wenn keine Symptome vorliegen.
Wie sehen Sie die Zukunft: Wird Vitamin D in der Psychiatrie eine größere Rolle spielen?
Beide: Ernährung, eine gesunde Darmflora und das Mikrobiom – also die Gesamtheit aller Mikroorganismen wie Bakterien, Viren und Pilze – werden künftig eine immer wichtigere Rolle in der Psychiatrie spielen.
Warum spricht man von einer Kontroverse beim Thema „Vitamin D und Psyche“?
Dr. Hefner: Die Frage ist: Führt ein niedriger Vitamin-D-Spiegel zu Depressionen – oder sorgt eine Depression, bei der man weniger rausgeht, für einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel? Diese umgekehrte Kausalität macht Studien schwierig. Der Zusammenhang wird weiter erforscht, um Behandlungen künftig gezielter gestalten zu können.
Gibt es einen Vitamin-D-Mythos, den Sie immer wieder aufklären müssen?
Beide: Ja, zum Beispiel die Annahme, dass Vitamin D ein Allheilmittel sei oder dass jeder es im Winter automatisch einnehmen sollte. Auch die Risiken einer Überdosierung werden oft unterschätzt. Diese Mythen basieren nicht auf wissenschaftlichen Belegen.
Was tun Sie persönlich an grauen Wintertagen für Ihr Wohlbefinden?
Erlacher: Ich gönne mir bei Kerzenschein und guter Musik ein Stück Kuchen und eine Tasse Kaffee.
Dr. Hefner: Ein schönes Bad mit Musik und einem Glas Wein.
Wie funktioniert die körpereigene Vitamin-D-Produktion?
UVB-Strahlen wandeln eine Vorstufe von Vitamin D (Provitamin D3) in Prävitamin D3 um, das durch Körperwärme zu Vitamin D3 (Cholecalciferol) wird. Dieser Prozess findet in den oberen Hautschichten statt. Ein Aufenthalt in hellen Räumen reicht nicht aus, da UVB-Strahlen nicht durch Fensterglas dringen. Das gebildete Vitamin D3 wird in Leber und Niere zu Calcitriol umgewandelt. Bei regelmäßigem Aufenthalt im Freien deckt die Eigensynthese 80 bis 90 Prozent des Bedarfs. Ernährung trägt nur 10 bis 20 Prozent bei, da wenige Lebensmittel relevante Mengen enthalten (z. B. fetter Seefisch, bestimmte Innereien, Pilze, Eier).
]]>Bei allen Fragen, die sie selbst betreffen, haben Kinder das Recht, gehört zu werden und mitzureden. Das gilt auch und vor allem in schwierigen Lebensphasen, in denen sie Hilfe und Unterstützung benötigen. Bei Vitos Teilhabe wird dieses Recht täglich gelebt, zum Beispiel in den Tagesgruppen. In diesen Einrichtungen werden Heranwachsende tagsüber nach der Schule betreut, abends und an den Wochenenden gehen sie wieder zu ihren Familien nach Hause. Wie genau die Mitbestimmung in den Tagesgruppen aussieht, schildern wir in diesem Beitrag.
Lukas ist zwölf Jahre alt und besucht die Tagesgruppe in Idstein. Neben der intensiven Familienarbeit unterstützt die Tagesgruppe Lukas auch bei den Hausaufgaben. Allein: Lukas schafft es aktuell noch nicht, seine Hausaufgaben im Blick zu haben. Er vergisst häufig Hefte und Bücher, die er für den Unterricht bräuchte, weiß auch nicht, wann in welchem Fach eine Arbeit geschrieben wird und wie er sich darauf vorbereiten soll. Im Hilfeplan hat das Jugendamt gemeinsam mit ihm festgelegt, dass die „schulische Stabilität“ von Lukas gefördert werden muss.
Schulische Stabilität: Das wünschen sich alle Beteiligten für Lukas. Aber das Ziel ist ganz schön abstrakt, vor allem, wenn es um einen Zwölfjährigen geht, der sich darunter nicht viel vorstellen kann. Was also tun? – In den Einrichtungen der Vitos Jugendhilfe ist klar: Bei allen Fragen, die die jungen Klientinnen und Klienten betreffen, müssen diese einbezogen werden. Letztlich geht es ohne ihre Mitarbeit auch gar nicht. Aber dafür müssen die Kinder und Jugendlichen auch erst einmal verstehen, um was es konkret geht. Und welche Schritte es geben könnte, um ein Ziel zu erreichen.

Im Kinder- und Jugendparlament wird Mitbestimmung aktiv gelebt
Nicht nur bei den Zielen, sondern auch auf dem Weg dorthin ist Partizipation das Stichwort. Die Kinder und Jugendlichen werden beteiligt, wenn es darum geht, wie ihre Hilfepläne umgesetzt werden können. Wie das gelingen kann, hat sich das Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) der Vitos Jugendhilfe überlegt. In das Parlament haben Kinder und Jugendliche aus allen Einrichtungen der Vitos Jugendhilfe einen Vertreter bzw. eine Vertreterin plus Stellvertreter bzw. Stellvertreterin entsendet. In regelmäßigen Abständen, in der Regel also alle vier Wochen, kommt das KiJuPa zusammen und beratschlagt über die Themen, die sie betreffen. Sie bringen dort ihre Interessen und Ideen ein, gestalten Projekte und treffen gemeinsam Entscheidungen. So werden wichtige Themen nicht von Erwachsenen allein entschieden, sondern partizipativ mit den Kindern entwickelt. Das KiJuPa ist dabei ein zentraler Ort der Selbstwirksamkeit, an dem Kinder lernen, dass ihre Stimme zählt – egal ob im Alltag oder bei größeren Entscheidungen.
Die Lösung, die das KiJuPa für die Konkretisierung der Hilfepläne gefunden hat, heißt: Verstärkerpläne. Das ist ein persönlicher Plan mit drei selbst gewählten Zielen, der aus dem offiziellen Hilfeplan vom Jugendamt abgeleitet ist. Die Heranwachsenden erarbeiten die Verstärkerpläne gemeinsam mit ihren jeweiligen Erzieherinnen und Erziehern. Dabei gilt: Deine Ziele stehen im Mittelpunkt. Du machst Deinen Plan selbst. Es geht nur mit Dir.

Die Jugendlichen erarbeiten die Verstärkerpläne gemeinsam mit ihren jeweiligen Erzieherinnen und Erziehern
„Früher haben wir die Pläne einfach gemacht. Jetzt haben wir sie mit den Kindern entwickelt – das macht einen riesigen Unterschied“, sagt Kerstin Kleemann, Teamleiterin der Tagesgruppe und KiJuPa-Beraterin.
Lukas und seine Erzieherin haben nicht lange gebraucht, um seinen Verstärkerplan zu machen. Dem Zwölfjährigen war nämlich ziemlich schnell klar: Damit er in der Schule einigermaßen mitkommt, muss er zunächst einmal wissen, was überhaupt zu tun ist. Deshalb steht nun auf seinem Verstärkerplan: „Ich schreibe meine Hausaufgaben in mein Hausaufgabenheft“. Ein sehr greifbares Ziel, finden Lukas und seine Erzieherin.
„In den Tagesgruppen ist es natürlich eine Herausforderung, gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen darauf zu achten, dass die Ziele nicht aus dem Blick geraten“, sagt David Sochor, Bereichsleiter der Tagesgruppen und flexiblen Hilfen. Denn anders als in einem stationären Setting, zum Beispiel einer Wohngruppe, findet die pädagogische Arbeit hier zeitlich sehr begrenzt und intensiv statt, meist nur am Nachmittag. Das bedeutet, dass alle Prozesse wie Zielvereinbarung, Reflexion und Förderung kompakt und effektiv gestaltet werden müssen, damit die Kinder in der kurzen Zeit echte Fortschritte erleben können.
Auch dafür hat das KiJuPa eine Lösung gefunden: Neben der täglichen Reflektion am Nachmittag, finden regelmäßig die so genannten Oasengespräche statt. In einem Setting, das Geborgenheit vermittelt, – daher auch „Oase“ – reflektiert jedes Kind gemeinsam mit seinem Erzieher bzw. seiner Erzieherin. In den Gesprächen bewerten die Kinder selbst, wie gut sie ihr Ziel erreicht haben, und erhalten Feedback von ihren Bezugspersonen. Dabei geht es nicht um Bewertung im klassischen Sinn, sondern um Wachstum, Übung und Motivation. Kinder erfahren so täglich, dass ihre Meinung und ihr Einsatz zählt, und sie werden aktiv in ihre eigene Hilfe- und Erziehungsplanung eingebunden. Neben dem Erleben von Selbstwirksamkeit und der Reduzierung von Ohnmachtsmomenten, erlernen sie, Verantwortung für ihre eigenen Schritte zu übernehmen.
Lukas ist noch ein Stück davon entfernt, „schulische Stabilität“ zu erlangen. Aber er ist auf einem guten Weg. „Ich versuche, jeden Tag ein bisschen an meinen Zielen zu arbeiten und das macht richtig Spaß“, sagt er.
In unserer Jugendhilfe steht der Hilfe- und Erziehungsplan-Prozess im Mittelpunkt: Er ist nicht nur fachliches Steuerungsinstrument, sondern vor allem ein Beteiligungsprozess für die Kinder und Jugendlichen, die wir begleiten. Genau darauf richtet sich die zweitägige interne Fortbildung aus.
Statt langer Präsentationen erleben die Teilnehmenden selbst, wie es sich anfühlt, Ziele gesetzt zu bekommen, welche Methoden Partizipation wirklich stärken und welche Haltung Kindern und Jugendlichen Sicherheit vermittelt. Die gesamte Fortbildung kommt dafür mit nur einer einzigen PowerPoint-Folie aus! Der Fokus liegt vollständig auf Erfahrung, Austausch und Reflexion.
Inhalte der Fortbildung:
Die Fortbildung stärkt genau das, was auch im Blogbeitrag deutlich wird:
Gute Hilfeplanung gelingt dann, wenn Kinder wirklich beteiligt sind und ihre Stimmen gehört werden.
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Die psychiatrischen Krankenhäuser ächzen unter der zunehmenden bürokratischen Last. Etwa 35 Prozent der Arbeitszeit entfällt inzwischen auf die Dokumentation – viel Zeit, die nicht unmittelbar der Versorgung von Patientinnen und Patienten zu Gute kommt. Was sagen Vitos Mitarbeitenden aus der Pflege dazu? Und was wäre nötig, um den bürokratischen Aufwand zu vermindern? – Wir haben nachgefragt.
Der Deutsche Pflegetag ist die größte Fachveranstaltung für Pflege in Deutschland. Als der Kongress an diesem November-Tag im hub27 der Messe Berlin seine Türen öffnet, gibt es dichtes Gedränge am Eingang. 10.000 Teilnehmende werden an den beiden Veranstaltungstagen erwartet, der Kongress ist ausverkauft. Das Programm umfasst 150 Vorträge und Workshops, 500 Referent/-innen sind dabei, an Messeständen stellen sich Verbände, Unternehmen und Organisationen vor. Auch Vitos ist vertreten – mit eigenem Stand und 35 Mitarbeitenden, die sich auf dem Kongress über Entwicklungen in der Pflege informieren und sich beruflich vernetzen.

Pflegedirektorin Ljiljana Orlic stellt auf dem Deutschen Pflegetag vor, wie der Einsatz einer App die Dienstplanung erleichtert.
Ljiljana Orlic, Pflegedirektorin des Vitos Klinikums Rheingau, initiiert die Teilnahme von Vitos beim Kongress bereits seit 2023. Dieses Mal stellt sie in einem Impulsvortrag vor 70 Zuhörenden eine App vor, die sie im vergangenen Jahr im Vitos Klinikum Rheingau eingeführt hat. Mit Hilfe der App können bei Personalausfällen die freien Dienste effizient und transparent besetzt werden. „Die 120 Mitarbeitenden, die die App nutzen, sehen die offenen Dienste auf ihrem Handy und können entscheiden, ob sie einspringen wollen oder nicht“, berichtet Orlic. Mehr Selbstbestimmung, mehr Entscheidungsfreiheit, weniger gefühlter Druck, einspringen zu müssen: Das alles habe zu mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitenden geführt. Außerdem würden die Dienste in der Regel innerhalb kurzer Zeit besetzt. Ein weiterer Benefit: Die App reduziert den administrativen Aufwand erheblich. Denn die zeitintensiven Telefonate zur Dienstbesetzung entfallen. Damit gewinnen die pflegerischen Führungskräfte zeitlichen Spielraum, um sich anderen Aufgaben widmen zu können.

Birgit Donges hat die Pflegerische Standortleitung Marburg des Vitos Klinikums Gießen-Marburg übernommen.
Birgit Donges hört sich den Impulsvortrag mit großem Interesse an. Sie hat am Vitos Klinikum Gießen-Marburg vor kurzem die pflegerische Standortleitung für Marburg übernommen. „Das Tool könnte uns beim Ausfallmanagement sicherlich gute Dienste leisten, denn das Telefonieren kostet wirklich viel Zeit“, sagt Donges. Die Technik als Helfer in einem Arbeitsalltag, in dem bürokratische und administrative Aufgaben ansonsten stetig zunehmen. Seien es datenschutzrechtliche Anforderungen bei der Einführung der elektronischen Patientenakte oder eine erweiterte Dokumentation im Krankenhausinformationssystem (KIS) für statistische Zwecke – manchmal seien nur ein paar Häkchen mehr zu setzen, aber insgesamt erweitere sich das Spektrum stetig. „Ich arbeite seit 40 Jahren in der Pflege. Dass sich der bürokratische Aufwand reduziert, habe ich eigentlich noch nie erlebt“, sagt Donges. Immerhin stellt sie fest, dass die nachwachsenden Generationen einen gelassenen Umgang mit der Schreibtischarbeit finden – schon allein, weil sie den pflegerischen Alltag von Anfang an so kennen lernen. Außerdem sei allen Pflegefachpersonen klar, wie wichtig beispielsweise eine gute Dokumentation sei: „Alles, was wir nicht dokumentieren, haben wir praktisch nicht gemacht. Es wird dann auch nicht vergütet.“

Rayna Berninger, Leitende Pflegekraft des Vitos Klinikums Rheingau.
Rayna Berninger, Leitende Pflegekraft des Vitos Klinikums Rheingau, kann das nur bestätigen: „Allen Kolleginnen und Kollegen ist klar, dass wir eine gute Dokumentation brauchen, denn letztlich hängen davon auch unsere Erlöse ab. Nur bleibt uns im Arbeitsalltag für die Dokumentation eben sehr wenig Zeit.“ Müssten sich Pflegefachpersonen entscheiden, ob sie ihre Zeit für die Dokumentation oder für einen Patienten aufwenden, der gerade akut Hilfe benötige, habe der Patient natürlich immer Vorrang. „Das führt zu einem Dilemma und kann für die Kolleginnen und Kollegen belastend sein“, sagt Berninger. Auch sie berichtet vom steigenden Aufwand, der durch neue datenschutzrechtliche Anforderungen, veränderte Abrechnungssystemen und Dokumentationsprozesse entsteht. „Die Rahmenbedingungen schränken uns zeitlich immer mehr ein“, sagt Berninger.

Die BAG Psychiatrie macht in ihrer aktuellen Kampagne auf die Belastungen durch bürokratische Anforderungen aufmerksam.
Für Reinhard Belling, Vorsitzender der Vitos Konzerngeschäftsführung, ist klar: „Die Psychiatrie braucht wieder mehr Zeit für das, was zählt – und das ist die Versorgung der Patientinnen und Patienten.“ Bürokratie habe ihre Berechtigung, zum Beispiel dann, wenn sie einen Beitrag zu mehr Patientensicherheit leiste. Sei das nicht in ausreichendem Maße der Fall, müsse man sie vereinfachen oder reduzieren. Als Vorsitzender der BAG Psychiatrie, in dem sich Betreiber psychiatrischer Krankenhäuser zusammengeschlossen haben, unterstützt Belling deshalb nun eine Kampagne, die den Bürokratieabbau zum Thema macht. Unter dem Hastag #MehrZeitFürDasWasZählt fordern die Klinikbetreiber die Politik auf, die bestehenden Regelungen zu vereinfachen. Das Ziel: Bürokratie abbauen, ohne dass Transparenz und Qualität verloren gehen. „Wir brauchen weniger Bürokratie und stattdessen mehr Flexibilität und Vertrauen in unsere Arbeit. Letztlich wollen wir alle das gleiche: Dass unsere Patientinnen und Patienten gut versorgt sind“, so Belling.
Mehr zur Kampagne der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Psychiatrie erfährst Du hier.
]]>Manchmal beginnt ein neuer Lebensabschnitt mit vielen offenen Fragen – und mit Hoffnung im Herzen. Dieser Beitrag erzählt von meinem Weg nach Deutschland.
Mein Name ist Shaharas, ich bin Muslimin, verheiratet und Mutter einer siebenjährigen Tochter. Ich komme aus Indien und arbeite bei Vitos Herborn. Seit einem Jahr lebe ich in Deutschland – einem Land, das mir viele neue Türen geöffnet, aber auch viele Fragen aufgeworfen hat.
Zwischen zwei Welten: Heimat und Neuanfang
In diesem Blogbeitrag möchte ich einen kleinen Einblick in meine Erfahrungen geben, besonders in Bezug auf meinen Glauben, mein Familienleben und die Unterschiede zwischen meiner Heimat Indien (Kerala) und meinem neuen Zuhause in Deutschland.
Als gläubige Muslimin spielt mein Glaube eine zentrale Rolle in meinem Leben. Er gibt mir Orientierung, Halt und Ruhe – besonders in Zeiten der Veränderung und Unsicherheit.
Fragen vor dem Aufbruch
Bevor ich nach Deutschland kam, hatte ich viele Gedanken – und auch einige Sorgen. Würde ich meine Religion hier offen ausleben dürfen? Würde es Orte geben, an denen ich beten kann? Würden mich die Menschen akzeptieren? Diese Fragen haben mich beschäftigt, doch ich bin froh sagen zu können: Viele meiner Ängste waren unbegründet.
Heute kann ich sagen: Ich wurde nicht abgelehnt. Natürlich falle ich auf, aber ich wurde nie angegriffen. Viele Menschen hier interessieren sich ehrlich für andere Kulturen und Glaubensrichtungen – das hat mich positiv überrascht.
Glauben leben in Deutschland
In meiner Heimat ist es für Frauen nicht selbstverständlich, offen an Gebeten in der Moschee teilzunehmen. Ich selbst durfte nie wirklich zum Gebet gehen – nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil es gesellschaftlich nicht erlaubt war. Religion wurde eher im privaten Raum gelebt, besonders für Frauen.
Hier in Deutschland ist Religion viel privater, aber auch offener. Als Frau kann ich selbst entscheiden, wie ich meinen Glauben lebe – das ist ein großes Geschenk.
In Deutschland herrscht Religionsfreiheit, und ich fühle mich in meinem Glauben respektiert. Natürlich gibt es Unterschiede zur Heimat – zum Beispiel höre ich hier keine Gebetsrufe wie in Indien und Moscheen sind nicht so zahlreich vorhanden. Dennoch ist es möglich, seinen Glauben zu praktizieren, ohne Angst oder Druck. Ich treffe andere Muslime, es gibt Freitagsgebete in verschiedenen Moscheen, und auch religiöse Feiertage wie das Opferfest oder der Ramadan werden in der Gemeinschaft gefeiert.
Ein ganz besonderer Moment war mein erster Besuch in einer Moscheegemeinde hier in Deutschland während des Ramadans. Ich war mit meiner Kollegin und ihrer Familie dort. Ich war aufgeregt und unsicher, denn ich war noch nie in einer Gemeinde zum öffentlichen Gebet. Doch das war wunderschön. Ich fühlte mich verbunden – mit Allah, mit der Gemeinschaft, mit meiner inneren Stärke.
Dieser Moment hat mir gezeigt: Mein Glaube lebt in mir, egal wo ich bin.
Sehnsucht nach Familie
Am schwersten ist für mich die Trennung von meiner Familie. Mein Mann und meine Tochter leben noch in Indien. Wir telefonieren jeden Tag per Video, teilen unseren Alltag, ich höre ihre Stimmen, sehe ihr Lächeln – und doch fehlt die Nähe. Besonders bei meiner Tochter fällt es mir schwer. Sie wächst so schnell – und ich möchte bei ihr sein, sie zur Schule bringen, mit ihr lachen und lernen.
Aber ich bin voller Hoffnung: Sie werden bald nach Deutschland kommen. Wir arbeiten daran, und ich zähle die Tage.
Ein Gefühl von Heimat
Deutschland hat mir gezeigt, dass ich meinen Glauben auf meine Weise leben darf – als Frau, als Mutter, als Muslimin. Es war kein leichter Weg, aber er hat mich wachsen lassen. Mein Kopftuch, mein Glaube und meine Geschichte gehören zu mir. Und ich bin stolz darauf.
Die Entscheidung, nach Deutschland zu kommen, war nicht einfach – aber sie hat mir neue Perspektiven eröffnet. Ich habe gelernt, dass man seinen Glauben überall leben kann, wenn man ihn im Herzen trägt. Und dass Familie und Glaube die zwei Säulen sind, auf denen mein Leben steht – ganz egal, auf welchem Kontinent ich mich befinde.
]]>Seit über sieben Jahren sorgt Jean-Luc Grathoff in der forensischen Psychiatrie in Hadamar für Sauberkeit, Struktur und Sicherheit. Als Reinigungskraft bei Vitos Service trägt er täglich dazu bei, dass sich sowohl Patientinnen und Patienten als auch Mitarbeitende in einer gepflegten und geschützten Umgebung bewegen können. Seine Arbeit ist vielseitig, verantwortungsvoll und wird von den meisten Menschen auf den Stationen sehr geschätzt.
Im Gespräch erzählt Jean-Luc, wie er zu seinem Beruf kam, warum er sich in der Forensik wohlfühlt und weshalb Sauberkeit für ihn weit mehr bedeutet als Hygiene.
Ein Beruf mit Verantwortung und Herz
Jean-Luc hat seine Ausbildung in der Hauswirtschaft bei der AWO in Hadamar absolviert und anschließend eine Wäscherei geleitet. Nach einigen Jahren wollte er sich beruflich neu orientieren – und bewarb sich initiativ bei der Objektleitung von Vitos Service. „Das ging dann alles ganz schnell“, erinnert er sich. „Ich bekam die Stelle und bin seit Januar 2018 hier in der forensischen Psychiatrie tätig.“
Zunächst war Jean-Luc etwas unsicher, ob die Arbeit in der Forensik das Richtige für ihn ist. „In der Gesellschaft weiß man wenig über forensische Psychiatrie, und es wird oft ein falsches Bild vermittelt“, sagt er. „Aber mit einer guten Einarbeitung und einem offenen Team habe ich schnell gemerkt, dass ich hier gut aufgehoben bin.“ Mittlerweile ist er nicht nur Reinigungskraft, sondern auch Sicherheitsbeauftragter für den Standort und kümmert sich um Themen rund um den Arbeitsschutz.

„Sauberkeit ist mehr als nur Hygiene – sie schafft ein Umfeld, in dem sich Menschen sicher und respektiert fühlen.“ – Jean-Luc Grathoff
Die Arbeit in der forensischen Psychiatrie ist für Jean-Luc spannend, abwechslungsreich und sinnstiftend. Angst vor den Patienten hat er keine. Ein wichtiges Sicherheitsinstrument ist das Personen-Notsignal-Gerät (PNG), das alle Mitarbeitenden tragen. „Das gibt mir ein gutes Gefühl. Ich weiß, dass ich im Notfall Hilfe rufen kann.“ Besonders freut er sich über die Wertschätzung der Patienten: „Wir reinigen ihre Wohnräume und tragen so zu ihrem Wohlbefinden bei. Viele bedanken sich dafür – das ist nicht selbstverständlich. Leider wird unsere Arbeit in anderen Bereichen oft übersehen. Dabei sind Reinigungskräfte systemrelevant und leisten einen wichtigen Beitrag zum Infektionsschutz in den Kliniken.“
Ein strukturierter Arbeitsalltag
Sein Arbeitstag beginnt früh. „Ich komme morgens in Zivilkleidung, hole meinen Schlüssel und das Diensttelefon ab, ziehe meinen Kasack an und bereite meinen Reinigungswagen vor“, erzählt Jean-Luc. „Dann starte ich mit dem Pflegestützpunkt und den Sanitäranlagen, danach folgen die Räume, die im Revierplan stehen.“ Dazu gehören Patientenzimmer, Flure, Therapieräume, Klassenzimmer oder die Sporthalle. Am Ende der Schicht wird der Reinigungswagen gründlich gereinigt und vorbereitet, damit am nächsten Tag wieder alles einsatzbereit ist. „Die Arbeit ist sehr vielseitig“, betont Jean-Luc. „Man bewegt sich viel, arbeitet eigenständig und hat gleichzeitig Kontakt zu vielen Menschen. Das macht mir Spaß.“
Was bedeutet dein Beruf für dich persönlich?
Jean-Luc: „Für mich ist das mehr als nur ein Job. Ich weiß, dass meine Arbeit einen echten Unterschied macht – für die Patienten, aber auch für das gesamte Team. Wenn alles sauber, ordentlich und sicher ist, fühlt man sich wohler und kann sich besser auf die Therapie oder die Pflege konzentrieren. Außerdem bin ich stolz darauf, Teil eines großen Ganzen zu sein: Wir tragen alle gemeinsame Verantwortung für das Wohl der Menschen, die hier leben und arbeiten.“
Jean-Luc Grathoff zeigt, dass Reinigung weit mehr ist als das Saubermachen von Räumen. Es ist ein wichtiger Teil des therapeutischen Umfelds – ein Beitrag zu Sicherheit, Hygiene und Wohlbefinden. Mit seinem Engagement, seiner Erfahrung und seinem Verantwortungsbewusstsein steht er stellvertretend für viele Mitarbeitende bei Vitos Service, die täglich dafür sorgen, dass „Sauberkeit mit Sicherheit menschlich“ bleibt.
]]>Die Tage sind kürzer und grauer. Stress im Alltag, Unruhe im Privatleben – und dann auch noch viele Krisen auf der ganzen Welt: Das schlägt aufs Gemüt und kann schnell zu viel werden. Vor allem, wenn viele Belastungen auf einmal kommen. Zum Glück gibt es ein paar Kniffe, wie wir unsere Psyche auch im Herbst bei Laune halten.
„Zwischendurch brauchen wir Entspannung, einen mentalen Reset“, sagt Dr. Svenja Kräling, Leitende Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. „Der Akku muss aufgeladen werden. Wenn wir nicht zwischen Belastungen runterfahren können, sinkt unsere Widerstandsfähigkeit.“
Die Folge: Wir sind gereizter und werden handlungsunfähiger, weil wir uns Dinge nicht mehr zutrauen. Das kann sich auch aufs körperliche Immunsystem auswirken, sprich: Wir werden krank.
Im Sommer waren wir viel draußen, es gab Feste, Urlaube und andere positive Ereignisse. Jetzt, in der dunklen Jahreszeit, sind wir seltener draußen, uns fehlt Licht. „Wenn die Psyche schon angeschlagen und der Akku nicht mehr voll ist, dann werden weitere Belastungen umso stärker wahrgenommen“, sagt Svenja Kräling.
Möglicherweise verstärken sich Ängste und andere negative Gefühle. Wer das stärker merkt, sollte sich beim Hausarzt auf einen möglichen Vitamin D-Mangel untersuchen lassen. Der Körper bildet Vitamin D hauptsächlich selbst, wenn die Haut dem Sonnenlicht ausgesetzt ist. Vitamin D sorgt dafür, dass unser Körper den Neurotransmitter Serotonin, das „Glückshormon“, aktiviert. Ein Mangel daran kann sich also auf die Psyche auswirken.
Am besten gegen den „Winter-Blues“ hilft eine solide körperliche und psychische Basis. Dazu zählen gute Ernährung, genügend Schlaf und Bewegung in der Natur. Auch soziale Kontakte sind wichtig. „Man kann darüber hinaus überlegen, welche Themen gerade besonders belastend sind und wie man Einfluss darauf nehmen kann“, sagt Svenja Kräling.
Menschen sind unterschiedlich resilient. „Resilienz ist nichts, was man hat oder nicht“, sagt die Psychologin. „Sie wächst mit den Erfahrungen, die wir machen, und vor allem mit der Bewältigung von Krisen. Wenn wir Herausforderungen gut bewältigt haben, steigt das Vertrauen in unser eigenes Krisenmanagement.“
Resilienz kann man auch lernen: Wer sich bisher nicht besonders resilient gefühlt hat oder Misserfolge verarbeiten musste, kann sich vor Augen führen, was er oder sie in der Vergangenheit schon bewältigt hat. Oder man kann sich bewusst in Situation begeben, die mit Unsicherheit einhergehen, aber prinzipiell bewältigbar scheinen. „Aus der Komfortzone herauszugehen, ist erst mal kein angenehmes Gefühl. Aber mit jeder gemeisterten Herausforderung wächst unsere Resilienz.“
Psychotherapeut/-innen sind genauso wie alle anderen Menschen von Tagen betroffen, an denen es ihnen schlechter geht. Svenja Kräling selbst versucht, ihren inneren Akku „auf einem möglichst guten Ladezustand“ zu halten. Stressige Phasen kommen schließlich von alleine und sind Teil des Alltags. „Ich mache relativ viel Sport, verbunden mit Zeit in der Natur. Ich schaue, dass ich zu 80 Prozent Gesundes esse. Der Rest ist Genuss.“ Und auch Zeit mit Familie und Freunden ist wichtig.
Wenn die Krise dann da ist, hilft Pragmatismus. „Mir ist es wichtiger, dass das Problem erst mal vom Tisch ist, als die perfekte Lösung zu suchen. Ich kann jedem empfehlen, die eigenen Ansprüche herunterzuschrauben und sich hilfreiche Gedanken zurechtzulegen. Ich sage mir oft: Dann ist es eben so.“
Zur Person:
Dr. Svenja Kräling ist seit 2016 Leitende Psychologin der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Haina. Sie begann ihre Karriere bei Vitos Haina bereits 2009. Ihr Studium und nachfolgende Weiterbildungen zur Psychologischen Psychotherapeutin und Supervisorin hat sie in Marburg und Bad Dürkheim absolviert. Neben ihrer Tätigkeit bei Vitos hat sie einen Lehrauftrag an der Justus-Liebig-Universität Gießen und ist freiberufliche Dozentin. Sie ist unter anderem Mitglied der Gesellschaft für digitale Gesundheit.
]]>Ende September fand in Idstein eine Premiere statt: Die Vitos Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) von Vitos Teilhabe nahm erstmals am bundesweiten Aktionstag „Schichtwechsel“ teil. Der Tag bot neue Eindrücke, Begegnungen auf Augenhöhe und viele spannende Gespräche. Ein echtes Herzensprojekt und für alle Beteiligten ein unvergessliches Erlebnis!
Ein Tag – zwei Welten
Das Prinzip klingt simpel, hat aber eine große Wirkung: Beschäftigte der Werkstatt wechseln für einen Tag den Arbeitsplatz mit Mitarbeitenden aus Unternehmen der Region. In Idstein und Umgebung hospitierten sechs Klientinnen und Klienten unter anderem bei Sturm Verpackungen, der Berufsschule Untertaunus und der Abfallwirtschaft. Gleichzeitig übernahmen Mitarbeitende aus diesen Unternehmen Aufgaben in der Gärtnerei, Wäscherei und Handmontage der Werkstatt.
Eindrücke und Stimmen
Die Premiere brachte durchweg positives Feedback:
Eva Fuhrmann, Leiterin der WfbM Idstein:
„Der Schichtwechsel ist eine tolle Gelegenheit, Hemmschwellen abzubauen und voneinander zu lernen. Dass gleich drei Unternehmen für die erste Teilnahme gewonnen werden konnten, freut mich sehr.“
Patric Klimmt, der bei Sturm Verpackungen dabei war, sagt:
„Es war spannend, einmal in einem anderen Betrieb zu arbeiten. Ich habe mich willkommen gefühlt – und es war schön zu sehen, dass meine Arbeit geschätzt wird.“
Auch die Unternehmensseite zieht ein positives Fazit. Wilhelm Koch von der Abfallwirtschaft Idstein berichtet:
„Es war für mich eine ganz neue, tolle Erfahrung und ich würde die Aktion jederzeit wiederholen.“
Warum der Schichtwechsel wichtig ist
Arbeit bedeutet weit mehr als Beschäftigung – sie stiftet Identität, Selbstbewusstsein und Teilhabe. Mit dem Aktionstag „Schichtwechsel“ möchte die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) genau das sichtbar machen.
Das Ziel ist klar: Vorurteile abbauen, Berührungsängste überwinden und neue Chancen für eine inklusive Arbeitswelt schaffen.
Ausblick
Die Premiere in Idstein war ein voller Erfolg. Die Erfahrungen zeigen, wie bereichernd Begegnungen auf Augenhöhe sein können. Schon jetzt steht fest: Der nächste „Schichtwechsel“ wird mit Spannung erwartet – und sicher wieder viele neue Einblicke ermöglichen.
Ein Dank gilt den drei beteiligten Unternehmen in Idstein und Umgebung – und allen, die diesen Tag möglich gemacht haben.
]]>Unsere Kollegin Marceline hat ihre Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin in der HTI (Heilpädagogisch-Therapeutische Intensivgruppe) in Riedstadt absolviert. Hier hat sie mit großem Engagement Menschen mit besonderem Betreuungsbedarf begleitet. Anlässlich ihres erfolgreichen Abschlusses haben wir mit ihr Resumee gezogen.
Was waren für Dich die größten Herausfordrungen im heilpädagogisch-therapeutischen Intensivbereich?
Gefordert hat mich vor allem die Arbeit mit Menschen mit herausfordernden Verhaltensweisen. In schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und richtig zu handeln, war nicht immer leicht. Ich konnte aber auch erfahren, wie viel Vertrauen und Geduld verändern können. Hinter jedem Verhalten steht eine Geschichte, die verdient, gehört zu werden. Das hat mich nicht nur fachlich, sondern auch menschlich sehr geprägt.
Was hast Du als besonders positiv in Erinnerung?
Das Gefühl, wirklich Teil des Teams zu sein. Ich habe viel Wertschätzung erfahren. Es gab auch viele Momente mit den Bewohner/-innen, die mich berührt haben. Zum Beispiel gemeinsam zu lachen, zu singen, Ausflüge zu machen oder sich einfach mit einem Eis auf der Terrasse zu sonnen – Momente der Ruhe und des gegenseitigen Vertrauens.
Was sollte man mitbringen, wenn man eine Ausbildung in diesem Bereich anstrebt?
Freude an der Arbeit im Team ist super wichtig. Gleichzeitig natürlich auch das Arbeiten mit und am Menschen. Man sollte keine Berührungsängste haben, offen für Neues und darin auch engagiert sein und mit Rückschlägen umgehen können.
Welche Erfahrungen waren für Dich besonders prägend?
Ich habe viele pädagogische Konzepte kennengelernt. Was anfangs nach Theorie klang, erwachte in der Begegnung mit den Bewohner/-innen zum Leben. Ich durfte erfahren, wie individuell Kommunikation sein kann, manchmal ganz ohne Worte. Besonders bewegt hat mich, wie viel verborgenes Potenzial sichtbar wird, wenn man sich wirklich auf den Menschen und seine Bedürfnisse einlässt.
Wie bist Du mit Stress und belastenden Situationen umgegangen?

Marceline mit ihrer Praxisanleiterin
Ich wurde über die drei Jahre eng von meiner Praxisanleiterin begleitet. Mit ihr konnte ich immer über alles sprechen – egal, ob beruflich oder privat. In diesem geschützten Rahmen durfte ich fluchen, weinen oder mich freuen und Erfolge mit ihr feiern. Ansonsten gab es auch in der Berufsfachschule immer wieder Möglichkeiten, über schwierige Ereignisse zu sprechen.
Wie hast Du mit den anderen Fachkräften im Team zusammengearbeitet?
Bei der Arbeit in einem Team bleibt es nicht aus, dass man – sowohl fachlich als auch privat – mal aneinandergerät. Klar gab es da auch mal schwierige Momente. Letztendlich konnten wir uns aber zu jeder Zeit aufeinander verlassen und ich bekam immer Unterstützung, wenn ich sie brauchte. Ich wurde intensiv gefördert und durfte über die Jahre immer mehr Verantwortung übernehmen.
Was sind Deine beruflichen Ziele im Anschluss an die Ausbildung?
Ich werde mir Zeit nehmen, um in meine neue Rolle als Fachkraft hineinzuwachsen und dazu weiter in einer Wohngruppe arbeiten. Perspektivisch plane ich, im kommenden Jahr ein Studium der Heilpädagogik zu beginnen. Besonders interessiert mich die Arbeit mit Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung, in diesem Bereich möchte ich mich weiter spezialisieren. Das Studium sehe ich dazu als meinen nächsten Schritt.
]]>Am 1. September 1939 begann mit dem Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg – und zeitgleich auch die systematischen Krankenmorde im nationalsozialistischen Deutschland. In Heil- und Pflegeanstalten wurden kranke und behinderte Menschen entrechtet, ausgegrenzt und ermordet. Auch Einrichtungen, die heute zu Vitos gehören, waren Orte dieser Verbrechen. Die dauerhafte Erinnerung an die Opfer ist Vitos Auftrag und Anliegen. In unseren Psychiatrie-Museen, mit Ausstellungen und Gedenkorten wollen wir über das menschenverachtende System der NS-Krankenmorde informieren und dazu beitragen, die Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Wo kannst Du mehr erfahren über das Kapitel der NS-Krankenmorde? Und wo findet das Gedenken bei Vitos einen Platz? – Das erfährst Du in diesem Beitrag.
Ausstellung „Vom Wert des Menschen“

Am Vitos Standort in Gießen ist die Gedenkausstellung „Vom Wert des Menschen“ zu sehen. (C) Vitos / Fotograf: Dennis Möbus
Auf unserem Vitos Campus in Gießen befindet sich im Untergeschoss von Haus 10 die Gedenkausstellung „Vom Wert des Menschen“, die vom Förderverein Psychiatriemuseum/Gedenkausstellung Gießen betreut wird. Sie zeigt die Geschichte der Heil- und Pflegeanstalt von 1911 bis 1945. Dort werden Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung Kranker im Dritten Reich durch die „Aktion T 4“ sowie der dezentrale Patientenmord thematisiert. Die Bezeichnung „Aktion T 4“ leitet sich von der Adresse Tiergartenstraße 4 in Berlin ab, von wo aus das NS-Regime den Krankenmord zentral steuerte.
Die damalige Heil- und Pflegeanstalt Gießen spielte seinerzeit eine besondere Rolle: Sie war 1940 eine Zwischenanstalt für jüdische Patientinnen und Patienten, die von Gießen aus in die Tötungsanstalt Brandenburg deportiert wurden. Von Februar bis Juni 1941 wurden aus Gießen mehr als 260 Patientinnen und Patienten über die Zwischenanstalt Weilmünster in die Tötungsanstalt Hadamar verbracht.
Das Museum hat jeden ersten Samstag im Monat von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Führungen finden auf Anfrage statt.
In Marburg lädt der Historische Pfad zu einem Rundgang durch den Vitos Park ein. Er veranschaulicht die Entwicklung der psychiatrischen Klinik, ihre Einbettung in gesellschaftliche Umbrüche und erinnert an den Verlust der Achtung vor menschlichem Leben in der Kriegs- und NS-Zeit.
Zentraler Lern- und Erinnerungsort: Die Gedenkstätte Hadamar
Auf dem heutigen Vitos Gelände in Hadamar richtete das NS-Regime 1940 eine Tötungsanstalt ein. Kranke und behinderte Menschen wurden dort in einer Gaskammer oder durch Medikamente ermordet. Heute ist auf dem Gelände die Gedenkstätte Hadamar zu finden, die sich in Trägerschaft des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen befindet. Sie ist der zentrale Ort für die Gedenk- und Erinnerungsarbeit des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Die Gedenkstätte Hadamar erinnert an die fast 15.000 Opfer, die dort zwischen 1941 und 1945 ermordet wurden. Als zentraler Lern- und Erinnerungsort bietet die Gedenkstätte Besucher/-innen die Möglichkeit, sich mit den Verbrechen und deren Folgen auseinandersetzen zu können. In den kommenden Jahren wird das historische Gebäude der ehemaligen Anstalt denkmalgerecht saniert. Die Ausstellungsfläche wird erweitert und auch die Dauerausstellung erhält eine grundlegende Neukonzeption.

Gaskammer der ehemaligen Tötungsanstalt Hadamar. (C) LWV Hessen / Vitos / Foto: Bettina Müller
Die Gedenkstätte ist von Montag bis Donnerstag von 9 bis 16 Uhr geöffnet, freitags von 9 bis 13 Uhr. An jedem ersten und dritten Sonntag im Monat findet eine öffentliche Führung um 14.30 Uhr statt. An Feiertagen ist die Gedenkstätte geschlossen. Der Besuch der Ausstellung ist kostenfrei.
Am Freitag, 5. September 2025, lädt die Gedenkstätte Hadamar gemeinsam mit der Stadt Hadamar und dem Verein zur Förderung der Gedenkstätte Hadamar von 14 bis 19 Uhr zu einem Tag der offenen Tür ein. Mehr Informationen findest Du hier.
Auch im nahegelegenen Weilmünster, heute ebenfalls ein Vitos Standort, starben während der NS-Zeit tausende Menschen. 1941 diente Weilmünster als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar. In Weilmünster selbst starben zwischen 1941 und 1945 mehr als 3.000 Menschen durch Verhungern und pflegerische Vernachlässigung sowie mit großer Wahrscheinlichkeit durch gezielte Medikamentengabe. Heute entsteht in der Weilmünsterer Klinikkapelle in Zusammenarbeit mit dem Verein Weilburg erinnert ein Lern- und Erinnerungsort, der durch eine großzügige Förderung der Deutschen Postcode Lotterie unterstützt wird.
Gedenken auf dem Eichberg

Auf dem Eichberg in Eltville erinnert ein Gedenkstein an die Opfer der Krankenmorde. (C) Vitos
Auf dem Eichberg-Gelände in Eltville erinnert ein Gedenkstein vor der Kapelle an die Opfer der Krankenmorde. Jährlich am 1. September findet dort eine Gedenkstunde mit Mitarbeitenden, Angehörigen, Vereinen und Vertreter/-innen der Politik statt. Während der Veranstaltung werden weiße Rosen zum Zeichen des Erinnerns niedergelegt.
Zudem gibt es auf den beiden Friedhöfen des Geländes Gedenktafeln, die über die Krankenmorde informieren. Eine Dauerausstellung mit Infotafeln im Kulturzentrum des Eichbergs ergänzt das Angebot.
Die Anstalt Eichberg dienste 1941 ebenfalls als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar. Auf dem Eichberg bestand zudem ab März 1941 eine so genannte. „Kinderfachabteilung“, in der rund 500 Kinder ermordet wurden.
Gedenken in Herborn
In der Landesheil- und Pflegeanstalt Herborn fanden Zwangssterilisierungen auf Grundlage des 1934 beschlossenen „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ statt. Mehr als 1.180 Frauen und Männer wurden hier zwischen 1934 und 1939 zwangssterilisiert. Auch diente Herborn als Zwischenanstalt für die Verlegung von Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar im Jahr 1941.
Auf dem Gelände der Vitos Herborn erinnert heute ein Gedenkstein an die Verbrechen. Außerdem existiert ein Psychiatriemuseum, das derzeit modernisiert wird und deshalb vorübergehend nicht besucht werden kann.
Gedenken am Kalmenhof

Der Comic „Henny“ ist Teil der Gedenkarbeit im Kalmenhof in Idstein. (C) Vitos
In der ehemaligen Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein bestand zwischen 1941 bis 1945 ebenfalls eine „Kinderfachabteilung“. Hier wurden allein etwa 500 Kinder und Jugendliche ermordet. Außerdem wurden vom Kalmenhof aus Patientinnen und Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt.
Heute befindet sich dort, auf dem Gelände von Vitos Teilhabe, der Gedenk- und Lernort Kalmenhof des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen, der von der Gedenkstätte Hadamar betreut wird. Er bietet geführte Rundgänge und Workshops für Schulklassen, Studierende und weitere Gruppen an. Neben biografischen Einblicken in die Schicksale der Opfer beschäftigt sich ein spezielles Workshop-Format auch mit der Frage nach Täterschaft und Verantwortung.
Eine Dauerausstellung, das Kunstwerk des Projekts „NS-‚Euthanasie‘ ERINNERN“ sowie der fiktive Comic Henny ergänzen das Angebot. Die Dauerausstellung „Der Kalmenhof damals und heute“ ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 14 Uhr zugänglich.
Riedstadt: Gedenkveranstaltung erinnert an die Opfer

Das Psychiatriemuseum in Riedstadt beleuchtet die Geschichte der Psychiatrie. (C) Vitos / Fotografin: Anna Heidenreich
Am Eingang des Philippshospitals in Riedstadt erinnert seit 1989 ein Gedenkstein an die Opfer, die von hier aus im Rahmen der „T4-Aktion“ über die Zwischenanstalten Weilmünster, Eichberg oder Kalmenhof nach Hadamar deportiert wurden. Jedes Jahr am 1. September findet am Standort eine Gedenkveranstaltung statt.
Darüber hinaus bewahrt das Psychiatriemuseum in Riedstadt, das Ende des 19. Jahrhunderts von Mitarbeitenden gegründet wurde, die Geschichte der Einrichtung. Besucher/-innen können hier auf eine eindrucksvolle Sammlung von Archivmaterialien und Dokumenten zugreifen, die weit über die NS-Zeit hinaus die Entwicklung des Philippshospitals beleuchten.
Gedenken in Haina
Die Geschichte von Vitos Haina ist eng mit der ehemaligen Klosteranlage verbunden, die 1533 von Landgraf Philipp dem Großmütigen in ein Hospital umgewandelt wurde. Das „Hohe Hospital Haina“ entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte zu einer der bedeutendsten psychiatrischen Einrichtungen Europas. Auch dieser Ort war während des Nationalsozialismus von den Krankenmorden betroffen: Patient/-innen wurden in andere Tötungsanstalten deportiert oder starben in Haina infolge von Hunger, Misshandlungen und Vernachlässigung.
Heute erinnert Vitos Haina mit verschiedenen Gedenkorten an diese Verbrechen. Auf dem Klinikgelände befindet sich seit 1989 eine Gedenktafel, die den Opfern gewidmet ist. Ein Jahr später wurde auf dem örtlichen Friedhof ein Gedenkstein durch den Landeswohlfahrtsverband Hessen errichtet. Im Kreuzgang des alten Klosters entstand 1992 ein Psychiatriemuseum, das die Geschichte des Hospitals von seinen Anfängen bis in die NS-Zeit dokumentiert. 1986 wurde das Archiv des Landeswohlfahrtsverbandes (LWV) Hessen gegründet, das wichtige Quellen zur regionalen und nationalen Psychiatriegeschichte bewahrt. Die Hainaer-Bestände sind Teil des LWV-Archivs.
Orte des Erinnerns, Orte der Verantwortung
Die Gedenkorte bei Vitos sind Orte der Mahnung, des Lernens und des Erinnerns. Sie machen sichtbar, was während der NS-Zeit geschehen ist, und halten die Erinnerung an die Opfer wach. Am 1. September laden wir dazu ein, gemeinsam innezuhalten, zu erinnern und Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Weitere Informationen zu unseren Gedenkorten findest Du in unserer umfassenden Broschüre „Geschichte und Gedenken“ sowie auf auf unserer Website.
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