Der Beitrag Literaturreise Tschechien: Kersko – auf den Spuren von Bohumil Hrabal erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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In den ersten beiden Beiträgen zu unserer Pressereise haben wir Prag aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Wir standen hoch über den Dächern der Stadt, besichtigten die Barockbibliothek des Klementinums und wagten uns hinunter in den Prager Untergrund. Wir besuchten das Literaturmuseum und trafen einige der Autor*innen, die im Oktober zum tschechischen Ehrengastauftritt nach Frankfurt kommen.
Hier findet ihr beide Beiträge noch einmal zum Nachlesen:
An diesem Nachmittag ließen wir Prag hinter uns.
Für uns ging es hinaus nach Kersko, rund 30 Kilometer östlich von Prag. Zwischen hohen Kiefern liegt hier das ehemalige Wochenendhaus von Bohumil Hrabal.

Bohumil Hrabal zählt zu den bedeutendsten tschechischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts und ist weit über Tschechien hinaus bekannt. Er wurde 1914 in Brünn geboren, wuchs in Nymburk auf und begann 1935 in Prag Jura zu studieren. Als die deutschen Besatzer 1939 die tschechischen Hochschulen schließen ließen, musste er sein Studium unterbrechen. In den folgenden Jahren arbeitete Hrabal unter anderem bei der Eisenbahn, später als Handelsreisender, im Stahlwerk und in einer Prager Altpapierpackerei.
Seine Literatur lebt von skurrilen Alltagsbeobachtungen, eigenwilligen Figuren und einem Erzählton, in dem Komik und Melancholie oft nah beieinanderliegen.
Kersko wurde für ihn mehr als ein Rückzugsort. 1965 kaufte Hrabal hier von seinen ersten literarischen Honoraren ein kleines Wochenendhaus, das bereits 1940 errichtet worden war. Zwei Jahre später ließ er es um ein Stockwerk und eine Garage erweitern, weitere Umbauten folgten.
Heute ist das Haus als Museum zugänglich und kann im Rahmen einer Führung besichtigt werden (nach vorheriger Reservierung). Bei der Restaurierung orientierte man sich an der Zeit um die Wende von den 1980er- zu den 1990er-Jahren.
Das Polabské muzeum, das die Hrabalova chata seit 2022 betreut, wollte bewusst kein klassisches Literaturmuseum schaffen. Haus und Garten wurden vielmehr so weit wie möglich in den Zustand zurückversetzt, in dem Hrabal hier lebte und schrieb. Vielleicht hatte ich deshalb während unseres Rundgangs immer wieder das Gefühl, er könnte eigentlich jeden Moment zur Tür hereinkommen.

Wir gingen durch die Stube und die Küche, sahen seinen Schlafbereich und den Raum, in dem Hrabal arbeitete. Auf dem Arbeitsplatz steht eine Schreibmaschine, drumherum lauter Dinge, die diesen Ort noch immer bewohnt wirken lassen. Unser Guide erzählte während des Rundgangs ausführlich aus dem Leben des Schriftstellers und ordnete vieles ein, was wir in den Räumen sahen.

Wer Kersko literarisch entdecken möchte, kommt an Schneeglöckchenfeste (Suhrkamp, übersetzt von von Petr Simon) kaum vorbei. Die fünfzehn Erzählungen spielen vor dem Hintergrund der Waldsiedlung und greifen Figuren und Begebenheiten aus Hrabals Umgebung auf. 1983 wurde der Stoff von Jiří Menzel verfilmt. Das Drehbuch schrieben Hrabal und Menzel gemeinsam und für die Dreharbeiten kehrte die Geschichte tatsächlich an ihren Schauplatz nach Kersko zurück. Gedreht wurde teilweise sogar mit Menschen aus der Waldsiedlung als Laiendarsteller*innen.
Gelesen hatte ich von Hrabal bisher Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht (Suhrkamp, übersetzt von von Franz Peter Künzel). Im Mittelpunkt steht der junge Bahnbeamte Miloš, der während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs auf einem kleinen Bahnhof Dienst tut. Während deutsche Militärzüge Richtung Front fahren und Lazarettzüge zurückkommen, beschäftigt ihn zunächst vor allem sein eigenes Leben. Bis er schließlich in den Widerstand gegen einen deutschen Munitionstransport hineingezogen wird.
Hrabal arbeitete übrigens selbst von 1941 bis 1945 bei der staatlichen Eisenbahn.
Jiří Menzel begegnet einem bei Hrabal immer wieder. Auch Reise nach Sondervorschrift, Zuglauf überwacht brachte der tschechische Regisseur auf die Leinwand. Der Film kam 1966 unter dem Titel „Liebe nach Fahrplan“ (Ostře sledované vlaky) ins Kino und wurde 1968 mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.
Auch dieser Hrabal-Titel passt wunderbar in dieses Literaturjahr: Allzu laute Einsamkeit (Suhrkamp, übersetzt von von Peter Sacher)
Dieses Buch erscheint am 30. September 2026 bei Suhrkamp in einer neuen Jubiläumsausgabe. Im Mittelpunkt steht Haňťa, der seit 35 Jahren in einem Prager Keller Altpapier presst und dabei immer wieder Bücher vor der Vernichtung bewahrt. Auch hier findet sich eine Spur aus Hrabals eigener Biografie wieder: Er arbeitete selbst in einer Prager Altpapierpackerei.
Und noch ein Schriftsteller gehörte zu unserem Nachmittag in Kersko: Miroslav Hlaučo begleitete uns und stellte uns hier seinen Debütroman „Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt“ vor. Ein ziemlich passender Ort dafür, denn auch in seinem Roman spielt eine abgeschiedene Welt eine wichtige Rolle.

Miroslav Hlaučo · Autorenporträt: © Connor Jandourek Photostudio · Buchcover: © Anthea Verlag
Miroslav Hlaučo – Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt – übersetzt von Raija Hauck >> Zum Buch
Ein ziemlich passender Ort dafür, denn auch in seinem Roman spielt eine abgeschiedene Welt eine wichtige Rolle. Im Bergdorf St. Georg gehören Wunder noch ganz selbstverständlich zum Alltag. Die Menschen sprechen mit Heiligen, gehen über Wasser oder spalten Steine mit einem Pfeifton. Doch wir befinden uns am Beginn des 20. Jahrhunderts und die Moderne rückt näher. Als der totgeglaubte Odysseus nach fünfzehn Jahren zurückkehrt und technische Neuerungen mitbringt, beginnt sich die vertraute Ordnung zu verändern. Und dann kündigt sich auch noch ein junger K.u.K.-Notar aus der Hauptstadt an, vor dem man die verbliebenen Wunder besser geheim hält.
“Pfingsten. Erinnerungen an ein Ende der Welt” spielt mit dem magischen Realismus und erzählt von einer Welt an der Schwelle zu einer neuen Zeit. 2025 wurde der Roman bei den Magnesia Litera sowohl als Buch des Jahres als auch als Debüt des Jahres ausgezeichnet.
Und auch Miroslav Hlaučo werden wir im Oktober in Frankfurt wiedersehen: Er gehört zu den Autor*innen, die Tschechien bei seinem Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse vertreten.
In Prag war ich ebenfalls an einem Ort, der eng mit Hrabal verbunden ist. Die alte Bierstube U Zlatého tygra – Zum Goldenen Tiger in der Husova war über viele Jahre seine Stammkneipe. Hrabal kam regelmäßig hierher und saß meist an einem Tisch im hinteren Teil des Lokals, nahe dem Eingang zur Küche. Die Kneipe war für ihn Treffpunkt und gehörte zu seinem Prager Alltag. Auch Jiří Menzel und Václav Havel saßen hier mit ihm zusammen.

Die Bierstube U Zlatého tygra – Zum Goldenen Tiger

Berühmt wurde ein Treffen im Januar 1994: Václav Havel brachte den damaligen US-Präsidenten Bill Clinton mit in den Goldenen Tiger, wo er gemeinsam mit Hrabal am Tisch saß und natürlich auch ein Pilsner getrunken wurde. Bis heute erinnert im Inneren einiges an den Schriftsteller. Auch das Porträt, das ihr auf meinem Foto seht, hängt dort. Wer nach einem Tag auf Hrabals Spuren in Prag noch ein tschechisches Bier trinken möchte, findet hier also einen ziemlich passenden Ort.
Ich habe noch einen besonderen Buchtipp für euch: Gebrauchsanweisung für Bier von Jaroslav Rudiš. Dieses Buch ist nicht ganz unschuldig daran, dass wir den Goldenen Tiger überhaupt entdeckt haben. Natürlich haben wir es uns auch nicht nehmen lassen, das Bier dort selbst zu testen.

Jaroslav Rudiš · Autorenporträt: © Connor Jandourek Photostudio · Buchcover: © Piper Verlag
Jaroslav Rudiš – Gebrauchsanweisung für Bier >> Zum Buch
Rudiš reist in seinem Buch durch die europäische Bierkultur, von Böhmen über Bamberg und Belgien bis nach Island. Dabei geht es ihm weit weniger darum, möglichst viele Sorten abzuhaken. Er interessiert sich für die Orte, an denen Bier getrunken wird, für ihre Geschichte und vor allem für die Menschen, die dort zusammenkommen. So wird aus dem Buch zugleich Reiseerzählung und Kulturgeschichte.
Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf Tschechien.Rudiš nennt das Gebiet zwischen Bamberg, Pilsen und Budweis das heilige Bierdreieck Mitteleuropas und nimmt seine Leser*innen auch mit auf eine Prager Kneipentour. Viele seiner bevorzugten Prager Kneipen tragen Tiere im Namen, und so führt die Runde von einem Tier zum nächsten. Auch der Goldene Tiger gehört dazu. Diese “Zoorunde” kennt man übrigens auch aus seinem Buch “Weihnachten in Prag”, wo sie zu einem nächtlichen Streifzug durch die Stadt wird.
In diesem Sinne: Prost und na zdraví!
Mit Kersko endete für uns auch der Prager Teil unserer Pressereise. Von Liberec und Jablonec und den Geschichten, die uns dort erwarteten, werde ich natürlich noch ausführlich berichten. Vorher möchte ich euch aber noch einmal mit nach Prag nehmen – diesmal ohne offizielles Programm. Ich bin noch einige Stunden durch die Stadt gezogen und dabei begegnete mir natürlich auch Franz Kafka.
Genau dort geht es im nächsten Beitrag weiter. schaut wieder vorbei!

Tschechien präsentieren sich als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
📸 Instagram: @czechia2026de
📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
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Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Autorenportait Miroslav Hlaučo und Jaroslav Rudiš – © Connor Jandourek Photostudio
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026, Die Reise erfolgte auf Einladung.
Der Beitrag Literaturreise Tschechien: Kersko – auf den Spuren von Bohumil Hrabal erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Literaturreise Tschechien: Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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Im ersten Teil unserer Prag-Reise ging es hoch hinaus. Diesmal beginnen wir einige Meter unter der Stadt – an einem Ort, den ich in einem Programm rund um tschechische Literatur eher nicht erwartet hätte.
Hier findet ihr den ersten Beitrag noch einmal zum Nachlesen:
Zugegeben, eine historische Abwasserreinigungsanlage wäre mir bei einer Reise rund um tschechische Literatur nicht unbedingt als Erstes eingefallen. Doch genau solche Abstecher machten das Programm so spannend. Wir stehen in einer mehr als hundert Jahre alten Kläranlage in Prag-Bubeneč. Über uns läuft der ganz normale Prager Alltag, vor uns führen gemauerte Gänge immer weiter unter die Erde.
Später werden wir sogar in ein kleines Boot steigen und im Schein unserer Lampen durch einen dunklen Kanal fahren. Aber vorher bekamen wir erst einmal eine Führung durch ein interessantes Stück Prager Technikgeschichte.

Die alte Kläranlage in Bubeneč entstand zwischen 1901 und 1906 als Teil des neuen Prager Kanalisationssystems. Prag wuchs Ende des 19. Jahrhunderts stark und brauchte dringend eine zeitgemäße Lösung für seine Abwässer. Nach einem Probebetrieb ab 1906 nahm die Anlage 1907 ihren regulären Betrieb auf und reinigte bis 1967 den größten Teil des Prager Abwassers. Vieles ist bis heute erhalten – von den unterirdischen Becken und Kanälen bis zu den historischen Maschinen. Die beiden Dampfmaschinen aus dem frühen 20. Jahrhundert sind sogar noch funktionsfähig.
Hinter dem neuen Kanalisationssystem stand William Heerlein Lindley. Er war britischer Bauingenieur, hatte aber einen engen beruflichen Bezug zu Deutschland. Als er in den 1890er-Jahren die Pläne für das Prager Kanalisationssystem ausarbeitete, war er als Baurat in Frankfurt am Main tätig. Auch an der dortigen Kläranlage in Niederrad hatte er maßgeblichen Anteil.
Da mussten wir tatsächlich alle ein wenig schmunzeln.
Wir waren nach Prag gereist, weil Tschechien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026 ist und tief unter der Stadt begegnete uns plötzlich wieder Frankfurt. Mit solchen Querverbindungen rechnet man vorher nicht.

Lindleys Konzept war für seine Zeit ausgesprochen modern. Das Abwasser sollte weitgehend durch natürliches Gefälle zur Kläranlage gelangen, ohne dass es auf dem Weg dorthin gepumpt werden musste. In Bubeneč wurde es anschließend mechanisch gereinigt: Rechen hielten grobe Bestandteile zurück, Sand und andere schwere Stoffe setzten sich ab, später gelangte das Wasser in die Absetzbecken.
Und ein großer Teil davon spielte sich genau dort ab, wo wir nun gerade unterwegs waren.

Am Ende unserer Führung ging es noch einmal tiefer hinein. Wir stiegen in ein kleines Boot und fuhren durch einen der dunklen unterirdischen Kanäle. Groß Beleuchtung gab es nicht. Nur die kleinen Lampen, die wir dabeihatten, warfen etwas Licht auf das alte Mauerwerk. Das hatte schon eine ganz eigene Atmosphäre.
Seit 2010 ist sie ein nationales Kulturdenkmal Tschechiens und steht außerdem seit 2020 auf der tschechischen Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe.
Literatur hatten wir damit für diesen Vormittag allerdings keineswegs hinter uns gelassen:
Denn auch an diesem doch ziemlich unliterarisch wirkenden Ort trafen wir einen tschechischen Autor: Jonáš Zbořil. Und sein Roman Flora passte auf eine eigenartige Weise sogar ziemlich gut zu dieser Umgebung. Schließlich geht es darin um etwas Fremdes, das plötzlich da ist und seinen Platz in einer Welt finden muss, die stark vom Menschen geprägt ist.

Jonáš Zbořil – Flora
Jonáš Zbořil, geboren 1988, ist Schriftsteller, Lyriker und Kulturjournalist. Literarisch begann er mit Gedichten: Sein Debüt Podolí wurde für den Jiří-Orten-Preis und den Magnesia-Litera-Preis nominiert. Auch in seinem zweiten Lyrikband Nová divočina beschäftigt er sich bereits mit Natur, Umwelt und den Folgen menschlicher Eingriffe. Flora ist sein erster Prosatext und führt einige dieser Themen weiter.
Jonáš Zbořil – Flora – übersetzt von Sophia Marzolff >> Zum Buch
Was geschieht, wenn etwas vollkommen Fremdes plötzlich Fürsorge braucht?
Adam und Sára finden am Rand der Stadt ein seltsames Wesen, halb Pflanze, halb Tier, und nehmen es bei sich auf. Sie nennen es Flora. Während Sára zunehmend eine fast mütterliche Beziehung zu dem Wesen entwickelt, wächst bei Adam das Unbehagen.Jonáš Zbořil macht aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage einen Roman über Elternschaft und Verantwortung. Gleichzeitig geht es um unser Verhältnis zur Natur und um eine Gegenwart, in der künstliche Intelligenz längst Teil des Alltags geworden ist.
Von einer alten Kläranlage führte unser Weg anschließend an einen Ort, bei dem der Zusammenhang mit Literatur wieder sehr viel offensichtlicher war: ins Muzeum literatury – das Prager Literaturmuseum. Dort warteten nicht nur Bücher und Manuskripte auf uns. Wir trafen weitere tschechische Autorinnen und Autoren und bekamen einen ziemlich spannenden Einblick darin, wie Tschechien seine eigene Literaturgeschichte erzählt.

Muzeum literatury – das Prager Literaturmuseum
Das Muzeum literatury widmet sich der tschechischen Literatur und ihrem kulturellen Gedächtnis. In seinen Sammlungen bewahrt es Nachlässe, Manuskripte, Korrespondenzen, Fotografien und weitere Zeugnisse von Schriftsteller*innen und Künstler*innen. Seit 2022 hat das Museum seinen Sitz in Bubeneč und zeigt hier einen Teil seiner umfangreichen Bestände in einer eigenen Dauerausstellung.
Ein Buch oder Manuskript lässt sich in eine Vitrine legen. Aber das, was beim Lesen im Kopf passiert, eher nicht. Die Dauerausstellung Rozečtený svět (The World as an Open Book) versucht deshalb gar nicht erst, die tschechische Literaturgeschichte streng chronologisch abzuhaken. Stattdessen führen zehn Themen durch die Ausstellung. Zu sehen sind Manuskripte und Bücher, aber auch Kunstwerke, Filme, Tonaufnahmen und persönliche Gegenstände von Schriftsteller*innen.
Das gefiel mir: Man muss sich nicht von Jahreszahl zu Jahreszahl arbeiten oder eine Reihenfolge einhalten, sondern kann bei einzelnen Dingen hängen bleiben. Und bei einigen blieb ich tatsächlich länger stehen – ein paar Eindrücke davon seht ihr auf den Bildern.

Seit 2022 befindet sich das Museum in einer restaurierten Villa in Bubeneč. Auch sie bringt ihre eigene Geschichte mit: Erbaut wurde sie um 1930 für Marianne Gellert aus der deutschsprachig-jüdischen Familie Petschek. Die Familie verließ die Tschechoslowakei 1938, später wurde das Gebäude unter anderem als chinesische Botschaft genutzt. Heute sind hier wieder Bücher eingezogen.
An diesem Vormittag blieb es im Museum nicht beim Blick in die tschechische Literaturgeschichte. Mit Petr Borkovec, Marie Iljašenko, Klára Vlasáková und Kristina Hamplová trafen wir vier Autor*innen, deren Bücher unterschiedlicher kaum sein könnten.

Petr Borkovec, Bianca Lipanská, Marie Iljašenko, Kristina Hamplová, Klára Vlasáková & Martin Krafl
Kristina Hamplová – Lover/Fighter – übersetzt von Kathrin Janka >> Zum Buch
Bei Kristina Hamplová wird gekämpft. Auf der Straße, in Beziehungen und irgendwann sogar um Wasser.
In vier Episoden springt sie von 2014 bis ins Jahr 2031 und begleitet eine junge Frau durch zunehmend bizarre Situationen. Eine nächtliche Verfolgungsjagd unter Mädchen gehört dazu, später eine Liebesbeziehung, die in einen handfesten Zweikampf mündet. Am Ende führt der Roman in eine überhitzte Zukunft.Lover/Fighter ist wild, körperlich und ziemlich schräg. Gewalt zieht sich durch das Buch, verändert dabei aber immer wieder ihre Form. Das Debüt der 1997 geborenen Autorin wurde in Tschechien für wichtige Literaturpreise nominiert.
Marie Iljašenko – Menschen hören überhaupt nur sehr wenig – übersetzt von Julia Miesenböck >> Zum Buch
Bei Marie Iljašenko lohnt es sich, den Blick einmal von den Menschen abzuwenden.
In ihren Gedichten folgt sie Fasanen und Turmfalken durch die Stadt, begegnet Mardern, Mäusen und Regenbogenforellen. Die Wege führen von Prag bis New York, nach Barcelona oder Tokio. Der Mensch ist dabei längst nicht immer die Hauptfigur, aber manchmal allerdings die größte Gefahr.Menschen hören überhaupt nur sehr wenig ist Iljašenkos erster Gedichtband auf Deutsch. Neben Lyrik schreibt sie Prosa und Essays und übersetzt selbst zeitgenössische Literatur.
Klára Vlasáková – Die Kugel – übersetzt von Sophia Marzolff >> Zum Buch
Und dann schwebt da plötzlich eine Kugel über einer tschechischen Kleinstadt.
Woher sie kommt, weiß niemand. Sie tut eigentlich nichts. Trotzdem verändert sich um sie herum immer mehr. Menschen werden kraftlos, andere geraten regelrecht in ihren Bann. Auch Otos Familie bleibt davon nicht verschont.Ich fand vor allem diese Ausgangsidee stark: Da ist etwas vollkommen Unerklärliches, das einfach nur existiert und plötzlich treten all die Unsicherheiten und Spannungen der Menschen ringsherum umso deutlicher hervor.
Petr Borkovec – Den Stock aufheben – übersetzt von Lena Dorn>> Zum Buch
Petr Borkovec kannte man lange vor allem als Lyriker. In Den Stock aufheben versammelt er kurze Prosatexte, in denen oft ganz kleine Beobachtungen den Anfang machen.
Er erinnert sich an seine Kindheit auf dem Hof der Großmutter in Mittelböhmen und an eine wenig erfolgreiche Karriere als Konzertakkordeonist. Er erzählt von der Tiernotrettung, von entomologischen Börsen und vom Schriftstellerleben. Immer wieder spielt auch Italien eine Rolle. Gerade diese scheinbar nebensächlichen Dinge interessieren Borkovec. Da schaut sehr genau hin und aus einer kleinen Beobachtung entsteht eine Geschichte.
Die Buchvorstellungen und die ausführlichen Gespräche, die Martin Krafl, Direktor des Tschechischen Literaturzentrums und Programmdirektor des tschechischen Ehrengastauftritts, mit den Autor*innen führte, haben mich allesamt neugierig gemacht. Drei der fünf Bücher habe ich inzwischen bereits gelesen, mehr dazu wird es bald hier auf dem Blog geben.
Und an dieser Stelle gehört noch jemand unbedingt erwähnt: Bianca Lipanská. Sie begleitete uns als Dolmetscherin während der gesamten Reise und übersetzte die Gespräche mit den Autor*innen für uns ins Deutsche. Bei den vielen Begegnungen, Buchvorstellungen und unseren spontanen Fragen war sie ständig im Einsatz und machte auch längere Gespräche unmittelbar für uns zugänglich. Ein großes Dankeschön dafür an dieser Stelle!
Eine schöne Gelegenheit, die Autor*innen selbst zu erleben, gibt es schon bald: Jonáš Zbořil, Kristina Hamplová, Marie Iljašenko, Klára Vlasáková und Petr Borkovec werden im Oktober alle nach Frankfurt reisen. Sie gehören zur offiziellen Delegation von 75 tschechischen Autorinnen, die beim Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse dabei sein werden.
Es lohnt sich also sehr, das Programm im tschechischen Ehrengastpavillon im Blick zu behalten. Dort sind während der fünf Messetage mehr als 100 literarische und kulturelle Veranstaltungen geplant. Sobald das konkrete Messeprogramm mit allen Terminen steht, werde ich hier natürlich ebenfalls noch genauer darauf eingehen.

Für uns ging es an diesem Tag noch weiter. Am Nachmittag ließen wir Prag hinter uns und fuhren nach Kersko, auf den Spuren von Bohumil Hrabal. Diesen besonderen Ort möchte ich aber nicht noch ans Ende dieses ohnehin schon gut gefüllten Beitrags hängen. Kersko bekommt seinen eigenen Platz im nächsten Teil.
Schaut wieder vorbei!

Tschechien präsentieren sich als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
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Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026, Die Reise erfolgte auf Einladung.
Der Beitrag Literaturreise Tschechien: Prag unter der Oberfläche – vom alten Klärwerk ins Literaturmuseum erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Literaturreise Tschechien: Prag von oben – Küste, Orloj und das Klementinum erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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Prag zieht langsam an uns vorbei. Die Häuser am Moldauufer, die Brücken, dahinter die Türme der Altstadt. Es ist unser erster Abend in Tschechien und wir sitzen auf einem Schiff mitten auf der Moldau. Gesprochen wird über eine Küste und das ist einigermaßen erstaunlich, schließlich sind wir gerade in einem Land, das weit und breit kein Meer hat.
„Tschechien: Ein Land an der Küste“ lautet das Motto, unter dem sich Tschechien 2026 als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse präsentiert. Und die Geschichte hinter diesem Satz beginnt einige Jahrhunderte früher bei William Shakespeare.
Doch dazu gleich mehr.
Ich war im April auf Einladung von Czechia2026 für einige Tage in Tschechien unterwegs. Die Pressereise führte von Prag weiter nach Liberec und Jablonec. Gerade Prag haben wir auf dieser Reise aus ziemlich unterschiedlichen Perspektiven kennengelernt. Wir blickten von oben über die Dächer der Stadt, erfuhren, wie man hier früher die genaue Mittagszeit bestimmte und standen vor einer Bibliothek, die ich schon lange einmal sehen wollte.
Danach ging es in die entgegengesetzte Richtung: hinunter unter die Stadt. Und später ließen wir Prag sogar ganz hinter uns und fuhren nach Kersko, auf den Spuren von Bohumil Hrabal. Auf unserer Tour trafen wir natürlich immer wieder tschechische Autor*innen. Einige ihrer Bücher kannte ich bereits, andere kamen nach der Reise direkt auf meine Leseliste.
Für einen einzigen Beitrag wäre das alles viel zu viel, also bleiben wir fürs Erste in Prag.

Zurück auf die Moldau und zu dieser merkwürdigen Küste. Sie stammt aus Shakespeares Wintermärchen. Darin liegt Böhmen tatsächlich am Meer. Ein geografischer Fehler? Künstlerische Freiheit? Darüber wird bis heute diskutiert.
ANTIGONUS.
Thou art perfect then, our ship hath touched upon
The deserts of Bohemia?William Shakespeare, The Winter’s Tale
Als wichtigste Vorlage für das Wintermärchen gilt Robert Greenes 1588 erschienene Erzählung Pandosto. Shakespeare übernahm einige Teile der Handlung, vertauschte dabei allerdings die Schauplätze Böhmen und Sizilien. So wohl bekam das Binnenland Böhmen seine berühmte Küste.
Für den tschechischen Ehrengastauftritt wurde aus Shakespeares Böhmen am Meer ein Leitmotiv. Die Küste steht für die Verbindung der tschechischen Literatur mit dem Ozean der Geschichten. Ich mag die Idee schon deshalb, weil man einfach immer wieder über dieses Motto stolpert. Man versteht es nicht sofort und möchte wissen, was genau dahintersteckt. Und während wir mit dem Boot auf der Moldau unterwegs waren und Prag draußen langsam vorbeizog, passte dieses geografisch unmögliche Meer ziemlich gut zu unserem ersten Abend.

Anna Beata Háblová und Marek Torčík
Nach dem Dinner wurde es literarisch. Anna Beata Háblová und Marek Torčík stellten uns ihre Bücher vor und erzählten uns einiges über den Entstehungsprozess ihrer Texte. Beide werden im Oktober ebenfalls nach Frankfurt reisen, denn sie gehören zur offiziellen Delegation von 75 tschechischen Autor*innen, die beim Ehrengastauftritt auf der Frankfurter Buchmesse dabei sein werden.
Anna Beata Háblová – Die Schicht – übersetzt von Julia Miesenböck >> zum Buch
Ein Supermarkt ist der Schauplatz von Anna Beata Háblovás Roman. Petra sitzt an der Kasse. Tag für Tag dieselben Abläufe, dieselben Waren und immer neue Menschen vor ihr. Eigentlich möchte sie Künstlerin sein. Als sie für eine Kollegin ein Bild malt, beginnt die Sache zunehmend von ihr Besitz zu ergreifen.
Háblová schaut dabei sehr genau auf einen Arbeitsalltag, der wenig Platz für eigene Wünsche lässt, und auf die Frage, was von der Kreativität übrig bleibt, wenn für sie eigentlich weder Zeit noch Raum vorgesehen sind.
Marek Torčík – Was die Zeit nicht nimmt – übersetzt von Mirko Kraetsch >> Zum Buch
Bei Marek Torčík beginnt alles mit einem nächtlichen Anruf seiner Mutter. Von dort führt der Roman zurück in seine Kindheit und Jugend im mährischen Přerov. Es sind schwierige Erinnerungen. Armut und Alkohol spielen in der Familie eine Rolle, in der Schule erlebt Marek Mobbing. Gleichzeitig wächst er als queerer Jugendlicher in einem Umfeld auf, in dem das alles andere als einfach ist.
Ungewöhnlich ist die Erzählweise: Torčík schreibt in der Du-Perspektive. Dadurch entsteht beim Lesen eine besondere Nähe zu diesem jüngeren Ich, auf das der erwachsene Erzähler zurückblickt.

Der Prager Orloj – die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus
Es gibt in Prag einen ziemlich zuverlässigen Hinweis darauf, dass gleich eine volle Stunde beginnt: Auf dem Altstädter Ring bleiben immer mehr Menschen stehen und schauen nach oben. Im Blick: der Prager Orloj.
Die astronomische Uhr am Altstädter Rathaus hängt hier seit mehr als 600 Jahren. Ihre ältesten Teile stammen aus dem Jahr 1410 und sie gehört zu den ältesten astronomischen Uhren der Welt, die noch in Betrieb sind. Zur vollen Stunde öffnen sich zwei kleine Fenster und die zwölf Apostel ziehen vorbei. Auch rund um das Zifferblatt setzt sich einiges in Bewegung. Besonders leicht zu erkennen ist der Tod: ein Skelett, das die Glocke läutet. Am Ende kräht der Hahn und die volle Stunde schlägt.
Aber der Orloj kann wesentlich mehr, als nur die Uhrzeit anzeigen. Auf dem astronomischen Zifferblatt lassen sich etwa die Position von Sonne und Mond ablesen. Gleichzeitig zeigt es verschiedene Arten der Zeitmessung. Darunter befindet sich die Kalenderscheibe. Mehr als sechs Jahrhunderte später schafft es diese Uhr noch immer, dass zu jeder vollen Stunde Hunderte Menschen ihre Köpfe gleichzeitig in den Nacken legen. Das Schauspiel dauert nur wenige Minuten und ist ein sicherer Publikumsmagnet mitten in Prag.
Auf das Klementinum hatte ich mich besonders gefreut. Vor allem auf die berühmte Barockbibliothek, die ich bis dahin nur von Bildern kannte: hohe dunkle Bücherregale, historische Globen und darüber die reich bemalte Decke. Solche Orte sehen auf Fotos manchmal fast zu perfekt aus und verlieren ihren Zauber, sobald man tatsächlich davorsteht. Beim Klementinum war es genau umgekehrt.

Der Bibliothekssaal macht allerdings nur einen kleiner Teil des Klementinums aus. Mitten in der Prager Altstadt erstreckt sich ein weitläufiger historischer Gebäudekomplex, der nach der Prager Burg der zweitgrößte der Stadt ist. Seine Geschichte reicht bis ins Mittelalter zurück.
Entscheidend geprägt wurde das Klementinum von den Jesuiten, die 1556 nach Prag kamen und hier ein Kolleg gründeten. Über die folgenden zwei Jahrhunderte wuchs der Komplex stetig. Neben Räumen für Unterricht und wissenschaftliche Arbeit entstanden eine Druckerei, ein Theater und die Bibliothek selbst wurde immer weiter ausgebaut.

Ihren berühmten barocken Saal erhielt sie 1722. Die Decke schmücken Fresken von Jan Hiebl, zwischen den Bücherregalen stehen historische Erd- und Himmelsgloben sowie astronomische Instrumente. Diese Mischung macht den Raum so besonders und diese Verbindung von Büchern und Astronomie zieht sich durch das Klementinum. Denn nach der Bibliothek ging es für uns weiter nach oben.
Im Astronomischen Turm wurde seit dem 18. Jahrhundert der Himmel beobachtet. 1775 begann der Mathematiker und Astronom Antonín Strnad hier mit regelmäßigen meteorologischen Messungen. Die Prager Messreihe gehört heute zu den längsten kontinuierlich geführten Wetteraufzeichnungen der Welt.


Spannend fand ich auch, welche Rolle der Turm früher für die Zeitmessung in Prag spielte, denn von hier aus wurde täglich die Mittagszeit signalisiert. Zunächst geschah das mit einer Fahne, später wurde das Signal dann mit einem Kanonenschuss von der Prager Burg verbunden. So wussten die Menschen unten in der Stadt ziemlich genau, wann es zwölf Uhr war.
Unser Rundgang führte noch weiter hinauf bis zur Galerie des Turms. Von dort öffnet sich der Blick über die Prager Altstadt: ein dichtes Meer aus Dächern, dazwischen Kirchtürme und Kuppeln, in der Ferne die Prager Burg. Nach dem eher gedämpften Licht der Bibliothek und den engen Treppen auf dem Weg nach oben steht man hier plötzlich im Freien und kann weit über die Stadt schauen.

Es sollte während dieser Tage nicht mein einziger Blick von oben auf Prag bleiben, denn auch den Turm des Altstädter Rathauses haben wir bestiegen. Seine Aussichtsgalerie liegt in 42 Metern Höhe und bietet noch einmal eine andere Perspektive. Im Inneren des historischen Turms fährt ein moderner gläserner Aufzug. Ein interessanter Kontrast in einem Rathaus, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht.
Nachdem es in diesem ersten Teil hoch über die Dächer Prags ging, wechseln wir im nächsten die Richtung. Und zwar ziemlich deutlich, denn es ging hinunter in den Prager Untergrund. Eine historische Kläranlage hatte ich vor der Reise jedenfalls nicht unbedingt auf meiner Liste literarischer Orte.
Warum wir trotzdem dort landeten, was diesen Ort so faszinierend macht und welchem Autor wir ausgerechnet dort begegneten, erzähle ich im nächsten Beitrag. Danach geht es weiter ins Prager Literaturmuseum und damit wieder sehr viel offensichtlicher zurück zu den Büchern.
Es gibt also noch einiges zu erzählen aus Prag. Schaut unbedingt wieder vorbei!

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Fotos © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de
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Aller guten Dinge sind drei: Nach zwei ziemlich gut gefüllten Bücherstapeln geht es heute noch einmal weiter mit meinen Buchtipps to go aus Tschechien. Fürs Erste ist das die letzte Runde, aber bis zur Frankfurter Buchmesse ist ja noch ein bisschen Zeit – und wer weiß, was mir bis dahin noch begegnet! Auch diesmal habe ich wieder ganz unterschiedliche Bücher für euch zusammengestellt. Einige Namen kennt ihr vielleicht schon, andere begegnen euch hier zum ersten Mal.
Falls ihr die beiden vorherigen Beiträge verpasst habt, könnt ihr natürlich erst einmal dort stöbern:
>> Tschechien auf dem Lesestapel TEIL 1
>> Noch mehr Tschechien auf dem Lesestapel TEIL 2

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka | zeitkind Verlag
Bei Kristina Hamplová wird gekämpft. Auf der Straße, in Beziehungen und irgendwann sogar um Wasser. In vier Episoden springt sie von 2014 bis ins Jahr 2031 und begleitet dabei eine junge Frau durch zunehmend bizarre Situationen. Eine nächtliche Verfolgungsjagd unter Mädchen gehört ebenso dazu wie eine Liebesbeziehung, die sich in einen handfesten Zweikampf verwandelt. Später führt der Weg in eine überhitzte Zukunft, in der die nächste Auseinandersetzung längst wartet.
Lover/Fighter ist wild, körperlich und ziemlich schräg und schaut dabei auf die vielen Formen, die Gewalt annehmen kann. Das Debüt der 1997 geborenen Kristina Hamplová wurde in Tschechien für die Magnesia Litera und den Preis der Literaturkritik nominiert. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Christina Frankenberg | parasitenpresse
Für einen Fahrradkurier ist die Straße Arbeitsplatz und täglicher Kampfplatz zugleich. Zwischen Autos, Lieferdruck und Beschimpfungen wächst die Wut über die Verhältnisse, bis aus dem Wunsch nach Gerechtigkeit zunehmend radikalere Gedanken und Handlungen werden.
Petr Šesták macht daraus ein ziemlich wütendes Romanpamphlet über die Machtverhältnisse auf unseren Straßen und weit darüber hinaus. Er schaut auf prekäre Arbeit und soziale Ungleichheit und nimmt vor allem unsere Liebe zum Auto ins Visier: als Statussymbol und als selbstverständlichen Anspruch auf öffentlichen Raum. Oder, wie es der Verlag herrlich knapp formuliert: „Alle Autos sind nämlich allegorisch.“ >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Martina Lisa | Voland & Quist
Hana ist Mitte dreißig, Bildhauerin und an einem Punkt angekommen, an dem sich die eigenen Wünsche nicht mehr so einfach beiseiteschieben lassen. Zwischen Prager Intellektuellenbubble, Kunstbetrieb und einem mährischen Dorf versucht sie herauszufinden, was sie eigentlich vom Leben erwartet und wie viel davon tatsächlich ihr eigenes Begehren ist.
Tereza Semotamová lässt ihre Protagonistin über Beziehungen, Freundschaften, Feminismus, Klimaangst und die gesellschaftlichen Debatten der Pandemiezeit nachdenken. Daraus entsteht ein Generationenportrait und eine Ermutigung, sich den eigenen Bedürfnissen zu stellen, Verletzlichkeit zuzulassen und Scheitern nicht zu fürchten. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch | Balaena Verlag
Eine Stadt mit zwei Namen und die Geschichte einer bikulturellen und zweisprachigen Stadt.: Štěpán Kučera erzählt von seiner Heimatstadt Jablonec nad Nisou, dem früheren Gablonz, und blättert dafür durch mehr als hundert Jahre Stadtgeschichte. Von 1900 bis 2020 entsteht aus ganz unterschiedlichen Episoden ein literarisches Werk über eine Stadt, die immer wieder von politischen Umbrüchen und wechselnden Zugehörigkeiten geprägt wurde. Im Buch findet sich ein Mosaik von unterschiedlichsten Texten, von Naturbeschreibungen, Zeitzeugenberichten, Zeitungsartikeln, Gedichten, Romanauszügen und persönlichen Reflexionen von Menschen, die das ehemalige Gablonz und das heutige Jablonec über Jahrzehnte hinweg geprägt haben.
Kučera wurde 1985 selbst in Jablonec geboren. Für Gablonz/Jablonec erhielt er 2022 die Auszeichnung „Buch des Jahres der Region Liberec“, zudem stand das Buch auf der Longlist der Magnesia Litera für Publizistik. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Jana Krötzsch | Balaena Verlag
Majnka liebt die Natur und kennt sich bestens mit Pflanzen und Tieren aus. Doch dann wird ihre Mutter schwer krank und plötzlich bekommt manches, was sie draußen entdeckt, eine ganz andere Bedeutung. Gerade die Natur, die Mutter und Tochter miteinander verbindet, wird für das Mädchen schließlich auch zu einem Ort, an dem sie Kraft finden kann.
Olga Stehlíková nähert sich damit einem Thema, über das selbst Erwachsene oft nur schwer sprechen können. Das Kinderbuch ab neun Jahren wird durchgehend von Andrea Tachezy illustriert. Für ihre Bilder zum tschechischen Original wurde sie mit dem renommierten Kinderbuchpreis Zlatá stuha, dem Goldenen Band, ausgezeichnet. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka | Balaena Verlag
Franz Kafka und Felice Bauer waren fünf Jahre lang miteinander verbunden, zweimal verlobt und trennten sich 1917 endgültig. Doch was geschah danach mit der Frau, deren Name meist nur im Zusammenhang mit Kafka auftaucht? Magdaléna Platzová richtet den Blick auf Felice Bauer selbst und folgt ihrem weiteren Leben durch ein von Krieg, Flucht und Emigration geprägtes 20. Jahrhundert.
Ausgehend von Briefen, Dokumenten und weiteren historischen Quellen holt Platzová Felice Bauer aus Kafkas Schatten und erzählt zugleich von Erinnerung und davon, wer in der Literaturgeschichte sichtbar bleibt. Leben nach Kafka war für die Magnesia Litera nominiert; die deutsche Ausgabe wurde 2025 als eines von Bayerns besten Independent Büchern ausgezeichnet. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Hana Hadas | Wieser Verlag
Bára und der geheimnisvolle Ptáčník tragen beide eine Vergangenheit mit sich, die ihr weiteres Leben geprägt hat. Während er sich zurückgezogen hat und seine Aufmerksamkeit ganz den Vögeln widmet, sucht Bára nach einem Weg, mit ihren Erinnerungen umzugehen. Erst nach und nach zeigt sich, was die beiden miteinander verbindet.
Alena Mornštajnová erzählt von den Spuren, die Vergangenes hinterlässt und wie unterschiedlich Menschen damit weiterleben. Mehr als eine Million Exemplare ihrer Bücher wurden in Tschechien bereits verkauft und ihre Romane in 24 Sprachen übersetzt. Zeit der Wespen ist ihr neuester Roman und erschien 2025 im tschechischen Original. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck | Anthea Verlag
Was geschieht in einer Stadt, wenn wir den Blick einmal von den Menschen abwenden? Marie Iljašenko folgt in ihren Gedichten Fasanen und Turmfalken, Mäusen, Mardern und anderen Tieren durch urbane Räume. Mal leben sie beinahe unbemerkt neben uns, mal bekommen sie sehr unmittelbar zu spüren, was Menschen ihrer Umwelt antun.
Iljašenkos Gedichte führen durch verschiedene Städte und verschieben dabei immer wieder die Perspektive: Der Mensch steht längst nicht selbstverständlich im Mittelpunkt. Menschen hören überhaupt nur sehr wenig ist der erste Gedichtband der Autorin auf Deutsch. Iljašenko schreibt auch Prosa und Essays und übersetzt selbst zeitgenössische Lyrik aus dem Polnischen und Ukrainischen. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Lea Krautzberger, Blanka Libera, Monika Peraus, Theresa Ramer, Milena Schedlbauer, Anna Schwandt und Kateřina Šichová | Karl Rauch Verlag
Arnošt Lustig, dessen Vor- und Nachname auf Deutsch ausgerechnet „Ernst und Lustig“ ergeben, war einer der bedeutenden tschechisch-jüdischen Schriftsteller. Als Jugendlicher überlebte er das Konzentrationslager und widmete sich später in seinen Büchern immer wieder dem Holocaust.
Markéta Pilátová nähert sich seiner Lebensgeschichte über die Gespräche mit seinen Kindern Eva und Josef. Ihre Fragen führen durch ein bewegtes Leben und zugleich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eliška Soffer Podzimek begleitet diese Erinnerungen mit Bildcollagen, in denen historische Fotografien und Illustrationen ineinandergreifen. Entstanden ist ein biografischer Roman in Bildern, der sich bereits an Leser*innen ab neun Jahren richtet.
Besonders erwähnenswert finde ich bei diesem Buch auch die Übersetzung: Sie entstand als studentisches Übersetzungsprojekt am Bohemicum der Universität Regensburg und wurde anschließend gemeinsam mit dem Übersetzer und Lektor Mirko Kraetsch für die Veröffentlichung überarbeitet. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Hana Hadas | Wieser Verlag
Und noch einmal Alena Mornštajnová, diesmal deutlich düsterer. Ein kleines Mädchen, von allen nur „Trutschel“ genannt, wächst in einer Familie auf, in der Zuneigung kaum einen Platz hat und über vieles lieber geschwiegen wird. Rund um das Haus liegt der Wald. Für das Mädchen ist er Rückzugsort, doch zugleich scheint sich dort etwas Unheimliches zu verbergen.
Wald im Haus ist psychologischer Familienroman und Mysterygeschichte zugleich. Im Zentrum steht ein lange gehütetes Geheimnis und die Frage, was geschieht, wenn Schweigen innerhalb einer Familie über Jahre weitergetragen wird. Mornštajnová erzählt dabei von einer Kindheit, in der die Wahrheit weit schwerer zu erkennen ist, als es zunächst scheint. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka | Braumüller Verlag
Eine sowjetische Spitzenspionin mit einem ziemlich ungewöhnlichen Geheimnis: Sie war einmal eine Füchsin. Unter Stalins Aufsicht wurde sie in einem experimentellen Institut in eine Frau verwandelt und anschließend für den Geheimdienst ausgebildet. Als sie bei einer Mission im kapitalistischen Westen auf einen tschechoslowakischen Agenten trifft, nimmt die Geschichte endgültig Fahrt auf.
Jiří Kratochvil macht daraus eine groteske Spionagegeschichte, die mit James Bond und Roadmovie spielt und dabei die Absurditäten totalitärer Systeme ins Visier nimmt. Fuchs zu Dame wurde in Tschechien mit der Magnesia Litera für Prosa ausgezeichnet. Kratochvil, Jahrgang 1940, gehört zu den bedeutenden Stimmen der tschechischen Postmoderne und erhielt 2023 den Tschechischen Staatspreis für Literatur. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert | Wallstein Verlag
Tschechoslowakei in den 1950er-Jahren: Während sich auf dem Land die sozialistische Kollektivierung durchsetzt, weigert sich der Bauer František, seinen Hof und damit seine Eigenständigkeit aufzugeben. Ausgerechnet Ida wird ihm als Arbeitskraft zugeteilt, eine junge Frau, die ebenfalls nicht recht in das Bild der neuen Gesellschaft passen will.
Helena Černohorská erzählt von zwei Menschen, die unter politischen und gesellschaftlichen Zwängen ihren Platz behaupten müssen und sich dabei langsam näherkommen. Im Hintergrund verändert die Kollektivierung das Leben eines ganzen Dorfes. Ein schmaler Roman über eine Zeit, in der politische Entscheidungen bis tief in den persönlichen Alltag hineinreichen. Černohorská, Jahrgang 1987, ist Schriftstellerin und Verlegerin und arbeitet heute am Nationalmuseum in Prag. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff | Mitteldeutscher Verlag
Prag in den 1950er-Jahren. Jana ist jung, schlagfertig und politisch alles andere als zuverlässig. Während ihr Folklore-Ensemble ins Ausland reisen darf, muss sie zurückbleiben. Ihr Alltag spielt sich in einer Gesellschaft ab, in der Denunziation und Misstrauen längst bis ins Private vorgedrungen sind. Trotzdem bewahrt sie sich ihren Humor und eine erstaunliche Unabhängigkeit im Denken.
Zdena Salivarová hat viele eigene Erfahrungen in Janas Geschichte einfließen lassen und den Roman nach ihrer Emigration im kanadischen Exil beendet. Gemeinsam mit ihrem Mann Josef Škvorecký gründete sie dort später den legendären Exilverlag Sixty-Eight Publishers. >>Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer | Morio Verlag
In Řečovice scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen, bis eine Lehrerin tot im Fluss gefunden wird. Plötzlich wird geredet, spekuliert und verdächtigt. Alte Konflikte kommen wieder zum Vorschein und die vermeintlich überschaubare Welt der südböhmischen Kleinstadt bekommt immer mehr Risse.
Anna Bolavá erzählt dabei aus verschiedenen Perspektiven und verbindet die Spannung eines Kriminalromans mit einer zunehmend unheimlichen Atmosphäre. Fluss, Moor und Landschaft sind weit mehr als bloße Kulisse. Bis zum Grund ist der zweite Band ihrer Řečovice-Trilogie; für den ersten, Der Duft der Dunkelheit, erhielt Bolavá die Magnesia Litera für Prosa. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Marcela Euler | mit Zeichnungen von Anna Luchs | Schöffling & Co.
Wer selbst gärtnert, weiß vermutlich: Im Garten ist eigentlich immer etwas zu tun. Karel Čapek kannte dieses Phänomen offenbar schon vor fast hundert Jahren ziemlich genau. Monat für Monat beobachtet er seine ganz eigene Spezies Mensch, den Gärtner, und schreibt über dessen Begeisterung für Erde, Pflanzen und all die kleinen Katastrophen, die zum Gartenjahr dazugehören.
Das Jahr des Gärtners erschien erstmals 1929 und gehört längst zu den Klassikern. Čapek schreibt dabei mit viel Humor und Selbstironie über eine Leidenschaft, die sich seitdem offenbar kaum verändert hat. Die Ausgabe bei Schöffling & Co. wurde von Marcela Euler übersetzt und mit Zeichnungen der Schweizer Künstlerin Anna Luchs ausgestattet. >> Zum Buch
Drei Beiträge und eine ganze Menge Bücher später ist die Auswahl ziemlich groß geworden und vielleicht habt ihr dabei Autor*innen entdeckt, von denen ihr vorher noch nie gehört hattet. Falls ihr noch weiterstöbern möchtet, findet ihr hier natürlich auch die beiden vorherigen Beiträge:
>> Tschechien auf dem Lesestapel TEIL 1
>> Noch mehr Tschechien auf dem Lesestapel TEIL 2
Da bis zur Messe noch einige Bücher aus Tschechien erscheinen, wird dies vermutlich auch nicht der letzte Stapel gewesen sein. In den nächsten Wochen gibt es hier sicher noch die eine oder andere Buchentdeckung.
Und auch darüber hinaus wird euch Tschechien auf dem Bücherkaffee Literaturblog weiter begleiten. Einige der hier vorgestellten Bücher werde ich noch ausführlicher besprechen, dazu gibt es weitere Einblicke in das Land und seine Kultur. Spätestens im Oktober nehme ich euch natürlich auch mit nach Frankfurt zum tschechischen Ehrengastpavillon. Ich freue mich auf die nächsten Wochen, auf viele weitere Entdeckungen und natürlich ganz besonders auf die Messe. Schaut gerne wieder vorbei!
Und jetzt bin ich neugierig: Welche Bücher sind durch meine drei Buchtipp-Runden auf eurer Leseliste gelandet?

Tschechien präsentieren sich als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
📸 Instagram: @czechia2026de
📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
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Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Der Beitrag Tschechien lesen – Buchtipps to go zur Frankfurter Buchmesse 2026 (Teil 3) erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse 2026 – noch mehr Buchtipps to go (Teil 2) erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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Ein Beitrag hat für all die Bücher, die ich euch rund um das tschechische Ehrengastjahr zeigen möchte, schlicht nicht gereicht. Deshalb geht es direkt weiter mit der nächsten Runde meiner Buchtipps to go aus Tschechien. Auch diesmal ist wieder ein bunter Mix dabei, von Romanen und Erzählungen bis hin zu Kinderbüchern. Und natürlich gibt es wieder einige Autor*innen zu entdecken, deren Namen euch vielleicht noch gar nichts sagen.
Falls ihr den ersten Schwung meiner tschechischen Buchtipps verpasst habt, könnt ihr hier noch einmal stöbern: >> Tschechien auf dem Lesestapel TEIL 1

S. Fischer Verlag
Wer war Viktorka? Jene junge Frau, von der sich die Menschen erzählten, sie sei wahnsinnig geworden und habe fortan allein in den böhmischen Wäldern gelebt. Die Schriftstellerin Elli Hajek kennt ihre Geschichte aus den Erzählungen ihrer tschechischen Großmutter. Als sie entdeckt, dass Viktorka tatsächlich gelebt hat, beginnt sie nachzuforschen und reist zurück in das Land, das sie selbst als Kind verlassen musste.
Jarka Kubsova verbindet die Suche nach der historischen Viktorka mit Ellis eigener Familiengeschichte und der Frage, wer eigentlich darüber entscheidet, wie die Geschichten von Frauen überliefert werden. Dabei führt der Roman tief hinein in den böhmischen Wald und zugleich zu einem Stück tschechischer Literaturgeschichte. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Martina Lisa | zeitkind Verlag
Emma ist 33, lebt in London und sucht nach etwas, das sich immer wieder zu entziehen scheint: nach ihrer verschwundenen Partnerin, nach den eigenen tschechischen Wurzeln und nach einem Umgang mit dem Tod ihrer Mutter. Ihre Suche führt sie bis nach Tschechien und in die USA, doch geradlinig erzählt wird hier wenig. Geschichten brechen ab, Erinnerungen tauchen auf und verschwinden wieder.
Emma Kausc macht dieses Brüchige zum Prinzip ihres Debütromans und erzählt von queerer Liebe, Verlust und Identität, aber auch davon, ob Geschichten helfen können, das eigene Leben überhaupt zu begreifen. Handlungsstörung wurde 2024 mit dem tschechischen Preis der Literaturkritik für Prosa ausgezeichnet. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová | Hoffmann und Campe
Drei Menschen, drei sehr unterschiedliche Lebenswege im 19. Jahrhundert: Die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová kämpft mit gesellschaftlichen Erwartungen und persönlichen Zwängen, George Sand erobert sich in Frankreich Freiheiten, die Frauen ihrer Zeit kaum zugestanden werden, während John D. Rockefeller in den USA den Grundstein für ein Wirtschaftsimperium legt.
Radka Denemarková bringt ihre Geschichten zusammen und blickt von dort auf die großen Umbrüche dieser Zeit und ihre Folgen bis heute. Sie gehört zu den wichtigsten Stimmen der tschechischen Gegenwartsliteratur, ihre Werke wurden in 28 Sprachen übersetzt. Als einzige tschechische Autorin erhielt sie die Magnesia Litera bislang in vier verschiedenen Kategorien. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert | Karl Rauch Verlag
Nach fünfzehn Jahren kehrt Hana an den Ort ihrer Kindheit in Südböhmen zurück. Viel ist davon nicht mehr übrig: Ihr Heimatdorf wurde für einen Stausee aufgegeben, der heute das Kernkraftwerk Temelín mit Kühlwasser versorgt. Unter der Wasseroberfläche liegt eine Welt, die verschwunden ist. Doch Hana kommt auch zurück, um herauszufinden, was damals in ihrer Familie geschah und sie schließlich auseinanderbrechen ließ.
Jiří Hájíček erzählt von Heimatverlust und Erinnerung, vom Leben auf dem südböhmischen Land und von den Spuren großer politischer Entscheidungen im Leben einzelner Menschen. Der Roman wurde in Tschechien mit der Magnesia Litera als Buch des Jahres ausgezeichnet. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert | Karl Rauch Verlag
Und gleich noch einmal Jiří Hájíček: Auch sein neuer Roman führt nach Südböhmen. Kristýna kehrt nach Jahren in Prag in ihr Heimatdorf zurück und trifft dort auf Tomáš, der den alten Hof seiner Familie bewirtschaftet. Während sich die beiden näherkommen, verändert sich das Dorf. Investoren interessieren sich plötzlich für die Höfe und bieten den Menschen Geld für ihre Anteile.
Hájíček erzählt in diesem Werk von den Umbrüchen auf dem tschechischen Land nach dem Ende des Kommunismus und vom Spannungsfeld zwischen Stadt und Dorf. Im Zentrum steht dabei eine sehr gegenwärtige Frage: Was geschieht mit einer Region, wenn Land zunehmend zum Geschäft wird? >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Raija Hauck | Karl Rauch Verlag
Der Krieg ist vorbei. Doch was bedeutet das für einen siebzehnjährigen Auschwitz-Überlebenden, der 1945 nach Prag zurückkehrt? Eli Beneš setzt seinen Roman genau dort an, wo viele Geschichten über den Zweiten Weltkrieg enden, und erzählt von einer Gesellschaft, die sich neu ordnet und in der Zugehörigkeit weiterhin über Schicksale entscheidet.
Im Mittelpunkt steht Petr, dessen Weg sich mit dem der jungen Jüdin Ilse kreuzt. An ihrer Geschichte werden auch die Konflikte der unmittelbaren Nachkriegszeit sichtbar, als deutschsprachige Menschen die Tschechoslowakei verlassen mussten. Beneš hat für seinen Debütroman intensiv in Archiven recherchiert und historische Ereignisse mit einer fiktiven Geschichte verbunden. In Tschechien wurde das Buch als Debüt des Jahres ausgezeichnet. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Hana Hadas | CulturBooks
Vierzehn Geschichten, vierzehn Orte und ein Prag abseits der bekannten Postkartenmotive. Die Autor*innen führen durch unterschiedliche Viertel der Stadt, auf Friedhöfe, zur Karlsbrücke oder zum Vyšehrad. Dabei begegnen uns Verbrechen und Familiengeheimnisse ebenso wie alte Legenden und die Spuren der kommunistischen Vergangenheit.
Herausgeber Pavel Mandys hat dafür ganz unterschiedliche Stimmen der tschechischen Gegenwartsliteratur versammelt, darunter Kateřina Tučková, Petra Soukupová, Miloš Urban und Markéta Pilátová. So entsteht Stück für Stück ein etwas anderes Porträt Prags, in dem jede Geschichte ihren eigenen Ort in der Stadt bekommt. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Eva Profousová | Suhrkamp Verlag
Prag, 24. Februar 2022. Während Russland die Ukraine angreift, steckt der Journalist Tom selbst mitten in einer Krise. Seine Ehe zerbricht, beruflich läuft es schlecht und eigentlich wollte er mit seiner Geliebten für einen Tag aus allem verschwinden. Doch die Weltgeschichte lässt sich nicht ausblenden: Seine Redaktion verlangt plötzlich einen Artikel darüber, wie sehr die Tschechen der NATO vertrauen.
Jáchym Topol nimmt diesen historischen Moment zum Ausgangspunkt für einen Roman über ein Land, in dem die Erinnerung an sowjetische Panzer noch immer präsent ist, und über die Frage, was von den Hoffnungen nach 1989 geblieben ist. Persönliches Chaos trifft auf eine neue Bedrohung aus Russland. Topol, einst selbst Teil des tschechischen Undergrounds und Unterzeichner der Charta 77, gehört heute zu den bekanntesten Autoren seines Landes. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Nataša von Kopp | mikrotext
Eine Stadt einmal aus der Perspektive einer Stubenfliege erkunden? Genau das unternimmt Dora Kaprálová in ihrem ziemlich eigenwilligen Porträt des slowenischen Maribor. Eigentlich soll ihre Erzählerin einen Reiseführer schreiben, doch daraus wird eine wilde Mischung aus Realität und Fiktion, in der ein Hypnotiseur und seine Assistentin ebenso auftauchen wie Tito, Hašek und einige höchst sonderbare Bewohner*innen der Stadt.
Dabei geht es um weit mehr als Maribor. Kaprálová spielt mit Geschichte und Gegenwart, mit Illusion und Macht und schaut von der slowenischen Kleinstadt hinaus auf Europa. Die Mariborhypnose wurde 2026 mit dem Literaturpreis der Europäischen Union ausgezeichnet und gewann bei der Magnesia Litera sowohl als Buch des Jahres als auch in der Kategorie Prosa. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch | Kraus Kinderbuch Verlag
Was mag sich eine Krake wohl über uns Menschen denken? Tief unten im Meer stößt sie jedenfalls ständig auf unsere Hinterlassenschaften: Handys, Bürostühle, Kreditkarten und allerlei anderen Müll. Irgendwann wird ihre Neugier so groß, dass sie sich selbst auf den Weg in die Menschenwelt macht. Dort führt sie Tagebuch über diese merkwürdige Spezies, baut ein Hochhaus aus Müll, besucht ein Hip-Hop-Konzert und versucht herauszufinden, was Freundschaft eigentlich bedeutet.
Magdalena Rutová dreht in ihrem großformatigen Bilderbuch einfach einmal die Perspektive um und schaut mit viel Witz auf unsere Gewohnheiten und unsere Wegwerfgesellschaft. Zu entdecken gibt es dabei auch in den detailreichen Illustrationen jede Menge. Das Kraken-Tagebuch wurde mehrfach ausgezeichnet und von der Internationalen Jugendbibliothek dem White Raven als einer Auszeichnung f empfohlen. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Stefanie Bose | Gabriel Verlag
Wenn Eltern sich trennen, bleiben bei Kindern oft jede Menge Fragen und Gefühle zurück, für die erst einmal die richtigen Worte fehlen. Genau dafür hat Lenka Blaze dieses Journal für Kinder ab zehn Jahren entwickelt. Statt fertige Antworten vorzugeben, bietet es Platz zum Schreiben, Zeichnen und Nachdenken. Mehr als 60 Mitmachseiten helfen dabei, Wut oder Traurigkeit auszudrücken und mit den Veränderungen im Familienalltag umzugehen.
Lenka Blaze kennt diese Situation aus ihrer eigenen Kindheit. Als Künstlerin und Grafikdesignerin verbindet sie persönliche Erfahrungen mit einer Gestaltung, die Kinder selbst aktiv werden lässt. Ein Buch, das auch einen Anlass bieten kann, miteinander über Dinge zu sprechen, die sonst vielleicht unausgesprochen bleiben. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Andreas Tretner | Moritz Verlag
Wie schläft eigentlich ein Flamingo? Wo verbringt ein Pfau die Nacht und was macht ein Seeotter, damit er im Schlaf nicht einfach davontreibt? Jiří Dvořák und Marie Štumpfová schauen sich die erstaunlich unterschiedlichen Schlafgewohnheiten von Tieren an und erzählen davon in kurzen kleinen Porträts.
Dazu kommen Marie Štumpfovás wunderschöne, an Holzschnitte erinnernde Illustrationen. Ein ruhiges Bilderbuch zum gemeinsamen Anschauen, Vorlesen und Staunen, bei dem man ganz nebenbei einiges über die Tierwelt erfährt. Die ursprüngliche tschechische Ausgabe wurde mit dem Goldenen Band ausgezeichnet. >> Zum Buch
Noch nicht genug gestöbert? Dann schaut unbedingt auch beim ersten Teil meiner Buchtipps to go vorbei. Dort warten noch einmal jede Menge Bücher aus Tschechien. >> Zum ersten Teil
Und auch danach ist noch nicht Schluss: Teil drei folgt, denn ein paar Bücher möchte ich euch vor der Frankfurter Buchmesse auf jeden Fall noch zeigen.
Welches Buch aus dieser Runde ist auf eurer Leseliste gelandet?

Tschechien präsentieren sich als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
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📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
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Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Der Beitrag Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse 2026 – noch mehr Buchtipps to go (Teil 2) erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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Ein Ehrengastjahr bringt jedes Mal Bücher auf meinen Lesestapel, die dort vorher vermutlich nie gelandet wären. Genau das mag ich daran. Plötzlich begegnen mir Autor*innen, deren Namen ich noch nicht kannte, Verlage öffnen ihre Programme für neue Übersetzungen und nach und nach entsteht ein ganz anderer Blick auf die Literatur eines Landes.
In diesem Jahr geht es nach Tschechien. 75 Auto*innen und Illustrator*innen werden im Oktober zur Frankfurter Buchmesse kommen, und schon seit Anfang des Jahres erscheinen immer mehr tschechische Bücher in deutscher Übersetzung. Mit den Herbstprogrammen kommen noch einige dazu.
Einen Teil davon werde ich euch in den nächsten Wochen ausführlicher vorstellen, aber natürlich gibt es auch in diesem Jahr wieder meine Buchtipps to go: kurz und knapp, aber hoffentlich mit einigen Entdeckungen für eure Leselisten.

Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff | Diogenes
Benetzko im Riesengebirge, Anfang des 20. Jahrhunderts. Hier wachsen Zdenka und Anežka auf, die eine tschechisch, die andere deutsch. Über Jahrzehnte hinweg bleiben sie Freundinnen, während um sie herum Regime wechseln, Kriege geführt werden und die Frage nach der eigenen Nationalität immer größere Bedeutung bekommt. Plötzlich können selbst kleine Entscheidungen weitreichende Folgen haben.
Alice Horáčková erzählt eine große deutsch-tschechische Familiengeschichte, die von ihrer eigenen sudetendeutschen Familie inspiriert ist und in Stück europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts erzählt. Für den Roman griff sie auf Erinnerungen und Memoiren, alte Fotografien, Zeitungen und Archivfunde zurück. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff | HarperCollins
Eines Tages schwebt eine rätselhafte Kugel über einer tschechischen Kleinstadt. Sie selbst tut nichts, doch mit ihrer Anwesenheit beginnen sich die Menschen zu verändern. Einige werden vollkommen kraftlos, andere entwickeln eine regelrechte Obsession. Auch Otos Familie gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Die Kugel selbst bleibt seltsam unberührt, während um sie herum Frustrationen aufbrechen und persönliche wie gesellschaftliche Krisen immer deutlicher hervortreten. Klára Vlasáková macht daraus eine ungewöhnliche, stellenweise fordernde Dystopie über unsere Gegenwart, die mir vor allem wegen ihrer starken Grundidee im Gedächtnis geblieben ist. >> Zum Buch
Luchterhand Literaturverlag
Jaroslav Rudiš ist wieder unterwegs durch Europa. Diesmal lässt er die Eisenbahn allerdings hinter sich und schickt drei Freunde in einem alten weißen Saab auf die Reise. Lorenzo, Caspar und Miss Detroit haben sich eher zufällig auf Friedhöfen gefunden und ziehen seitdem gemeinsam weiter. Sie besuchen die Gräber toter Dichter, schlafen bei ihnen auf den Friedhöfen, wohnen während ihres Roadtrips im Saab, den sie liebevoll den „weißen Sarg“ nennen und hören The Cure und The Doors.
Ihre Reise führt durch Familiengeschichten und Erinnerungen immer tiefer in die europäische Vergangenheit. Skurril, melancholisch und sehr Rudiš – ein Roman über Freundschaft, die Toten und all das, was sie den Lebenden hinterlassen. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Raija Hauck | Anthea Verlag
Im abgeschiedenen Bergdorf St. Georg gehören Wunder zum Alltag: Die Menschen sprechen mit Heiligen, gehen über Wasser und können Steine mit einem Pfeifton spalten. Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hält langsam die Moderne Einzug. Als der totgeglaubte Odysseus nach fünfzehn Jahren zurückkehrt und technische Neuerungen mitbringt, gerät die vertraute Ordnung ins Wanken. Und dann kündigt sich auch noch ein junger K.u.K.-Notar aus der Hauptstadt an, vor dem die verbliebenen Wunder besser verborgen bleiben sollten.
Miroslav Hlaučo verbindet in seinem Debüt magischen Realismus mit dem Aufbruch in eine neue Zeit. Der Roman wurde in Tschechien gleich zweifach mit der Magnesia Litera ausgezeichnet: als Buch des Jahres und als Debüt des Jahres. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Mirko Kraetsch | Anthea Verlag
Ein nächtlicher Anruf seiner Mutter führt Marek zurück in seine Kindheit und Jugend im mährischen Přerov. Er erinnert sich an das Aufwachsen in schwierigen Familienverhältnissen, an Armut und Alkoholismus, an Mobbing und seine ersten Erfahrungen als queerer Jugendlicher.
Marek Torčík verbindet diese sehr persönliche Geschichte mit den politischen und gesellschaftlichen Veränderungen Tschechiens und erzählt dabei in einer ungewöhnlichen Du-Perspektive. Sein Debüt wurde in Tschechien mit der Magnesia Litera und dem Jiří-Orten-Preis ausgezeichnet. Die Übersetzungsrechte wurden mittlerweile in mehr als 27 Sprachen verkauft. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Hana Hadas | Anthea Verlag
Bára ist acht Jahre alt, fantasievoll und unangepasst. Doch in ihrer Familie ist für das Kind, das sie ist, kaum Platz. Die Mutter fühlt sich zunehmend überfordert, der Vater greift ein, wenn die Konflikte eskalieren, und Gewalt und Angst gehören bald zu Báras Alltag. Erzählt wird abwechselnd aus der Sicht des Mädchens und seiner Mutter. Dazwischen beobachten Krähen aus einer alten Ulme, was im Haus geschieht.
Petra Dvořáková erzählt in diesem schmalen Roman von familiärer Gewalt und davon, wie schwer es für Kinder sein kann, Hilfe zu finden. Die Krähen wurde in Tschechien als Buch des Jahres in der Kategorie literarische Prosa ausgezeichnet. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Sophia Marzolff | Kommode Verlag
Was geschieht, wenn etwas vollkommen Fremdes plötzlich Fürsorge braucht? Adam und Sára finden am Rand der Stadt ein seltsames Wesen, halb Pflanze, halb Tier, und nehmen es bei sich auf. Sie nennen es Flora. Doch während Sára zunehmend eine fast mütterliche Beziehung zu ihm entwickelt, wächst bei Adam das Unbehagen.
Jonáš Zbořil macht aus dieser ungewöhnlichen Ausgangslage einen Roman über Elternschaft und Verantwortung, über unser Verhältnis zur Natur und eine Gegenwart, in der auch künstliche Intelligenz längst zum Alltag gehört. Flora ist das Prosadebüt des bislang vor allem als Lyriker bekannten Autors und wurde bereits in zahlreiche Sprachen verkauft. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck | Geparden Verlag
Tag für Tag sitzt Petra an der Supermarktkasse. Um sie herum Waren, Kund*innen und die immer gleichen Abläufe. Ihr eigentliches Interesse gilt der Kunst, und in Gedanken entzieht sie sich immer wieder dieser Welt des Konsums. Als sie für eine Kollegin ein Bild malt, gerät etwas in Bewegung und ihre Leidenschaft fürs Malen nimmt zunehmend obsessive Züge an.
Anna Beata Háblová erzählt von einem Arbeitsalltag, der kaum Raum für eigene Wünsche lässt, und von den Grenzen zwischen gesellschaftlichen Schichten. Dabei geht es auch um die Frage, welchen Platz Kunst und Kreativität in einem Leben haben können, das von ökonomischen Zwängen bestimmt wird. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Julia Miesenböck | Frankfurter Verlagsanstalt
Marie sitzt in einem Zug, irgendwo unterwegs zu einem unbekannten Ziel. Während draußen die Landschaft vorbeizieht, kehren Erinnerungen an ihre Familie und vor allem an ihre verstorbene Schwester zurück. Schöne gemeinsame Momente stehen neben Schuldgefühlen und der Frage, wie ein Leben nach einem schweren Verlust weitergehen kann.
Lucie Faulerová erzählt von Trauer und familiären Verletzungen, lässt dabei aber auch Leichtigkeit und Humor zu. Ihr Roman wurde mit dem Preis der Europäischen Union für Literatur und dem Premio Salerno Libro d’Europa ausgezeichnet. Bereits ihr Debüt Staubfänger war für zwei wichtige tschechische Literaturpreise nominiert. >> Zum Buch

Aus dem Tschechischen von Veronika Siska | Allee Verlag
In einem Prager Antiquariat stößt ein Mann auf ein rätselhaftes Buch in einer unbekannten Schrift. Seine Suche nach dessen Herkunft führt ihn zu einem zweiten Prag, das sich hinter dem vertrauten verbirgt und an den unerwartetsten Stellen zum Vorschein kommt. Je weiter er sich darauf einlässt, desto mehr geraten die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fantasie ins Wanken. Ein surrealer Streifzug durch Prag, der bereits 1993 in Tschechien erschien und erst 2025 erstmals auf Deutsch veröffentlicht wurde.
Aus dem Tschechischen von Veronika Siska | Allee Verlag
Eine merkwürdige Begegnung in einer Leipziger Passage setzt die Geschichte in Gang: Zwei Männer tauschen identisch aussehende Taschen und wecken damit die Neugier des Erzählers. Von dort führt der Roman immer weiter, von einer Geschichte in die nächste und von Leipzig hinaus an andere Orte. Figuren und Erzählungen kreuzen sich, Zufälle öffnen neue Wege. Ein verschachtelter Roman voller Fabulierlust, bei dem man sich darauf einlassen darf, nicht immer zu wissen, wohin die nächste Abzweigung führt.
Aus dem Tschechischen von Veronika Siska | Allee Verlag
Dieser Doppelband führt zu den Anfängen von Ajvaz’ literarischem Werk. Mord im Hotel Intercontinental versammelt seine 1989 erschienene Lyrik, Die Rückkehr des alten Waran frühe Erzählungen. Kängurus, Warane und andere erstaunliche Wesen bevölkern darin ein Prag, in dem das Absurde jederzeit in den Alltag einbrechen kann. Schon hier zeigt sich Ajvaz’ Freude am Surrealen und am Spiel mit unserer Wahrnehmung.
Michal Ajvaz, Jahrgang 1949, ist Philosoph, Dichter, Prosaautor und Essayist und zählt zu den international bekannten Stimmen der tschechischen Gegenwartsliteratur. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für sein Werk erhielt er unter anderem den Jaroslav-Seifert-Preis und die Magnesia Litera, 2020 wurde er mit dem tschechischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet.
Dass wir Ajvaz heute auf Deutsch lesen können, ist vor allem Veronika Siska zu verdanken. Die Übersetzerin suchte lange nach einem Verlag für Die andere Stadt. Als sich keiner fand, gründete sie selbst den Leipziger Allee Verlag und veröffentlichte dort 2025 ihre Übersetzung. Inzwischen hat sie weitere Werke von Ajvaz ins Deutsche übertragen und in ihr Verlagsprogramm aufgenommen. Eine schöne Geschichte darüber, welchen Anteil Übersetzer*innen daran haben, dass Literatur überhaupt ihren Weg über Sprachgrenzen hinweg findet. >> Zu den Büchern

Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer | Knesebeck Verlag
Nicholas Winton wurde weltbekannt, weil er 1939 dabei half, 669 überwiegend jüdische Kinder aus der von den Nationalsozialisten besetzten Tschechoslowakei nach Großbritannien zu bringen. Doch Winton war nicht allein. Hinter den Kindertransporten stand ein ganzes Netzwerk von Menschen, die in Prag und London daran arbeiteten, Visa zu beschaffen, Pflegefamilien zu finden und die Ausreise der Kinder zu organisieren. (Wikipedia: Nicholas_Winton)
Genau diese Menschen rückt die Graphic Novel von Tereza Verecká und Mikuláš Podprocký stärker ins Bild. Sie erzählt die Geschichte der Prager Kindertransporte und erinnert dabei auch an jene Helfer*innen, deren Namen weit weniger bekannt geworden sind. Die Graphic Novel wurde in Tschechien als Comic des Jahres 2024 ausgezeichnet, Mikuláš Podprocký erhielt zudem den Preis für die beste Zeichnung. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Lena Dorn | Karl Rauch Verlag
Warum fasziniert uns das Fahrrad seit mehr als 200 Jahren? Ondřej Buddeus und Illustrator Jindřich Janíček schauen sich eines unserer alltäglichsten Fortbewegungsmittel einmal ganz genau an. Dabei geht es um seine Geschichte und Technik, um den menschlichen Körper beim Fahren und darum, wie Fahrräder unsere Städte und unser Zusammenleben verändern können.
Entstanden ist ein wunderbar gestaltetes Sachbuch für Kinder und Erwachsene, das Wissen mit der Freude am Radfahren verbindet. Fahr Rad! war 2025 für den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Kategorie Sachbuch nominiert und wurde auch in Tschechien mehrfach ausgezeichnet. >> Zum Buch
Aus dem Tschechischen von Katharina Hinderer | avant-verlag
Die Menschen sind verschwunden. Zurückgeblieben ist eine Erde, auf der die Natur längst beginnt, sich Straßen, Gebäude und andere Spuren der Zivilisation zurückzuholen. Durch diese Welt ziehen die beiden Roboter William und Meriwether auf der Suche nach neuen Ressourcen. Was ihnen unterwegs an Überresten menschlichen Lebens begegnet, können sie allerdings nicht immer ganz richtig einordnen.
Ihre Namen erinnern nicht zufällig an die Forschungsreisenden William Clark und Meriwether Lewis. Taťána Rubášová und Illustrator Jindřich Janíček machen aus der Expedition ihrer beiden Roboter ein Science-Fiction-Abenteuer für Kinder und Erwachsene, in dem es nebenbei um Freundschaft und unseren Umgang mit der Erde geht. >> Zum Buch
Das war der erste Schwung meiner tschechischen Buchtipps – und dabei bleibt es natürlich nicht. In den nächsten Wochen kommen noch einige Bücher dazu, die ich euch ebenfalls kurz vorstellen möchte. Bald geht es also weiter mit den nächsten Buchtipps to go aus Tschechien. Vielleicht ist bis dahin ja schon das eine oder andere Buch von hier auf eurer Leseliste gelandet?

Tschechien präsentieren sich als Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse 2026. Wer tiefer eintauchen möchte, findet aktuelle Informationen und Veranstaltungshinweise unter:
🔗 Website: czechia2026.com
📸 Instagram: @czechia2026de
📘 Facebook: Tschechien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2026
Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
2026, Alexandra Stiller
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Digital Collage: © Alexandra Stiller, buecherkaffee.de / Bildmaterial via Rawpixel (Business License)
Transparenz: Die Beiträge entstehen in Kooperation mit der Mährischen Landesbibliothek zum Ehrengastauftritt Tschechiens auf der Frankfurter Buchmesse 2026
Der Beitrag Tschechien auf der Frankfurter Buchmesse 2026 – Buchtipps to go (Teil 1) erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Ahoj! Tschechien auf dem Weg nach Frankfurt erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Eine Küste sucht man in Tschechien vergeblich. Und doch steht ausgerechnet sie über dem Ehrengastauftritt des Landes auf der Frankfurter Buchmesse 2026: „Tschechien – ein Land an der Küste“ lautet das Motto, unter dem sich vom 7. bis 11. Oktober die tschechische Literatur in Frankfurt präsentiert.
Die Küste führt zurück zu William Shakespeare. In seinem um 1610 entstandenen Wintermärchen verlegte er einen Teil der Handlung nach Böhmen und gab dem Land einen Zugang zum Meer.
“ANTIGONUS.
Thou art perfect then, our ship hath touched upon
The deserts of Bohemia?”William Shakespeare, The Winter’s Tale
Über Shakespeares Böhmen am Meer wird bis heute diskutiert. Ein geografischer Irrtum? Dichterische Freiheit? Ganz so einfach ist die Geschichte ohnehin nicht. Als wichtigste Vorlage für “Das Wintermärchen” gilt Robert Greenes 1588 erschienene Erzählung “Pandosto”. Shakespeare übernahm große Teile der Handlung, vertauschte dabei allerdings die Schauplätze Böhmen und Sizilien. So bekam das Binnenland Böhmen seine berühmte Küste.
Für den tschechischen Ehrengastauftritt wird diese literarische Küste nun wieder aufgegriffen. Sie verweist auf die Verbindungen tschechischer Literatur über die eigenen Landes- und Sprachgrenzen hinaus. Aus dem Binnenland wird so ein „Land an der Küste“, das seinen Platz am großen Meer der Weltliteratur einnimmt.
Auch visuell wird das Motto des Ehrengastauftritts weitergespielt. Besonders schön zeigt das der offizielle Videospot von Czechia 2026, den der tschechische Regisseur und Grafiker Jakub Kouřil als animierte Collage gestaltet hat.
Kouřil ließ sich dabei vom Dadaismus und vom tschechischen Poetismus der 1920er-Jahre inspirieren. Schrift, Bilder und überraschende Kombinationen greifen ineinander, historische Figuren treffen auf imaginäre Welten. Der Videospot wurde 2026 beim Internationalen Animationsfilmfestival Anifilm als bestes tschechisches Auftragswerk ausgezeichnet.
Diese Bildsprache mochte ich auf Anhieb. Deshalb ist auch die Collage zu diesem Beitrag als kleine Hommage an den offiziellen Spot entstanden.
75 Autor*innen und Illustrator*innen werden das Land offiziell in Frankfurt vertreten. Mehr als 100 zwischen 2024 und 2026 übersetzte Bücher werden auf der Messe vorgestellt.
Die Auswahl reicht von Prosa und Lyrik über Kinder- und Jugendliteratur bis zu Comics, Theater und Sachbüchern. Einige Namen sind deutschsprachigen Leserinnen bereits seit Jahren vertraut. Jaroslav Rudiš gehört ebenso zur Delegation wie Radka Denemarková, Jáchym Topol, Kateřina Tučková oder Alena Mornštajnová. Andere Autor*innen werden im Zuge des Ehrengastauftritts erstmals einem größeren Publikum im deutschsprachigen Raum begegnen.
Gerade das macht ein solches Ehrengastjahr interessant. Es richtet die Aufmerksamkeit für einige Monate sehr konzentriert auf die Literatur eines Landes. Verlage veröffentlichen mehr Übersetzungen, Autor*innen sind auf Lesereisen unterwegs und Bücher werden sichtbar, die es ohne diesen Schwerpunkt vielleicht deutlich schwerer auf den deutschsprachigen Buchmarkt geschafft hätten.
Bei tschechischer Literatur fallen schnell Namen wie Franz Kafka, Milan Kundera, Bohumil Hrabal oder Václav Havel. In Frankfurt wird dagegen vor allem zu sehen sein, was heute geschrieben und veröffentlicht wird. Dabei spielt die Geschichte des Landes eine große Rolle. Auch das Verhältnis zwischen Tschechien und Deutschland wird literarisch verhandelt. Andere Texte beschäftigen sich mit dem Leben im heutigen Tschechien, mit gesellschaftlichen Veränderungen oder der Frage, was Herkunft und Zugehörigkeit bedeuten können.
Wie unterschiedlich die Zugänge sind, zeigt bereits die Liste der eingeladenen Autor*innen. Neben bekannten Stimmen finden sich zahlreiche Namen, die hierzulande bislang weniger präsent sind. Auch die Lyrik erhält viel Raum. Hinzu kommt eine Comic- und Illustrationsszene, die einen eigenen Schwerpunkt im Programm bildet.
Viele dieser Begegnungen werden überhaupt erst möglich, weil in den vergangenen Jahren verstärkt ins Deutsche übersetzt wurde. Bis Mitte Mai 2026 waren 115 neue Übersetzungen erfasst, die zwischen 2024 und 2026 in deutschen, österreichischen und Schweizer Verlagen erschienen sind oder erscheinen werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Übersetzer*innen, denen im Ehrengastjahr besondere Aufmerksamkeit zukommt. Schließlich sind sie es, die viele dieser literarischen Begegnungen überhaupt erst möglich machen. Czechia 2026 stellt sie deshalb auch einzeln vor; zudem wurde die Teilnahme von Übersetzerinnen aus dem Tschechischen an der Frankfurter Buchmesse gezielt gefördert. 20 entsprechende Förderanträge wurden bewilligt.
Der Ehrengastauftritt beginnt allerdings nicht erst mit der Buchmesse. Schon das gesamte Jahr 2026 steht im Zeichen tschechischer Kultur. Bis einschließlich Dezember finden in Deutschland, Österreich und der Schweiz Veranstaltungen statt, die weit über die Literatur hinausreichen.
Auch rund um Frankfurt ist Tschechien im Herbst an vielen Orten präsent. Das Museum für Kommunikation beschäftigt sich in der Ausstellung „Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939–1989“ mit Texten, die trotz Zensur und politischer Repression ihren Weg zu Leser*innen fanden. Das Klingspor Museum in Offenbach zeigt tschechische Buchkunst von 1900 bis in die Gegenwart. Im Struwwelpeter Museum wiederum steht zeitgenössische Bilderbuchkunst im Mittelpunkt.
Es gibt also auch um die Messe herum einiges zu entdecken. Hier findet ihr das ganze Programm: >> Das Jahr der tschechischen Kultur
Auch hier auf dem Bücherkaffee-Blog wird euch Tschechien bis zum Ende dieses Jahres immer wieder begegnen. Einige Bücher habe ich bereits gelesen, weitere liegen auf meinem Lesestapel und viele erscheinen jetzt im kommenden Herbstprogramm. Buchempfehlungen wird es also reichlich geben.
Gleichzeitig möchte ich den Blick über die Bücher hinaus richten. Im April war ich auf Einladung von Czechia 2026 in Prag, Liberec und Jablonec unterwegs. Wir haben Bibliotheken besucht, Autor*innen getroffen und Orte kennengelernt, an denen Literatur eng mit der Geschichte und Gegenwart des Landes verbunden ist. Von diesen Begegnungen werde ich hier nach und nach erzählen.
Bis zum Jahresende entsteht hier auf dem Blog also eine kleine literarische Landkarte Tschechiens – mit Büchern, Gesprächen und Orten, die mir auf dieser Reise begegnet sind. Ich freue mich schon jetzt auf den tschechischen Pavillon in Frankfurt und darauf, viele der Autor*innen und Übersetzer*innen dort wiederzutreffen. Ich hoffe, ihr begleitet mich auf dieser Reise. Es lohnt sich – denn auf unsere Leselisten kommen einige außergewöhnliche Bücher.

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Auch auf meiner eigenen Instagram-Seite @alex_coffee_books habe ich viele Eindrücke zur Reise nach Tschechien gesammelt – Bilder, Stories und literarische Schnappschüsse. All das findet ihr in den Highlights.
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Offizieller Videospot: © Moravská zemská knihovna v Brně
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»Diese Schweine sind in unserem Haus ein- und ausgegangen.« Was mit einem harmlosen Satz bei einem Besuch beginnt, wird während seiner sechzehn Jahre andauernden Recherche zur schonungslosen Konfrontation mit Verdrängung, Schuld und Selbsttäuschung. Text und Cover © Umland Verlag
Und auch die Kinder der Kriegskindergeneration vergessen und verdrängen lieber, als sich mit den Taten ihrer Vorfahren auseinanderzusetzen. Das Thema Holocaust wird so zu einem abstrakten Begriff, der zwar mit Deutschland zu tun hat, nicht jedoch mit der persönlichen Vergangenheit.
Dieser Satz aus Mit der Gestapo am Kaffeetisch bringt es auf den Punkt – wir sind immer noch sehr weit weg von einer echten, ehrlichen Auseinandersetzung. Und da sind die nun frei zugänglichen Personalakten von SA und SS und die Mitgliederkartei der NSDAP nur bedingt hilfreich. Wenn Der Spiegel zu seiner Recherchedatenbank schreibt: „Was haben Ihre Großeltern in der Nazizeit gemacht?“ ist das irreführend, denn man findet nur unkommentierte, für uns kaum einordenbare Dokumente. Zu einer echten Aufarbeitung braucht es deutlich mehr und Vasco Kintzel zeigt beispielhaft, wie so etwas aussehen kann.
Dabei lassen sich drei Ebenen ausmachen, die viele vergleichbare Bücher aufweisen:
Zum ersten sind das Lebensdarstellungen der Vorfahren, hier der Großeltern und deren Geschwister. Zum zweiten erfahren wir eben sehr viel über die eigentliche Recherchearbeit. Wo und von wem bekommt man Informationen? Wie schwer ist es teilweise, diese zu erhalten und wo gibt es Überraschungen oder auch Enttäuschungen? Und dann geht es auch darum, was all dies mit einem selbst und der Familie macht und wie deren Reaktionen ausfallen.
Diese drei Ebenen gekonnt miteinander zu verbinden ist eine Herausforderung. Vasco Kinzel ist dies in seinem Buch aber besonders gut gelungen. Wir erleben, wie im Laufe der Recherchen langsam ein Bild der jeweiligen Person entsteht, wo Lücken bleiben und wie das auf die Beziehungen zur Familie zurückwirkt. Und es zeigt sich andererseits sehr eindrücklich, wie das Verhalten der Eltern die Recherche und vor allem die Motivation dazu beeinflusst.
Es ist immer wieder bedrückend zu lesen, wie extrem diese Vergangenheit über Generationen wirkt und belastet – aber wie wichtig gleichzeitig diese Auseinandersetzung ist.
Im Rahmen meines >> Instagram-Beitrags zu „Mit der Gestapo am Kaffeetisch“ wurden der Autor Vasco Kintzel und ich in einem Kommentar gefragt, was diese Beschäftigung und die daraus resultierenden Erkenntnisse denn einer „Aldi-Verkäuferin“ bringen soll. Der Autor lieferte eine hervorragende Antwort:
Das Wissen ändert ihr Narrativ. Sie kann ihren Kindern Fakten mit auf den Weg geben und keine geschönten Märchen von der Unschuld Opas im Baltikum. Genau das ändert das familiäre Erinnern – es wird auf einmal persönlich und die so abstrakte Schuld der Deutschen kommt auf einmal in der eigenen Familie an. Es waren eben nicht immer die anderen.
Und deshalb möchte ich als weiterführende bzw. ergänzende Lektüre einige Bücher empfehlen, die sich ebenfalls mit genau diesem Thema beschäftigen. Sie zeigen, wie Nachfahren von Täter*innen damit umgehen, wie sie recherchierten, was das mit den Familien machte – und vor allem mit ihnen selbst.

Die Enkeltochter von Amon Göth (die meisten kennen ihn aus Schindlers Liste) erfährt durch einen Zufall, wer ihr Großvater war und verarbeitet diese schockierende Erfahrung in diesem Buch.
Aus dem Klappentext: “Jennifer Teege ist die Tochter einer Deutschen und eines Nigerianers. Sie wurde bei Adoptiveltern groß und hat danach in Israel studiert. Jetzt ist sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert, das sie nicht mehr ruhen lässt. Wie kann sie ihren jüdischen Freunden noch unter die Augen treten? Und was soll sie ihren eigenen Kindern erzählen? Jennifer Teege beschäftigt sich intensiv mit der Vergangenheit. Sie trifft ihre Mutter wieder, die sie viele Jahre nicht gesehen hat.
Gemeinsam mit der Journalistin Nikola Sellmair recherchiert sie ihre Familiengeschichte, sucht die Orte der Vergangenheit noch einmal auf, reist nach Israel und nach Polen. Schritt für Schritt wird aus dem Schock über die Abgründe der eigenen Familie die Geschichte einer Befreiung.” >> Buch: Rowohlt
„Ich muss doch meinen Vater lieben“ ist die Geschichte von Jennifer Teeges Mutter Monika, Tochter von Amon Göth. Allein der Titel dieses Berichts zeigt schon ihre Zerrissenheit.
Aus dem Klappentext: “Monika Göth wurde 1945 von der Geliebten Amon Göths, genannt Majola, zur Welt gebracht. Als Teenager beginnt sie Fragen zu stellen, aber erst Anfang der 80er Jahre, als ihre Mutter dem englischen Fernsehen ein Interview gibt, bestätigen sich Monikas Ahnungen. Die Mutter vergiftet sich mit Schlaftabletten.
In einem Interview-Experiment, das von Matthias Kessler für die Buchausgabe bearbeitet und mit bislang unveröffentlichtem Archivmaterial ergänzt wurde, stellt Monika Göth sich erstmals der Öffentlichkeit. Schonungslos sich selbst gegenüber erzählt sie ihre Geschichte.” >> Buch: Bastei Lübbe

Drei Beispiele der sogenannten »Väterliteratur«:
Sigfrid Gauchs Vater war ein Mitarbeiter Himmlers, Martin Pollacks Vater SS-Sturmbannführer und Mitglied der Gestapo. Und Niklas Frank, Sohn von Hans Frank, einem der größten NS-Verbrecher – er hat die wahrscheinlich schonungsloseste Abrechnung mit einem Täter-Vorfahren geschrieben. Sie sorgte aufgrund der drastischen Worte für viel Diskussion.
Aus dem Klappentext: “Der Tod des Vaters ist der Beginn einer Befreiung für den Sohn. Er versucht, dessen Leben zu ergründen und die Motive seines Werdegangs zu rekonstruieren: vom Medizinstudium über den Eintritt in die NSDAP 1922, die Beteiligung an Freikorpskämpfen der 20er Jahre bis hin zu seiner Tätigkeit als Reichsamtsleiter in der Reichsführung SS und kulturpolitischer Adjutant Himmlers in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße.
In dieser um mehr als zwei Drittel erweiterten und vollständig überarbeiteten Neuausgabe eines der Standardwerke der „Väterliteratur” finden sich erst jetzt aufgetauchte handschriftliche „ Erinnerungen” des Vaters ebenso wie neue Dokumente aus Archiven zu dessen NS- Vergangenheit. Weitere persönliche Texte ergänzen und differenzieren das Bild eines Mannes, der im Eichmann-Prozess als „Schreibtischmörder” bezeichnet wurde.” >> Das Buch ist antiquarisch noch beziehbar: Booklooker
Aus dem Klappentext: “Im April 1947 wird in einem Bunker an der österreichisch-italienischen Grenze ein Toter entdeckt. Die Leiche weist zwei Kopfschüsse und einen Schuß in die Brust auf. Der Ausweis, der bei dem Toten gefunden wird, stellt sich als gefälscht heraus. Nachforschungen aufgrund einer Tätowierung am linken Oberarm und Schmissen im Gesicht ergeben die wahre Identität des Toten: Es handelt sich um Dr. Gerhard Bast, geboren 1911, SS-Sturmbannführer, Mitglied der Gestapo, auf der Fahndungsliste für Kriegsverbrecher geführt.
Über ein halbes Jahrhundert später fährt Martin Pollack nach Südtirol, um die Umstände dieses Todes zu eruieren. Sein Bericht spürt mit ungeheurer Intensität einem Menschen, einem Leben nach, das von Gewalt bestimmt war und durch Gewalt endete. Martin Pollack hat diesen Menschen kaum gekannt, doch er stand ihm nahe wie sonst niemand – es war sein eigener Vater.” >> Buch: dtv
Aus dem Klappentext: “Der Vater, Hans Frank, Rechtsanwalt von Beruf, begabt, aber bald verlottert, wird 1933 als »alter Kämpfer« ministrabel, erst Justizminister, 1939 dann Generalgouverneur Restpolens, wo er mit seiner ebenso raffgierigen Frau Polen und Juden ausplündert, während in den Vernichtungslagern um ihn herum systematisch die Endlösung praktiziert wird. 1945 setzt er sich mit seiner Beute nach Oberbayern ab, wird von den Amerikanern gefasst und im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode durch den Strang verurteilt.
Der Sohn, Niklas Frank, wurde von seiner Mutter in pietätvollem Gedanken an den feinsinnigen Vater erzogen. Erst allmählich erkennt er in vollem Umfang, dass Hans Frank einer der schlimmsten NS-Verbrecher gewesen ist. Sein Buch ist eine ebenso wüst-erbitterte wie schmerzende Abrechnung mit dem Vater, die Katharsis eines Unschuldigen, der sich dennoch beschuldigt fühlt.” >> Buch: niklasfrank.de

Die Großtante von Sacha Batthyany war in das Verbrechen von Rechnitz verwickelt, zu dem es auch ein Theaterstück von Elfriede Jelink gibt (Rechnitz – Der Würgeengel). Eine spannende Auseinandersetzung mit der Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte.
Aus dem Klappentext: “Welchen Einfluss haben Ereignisse auf uns, die vor siebzig Jahren stattgefunden haben? Sacha Batthyanys Großtante war in eines der schrecklichsten Nazi-Verbrechen am Ende des Zweiten Weltkriegs verwickelt. Als er ihre Geschichte aufschreibt, stößt er auf ein altes Familiengeheimnis. Sacha Batthyany beginnt, nach Antworten zu suchen.
Seine Reise führt ihn ins alte Ungarn, ins Österreich der Nachkriegszeit, in die Schweiz der Gegenwart, in die Lager des Gulag nach Sibirien, auf die Couch eines Pfeife rauchenden Psychoanalytikers und bis ins Wohnzimmer einer Auschwitz-Überlebenden in Buenos Aires. Dabei entdeckt er ein Geheimnis, das seinen Blick auf seine Familie und sich selbst verändert.” >> Buch: Kiepenheuer & Witsch
Im Abstand von vierzig Jahren interviewen Vater und Sohn Lebert Kinder von Heß, Bormann, Göring, Himmler, Frank und von Schirach. Ein Standardwerk!
Aus dem Klappentext: “Auch lange nach dem Dritten Reich sind ihre Lebensläufe mit dem Nationalsozialismus verbunden: die Kinder prominenter Nazis. Einzigartig die Konstruktion des Buches: 1959 besuchte Norbert Lebert die jungen Erwachsenen Edda Göring, Gudrun Himmler, Martin Bormann und andere. 40 Jahre später setzt sein Sohn Stephan die Arbeit fort: Ein sehr persönlicher Augenzeugenbericht und Momentaufnahmen von seltener Eindringlichkeit.” >> Das Buch ist antiquarisch noch beziehbar: Booklooker

Ernst Hemicker war als Mitglied der SS an einem der größten Massaker an jüdischen Menschen beteiligt. Im Wald von Rumbula wurden dabei mehr als 27.000 Menschen erschossen. Jahrelang recherchierte sein Enkel zu diesem Mann. Dabei geht es in seinem Buch auch darum, wie dieses Wissen die Familie und insbesondere die Beziehung zum Vater prägte.
Aus dem Klappentext: “Lorenz Hemicker wächst Jahrzehnte später mit einer vagen Ahnung auf, welches Verbrechens sich sein Großvater schuldig gemacht hat. Er kennt nur ein paar Sätze, die sein Vater bei jeder sich bietenden Gelegenheit im Freundes- und Bekanntenkreis wiederholt. Als beide nach Lettland reisen wollen, um mehr über die Taten von Ernst Hemicker zu erfahren, stirbt der Vater unerwartet.
Für Lorenz Hemicker wird diese Zäsur der Beginn einer jahrelangen Suche nach den Spuren seines Großvaters. Sie führt ihn an den Ort des Massakers, zu Überlebenden des Holocaust in Riga und in die Tiefen deutscher Weltkriegsarchive. Dabei entsteht das Bild eines Mannes, der – wie viele andere mit ihm – vom Jedermann zum Täter wird und dessen Taten seinen Sohn und seinen Enkel noch lange über seinen Tod hinaus wie ein Schatten begleiten.” >> Buch: Rowohlt
Auch bei Axel Spilcker geht es um den Großvater – hier um einen der wichtigsten Täter der NS-Riege, Robert Ley. Der Enkel kann dabei auf bisher nicht veröffentlichte Dokumente zurückgreifen.
Aus dem Klappentext: “Robert Ley war Reichorganisationsleiter der NSDAP und baute die Deutsche Arbeitsfront zum größten NS-Verband auf. Nach dem Krieg war er im Nürnberger Prozess einer der 24 Hauptangeklagten. Einem Urteil in den Kriegsverbrecherprozessen entzieht sich Robert Ley 1945 durch Selbstmord. Achtzig Jahre später, in einer Zeit, in der die Demokratie wieder unter Druck steht, macht sich sein Enkel auf Spurensuche.
Axel Spilcker erzählt vom Aufstieg des Robert Ley in den innersten Kreis um Hitler, von Intrigen, Korruption und fanatischem Antisemitismus. Von der ersten Frau und der zweiten, der von Hitler gefeierten Sopranistin Inga Ley, die in Morphiumsucht und Depressionen versank und sich 1942 das Leben nahm. Von seinem Vater, der mit dem Erbe nicht umgehen konnte und die Familie verließ. Von seiner Tante, einer anerkannten Professorin und Feministin, die den Vater bis zu ihrem Tod verehrte. Von einer Familie, die ihren Namen änderte, von Gier, Hass, Flucht und Versuchen der Befreiung.” >> Buch: Kiepenheuer & Witsch
Ein Text, der nicht über Vorfahren spricht, sondern über den Bruder, Mitglied in der SS. Der Autor hat zwar kaum Erinnerungen an ihn, aber in den Erzählungen der Familie lebt er fort.
Aus dem Klappentext: »Abwesend und doch anwesend hat er mich durch meine Kindheit begleitet, in der Trauer der Mutter, den Zweifeln des Vaters, den Andeutungen zwischen den Eltern. Von ihm wurde erzählt, das waren kleine, immer ähnliche Situationen, die ihn als mutig und anständig auswiesen. Auch wenn nicht von ihm die Rede war, war er doch gegenwärtig, gegenwärtiger als andere Tote, durch Erzählungen, Fotos und in den Vergleichen des Vaters, die mich, den Nachkömmling, einbezogen.«
Wer war dieser Karl-Heinz Timm, geboren 1924 in Hamburg, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine? Warum hat er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet? Wie ging er mit der Verpflichtung zum Töten um? Welche Optionen hatte er, welche Möglichkeiten blieben ihm verschlossen? Wo ist der Ort der Schuld, wo der des Gewissens bei den Eltern, die ihn überlebt haben? >> Buch: dtv

Eines der wahrscheinlich wichtigsten Bücher zu diesem Thema stammt von Katrin Himmler, Enkelin eines der Brüder von Heinrich Himmler. Dabei richtet sie den Blick nicht nur auf die Verstrickungen der gesamten Familie, sondern auch auf deren spätere Verklärungen.
Aus dem Klappentext: “In der Familie Katrin Himmlers wurde über die Verbrechen Heinrich Himmlers offen gesprochen. Den Erzählungen nach galt ihr Großonkel als der »ungeratene« Außenseiter eines humanistisch gebildeten Elternhauses, seine Brüder Gebhard und Ernst hingegen hätten mit der Politik des NS-Regimes nicht viel zu tun gehabt. Als sie den Spuren ihres seit 1945 vermissten Großvaters Ernst nachgeht, stößt Katrin Himmler auf eine viel tiefere Verstrickung von Heinrichs Brüdern. Als frühe Anhänger der Partei profitierten die beiden nicht nur von den neuen Verhältnissen nach 1933, sondern unterstützen mit ihrer Tätigkeit im Reichserziehungsministerium und im Reichsrundfunk engagiert das NS-Regime.
Katrin Himmler erzählt die Geschichte einer Familie, in der es kein Mitleid mit den Verfolgten, sondern Einverständnis mit den politischen Verhältnissen gab – bei den Ehefrauen, den Freunden, dem Schwager und bei Heinrichs Geliebter Hedwig Potthast.
>In ihrer ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann die Autorein auf zahlreiche unveröffentlichte Briefe und persönliche Dokumente aus den Familiennachlässen zurückgreifen und schließt damit auch Lücken in der bisherigen historischen Forschung.” >> Buch: S. Fischer
Bettina Göring, Großnichte von Herrmann Göring, zeigt sehr eindrücklich, was es mit einer Familie und zugleich einem selbst macht, mit diesem Mann verwandt zu sein. Ebenso, wie man mit geliebten Verwandten umgeht, die gleichzeitig Nutznießer und Mitläufer des Systems waren.
Aus dem Klappentext: “Bettina Görings Name ist ihr Schicksal. Als Großnichte von Reichsmarschall Hermann Göring wächst sie im Schatten seiner Verbrechen auf, der in der Zeit des Nationalsozialismus für tausendfachen Mord verantwortlich war.
Früh rebelliert sie und entflieht Ende der 60er Jahre der bedrückenden Verbindung in die Welt der Hippies und Freigeister. Doch weder in der linken Kommune noch im Aschram in Poona kann sie ihrer Vergangenheit entkommen. Sie erkennt, dass auch sie falschen Führern hinterhergelaufen ist und dass allein die Auseinandersetzung mit der dunklen Seite ihrer Familie sie befreien kann.
Bettina Göring gewährt einen sehr persönlichen Einblick in die Geschichte ihrer Familie und ins Nachkriegsdeutschland. Sie legt ein mutiges Zeugnis ab über ihren Umgang mit dem schwierigen Erbe aus der Zeit des Nationalsozialismus. >> Buch: Droemer

Und zum Ende noch ein etwas anderes Beispiel, wie man dieses Thema angehen kann:
Margret Müller umkreist in elf kleinen Texten die großen Fragen. Im Zentrum steht dabei zugleich die Erkenntnis, dass sie mit der Tatsache leben muss, dass ihr geliebter Vater ein Täter war. Im Gegensatz zu den meisten anderen Büchern erfahren wir über den Vater und seine Taten fast nichts. In diesem Werk es geht zentral um den Umgang der Tochter mit all den Fragen.
>> Buch: Joanmartin Literaturverlag
Es geht um Bücher, die sich mit Erinnerung, Verantwortung und den Spuren der Vergangenheit beschäftigen. Ein Thema, das angesichts politischer Entwicklungen und gesellschaftlicher Stimmungen aktueller denn je ist. Die Kolumne stellt Sachbücher und literarische Werke vor, die Zusammenhänge sichtbar machen, zum Weiterdenken anregen und Erinnerung wachhalten.
>> HIER findet ihr weitere Beiträge dieser wichtigen Reihe.
Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal.
— Elie Wiesel
© Kolumne: 2026, Jürgen Fottner
Transparenzhinweis: unbezahlte Werbung; Exemplar Vasco Kintzel | Mit der Gestapo am Kaffeetisch selbst gekauft bei der Buchhandlung Calibri.
Der Beitrag Bücher gegen das Vergessen: auf Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Helena Melikov, IN LIEBE VON – Wenn alte Fotografien neue Geschichten erzählen erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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WAS ALTE FOTOGRAFIEN ERZÄHLEN
Manchmal bleibe ich auf Flohmärkten oder in Antiquariaten länger bei den Kisten mit alten Fotografien stehen als an den Büchertischen. Ich blättere durch die Bilder unbekannter Menschen und frage mich, wer sie wohl waren. Wohin die Reise ging, auf der sie sich fotografieren ließen. Wem sie geschrieben haben. Was aus ihnen geworden ist.
Vielleicht hat mich das Buchobjekt IN LIEBE VON deshalb so angesprochen. Die Edition greift genau dieses Weiterdenken auf, das beim Betrachten alter Fotografien entsteht.
Für die Reihe LOST & FOUND (SHIFT BOOKS, Berlin) hat die Herausgeberin Helena Melikov Fotografien, die anonym auf Flohmärkten und in Nachlässen landeten, mit zeitgenössischer Literatur zusammengebracht. Wie nehmen wir Fotografien wahr? Und welche Geschichten legen wir in sie hinein?

21 Autor:innen wurden eingeladen, auf jeweils ein Bild mit einem Liebesbrief zu reagieren. Die Briefe richten sich an Menschen, die es nie gegeben hat. Jeder der in Schreibmaschinenschrift verfassten Briefe wird von der dazugehörigen Fotografie begleitet. Über die Menschen auf ihnen ist nichts bekannt und gerade diese Leerstelle macht den Reiz der Edition aus. Jeder Brief ist ein literarischer Versuch, einem unbekannten Gesicht, einer Geste oder einem Blick eine Geschichte zu geben.
IN LIEBE VON ist bewusst anders gestaltet als ein herkömmliches Buch. Die 21 Briefe liegen als einzelne, im Kreuzbruch gefaltete Bögen lose in einem schwarzen Schuber mit Banderole und jeder Brief wird von der dazugehörigen historischen Fotografie begleitet. Beim Öffnen entsteht so der Eindruck, einen privaten Nachlass oder eine Sammlung persönlicher Erinnerungsstücke in den Händen zu halten. Die Gestaltung unterstützt damit unmittelbar die Idee des Projekts.
IN LIEBE VON bewegt sich zwischen Literatur und Fotografie, Erinnerung und Erfindung. Im Jahr 2024 wurde IN LIEBE VON von der STIFTUNG BUCHKUNST als eines der 25 schönsten deutschen Bücher ausgezeichnet. Besonders treffend finde ich die Begründung der Jury, die beschreibt, wie die anonymen Fotografien durch die neu geschriebenen Briefe gleichsam „wachgeküsst“ werden. Genau dieses Bild hat mich beim Durchblättern begleitet. Die Fotografien bleiben historische Dokumente und erhalten zugleich eine neue erzählerische Ebene.
> HIER könnt ihr die komplette Jurybegründung nachlesen.

Zwischen den 21 Liebesbriefen findet sich auch ein Text von GPT-4. Mit dieser Verbindung von menschlicher Kreativität und moderner Technologie berührt die Edition ganz beiläufig eine Frage, die derzeit viele Bereiche der Kunst und Literatur beschäftigt: Wie “schleicht” sich Künstliche Intelligenz ein? Welche Rolle wird sie übernehmen und wie beeinflusst und verändert Künstliche Intelligenz das Schreiben?
Für mich eine der schönsten Buchentdeckungen der letzten Zeit! Alte Fotografien haben mich schon immer beschäftigt. Vielleicht, weil sie mehr Fragen stellen, als sie beantworten. IN LIEBE VON macht genau daraus Literatur. Diese Briefe erzählen keine wahren Geschichten. Sie könnten aber wahr gewesen sein – und genau das macht ihren Reiz aus.
Jeden Tag habe ich einen Brief geöffnet, das Bild betrachtet, den Brief dazu gelesen und wirken lassen. Und tatsächlich überlegte ich mir, was die Person denn darauf nun antworten würde, wie der Schriftwechsel nun weitergehen könnte. Spannend!
Wahrscheinlich ist genau das die schönste Art, dieses Buchobjekt zu entdecken.
2026, Alexandra Stiller
Transparenzhinweis: kein Rezensionsexemplar

Der Beitrag Helena Melikov, IN LIEBE VON – Wenn alte Fotografien neue Geschichten erzählen erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
]]>Der Beitrag Randnotizen: E.T.A. Hoffmann erschien zuerst auf Buecherkaffee.de.
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Mit dieser ersten Randnotiz über E.T.A. Hoffmann eröffne ich die neue Rubrik “Buecherkaffee | Randnotizen. Über Autor:innen, Texte und literarische Anlässe”. In dieser Reihe entstehen literarische Betrachtungen abseits klassischer Rezensionen. Die Texte widmen sich Autor:innen, einzelnen Werken und kulturellen Anlässen. Manchmal ausgelöst durch ein Jubiläum, manchmal durch eine Wiederentdeckung, manchmal durch einen Gedanken, der beim Lesen bleibt.
Die Beiträge folgen keinem festen Schema. Mal sind es kurze, mal etwas ausführlichere Notizen. Wir lesen und setzen persönliche Akzente. In diesen Texten soll es nicht vorrangig um biografische Daten oder literaturwissenschaftliche Einordnungen gehen – unser Ziel ist es, Euch immer auch einen ganz persönlichen Zugang zu dem jeweiligen Thema zu zeigen.

Im Januar waren es 250 Jahre, dass E.T.A. Hoffmann in Königsberg/Pr. zur Welt kam, damals noch Ernst Theodor Wilhelm Hoffmann, erst 1804 änderte er seinen dritten Vornamen in Verehrung für Mozart in Amadeus. Er war Jurist, Komponist, Dirigent, Musikkritiker, Maler und Schriftsteller. Trotz des Jubiläumsjahres 2022 zum 200. Todestag wird Hoffmann in meinen Augen leider viel zu einseitig gesehen.
Viele kennen von ihm Der Sandmann und vielleicht noch Elixiere des Teufels. So bleibt der von Ludwig Tieck aufgebrachte Begriff des „Gespenster-Hoffmann“ bis heute vorherrschend. Dabei geht so viel verloren: Hoffmann schrieb wesentlich mehr, als sich unter diesem Etikett vermuten ließe. Und er geht – wenn es denn vorkommt – weit über das Gespensterhafte hinaus. Seine Texte sind Ausdruck eines tiefen Kampfes um das Innere der Menschen, einer Rebellion gegen das Bürgerliche und Normale, Ausdruck des Wahnsinns in uns, gegen den wir alle mehr oder weniger erfolgreich angehen und des Verhältnisses von Kunst, Wahnsinn und Genie.
Wer das alles in einem kurzen Text finden will, dem lege ich Don Juan. Eine fabelhafte Begebenheit, die sich mit einem reisenden Enthusiasten zugetragen ans Herzen und natürlich die Novelle Rat Krespel. Wer mich von Instagram kennt, den wird dies kaum wundern. Vor kurzem las ich einen Beitrag, in dem Hoffmann als „Wegbereiter der modernen Fantasy-Literatur“ bezeichnet wurde – und das stimmt nur sehr eingeschränkt. Denn er lehnte eine reine Phantasiegeschichte ohne Verwurzelung im realen Leben ab:
„Ich meine, dass die Basis der Himmelsleiter, auf der man hinaufsteigen will in höhere Regionen, befestigt sein müsse im Leben, dass jeder nachzusteigen vermag.“
Also weg mit den Schubladen und weg mit der Fixierung auf das Geisterhafte – bei Hoffmann gibt es so unglaublich viel zu entdecken.

Mein Zugang zu diesem Meister der Spätromantik begann mit tiefer Abneigung. Ende der elften Klasse erfuhren wir, dass es für den Deutsch-Leistungskurs vier in ganz Baden-Württemberg verpflichtende Bücher zu lesen gab. Und was soll ich sagen: Drei fand ich entsetzlich.
Lyrik von Hofmannsthal (wir sind bis heute keine Freunde geworden) und ein Roman, bei dem ich das Gefühl hatte, der Autor zerschnitt den Text in hunderte Teile, die ihm dann vom Tisch fielen und er sie dann wild zusammenklebte. Heute ist Uwe Johnson dank eben dieses Buches, Mutmaßungen über Jakob, mein liebster Autor.
Ja und dann noch ein Märchen. Ein Märchen! Da war man gerade auf dem Weg vom Teenager zum (gefühlten) Erwachsenen und dann das? Da wehrte sich alles in mir, auch nach der ersten Lektüre. Aber genau wie bei Johnson verstand es mein großartiger Deutsch-Leistungskurslehrer, mir Der goldene Topf so nahe zu bringen, dass auch E.T.A. Hofmann zu einem meiner liebsten Autoren wurde und ich im Laufe der Zeit alles von ihm las.
Und wer es nicht weiß – mein Name auf Instagram stammt von der Figur Rat Krespel aus der gleichnamigen Novelle von E.T.A Hoffmann. Ein wunderlicher, exzentrischer Musiker und Geigenbauer, verwitwet und Vater einer Tochter. Und für deren Gesundheit und Wohlergehen ist er bereit alles zu tun, auch wenn andere sein Verhalten nicht verstehen. Wie viel von ihm in mir steckt? Wer weiß das schon – wenig und doch so viel…

Einige mir besonders wichtige Bücher von E.T.A. Hoffmann aus meinem Regal möchte ich Euch kurz vorstellen, ergänzend zur oben genannten Erzählung Don Juan:
hier in der Winkler-Dünndruck-Ausgabe
Ein schreibender Kater findet auf der Suche nach Papier ein Buch des Kapellmeisters Kreisler. Er zerreißt dieses, um seine eigenen Erinnerungen festzuhalten, aber dadurch erhält sich zumindest ein Teil des ursprünglichen Textes – das ist die fiktive Ausgangssituation dieses Romans. Kreisler, der schon an anderen Stellen in Hoffmanns Werken auftauchte, ist für mich seine genialste Schöpfung und mit Sicherheit steckt viel vom Schriftsteller selbst in dieser Figur. Es gibt kaum ein Buch, bei dem ich es so bedauere, dass es nicht vollendet wurde.
ebenfalls in der Winkler-Dünndruck-Ausgabe
In den „Werken in vier Bänden“ heißt es im Vorwort zu den Serapions-Brüdern über die dort vorgenommenen Streichungen: “Diese verbindenden Texte – Ansichten über Literatur, Kunst, Wissenschaft, Moral und Fortschritt, (…) sind durchwegs zeitgebunden und ohne Bedeutung für den heutigen Leser.”
Unabhängig davon, dass das schlicht falsch ist, denn in diesen Texten stehen wichtige Gedanken zu den Grundlagen von Hoffmanns Verständnis von Literatur, halte ich es für eine unangebrachte Bevormundung der Leser:innen. Greift bitte immer zu einer ungekürzten Ausgabe. Aber darüber hinaus enthält dieses Buch einige der bekanntesten Erzählungen und Novellen Hoffmanns: „Die Bergwerke zu Falun“, „Die Automate“, „Das Fräulein von Scuderi“ und eben „Rat Krespel“.
Verlag Hermann Meiser Heidelberg, 1947
Dieses Märchen ist ein Paradebeispiel für Hoffmanns wunderbare Fähigkeit zur Satire und Ironie. Er schreibt an gegen die uneingeschränkte Wissenschaftsfixierung der Aufklärung, gegen Adelsprivilegien und für eine Einbeziehung des Phantastischen in die reale Welt, da diese ansonsten inhuman wird. Und wie so oft in seinem Leben wurde Hoffmann auch für diesen Text kritisiert – es war sogar kurzzeitig von einem Verbot die Rede.
(Auswahl) Rikola Verlag, 1922
Das ist einfach eine wunderschöne alte Ausgabe, keine Anmerkungen, kein Register, einfach ein kleiner Antiquariatsschatz.
Und zum Ende meiner Randnotizen zu E.T.A. Hofmann möchte ich ihn nochmal selbst zu Wort kommen lassen:
“Aber nicht anders geht es in der Welt, das, was man eifrig verfolgt, erreicht man am letzten, das, was man nicht zu erreichen strebt, kommt von selbst herbei. Der Zufall ist ein neckischer und neckender Spukgeist!”
“Ein treffendes Wort ist noch kein witziger Einfall, ein witziger Einfall noch kein geistreicher Gedanke, ein geistreicher Gedanke noch kein Wort für die Welt.”
“In die Tiefen des Geisterreichs führt uns Mozart. Furcht umfängt uns, aber ohne Marter ist sie mehr Ahnung des Unendlichen.”
Und mit diesem letzten Zitat schlage ich schon jetzt einen Bogen zu meinem nächsten Beitrag in dieser Rubrik.
Bald mehr!
2026, Jürgen Fottner
Transparenzhinweis: Bücher erworben, keine Leseexemplare
Titelbild: Rawpixel.com (Business License) / Fotos zum Text: Jürgen Fottner
Buchcover: Rechte liegen beim jeweiligen Verlag
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