Als ich am nächsten Vormittag vor dem Zentralgebäude der Polizei stehe, in welchem auch Abu Ammar sein Büro hat, werde ich erst einmal von den Wachhabenden angeblafft. Nur allzu verständlich, wenn man mit meinem Aussehen und in Jeans daherkommend plötzlich den Boß zu sehen wünscht. „Was willst du von ihm? Und wer bist du überhaupt?“ – doch darauf habe ich nur eine Antwort. Ich blaffe noch lauter zurück: „Woher soll ich das wissen, verdammt? Schließlich hat er nach mir gerufen!“ In diesen hierarchischen Systemen bedeutet eine solche Reaktion entweder, daß ich um mindestens drei Rangstufen höher stehe als der arme Kerl vor mir (meine Kleidung könnte schließlich nur eine clevere Tarnung sein), oder daß ich mit der jeweiligen Führungsspitze verwandt oder verschwägert bin (was wiederum nichts anderes als angemessen erscheinen läßt, als sich tunlichst vor mir zu hüten). Entsprechend kriecherisch entschuldigt sich der Polizist und meldet mich unverzüglich per Telefon im Vorzimmer des Chefs an. Dort scheint man bereits auf mich zu warten, denn nun hat der Gute vor mir nur noch im Sinn, mir beflissen den Weg nach oben zu zeigen.
Abu Ammar ist nicht alleine, in seinem Büro befinden sich noch mindestens 30 weitere Rangsterne und Streifen, die auf einem halben Dutzend dick wattierter Schultern drapiert sind. „Setz dich dort hin, Achmed!“ Ich bekomme von dem Bürodiener einen Kaffee eingeschenkt und es dauert nicht lange, bis die Gespräche unter den Herren Generälen ein Ende finden. Nun sind wir beide alleine und ich bin wirklich gespannt, was Abu Ammar auf dem Herzen hat. „Komm her, mein Sohn, setz dich neben mich.“ Nun, ganz so schlimm kann es also nicht sein …
„Du bist doch verheiratet?“ Ich bestätige es. „Und ihr habt sogar schon Kinder!“ „Jawohl, ein Mädchen, und das zweite Kind ist unterwegs.“ Abu Ammar schaut mich sinnend an. „Außerdem hast du doch ein eigenes Geschäft, nicht wahr?“ Auch dies kann ich ihm bestätigen, denn seit einiger Zeit führe ich neben dem elterlichen Ingenieurbüro auch eine Solar-Manufaktur mit mehreren Mitarbeitern, in der wir thermische Solaranlagen herstellen. Abu Ammar lehnt sich lächelnd zurück. Entschieden und gönnerhaft schaut er mich an: „Also brauchst du eine Waffe!“
Mir bleibt die Spucke weg. Was soll ich dazu sagen? Als guter Freund meines Vaters fühlt sich dieser hochrangige Polizeigeneral für mich ernsthaft verantwortlich, da sich mein Erzeuger ja augenscheinlich nicht selbst darum gekümmert hat, mich entsprechend auszurüsten. Wahrscheinlich fragt er während eines Gesprächs mit meinem Vater wie nebenbei danach, was für ein Modell ich denn mit mir herumtrage. Und ist sicherlich äußerst konsterniert, hören zu müssen, daß ich gar keine Waffe besäße. Also fühlt sich der Herr über zig-zehntausend gut bewaffnete Polizisten dazu berufen, diesem unsäglichen Zustand ein Ende zu setzen. Während ich nun voll in der Patsche sitze.
Ich tue mein Bestes: „Lieber Onkel Abu Ammar, du weißt doch, daß ich ein Hippie bin.“ Ich zupfe meinen Pferdeschwanz hervor und wedle mit ihm etwas herum. „Ich bin pazifistisch eingestellt und propagierte den Frieden …“ doch er läßt mich gar nicht erst ausreden: „Papperlapapp, hör auf mit dem Scheiß. Du bist ein Mann und ein Mann braucht eine Waffe! Hör zu, ich habe bereits mit Generaloberst Muhieddin gesprochen, der sitzt in der Abteilung in der Nähe des Sibki-Parkes, du kennst die doch sicherlich …?“ Natürlich kenne ich diese Abteilung, die als eine der berüchtigtsten des syrischen Geheimdienstes gilt. Allerdings bislang nur von außen – Gott sei Dank. „Du gehst gleich morgen früh dorthin, sie werden dich erwarten.“ Abu Ammar strahlt mich mit der absoluten Gewißheit an, mir einen guten Dienst erwiesen zu haben. Mir bleibt dementsprechend nichts anderes übrig, als mich freundlich, höflich und äußerst dankbar zu verabschieden, denn alles andere würde nur seinen Zorn erregen – und verstehen würde er es sowieso nie und nimmer.
Sobald in Syrien ein junger Mann sein 18. Lebensjahr erreicht, hat er nichts Eiligeres zu tun, als Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen, um möglichst schnell einen Waffenschein zu bekommen und sich anschließend eine Pistole in den Hosenbund stecken zu dürfen. Nicht, daß davon viel Gebrauch gemacht wird. So unwahrscheinlich es auch klingen mag, aber in den vielen Jahrzehnten, in denen ich in Syrien lebe, erlebe ich nicht mehr als ein oder zwei Mal, daß jemand seine Pistole zieht und andere damit bedroht. Einmal bin ich selbst der Bedrohte, doch nachdem ich mein Hemd aufgeknüpft habe („Es wäre doch schade darum …“) und meinem Widersacher dabei lächelnd in die Augen schaue, wird die Pistole auch ziemlich schnell wieder weggesteckt. Doch ähnlich wie im Jemen ein Mann nur ein Mann ist, wenn er vorn im Gürtel einen Krummdolch stecken hat, so fühlt sich in Syrien ein Mann nur als richtiger Mann, wenn er sein Schießeisen dabei hat. Ich denke, ein fachkundiger Psychologe kann Ihnen die Gründe hierfür nachvollziehbar darlegen …
Mir bleibt also nichts anderes übrig, als am nächsten Tag brav bei der genannten Abteilung vorzusprechen, wo man mich auch äußerst zuvorkommend empfängt. Kurz darauf sitze ich in einem leicht heruntergekommenen Büro, in welchem sich zwei niedere Chargen betont freundlich meiner annehmen und sich immer wieder für die bürokratischen Maßnahmen entschuldigen, da es nun gilt, den entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Ich verhalte mich ebenso freundlich und bestätige ihnen ein aufs andere Mal, daß ich damit überhaupt kein Problem habe und sie mir gerne ihre Fragen stellen dürfen. Eine äußerst skurrile Situation, wenn man bedenkt, daß nur ein oder zwei Stockwerke unter mir niemand mehr lächelt und die Antworten aus den Leuten viel mehr herausgeprügelt werden …
Nach den üblichen Fragen zur Person, dem Alter und dem Wohnort geht es dann endlich zur Sache: „Sie möchten also eine Waffe?“ Ich verneine genauso lässig, wie ich auch die Fragen zuvor beantworte. Mein Gegenüber stutzt einen Moment, entscheidet sich dann, daß ich seine Frage wohl nicht verstanden habe, und wiederholt geduldig: „Sie möchten also eine Waffe?“ Auch diesmal verneine ich, ohne irgendeine weitere Bemerkung von mir zu geben. Die beiden schauen sich leicht verwirrt an. „Entschuldigen Sie, aber nach unseren Informationen sind Sie doch hier, um einen Antrag auf einen Waffenschein zu stellen.“ „Ja, das ist völlig richtig.“ Die beiden atmen auf, und nun stellt mir der zweite Geheimdienstler, der bislang schweigend daneben gesessen hat, dieselbe Frage. Wahrscheinlich denkt er, daß ich seine Aussprache besser verstehen würde als die seines Kollegen. „Verstehen Sie bitte, die Frage auf diesem Formular lautet: Sie möchten eine Waffe!?“ Ich lächle ihn zuckersüß an: „Oh, das habe ich schon verstanden. Aber ich kann und will Ihnen doch keine falsche Antwort geben, nicht wahr …?“
Im Raum breitet sich eine Atmosphäre aus Unverständnis und Irritation aus, bei der ich mich verdammt zusammenreißen muß, um nicht laut loszulachen. Denn damit würde ich alles zunichtemachen. Die beiden versuchen es noch einmal und erst mit großen Schwierigkeiten gelingt es mir, ihnen klarzumachen, daß ich zwar tatsächlich heute hier bin, um einen Antrag auf einen Waffenschein zu stellen, daß ich dies jedoch nur deshalb tue, weil mich Abu Ammar in seiner unwidersprochenen administrativen Weisheit und Fürsorge hierher schickt. Während ich selber auf eine Frage nach meinem persönlichen Wunsch natürlich nur die ehrliche Antwort geben kann, daß ich selbst keinesfalls eine Waffe möchte.
Danach scheint es keine weiteren Fragen zu geben, denn man entschuldigt sich mehrfach, verspricht mir, daß man sich bei mir melden wird, und komplimentiert mich so schnell es geht hinaus. Ich bin überzeugt davon, daß mein Antrag auch heute noch in der tiefsten Schublade und ganz, ganz weit hinten zusammengequetscht vor sich hin staubt. Mit solch einem Verrückten hat man beim Geheimdienst bisher noch nie zu tun gehabt.
Eine richtige Mordwaffe nenne ich daher weder damals noch heute mein Eigen, womit ich bislang auch ausgesprochen gut fahre …
Ach ja, ich bin ebenso sicher, daß der gute Abu Ammar nie vom Ausgang der Sache erfahren hat und ganz sicher annimmt, daß alles in seinem Sinne verlaufen ist. Nun ja …
]]>Ich selbst habe im Jahr zuvor mein Abitur in Damaskus gemacht, im wissenschaftlichen Zweig und nach dem staatlichen ‚französischen System’, was mir auch das anschließende Studium z.B. an der Pariser Sorbonne erlaubt. Nicht, daß ich das jemals in Auge gefaßt habe. Stattdessen lassen meine Eltern ihre Beziehungen spielen, damit ich nach den Sommerferien zum Praktikum bei den Hamburger Flugzeugwerken zugelassen werde, die kurz zuvor mit zwei anderen Unternehmen zur MBB, der Messerschmitt-Bölkow-Blohm GmbH, fusionieren. Denn seit dem frühen Alter von sieben Jahren steht mein späterer Berufswunsch unverrückbar fest: Ich will Raumfahrtingenieur werden – genauso wie mein großes Vorbild Wernher von Braun. Und anschließend, wenn möglich, Astronaut!
Der Schock ereilt mich jedoch, als ich im darauffolgenden Jahr mit einem befriedigenden Abschlußzeugnis an der TU in Berlin vorspreche, um mich am dortigen Institut für Luft- und Raumfahrttechnik zu immatrikulieren. Schon meine Eltern haben an dieser Universität Wirtschaftswissenschaften studiert und es immerhin bis zum Diplom gebracht. Ich habe höher fliegende Pläne, werde jedoch unsanft auf die Erde zurückgeholt, als mir mitgeteilt wird, daß ich nicht zugelassen werden könne, da ich nicht über die ‚Deutsche Hochschulreife’ verfüge. Ein Wort, das ich tatsächlich noch nie gehört habe. Die Mitarbeiterin, die wohl mitbekommen hat, daß ich vor ihr gerade mit lautem Plumps aus allen Wolken gefallen bin (vielleicht steht mir auch vor Überraschung der Mund sperrangelweit offen…), versucht mich freundlich zu trösten: „Sie müssen doch nur zwei Semester an das Studienkolleg gehen, das ist doch nicht so schlimm. Und dann kommen Sie wieder zu uns!“ Später wird mir klar, daß sie vermutlich wirklich nicht gewußt hat, wie schlimm es dort tatsächlich ist, denn die Studenten, die nach diesen zwei Semestern wieder bei ihr vorsprechen, haben zwischenzeitlich nicht nur etwas besser Deutsch gelernt – sondern auch, tunlichst den Mund zu halten.
Auch meine Eltern versuchen, mich zu beruhigen. Ich habe mich völlig auf sie verlassen. Sie haben schließlich selber dort studiert – und die Sache mit dem Praktikum haben sie doch auch ruckzuck geregelt. Und nun soll ich noch einmal die Schulbank drücken? Ich mache ein Riesengezeter. Von wegen mangelnder ‚Hochschulreife’! Ich habe den Damaszener Unterrichtsstoff doch schon früher mit dem meiner deutschen Freunde in Berlin verglichen und weiß, daß unser dortiges Abitur dem deutschen nicht nur das Wasser reichen kann, nein, sogar noch Tee, Kaffee und Kakao dazu!
Was immer man von den Auswirkungen des französischen Mandats halten mag, dem Syrien von 1920 bis 1945 gemäß der Konferenz von San Remo durch den Völkerbund unterstellt ist – das Schulsystem hat weder die Revolution noch die spätere Vereinigung mit Ägypten angerührt, denn es ist verdammt gut. Wir müssen im Grunde für die einwöchige, schriftliche Prüfung den gesamten Stoff der dreijährigen Oberstufe parat haben… sonst braucht man gar nicht erst anzutreten. Zur Stunde X werden in Tausenden Klassenzimmern, in denen die Abiturkandidaten schlottern und bibbern, versiegelte Umschläge geöffnet, die tags zuvor unter scharfer Polizeikontrolle im ganzen Land verteilt und über Nacht auch bewacht worden sind, denn alle bekommen die exakt gleichen Fragebögen.
Ich selbst habe eigentlich geplant, das Abi-Jahr an meiner vielleicht nicht gerade geliebten, aber doch sehr gelittenen Ibn-Khaldoun-Oberschule zu verbringen – doch da macht mir unser Direx einen dicken Strich durch die Rechnung. Ich kann es ihm nachträglich nicht einmal verübeln, gälte ich doch als unzähmbarer Revoluzzer der Schule, der ständig mit neuen Ideen daherkommt, manchmal in ausgefransten Jeans und einmal sogar barfuß. Außerdem habe ich längere Haare als alle anderen. Von ‚langen’ Haaren kann man trotzdem nicht reden, aber im Vergleich zum militärischen Bürstenschnitt der anderen sieht es schon ziemlich subversiv aus, wenn mir die Fransen in die Stirn und über die Ohren hängen. Unser Direktor nutzt jedenfalls sein Recht auf Disziplinarmaßnahmen und streicht mir am Ende der 11. Klasse ein Drittel aller erzielten Punkte – so daß ich knapp, aber unwiderruflich und erstmals in meinem Leben sitzen bleibe. Meine Wut gegenüber dieser Ungerechtigkeit und die sich mit ihr vermischende Verzweiflung, die mich im ersten Moment sogar an Selbstmord denken lässt, zumindest ganz kurz, wird durch ein paar Lehrer aufgefangen, die mich trösten und meinen: „…was regst Du Dich denn auf? Du weißt selber, daß Du gut genug bist, das Abi zu schaffen. Setz Dich zuhause hin, erspare Dir den ganzen Schulstreß und nimm als Externer an der Prüfung teil. Ya Ahmad, tauuel balak – bleibe geduldig und warte auf Deine Stunde!“
Denn dies ist ein weiterer Vorteil des syrischen Schulsystems nach französischem Muster: Kann man nachweisen, mindestens drei Jahre zuvor die Mittelschule erfolgreich bestanden zu haben, darf man sich unabhängig von Alter oder Geschlecht oder Haarlänge an der zentralen Abiturprüfung beteiligen. Und wie gesagt, es sind ja sowieso die identischen Fragebögen, die dann von den vielen zitternden Händen aufgefaltet und erschrocken angestiert werden, bevor ein mehrstündiges Kritzeln und Rascheln einsetzt – eine Szene, die sich fünf Tage lang jeden Morgen wiederholt, bis auch das letzte Prüfungsfach bearbeitet worden ist: Religion. Ich nehme an, daß man sich diese bis zuletzt aufhebt, weil hier erstmals drei verschiedene Umschläge entsiegelt werden müssen: einer für die jüdischen, ein schon viel dickerer für die christlichen und der aller dickste für die muslimischen Prüflinge.
Ich habe die Prüfung bestanden, habe ein tolles Praktikum hinter mir, wo man uns zukünftige Ingenieure, im Gegensatz zu den Azubis, sogar schon fast als vollwertige Menschen behandelt, und nun soll ich einen Schritt zurück machen und noch einmal ein ganzes Jahr in irgend so ein Kolleg gehen, an dem außer mir kaum jemand einen einzigen deutschen Satz richtig aussprechen kann? An dem in den wissenschaftlichen Fächern der haargenau gleiche Stoff unterrichtet wird, wie ich ihn schon in Syrien in den Schulbüchern stehen gehabt habe? Ich sträube mich mit Händen und Füßen, und irgendwie gelingt es mir mit Hilfe meiner Eltern zu erreichen, daß ich wenigstens gleich zur Prüfung des ersten Semesters zugelassen werde, das ich dann auch prompt bestehe. In Deutsch natürlich mit einer Eins, denn höhere Noten sind nicht vorgesehen.
Es sind noch eine Menge anderer Dinge nicht vorgesehen, wie ich nur allzu schnell merken soll, als ich mich ergeben seufzend mit Beginn des zweiten Semesters neben einen Jungen aus dem Kongo setze, der mich mit großen Augen anschaut. Ich stelle mich vor, ein paar andere kommen dazu und kurz darauf merken wir, daß in unserer Klasse nicht nur alle Hautfarben, sondern auch alle Kontinente vertreten sind. Ich selbst werde aufgrund meiner irakischen Staatsbürgerschaft Asien zugeordnet, meine deutsche Mutter und ihre jahrelangen Bemühungen, mir gutes Deutsch beizubringen, haben diesbezüglich keine Relevanz. Dann wird die Tür aufgerissen und alle eilen schreckhaft zu ihren Plätzen. Wo bin ich hier bloß?
„Ihr kennt mich ja alle. Und für den Neuen da hinten: Mein Name ist Engel! Studienrat Dr. Engel!“
Die Ausrufezeichen schwirren durch den Raum wie wütende Hornissen. Die Klasse ist mucksmäuschenstill, während der hagere Mann, der mit seiner Haltung und seinen bellenden Sätzen einem Landser-Heftroman entsprungen zu sein scheint, mit harschem Ton darlegt, was von uns in diesem Semester erwartet wird. Dann knallt er mit seiner Hand nochmals auf das Pult, funkelt uns aus seinen zusammengekniffenen Augen wütend an, als hätten wir Schuld an seinen Gallenkoliken oder was ihm auch immer sonst die Lebenslust vergällt, und zischt einen letzten Satz hervor: „Ich hoffe, alle haben mich gut verstanden!“ Ich habe den Eindruck, daß er dabei insbesondere mich ins Auge gefaßt hat.
„Ahmet, wenn du Lera das könne sagen, wir alle viel Danke fua dich!“ … womit ich zum Klassensprecher auserkoren bin. Na, aber immer! Ich habe von solch einer Position zuvor zwar nur von meinen deutschen Freunden gehört, denn in Syrien gibt es so etwas nicht. Dort wird meistens nur der größte und stärkste Schüler von der Schulleitung als eine Art Pausenaufpasser bestimmt, was aber nur sehr selten zu irgendwelchen Konfrontationen führt. Aber Klassensprecher, besonders in solch einem illustren und internationalen Verband… also, ich komme mir schon fast vor wie der Vorsitzende der UNO!
Während das Semester seinen Fortgang nimmt, im Deutschunterricht Kruppstahl verherrlichende Texte durchgenommen werden und ich versuche, nicht allzu offensichtlich auf die grammatikalischen und stilistischen Fehler des Lehrers hinzuweisen (später werde ich dafür vom Deutschunterricht ‚zwangsbefreit’ – ein Begriff, der inzwischen augenscheinlich in Vergessenheit geraten ist, was ich als ausgesprochen bedauerlich empfinde), werden meine ersten Vorstöße in das Büro von Studienrat Dr. Engel von seiner Vorzimmerhexe barsch abgeblockt. Doch irgendwann habe ich sie mürbe gemacht, denn im Sinne der internationalen Solidarität mit meinen Klassenkameraden lasse ich mich nicht entmutigen. Und so stehe ich dann eines Tages tatsächlich mit klopfendem Herzen im Allerheiligsten des Leiters unseres Kollegs, das der Kultusministerkonferenz untersteht und im Grunde nichts anderes tut, als alle jene ausländischen Studenten, die selbst denken können, schleunigst auszusortieren und in ihre Heimatländer zurückzuschicken, bevor sie sich den Horden der demonstrierenden Studenten anschließen können. DAS habe ich inzwischen nur allzu klar erkannt.
„Herr Dr. Engel, ich möchte Ihnen im Namen meiner Klasse…“ Er lässt mich gar nicht erst ausreden. „Was wollen Sie hier?“, beißen mich seine Worte in die Ohren. Ich setze also noch einmal an. „Meine Klasse hat mich zu ihrem Klassensprecher gewählt und ich möchte nun mit Ihnen…“ Diesmal höre ich von ganz alleine auf zu sprechen, denn einen dermaßen ungläubigen Ausdruck habe ich noch nie auf dem Gesicht eines Menschen erscheinen sehen. „Waaas? Haben Sie gesagt: ‚Klassensprecher’?“ Nun läuft das Gesicht rot und röter an, der Mann beginnt fast schon zu zittern, seine Stimme gewinnt an Schärfe und wird dabei auch immer lauter: „So etwas gibt es hier nicht. Sie sind Ausländer der Klasse drei. Und jetzt RAUS HIER!“ Sein Gebrüll schlägt zu und treibt mich aus dem Raum hinaus und zum ersten Mal in meinem Leben ahne ich, was der Begriff Rassismus tatsächlich bedeutet.
Später erfahre ich, daß nur Jugendliche aus den Ländern der Alliierten sowie Israel als ‚Ausländer der Klasse eins’ gelten, während die ‚Klasse zwei’ die nordeuropäischen Länder sowie Österreich und Ähnliches mehr umfasst. Das Gesocks aus allen anderen Ecken und Enden dieser Welt, alle die braunen und roten und gelben und schwarzen Menschen werden dagegen pauschal als ‚Klasse drei’ bezeichnet. Man bedenke, es ist das Jahr 1971 und nicht 1942, als mein (sehr braunhäutiger) Vater in das Deutschland des 3. Reiches kommt und selbst damals keiner derartigen Demütigung ausgesetzt ist, wie er mir immer wieder versichert.
Meine Freunde nehmen mir den Mißerfolg jedenfalls nicht übel, sie versuchen, mein arg angeschlagenes Ego mit ihrem Witz und ihren lachenden Augen wieder etwas aufzubauen, und ein Mädchen aus Argentinien gibt mir sogar einen Kuß auf die Wange. Ich fühle mich vergewaltigt von der Macht, die dieser Mann uns allen gegenüber hemmungslos an den Tag legt, meine Noten beginnen trotz gleichbleibender Leistung immer mehr abzusacken, kaum ein Lehrer, der mir noch gerade in die Augen blickt, und am Ende des Semesters bleibe ich als einziger der ganzen Klasse sitzen. Die Eins in Deutsch ist davon unberührt geblieben, an die traut sich sogar der teuflische Dr. Engel nicht heran, denn das wäre wohl zu offensichtlich gewesen. Aber die Fünf in Mathe bringt mich zu Fall. Dabei hatte ich ja selbst auf eine 4,3 hingearbeitet…
Nun habe ist den durch das Überspringen des ersten Semesters gewonnenen Zeitgewinn verspielt und muss das zweite Semester wiederholen, auch wenn mir eigentlich jede Lust dazu vergangen ist. Doch was tut man nicht alles seinen Eltern zuliebe, die immer wieder versuchen, mäßigend auf mich einzuwirken – und manchmal sogar Erfolg damit haben…
]]>Mahmoud wischt sich die Tränen ab, die ihm aus den Augen kullern. Er will nicht, daß jemand sieht, wie er weint. Die andern Jungen würden nur darüber lachen, und der Vorarbeiter würde es vielleicht sogar seinem Stiefvater sagen. Und so hebt er tapfer den nächsten Stein auf seine schmächtige Schulter und beginnt ein weiteres Mal, auf der wackligen Holzleiter Stufe für Stufe hinaufzusteigen.
„Lesen und Schreiben ist nicht gut für den Kopf!“ hörte er das Gebrüll, während die Stockhiebe auf seinen knochigen Po niederprasselten. „Ein Mann braucht Muskeln, um gut arbeiten zu können. Buchstaben verwirren nur und helfen gar nichts dabei, ein richtiger Mann zu werden!“ Er konnte sich gegen die Meinung seines Stiefvaters nicht behaupten, obwohl ihn seine Mutter immer wieder tröstete und mit jeder ihrer Erzählungen erneut den Wunsch in ihm weckte, doch lieber so zu werden wie sein richtiger, sein leiblicher Vater. Er hat diesen nur ein einziges Mal gesehen – jedenfalls konnte er sich nur an dieses eine Mal erinnern –, denn bald darauf war Al-Khammas gestorben, und seine junge Mutter weinte viele Nächte lang, obwohl auch sie ihren Mann in den Jahren davor nur sehr selten gesehen hatte, immer dann, wenn er wieder einmal einen Besuch beim Stamm machte.
Das Leben in der Wüste war zwar nicht einfach, doch es gab wenigstens niemanden, der ihn schlug. Sofern er sich nicht mit gleichaltrigen Jungen herumprügelte. Aber das war meistens nur Spiel. Bis auf das eine Mal, als ihm der Esel weggelaufen war, um den er sich zu kümmern hatte. Seine Mutter versuchte, sich für ihn einzusetzen, aber die Regeln waren klar. Er würde in die Wüste hinaus müssen und mit dem Esel wieder zurückkommen. Oder eben nicht mehr. Als er am dritten Tag das Tier, wie er selbst schon halb verdurstet, endlich eingefangen hatte, kletterte er auf seinen Rücken, band die Halsschnur fest um seine Arme, und biß dann voller Wut und Rachsucht in das Ohr des Esels. Es war sehr gut, daß er sich festgebunden hatte, denn das Vieh raste schmerzgeplagt los, und er wäre sonst ganz sicher hinuntergeflogen. Er war damals fünf, oder vielleicht sechs? Aber das war nur einmal gewesen, und danach hatte er auch besser achtgegeben.
Ansonsten war das Leben schlicht, sofern es nicht gerade wieder ein Fest gab, entweder weil Gäste kamen, irgend jemand heiratete, oder aus religiösen Anlässen. Da wurde dann ein Hammel geschlachtet und die ganze Nacht lang gefeiert und geschmaust. Auf den riesigen runden Tabletts aus Messing, auf denen mit Fleisch bedeckte und mit Nüssen und Kardamonkapseln vermischte Reisberge aufgehäuft waren, blieb auch für die Frauen und Kinder mehr als genug übrig. Außerdem erzählte ihm seine Mutter fast jeden Abend von der schönen Zeit, die sie mit ihm als Säugling in seiner Geburtsstadt Tikrit verbracht hatte. Und mit der Zeit verschwand auch die Erinnerung an die Bosheit der Erstfrau immer mehr, die damals wiederholt versucht hatte, Khairiah und den kleinen Mahmoud zu verletzen oder gar zu töten. Dafür umgab den Vater inzwischen eine Glorie, die ihn schon fast als Heiligen erschienen ließ – jedenfalls in den Augen des kleinen Jungen.
Als die zur Witwe gewordene Mutter zwei Jahre später den Ehewunsch eines weiteren Städters annahm, konnte sie nicht wissen, daß dieser Mann so anders war als der belesene, weitgereiste und rücksichtsvolle Al-Khammas. Sie freute sich einfach nur darauf, wieder in die Stadt zu kommen und den Luxus genießen zu können, von dem sie schon einmal gekostet hatte. Fließendes Wasser am Ende der Straße, elektrisches Licht auf den Plätzen, das Radio im Café, das so laut war, daß man es noch zwei Gassen weiter hören konnte, und noch so viel mehr! Im Stamm gab es keinen Mann, der sie ehelichen wollte, und deshalb hatte sie auch nicht lange nachgedacht, als ihre Eltern ihr sagten, daß es jemanden gebe, der bereit wäre, sie trotz ihrer Witwenschaft und ihres kleinen Sohnes zu heiraten.
Natürlich gab es keine große Feier, und auch die Liebe mit ihrem neuen Mann war nicht annähernd so wild und leidenschaftlich wie damals. Doch sie war dankbar und bemühte sich, auch in ihrer neuen Ehe eine gute Gattin zu sein. Es wäre alles in Ordnung gewesen, wenn dieser Mann nicht eine schier unglaubliche Furcht davor gehabt hätte, daß sein Stiefsohn ihn eines Tages überflügeln könnte. Und so prügelte er den Jungen jedesmal windelweich, wenn er ihn dabei erwischte, wie er nach einem harten Arbeitstag am Abend bei Kerzenlicht die Buchstaben lernte. Ansonsten bemühte er sich nach bestem Gewissen, auch Mahmoud ein liebender Vater zu sein, und tat alles um zu vermeiden, daß seine sechs Kinder, die ihm seine verstorbene Frau hinterlassen hatte, in irgendeiner Form bevorzugt wurden. Sowohl Khairiah , die nun auch ihrerseits ein Kind nach dem anderen in die Welt setzte, als auch der schnell älter und noch vorsichtiger werdende Mahmoud wußten dies zu schätzen. Letztlich kam er mit allen seinen Geschwistern am besten aus, da er sowohl genetisch als auch vom Alter her genau in der Mitte stand – und so ein Brückenglied zwischen den Halbgeschwistern bildete.
Da seine Geburt aus irgendeinem Grund nie richtig registriert worden war (möglicherweise hatte Al-Khammas gehofft, ihn dadurch später einmal dem Wehrdienst entziehen zu können), konnte er sein Alter mit bestem Wissen nicht richtig angeben – und das war nun seine Rettung. Als er hörte, daß Ministerpräsident Raschid Ali Al-Gailani die 1921 unter britischem Mandat gegründete irakische Armee erneuern ließ, wußte er sofort, daß dies die einzige Chance war, seinem eintönigen Leben zu entfliehen. Denn die Soldaten wurden dort in den verschiedensten Berufen ausgebildet, bei freier Kost und Logis. Natürlich mußte man Befehlen gehorchen, Übungen mitmachen, strammstehen und marschieren lernen. Und vielleicht sogar kämpfen, wenn es bald zu einem Krieg käme, wie viele behaupten.
Doch wie könnte all das schlimmer sein, als Tag für Tag Steine zu schleppen und die wenigen Piaster, die man bekam, noch nicht einmal selbst behalten zu dürfen? Dabei hätte er sich doch so gerne das Lehrbuch gekauft, das er kürzlich in dem kleinen Laden gesehen hatte. Und natürlich den echten amerikanischen Parker-Füllfederhalter! Aber der würde für ihn wohl immer unerschwinglich bleiben. Er mußte sein Geld bei seinem Stiefvater abliefern, und da dieser darauf achtete, daß Mahmoud immer nur bei Bauunternehmern arbeitete, die er selbst kannte, wußte er genau, wie viel der Junge bekam. Und deshalb stand er nun verschwitzt und mit klopfendem Herzen vor der Tür und überlegte sich ein letztes Mal, wie er es anstellen sollte, angenommen zu werden. Ja, er wußte zwar nicht, wie alt er wirklich war, aber 18 war er bestimmt noch nicht, das konnte selbst ein Blinder sehen. Na und? Mehr als nein sagen konnten sie nicht. Und falls sie dies taten, dann würde er es eben in ein paar Wochen noch einmal probieren. Also rein.
Der Feldwebel traut seinen Augen nicht, als er das schmächtige Bürschchen sieht, das als letztes hereingekommen ist. An diesem Tag hatte er schon manch eine Überraschung erlebt, aber daß nun schon Kinder ankamen, war dann doch etwas zu viel. Oder was wollte der Kerl?
„Hast du dich verlaufen? Wo willst du hin, Kleiner?“
Der Bursche reckt sich, um ein paar Zentimeter größer zu erscheinen, und versucht, ein grimmig-erwachsenes Gesicht zu machen, was ihm aber nicht besonders gut gelingt. Der Feldwebel muß die Zähne zusammenbeißen, um nicht loszulachen, aber das hätte dem Kleinen die Würde genommen, und so etwas schickt sich nicht.
„Ich möchte in die Armee eintreten!“
„Hmm. Das ist ehrenvoll, und wir brauchen auch viele Männer…“, der Feldwebel macht eine Pause und hofft, daß der Junge seinen Wink verstehen würde, „…aber in erster Linie suchen wir Leute, die schon einen Beruf erlernt haben. Hast du das schon? Kannst du was?“
„Ich kann lesen und schreiben.“
Nun ist es an dem Mann, sich hinter seinem schmalen Schreibtisch überrascht aufzurichten. „Habe ich richtig gehört, du kannst lesen und schreiben?!“
„Jawohl, Herr Offizier!“
Der Feldwebel faßt sich wieder und muß schmunzeln. „Nein-nein, so weit bin ich noch nicht. Aber du könntest es zu was bringen, mein Sohn. Aber nur, wenn du mir nichts vorschwindelst. Sonst kannst du was erleben!“ Er zögert, war er etwa auf so ein kleines Schlitzohr hereingefallen, von denen es in der letzten Zeit immer mehr zu geben schien? Er blickt in dem Raum herum, dann greift er hinter sich.
„Hier, nimm die Zeitung. Sie ist zwar schon ein paar Tage alt, aber die Buchstaben sind ja noch nicht weggelaufen und haben sich zur Armee gemeldet…“, er hatte darauf gewartet und sieht nun befriedigt, wie der Junge dabei zusammenzuckt, „…also lies mir mal den ersten Artikel vor.“
Anfänglich zwar etwas stotternd, was der Aufregung geschuldet sein mag, aber dann immer flüssiger, liest Mahmoud dem Feldwebel einen Bericht über die jüngste Politik von Präsident Mustafa Kemal Atatürk. vor. Es geht um die Versuche, in dem sich zunehmend ausweitenden neuen Krieg zwischen Deutschland und dem Rest der Welt die Neutralität zu wahren. Oder so. Da er sich sehr auf das Lesen konzentrieren muß, kann er dem Inhalt weniger Aufmerksamkeit widmen. Doch als er zwischendurch kurz aufblickt, sieht er, daß der Feldwebel zufrieden vor sich hin lächelt. Der ihn bald darauf unterbricht.
„Das kannst du gut, das muß ich zugeben. Kannst du auch genauso gut schreiben? Und wo hast du es gelernt?“
„Ja, ich kann auch schreiben, aber nicht so schnell wie lesen.“
Der Feldwebel lacht laut auf. „Ich denke nicht, daß das überhaupt jemand kann. Aber das brauchst du auch nicht. Doch nun einmal ganz im Ernst, mein Sohn, weißt du wirklich, daß du zur Armee willst? Ich selbst würde mich ja freuen, denn was wir ganz sicher viel zu viel haben, sind Analphabeten. Obwohl die ja nichts dafür können. Aber noch einmal, wo hast du es gelernt?“
„Ich habe es mir selbst beigebracht, nachdem ich mir die Buchstaben hatte zeigen lassen. Und später habe ich immer wieder herum gefragt und versucht, hier und da was zu lernen, aber das war schwer.“
„Wieso das?“
„Weil ich immer arbeiten mußte.“
„Nun, das müssen wir alle. Aber du hast dir trotzdem noch Zeit genommen, zu lernen? Das ist ungewöhnlich. Hat dir dein Vater dabei geholfen?“
„Äh… nein. Jedenfalls nicht mein richtiger Vater. Der ist schon früh gestorben. Aber der konnte auch lesen, hatte sogar ein Regalbrett voller Bücher, wie mir meine Mutter erzählte.“
„Das heißt, daß dein Vater, Gott mag seiner Seele barmherzig sein, für dich ein Vorbild ist, wenn ich das richtig sehe?“
„Ja, das stimmt. Bei meinem Stiefvater darf ich aber nicht lernen. Als ich ihn darum anbettelte, von meinem Lohn doch wenigstens so viel sparen zu dürfen, daß ich mir ein kleines Schreibpult kaufen könnte, ist er fast verrückt geworden und hat mich wieder geschlagen…“
„Ich glaube, ich kann dich immer besser verstehen. Wie heißt du, mein Sohn?“
„Mahmoud … Al-Khammas.“ Er will unbedingt unter diesem Namen Soldat werden. Der Name seines Stiefvaters, Ali Al-Scheeha, war einfach nicht seiner.
„Nur Mahmoud Khammas?“
„Na ja, …ich denke, Mahmoud bin Mohammed bin Saleh bin Khammas bin Al-Qaissi Al-Tikriti wäre etwas zu lang für den Ausweis, oder?“, lächelte der Junge zum ersten mal.
„Da hast du recht“, mußte ihm der Feldwebel beipflichten. „Und wie alt bist du? Und bitte, erzähle mir die Wahrheit.“
„Das weiß ich nicht. Einige sagen, ich sei 1914 geboren, aber das glaube ich nicht. Mein liebster Onkel meint, es wäre 1922 gewesen. Und meine Mutter erzählt, ich sei geboren, als die Nachricht in Tikrit ankam, daß die Engländer in Bagdad einmarschiert sind. Das war im März 1917, ich habe mich erkundigt.“
„Da haben wir ja Auswahl genug. Laß man sehen…“ Der Feldwebel zückte einen Stift und begann ein vor ihm liegendes Formular auszufüllen. „Du bist also in Tikrit geboren…“
„Jawohl.“
„Und um 18 zu sein, werden wir als dein Geburtsjahr… Moment… nein, es muß 1920 sein. Noch älter wäre zu auffällig. Und versuche auf jeden Fall, dir schleunigst einen Schnurrbart wachsen zu lassen, hörst du?!“
Und so wurde er ein sehr junges Mitglied der ebenso jungen irakischen Armee, lernte Befehlen zu gehorchen, Übungen mitzumachen, stramm zu stehen und zu marschieren. Und man brachte ihm bei, zu kämpfen, denn der Krieg rückte immer näher. Er wurde selbstsicher und beantragte, sich weiterbilden zu dürfen. Man erlaubte es ihm und machte ihn zum einzigen Soldat seiner Einheit, der nach Sonnenuntergang die Kaserne verlassen durfte, um in die Abendschule zu gehen. Im Gegenzug mußte er sich verpflichten, zusätzlich zum üblichen Drill auch noch mehrere Stunden in der Woche seinen analphabetischen Kameraden die Schrift beizubringen. Seine Selbstsicherheit wuchs weiter.
Wenn er nun seine Familie besuchte, sah ihn auch sein Vater mit anderen Augen an, er, der nur herumgewütet hatte, als er von dem Verrat seines Ziehsohnes erfuhr, wie er dessen Flucht in die Armee anfänglich nannte. Inzwischen schien er sogar ein bißchen Stolz entwickelt zu haben, denn Mahmoud brachte ihm immer einen Teil seines Soldes mit. Einen anderen Teil gab er insgeheim seiner Mutter, die noch viel stolzer auf ihren Sohn war, aber auch mehr Angst um ihn hatte.
„Paß bloß auf, lieber Sohn. Ich sage es dir als Mutter: Ich habe lieber einen lebendigen Sohn, als einen toten Helden. Du weißt, was die Syrer sagen, auch wenn das bei uns hier nicht gerne gehört wird: Zwei Drittel der Männlichkeit sind die Flucht! Also lasse dich nicht erschießen, hörst du, es würde mir das Herz brechen…“, sie schluchzte leicht auf, und Mahmoud wirft sich in ihre Arme, wieder ganz Kind, seine Mutter tröstend und selbst Trost suchend. Er drückt sich an ihren großen Busen, über den sich ein weitläufiger tätowierter Baum erstreckt, der vom Kinn abwärts fast ihren gesamten Körper bedeckt, wie er weiß. Auch ihn wollten sie damals in den Zelten tätowieren, als er noch klein war, aber er hatte so laut gebrüllt, daß sie nicht einmal zwei schmale Streifen an den Handgelenken schafften, bevor sie entnervt aufgaben und er Reißaus nehmen konnte.
„Nein Mutter, mache dir bitte keine Sorgen. Natürlich werde ich aufpassen. Außerdem denke ich nicht, daß wir in diesen Krieg hineingezogen werden. Wir haben doch gar keine neuen Waffen. Die meisten Leute sind mit den Karabinern ausgerüstet, die von den Türken aus dem 1. Weltkrieg stammen. Ich habe genug damit zu tun, diese ständig zu reparieren.“ Denn soweit hatte er es inzwischen gebracht.
Zu seiner eigenen Überraschung erwies er sich als recht geschickt, als er dem alten Büchsenmacher der Kompanie einmal helfen sollte. Worauf ihn dieser kurzerhand als Geselle akquiriert hatte – und ihn auch so behandelte. Das heißt, er zeigte ihm, was man machen mußte, um schadhafte Gewehre wieder in Schuß zu bringen, und dies so oft und so lange, bis er die Gewißheit hatte, daß Mahmoud alles richtig verstanden hatte. Er erwies sich dabei als sehr geduldig und freute sich über jeden Erfolg, den er bei seiner Ausbildung erzielte.
„Das ist kein Spaß, du Naseweis. Auch wenn du lesen kannst und bei unseren Chefs Liebkind bist. Das nützt dir gar nichts, wenn es hart auf hart kommt. Dann brauchst du ein Gewehr, auf das du dich verlassen kannst. Diese Prügel hier sind zwar alt, aber immer noch gut. Natürlich nur, wenn wir sie gut behandeln. Von den einfachen Soldaten kannst du nicht erwarten, daß sie das wirklich verstehen, jedenfalls nicht die jungen unter ihnen. Und schon gar nicht, bevor sie nicht das erste Gefecht am eigen Leib erfahren haben. Dann vielleicht…“
„Ich finde, wir sollten besser neuere Waffen bekommen.“
„Hm… ich weiß nicht, ich weiß nicht. Mit neuen Waffen ist das so eine Sache. Wenn sie ganz neu sind, kennt niemand ihre Macken. Was oftmals viele Leben kostet. Und eines kann ich dir ganz sicher sagen: Ihre Reparatur wird wesentlich schwieriger sein. Das ist immer so. Und wer soll das dann machen? Schau dich doch um, außer uns beiden sind vielleicht noch zwei oder drei andere in der Lage, diese Arbeit hier zu leisten. Und vielleicht ein halbes Dutzend weitere, wenn man sich die Zeit nehmen würde, es ihnen beizubringen. Aber sonst?“
„Dann eben auch bessere Waffen, damit sie länger funktionieren.“
„Die sind aber teuer, und ich denke nicht, daß unsere Armeeführung reich genug dafür ist…“
„Dann halt mehr Waffen, damit immer Ersatz da ist, wenn etwas…“
„…wenn was kaputt geht, ja, ist schon klar. Aber das wäre dann doch genauso teuer, oder?“
„Hm, daran habe ich jetzt nicht gedacht.“ Mahmoud schaut nachdenklich drein. „Also doch weiter reparieren?“
„Im Moment bleibt uns wohl kaum etwas anderes übrig. Komm her, dann zeige ich dir noch einmal, wie man einen Schlagbolzen wieder richtet.“
Als der Krieg dann den Irak erreicht, sind sie immer noch dabei, die alten Karabiner zu reparieren. Doch nun müssen sie diese auch einsetzen, in der Hoffnung, durch ihren Widerstand die britischen Besatzungstruppen vertreiben zu können. Der von den Engländern eingesetzte König Ghazi I. war 1939 bei einem Autounfall gestorben. Als die arabisch-irakischen Nationalisten daraufhin den Abzug der Briten forderten, wurden sie ignoriert. Einen Militärputsch in Bagdad hatte es bereits 1936 gegeben, und im Laufe der Jahre folgten noch weitere, die aber auch nicht viel änderten. Außerdem hatte 1939 der Zweite Weltkrieg begonnen.
]]>Aus der Ferne ist das Gefühl der Hilflosigkeit vielleicht noch schlimmer. Und es ist kein Trost, daß die Zuständigen vor Ort genauso verzweifelt sind wie die Betroffenen, wenn es trotz aller Technik nicht gelingt, die Flammen zu löschen. Moment mal! Wieso gelingt es denn nicht? Es gibt doch Sprengschläuche, oder spinne ich?
Eines meiner Probleme ist, daß mir oftmals Dinge und Sachen einfallen, ich aber nicht weiß, ob sie aus meiner exzessiven Lektüre von SF-Romanen stammen oder aus der Realität. Dank des Internets ist es aber sehr viel leichter geworden, so etwas zu klären. Ohne dafür in die Stabi oder die Unibibliothek wandern und dort stundenlang alte Publikationen wälzen zu müssen, wie früher. Ich zünde ein Räucherstäbchen für Google an und habe tatsächlich zwei oder drei Treffer. Einer davon ist ein liebenswerter Bericht oberösterreichischer Brandbekämpfer über ihre Kollegen der Frankfurter Berufsfeuerwehr, die mit ihnen zusammen im Mai 2002 an der internationalen Katastropheneinsatzübung der NATO „Taming the Dragon – Dalmatia 2002“ in Kroatien teilgenommen haben. Voll ins Schwarze getroffen!
Muß ich extra betonen, wie angenehm es ist, einen solchen Fund zu machen? Denn sonst gibt es so gut wie nichts über diese geniale Erfindung. Ich lese mich ein, hangle mich durch Informationsreste, sehe erste Zusammenhänge. Nach fast zwei Tagen ohne Schlaf steht der Artikel. Tagsüber habe ich herumtelefoniert, nachts weiter recherchiert und geschrieben. Telepolis stellt den Bericht sofort ins Netz – unter dem Titel „Löschen von Waldbränden durch Wegsprengen“. Das Thema ist heiß und ich beantworte jeden einzelnen Foreneintrag – bis ich nach zehn Stunden umkippe. Zu diesem Zeitpunkt sind aber sowieso nur noch Trolle unterwegs. Und das Gefühl der Hilflosigkeit ist vernichtet. Ich kann etwas tun, denn ich kann wenigstens nerven.
Nicht Jannis, nicht andere Freunde und Bekannte in Griechenland, später in Portugal, dann in den USA und dann wieder in Australien. Sondern die Verantwortlichen und Entscheidungsträger. Denn ich hoffe, mit dem Artikel etwas zu bewegen. Er steht im Netz und ist auch Jahre später nicht einen Deut weniger aktuell. Leider.
Kurz zusammengefaßt: Prof. Dipl.-Ing. Reinhard Ries, ab 1993 Direktor der Branddirektion Frankfurt, stellt zwei Jahre später ein gemeinsam mit dem Sprengmeister Winfried Rosenstock entwickeltes neues Löschverfahren vor, speziell für den Einsatz bei Waldbränden. Es ist sehr viel günstiger als Löschflugzeuge und -hubschrauber. Und auch wesentlich effektiver. So langsam habe ich den Eindruck, einer ganz, ganz bösen Sache auf der Spur zu sein. Noch eine unterdrückte Erfindung, deren Verhinderung aus rein geschäftlichen Interessen nichts anderes bedeutet, als daß jeder der Toten ermordet – oder zumindest durch unterlassene Hilfeleistung gestorben ist. Oh ja, Löschflugzeuge und -hubschrauber sind ein Milliardengeschäft … mit laufenden Kosten im Millionenbereich!
Stattdessen kann das neue Verfahren, das 1996 unter dem Kürzel 2RS-System registriert wird, hochintensive Feuerfronten mit Temperaturen von 1.000°C und mehr vom Boden her löschen, denn das sogenanntes „Sprenglöschverfahren“ ermöglicht es, das Löschmittel direkt an der Feuerfront zum Einsatz zu bringen. Hierbei werden Schläuche aus mit Kunststoff beschichtetem Textilgewebe mit einer konventionellen Sprengschnur bestückt, in sicherem Abstand parallel zur Feuerfront verlegt und anschließend mit Wasser befüllt.
Unmittelbar bevor das Feuer den Schlauch erreicht, oder sogar erst beim Überrollen durch die Feuerfront, wird dieser aus sicherer Entfernung zur Explosion gebracht und zersprengt das Wasser zu „kaltem Dampf“. Und das sind Einzelmoleküle, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 m/s beidseitig in die Flammen und das Brandgut geschleudert werden! Dabei wird der Waldbrand auf der gesamten Schlauchlänge im Bruchteil einer Sekunde und 15 Meter tief gelöscht, während die Bäume auf der anderen Seite ebenso tief benetzt werden. Die Doppelwirkung aus schlagartigem Löschen der Flammenfront und nachhaltigem Kühlen des Brandgutes macht ein erneutes Anfachen so gut wie unmöglich.
Und wie lautet das Ausgangsszenario bei der oben erwähnten NATO-Übung? Es sind ausgedehnte Vegetationsbrände in Mitteldalmatien, die mehrere Ortschaften erfassen. Die örtlichen Feuerwehren stehen im Dauereinsatz, die erschöpften Kräfte benötigen dringend Unterstützung. Kroatien ersucht um internationale Hilfe der Mitgliedsstaaten der „NATO-Partnership for Peace“. Aus heutiger Sicht grenzt dieses Szenario schon fast an Prophetie – man muß nur noch den Landesnamen austauschen. Der Bericht der Österreicher belegt auch den Erfolg des Sprenglöschverfahrens, mit dem Gebäude und Betriebe, Tankstellen oder Brennstofflager ebenso wie ganze Dörfer vor dem Überrollen durch Flammenfronten geschützt werden können. Und so etwas wird nicht eingesetzt?
Ein mittelständisches Unternehmen nahe Hannover hat das Patent gekauft, die Technologie zur Produktreife gebracht und Millionen investiert. Ich fahre hin und spreche mit dem Firmeninhaber, der mit einer anderen Löschtechnik namens Stickstoffbeaufschlagung gerade weltweit expandiert und leicht überfordert zu sein scheint. Was die Sprengschläuche betrifft, ist er ein gebranntes Kind. Seine erschütternde Geschichte gipfelt in der Aussage, daß sein Unternehmen wegen dieser Sache fast in den Konkurs getrieben wurde. Seitdem ruht das Patent in einer Schublade. Sozusagen.
Auf meine Frage, mit welcher Versicherung seine Firma bei der versuchten und übel gescheiterten Markteinführung zusammengearbeitet hat, ernte ich einen völlig verständnislosen Blick. Ich fühle mich versucht, wie Käpt’n Haddock laut Hunderttausend heulende Höllenhunde! zu fluchen.
Im Laufe der nächsten Wochen und Monate kämpfe ich mich durch immer höheren Schlamm. Manchmal kann ich in der Stimme von Personen, mit denen ich telefoniere, die Korruption regelrecht heraushören. Man frage mich bitte nicht, wie. Reines Bauchgefühl. Es ist toll, ein investigativer Journalist zu sein. Nur dumm, daß ich weder einen Namen, noch besondere Kontakte oder gar eine Redaktion mitsamt Spesenkonto in der Rückhand habe. Irgendwann wird mir klar, daß ich genauso ausgebremst worden bin, wie alle anderen vor mir, angefangen von Ries selbst.
Der andere Jannis, mein knapp 16-jähriger Sohn, ist im Herbst 2013 gerade in Australien, als dort die Hölle kurz mal die Tür aufmacht. Riesige Buschbrände, ein Löschflugzeug stürzt ab, die Feuerwehrleute und Einsatzkräfte kämpfen gegen ein drohendes „Mega-Feuer“, schreibt die Presse. Ich schicke Jannis den Link zu meinem Sprengschlauchartikel und sage ihm: Hier – auch Du kannst etwas tun, wenn Du möchtest. Ich erwarte nichts, nicht von einem Teenager, denn dazu erinnere ich mich viel zu gut an mich selbst, damals.
Doch als ich seine überraschend schnelle Antwortmail aufmache, platze ich fast, so stolz bin ich auf meinen Racker. Er beginnt, den Artikel zu übersetzen, noch bevor er ihn zu Ende gelesen hat. Und ist schon nach zwei Stunden fertig. Nun fragt er: Wie weiter? Ich gebe ihm eine Handvoll Tips, keine Ahnung, ob es etwas bringt. Ich kann ihn mit weiterem Material versorgen, biete ich an, doch letztlich ist es eine Frage der Resonanz. Und die muß er anstoßen. Denn jetzt trägt er die Stafette. Vielleicht sind die Aussies ja durchgeknallt genug, um sich nicht ausbremsen zu lassen. We didn’t start the fire – but we blow it out! Inschallah…
Nachtrag: Leider muß angemerkt werden, daß es trotz vieler Dutzend Versuche von Kontaktaufnahmen und der Übermittlung des Materials an Feuerwehren, Presseorgane und Betroffene keinen einzigen Erfolg zu verbuchen gibt – über 20 Jahre lang will anscheinend niemand etwas davon wissen, daß es diese Methode gibt. Und so brennt es weiter und weiter, weil sich irgend wer das Milliardengeschäft mit den Löschflugzeugen und -hubschraubern nicht verderben lassen möchte. Oder weshalb sonst?
]]>Meine Eltern haben sich am Abend zuvor heftig gestritten, natürlich erst als sie dachten, daß ich schon längst schlafen würde. Daß auch ich Reisefieber haben könnte, ist ihnen nicht in den Sinn gekommen. Außerdem entladen sich die Spannungen, wenn mein Vater zu einer seiner zahlreichen Geschäftsreisen aufbricht, jedes Mal in Form lautstarker Auseinandersetzungen. Sonst geht es bei uns zu Hause ruhig und gesittet zu. Von meiner Mutter bekomme ich hier und da mal eine Maulschelle verpaßt, während sich mein Vater diesbezüglich völlig zurückhält. Er ist aber auch nur selten da und will seine Familie dann in Frieden genießen. Bei ihm darf ich ungestraft fast jeden Schabernack treiben, während sich meine Mutter dummerweise ernsthaft vorgenommen hat, mich zu einem anständigen Menschen zu erziehen.
Autsch! Meine Wange blüht schmerzhaft auf. Hat sie mir wirklich schon dreimal gesagt, ich solle endlich mit dem Hüpfen aufhören? Während mir die ersten Tränen aus den Augen spritzen, nimmt sie mich schon wieder in den Arm und tröstet mich. Leider hat sie in ihrem Leben weder einen Kurs ‚Wie werde ich eine erfolgreiche Mutter?!’ belegt, noch hat sie eine Jugend erlebt, in der man ungestraft über die Stränge schlagen konnte. Bei einem so wilden Kerlchen wie mir verzweifelt sie häufig, und dann rutscht ihr ihre Hand schneller aus, als ihr ansonsten scharfer, offener und wißbegieriger Verstand ihr mögliche Alternativen aufzeigen kann. Und von A. S. Neill hat sie auch noch nie etwas gehört.
Nun erklärt sie mir mit leicht angespannter Stimme, daß wir hier doch nicht alleine seien, daß ich Rücksicht auf die anderen Menschen nehmen müsse, daß ich…, daß wir…, ich höre schon nicht mehr hin, denn inzwischen sind die Tränen längst wieder getrocknet und ich habe gesehen, wie sich ein fernes Licht nähert. Jetzt zappele ich so lange auf ihrem Schoß herum, bis es mir gelingt, mich loszureißen und zu den riesigen Fenstern zu eilen, die fast vom Boden bis unter die hohe Decke reichen.
Die Maschine kommt heran, während der Lärm ihrer Propeller immer lauter und lauter wird. Mit großen Augen schaue ich auf diesen silbernen Luftfisch, der unter seinen Flügeln wie Käferbeine dicke, schwarze Räder ausgefahren hat, auf denen er nun landet. Die Motoren ändern plötzlich ihren Klang, während das Flugzeug die Landebahn entlang rast. Ich schaue mit klopfendem Herzen zu. Oh je, es wird am Ende der Landebahn immer weiter rollen und dann in die Bäume, in den Zaun oder sonst irgendwo hinein krachen! Rumms… ein Riesenknall… es fängt an zu brennen, Feuerwehren rasen herbei…
Doch nein, irgendwie gelingt es dem Piloten, die Maschine abzubremsen, lange bevor sie das Ende der glatten schwarzen Linie erreicht, die sich durch die riesige freie Fläche vor dem gigantischen Flughafengebäude erstreckt. Dann wendet sie und kommt über einen schmaleren Asphaltpfad immer näher. Mein Näschen ist schon ganz platt gedrückt an dem Fenster, als ich die Hand meines Vaters auf meiner Schulter spüre. Aufgeregt blicke ich zu ihm hinauf: „Papa, das Flugzeug da ist eben gelandet! Ich habe genau aufgepaßt. Dort hinten wäre fast ein Unfall passiert, aber der Pilot hat es im letzten Moment noch geschafft.“ Mein Vater hebt mich lächelnd auf seinen Arm und gemeinsam beobachten wir, wie das Flugzeug auf seiner Halteposition rollt, wo irgendein sehr unvernünftiger Mensch, wie mir scheint, der allerdings auch äußerst mutig ist, mit zwei leuchtenden Stäben in seinen Händen herumgestikuliert. Auch er hat heute Glück und wird von der Maschine nicht überfahren, obwohl es zuerst fast so aussieht. Die Motoren gehen einer nach dem andern aus, und nachdem sich auch der letzte der vorher unsichtbar schnell wirbelnden Propeller beruhigt hat, ist es plötzlich ganz still…
An den Flug selbst kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Aus Erzählungen weiß ich jedoch, daß wir von Tempelhof aus zuerst nach Frankfurt flogen, und von dort aus mit mehreren Zwischenlandungen weiter bis nach Beirut. Erst hier setzen wieder einige Erinnerungsbilder ein, und Gefühle einer wundersam warmen Nacht voller fremder Geräusche und Gerüche. Sogar das Licht ist ganz anders, als ich es aus dem trüben Nachkriegs-Berlin kenne, viel gelber, heller und auch leuchtender. Der Mond erscheint mir so riesig, als ob er gleich herabfallen würde, während ich ihn in Berlin nur als bleiches, winziges Gespenst und auch das nur ganz selten mal am Himmel sah. In den Gesang der Zikaden verliebe ich mich sofort – und es soll eine Freundschaft fürs Leben bleiben.
Die Menschen hier sind zwar genauso große Erwachsene wie auch sonst, aber viel häufiger nehmen sie mich hoch, berühren mich, geben mir Süßigkeiten und wollen alles Mögliche von mir wissen. Daß ich ihnen nicht antworten kann, und wenn, dann in einer ihnen unverständlichen Sprache, scheint sie nicht im Geringsten zu stören. Auch lächeln oder lachen sie alle viel mehr als in meiner Geburtsstadt Berlin. Diese griesgrämigen und verbissenen Gesichter, die sogar schon einige der Kinder haben, mit denen ich in den Ruinen der Häuser spiele – wenn ich denn überhaupt einmal auf die Straße runter darf –, sieht man hier nicht. Und statt der dunklen Häuserschluchten mit ihren funzeligen Gaslaternen, von denen die Hälfte meist ausgeschaltet oder kaputt ist, stehen hier hell erleuchtete große Gebäude herum, auf denen bunte Neon-Reklamen an- und ausgehen. Vor ihnen schaukeln Palmen in einer leichten Brise, die nach unbekannten Dingen, nach Meer, Fischen und Algen riecht. Nur die Autos scheinen auch hier genauso zu stinken wie zu Hause.
„Dies ist unser Hotel“ erklärt mir mein Vater, während er gemeinsam mit meiner Mutter darauf aufpaßt, daß auch alle unsere Koffer aus dem Taxi geladen werden, die nun von eilfertig herbeirennenden Pagen gepackt und hineingetragen werden. Meinen Rucksack, in dem neben meinem Lieblingsteddy ein paar Bilderbücher, Autos und drei Kasperlepuppen stecken, die man sich über die Hände ziehen kann, um mit dem Zeigefinger zu nicken, mit Daumen und Mittelfinger zu winken oder etwas zu greifen, drücke ich mir fest an die Brust. Nein! Niemand darf ihn mir wegnehmen, er ist mein wertvollster Besitz und ich will ihn auch ganz alleine tragen.
Im Jahr zuvor sind wir schon einmal hier gewesen, aber nur ganz kurz. Mein Vater hat uns fünf Städte im Nahen Osten gezeigt: Kairo und Alexandria, Amman, Beirut und Damaskus. Er hat meiner Mutter anschließend die Frage gestellt, in welcher Stadt sie leben will, denn in den Irak, seine eigentliche Heimat, kann er noch nicht zurück. Dort hätten ihn die immer noch regierenden Königstreuen an die nächste Wand gestellt. Ägypten und Syrien haben dagegen schon ihre Revolutionen erlebt und sich von den europäischen Mandatsmächten befreit. Jordanien wird von einem toleranten König regiert, und der Libanon… der ist sowieso die ‚Schweiz des Orients’.
Leider entscheidet sich meine Mutter für Syrien, was ich bis in meine Pubertät hinein als das größte Unglück meines jungen Lebens betrachte. Später muß ich diese Einstellung allerdings revidieren und ich bin ihr heute noch überaus dankbar dafür, daß ich meine Kindheit in der ältesten Stadt der Menschheit verbringen durfte. Außerdem liegt Beirut nur zwei Stunden entfernt. Die Stadt ist schließlich der uralte Hafen von Damaskus, während diese Mutter aller Städte in einer Oase liegt, die von dem Fluß Barada gespeist wird, der sich durch das enge Al-Rabwa-Tal der letzten Ausläufer des Antilibanon-Gebirges schlängelt. Und während Beirut der Hafen am Wasser ist, bildet Damaskus den Hafen am Meer der Wüste, die sich weit hinüber in den Irak erstreckt, und hinunter nach Transjordanien und in das leere Viertel der arabischen Halbinsel, das Al-Rub`u al-Khali, eine der schlimmsten Wüsten dieser Welt.
Doch bevor es nach Damaskus geht, bleiben wir noch ein paar Tage in dem lärmenden, vollen und hektischen Beirut, in einem Hotel mit ‚Swimmingpool’ (mein erstes englisches Wort!). Dazu gibt es Besuche am Meer und Fahrten hinaus in die pinienbewachsenen Berge. Im Gegensatz zu Deutschland ist es das Paradies, und doch soll es noch besser kommen, viel besser…
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Jeder neue Gouverneur versucht, dem Volk in seiner Obhut so viel wie möglich abzupressen, um dann mit der Beute schleunigst wieder zu verschwinden – nur um einem weiteren hungrigen Gouverneur Platz zu machen, der dasselbe böse Spiel von neuem betreibt. Die Offiziere sind sogar noch schlimmer. Wenn sie in ein Dorf hinein reiten, sind vor ihnen weder Besitz noch Tiere oder gar Frauen sicher. Sie nehmen sich, was immer sie wollen, und hinterlassen oftmals nur noch ausgebrannte Ruinen des Todes. Ein einzelner Reisender hat allerdings kaum etwas vor ihnen zu befürchten, das ist unter ihrer verlogenen ‚Würde‘ – möge Gott sie in der tiefsten Hölle schmoren lassen -, und deshalb gilt seine Sorge auch mehr den Banditen, deren Zahl in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen hat, selbst in der direkten Umgebung der Städte und Garnisonen.
Abu Zainal al-Khammas tätschelt beruhigend den Hals seines treuen Maulesels, auf dem er seit ein paar Tagen unterwegs ist. Dies ist erst das vierte Tier, das er sich in seinem bisherigen Dasein gekauft hat, denn er behandelt sie gut und sie danken es ihm mit einem langen Leben. Wie zur Bestätigung stimmt der Vierbeiner plötzlich sein schmerzhaft lautes, herzzerreißendes Geschrei an. Oh, wie recht hat der Prophet Mohammed, der einmal gesagt haben soll, „die häßlichste aller Stimmen ist die Stimme des Esels“, denkt sich der Mann. Viele Leute schlagen ihre Esel und Maulesel, um sie zum Schweigen zu bringen, doch was kann das arme Tier dafür, von Gott so erschaffen worden zu sein? Er selbst hat sich im Laufe der Jahrzehnte an die Stimmen gewöhnt, denn ein edles Pferd hat er sich nie leisten können.
Seine Einkünfte sind bescheiden, und zuhause warten eine Frau und ein halbes Dutzend hungriger Mäuler, die es zu stopfen gilt. Trotzdem bedankt er sich während der fünf täglichen Gebete in aller Aufrichtigkeit für sein gutes Leben. Er selbst und seine Familie sind gesund, und auf seinen Reisen nach Persien, in den Jemen hinunter und einmal sogar bis nach Konstantinopel ist ihm nie etwas Schlimmeres widerfahren, als ein paar Mal von Strauchdieben um eine Handvoll Piaster gebracht worden zu sein. Seine Bücher und sogar sein jeweiliges Reittier hat man ihm jedoch gelassen, da selbst der abgefeimteste Schurke noch Respekt vor einem alem hat, einem lesekundigen Mann des Wissens.
Die Sonne neigt sich dem Horizont zu und so späht er nach einem Ort aus, an dem er sich sein Nachtlager bereiten kann. Es dauert nicht lange, bis er neben ein paar Felsen die Satteltaschen abnimmt, seinen kleinen Teppich ausrollt, den er damals in Mekka gekauft hat, und dann etwas Wasser aus seinem Schlauch benutzt, um die rituelle Waschung für das salaat al-maghreb durchzuführen, das Gebet des Sonnenuntergangs. Seinen Maulesel hat er zuvor in der Nähe angepflockt, ihm aber eine ausreichend lange Leine gelassen, damit er an den Disteln knabbern kann, die hier überall büschelweise wachsen. Es ist eine schüttere Landschaft, doch weit entfernt davon, als richtige Wüste bezeichnet zu werden. Dies sieht auch jedes geschulte Auge: huschende Schatten von Kleingetier, diverse Spuren und Losungen, sowie die winzigen Punkte der hochfliegenden Greifvögel, die selbst nach Beute Ausschau halten.
Nach dem Gebet, das um diese Zeit aus drei rakas mit ihrer jeweiligen Verneigung und Niederwerfung besteht, sammelt er noch ein paar trockene Stengel ein, zerbricht die Reste des Feuerholzes, das er unterwegs mitgenommen hat, und bald darauf kocht das Wasser auf dem kleinen Lagerfeuer zischelnd in der schon ordentlich zerbeulten Teekanne. In seinem Inneren klingen die Segenswünsche für alle Menschen immer noch nach, mit denen er das Gebet abgeschlossen hat: „as-salamu aleikum ua rahmatullah“ – der Friede sei mit euch und die Barmherzigkeit Gottes – während er die schon leicht angetrockneten Fladenbrote auspackt, eine faustgroße Zwiebel schält und zerschneidet, um dann sein karges, aber dennoch sättigendes Mahl mit ein paar nahrhaften Datteln und kleinen Schlucken des stark gesüßten Tees langsam zu genießen. Und während am Himmel mehr und mehr Sterne erscheinen, die das Dunkel der Wüste erhellen, streckt er sich neben der Glut aus, wickelt sich in seinen Schaffellmantel und ist bald darauf eingeschlafen.
Das erste, was er am Morgen kontrolliert, sind die Äpfel, die sein Maulesel im Laufe der Nacht geschissen hat. Mit einem kleinen Stöckchen stochert er so lange darin herum, bis er die Münzen findet. Ohne sich im Geringsten zu ekeln, klaubt er die drei Goldstücke aus dem Dung heraus, reibt sie mit einer Handvoll Sand glänzend sauber und steckt sie anschließend in die Tasche. Kurz darauf reitet er weiter. Seit gestern Nachmittag befindet er sich auf dem Gebiet des al-Qaissi-Stammes, und hier hat er ganz gewiß keine Räuber mehr zu fürchten. Die Beduinen achten sehr wohl darauf, daß in ihren Weidegründen Sicherheit und Ordnung herrschen. Räuber werden gnadenlos verfolgt und ohne viel Federles getötet. Zuvor jedoch hatte er seine Reisekasse regelmäßig in den After seines treuen Reisebegleiters gesteckt, denn dies ist die einzige Stelle, an der auch die ausgebufftesten Banditen nicht nachschauen werden. Dann bindet er den Schwanz herunter, damit das Tier nicht unterwegs kotet.
Er weiß nicht, ob es noch andere Reisende gibt, die dieses natürliche, gottgeschaffene Versteck nutzen. Er selbst hat jedenfalls nie jemanden davon erzählt, nachdem er bereits in jungen Jahren auf diese abwegige Idee gekommen war – als er nämlich miterleben mußte, wie einige reisende Kaufleute sich vor den Straßenräubern nackt ausziehen mußten, wodurch auch ihre geheimsten Ledertaschen und -beutel auf der Brust, um die Taille oder im Schritt schnell zur Beute wurden. Er hat sich damals den Kaufleuten auf dem Weg nach Qom angeschlossen, der heiligen Stadt der Schiiten, und als er dort eintrifft, schwört er am Grabesschrein der Fatima al-Masum, der Schwester des 8. Imam Ali al-Rida, daß er seine Idee mit niemandem teilen wird. Andernfalls hätte er bestimmt irgendwann einmal Mitleid mit einem Bestohlenen empfunden und das Geheimnis ausgeplaudert. Doch ein Schwur bindet ihm die Zunge zu seiner und seiner Goldstücke Sicherheit, denn das Sprichwort sagt doch zu Recht: „Ein Geheimnis, das zwei teilen, ist keines mehr!“
Schon am Mittag nimmt seine feine Nase den Geruch von Lagerfeuern wahr, und bald darauf hört er das erste Gebell. Es dauert nicht lange, bis auch seine Augen die schwarzen Zelte sehen, die in der Nähe einiger Palmen und eines Brunnens aufgeschlagen sind. Während er in das Lager hineinreitet, grüßen ihn die Männer, und ein paar kleine Kinder mit großen Augen rennen und springen neugierig um ihn herum. Inzwischen hat er auch das große Zelt des sheikh al-qabilah entdeckt, des Anführers dieses Stammesteiles, dem ja seine ganze Reise gilt.
Sanft zupft er an den Zügeln, um seinem Maulesel die richtige Richtung zu weisen, als ihm plötzlich der Atem stockt. Zwischen zwei Zelten sieht er ein Beduinenmädchen laufen, dessen wiegender Gang sein Herz für einen Schlag aussetzen läßt. Er sieht sie nur von hinten und wundert sich selbst darüber, wie stark seine Männlichkeit auf ihren gertenschlanken Körper reagiert. So etwas ist ihm wahrlich noch nie passiert. Schnell springt er vom Rücken seines Tieres und folgt dem Mädchen, ohne sich um die Blicke einiger Frauen zu kümmern, die vor ihren Zelten sitzen und über der Glut aus getrocknetem Kameldung, wie ihm seine Nase verrät, Kaffeebohnen rösten, die sie anschließend mit dem rhythmischen Schlagen eines schweren Mörsers zu Pulver zerreiben. Abu Zainal läßt sich trotz der ihm im Grunde völlig fremden Erregung nicht abhängen und merkt sich aufatmend das Zelt, in dem das Mädchen kurz darauf verschwindet.
Am liebsten würde er gleich hinter ihr her stürzen, doch damit hätte er seinen guten Ruf ein für alle Mal verspielt. Außerdem muß er zuerst dem Scheich seine Aufwartung machen, dem er auch etwas Salz und ein paar Papiertütchen mit verschiedenen indischen Gewürzen mitgebracht hat. Und die Papiere natürlich, die sich zusammengerollt in seiner Satteltasche befinden. Seufzend wendet er sich um und zieht sein Reittier hinter sich her, bis er es vor dem Zelt seines Auftraggebers an einen der Pflöcke festbindet.
Nach dem herzlichen Empfang, der Zeremonie des Ausschenkens und des gemeinsamen Schlürfens des bitteren, mit zerstoßenem Kardamom vermischten nachtschwarzen Kaffees, und dem anschließenden langen Frage- und Antwortspiel, das eigentlich völlig nichtssagend ist, aber unumstößlich zum guten Ton unter den Arabern gehört, berichtet Abu Zainal endlich von den jüngsten politischen Entwicklungen, die so ihren Weg auch in die Abgeschiedenheit der al-Ahmadi-Ebene finden. Denn auch dies gehört zu seinen Aufgaben, die er von seinem längst verstorbenen Vater geerbt hat – möge es ihm Gott auf ewig in seinem Paradies wohlergehen lassen.
Bei seinem letzten Besuch vor zwei Jahren war das Hauptthema die Loslösung des Emirats Kuwait von der türkischen Vormachtstellung gewesen, obwohl dies damals bereits einige Jahre zurücklag. Aber was sind schon ein paar Jahre in der ewigen und unveränderlichen Wüste? Daß Mubarak al-Sabah sein Scheichtum unter britischen Schutz hat stellen lassen, kann man ja noch verstehen, aber warum hat die Familie, die ursprünglich aus dem Inneren der Arabischen Halbinsel stammt, den Efrangies auch noch die Zusicherung gegeben, Beziehungen zu anderen Staaten nur mit britischer Zustimmung anzuknüpfen? Und warum bloß haben sie die Weiterführung der Trasse des bereits 1903 begonnenen deutsch-türkischen Projektes der Bagdad-Bahn bis zum Golf verhindert? Sie haben damals nächtelang darüber debattiert, und viele der Männer, die sich im offenen Zelt ihres Scheichs versammelt haben, sind der Ansicht, daß ein jeder, der sich mit den Briten einläßt, ein Verräter sei und den Tod verdiene.
Inzwischen hat ein Weltkrieg begonnen, und erst vor kurzem ist auch die Nachricht in das
Gebiet des alten Mesopotamien gelangt, daß der Emir von Mekka, Scherif Hussein, gemeinsam mit seinen Söhnen Faisal I., Abdallah und Ali im Sommer einen Aufstand gegen den osmanischen Sultan angezettelt hat, und dabei von den Engländern mit Geld und Militärberatern unterstützt wird. Ein gewisser Lawrence, der sich vornehmlich wie ein Beduine kleidet und auch leidlich Arabisch spricht, würde sich dabei besonders hervortun.
Und so toben im Zelt des Scheichs auch diesmal wilde Wortschlachten, bei denen es immer wieder passiert, daß einer der Beteiligten wütend aufspringt und hinausrennt, um sein Blut in der Einsamkeit der Wüste unter dem strahlenden Sternenhimmel wieder etwas abzukühlen.
Erst nach langen Palavern kommt man wie zufällig auf die tatsächlichen Gründe seines diesjährigen Besuches zu sprechen, doch der Scheich beschließt, diese erst morgen und unter vier Augen ausführlich zu behandeln. Nun endlich kann der Städter vorsichtig nach jenem Zelt fragen, das die ganze Zeit über wie eine hartnäckige Fata Morgana seinen inneren Horizont beherrscht hat.
Gleich in der Frühe des nächsten Tages geht er hin, setzt sich mit den Eltern des Mädchens zusammen, und bittet, nachdem durch viele Worte Sitte und Anstand in ausreichendem Maße gewahrt worden sind, um ihre Hand. Doch die Eltern sind zurückhaltend – immerhin ist er ein Städter, auch wenn ihn der ganze Stamm kennt. Ist er doch der Kontaktmann zwischen dem arabischen, analphabetischen Stamm und den seit über 500 Jahren herrschenden, aber nur türkisch sprechenden Osmanen.
Als er dann auch noch sagt, daß er ihre Tochter bislang auch nur von hinten gesehen hat, tauscht das Ehepaar einen erstaunten Blick. Doch die Erwachsenen staunen noch mehr, als das junge Gör, welches die ganze Zeit hinter einem Vorhang gelauscht hat, unter diesem hervor schlüpft, sich frech vor den Gast stellt und sagt: „…und so sehe ich von vorne aus!“ Abu Zainal sieht ihr in die mit Kajal umrandeten Augen, blickt auf die sinnlichen Lippen und weiß, daß es um ihn geschehen ist.
Natürlich ist sie unverschleiert, denn noch nie hat jemand eine Beduinin mit dem Hijab gesehen, der auch ihr Gesicht verhüllen würde. Selbst in den Städten und Dörfern ist diese Unsitte, wie sie Abu Zainal empfindet, erst im Laufe der Zeit als Schutz vor den Übergriffen der immer ehrloser werdenden Besatzer eingeführt worden.
Al-Khammas ist jedenfalls auf der Stelle verliebt, und ihm gefallen auch die Selbstsicherheit und der Stolz des Mädchens. Aufgrund seiner wichtigen Funktion für den Stamm können ihm die Eltern den Ehewunsch nicht abschlagen, ist doch auch ihre Tochter damit einverstanden und neugierig auf das Leben an der Seite eines Städters. Und so dauert es nur wenige Tage, bis sich der ganze Stamm an der eiligst anberaumten Hochzeitsfeier beteiligt. Es wird ein großes Fest, denn der Scheich weiß nur zu gut, welch Glück er mit diesem Städter hat, der sich treu und verläßlich um die Belange des Stammes kümmert, sofern diese den Machtbereich der Osmanischen Verwaltung tangieren. Sie haben zwei lange Tage gebraucht, um all die verschiedenen Eingaben, Ersuchen und Faramans, die Edikte der riesigen bürokratischen Maschinerie zu sichten und zu beantworten, denn Abu Zainal muß jeden Satz mehrfach vorlesen und übersetzen – außer ihm kann hier niemand lesen und schreiben, und auch kaum mehr als ein paar Floskeln in dem fremden, ungewohnten Türkisch sprechen.
Doch nun drehen sich drei Hammel an Spießen über dem Feuer, der Reis köchelt in riesigen Kesseln vor sich hin, die Trommeln schlagen schon seit Stunden, und die Triller der Frauen, die in einem besonders geschmückten Zelt die dreizehnjährige Braut mit Henna bemalen, parfümieren und mit Gold behängen, schwingen sich wie Adler in die Vollmondnacht hinauf. Ein gutes Omen, dem der Scheich mit der ungewöhnlich schnellen Festsetzung der Hochzeit etwas nachgeholfen hat.
Der Rückweg nach Tikrit dauert diesmal länger, weil er neben dem Esel läuft und seine frisch angetraute Zweitfrau darauf reiten läßt. In den Nächten lieben sie sich unter dem millionenfachen Sternenhimmel, und ihre unverdorbene Wildheit bringt ihn ebenso wie die Knospen ihrer jugendlichen, festen Brüste fast um den Verstand. Und als ob Allah seinen besonderen Segen gibt, begegnen ihnen unterwegs weder Banditen noch Osmanen.
Endlich erreichen die beiden seinen Heimatort, und er kann seiner geliebten Beduinin ihr zukünftiges Haus zeigen. Natürlich hat er ihr und ihren Eltern während der Brautwerbung offen gesagt, daß er bereits eine Erstfrau hat, die ihm auch schon vier Jungen und zwei Mädchen geboren hat, jedenfalls haben so viele die Geburt überlebt. Doch der Empfang, den diese Ihnen nun bereitet, ist verständlicherweise alles andere als warmherzig, und es dauert nicht lange, bis al-Khammas merkt, daß er mit der überstürzten Hochzeit wohl den schönsten – aber auch den größten Fehler seines bisherigen Lebens gemacht hat.
Genau neun Monate und eine Woche nach ihrer Hochzeitsnacht bringt das inzwischen 14-jährige Beduinenmädchen einen gesunden Jungen zur Welt, der Mahmoud genannt wird, und auf den sich nun der ganze Haß der Umm Zainal ergießt. Einmal wirft sie das Baby vom Dach, ein anderes Mal versucht sie, es zu vergiften, doch Beduinen sind sehr zäh, wie sonst könnten sie auch in einer der härtesten Umgebungen der Welt überleben?
Trotzdem dauert es nicht lange, bis al-Khammas beschließt, seine zweite Frau Khairiah mit ihrem Säugling wieder zum Stamm zurückzubringen, damit sie dort vor den Nachstellungen Umm Zainals in Sicherheit sind. Nach dem, was das Beduinenmädchen an Schrecken und Beschimpfungen erleiden mußte – denn auch auf sie hat die Erstfrau des al-Khammas mehrere Anschläge unternommen und einmal sogar einen reisenden Magier damit beauftragt, sie und ihren Sohn Mahmoud mit seinen Zauberersprüchen und -flüchen zu verhexen -, sieht er ein, daß die beiden im Schoße des Stammes wesentlich besser aufgehoben sind. Es ist natürlich bitter für sie, deshalb auf die Annehmlichkeiten des Stadtlebens verzichten zu müssen: Wasser, das ohne Pause am Ende der Straße aus einem golden schimmernden Wasserhahn fließt, wo sich die Frauen sammeln und miteinander tratschen, bis die Eimer und Töpfe und Schüsseln überlaufen – oder diese wunderbaren Öllampen, die selbst in finsterster Nacht dem Raum die Helle eines sonnigen Nachmittags schenken können.
Doch das Leben ihres Kindes ist ihr wichtiger, und so wächst der kleine Mahmoud nicht in seinem Geburtsort Tikrit, den er mit einem späteren Tyrannen teilt, mit dem er auch noch um ein paar Ecken verwandt ist, zu einem Knaben heran, sondern in den Steppen und Wüsten Mesopotamiens, wo er von seiner Mutter immer wieder die Geschichte seines Vaters erzählt bekommt, der eines Tages zwischen den Zelten auftaucht und sie durch sein Wissen, seine Belesenheit und Welterfahrung in den Bann zieht, und den geliebt zu haben sie auch nie bereut hat.
]]>Es ist immer wieder der gleiche Traum. Ich bin bis zur Brust im Treibsand versunken. Irgendwo in der Wüste. Ich habe gerufen und geschrien, aber es ist niemand da, der mir helfen könnte. Ich merke, wie ich einen Fingerbreit nach dem anderen immer tiefer sinke. Es ist erschreckend langsam. Mein Körper zuckt, schreit danach, weiterleben zu dürfen, doch mein Schicksal ist nicht mehr zu ändern. Aber der Sand erreicht mein Kinn, das ich verzweifelt nach oben recke. Doch dann berühren die trockenen, heißen Körner meine Lippen, meine Nase, die Augen. Ich bekomme keine Luft mehr… und mit dem letzten panischen Entsetzen kommt Dunkelheit. Aus der ich dann immer heulend zu mir finde, zwischen naßgeschwitzten Laken und mit entsetzlich laut klopfendem Herzen.
Ich weiß nicht, wie oft sich dieser Traum wiederholt. Sicherlich aber mehr als ein Dutzend Mal. Es ist der einzige Albtraum, den ich je hatte. Während der Pubertät verschwindet er – um im Alter von 19 Jahren noch ein einziges Mal und in stark veränderter Form, wiederzukehren. Diesmal träume ich nämlich, mit der gleichen Erbarmungslosigkeit in eisig kaltem Wasser zu versinken. Trotzdem ist dieser Traum eine Art Abschied… vom Traum. Denn seine Elemente waren fast alle erst wenige Tage zuvor real gewesen. Ich war von einigen Freunden in Hamburg eingeladen worden, über Silvester mit an den Ostseestrand Kalifornien zu kommen, wo sie die Tage über ein kleines Häuschen gemietet hatten. Aus der versuchten Verkupplung mit einer bildhübschen jungen Dame wurde zwar nichts, aber am Strand hatten wir zusammen viel Spaß, trotz der Kälte und des schneidenden Windes. Und umso gemütlicher waren die Abende in der warmen Stube. Im Traum spielten wir Verstecken und ich grub mich auf einem weit ins Wasser hinausragenden Anleger in eine Schneewehe ein, die sich dort aufgetürmt hatte. Ich bin in meinen dicken Pelzmantel eingepackt, das Erbstück einer Tante, aber als Hippie kann man so etwas tragen. Ich höre das Lachen der anderen, dann ihre Rufe, die aber immer entfernter klingen. Plötzlich merke ich, daß sich der Anleger bewegt. Ich hebe meinen Kopf aus dem Schnee und bemerke erschreckt, daß sich der Steg losgerissen hat und bereits weit aufs offene Wasser hinausgetrieben ist. Durch die Verlagerung meines Körpers beginnt alles zu kippen und ich rutsche mitsamt dem Schneehaufen in das kalte und dunkle Wasser. Die sich vollsaugenden Klamotten ziehen mich wie ein Stein in die Tiefe. Mein letzter Gedanke ist: „Meine Eltern werden traurig sein.“ Dann sterbe ich und wache auf und merke, daß ich bei eben jenen Freunden in Hamburg bin. Ich war nur kurz eingenickt und bin nun heilfroh über dies sich doch sehr wundernde Waltraud, an deren Brust ich mich ausheulen kann, während ich zwischen abgehackten Schluchzern versuche zu erzählen, was überhaupt los ist.
Nach diesem letzten Todestraum habe ich nie wieder etwas Derartiges erlebt. Nicht etwa, daß ich mich stets an alles erinnern kann, was während der REM-Phase in meinem Hirn los ist, aber manchmal schon – und da bedaure ich es sehr, daß die Technik der Traumaufzeichnung noch immer nicht erhältlich ist. Denn einiges von dem, was der innere Regisseur im Laufe der vergangenen Jahrzehnte in Szene gesetzt hat, hätte sich vor keinem Blockbuster verstecken brauchen. Ich beneide allerdings jene Menschen, die regelmäßig träumen, daß sie fliegen, denn das ist mir selber nicht vergönnt. Aber man kann halt nicht alles haben. Und auch ganz ohne (erinnerte) Träume ist es ein unvergleichlicher Genuß, mit reinem Gewissen in den Schlummer fallen zu können, zwischendurch kurz aufzuwachen, in dem Wissen, daß kein Wecker klingeln wird und keine Termine drängen – um sich dann wieder umzudrehen und selig wieder einzuschlafen. Warum darf man das eigentlich nicht als Hobby bezeichnen?
Nun bleibt noch die Frage, woher ich diesen Traum hatte. Da ich nichts über mein Alter sagen kann, als ich zum ersten Mal elendig im Sand erstickte, könnte es meine lebendige Phantasie sein, die dieses Element vielleicht in einem Märchen gehört hat und sich entsprechend vorgestellt hat. Gegen diese Annahme spricht der überwältigende Realismus des Geschehens, bei dem ich die Sandkörner fast schon einzeln in meine Nase eindringen fühle. Und, daß ich niemals irgend etwas Ähnliches träumte. Weder falle ich in glühende Vulkane, noch in bodenlose dunkle Schächte, ich werde nicht gejagt und nicht bedroht, und schwarze Schatten bleiben das, was sie sind. Schwarze Schatten eben. Auch die zweite Theorie, die der genetischen Erinnerung, von der ich übrigens fest überzeugt bin, ist im vorliegenden Fall nicht stichhaltig. Denn als Treibsandleiche hätte mein letzter Erguß nur noch den trockenen Schoß der Wüste befruchten können. Also doch ein Hinweis auf Seelenwanderung? Träumte ich tatsächlich das Erlebnis eines eigenen früheren Todes, das sich in einem Winkel meiner Seele versteckt aus eben jenem in diesen neuen Körper geschmuggelt hatte? Eigentlich finde ich diese sogenannten Rückführungen selten bescheuert, denn so gut wie alle Betreffenden waren in einer ihrer früheren Inkarnationen entweder eine pharaonische Prinzessin oder ein Hohepriester aus Atlantis! Was in letzterem Fall wenigstens eine Erklärung für das Versinken des Kontinents wäre … wegen des Übergewichts an Hohepriestern nämlich. Wer dann aber die Pyramiden gebaut haben soll, wenn es den ganzen Nil entlang nur Prinzessinnen gibt, die eifrig nach Babys in Strohkörben suchen, ist mir völlig unerklärlich. Ebenso, wie ich mir auch die Frage nach der Quelle meines Albtraums bislang nicht beantworten konnte. Ich tendiere allerdings zu der letztgenannten Erklärung.
Und werde mich bei Gelegenheit beim zuständigen Büro für Inkarnationen darüber beschweren, daß die Vor-Wiedergeburts-Kontrolle damals so schlampig durchgeführt wurde…!
]]>Aus Berlin bringe ich auch schon einige Schallplatten mit, sowie die Chassis eines Dual-Plattenspielers, versteckt im Handgepäck. Den passenden Unterbau bastle ich dann selbst. Aber die Platten sind so teuer! Die allererste Single bekomme ich 1966 von unseren Berliner Nachbarn Rosi und Jürgen Schaade geschenkt: Monday Monday von The Mamas & the Papas. Ich spiele sie immer wieder, stundenlang. Doch was für ein blöder Name für eine so tolle Truppe. Und obwohl ich vom ersten gehörten Song an sofort zum ewigen Beatles-Fan werde, ist die erste LP, die ich mir vom gesparten Taschengeld kaufe, Out of Our Heads der Stones – und zwar jene Ausgabe, auf der (I Can’t Get No) Satisfaction ist. Und natürlich wegen genau dieses Songs.
In Damaskus gibt es dagegen gar keine Platten. Jedenfalls keine, die mich interessieren. Ein paar Geschäfte führen zwar Klassik-Schallplatten, und natürlich findet man auch noch Schellack-Platten mit arabischen Schnulzen. Einzig ein armenischer Musikinstrumente-Händler in der Salhieh-Straße besitzt eine winzige Ecke, in der man Jazzmusik findet. Und dort entdecke ich zwischen diesen – oh Wunder des Orients! – einmal ein Exemplar von A Hard Day’s Night, das vermutlich nur versehentlich dazwischen geraten ist. Und das kaufe ich natürlich sofort, wobei ich mir das Geld dafür möglicherweise durch einen Banküberfall beschaffe … ich habe jedenfalls keinerlei Erinnerung mehr daran, woher ich es habe. Dies ist allerdings ein absolut einmaliger Fall – und die Platte habe ich natürlich immer noch.
Nach der Katastrophe von 1967 geht es meinen Eltern wirtschaftlich nicht besonders gut, und zum ersten Mal seit unserer Ansiedlung in Syrien muß der Sommerurlaub ausfallen, den meine Mutter und ich normalerweise in Berlin verbringen. Mit einem dreiwöchigen Aufenthalt in einem bayerischen Dörfchen und anschließender Besuchstour im Süden des Landes zu Verwandten und Freunden. Da die syrischen Sommerferien meist drei bis vier Monate lang sind, ist dafür auch genug Zeit. Inzwischen ist jedoch schon 1969, und keine Reise nach Deutschland bedeutet auch: keine neuen Platten. Oh Gram!
Da ich am Ende des Schuljahres sitzen bleibe, das erste Mal überhaupt und auch nur deshalb, weil ich unseren Direktor immer wieder zur Weißglut bringe, also im Grunde völlig berechtigt (beides!), habe ich Zeit genug, um den ziemlich unrealistischen Plan zu fassen: Ich mache einen Plattenladen auf! Daß ich keinerlei Grundkapital habe, scheint mir kein ausreichender Hinderungsgrund zu sein. Und so ziehe ich eines sonnigen Tages los, direkt ins beste und teuerste Wohnviertel der Stadt. Denn hier sind meine Kunden: die Kids der Oberschicht, die vielen Ausländer und vielleicht ein paar Intellektuelle. Es haben schließlich genug Leute im Ausland studiert, und wenigstens einige von ihnen sind sicherlich auf den Geschmack gekommen.
Nachdem ich die Abu Rummaneh, eine Allee mit prachtvollen Palmen auf dem breiten grünen Mittelstreifen, bis zur halben Höhe entlanggewandert bin, biege ich links ab. Hier geht es ebenfalls leicht aufwärts, aber schmaler und in einem sanften Bogen. Nach weniger als 100 m erreiche ich ein kleines viereckiges Plätzchen, das dicht mit Pinien bewachsen ist. Drumherum die üblichen Wohnhäuser, jeweils freistehend, mit vielen Balkonen und Fenstern. Das Erdgeschoß ist Hochparterre, während die Wohnung im Unterparterre in den Genuß eines Lichtgürtels kommt, der rings um das Haus verläuft und häufig breit genug ist, um Platz für große Bäume, Rosensträucher und Hollywoodschaukeln zu bieten. Ebenerdig existieren an den Hausseiten oftmals eine oder zwei Garagen mit Wellblechrollos – und genau auf solche habe ich es abgesehen.
Die Ecke gefällt mir irgendwie. Grün, ruhig und trotzdem genau am richtigen Platz der Stadt. Es ist Mittagszeit im Sommer und manchmal so still, daß man die Fliegen vorbeisummen hört. Wer kann, verschläft diese Stunden des Tages, um sich nach der Siesta voller Lebenslust in die einsetzende Kühle des Abends zu stürzen und dann auch lange durchhalten zu können. Ich blicke auf die kleine Grünfläche und bitte darum, sehen zu dürfen, wie es hier in zehn Jahren aussehen wird. Ich schließe die Augen … und WOW!!
Ich erblicke die Zukunft – und sie gefällt mir ausgesprochen gut. Neben den zwei Edelrestaurants, die sich schon seit wenigen Jahren in umgewidmeten Hochparterre-Wohnungen von zwei Eckhäusern befinden, sowie einer übel beleumdeten, mir jedoch recht gut bekannten Discothek im Tiefparterre (oh ja, auch solche gibt es hier!), sehe ich nun ringsherum imaginäre weitere Läden, Cafés und Imbisse. Und einen Haufen junger Leute, von denen einige protzend mit Pappas Auto um das kleine Karree quietschen. Noch einmal: WOW! Ich reiße die Augen auf. Nein, jetzt existieren diese Läden nicht, aber die Wohnungen, die zu ihnen umgebaut werden, sind klar erkennbar. Soweit meine Erinnerung reicht, hatte ich weder davor noch danach jemals wieder eine derartige Hellsicht auf Bestellung. Und nachträglich gesagt: Die spätere Realität übertrifft das Gesehene sogar noch. Aber eins nach dem anderen.
Ein Geschäft direkt am Platz kommt jedenfalls nicht in Frage, da ist mir die Atmosphäre – in einer Dekade – viel zu unruhig. Aber wie steht es mit den beiden kleinen Seitengassen, die an zwei Ecken des Karrees abgehen? Nun, die linke ist ziemlich steil, während die andere völlig eben ist. Da ich Bequemlichkeit sehr schätze und diese auch meinen Kunden bieten möchte, wende ich mich sofort nach rechts. Und da ist sie auch schon: eine wunderschöne Doppelgarage, leicht zurückgesetzt, eine saubere, mit Steinplatten ausgelegte Zufahrt, Südseite. Oh ja, aus uns beiden könnte was werden …
„Hey Achmed! Was machst du denn hier?“
Ich drehe mich um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es auch eine Doppelgarage, und die ist schon ausgebaut. Mehr als eine verglaste Front mit Aluminiumrahmen und ebensolcher Glastür sehe ich allerdings nicht. Davor steht ein Typ, ein paar Jahre älter als ich, der mir vage bekannt vorkommt. Leider habe ich nicht das eidetische Gedächtnis meiner analphabetischen arabischen Vorfahren. Na ja, dafür kann ich lesen. Aber an die Namen der Leute, denen ich nur einmal begegne, kann ich mich nur selten auf Anhieb erinnern – so wie es in der Gesellschaft hier ansonsten völlig normal ist.
„Ich bin Khaled, wir kennen uns aus dem Granada-Bad, erinnerst du dich?“
So langsam, aber wirklich nur ganz, ganz langsam. Ich brauche es nicht zu sagen, er sieht es in meinem Gesicht und lacht.
„Und? Was schaust du dir die Garagen da drüben an?“
„Ich mache hier einen Schallplattenladen auf.“
Khaled stutzt und starrt mich plötzlich mit einem völlig veränderten Blick an. „… ach wirklich?“
„Ja. In der ganzen Stadt gibt es keine vernünftige Musik. Die paar Discos, wie eure Nachbarn da vorne, müssen sich ihre Platten aus Beirut herüber schmuggeln lassen, denn hier zu kaufen gibt es keine, oder?“
„Da hast du recht. Aber komm doch lieber herüber in den Schatten, dann kann ich dich auch meinem Partner Hikmat vorstellen, denn das hier ist unser Laden. Und eigentlich wollen auch wir Platten verkaufen – um es gleich zu sagen …“
Da es mir erst einmal die Sprache verschlägt, geht Khaled durch den noch völlig leeren Laden, wie ich nun sehe, und durch eine kleine Tür links an der Hinterseite, aus der er zusammen mit jenem Hikmat wieder auftaucht, der sich als ruhiger und angenehmer Zeitgenosse entpuppt. Bei der Vorstellung erfahre ich, daß beide den gleichen, nicht allzu weit verbreiteten Nachnamen Zouhdi haben, ohne jedoch verwandt zu sein. In dem schmalen Hinterzimmer haben sie eine Werkstatt eingebaut, die sie mir nun stolz zeigen, wobei Khaled ein großes Talent im Mechanischen hat, wie er mir erzählt, während Hikmat ein begnadeter Elektroniker ist. Sie haben ihren Laden erst vor wenigen Wochen eröffnet, führen aber bereits Reparaturen durch. Neben ein paar Transistorradios liegen einige dieser neuartigen Kassettenrecorder herum, und in der Ecke steht, schon etwas verstaubt, ein einsamer Plattenspieler. Also, wenn das alles ist, was die Jungs zu bieten haben …
Ich erzähle ihnen, was ich geplant habe. Sie sind beide ehrlich und geben zu, von der tollen neuen Rockmusik nicht viel zu verstehen. Was sie dagegen können, ist, so gut wie jedes elektrische oder elektronische Gerät zu reparieren.
„Und das macht ihr da hinten?“
„Ja.“
„Na, dann können wir uns doch gegenseitig die Kunden bringen. Wer Musik will, den schickt ihr zu mir rüber – und wer ein kaputtes Gerät hat, dem empfehle ich euch.“
Allzu sehr begeistert sie mein Vorschlag nicht. Sie scheinen schon genügend Arbeit zu haben.
„Und was ist mit dem Raum hier vorne?“, frage ich. „Der ist immerhin mindestens dreimal so groß. Und leer. Wieso?“
„Bisher haben wir einfach noch keine Zeit, um die Sache mit der Musik anzugehen.“
„Was für Musik wollt ihr denn verkaufen?“
„Na ja, was halt gefragt ist. Tom Jones. Engelbert Humperdinck und so …“
Ich muß mich stark zusammenreißen, um nicht ausfallend zu werden. Oder zu kotzen.
„Waaas? DAS nennt ihr Musik? Ihr seid ja nicht mehr ganz dicht. Da könnt ihr ja gleich Um Kulthoum und Wadi‘ al-Safi ins Repertoire aufnehmen!“
Deren hier äußerst beliebter Gesang hört sich für mich – vermutlich aufgrund meiner Geburt in Berlin und den temperierten Klängen, mit denen ich in den ersten Lebensjahren berieselt werde – tatsächlich wie Katzengejammer an.
„Nun mach mal halblang. Wir wollen uns schon auf westliche Musik beschränken, aber warum nicht diese Schmusesongs. Du weißt doch selbst, wie die Bräute darauf abfahren!“
(Anmerkung: Die auf Arabisch tatsächlich ausgesprochenen Sätze haben selbstverständlich einen ganz anderen kulturell-sprachlichen Kontext – ich übertrage sie hier eher inhaltsgetreu.)
Ich knirsche mit den Zähnen. Denn natürlich haben die beiden recht. Das ist ja das Schlimme.
„Na gut, umso besser, dann machen wir uns keine Konkurrenz. Bei mir haben diese Schmalzlocken und Sülznudeln jedenfalls absolutes Hausverbot!“
Hikmat und Khaled grinsen sich an. Irgend etwas geht da vor, aber ich schnalle es noch nicht und bleibe vorsichtig.
„Wann wollt ihr denn beginnen?“
„Und wann du?“
Oups, damit habe ich nun gar nicht gerechnet. Welche konkreten Pläne schweben mir eigentlich vor? Mir geht unverhofft auf, daß ich mir im Grunde noch keinen einzigen Gedanken darüber gemacht habe, wie ich meinen Plan in die Realität umsetzen soll. Wohlgemerkt, ich habe 50 Pfund in der Tasche, was in etwa 50 DM entspricht. Es ist nicht zu erwarten, dafür auch nur einen Quadratmeter der gegenüberliegenden Garage anmieten zu können. Nächsten Monat kommen natürlich weitere 25 Pfund dazu, sofern ich geruhe, zwischenzeitlich nichts davon auszugeben. Na toll.
Langer Rede kurzer Sinn: Wir gelangen schnell zu einer Einigung. Ich bekomme den vorderen Raum, um ein Plattengeschäft zu installieren. Man nennt das „in den Schoß fallen“ … oder „ins gemachte Nest“. Die Absprache ist absolut fair: Dekoration und Musikstil sind ausschließlich meine Entscheidung. Der erzielte Gewinn wird unter uns drei gleichmäßig aufgeteilt. Ich habe nichts an irgendwelchen Kosten zu tragen, werde dafür aber nicht an den Reparatureinnahmen beteiligt. Damit reichen meine 50 Pfund plötzlich aus.
In rund drei Wochen habe ich eine Sperrholztheke mit Fächern für die Platten gebaut, mit Hilfe von Freunden die Decke in einen strahlend bunten Regenbogen verwandelt und ein paar Spots installiert. Aus meinem Zimmer in der elterlichen Wohnung hole ich den niedrigen Tisch und die vier kubischen Hocker, dazu die Musikanlage mit zwei ebenfalls selbstgebauten riesigen Boxen. Das erste Mal eine Platte aufzulegen, die Regler voll aufzudrehen und dem halben Viertel die Existenz unseres Ladens mitzuteilen … ja, das hat schon was.
Als Hommage an den gewählten Namen Blow Up hänge ich genau vis-à-vis der Eingangstür das Plakat von Vanessa Redgrave aus dem Film, auf dem sie ihren nackten Oberkörper nur mit den Armen verdeckt. Eine Ikone. Und dann legen wir los. Aufgemacht wird irgendwann, oft erst am Nachmittag, dafür mit Open End. Und die ganze Zeit spielt die Musik.
Womit wir vor dem nächsten Problem stehen. Ich bin schließlich nicht bereit, meine Platten zu verkaufen. Die zwei nicht allzu dicken Stapel bilden das unantastbare Stammkapital. Und der dritte Stapel mit allem möglichen Schrott, den wir von dem bereits erwähnten armenischen Händler gekauft haben, muß zur Tarnung stehen bleiben. Das sind schließlich die einzigen Platten, für die wir eine Quittung vorweisen können. Ganz blöd sind weder wir noch die Zollfahndung.
Der neue Laden spricht sich schnell herum, und mit einer Reihe von Philips-Kassettenrecordern, Mk-3-Modellen mit Mittelschalthebeln, wird die von den Kunden gewünschte Musik kopiert und ihnen verkauft. Was auch wesentlich günstiger als eine Platte ist, denn die Kassettenrohlinge werden gerade immer billiger. Außerdem ist es die einzige Art, die Musik überhaupt zu verbreiten – und damit die Freude daran.
Der Rubel rollt, der Mond scheint in der milden Sommernacht und die viele Jahrtausende alte Stadt hört Pink Floyd und Jimi Hendrix, Gravy Train oder ausnahmsweise auch mal Creedence Clearwater Revival – aber nur Cosmic Factory! Im Hinterzimmer kommen sie mit den Reparaturen kaum mehr hinterher und alles ist gut. Nun ja, fast alles. Denn das Angebot bleibt recht beschränkt, und neue Sachen gibt es gar nicht. Nach ein paar Wochen ist klar, daß es so nicht weitergeht. Zeit für das nächste Wunder.
Überraschenderweise hat dieses die dickliche, mit einer Halbglatze geschmückte Gestalt von Khaleds Onkel, der uns einen Kredit von 6.000 Pfund anbietet. Da ich nicht in dem Vertrag drin bin, übernehmen die anderen beiden die Sache – und drücken mir ein paar Tage später den dicken Geldstapel bar in die Hand. Der entspricht immerhin dem Jahresgehalt eines kleinen Angestellten. Vorangegangen ist eine Vereinbarung mit einem Freund Khaleds, um jemanden für den sicheren Transport zu haben. Ahmad ist Offizier in einem der zivilen Geheimdienste, hat einen staatlichen Peugeot und Verwandte in Beirut, wo ich einkaufen werde.
Die Lage hier ähnelt der Situation Berlins während der Mauer. Die Oasenstadt Damaskus gleicht einem ruhigen und etwas verschlafenen Ostberlin, in dem es einiges einfach nicht gibt, während die Hafenstadt Beirut, kaum zwei Fahrstunden entfernt, dem spritzigen und lauten Westberlin ähnelt, das ebenso keine Polizeistunde kennt und alle Formen von Genuß und Ablenkung bietet. Es gibt jede Menge Importe und, noch viel wichtiger: sogar Preßwerke! Die Matrizen werden aus den USA und Europa eingeflogen, und schon am nächsten Tag kann man in vielen Läden die neuesten Singles und LPs erwerben. Wofür ich nun auch genügend Geld habe.
Natürlich gibt es keine reale Mauer, aber eine zur Hälfte sozialistische, in Form der Grenzstation auf der syrischen Seite einer Pufferzone. Die andere Hälfte ist purer levantinischer Merkantilismus. Mit meinem irakischen Paß kann ich jederzeit hin- und herreisen, brauche kein Visum und muß mir nur den jeweiligen Stempel abholen. Zurückgelegt wird die Strecke in Sammeltaxis, zumeist alten 190ern, die losfahren, sobald fünf Passagiere drin sitzen.
Mit einer großen Kiste bepackt werde ich bei der Rückkehr allerdings von syrischen Zollbeamten gefragt werden, was sich denn da Nettes darin befindet. Ich werde antworten: „Ach, nur ein paar Schallplatten“, worauf sie sicherlich ein ausgesprochenes Interesse an diesen entwickeln werden. Mit unabsehbaren Folgen, von denen die absehbaren schon schrecklich genug sind.
Nein, es geht dabei wirklich nicht um die Umgehung des Zolls. Nun gut, ein wenig schon. Aber in erster Linie gilt es zu vermeiden, daß das Kultusministerium Wind von unserem Kulturimport bekommt. Den Bestimmungen zufolge ist jeder Informationsträger zu übergeben, um dort zwecks diverser Zensurmaßnahmen gelesen, angeschaut und angehört zu werden. Auch das wäre möglicherweise in Ordnung, aber ich will die Platten jetzt, gleich, sofort auf den Teller des Blow Up legen … und nicht erst in drei Monaten und dann auch noch völlig zerkratzt!
Ich also los nach Beirut und dort schnurstracks zur Geschäfts- und Lifestylemeile al-Hamra. Es ist ein üblicher Vormittag mit hupenden Autos, völlig hektischen oder völlig lässigen Passanten, Straßenverkäufern und ein paar Touristen. Schon ganz vorn auf der linken Straßenseite fällt mir etwas an einem Fotogeschäft auf, eine Art Neon-Werbung mit einem Pfeil und einer stilisierten Schallplatte. Ich betrete den Laden und frage den Verkäufer, ob sie tatsächlich Schallplatten führen.
„Ja, aber unten. Die Treppe ist da drüben.“
Ich steige die Stufen herunter, es spielt Musik, die ich nicht kenne. Der Keller ist zu einem sauberen Plattengeschäft ausgebaut, mit mehreren Reihen gut gefüllter Kästen. Der Raum scheint früher wohl ein Studio gewesen zu sein, denn es gibt ein verglastes Kabuff, in welchem ein junger Mann sitzt. Nach der Begrüßung komme ich gleich zur Sache.
„Ich habe 6.000 syrische Pfund dabei, um Schallplatten zu kaufen, die ich in meinem Laden in Damaskus verkaufen will. Fällt dir dazu was ein?“
„In Damaskus gibt es jetzt also einen Plattenladen? Oha!“, grinst er frech. „Was für Platten willst du denn? Jazz, Blues oder Klassik? Ich habe alles da.“
„Anscheinend nicht ganz. Ich will nur Rockmusik.“
Erstaunt blickt er auf. Jetzt habe ich seine volle Aufmerksamkeit.
„Nenn‘ mal ein paar Gruppen.“
Ich zähle ihm meine Lieblingsbands auf sowie ein paar andere, die zwar nicht dazugehören, aber trotzdem gut genug sind, um einen Platz im Repertoire des Blow Up zu verdienen. Fast mit jedem Namen wird sein Grinsen breiter, schließlich lacht er laut los.
„Ich hätte das nie gedacht … aus Damaskus? Und du verarschst mich wirklich nicht?“
Empört zücke ich das Geldbündel und halte es ihm dicht vor die Nase.
„Entschuldige bitte, ich wollte nicht unfreundlich sein, aber ausgerechnet Damaskus … so nah und doch so weit weg. Ich bin immer mal wieder dort, habe da Familie. In Bab Touma.“
Das ist das Thomas-Tor.
Ich frage: „… bist du Christ?“
„Ja, ich bin Armenier.“
Noch einer. Klar, denn wohin flüchten sie, als die Jungtürken sie 1915 massakrieren? Nach Syrien! Und zwar in das Land Syrien. Das heißt: inklusive des Bergs Libanon, Alexandrette usw. – aus dem später an Tischen in London und Paris der per Lineal konstruierte Staat Syrien wird. Welcher dann etwas enger ausfällt. Heute sind die Armenier ein nicht mehr wegzudenkender Teil der religiös und ethnisch bunten Gesellschaftsmelange in der Region, haben einen großen Anteil am Goldhandel und stellen die besten Autoschlosser. Aber eben nicht nur, wie sich im vorliegenden Fall beweist.
„Komm her. Hier hast du einen Block und einen Kuli. Schreib auf, was ich dir sage.“
Ich habe es mir zwar etwas anders vorgestellt, doch bislang gibt es keinen Grund, nicht mitzuspielen. Wir gehen zu einer der Reihen, und innerhalb einer halben Stunde habe ich die erste Seite des Blocks voll. Meist steht hinter dem Songtitel oder Gruppennamen, je nachdem, was kürzer ist, die Zahl Eins. Aber nicht immer.
„Von der hier solltest du drei … nein, besser gleich fünf nehmen. Die läuft super!“
„Okay, es sollten insgesamt aber nicht zu viele Singles sein. Ich will die Leute ja auch noch weiterbilden.“
„Dann laß mal sehen, wie viel wir schon haben.“ Und kurz darauf: „Gut, komm rüber zu den LPs.“
Worauf es nicht lange dauert, bis eine zweite Seite voll ist. Dann kehren wir in sein Kabuff zurück.
„Gib mir das Geld und komm um vier Uhr wieder, bis dahin sollte alles da sein.“
Ich kenne ihn nicht. Und was ist, wenn der Laden zu ist, wenn ich um vier Uhr wieder davorstehe? Oder dann gar keinen Keller hat? Diverse kriminelle Szenarien tanzen vor meinem geistigen Auge herum. Ich gebe mir einen Ruck. Bin ich denn nicht bestens geführt worden? Also verschwinde ich, spaziere erst etwas herum, kaufe ein Poster, esse ein Sandwich und setze mich dann in ein Café, um einen Chocolat Mou zu verputzen und die vorbeiflanierenden Mädchen zu beäugen, von denen einige recht niedlich sind.
Mein Armenier gehört zur Fraktion der Glücksengel. Alles ist da. Er erzählt mir, daß er unsere Liste entsprechend den Labels aufgeteilt, die Bestellungen telefonisch durchgegeben und auf sofortige Lieferung bestanden hat.
„Hier, nimm die Liste und hake ab.“
„Hey, das ist nicht nötig. Ich vertraue dir.“
„Dankend abgelehnt. Wir machen ein Geschäft. Und du wirst bald wieder neue Platten kaufen wollen. Was hier bei mir geschehen soll. Du könntest die Platten etwas billiger bekommen, wenn du die Firmen selbst abklapperst. Willst du das?“
„Nein. Denn du hast mich gut beraten. Du verdienst deine Marge“, erwidere ich lächelnd. Es allein zu tun, wäre mit diversen Fahrtkosten verbunden, und ich könnte den Nachmittag keinesfalls so angenehm verbringen.
„Das sehe ich auch so. Und deshalb werden wir jetzt jede Platte abhaken und dann alles zusammenrechnen.“
Und so geschieht es auch. Bei diesem wie auch allen späteren Besuchen. Anschließend packe ich die Kiste in ein Taxi, liefere sie bei den Verwandten von Ahmad ab und fahre mit dem nächsten Sammeltaxi glücklich nach Damaskus zurück. Zur Feier des Tages leiste ich mir die beiden Vorderplätze neben dem Chauffeur. So sitze ich wesentlich bequemer – und der Fahrer genießt es auch und fährt vielleicht etwas fürsorglicher. Das Poster erregt an der Grenze keinen Verdacht, und schon zwei Stunden später kann ich Ahmad anrufen und Vollzug melden.
Woraufhin sich dieser in seinen Wagen setzt, ebenfalls über die beiden Bergkett(ch)en nach Beirut fährt, bei seiner Verwandtschaft einen Kaffee trinkt und die Kiste einlädt. Kurz nach zehn fährt er bei uns vor. Ich stolpere fast über meine Füße vor Aufregung, als ich aus dem Laden stürze, um beim Hineintragen der eingeschmuggelten Kiste zu helfen. Anschließend sitzen wir bis nach zwei Uhr morgens zusammen, während ich ihm und mir die klanglichen Geschmeide und Edelsteine zu Gemüte führe. Denn das sind seine Bedingungen: Das Recht auf das erste Hören … und auf den Erstkauf.
Tatsächlich nimmt er rund zehn Singles und fünf oder sechs LPs mit, zu ihrem vollen Preis. Während der gesamten Zeit unserer fruchtbaren Zusammenarbeit gelingt es mir nur ein einziges Mal, ihm eine Platte zu schenken: die Get Ready-LP von Rare Earth, mit ihrer ununterbrochenen tanzbaren A-Seite. Ansonsten meint er:
„Für mich ist es einfach nur ein schneller Besuch in Beirut. Ich habe aber keine Lust, mir dort in irgendeinem fremden Laden stundenlang Platten anzuhören. Und die fänden das sicherlich auch nicht so spannend. Mein Gewinn an der Sache ist, daß ich gemütlich hier bei dir sitzen und alles in Ruhe anhören kann … und dann in nur zehn Minuten zu Hause bin.“
Und so kann auch der reguläre Schallplattenverkauf beginnen, was einiges ändert. Zum Beispiel das Niveau meiner Einkünfte. Und natürlich unseren Bekanntheitsgrad. Schon bald zählen so illustre Persönlichkeiten wie Dureid Lahham, der wohl bekannteste Schauspieler Syriens, zu den Kunden, von denen einige anfänglich auch nach Tom Jones fragen, dies aufgrund meiner giftigen Blicke fortan aber tunlichst vermeiden. Als Kompromiß führe ich den Verkauf von Batik-T-Shirts ein, die sich gegenseitig mit immer bunteren Farbexplosionen übertreffen und von meinem Freund Rafiq Qanawati hergestellt werden, der hierfür die elterliche Medikamentenfabrik nutzt.
Auch im Hinterzimmer brummen die Geschäfte. Der Raum wird von meinen Partnern für das eine oder andere Schmusestündchen mit ihren wechselnden Freundinnen genutzt – ich habe ja ein eigenes Zimmer zu Hause, doch das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal. Und dann werden manchmal auch größere Geräte angeschleppt, um die einiges Gewese gemacht wird. Und dies nicht unberechtigt, wie ich erfahren muss, als eines Tages ein bewaffnetes Kontingent die Straße besetzt und das Blow Up stürmt.
Egal, wer gerade dran ist: Wir selbst sind ein eingespieltes Team. Khaled und/oder Hikmat bilden in jedem Fall die Verantwortlichen – und damit die Opfer –, während ich mein europäisches Gesicht mit einem dümmlich-erschreckten „… huch!?“ aufsetze und daraufhin als unliebsamer Zeuge von den Beteiligten schleunigst aus dem Laden hinauskomplimentiert werde. „Das ist ein ausländischer Kunde!“
Es ist wichtig zu entwischen, um möglichst schnell die Familien der anderen beiden zu informieren. Die hängen sich wiederum ans Telefon und mobilisieren ihre jeweiligen Klientelnetzwerke. Bisher passiert dies – wesentlich ziviler, aber trotzdem unangenehm – etwa jede Woche. Und immer reihum: Zollfahndung, Sittenpolizei, Staatssicherheit, Drogendezernat, politische Polizei, verschiedene Nachrichtendienste – … Habe ich wen vergessen?
Meist wird Khaled oder Hikmat zum Verhör irgendwohin mitgenommen und taucht nicht viel später wieder auf. Schließlich gibt es zwar einiges, was gegen unsere Aktivitäten spricht, aber nichts, das sich tatsächlich beweisen läßt. Die Leute vom Zoll können kaum die Plattentitel unterscheiden, in der Werkstatt wird nie ein Mädchen in flagranti erwischt, und das staatsgefährdende Potential entpuppt sich weniger schlimm als das akustische. Dazu kommt, daß damals tatsächlich keiner von uns kiffte – und daß die verkündeten politischen Ansichten von Friede, Freude und Rockmusik vielleicht wehrkraftzersetzend sind, aber nicht in signifikantem Maße, da sich bislang nur höhere Offiziere als betroffen erweisen. Und denen kann man das Hören dieser Musik ja schlecht verbieten.
Diesmal scheint es allerdings ernst zu sein, denn während ich noch zwischen den Kalaschnikows meinen Weg nach außen bahne, werden Khaled und Hikmat in Handschellen aus der Werkstatt herausgetrieben, und ein paar Männer beginnen, einen der wartenden Wagen mit jenen ominösen Apparaten zu beladen, über die ich mich schon gewundert hatte. Es handelt sich um große Rucksack-Funkgeräte der Al-Fatah, mit denen diese ihre Fedayin-Trupps in die von Israel besetzten Gebiete schickt. Und die dabei anscheinend ziemlichen Belastungen ausgesetzt sind und ständig kaputtgehen. Worauf sie im Blow Up mittels Lötkolben und Oszillographen fachkundigen Heilungsprozessen unterzogen werden.
Ich vermute, daß dies als patriotische Leistung verbucht wird, was die syrischen Behörden aber trotzdem sehr nervös macht. Die bekommen allein bei dem Wort „Funkgerät“ schon Panikattacken, seitdem es diese böse Geschichte mit dem israelischen Spion Eliahu Cohen, alias Kamal Amin Thabet, gibt: Er steht schon kurz davor, ins nächste Ministerkabinett aufgenommen zu werden, als man seine Sendungen abfängt und ihn dingfest macht.
Hikmat und Khaled bleiben diesmal einige Tage in Haft, und ich muß den Laden allein schmeißen. Wie ich später erfahre, bedarf es eines Besuchs von Jassir Arafat persönlich bei Präsident Assad, um die Angelegenheit zu bereinigen und die Funkgeräte wieder zurückzubekommen. Worauf auch meine beiden Freunde entlassen werden, etwas erschöpft zwar, aber ohne mehr als ein paar nervende Verhöre erlebt zu haben. Die sind schon nach ein paar sonnigen Tagen mit toller Musik, hübschen Mädchen und überlangen Öffnungszeiten vergangen und vergessen.
Und während das tolle Leben im Sommer 69 langsam in den Herbst und Winter übergeht, nähert sich das Abitur, das mich in ein paar Monaten erwartet … was ich aber mit beständigen Anstrengungen erfolgreich verdränge. Laß es doch warten!
]]>In seiner Heimat war das provisorische Militärcamp, in welchem er sein Zelt im Schatten der Dattelpalmen aufgeschlagen hatte, auch ein paar Mal von Flugzeugen angegriffen worden. Doch dies war immer am Tag geschehen, und selten, daß es mehr als zwei oder drei der einmotorigen Maschinen waren, die wie zornige Hornissen im Tiefflug über das Lager hinweg brausten. Sie flogen so schnell, daß das hektische Tack-Tack der Maschinengewehre im Lärm ihrer Motoren fast unterging.
Doch hier, in diesem weit entfernten und so fremden Land kamen sie immer zu Dutzenden, ja zu Hunderten in der Nacht, und die Flakscheinwerfer der deutschen Abwehr suchten sie oft vergeblich am Himmel, so hoch flogen sie. Er wickelte sich in den schweren Militärmantel, der er, ebenso wie seine Kameraden, gleich nach der Ankunft in den für sie freigemachten Baracken südlich der Stadt ausgehändigt bekommen hatte – zusammen mit einem Stück Seife und einem Handtuch. Die Soldaten, die ihnen die Sachen aushändigten, hatten sehr jung gewirkt.
Auch die anderen Deutschen, denen er bislang begegnet war, hatten einen freundlichen Eindruck auf ihn gemacht. Doch die vielen Menschen, die vorhin noch die Straßen um ihn herum bevölkert hatten, waren jetzt fast alle verschwunden. Kaum daß die Sirenen mit ihrem an- und abschwellenden Warngesang begonnen hatten, der ihn ein wenig an den Muezzin seines Geburtsdorfes erinnerte, da schienen sich diese Deutschen in Luft zu verwandeln.
Sie hatten damals manchmal eines der englischen Flugzeuge abschießen können. Der kleine Ali, wie ihn alle nannten, hatte sogar schon zwei Stück erwischt. Aber es funktionierte nur, wenn sie den Piloten tödlich trafen. Reihum mußten sie sich daher abwechselnd in den Wipfeln der Palmen verstecken und Wache schieben – während sie die uralten Vorderlader aus osmanischer Zeit mit vorgespanntem Hahn krampfhaft in den Händen hielten. Und ja, manchmal trafen sie. Aus den Wracks holten sie dann die sehr viel moderneren englischen Maschinengewehre heraus und versuchten sie zu reparieren. Gerade hierin hatte er selbst ein gewisses Talent gezeigt, das ihm mit einer Sonderration Tabak oder einem verlängerten Urlaub belohnt wurde. Doch beim Schießen reagierte er viel zu langsam, und seine Kugeln pfiffen meist völlig harmlos weit hinter den Flugzeugen vorbei.
Er war jetzt fast alleine auf der Straße. Es gab irgendwo Schutzbunker, das wußte er, doch als das Geheul losgegangen war, hatte er nur wie gelähmt dastehen und den umherhastenden Deutschen zuschauen können. Jeder schien genau zu wissen, wo das beste Versteck für ihn war, doch nach ihm hatte sich niemand mehr umgeschaut, ganz anders als sonst, wo er immer wieder erstaunte und mißtrauische Blicke geerntet hatte, sobald den Menschen seine dunkle Hautfarbe auffiel. Auch die SS-Patrouillen hatten ihn in den vergangenen Wochen immer häufiger angehalten, doch das Papier, das er sorgsam wie seinen Augapfel hütete, zauberte auch in ihre verschlossenen Gesichter einen Ausdruck von Verblüffung, bevor sie ihm dann zackig den Gruß mit dem hochgerissenen Arm entboten. Heil Hitler. Sein Retter.
Allerdings kam er sich im Moment nicht sehr gerettet vor. Dem Brummen folgten inzwischen mehr und mehr dumpfe Explosionen, die auch immer näher kamen. Verzweifelt blickte er zu dem Café zurück, an dem er noch vor kurzen gesessen hatte. Er war mit seinen Kameraden verabredet gewesen, doch von denen hatte sich bislang keiner blicken lassen. Inzwischen rechnete er auch nicht mehr damit, daß noch einer von ihnen kam. In dieser Nacht wäre es auch Selbstmord gewesen. Er schaute zu den Gebäuden auf der anderen Straßenseite, von denen einige die Schäden früherer Angriffe zeigten, die sogar noch im Dunkeln zu erkennen waren. Seine Augen waren gut, Beduinenaugen, die es gewohnt waren selbst in mondlosen Nächten ihren Weg zu finden, und der Widerschein der Scheinwerfer und der Feuerbälle, die sich vom Westen her näherten, reichten aus um ihm zu zeigen, daß außer ihm sonst niemand mehr zu sehen war.
Als die Hand seinen Arm packte und ihn mit sich zog, stolperte er erschreckt mit, denn er hatte niemanden herankommen hören. Der Deutsche schien zu hinken und schrie ihm etwas zu, das er kaum verstand, sein Deutsch ließ immer noch zu wünschen übrig. Aber er merkte instinktiv, daß ihm dieser fremde Mensch helfen wollte und ließ sich daher mitziehen. Ein paar Schritte später hatte er sich gefangen, der Fremde hatte ihn aus seiner Starre gerissen, und nun streckte er seinen Arm aus, um den Hinkenden zu stützen. Jetzt kamen sie schneller voran. Der Deutsche rief etwas, das wie „lossloss“ klang, und dann „dibrukke“.
Plötzlich sah er, wohin sie hasteten. Ja, es war der Bahnhof, dessen Gleise in der Höhe der Dächer eines einstöckigen Hauses verliefen, wie er mit seinen Kameraden voller Erstaunen feststellen mußte, als sie es damals zum ersten Mal sahen. Der Zug stand da oben wie auf einer Dachterrasse, und die Menschen und Fahrzeuge bewegten sich unter ihm hindurch. Jetzt verstand er. Die stählerne Brücke würde sie wenigstens vor den von oben herabfallenden Bomben schützen.
Die Engländer im Irak hatten manchmal auch Bomben geworfen, aber nur sehr selten. Zumindest ihr Lager, das sich in der Nähe seines Geburtsortes Tikrit befand, wurde auch nicht mit Artillerie angegriffen. Aber später, als sie sich immer weiter zurückziehen mußten, erst über die neue Grenze nach Syrien hinein, und dann weiter nördlich in die Türkei, wo man sie schließlich internierte, da hatten ihnen die Franzosen unterwegs auf die Köpfe geworfen, was sie nur hatten. Sie selbst besaßen zu diesem Zeitpunkt kaum einen Schuß Munition mehr, und konnten nur wie eine wild gewordene Herde auseinander laufen, wenn das ferne Grollen der Flugzeuge erklang. In der Türkei war es dann aber eher noch schlimmer, denn sie wurden in ihren Sommeruniformen in ein Lager am wohl kältesten Ort des gesamten Landes gepfercht, wo viele seiner Kameraden erfroren oder verhungerten. Und ohne den Mufti von Jerusalem, Haj Amin Al-Husseini, und dessen dessen Besuch beim Führer wären sie wohl alle elendig krepiert.
Der hinkende Deutsche und er erreichten die Brücke keinen Moment zu früh, denn als sie sich schwer atmend an die seitlichen Mauern preßten, fielen auch schon die ersten Bomben. Später erinnerte er sich nur noch daran, wie er auf dem Boden liegend und mit weit aufgerissenen Augen beobachte, wie die große Kirche inmitten des nahen Platzes getroffen wurde und in Flammen aufging, die so hoch in den Himmel reichten, als versuchten sie, einige der alliierten Flugzeuge zu erfassen, welche ihre Brandbomben über der Hauptstadt des Reiches abwarfen.
Es war der 23. November 1943, und er sollte diese Nacht sein Leben lang nicht mehr vergessen.
]]>Stattdessen werde ich hier im Laufe der nächsten Wochen und Monate einige Passagen veröffentlichen, die aus dem Leben meiner Familie gegriffen sind und sich über 100 Jahre erstrecken. Erlebte Geschichte, sie sich zwischen Deutschland und dem Nahen Osten erstreckt. Authentisch, immer wieder überraschend und pure BI (Biologische Intelligenz).
Ich wünsche eine erbauliche Lektüre!
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