Advertise with Googlier.com Dare the Im_possible/Wage das Un_mögliche https://dare-the-impossible.boellblog.org Wed, 11 Nov 2015 15:58:42 +0000 de hourly 1 https://wordpress.org/?v=7.1.3 Meine Zielgruppe? Alle Menschen! https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/21/meine-zielgruppe-alle-menschen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/21/meine-zielgruppe-alle-menschen/#respond Wed, 21 Oct 2015 09:51:58 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=445 IMG_1944aDie Journalistin, Bloggerin und Autorin Katrin Rönicke hielt am Sonntag die Auftaktrede zum Medienlabor des Deutschen Journalistinnenbundes. Bevor das Journalistinnenpanel über Zustand und Aufgaben der deutschen Frauenmedien diskutierte, warf sie einen Blick auf Online- und „Totholz“-Medien für Frauen*, Vor- und Nachteile von Online-Medien und deren Finanzierung, und machte außerdem einige Anmerkungen zum Phänomen von innerfeministischen Machtkämpfen und Angriffen im Internet – ein Problem, das auch in diesem Interview thematisiert wird.

 

Im Panel vorhin fiel die Frage nach speziellen Räumen für Frauen*. Wie können wir aber die breite Masse erreichen, wenn wir uns in gesonderte Räume zurückziehen – sollten wir nicht auch im bestehenden System mehr Raum einnehmen?

Wir sollten beides gleichzeitig tun: Wir brauchen Räume, in denen Frauen* sich etwas alleine erarbeiten können – aber nie mit dem Ziel, dort zu bleiben. Im Bereich IT funktioniert das zum Beispiel sehr gut: Es gibt verschiedene Projekte wie die Rails Girls, die sich in reinen Frauen*räumen treffen und dort Programmieren lernen. Die Hürde existiert ja nicht, weil sie Frauen* sind, sondern weil die Gesellschaft sagt „Weil ihr Frauen* seid, könnt ihr das schlechter.“ Die vielen Männer die schon dort sind, haben dann zudem oft einen gewissen herabsetzenden Umgangston. Es gibt gute Gründe, zu sagen: Frauen* fühlen sich dort sicherer, sie trauen sich mehr, sind weniger Stereotypen ausgesetzt, sie können sich ausprobieren, Dinge entwickeln und lernen, bis sie sich ihrer Kompetenz sicher sind. Hinterher muss das aber wieder zusammengeführt werden, damit nicht getrennte gesellschaftliche Bereiche für Frauen* und Männer* entstehen. Am Ende kommt es darauf an, dass man sich findet und austauscht. Was die Medien angeht, sollten die Frauenmedien die es schon gibt sich ihrer Verantwortung stärker bewusst werden und immer wieder eine aufklärerische Rolle einnehmen, und die politischen Medien müssen noch viel stärker Frauen* integrieren. Dann fehlt nur noch ein politisches Frauenmagazin.

 

Du hast in deiner Keynote-Rede die Problematik der vielen Konflikte innerhalb der feministischen Netzgemeinde angesprochen. Brauchen wir mehr Bündnisse? Und wie können wir diese festigen?

Ich glaube, dass Bündnisse nicht funktionieren können, wenn man sich nicht traut, innerhalb des Bündnisses zu streiten. Es ist doch gut, seine Überzeugungen zu verteidigen. Was allerdings aufhören muss, sind die besonders im Internet gängigen ad hominem-Attacken, gezielte Angriffe auf eine Person und nicht eine Sache. Das muss man sich abgewöhnen. Wichtiger ist es, Mechanismen zu beschreiben – was habe ich beobachtet, was läuft falsch. Und: wie kann man das besser machen? Auch Empathie ist hier nötig. Und es braucht die Bereitschaft, sich kritisieren zu lassen. Manche Leute finden mein Buch scheiße. Aber wenn ich in die Öffentlichkeit gehen und etwas verändern will, gehört das dazu. So ein Shitstorm ist natürlich nochmal eine andere Nummer, aber wer in der Öffentlichkeit steht, muss eine gewisse Resilienz aufbauen. Für viele Leute wird man da auch zur Projektionsfläche und muss sich sagen: Das lasse ich nicht an mich heran. Irgendwann ist das Routine. Viel schlimmer als solch offensichtlichen Hass finde ich es, aus den eigenen Reihen angegriffen zu werden. Statt uns in Streitereien aufzureiben, sollten wir versuchen, etwas Neues zu schaffen, nach dem Motto: Wenn es mir in einer Gruppe nicht gefällt, schaffe ich eben eine neue und mache das, was mir wichtig ist, an einem anderen Ort weiter. Im Internet ist viel Platz. Wir müssen uns nicht um Platz streiten, höchstens um Aufmerksamkeit.

 

Besteht dann nicht die Gefahr, dass am Ende jede ihr eigenes Süppchen kocht?

Das passiert meistens nicht. Natürlich hat dann jede ihr eigenes Blog, ihren eigenen Twitter/Youtube/Facebook-Account. Trotzdem gibt es immer wieder Gelegenheiten, sich zu treffen und zusammen für ein bestimmtes Projekt etwas auf die Beine zu stellen. Ich fände es aber schon schön, wenn es ein bisschen mehr Verbindlichkeit gäbe, zum Beispiel die Bereitschaft, einen Verein zu gründen. Das schafft das Gefühl: Wir gehören zusammen; es geht hier nicht um mich, sondern um das Projekt – auch wenn gestritten wird.

 

In Deinem eben erschienenen Buch „Bitte freimachen“ beschäftigst Du dich mit einer großen Bandbreite an feministischen Themen. An einer Stelle schreibst Du, die streng geteilten Farb- und Rollenzuschreibungen für Jungen und Mädchen machten Dich fassungslos. Du fragst: „Leben wir nicht in einer Welt, in der die Dinge besser und nicht immer schlechter werden?“ Wie würdest Du diese Frage beantworten?

Ich glaube, es geht auseinander. Es gibt eine bestimmte Gruppe, die da sehr viel reflektiert und sich austauscht, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dieser Tagung, und andere, die überhaupt nicht auf die Idee kommen würde, da hinzugehen. Es entsteht eine Schere, auch in Überschneidung mit der Schere zwischen arm und reich und mit den unterschiedlichen Zugängen zu Bildung und politischer, gesellschaftlicher und kultureller Teilhabe. Der politische und gesellschaftliche Mainstream ist konservativ. Dieser Rückschritt zielt genau auf bestimmte sozialökonomische und Bildungsschichten. Ein Beispiel: Wenn ich Kinderkleider kaufen möchte, die sich auch jemand mit geringem Einkommen leisten kann, bin ich im Grunde dazu verdammt, rosa und blau zu kaufen. Erst bei hochwertigeren Produkten wird das neutraler. Ich denke also nicht, dass es einen allgemeinen Backlash gibt – es gibt sehr viele Debatten, es gibt Gender Studies als Studienfach, in dem sich mit solchen Themen auseinandergesetzt wird. Gleichzeitig gibt es aber Bereiche der Gesellschaft, die davon nichts mitbekommen, weil die Schere auseinander geht.

Kann man dieser Entwicklung etwas entgegensetzen?

Ich frage mich oft, ob ich mit meinem Buch Leute außerhalb meiner Peer Group erreiche – ich würd’s mir wünschen. Ich steige bewusst mit persönlichen Geschichten ein, um möglichst viele Menschen anzusprechen. Aber ob es funktioniert, weiß ich nicht. Meine Podcasts hören zwar Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts, aber trotzdem erreiche ich damit nicht alle. Da sind Radio und Fernsehen im Vorteil: Die Leute machen das an, und was dann läuft wird konsumiert. Diese Medien sind daher sehr wichtig und interessant, weil sie dieses Zufallspublikum erreichen, auch Leute, die sich mit diesen Themen sonst nicht beschäftigt hätten.

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Die exklusive Brigitte-geht-in-Rente-Foto-Love-Story https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/20/die-exklusive-brigitte-geht-in-rente-fotolovestory/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/20/die-exklusive-brigitte-geht-in-rente-fotolovestory/#respond Tue, 20 Oct 2015 11:24:56 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=369 Der Deutsche Journalistinnenbund lud am Sonntag zum Medienlabor. Das Thema: „Brigitte geht in Rente – wer sind die Erbinnen?“

von Dorothee Barsch und Dominique Haensell

rönicke keynoteNach der Impuls-Rede von Autorin und Bloggerin Katrin Rönicke diskutierte ein Journalistinnenpanel über Medien für Frauen: Ulrike Fischer, ehemalige Chefredakteurin u.a. von Petra, Brigitte Young Miss und heute Stadtflair, Dagmar Kieselbach, Redakteurin von Frau TV im WDR, Teresa Bücker, Redaktionsleiterin des Online-Magazins Edition F., und Stefanie Lohaus, Herausgeberin und Mitbegründerin von Missy Magazine. Helga Kirchner, ehemals Chefredakteurin beim WDR-Hörfunk, moderierte das Panel. In der ehrenwerten Tradition von Mädchenmagazinen wie Bravo Girl und Mädchen gibt es hier die Highlights als Fotostory.

 

Katrin Rönickes Vortrag beschwor die Zukunft des Netzfeminismus. Und wie stehen die Panelistinnen zum Interwebs? Eher so Neuland oder…panel1panel2Für die feministische Sache haben sich Glamour & Co. ja keinen Zacken aus dem Krönchen gebrochen. Auch Edition F hält manche für eine reine Alphamädchen-Zone. Aber sind die Vorwürfe berechtigt?panel3panel4panel5Darauf können sich alle einigen: Am Ende geht’s einfach um mehr Geld …panel6panel7panel8_kleinpanel9_kleinMehr Platz wär auch nicht schlecht!Panel10_kleinDer Anfang wurde später am Sonntag auch gleich gemacht: Bei einem feministischen Presseclub – ohne Zigarren, dafür mit 100% Frauen*quote – wurde über mediale und politische Verantwortung bezüglich der Geflüchteten-Thematik debattiert. _MG_1849aFortsetzung folgt…

Ulrike Fischer im Interview
httpv://youtu.be/dgZzFOM33A0

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Einfache Antworten auf ein komplexes System – Die neue Rechte und die Frauen in Sachsen https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/20/einfache-antworten-auf-ein-komplexes-system-die-neue-rechte-und-die-frauen-in-sachsen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/20/einfache-antworten-auf-ein-komplexes-system-die-neue-rechte-und-die-frauen-in-sachsen/#respond Tue, 20 Oct 2015 10:12:38 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=360 Über Sachsen, insbesondere Dresden, wird derzeit viel gerätselt. Wie kommt es, dass dort rechte, rassistische und antifeministische Strömungen scheinbar besonders stark und laut sind? Was sind die Ursachen, welche Rollen spielen die Frauen, und was kann der Feminismus dieser Entwicklung entgegensetzen? Erkenntnisse und Einschätzungen von Feministinnen aus den Bereichen Politik, Medien, Antirassismus und Aktivismus.

1. Das Problem hat eine lange Entstehungsgeschichte

Petra Schickert berät beim Kulturbüro Sachsen Vereine, Jugendinitiativen und Institutionen im Kampf gegen Rechtsextremismus. Sie sagt:

Das Problem ist hausgemacht.

Zu lange habe die CDU in Sachsen in Alleinherrschaft regiert und viele Probleme dort nicht wahrhaben wollen:

Bestimmte Sachen durften in Sachsen nicht benannt werden. Dass es, besonders in einigen Regionen, ein Rassismusproblem gibt, wissen wir seit Anfang der 90er Jahre, aber das wurde lange unter den Teppich gekehrt.

Bis heute würde in Sachsen nicht explizit von rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen gesprochen. Auch dass rechtes Gedankengut bereits vor der Wende vorhanden war, sei bis heute ein Tabuthema. Schickert plädiert deshalb dafür, Dinge offen und präzise zu benennen statt nur schwammig von „Extremismus“ zu sprechen.

2. Die Politik hat zu lange nicht reagiert

Petra Schickert weist darauf hin, dass bis heute im Osten vielen Menschen recht obrigkeitshörig seien. Die Frage „Was sagt der Staat?“ sei bis heute für viele eine große Orientierung. Institutionen wie Politik und Kirche müssten sich daher klarer positionieren, als sie das bisher tun.

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Dieser Meinung ist auch Katja Meier, die für die Grünen im sächsischen Landtag sitzt. Im Gegensatz zum klar ablehnenden Umgang mit der NPD während deren Zeit im Landtag, gingen die Abgeordneten der großen Parteien mit der AfD deutlich sorgloser um: Die Abgeordneten der CDU begegneten deren Vorschlägen, zum Beispiel dem einer Abschaffung der Gleichstellungsbeauftragten, amüsiert bis zustimmend. Die politische Strategie, rechte Gruppen wie NPD oder Pegida einfach zu ignorieren, sei nicht aufgegangen. Aktionen wie der Twitter-Hashtag #IchbinDresden, unter dem sich Dresdener_innen gegen Pegida positionieren, gehen ihr nicht weit genug. Leider sei es vonseiten der Landesregierung nicht gewünscht, dass die Zivilgesellschaft sich einmische oder in einen echten Dialog mit der Politik trete.

3. Dresden ist ein Sonderfall

Dresden, zu DDR-Zeiten „das Tal der Ahnungslosen“ genannt, weil dort kein West-Fernsehen empfangen werden konnte, hat bis heute eine besondere Entwicklung genommen, darin sind sich alle Panelistinnen einig. Viele Vorstellungen, zum Beispiel die Idee eines sorgenden, sich kümmernden Staates, hätten sich dort erhalten und würden von Pegida bedient, glaubt Samirah Kenawi.

stange schickertDie Journalistin Jennifer Stange beobachtet ähnliches in Bezug auf Dresden: Die Stadt habe „schon lange eine offene Flanke nach rechts“. Das zeige sich vor allem im Umgang mit der Erinnerung an die alliierten Bombenangriffe von 1945. Der 13. Februar, Jahrestag des Auftakts der Bombardierung Dresdens, werde dort regelrecht zelebriert, Naziaufmärsche und bürgerliches Gedenken gingen Hand in Hand. In der Dresdener mündlichen Überlieferung werde nicht nur das Ausmaß der Zerstörung überhöht und mit dem Holocaust gleichgesetzt, sondern auch der eigene Anteil am Nationalsozialismus ignoriert:

Man hat sich gerne als Opfer des Zweiten Weltkriegs gesehen – und das als Deutsche. Man ist also Opfer des Zweiten Weltkriegs geworden, Opfer der DDR geworden, und nach der Wende wurde man dann betrogen und zum Opfer der BRD.

Diesen Opfermythos mache sich jetzt Pegida zunutze, während die bundesdeutsche Öffentlichkeit die Bedeutung dieser Art des Gedenkens massiv unterschätzt habe. Es bedürfe daher einer nachholenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus, um die Mythen der Dresdener „oral history“ auszuräumen.

4. Rassismus und Antifeminismus gehen Hand in Hand

Einen Begegnungspunkt von Rassismus und Antifeminismus bilden auch die evangelikalen Gruppen, mit denen Jennifer Stange sich viel befasst. Neben Homophobie und Anti-Abtreibungspropaganda nach dem Vorbild der amerikanischen Pro Life-Bewegung beschäftigen sich diese Gruppen auch mit der vermeintlichen Gefahr des „Genderismus“, ein Begriff, der feministische Anliegen als Angriff auf die heterosexuelle Kleinfamilie und Versuch der Sexualisierung von Kindern interpretiert. Unter dem Vorwand des Eintretens für Frauenrechte hetzen diese Gruppen dann auch gegen Muslim_innen.

5. Rechte und evangelikale Gruppen bieten Frauen etwas, was der Mainstream-Feminismus ihnen nicht bietet

Moderatorin Katrin Gottschalk weist darauf hin, dass ostdeutsche Frauen sich zwar als emanzipiert sehen und feministische Errungenschaften wie Erwerbstätigkeit und reproduktive Freiheit zu DDR-Zeiten selbstverständlich waren. Viele von ihnen sind aber heute trotzdem in rechtskonservativen Bewegungen aktiv.

Jennifer Stange versucht das Paradox zu deuten, was christlich-fundamentalistische und rechte Gruppen Frauen bieten:

Die neue Rechte vertritt eine bestimmte Art des Feminismus, die man jetzt nicht teilen möchte, aber gegen die man sich in Zukunft abgrenzen muss. Die sagen nicht „Wir möchten Karriere und Kinder für Frauen“ sondern „Wir möchten nicht, dass Frauen unter Karriere und Kindern leiden, wir möchten, dass Frauen zuhause bleiben können und das tun, wozu sie geschaffen wurden, nämlich sich um ihre Kinder zu kümmern. Alles andere zerreißt Frauen nur, macht sie emotional und psychisch fertig.“ Das ist ein Angebot an Frauen, die genau so eine Unterstützung suchen.

Samirah Kenawi, Gründerin des Archivs der ostdeutschen Frauenbewegung GrauZone, sieht das ähnlich:

Was wir jetzt haben, diese neue konservative Entwicklung, dass Frauen auch bei den Rechten aktiv sind, erkläre ich mir damit, dass Frauen durchaus eine Sehnsucht danach haben, sich aus dem Arbeitsleben zurückzuziehen und einen männlichen Ernährer zu haben.

kenawi_crDas habe auch damit zu tun, dass die Arbeitsverhältnisse „immer inhumaner“ werden. Die Hinwendung zu einem traditionellen Familienbild sei eine Strategie, sich dieser Arbeitswelt zu entziehen.

 

 6. Es gibt zwar aktive Feminist_innen, die sich gegen Rassismus und Antifeminismus starkmachen …

Katja Meier weist darauf hin, dass in den Parteien durchaus feministischer Widerstand besteht, zum Beispiel gegen den „Marsch für das Leben“ in Annaberg-Buchholz und in Gruppen wie „Pro Choice“, die allerdings eher aus Städten wie Berlin und Leipzig anreisen und sich vor allem im Studierendenmilieu finden. Auch bei Anti-Pegida-Demonstrationen seien Frauen aktiv. Und: Viele aus der „3. Generation Ostdeutschland“ kämen, wie sie selbst, wieder in ihre Heimatregionen zurück und setzten sich dort für eine offene Gesellschaft ein.
schickert sqAuch Petra Schickert macht die Erfahrung, dass Frauen sich einsetzen. Überdurchschnittlich viele Frauen besuchten zum Beispiel Schulungen für Menschen, die sich für Flüchtlinge engagieren. Viele kämen aber in erster Linie, um sich überhaupt erst einmal zu vergewissern, dass sie mit ihrer Einstellung nicht alleine dastehen. Schickert betont aber auch, dass Ehrenamt nicht alles auffangen kann und soll, und fordert mehr Einsatz von staatlicher Seite.

Samirah Kenawi ist der Meinung, dass feministische Ansätze allein nicht ausreichen: um rechten Strömungen etwas entgegenzusetzen, müssten die ökonomischen Bedingungen der Radikalisierung thematisiert und verändert werden.

Um das Problem des Rassismus zu klären, ist es sicherlich gut über Frauenrechte nachzudenken. Aber wenn wir die ökonomischen Grundlagen, die diese Probleme herbeiführen, nicht beseitigen, dann können wir noch viele Diskussionen über Rassismus führen, wir kommen meines Erachtens nach keinen Zentimeter weiter.

7. … aber viele fehlen auch.

Samirah Kenawi hat beobachtet:

Ich denke, es hat eine gewisse Politikmüdigkeit eingesetzt bei den Frauen und auch Männern, die aus der DDR-Bürgerbewegung kamen, weil zum einen viele Ideen und Konzepte aus der Wendezeit, viele politische und gesellschaftliche Visionen, nicht einmal diskutiert wurden, sondern einfach auf dem Müllplatz der Geschichte gelandet sind. Die Art, wie kurz nach der Wende Politik gemacht wurde, hat viele frustriert und ihnen das Gefühl gegeben: Es ist völlig egal, was wir machen, die machen sowieso, was sie wollen.

Diese fremdbestimmte Politik, zusammen mit der „medialen Entwertung ihres gesamten Lebens“, habe zu großem Frust geführt.

Petra Schickert vermutet ebenfalls, dass mit der Wende ein Bruch entstanden ist:

Es ist aus meiner Perspektive eine Generation ausgefallen. Die, die die Wende mitgestaltet haben, die sehe ich nicht mehr. Viele aus meiner Generation sind wieder in ihren Nischen verschwunden.

Die Elterngeneration fehle, sei vielleicht zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Aktiv seien vor allem die Jüngeren – wenn es sie gibt:

Der ländliche Raum ist geprägt von den alten Geschichten. In Ostsachsen zum Beispiel gehen alle weg, die anders ticken; junge Menschen ziehen nach der Schule in die Städte, und es bleibt da etwas, was sehr sehr eng ist.

 

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Geschichte anders machen https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/geschichte-anders-machen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/geschichte-anders-machen/#respond Mon, 19 Oct 2015 12:35:11 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=345 Unter den kulturellen Aufgaben des Museums versteht man generell die Konservierung und Aufbereitung von Zeitgeschehen und Geschichte. Dabei wird schnell vergessen, dass auch die Institution Museum eine Geschichte hat. Ob in diese auch interveniert werden kann, wurde am Beispiel der aktuellen „Homosexualität_en“ Ausstellung im Schwulen Museum* und Deutschen Historischen Museum diskutiert.

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Museen, wie wir sie heute in der westlichen Welt kennen, sind eng an die Konstruktion nationaler Identitäten in Europa gekoppelt und damit Teil einer gewalttätigen Geschichte hegemonialer Ausschlüsse und Abgrenzungen. Aus den Kuriositätenkabinetten der Renaissance entwickelten sich im Zuge nationalstaatlicher Bestrebungen in den folgenden Jahrhunderten Institutionen, die scharf umgrenzten, wer oder was Teil des jeweiligen kulturellen Erbes war – und wer „anders“ oder zu vernachlässigen war.

Wenn eine der altehrwürdigsten Kultureinrichtungen Deutschlands eine Ausstellung zum Thema Homosexualität_en präsentiert, so könnte man meinen, dass dies auch weitreichende Implikationen für das Selbstverständnis einer Nation hat. Doch kann das Queeren von institutionellen Räumen wirklich funktionieren? Was zählt in diesem Kontext schon als Intervention?

Historisch gesehen, belief sich die Darstellung von Homosexualität lange auf die Markierung des „Perversen“, man denke beispielsweise an die Arbeiten des österreichisch-deutschen Psychiaters und Gerichtsmediziners Krafft-Ebing. Sein Hauptwerk, die Psychopathia Sexualis von 1886, machte sexuelle Vielfalt sichtbar ­– aber schloss beinahe nahtlos an den Grusel des Kuriositätenkabinetts an und beschwor den Horror der bärtigen Frau oder anderer „Abartigkeiten“. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass die reine Sichtbarmachung des „Anderen“ nur dann als queere Intervention gelten kann, wenn das normierende System an sich infrage gestellt wird ­– und nicht wenn Queerness schlichtweg inkludiert wird. Wenn also die Protagonist_innen der Ausstellung nicht Teil der westlichen (in diesem Fall heteronormativen) Geschichte sind, ohne als Kuriosität, medizinische Abweichung oder skandalisiertes Objekt zu fungieren. Lädt uns eine Ausstellung dazu ein, mit bestimmten Codes der Wahrnehmung, des Begehrens, des Denkens zu brechen? Erinnert sie uns daran, wie einseitig dieser normative Code ist?

Eine schwierige Gratwanderung, deren Feinheiten im Rahmen des Panels rege diskutiert wurden. Moderiert von der Soziologin Hannah Fitsch berichteten die Kurator_innen der Ausstellung Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz von der Entwicklung und ihrer persönlichen Einschätzung des Projekts. Einleitend erinnerte Fitsch an die Aktionen der Guerilla Girls in den 1980ern, deren Intervention in das Museum ja in Angriffen von außen bestanden hatte, und wies auf die Problematik des Raumes, Sichtbarkeit und Deutungsmacht im zu besprechenden Kontext hin. Inwieweit, fragte sie ihre Gäste, entwickele die Homosexualität_en-Ausstellung nicht nur das Profil einer sexuellen, sondern auch einer politischen Identität, und verweise somit auf eine andere, vielleicht sogar bessere Welt.

Vorab waren die Panelist_innen gebeten worden, ein besonders exemplarisches Ausstellungsobjekt auszuwählen und vorzustellen. Den Auftakt machte Dorothée Brill, deren Beschreibung einer Videoinstallation veranschaulichte, wie die Position der beobachtenden Person Teil der Ausstellung werden und das Beobachten an sich thematisiert werden könnte. „Brontosaurus“ von Sam Taylor-Johnson (Fun Fact: auch die Regisseurin der „Shades of Grey“-Verfilmung) sei keine dezidiert queere Arbeit, sondern entfalte ihr Potential erst im Kontext der Ausstellung. Dabei, so Brill, inszeniere das Spiel mit der Wahrnehmung von Geschlechterkonnotation einen Bruch, der die Dynamik zwischen Betrachterin und Betrachtetem spürbar mache.

Birgit Bosold wusste die politische Positionierung der Ausstellung besonders am Beispiel des Plakats deutlich zu machen. Dieses rief nicht nur einen Einwand seitens des Deutschen Historischen Museums in der ansonsten autark kuratierten Ausstellung hervor, sondern provozierte auch Kritik aus Teilen der schwulen Community. Ersteres argumentierte sinngemäß, dass doch die Ausstellung allein schon zeige, wie sehr queere Realitäten in der Mitte der Gesellschaft angekommen seien, wieso also im Plakat eine solch abnorme, geradezu monströse Darstellung wählen? Auch die schwulen Kritiker schienen sich an diesem (vielleicht zu „effeminierten“?) Bild eines homosexuellen Mannes zu stoßen. Gerade diese scheinbare Provokation, so Bosold, werfe doch die Frage auf, ob die Anerkennung queerer Lebensentwürfe das alleinige Ziel sein könne. Bosold machte ihre Haltung dabei klar deutlich:

Wenn Anerkennung davon abhängt, dass wir uns normalisieren, müsste man das noch mal diskutieren. Sie kann nicht davon abhängen, dass wir bestimmte Werte teilen.

Für Detlef Weitz fand sich das Politische im viel beschworenen Privaten, veranschaulicht an einer Auswahl an Exponaten, die nicht allein objekt-bezogen seien, sondern vielmehr persönlich oder gar „unzeigbar“ wie die umrisshafte Darstellung vermeintlich geheimer Gesten und Codes. Auch die Wahl handschriftlicher Exponatsschilder breche mit der autoritären Geste dieses Museumstandards. Insgesamt seien auch diese Mikro-Interventionen Grenzüberschreitungen, die sich im Bezug auf die Museumspraxis insgesamt gelohnt hätten.

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Allgemein waren sich die Panelist_innen einig, dass das Museum ein besonders gutes Format für Interventionen darstelle. Bosold betonte, dass es sich bei Museen um Räume der kulturellen Repräsentation handle, in denen die heteronormative Dominanz so gut wie ungebrochen sei. Dabei funktionierten sie aber noch immer als Spiegel oder Archiv der Gesellschaft, in denen einige Identitäten scheinbar nicht repräsentierbar seien. Ein Effekt der Ausstellung sei es also, Geschichte anders zu schreiben. Und das, warf Weitz ein, „in dem Haus der Bundesrepublik, das die Deutungshoheit über Geschichte hat“. Dass diese Geschichte bewusst gegendert werden muss und kann wird auch daran deutlich, dass sich die Repräsentation schwuler und lesbischer Identitäten in der Ausstellung die Waage halten – obgleich das Archiv deutlich mehr Artefakte schwuler Geschichte beherbergt. Auch die Sichtbarmachung der Geschichte von Trans*personen war wohl eine kuratorische Herausforderung. Darin, dass Interventionen vor allem auch vor dem Hintergrund eines feministischen Ansatzes funktionieren, waren sich Bosold und Fitsch einig. Bosold, welche die Ausstellung ursprünglich zu lesbischer Geschichte geplant hatte, merkte an:

Man begreift das Phänomen nicht, wenn man nicht versteht, dass es immer auch um Feminismus und Geschlechtergerechtigkeit ging.

Weitz kam gegen Ende der Diskussion auch auf die Auswahl und Miteinbeziehung verschiedenster Blickwinkel zu sprechen, deren Vielfalt allein er schon als queer empfinde. Brill erläuterte, dass diese Vielfalt bewusst gewählt wurde, um keinen willkürlichen historischen Schlusspunkt zu setzen. Vielmehr sollte eine Art Landschaft skizziert werden, durch die sich die Besuchenden frei bewegen können, ohne vorgebende Chronologie. Bosold ergänzte, dass eben auch die historische Chronologie ein autoritärer Gestus sei, der eine Art kausale Notwendigkeit vorschreibe. Dieser Art von Gesichtsschreibung versuche sich die Ausstellung zu entziehen.

Und das Ende der Geschichte?

Auf die Publikumsfrage, ob eine Sonderausstellung wirklich eine nachhaltige Intervention darstellen könne, antwortete Weitz zunächst mit dem Hinweis, dass die Ausstellung überdurchschnittlich erfolgreich gewesen sei und vor allem innerhalb des deutschen Museumsbetriebs und in den Geschichtswissenschaften Wellen geschlagen habe. Allerdings schränkte auch er ein:

Insofern ist dieser Schritt sicherlich ein Rütteln und nicht das Öffnen dieser Tür, geschweige denn das neue Tapezieren.

Gerade im Kontext des überwältigenden Ausstellungserfolgs, vor allem für das Deutsche Historische Museum, wird jedoch deutlich, was Hannah Fitsch gleich zu Anfang als die zu erwartenden Folgen des „langen Gangs durch die Institutionen“ vermutet hatte. Denn obgleich die Ausstellung großzügig mit Mitteln aus Bund und Ländern gefördert wurde, wurde ihre Konzeption doch argwöhnisch beäugt. Nun jedoch, nach rekordverdächtigen Besucherzahlen, rühmt man sich dieses Indikators dafür, wie progressiv die Bundesrepublik doch sei. Nicht ausgesprochen, aber natürlich impliziert, ist da die Rückständigkeit der „Anderen“. Manche Geschichten ändern sich eben nie.


 

Eine Videodokumentation gibt es hier.

 

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Berlin bleibt feministisch – zwei Generationen des feministischen Aktivismus im Gespräch https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/berlin-bleibt-feministisch-zwei-generationen-des-feministischen-aktivismus-im-gespraech/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/berlin-bleibt-feministisch-zwei-generationen-des-feministischen-aktivismus-im-gespraech/#respond Mon, 19 Oct 2015 10:41:19 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=309 Mit Cristina Perincioli, Filmemacherin und Autorin, die in den 1960er und 70er-Jahren die entstehende Frauenbewegung prägte, und Magda Albrecht, deren queerfeministischer Aktivismus heute on- und offline stattfindet, treffen zwei Generationen von Feministinnen aufeinander. Die Frage drängt sich auf: Wieviel haben diese beiden Generationen noch gemein? Wo sind Berührungspunkte, an denen Austausch entstehen kann? Mit Blick auf ihre eigenen Erfahrungen nähern sich die beiden Aktivistinnen im Gespräch mit Claudia Neusüß diesen Fragen.

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Jetzt aber werde ich feministisch – über erste Einflüsse und Inspirationen

Magda Albrecht sagt, sie habe früh eine Sensibilität für Geschlechterverhältnisse entwickelt, auch weil sie anhand ihrer zwei Brüder gemerkt habe, welche Erwartungen an Jungen und Mädchen gestellt werden.

Mit 14/15 habe ich angefangen, in Ostberliner Jugendclubs Musik zu machen, und die sind sehr männlich geprägt. Und wenn man dann in einer Band mit ausschließlich jungen Mädchen spielt, hört man eine ganze Menge Scheiß, um das mal zusammenzufassen. Das harmloseste war noch „Für eine Mädchenband seid ihr ja ganz gut“ oder „Beeilt euch mal beim Soundcheck, das ist hier kein Kaffeekränzchen“ – also die volle Bandbreite was man als junge Frauen in der Musik hört kann ich präsentieren. Da war auf jeden Fall eine Sensibilisierung dafür da, dass es sowas wie Geschlechterverhältnisse gibt, auch wenn ich es in den Jahren so noch nicht benannt habe.

Magda Albrecht mit ihrer Band Totall Stressed.
Magda Albrecht mit ihrer Band Totally Stressed.

Vertieft wurde diese Sensibilisierung beim Studium in Berlin und beim akademischen Jahr in den USA, wo sie sich viel mit den Bereichen gender, race und class und dem Thema der sozialen Bewegungen beschäftigte. Dort machte sie auch die Erfahrung, dass es unterschiedliche Feminismen gibt, und setzte sich mit diesen verschiedenen Ausprägungen und ihrer Geschichte auseinander, zum Beispiel mit rassismuskritischen und lesbischen Perspektiven.

Ich kam dann 2009 nach Berlin zurück und habe bei Google „Gender“ und „Blog“ eingegeben, weil ich dachte: „Ich bin zurück, ich bin politisiert, die Revolution muss beginnen, hier muss etwas geschehen, ich möchte aktiv werden.“

So stieß sie erst auf den Genderblog und dann auf die Mädchenmannschaft, für die sie bis heute schreibt.

Cristina Perinciolis feministische Prägung verlief unter anderen Bedingungen:

In erster Linie muss man sagen: Das Wort gab es erstmal nicht. Es gab keine Frauenbewegung in dem Sinne, es gab auch keine Erinnerung an frühere Frauen. Wir kannten natürlich Clara Zetkin oder Helene Lange, aber die haben uns nicht unbedingt inspiriert. Zu der Zeit 1968-’74, die ich in meinem Buch beschreibe, und die in der Folge die Bewegung in Bewegung brachte, gab es am Anfang nur Parolen, zum Beispiel „Frauen erhebt euch und die Welt erlebt euch“. Das war dann ein Kleber, den man zuhause ins Klo gehängt hat.

Sie merkte aber bald, dass andere aktive Frauen wie zum Beispiel Helke Sander andere Prioritäten hatten, zum Beispiel Mutterschaft und Kinderbetreuung, von denen sich Cristina Perincioli nicht angesprochen fühlte. Auch die aktive Linke war kein brauchbarer Ansatzpunkt:

Dann gab es die sozialistischen Frauen im SFB, das nannten wir damals den „Durchlauferhitzer“: Frauen, die damals in der schon sehr aktiven Linken mitreden wollten, sind zum SFB gegangen und haben dort eine etwa einjährige Schulung gemacht, haben Lenin, Marx und das ganze Curriculum gelesen. Dann waren sie fit um sich nicht zu blamieren, wenn sie mit den linken Männern mithalten wollten. Das klingt jetzt wie ein Witz, das war aber alles sehr ernst. Ich bin da das ein oder andere Mal hin, aber wir haben die dort nur geärgert. Das konnte es nicht sein – aber es gab nichts anderes. Feministische Gedanken, also nur die Frau in den Mittelpunkt zu stellen, das ging gar nicht zu der Zeit. Es war die Zeit der vielen Parteiinitiativen, und die haben sich alle gegen eine separate Frauenbewegung gestellt, weil das ja die Arbeiterklasse spaltet. Die Frauen werden automatisch befreit, wenn der Sozialismus kommt, deswegen brauchen wir keine Frauenbewegung. Für viele ist das ein alter Hut, aber man muss sich nochmal klarmachen, wie groß die Widerstände waren, überhaupt den feministischen Gedanken zu haben.

Das Problem: frau müsse sich „erstmal klar sein, dass man etwas anderes will“. In einer Stadtteilgruppe fand Cristina Perincioli schließlich Frauen, mit denen sie aktiv werden konnte – auch wenn es anfangs nicht danach aussah:

Da waren Männer und Frauen – die Frauen haben gestrickt und geschwiegen, und die Männer haben große Reden geführt und unter anderem ein Go-In beschlossen. Als ich dann aber mit der Kamera dort ankam, kam kein einziger Mann. Es waren nur die Frauen da, die dann das Go-In gemacht haben, und sie waren grandios, und so laut wie ich nie vermutet hätte. Das hat mir unglaublich Auftrieb gegeben: Zu sehen, dass es Frauen gibt, die zwar die ganze Zeit still sind, aber eine unglaubliche Power im Hintergrund haben.

Mit diesen Frauen zusammen produzierte Cristina Perincioli 1971 ihren Film Für Frauen – 1. Kapitel, erstmalig gedreht mit einem reinen Frauenteam. Als die Gruppe sich auch danach weiter traf um über ihre persönlichen Belange zu reden, kam ihr die Idee zur Gründung des ersten Frauenzentrums, das 1973 in Berlin eröffnete.

Cristina Perincioli mit dem Team des Films "Für Frauen - 1. Kapitel". Foto: Skip Norman
Cristina Perincioli mit dem Team des Films Für Frauen – 1. Kapitel. Foto: Skip Norman

Was ist Feminismus?

Magda Albrecht spricht lieber von Feminismen als von Feminismus.

Es gibt so viele feministische Themen wie es Feminist_innen gibt – jedes Thema, das einer Feministin auf der Seele brennt, und das auch etwas mit Gesellschaft zu tun hat, ist ein feministisches Thema.

Wichtig ist ihr dabei aber, Gesellschaft möglichst komplex zu analysieren und dabei verschiedene Lebensrealitäten wahrzunehmen – auch dann, wenn frau nicht von ihnen betroffen ist. Dazu gehöre zum Beispiel, im queeren Feminismus auch das Thema Rassismus mitzudenken.

Cristina Perincioli widerspricht – aber nur zum Teil:

Diese vielen Feminismen, die du beanspruchst – ich habe meine Zweifel, ob es wirklich viele Feminismen gibt. Ich habe das anders verstanden: Für mich ist Feminismus ein Kampf gegen das Patriarchat, und nicht Befindlichkeiten im kleineren Rahmen. Sondern wirklich das System infrage stellen, das Patriarchat. Die Frage, welche Themen wir damals bearbeitet haben, da fiel mir nichts dazu ein: Es waren alles feministische Themen. Das heißt wir haben plötzlich als Frauen um uns geschaut und gesehen, dass es überall Arbeit für uns gibt.

Kampf gegen das Patriarchat, zum Beispiel in den Medien: Demonstration gegen Diffamierung von Lesben in der BILD-Zeitung, 1973. (Foto: Cristina Perincioli)
Kampf gegen das Patriarchat, zum Beispiel in den Medien: Demonstration gegen Diffamierung von Lesben in der BILD-Zeitung, 1973. (Foto: Cristina Perincioli)

Was hat die ältere Generation gelernt – und was kann die jüngere von ihr lernen?

Cristina Perincioli bedauert im Rückblick, viel Zeit mit Auseinandersetzungen verloren zu haben.

Wir haben, das zeigen die Protokolle der Plenumssitzungen, uns noch sehr lange unglaublich auseinandergesetzt mit den Ansprüchen der Arbeiterbewegung. Das Wort „Arbeit“ steht in jedem Satz – es wurde immer sehr stark betont, dass wir arbeiten, vor allem mit Arbeiterinnen arbeiten. Dieser antikapitalistische Anspruch, mit dem wir als Linke in die Frauenbewegung gekommen sind – das hat uns lange lange aufgehalten. Das klingt jetzt so, als wären wir alle nicht mehr links gewesen. Aber das hat uns eben aufgehalten, auch wenn wir dann gemacht haben was wir machen wollten, und es war auch nicht fruchtbar. Das war halt unser Erbe, unser Umfeld.

Magda Albrecht:

Ich glaube, was ich von der Generation vor mir gelernt habe, ist, dass es leider fast jeden Tag wichtig ist zu kämpfen. Die Themen sind immer präsent, der Kuchen ist nicht gegessen. Und zweitens habe ich gelernt, dass mein Blick auf die Welt, mein Wissen und meine Erfahrungen trotzdem partikular sind. Ich verstehe mich als Frau, ich bin eine queere Person, aber trotzdem sind die Erfahrungen, die ich mache, nicht universal. Das ist ein wichtiges Wissen, weil ich dann nämlich auch nach links und nach rechts gucke – was erfahren meine Mitstreiterinnen, wo lohnt es sich nochmal hinzuschauen und welche Kämpfe können wir gemeinsam machen, auch Kämpfe, die mich nicht direkt betreffen? Das versuche ich in meiner politischen Praxis umzusetzen.

Manches hat sich nicht geändert: Kleber mit feministischen Parolen auf dem Klo. (Foto: Dorothee Barsch)

Wie wichtig und möglich sind Bündnisse?

Bündnisse mit externen und staatlichen Institutionen wie zum Beispiel der Polizei wurden früher vehement abgelehnt, erinnert sich Cristina Perincioli. Durch die staatliche Überwachung, vor allem im Herbst 1977, habe auch ein großes Misstrauen gegenüber dem Staat bestanden, der enormen Druck ausübte, zum Beispiel durch Hausdurchsuchungen. Auch Koalitionen mit männlich dominierten Institutionen wie zum Beispiel Parteien waren nicht erwünscht – aus Angst vor Autonomieverlust, wie Perincioli sich erinnert:

Die waren immer sehr neidisch auf die Frauenbewegung, weil wir so lebendig waren. Wir haben unglaublich viel geleistet. Wir gaben nicht nur Papiere heraus wie die anderen, sondern es kamen wirklich Projekte dabei heraus. Die versuchten dann immer wieder, uns zu übernehmen. Die Autonomie war damals immer gefährdet, und immer schwer umkämpft.

Eines der Projekte der autonomen Frauenbewegung: Pfingsttreffen im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ), 1975. (Foto: M.S.)
Eines der Projekte der autonomen Frauenbewegung: Pfingsttreffen im Lesbischen Aktionszentrum (LAZ), 1975. (Foto: M.S.)

Heute wünscht sich Perincioli aber einen stärkeren generationenübergreifenden Austausch, mit mehr Einsatz auch von Frauen ihrer Generation.

Ich habe das Gefühl, die generationenübergreifenden Informationsstrukturen fehlen. Entweder habe ich sie noch nicht entdeckt, oder wir sollten sie jetzt mal einrichten, sodass die Alten erfahren, was die Jungen machen, und einfach auch mal mitgehen. Wenn das alles im Netz bei Twitter stattfindet, dann kriegen wir das auf dem Land nicht mehr mit.

Sie schlägt zum Beispiel einen Austausch der Bloggerinnen vor und fragt provozierend:

Muss man sich denn politisch einig sein?

Für Magda Albrecht persönlich lautet die Antwort auf diese Frage: Ja.

Ich möchte mich wohlfühlen in dem Kollektiv in dem ich Politik mache. Und dieses Wohlfühlen ist auch daran geknüpft, dass wir bei einigen politischen Perspektiven die mir sehr wichtig sind einen gewissen Konsens haben. Auch die Mädchenmannschaft streitet sich, aber wir haben politischen Konsens in wichtigen Dingen, die uns bewegen. Und ich habe für mich entschieden, dass mir das wichtig ist. Ich gehe trotzdem gerne hin und wieder an Kontexte, bei denen es knallen kann. Aber wenn ich mich langfristig für ein Projekt engagiere, möchte ich mich wohlfühlen.

Sie ist skeptisch, wieweit Bündnisse funktionieren können. Von einem forcierten „Wir“ hält sie nichts. Bei Themen wie zum Beispiel Hilfe für Geflüchtete würden trotzdem punktuelle, nicht-identitäre Bündnisse entstehen. Sie wolle aber nicht um jeden Preis und mit jeder Gruppe kooperieren. Magda Albrecht bewegt sich lieber in spezifischeren Kontexten, zum Beispiel queerfeministischen.

Magda Albrecht bei einer queerfeministischen Diskussionsrunde zu Fat Activism.
Magda Albrecht bei einer queerfeministischen Diskussionsrunde zu Fat Activism.

Als Beispiel, wo Bündnisse gut funktionieren, nennt Magda Albrecht die Demos gegen die Abtreibungsgegner_innen vom „Marsch für das Leben“, die gemeinsam von zwei Initiativen, dem „What the Fuck“-Bündnis und dem Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, organisiert werden. Dieses gemeinsame Anliegen verbinde die Generationen, die unterschiedliche Netzwerke mitbrächten: Ältere Feminist_innen hätten oft andere Kontakte, zum Beispiel zu Politik und Medien, die den jüngeren so nicht zur Verfügung stünden.

Demonstration gegen den "Marsch für das Leben" 2013. (Foto: Magda Albrecht, via Twitter)
Demonstration gegen den „Marsch für das Leben“ 2013. (Foto: Magda Albrecht, via Twitter)

Hinweis und Aufruf: Weitere Anekdoten und Dokumente aus der beginnenden autonomen Frauenbewegung im Berlin der Jahre 1968 bis 1974 finden sich in Cristina Perinciolis 2015 im Querverlag erschienenem Buch Berlin wird feministisch. Wer selbst in dieser Zeit (oder auch später) feministische Projekte gegründet und mitgestaltet hat, ist aufgerufen, sich über die Homepage http://de.feministberlin1968ff.de/ bei Cristina Perincioli zu melden. Ziel ist es, ein Archiv über die Anfänge der autonomen Frauenbewegung mit Fotos, Dokumenten und Erzählungen von Zeitzeug_innen und Akteur_innen aufzubauen.

Cristina Perincioli im Interview:
httpv://youtu.be/Gmz8ZaXYJ5k

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https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/berlin-bleibt-feministisch-zwei-generationen-des-feministischen-aktivismus-im-gespraech/feed/ 0
Kultur für wen? https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/kultur-fuer-wen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/19/kultur-fuer-wen/#respond Mon, 19 Oct 2015 10:04:06 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=265 Im deutschen Kulturbetrieb gibt es massive Defizite hinsichtlich der Diversität. Doch es sind nicht nur Frauen*, die unterrepräsentiert sind.

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Wenn es um den deutschen Kulturbetrieb geht, fallen mir zunächst einmal Defizite auf. Nicht nur die Anzahl weißer Cismänner ist erschütternd hoch, auch sind die Inhalte aus emanzipatorischer Sicht deprimierend. Was überwiegt, sind nicht Unterhaltung und ein guter Input, sondern Sexismus, Rassismus, Heteronormativität, Cissexismus, Klassismus und Ableismus. Wer aus der konstruierten Norm herausfällt, wird mit einem hegemonialen Blick betrachtet – ein Blick, der entmächtigend repräsentiert.

Würde sich dies ändern, wenn wir eine Frauen*quote im Kulturbetrieb einführen? Würden die Inhalte sich verbessern, wenn jede zweite Regie, Intendanz, Band auf Festival-Line-Ups, für Preise nominierte Künstler_in mindestens eine Frau* dabei hätte? Darüber können wir nur spekulieren.

Nicht jede Frau* verortet sich feministisch, geschweige denn arbeitet so. Feministische Arbeit im Kulturbetrieb sieht für mich so aus: Frauen* verteilen Ressourcen untereinander, achten auf unterschiedliche Positionen innerhalb des Teams, setzen sich kritisch mit kapitalistischen, neoliberalen Strukturen und im Endprodukt mit Gesellschaftskritik auseinander – das kann auch sehr, sehr subtil sein. Würde bei so einer Arbeit ein bedingungsloses Grundeinkommen helfen? Definitiv. Zeit, Geld und Energie wachsen schließlich nicht durch Facebook-Likes, auch, wenn das sehr schön wäre.

Eine Frauen*quote allein reicht aber nicht aus. Der deutsche Kulturbetrieb ist wie ein gedeckter Tisch, auf dem es kaum Variation gibt. Dazu muss zum Beispiel auch mit der Küche und mit dem Personal gesprochen werden. Sensiblisierungsseminare für Ausbildende, Juror_innen, Produktionsfirmen, Theaterkollektive und auch Politiker_innen sind nötig, um überhaupt erst mal das Diversity-Problem zu verdeutlichen und dann bessere Strategien zu entwickeln. Sichtbar werden eindimensionale Drehbücher zum Beispiel durch den Bechdel-Test oder den Racial Bechdel-Test. Eine große Anzahl als Klassiker geltender Filme würden durch beide dieser Tests fallen. Wie würde sich der Konsum verändern, wenn neben dem FSK-Symbol solche Testergebnisse stünden?

Auch stelle ich mir die Frage, ob ein komplett weißes Panel diesem Thema gerecht werden kann. Dies ist kein Angriff auf die Podiumsgäste, sondern eine Kritik daran, was wir eigentlich meinen, wenn wir über den Kulturbetrieb oder die Kultur sprechen. Schließt diese auch Personen of Color ein? Wenn ja, wie? In Alibi-Funktion als türkische Nachbar_innen in sonst weißen Plots? Als Antagonist_innen in Krimiserien?

Letzte Woche veranstaltete das Bündnis kritischer Kulturpraktiker_innen eine Konferenz über eine diskriminierungskritische Kunst- und Kulturszene. Ich durfte bei der Eröffnung einen Input-Talk über Diskriminierung im Kunst- und Kulturbetrieb sprechen – und in diesem Zusammenhang ist Sexismus nicht das einzige Problem, mit dem wir akut umgehen müssen. Nicht nur Frauen*, sondern auch nicht-binäre Personen oder Transpersonen im Allgemeinen (denn ein Mann wird ja mit einem Cismann gleichgesetzt), Personen mit sichtbaren Behinderungen, Schwarze Personen und Personen of Color müssen gefördert werden. Vielleicht hilft hier keine Quote, sondern eher neue Strukturen. Wir müssen intersektionaler denken, wenn wir ein zeitgemäßes, qualitativ hochwertiges und innovatives Medienangebot wollen.

Auf dem Panel „Mission Im_Possible: Frauen* im Kulturbetrieb“ diente mal wieder Schweden als progressives Modellbeispiel. Das stimmt: Allein das Fernsehprogramm dort ist Deutschland wirklich um einige Schritte voraus – so auch in Großbritannien. Das liegt aber auch daran, dass die Gesellschaft dort zumindest in feministischen Fragen weiter ist. Ich denke: Jede Bevölkerung hat das Kulturangebot, das sie verdient. Deutschland war nie für einen besonders guten Geschmack bekannt – ich spreche nicht von kleinen avantgardistischen Szenen, sondern vom Durchschnitt. Das zeigen nicht nur Modegeschäfte, sondern auch Einschaltquoten und die Musik-Charts. Gewiss: Ein breiteres Kulturangebot kann auch die Bevölkerung politisieren – das passiert bereits ohnehin, nur eben in eine beschissene Richtung, wie RTL & Co. täglich beweisen.

Frauen* sollten nicht immer nur gut sein müssen, es gibt auch viele Typen, die trotz Talentdefizit erfolgreich sind, sagt die Rapperin Sookee in der Diskussion. Das stimmt. Der Leistungsdruck ist viel höher, wenn Menschen erst mal beweisen müssen, dass sie eine Bühne verdienen. Das ist Quatsch, so macht Kultur nämlich auch keinen Spaß. Es sollte Raum für künstlerisches Scheitern und Experimente geben.

Nicht alle Frauen* machen Arbeit, mit der sich eine Feministin solidarisieren muss, so die Theaterregisseurin Tatjana Turanskyj. Natürlich nicht: Die Frau™ gibt es nicht. Männer mögen auch nicht alles, was andere Männer machen.

Vielleicht sollten wir für drei Jahre als Test-Modell eine 50/50-Quote einführen und schauen, wie es wird, schlägt  Tanja Krone vor. Ich sage: Vielleicht sollten wir eine Quote von maximal 30% weißer Typen einführen und den Rest auf Personen of Color aller Gender aufteilen. Der gedeckte Tisch einer deprimierenden Kulturlandschaft verändert sich nicht, indem wir ein paar Gläser austauschen. Wir müssen den Tisch komplett abräumen und neu decken.


Eine Videoaufnahme von „Mission Im_Possible: Frauen* im Kulturbetrieb“ gibt es hier im Stream.

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Shitstorms, Hate Speech, Cybermobbing: Wie mit Gewalt im Netz umgehen? https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/shitstorms-hate-speech-cybermobbing-wie-mit-gewalt-im-netz-umgehen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/shitstorms-hate-speech-cybermobbing-wie-mit-gewalt-im-netz-umgehen/#comments Sun, 18 Oct 2015 18:33:09 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=285 Schon seltsam, wenn die Hassredner direkt im Publikum sitzen: Im Anschluss an die Diskussion meldete sich sogleich ein antifeministischer Blogger aus der zweiten Reihe zu Wort.

Er ist nur einer von vielen. Shitstorms, Beleidigungen, Anfeindungen, Stalking und Cybermobbing, manchmal sogar über das Netz hinausgehende Angriffe: Wer sich im Netz (queer)feministisch positioniert, kann schon fast damit rechnen, davon getroffen zu werden. Feminist_innen wehren sich auf unterschiedliche Weise: Die Videobloggerin Anita Sarkeesian liest öffentlich die hasserfüllten Kommentare vor, die sie erhält, auf der Seite hatr.org werden rassistische und sexistische Hasskommentare gesammelt und publik gemacht.

Trotz dieser Möglichkeiten haben digitale Angriffe häufig dramatische Auswirkungen auf die Angegriffenen. Von posttraumatischen Belastungsstörungen über Depressionen bis hin zum Suizid reichen die Folgen. In dieser Analyse sind sich die Diskussionsteilnehmer_innen einig. Was aber dagegen zu tun ist, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen.

Panel Digitale Gewalt

Moderiert von der freien Journalistin Hannah Beitzer sprachen

  • Dagmar Freudenberg, Vorsitzende der Kommission Strafrecht des Deutschen Juristinnenbundes,
  • Julia Schramm, Amadeo Antonio Stiftung und
  • Malte Spitz, Bündnis 90/Die Grünen

über ihre Ansätze, Cybermobbing und anderen Formen digitaler Gewalt zu begegnen.

Der zentrale Gegensatz: Gesetzesverschärfungen versus konsequente Anwendung bestehender Regelungen.

Dagmar Freudenberg als Staatsanwältin vertritt eine klare Position:

  • Die bestehenden Gesetze wurden für die analoge Welt entwickelt und reichen nicht aus. Denn
  • Angriffe im Netz bleiben jahre- oder jahrzehntelang bestehen.
  • Sie werden weitergeleitet und kopiert.
  • Sie haben oft Folgen in der analogen Welt.

Anwenden lassen sich Straftatbestände wie Verleumdung, Beleidigung oder „Nachstellung“ (Stalking). Sie sind aber mit einem sehr geringen Strafmaß belegt, die Fälle werden oft als Bagatelle eingestuft. Ein Straftatbestand Mobbing fehlt bisher völlig.

Ihr Ansatz:

„Selbstverpflichtungen der Betreiber reichen nicht aus. Gesetze müssen auch durchgesetzt werden können.“

Deshalb plädiert sie für Regelungen, die eine strafrechtliche Verfolgung der Täter_innen zulassen. Das heißt: Autor_innen müssen ermittelt werden können. Denn wenn eine Zuordnung des Gerätes zu einem Nutzer nicht möglich ist, besteht keinerlei Handlungsmöglichkeit. Eine Möglichkeit sieht sie in der umstrittenen Vorratsdatenspeicherung. Außerdem:

„Beim Geld sind alle empfindlich. Betreiberhaftung könnte eine Möglichkeit sein.“

Betreiber von Seiten zur Löschung problematischer Inhalte zu verpflichten oder Konzerne zur Installierung einer juristischen Vertretung in jedem Land zu verpflichten, darin sieht sie mögliche juristische Schritte.
Julia Schramm, die während ihrer Mitgliedschaft in der Piratenpartei selbst dramatische Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht hat und lange unter posttraumatischen Belastungstörungen litt, beschreibt ihre negativen Erfahrungen mit den Behörden: Anzeigen wurden nicht ernstgenommen oder Polizeibeamt_innen legten ihr nahe, doch einfach nicht mehr im Netz präsent zu sein. Bei einem auf die digitalen Angriffe folgenden Einbruch hieß es lapidar:

„Kaufen Sie sich doch mal ein ordentliches Schloss.“

Ihr Vorschlag: Ein großer Schritt wäre schon die Senkung von Hürden, um Anzeige erstatten zu können. Bisher ist das ein großer Zeit- und Arbeitsaufwand. Außerdem spricht sie sich für die Schulung von Polizist_innen aus, damit sie Betroffene ernster nehmen.

Malte Spitz kennt derartige Angriffe auch – er nennt unter anderem das Beispiel Claudia Roth, die als stark polarisierende Person vielerlei Angriffen ausgesetzt ist. Auch in seinem Umfeld ist die Erfahrung mit der Strafverfolgung eher ernüchternd: In den meisten Fällen kam es zu keiner Verurteilung.

Trotzdem spricht er sich ebenso wie Schramm gegen die Vorratsdatenspeicherung aus, auch gegen jegliche Aufnahme von Daten: Damit werde die Freiheit des Netzes komplett ausgehebelt:

„Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die keine freie Kommunikation mehr möglich macht?“

Seine Ideen: Es könnten Schwerpunktstaatanwaltschaften gebildet werden, die sich nur mit Cybermobbing beschäftigen. Musterprozesse, die zu einem hohen Strafmaß führen, könnten abschreckende Wirkung haben. Dazu verweist er auf das Beispiel eines rassistischen Faceboook-Kommentators, der kürzlich verurteilt wurde. Er glaubt, mit Sensibilisierungsmaßnahmen für die Mitarbeitenden der Betreiber_innen könne mehr Selbstkontrolle durchgesetzt werden.

Schramm ist ähnlicher Auffassung. Und sie problematisiert außerdem die Erwartung, der Staat könne sich als Verbündeter erweisen – im Netz drückten sich die gleichen hegemonialen Diskurse aus, die auch offline regierten – weder der Staat noch kapitalistische Unternehmen hätten ein Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung damit. Als Mitarbeiterin von No-Nazi.net weiß Schramm, dass die großen Provider kein inhaltliches Interesse an der Unterbindung von sexistischen oder rassistischen Kommentaren haben. Öffentliche Aufmerksamkeit könne aber genutzt werden:

„Provider schmücken sich gern mit der Zusammenarbeit“.

Freudenberg bestätigt zwar, dass Angriffe im Netz noch viel zu selten ernst genommen würden. Eine anonyme Opferbefragung des LKA Niedersachsen habe gezeigt, dass unter 10 Prozent aller Cyberdelikte angezeigt werden – mit der Begründung, dass die Betroffenen sich nichts von einer Anzeige versprechen.

Dagmar Freudenberg

Sie setzt darauf, dass das Bewusstsein mit einer veränderten Gesetzgebung auch steigen werde.

„Mich erinnert das an die Diskussionen über häusliche Gewalt vor 20 Jahren. Damals wurde auch gefragt: Gibt es das überhaupt? Brauchen wir das? Erst das Gewaltschutzgesetz führte zur Durchsetzung eine gesellschaftlichen Paradigmenwechsels. Anders wird es hier auch nicht gehen.“

Einig sind sich alle darin, dass ein öffentliches Bewusstsein für die Relevanz des Problems noch fehle – und dringend gefördert werden muss.

Wie relevant das Thema ist, zeigt sich an der ersten Meldung aus dem Publikum: „Wieso denn immer nur gleiche Meinungen zugelassen würden?“, möchte ein Typ wissen. Es müsse doch auch mal darüber diskutiert werden, ob das Phänomen Traumatisierung nicht nur ausgedacht und Frauen selbst schuld an den Angriffen seien. Als er seinen Namen nennt, erkennen ihn viele als im Netz aktiven Maskulisten.

In der Abschlussrunde werden erste Handlungspläne entworfen. So meldet sich ein Vorstandsmitglied des Deutschen Frauenrats:

„Bei einer Verbandsklage würden wir mitmachen.“

Zusammenschlüsse, gemeinsames Vorgehen halten alle für eine gute Idee. So schloss Freudenberg:

„Die Viktimologie zeigt, dass das Gefühl des Alleinseins das Problem verstärkt. Insofern kann ein Zusammenschließen schon helfen“

 

Dagmar Freudenberg im Interview
httpv://youtu.be/7GsUusUzrqM

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Am Anfang nur ein Funken, am Ende eine Bewegung: Feminismus trifft Behinderung https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/am-anfang-nur-ein-funken-am-ende-eine-bewegung-feminismus-trifft-behinderung/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/am-anfang-nur-ein-funken-am-ende-eine-bewegung-feminismus-trifft-behinderung/#respond Sun, 18 Oct 2015 13:30:25 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=269 Feminismus trifft Behinderung – Paneldiskussion. Die Empfehlungen des UN-Fachausschusses zur Behindertenrechtskonvention

In kaum einem Dokument kommt die Bundesrepublik Deutschland so schlecht weg wie in den „Concluding Observations“ des UN-Fachausschusses zur Behindertenrechtskonvention. In fast allen Bereichen, die die Konvention umfasst, sind die Richtlinien mangelhaft umgesetzt. Inklusive Bildung, Gesundheit, Zugang zu kulturellen Angeboten oder Gewaltschutz – die Mängelliste ist fast endlos lang. (Informationen auf der Seite des Deutschen Instituts für Menschenrechte)

Welche Missstände es gibt und was getan werden muss, um sie zu beseitigen, diskutierte ein Expertinnen-Panel, moderiert von Dr. Sigrid Arnade, Geschäftsführerin der Initiative Selbstbestimmt Leben (ISL). Arnade war an der Erarbeitung der UN-Menschenrechtskonvention für Menschen mit Behinderung beteiligt, kennt sich also bestens im Themenfeld aus.

Mit ihr diskutierten, ebenfalls gut vorbereitet und hochkonzentriert:

  • Prof. Dr. Swantje Köbsell, Alice Salomon Hochschule Berlin
  • Britta Leisering, Institut für Menschenrechte
  • Rebecca Maskos, Journalistin und Autorin
  • Judy Gummich, Diversity Trainerin

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Dass das Thema Behinderung einen zentralen Platz auf einer feministischen Tagung verdient hat, war eindeutig: Die Veranstaltung war – für die Diskutantinnen überraschend – sehr gut besucht. Und Köbsell stellte in ihrem Eingangsvortrag auch deutlich heraus, welche Verbindungen zwischen Ableism und Sexismus, zwischen Frauen*bewegungen und Behindertenbewegungen zu ziehen sind.

Ebenso wie die Gender Studies von „sex“ als biologischer, „gender“ als sozialer Kategorie sprechen, wird in den Disability Studies eine Unterscheidung zwischen „Beeinträchtigung“ als körperlicher Eigenschaft und „Behinderung“ als gesellschaftlicher Konstruktion und Zuschreibung gesprochen. Nicht zuletzt deshalb sprechen sich später die Panelistinnen für den Begriff „behinderte Frauen*“ statt „Frauen mit Behinderung“ aus – schließlich werden Frauen* behindert, sie besitzen keine Behinderung.

Köbsell zeichnet die historischen Kämpfe nach, zeigt auf, wie lange behinderte Frauen* von der Frauen*bewegung nicht mitgedacht wurden, wie lange auch die Behindertenbewegung von männlicher Dominanz geprägt war. Das „Geburtsdatum“ der feministischen Behindertenbewegung sieht sie im Jahr 1980, als erstmals Frauen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen gemeinsam für ihre Rechte auf die Straße gingen.

Feminismus trifft Behinderung Panel 1

Ihr historischer Abriss informiert nicht nur über die Entwicklung der Bewegung, sondern auch über gesetzliche Regelungen, die erst durch öffentlichen Druck und Protestkampagnen erreicht werden konnten. So ist es der Arbeit von Selbstorganisationen zu verdanken, dass es in Bundes- und Landesgleichstellungsgesetzen überhaupt Passus zu Rechten von behinderten Frauen* gibt.

Die Diskussion konzentriert sich vor allem auf das Thema Gewalt, denn die ist das zentrale Thema in den „Concluding Observations“. Zu diesem Thema muss die Bundesrepublik innerhalb eines Jahres konkrete Verbesserungsvorschläge machen. Sehr sinnvoll, denn behinderte Frauen* sind Gewalt in besonderem Maße ausgesetzt. Und das hängt auch mit staatlichen Strukturen und Lücken zusammen: Weder gibt es eine bundesweite Gewaltschutzstrategie oder eine Überwachungsstelle, an die sich Betroffene wenden könnten, noch etwa flächendeckend Frauenbeauftragte in Werkstätten für Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Die Journalistin Rebecca Maskos zählt die gruseligen Zahlen einer weltweiten Haushaltsbefragung auf.

Rebecca Maskos

Demnach hat die Hälfte aller behinderten Frauen* sexualisierte Gewalt erlebt, 60-70 Prozent körperliche und ganze 90 Prozent psychische Gewalt – also etwa Beleidigungen, Einschüchterungen und Mobbing. Täter_innen sind – wie bei anderen Frauen* auch – meist Angehörige, aber eben auch Mitarbeitende in Wohneinrichtungen oder Werkstätten.

Judy Gummich weist das Fehlen eines mehrdimensionalen Blicks hin: Frauen* mit Rassismuserfahrungen würden bisher kaum gesondert erfasst – und auch Selbstorganisationen von Schwarzen Frauen* und Migrant_innen bezögen das Feld Behinderung kaum in ihre Arbeit ein.

Britta Leisering zufolge zeigen die Empfehlungen einerseits, dass in Genf sehr genau hingesehen wird – andererseits aber, wie weit Deutschland noch davon entfernt ist, die Konvention ernstzunehmen: Es gebe nicht einmal genug belastbare Zahlen zur Mehrfachdiskriminierung, um überhaupt sinnvolle Studien erstellen zu können.

Die Expertinnen, und das ist auch der großartigen Moderation von Sigrid Arnade zu verdanken, stellen jedoch genug Ansätze zur Veränderung vor, um Mut zum Handeln, Mut zur Vernetzung zu machen.

Welche Handlungsmöglichkeiten gibt es, um der Mehrfachdiskriminierung von behinderten Frauen endlich gezielt entgegenzutreten? Welche ersten Schritte werden schon gegangen? Dazu sammeln Podiumsgäste und Publikum zum Schluss Ideen.

  • Rebecca Maskos berichtet von ihrer Mitarbeit in einem Projekt, das in Werkstätten beschäftigte Frauen* empowert und zu Ansprechpartnerinnen für andere Frauen* ausbildet – denn behinderte Frauen durchliefen sehr häufig eine „Sozialisation zur Fügsamkeit“ anstatt NEIN-sagen zu lernen,
  • Eine Verordnung zur Installierung von Frauenbeauftragen in allen Werkstätten ist ihr zufolge in Planung
  • Weiter empfiehlt sie die Schulung von Mitarbeitenden in Einrichtungen, von Lehrpersonen, Ärzt_innen und von behinderten Frauen* selber
  • Rechtsansprüche auf Weiterbildung, eigene Wahl des Pflegepersonals etc. müssen vom Kostenvorbehalt gelöst werden
  • Judy Gummich berichtet, dass die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) das Thema aufgegriffen habe und wird Workshops zur eigenen Sensibilisierung organisieren
  • Britta Leisering spricht von der großen Chance, die sich aktuell biete: Denn der aktuelle Bericht der Bundesregierung werde gerade in Genf überprüft. Genau jetzt hat die Zivilgesellschaft also die Gelegenheit, Kritik anzubringen und konkrete Verbesserungsvorschläge im Schattenbericht anzubringen. Bis 2019 ist dazu Zeit.
  • Sie verweist auch auf die Lage von geflüchteten behinderten Frauen*: Sie haben keinen Anspruch auf Hilfsmittel oder präventive Leistungen etwa bei chronischen Krankheiten.
  • Ein positives Beispiel nennt dazu Swantje Köbsell: In Bremen und Hamburg erhalten Geflüchtete eine Gesundheitskarte statt bei jeder Erkrankung einen Schein beantragen zu müssen.
  • Aus dem Publikum kommt hier die Idee, einen offenen Brief an Ministerien und weitere Stellen zu schreiben und in Aufnahmelagern Druck auszuüben
  • bestehende Vereine, die keine gesicherte Weiterfinanzierhung haben (wie etwa Menschenkind und das Zentrum für selbstbestimmtes Leben) können finanziell unterstützt werden
  • Begegnungsmöglichkeiten von Menschen mit und ohne Behinderungen – wie die heutige Podiumsdiskussion – können geschaffen werden, um Berührungsängste abzubauen
  • Swantje Köbsell nennt das Beispiel der ASH, die  im Stadtteil Hellersdorf mit behinderteen Geflüchteten arbeiten wird und appelliert an die Wissenschaft, das Thema Behinderung intersektionaler zu betrachten
  • Sigrid Arnade plant, einen Spendenpool an Hilfsmitteln aufzubauen.

Feminismus trifft Behinderung Publikum

Alle Beteiligten ziehen ein sehr positives Resümee aus der Veranstaltung:

Auch wenn noch viel zu tun ist, scheint das Thema Behinderung mehr in den Fokus zu treten. Und vielleicht, so resümiert Leisering, ist heute der erste Funke zu einer neuen Bewegung übergesprungen – einer Bewegung, die die unterschiedlichen Machtverhältnisse Ableism, Sexismus, Rassismus, Heterosexismus nicht nur additiv, sondern intersektional in den Blick nimmt, ergänzt Judy Gummich.

 

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Unsichtbar? Vielleicht. Unwichtig? Von wegen! https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/unsichtbar-vielleicht-unwichtig-von-wegen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/unsichtbar-vielleicht-unwichtig-von-wegen/#respond Sun, 18 Oct 2015 11:46:35 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=241 Die Finanzkrise trifft als erstes die ohnehin benachteiligten Gruppen der Gesellschaft. In Griechenland sind durch den Ausfall des Sozialstaats und der Zunahme von Gewalt Frauen* und insbesondere migrantische Frauen* betroffen. Dennoch ist der Krisendiskurs in den Medien vor allem ein männlicher – Frauen* kommen darin kaum vor und auch der Genderaspekt wird als „Nebenwiderspruch“ ausgeblendet.

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Nach einem langen und prall gefüllten zweiten Veranstaltungstag stand mit dem Abendpanel um 20 Uhr noch ein besonders aktuelles Thema auf dem Programm: Moderiert von Missy Magazine-Herausgeberin Margarita Tsomou, erörterten die Politikwissenschaftlerin Nelli Kampouri und die Aktivistin Debbie Carlos-Valencia die Rolle von Frauen* in der Griechenlandkrise. Entgegen der gängigen medialen Darstellung, die eine glauben ließe, die politischen Hauptakteure in Griechenland seien vor allem Männer, stellte Margarita Tsomou einleitend fest, dass vor allem Frauen* und insbesondere migrantische Frauen* Impulse für die jüngsten politischen Bewegungen setzten, ja sogar ausschlaggebend für die wichtigsten solidarischen Bestrebungen waren. So war es beispielsweise eine Gruppe im Ministerium angestellter Reinigungskräfte, die – von den Kürzungen im öffentlichen Sektor unmittelbar und brutal betroffen – einen monatelangen öffentlichen Protest vor dem Finanzministerium organisierten und damit den Begriff der Rubberglove Revolution (Gummihandschuh-Revolution) prägten. Doch ebenso seien migrantische Frauen* alles andere als nur stumme Opfer der verschärften sozialen Verhältnisse gewesen, sondern hätten auch ihre Kämpfe mit der Bewegung verknüpft.

Diese und ähnliche Arten von Verknüpfungen, als Folge von politischen Allianzen, aber auch politischen Ausschlüssen, beleuchtete der Impulsvortrag von Dr. Kampouri. Auch sie betonte die Tatsache, dass es sich bei der solidarischen Protestbewegung in Griechenland vor allem um eine feministische bottom-up-Revolution handelt, und dass politische Allianzen mit LGBTQ-Gruppen neue politische Themen auf die Agenda der Linken gesetzt hätten. Kampouri berichtete jedoch auch davon, welche Art diskursive Schulterschlüsse von Mainstream und Faschismus aus dem Parlamentseinzug der faschistischen Partei „Goldene Morgenröte“ erwachsen seien. Auch zeigte sie sich skeptisch, ob schon die Forderung nach parlamentarischer Repräsentation ausreiche, um feministische Anliegen auf die politische Agenda zu setzen. Und obgleich sich Syriza im Zuge ihres Aufstiegs nicht nur feministischer Rhetorik, sondern auch feministischer Unterstützung bedient habe, sei spätestens jetzt klar, dass die Regierung LGBTQ-Themen zu Gunsten anderer marginalisiere. Mit den Worten Penny Griffins konstatierte sie, dass die diskursive Vormachtstellung des Ökonomischen im Stande sei, ganze Konzepte wie Kultur, Gender, Race, Produktion, Konsum und Repräsentation fast vollständig zu schlucken.

Insgesamt bekräftigte sie, dass die Wirtschaftskrise bisher nicht nur zerstörerische Folgen für die griechische Bevölkerung gehabt habe, sondern auch als ein Katalysator für soziale Bewegungen, Solidarität und Emanzipation gelesen werden könne. Und daran seien vor allem die Gruppen beteiligt gewesen, die durch die Krise am härtesten getroffen wurden.

„Meiner Meinung nach waren es die Kämpfe der schlecht bezahlten, prekären, größtenteils migrantischen, aber auch griechischen Frauen in den Reinigungs-, Hauswirtschaft- und Pflegesektoren, die griechische Gender-, Klassen- und rassifizierte Privilegien maßgeblich in Frage gestellt haben.“

Von eben jenen Gruppen und Kämpfen handelte der Vortrag von Debbie Carlos-Valencia, Mitbegründerin der philippinischen Frauenkooperative DIWATA und des migrantischen Frauennetzwerks MELISSA in Athen. Migrantische Frauen*, ohnehin marginalisiert und ökonomisch exkludiert, würden durch die aktuelle politische Situation stetig weiter unsichtbar gemacht. Dabei habe sich die Lage der überwiegend im Domestic Labour-Bereich arbeitenden Frauen* immens verschärft. Carlos-Valencia berichtete von institutioneller Diskriminierung auf mehreren Ebenen, von fehlender Anerkennung und brutalen körperlichen Angriffen.

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Der erhöhten ökonomischen, sozialen und körperlichen Verletzbarkeit migrantischer Arbeiter_innen setzte Carlos-Valencia deren außergewöhnliche Stärken entgegen. Sie betonte die vielfache Bildung selbstorganisierter Strukturen und quasi-institutioneller Netzwerke: Als ihren Kinder nicht erlaubt wurde, staatliche Betreuungsangebote zu nutzen, gründeten sie ihre eigene Kita. Die Löhne der in privaten Haushalten arbeitenden Frauen* waren vollkommen willkürlich gesetzt – also schlossen sie sich zu einer gewerkschaftsähnlichen Organisation zusammen, die bis heute erfolgreich Mindestlohngrenzen aushandelt. Und vor allem, hob Carlos-Valencia hervor, setze die migrantische Frauen*bewegung auf Allianzen – über alle Grenzen und Nationalitäten hinweg.

„Wir bilden vor allem Bündnisse mit und unter den Geflüchteten und Migrant_innen, aber auch mit den zivilgesellschaftlichen Organisationen, NGOs, und Gewerkschaften der Aufnahmeländer. So machen wir sichtbar, dass unsere migrantischen Organisationen in Wahrheit transnationale soziale Akteure sind, Triebkräfte des Wandels sowohl in den Herkunfts- als auch den Aufnahmeländern.“

Wiederholt verwies Carlos Valencia auf eben diesen Nutzen, den Migrant_innen darstellen, etwa wenn sie die überdurchschnittliche Flexibilität, Eigenverantwortung oder sparsame Findigkeit der migrantischen Frauen* betonte. So sei der Name des Netzwerks MELISSA (μέλισσα), griechisch für Biene, nicht zufällig gewählt:

 „Migrantische Frauen sind Bienen, hart arbeitende Bienen. Sie sind von weit her gekommen, aus der ganzen Welt, und sie bringen mit sich ihre Skills und Talente, ihre Träume und Ideen, und ihre einzigartigen Stärken.“

Es war dieser Punkt, die Betonung jener individualistischen, wenn nicht gar vorbildlich neoliberalen assets in Verbindung mit angeblichen tierischen Eigenschaften, die dem Abend einen interessanten, unvorhergesehen performativen Spin gaben. Denn während Kampouri noch einwarf, dass es neuen Studien zufolge zumindest auch faule Ameisen, warum dann also nicht auch faule Bienen gäbe, lenkte die Moderatorin die Aufmerksamkeit auf eine sich kaum merklich voran bewegende Prozession von Faultieren: Eine kostümierte Gruppe „fauler Frauen“ aus dem vorangegangen Workshop. Und auch wenn es die Faultiere mit ihrer Performance nie bis an das Podium schafften, klangen die diskursiven Untertöne dieses ideologischen Konflikts noch im Raum nach. Müssen Migrant_innen immer fleißig wie Bienen, Gesellschaften immer ameisenemsig sein? Denn wie lässt sich noch anders über (migrantische) Frauen, Care-Arbeit und Reproduktionsarbeit sprechen in einem Land, das die Demokratie der Ökonomie opfern musste, das den Sozialstaat im Zuge struktureller Anpassung so demontiert hat, dass die Verdinglichung von Menschen unabdingbar, Migrant_innen konsequent verwertbar geworden sind. Auch für die Expertinnen auf dem Panel stellt sich am Ende die Frage: Lässt sich der Begriff Feminismus mit Werten jenseits von Wachstum füllen? Wohl erst, wenn alle Frauen* Faultiere sein können.


 

Eine Videoaufnahme der Veranstaltung gibt es hier.

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Das Wasser, in dem wir schwimmen https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/das-wasser-in-dem-wir-schwimmen/ https://dare-the-impossible.boellblog.org/2015/10/18/das-wasser-in-dem-wir-schwimmen/#comments Sun, 18 Oct 2015 11:35:01 +0000 http://dare-the-impossible.boellblog.org/?p=214 Kopftuch-Debatte! Beschneidungsdebatte! Kirchenprivileg-Debatte? Zum Verhältnis von Staat und Religionen aus feministischer Perspektive

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Wenn aus emanzipatorischer Sicht über religiöse Rituale oder gar Fundamentalismus gesprochen wird, geht es in der Regel um das Kopftuch, Beschneidung, die Un_Sinnigkeit von Essensvorschriften, Islamismus, orthodoxes Judentum, Ehrenmorde – selten aber um evangelikale Abtreibungsgegner*innen oder gesetzliche Sonn- und Feiertagsregelungen. „Wir sehen nicht das Wasser, in dem wir schwimmen“, darüber waren sich auch die Frauen auf dem Podium einig. Gemeint ist das durch gesetzliche Feiertage oder auch durch die Kalenderstruktur normalisierte Christentum als Teil deutscher Kultur.

Auf der Bühne saßen die Juristin Dorothee Frings, die evangelische Theologin Claudia Janssen, die Historikerin Yasemin Shooman und Hannah Tzuberi, Professorin für Judaistik. Moderiert hat die Tagesspiegel-Redakteurin Andrea Dernbach.

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Über die Illusion religiöser Neutralität waren sich die vier Frauen schnell einig: Christliche Traditionen werden als Normalität angesehen, während jüdische häufig in einen kulturellen und vor allem muslimische in einen religiösen Kontext geschoben werden, so Hannah Tzuberi. Auch hat die vermeintliche Religionsneutralität unterschiedliche Auswirkungen auf die Religionen: Während der Glaube christlicher Personen nicht von einer Kreuzkette abhängt, hängt am Hijab ein großer Teil von Religionspraxis, Identität und selbstbestimmter Performance. Dennoch wird von christlichen oder atheistischen Personen das Kopftuch wenig als Ausdruck von Religion und mehr als Unterdrückungssymbol verstanden. In westlichen Kopftuchdebatten wird Sexismus in der Regel auch als Haupt- und Rassismus als Nebenwiderspruch konstruiert – eine Rhetorik, die in einer weiß dominierten Gesellschaft unangemessen erscheint.

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Claudia Janssen zufolge hängen Antisemitismus und anti-muslimischer Rassismus auch mit dem Unwissen über die eigene Religion zusammen. Eine Förderung von Aufklärung über Religionen könnte gemeinsame Nenner sichtbar machen und Ignoranz abbauen.

Weniger wohlwollend war hingegen das Publikum, das sich bei der Öffnung des Panels in erschreckend hoher Zahl nicht nur gegen Religionen, sondern insbesondere gegen den Islam positionierte. Was denn mit den Sexismen in muslimischen Communities sei, wollte eine wissen. Yasemin Shooman entgegnete, dass es natürlich – wie in allen patriarchalen Strukturen – auch Sexismen in muslimischen Gemeinschaften gäbe. Diese externe Thematisierung lade aber zur Instrumentalisierung durch rassistische Personen ein. So sei es wichtiger, die internen Konflikte auch intern zu verhandeln.
Und ein laizistischer Staat? Würde Atheist_innen privilegieren, so Claudia Janssen.

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Im Anschluss sprach ich über das Panel und die Beziehung zwischen Staat und Religion mit Yasemin Shooman, die an der Akademie des Jüdischen Museums ein Jüdisch-Islamisches Forum aufbaut.

Worüber sprechen wir in erster Linie, wenn wir über Staat und Religion sprechen?

Das Verhältnis von Staat und Religion ist in den vergangenen Jahren in Deutschland hauptsächlich im Hinblick auf den Islam diskutiert worden, der – im Gegensatz zu den christlichen Kirchen und den jüdischen Gemeinden – bis auf wenige Ausnahmen nicht als Religionsgemeinschaft im Sinne des Staatskirchenrechts anerkannt ist. Insbesondere der Körperschaftsstatus verleiht Privilegien, darunter das Recht, Mitgliedsbeiträge zu erheben und vom Staat einziehen zu lassen, aber auch Steuerbefreiungen etc. Als erste islamische Religionsgemeinschaft hat die Ahmadiyya-Muslim-Jamaat 2013 in Hessen diesen Status erlangt. Aber auch jenseits des Körperschaftsstatus hängen viele Rechte, z.B. das Recht, bekenntnisgebundenen Religionsunterricht an staatlichen Schulen anzubieten, das Betreiben von Friedhöfen, die Vertretung in Rundfunkräten etc. prinzipiell an der Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Von einer Gleichstellung mit den anderen Religionsgemeinschaften ist der Islam in Deutschland daher noch weit entfernt.

Was wäre aus feministischer Perspektive die Utopie in Punkto Staat und Religion?

Ich glaube nicht, dass es bei diesem Thema eine feministische Perspektive gibt – sie hängt davon ab, wie frau es mit der Religion hält. Die meisten Religionen, zumindest die monotheistischen, sind patriarchal strukturiert, es ist daher verständlich, dass viele feministische Positionen eher auf Distanz zu Religionen gehen und deren größtmögliche Zurückdrängung wünschen, was im Verhältnis von Staat und Religion auf eine strikte Trennung, also Laizismus hinausläuft. Für viele andere ist Religion aber ein wichtiger Bestandteil ihrer Identität. Für sie ist eine Gesellschaft, in der alle Menschen ihren Glauben oder ihren Nichtglauben in größtmöglicher Freiheit ausleben können das Ideal, das am ehesten in einer „fördernden“ Neutralität des Staates gegenüber allen Religionen und Weltanschauungen verwirklicht werden kann.

Welche Version halten Sie für emanzipatorischer: Alle religiöse Feiertage werden gleichermaßen zelebriert oder das komplette Ausblenden aller Feiertage, also beispielsweise auch keine Weihnachtsferien?

Diese Vorstellung baut auf der Annahme auf, das Weglassen von Weihnachten oder Ostern würde unseren Kalender „neutral“ machen, was eine Illusion ist: Der Kalender ist christlich, der freie Sonntag ist christlich – wie sollte man das alles ausblenden? Ich bin eher für eine pragmatische Integration anderer wichtiger religiöser Feiertage in diesen Kalender. Das würde eine Anerkennung und Wertschätzung der religiösen Vielfalt in diesem Land signalisieren, ohne die christliche Prägung Europas zu verschleiern.

Welche Stimmen dominieren in Religionsdebatten, welche werden dadurch unsichtbar?

Das hängt wieder davon ab, welche Religionsgemeinschaft wir betrachten. Im Hinblick auf den Islam war es in den letzten Jahren so, dass im etablierten medialen Diskurs insbesondere „islamkritische“ Stimmen prominent zu Wort kamen, manchmal kontrastiert durch extrem konservative bzw. salafitische Positionen. Das große Spektrum praktizierender Muslim*innen, die sich weder von ihrer Religion losgesagt haben noch alle anderen für verdammungswürdige Ungläubige halten, konnte sich kaum Gehör verschaffen. Das gilt insbesondere für kopftuchtragende Frauen, die sich lange Zeit nicht selbst repräsentieren durften. Das ändert sich gerade ein wenig, würde ich sagen.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass queere und feministische Theologie es in die Dominanzgesellschaft schaffen und so anti-muslimischer Rassismus abgebaut werden kann?

Ich weiß nicht, ob feministische Theologie den antimuslimischen Rassismus abbauen kann. Den Rassist_innen sind die Rechte muslimischer Frauen herzlich egal, sie schieben Menschenrechte lediglich vor, um sich der eigenen Superiorität zu versichern. Mir wäre es eigentlich wichtiger, dass gendergerechte theologische Ansätze größeren Einfluss innerhalb des muslimischen Mainstreams – gerade auch in Deutschland – entfalten.

Wie sollten feministische Religionsdebatten eigentlich wirklich aussehen?

Ich glaube, es wäre hilfreich, Religion und Feminismus nicht als Antagonismus zu denken. Nicht-religiöse Feministinnen sollten aushalten lernen, dass es Frauen gibt, die aus ihrer religiösen Identität heraus den Kampf um Frauenrechte führen wollen, z.B. auch mit einem Kopftuch. Der Paternalismus vieler weißer Feministinnen, der schon vor Jahren von Schwarzen Feministinnen und Feministinnen of Color kritisiert worden ist, ist leider weiterhin häufig anzutreffen. Eine große Herausforderung ist zudem die Frage, wie Religionskritik in Bezug auf Minderheitenreligionen aussehen kann, denn diese Kritik, und das wird oft vernachlässigt, ist in eine asymmetrische Kommunikationsstruktur eingebettet.

Was ist Ihre feministische Forderung an das 21. Jahrhundert?

Eigentlich keine wirklich neue Forderung: Den Sexismus nicht gegenüber anderen Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen – wie dem Rassismus – zu hierarchisieren. Birgit Rommelspacher hat schon vor zwanzig Jahren angemahnt, dass sich ein solcher Feminismus seines emanzipativen Potentials beraubt, da er zum Zwecke der Aufhebung eines gesellschaftlichen Machtverhältnisses ein anderes bestätigt und damit stärkt.

Das Panel im Stream gibt es hier zu sehen.

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