Advertise with Googlier.com Land Weg https://blogs.taz.de/jottwehdeh Imma Harms verdünnisiert (oder erleichtert) sich. Das Zusammengetragene ihres Lebens sichtet, verteilt, verwirft sie - auch in Vorsorge auf eigene Hinfälligkeit, auf Demenz oder Lebensende. Mon, 02 Mar 2026 10:54:49 +0000 de hourly 1 Betreutes Wählen https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2026/02/25/betreutes-waehlen/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2026/02/25/betreutes-waehlen/#respond Wed, 25 Feb 2026 14:21:50 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1743 Mein Freund C. ist vor zwei Monaten in eine Demenz-WG in Strausberg eingezogen. Als seine Bevollmächtigte habe ich alles organisiert und ihn auch bei der Stadtverwaltung als neuen Mitbürger in Strausberg angemeldet. Mit der Anmeldebestätigung habe ich gleichzeitig die Wahlbenachrichtigung für die Bürgermeisterwahl bekommen, die drei Wochen später stattfinden sollte. Die habe ich ohne weitere Beachtung weggeheftet.

Wir Linken-Affinen auf dem Gutshof dürfen in Strausberg nicht mitwählen, aber wir verfolgen den Wahlkampf des Linken-Kandidaten für das Bürgermeisteramt, Knut heißt er, mit großem Interesse und einige von uns sind auch unterstützend unterwegs. Mit Genossin E. rede ich darüber, dass C. jetzt in Strausberg wahlberechtigt ist, aber dass ich nicht weiß, wie ich ihm helfen könnte, sein Wahlrecht in Anspruch zu nehmen. E. ermutigt mich. „Jede Stimme zählt!“, sagt sie. Aber wie? Briefwahl? Schwierig, er wäre wohl nicht in der Lage, die Wahlunterlagen zu unterschreiben. Hingehen? Vielleicht. C. vergisst zwar alles, was mehr als eine halbe Stunde zurückliegt, ist aber in der jeweiligen Situation hellwach und urteilsfähig.

Ich will aber nicht manipulativ sein, auch wenn ich mir wünsche, dass er dem Linken-Kandidaten, und vor allem nicht dem von der AfD, seine Stimme gibt. Ich mache also einen Extra-Zettel für C., auf dem ich die Fotos und eine Kurzvorstellung der Kandidaten zusammengestellt habe. Es sind fünf. Im Pflegeheim schaut C. konzentriert auf den Zettel. Die Angaben zu den Personen interessieren ihn nicht so sehr, mehr die Fotos. Die einzige Frau, Annette Binder, gefällt ihm nicht. Patrick Hübner, Einzelkandidat, ist zu jung und grinst zu penetrant. Steffen Schuster von der Bürgerinitiative UfW sagt ihm nichts, interessiert ihn nicht. Dennis Panser von der AfD, nee, den will er auch nicht haben. Bleibt erstmal nur Knut Steinkopf von der Linken. Aber was will der? „Steinkopf will die Kultur in der Stadt beleben und Kita- und Schulplätze sichern.“, liest C. – „Was soll das denn heißen? Wischiwaschi-Aussage. Will doch jeder!“ Ich bemühe mich, nicht Partei zu ergreifen.

Das Wahllokal ist in derselben Straße wie das Pflegeheim, nur ein paar Häuser weiter. Wir schieben im Rollstuhl hin. Großer leerer Saal, wohl die Aula der Schule, auf der einen Seite des Eingangs die Ausgabe des Wahlzettels, auf der anderen Seite die Wahlurne und das Wählerverzeichnis zum Auskreuzen der WählerInnen vor dem Einwurf des Zettels. Alle amtlichen Einrichtungen werden von aufmerksamen und ernst dreinschauenden Menschen bewacht und bedient. Die Wahlkabine steht im Hintergrund des Saals direkt vor der Bühne. Ich lege der Hüterin der Stimmzettel die Wahlbenachrichtigung vor und auch meine Vollmacht für C.‘s Betreuung. Sie fragt, ob ich mit in die Wahlkabine gehen will. Ich bin etwas unsicher, schwanke zwischen Solidarität und Loyalität. Ich schaue C. an, er grinst. Ich sage: „Ja, ich helfe ihm“ und schiebe C. durch den langen Gang zur Wahlkabine.

Der Stimmzettel ist ausgebreitet, ich lege vorsichtshalber meinen Spickzettel mit den Kandidaten-Informationen und -Bildern daneben, falls er sich nicht mehr erinnert. C. lässt seinen Kugelschreiber über dem Wahlzettel kreisen. Knut Steinkopf steht an zweiter Stelle, direkt unter dem AfD-Kandidaten. Ich halte den Atem an, jetzt will ich wirklich nichts mehr sagen! „Hier?“ fragt C. und deutet auf den Kreis hinter Steinkopf. Ich nicke verschämt. Da meint C., und wieder grinst er mich dabei an: „Soll ich mal ganz laut fragen, wen ich denn nun wählen soll?“ Ich knuffe ihn in die Seite und schüttele entsetzt den Kopf. Er macht dann ohne weitere Beeinflussung von mir sein Kreuz bei dem Linken-Kandidaten. Wir schieben den langen Gang zurück und er wirft sein Wählervotum ein.

Bei meinem nächsten Besuch in der Demenz-WG erzähle ich C., dass „unser“ Kandidat leider nur Dritter geworden ist und damit nicht in die Stichwahl kommt, wir uns somit auch den zweiten Gang zum Wahlbüro schenken können. C. guckt mich vertrauensvoll-fragend an; er hat nicht die geringste Ahnung, wovon ich rede. Na, ist ja jetzt egal, dachte ich.

…dachte ich! Acht Tage später wird die Bürgermeisterwahl in Strausberg annulliert. Ein Skandal, der sich langsam aber sicher wellenförmig ausweitet. Der Kandidat mit den meisten Stimmen hat ein Geschäft in Strausberg, das auch eine Poststelle enthält, wo die Briefwahlunterlagen ankamen. Von diesen Wahlbriefen ist merkwürdigerweise ein Drittel verschwunden! (Unter anderem hier nachzulesen.)  Ich muss das nicht weiter ausführen; es steht überall und der Skandal wird sich vermutlich noch ausweiten. Durfte der Landrat die Wahl annullieren? Durfte die Post das Registrieren der eingegangenen Wahlbriefe an den Geschäftsinhaber übertragen, wenn der auch gleichzeitig Kandidat war? Wie signifikant sind die unterschiedlichen Stimmverteilungen zwischen Briefwahl und Direktwahl? Ist die Briefwahl tatsächlich anfälliger für Manipulationen? Usw.

Wenn die Wahl wiederholt wird und die WählerInnen die Verquickung beim Kandidaten Patrick Hübner auch degoutant finden, hat Knut eine reale Chance! Ich werde also mit C. noch einmal die feierliche demokratische Handlung vollziehen gehen – wenn’s gut geht, vielleicht sogar noch zweimal!

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Schwanzverhältnisse https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2026/01/31/schwanzverhaeltnisse/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2026/01/31/schwanzverhaeltnisse/#comments Sat, 31 Jan 2026 08:00:48 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1718 Seit einem Vierteljahr bin ich wieder mit der Aushebung eines Nachlasses zu Lebzeiten beschäftigt. Mein alter Freund C. ist in eine Demenz-WG umgezogen und hat seine heillos zugestellte Wohnung zurückgelassen. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als all die Papierberge abzutragen, weil überall wichtige Dokumente dazwischen stecken können. Stapelweise Kartons voller Bücher, Zeitschriften, ausgerissenen Zeitungsartikeln, Einkaufsquittungen, Lottoscheinen, empfangenen und nicht abgeschickten Briefen. Dazwischen finde ich irgendwo seine Geburtsurkunde, den Grundbuchauszug zu seiner Wohnung, die Entnazifizierungsurkunde seines Vaters, Krankenhausberichte und Kreditverträge. Zwischen halb ausgefüllten Kreuzworträtseln steckten vier Hundertmarkscheine.

Die Buchbestände bilden seine ständig wechselnden Schenk- und Leseimpulse ab. Und auch viel Zeitgeschichte und Zeitgeschmack. Über Sexualität hat man vor 50 Jahren anders gedacht. Ich finde verschiedene Bücher, die aus heutiger Sicht pornografisch sind, damals als aufklärerisch und liberal galten. Darunter eine Broschüre mit dem Titel „Der Penis in Wort und Bild“ von Rolf Preuß aus dem Jahr 1984, dem ich die (inzwischen kaschierte) Abbildung im Header entnommen habe (hier für die, die es sich zumuten wollen, in unkaschierter Form). Vielleicht ist die Broschüre auch gar nicht von C., sondern von seinem Vater, dessen Nachlass sich hier auch irgendwie dazwischengeschoben hat. Einen Koffer mit Porno-Videos vom Vater habe ich schon in den Müllcontainer gekippt.

Ich tauche tief ein in C.‘s Geschichte, die phasenweise auch meine Geschichte ist. Ich finde Briefe von mir aus den 70er Jahren, Postkarten aus den Jahrzehnten danach, Fotos, die mir Rätsel aufgeben. C. hat alles aufgehoben, was im Zusammenhang mit seinen Freunden und Freundinnen stand, und mit den Themen, die sie beschäftigten. Es rührt mich, dass er sich von meiner Leidenschaft für den Medea-Mythos hat anstecken lassen und alles, was irgendwie zu dem Thema passte – Ausstellungs- oder Theaterprospekte, Zeitungsartikel oder Abbildungen – gesammelt hat.

Auch einige Texte von mir, die aus diesem blog stammen, hat er sich ausdrucken lassen und aufgehoben. (Das Internet war ihm eine terra incognita.) Da stoße ich auf eine Geschichte von mir, an die ich mich nur noch dunkel erinnere. Sie ist nicht veröffentlicht, und ich finde sie auch in den Ordnern meines Laptops nicht. Mir gefällt sie. (Ich zitiere an dieser Stelle den verstorbenen Ulf Mann, der in unserem Film „Müll und Wert“ beim Herauskramen seiner Sachen sagte: „Ich bin doch immer wieder erstaunt, was ich alles schonmal gehabt habe!“)
Die Geschichte muss aus den 90er Jahren stammen – meine erste Zeit in Brandenburg – vor der Rechtschreibreform, meiner Schreibweise nach zu urteilen, und lange, bevor ich das bloggen in der taz 2006 angefangen habe. Hier ist sie:


 

 

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Ortsübliche Verkehrsberuhigung https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/06/30/ortsuebliche-verkehrsberuhigung/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/06/30/ortsuebliche-verkehrsberuhigung/#respond Mon, 30 Jun 2025 14:44:58 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1709 Als wir 1990 in das neue Land hineinfluteten, das Umland Berlins von Bahnhof zu Bahnhof mit dem Rad erkundeten, erlebten wir eine herbe Überraschung. Auf der Karte hatten wir eine schöne Nebenstraße zwischen Linum und Kremmen gesehen. Direkt nach der Ortsausfahrt von Linum gerieten wir auf eine Rumpelstrecke aus jahrhundertaltem Kopfsteinpflaster, die sich, eingerahmt von schönsten Alleebäumen, bis zum Horizont erstreckte, dort wo irgendwo Kremmen und unsere anvisierte Bahnstation lag. Die gut aufgepumpten Räder hopsten über jeden Stein. Das war nicht auszuhalten; wir balancierten über den Sandstreifen neben dem Fahrweg, kamen aber immer wieder ins Rutschen. Schließlich stiegen wir resigniert ab und schoben unsere Räder bis zum nächsten Ort.

Landstraßen aus Kopfsteinpflaster? Ja, wir sind wirklich im Osten! Sowas kannten wir gar nicht. Können die nicht anständige Straßen bauen?

Das ist lange her, 35 Jahre. Seitdem sind die Landstraßen im Umland Berlins saniert, sie sind mehrfach neu belegt. Immer in den Sommerferien wird irgendwo was dichtgemacht und aufgehübscht. Die Autos und auch die Busse müssen lange Umwege nehmen. Man erkennt am Ablauf der Arbeiten auch die in einzelnen Baulosen organisierte private Dienstleistung im Straßenbau. Erst wird die alte Decke entfernt. Pause. Dann wird der neue Belag aufgebracht. Wieder Pause. Dann müssen noch Rand- und Mittelstreifen aufgemalt werden. Nochmal Pause. Schließlich müssen die Baustellenschilder und Absperrungen abmontiert und abtransportiert werden. Die Pausen können ziemlich lang sein, wenn die nächste Firma noch anderweitig zu tun hat. Für die Durchfahrenden wie auch für die AnwohnerInnen heißt das, schwer oder unerreichbar zu sein.

Einheimische haben sich angewöhnt, die Sperrungen nicht mehr allzu ernst zu nehmen. Sie wissen, nach 16 Uhr und am Wochenende wird nicht gearbeitet. Dann durchfahren sie wohl auch mal die Absperrungen oder schieben sie einfach an die Seite. Wo man schon wieder durchfahren kann, spricht sich schnell rum.

Oft ist es allerdings so, dass nur die Land- oder Kreisstraßen selbst ausgebessert werden. An den Ortsdurchfahrten hat sich gar nichts geändert. Insofern hat sich das Bild von 1990 umgekehrt. Man atmet auf, wenn man den Ortsausgang erreicht hat und wieder Gas geben kann. Oder wenn man mit dem Rad nicht mehr Slalom von einem als Flicken eingebrachten Teerstreifen zum nächsten fahren muss.

Dass innerhalb der Dörfer die alten Buckelpisten vielfach noch erhalten geblieben sind, hat verschiedene Ursachen. Einmal sind oft die Gemeinden finanziell für den Ausbau der Straße zuständig; das übersteigt ihre finanziellen Möglichkeiten. Oder es soll – wenn schon, denn schon – gleichzeitig Glasfaser gelegt oder ein begleitender Geh- oder Radweg angelegt werden. Dafür reicht das Geld erst recht nicht. Außerdem halten auch viele der Gemeinden an ihrer alten Holperstrecke fest, weil sie auf den durchführenden Bundes- oder Landesstraßen eine natürliche Raser-Hemmnis darstellt.

Es gibt gefürchtete Ortsdurchfahrten in unserer Nähe. Im Nachbarort Ihlow holpert es mächtig. Reichenberg dahinter ist auch nicht besser. Die Straße dazwischen ist in schön geschwungenen Kurven neu ausgebaut und lädt zum Tempo 100 ein. Wenn man in Ihlow zur anderen Seite abbiegt, kommt man nach Grunow – ganz schlimm! Grunow ist die Radkappen-Sammelstelle; immer liegen Radkappen an der Seite oder wurden in einer freundlichen Geste an die Zäune gelehnt, falls die Besitzerin den Verlust entdeckt und nochmal suchen kommt.

In Ihlow gibt es eine Sandpiste, die parallel zur Buckelstraße verläuft und an der in den letzten Jahrzehnten neue Einfamilienhäuser entstanden sind, vorzugsweise schöne Landsitze von Stadtflüchtigen. Es gab die Überlegung im Gemeinderat, diese Piste zu asphaltieren, anstatt die alte Straße zu sanieren. Da sind die NeuansiedlerInnen allerdings auf die Barrikade gestiegen, weil ihnen schon schwante, welchen Weg der Durchgangsverkehr anschließend nehmen würde! Da fahren sie selbst doch lieber durch den Sand!

Also Sandhausen und Bollersdorf überall. Das real existierende Bollersdorf, ein Ortsteil von Oberbarnim an der L34, ist indessen gar nicht mehr bollerig, sondern hatte das Geld für Straßendecke und Gehweg zusammen, war dafür allerdings etwa ein halbes Jahr weder erreichbar noch durchfahrbar.

In unserem schönen Örtchen Reichenow, das grad am letzten Wochenende sein 650-jähriges Bestehen gefeiert hat, haben wir eine hybride Straßenführung durchs Dorf. Die Kopfsteinstraße, die vom ehemaligen Gutsherren-Wohnsitz im alten Dorf zum Gutshof und den Besitzungen führte, ist einspurig gepflastert. Einspurig heißt ja, dass sich keine Wagen auf freier Strecke entgegenkommen dürfen. Aber so viel Verkehr war früher wohl auch nicht. Als sich das in den Nachkriegszeiten veränderte, wurde  eine zweite Fahrspur einfach daneben errichtet. So haben wir jetzt eine glatte und eine holprige Seite (s.o.). Wer von Osten kommt, fährt nach britischer Manier auf der linken Seite, jedenfalls solange nicht ein entgegenkommendes Fahrzeug Vorrang begehrt.

An dem Festumzug der Gemeinde anlässlich der Jubiläumsfeier nahm neben viele Fuhrwerken, Traktoren und Oldtimern auch mein Mitbewohner T. teil. Er stellte den Schafzüchter und-gelehrten Gottlieb Koppe dar, der Anfang des 19. Jahrhunderts die Eckardsteins durch die Einführung der Merino-Schafe schwer bereichert hatte. T. hatte sich für den Anlass eine wallende silberne Haarpracht wachsen lassen und sich von einem Berliner Kostümverleih einkleiden lassen. Eigentlich wollte er eine Schafherde durchs Dorf führen. Aber seine eigenen Schafe waren ihm zu unhandlich. Als Schafe verkleidete NachbarInnen sperrten sich im letzten Moment. So blieb es eine mit Schafwolle hoch beladene Karre, aus der ein paar Schafmasken hervorschauten und aus der es ordentlich blökte. Probeweise zog er die Karre einmal über den Gutshof; der ganze Aufbau wackelte ordentlich. Ich gab zu bedenken, dass beim Rumpeln über die Dorfstraße, die Pseudoschafe plus ihrer Wolle aus dem Wagen springen könnten. Da hatte er aber keine Sorge: „Ich fahr nur auf der glatten Seite.“

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Vom Nachttisch geträumt https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/02/27/vom-nachttisch-getraeumt/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/02/27/vom-nachttisch-getraeumt/#respond Thu, 27 Feb 2025 13:16:40 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1702 Anscheinend bin ich wach. Hinter den geschlossenen Augenlidern flattern die Gedanken auf, formieren sich zu Linien, streben irgendwelchen Zielen zu – „random“, wie meine Enkeltochter neuerdings sagt. Wie spät mag es sein? Ich habe seit einer Phase deprimierender Schlaflosigkeit keine Uhr mehr in meinem Schlafzimmer. Das war ein Ratschlag von der Einschlafberaterin, und er hat mir geholfen, die Zeit im Bett als zeitlos zu akzeptieren und nicht automatisch durchzurechnen, ob das Schlafpensum wohl für den nächsten Tag reicht.

Trotzdem: wie spät mag es sein? Ob ich wohl nochmal einschlafen kann? Ich hebe die Augenlider ein kleines bisschen und schaue durch den Spalt in das nächtlich Reale, das nicht schwarz ist wie die Welt hinter den geschlossenen Augen, sondern grau, ein ganz dunkles Grau. Mit „Zeichnung“, würde mein Mitbewohner, der Fotograf, es ausdrücken. Das Grau mit Zeichnung enthüllt nach und nach die Konturen dessen, was auf meinem Nachttisch liegt: Mein Handy – ah, da könnte ich doch nachsehen, wieviel Uhr es ist, mach ich aber nicht! Es liegt da, weil ich mir neuerdings zum Einschlafen was vorlesen lassen. Gerd Westphal liest Thomas Mann, der Zauberberg – wunderbar. 40 Episoden in einzelnen Häppchen zum Nachhören. Gert Westphal sowieso wunderbar, aber eben auch zum Einschlafen; die knappe halbe Stunde reicht genau, um mich zum Wegduseln zu bringen. Den Schluss kriege ich schon meistens nicht mehr mit und habe am nächsten Tag Schwierigkeiten mit dem Anschluss.

Aber gestern war Samstag, da gab‘s gar keine neue Folge. Das Buch zum Podcast liegt auch da. Ich habe es gestern noch aus dem Regal geholt, weil ich dachte, dann lese ich eben ein bisschen weiter, hab’s dann aber doch nicht gemacht, weil ich es mir am Montag lieber anhöre. Stattdessen habe ich in einem Buch mit Aufsatzsammlungen zum Thema Gerechtigkeit gelesen, philosophische Ansichten dazu aus zweieinhalb Jahrtausenden. Das war aber nicht besonders einschläfernd, weil es meine eigenen theoretischen Überlegungen dazu mobilisiert hat und ich mit den gerade abgehandelten Utilitaristen innerlich sofort in Chinch gegangen bin.

Also hab ich es weggelegt und den Vaporizer mit einer Portion Gras in Gang gesetzt. Das hilft auch fast immer, die Kurve zu kriegen. Oft habe ich am nächsten Tag vergessen, ob ich ihn noch benutzt habe oder nicht; ich gebe mir selbst ein Zeichen und lege ihn flach, wenn ich geraucht habe. Im Dunklen sehe ich, dass er neben den beiden Büchern liegt. Aha, ok. Aber die Dosis reicht eben manchmal nur bis in die frühen Morgenstunden, ich müsste nachlegen. Dazu müsste ich aber das Licht anmachen, und dann bin ich erst recht wach.

Das dunkle Grau des nächtlich Realen weicht langsam wieder dem räumlich Unbestimmten hinter den geschlossenen Augen. Die Gedanken sind Assoziationen, die ihren eigenen Weg suchen, von mir, also meinem entschiedenen Willen, kaum zu beeinflussen oder zu bremsen. Das ist ja genau das, was das THC kann: die Gedanken verwirren und in rätselhafte Bilder auflösen, die Denkordnung durcheinanderbringen und so mein tätiges Ich in die Willenlosigkeit absenken.

Die Konturen der Gegenstände auf meinem Nachttisch liegen noch auf der Netzhaut. Arno Widmann, in den 80er Jahren Kulturredakteur bei der taz, hat in der Zeitung eine Rubrik unterhalten, die hieß: „Vom Nachttisch geräumt“. (Ein Epigone oder ein witziger Säzzer hat daraus mal „vom Nachtisch geträumt“ gemacht.) Das waren kurze Rezensionen zu Büchern, die ihm alle zu diesem Zweck aufgedrängelt worden waren und die sich anscheinend neben seinem Bett stapelten, damit er mal ein Auge reinwirft und sie freundlich bespricht. Von Zeit zu Zeit musste er wohl diese Stapel und das damit verbundene Verpflichtungsgefühl abbauen.

Ein bisschen angeberisch fand ich das, aber das war auch Neid und das Gefühl eigener Unzulänglichkeit: Ich hätte auch gern so einen leichten Zugang zu Büchern gehabt, hätte gern so eine souveräne Meinung dazu, dass ich sie nach ein paar kurzen, treffenden Sätzen zur Seite legen und vergessen kann.

Wo die Bücher wohl alle geblieben sind? Hat er sie ins Regal geräumt, schon in der zweiten Reihe, weil’s ja immer mehr wurden? Oder hat er sie verschenkt? Ich habe mal einen zaghaften Versuch gemacht, welche abzukriegen, bin aber abgeprallt. So gut standen wir auch nicht miteinander. Arno Widmann galt in der taz, besonders in der weiblichen Belegschaft, als Chauvi. Hat sich auch immer wieder flotte Sprüche geleistet, um das zu bleiben. So eine Art männlicher Ehrenkodex: auf keinen Fall versuchen, kein Chauvi zu sein!

Von der Filmbiennale in Venedig hat er berichtet – auch was, worauf ich neidisch war: Wo wurde ich denn mal hingeschickt?  Zwischen den spöttisch-eloquenten, immer gut informierten Besprechungen zu den Filmen kam ab und zu eine Glosse über die Stimmung auf den verschiedenen Premierenfeiern und anderen Anlässen, wo man sich zeigte und wo man was aufschnappen konnte. Da hat Arno sich einmal verstiegen, als er schrieb, er habe den Anblick der vielen jungen Ragazze satt, die mit schwarzen Stirnlocken über der niedrigen Stirn und feuchtem Blick aus dunklen Augen überall auf den Empfängen herumstünden. Der weibliche Teil der Redaktionskonferenz in Berlin war sich einig: Arschloch, chauvinistisches! – rassistisches!, würde man heute wohl ergänzen. Der männliche Teil der Redaktion duckte sich weg. Einer sagte später zu mir: Ist ja klar, das war eine verdeckte Mitteilung an Arnos Freundin. Wenn du sie siehst, verstehst du das: die hat ne riesig-hohe Stirn und blonde glatte Haare, ne richtige Schönheit!

So so, dachte ich. Bedeutende Männer haben schöne Frauen. Schöne Frauen haben bedeutende Männer. Die müssen dann nicht schön sein. Arno mit seinem veritablen Eierkopf, spärlich behaart, und seinen Hasenzähnen muss schon sehr bedeutend sein. Was der wohl heute macht? Ob er überhaupt noch lebt? Manche aus der Generation der inzwischen 80-jährigen sind ja dann doch manchmal schon tot. Aber bei Arno hätte man das vielleicht mitgekriegt. Eierköpfe, feuchte Augen, der taz-Redaktionstisch, die empörten Frauen, die grinsenden Männer, Bücherstapel, meine beiden Bücher, mein ausgerauchter Vaporizer – die Bilder schieben sich ineinander, die Gedankenfäden verknäueln sich zu vagen, grobkörnigen Gebilden, die sich langsam auflösen…

Nun ist es wirklich hell und ich bin wirklich wach und es ist wirklich 9 Uhr. Da hab ich ja nochmal gut geschlafen! Schön, so ausgeruht in den Tag zu gehen. Dunkle Erinnerung an Arno Widmann, ob der überhaupt noch lebt. Ich befrage Wikipedia: Ja. Und 80 ist er auch noch nicht, sondern 77, zwei Jahre älter als ich. Hat in Frankfurt studiert, noch bei Adorno damals. Ich erinnere mich, dass davon die Rede war, vielleicht auch von ihm selbst. Adorno, das war auch so ein Eierkopf. Irgendwie sehen sie sich ähnlich.

P.S.: Ich suche ein Bild von Widmann, finde eines, will ihm schreiben, um nach dem Copyright zu fragen, hab keine gültige Email-Adresse, suche nochmal, finde einen Artikel von ihm, der im letzten Jahr in der FR erschienen ist. Wie schön: Arno befasst sich ebenso wie ich mit der Rekonstruktion seiner Vergangenheit, in die er die Residuen der Gegenwart (vor allem Bücher) einsortieren kann – oder umgekehrt.

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Berliner Zeitung mauert https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/01/07/berliner-zeitung-mauert/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2025/01/07/berliner-zeitung-mauert/#respond Tue, 07 Jan 2025 16:21:49 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1695 In meinem letzten Eintrag habe ich beschrieben, wie fern mir die taz, auf deren Internet-Seiten ich diese, meine blogs publizieren darf, inzwischen gerückt ist. Ich fühle mich als kleine Laus in ihrem Fell, versuche manchmal ein bisschen zu sticheln, aber nur zur Selbstvergewisserung, denn von ihr, der Pelzträgerin, der mondänen Dame taz, wird das natürlich überhaupt nicht bemerkt.

Ich habe auch die Lektüre der taz aufgegeben, beziehe stattdessen inzwischen die Berliner Zeitung (BlZ), von der ich mich einigermaßen informiert fühle, ohne dass mir immerfort die Regierungsmeinung schmackhaft gemacht wird. Mal abgesehen von Artikeln zum Geschlechterverhältnis oder zur Migration, die ich schnell wegblättern muss, um mich nicht zu ärgern, werden aufregende Themen wie der Krieg in der Ukraine, Israel/Palästina oder Trump und Konsorten durchaus von verschiedenen Seiten beleuchtet. Und in den Open Source- Beiträgen gibt es immer mal wieder abseitig Interessantes.

Die wichtigste Mission der Zeitung ist aber unübersehbar ihre Parteinahme für den Osten Deutschlands. Da benimmt sie sich als Sprachrohr und legitime mediale Nachlassverwalterin sowohl des DDR-Staates als auch der verschiedenen daraus erwachsenen Bewegungen. Weil ich ja im Osten, also dem ehemaligen beziehungsweise immer noch Osten, wohne, ist mir das nur recht. Denn nach 25 Jahren Leben in Märkisch Oderland ist mir gewissermaßen eine Ost-Biografie gewachsen. Aber nur teilweise, und davon soll hier die Rede sein.

In ihrer Eigenschaft als Ost-Organ hat die Zeitung im vergangenen November eine Sonderausgabe zum 35. Jahrestag des Mauerfalls herausgegeben. Voller Standpunkte, Betroffenen-Berichte, einer Chronologie des 9. Novembers, die großes Insiderwissen verrät, und vielen Abbildungen aus den aufregenden Tagen. Mit dabei natürlich eines der überall und immer wieder publizierten Fotos von Menschen, die in der Nacht vom 9. auf den 10. November auf die Mauer klettern und in dichter Reihe oben stehen. Und wieder – ich trau meinen Augen nicht – steht über dieser Mauerabbildung: „Der 9. November und die mutigen Ostdeutschen“!  Dabei war schon immer klar, dass es sich bei den MauerstürmerInnen um Schaulustige von der West-Seite handelt. Auf der Ostseite in der Region ums Brandenburger Tor standen Grenzsoldaten mit auf dem Rücken verschränkten Händen.

Ich habe diese falsche Zuordnung in einem blog-Beitrag vom November 2014 kritisiert. Ich hielt und halte sie immer noch für eine bewusst falsche Behauptung, die die Schaulust aus dem Westen in Freiheitsdurst aus dem Osten ummünzt. Mit meinem damaligen Aufklärungsversuch habe ich mir einen regelrechten Shitstorm an Kommentaren eingehandelt, aber auch Schulterklopfen, dass ich diese Geschichtsfälschung sichtbar gemacht habe.

Nun, zehn Jahre später sehe ich genau diese ikonografische Falschaussage ausgerechnet in der Zeitung, die sich der westlichen Aneignung entgegenzustellen auf ihre Druckfahne geschrieben hat!

Ich schreibe einen Leserinnenbrief, in dem ich darauf hinweise, dass die Illustration wohl nicht zur Überschrift passt, weil sie ja eindeutig die West-Perspektive darstellt. Den Brief schicke ich auch an die open-source-Redaktion mit der Frage, ob sie dazu einen Beitrag wollen, und an eine mir bekannte BlZ-Mitarbeiterin in leitender Position. Von ihr, der leitenden Mitarbeiterin erhalte ich ein paar Tage später eine Mail. Darin schreibt sie: „Hab vielen Dank! Super, dass du aufgepasst und uns geschrieben hast. Und unglaublich, dass das bei uns niemand gemerkt hat, inklusive mir. Wenn man genau hinsieht, merkt man ja, dass das Westdeutsche sind. Unsere Herausgeberin Margit Mayer ist dir auch sehr dankbar.“ Ich freue mich, dass meine Kritik angekommen ist.
Am nächsten Wochenende steht mein Brief auf der Leserbriefseite. Von der Open-Source-Redaktion höre ich nichts weiter.

Einen Monat später hängt an der Fassade des Bundesbildungsministeriums ein Transparent, das wieder das weltbekannte Motiv zeigt: Menschen, die die Mauer erklimmen, hier als Illustration zum Motto des Wissenschaftsjahrs 2024 „Was wären wir ohne Freiheit?“ Und diesmal hat die BlZ selbst aufgepasst. Maritta Tkalec, Redakteurin der Zeitung seit 1984, schreibt einen Artikel mit der Überschrift „Wessis als Maueröffner gefeiert“. In dem vierspaltigen Text beißt die Autorin ordentlich zu und präsentiert alle die Interpretationen und Bewertungen, die ich zehn Jahr zuvor vergeblich in die Öffentlichkeit zu bringen versucht habe. Eine „Spaßmeute West“ sei es gewesen, die auf der Mauer herumgetanzt habe: „Am Brandenburger Tor wurde die besungene Freiheit nicht erkämpft. Zu keinem Zeitpunkt und schon gar nicht von den Wessis, die das freiheitsbeflissene Geschichtsfälschungsplakat zeigt“, schreibt Tkalec.

Recht hat sie! Endlich!

„…es handelt sich um Geschichtsklitterung pur. Um die Usurpation einer historischen Tat durch westliche Gaffer.“

Meine Rede! Ich danke Ihnen, Frau Tkalec!

Aber dann lese ich, wer die eigentlichen Entdecker der Geschichtsfälschung sind und auch nur sein können: „Wir allerdings – mit etwas mehr Ahnung und mit einem durch viele beobachtete Geschichtsfälschungen geschärften Ossi-Blick – sehen: die mit Grafittis bedeckte Westseite der Mauer“ werde hier erstiegen.

Oha, der geschärfte Ossi-Blick hat das entdeckt? Da staune ich. Wurde mir nicht kürzlich noch vom Flagschiff der Ostdeutschen Presse dafür gedankt, dass meine West-Augen, die Augen, die jahrzehntelang die Mauer von der Kreuzberger Seite aus angeschaut haben, den Schwindel erkannt hat? Ich denke mir, das sollte doch richtiggestellt werden: die Ossi-Augen sehen nicht mehr und die Ossi-Nasen lassen sich genauso leicht betrügen! Ich schreibe also noch einen Leserinnenbrief, in dem ich freundlich darauf hinweise.

Die Leserbrief-Redaktion antwortet mir, dass mein Brief eine Doublette zu dem von November sei. Ich schreibe nochmal zurück und mache darauf aufmerksam, dass sich mein jetziger Brief auf eine neue Tatsache, nämlich die falsche Aneignung der Mauerseiten-Erkenntnis durch Frau Tkalec bezieht. Ich weise auch auf die Dankbarkeit der Herausgeberin und das Eingeständnis der mir bekannten Redakteurin hin. Die Leserbrief-Redaktion schickt mir trotzdem eine Veröffentlichungs-Absage: Man habe darüber konferiert und bleibe bei der Entscheidung; andere Leserbriefschreiber müssten auch mal drankommen!

Seufz. Na gut, dann eben hier:

„Liebe Frau Tkalec, es freut mich sehr, dass jetzt auch Sie den Versuch machen, der ewig wiederkehrenden, aber grundfalschen Interpretation der Bilder von den Menschen auf der Mauer entgegenzutreten. Ja, es sind die Menschen aus dem Westen, die Schaulustigen, die hier die Mauer erklettern. Allerdings ist es nicht der Ossi-Blick, der das enthüllt hat, wie Sie behaupten, sondern der Wessi-Blick – nämlich meiner! Schon vor zehn Jahren, am 5.11.2014,  habe ich den Versuch gemacht, in meinen taz-blog „Land weg“ diese Geschichtsfälschung zu enthüllen – unter dem resignativen Titel „Ach, es will ja doch niemand wissen, was wirklich geschah“. Ich wurde damals ausgerechnet von Menschen mit DDR-Biografie, also solchen mit „etwas mehr Ahnung und mit einem durch viele beobachtete Geschichtsfälschungen geschulten Ossi-Blick“ dafür gescholten, wie in den Kommentaren zu meinem blog von damals nachzulesen ist. Und auch mein Wessi-Blick war es, der den gleichen Fehler, also die falsche Verwendung einer Abbildung, in Ihrer Zeitung am 9. November dieses Jahres entdeckt und per Leserinnenbrief mitgeteilt hat.
Vielleicht ist es nicht der West- oder Ost-Blick, der den ikonografischen Schwindel enthüllt, sondern unvoreingenommenes, kritisches und aufmerksames Hinschauen – aus jeder Himmelsrichtung.“

Das schrieb ich also. Aber es steht nicht da, wo es stehen sollte. Warum dann hier? Bin ich beleidigt? Will ich nachtreten? Will ich mein kleines Plätzchen auf den Seiten der ungeliebten taz gegen die nicht weniger argwöhnisch betrachtete Berichterstattung in der Berliner Zeitung in Stellung bringen?

Ja, irgendwie schon. Ein bisschen sticheln, diesmal in die andere Richtung.

Ätschibätschi! – Hallo!!? – Ätschibätschi!!

Nichts zu machen. Ich sitze in einem dicken Fell.

 

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Misslungener Abschied https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2024/12/08/misslungener-abschied/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2024/12/08/misslungener-abschied/#comments Sun, 08 Dec 2024 17:37:06 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1685 Bis auf den Januar-Beitrag habe ich das ganze Jahr über nichts geschrieben, hier nicht und auch anderswo nicht, von Emails mal abgesehen.

Manche von meinen freundlichen Dauerleser:innen haben mich angesprochen, wo meine Beiträge bleiben. Ja, wo bleiben sie? Sie bleiben in mir stecken. Das hat  verschiedene Gründe.

Meine Abneigung der taz gegenüber vertieft und verfestigt sich. Opportunistisches Geschwätz von allglatten Politikberater:innen, die der Macht hinterherhecheln. Der in Schüben verlaufende Modernisierungskurs im Blatt und im Apparat der taz (was mich als Bloggerin dann auch betrifft) nimmt immer kältere Züge an.

Seit Mathias Bröckers mich vor 18 Jahren in den Kreis der Blogger:innen geholt hat und mir als kleinen Leistungsausgleich monatliche 50 Euro in Aussicht gestellt hat, ist dieser Betrag niemals erhöht worden. Statt dessen muss ich neuerdings bei den Abrechnungen jeden Beitrag einzeln ausweisen.

Früher hat es noch manchmal Treffen der Blogger:innen gegeben, damit man nicht gar so einsam vor sich hinwurschtelt. Damit war nach ein paar Jahren auch Schluss. Als zwei junge Frauen den Job von Mathias übernommen haben, habe ich ihnen bei irgendeiner Gelegenheit – ich glaube, es war seine Verabschiedung – vorgeschlagen, solche Treffen doch ab und zu mal wieder zu machen. Wie junge erfolgreiche Menschen sich das so angewöhnt haben, haben auch die beiden meinen Vorschlag liebenswürdig, ja geradezu euphorisch begrüßt, weil man ja immer erstmal alles begrüßt und bejaht, haben aber nie wieder was von sich hören lassen, außer neue Direktiven zu verkünden, was Formatierungsfragen und Fotonachweise betrifft.

Andererseits ist der – in der Regel monatliche – blog auch eine Gelegenheit, ein kleiner Anschub, die Sprache gelenkig zu halten, eine Selbstdisziplinierung, Beobachtungen und Begegnungen, Untersuchungen und Argumentationen auf den Begriff zu bringen. Es geht mir ja schon längst nicht mehr um das Land, das angeblich jottwehdeh liegt, hinterm Mond sozusagen. Sondern ich nehme mir die Freiheit, das zu erörtern, was mir einer Erörterung wert scheint. Bei diesem Etikettenschwindel sind  die blog-Wärterinnen bisher immerhin nicht eingeschritten.

Ich glaube allerdings auch nicht daran, dass irgendjemandem – von diesen drei, vier freundlichen Leser:innen abgesehen – meine Schweigsamkeit auffällt. In der ganz großen Kakophonie des öffentlichen Diskurses ein Piepschen weniger. Ist das traurig oder eigentlich egal? Ich glaube ja gar nicht, dass ich irgendwas mit meinen systematischen Untersuchungen – wie z.B. im letzten blog – zum Verständnis der Welt beitragen kann, jedenfalls nicht bei anderen – bei mir schon!

Ok, und das wäre dann ein Motiv, doch wieder zu schreiben, um selbst besser zu begreifen, was passiert, Besinnungsaufsätze verfassen sozusagen. Es gibt Kristallisationspunkte, um die meine Gedanken kreisen, sie mit einem organisch wachsenden Begründungsgefüge umspinnen. Um nur mal ein Beispiel zu nennen, denke ich schon eine Weile darüber nach, wie Meinungsumfragen Wahlen eigentlich überflüssig machen. Die Meinungsforschungsinstitute wissen ja schon im Voraus sehr genau, wie das ausgeht. Was ist der Unterschied dazwischen, was wir wählen und was wir mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wählen WÜRDEN. Das Rückkopplungssystem zwischen der Ausforschung individueller Verhaltensweisen und deren Befriedigung bzw. Inwertsetzung funktioniert so geschmiert, dass ich zu dem Ergebnis kommen muss, die Altgorithmen wissen einfach besser, was ich will als ich selbst. Ja, darüber denke ich nach und hätte dazu Theorie-Versatzstücke, die vielleicht jemanden interessieren könnten; jedenfalls würde es mich selbst interessieren, ob ich zu schlüssigen Erklärungen kommen würde.

Aber ach, wenn ich so vor mich hin sinniere, entdecke ich oft – gleichzeitig oder ein bisschen später – dass andere das gleiche entdeckt, formuliert und zirkuliert haben, und viel schlüssiger, viel fundierter und vor allem viel wirksamer. Eine mit leichtem Grollen auf die Welt vor sich in räsonnierende Alte, das will man doch nicht sein! Also lege ich die Themen innerlich wieder beiseite.

Es gibt noch einen anderen Grund, der mich verstummen lässt. Es ist die Beobachtung, die ich schon in meiner aktiven Journalistinnen-Zeit gemacht habe: Das Bemerkte und Bemerkenswerte sortiere ich unwillkürlich darauf, ob es Pointen hergibt. Auch die Sprache selbst, die Begriffe, die sich vordrängeln, werden kapriziös, prätentiös. (Ach, was für schöne Wörter, schau gern bei Wikipedia nach!)

So ist mein Denken also löchrig und flüchtig und meine Sprache schwerfällig geworden. Öfter habe ich  in diesem Jahr darüber nachgedacht, mich nun wirklich mal von diesem blog in aller Form zu verabschieden. Mal einen endgültigen Schritt zu machen.

Aber aber aber. Ich habe schon öfter in meinem Leben einen, wie ich mir eingeredet hatte, endgültigen Schritt (oder Schnitt) gemacht, aber die Tür hinter mir heimlich einen Spalt offen gelassen, durch den ich dann hin und wieder auch zurückgeschlüpft bin, in Beziehungen, Freundschaften, Arbeitsverhältnisse. Das war auch in meiner Zeit bei der taz so; zweimal bin ich dann doch zurückgekommen. Im Grunde weiß man einfach nicht, wann etwas wirklich zuende ist, also ganz wirklich zuende.

Natürlich kann man Gewalt anwenden, wenn man sich traut. Wenn man sich umbringt, also richtig umbringt, ist man endgültig tot. Oder wenn ich jetzt die blog-Verwaltung auffordere, diesen blog „Land-weg“ aus dem System zu nehmen, ist es auch vorbei. Bei meinen Fantasien, wie ich das in grobem Ton ankündige, bemerke ich aber auch schon wieder den Türspalt, den ich mir lasse: Sicher würde ich vor dem Löschen der Rubrik alle meine Texte retten, mit ihnen umziehen oder sie auf meine Festplatte umladen.

Also würde ich sagen, ich lass das mal auf sich beruhen, widerstehe der Versuchung, Türen zu knallen und sie heimlich dann doch wieder nur anzulehnen.  Ich werde Gelegenheitsschreiberin, ganz zwanglos. Vielleicht kommt noch was, vielleicht auch nicht. Vielleicht ein langsames fade-out, ein Abschied auf Raten.

Soll ich das hier jetzt posten? Ach, was solls, warum nicht? Jetzt hab ich es schon geschrieben.

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Stoffwechsel-Störungen https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2024/02/13/stoffwechsel-stoerungen/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2024/02/13/stoffwechsel-stoerungen/#respond Tue, 13 Feb 2024 18:15:23 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1665 Ich mache mir Bewegung auf einem dafür konstruierten Sportgerät. Das Gerät bewegt mich, ich bewege das Gerät. Es ist langweilig. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto langweiliger wird es. Ich versuche nachzudenken – über ein Thema, das ich gern zu einem Text verarbeiten wollte: Zeit! Zeitspanne, Zeiteinheit, Dauer, usw. Ich hatte schon angefangen, hab mich dabei aber verhoben. So einfach ist das nicht mit dem glibberigen Ding, das es ja gewissermaßen gar nicht gibt.

Heute lasse ich mir zum Zeitvertreib (!) während des Strampelns einen Podcast vorspielen: Frau Fischer-Kowalski vom Wiener Institut für Soziale Ökologie redet mit dem Podcast-Betreiber Jan Groß über den Stoffwechselprozess zwischen der menschlichen Gesellschaft und der sogenannten Natur. Die Frau redet wienerisch langsam; meine Gedanken kehren zwischendurch immer wieder zum Thema Zeit zurück, wie sie so dahinrinnt, aber eigentlich rinnt ja was ganz anderes. Ich überlege, ob ich nochmal einen neuen Anlauf versuchen kann, meine Gedanken und Assoziationen dazu zu verschriftlichen. Ist ja egal, ob schon die geistige Elite aller Zeiten dazu räsonniert hat. Ich musss keine Doktorarbeit schreiben. Und der lockere, lebensweltliche Bezug ist gerade das Privileg des blog-Schreibens.

Jetzt hat Jan Groß das Wort ergriffen. Er widerspricht seinen Gesprächspartner:innen nie; seine sanften, ein wenig seifigen Zwischenbemerkungen zeigen, dass er im Stoff ist, vielleicht sogar mehr als sein Gegenüber, was er aber niemals gegen sie ausspielen würde. Statt „Stoffwechsel“ – also den Energie- und Materialaustausch zwischen belebten und unbelebten Entitäten auf der Welt zum Zwecke ihres Bestandes und ihrer Vermehrung – sagt Groß „sozialer Metabolismus“. Da horche ich auf. Ich habe diesen Begriff doch vor ein paar Jahren in einem längeren Aufsatz verwendet, in dem es um das Funktionieren kollektiver Subsistenz geht!
Ein wenig geläufiges Fremdwort wirkt in einem Text wie ein Edelstein, der zugleich funkelt und stört. Den aus der Biologie bekannten Prozess des Stoffwechsels als „Metabolismus“ in meinen Text einzubauen, hat mir gefallen. Ich benutze ihn nicht nur zur Bezeichnung der Austauschbeziehung zwischen den Menschen und der sie umgebenden Umwelt, sondern auch für den Austausch zwischen Menschen und Menschengruppen. Danach unterscheide ich die verschiedenen ökonomischen Varianten von Ausbeuten, Tauschen, Beitragen und Schenken und frage jeweils nach dem metabolischen Gleichgewicht.

Aber bei Frau Fischer-Kowalski geht es um die Austauschbeziehung mit der Natur. Eigentlich eine unnötige Reduzierung des Stoffwechselbegriffs; da war ich schon weiter, denke ich mir, hab diese anthopologische Überheblichkeit, wonach hier der Mensch und dort die Natur zu verorten ist, nicht mitgemacht. Während ich die letzten, sich zerdehnenden Minuten weitertrete, kreisen meine Gedanken um die Frage, was das eigentlich sein soll: die Natur! Ein System aus vielen Systemen, das seine vielen Stoffwechselprozesse bewusstlos aber doch irgendwie zielstrebig organisiert, wobei die vielen Einzelprozesse niemals in einem metabolischen Gleichgewicht sind, im ganzen gesehen aber vielleicht doch, wer kann das wissen? Gaias innere Organe arbeiten in relativer Autonomie, aber eben nicht unabhängig voneinander. Fischer-Kowalski holt aus bis zur Steinzeit und fragt, wie der Mensch dieses Gleichgewicht, diese Balance mit der ihn nährenden irdischen Substanz wieder herstellen kann. (Schon das „wieder“ scheint mir fragwürdig; ich bin aber auch nicht ganz sicher, ob sie so formuliert hat)

Der neue Diskurs um Metabolismus wurde von Kohei Saito, dem japanischen Philosophen, angestoßen, der auf der Suche nach Vorstellungsräumen für eine postkapitalistische Gesellschaft den ökologischen Marx der späten Jahren entdeckt hat, der gar  nicht so der unendlichen Entfaltung der Produktivkräfte zugeneigt war, wie Engels es später festgeschrieben hat. Marx, so meint Kaito, hat sich in seinen späten, zu späten Notizen sehr für Gesellschaftsformationen mit stabilen Stoffwechselprozessen, also ohne die Voraussetzung des Wachstums, interessiert. Da hatte ich auch schon ein Zitat gefunden und es in meinem Text von damals platziert: „Die Arbeit ist ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt und regelt und kontrolliert.“ Ein Prozess, der Bestand haben kann, ohne ständig wachsen zu müssen. Wie das gehen kann, wie man aus der kapitalistischen Wachstumszwang-Schleife rauskommen kann, darüber zerbrechen sich jetzt die Degrowth-Befürworter:innen den Kopf. Und Kaito liefert das Argument: Marx hat es auch schon gewusst und gewollt!

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Während ich nach Ablauf der vorgesehenen Zeitspanne für die Körperertüchtigung Jan Groß und seine Gesprächspartnerin unterbreche, während ich mir den Schweiß vom Gesicht wische und rüber ins Bad wanke, nehme ich mir vor, in meinen alten Büchern nachzulesen, wie das ist mit der Natur und der menschlichen Gesellschaft. „Dialog mit der Natur“ von Prigogine und Stengler aus dem Jahr 1980 ist eines davon. Das ist mir jetzt aber zu dick. Es gibt andere Texte, die zu Ernst-Bloch-Seminaren etwa in der gleichen Zeit entstanden sind. Da finde ich auch die Dissertation von Arnim von Gleich, den ich mal in Salecina auf eben diesem Bloch-Seminar kennengelernt habe, über den „wissenschaftlichen Umgang mit der Natur“. Ich blättere und lese. Aha, so hat man das Ende der 80er Jahre gesehen! Natur, nach dem älteren mechanistischen Weltbild als Reservoir, als beliebig verfügbare Ressource aufgefasst, nach dem neueren als komplexes System. Zum Schluss geht es dann immer um den Respekt im Austausch, nach Bloch um die „Allianztechnik“ zwischen der Natur und dem, was sich da rausentwickelt hat und nun meint, etwas anderes zu sein. In seiner materialistischen Analyse des menschlichen Naturverständnisses geht Gleich auf die damals zunehmende Kritik an der Naturbeherrschung ein, und einen wunderbaren Absatz daraus möchte ich hier zitieren:
„Die Möglichkeit, den Begriff der Natur, so wie wir ihn heute verwenden, überhaupt zu denken, setzt nämlich ähnliche gewaltige reale Distanzierungs-, Einebnungs- und Objektivierungsprozesse in der Gesellschaft voraus, wie sie Marx für die Entstehung des Begriffs der Arbeit darstellte (…) So wie die Arbeit erst in der Fabrikarbeit real abstrakt werden mußte, mußten auch die Tiere, Pflanzen, Steine, Wälder und Landschaften erst real zurücktreten, erst unwesentlich und zumindest potentiell zur Ware werden, bevor sie im Allbegriff der Natur untergehen konnten.“

Etwas bezeichnen zu können, setzt einen Abstraktionsprozess und einen Unterscheidungsprozess voraus, also sich nicht (mehr) als Teil von dem Bezeichneten zu begreifen. Die Benennung bringt die Distanz zum Ausdruck, oft allen anderen Beteuerungen zum Trotz. (Ach, da fallen mir viele schöne Beispiele ein: die Frau-Mann-Werdung; die Erfindung der „Rassen“; das merkwürdige „Wir“ in den verschiedenen Aufforderungen, endlich etwas im Verhältnis zu „unserer“ Umwelt zu ändern, und die Beschwörung des „Gemeinsamen“, das in keiner Politiker:innen-Rede mehr fehlen darf und natürlich immer die Anderen meint…)

Das mit dem sozialen Metabolismus interessiert mich. Ich wüsste doch gern, ob ich meiner Zeit voraus war oder einfach dem Trend hinterher, ohne es zu ahnen. Ich finde die Online-Zeitschrift einer trotzkistischen Gruppe mit dem Namen „Klasse gegen Klasse“, nicht zu verwechseln mit der ehemaligen Berliner Untergrundorganisation gleichen Namens, die eine Zeitlang Politiker-Autos abgefackelt hat. In dem Artikel „Kohei Saito und die kritische Ökologie von Karl Marx“ wird Saito dafür kritisiert, dass er Engels kritisiert, dass dieser Marxens späte Tendenz zum sozialen Metabolismus nicht erkannt oder wegretuschiert hat. Klar, die Trotzkist:innen finden die Revolution unverzichtbar, die zwangsläufig mit „metabolischen Brüchen“ verbunden ist, und können deswegen Konzepten, die das Stoffwechsel-Gleichgewicht im Hier und Jetzt herzustellen versuchen wie die Degrowth-Bewegung, nichts abgewinnen. Warum man diesen Konflikt auf dem Grabe von Marx austragen muss, ist mir unklar.

Im Laufe der Lektüre dieser Besprechung in dem „Klasse gegen Klasse“-Magazin wird mir immer fragwürdiger, in welchem metabolischen Verhältnis die menschliche Gesellschaft zur abgespaltenen Natur steht oder stehen kann. Ist ein Gleichgewicht, eine „Allianztechnik“ überhaupt möglich? Setzt das nicht ein symmetrisches Verhältnis voraus, sozusagen ein demokratisches, in das beide Seiten mit adäquaten Mitteln eingreifen können, um ihre Interessen einzubringen und auszuhandeln? Ist die Natur die Ohnmächtige und der Mensch der Mächtige, der in weiser Voraussicht seine Eingriffe in die Natur zügelt?

Wer Macht hat, tritt zu seinem ohnmächtigen Gegenüber in ein despotisches oder ein paternalistisches Verhältnis. Despotisch heißt hier ungezügelte Ausbeutung, paternalistisch ist die Haltung: Wir sorgen dafür, dass nicht alles kaputt geht, weil wir wissen, was für unsere Natur (und längerfristig für uns) gut ist: üppige Wälder, „natur“-belassene Landschaften, viele Tier- und Pflanzenarten usw.

Voraussetzung für eine paternalistische Haltung ist immer, dass die Seite, die sich im Besitz der Macht wähnt, sich ihr Gegenüber als ohnmächtig, also von ihren Gnaden abhängig, vorstellen kann.  Manchmal wird sie eines Besseren belehrt, wenn die Arbeit„nehmer:innen“ nicht mehr dankbar sondern aufmüpfig werden, wenn Frauen ihre dienende Rolle aufkündigen und dafür auf schonende Sonderbehandlung verzichten, wenn Länder die bösartigen Absichten hinter der Entwicklungs„hilfe“ erkennen.

„Unserer“ Natur wird gleichsam der Kopf getätschelt; dabei ist es wohl eher die Natur als der große unüberschaubare Gesamtzusammenhang irdischer Entwicklungen, die uns als ihren Ausgeburten die Ohren langzieht und uns die Perspektive unseres Untergangs vor Augen führt. Aus dem Erschrecken darüber imaginieren wir kleinen Erdenwürstelchen  uns jetzt als „Partner“ und scheuen auch nicht davor zurück, gleich die ganze Erde paternalistisch umarmen zu wollen, wenn wir von „unserem Planeten“ reden.

Auf den Seiten von „Klasse gegen Klasse“ gibt es eine Debatte mit der ebenfalls sozialrevolutionären Interventionistischen Linken über die Niederlage der Baum- und Klimaschützer:innen-Gruppe vom Dannenröder Forst. Darin finde ich ein paar bemerkenswerte Zitate zu dieser Art der Selbstüberschätzung.
„So verschwindet die Perspektive, ein System aufbauen zu können, das jenseits von Umweltzerstörung und Profitzwang funktioniert und unsere Bedürfnisse und die des Planeten berücksichtigt“ (Wir kennen die Bedürfnisse des Planeten…)
„Nur mit der Strategie… der Selbstorganisation … wird es möglich sein … unseren Planeten vor der Zerstörung zu bewahren.“ (…sorgen für ihn…)
Und in der Frage des Verhältnisses von Reform und Revolution gehe es um „die notwendige Strategie, um unseren Planeten zu retten.“ (…und retten sie!)
Eine signifikante Begriffsverschiebung übrigens: aus der Erde wird „unser“ Planet, unser Erbe, das von uns bewohnte Haus, das schließlich für uns gebaut ist und von uns erhalten werden wird! Die Menschheit, oder genauer: diejenigen, die für sie den Mund aufreißen, versuchen ihre Angst und ihre Ohnmachtsgefühle hinter der großen paternalistischen Geste zu verbergen. Das ist dem Planeten doch sowas von egal, ob wir Menschlein unsere eigene Lebensgrundlage durch den Schornstein jagen! Der schüttelt sich nicht mal, sondern bringt eine andere Spezies hervor.
Mein Mitbewohner spricht gern von seiner Vermutung, Gaia, das Gesamtwesen Erde, habe die Menschen mit ihrem Feuer hervorgebracht, um sich von seinen Polkappen zu befreien. Danach sind sie (also wir) aus ihrer Perspektive sowieso überflüssig.

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Handschuh-Musterung https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/12/24/handschuh-musterung/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/12/24/handschuh-musterung/#respond Sun, 24 Dec 2023 13:12:34 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1621 Das Handschuhfach ist voll, übervoll, ich finde nichts mehr, muss immer alles rauswühlen, wenn ich ein Handschuhpaar suche. Wozu brauche ich so viele Handschuhe? Gibt es so viele verschiedene Anlässe, so viele Einsatz-Gelegenheiten? Das kann nicht sein. Sicher, ich bin eine notorische Sammel-Maus, noch dazu treu bis zum letzten Fetzen, noch dazu handwerklich talentiert und ambitioniert, sodass ich den letzten Fetzen dann doch immer noch zusammenflicke, noch dazu auf flächendeckende Versorgung bedacht, sodass ich notwendige Neuanschaffungen mache, ohne mich allerdings deshalb von den Zerschlissenen trennen zu können.

Eine Musterung ist angesagt, am besten in Form einer Aufstellung. Also alle mal raus und sortiert und aufgestellt. Hier stehen sie, über kleine Plastebecher gestülpt.

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Jeden Donnerstag starke Gedanken für dich und den Planeten – kostenlos in deinem Postfach.

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Es sind 20 Paar (zwanzig!), zwei Paar Stulpen und andere Spezial-Handschuhe mitgerechnet. Ich sortiere nach Herkunft, Zweck und (ideellem) Wert. Schaun wir mal:

Da sind zunächst zwei Paar, die ich aus Sentimentalität aufhebe. Ein Paar feine Handschuhe aus dünnem braunen, auf der Rückseite interessant durchbrochenem Leder von meiner Mutter, ein zweites Paar aus schwarzer Spitze, ebenfalls aus dem Nachlass meiner Mutter, die keine praktische Funktion haben, auch nicht gehabt haben können; sie haben vielleicht die feine Dame auf Beerdigungen markiert. Nun, das ist ja auch ein Zweck, auch wenn er heutzutage sozusagen aufgebraucht ist. Damit man die beeindruckende Feinheit erkennen kann, habe ich die zierlichen Fingerchen mit Weizenkörnern gefüllt.

Ich habe nicht so feine Handschuhe für zierliche Finger. Allerdings hatte ich mal ein Paar eleganter schwarzer Lederhandschuhe mit langem Schaft, der die Gelenke  bis zum Unterarm  bedeckte. Mein Mitbewohner hat sie zu seinen Taxifahrerzeiten, als er offizielle Berlinale-Gäste kutschierte, auf dem Rücksitz gefunden und sie mir vermacht. Ich habe mir beim Tragen vorgestellt, welche berühmten Schauspielerinnen-Hände vielleicht vor mir darin gesteckt haben. Dann habe ich den einen Handschuh des Paars in Berlin aus dem Fahrradkorb verloren, lange vergeblich nach ihm gesucht, mehrmals die fraglichen Strecken abgefahren, den zurück gebliebenen Single-Handschuh trotzdem noch lange aufgehoben, in der absurden Hoffnung, der andere käme wieder zu mir zurück, mich dann aber schweren Herzens von dem übrig Gebliebenen getrennt.

Ein Paar leichter schwarzer Lederhandschuhe mit dünnem Futter dient seitdem als Ersatz. Ich weiß nicht, woher sie sind – gefunden, aus irgendeiner freebox – gekauft habe ich sie jedenfalls nicht. Sie sind schon ok, zwar ohne die eleganten, die Handgelenke wärmenden Stulpen, aber passend, leicht und nicht unschön. Und schließlich gewöhnt man sich auch. Nun aber ist das Paar in die Jahre gekommen, das Futter ist verschlissen, ich hab es genäht, so gut ich konnte, bin aber nicht zufrieden.

In einem Kaufhaus, dessen biedere Bürgerlichkeit bessere Zeiten gesehen hat, finde ich ein Paar schwarzer Damenhandschuhe, das sehr dem verlorenen ähnelt. Ich bin beglückt und zum Kauf entschlossen, auch wenn die Handschuhe nicht ganz billig sind. Das Kaufhaus hat inzwischen zum großen Teil sein Fachverkäuferinnen-Personal eingespart, ebenso die Ausstattung mit Kassen. Es gibt nur noch eine Kasse, an der sich die Käuferinnen anstellen müssen. Die Schlange windet sich durch die Regale und Abteilungen. Das sehe ich nicht ein, diesen Mangel an Service und trage die Handschuhe unbezahlt nach draußen. An Kaufhaus-Detektiven wird anscheinend inzwischen auch gespart.

Abwechselnd trage ich jetzt die Pseudo-Berlinale-Handschuhe und die abgetragenen, reparierten und mir vertrauten, weil ich die neuen für die Alltags-Zwecke zu schade finde. Oft sind beide Paare nicht wärmend genug. Da gibt es dann eine große Auswahl an Alternativen. Die wenigsten davon sind in einem Geschäft gekauft, allerdings auch keine weiteren illegal angeeignet. Handschuhe scheinen überall abzufallen.

Da sind diese Stoff-Fingerhandschuhe in taubenblau, ein wenig groß, ein wenig leicht, aber waschbar, für Motorrad-Fahrten im Sommer. Allerdings sind die leeren Fingerspitzen immer mal wieder über die Bremsgriffe gestolpert, wirklich etwas groß, die Teile.

 

Für den Winter gibt es diese Handschuhe aus Wildleder-Imitat, gefüttert mit Schaffell-Imitat. Auch ein bisschen groß, breit und geräumig, aber warm und leicht, allerdings nicht regendicht.

Wirklich regendicht sind die amtlichen Motorrad-Handschuhe auch nicht, aus Leder mit strapazierfähigen Kunstfaser-Versatzstücken, gepolstert, durch Klettverschlüsse einzustellen und zu sichern, die ideale Sturzabsicherung mit dem martialischen Namen „bullforce“. Mir sind die Handschuhe eigentlich zu steif; wenn man etwas anderes anfassen will als die Motorrad-Griffe, muss man sie sowieso ausziehen. Aber auf längeren Touren ist es vernünftig, sie zu tragen. Irgendwann werden da aber auch die Finger kalt.

Gegen kalte Finger gibt es Fausthandschuhe. Diese hier habe ich zum Skifahren benutzt. Sie umschließen die Skistöcke mit festem Griff. An der

Talstation, wenn man den Skipass rausfischen muss, werden die Handschuhe mit den angebauten Häkchen an den Ski-Anzug gehängt. Wenn ich nicht jedes Mal die Handschuhe ausziehen will und wenn es nicht ganz so kalt ist, kann ich die Ski-Fingerhandschuh-Variante benutzen, dick und breit und warm, aber schlecht bei Regen.
Weil ich sowieso nicht mehr Ski fahre, könnte ich diese beiden Paar schon mal aussortieren. Aber wer weiß, Fausthandschuhe braucht man vielleicht auch so mal, vielleicht zum Fahrradfahren bei Kälte?

Da gäbe es dann auch noch die Klapp-Variante. Eine Kombination von Finger- und Fausthandschuhen, aus Strick, also für Schnee und Regen nicht geeignet, aber vielleicht für andere Draußen-Aktivitäten. Wenn man zum Beispiel dringend was auf dem Handy tippen muss, schlägt man den Faustteil zurück und drückt ihn am Kettverschluss auf dem Handrücken fest. Beim Zurückstülpen reißt auch wohl manchmal der Klettstreifen mit ab – hab ich schon mehrmals wieder festgenäht.

Die Fingerhandschuhe ohne Fingerspitzen gibt es auch ohne den Stülp-Aufsatz, hier als Strickware ausgeführt. Diese Handschuhe benütze ich manchmal auch drinnen, z.B. wenn ich im kalten Schlafzimmer abends noch lese, oder wie jetzt, wenn ich mit klammen Fingern am Laptop sitze. Die Handschuhe stufe ich als unverzichtbar ein.

Ein ähnliches Modell gibt es speziell zum Fahrradfahren. Das fand ich früher immer ein bisschen affig. Was soll das, warum müssen die Fingerspitzen frei bleiben? Bis mir auf längeren Radtouren regelmäßig die Hände taub geworden sind. Und bis ich ein ausrangiertes Paar geschenkt bekommen habe, von T. mit einem revolutionären „A“-Zeichen bemalt, damit es nicht so affig aussieht. Jetzt ist es auf andere Weise affig. Aber die Innenflächen sind gepolstert, und darum geht es eigentlich: sie fangen die ständige Erschütterung der Handflächen beim Fahren ab. Bringt wirklich was und hat mich dazu gebracht, dass ich mir im Sportgeschäft so ein Paar in schwarz-neutral besorgt habe. Da fehlt der Klettverschluss, lässt sich auch ein bisschen schlechter ausziehen, aber erfüllt seinen Zweck und ist weniger affig.

Zu den Exemplaren für spezielle Zwecke gehören auch die weißen Stoffhandschuhe aus Baumwolle, eine Ausführung in dünn und fein, mehrere Exemplare in Baumwoll-einfach. Die dünnen – Aldi-Aktionsware für 6,99 – lassen den Tastsinn durchkommen und sehen angezogen nach Butler oder Gala-Uniform aus, sie könnten aber auch zum Hereintragen kostbarer Objekte bei einer Auktion oder für das Umblättern alter Folianten in einem Archiv dienen. Ich mag sie, weil sie sorgfältig gearbeitet sind; zum Lesen abends im Bett im kalten Schlafzimmer eignen sie sich nicht so, weil man die Seiten zwar spürt, aber doch nicht so gut umblättern kann.

Die etwas gröberen und einfachen weißen Baumwoll-Handschuhe sind Massenware, die ich aus A.‘s Druckerei geerbt habe. Hier benutzt man sie, damit keine fettigen Fingerabdrücke auf die Druckfolien kommen. A. hat zwei Kisten davon, eine für Gebrauchte, eine für Ungebrauchte. Aus der
Gebrauchten-Kiste habe ich mir die rausgesucht, die nur leicht verschmutzt waren, habe sie zuhause ausgekocht und anschließend für noch in der ungewissen Zukunft liegende Verwendungsmöglichkeiten gehortet.

Zum Schluss noch die konsequente Fortführung der Fingerhandschuhe ohne Finger: die Stulpen. Mit ihnen hätte ich auch die zu kurz geratenen Lederhandschuhe thermisch verlängern können. Wenn sie an den Füßen getragen werden, heißen sie Gamaschen. Für die Handgelenke hier eine Strick- und eine Stoff-Variante.

 

Das wars, das war der Inhalt des Handschuhfachs. Von den Arbeitshandschuhen in der Werkstatt will ich absehen – Garten-Handschuhe, Gummi-Handschuhe, solide Werkstatt-Handschuhe, dünne Einweg-Plastik-Handschuhe –  sie haben dort ihren Platz.

Aber was nun tun? Wie reduziere ich die Massenansammlung der Teile, die im Einzelnen alle ihren Zweck oder wenigstens ihre Geschichte haben?

Die gestrickten Pulswärmer übernimmt T., mein Mitbewohner, auch die abklappbarren Fäustlinge und die wärmeren Motorrad-Handschuhe, die mir zu groß sind. Die Sommervariante wasche ich und bringe sie auf unseren Gutshof-eigenen Verschenketisch. Die affigen Fahrrad-Handschuhe werfe ich in den Müll, dort entdeckt sie T. und holt sie wieder raus – der Gebrauchswert ist noch nicht aufgebraucht… Jetzt werden sie wahrscheinlich die nächsten Jahre bei ihm rumliegen. Die Ski-Fäustlinge nimmt ein Mädchen aus der Nachbarschaft für ihre Klassenreise mit.

Viel habe ich nicht reduzieren können, aber etwas an Masse, und das Fach passt wieder. Tatsächlich tun sich jetzt aber auch Lücken in der Versorgung auf. Welche Handschuhe soll ich zum Motorradfahren anziehen, wenn mir die „bullforce“ zu wüst, zu unbeweglich sind? Aber halt, da ist ja noch ein Paar! Nochmal schwarze gefütterte Lederhandschuhe, die passen, vielleicht ein bisschen kurz sind, aber sonst ok.

Woher kommen die denn nun auch noch? Sie sehen nach Eltern-Generation aus – solide gemacht, aber durch jahrelanges Tragen ausgebeutelt. Das könnten doch die neuen Motorrad-Handschuhe sein!

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Was kostet ein Glas Quittenpunsch? https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/11/29/was-kostet-ein-glas-quittenpunsch/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/11/29/was-kostet-ein-glas-quittenpunsch/#comments Wed, 29 Nov 2023 15:22:00 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1614 Heute komme ich vom Alltäglichen zu Gründsätzlichen – und hoffentlich wieder zurück.

I.

Am nächsten Samstag ist Weihnachtsmarkt vor dem Reichenower Schloss. Auch in diesem Jahr ist R., die beharrliche Aktivistin des dörflichen Kulturvereins, herumgegangen und hat um Beteiligung geworben. Mein Wohngenosse T. und ich haben uns bereit erklärt, einen Kartoffelpuffer-Stand zu machen. Das geht immer. Nachbarin S., will ihre Sitzkissen anbieten und G., die sich in die Kräuterheilkunde eingearbeitet hat, hat einige Tees und Salben, die sie verkaufen möchte. Wir verabreden einen Standverbund, mit den Kissen und Tees auf der Luv-Seite von den Kartoffelpuffern, wegen der Fettschwaden.

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Auf dem von uns bewohnten Gutshof steht ein Quittenbaum. Er ist stattlich, geradezu üppig. In diesem Herbst war er regelrecht füllig, über und über gelb, quittegelb vor dicken, reifen Früchten. Wir schauen ihn an, besonders S., G. und ich, die wir gerne Obst verarbeiten. „So ein Jammer!“ bestätigen wir uns immer wieder. Aber alle haben ihre Regale aus den letzten Jahren noch voll mit Quittensaft-Flaschen und dem Gelee daraus.

Es wird November; immer noch leuchten die Quitten vorwurfsvoll. Das wäre Saft ohne Ende, aber wohin damit? Richtig: Weihnachtsmarkt! Quittenpunsch! Kann man doch anbieten, als Alternative zu dem ewigen Glühwein! Eine Variante mit Alkohol, eine ohne für die Kinder. Mit der Lust und Dankbarkeit derer, denen die Natur etwas unentgeltlich spendiert, und ausgerüstet mit Motorradhelmen und wattierten Jacken, schütteln wir die Früchte vom Baum. Es ist fast ein Zentner!  Wir teilen auf; Dampfentsafter in drei Haushalten nehmen ihre Arbeit auf. Vorher müssen die Quitten gewaschen oder poliert werden; die flaumige Behaarung muss runter. S. hat im Vergleich zu mir die doppelte Ausbeute; sie ist geduldiger und gibt den Früchten reichlich Zeit, sich zu entleeren. G. macht aus dem Trester gleich noch Quittenbrot; kommt auch gut.

Im Ergebnis haben wir über 20 Liter; das ist eine ganze Menge. Nun sitzen wir zusammen und denken über Rezepte nach. G. hat zwei Kostproben mitgebracht, eine mit Sternanis, Zimtstange, Wacholderbeeren und Whiskey, eine mit Orangenschalen, Orangensaft, Rosmarin und Weißwein. Die Gewürze haben wir noch, auch Whiskey oder Rum, Weißwein nicht. Kann man natürlich kaufen. „Ich hab eigentlich keine Lust, noch Geld für Weißwein auszugeben“, meint G. Ist auch nicht unser Favorit. Der mit den Wacholderbeeren ist apart, bisschen weniger Zucker, Schuss Rum für die Erwachsenen, für die Kinder ohne. Und vor allem schön heiß muss er sein.

Der Punsch soll irgendwo zwischen S.‘s Textilstand und unseren Kartoffelpuffern ausgeschenkt werden, zum interessierten Verweilen vor den Kissenauslagen einladend, ohne sie zu bekleckern. Auch die Kartoffelpuffer rutschen besser mit einem Heißgetränk. G. ist bereit, Madame Punsch zu sein. Einen Stehtisch kriegen wir organisiert. Aber nun kommt’s: Was soll das Glas kosten? Woran messen? Wonach entscheiden?

II.

Akkumulation bedeutet wörtlich Anhäufen. Im Ökonomischen Sinn meint es nicht, irgendwas irgendwie auf einen Haufen scharren, sondern aneignen und anhäufen, beim Aneignen anhäufen und auch das Angehäufte weiter aneignen, mit einem Wort das Angeeignete vermehren. Dieser Vorgang der Akkumulation ist die Triebfeder des Kapitalismus, der Motor der zivilisatorischen Entwicklung und gleichzeitig die Geißel der Menschheit. Wo hat das angefangen?

Marx und nach ihm Generationen von Polit-Ökonom:innen haben sich damit beschäftigt. Der Vorgang wird als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnet. Klassisches Beispiel ist die gewaltsame Einhegung und private Aneignung von Land, das bis dahin als Almende von einer ganzen Gemeinschaft genutzt wurde, ohne dass es jemandes Eigentum war, aber auch das Herauskratzen von Gold und Silber aus den Bergen der eroberten überseeischen Kontinente.

Es ist eine falsche und vielfach korrigierte Auffassung, dass die ursprüngliche Akkumulation eine dem Kapitalismus historisch vorausgehende Phase sei. Sicher, so hat der Kapitalismus irgendwann, und dann überall, angefangen, aber diese Aneignung „ursprünglich“ freier Gebrauchswerte inklusive Arbeitskraft und Bodenschätzen durch Gewalt und List ist ein permanent sich erneuernder Vorgang. Rosa Luxemburg hat das so beschrieben: Der Kapitalismus braucht zu seiner Entfaltung zwingend den außerkapitalistischen Bereich der Gebrauchswerte und Gemeinwohl-orientierten Wirtschaftsformen, aus dem er sich regeneriert und weiterentwickelt, weil er die Tendenz hat, das, was er durchwirkt, auszulutschen und früher oder später zu zerstören. Das Widerständige, nicht Verwertbare von heute wird der Treibstoff kapitalistischer Entwicklung von morgen. Da kann die Aktivistin, die sich eine Welt ohne Ausbeutung wünscht, nur seufzen – und weiter im Hamsterrad antikapitalistischer Basisarbeit strampeln.

III.

Die Galerie Lafayette in der Friedrichstraße gibt auf. Zum Ende des Jahres ist Schluss. Das Edelkaufhaus zieht keinen Profit aus Konsumlust und Kaufkraft der Berliner Mittel- und Oberschicht. Nicht mehr oder vielleicht auch noch nie. Die Rechnung, einen Kaufpalast mitten zwischen die teuren Markengeschäfte und höchstpreisigen Dienstleister zu setzen, ist nicht aufgegangen. Die Tourist:innen mit den dicken Portemonnaies gehen lieber gleich ins berühmte KaDeWe am Wittenbergplatz. Die Einkaufsmeile im ehemaligen Osten entfaltet kein Flair, egal ob man sie als Fußgänger:innen- und Fahrradzone attraktiv zu machen versuchte, oder, nach Senatswechsel und auf Betreiben der Anlieger, wieder für Autos öffnete.

Die Friedrichstraße zehrt nur von ihrem hochgehaltenen historischen Ruf, sie wurde mit sündhaft teuren Baumaßnahmen, die sündhaft hohe Mieten nach sich zogen, einfach tot-gentrifiziert.  Jonas Fansa spricht in einem Artikel der Berliner Zeitung von der „verödenden Friedrichstraße“. Das ist interessant. Was macht die Straße eigentlich öde? Warum erzeugen die Luxus-Geschäfte keine erkennbaren rauschhaften Glückgefühle, die andere animieren, sich ebenfalls in den Kaufrausch zu stürzen? Antwort eins: Es sind zu wenige, die sich das leisten können. Leere signalisiert hier Desinteresse, und was die anderen nicht interessiert, braucht eine:n auch nicht zu interessieren. Antwort zwei: Gut betuchte Leute neigen dazu, auf sich selbst bezogen zu bleiben und andere zu ignorieren, wenn die nicht auch Geld haben. Sie sind in der Lage zu erkennen, was eine Ressource ist, die sich abschöpfen lässt. Und weil das ihren Blick prägt, erwarten sie argwöhnisch, dass auch sie selbst stets so angeschaut werden. So verbreiten sie um sich ein Klima von sozialer Kälte. Nein, wohlhabende Menschen sind keine Zeitgenoss:innen, denen zu begegnen man sich freuen würde.

Freundlichkeit, Offenheit und absichtsloses Interesse ist ein Privileg der Menschen, die zwar keine Not leiden, aber auch nicht genug Geld haben, um ständig darum zu fürchten, und nicht genug, um sich ständig im Konsum zu verwirklichen.  Aber gerade das Vorhandensein von Freundlichkeit, Offenheit und absichtslosem Interesse ist das, was einen Ort attraktiv macht, auch und gerade für die, die sich mit ihrem Lebensstil täglich daran beteiligen, solche Eigenschaften zu zerstören.

„Eigentlich suchen Menschen andere Menschen“, meint Jonas Fansa, der Betriebsdirektor der Zentral-Landesbibliothek Berlin ist. Und genau solche freundlich und absichtslos herumlaufenden Menschen glaubt Fansa, der Friedrichstraße durch den Umzug der Landesbibliothek in die Lafayette-Räume zuführen zu können, für den er sich heftig einsetzt. Gerade eine zentrale Bibliothek mit ihrem bildungs- und wissens-orientiertem Publikum könnte ein neuer „Anker“ für die Einkaufs-Ödnis sein, argumentiert er. Fansa entwirft ein wunderbares Bild von den Menschen aus allen Bildungsschichten, die sich „ganz ohne Druck und ohne Konsumzwang“ zum freien Austausch von Wissen und Fertigkeiten in den öffentlichen Räumen treffen, dort zusammen stricken, häkeln, reparieren, Computerwissen vermitteln oder debattieren. Es ist das klassische Bild der Almende, die sich im Schatten von, aber auch bewusst gegen kapitalistischen Verwertungsdruck organisiert – und diesem doch immer ausgesetzt ist.

Eine solche moderne Almende könnte natürlich auch jeder andere Bibliotheks-Standort sein, wenn er dazu eingerichtet ist. Aber hier in der Friedrichstraße könnte eben zusätzlich ein „Entwicklungsanreiz“ für die ganze Straße entstehen, wie Fansa formuliert. Er meint damit offensichtlich genau jene Lebendigkeit, die dem Einkaufen eine attraktive Umgebung schafft. Und ihm ein zusätzliches Zielpublikum zuführt, denn viele verkaufte Döner können unter Umständen gewinnträchtiger sein, als wenige verkaufte Hummer-Canapés.

Da haben wir sie, die „ursprüngliche Akkumulation“. Das lebendige Leben, das sich – notgedrungen oder nicht – widerständig gegen das Konsum-Diktat organisiert, wird zur Ressource für neue Inwertsetzungs-Maßnahmen.

Wo bin ich gelandet? Worauf will ich hinaus? Hat das irgendwas mit unseren Preis-Spekulationen vom Quittenpunsch zu tun?

IV.

In unserer Preisdiskussion springen wir zwischen verschiedenen Parametern hin und her. Was mussten wir einkaufen? Wieviel Arbeitszeit geht in die Vorbereitung und dann in den Verkauf? Wie berechnen wir die? Was kostet der Punsch in der Stadt oder auf anderen Märkten? Wieviel werden die anderen Stände für ihren Glühwein nehmen? Wollen wir den unterbieten, uns daran anpassen und uns gar nicht darum scheren? Welchen Preis erwarten die Dorfbewohner:innen? Welchen sind die Gäste bereit zu zahlen? Wie verstehen wir überhaupt die ganze Aktion?

Erstmal: der Quittenbaum gehört niemandem speziell. Die, die ihn gepflanzt haben, wohnen schon lange nicht mehr hier. Die Quitten waren also umsonst. Unsere Arbeit des Entsaftens: probeweise rechnen wir mal 12,50 pro Stunde, ungefähr der Mindestlohn. Da kommen wir zusammen auf vielleicht 15 Stunden. Bei 20 Litern für etwa 60 Gläser Punsch wären das über 3 Euro, noch nicht den Verkauf, die Energie, die weiteren Zutaten mitgerechnet, und auch nur, wenn wir alles verkaufen. Realistisch zur Kostendeckung wären dann 4 bis 5 Euro. Das ist einfach zu viel. Aber war unsere Saftgewinnung nicht eigentlich eher Freizeitbeschäftigung, jedenfalls freiwillige und gerne gemachte Arbeit, die sich gar nicht in Geld umrechnen lässt (,auch wenn wir natürlich alle drei Geld brauchen)? Und wollen wir nicht einfach zu einem netten kleinen Dorffest beitragen?

Da schließt sich also die Frage an, welchen Charakter das Reichenower Weihnachtsfest eigentlich hat. Soweit es ein Dorffest ist, hat es Gebrauchswert-orientierten Almende-Charakter, zu dem alle etwas beitragen, damit alle etwas davon haben. Die Preise sind mehr oder weniger symbolisch und sollten einfach nur den Einkauf decken. Soweit es ein Tauschwert-orientierter Markt ist, werden Geschäfte gemacht, da zählt dann die verfügbare Kaufkraft und das Kalkül, ob sich das überhaupt lohnt.

Und um welche Konsument:innen handelt es sich? Es gibt die Einheimischen, von denen ein großer Teil nicht viel Geld hat. 3 Euro für einen Glühwein oder Punsch wären für sie wahrscheinlich schon jenseits der Schmerzgrenze, jedenfalls für zwei bis drei Gläser, die man schon braucht, um in einen leichten Adventsrausch zu kommen. Und es gibt die finanziell meist besser ausgestatteten Neuzuzüge; für die wären 3 Euro gerade recht. Außerdem gibt es noch die Gäste aus der Stadt, Hotelgäste und Ausflügler:innen, die ganz andere Preise gewohnt sind und für die das sozusagen naturbelassene Dorfleben einen Hauch von Exotik hat – Exotik und Zurückgebliebenheit, die sich ihres wahren Marktwertes nicht bewusst ist. „Selbst gemachter Punsch, selbst gemachter Glühwein nur 3 Euro; die Wurst, wahrscheinlich auch aus dörflich-regionaler Aufzucht, nur 2 Euro! Hah, da schlagen wir zu! Freiwillig 5 Euro bezahlen? Warum sollten wir das?! Wir kennen die Leute doch gar nicht!“

Nehmen wir zu viel Geld, schließen wir die Ärmeren aus, nehmen wir zu wenig, werden wir zur Ressource für die, die eigentlich mehr bezahlen könnten, und ärgern uns außerdem, wenn die einheimischen Käufer:innen unseren freiwilligen Verzicht nicht wenigstens wertschätzen.

Alternativen wären: 1. Preis nach Selbsteinschätzung, was viele Käufer:innen erfahrungsgemäß in Verlegenheit bringt. 2. Eine Preisspanne angeben, vielleicht 2 bis 4 Euro; na, dann zahlen die Leute 3 Euro. 3. Andere Preise für Dorfbewohner:innen und Gäste; ausgeschlossen, wer soll das kontrollieren? Und außerdem, so eindeutig homogen sind die Einkommensverhältnisse dann doch nicht verteilt.

Oder vielleicht: den Punsch einfach verschenken; das fühlt sich am besten an. Vielleicht machen wirs so. Spenden würden wir natürlich nicht zurückweisen…

 

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Kleiner Versuch über das Spinnennetz https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/08/31/kleiner-versuch-ueber-das-spinnennetz/ https://blogs.taz.de/jottwehdeh/2023/08/31/kleiner-versuch-ueber-das-spinnennetz/#respond Thu, 31 Aug 2023 11:48:12 +0000 https://blogs.taz.de/jottwehdeh/?p=1599 Ich liege in der Badewanne und schaue in den Himmel. Baden und Busfahren beruhigt mich. Ich mache es ohne Notwendigkeit. Es hilft mir, vor intellektuellen Anforderungen oder Entscheidungen zu mir zu kommen oder von erdenschweren Gefühlszuständen loszukommen. Die Gedanken werden aus ihrer Zweckbestimmtheit befreit und schweifen, pendeln, finden hier und da einen Haltepunkt, von dem sie sich leicht wieder lösen, um woanders hin zu pendeln. Es entstehen Assoziationen, in die sich Erinnerungen mischen oder die sich in bruchstückhaften Vorhaben verfangen, sie aber gleich wieder verlieren, zu anderen vagen Planungen greifen, sie kurz umkreisen und  sie für später zurückschieben. Zwischendurch reines Schauen und Fühlen des vom Wasser gehobenen Körpers. Ein Zustand des Schwebens, den man auch als Muße oder Kontemplation bezeichnen könnte.

Die schmale Fensterleibung rahmt den Blick auf einen Himmel aus durchscheinendem Blau, durch den sich träge, weiße Dunstwolken ziehen wie von einer langsam in der Ferne verschwindenden Dampf-Eisenbahn. Auf der linken Seite wedelt ein einzelner, grün belaubter Ast durchs Bild, der zum Baum vor dem Nachbarhaus gehört. Es sieht aus, als würden seine Zweige mit sanften Bewegungen die Wolken weiterschieben. Oben und an den Seiten züngeln einige Efeutriebe um die Fensterecke. Ihre spitzen, dunkelgrünen Blätter zeigen wie Pfeile ins Wohnungsinnere, sie möchten gern hier reinwachsen, und sie tun es auch, wenn man sie nicht daran hindert. Na, jetzt nicht. So schnell geht das nicht.

Zwischen Efeu und dem Himmelsblau wölbt sich hinter dem Fliegengitter ein keiner grauer Vorhang, hochgerafft zu einem eleganten Bogen, ein zwar durchscheinendes, aber unansehnliches, irgendwie vollkommen farbloses Grau. Ein Spinnennetz, das von meinen Augen jetzt fokussiert wird. Sie tasten die Leibung ab und –ja – da sind noch mehr Spinnennetze, eigentlich rings herum! Da muss aber mal saubergemacht werden! Da müssen wir mal ran! Aus dem Zustand des Schwebens setze ich hart in den gewohnten Tatendrang auf. Wie sieht das denn aus!? Wie die züngelnden Efeuzweige sind die an der Grenze zwischen Außen und Innen festklebenden grauen Netze eine Bedrohung, der früher oder später begegnet werden muss, sonst kommen sie rein, sonst überwuchern und verkleben sie unser Leben, verschlingen uns!

Ja, wie sieht das aus? Während das warme Wasser mich sanft umspült, kehre ich zum reinen Schauen und ziellosen Wandern in meinem Kopf zurück. Das zarte Netz ist in leichtem Schwung in alle drei Richtungen gewölbt. Es könnte das kleine Abbild eines Vogelschwarms im Aufbruch sein, oder ein dünner Stoff, der vom Wind gehoben wird und noch nicht weiß, wie er sich darin ausrichten soll. Das ist doch einfach nur schön! Woher kommt der klare und schnell gefasste Gedanke, dass das weg muss? Spinnen und Spinnweben, was stört an ihnen, was lösen sie aus?

Das Haus, das wir bewohnen, hat viele Zimmer. Und die Zimmer haben viele Ecken. Zu jeder Ecke an den Zimmerdecken gehört eine korrespondierende am Boden. In den Ecken am Boden, besonders in den Fenster- und Türrahmen, sammeln sich immer wieder Krümel, die aber keine Krümel sind, sondern irgendwas anderes Fallengelassenes. Ich halte sie zuerst für Fliegen, die zu lange vergeblich versucht haben, durch die Scheibe nach draußen zu kommen. Aber die kleinen Punkte sind nicht schwarz, sondern grau – kleine graue, verschnürte Pakete. Es sind die Mumien von Fliegen, vielleicht auch von Mücken, Motten oder Käfern, die von den in den oberen Ecken tätigen Spinnen ausgelutscht, akkurat verpackt und dann abgeworfen wurden. Eine nützliche Tätigkeit, die aber in ihrer kalten Brutalität doch auch etwas Erschreckendes hat. Das will man nicht sehen, was die Spinne so verdaut hat! Nicht ohne Grund ist Müll etwas, das vor allem eins soll: verschwinden! Die Fliegenkadaver werden weggesaugt.

Aber auch die Netze selbst wecken nicht das gleiche Zutrauen wie etwa Moskitonetze, die ja eine ähnliche Funktion der Abwehr lästiger Insekten haben. Ein von Spinnweben durchzogenes Haus ist ein düsteres, ein vernachlässigtes, wenn nicht gar ein verlassenes Haus. Spinnweben zu entfernen, ist ein Ausdruck der Wohn-Behauptung gegenüber der sich selbst entfesselnden, stets zum Nachrücken bereiten Natur.

Ich habe nichts gegen Spinnen, ich trage sie sogar manchmal raus, aber sie müssen in ihre Schranken verwiesen werden. Ich habe einen Spinnenbesen, auch Staubwedel genannt. Es ist ein in der Berliner Blindenwerkstatt gefertigtes hölzernes Gerät, auf dessen Kopf der füllige Schopf aus feinstem Ziegenhaar sich pilzförmig in alle Richtungen spreizt. Damit ich mit ihm alle Zimmerecken erreiche, habe ich eine Teleskopstange angebaut. Den Staubwedel ziehe ich durch die Ecken und an den Wänden entlang. Ich scheuche zarte, langbeinige, kaum wahrnehmbare Wesen auf, die sich, unauffällig zur Seite stelzend, in Sicherheit zu bringen versuchen. Sind das Spinnen oder Weberknechte? In meiner Kindheit hießen sie „Schneider“, wegen der langen, dünnen Beine. Keine Ahnung, warum nun ausgerechnet Schneider besonders lange und dünne Beine haben sollten. Die Bezeichnung „Weberknechte“ könnte vielleicht darauf hinweisen wollen, dass diese Tierchen aus den von den Spinnen produzierten Fäden etwas zusammenweben. Aber das stimmt auf keinen Fall, denn die Weberknechte bauen keine Spinnennetze. Sie produzieren noch nicht einmal Fäden, sondern hangeln sich an dem entlang, was sie finden. Vielleicht teilen sie sich den Raum auch mit den kleinen, unscheinbaren Spinnen.

Fäden im Wohnzimmer, Fäden im Schlafzimmer, Fäden in der Küche, kleine graue Schleier an den Wänden und an der Decke. Das Graue ist Staub, der sich in den klebrigen Fäden verfangen hat. Staub besteht aus kleinsten Teilchen, meist Textilfasern, die durch die menschlichen Aktivitäten durch die Luft gewirbelt werden. Es sind also unsere Hinterlassenschaften, die sich mit denen der Spinnen zu einem Grauschleier mischen. Die Doppelbezeichnung „Spinnenbesen“ und „Staubwedel“ hat also durchaus ihre Berechtigung. In der Küche ist es besonders schlimm. Dort haben sich nicht nur Staub- sondern auch Fettpartikel auf den Fäden niedergelassen – eine schmierig- klebrige Masse.

Ich ziehe die Teleskopstange ein. Der pilzförmige Haarwuschel ist von einer Vielzahl von staubigen Fäden umgeben – umschlungen, muss ich sagen. Ich trete vor die Tür und versuche, das Gespinst um das Ziegenhaar abzustreifen. Es lässt sich nicht so einfach abschütteln, ich muss eingreifen. Aber es bleibt an meinen Händen kleben und ist jetzt doch ziemlich eklig. Ich frage mich, ob ich nicht doch lieber den Staubsauger mit Teleskoprohr nehmen soll.

Eine der von mir aufgescheuchten Spinnen tritt die Flucht nach oben an. Es sieht aus, als wenn sie mit ganz leichten krabbeligen Bewegungen in einem unsichtbaren Medium an die Oberfläche aufzutauchen versucht. Sie frisst ihren eigenen Faden wieder auf, denn – so habe ich mich im Internet weitergebildet – sie unterscheidet beim Spinnen der Fäden zwischen klebrigen, die zum Befestigen und zum Einfangen nützlich sind, und solchen aus reinem Protein, die zum Abseilen und Hochziehen dienen. Ein Ariadne-Faden.

Ariadne, die kretische Prinzessin, hat dem Helden Theseus ein Wollknäuel mitgegeben. Nachdem er das im Labyrinth versteckte Monster Minotaurus erledigt hätte, würde er, sich am Faden zurückhangelnd, den sicheren Rückweg finden. Das hat er dann auch, aber Ariadne selbst hatte keinen Faden, an dem sie sich aus dieser fatalen Liebesgeschichte in Sicherheit hätte bringen können. Sie strandete verlassen auf Naxos.

Irgendetwas an der Geschichte stimmt nicht. Der Faden sichert zwar den Rückweg, aber ist natürlich keine Hilfe, um den Hinweg, also hier den im Labyrinth versteckten Minotaurus zu finden. Allein dieses Sujet wäre eine eigene Reflexion wert: Was nützt mir ein gesicherter Rückweg, wenn der Hinweg dem Schicksal überlassen bleibt und das Ziel mich bereits verschlingt, sodass ich gar keinen Rückweg brauche? Der Ariadnefaden hat nicht geholfen, den Minotaurus zu besiegen. Und wenn diese Großtat schon von so vielen Prinzen vor ihm versucht wurde, dann müsste der Minotaurus längst tot gewesen sein und das Labyrinth voller vertrockneter Prinzenmumien gelegen haben, die erfolgreich waren, aber ihren Rückweg nicht gefunden haben. Aber lassen wir das.

Auch der Weg der kleinen, sich abseilenden Spinne endet in meinem bereits klebrig gewordenen Ziegenhaarbüschel; sie hat die Gefahr zu spät erkannt. Ich walke sie zusammen mit der Mischung aus Spinnfäden und Hausstaub von meinem Reinigungsgerät herunter in den Mülleimer hinein.

Es ist auch nicht Ariadne, die den Spinnfaden produziert hat, sondern Arachne. Ich habe mich vertan, weiß jetzt aber nach Wikipedia-Studium Bescheid: Arachneia ist die lateinische Sammelbezeichnung für alle Spinnentiere. Sie stammt aus der griechischen Mythologie, wonach eine hervorragende, aber hochmütige Weberin namens Arachne aus einem kleinasiatischen Ort die Göttin Pallas Athene zum Wett-Weben herausgefordert hatte, sie besiegte, und anschließend durch Umwandlung in eine Spinne bestraft wurde.

Wieder wird Spinnen und Weben verwechselt. Das passiert oft, besonders in Märchen. Dabei ist das eine die Voraussetzung des anderen, das andere aber nicht die notwendige Folge des ersten. Aus dem eindimensionalen Zusammenhang des Fadens wird ein zweidimensionaler des Stoffes, der wiederum durch das Schneidern zu einem dreidimensionalen Gebilde, dem Gewand, wird – ein Kunstwerk der menschlichen Vorstellungskraft und der meist weiblichen, handwerklichen Geschicklichkeit.

Das kleine Spinnennetz-Gewölbe am Badezimmer-Fenster, das alle meine Gedanken ausgelöst hat, erscheint mir jetzt weniger grau. Es ist der geraffte Vorhang aus hellem, durchscheinendem Tüll vor dem Schauspiel der Natur. Kein unmittelbarer Handlungsbedarf. Ich nehme mir vor, ihn noch einmal im Abendlicht zu betrachten, wenn vielleicht kleine Wassertropfen in seinen Maschen funkeln. Demnächst also noch ein Besinnungsbad am Abend.

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