Es brauchte drei Anläufe, um das Casino endgültig zu etablieren. Die erste Linzer Casino-Gesellschaft gründete sich am 24. Oktober 1828 mit 37 Mitgliedern, deren Namen nicht bekannt sind. Als Versammlungslokal diente die Gastwirtschaft „Zur Stadt Paris“ von Peter Unkel in der Mittelstraße, wo die Gesellschaft einen Saal mit Nebenzimmer mietete.2 Aus den Anfangsjahren ist nur wenig überliefert, die Vereinigung trat aber offenbar von Beginn an selbstbewusst auf, wie ein Schreiben des Linzer Bürgermeisters Franz Kerp an Landrat Philipp von Hilgers vom 23. Januar 1830 vermittelt. Darin heißt es: „Die hiesige Casino-Gesellschaft behauptet, daß ihre Mitglieder abends solange in ihrem Gesellschafts-Lokal bleiben dürften, wie sie wollten, nehmlich auch nach der Polizey-Stunde, und daß die im Amtsblatt No 53 vom vorigen Jahre enthaltene Verordnung […] die Feier der Sonn- und Festtage betreffend auf geschlossene Gesellschaften, mithin auch auf die hiesige Casino-Gesellschaft, nicht angewendet werden könnte. Ich frage ergebenst an, ob die fragliche Gesellschaft recht hat oder nicht.“3 Eine Antwort darauf, sofern es sie gab, ist nicht erhalten. Diese erste Gesellschaft löste sich „wegen übertriebener Anforderungen des Wirthes“ 1845 wieder auf, nur um noch im November desselben Jahres und kurioserweise auch im selben Lokal eine neue Gesellschaft mit nun 36 Mitgliedern, zu bilden. Die Gesellschaft traf sich wöchentlich mittwochs und samstags, ein Besuch pro Monat war verpflichtend. Der jährliche Mitgliedsbeitrag belief sich auf von zwei Taler, „wovon dem Wirthe für Lokalmiethe gleich die Hälfte zugesprochen wurde“. Nur knapp ein Jahr später, am 30. September 1846, löste sich auch diese Gesellschaft wieder auf.
Die dritte Gründung schließlich war von Dauer. Sie fand am 28. September 1847 im Hotel „Nassauer Hof“ Ecke Rheinstraße und Burgplatz statt, das nun als Gesellschaftslokal diente. Den Statuten zufolge diente die Casino-Gesellschaft der „Unterhaltung, verbunden mit Lektüre und geselligen Vergnügungen“. Sie bestand aus ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern, letztere waren ursprünglich diejenigen, „welche außerhalb der Ringmauer der Stadt wohnen“. Dieser Punkt der Statuten wurde später gestrichen und die außerordentlichen durch sogenannte „Karten-“ bzw. Gastmitglieder ersetzt. Dies galt für Personen, die sich nur kurze oder unbestimmte Zeit in Linz oder Umgebung aufhielten bzw. noch nicht selbständig gewordene Söhne von ordentlichen Mitgliedern. Über die Aufnahme von Neumitgliedern bestimmte die Generalversammlung per Ballotage, das Mindestalter für die Aufnahme lag bei 20 Jahren.4 Den Vorstand bildeten Vorsitzender, Schriftführer, Kassierer, Kellerverwalter, Verwalter des Mobiliars und Immobiliars, der Leiter der Festlichkeiten und der Verwalter der Zeitschriften.5 Ab 1911 konnten auch Frauen mit ihren Angehörigen gegen einen Jahresbeitrag von 12 Mark an allen „Vergnügungen und Vergünstigungen“ der Casino Gesellschaft teilnehmen.6
Die 52 Gründungsmitglieder7 repräsentierten den Querschnitt des aufstrebenden Linzer Bürgertums. Zu ihnen gehörten Bürgermeister Franz Stephan Christmann und Amtmann Peter Thewalt sowie die katholische und evangelische Geistlichkeit in Person der Pfarrer Franz Karl Berresheim und Ernst Jungck, des Weiteren 21 Kaufleute, acht Lehrer, fünf Hütten- bzw. Gutsbesitzer, darunter Rudolf von Gerolt, drei Gerber, zwei Ärzte, die Gastwirte Carl Stoppenbach (Haus Bucheneck) und Johann Baptist Zimmermann (Rheinstraße) sowie Apotheker Ferdinand Kästner. Besonderheit der Casino-Gesellschaft war ihr konfessionell „neutraler“ Charakter.8 Unter den Mitgliedern fanden sich gleichermaßen Katholiken wie Protestanten und mit dem Kaufmann Issac Jacob Cahn auch ein Jude. Weitere Juden traten der Gesellschaft später bei, Hermann Cahn, Hermann Hirsch und Daniel Wallach waren Vorstandsmitglieder. Der jüdischen Gemeinde boten konfessionell ungebundene Vereine wie die Casino-Gesellschaft eine erste Möglichkeit der Integration, denn das gesellschaftlichen Leben hatte sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen in den traditionell christlichen Vereinen abgespielt, in die Juden nicht eintreten konnten. Die im Gründungsjahr der Gesellschaft noch im Entstehen befindliche evangelische Gemeinde war prominent vertreten durch die Hüttenbesitzer Christian und Engelbert Rhodius, deren ehemaligen Kontoristen Lambert à Brassard, später über fünf Jahrzehnte Kirchmeister, sowie den in Linz ansässigen Kreisphysicus Friedrich Gerecke. Auch eine Vielzahl preußischer Beamter und Militärangehöriger zog die Gesellschaft in den kommenden Jahren an.

Die erste dokumentierte Veranstaltung der neu gegründeten Vereinigung war „das auf Neujahr im Gesellschaftslokale stattfindende Abendessen und Tanzvergnügen“. Die Kosten betrugen 12 Sgr. für das Couvert und 3 Sgr. für die Tafelmusik. Beim Tanzvergnügen hatte jeder Tänzer für die Kosten der Musik 10 Sgr. zu zahlen. Es meldeten sich 35 Mitglieder mit insgesamt 61 Personen an.9 Im Mai 1848 wechselte man erneut das Gesellschaftslokal und mietete sich „In der Sonne“ bei Anton Lorscheid Am Gestade ein (heute Hausnummer 4), hauptsächlich, um im Sommer eine Gartenwirtschaft zu haben. Einige Jahre später schließlich konnte die Gesellschaft den ebenfalls Am Gestade (Hausnummer 9) gelegenen ehemalige Zehnthof als Vereinshaus erwerben. Am 12. April 1855 ersteigerten die in Linz wohnhaften Engelbert Rhodius, Rechtsanwalt [Nikolaus] Neuerburg und Bernhard Neuerburg sowie Georg Heuser aus Köln „aus der Subhastationsmasse“ von Jakob Schwertführer und dessen Kindern ein Wohnhaus mit Remise, Stall und Garten. Der Kaufpreis betrug inklusive Zinsen 2059 Taler, 14 Silbergroschen und 11 Pfennig und musste an drei Terminen an das Königliche Schöffengericht gezahlt werden.10 Das Verfahren zog einen jahrelangen Rechtsstreit mit den Erben Schwertführers nach sich, der erst im März 1865 gegen eine Zahlung von 250 Taler zulasten der Casino-Gesellschaft eingestellt wurde.11
Mit dem Erwerb des 1848 nach einem Brand wiederaufgebauten Zehnthofes12 stand der Gesellschaft endlich ein geräumiges und repräsentatives Vereinshaus zur Verfügung. Fotos zeigen ein stattliches, langgestrecktes Gebäude mit zwei Stockwerken und einem Dachgeschoss. Das ursprünglich dunkle Mauerwerk erstrahlte nach einer Renovierung um 1900 in hellen Farben, an der Fassade prangte weithin sichtbar die Aufschrift „Casino“. Im Innern gab es einen großen Saal für mehrere Hundert Personen, eine Kegelbahn, ein Billardzimmer, ein Spielzimmer mit Domino-, Schach- und Kartenspielen sowie ein Lesezimmer.13 Hier lagen sowohl die Kölnische Zeitung, Sprachrohr des rheinischen Liberalismus, als auch die dezidiert katholische Kölnische Volkszeitung14 aus. Abgelaufene Jahrgänge wurden dem städtischen Archiv gestiftet.15 Selbstredend verfügte das Casino auch über einen gut gefüllten Weinkeller. Der Keller wurde 1857 angelegt und ein Kapital in Höhe von 1.000 Mark zum Ankauf von Weinen aufgenommen. Anfang 1898 umfasste der Weinbestand knapp zweieinhalb Tausend Liter an Fasswein, größtenteils Rotwein unterschiedlicher Preisklasse, und jeweils etwa 300 Liter Weiß- bzw. Trübwein. Dazu kamen mehrere Hundert Flaschen Weißwein der bekanntesten Lagen von Rhein und Mosel, Dattenberger Rotwein und Schaumwein der Burgeff-Kellerei am Main.16

Über die Beschaffenheit des Gebäudes wachte ein Ökonom, dem eine geräumige Wohnung im Dachgeschoss zur Verfügung stand.17 Der Ökonom – zwischenzeitlich gab es mit der Witwe Spiegel aus Niederdollendorf auch eine Ökonomin – hatte für die Ordnung und Reinlichkeit der Räume, der Kegelbahn und auf den Straßen zu sorgen, außerdem für Heizung und Beleuchtung sowie Bedienung bei den Gesellschaftsabenden und Festen. Er war zuständig für die regelmäßige Einlieferung und Auflegung der Zeitschriften und Aufbewahrung der gelesenen Blätter, die sorgsame Abfüllung der in Fässern ankommenden Weine unter Anweisung des Kellermeisters, musste darauf achten, dass während der Kegelsaison ständig ein Kegeljunge zur Verfügung stand und sollte diesem an jedem Abend, an dem er gebraucht wird, „ein tüchtiges, belegtes Butterbrod mit einem Glas Bier verabfolgen.“ In der Funktion des Gesellschaftsdieners kassierte der Ökonom die Beiträge zu Festlichkeiten, den Erlös aus dem Getränkeverkauf sowie die Einnahmen aus Kegelbahn und Billiard.
Durch ihr standesgemäßes Etablissement wurde die Gesellschaft endgültig zum Kristallisationspunkt des gesellschaftlichen Lebens von Linz. Der große Saal des Casinos war Schauplatz von Festen und Bällen, auch Fastnachtsbällen, Konzerten, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Versammlungen des Vaterländischen Frauenvereins und des Elisabethen-Vereins, Redeakten des Königlichen Progymnasiums anlässlich von Königs und Kaisers Geburtstag oder Einführung von Bürgermeistern und Gymnasialdirektoren. Im September 1860 hielt die Lokal-Abteilung Neuwied des landwirtschaftlichen Vereins ihre Generalversammlung in den Räumen der der Casino-Gesellschaft statt, „wo eine reiche Auswahl von Garten- und Feld-Produkten, nach den Bürgermeistereien des Kreises geordnet, in schönen Gruppen aufgestellt gebührende Anerkennung [fand].“18 Die „Kriegerfeste“ mit Illumination anlässlich der Rückkehr der Truppen 1866 und 1871 zählten jeweils mehr als 300 Teilnehmer. Im Mai 1887 tagte in den Räumen des Casinos die jährliche Generalversammlung des Historischen Vereins für den Niederrhein.19
Das Casino war außerdem ein wichtiger Anlaufpunkt für Vereine. Bereits im November 1849 wurde eine Vereinbarung dem Linzer Musikverein getroffen, dass dieser für seine Proben, Konzerte, Bälle und Generalversammlungen den Gesellschaftssaal nutzen durften. Der Linzer Männergesangverein, im Juli 1873 umbenannt im Linzer Gesangverein, schloss am im März 1886 einen Vertrag mit der Casino-Gesellschaft, demzufolge der Saal im Casino-Gebäude der Chorvereinigung für Veranstaltungen überlassen wurde, und nannte sich fortan „Linzer Gesangverein Casino“. Der Vorstand der Casino-Gesellschaft – Bürgermeister Julius Lerner, Robert Rhodius, Johann Baptist Gerecke und Hermann Cahn – bildete zugleich den Kopf des Gesangvereins, dem 1919 ein Ende beschieden war.20 Dem Wissenschaftlichen Verein Linz wurde für seine monatlich abgehaltenen Vorträge zu unterschiedlichsten Themen wie „Gustav Hauptmann als moderner deutscher Dramatiker“ oder „Friedrichs des Großen Ansichten über Religion und Toleranz“21 das sogenannte „Parlamentszimmer“ im Casino zur Verfügung gestellt. Das Casino war außerdem die Keimzelle des „Weißen Sports“ in Linz. Bereits in den späten 1890er Jahren hatte die Gesellschaft hinter ihrem Haus einen „Lawn-Tennis-Platz“ anlegen lassen. Im September 1901 fand dort erstmals ein Turnier statt, bei dem der erst kürzlich gegründete Casino-Tennis-Club Rot-Weiß Linz am Rhein angeblich „die Meisterschaft der Herren und Damen selbst gegen Meisterschaftsspieler aus Köln und Rostock behaupten“ konnte.22 Der spätere Rotsandplatz überstand sogar den Zweiten Weltkrieg und diente danach – mit einfachen Mitteln wieder hergestellt – französischen Besatzungssoldaten, die auch Einheimische spielen ließen.23

Die zunächst auf einen exklusiven Kreis begrenzt gepflegte Geselligkeit strahlte im Laufe der Zeit auch in die Stadt- und Dorfgesellschaft aus. Das zeigt die Verbreitung geselliger Vereine, die nicht auf die „höheren Kreise“ beschränkt blieben.24 Auch in Linz und Umgebung gründeten sich um 1900 zahlreiche dieser Vereinigungen wie etwa der Bürgerverein Linzhausen, die Gesellschaft Erholung Ohlenberg, der Rauchclub Zufriedenheit Dattenberg oder der Erholungsverein Ohlenberg. In der Stadt Linz spaltete sich bereits in den 1860er Jahren eine Bürgergesellschaft von der Casino-Gesellschaft ab, letzte Gründung war der 1924 gebildete Sterner Bürgerverein, der heute noch besteht.
Auch vor dem Hintergrund des Kulturkampfs wurde die Linzer Casino-Gesellschaft als Sammelbecken des liberalen, elitären, dem preußischen Staat zugewandten Bürgertums zur Zielscheibe konservativ-katholischer Kreise. Zentrale Figur war der Redakteur Christian Krumscheid, den Bürgermeister Lerner als „Leiter aller clerikalen Demonstrationen und regierungsfeindlichen Thätigkeiten“ bezeichnete.25 Mittels seines 1863 gegründeten Presseorgans „Linzer Zeitung und Anzeiger“ heizte Krumscheid mit polemischen, spöttischen und kritischen Beiträgen die Stimmung in der Stadt auch gegen die „sogenannte Noblesse“ an.26 Beispielhaft dafür ist ein Beitrag vom 13. August 1871, in dem sich Krumscheid geradezu in Rage über (ansonsten nicht zu belegende) Auswüchse bei einem fünf Jahre zurückliegenden Festessen im Casino anlässlich der Wiederwahl von Bürgermeister Willibrord Thiesen echauffierte (siehe unten abgebildeten Zeitungsausschnitt).27 Nach wiederholter Kritik daran, dass das Casino anlässlich hoher kirchlicher Feste nicht beflaggt und geschmückt gewesen sei, sah sich die Gesellschaft schließlich der Entgegnung bemüßigt: „Es wird zugegeben werden müssen, daß das Casino ein gesellschaftlicher Versammlungsort aller Confessionen, also ein neutraler ist, bei dem kein confessioneller oder Parteistandpunkt hervortreten sollte.“28
Es hätte Redakteur Krumscheid, der 1902 starb, sicher gefreut, dass ausgerechnet im Casinosaal am 12.11.1918 ein Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrat gewählt wurde.29 Die Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit forcierte den Niedergang des Linzer Casinos. Wiederholt hatte die Gesellschaft Anleihen und Hypotheken aufnehmen müssen, um ihre finanziellen Verhältnisse zu ordnen. Die genauen Umstände ihrer Auflösung ließen sich jedoch nicht ermitteln. Der letzte Eintrag im Protokollbuch datiert auf den 16. März 1924. Die Gesellschaft war kurz zuvor in einen eingetragenen Verein umgewandelt worden, weshalb auf der Frühjahrsversammlung „der Gesamtvorstand sein Amt niederlegen wird.“30 Das letzte „Lebenszeichen“ des Casinos findet sich in einer Bauakte von 1925 betreffend die Erhöhung der Einfriedungsmauer längs des Schulplatzes aufgrund der „fortwährenden Belästigungen und Beschädigungen des Tennisplatzes durch die Jugend, die daran nie durch die Lehrer gehindert wurde“.31 Im April 1934 wechselte das Casino in den Besitz der Stadt Linz bzw. der Städtischen Sparkasse.32 Diese ließ das Gebäude von den Architekten Mattar & Scheler umbauen33 und vermietete es anschließend an die NSDAP, die es als Parteiheim nutzte, in dem neben der Ortsgruppenleitung alle Gliederungen und Formationen der Partei untergebracht wurden.34 Am 26. Mai 1935 wurde das sogenannte „Haus der Staatsjugend“ eingeweiht. Der Stadtchronist notierte: „Unter den Ehrengästen bemerkte man neben dem Stadtoberhaupt den Landrat, den Kreisleiter der NSDAP, Gebietsführer Rolf Karbach und Bannführer Perzl. Die Feier stand im Zeichen des Todestages Albert Leo Schlageters. Es sprachen Kreisinspekteur Schulz, Kreisleiter Dern und Gebietsführer Karbach.“35 Mit dem nationalsozialistischen Regime ging auch das Linzer Casino in den letzten Kriegsmonaten unter. Während der Luftangriffe im Februar 1945 erlitt das Haus mehrere Bombenvolltreffer, nach denen nur noch die Fassade bestehen blieb. Auf einer undatierten Flurkarte der unmittelbaren Nachkriegszeit wird das Gebäude, wie mehrere Häuser in der unmittelbaren Umgebung, als „total zerstört“ bezeichnet.36 Auf dem brach liegenden Grundstück entstand 1959 die Berufsschule des Kreises Neuwied, die heutige Alice-Salomon-Schule.



Am 7. November 2025 reinigten und polierten Schülerinnen und Schüler der Robert-Koch-Schule Linz im Laufe des Vormittags die in der Stadt verlegten Stolpersteine. Damit setzten sie ein sichtbares Zeichen für das fortdauernde Gedenken an Linzerinnen und Linzer jüdischen Glaubens und trugen zur Pflege des kulturellen Gedächtnisses und historischen Bewusstseins bei.
Am Sonntag, den 9. November 2025, fand im Rahmen eines etwa einstündigen Rundweges entlang der Stolpersteine und ehemaligen Wohnhäuser jüdischer Familien ein gemeinsames Gedenken statt. Stadtbürgermeister Helmut Muthers eröffnete die Veranstaltung mit einer kurzen Ansprache am Treffpunkt in der Breitestraße auf dem Vorplatz der Feuerwehr.
Mit Hintergrundinformationen sowie Musik- und Wortbeiträgen wurde an verschiedenen Stationen des Schicksals der ehemals in Linz lebenden jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger gedacht.
Die Gedenkveranstaltung endete am Dr.-Sigmund-Wolf-Platz vor der ehemaligen Servitessenkirche, an deren Fassade eine Bronzetafel an die Linzer Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erinnert. Den Abschluss bildete die Vorstellung der von Stadtarchivarin Andrea Rönz aufgelegten Broschüre aller in Linz verlegten Stolpersteine und Erinnerung an das jüdische Leben in Linz. Sie enthält die Wohnorte und Kurzbiographien der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus sowie eine Darstellung der 700-jährigen Geschichte der jüdischen Gemeinde. Die Broschüre ist kostenlos in der Tourist-Information im Rathaus sowie im Stadtarchiv erhältlich.
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Aus dem 16. bis 18. Jahrhundert stammen die größtenteils auf den Gräberfeldern westlich, und (nord-)östlich der Kirche verteilten, mehr oder weniger verwitterten Grabkreuze. Die Kreuze, meist aus Basalt, später vereinzelt auch aus Trachyt oder Kalkstein gefertigt, wurden im Laufe der Zeit mehrfach umgestellt, so dass sich heute keines mehr über dem ursprünglichen Grab befindet. Auf ihnen finden sich üblicherweise Inschrift und Hauszeichen oder Wappen des oder der Verstorbenen.
Eines der ältesten noch erhaltenen Basaltkreuze ist das Grabkreuz der Eheleute Hermann und Margarete Salzfaß. Die Inschrift der Vorderseite lautet: 1590 STARF HERMAN SALSFAS DER S.G.G.S. Die Abkürzung am Ende steht vermutlich für SEELE GOTT GNÄDIG SEI und findet sich in dieser od
er ähnlicher Form auf vielen Grabkreuzen. In der Mitte ist noch ein Schild mit einem Salzfass, dem Familienwappen, zu erkennen, auf der Rückseite steht: 1602 STARF MARGRETEN SALSFAS D.S.G.G.S. Bei den Eheleuten soll es sich um die frühesten Angehörigen dieser Familie in Linz handeln, dessen prominentester Vertreter wohl der Namensvetter des Verstorbenen ist, der mehrfache Bürgermeister Hermann Salzfaß, Kaufmann und Wirt der Herberge „Im Heiligen Geist“ am Marktplatz, heute Haus Nr. 23. Als Bürgermeister kam Salzfaß zu zweifelhaftem Ruhm, weil er wegen wiederholter Amtsanmaßung und öffentlicher Schmähung der Ratsherrn einen „publico scandalo“, wie es in einer Quelle heißt, heraufbeschwor, weshalb der Stadtrat 1655/56 ein Verfahren gegen ihn anstrengte. An die Familie erinnert im heutigen Stadtbild noch der Straßenname „Salzfassmauer“.
Vom Marktplatz zum Burgplatz zu einem weiteren prominenten Linzer Gastwirt führt uns das nächste Basaltkreuz, am Rande des Gräberfelds nördlich der Kirche gelegen. Darauf ist zu lesen: 1629 DEN 8. NOVEMBRIS STARB HERMAN MUDDER WEIRT (= Wirt) IM SCHARBENORTT G.G.D.S., in der Mitte ist in einem Schild die Hausmarke zu sehen, flankiert von den Initialen HM. Der aus Köln stammende Hermann Mudder (oder Mudden) erscheint erstmals im April 1596 im Linzer Ratsprotokoll als Wirt des unmittelbar am Rheintor gelegenen „Scharfen Ort“ (heute Burgplatz 13). 1614 kaufte er das auch „Im Goldenen Löwen“ genannte Haus von Adolf Damian Neissen, isenburgischer Rat und Schultheiß von Linz, dessen schon stark verwitterte Grabplatte sich ebenfalls auf dem alten Friedhof findet.
Gleich mehrere Grabsteine haben sich von Angehörigen einer besonders prominenten Linzer Familie erhalten, der Familie Kastenholz: Auf dem Gräberfeld gegenüber dem Westportal der Kirche steht das Grabkreuz der Eheleute Wilhelm und Gertrud Kastenholz, das auf der Vorderseite die Inschrift trägt: 1597 17. JVNY [IST] GESTOR[BEN] WILHELM CASTENHOLTZ. In der Mitte ist noch das Wappenschild der Familie zu erahnen mit einem waagerechten Baumstamm, oberhalb zwei, unterhalb eine Kugel oder Frucht. Auf der Rückseite des Kreuzes
ist der Name seiner UXOR, also Ehefrau GERTRVDIS eingraviert, die 1630 starb. Wilhelm, der studiert hatte und verschiedene städtische Ämter durchlief, und Gertrud waren die Eltern des späteren Zollschreibers, Schöffen und Bürgermeisters Augustin Kastenholz, der während des Dreißigjährigen Kriegs am 22. Februar 1633 von schwedischen Truppen auf dem Marktplatz hingerichtet wurde, vermutlich wegen Hochverrat. Augustin ist in Linz allgegenwärtig durch den nach ihm benannten Kastenholz-Platz und die Castenholtz-Schule, und hat im Rathaus mit dem von ihm gestifteten Altarbild im Sitzungssaal und seinem Porträt ein Stockwerk höher auch sichtbare Spuren hinterlassen. Von besonderer Bedeutung für die Stadtgeschichte ist das 1618 von ihm angelegte und heute im Stadtarchiv aufbewahrte Bürgerbuch, das bis ins 19. Jahrhundert fortgeführte (Neu-)Bürgerlisten enthält und einen Einblick in die Modalitäten der Bürgeraufnahme und die Bürgerpflichten der Stadt Linz vor 400 Jahren gibt.
Das Grabdenkmal von Augustin Kastenholz und seiner Ehefrau Catharina Kessel findet sich unweit vom Grabkreuz der Eltern eingemauert am Treppenaufgang zum Westportal der Martinskirche. Es handelt sich um das erst 1961 im Erdreich nahe der Kirche wieder entdeckte Fragment einer Basaltplatte mit der Inschrift MEMENTO MORI, darunter in einem Schild die Initialen der Eheleute über den Familienwappen, dem bekannten Baumstamm mit Kugeln oder Früchten, und daneben ein Kessel. Nicht das Familienwappen zeigt hingegen der Grabstein des 1632 gestorbenen Johann Kastenholz östlich des Hochkreuzes, hier ist in der Mitte sein Hauszeichen, ein Küferzirkel mit nach unten gerichtetem Pfeil, zu sehen.
Das Grabdenkmal des Ehepaars Kastenholz stammt wie die meisten auf dem alten Friedhof erhaltenen Epitaphe oder Grabplatten aus der Martinskirche. Denn auch in der Kirche wurden über Jahrhunderte Tote in Grüften bestattet. Bis auf eine Messingplatte von 1531 wurden aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts alle Grabplatten aus der Kirche entfernt, ein Teil 1834 angeblich zur Abdeckung des bis dahin offen durch die Stadt fließenden Bachlaufs benutzt. Auch Grabplatten aus der 1818 abgebrochenen Ratskapelle auf dem Marktplatz wurden auf den Kirchhof gebracht.
An eine weitere politisch und wirtschaftlich bedeutende Linzer Familie erinnert ein nahe dem Westportal eingemauerte Kalksteinplatte, von deren ursprünglicher Inschrift Ao (= ANNO) 1636 DEN 19. 8 BRIS (= OCTOBRIS) IST CATARINA WASSERFAS IN GOT ENTSCHLAFEN D.S.G.G. mit verschnörkelten Initialen nur wenig erhalten ist. Die Familie ist vor allem bekannt durch den Bau- und ab 1638/39 mehrfachen Bürgermeister Sixtus Wasserfaß. Stadtgeschichtliche Berühmtheit erlangte Sixtus vor allem dadurch, dass er der erste uns bekannte Apotheker der Stadt Linz ist. Andere Mitglieder der Familie Wasserfaß handelten u.a. mit Seide, Leinen und Strickwaren.
Besonders außergewöhnlich ist die Gedenkplatte der Eheleute Laurenz Cloes und Maria Muler (oder Mullener) in der Kirche, denn sie ist aus Gusseisen und stammt mit einiger Sicherheit aus einer der Hüttenwerke, die die Familie im nahen Westerwald betrieb. Das zwischenzeitlich an der nördlichen Außenwand, jetzt wieder in der Kirche angebrachte Epitaph ist sehr aufwändig gestaltet: Engelsköpfe mit Blattwerk zieren die beiden oberen Ecken, darunter sind in einem Kranz die Wappen der Eheleute zu sehen, das des Mannes links zeigt Lamm und Helmzier mit Lilien, das der Frau rechts Sparren und Helmzier mit Vögeln. Es folgt die Inschrift HIR BERAWEN DER GESLECHT VON DEM ERSAME LAVRENS CLOES VND MARIA MULER EHELVD / GODT GENADEN DEREN SEHLEN, gefolgt von typischen Symbolen der Vergänglichkeit alles Irdischen, nämlich Pfeil, Sense, Totenkopf mit gekreuzten Gebeinen, Schlange, Kröte und Sanduhr. Unter einer weiteren Inschrift HEVD MIR MORGEN DIR / WAS DV BIST BIN ICH GEWESEN / WAS ICH BIN MVS DV WERDEN steht die Jahreszahl 1666, wohl das Sterbedatum der Frau, flankiert von den Kürzeln IHS für Jesus und MAR für Maria.
Aus dem 19. und 20. Jahrhundert schließlich ist auf den jüngsten Gräberfeldern nahe der ehemaligen Stadtmauer ein reicher Bestand von Grabdenkmälern in sehr individuellen Formen und ganz unterschiedlichen Kunstrichtungen zu entdecken. So spiegelt sich etwa der um 1800 vorherrschende Klassizismus, der für eine Wiederbelebung antiker, vornehmlich griechisch-römischer Vorbilder steht, besonders deutlich in den Grabstelen zweier Linzer Lehrer wider: Zum einen das Denkmal für Wilhelm Lahaye, eine in jeder Hinsicht typisch für den Klassizismus kannelierte, also gefurchte Sandsteinsäule, um die sich Steinband mit geflügeltem Totenkopf und Schmetterling als Symbole für Vergänglichkeit und Auferstehung windet, auf der Rückseite die Attribute des Priesters Kreuz und Kelch. Die Inschrift zufolge war WILHELM LAHAYE / VICARIUS PROFESSOR UND DIRECTOR DES GYMNASIUMS ZU LINZ / GEBOREN AM 31. JULI 1764 / GESTORBEN AM 7. FEBRUAR 1817. Von 1807 bis 1810 zunächst als Präfekt mit der Oberaufsicht über das Gymnasium Martianum betreut, wurde er 1816 unter preußischer Regierung mit der Neuorganisation der Schule beauftragt und soll sich außerdem ganz im Geist der Zeit und im Sinne des Klassizismus für die Einführung des Griechischunterrichts eingesetzt haben. Wie die Inschrift weiter verrät, wurde der Grabstein errichtet, um DIE DANCKBARKEIT TRAUERNDER FREUNDE IHREM UNVERGESSLICHEN LEHRER auszudrücken Ebenfalls eine Säulenform, hier allerdings dickbauchig, hat die u.a. mit Girlanden aus Laub und Blüten sowie Palmblättern verzierte Grabstele des Lehrers Koll. Auf ihr ist zu lesen: Dem Andenken des Herrn Gymnasiallehrers Josef Koll / geb. zu Gey bei Düren 11.11.1826 / gest. zu Linz a. Rh. 25.12.1887 / In Dankbarkeit und Liebe gewidmet von Schülern und Freunden. Ein weiteres Beispiel für im Stil des Klassizismus sind die Grabdenkmäler der Familien Hillenbrand und Steffens oder auch die Grabplatte der 1817 gestorbenen Felicitas Kügelgen an der Nordwand der Kirche, die im oberen Bereich eine Urne zwischen Fackeln, Pfeil und Palmzweigen zeigt.
Einem idealisierten Mittelalterbild folgen die Grabdenkmäler in Stil der Neogotik, etwa jene der Familien Neuerburg, Scheid oder auch die Grabstätte der freiherrlichen Familie Gerolt zur Leyen, die über Jahrhunderte in der Stadt ansässig war. Ihr erster Vertreter in Linz war der kurkölnische Rat und Hofkontrolleur Georg Gerolt, der 1623 u.a. die Burgruine zur Leyen erwarb, die heutige Burg Ockenfels, seither auch Geroltsburg genannt. Linzer Wohnsitz der Familie war der ebenfalls 1623 errichtete Geroltshof in der Gymnasialstraße, wo heute der Geroltsbogen die Seilerbahn überspannt. Am Grabdenkmal auf dem alten Friedhof ebenso wie am Geroltshof heute noch zu sehen ist das Wappen der Familie mit seinen charakteristischen Spickeln, also Dreiecken, und Männern mit Fischspeeren. Prominenter Bewohner des Geroltshofs war auch Rudolf Jakob von Gerolt, jahrzehntelang Kreisdeputierter und von 1848-51 Bürgermeister von Linz.
Sein Bruder Karl Ferdinand war Mitbegründer des Kölner Dombauvereins, ein weiterer Bruder, der Königlich Preußische Wirkliche Geheime Rat Friedrich Joseph Karl von Gerolt u.a. preußischer Gesandter und Botschafter in Washington. Mit dem Tod von Friedrich Josef Maria von Gerolt 1887 erlosch die Linzer Linie der Familie. Nur wenige Schritte entfernt ist ein für Linz ebenso bedeutender Politiker und Ehrenbürger der Stadt begraben: Julius Lerner, der fast vier Jahrzehnte von 1871 bis 1910 Bürgermeister der Stadt war, in vielerlei Hinsicht politisch Einfluss ausübte und bedeutende Weichen für die städtische Entwicklung stellte. Sein Sohn Theodor nahm als Polarforscher und Journalist zwischen 1896 und 1914 an sieben Arktis-Expeditionen teil, darunter die erste Überwinterung von Menschen auf Spitzbergen.
Die stilistische Vielfalt der Grabsteine reicht bis hin zur figürlichen Gestaltung, weshalb wir am Ende unseres Rundgangs zwei Denkmäler mit besonders beeindruckenden und weithin sichtbaren Figuren vorstellen: Die Grabstätte der Familie Franz Feith kennzeichnet eine lebensgroße Figur des heiligen Franziskus, dem Namenspatron des Familienvorstands, der auf einem reich verzierten Sockel steht. Kutte und Tonsur weisen ihn als Mönch des von ihm gegründeten Franziskanerordens aus, und er zeigt mit dem Kruzifix und den Stigmata, den Wundmalen Jesu, zwei seiner gängigen Attribute. Die Familie Feith war von 1821 bis 1950 im Besitz von Burg Linz, die daher auch als „Feiths Burg“ bekannt ist. Nur unweit davon treffen wir auf das Grab von Philipp Blumenthal, Mitbegründer des 1864 entstandenen bedeutenden Handelsgeschäftes der Gebrüder Blumenthal. Philipp und Jakob verkauften zunächst u.a. Eisen- und Tabakwaren, spezialisierten sich aber schon bald auf den Handel mit Wein und Spirituosen. Die Firma wurde aus der Innenstadt vor die Stadtmauer verlegt und ein eigenes Weingut in Linz aufgebaut, nach 1905 eine Weinbrennerei betrieben. 1957 spezialisierte man sich auf die Herstellung von Sekt und etablierte die „Morèphe“-Sektkellerei. Neben Firmengründer Philipp Blumenthal ist dessen Sohn Egidius begraben. Der Chemiestudent wurde mit nur 25 Jahren aus dem Leben gerissen, und das Grabdenkmal, ein überlebensgroßer Engel auf einem Sockel aus schwarzem Marmor, der mit gesenktem Blick im Begriff scheint, eine Rose auf die Grabstätte fallen zu lassen, lässt die Trauer der Mutter um ihren Ehemann und ihren Sohn bis heute spüren.
Beeindruckende Bilderstrecken zu den Linzer Friedhöfen finden sich unter diesem Link.
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Vernissage
Samstag, 20. September 2025, 17 Uhr
Begrüßung
Helmut Muthers – Stadtbürgermeister Linz
Einführung zu Leben und Werk von Günther Oellers
Prof. Jörg Eberhard
Ein Jahrhundert – Zeitspuren aus Linz
Andrea Rönz M. A. – Stadtarchivarin
Zwischen Hammer, Meißel und gesellschaftspolitischem Engagement
Samstag, 27. September 2025, 16 Uhr
Moderation Dr. Adam C. Oellers
Finissage
Sonntag, 5. Oktober 2025, 15 Uhr
Begrüßung
Norbert Boden – Vorsitzender Kunstverein Linz
Künstlergespräch „Nach zwei Generationen“
Bildhauer Matthias Grotevent im Dialog mit Edith Oellers und dem Publikum
Die Ausstellung in der Galerie Markt 9, Marktplatz, 53545 Linz am Rhein, ist vom 20. September bis zum 5. Oktober 2025 jeden Samstag und Sonntag von 14-18 Uhr geöffnet.
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Der heute weitgehend verschwundene Weinbau war seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert von großer Bedeutung für die Stadt Linz am Rhein. Linzer Wein war überregional begehrt und gleich mehrere Klöster und Stifte besaßen Weinberge und –höfe in und um die Stadt herum – darunter auch das Damenstift Gerresheim. Die Wurzeln dieser Verbindung reichen weit über ein Jahrtausend zurück, bis in das Ende des 9. Jahrhunderts. Vermutlich im Jahr 873 oder 874 übergab Regenbierg, eine Tochter des bereits verstorbenen fränkischen Adeligen Gerrich und erste Äbtissin des Stiftes, dem Kloster Gerresheim einige ihr durch Erbrecht zustehende Besitzungen, darunter Weingüter in Linz sowie den dortigen Zehnten. Durch die Schenkung wurde das Stift Gerresheim zu einem der ältesten Grundherrn in Linz. Im übersetzten Wortlaut heißt es in der Urkunde, dass Regenbierg die Güter in Linz „mit allen Zehnten für den nie versiegenden Trinkwein denselben Stiftsinsassen fest bestätigt.“ Die Übertragung von Fernbesitz wie in diesem Fall war eine übliche Praxis, die Klöstern und Stiften zur Versorgung mit Gütern diente, die in der näheren Umgebung nicht oder in nicht ausreichendem Maße erwirtschaftet werden konnten. So umfasste die Regenbiergsche Schenkung nicht nur die Güter in Linz zur Versorgung mit Wein, sondern auch Besitz in Meiderich, Sonnborn, Mintard und Pier zur Versorgung mit Weiß- und Schwarzbrot, Fleisch und Käse und außerdem mit gutem Bier – den Gerresheimer Stiftsdamen sollte es an nichts fehlen.
Aus eben diesem Grund kam es dreieinhalb Jahrhunderte später sogar zur Inkorporation der Linzer Pfarrkirche St. Martin in das Stift Gerresheim. Die am 25. April 1217 von dem Trierer Erzbischof Dietrich II. von Wied vollzogene „Einverleibung“ geschah, wie übersetzt in der Urkunde zu lesen ist, um „den Mangel der Schwestern in Gerresheim zu mindern, […] damit sie Gott freier dienen können.“ Das Stift konnte dadurch über das Vermögen von Pfarrkirche und Pfarramt verfügen, die Einkünfte, darunter der größte Teil des Weinzehnts und der Fruchtzehnt im Kirchspiel Linz, kamen der geistlichen Gemeinschaft in Gerresheim unmittelbar zugute. Die restlichen Einnahmen – nur ein kleiner Teil – dienten der Versorgung des örtlichen Pfarrers. Dem Stift gehörten zu dieser Zeit, der Amtszeit der Äbtissin Guda, in Linz außerdem sieben Morgen Weinberg, die verpachtet waren.

Die Naturaleinkünfte aus dem Zehnt, also die Weintrauben und später auch das Getreide, wurden auf einem Zehnthof gesammelt. Der Linzer Zehnthof des Stiftes Gerresheim mit Kelterhaus und Scheune lag in der südwestlichen Ecke der Stadt nahe dem Pulverturm. Wie das Gehöft aufgebaut war, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren, zumal die Bebauung in den vielen Jahrhunderten seines Bestehens häufig verändert worden sein wird. Ein Vergleich der späteren Stadtansichten lässt zumindest vermuten, dass er zuletzt jedenfalls annäherungsweise so wie auf diesem Ausschnitt einer Stadtansicht von William Tombleson von 1832 aussah. Man erkennt unmittelbar neben dem Pulverturm zwei Gebäude mit spitzen Giebeln, umgeben von Gartenland, das links an den ehemaligen Apostelhof stößt und rechts an die südliche Stadtmauer, die vom Pulverturm zum Leetor zieht. Zwischen dem Anwesen und der südlichen Stadtmauer verlief die Zehntstraße, jetzt Zehntgasse, deren Name bis heute an diesen bedeutenden Hof erinnert. Der Zehnthof hatte wie üblich ein eigenes Hofgericht mit eigenem Schultheiß und Geschworenen, die dreimal im Jahr Gerichtstage abhielten und alle Streitigkeiten behandelten, die den Gerresheimer Besitz in Linz betrafen, denn hier war das städtische Schöffengericht nicht zuständig. 1570 wurden aus den abgelieferten Trauben etwa neun Fuder Wein gewonnen. 1574 gehörten zur Ausstattung des Hofes 21 Faßbüdden, zwei große Büdden, zwei Beile, ein Schiff und Schepgen, 11 Lehel, auf der Stube ein aufschlagender Tisch mit zwei Schragen und drei Haubänke.
Das Frauenstift entwickelte sich in den Jahrhunderten bis zur Reformation auch durch die Einnahmen aus Linz – aber natürlich nicht nur – zu einer wohlhabenden Einrichtung. In Linz vermehrte das Stift seinen Besitz im Laufe der Zeit noch durch verschiedene Schenkungen von Weingärten und Höfen, die allesamt verpachtet wurden. Auch der Korn- und Weinzehnte wurde im 16. Jahrhundert mehrfach an Bürgermeister, Schöffen und Rat der Stadt Linz verpachtet. Äbtissin und Stiftsdamen zogen also zunehmend ihre Einkünfte nicht mehr in Naturalien ein, sondern stellten schon ab dem 13. Jahrhundert vermehrt auf Geldwirtschaft um. Linzer Wein wurde allerdings auch weiterhin regelmäßig nach Gerresheim geliefert.

Kam eine Gerresheimer Äbtissin nach Linz – und sie nahmen diese seinerzeit noch beschwerliche Reise mitunter tatsächlich auf sich –, wurden sie vom Linzer Bürgermeister gebührend empfangen. Zum Beispiel am 14. Oktober 1464, wie ein Eintrag in den Stadtrechnungen beweist. Bürgermeister Paulus Struijss notierte: „Item quam mijn vrauwe van geresheijm her uff sondach vur sent lucas dach, der den wijn geschenckt 2 kannen facit 8 Schilling. Der Bürgermeister bewirtete die Besucherin also mit zwei Kannen Wein – das war üblich bei Gästen, je nach Stellung eine Anzahl an Kannen Wein, manchmal auch ein „Gelage“, wie es hieß, aber der Besuch einer geistlichen Dame dürfte gesittet abgelaufen sein.
Mit der Aufhebung des Damenstifts im Zuge der Säkularisation 1803 versiegte auch endete Das Weingut ging in Privatbesitz über und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von der kurz zuvor gegründeten Casino-Gesellschaft durch einen Neubau ersetzt, den Bombenabwürfe in den letzten Kriegsmonaten 1945 völlig zerstörten. Heute steht hier die Alice-Salomon-Schule und es gibt keine Spur mehr vom Gerresheimer Zehnthof.
Erschien zuerst in: in: Die Kalebasse 76 (Juni 2024), S. 33-35, zum Thema „Weine am Jakobsweg“.
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Das gesamte Blatt. Der Text beschreibt auch Hinrichtungen in Erpel, Unkel, Honnef, Königswinter und Bonn. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)
Illustriert ist das Nachrichtenblatt mit einem ebenso beeindruckenden wie schauderhaften Panorama, die „wahre Abcontrafeytung“ [bildliche Darstellung] von Massenhinrichtungen „dero Ertzmorder“ in den Jahren 1612 und 1613 auf Richtplätzen links und rechts des Rheins zwischen Wesseling und Andernach bzw. Mondorf und Linz. Die Landschaft längs des Flusses mit recht detailgetreu dargestellten Orten, Gebäuden und geographischen Verhältnissen ist übersät von zahllosen Richträdern und Galgen mit aufgeflochtenen und gehängten Delinquenten oder zeigt die Scharfrichter bei Hinrichtungen mit Axt oder Schwert. Milizen mit Hellebarden zu Pferd oder Fuß streifen durch die Gegend und Schaulustige drängen sich an den Richtplätzen. Den Hintergrund dieses blutigen Spektakels erzählt der Text des Nachrichtenblattes in Reimform: „Ein gemein klag ist durch alle Land / Daß das böß neme uberhand / Und jeh lenger jeh mehr im schwang / all untugend und Laster gang / Daher man auch recht Propheceit / Der jüngste tag müß nicht sein weit: Doch glaub ich nicht daß auf der Erd / Ein so grausam stuck sey erhort / Als wir jetzund anzeigen wölln / Von etlichen Teufels geselln / So sich gerottet / und Diebstahl / Mörd und ander stück ohne zal / Betrieben indem sie die Leut / Ermordt haben wegen der Beut / Umb den Rheinstrom her hie und da / Wie mans hat erfahren hernach / Nachdem Gott nicht mehr leyden kont / Solch grausam missethat und Sünd. Derwegen dieser mörder viel / Wie ich jetzung vermelden will / An unterschiedlich Orten sein / Hingericht mit groß Marter und Pein. Zu Lintz erst vier und fünff darnach / Wie solchs ist beschrieben hernach.“
In der Tat litten die Menschen am Rhein in den Jahrzehnten um 1600 fast ununterbrochen unter kriegerischen Auseinandersetzungen und der Gewalt marodierender Räuberbanden, so dass der zitierte Text nicht als übertrieben anzusehen ist. Neben dem Bonner Raum waren die Stadt Linz, der hier das Augenmerk gelten soll, und ihre Umgebung von Überfällen offenbar besonders betroffen, denn „umb die Zeit hört man viel übels von den mördern dieses landts“2, und die Flugschrift zeigt Hinrichtungen auf gleich mehreren großen Richtplätzen auf engstem Raum. Handelt es sich bei der Richtstätte oberhalb Unkels sehr wahrscheinlich um den Stux, ist der Richtplatz von Erpel oberhalb von Kasbach zu verorten, wo sich das „iudicium damnatorum silicet calvariae locus“, also die „Schädelstätte“, seit 1398 befand. Hier lag auch der Hexenkreis „Am Eulenloch“, bis 1631 Schauplatz von 20 Hexenverbrennungen.3 Der unmittelbar am Rheinufer gelegene Richtplatz der Stadt Linz ist ganz eindeutig der „Lubstorffer wasem“. Auf der Wiese vor der heutigen Ortseinfahrt nach Leubsdorf wurden bereits im 16. Jahrhundert zum Tode verurteilte sogenannte „Malefitzpersonen“ hingerichtet, wie der Hexenprozess gegen die „Zaubnersche Zey von Leupstorff“ zeigt, die 1574 auf dem Wasem verbrannt wurde.4 Auch im „Directorium Pastorale“ des Linzer Pfarrers Johannes Hartmann von ca. 1608 wird der Richtplatz erwähnt, denn laut Prozessionsordnung für das Fest der hll. Philippus und Jakobus sowie der hl. Walburgis sollte der Kaplan von Leubsdorf mit seinen Parochianen, Kreuz, Fahne und Kerzen die Linzer „in area in qua est locus Justitiae“ erwarten.5 Eine weitere Richtstätte befand sich auf dem Kaiserberg, wo 1587 Güter als „am Galgen“ gelegen bezeichnet werden.6 Und auch auf dem Linzer Marktplatz wurden Hinrichtungen vollstreckt, im letzten Linzer Hexenprozess von 1631 der gwonliche Haltzgerichtz Platz uff dem Marck Nechst vorm Rätzhauß genannt.7
Die Urteilsfindung der dinghaft gemachten Raubmörder vor Gericht8 erfolgte nach der seinerzeit im Heiligen Römischen Reich gültigen „Constutio Crimnalis Carolina“, der Peinlichen Halsgerichtsordnung Kaiser Karls V. Das Strafgesetzbuch sah für sowohl für Mord als auch für Raub die Todesstrafe vor, denn „eyn jeder boßhafftiger überwundner rauber, soll […] mit dem schwerdt oder wie an jedem ort inn disen fellen mit guter gewonheyt herkommen ist, doch am leben gestrafft werden […], ein fürsetzlicher mutwilliger mörder [soll] mit dem rade, vnnd eynander der eyn todtschlag, oder auß gecheyt vnd zorn gethan, vnd sunst auch gemelte entschuldigung nit hat, mit dem schwert vom leben zum todt gestrafft werden.“9 Diese Abstufung zwischen Mord und Totschlag bescherte gleich dem ersten Delinquenten, von dem das frühneuzeitliche Nachrichtblatt berichtet, mildernde Umstände: „Der erst hat geheissen Winand von Birenbach / gar wol bekandt / Zu Dadenberg sein wohnung hat / Nicht weit glegen von Linz der Statt: Bey dreissig Jahren war er alt / Von Leib starck und sonst wol gestalt: Etlich Diebstuck betrieben hat / Darneben zwei Mörd mit der that / Neben seinen geselln gethon / Deß ist im auch worden der Lohn / Auff einen Rad enthauptet war / Weil er nicht lang bey dieser schar / Gewesen / und darzu verführt / Von andern / der ursachen wurd / Im so ein gnädig todt beschert / Das er ward hingericht mit dem schwert.“ Trotz Diebstahl und Mord wurde der Angeklagte also nicht qualvoll gerädert, sondern vergleichsweise „gnädig“ auf einem Rad mit dem Schwert enthauptet, wie auch die Illustration der Flugschrift zeigt.
Ohnehin handelte es sich bei den Delikten des Winand von Birrenbach nur um eine geringe Zahl im Vergleich zu den nächsten beiden Gewalttätern, von denen es heißt: „Der ander ward genant Bertram / Kelter von Wadenheim mit Nam / Zu Ludestorff hat er gewont: Derselb niemanden hat verschont / Wo etwan kam ein frembder her / Gewandert / zu im gsellt sich er / Darnach aber bracht er ihn umb / Wie er dan hat in einer Summ / Bekennet in seiner urgicht [in seinem Geständnis] / Daß er heimlich hab hingericht / Sechs und zwentzig Personen gut / Wen solt nicht jamern solches Blut / Daß so ohn schuld vergossen war? Noch rewts diesen nicht umb ein har. Der drit Antonis Kosten genant / Der Putz Thonis sonst wolbekant / Zu Dadenberg auch wonhafft war / Sechtzig Jar alt / und greiß von har / Bekent daß er habe volbracht / Mit andern der Mörd dreissig acht: Darauß leichtlich zu nehmen ist / Wie ein so lange zeit und frist / Dieser getrieben hab sein mörd / Dergleichen kaum jetzt erhörd.“ Die schier unglaubliche Menge an Straftaten der einzelnen Delinquenten wird auf der „Abcontrafeytung“ anhand der Zahlen neben der Richträdern dokumentiert, die allerdings nur annäherungsweise den im Text genannten Vergehen entsprechen.

Die Illustration des Kupferstichs ist äußerst detailreich (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)
In besonders schweren Fällen konnte die Hinrichtungsmethode noch verschärft werden, indem „die verurtheylt person vor der tödtung […] offentlich auff eynen wagen bis zu der richtstatt vmbgefürt, vnnd der leib mit glüenden zangen gerissen werden“10. Entsprechend grausame Vergehen hatten offenbar die nächsten im Text genannten Kriminellen gestanden: „Der viert von achtzig jarn ein Mann / heiß in gemein der schlecht Herman: Wie schlecht er aber gewesen sey / Kann ab gnommen werden hiebey / Daß er mit seinen spieß geselln / Sechs und dreissig hat helffen felln / Und unschuldiger weiß zu todt / Geschlagen / ach der grossen Not / Ist müglich daß ein Mensch / so weit / Und lang all Mensch und Freundligkeit / Hinleg / unnd den der in nie hat / Beleidigt / erschlag auff der statt? Nun wöllet jetzund hören eben / Was man diesen fur lohn hab geben / Wie alles sey ausgebrochen / Und das unschuldig Blut gerochn. In zorn einer der andern nant / Ein mörder darumb der umbstand / Sagt / er sollte zum Richter gehen / Und des unrechts so im geschehn / Beklagen / und also sein Ehr / Vertheidigen wie billich wer. Als dieser aber darzu still / Geschwiegen / fiengen an ir viel / Zu zweiflen / das vielleicht die beid / Einer vom andern wust bescheid / Weil der ein sander Eidam war / Und fast Vögel von einer Har. Darauff hat man beid griffen an / Die bals alls haben kund getan / Was sie gewust.“ Dieser Fall ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, denn die Verbrechen des bereits 80-jährigen „schlechten Hermann“ und seiner „Spießgesellen“ kamen nur deshalb ans Licht, weil einer von ihnen seinen Kumpanen wutentbrannt in aller Öffentlichkeit als Mörder tituliert hatte und letzterer diese schwere Beleidigung nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, vor Gericht anzeigen wollte. Dies machte die Umstehenden so misstrauisch, dass man beide ergriff und nach deren Geständnis der ganzen Bande habhaft werden konnte.
Während man „den jüngsten hat / […] mit dem schwert auff der Wallstatt / Hingricht / wie oben ist vermelt: Und auff ein Rad zum abschew gstellt“, wurden die restlichen Übeltäter wie in der Halsgerichtsordnung vorgesehen gepeinigt: „Die andere drey man aber hat / Zu Linß genommen in der Statt / Und auff einen Wagen gesetzt / Darnach mit glüend zangen pfetzt / Dreymal / Erstlich zwar auf dem marck [Markt] / Am Rechten arm mit dem solch werck / Und Teufflisch mörd sie außgericht / hatten nach laut irer urgicht / Zum anden in den lincken arm / Hat man inen gesetzt so warm / Die zang beim Creutz oben der Statt / Wie man solches hie vor augen hat. Der Zug dieser sogenannten „Malefitzfuhr“ aus dem Linzer Rheintor zum Kreuz oberhalb der Stadt und schließlich zum Galgen11 wird auf der Flugschrift tatsächlich detailliert abgebildet. Ein Gespann mit zwei Pferden, auf dem Wagen die gefesselten Todeskandidaten, wird gefolgt von zwei Männern mit den Marterwerkzeugen und einem weiteren, der einen ebenfalls gefesselten Delinquenten zu Fuß vor sich hertreibt. Gefangenentransporte wurden im Erzstift Köln „entweder durch frohndienste oder durch sonstige Churfürstliche Oberkellnerey fuhren“12 erledigt. In Linz oblagen sie offenbar dem Stadtmüller13, der die Fahrten jedoch mutmaßlich nicht immer durchführen konnte oder wollte, weshalb die Stadt mehrfach „den Hoffman des Closters S: Catharinen zu Erl darumb angewießen habe“14. Dies führte zu einem jahrzehntelangen Streit mit den Zisterzienserinnen, der 1670 in einer Klage der Äbtissin vor der kurfürstlichen Hofkanzlei mündete.15
Doch zurück zur Peinigung der oben erwähnten Delinquenten. Angekommen auf dem Richtplatz, wurden sie noch einmal mit glühenden Zangen traktiert, bevor man sie schließlich auf das Rad fesselte und mit Äxten auf grausame Weise erschlug: „Zum dritten auff selbige weiß / Der Hencker ihn die Brust zerreiß / Beim galgen / auff eim halben karn / Mustens daranch zu Lufft hinfahrn. Als sie nun warn aufs Radt gar fest / Gebunden zwen Hencker zwo Ext [Äxte] / Namen / der ein vorn auff das Hertz / Und Brust sie schlug mit grossem schmertz / Der ander aber von dem Ruckn / Ihnen kehrte rein ab die muckn: Ein seltsam Treschen anzuschawen / War diß / wem wolt dafür nit grawen? Also hat man gedantzt so lang / Inen auff der Brust und Ruckstranck / Biß die Seel ist außgfahrn vom Leib / Gott weiß wo nun dieselbe bleib. Den siebenzwentzigst thu ich sehn / Septembris ist dieses geschehn.“ Bei den hier geschilderten Hinrichtungen handelte es sich offensichtlich nicht um die herkömmliche Art des Räderns, bei der den Verurteilten zunächst mit einem Wagenrad die Knochen gebrochen, sie anschließend auf ein weiteres Rad gebunden und dann erst exekutiert wurden. Beiden Methoden gleich und auch bei Exekutionen mit dem Schwert ohne vorheriges Rädern gebräuchlich ist jedoch die anschließende Zurschaustellung der Hingerichteten auf an Richtpfählen befestigten Rädern, wo sie durch Verwesung und Tierfraß verfielen – die auf dem Leubsdorfer Wasem verstreuten Schädel und Knochen zeugen davon. Dieses Vorgehen diente nicht nur der Abschreckung, vielmehr ist nach christlichem Glauben ohne Bestattung des Körpers als Ganzes keine Auferstehung und somit auch kein ewiges Leben möglich. Begnadigte man die Exekutierten davor, auf das Rad geflochten zu werden, wurden sie dennoch nicht in geweihter Erde bestattet, sondern auf dem Richtplatz verscharrt, wie auch im Folgenden zu hören ist.
Bei der Hinrichtungswelle in Linz Ende September 1612 oder 1613 blieb es nämlich nicht, denn „Hernach im folgenden Monat / Den zwölfften tag man wieder hat / Zu Linß ebener massen gericht / Noch fünff die auch in ir urgicht / Ungläublich viel mörd han bekent: Der erst der gute Lentz genent/ Ein Siech oder aussetzig Mann / Der hat bekent und gezeigt an / Das er bei fünfftzig ein der Mord / hab helfen thun / das kaum erhort. Der ander Kessel Joan hieß / Zu argendorff hat seinen sitz / Bekent das er achtzehen umb / hab helffen bringen in einr Summ. Eim Jungen ward erzeigt genand / Daß er nicht gesetzt war auff das Rad / Sondern gerichtet mit dem Schwerdt / Und begraben war in die Erd / Unter dem Galgen da er ligt. Vor solcher gnad Gott al behut. Von Ludestorff war dieser her. / Deßgleichen Bernhart Zissen / der / Bey neuntzehn mordstuck hat thon / Darum empfieng er sein lohn / Ein ander von Hausen genant / Des Wirts Thonis gar wol bekant / Weil er dreyzehen mörd gethan / Zum teils auch helffen hat begahn. / Ein mann uber fünfftzig Jahr alt / Zu Lintz ist auch gleicher gstalt / Hingricht worden mit Rad und Schwert / Verrottet nun uber der Erdt.“

Darstellung von Hinrichtungen auf dem Leusdorfer Wasem. Es handelt sich zugleich um die früheste gedruckte Stadtansicht von Linz. (Stadtarchiv und Stadthistorische Bibliothek Bonn)
Scharfrichter in Linz war zu dieser Zeit „Meister Bernhard“, der mit seiner Ehefrau Maria zwischen 1608 und 1613 in Linz sechs Kinder taufen ließ.16 Wie so häufig, blieben auch hier die Angehörigen der sogenannten „unehrlichen Berufe“ familiär weitgehend unter sich, denn unter den Taufpaten der Kinder finden sich mit dem Andernacher Scharfrichter „Meister Sebastian“ und dessen Ehefrau „Entgen“ [Anna] auch „Meister Michael, Balbierer“ in Linz. Eine weitere Tochter von „Carnifex“ Bernhard namens Lucretia erscheint 1634 als Taufpatin der Tochter Barbara des Sinziger Scharfrichters Johann von Weisweiler.17 Auch in Linz war der Scharfrichter, wie so häufig, gleichzeitig als Wasenmeister, also Abdecker, tätig, ein ebenfalls „unehrlicher Beruf“. 1612/13 erhielt er dafür von der Stadt lediglich ein Sester Brots [Getreide] vor sein Salarium“.18
Die letzte der in der Flugschrift geschilderten Exekutionen in Linz ist wiederum in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Zum einen handelt es sich hierbei um eine Frau, die Ehefrau des oben bereits erwähnten „Siechen Lentz“ [Laurenz], der offenbar als umherziehender Leprose seinen Lebensunterhalt durch Bettelei und Raub bestritt. Zum anderen ist ihre Hinrichtung ein typisches Beispiel für eine Spiegelstrafe, die ein Vergehen in gleicher Weise sühnt. Wie auch die Illustration zeigt, wurde die Frau aus einem Kahn in den Rhein gestoßen, denn „Des Siechen Lentzen Fraw hiebey / Man nicht vergessen muß / die frey / Ihrm man siebentzehen mordthat / Helffen begehn im Nachen hat: Derwegen man sie auff den Rein / Geführt hat und gworffen hinein / Und Ihr da widerfahren lan / Wie sie andern hatten gethan.“ Einen ebenfalls nassen Tod sollen 1574 zahlreiche Schaulustige der Hexenverbrennung auf dem Leubsdorfer Wasem erlitten haben. Öffentliche Hinrichtungen, die mitunter jahrmarktähnliche Züge annahmen, lockten allgemein ein großes Publikum an und so waren auch in diesem Fall viele Zuschauer von überall her zusammengeströmt, um das grausame Spektakel zu betrachten. Bei der Rückfahrt über den Rhein aber sollen einige Kähne umgeschlagen und etwa 40 Menschen ertrunken sein, was Johann Weyer, einer der ersten Bekämpfer der Hexenverfolgung, als Fingerzeig Gottes deutete.19
Als ausdrückliche Mahnung und Warnung wollte auch Gerhard Altzenbach seine Publikation verstanden wissen – und leitete daraus eine unverhohlene Kaufempfehlung ab: „Al die ihr solches leßt und hört / Hüt euch das ihr nicht wird verführt / Vom bösen Feind / der durch das gelt / Betreuget fast die gantze Welt. Anreizt die Diebstall und Todtschläg / Und andere bößhaffte weg. Ihr Elter ewern Kindern klein / Die Gottesforcht wol blewet ein. Dann wo dieselb nicht ist das ziel / Da hat der Teuffel gwonnen spiel. Ihr Obrigkeit und fromme Herrn / Thut mit fleiß solchem ubel wehrn / Von Gott das Schwert euch geben ist / Das ihr das böß zu aller frist / Solt straffen / und bschützen das gut / auch rechen das unschuldig Blut. Laßt nicht ab / forscht mit alem fleiß / Nach diesen gselln / auff alle weiß / Biß das von diesen vögeln frey / Nicht ein Feder mehr ubrig sey / Ihr liebe kauff und wandersleut / Hütet eich wol zu aller zeit / Damit ihr nicht auß unverhut / Verlührt ewer leben und gut / Zu Wahrnung diß euch sey geschenkt / Kauffts / meiner lehr darbey gedenckt.“ Aber ungeachtet dessen, ob der selbsternannte „Heiligentrucker“ damit nun hehre oder rein wirtschaftliche Absichten verfolgte: Altzenbachs „Boulevardblatt“ ist ein wertvolles zeitgeschichtliches Dokument. Wenn auch der Wahrheitsgehalt der Flugschrift im Einzelnen nicht mehr nachvollzogen werden kann und mitunter übertrieben sein mag, schildert sie doch eindrucksvoll detailreich Ereignisse und Örtlichkeiten vor über 400 Jahren, von denen heute keine weitere Schrift- geschweige denn Bildquelle mehr existiert.
Joseph, Selma und Kurt Marx (Am Sändchen 19)
An dieser Stelle stand früher das Wohnhaus des Metzgers und Viehhändlers Joseph Marx, der hier mit Ehefrau Selma und Sohn Kurt lebte. Joseph Marx wurde 1933 aus dem Reichsverband des nationalen Viehhandels ausgeschlossen, 1938 verweigerte man ihm die Verlängerung seines Gewerbescheins, wodurch er endgültig seine Existenz verlor. Ab 1939 war Joseph Marx zur Zwangsarbeit im Straßenbau verpflichtet. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 wurde das Haus der Familie Marx verwüstet. Es war eines der beiden sogenannten „Judenhäuser“, in denen im September 1941 auf Anordnung der Gestapo die verbliebenen 19 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Linz (drei Personen lebten noch in Leubsdorf) zusammengepfercht und vorinterniert wurden. Im folgenden Jahr wurden Joseph, Selma und Kurt Marx Richtung Osten deportiert und dort ermordet. Die Stolpersteine werden verlegt, sobald die Bauarbeiten hier beendet sind.
Simon Simon, Amalie Simon, David Simon, Meyer Samuel, Josephine Samuel ( Breite Straße 16)
Hier wohnten die Geschwister Josephine, Meyer und Amalie Samuel in ihrem Elternhaus. Der ledige Kaufmann Meyer Samuel hatte für einige Jahre in Düsseldorf und Sorau in der Niederlausitz gelebt, war aber 1936 wieder zu seiner ebenfalls ledigen Schwester Josephine gezogen und amtierte in Linz für einige Jahre als Vorsteher der Synagogengemeinde. 1939 zog hier auch wieder Amalie Samuel mit ihrem Ehemann ein, dem Handelsmann Simon Simon aus Hamm an der Sieg. Mit dem Ehepaar kam auch David Simon nach Linz, möglicherweise ein Sohn von Simon Simon aus erster Ehe. Während des Novemberpogroms wurde das Haus der Geschwister verwüstet. 1941 wurden alle Bewohner im Haus ihres Glaubensgenossen Joseph Marx Am Sändchen vorinterniert, 1942 Richtung Osten deportiert und dort ermordet. Simon Simon, Amalie Simon und Josephine Samuel starben in Theresienstadt, Meyer Samuel in Treblinka. Der Todesort von David Simon ist unbekannt.
Bertha, Hedwig und Lilli Wallach, Ernst Wallach (Asbacher Straße 41)
Bertha Wallach war die zweite Ehefrau des 1911 gestorbenen Kaufmanns Joseph Wallach, Inhaber der Großhandlung LEVY WALLACH, deren Firmengelände mit Wohnung hier an der Asbacher Straße lag. Nach dem Tod ihres Ehemanns war sie Gesellschafterin der Firma, die von ihrem Stiefsohn Ernst Wallach geleitet wurde. Bertha Wallach hatte zwei Töchter, Hedwig („Heddy“) und Lilli, die ebenso wie ihre Mutter in Linzer Vereinen aktiv waren: Bertha war Mitglied des Museumsvereins, Hedwig in der Rudergesellschaft und Lilli gehörte dem „English Club“ an. Lilli Wallach emigrierte bereits 1933 über England in die USA, Bertha und Hedwig Wallach folgten ihr 1936. Dort lebten Mutter und Töchter mit Familien in New York. Die bedeutende Kolonialwaren-Großhandlung LEVY WALLACH zählte zu Beginn der 1930er Jahre 17 Verkaufsfilialen u.a. in Hohrhausen, Oberlahr, Brohl, Leutesdorf und Hönningen. Ab 1933 verzeichnete die Firma einen rapiden Umsatzrückgang infolge des Boykotts jüdischer Betriebe und einschneidender NS-Verordnungen, die bis 1938 zum Untergang des Unternehmens führten. 1940 wurde das Anwesen verkauft. Ernst Wallach, Geschäftsführer der Firma, war zu diesem Zeitpunkt bereits im KZ Buchenwald inhaftiert. Wallach, der als Soldat des Ersten Weltkriegs schwerverwundet wurde, hatte schon Anfang der 1930er Jahre offen Stellung gegen die Anhänger der NSDAP genommen und stand nach der Machtübernahme 1933 unter besonderer Beobachtung des Regimes. Während er 1938 seine Emigration plante, wurde Ernst Wallach verhaftet und in das KZ Buchwald eingeliefert. 1941 wurde er in die Anstalt Pirna-Sonnenstein verlegt und dort ermordet.
Friedrich Levy (Petrus-Sinzig-Straße, Antoniushaus)
Friedrich Levy war Sohn des in der Klosterstraße ansässigen Metzgers Heinrich Levy, der 1909 starb. Er lebte im Antoniushaus, wo Franziskanerbrüder ein Pflegeheim für geistig behinderte Jungen und Männer unterhielten. Um 1935 wurde er zunächst in die Heilanstalt Süchteln-Johannistal und anschließend in die Heilanstalt Herborn eingewiesen. Am 25. September 1940 wurde Friedrich Levy in die Heilanstalt Gießen verlegt und am 1. Oktober 1940 in die Tötungsanstalt Brandenburg transportiert. Dort wurde er im Rahmen der sogenannten Aktion T4 („Euthanasie“) noch am selben Tag ermordet.
Quellen
Anton u. Anita Rings, Die ehemalige jüdische Gemeinde in Linz am Rhein. Erinnerung und Gedenken, Linz am Rhein 21992.
Arolsen Archives, Internationales Zentrum über NS-Opfer
Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Landeshauptarchiv Koblenz, Gestapo-Karteien
Verbandsgemeinde Linz am Rhein, Einwohnermeldeamt
]]>In der Mühlengasse, die bereits 1325 als „Molenwege“ erwähnt wird, lagen zwei Mahlmühlen für Getreide: die obere und die untere Stadtmühle. Wie auf einem Ausschnitt der Stadtansicht von 1760 zu sehen, lag die obere Mühle gegenüber dem Haus des Deutschen Ordens und wurde von zwei Mühlrädern angetrieben. Die untere Mühle mit dem Haus des Stadtmüllers gegenüber wurde Ende des 19. Jahrhunderts stillgelegt und 1897 abgerissen.
An ihrer Stelle liegt jetzt dieser Mühlstein und erinnert an die Vergangenheit der Mühlengasse und des Mühlenwesens in Linz. Der Stein stammt von der „Prangenbergs Mühle“ in der Klosterstraße, die als letzte der Linzer Mühlen noch bis 1920 in Betrieb war. Er wurde 2023 bei Ausschachtungsarbeiten am ehemaligen Standort der Mühle in der Klosterstraße gefunden.



Gustav, Ernestine, Ada, Bella, Georg, Alfred und Hanna Braun, Frieda und Arthur Haim (Mittelstraße 17)
Der Kaufmann Gustav Braun kam 1922 mit seiner Familie aus dem polnischen Znin, das bis 1919 zur preußischen Provinz Posen gehört hatte, nach Linz und erwarb von dem ebenfalls jüdischen Kaufmann Moritz Jonas dessen Wohn- und Geschäftshaus in der Mittelstraße, wo er Manufakturen und Spielwaren anbot. Gustav Braun hatte als Soldat im Ersten Weltkrieg gedient, war schwer verwundet und mit dem Eisernen Kreuz 1. und 2. Klasse ausgezeichnet worden und kehrte erst 1919 aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Gustav Braun starb am 30. April 1933 unter unbekannten Umständen im Alter von nur 52 Jahren, wenige Wochen nach dem organisierten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933.
Die Familie zerstreute sich nach dem Tod des Vaters: Tochter Ada zog 1933 nach Berlin, von wo aus ihr 1938 die Flucht nach Belgien gelang. Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA. Ihre Schwester Bella flüchtete ebenfalls 1933 nach Holland, wo sie jedoch nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen im Durchgangslager Westerbork interniert und 1942 nach Auschwitz deportiert wurde. Dort wurde Bella Braun am 30. September 1942 ermordet. Ihr Bruder Georg Braun hingegen konnte 1935 noch über Amsterdam in die Vereinigten Staaten ausreisen. Seine in Linz verbliebene Mutter Ernestine zog 1938 mit ihrer Tochter Hanna (hier auf dem Foto zu sehen) nach Köln, von wo aus beide Frauen 1941 in das Konzentrationslager Riga deportiert wurden. Ernestine Braun wurde dort ermordet, Hanna Braun überlebte, wurde 1945 von sowjetischen Truppen im KZ-Außenlager Stutthof befreit und zog später zu ihren Geschwistern nach New York.
1941 von Köln aus nach Riga deportiert und ermordet wurde ebenfalls ein weiterer Bruder, Alfred Braun, der noch bis 1939 in Linz gelebt hatte. Ebenfalls 1939 gelang der Schwester von Ernestine Braun, Frieda Haim, im Jahr zuvor Opfer des Novemberpogroms, die Ausreise in die USA. Ihr Sohn Arthur hatte Linz bereits 1933 verlassen. Sein Schicksal ist bislang ungeklärt, möglicherweise konnte auch er in die Vereinigten Staaten emigrieren.
Bertha, Caroline, Max und Rosa Hirsch, Johanna und Julius Neuburg (Vor dem Leetor 22)
In diesem Haus lebten vier Kinder des bekannten Textilkaufmanns Hermann Hirsch, Inhaber des repräsentativen Geschäftshauses am Burgplatz Ecke Rheinstraße, mit Ehepartnern. Das Haus wurde 1938 im Zuge des Novemberpogroms verwüstet, alle seine Bewohner 1941 in einem der sogenannten „Judenhäuser“ Auf dem Berg 4 vorinterniert und schließlich deportiert und ermordet.
Die 1883 geborene Tochter Johanna war 1938 mit ihrem Ehemann Julius Neuburg von Hannover nach Linz gezogen, wo dieser die Verwaltung der Samuel Meyer’schen Familienstiftung übernahm. 1942 wurde das Ehepaar in das Warschauer Ghetto deportiert. Dort nahmen sich beide im April 1943 das Leben. Johannas fünf Jahre jüngere Schwester Bertha wurde ebenfalls 1942 deportiert, ihr weiteres Schicksal ist unbekannt. Ihre 1864 geborene Halbschwester Caroline wurde am 25. August 1942 in Theresienstadt ermordet, zwei Tage später starb dort auch ihre Schwägerin Rosa. Deren Ehemann, der Kaufmann Max Hirsch, starb am 15. September 1942 ebenfalls in Theresienstadt.
Fritz und Rosel Meyer (Vor dem Leetor 20)
Fritz Meyer wurde 1894 als Sohn des Kaufmanns und Zigarrenfabrikanten Max Meyer geboren. Nach dem Besuch des Linzer Gymnasiums absolvierte er eine kaufmännische Ausbildung und trat 1913 nach dem frühen Tod des Vaters mit nur 19 Jahren in das Familienunternehmen CARL MEYER JR. ein. Fritz Meyer war seit 1914 aktives Mitglied des Linzer Turnvereins und diente im Ersten Weltkrieg als Soldat. 1938 zog er mit seiner Ehefrau Rosel nach Köln. Von dort wurden die beiden 1942 zunächst nach Theresienstadt und 1944 schließlich nach Ausschwitz deportiert, wo Fritz Meyer ermordet wurde. Rosel Meyer kam in das Konzentrationslager Mauthausen, wo sie von den Alliierten befreit wurde. 1945 kehrte sie nach Linz zurück und emigrierte nach ihrer Hochzeit mit Erwin Levy aus Waldbreitbach in die USA. Rosel Meyer starb 1984 in San Francisco.
Quellen
Anton u. Anita Rings, Die ehemalige jüdische Gemeinde in Linz am Rhein. Erinnerung und Gedenken, Linz am Rhein 21992.
Arolsen Archives, Internationales Zentrum über NS-Opfer
Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Landeshauptarchiv Koblenz, Gestapo-Karteien
Verbandsgemeinde Linz am Rhein, Einwohnermeldeamt
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Mit Fördermitteln der Landesstelle Bestandserhaltung in Rheinland-Pfalz hat sich das Stadtarchiv Linz am Rhein 2021 im Rahmen einer Restaurierung auf die Spuren seines ältesten Papierdokuments gemacht. Es handelt sich um ein z.T. stark beschädigtes Leporello mit der vermutlich zeitgleichen Abschrift einer Urkunde von 1378 (Schuldverschreibung des Kölner Erzbischofs Friedrich von Saarwerden, lat.). Die Ausfertigung auf Papier ist für diese Zeit noch sehr ungewöhnlich, zumal die erste deutsche Papiermühle erst 1390 in Betrieb genommen wurde. Bei dem vorliegenden Dokument dürfte es sich um eine der frühesten Papierurkunden in rheinland-pfälzischen Archiven handeln. Mittels einer Papieruntersuchung sollte festgestellt werden, woher das Papier stammt und ob man es eventuell sogar einer Papiermühle direkt zuordnen kann. Besonders und ungewöhnlich ist auch das Format eines Leporellos aus aneinandergenähten Papierbögen. Das Dokument ist nach der Restaurierung dauerhaft gesichert und kann somit auch wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden, etwa im Rahmen von Ausstellungen und auch digital. Durch eine hochauflösende Digitalisierung und anschließender Bildbearbeitung wurde es außerdem wieder (besser) lesbar gemacht. Die einzelnen Schritte und Ergebnisse der Untersuchung im Detail finden sich im Restaurierungs- und Untersuchungsbericht.
Heinrich, Rosalie und Johanna Bermann (Mühlengasse 5)
Heinrich Bermann stammte aus Weißenthurm, seine Frau Rosalie aus Mehring an der Mosel. Ihr einziges Kind, Tochter Johanna, wurde 1902 in Neuwied geboren. Wann die Familie nach Linz kam, ist nicht bekannt. Heinrich Bermann, als kaufmännischer Angestellter tätig, war von 1915 bis 1920 Repräsentant der Synagogengemeinde, seine Tochter aktives Mitglied des Linzer Turnvereins und Leiterin der Ortsgruppe Linz des Bundes Deutsch-Jüdischer Jugend. 1938 wurde die Familie Opfer des Novemberpogroms. Heinrich Bermann starb 1939 im jüdischen Krankenhaus Köln-Ehrenfeld an Misshandlungen. Rosa Bermann war ab September 1941 in einem der beiden sogenannten „Judenhäusern“ Am Sändchen 19 vorinterniert. Ende Juli 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und dort am 5. September 1942 ermordet. Tochter Johanna gelang 1939 die Flucht nach Holland, wo sie jedoch nach der Besetzung der Niederlande durch deutsche Truppen 1940 im Durchgangslager Westerbork interniert und 1942 nach Auschwitz deportiert wurde. Dort wurde Johanna Bermann am 11. August 1942 ermordet.
Alex, Wilhelmine und Hilde Fernich (Am Halborn 7)
Der Metzger Alex Fernich wurde in Klotten an der Mosel geboren. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Wilhelmine hatte er eine Tochter, die 1921 geborene Hilde. Unter den sich verschärfenden Repressionen auf die jüdische Bevölkerung zog die Familie 1937 nach Frankfurt am Main, wo Verwandte lebten. Von dort wurde das Ehepaar Fernich 1941 nach Lodz (Litzmannstadt) deportiert, wo Alex Fernich am 31.7.1942 starb. Seine Frau wurde 1944 nach Chelmno (Kulmhof) verlegt und ermordet. Tochter Hilde, die bis zum Umzug der Familie die Höhere Töchterschule in Linz besucht hatte, flüchtete 1941 über Portugal in die USA, wo sie 2021 im Alter von 99 Jahren starb.
Dina Wallach (Auf dem Berg 4)
Dina Wallach, Tochter des Pferdehändlers Nathan Wallach, lebte als Rentnerin in ihrem Elternhaus. 1938 verwüstete während des Novemberpogroms der nationalsozialistische Mob die Wohnung der 74-jährigen, alleinstehenden Frau. Im September 1941 wurde ihr Haus zu einem der beiden sogenannten „Judenhäuser“, in denen man auf Anordnung der Gestapo die verbliebenen 19 Mitglieder der jüdischen Gemeinde Linz (drei Personen lebten noch in Leubsdorf) zusammenpferchte und vorinternierte. Dina Wallach wurde 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 23. September 1942 ermordet.
Robert, Elise und Karola Marx (Neustraße 35)
Der Viehhändler Robert Marx war aktives Mitglied des Linzer Turnvereins und diente als Soldat im Ersten Weltkrieg. Von 1939-42 war er letzter Vorstand der Synagogengemeinde. 1938 wurde sein Gewerbeschein nicht erneuert, was den Verlust der Existenz der Familie bedeutete, die im selben Jahr auch unter den Ausschreitungen des Novemberpogroms litt. Robert Marx leistete ab 1939 Zwangsarbeit auf Gut Rennenberg. Im September 1941 wurde er im „Judenhaus“ seines Bruders Josef Marx Am Sändchen 19 vorinterniert und am 30. März 1942 zusammen mit seiner aus Niederzissen stammenden Ehefrau Elise in das besetzte Polen deportiert, wo beide ermordet wurden. Einer ihrer beiden Töchter, Karola Marx, emigrierte 1940 in die USA. Die zweite Tochter Frieda war bereits 1929 nach Köln verzogen.
Henriette und Johanna Marx (Neustraße 41)
Von den zehn Kindern des 1924 verstorbenen Metzgers und Viehhändlers Jacob Marx und seiner Ehefrau Henriette lebte Ende der 1930er Jahre vermutlich nur noch die 1891 geborene Tochter Johanna im Elternhaus bei ihrer Mutter. Deren Wohnung wurde 1938 während des Novemberpogroms verwüstet. Henriette Marx wurde 1941 im „Judenhaus“ ihres Sohnes Josef Marx Am Sändchen 19 vorinterniert und im folgenden Jahr nach Theresienstadt deportiert. Dort wurde sie am 20. August 1942 ermordet. Das Schicksal ihrer Tochter Johanna ist unbekannt.
Quellen
Anton u. Anita Rings, Die ehemalige jüdische Gemeinde in Linz am Rhein. Erinnerung und Gedenken, Linz am Rhein 21992.
Arolsen Archives, Internationales Zentrum über NS-Opfer
Bundesarchiv, Gedenkbuch für die Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Landeshauptarchiv Koblenz, Gestapo-Karteien
Verbandsgemeinde Linz am Rhein, Einwohnermeldeamt
]]>Bei Kriegsende ging ein großer Teil der heimatkundlichen Sammlung und der wertvollen Einrichtung des Museums verloren. Da Haus Bucheneck somit ohne Nutzen war, versuchte die Stadt Linz ab 1948, das Gebäude an Investoren aus der Gastronomie- oder Hotelbranche zu verkaufen. Interessenten blieben in den Nachkriegsjahren jedoch aus. Die Räume wurden daher verschiedenen Vereinen zur Verfügung gestellt, so etwa den Linzer Pfadfinderinnen, dem Luftsportverein und dem Ortsverband Linz des VdK. Das Dachgeschoss wurde vermietet.1
Eine neue Nutzung tat sich Mitte der 1950er Jahre auf. Nach dem Verkauf der ehemaligen Mädchen-Mittelschule an der Asbacher Straße, später bekannt als „Molti-Gebäude“ wurde die Berufsbildende Schule in Haus Bucheneck untergebracht.2 Nach dem Umzug der Berufsschule in einen Neubau Am Gestade 1960 diente das Haus der im selben Jahr eröffneten Realschule Linz als Unterrichtsgebäude und wurde zu diesem Zweck umfangreich renoviert. Die junge Schule zählte zum Schuljahresbeginn 1961 bereits 139 Schüler in vier Klassen, zu Beginn des Schuljahres 1963/64 büffelten schon 268 Mädchen und Jungen in Haus Bucheneck für die Mittlere Reife. Die dortigen Räumlichkeiten reichten mittlerweile längst nicht mehr aus, sodass sogar zwei Klassenräume in der alten evangelischen Volksschule hergerichtet wurden, bevor im Juni 1964 der Neubau der Realschule im Rosengarten bezugsfertig war.3 Auch das Martinusgymnasium, dessen Schülerzahl in den 1960er Jahren ebenfalls sprunghaft stieg, verlegte vorübergehend einige Klassen in Haus Bucheneck.4
Mit dem Auszug der Schüler fiel die Villa am Rhein wieder in einen Dornröschenschlaf. Das Ende der 1960er Jahre dann brachte im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Veränderungen im Umfeld des Gebäudes.5 Um den gefährlichen Engpass auf Höhe des Fähranlegers zu entschärfen und dort mehr Verkehrsraum zu schaffen, wurde die B 42 in diesem Bereich um eine Zu- und Abfahrtsspur verbreitert. Diesem Ausbau fiel ein Teil des Stadtgartens zum Opfer, die beiden Häuschen, die das stadtseitige Portal gebildet hatten – „ein altes, kleines ehemaliges Kutscherwohnhaus und ein alter Schuppen, [beide] alt und abbruchreif“6 – wurden im Oktober 1967 zugunsten der Abbiegespur auf die Fähre abgerissen. Im Zuge der Baumaßnahmen verschwand auch ein ganz besonderes Stück Alt-Linz, der „Jakobsbaum“ auf dem Rheinwerft am Fähranleger, seit jeher beliebter Treffpunkt vor allem älterer Linzer, in dessen Schatten wortreich das Tagesgeschehen und die Ortspolitik beleuchtet und dabei der Verkehr an der Fähre und auf dem Rhein beobachtet wurde. Zwar wurde im Mai 1968 ein neuer Jakobsbaum gepflanzt, dieser musste jedoch bereits 1981 dem Bau der Unterführung an der Fähre weichen.
Nach dem Ende der Bauarbeiten im August 1968 wurde die Neugestaltung des Stadtgartens in Angriff genommen. Die Abgrenzungsmauer des Parks erhielt zusätzliche Durchbrüche, um eine direkte Verbindung zu den ebenfalls neu gestalteten Rheinanlagen am und unterhalb des KD-Anlegers mit Rondell, Springbrunnen, Blumen- und Baumanpflanzungen zu schaffen. Im Juli 1969 wurde als zusätzliche Verschönerung eine Gruppe aus Basaltsäulen aufgestellt, die die Bedeutung der alten ortsansässigen Industrie für die Stadt Linz symbolisieren sollte. Im August 1969 war die Umgestaltung abgeschlossen und das einstimmige Urteil der Linzer lautete: „So schön war der Stadtgarten noch nie.“7 In den Wintermonaten öffnete in Haus Bucheneck ein beheizter Aufenthaltsraum mit Sitzmöglichkeiten und Tischen.
Die Villa hingegen war in keinem guten Zustand, was jetzt sogar den Denkmalschutz auf den Plan rief. Im Oktober 1968 erreichte Bürgermeister Leo Thönnissen ein Schreiben des Landesamts für Denkmalpflege, in dem es unverblümt hieß: „Das Haus verkommt. Wir bitten um Mitteilung über geplante Maßnahmen zur Instandsetzung […].“8 Die Tage von Haus Bucheneck schienen zu dieser Zeit allerdings gezählt, denn dem Gebäude drohte vor dem Hintergrund einer geplanten Neutrassierung der B 42 der Abriss.9 In Anbetracht dessen investierte die Stadt in den kommenden Jahren nur das Allernötigste in das Haus, dessen Räumlichkeiten jetzt wieder auf unterschiedlichste Weise genutzt wurden, etwa als städtische Schreinerwerkstadt und Aufenthaltsraum für die Gärtner, als Probelokal des Männergesangvereins, oder zur Kinderbetreuung; eine Wohnung war zeitweise vermietet. Mitte 1972 schließlich rückte der schlechte bauliche Zustand sogar in den Fokus der regionalen Presse, die monierte, dass „das alte Gebäude völlig vergammelt ist und an der markanten Stelle einen Schandfleck für die Stadt darstellt. Besucher der Bunten Stadt empfinden das graue und verwitterte Gebäude als störend, zumal in den sonst so schönen Anlagen am Rhein.“ Daraufhin erhielt Haus Bucheneck wenigstens einen neuen Außenanstrich.
1976 wurde auf Initiative der SPD-Stadtratsfraktion und des Ortsverbands Linz der Arbeiterwohlfahrt das Erdgeschoss der Villa zu einer Altentagesstätte, gekoppelt mit einem Tagungsraum für verschiedene Anlässe, umgestaltet. Der Ausbau in Eigenleistung und ausschließlich mittels Spenden verwandelte die Räume in „ein innenarchitektonisches Meisterstück“, urteilte die Presse. Bei der feierlichen Eröffnung im Mai 1976 hob der Linzer Landtagsabgeordnete Theo Lück den Charakter des Hauses als Kommunikationszentrum hervor und verkündete ambitioniert: „Wir bezwecken, die Stadt Linz zu einer Stadt der Konferenzen und Begegnungen zu machen.“ Bundesminister Egon Bahr trug sich auf einem Ausflug des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit nach Linz als erster in das Goldene Buch des Hauses ein und zeigte sich beeindruckt: „Donnerwetter“, schönere Räume als jene der Linzer SPD-Fraktion werde man andernorts kaum finden. Wenige Jahre später schließlich, die Neutrassierung der Bundesstraße war offensichtlich vom Tapet, beantragte der Stadtrat im Mai 1982, Haus Bucheneck unter Denkmalschutz zu stellen und beauftragte 1984/85 einige Restaurierungen und Verschönerungen am Haus und im Umfeld, darunter die Sanierung der zum Fähranleger hin gelegenen „Studenteneiche“ und die Neupflanzung von Bäumen im Stadtpark. Am 14.7.1987 wurde Haus Bucheneck mit der eingangs zitierten Begründung als geschütztes Kulturdenkmal ausgewiesen.
Mit der Aussicht auf Landeszuschüsse wurde jetzt kräftig in die Bausubstanz investiert und das Dach, die Fassade und die markanten Erker erneuert, „weil das Gebäude sonst verfallen wäre.“10 Dennoch wollte oder konnte man sich die kostspielige Immobilie bald nicht mehr leisten, denn „Bürgermeister und Mehrheit des Stadtrats stehen hinter der Veräußerung von unrentablem Besitz, welcher den Bürger nur Kosten verursacht.“ Und so erwarb Burkard Krings, finanzkräftiger Investor, der wenige Jahre zuvor auch schon die Linzer Burg gekauft und saniert hatte, 1989 Haus Bucheneck und ließ die Villa am Rhein nach mehrjähriger Bauzeit in altem Glanz erstrahlen. Das Gebäude wurde entkernt, alle Zwischendecken erneuert, das Treppenhaus und die Eingangstür aus der Erbauungszeit des Hauses restauriert und an den Decken wieder Gipsstuck angebracht, wodurch die Räume „das alte Flair“ zurück erhalten sollten. 1992 verschwand die öffentliche Toilettenanlage links des Gebäudes, und der Rheinpegel wurde direkt an das Haus versetzt, wo die Wasserstände seitdem über eine kunstvolle Uhr ablesbar sind, die der Linzer Uhrmacher Jürgen Fröschner entworfen und gebaut hat.11 Da die ursprüngliche Konzeption eines Brauhauses mit offenem Sudhaus an verschiedenen Auflagen scheiterte, wurde Haus Bucheneck Mitte 1993 schließlich als Hotel mit Gastronomie in Erdgeschoss und altem „Strünzerkeller“, Biergarten und Rheinterrasse eröffnet und seitdem von wechselnden Pächtern betrieben. Im angrenzenden Stadtgarten, dem „Linz/Donau-Park“, richtete man mit Unterstützung der Basalt AG noch dazu ein Steinmuseum ein. So erfüllt Haus Bucheneck nach mehr als anderthalb Jahrhunderten wechselhafter Geschichte heute doch noch den Zweck, den der Bauherr seiner Villa einst zugedacht hatte.
Der Kölner Notar Josef Stoppenbach ließ die dreigeschossige Villa mit rheinseitigem Sockelgeschoss aus Bruchstein, zwei zierlichen Erkern und später verändertem Walmdach 1840-42 jenseits der Chaussee von Königswinter nach Ehrenbreitstein vis-à-vis der Linzer Burg errichten. Auf dem Grundstück oberhalb des gemauerten Rheinwerfts, angrenzend an die städtische Bleiche und einen Schuttabladeplatz, erstreckte sich zu dieser Zeit Gartenland, ausgedehnte Weidenpflanzungen dienten als natürliche Uferbefestigung.2 Stoppenbachs Haus war eines der ersten klassizistischen Gebäude, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Linz erbaut wurden, und auch eines der ersten „extra muros“, also außerhalb der bereits im Abbruch befindlichen mittelalterlichen Stadtmauer.3
Seine exponierte Lage wurde dem Neubau gleich im ersten Winter zum Verhängnis, als starker Eisgang die sechs Fuß dicke Umfassungsmauer aus Basaltstein beschädigte, „die nur bis zum Schlusse des Gewölbes erst fertig und noch nicht geschlossen war“, und eine Ecke eindrückte.4 Das rief den Königlichen Bauinspektor Nebel auf den Plan, der große Zweifel an der Sicherheit des Hauses hegte, zumal er auch die Tragfähigkeit des Kellergewölbes anzweifelte. Stoppenbach hielt es daher für „am gerathesten, wenn die Werft-Mauer, von der Stelle, wo dieselbe den Rhein berührt bis an mein Haus fortgesetzt würde“, und erklärte sich bereit, die Kosten in Höhe von 500 Taler dafür zu übernehmen, „wenn die Stadt Linz mir das Terrain, jetzt eine wahre Kloake […], zu meinem Eigenthum abtritt.“ Diesem Vorschlag wurde zugestimmt und Notar Stoppenbach am 18. Februar 1843 ein Teil des Geländes unter der Bedingung überlassen, die Werftmauer bis hinter sein Haus zu verlängern und für 25 Jahre Instand zu halten, die ihm überschriebene Fläche nicht zu bebauen oder mit hochstämmigen Bäumen zu bepflanzen, einen darunter gelegenen Kanal rein zu halten und außerdem die durch den Bau der Mauer notwendige Verlegung des Rheinpegels zu finanzieren.
Bemerkenswert ist, dass der Bauherr zumindest vorgab, sich über die spätere Nutzung seiner imposanten und kostspieligen Immobilie noch keine rechten Gedanken gemacht zu haben: „Welche Bestimmung das Haus seiner Z. erfüllt, kann ich so wenig wie jeder Andere, der ein Gebäude baut, vor der Hand sagen, darauf kann es aber auch wohl nach meiner unmaßgeblichen Meinung weniger ankommen. […] Ich meine es sei wohl am vernünftigsten, namentlich bei einem Baue wo man grade kein bestimmtes Geschäft vor Augen hat, so darin betrieben werden soll, daß man die inneren Räume so distribuiert daß das Gebäude, wenn auch grade nicht zu allem, doch zu mehreren Geschäften sich eignet.“ Stoppenbach spielte damit auf die Vermutung des Bauinspektors an, die Villa solle förderhin als Gastwirtschaft dienen. Hierzu bemerkte Stoppenbach spitz: „Wie aber Herr Nebel das Haus zu einem Gasthause aus eigener Machtvollkommenheit disignirt begreife ich wahrlich nicht. […] Ich [kann] darauf nur ganz einfach bemerken, daß die Promisse unrichtig ist.“
Bauinspektor Nebel hatte aber doch den richtigen Riecher gehabt, denn im Juni 1847 schrieb Stoppenbachs Sohn Carl an Bürgermeister Franz Stephan Christmann, dass sein Vater „mir sein zu Linz gelegenes Haus miethweise übertragen hat und daß ich beabsichtige in demselben eine auf die Aufnahme von Fremden berechnete Gastwirtschaft zu etablieren. Hält man die Verhältnisse von Godesberg, Königswinter, Rolandseck und andern Orten mit denen zu Linz zusammen, so findet sich daß Linz, in Mitten einer so herrlichen Natur, in Rücksicht auf Annehmlichkeiten und mäßigen Preis der Lebensbedürfnisse gegen jene Orte nicht zurücksteht und daß daher, bei gleicher Gelegenheit, mit Grund zu erwarten ist, daß, wie dort, wohlhabende Familien Wochen und Monate lang ihren Aufenthalt hier nehmen werden. Mein gedachtes Haus nun, dicht am Rhein, umgeben von einer hübschen Garten-Anlage mit 20 Zimmern und 2 Sälen, mit Stallung und Wagen-Remise versehen, schön und bequem von innen und außen, scheint das Auskommen einer solchen Gastwirtschaft zu verbürgen […].“5 Der noch im selben Jahr eröffneten „Gastwirtschaft für Standespersonen“6 war jedoch keine lange Dauer beschieden, denn bereits in der Gewerbesteuerliste von 1849 findet sich der Hinweis, dass Carl Soppenbach „nach America ausgewandert [ist] u. das Gewerbe eingestellt [hat].“.7 Sein Vater war zu dieser Zeit bereits hochverschuldet. 1837 hatte Josef Stoppenbach Burg Dattenberg erworben und die in Teilen verfallene Anlage mit Hilfe von Geldgebern in einen imposanten Landsitz verwandelt.8 1844 kaufte er außerdem den Karthäuserhof in Leubsdorf.9 Jetzt wuchsen Stoppenbach seine riskanten Investitionen über den Kopf und er stand bei mehreren Gläubigern tief in der Kreide, darunter der Kölner Gewürzhändler Heinrich Monheim und die Gebrüder Heuser, ebenfalls Kaufleute aus der Domstadt.10 1850 ließen die Gläubiger das Vermögen der Familie versteigern und Stoppenbachs Haus in Linz ging zunächst in den Besitz von Heinrich Monheim über.11
1853 übernahm die aus der oben genannten Kölner Kaufmannsfamilie stammende Georgine Wilhelmine Elise Heuser das Anwesen.12 Ihre Brüder Franz und Georg Friedrich Daniel Heuser waren Teilhaber der traditionsreichen P. G. Heuser’s Söhne Manufakturwarenhandlung en gros, ansässig am Kölner Neumarkt 8-10 im repräsentativen Richmodis-Haus.13 Die vermögende Dame14 erwarb im Juni 1853 von den Geschwistern Theisen und den Erben Franz Kerp angrenzende Grundstücke „unter der Hausener Straße“ zwischen Mühlen- und Altenbach15 und ließ ringsum die Villa einen Park im Stil eines Landschaftsgartens anlegen, der, wie sie selbst schrieb, „der ganzen Stadt zur Zierde gereichen wird“.16 Ein Plan von 1857 zeigt den Park mit charakteristischen Busch- und Bauminseln sowie Wiesenflächen, durchströmt von zwei Bächen. Sogar Springbrunnen wurden projektiert.17 Ein malerischer Pavillon und verschiedene Skulpturen komplettierten den „Heusersgarten“, so der Flurname bis heute, darunter ein ungewöhnliches Philomele-Denkmal, was einen starken Einfluss des Weimarer Klassizismus auf den kleinen Linzer Landschaftsgarten vermuten lässt. Der stadtseitig gelegene portalartige Eingang mit einem geschwungenen schmiedeeisernen Tor wurde flankiert von zwei kleinen Häuschen, die Torpfeiler jeweils bekrönt mit einer typisch klassizistischen Vase.18 In dieser Zeit soll die Villa auch ihren heutigen Namen „Haus Bucheneck“ erhalten haben.19
Angehörige der Familie Heuser hielten sich jeweils für einige Monate im Jahr in Linz auf. Ganzjährig wohnte dort nur der Gärtner, der für die Instandhaltung von Haus und Park sorgte. Auf Georgine Heuser folgten deren Neffen, die Cousins Georg August und Robert Heuser, die zwei Töchter des ebenfalls am Kölner Neumarkt 820 ansässigen General-Prokurators und Geheimen Justizrats Georg Heinrich Franz Nicolovius geheiratet hatten: Robert im Jahr 1862 Bertha Maria, Georg August 1865 Georgine Julia Eugenie. Nach dem Tod von Georg August Heuser, der 1903 in Linz starb21, und dessen Frau Georgine 1916 erbte Emilie von Bylandt Haus Bucheneck, eine Enkelin der bereits 1908 ebenfalls in Linz verstorbenen Berta Heuser22, die das Anwesen zunächst als zweiten Wohnsitz nutzte.23 Da jedoch die „Villa Heuser“ unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkriegs während des Rückzugs der deutschen Truppen als Quartier für höhere Befehlshaber diente24 und im Mai 1919 „behufs Unterbringung Wohnungsloser beschlagnahmt […] und teilweise vermietet wurde“, stand „von da ab eine standesgemäße Wohnung nicht mehr zur Verfügung“.25 Spätestens 1926 standen Haus und Garten zum Verkauf, und nach einigem Ringen im Linzer Stadtrat und zähen Verhandlungen mit der Gräflich Bylandt’schen Verwaltung ging „das große Heuser’sche Anwesen“ mit umliegendem Park, „Dreiecksgarten“ im Rosengarten sowie Wiese und Froschweiher am Schoppbüchel am 15.9.1927 für 50.000 Goldmark in den Besitz der Stadt über.26
Bei Bekanntgabe des Kaufs „ging ein freudiger Zug durch die gesamte Bürgerschaft“, wie die Rhein-und-Wied-Zeitung am 17. September 1927 konstatierte, „denn schon wiegt man sich in der Annehmlichkeit, den prächtigen Park als bürgerlicher Mitbesitzer nächtens zur persönlichen Erholung frei benutzen zu können. Was kann unser Städtchen bei seinem ausgeprägten Charakter als Fremdenheim nunmehr seinen erholungsbedürftigen Gästen bieten! Direkt am Rhein gelegen, jeglicher Belästigung durch Autos und Straßenstaub entzogen, kann der Ruhe Suchende in angenehmster Weise seine Freistunden in reiner Rheinluft inmitten gut gepflegter Zieranlagen verbringen.“27 Der Park wurde auch sogleich vom Haus abgezäunt und bereits am Ostersonntag 1928 als Stadtgarten der Öffentlichkeit übergeben. 1934 wurde die Anlage nochmals verschönert und der Garten mit Mauerdurchbrüchen und Treppen zum Rhein und zur Stadt hin noch besser erschlossen.28
Mit Haus Bucheneck übernahm die Stadt Linz ein durchaus renovierungsbedürftiges Gebäude. Vor allem die Wände in den Erdgeschossräumen waren durch eingedrungene Hochwasserfeuchtigkeit fleckig. Nicht ohne Grund also hatte Georgine Heuser wiederholt geklagt, dass „die exponierte, den Stürmen und Überschwemmungen ausgesetzte Lage, […] jährliche große Reparaturkosten verursacht. Jedes Jahr steht das Wasser im Keller, aus diesem Grunde läßt sich auch keine Centralheizung anlegen. Trotz sorgfältiger Instandhaltung dringt bei stürmischem, regnerischem Wetter regelmäßig Wasser in die Zimmer und beschädigt Decken und Tapeten.“29 Dennoch schätzten die Stadtoberen sich glücklich, mit dem Erwerb des Hauses endlich geeignete Räumlichkeiten für eine dauerhafte Aufbewahrung und Präsentation der Linzer heimatkundlichen Sammlung gefunden zu haben. Bereits im Mai 1914 war in Haus Bucheneck anlässlich der Versammlung des Historischen Vereins für den Niederrhein in Linz eine „Historische Ausstellung“ zur Stadtgeschichte gezeigt worden.30
Im August 1920 kam in einer Stadtverordnetenversammlung die Idee auf, ein „Städtisches Museum“ einzurichten, was jedoch zunächst an Raum- und Geldmangel scheiterte.31 1925 entwickelte sich aus Kontakten zu einem Sohn des Künstlers Joseph von Keller der Gedanke zu einer besonderen von Keller-Sammlung in dessen Heimatstadt und der Nachlass des Kupferstechers wurde nach Linz überführt. Gleichzeitig wuchs die ortsgeschichtliche Sammlung durch zahlreiche Geschenke und Leihgaben von Linzer Bürgern und Vereinen bedeutend an.32 Haus Bucheneck bot den perfekten Rahmen für die Ausstellung, dessen Einrichtung Beigeordneter Rautenberg und Stadtbaurat Fuchs mit „Eifer und großer Sachkunde“ und Unterstützung u.a. durch Paul Horn, Kustos am Düsseldorfer Kunstmuseum, und den Kölner Oberarchivrat Dr. Wilhelm Kisky in Angriff nahmen. Im Dachgeschoss der Villa wurde das bis dato im Rathaus aufbewahrte städtische Archiv mit Urkunden, Akten und der etwa 2.000 Stücke umfassenden Briefsammlung Joseph von Kellers untergebracht, wo „mancher Wißbegierige wertvolle Aufschlüsse [wird] finden können.“33
In den Räumen des Museums34 waren „Erinnerungsstücke aus Stadt und Kirchspiel Linz“ ausgestellt, so beispielsweise das Porträt des 1633 von den Schweden hingerichteten Bürgermeisters Augustin Kastenholz und das von ihm gestiftete Altarbild, Handakten des Bürgermeisters, die alten Ratskannen und das Schützensilber der Sebastianusbruderschaft. Gezeigt wurden außerdem eine Zusammenstellung alter Erzeugnisse der Basaltindustrie, Bilder von Steinbrüchen, eine Auswahl der geologischen Vorkommen im Linzer Gebiet und zahlreiche Funde aus Frankengräbern. Im Mittelpunkt stand jedoch die von Keller-Sammlung, das gesamte Werk des Linzer Kupferstechers mit Zeichnungen und Graphiken, darunter die Sixtinische Madonna und die Disputa. In einem anderen Raum wurden die Werke weiterer Linzer Künstler – Lithographien von Hubert Meyer, Zeichnungen des Malers Johann Martin Niederée sowie Kupferstiche von P. J. Müller – gezeigt, außerdem schriftliche Dokumente zur Stadtgeschichte. Das Treppenhaus schließlich beeindruckte durch große alte Fahnen und einen riesigen Adler, den „Revolutionäre im Sturmjahr 1848 schon einmal den Fluten des Rheins übergaben, und der dann bis 1918 die Front des Rathauses zierte. Nicht viele Museen haben einen so würdigen Vorraum.“
Am 5. Juli 1931 wurde das Museum eröffnet. „In aller Stille ist das Linzer Heimatmuseum in den Räumen des Hauses Bucheneck, in unserem herrlichen Stadtgarten gelegen, nunmehr fertiggestellt“, freute sich die Linzer Zeitung35, und die Rhein-und-Wied-Zeitung lobte anerkennend, dass die „stattlichen Räume in dem alten Patrizierhaus Bucheneck […] wie geschaffen [sind] für die Aufnahme der Sammlungen.“36 In den ersten sechs Monaten zählte die Ausstellung 554 zahlende Besucher, außerdem mehrere Schulklassen und Vereine.37 Gegen das geplante Museums-Café hingegen lief die Wirte-Vereinigung Linz Sturm. Ihr Vorsitzender Franz Wald, Inhaber des Gasthofs „Rheinperle“ in Linzhausen, appellierte an die Stadtoberen, dass die „augenblickliche Lage der allgemeinen wirtschaftlichen Not ein weiteres derartiges Unternehmen in Linz nicht [bedingt], zumal in unmittelbarer Nähe Gartenlokale, Kaffee-Conditoreien und andere Gaststätten genügend vorhanden sind […]. Da das gesamte Gaststättengewerbe in Linz sehr unter der wirtschaftlichen Not zu leiden hat, befürchtet es, wenn ein Kaffee im Hause Bucheneck im Betrieb ist, daß die fremden Gäste nicht mehr, wie bisher, die Lokale im Innern der Stadt aufsuchen und dadurch seine Einkünfte mehr und mehr geschmälert werden.“ Die Pläne für das Café wurden daraufhin auf Eis gelegt.38
1934 wurde stattdessen in den Kellerräumen des Heimatmuseums vorübergehend ein Weinausschank, der „Strünzerkeller“, eröffnet und 1935 nach umfangreichen Renovierungs- und Ausbauarbeiten weiterbetrieben. Auch hiergegen regte sich Protest: Erneut war es Franz Wald, der 1936 gegen die „ungehörige Konkurrenz“ zu Felde zog und bezweifelte „daß der Strünzerkeller wirklich als Anziehungskraft für unsere schöne bunte Stadt ernsthaft in Frage kommen könnte. [Wir] glauben, daß die uns aufsuchenden Fremden besser in den durchweg schönen Gaststätten untergebracht sind, als in einem Keller, der des Öfteren im Jahre bis oben hinan mit schmutzigem Rheinwasser gefüllt ist.“ Dennoch wurde der Ausschank auch weiterhin verpachtet, 1937 etwa an den Winzer Peter Mehren, stets unter der Maßgabe, „nur einwandfreie Weine der Winzer aus Linz und dem Amt Linz-Land zu führen.“39 Im Zweiten Weltkrieg dann war der „Strünzerkeller“ als einer der 13 öffentlichen Luftschutzräume der Stadt ausgewiesen.40
Zur wechselhaften Geschichte von Haus Bucheneck | Teil 2: 1945-2020