Alles schien wie üblich, als der Papst gegen 15 Uhr mit einer Stunde Verspätung in den Flieger stieg, eine A320 der spanischen Fluglinie Iberia. Am Morgen war Leo XIV., seine Delegation und die Journalisten mit dem Flugzeug von Gran Canaria nach Teneriffa gekommen. Da war offenbar alles noch in Ordnung. So auch zunächst am Nachmittag. Der Pilot begrüßte den Papst und die anderen Anwesenden und erklärte, dass es eine Ehre für Iberia sei, dass sie den Papst zurück nach Rom fliegen dürfe. Doch dann geschah lange nichts. Offenbar gelang es dem Piloten nicht, den Flieger richtig zu starten. Er kündigte einen Techniker an, der das Problem lösen solle. Nach einer Weile kam der spanische König Felipe an Bord, der den Papst zuvor offiziell verabschiedet hatte, und ging mit dem Pontifex wieder ins VIP-Terminal.
Der Techniker konnte das Problem nicht wirklich lösen. Der Pilot erklärte der zurückgebliebenen Delegation und den Journalisten, der Experte habe empfohlen, den Flieger gegen den Wind zu stellen; vielleicht würde dann ein Start der Motoren gelingen. Doch auch das führte schließlich nicht zum Erfolg. Mittlerweile hatte der spanische König dem Papst für die Rückkehr nach Rom seinen Flieger angeboten. Leo nahm an und verabschiedete sich mit vier Stunden Verspätung von Teneriffa. Mit an Bord seine Sekretäre, der Kardinalstaatssekretär, der Außen- und der Innenminister sowie einige Sicherheitsleute. König Felipe blieb auf Teneriffa zurück und wartete wie der Rest der Delegation und die Journalisten auf neue Flugzeuge aus Madrid. Dass sich der Papst ohne Worte an die Journalisten einfach auf den Heimweg machte, kam nicht bei allen mitgereisten Kolleginnen und Kollegen gut an. Immerhin wurden sie um die traditionelle fliegende Pressekonferenz gebracht.
Flugzeug-Pannen bei Papstreisen sind höchst selten. An einen Fall wie heute auf Teneriffa kann sich niemand erinnern, auch nicht die mexikanische Journalistin Valentina Alazraki, die schon Johannes Paul II. auf mehr als 100 Reisen begleitete und seitdem auf nahezu keiner Reise fehlt. 1988 musste Johannes Paul II. notgedrungen in Südafrika landen, weil der Pilot wegen eines Unwetters die Landung in Lesotho kurz vor dem Aufsetzen abbrechen musste. Eigentlich hatte Johannes Paul II. Südafrika wegen der Apartheid-Regierung extra gemieden. Doch da das Flugzeug nicht mehr viel Treibstoff hatte, blieb dem Piloten und damit auch dem Pontifex keine andere Wahl.
Zwei Jahre zuvor musste Johannes Paul II. beim Rückflug von Indien außerplanmäßig in Neapel landen, weil es in Rom schneite. Die letzte Etappe legten er und die Mitreisenden dann mit dem Zug zurück. Viel mehr wissen die Chronisten und Experten nicht zu berichten. Bei der ersten Auslandsreise von Leo XIV. Ende November vergangenen Jahres in die Türkei und den Libanon musste die italienischen Fluggesellschaft ITA ein Software-Update vornehmen, das Airbus für alle Flieger des Typs weltweit vorgegeben hatte. Doch dieses konnte innerhalb der Zeit realisiert werden, in der der Flieger ungenutzt auf dem Flughafen in Istanbul stand. So kam es zu keiner Verzögerung.
Der Vatikan besitzt keine Flugzeuge. Bei Reisen in Italien nutzt der Papst meist einen Hubschrauber der Flugbereitschaft der italienischen Regierung, bei weiteren „Inlandsflügen“ auch schon einmal eine Learjet Italiens. Bei Auslandsreisen bringt die italienische Fluggesellschaft ITA den Papst ins Gastland. Der Rückflug oder, wenn der Papst mehrere Länder besucht, die Transitflüge werden oft von Fluggesellschaften der Gastländer abgewickelt. Immer wieder kommt es aber auch vor, dass ITA die gesamte Reise covert. Für die Fluggesellschaften ist es meist ein Prestigeprojekt, den Papst zu befördern, nicht zuletzt weil es Werbung für die Unternehmen ist; vorausgesetzt es gibt keine Panne. Doch das ist die sehr große Ausnahme.
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Die Kulisse hätte schöner kaum sein können. Das Meer auf der einen Seite, der Vulkan Teide, der höchste Berg Spaniens, auf der anderen. In dieser Rahmung beendete Leo XIV. seine Spanienreise mit einem Gottesdienst, zu dem 40.000 Menschen in den Hafen von Santa Cruz gekommen waren. Zuvor hatte er eine Aufnahmestelle für Geflüchtete in einer ehemaligen Kaserne in La Laguna besucht. Dabei griff er das Thema der Liebe Gottes wieder auf, die unabhängig vom Herkunftsort keine Grenzen kenne und keine Unterschiede mache. Leo ließ sich die Unterkünfte zeigen, die aus großen Zelten bestehen. Anschließend traf er sich mit Vertretern verschiedener Sozial- und Integrationsdienste auf einem zentralen Platz in la Laguna. Dabei stellte er fest, dass „die Barrieren, die am schwersten einzureißen sind, nicht immer die aus Stein sind“. Manchmal seien sie auch im Blick, in den Ängsten oder in der Gleichgültigkeit.
Eindringlich warnte er vor Parallelwelten und betonte, Integration sei ein „wechselseitiger Prozess“. Wer aufnehme, lerne sein Zuhause zu erweitern. An die Migranten gerichtet mahnte er: „Euch, liebe Brüder und Schwestern Migranten, kommt auf diesem Weg eine vornehme und notwendige Aufgabe zu, nämlich die, euch vertrauensvoll der Gesellschaft zu öffnen, die euch aufnimmt, ihre Sprache zu lernen, ihre Gesetze zu respektieren, ihre Lebensgewohnheiten kennenzulernen, am gemeinsamen Leben teilzunehmen und eure Gaben dankbar einzubringen.“ Zugleich sprach er den Geflüchteten Mut zu. „Dein Leben ist kein Abfall, dein Leid nicht unsichtbar, deine Würde ist in den Wassern, die du durchquert hast, nicht verloren gegangen.“ Zur Integration gehöre auch, so Leo, den Menschen eine Möglichkeit zu bieten, „neu anzufangen, zu lernen, zu arbeiten, zu dienen, sich einzubringen und nicht für immer in der Opferrolle gefangen zu bleiben“.
Dann wandte sich Leo XIV. an die Schleuser und Menschenhändler in einer Form, wie das bisher kaum von einem Papst zu hören war. Er drohte ihnen förmlich mit dem Gericht Gottes. „Für jedes verlorene Leben, jede betrogene Familie, jeden unterdrückten Menschen, jede bedrohte Frau, jeden ausgebeuteten Arbeiter werdet ihr euch vor der göttlichen Gerechtigkeit verantworten müssen.“ Sie sollten diese Ketten brechen und diejenigen befreien, die sie unterdrückten. „Gebt zurück, was ihr entwendet habt, und leistet Wiedergutmachung, so gut ihr könnt“, forderte der Papst unter dem Beifall der rund 4.000 Menschen auf der Plaza del Cristo in der alten Inselhauptstadt La Laguna. Damit setzte Leo noch einmal ganz eigene Akzente beim Thema Migration. Das wurde gestern schon deutlich, als er sich den Herkunftsländern zuwandte. Heute dann denjenigen, die viel Geld mit dem Schicksal der Menschen verdienen. Franziskus wurde kritisiert, er fokussiere sich allein auf die Geflüchteten und Appelle an die Aufnahmeländer, weniger auf die Rahmenbedingungen. Das ist bei Leo anders. Auch wenn für ihn klar ist, dass jeder Geflüchtete menschenwürdig behandelt werden und Aufnahme finden muss.
Sieben Tage, drei Stationen mit je eigenen Akzenten: In Madrid dominierte Grundsätzliches zur Politik, in Barcelona die Kunst und auf den Kanaren die Migration. Wie bei Papstreisen meist üblich, wurde auch Leo überall mit großem Enthusiasmus empfangen. Bisweilen wirkte er überwältigt und emotional angefasst, vielleicht auch angesichts der großen Erwartungen, die viele Menschen in ihn setzen. Die sind mit dieser Reise sicher nicht weniger geworden. Interessant ist, dass sich in vielen Reden Zitate seiner Enzyklika finden. Die wird jetzt ins Konkrete hinein buchstabiert. Zur Migration gibt es in gut zwei Wochen einen weiteren Akzent. Am 4. Juli wird Leo Lampedusa besuchen und dort an die erste Reise seines Vorgängers Franziskus nach dessen Wahl 2013 erinnern. Leo reist also von einem Migrationshotspot zum nächsten. Sicher kein Zufall.
P.S. Über das Thema hat das ZDF in „heute in Europa“ am 11.6.2026 berichtet.
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Es ist die dritte Etappe der einwöchigen Spanienreise von Papst Leo XIV.: der Besuch auf den Kanarischen Inseln Gran Canaria und Teneriffa. Die beiden Tage am Donnerstag und Freitag stehen ganz im Zeichen der Migration. Wiederholt machte Leo deutlich, dass das Thema für ihn wie bei seinem Vorgänger oben auf der Agenda steht: „Die Kirche darf sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiterhin die Menschenwürde verletzen.“ Dabei gehe es nicht darum, alles zu lösen, „sondern alles in Gottes Hände zu legen und dort präsent zu sein, wo Menschen leiden, wo die Mittel nicht ausreichen und es keine gemeinsame Sprache gibt, wo aber Gesten noch sprechen können“, erklärte der Pontifex. Erneut verband Leo Gebet und Nächstenliebe. Wer vor dem Altar knie, um Christus in der Eucharistie anzubeten, von dem der Antrieb zur Nächstenliebe ausgehe, dürfe später nicht „an den kleinen Booten und Beibooten ‚vorübergehen‘, denn aus dem Gebet entspringt der Dienst“.
Als Ungeheuer der Meere bezeichnete Leo „mafiöse Organisationen, die mit der Verzweiflung der Menschen arbeiten, Menschenhändler, die Frauen und Kinder versklaven und die Gleichgültigkeit vieler, die zulassen, dass die Armen von Ausbeutung oder Vergessenheit verschlungen werden“. Das Drama der Migration sei auf vielen Ebenen eine Gewissensprüfung, stellte Leo fest: für die Herkunftsländer, die Voraussetzungen schaffen müssten, damit Flucht nicht nötig wird, für die Transitländer mit Blick auf die Schleuser und Menschenhändler, für Europa, „das nicht die Menschenrechte proklamieren kann und sich dabei nicht daran gewöhnen darf, dass das Mittelmeer und der Atlantik zu Friedhöfen ohne Grabsteine werden“. Er forderte die internationale Gemeinschaft zu einer wirksamen Zusammenarbeit auf. Es müsse sichere und legale Fluchtrouten geben. „Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht“, stellte er fest. An die Migranten gerichtet, warnte das Kirchenoberhaupt: „Glaubt nicht denen, die euch ein leichtes Paradies versprechen im Tausch für euren Körper oder Geld, euer Schweigen oder eure Freiheit. Diese falschen Versprechungen sind ‚Sirenengesänge‘, sie sind Gewerbe des Todes.“
„Zu lieben ist für den Menschen natürlich, ja, es ist die Voraussetzung für ein erfülltes Leben“, erklärte Leo am Abend beim Gottesdienst im Stadion von Gran Canaria. In der Liebe Gottes habe die Berufung des Menschen zur Liebe seine Wurzeln, führte er seinen Gedanken aus. Aber: „Um die wahre Freude im Leben zu erfahren, die in der Liebe besteht, müssen wir von den Podesten der Arroganz, die uns voneinander trennt, herabsteigen, damit wir einander in der Demut begegnen, die uns zu Brüdern und Schwestern macht.“ Er betonte, dass die Nächstenliebe nicht nur Wohlfahrt sein dürfe, sondern die Menschen miteinbeziehen müsse, „damit sie sich geistig, intellektuell und körperlich voll entfalten und würdig konstruktiv in die Gesellschaft einbringen können“.
Die Begeisterung war groß an diesem Donnerstag. Noch nie hatte ein Papst die Kanarischen Inseln besucht. Allerdings ist das Programm etwas einseitig. Am Freitag auf Teneriffa wird der Papst wieder Migrations-Projekte besuchen. Dabei böte sich hier auch die Gelegenheit für andere herausfordernde Themen wie etwa der Massentourismus mit seinen ambivalenten Folgen für die Inselbewohner oder eine Reihe von sozialen Themen angesichts des Strukturwandels auf den Inseln. Neben den Bildern vom Gottesdienst in der Sagrada Família werden sicherlich die Bilder im Hafen von Arguineguín von der Reise in Erinnerung bleiben. Leo warf einen Blumenkranz in Erinnerung an die Toten in das Becken des Hafens, der von den Medien 2020 „Hafen der Schande“ getauft worden war. In einer Woche waren damals mehr als 3.000 Geflüchtete angekommen. Wegen der Pandemie durften sie nicht an Land und wurden von der Caritas über Boote versorgt. Leo verharrte still im Gebet und segnete anschließend zwei Geflüchtete.
P.S. Das ZDF hat über das Thema unter anderem in „heute in Europa“ am 11.6.2026 berichtet.
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Es war der Höhepunkt des Papstbesuchs in Barcelona: der Gottesdienst in der Basilika Sagrada Família mit der Weihe des Christusturms, des nun höchsten Kirchturms der Welt. 9.000 Menschen feierten mit Leo XIV. in und außerhalb der Kirche am Mittwochabend, dem 100. Todestags Anonti Gaudís, des Architekten und Ideengebers der Basilika. Auf dem Weg dorthin hatten nach offiziellen Angaben 120.000 Menschen die Straßen gesäumt, die das Papamobil passierte. Der Pontifex bezeichnete das Gotteshaus als ein „Zeichen der Einheit und Eintracht“. Er betonte, dass die Basilika weit mehr sei als nur ein Denkmal. „Sie ist bis heute ein Bauwerk im Entstehen, das uns daran erinnert, dass das christliche Leben stets ein Weg ist, denn es handelt sich um ein Projekt, das Gott verwirklicht.“ Die Kirche sei mit ihren Kunstwerken eine Art sprechende Katechese aus Stein, Licht und Farben. Er erinnerte an die Biblia pauperum der alten Kathedralen, in denen durch Kunst die Heilsgeschichte dargestellt wurde für die Menschen, die die Bibel nicht selbst lesen konnten. „In dieser [heutigen] Zeit der Bilder wird noch deutlicher, wie sehr Kunst und Schönheit herausragende Kanäle der Evangelisierung sind“, würdigte Leo die Basilika.
Was Worte bewirken können, beschäftigt Leo seit langer Zeit. Immer wieder forderte er eine Abrüstung der Worte. Dennoch war es heute etwas überraschend, dass er beim Rosenkranzgebet in der Abtei Montserrat das Thema für seine Predigt wählte. Letzten Endes war es ein Versuch zu erklären, was es bedeutet der Aufforderung Mariens zu folgen: „Was er euch sagt, das tut.“ Der Wille Jesu sei klar, so Leo, und zitierte aus dem Johannesevangelium: „Das trage ich euch auf, dass ihr einander liebt“. Was das für den Umgang miteinander bedeutet, erläuterte er am Beispiel der Worte, um zu dem Schluss zu kommen: „Bitten wir Maria, die Königin des Friedens, dass sie uns lehrt, von verletzenden Worten, voreiligen Urteilen, Lästereien und Verleumdungen abzusehen. Und dass wir lernen, die Liebe in der Familie, unter Freunden, am Arbeitsplatz, in den sozialen Netzwerken, in politischen Debatten und in christlichen Gemeinschaften zu bewahren und zu pflegen, damit der Hass der Hoffnung und dem Frieden weicht.“
Beim Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern von Wohlfahrtsverbänden und Sozialeinrichtungen am Nachmittag wurde Leo XIV. persönlich – ohne allerdings allzu viel von Robert F. Prevost preiszugeben. Er mag lieber Tennis als Fußball. Mit Blick auf die morgen beginnende Fußballweltmeisterschaft stellte er fest, der Fußball erinnere daran, dass das Leben kein Wettlauf sei, um sich allein zu profilieren, sondern ein Weg, den die Menschen gemeinsam gehen lernten: „Mann kann zwar ein Star sein, aber wenn man den Ball nie abgibt, hindert man andere daran, ins Spiel zu kommen, und wird wahrscheinlich verlieren.“ Auf die Frage eines Jungen, ob er schon als Kind habe Papst werden wollen, verneinte er das. Weder als Kind noch als alter Mann habe er daran gedacht. Doch, wenn der Herr einen ruft, muss man ‚Ja‘ sagen“, erklärte Leo und fügte hinzu, dass er schon als Kind den Wunsch gespürt habe, „sein Leben Gott zu schenken“.
Und heute weihte er als Papst den höchsten Kirchturm der Welt ein. Mit seinen 172,50 Metern Höhe löst damit die Sagrada Família das Ulmer Münster ab. Bei der Feier am Abend merkte man Leo gegen Ende des Gottesdienstes die Mühen der Reise etwas an. Heute hatte er einen vollen Tag. Am Morgen besuchte er ein Gefängnis, dann das Rosenkranzgebet in der Abtei Montserrat, mit jeweils einer guten Stunde Hin- und Rückfahrt, am Mittag das Caritastreffen und dann noch um 20 Uhr der Gottesdienst in Gaudís-Basilika mit anschließender Turmsegnung. Immerhin wurde die kurz gehalten. Es gab keine Reden; ein Gebet des Papstes, Weihwasser und ein rund 10-minütiges musikalisches Programm begleitet von einer Lichtshow, die in einem kurzen Feuerwerk mit fulminanter Orgelbegleitung endete. Gaudí, mehrfach bei der Feier als Architekt Gottes betitelt, nickte, mit Drohnen in den Abendhimmel projiziert, am Ende freundlich auf die Festversammlung herab, gefolgt von einem seiner Zitate: „Zuerst die Liebe, dann die Technik.“ Das passt perfekt zur jüngst von Leo XIV. veröffentlichten Enzyklika.
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Sechs Mal kam das Wort Einheit in der kurzen Predigt von Papst Leo XIV. am Mittag in der Kathedrale von Barcelona vor. Papst Johannes Paul II. hatte damals den gastfreundlichen Geist der Einwohner Kataloniens gewürdigt. In dessen Worten, so Leo heute, spiegelten sich „die Gesichter so vieler Brüder und Schwestern wider, die sich hier bei euch jenseits aller Polarisierung für Harmonie und Gemeinschaftsbildung eingesetzt haben“. Wenn Christen alle Glieder eines Leibes seien, erinnere das daran, „dass die Zusammenarbeit für uns keine Frage des ‚Stils‘ ist, sondern eine innere Notwendigkeit, die auf der Gnade gründet“. Wenig später stellte er fest, man dürfe nicht zulassen, „dass die Einheit zerstört wird, in der Gott uns geschaffen hat“. Um dann nach dem Zitat seines Ordensvaters Augustinus – „Wir gehorchen demselben Herrn […], wir streben nach derselben Liebe und leben dieselbe Einheit“ – zum Grande Finale zu kommen mit der Feststellung: „In diesem Geist wollen auch wir in einer von Kriegen und Spaltungen zerrissenen Welt, in einer zunehmend fragmentierten und individualistischen Gesellschaft ‚Märtyrer‘ sein, das heißt, Zeugen und Propheten der Einheit, der Aufnahme, der Eintracht und des Friedens, selbst wenn dies Opfer und Verzicht erfordert.“
Der Papst ließ offen, welchen Kontext er mit dieser eindringlichen Aufforderung zur Einheit meinte. Ging es um binnenkirchliche Fragen oder um die politische Debatte einer stärkeren Autonomie oder Unabhängigkeit Kataloniens von Spanien. Spanische Kollegen kamen zu der Überzeugung, Leo habe das bewusst so offen formuliert. Das Kirchenoberhaupt wird sich auch hüten, sich direkt in die konkreten politischen Debatten einzumischen. Dieser eindringliche Ruf nach Einheit und dem Abschwören von Polarisierung passt allerdings sehr gut zu anderen Reden, die wir bereits auf der Reise gehört haben, und in das gesamte bisherige Wirken dieses Papstes. Er will Brückenbauer sein. Konkreter kann er dann auch nicht werden.
Sehr persönlich wurde es bei der Vigil am Abend. Eine junge Frau sprach über ihre Depression und den Versuch, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie wollte vom Papst wissen, wie man Gott finden könne, wenn die Dunkelheit total sei, wenn nichts mehr einen Wert zu haben scheine, nicht einmal man selbst? Es sei wichtig, sich bewusst zu machen, wie die mentale Gesundheit in Gesellschaften, die sich als fortschrittlich betrachteten, zunehmend bedroht sei, mahnte der Papst. „Das ist ein Zeichen dafür, dass etwas grundlegend nicht stimmt mit einer bestimmten Vorstellung von Wachstum, die den Menschen einem Druck, Erwartungen und Spannungen aussetzt, die sein inneres Gleichgewicht grundlegend beeinträchtigen.“
Es brauche ein Gesundheitssystem, das Depression zu einer seiner Prioritäten mache. Wichtig sei zudem, dass betroffene Menschen Begleitung hätten. Leo warnte davor, Schmerz zu spiritualisieren „und ihn oberflächlich auf den ‚Willen Gottes‘ oder einen seiner geheimnisvollen Pläne zurückführen, denn damit laufen wir Gefahr, dieses Leiden zu verharmlosen, es zum Schweigen zu bringen und die Menschen zu verletzen“. Gott wolle das Leid nicht. Er trage es mit den Menschen und lade dazu ein, auf ihn zu vertrauen.
Eine junge Frau berichtete, wie der Vater versuchte, seine Mutter zu töten, dabei einen anderen Menschen verletzte. Der Vater kam ins Gefängnis, die Mutter rutschte in die Welt der Drogen ab. Die junge Frau fand später zum Glauben und fragte sich, wo Gott in dieser Phase gewesen sei, als ihre Familie zerbrach. Und wie sie ihrem Vater vergeben könne? Viele Polizeiberichte spiegelten heute ein vergiftetes Klima in Familien wider, das geprägt sei von Missbrauch, Unterdrückung und insbesondere Gewalt gegen Frauen, die oft auch in Femiziden endeten, konstatierte Leo. „Wir alle sind gefordert, uns dieser dramatischen Realität zu stellen, persönlich wie auch als Gesellschaft, denn wir müssen sie in all ihren Dimensionen angehen.“
Mit Blick auf Gott dürfe man sich nicht vorstellen, dass er von oben automatisch auf unsere Bedürfnisse reagiere oder auf wundersame Weise verhindere, dass Böses geschehe. „Wenn es Gewalt gibt, wenn der Egoismus triumphiert, wenn sogar die Liebe unter Familienmitgliedern in Hass umschlägt, müssen wir uns Fragen stellen – über uns selbst, über die Dynamiken unserer Gesellschaft, über die Kultur des Individualismus, über die Versuchung zur Gewalt, und nicht über Gott.“ Gott habe den Menschen mit Verstand und Willen ausgestattet, er habe seinen Geist geschenkt, „gerade damit die Liebe der Schlüssel zu all unseren zwischenmenschlichen Beziehungen ist“.
Mit Blick auf die Vergebung stellte der Papst fest, dass dies ein langer Prozess sei, der viel Geduld erfordere und oft Begleitung brauche. Man dürfe nicht glauben, „dass Vergebung immer und in jedem Fall bedeutet, zur vorherigen Situation zurückzukehren oder wieder eine ungetrübte Beziehung mit demjenigen zu leben, der uns verletzt hat – besonders wenn die Tat mit Gewalt verbunden war“. Man könne versuchen, jede Form von Hass und Rache abzulehnen, sich bemühen, die Beziehung so gut wie möglich wiederherzustellen. Doch der Papst gab klar zu verstehen, dass das ein schwieriger Weg ist.
Vielleicht sind es gerade diese Grautöne, die Leo für viele Menschen nahbar machen. Auch Franziskus‘ Handeln und denken war bereits davon geprägt. Die Wirklichkeit steht über der Idee, war eines der Prinzipien aus Franziskus‘ programmatischer Schrift Evangelii gaudium, das Leo zu Beginn seines Spanienbesuchs zitierte. Am Dienstagabend konnte man einen Seelsorge-Papst erleben. Auch wenn es etwas seltsam anmutete, dass er die Antworten auf die existenziellen Fragen der jungen Menschen von seinem Blatt ablas.
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Eine Stunde lang unterhielt sich Papst Leo XIV. am Nachmittag mit sechs Betroffenen sexualisierter Gewalt. Sie berichteten von ihrem Schicksal und der Pontifex bat sie um Hinweise, wie die katholische Kirche wirksamer handeln könne. Am Morgen hatten Opferorganisationen kritisiert, dass sie nicht zu einem Treffen eingeladen worden seien. Der Vatikan habe einige Betroffene ausgewählt, „die keine unangenehmen Fragen stellten“, so Juan Cuatrecasas vom Nationalen Opferverband für gestohlene Kindheit (ANIR). Der Vatikan hatte das Treffen lange nicht bestätigen wollen; als der Druck schließlich zu groß wurde, bestätigte er es am Abend vor dem Abflug nach Spanien, ohne Ort und Zeit zu nennen. Heute Mittag dann die Begegnung, nachdem der Papst das Thema auf spanischem Boden erstmals beim Treffen mit den Bischöfen am Mittag erwähnt hatte. Bei den politischen Terminen schwieg er dazu, obwohl es König Felipe am Samstag bei der Begrüßung als auch heute Morgen die Präsidentin des Parlaments, Francina Armengol, angesprochen hatten.
Bei seiner Rede vor dem Parlament ging es Leo XIV. um die großen Linien der Politik, in deren Mittelpunkt stets der Mensch stehen müsse als jemand, „dessen Würde über jedem Nutzen steht und in dessen Dienst die Gesetzgebung steht“. Würde, Gerechtigkeit und Gemeinwohl sollten der Maßstab der sozialen Beziehungen sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene sein, so der Papst. „Wenn das Gemeinwohl nicht mehr als gemeinsamer Horizont gilt, läuft das öffentliche Leben Gefahr, in Partikularinteressen zu zerfallen.“ Klassisch verteidigte das Kirchenoberhaupt das Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Lebensende – und das Beichtgeheimnis. Letzteres war auch in Spanien in den Diskussionen um den Missbrauchsskandal unter Druck geraten.
Der Papst forderte Unterstützung für Migranten und Anstrengungen, dass Menschen nicht zur Flucht gezwungen werden, sowie eine „strenge ethische Kontrolle“ von KI im militärischen Bereich. Er verurteilte die Aufrüstung weltweit und erklärte, dass wahre Sicherheit der Gerechtigkeit, dem geduldigen Dialog, der Achtung des Völkerrechts und einer Politik entspringe, die in der Lage sei, das Leben der Völker über die Interessen zu stellen, die vom Krieg profitieren. Er betonte den Wert des Dialogs und dauerhafter Vereinbarungen, „die auf Einhaltung von Verträgen, der Transparenz diplomatischer Maßnahmen und dem aufrichtigen Willen beruhen, den Frieden der Anwendung von Gewalt vorzuziehen“.
Wie schon am ersten Tag war auch heute das Werben für Vielfalt präsent. „Politische Vielfalt sollte nicht in eine permanente Abwertung des Gegners ausarten“, stellte Leo fest. Frieden werde auch durch Sprache gestiftet und bewahrt. „Bestimmtheit erfordert keine Verachtung; Meinungsverschiedenheit muss nicht mit Demütigung einhergehen“, mahnte der Pontifex. Und auch ein anderes Thema tauchte wieder auf: der Bezug auf das christliche Erbe. Die moderne Freiheit sei auch durch eine lange Bewusstseinsbildung vorbereitet worden, die zutiefst von der christlichen Tradition geprägt sei, erklärte der Papst.
Damit auch die Gegenwart von diesem Glauben geprägt wird, forderte er beim Treffen mit den Bischöfen Spaniens eine „Fähigkeit zur Kommunikation, zum Dialog mit allen Wirklichkeiten in unserem Territorium“. Es gehe darum, „durch respektvollen Dialog und den Einsatz neuer Sprachen etwas Neues aufzubauen“. Wichtig dabei seien: Zuhören, Verständnis, Respekt, Großzügigkeit und Offenheit“. In Christus seien alle Glieder eines Leibes. Das „verlangt von der Kirche in dieser Zeit immer stärkerer Polarisierungen und Kontraste ein Zeugnis der Einheit in der Vielfalt“. Aufgabe der Bischöfe sei es, „die Einheit zu wahren, den Dialog zu fördern, Brüche zu heilen“. Eine innerlich versöhnte Kirche kann aus Sicht Leos stärker in der Ökumene, im interreligiösen Dialog sowie im Gespräch mit Nichtglaubenden und staatlichen Behörden agieren. Klar war Leos Position beim Thema Priesterausbildung: Qualität geht vor Quantität der Ausbildungsstätten. Der Erhalt von Strukturen dürfe nicht über das Gut der Berufung gestellt werden. „Die Seminaristen haben ein Recht auf bestmögliche Ausbildung und die Kirche ihrerseits hat ein Recht auf gut ausgebildete Priester“, erklärte der Papst. Deshalb sei das Gebot der Stunde: Kräfte bündeln.
Beim Treffen mit den Gläubigen der Madrider Kirchenprovinz am Abend im Bernabéu-Stadion war der Dreh und Angelpunkt seiner Ansprache die Vielfalt in der Kirche. Die Wahrheit sei symphonisch, so Leo. Deshalb warnte er davor, sich in der Gruppe einzuschließen, „die immer dieselbe Melodie singt“. Schon das Neue Testament bezeuge „in der Vielfalt seiner Stimmen die Gemeinschaft in der Verschiedenheit“. Wenn das Handeln an Gott ausgerichtet werde, versinke der Pluralismus nicht in Unordnung, sondern werde durch die Praxis der Synodalität zu jenem Raum, „in dem die Menschheit ihre festen Fundamente und ihr endgültiges Ziel wiederentdeckt“. Den Priestern empfahl er, „die Praxis der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung als eine der größten Chancen anzuerkennen, die die Synodalität ihrem Dienst bietet“.
Größer hätten die Kontraste kaum sein können. Am Morgen ein hochoffizieller Termin mit der Rede im Parlament. Am Nachmittag das Treffen mit den Betroffenen sexualisierter Gewalt und dann am Abend die ausgelassene Feier im Bernabéu-Stadion. ein Fazit des dritten Tages der Papstreise nach Spanien könnte lauten: Die Kirche lebt, sie muss sich ihren dunklen Seiten stellen und Anschluss an die Menschen der heutigen Zeit finden. Dann wird sie auch als moralische Instanz Gehör finden in Politik und Gesellschaft. Die Äußerungen des Papstes im Parlament heute Morgen können übrigens einmal mehr als Kritik an der Politik von US-Präsident Trump verstanden werden.
P.S. Über dieses Thema berichtete die Sendung „heute in Europa“ am 08.06.2026 um 16:00 Uhr.
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„Welche Werte bewahren wir und welche lassen wir sterben?“ Darüber möchte Papst Leo XIV. ins Gespräch kommen. Es bedürfe „eines gesellschaftlichen Dialogs, den wir mit der Kunst des Netzknüpfens vergleichen können und der Begegnung, Zuhören, Dialog und Respekt erfordert“. Im Mittelunkt des Dialogs der Institutionen müsse die Menschenwürde stehen. Aus Sicht des Papstes bedeutet das „beispielsweise, dass die Universität der Arbeitswelt nicht den Rücken zukehrt und nicht auf die Wahrheit verzichtet; dass die Wirtschaft den Arbeitnehmer nicht nur als einen Faktor in der Gleichung ihrer Interessen betrachtet; dass die Kunst nicht nur für die Eliten bestimmt ist; dass der Sport nicht auf ein Spektakel reduziert oder zu einem reinen Geschäft gemacht wird; dass der technologische Fortschritt die Älteren, die Armen und diejenigen berücksichtigt, die keine Stimme haben“.
Wie schon gestern beim Treffen mit Vertretern der Zivilgesellschaft und Politik warb Leo heute beim Treffen mit der Welt der Kultur, der Bildung, der Arbeitswelt und des Sports dafür, das Christentum nicht abzuschreiben, sondern den Glauben in den Dialog um die großen Zukunftsfragen einzubinden. Die Geschichte zeige, so Leo heute, dass vom Glauben bewegte Männer und Frauen sich etwa durch Schulen und Sozialeinrichtungen für die Würde des Menschen eingesetzt hätten. Deshalb ist es aus Sicht des Papstes „angebracht, sich ehrlich zu fragen, ob die Welt – und insbesondere Europa – ihre Identität ohne den geistigen Einfluss, der ihre Geschichte geprägt hat, hätte entwickeln können“. Er wolle damit nicht provozieren, sondern einladen darüber nachzudenken, ob nicht die Ewigkeit, also der Glaube, wieder mit dem Alltäglichen versöhnt werden könnte.
Seine Enzyklika zitierend stellte Leo fest, auch wenn die Kirche „manchmal gegen den Strom schwimmt“, beharre sie „als ‚Expertin in Sachen Menschlichkeit‘ darauf, dass wirtschaftliche und institutionelle Strukturen nur in dem Maße gerecht sind, wie sie der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen dienen und die verantwortungsvolle Teilhabe aller fördern“. Er endete mit einem Zitat aus dem Römerbrief des Apostels Paulus, mit dem er offenbar versuchte, die bisweilen polarisierten Debatten im Land um den richtigen Weg für die Zukunft der Gesellschaft zu entspannen: „Strebt nicht hoch hinaus, sondern bleibt demütig! Haltet euch nicht selbst für klug! Vergeltet niemandem Böses mit Bösem! Seid allen Menschen gegenüber auf Gutes bedacht! Soweit es Euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ Denn, so Leo abschließend, es gehe darum, „dass unser ‚großartiges Menschsein‘ weiter erstrahlt“.
Eine Veranstaltung wie die am Sonntagabend muss man in der Geschichte der Papstreisen lange suchen. Treffen mit Vertretern aus der Welt der Kultur und des Sports gab es oft, dass auch Gewerkschaftsvertreter mit dabei sind, nicht. Die Choreografen der Reise wollten offenbar ein Zeichen des Dialogs und des Miteinanders setzen. Bei einem der Gewerkschaftsvertreter gab es kurz einige Pfiffe, doch die verstummten schnell. Ein Papst hat wenig Macht, er kann Räume öffnen für Begegnungen und die Kirche als Raum anbieten für den Dialog sowie ihr geistliches Erbe als Werteangebot. Letzteres hat Leo heute gemacht, zwar im Fragestil aber durchaus selbstbewusst.
Dazu passte dann auch seine Aufforderung an die Gläubigen am Morgen beim Fronleichnamsgottesdienst, sie sollten sich „aus dem Egoismus, der Gleichgültigkeit und einem bequemen, privaten Glauben herausführen lassen“, um zu Baumeistern einer neuen Welt zu werden. Sie sollten in den Herausforderungen der Gesellschaft präsent sein, zu „Protagonisten der Verwandlung der Geschichte und zu einem Zeichen der Hoffnung für alle“ werden. Raus auf die Straßen und in die Brennpunkte der Gegenwart, könnte man die Botschaft kurz zusammenfassen, bestärkt durch den Glauben und die Feier der Eucharistie.
Zwei Dinge fallen in den ersten beiden Tagen des Papstes in Spanien auf: Zum einen gibt es keine Rede ohne Erwähnung der Armen und Leidenden, verbunden mit dem Aufruf zum Handeln. Die Lage der Armen bezeichnete er am Abend als Schrei, der „unser Leben, unsere Gesellschaften, die politischen und wirtschaftlichen Systeme sowie die Kirche ständig herausfordert“. Zum zweiten ist da der Versuch, der Säkularisierung etwas entgegenzusetzen und den Glauben als Dialogpartner anzubieten bei den großen Fragen der Zeit. Dazu bemühte er am Abend gleich mehrere seiner Vorgänger und machte sich deren Appelle zu eigen: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus! Christus nimmt nichts und gibt alles.“ Leo XIV., der Sozialpapst und Missionar, ist auf Reisen.
P.S. Über dieses Thema berichtete die Sendung heute am 07.06.2026 um 19:00 Uhr.
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Der Tag fing entspannt mit einem ausführlichen Small Talk mit den knapp 80 mitreisenden Journalisten am Morgen auf dem Weg von Rom nach Madrid an. Enthusiastisch und emotional endete er am Abend mit einer Jugendvigil auf der zentralen Plaza di Lima im Herzen der spanischen Hauptstadt. Bei der Begegnung mit den Journalisten ließ Leo XIV. kaum ein aktuelles Thema aus. Obwohl der Vatikanpressesprecher vorher eigens durch die Reihen ging und erklärte, die Zeit sei knapp, es handle sich um einen persönlichen Gruß. Russlands Präsidenten Putin forderte Leo zum Dialog im Ukrainekrieg auf. „Man sollte zu Verhandlungen zurückkehren und Druck ausüben, damit Gewalt und Krieg enden und eine Lösung gefunden wird“. Er zeigte sich besorgt, da die Lage immer schlimmer werde. Zum Thema „gerechter Krieg“, mit dem US-Vize-Präsident J.D. Vance wiederholt beim Irankrieg argumentiert, erklärte Leo, dass dies kein „gerechter Krieg“ sei. „Das Problem ist, dass die Theorie des ‚gerechten Kriegs‘ Jahrhunderte zurückliegt. Sie hat die Waffen und die Zerstörungskraft, die der Mensch heute besitzt, nicht einmal vorausgeahnt“, begründete Leo seine Position. Diese Woche wurde bekannt, dass er beim Konsistorium Ende des Monats mit den Kardinälen dazu beraten will.
Leo war aber auch zu Scherzen aufgelegt. Auf die WM angesprochen erklärte er, dass er selbstverständlich für die USA sei und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich bin mir aber nicht sicher, wie viele Spiele ich sehen werde.“ Bei der Frage, ob er für Barca oder Real Madrid sei, erklärte er, der Papst sei für alle Mannschaften, aber Robert Prevost sei für Real. Angesprochen auf die Konkurrenz während seines Besuchs, den puerto-ricanischen Superstar Bad Bunny, der in Madrid gerade zwei Konzerte gibt, meinte Leo: Wenn man die Jugendlichen vor die Wahl stellt, wollt ihr Bad Bunny sehen oder wollt ihr zum Papst gehen?, dann werden sich wohl viele für Bad Bunny entscheiden. Aber ich glaube, es werden auch ein paar hier sein, die den Papst sehen wollen. Und das sagt doch schon einiges.“
Bei seinem ersten Termin in Spanien würdigte der Papst am Morgen im Königspalast die Treue Spaniens zum Völkerrecht und zum Multilateralismus. Eigentlich selbstverständlich für einen demokratischen Staat, doch in den schwierigen Zeiten, die die Welt gerade durchlebt, scheint es eine eigene Erwähnung wert zu sein. Dann kam Leo auf den Populismus zu sprechen. „Ich lade Sie alle ein, aus Liebe zur Wahrheit die spaltenden und polarisierenden Darstellungen Ihrer gesellschaftlichen Realität und ihrer Geschichte hinter sich zu lassen, um von fruchtlosen Vereinfachungen zu einer fruchtbaren Anerkennung ihrer Komplexität zu gelangen. Ich sehe hier eine besondere Berufung für Europa.“ Er rief dazu auf: „Entscheiden wir uns für Klarheit, die erleuchtet, und Freimut, der Wege eröffnet. Wir heißen weder naiven Enthusiasmus gut, noch schüren wir sterile Ängste. Zeigen wir vielmehr Kriterien für die Unterscheidung auf – wie etwa die Würde der Person, die allgemeine Bestimmung der Güter, die Option für die Armen, die Sorge für unser gemeinsames Haus, Frieden – und setzen wir diese in die Praxis um.“
Beim Besuch eines Caritas-Zentrums erklärte er am frühen Abend, „hier sind die Freude und der Schmerz eines jeden die Freude und der Schmerz aller, und indem wir einander zuhören, stellen wir uns gemeinsam den Herausforderungen, ohne die Komplexität der Situationen zu ignorieren oder die Anforderungen von Nächstenliebe und Gerechtigkeit zu vergessen“. Der Termin in einem Außenbezirk der spanischen Hauptstadt war einerseits intim; nur rund 300 Menschen, die in verschiedenen Caritas-Einrichtungen des Erzbistums Madrid Aufnahme gefunden haben, waren anwesend. Zugleich wurde einmal mehr ein großer Unterschied zwischen Leo und seinem Vorgänger deutlich. Die Menschen, die Zeugnis ablegten von ihrem Leben etwa als Migrant oder als alleinerziehende Mutter begrüßte Leo freundlich; der Typ für eine herzliche Umarmung, wie das bei Franziskus üblich war, ist er nicht.
Die rund 600.000 Teilnehmenden der Vigil im Herzen Madrids am Samstagabend konnten dann aber eine ungewöhnliche, neue Seite des Papstes kennenlernen. Leo fügte spontan einige kurze Passagen in seine vorbereiteten Antworten ein, gratulierte allen Paaren, die sich für die Ehe entscheiden, weil einer der jungen Erwachsenen, die dem Papst Fragen stellten, jüngst heiratete. Immer wieder verlieh er wichtigen Passagen seiner Antworten mit lauter Stimme Nachdruck und suchte die Zustimmung der jungen Menschen durch Applaus. Er wurde persönlich, erzählte über seine Vorbilder, drei Heilige, die ihn auf seinem Weg begleiteten. Johannes Chrysostomos beeindruckte ihn durch seine „großartigen Katechesen“ und seinen Mut, „vor dem Kaiser zu sprechen und stets die Wahrheit zu sagen“. Bei dem Augustiner Thomas von Villanova war es für Prevost die glühende Nächstenliebe, die ihn in Zeiten der Prüfung ermutigt habe. Bei Toribio de Mogrovejo, einem spanischen Missionar in Peru, sei es der Einsatz für die Menschen, vor allem die Ärmsten, gewesen. Leo forderte die jungen Menschen auf, Vorbilder zu suchen für ein gutes Leben.
Am Ende formulierte er einen sehr konkreten Auftrag: „Seid Menschen! Ja, seid Menschen! Männer und Frauen aus Fleisch und Blut. Nicht Fassaden, sondern vertrauenswürdige Gesichter. Menschen, die nach Gerechtigkeit streben, weil sie danach hungern wie nach dem täglichen Brot. Menschen, die ein ehrliches und aufrichtiges Leben führen wollen, weil sie anderen gerne das tun, was sie sich von anderen wünschen.“ Als Vorbilder nannte Leo die ersten Christen. die in einem heidnischen Umfeld lebten. „Folgt ihrem Beispiel und seid Missionare des Evangeliums angesichts der materiellen und geistigen Armut unserer Zeit, in dem vollen Bewusstsein, dass unser Glaube eine Lebensweise ist, die sich in der Liebe verwirklicht.“
Die vierte Auslandsreise von Leo XIV. startete mit klaren politischen Botschaften und einem großen Glaubensfest am Abend. Obwohl sich in Spanien nur noch knapp über die Hälfte der Menschen zum katholischen Glauben bekennen und mehr als 40 Prozent sich keiner Religion zugehörig fühlen, wirkt es am ersten Tag wie ein Heimspiel für den Papst. Doch die Hürden kommen noch, etwa bei der Frage, wie Leo mit dem Thema Missbrauch umgehen wird. Hier kündigte der Vatikan am Freitagabend wenige Stunden vor Abflug an, dass es eine Begegnung mit Betroffenen geben werde. Doch wann und wo diese stattfinden wird, ist bisher offen; auch ist unklar, ob Leo sich zu dem Thema äußern wird. Selbiges gilt auch für das Thema Kolonialismus und die Rolle der Kirche in dieser Zeit.
P.S. Über dieses Thema berichtete ZDFheute Xpress am 06.06.2026 um 15:10 Uhr.
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Der KI-Fokus der Enzyklika wurde bereits am Tag der Veröffentlichung in diesem Artikel bei ZDFheute behandelt. Deshalb liegt hier der Fokus auf anderen Themen. Es stecken eine ganze Reihe von Aufgaben für die Theologie in dem Lehrschreiben, die es nun zu entfalten gilt. Dazu gehören ekklesiologische Fragen, aber auch ethische Fragen wie etwa seine Forderung, dass es heute „– unbeschadet des Rechts auf legitime Verteidigung, die im engsten Sinne zu verstehen ist – wichtiger denn je [ist], die Überwindung der Theorie des ‚gerechten Krieges‘ zu bekräftigen, die allzu oft herangezogen wird, um alle möglichen Kriege zu rechtfertigen“. Im jüngsten Streit mit der US-Regierung hatte Vize-Präsident J.D. Vance mit der langen Tradition der kirchlichen Rede vom „gerechten Krieg“ argumentiert. Leo antwortet noch einmal – höchstlehramtlich in seiner Enzyklika.
Es sind nur wenige Kapitel, aber die machen schon deutlich, dass sich Leo XIV. in der Tradition seines Vorgängers Franziskus sieht, wenn es um ekklesiologische Fragen geht. Am Ende des Kapitels über die „Grundlagen und Prinzipien der Soziallehre der Kirche“ wendet er in den Abschnitten 86 bis 89 die Vorgaben auf die eigene Institution an. „Das Gemeinwohl nimmt im kirchlichen Bereich eine synodale Gestalt an“, stellt Leo XIV. fest. Das wirke sich darauf aus, wie Entscheidungen getroffen und Verantwortung ausgeübt werde. „Das Schlussdokument der Synode nennt unter den für die missionarische Umgestaltung entscheidenden Praktiken eine Kultur der Transparenz, der Rechenschaft und der Bewertung.“
Gerade an der Frage der Rechenschaft der geweihten Amtsträger hatte sich im Umfeld der Synodenversammlungen in Rom eine kontroverse Debatte entzündet. Kann ein Bischof zur Rechenschaft gezogen werden für sein Handeln? Manche sehen hier die sakramentale Dimension des Weiheamts in Gefahr, andere können beides gut miteinander vereinbaren. Der Papst geht hier nicht ins Detail. Die Kultur der Transparenz, der Rechenschaft und der Bewertung ist für ihn ein allgemein gültiges Prinzip für das Handeln der Kirche und schließt somit alle ein. „Es sind regelmäßige Formen der Bewertung der Amtsführung zu fördern, die nicht über Personen urteilen, sondern Lern- und Verbesserungsmittel sein sollen, die der Sendung dienen.“
Subsidiarität, angewendet auf das kirchliche Leben, dürfte eine stärkere Dezentralisierung zur Folge haben. „Die Subsidiarität [wird] zu einem Kriterium der Leitung und des pastoralen Lebens, welche die Verantwortung der Gläubigen und der kirchlichen Mittelstrukturen anerkennt und unterstützt, Charismen und Kompetenzen fördert und dabei jeden Paternalismus vermeidet, der die Freiheit des Evangeliums erstickt.“ Es gehe um eine Mitwirkung der Getauften an Entscheidungsprozessen über Gremien und zwar um eine „tatsächliche und nicht nur nominelle Mitwirkung“. Auch hier bezieht sich Leo auf das Schlussdokument des weltweiten Synodalen Prozesses, ohne weiter ins Detail zu gehen.
Solidarität sieht er im Teilen verwirklicht. „Gerechtigkeit bedeutet im Inneren der Kirche, die Beziehungen und Strukturen von jenen Verzerrungen zu befreien, die Ungleichheit, Undurchsichtigkeit und Machtmissbrauch hervorrufen.“ Ausdrücklich verweist Leo darauf, „dass den Opfern von geistlichem, wirtschaftlichem, institutionellem, sexuellem Missbrauch, von Machtmissbrauch und Missbrauch des Gewissens Gehör geschenkt wird“. In dieser Deutlichkeit wurde das in einem Dokument dieser Qualität bisher nicht gesagt. Leo XIV. hat sich, wie seine Vorgänger, bereits mehrfach mit Betroffenen sexualisierter Gewalt getroffen und als erster Papst auch mit Vertretern von Betroffenenorganisationen gesprochen.
Neben diesen eher ekklesiologischen Punkten, bieten die Ausführungen über die Zivilisation der Liebe im fünften Kapitel viele Anknüpfungspunkte für das Binnenleben der Kirche. Dazu gehört aus seiner Sicht die Entwaffnung der Worte: „Wir müssen daher alle eine Gewissenserforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt, vornehmen.“ Wichtig sind für ihn auch die Pflege von Beziehungen. „Während die neuen wirtschaftlichen und technologischen Netzwerke Ausgrenzung, Isolation und Abhängigkeiten hervorrufen können, ist die von der Eucharistie genährte Kirche aufgerufen, einen anderen Maßstab sichtbar zu machen, indem sie Bindungen bewahrt, den Unsichtbaren wieder eine Stimme gibt und die Entwicklungen auf die Würde der Menschen ausrichtet.“ Dabei erinnert Leo immer wieder, dass die Begrenztheit zum menschlichen Leben dazugehört und alle Denkmodelle und alles Streben, einen perfekten Menschen schaffen zu wollen, letztlich unmenschlich sind.
Es steckt viel drin in der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. In den ersten Tagen gab es viel Lob vor allem für seine Forderungen, die KI strengen Regeln zu unterwerfen. Doch das Papier allein darauf zu fokussieren, greift zu kurz. Nach „Laudato si“ entstanden in Gemeinden Lesezirkel, die die Enzyklika von Franziskus 2015 im Detail studiert haben. Magnifica humanitas hätte auch das Potential dazu.
P.S. Das ZDF berichtete am 25.5.2025 in mehreren Sendungen, u.a. das heute journal um 21.45 Uhr
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Die deutschen Bischöfe haben im Anschluss an den Synodalen Weg eine Handreichung veröffentlicht, die Segensfeiern für „Paare, die sich lieben“ vorsieht. Nachdem diese in einigen Bistümern bereits von den Bischöfen zur Anwendung empfohlen wurde, hat jüngst auch der Münchner Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, seinen Seelsorgern das Papier für die pastorale Arbeit empfohlen. Das sorgte für Aufsehen und die deutschsprachigen Journalisten auf dem Papstflieger wollten bei der fliegenden Pressekonferenz von Papst Leo XIV. wissen, wie er dazu steht.
Der Heilige Stuhl habe deutlich gemacht, „dass wir mit der formalisierten Segnung von Paaren nicht einverstanden sind – in diesem Fall von homosexuellen Paaren, wonach Sie gefragt haben, oder von Paaren in irregulären Situationen –, die über das hinausgeht, was Papst Franziskus, wenn man so will, ausdrücklich erlaubt hat, als er sagte, dass alle Menschen Segen empfangen“. Bereits in einem Interview im August vergangenen Jahres hatte Leo XIV. erklärt, dass die in einigen Ländern eingeführten kirchlichen Segensfeiern „eindeutig gegen das von Papst Franziskus genehmigte Dokument ‚Fiducia Supplicans‘“ verstießen.
Bei der Pressekonferenz am Donnerstag erklärte er abschließend: „Heute darüber hinauszugehen, würde meiner Meinung nach mehr Uneinigkeit als Einheit stiften, und wir sollten nach Wegen suchen, unsere Einheit auf Jesus Christus und das, was Jesus Christus lehrt, zu gründen.“ „Heute“ scheint es für Papst Leo XIV. nicht angebracht, über das hinauszugehen, was Franziskus in ‚Fiducia supplicans‘ ermöglicht hat. Das hört sich nicht nach einem „Nein“ an, das für alle Ewigkeit gilt. So wurde das bisher von einem Papst nicht formuliert.
Auch bei der Einleitung zu seiner Antwort macht er eine interessante Einschränkung. „Zunächst einmal halte ich es für sehr wichtig zu verstehen, dass es bei der Einheit oder Spaltung der Kirche nicht um sexuelle Fragen gehen sollte“, erklärte Leo. Mit Blick auf die Moral würden viele bei der Kirche zwar immer an Sexualität denken. „Ich glaube aber, dass es in Wirklichkeit viel größere, wichtigere Themen gibt, wie Gerechtigkeit, Gleichheit, die Freiheit von Männern und Frauen, Religionsfreiheit – all das hätte Vorrang vor diesem speziellen Thema.“
Für Leo taugt offenbar der Dissens in der angesprochenen Frage nicht, um die Einheit in Gefahr zu sehen. Das ist ein Punkt, der nicht unterschätzt werden darf. Denn das könnte zur Folge haben, dass es zwar die geäußerte Missbilligung zum Vorgehen der deutschen Bischöfe gibt, es aber keine weiteren Konsequenzen hat und die Praxis in Deutschland sowie in vielen anderen Ländern fortgesetzt werden kann. Es wäre ein Schritt in Richtung Verschiedenheit, die aber die Einheit nicht gefährdet.
P.S. Über dieses Thema berichtete die ZDFheute Xpress in dem Beitrag „Papst lehnt Segnung homosexueller Paare ab“ am 24. April 2026 um 10:22 Uhr.
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