Hört einfach auf damit! Danke.
]]>Ich möchte heute mal mein Schild in die Höhe halten und sagen, dass ich der kontroversen Meinung bin, dass die Lage sehr ernst ist, es uns aber weitgehend gutgeht in Deutschland.
Zum ersten bin ich entschieden nicht der Auffassung, dass es sich bei der derzeitigen Corona-Pandemie um eine Art harmlose Grippe handelt, die von irgendwelchen Kreisen zu einer gefährlichen Erkrankung verklärt wird. Wer diese Meinung vertritt, sollte dazu verpflichtet werden, in sensiblen Bereichen der Krankenhäuser die unserer Meinung nach gefährlichen Arbeiten zu verrichten. Wer diese Meinung vertritt, muss die Tausenden Toten von Italien und New York erklären. Wer diese Meinung vertritt, muss sich fragen lassen dürfen, ob es denn überhaupt noch eine Meinung im engeren Sinne ist, wenn es nichts auf der Welt gibt, dass ihn zu einer Veränderung dieser Meinung bringen könnte und ob es nicht eher ein Glauben ist, wenn keine Fakten geeignet sind, diese Auffassung zu verändern.
Aber zum zweiten bin ich auch nicht der Auffassung, dass unser Staatswesen versagt hat. Wir waren auf einem falschen Weg, aber zu unserem Glück noch nicht sehr weit auf diesem Weg gekommen, und darum haben wir ein recht großes und weit verzweigtes Gesundheitssystem, das Hilfe für praktisch alle und jeden bietet. Durch die aktuelle Krise wird hoffentlich nochmals deutlicher, warum ein Gesundheitssystem nie wirklich gewinnorientiert arbeiten kann, auch wenn es hier so laufen wird wie bei den Banken: Die hervorragend verdienenden Betreiber der gewinnorientierten Gesundheitseinrichtungen werden ihre Renditen der vergangenen Jahre behalten und werden die jetzt auftretenden Verluste einfach verstaatlichen, und niemand wird etwas dagegen sagen. Aber vielleicht könnte man hinterher einmal nachrechnen, was tatsächlich und unter dem Strich in der Summe aller Summen billiger gewesen wäre: Die Privatisierung des Gesundheitswesens oder die Aufrechterhaltung eines staatlichen Systems? Aber immer noch haben wir eine gute flächendeckende Versorgung, und es sieht nicht so aus, als würden bei uns signifikant viele Menschen daran sterben, nicht adäquat und gegebenenfalls sogar maximal gesundheitlich versorgt worden zu sein.
Auch habe ich den Eindruck, dass die schwierige Entscheidung über einschneidende Maßnahmen mit Augenmaß getroffen wurde. Natürlich hätte man viel früher einen Lockdown verhängen können. Aber zu einer Zeit, als die Infektionszahlen in Deutschland noch gering waren, Comedians noch Auftritte vor Tausenden von Menschen feiern und Fußballvereine noch in voll besetzten Stadien spielen wollten, wären diese Maßnahmen auf großen Widerstand gestoßen. Wären die Maßnahmen dann erfolgreich gewesen und die Infektionszahlen somit niedrig geblieben, hätte das zu einer noch größeren Unzufriedenheit in der Bevölkerung geführt. Wozu, wäre gefragt worden, müssen alle in Deutschland in Geiselhaft genommen werden für ein paar Dutzend Infizierte? Diese Entwicklung hätte wohl dazu geführt, dass das Murren über die Einschränkungen viel früher und viel lauter gewesen und die Maßnahmen noch schlechter durchzuhalten gewesen wären. Die Osterferien waren in ganz Deutschland geplant und somit zwei Wochen gewissermaßen schon auf der Haben-Seite, so bekam man fünf Wochen recht weitgehender Quarantäne hin, auch wenn man natürlich immer sagen kann: Es ist nicht weitgehend genug, solange sich Infizierte und unter Infektionsverdacht Stehende nicht sämtlich selbst töten.
Das alles gab uns auch die dringend benötigte Zeit für die schwierige Aufgabe, das einzige mit Herdenimmunität vergleichbare Ziel zu erreichen, was kurzfristig erreichbar ist – nämlich die Aufklärung weiter Bevölkerungsteile über diese Pandemie, ihre Mechanismen und ihre Bedeutung für das Individuum. Wir müssen nämlich verstehen, dass die tatsächliche Herdenimmunität praktisch nur unter Hinnahme unvorstellbarer Todeszahlen erreichbar ist. Wenn sich unter Normalbedingungen 70 Prozent der Bevölkerung infizieren und ein bis zwei Prozent an dem Virus sterben, dann würde das eine Millionen Todesopfer für Deutschland bedeuten. Wenn das innerhalb weniger Monate geschähe, würden die Zahlen sicher höher liegen, weil dann die Kapazität des Gesundheitssystems doch überfordert werden würde. Also müssen wir alle durchhalten, bis endlich ein Impfstoff verfügbar ist, mit dem wir dann die Herdenimmunität erreichen können, ohne dass Millionen sterben.
Von besonderem Wert hat sich dabei auch das System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks herausgestellt, auf das sich viele Menschen gern verlassen haben.
All diese Prozesse wurden in Deutschland erkennbar so durchgeführt, dass sich die Expertinnen und Experten verschiedener Fachgebiete in absoluter Ernsthaftigkeit und Respekt vor den Expertisen der anderen zusammengesetzt und dabei einen gangbaren Weg verhandelt haben. Und wenn auch jedes Todesopfer eines zuviel ist, hat es doch den deutlichen Eindruck, als wäre die Zahl der armen Menschen, die an dieser schrecklichen Krankheit sterben, verhältnismäßig gering.
Denn weltweit wird deutlich, dass ein Lockdown eine feine Sache zur Virenbekämpfung ist, dieser aber schwere wirtschaftliche Nebenwirkungen hat, die umso ausgeprägter sind, je länger er anhält. Und die Rede ist ja hier nicht von Vorstandsgehältern, auch wenn über diese gesprochen werden muss. Die Rede ist von einer Weltwirtschaftskrise, die mit Sicherheit auch Opfer fordern wird, und auch die Mitarbeiter im Gesundheitswesen wollen bezahlt werden, auch wenn ihre Arbeit nur eine Dienstleistung und keine wertschöpfende Tätigkeit ist.
Das heißt, dass es keinen Lockdown bis zu einer weltweiten Herdenimmunität und auch nicht bis zum Ende der Pandemie geben kann. Ich habe den Eindruck, dass die schwierige Abwägung dieser Entscheidungen bei uns recht gut läuft, und ich bin bereit, dafür notfalls auch im Nachthemd mit einem Schild über den Alexanderplatz zu laufen. Dort ist es ja im Moment menschenleer.
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1) Es ist falsch zu sagen, das Umweltsau-Lied sei schlechte Satire. Das ist ein Reflex, der leider selbst unter den Verteidigern von Satire und speziell unter Satirikern selbst systematisch bei jeder Satire-Debatte zu beobachten ist: Alle wollen sich zunächst vom strittigen Objekt distanzieren, zumindest künstlerisch. Natürlich, so sagen sie, dürfe man so etwas machen, Satire darf ja schließlich alles, aber sie können es nicht lassen, immer sofort hinterherzuschieben, dass dies natürlich eine schlechte Satire sei. Ganz gleich, ob Mohammed-Karikaturen, Papst mit Pissfleck, das Erdogan-Schmählied von Extra Drei oder das folgende Böhmermann-Gedicht und jetzt eben die Umweltsau: Immerzu muss jeder sein unglaublich erhabenes eigenes Niveau betonen, indem er oder sie sich zuerst vom niveaulosen Streitgegenstand distanziert. Das ist aber nicht nur im Regelfall verlogen, sondern es schadet auch der Sache. Erstens: Es ist für den Streit vollkommen unerheblich, ob die Satire gut oder schlecht ist, und deshalb hat dieses Argument in der Auseinandersetzung schlicht nichts zu suchen. Zweitens: Es ist letztlich immer Geschmackssache, ob man eine Satire gut oder schlecht findet. Es gibt ja sogar Leute, die Karikaturen in der Süddeutschen Zeitung oder Dieter Nuhr lustig finden. Vor allem aber drittens: Wenn man für die Kunstfreiheit der Satire eintritt, sollte man diese nicht in einem fort geringschätzen. Man gibt damit den Angreifern nämlich immer bereits ein kleines bisschen Recht, indem man ihnen devot entgegenruft: “Ihr habt ja Recht, das Ding ist schlecht, klar, aber hey, erlaubt sein muss es trotzdem.” Die Angreifer auf die Satirefreiheit haben aber nicht Recht. In nichts. Sie sind dumm, ignorant und bösartig. Man muss ihnen nicht entgegenkommen, man muss sie bekämpfen.
2) Das Umweltsau-Lied ist keine schlechte Satire. Es mag nicht umwerfend originell oder bahnbrechend witzig sein, es ist eben eine ganz klassische Lied-Parodie, wie sie Standard ist im Kabarett- und Comedy-Gewerbe oder im Schülertheater. Und übrigens auch auf den Lesebühnen. Die Umweltsau-Parodie hätte ohne Weiteres auch auf der Lesebühne “Der Frühschoppen” erklingen können, die dieses Genre seit 30 Jahren liebevoll pflegt. Sie hätte ebenso gut von den Brauseboys in ihrem Jahresrückblick gesungen werden können. Oder in der Heute-Show. Und in allen Fällen hätte das Publikum, dieses Urteil traue ich mir nach 25 Jahren als Bühnenkomiker zu, freundlich und belustigt reagiert. Das Lied hätte, wie wir das immer nennen, „funktioniert“, man hätte damit schön Lacher geerntet. Denn die Satire ist technisch sauber gebaut. Man kann über einzelne Reime streiten, aber das ist Schnöseltum. Abgesehen davon, dass die Vorlage, also das Original-Oma-im-Hühnerstall-Lied, ja nun auch keine Hochkultur ist, sondern bereits selbst ein eher rumpeliges Nonsens-Kinderlied darstellt. Es ist also absolut angemessen, es mit gleichen Mitteln zu parodieren, und formal ist das sogar besonders gut gelungen, weil der WDR dafür einen Kinderchor genommen hat, weshalb die Umweltsau-Satire besser ist, als wenn die alten weißen Männer vom Frühschoppen sie gebrummt hätten. Ansonsten erfüllt der Song alle Satire-Kriterien lehrbuchmäßig: ein aktuelles politisches Thema wird im Rahmen einer gerade geführten Debatte aufgegriffen, überspitzt und pointiert, zudem, dazu gleich noch, ist der Aussagekern zutreffend. Und ganz lustig ist das Liedchen auch noch.
3) Oma ist nun mal eine alte Umweltsau. Der Aussagekern des Liedes ist zweifelsfrei korrekt: Der ökologische Zustand des Planeten ist erbärmlich, wir stehen mitten im größten Artensterben seit dem Ende der Dinosaurier und am Beginn eines vom Menschen verursachten Klimawandels, der schon jetzt zu katastrophalen Verheerungen führt, die jeder, der nicht völlig ideologisch borniert ist, mit eigenen Augen und Sinnen erleben kann. Meeresverschmutzung, dreckige Luft, ökologisch tote Landwirtschaftswüsten … man könnte endlos weitermachen, und keines dieser Probleme ist durch die junge Generation verursacht worden, sondern eben durch die Eltern-, die Großeltern-, die Urgroßeltern-Generationen und auch noch durch die davor. Richtig Fahrt aufgenommen hat die globale Umweltzerstörung mit der Industrialisierung und dem sogenannten Wirtschaftswunder, das dafür gesorgt hat, dass jeder mit Auto und Elektrogeräten ausgestattet wurde samt zugehöriger Infrastruktur. Die Zuspitzung auf Oma als Umweltsau ist also sachlich vollkommen richtig. Wer jetzt damit kommt, dass Oma aber die Socken noch gestopft und nicht weggeschmissen hat, denkt kindisch naiv und nicht politisch. Oma mag noch Knöpfe angenäht haben, aber sie hat eben auch Parteien gewählt, die die Umweltzerstörung politisch ermöglicht haben, sie hat gewollt, dass regelmäßig Fleisch auf den Tisch kommt und dass sie mit Opa im Auto herumfahren kann. Das gilt natürlich auch für Uropa, Mama und Papa, aber zum einen steht Oma hier selbstverständlich stellvertretend für die gesamte ältere Generation, was jedem mit minimaler Textauffassungsgabe sonnenklar ist, und zum anderen kommt hier die zweite Sachebene hinzu, nämlich die Kontextualisierung: Das Lied steht ja nicht im luftleeren Raum, sondern greift gezielt in die aktuelle Debatte um die Fridays for Future ein, die wiederum nun einmal einen Aufstand von jungen Menschen gegen die älteren darstellen. Natürlich verhält sich auch die junge Generation nicht vorbildlich umweltgerecht, aber sie fordert immerhin, das zu ändern. Die reaktionäre Gegenhaltung dagegen zielt genau auf die Abwehr dieser Forderung. Es ist also sehr wohl auch ein Generationenkonflikt, und genau das greift das Umweltsau-Lied durchaus gekonnt auf.
4) Opa ist auch eine alte Umweltsau, aber das hat mit dem Oma-Lied nichts zu tun. Die Gender-Kritik am Lied ist schlicht albern. Erstens steht Oma hier, wie gerade ausgeführt, als Stellvertreterin für die Erwachsenen und nicht als Stellvertreterin für ihr Geschlecht, und zweitens muss eine Parodie nun einmal ihre Vorlage berücksichtigen.
5) Für das Omasau-Lied wurden keine Kinder instrumentalisiert. Die Kinder haben freiwillig, dem Vernehmen nach gerne und mit Zustimmung ihrer Eltern mitgemacht. Wer Kinder in dem Alter hat, wie ich beispielsweise, zweifelt keinen Moment daran, dass das stimmt. Meine Kinder jedenfalls würden mir schön was erzählen, wenn ich ihnen verbieten wollte, bei so was mitzumachen, wenn sie es gut finden, und ebenso, wenn ich sie zwingen wollte, dabei mitzumachen, wenn sie es nicht gut finden. Klar, bei den Rechten, die sich jetzt über die Instrumentalisierung von Kindern beschweren, mag es zu Hause so üblich sein, dass die Kinder nicht mitreden dürfen und keine Meinung haben, in etwas progressiveren Familien aber ist das anders. Abgesehen davon: Solange Kinder als Messdiener, Hupfdohlen in Schützenvereinen oder Karnevalsumzügen, auf Wahlplakaten, in der Werbung oder bei sonstigen gutbürgerlichen Schweinereien eingesetzt werden, solange ist das Instrumentalisierungs-Argument sowieso vollkommen abwegig.
6) Das Gegenteil ist richtig: Die Omasau-Gegner instrumentalisieren Kinder und fügen ihnen womöglich ernsten Schaden zu. Ich jedenfalls möchte mir nicht vorstellen, wie die Kinder, die mit Freude an dem Lied mitgewirkt haben und die in dem Video zu sehen sind, nun durch diese Debatte tatsächlich traumatisiert werden. Das aber ist den selbst ernannten Kinderschützern selbstverständlich vollständig egal. Kein Wunder, denn Kindeswohl ist ihnen sowieso gleichgültig, was sich ja bereits an der politischen Agenda ihres Kampfes gegen das Lied und damit gegen Umwelt- und Klimaschutz zeigt. Die wollen halt einfach weiter ungestört Autofahren, und dabei wurden traditionell schon immer Kinder umgenietet, wenn sie an der falschen Stelle im Weg herumstanden.
7) Natürlich durfte der WDR das Lied produzieren und senden. Diese Vorwürfe sind so dermaßen bescheuert, dass es gar nicht wert ist, groß drüber zu reden. Satire ist unstreitig Teil des öffentlich-rechtlichen Unterhaltungs- und Bildungsauftrags, das Lied ist eine klassische Satire, eine angebliche Verhetzung älterer Menschen findet darin nicht statt, was jeder erfasst, der über minimale Texterfassungs- und Satirekompetenz verfügt. Es mag Menschen geben, die darüber nicht verfügen, es ist aber nicht Aufgabe des WDR, sein Programm am dümmstmöglichen Zuschauer auszurichten, sonst dürfte er ja nur noch den Musikantenstadl und Dieter Nuhr senden. Abgesehen davon darf man guten Gewissens davon ausgehen, dass die meisten Leute, die sich über das Lied empören, das gar nicht tun, weil sie wirklich glauben, es verhetze oder verletze alte Menschen. Sie wittern nur eine gute Gelegenheit, ihre politische Agenda gegen Umwelt- und Klimaschutz und gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen durchzusetzen.
8) Das einzig Skandalöse auf Seiten des WDR ist das Verhalten von Intendant Tom Buhrow, der sich durch die Löschung des Lieds und die Kritik an seinen Produzenten zwar nicht als Umweltsau, aber eben doch als Kollegenschwein profiliert hat. Womit lustigerweise eine der Hauptforderungen der rechten Angreifer tatsächlich im Nachhinein noch seine Berechtigung erfahren hat, nämlich die nach dem Rücktritt des offenkundig inkompetenten und/oder überforderten Mannes.
]]>Der TATORT hat schon einen Lauf derzeit. RAF-Terror mit politischer Großdiskussion, Porno-TATORT mit schäumender Boulevardpresse, die die nassen Unterhöschen fremder Leute lieber exklusiv im eigenen Blatt zu Geld machen möchte, Horror-Ermittlungen gegen leibhaftig gewordene Geister, und am Ende kommt bestimmt auch bald wieder ein Murot … Ob auch „Der Fall Holdt“ unter die ominöse Obergrenze für „experimentelle TATORTe“ fallen würde? Wer jedenfalls einen der früher üblichen, eher beschaulichen Lindholm-Ausleger der Reihe erwartet, dürfte diesmal bitter enttäuscht werden. Alle anderen aber dürfen sich auf einen herausragenden Film freuen, der sicherlich der bisher beste der norddeutschen Kommissarin ist. Der Film, wohlgemerkt. Für die im Film beschriebene Leistung der Polizei lässt sich dasselbe wahrlich nicht sagen.

Versifftes Krimistück mit Lindholm?
Alles beginnt damit, dass Charlotte Lindholm einen prickelnden Disco-Abend mit ihrem Lover verbringt und zwischen den heißen Tänzen mal kurz an die frische Luft geht, weil das Frauenklo mal wieder überfüllt ist – also kurz zum Pullern zwischen die parkenden Autos gehockt. So viel gesellschaftliche Realität hat ausgerechnet den Berliner Tagesspiegel schon im Vorfeld in Schnappatmung versetzt, als wäre der Vorgang nicht gerade in der Hauptstadt sanitäre Selbstverständlichkeit. Aber eine Kommissarin, die sich hinhockt, um sich „aus der allergrößten Pipi-Not zu befreien“, wie es dort rührend komisch heißt, war dann offenbar doch zu viel für den hauptstädtischen Beobachter, der schon zuvor den nackten Stedefreund und die Münchener Porno-Eskapaden mit ansehen musste: „Fehlt nur noch, dass der nächste Mörder ein Koprophiler ist“, wehklagte er also, und: „Der TATORT ist jetzt zum versauten und versifften Krimistück verkommen.“ Und das von unseren Rundfunkgebühren!, hat er vergessen hinzuzusetzen.
Dabei ist die Notdurft ein dramaturgisch perfekter Dreh, denn die gerne etwas autoklaviert wirkende LKA-Ermittlerin wird dadurch nicht nur plötzlich sehr menschlich, sie erlebt im nächsten Moment auch ein tief nachwirkendes Trauma, das eben auch dieser besonderen, eben peinlichen Situation geschuldet ist. Eine Bande enthemmter Jungmänner beobachtet sie nämlich in jener „Pipi-Not“ und filmt natürlich prompt mit dem Handy (vermutlich, um die Sequenz dem „Tagesspiegel“ anzubieten). Lindholm ist empört und geht in gewohnter polizeilicher Autorität auf die schamlosen Persönlichkeitsrechtsverletzer zu. Doch hier auf dem Disco-Parkplatz ist sie keine Kommissarin, sondern einfach nur eine Frau, die plötzlich das erfährt, was immer noch viel zu viele Frauen regelmäßig erfahren müssen. Shetoo. Die Männer machen sich über sie lustig, erniedrigen sie und schlagen schließlich die, die es gewagt hat, Widerworte zu geben, brutal zusammen. Gedemütigt und unter Schmerzen flüchtet Lindholm vom Schauplatz, ohne Hilfe zu holen und ohne sich von ihrem Freund zu verabschieden, um sich weinend in ihrem Bett zu verkriechen. Doch auch dort findet sie keine Ruhe – der Chef ist am Telefon und kommandiert sie zum „Fall Holdt“ ab. Lindholm will sich erst widersetzen, doch der Mann hört ihr gar nicht zu, schließlich fügt sie sich. Ein, wie sich später zeigen wird, fataler Fehler, denn aus dem seelischen Gleichgewicht geworfen, übermüdet und mit Schmerzen, Schuldgefühlen und falscher Scham kämpfend, ist Lindholm in denkbar schlechter Verfassung, um den heiklen Entführungsfall kompetent zu betreuen.

Lindholm vs. Lindholm
Zumal ihr als zuständige Polizistin vor Ort diesmal eine Art junge Wiedergängerin an die Seite gestellt wird, die Lindholm bis auf die Jacke gleicht, nur eben alles das ist, was die altgediente Kommissarin zumindest nach jener schicksalhaften Nacht nicht mehr ist: selbstbewusst, mit professioneller Distanz, topfit, spielerisch mit Kollegen flirtend. Während Lindholm immer übellauniger und dünnhäutiger durch den Fall wankt, mal die eigenen Kollegen anfährt, mal den Ehemann des Opfers angeht, ganz offenbar ihre eigene Wut über ihre Peiniger in den Fall trägt und schließlich auch noch einen fatalen Fehler begeht. Während die junge Lindholm-Epigone sich zunehmend gegen die ältere Kollegin in Position bringt. Was alles eben auch schief laufen kann bei der polizeilichen Arbeit, nicht zuletzt aufgrund überkommener gesellschaftlicher Strukturen in der Gender-Frage, ist – neben dem eigentlichen Fall – das zweite große Thema dieses ambitionierten Films.
Vielleicht sollte noch erwähnt werden, dass „Der Fall Holdt“ sich eng an einen prominenten echten Kriminalfall anlehnt – auch in der Wirklichkeit läuft Polizeiarbeit halt nicht immer pannenfrei ab. Für den Film selbst tut das reale Vorbild eigentlich nichts zur Sache und soll deshalb hier auch nicht näher erörtert werden, zumal der Blick in die echten Vorgänge eigentlich schon zu viel über den Film verrät. Trotzdem ist die enge Anbindung an die Realität von Vorteil, sie verleiht dem Film eine zusätzliche Schärfe und Authentizität, und sie ist quasi ein Schutzschild gegen Vorwürfe, hier habe man doch wohl ziemlich überzogen. Hat man eben nicht.
Zeug zum Klassiker
„Der Fall Holdt“ funktioniert auf zwei Ebenen ganz wunderbar: Er ist ein packender Entführungskrimi, bei dem der Zuschauer bis zum Schluss im Unklaren über die Hintergründe bleibt. Ohne zu viel zu verraten: Niemand wird sich am Ende beschweren können, er habe gleich gewusst, wer der Täter ist. Das ständige Hin und Her der Verdächtigungen bei gleichzeitiger Ungewissheit darüber, ob das Opfer überhaupt noch lebt, sorgt für einen straff gespannten Spannungsbogen. Gleichzeitig aber erleben wir, wie sehr persönliche Belastungen der Polizisten eine Rolle spielen. Auch Kommissare sind eben nur Menschen mit all ihren Fehlern – selten hat ein TATORT das in dieser gnadenlosen Kompromisslosigkeit vorgeführt, und das ausgerechnet beim Liebling der Massen: Charlotte Lindholm. Hier muss auch ausdrücklich die schauspielerische Leistung von Maria Furtwängler betont werden, die die strauchelnde Kommissarin mit überraschender Eindringlichkeit spielt. Da dürften am Ende die Zuschauertelefone wieder heiß laufen. Dass ganz nebenbei auch noch das Thema Gewalt gegen Frauen und von Männern geprägte Machtstrukturen durchaus geschickt eingeflochten wird, krönt diesen ebenso ungewöhnlichen wie ausgezeichneten Film, der das Zeug hat zu einem der großen Klassiker der Reihe, an den man sich womöglich dereinst auch beim Jubiläum zum 2.000 TATORT noch wird erinnern können. Und das ausgerechnet bei Frau Lindholm! (Rezensent kopfschüttelnd ab)
]]>Reptilienfonds: Herr Boos, auch in diesem Jahr wurde wieder einige Kritik daran laut, dass auf der Frankfurter Buchmesse sehr kontroverse Aussteller ihre Neuheiten präsentieren dürfen …
Boos: Ach, wissen Sie, so geht das doch jedes Jahr. Erst wurde gejammert, dass auch Manga-Comics mit dabei sind, dann, dass die Neuen Rechten kommen. Irgendwem passt immer irgendwas nicht. Was für ein Glück, dass es uns 1925 noch nicht gab. Da hätten sich die lieben Kollegen wahrscheinlich auch beschwert, wenn „Mein Kampf“ vorgestellt worden wäre. Dabei hat sich das ja nun wirklich ordentlich verkauft! Sonst immer schreien alle nach einer lebendigen Debatte in der deutschen Buchlandschaft, und kaum kommt mal ein bisschen Feuer rein, ist es auch wieder nicht recht.
Reptilienfonds: Sicherlich. Aber schon 2017 wurde ja, nachdem es auf der Messe zu körperlichen Angriffen von Junge-Freiheit- und Höcke-Fans auf linke Protestierende kam, von Kritikern darauf hingewiesen, dass es vielleicht keine so sehr gute Idee ist, Leuten ein Podium zu bieten, deren Interesse an Austausch erkennbar, nun ja, etwas eindimensional ist.
Boos: Wie wir in unserer Erklärung vom 14. Oktober 2017 schon geschrieben haben: „Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenverein des Deutschen Buchhandels.“ Und: „Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen. Wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen.“
Reptilienfonds: Müsste es nicht eigentlich „Börsenvereins“ heißen?
Boos: Was?
Na, „die unveränderliche Haltung des Börsenvereins“, das ist doch Genitiv.
Boos: Wollen Sie ein paar aufs Maul, oder was?
Reptilienfonds: Na gut, ist ja auch egal. Sie sehen also nach wie vor kein Problem darin, dass auf Ihrer Veranstaltung Leute wie B. Höcke, gegen den immerhin sogar ein Parteiausschlussverfahren in der AfD wegen zu rechter Positionen lief, oder Akif Pirincci, der gerade vorher wegen Volksverhetzung verurteilt worden war, aufgetreten sind und Bücher vorgestellt haben?
Boos: Nein, warum denn auch? Wir lassen doch, wie gesagt, sogar Manga-Comics zu. Das muss ein demokratischer Staat nun einmal aushalten.
Reptilienfonds: Dennoch werden nun die Stimmen lauter, die infrage stellen, ob es wirklich eine kluge Entscheidung war, für die Buchmesse 2018 nun auch den Islamischen Staat als Aussteller zuzulassen. Hatten Sie denn da gar keine Bedenken?
Boos: Doch, natürlich. Wir sind ja nicht völlig weltfremd. Man liest schließlich so einiges über den IS, angeblich geht es denen wirtschaftlich in letzter Zeit ja nicht mehr so besonders gut. Da haben wir uns natürlich schon gefragt, ob die ihren Stand überhaupt noch bezahlen können. Aber wir sind immer an pragmatischen Lösungen interessiert und haben also einfach Vorkasse zur Bedingung gemacht.
Reptilienfonds: Ganz schön pfiffig! Aber abgesehen vom ökonomischen Aspekt: Der IS steht doch erklärtermaßen gerade für Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, für besonders radikal-fundamentalistische Auslegungen religiöser Bekenntnisse, für die Missachtung aller Menschenrechte. Will die Buchmesse wirklich ein Forum für solche offensive Menschenfeindlichkeit bieten?
Boos: Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Vielfalt der Meinungen heißt halt nun mal: Der eine findet Menschenrechte gut, der andere nicht so gut. Der eine glaubt, dass alle, die seine Weltanschauung teilen, ins Paradies kommen, der andere will alle, die seine Weltanschauung nicht teilen, zur Hölle schicken. Die einen sagen so, die anderen so. Ich denke, so viel Diskussionskultur muss eine pluralistische Veranstaltung wie die unsrige schon aushalten können.
Reptilienfonds: Nun gut. Man könnte aber nun auch grundsätzlich fragen, was eine politisch-religiöse Truppe wie der IS überhaupt auf einer Buchmesse zu suchen hat?
Boos: Wieso? Haben Sie sich mal deren Propaganda-Magazin Dabiq angeschaut? Selbst Kritiker konzedieren, dass das wirklich gut gemacht ist. Und in Sachen neuer Wege im Vertrieb, die doch die ganze Branche so dringend sucht, sind die durchaus innovativ und inspirierend! Außerdem: Wir lassen ja schließlich auch Mangas zu.
Reptilienfonds: Aber gerade der IS setzt doch nun eindeutig auf Gewalt in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden.
Boos: Wir haben uns vom IS schriftlich versichern lassen, dass es keinerlei Anschläge von ihm auf der Messe geben wird, keine Messerattacken, keine Sprengstoffgürtel. Nur schneidend scharfe Diskussionen und ordentlich Sprengstoff in der inhaltlichen Debatte, Sie verstehen?
Reptilienfonds: Aber wenn schon keine Sicherheits- und keine inhaltlichen Bedenken: Haben Sie keine Sorge, dass die Präsenz des IS ein Publikum anzieht, das womöglich für Irritationen sorgen könnte?
Boos: Große Güte! Haben Sie mal gesehen, wie diese Manga-Mädchen herumlaufen? Da stören ein paar Vollverschleierte dazwischen doch nun wirklich nicht!
Reptilienfonds: Zur Frankfurter Buchmesse gehört ja immerhin auch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Ist denn eine Teilnahme des IS an der Veranstaltung mit dessen Geist überhaupt vereinbar?
Boos: Wieso denn nicht? Den hat Martin Walser doch auch bekommen damals, und der mag schließlich auch keine Juden! So weit liegen die Positionen manchmal gar nicht auseinander, wie immer alle denken. Es ist letztlich eine der edelsten Aufgaben der Frankfurter Buchmesse, solche Brücken der Verständigung über scheinbar unüberwindbare ideologische Gräben zu schlagen.
Reptilienfonds: Sie sehen also insgesamt keinerlei Anlass zur Selbstkritik und denken nicht über mögliche Änderungen der Zulassungspolitik nach?
Boos: Doch, natürlich. Ob Mangas wirklich etwas auf einem Fest der Hochkultur wie der Frankfurter Buchmesse zu suchen haben, darüber müsste man vielleicht noch einmal neu nachdenken. Für so etwas gibt es ja schließlich auch noch Leipzig.
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Mit der „Todesnacht von Stammheim“ fand der Deutsche Herbst 1977 seinen Höhe- wie Schlusspunkt, die Nachbeben aber beschäftigten das Land noch lange. Genau genommen: bis heute. Da ist er nämlich wieder, „der rote Schatten“, passend zum vierzigjährigen Jubiläum der blutigen Ereignisse zur besten Sendezeit in der ARD als TATORT, natürlich vom in Stuttgart ansässigen SWR. Terror als Lokalkolorit. Mit Dominik Graf verpflichtete der Sender einen Ausnahme-Regisseur, der auch am Buch mitgeschrieben hat und dessen blanke Beteiligung an dem Projekt die ohnehin garantierte Aufmerksamkeit auch gleich noch mit Bedeutung auflädt, denn Graf-Filme sind halt nicht irgendwelche TATORTe. Und, so viel kann schon jetzt gesagt werden, das ist er auch wirklich nicht.

Stuttgarter Herbst 2017
Vierzig Jahre sind eine lange Zeit. Inzwischen ist das Land zwei Generationen weiter, und diejenigen, die die Ereignisse damals miterlebten, nähern sich dem Rentenalter oder sind dort längst angelangt. Nun haben Terroristen naturgemäß gewisse Schwierigkeiten mit der Altersvorsorge, sodass einer der bizarreren Aspekte der RAF-Geschichte darin besteht, dass die ehemaligen Revolutionäre heute gelegentlich Banken oder Geldtransporter überfallen, um ihr Altenteil zu sichern.
So nehmen die Geschehnisse im Stuttgarter Herbst 2017 ihren Lauf. Während die Kamera über die nächtlichen Lichter des Kessels streift, hören wir eine pathetische Erklärung, die Gudrun Ensslin zur Rechtfertigung des RAF-Terrors einst vor Gericht verkündete: „Ich sehe nicht ein, warum man das, was man jahrhundertlang getan hat und als falsch erkannt hat, weiter tun sollte. […] Aber ich will etwas getan haben dagegen.“ In der Nacht heute allerdings tun ihre damaligen Gesinnungsgenossen etwas ganz anderes. Während sie auf einen Geldtransporter warten, sehen wir noch einmal die Bilder von der Beerdigung Baaders, Ensslins und Raspes, der junge Otto Schily trottet den Särgen hinterher, Rudi Dutschke schwört am Grab: „Der Kampf geht weiter!“
Im anschließenden Morgengrauen klingelt bei der von einer Liebesnacht noch benommenen Staatsanwältin Alvarez das Handy, der Oberstaatsanwalt am anderen Ende der Leitung ist ebenfalls noch nackig. Offenbar hat es höchste Dringlichkeit, dass er ihr eine Botschaft übermittelt. Denn gerade sind die Kommissare Lannert und Bootz zu einem merkwürdigen Szenario auf einer Landstraße gerufen worden. Im Licht des frühen Morgens steht ein verunfalltes Auto, in dessen Kofferraum eine tote Frau liegt – die offenbar bereits Bekanntschaft mit der Pathologie gemacht hatte, wie die Ganzkörpernaht zeigt. Ihr Ex-Mann hatte sie aus der Kapelle entführt, um sie in Frankreich noch einmal obduzieren zu lassen, da er überzeugt davon ist, dass sie Opfer eines Verbrechens wurde. Die Staatsanwaltschaft aber erkannte auf Selbstmord und stellte die Ermittlungen ein. Der Anruf des Oberstaatsanwalts an die zuständige Alvarez diente der Sicherstellung, dass es dabei bitteschön auch zu bleiben habe.

Natürlich ermittelt das Trio jetzt erst recht, und bald schon konzentrieren sich die Nachforschungen auf den letzten Lover der angeblichen Selbstmörderin, der 1977 als V-Mann des Verfassungsschutzes geführt wurde und nebenher auch noch eine amouröse Beziehung zu einer ehemaligen, bislang nicht gefassten RAF-Terroristin unterhält. Alte Liebe rostet so wenig wie gute Waffen.
Todesnacht von Stammheim
Was sich dann im Zuge der Ermittlungen ergibt, ist ein dichtes Gespinst an Fäden, die in jenen Deutschen Herbst zurückreichen und auf die Kernfrage zusteuern: War die Todesnacht von Stammheim tatsächlich der kollektive Selbstmord, den die inhaftierten Terroristen unverständlicherweise unbemerkt vorbereiten, verabreden und durchführen konnten, wie die offizielle Version staatlicherseits heute lautet, die auch von der Mehrheit der journalistischen Beobachter geteilt wird? Oder ließ man sie absichtlich gewähren, wie viele andere noch heute annehmen, die ebenfalls mit der Materie intensiv befasst waren, darunter der ehemalige RAF-Anwalt Ströbele und der Ex-Terrorist Dellwo? Oder war es gar Mord, vom Verfassungsschutz kaltblütig durchgeführt, wie zahlreiche Verschwörungstheoretiker und eben auch die Herzzeugin Möller nicht müde wurden zu behaupten? „Das sind alles Enden einer Geschichte, die keinen Abschluss hat“, sagt ein ehemaliger Verfassungsschützer zu Kommissar Lannert. Graf ist schlau genug, sich nicht festzulegen, stattdessen spielt er in fast obszön realistisch nachgestellten Szenen die Varianten durch und schafft damit eine verstörende Bebilderung der Nacht von Stammheim im täuschend echten Retro-Look.
Wie der Film sowieso nichts ist für Freunde gerader, linearer Erzählungen und maßvoll eingesetzter Schnitte. Die Handlungsebenen springen in einem fort durcheinander, 1977 und 2017 werden kunstvoll ineinander verwoben, wir sehen die Beteiligten damals und heute, gefangen in einem Netz aus Verblendung, Fanatismus, Intrigen und beidseitiger Hybris. Mittendrin ein neben der Spur laufender V-Mann, der als „Diener zweier Herren“ auf beiden Seiten spielt, schon damals unter Claus Peymann (noch so ein historischer Bezug) im Schauspiel Stuttgart, den Hut aus der Zeit hütet er wie seinen Augapfel. Ansonsten lebt er von Hartz IV, weil er spielsüchtig ist und auch sonst ein problematischer Charakter – zahlreiche misshandelte Liebhaberinnen pflastern seinen Lebensweg. Trotzdem wird er offenkundig bis heute gedeckt vom Verfassungsschutz. Weil er eine Schlüsselfigur war, die die staatliche Version der Selbstmord-These entscheidend stützte, indem er aussagte, dass die Waffen per manipulierten Aktenordnern in die Stammheimer Zellen geschmuggelt worden waren, obwohl das gar nicht stimmte? Oder nur, wie später der Verfassungsschutz behaupten wird, weil er sie zur noch immer gesuchten Terroristin führen sollte?

Gemeinsame Sache mit den Feinden
„Der rote Schatten“ ist extrem dicht gepackt, geradezu überladen. Es hätte dem Film zweifellos gut getan, wenn er mehr Zeit zur Verfügung gehabt hätte. Um ins 90-Minuten-Format zu passen, waren etwas unelegante Verdichtungen nötig: So wirkt der Dialog zwischen Lannert und Bootz, als der alte Haudegen dem jungen Kollegen die damalige Stimmung zu vermitteln versucht, ähnlich holzhammermäßig wie die historischen Schnellkurse in den Gesprächen zwischen Lannert und einem Journalisten sowie dem schon erwähnten pensionierten Verfassungsschützer. Trotzdem erstickt der Film nicht an seiner Last, was nicht zuletzt an den geschickt eingesetzten Rückblenden liegt und daran, dass die Kommissare ruhig und konzentriert durch die geballte Ladung von Handlungssträngen geleiten. So ist ein packender Verschwörungsthriller entstanden, der ironischerweise das historische Rätsel um fragliche Selbstmorde an einem fraglichen Selbstmord der Gegenwart aufhängt – und schließlich sogar spiegelt. Denn am Ende, so viel sei verraten, sehen wir wieder mehrere Enden einer Geschichte, die offenbar noch immer keinen Abschluss hat.
Zumal sie mit anderen Vorzeichen auch in der Realität immer weiter geht. Denn wie war das noch gleich mit den V-Leuten im Umfeld des NSU? „Warum macht der Staat gemeinsame Sache mit seinen Feinden?“, sagt der pensionierte Verfassungsschützer im Zwiegespräch mit Lannert, und diese Frage darf man wohl als eigentliche Essenz von Grafs ambitioniertem, vielschichtigem Stück verstehen. „Aber das war ja schon immer so“, resigniert der Mann gleich darauf. Besonders optimistisch ist das alles wahrlich nicht.
]]>So geht das nämlich nicht! Als ich Dich eingeladen habe, als Gastleser bei unseren Lesebühnen Reformbühne Heim & Welt und Brauseboys einige Deiner großartigen satirischen Texte vorzutragen, hast Du fest zugesagt. Wir wollten Dich unbedingt dabei haben, schon vor drei Jahren, als Du noch nicht mit zweifelhaften PR-Methoden den Bekanntheitsgrad wie heute erreicht hattest. Weil Du nämlich immer schon viel mehr warst als einfach nur ein Journalist. Nämlich ein begnadeter Satiriker, Polemiker, ein literarischer Essayist, kurz: ein Schriftsteller. Und weil wir fanden, dass Deine Texte viel zu schade waren, um nur in der Zeitung weggedruckt zu werden. Wir wollten sie auf der Bühne schillern sehen. Aber versprochen ist versprochen, Du hast gesagt, dass Du kommst! Und, was ist? Wir kriegen einfach keinen Termin hin. Während Deine Ausreden immer abstruser werden. Erst musstest Du dauernd nach Dresden, weil Du diese Pegida-Trottel sehen und mit ihnen sprechen wolltest, bevor Du über sie schreibst. Immer diese grauenhaft deutsche Gewissenhaftigkeit, Du Supertürke! Guck Dir mich an: Ich schreibe über die, ohne je auch nur einen Fuß in deren Nähe gesetzt zu haben. Geht doch auch. Und man riskiert dabei nicht mal was außer ein paar wüsten Leserkommentaren auf Facebook. Während Du auch noch dauernd Gefahr gelaufen bist, dafür aufs Maul zu kriegen. Aber nein, Du willst ja immer alles selbst sehen, mit allen reden, alle verstehen und zur Not halt selbst spüren, wie weit sie wirklich gehen. Also wirklich, Effizienz ist was anderes. Und das bei den Honoraren bei der Taz! Okay, gut, dann bist Du ja auch zur „Welt“ gegangen, da war die Bezahlung natürlich besser, da konntest Du Dir solche Extravaganzen schon eher leisten. Zugegeben, ein bisschen irritiert war ich ja, als Du rüber gegangen bist auf die dunkle Seite, von der Rudi-Dutschke-Straße ins Springer-Hochhaus. Aber natürlich hat Dir gerade auch das gefallen, dieses Grenzen Überschreitende, dieses Konventionen Verletzende, egal auf welcher Seite, dieses Die-Leute-verwirren und Gewissheiten-in-Frage-stellen. „Es ist mein Traumjob, und ich habe drauf bestanden, dass ich weiter machen kann, was ich für richtig halte“, hast Du mir auf meine vorsichtige Frage diesbezüglich bei Deiner Abschiedsparty im Taz-Dachgarten gesagt, und ich glaube, ich habe es verstanden. Und ja, natürlich würdest Du noch kommen zu unseren Bühnen, hattest Du gesagt, aber jetzt erst mal müsstest Du nun mal in die Türkei, wegen dem neuen Job. Auch da wieder wolltest Du alles selbst erleben, worüber Du berichtest. Große Güte, wenn alle Journalisten so arbeiten würden, bekämen wir doch nie die Zeitungen voll! Hat Dir denn nie jemand erklärt, wie Google und diese Wikipedia funktionieren?
Aber schön, wir haben ja für vieles Verständnis. Dann fährst Du halt erst mal in die Türkei, ehe Du bei uns auftrittst. Aber wenigstens einen Beitrag für das Satire-Buch von Volker Surmann und mir wolltest Du dann schicken. Und was haben wir bekommen? Gar nüscht. Und warum das alles? Weil der feine Herr Yücel es vorzieht, ins Gefängnis zu gehen. Klar, auch bei den Ausreden immer ein bisschen extravaganter, immer ein bisschen drüber. Was haben wir von Leuten, die Ihre Termine vermasseln, nicht schon alles gehört: „vergessen“, „falsch eingetragen“, „Computer abgestürzt“, „Hund musste zum Tierarzt“, oder: „Tut mir leid, ich habe verschlafen.“ Verschlafen! Und das bei einem Auftritt abends um acht! Klar, so sind sie eben, diese Künstlertypen. Oder: „Tut mir leid, aber in unserem Haus ist kurzfristig noch eine Wohnungseigentümerversammlung einberufen worden, da muss ich unbedingt hin.“ Wohnungseigentümerversammlung! Ja, so sind sie eben, diese linken Künstlertypen. Aber Du musstest den Vogel ja wieder mal abschießen: „Tut mir leid, aber ich sitze gerade in der Türkei im Gefängnis, weil ich mit den Leuten gesprochen habe, über die ich berichte, und weil ich über einen Witz berichtet habe, den man sich in der Türkei erzählt“ – das ist ja nun wirklich die bescheuertste Ausrede aller Zeiten!
Aber da dachte ich ja, jetzt hätte ich Dich, diesmal hast Du Dich verzockt. Denn wenn Du schon im Gefängnis herumsitzt, hättest Du ja jetzt Zeit genug, wenigstens den Beitrag für das Buch zu schicken, dessen Abgabetermin Du schon dreimal verschoben hattest. Und da setzt Du noch mal einen drauf: In Isolationshaft seist Du leider, ohne Stift, ohne Zettel, ohne Erlaubnis, was zu schreiben. Dass, was von Dir noch nach draußen dringt, diktierst Du Deinem Anwalt in den kurzen Minuten der Besuchszeit. – Isolationshaft, na klar. Und warum noch mal? Wegen Rauchen in der Rauchverbotszone? Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses aufgrund indiskutabler Frisurgestaltung? Wegen chronischer Überziehung von sicher zugesagten Deadlines? Wegen irgendwas also, was man zumindest näherungsweise noch nachvollziehen könnte? Nein, nochmal: weil Du als Journalist darüber berichtet hast, was gerade passiert in der Türkei, und weil Du Leute interviewt hast, die beim großen Chef dort wohl gerade nicht sehr wohlgelitten sind.
Das aber, lieber Deniz, ist eine ziemlich schlechte Ausrede. Denn der große Chef selbst hat doch mehrmals eindringlich betont, dass, wie Du es auszudrücken pflegtest, die Türkei das Land ist mit der freisten Presse wo gibt! Wie sollte denn da jemand in Isolationshaft eingekerkert werden, nur weil er ein bisschen freie Presse gemacht hat? Und außerdem sagt der Chef auch, dass die Türkei ein Rechtsstaat sei, mit völlig unabhängiger Justiz und so. Da ist es doch eher wenig überzeugend, wenn derselbe Chef dann anschließend verkündet, dass Du garantiert nicht aus dem Knast kommst, solange er Präsident sei. Merkste was? Das glaubt Euch doch kein Mensch! Wie auch dieses ganze andere irre Zeug, das der Mann da den lieben langen Tag erzählt, als wäre er ein Satiriker, der noch holzhammermäßiger unterwegs wäre als Böhmi oder Du in Deinen besten Zeiten. Alle möglichen Deutschen bis zur Kanzlerin immer gleich als Nazis beschimpfen – Mensch, das war doch unser Running Gag, das kann der doch nicht einfach klauen, als wäre er Eckhardt von Hirschhausen und Mario Barth in Personalunion! Als Reaktion auf die Diskussion über eine deutsche Reisewarnung für die Türkei schon vorab eine türkische Reisewarnung für Deutschland auszusprechen! Und dann diese Ausweisung von holländischen Kühen, weil die Holländer ihn und seine Komikertruppe nicht auftreten lassen wollten – also echt jetzt mal! Das klingt doch alles wie aus einer Deiner wildesten Glossen, von denen wir so gerne einige auf unserer Bühne vorgetragen hören würden. Und zwar live von Dir, nicht übers Fernsehen über irgendwelche minderbegabten Mittelsmänner wie diesen Erdogan. So billig kommst Du uns nicht davon! Das wollen wir alles von Dir selbst hören!
Auf eine meiner frühen Einladungen zur Reformbühne hin hattest Du damals nicht nur einen der schon erwähnten abstrusen Vorwände vorgeschoben, um den Termin abzusagen, sondern mir auch geschrieben, dass Du aber auf jeden Fall später mal kämest, ich solle bitte dran bleiben und Dich erinnern, weil Du es sonst garantiert vertüddeln würdest. Vertüddeln, ja! So kann man es natürlich auch nennen.
Aber weißt Du was? Ich mache es, wie Du gesagt hast: Ich bleib dran. Ich gebe nicht eher Ruhe, bis Du endlich in der Jägerklause auf der Bühne stehst. Da darf man sogar rauchen! Zwar erst nach der Show, aber immerhin! Und Bier gibt’s, so viel Du trinken kannst! Also, Deniz: Jetzt komm gefälligst rüber. Und wenn dieser Erdogan Dich tatsächlich nicht gehen lassen will, solange er Präsident ist, gibt es doch eine sehr einfache und vielversprechende Lösung: dann soll er doch einfach zurücktreten.
Aber egal wie: Hier steht immer ein Mikro und ein Bier für Dich bereit. Heute, an Deinem Geburtstag, am 209. Tag Deiner Geiselnahme, müssen wir ohne Dich anstoßen, aber dafür dann eben auf Dich. Beim nächsten Mal dann aber wirklich mit Dir. Auf die Türkei, auf Deutschland und Europa, und vor allem gegen all diese Nationalisten, Kleingeister und Arschlöcher von Erdogan bis zur AfD, die uns erzählen wollen, dass wir nicht in Frieden und Freundschaft zusammen und wild durchmischt arbeiten, feiern, leben und lieben können, wie es uns gefällt.
Also: Auf Dein Wohl!
Dein Heiko
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Aber etwas so Großartigem wie der deutschen Einheit gerecht zu werden, ist gar nicht so einfach. Vor allem für Deutsche. Weshalb die erste Runde des Wettbewerbs, bei dem immerhin zehn Millionen Euro irgendwie unters Volk gebracht werden sollten, jämmerlich gescheitert ist. 563 Entwürfe gingen ein, und keiner überzeugte die vom Bundestag eingesetzte Kommission. Das kommt also dabei rum, wenn deutsche Politiker die deutsche Bevölkerung bitten, die deutsche Einheit zu würdigen: Die Antworten fallen einfach nicht zu ihrer Zufriedenheit aus.
Ein solcher Fauxpas wäre in der DDR jedenfalls nicht passiert, weshalb man sich im zweiten Durchgang auch der Vorteile des abgeschafften Staatswesens erinnerte und statt eines offenen Wettbewerbs die Künstler lieber „persönlich aufforderte“, Entwürfe einzureichen.
Gewonnen hat dann ein Ding, das den Namen „Bewegte Bürger“ trägt. Womit immerhin zahlreiche Erinnerungen an die Wendezeit möglich wären: an die massenhafte Bewegung der Ostdeutschen nach dem Mauerfall in die Beate-Uhse-Geschäfte des Westens etwa, oder an all die jungen Frauen, die sich in den Jahren darauf aus ihren darniederliegenden und national befreiten Marken und Börden schleunigst in den Westen abgesetzt haben. Oder an all die Bürger, die nun nicht mehr in ihren realsozialistischen Wohlfühl-LPGs und -Kombinaten den lieben langen Tag bekanntermaßen Däumchen drehen mussten, sondern sich in der Folgezeit sehr regelmäßig zu Sozialamt und Arbeitsagentur bewegen durften. Und vor allem hätte „Bewegte Bürger“ auch sehr schön den Zustand jener Menschen beschrieben, die nicht so aussahen, als seien sie genetisch bedingter Teil des nunmehr einen Volkes und die in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Guben sehr wirkungsvoll in Bewegung versetzt wurden. Wenn dieser Effekt zumindest teilweise auch eher kurzfristig war, bevor sie Bewegungen dann ganz einstellten.
So viel Assoziationsfreiheit aber ist im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung dann doch nicht erwünscht. Damit das Werk „Bewegte Bürger“ also auch richtig interpretiert werden kann, kommt ein kleiner Kunstgriff zur Anwendung, der sich in langen Jahrzehnten der politischen Karikatur als hinreichend deppen- und mithin deutschensicher erwiesen hat: Alles wird schön beschriftet, damit man es auch versteht. So haben es sich die Schöpfer wohl gedacht und geizen daher nicht mit großen Worten am großen Denkmal.
Das Monument selbst gleicht einer halben Eierschale oder einer Justitita-Waagschale mit gondelartig langgezogenen Enden. Die Unterseite wird vergoldet – irgendwie muss die Kohle ja schließlich aufgebraucht werden –, darauf sollen Zitate ostdeutscher Bürgerrechtler gesetzt werden. Auf der Oberseite hingegen werden großflächig zwei Sätze stehen, nämlich auf der einen Hälfte „Wir sind das Volk“ und auf der anderen „Wir sind ein Volk“. Und jetzt der Clou: Die Betrachter können dann sogar gruppenweise auf das Riesen-Denkmal draufkrabbeln, und das ganze Teil neigt sich wie bei einer Wippe in die Richtung, wo mehr Masse ist. Es bewegt sich also, wenn die Bürger draufstehen. Bewegte Bürger! Voll krasse Symbolik. Total ausdrucksstark. Macht wahnsinnig nachdenklich. Den ein oder anderen sicher auch betroffen. Aber ist vor allem natürlich geil aussagekräftig. Schwarz-rot-geil! Dachten sich wohl die Initiatoren.
Einzig, wer andauernd das Wort „Volk“ im Munde führt oder groß überall hinschreibt, das wissen wir nicht erst seit der Bild-Zeitung, der hat es meist nicht so mit Denken. Denn – was genau will uns die Installation eigentlich sagen? Dass, wenn viele Leute sich zu dem Slogan „Wir sind ein Volk“ hingezogen fühlen, alles aus dem Gleichgewicht gerät? Dass, wenn überhaupt erst mal genug Leute anfangen, sich zu etwas Völkischem zu bekennen, am Ende etwas umkippt? Und dass dabei alle erdrückt werden, die sich eben gerade nicht in diesem Volkskörper befinden, sondern eher darunter, sozusagen am Volksboden? Oder will das Denkmal uns daran erinnern, dass man, will man festen Boden unter den Füßen behalten, sich lieber von jedweder Form von Volk-Gequatsche am besten fernhält? Während gleichzeitig die Bürgerrechtler-Zitate auf der Unterseite der Schale lustig von links nach rechts schwanken und schließlich im Dreck enden? Muss dann, damit die Symbolik auch wirklich passt, das ganze Ding mit Vera-Lengsfeld-Sprüchen zugepflastert werden?
Fragen über Fragen. Man wird den Verdacht nicht los, dass das Schaukelteil letztlich doch immer noch nicht richtig ausgegoren ist. Vielleicht wäre es sinnvoll, das Projekt „Einheitsdenkmal“ einfach noch mal zwanzig Jahre zu verschieben. Und die zehn Millionen lieber der Amadeu-Antonio-Stiftung zu überweisen, Verwendungszweck: „Bewegte Bürger“.
Die deutsche Wiedervereinigung wird deshalb schon nicht in Vergessenheit geraten. Zumal es ja schließlich bereits fünf eindrucksvolle Mahnmale für sie gibt. Sie heißen: Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.
]]>Das ist mehrfach interessant. Bekanntermaßen wurde Trump nicht im Wesentlichen von der Mittelschicht gewählt und der Handvoll sehr Reicher und Superreicher die Bezeichnung einer „Schicht“ zuzueignen ergäbe demografisch keinen Sinn, in dem Sinne wären auch norwegische Pfeifenraucher eine Schicht in den USA, vermutlich eine zahlenmäßig zehnfach größere als die, der man das Etikett „Oberschicht“ verleihen könnte. Es ist also nicht völlig abwegig anzunehmen, dass Trump in signifikanter Zahl von jenen vierzig Millionen Haushalten gewählt wurde, deren Armut ihren Widerpart im Reichtum eben seines Kabinetts findet.
Ich wäre an dieser Stelle sehr froh, die These nicht diskutieren müssen, dass materieller Reichtum vom Himmel fiele. Das habe ich immer für sehr unwahrscheinlich gehalten. Man muss es sich vielleicht nicht unnötig kompliziert machen: Wenn zehn Kinder insgesamt hundert Bonbons haben und davon gehören Paul 98, Anna und Peter jeweils einer und den anderen kein Bonbon, welche Erklärung hielt man für wahrscheinlicher: Dass die anderen neun Kinder nicht fleißig genug waren und Paul sehr, sehr tüchtig war und die richtige Portion Glück hatte? Das wäre ungefähr, wie Paul die Lage erklären würde. Oder hält man es für wahrscheinlicher, dass Paul sich in irgendeiner Form unfair bei der Verteilung der Bonbons verhalten haben könnte? Ockhams Rasiermesser schlägt vor, von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.
Wenn also die Armen in signifikanter Zahl die Reichen gewählt haben und wir uns von der im Wesentlichen ärgerlichen Erklärung befreien können, dass die Armen dumm sind und ihre Wahl eine dumme Sache gewesen ist, eine Vermutung, die insbesondere wegen ihres schwer antidemokratischen Kerns Ekel erregen sollte, denn es war doch das Wesen der Demokratie, dass das Volk der Souverän ist und so eine Art der Schwarmintelligenz hervorbringt, die die Regierung gebiert, die es verdient. Dann stellt sich die Frage, warum die Armen die Menschen gewählt haben könnten, die sich an ihnen bereichert haben. Warum Menschen, die in mehr als zwei Vollzeitjobs arbeiten müssen, um ihre Wohnung nicht zu verlieren, sich eine Regierung geben, in der allein drei führende Mitarbeiter von Goldmann-Sachs und der Vorstandsvorsitzende eines Ölkonzerns sitzen und deren Kopf ein Immobilienspekulant ist?
Meiner Meinung nach ist eine wesentliche erste Erklärung, dass es für diese Menschen seit Jahren egal sein kann, was oder wen sie wählen. An ihrer konkreten Situation hat sich seit Ewigkeiten durch Wahlen nichts geändert. Das macht diese Wähler frei, jedenfalls völlig ungebunden von vorgetragener Ideologie. Denn sie müssen gewissermaßen nichts Persönliches bedenken, wenn sie ihre Stimme vergeben. Dass die Obama-Regierung womöglich eine Wirtschaftskrise verhindert hat, war für sie nicht wahrnehmbar, das haben verhinderte Krisen so an sich. Aber dass weder Obama, noch die Bushs oder die Clintons in der Lage waren, konkrete Verbesserungen in ihrem Leben zu bewirken, ist naheliegend und offensichtlich. Ihre Begeisterung für die Regierung in Washington ist also begrenzt.
Das Narrativ von Frau Clinton war: „Wählt mich, ich werde versuchen, es für Euch besser zu machen.“ Und das wichtige andere Narrativ lautete: „Den anderen dürft ihr auf keinen Fall wählen, das merkt ihr doch selber.“ Und tatsächlich machte Trump so ziemlich ungefähr jede einzelne Sache, von der man gesagt hätte, dass man diese eine Sache allein für sich nicht machen darf, wenn man amerikanischer Präsident werden möchte.
Sollte man die Entscheidung der Wählerschaft nicht auch als eine bewusste, gewissermaßen lustvolle Regelverletzung verstehen? Liegt eine Mannschaft im Fußballspiel uneinholbar zurück, kommt es häufig zu so genannten Frustfouls. Und warum sollte man sich im Monopoly an alle Regeln halten, wenn alle Straßen und Bahnhöfe schon verkauft sind und man nur die Möglichkeit zwischen Ereignisfeldern und dem Gefängnis hat, während die besitzenden Mitspieler reicher und reicher werden? Man kann doch schon verstehen, dass das arme Würstchen keine Lust mehr auf das Spiel nach Regeln hat und zum Beispiel mal in die Kasse greift, das ganze Spielbrett umwirft oder das Spiel verlässt, wenn seine größte Hoffnung ist, durch einen Lottogewinn noch eine weitere Runde durchhalten zu können.
Das heißt, die erste Nachricht könnte das so genannte Protestwählen sein: „Sagt uns, welche Wahl Euch nicht recht wäre, dann wissen wir, wofür wir uns entscheiden können.“ Das viel gescholtene Protestwählen ist gewissermaßen der individuelle Systemabsturz der Demokratie, das Verlassen des Spiels, die bewusste Verletzung der Regeln, genau das zu tun, was die, die noch im Spiel sind, nicht wollen, das man es tut. So ein Verhalten ist nicht gerade trivial, es ist eine sehr bewusste Entscheidung.
Denn was war schon das erste Narrativ von Clinton oder von den Befürwortern des Verbleibs des Brexits oder so ziemlich aller etablierten Parteien: „Wählt mich, ich werde versuchen, es für Euch besser zu machen“ und danach öffnen sich Klammern so groß wie der Grand Canyon: „im Rahmen der Möglichkeiten des Machbaren und soweit nicht die Großindustrie oder die Banken oder sonstwer dagegen Einspruch erheben.“ Und wenn man sich anschaut, was „im Rahmen der Möglichkeiten des Machbaren“ in den letzten Jahrzehnten für den Wähler bedeutet hat, dann übersetzt sich das doch nicht in „Beschränkung der Macht von Großbanken und Konzernen“. Herr Trump selbst wäre vor fünfzig Jahren einfach pleite gewesen und es wäre zumindest moralisch problemlos erklärbar (auch wenn es gesetzlich nicht zutreffend ist), warum die drei Mitarbeiter von Goldmann Sachs seit und für einige Zeit gemeinsam mit vielen Kollegen ihren Wohnsitz in staatlichen Besserungsanstalten hätten. Soll heißen: Die Politik des „weiter so“ bedeutet doch keine wesentliche Beschränkung der Macht von Oligarchen und anderweitigen Milliardären. Freiwillig gibt der eine oder andere dieses oder jenes, aber staatliche Lenkung brauchen sie nicht zu befürchten. Was zu Armenvierteln in reichen Ländern geführt hat.
Warum also sollte sich das Volk vor Donald Trump fürchten? Weil er eine hässliche Frisur und einen Hang zu plastischen Frauen hat? Am realistischsten sind vermutlich die Befürchtungen von Gleichberechtigungsbefürwortern. Denn zumindest auf diesem Gebiet hat es in den letzten Jahrzehnten durch die etablierte Politik keine wesentlichen Verschlechterungen gegeben und es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass Donald Trump, dessen derzeitige Frau noch nicht einmal mit ins Weiße Haus ziehen wird, auf diesem Gebiet für eine einzige Verbesserung sorgen wird.
Aber sonst? Ist das Gefühl so unbegründet, dass der Wähler diesmal an der Sekretärin vorbeigekommen und direkt zum Chef durchgestellt wurde? Anstatt immer nur Mitteilungen des Wesirs zu erhalten, wird man nun direkt vom Sultan regiert. Schließlich haben auf gar nicht so indirekte Weise weit mehr als vierzig Millionen Haushalte dazu beigetragen, die neue Monarchie zu begründen, warum sollten sie diese dann nicht auch durch die Krönungssäle laufen sehen? In diesem Zusammenhang verliert der Umstand, dass von bedeutenden Mitgliedern der Königsfamilie geführte Internet-Unternehmen wesentlich zum Wahlsieg des Monarchen beigetragen haben, seine scheinbare Kuriosität und wird nachvollziehbarer Teil dieser Erfolgsgeschichte.
Dass Herr Trump möglicherweise nicht der eloquenteste, in manchem Sinne nicht der vorzeigbarste Vertreter der Monarchie ist, sollte gerade Deutsche nicht besonders verwundern. Über Jahrhunderte gab es hier das System der Kurfürsten, die den deutschen König bestimmten, was verlässlich dafür sorgte, das nie der Stärkste und Mächtigste an die Krone kam. Und wie sähe das auch aus, wenn beispielsweise ein 32-jähriger mit einer chinesischstämmigen Ehefrau verheirateter Atheist mit jüdischen Wurzeln den US-Amerikanern erklärte, er wolle jetzt ihr Präsident werden wollen? Das würde niemals klappen.
Wenn sich all der Nebel des Getöses verzogen hat, ist vielleicht zu beobachten, wie sich eine de-facto-Monarchie erhebt. Denn wenn der mächtige Präsident mit seinen komfortablen Mehrheiten alle versprochenen Maßnahmen ergreift, um nicht nur Gesetze zu ändern, sondern um Institutionen zu zerstören, die der Monarchie hätten gefährlich werden können, dann ist der Ausgang künftiger Wahlen von noch geringerer Wichtigkeit als bisher und dann könnte man, um das ganze schöne Geld zu sparen auch gleich den Vorgänger einen Nachfolger bestimmen lassen, zum Beispiel seinen ältesten Sohn.
]]>Der mit einer ziemlich unappetitlich hergerichteten verkohlten Leiche in einem ausgebrannten Frisör-Salon in der Frankfurter Innenstadt beginnt. Der Laden ist Ziel eines Brandanschlags mit einem Molotow-Cocktail geworden. Die Täter haben es nicht versäumt, eine Visitenkarte zu hinterlassen: „Kill all Nazi“ haben sie auf den Boden vor den Laden gekrakelt, damit auch bitte recht klar ist, wer hier zugeschlagen hat. Die Inhaberin des Ladens ist sich denn auch ganz sicher, dass es nur die schwarzafrikanischen Drogendealer sein können, die dauernd in der Gegend herumlungern, Frisör-Kunden vergraulen und mit denen sie deshalb handfestere Auseinandersetzungen hatte. Da wollten sie sich wohl rächen – dumm nur, dass zu dem Zeitpunkt des Anschlags überraschend die junge Azubi vor Ort war und nun also wegen Mordes ermittelt wird.

Es ist eine merkwürdige Ballung von Filmen, die die ARD um den Jahreswechsel anbietet. Drei TATORTe in Folge von einem Regisseur, nämlich Markus Imboden, zwei davon aus Frankfurt. Was auch immer die Verantwortlichen dazu bewogen hat, es erlaubt einen direkten Vergleich. Und dabei kann man Imboden eines nicht vorwerfen: dass seine Arbeiten sich zu sehr ähneln, dass er nur eine Masche abliefert. Die drei Filme sind grundverschieden. Nach dem furiosen „Wendehammer“, der Big-Data-Paranoia-Nummer, die überraschend mit dem Horror einer Spießer-Einfamilienhaus-Vorstadt-Idylle gekreuzt wird, wodurch einer der besten Beiträge eines ohnehin recht starken und vor allem Außergewöhnliches wagenden TATORT-Jahres 2016 entstanden ist, folgte der geradezu klassische Sozialtristesse-Beitrag aus München mit dem etwas debilen Titel „Klingelingeling“, der gekonnt weihnachtliche Besinnlichkeit in Zeiten allgegenwärtigen Telefongeklingels inszenierte. Angesichts dieser beiden so unterschiedlichen, aber starken Filme reibt man sich verwundert die Augen beim Anschauen von „Kein schöner Land“. Denn dieser ambitionierte Krimi geht trotz seiner hochaktuellen Bezüge kläglich unter.
Vielleicht muss man Plausibilität nicht immer überbewerten, an den Haaren herbeigezogene Plots und Zufälle können ja auch Stilmittel sein. In Frankfurt aber wirkt das diesmal nur bemüht und hilflos. Ein absurder Zufall wird vom nächsten noch absurderen Zufall abgelöst, es ist erheblich wahrscheinlicher, dass zeitgleich zwei Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten von einem Meteoriten erschlagen würden, als dass sich die im Film gezeigten Ereignisse tatsächlich ereignen könnten. Das Ärgerliche daran: Das hätte überhaupt nicht Not getan. Man hätte die gleiche Geschichte eben auch mit einem halbwegs glaubwürdigen Handlungsablauf erzählen können. Aber so laufen sich in einem fort alle Figuren des Films über den Weg, als sei die Mainmetropole ein Zweihundert-Seelen-Dorf. Wer sich von den Wendungen komplett überraschen lassen will, sollte jetzt besser nicht weiterlesen, aber um deren, äh, Stringenz zu demonstrieren, sei ein Nebenstrang kurz nachvollzogen: Die nach wie vor zauberhafte Mitbewohnerin von Kommissar Brix, Fanny, nimmt in echter Willkommenskultur einige Flüchtlinge auf, und weil eine Kopftuch tragende Frau darunter ist, die getrenntgeschlechtlich nächtigen soll, muss Brix sein Zimmer räumen. Im Gegenzug interessiert die Dame sich aber schwer für den Beruf des Kommissars und gleich anschließend für eine eigene berufliche Karriere bei der Polizei. Deshalb schaut sie mal im Kommissariat vorbei, wo sie beim Warten auf Brix auf die Fotos der verkohlten Leiche stößt, was sie wohl zu sehr an ihre, wie das jetzt immer heißt, Fluchtursachen erinnert, also rennt sie verschreckt davon, irrt später durch Frankfurt und wird zufällig Augenzeugin eines weiteren Brandanschlags, entdeckt dabei ihren polizeilichen Ehrgeiz wieder und verfolgt den Täter auf eigene Faust, begegnet dann aber, wie das Leben halt so spielt, in der Fußgängerzone dummerweise einer Gruppe betrunken vorbeitorkelnder Fremdenfeinde, die allein aufgrund der ansonsten in Frankfurt ja praktisch nie gesehenen Erscheinung einer Kopftuch tragenden Frau diese prompt anlasslos zusammenschlägt. Dumm gelaufen. Mit offenem Mund sitzt man vor dem Fernseher und fragt sich, wie ein dermaßen kruder Plot ausgerechnet dem sonst so verlässlichen HR durchrutschen konnte. Als weitere grotesk unfreiwillig komische Szene wird in Erinnerung bleiben, wie der immer etwas verschmuddelt wirkende Kriminalassistent Undercover in einer Rechtsextremen-Disco ermittelt und als Neuling dort erst mal mit Misstrauen betrachtet wird. Aber wie gewinnt man als Profi das Vertrauen des Ortsnazis? Genau: einmal herzlich „Heil Hitler“ rufen, schon sind die beiden beste Freunde. Gut, dass wir Ermittler haben, die mit allen psychologischen Wassern gewaschen sind und auch die raffiniertesten Methoden der zwischenmenschlichen Vertrauensbildung kennen.
Aber die Nazis sind ja auch nicht mehr, was sie mal waren, und deshalb tauchen im Gefolge hier – der TATORT geht mit der Zeit – die „Identitären“ auf, hier als „Kongruente“, die sektenartig versuchen, einzelne junge Frauen mittels WG-Anwerbung für ihren nationalen Wahn zu rekrutieren. Es gibt sicher viele Gründe, warum Menschen in rechtsextremes Gedankengut abrutschen – der hier gezeigte dürfte aber kaum dazu gehören.

Was dem Film an nachvollziehbarer Handlung fehlt, das hat er zu viel an Nebenkriegs- schauplätzen. Der gesamte Plot mit den bei Brix wohnenden Flüchtlingen ist für die eigentliche Handlung komplett entbehrlich, aber offenbar musste ganz unbedingt der Eindruck erzeugt werden, dass inzwischen praktisch in jedem deutschen Bett ein fremder Flüchtling herumliegt. Dass Brixens Flüchtlinge einerseits lustig-liebe, hartmanneske Gesellen sind, die die Wohnungseinrichtung zwecks Spracherwerb mit Post-it-Zetteln voller Vokabeln vollkleben, und andererseits dann aber doch plötzlich jemand, den man inzwischen wohl Asylbetrüger nennt, unter ihnen auffliegt, war wohl nötig, um den Mob der besorgten Bürger vom Sturm der HR-Zentrale abzuhalten. Nicht, dass man sich den Vorwurf des Gutmenschentums einfängt. Merke: keine Flüchtlingsdarstellung mehr, ohne nicht zu zeigen, dass die auch kriminell sein können. Da hat die AfD in den letzten zwei Jahren doch schon ordentlich die öffentliche Lufthoheit erobert.

Zum anderen wird in einem fort gesungen. Gefühlte Minuten quaken Chöre deutsches Liedgut in strammer Formation, als Kontrast dazu dürfen Brix und Janneke dann das anarchische Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ in voller Länge trällern. Und weil es wohl irgendwie auch um Dekonstruktion der deutschen Leitkultur gehen soll, zitiert der neue Chef ununterbrochen Ernst Jandl und teilt als Einstandsgeschenk kleine Werkausgaben voll konkreter Poesie aus. Spätestens da kotzt Ottos Mops tatsächlich.
Apropos Singen und Lyrik: Aufgepasst, jetzt wird’s schwer bedeutungsvoll: „Kein schöner Land in dieser Zeit“ knödelt der heimattümelnde Chor zu Beginn, „Land in dieser Zeit“ heißt der Film, und da hat er zweifellos Recht, schön ist es hier derzeit wirklich nicht. Wozu dieser missglückte TATORT leider seinen Teil beiträgt.
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