Advertise with Googlier.com Wolfgang Kochs Wienblog https://blogs.taz.de/wienblog Vom letzten Glanz der Märchenstadt oder wie es sich an der blauen Donau gerade lebt. Mon, 15 Jun 2026 12:26:05 +0000 de hourly 1 Der bartlose Hermann Nitsch als versprengter Suprematist https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/15/der-bartlose-hermann-nitsch-als-versprengter-suprematist/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/15/der-bartlose-hermann-nitsch-als-versprengter-suprematist/#respond Mon, 15 Jun 2026 12:26:05 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=5057 Der 2022 verstorbene Hermann Nitsch hat ein malerischen und graphischen Werks von monumentalem Ausmass hinterlassen. Ausstellungen fallen stets optisch opulent, meist aber wenig informativ aus. Das hat verschiedene Ursachen: Sammlungsbestände möchten möglichst repräsentativ gezeigt werden, Investoren wollen Verkaufsmanöver auf dem Kunstmarkt anschieben …

Auch Nitschs legendärer Appetit nach »more of the same« trägt bis heute zur Monotonie der Schauen bei. Österreichs erfolgreicher Universalkünstler propagierte so vehement die Kraft der Wiederholung, dass diese zu einer ontologischen Konstante von Schütt- und Rinnbildern, beklecksten Malhemden, Aktionsfotografien, Theatervideos und Buntstift-Farbskalen geworden ist.

Nitsch dachte zwar mit Vehemenz in Kategorien seiner Kunst, doch er handelte ab den 1980er-Jahren auch marktkonform, schuf Bilderserien, die sich in Produktion verliefen. — Um so überzeugender fällt die Ausstellung im Wiener Aktionismus Museum (WAM) aus, die seinen frühen Spuren folgt und das kunsthistorische Fundament des Monoliths vor unseren Augen freilegt.

5. Malaktion, 1962, Dispersion mit weißer Schlämmkreide und Ölkreide auf grundierter Jute, 190 x 300 cm / Foto: Sammlung Jaegers

›Hermann Nitsch 1960-1965‹ zeigt nach dem Umbau des Hauses unter Leitung des ehemaligen Albertina-Direktors Klaus Albrecht Schröder wie gewinnbringende Forschung heute aussehen kann. Schröder verwirklich hier seine Vision eines modernen Museums, in dem er die Aufmerksamkeit auf jenen kurzen Zeitraum fokussiert, in dem der Künstler für die zentrale Fragestellung seines Schaffens die entscheidenden Ausdrucksmittel zusammentrug.

Zu einer Zeit, als konkurrierende Formel-1-Fahrer noch miteinander befreundet waren und ihre Ehefrauen mit schwarzen Kleidern im Gepäck von Rennen zu Rennen reisten … zu einer Zeit, als die bevorstehende Mondlandung als Nonplusultra der Menschheitsentwicklung galt, erprobte der junge Hermann Nitsch – wie die Ausstellungsmacher im Katalog schreiben – Form, Ritual und Bedeutung »als strukturierende Kräfte eines ästhetischen Weltentwurfs«.

Splattered Rembrandt

In den seit dem Umbau weitgehend unterirdisch und verwinkelt verlaufen Galerieräumen stossen wir auf gezeichnete Kopien von Rembrandt-Radierungen aus der wichtigen Privatsammlung von Christian Duerckheim, die Nitsch 1957 zunächst im Zug seiner Ausbildung zum Grafiker angefertigt hat. Drei Jahre später begoss der damals 22jährige Wiener seine Kopien mit schwarzer Tinte und schwenkte das Blatt in der Luft, um spannende Rinnspuren zu erhalten.

100 Gulden Blatt, übermalte Radierung, 1957 – 1960, 34,4 x 50 cm, Slg. Neumann Wien / © Graphisches Atelier Neumann

Auf so einfachen und schlüssigen Wegen betrat Nitsch einen künstlerischen Kosmos, in dem er später Urszenen wie die Rückkehr in den Mutterleib, eine Wiederholung der Mutterleibsexistenz, technisch bewältigen könnte.

Die Ausstellung listet übermalte Radierungen, Zustandsdrucke der Übermalungen, früheste Rinn- und Schüttbilder, Wachsbilder, rohe und überarbeitete Dokumentarfotos der Malaktionen auf Papier und Leinwand (es gab acht in dieser Periode). Besonders aufschlussreich und ein optischer Leckerbissen: SW-Abbildungen nackter und behaarter Männerkörper mit Mullbinden, Blut und Gedärmen, die zusätzlich rot bekleckst wurden und so die zeittypische Ästhetik des Duplexverfahrens in Erinnerung rufen.

Für den Künstler war der Prozess des Malens wichtiger als das fertige Werk, mit und ohne Publikum. Die Frühwerke entstanden in seinem ersten Atelier im Technischen Museum, wo er als Grafiker tätig war. Auf Holzfaserplatten oder älteren Ölgemälden schuf er die ersten Exponate. Zum kollektiven Ereignis wurde das Action Painting dann im Perinetkeller in der Brigittenau, in Privatwohnungen und zwischen den Feldern draussen vor der Stadt.

Rinnende Menstruationsbinden

Im Keller des Museums stechen besonders zwei Serien mit Applikationen im Bild hervor: eine Serie von Menstruationsbindenbildern (Leihgeber Albertina) sowie eine Reihe von Reliktmontagen, in denen Taschentücher. Pflaster, Mullbindenstreifen auf Jute mit vertrockneten Blutspuren zu zentriert gesetzten Säulen aufgetürmt werden.

Menstruationsbindenbild, 1964, 112 x 83 x 10 cm, Sammlung Albertina / Foto: ALBERTINA, Wien – The ESSL Collection

Auffällig ist der geordnete Einzug des Hygienematerials in die Kunstgeschichte. Die ersten Mullbinden wurden ja bereits ein halbes Jahrhundert davor an Soldaten zur keimfreien Schnellversorgung von Wunden vergeben. Nachdem Krankenschwestern im Ersten Weltkrieg entdeckten, dass sich Gaze besser für die Aufnahme von Menstruationsblut eignete als die Stoffstücke, war auch der Weg zu Einwegbinden vorgezeichnet. Zur Zeit von Nitschs Frühwerk entdeckte die Industrie gerade, dass ein Vlieseinschlag das Monatsblut besser am Vorbeilaufen hindert als Mull.

Ohne Frage: Farb- und Formbewusstsein war für Nitsch die Deutung des Lebendigen als ereignishafte Handlung im Raum, und Symbolbewusstsein war die Deutung des Lebens als Traum. Dass er eine überzeugende Bildsprache für diese Erkenntnisse fand, verdankte er an erster Stelle der eigenen Stringenz und an zweiter Stelle dann einer Reihe von Begegnungen im Privatleben und internationalen Kunstgeschehen.

Nitsch (r.) mit Otto Muehl und Günter Brus in einer Pause  der 3. Aktion 1963 / Foto: Ludwig Hoffenreich, WAM, Sammlung Konzett

Sammlungsleiterin Julia Moebus-Puck gelingt anhand der ausgestellten Werke die spannende These, beim Frühwerk handle es sich um einen »Suprematismus des Leibes und der Materie«.

Zur Erinnerung: Die von Kasimir Malewitsch schon vor dem Ersten Weltkrieg mitbegründete Avantgardeströmung des Suprematismus beschränkte sich auf die Darstellung der gegenstandslosen Ideen in ihrer reinen Dynamik; die Gemälde dienen keinem anderen Zweck als ihrer eigenen Existenz.

Tatsächlich liegt eine Reihe von Verwandtschaften auf der Hand. Nitsch feierte geometrische Abstraktion zwar nichts als einzig gültige Sprache (er choreographierte Akteure, zeichnete Figuren), doch auch seine Arbeiten enthielten keine Geschichte, keine vordergründige Symbolik, keine versteckte Bedeutung. Es ging einzig und allein um die direkte sinnliche und emotionale Wirkung durch Farbe und Form.

Wie die Suprematisten beschränkte Nitsch die Farbpalette, wandte sich aber nicht dem Weiss, sondern dem Rot zu. Was die Ablehnung der Funktion und des gesellschaftlichen Nutzens betrifft, lag er allerdings nicht auf der Linie. Schon als jugendlicher Leserbriefschreiber hat er vorgeschlagen, die Verkehrssicherheit auf Österreichs Strassen durch Fahren mit Licht am Tag zu verbessern. Die Aktionsmalereien dienten ihm als Laboratorium für seine theatralisches Gesamtkunstwerk, und das wiederum zur Realisierung des »schönstes Fests der Menschheit«. Er hatte gewissermassen das Glück des Kosmos im Auge.

Der platonische Antrieb zu Nitschs Untergrundkunst war die Sehnsucht nach Harmonie und Schönheit (welche die unsterbliche Seele schon erlebt, aber durch die Körperlichkeit vergessen hat). Das Kernmotiv: Das Individuum kann durch ästhetische Empfindsamkeit die Vernünftigkeit der Welt, den Inbegriff aller Erscheinungen nachvollziehen.

Julia Moebus-Puck sieht das suprematistsche Programm vollends durch die »präzise Setzung der Materialien« erfüllt. Sie konzediert »eine Situation der Konzentration, in der sich der Blick verlangsamt und der Körper in ein stilles Gegenüber zum Werk tritt«. Im erzeugte Moment »existenzieller Präsenz« habe Nitsch die Brücke zwischen »Minimal Art und sakralem Bilddenken« geschlagen.

Das sind ausgesprochen kluge Thesen, lange erwartete, zur Diskussion herausfordernde, also genau der  Output, den die Öffentlichkeit von einer forschenden Institution erwarten darf.

Theologische Spekulationen

Für die Sammlungsleiterin verschränkt das Frühwerk unauflöslich »formale Strenge, sakrale Struktur und gesellschaftliche Grenzüberschreitung«. Sakralität sei von Nitsch nicht mehr dargestellt, sondern strukturell erzeugt worden. Sakralität sei nicht aus der Disziplin der Setzung, sondern durch Anwesenheit, durch Präsenz des Publikums entstanden. Für Moebus-Puck markiert das Frühwerk damit »einen Übergang von der symbolischen zur existenziellen Ordnung«.

Klaus Albrecht Schröder möchte Nitschs Werk vor allem von dessen philosophischem Gedankengebäude, der Theorie des OM Theaters, abgelöst wissen. Er hält eine »Entkoppelung der Kunst von ihrer historischen Entstehung« für notwendig; der theoretische Überbau des Totalkunstwerks habe »trotz seiner geistigen Tiefe bis zu einem gewissen Grad eine Bedeutungsschwund erlitten«.

Reliktmontage, Rosenbild, 92,5 x 146 cm / Foto: Sammlung Gernot Dolezal

Was meint das? Die Reliktbilder aus den Aktionen tragen für Schröder »eine dem Kult entlehnte semantische Last«, die Mestruationsbinden funktionieren wie das Turiner Leichentuch Christi, darin »lagern sich Leiden ab«, Tabuisiertes wird sichtbar gemacht. Und mit dem Einsatz von Kaseln sei Nitsch nicht dem Kunstpriestertum Gustav Klimts und Stephan Georges gefolgt, sondern habe im Priester eine »Täterfigur« gesehen.

Das alles sind diskutable Perspektiven, die der lahmen Nitsch-Forschung frisches Blut zuführen. Und weil die Thesen Rezeptionsgewohnheiten umstürzen wollen, schiessen sie auch munter übers Ziel hinaus.

Die Botschaft des OM Theaters, so es eine gibt, ist meiner Ansicht nach simpel und kann von jedem Mensch jederzeit verstanden werden. »Um ganz geboren zu werden«, sagt die Nitsch-Philosophie, »um unsere Ganzheit entfalten zu können, müssen wir aufhören, das Leben hinauszuschieben und mit allen Sinnen im Augenblick ankommen«. Wer diesen aufwühlenden Gedanken in seinen Handlungen beherzigt, benötigt gar keine intellektuellen Begriffsmonster wie »Seelenheil«, »spirituelles Empfinden« oder »Sakralität«, die Nitschs Schaffen unter theologischen Konstrukten der Wirklichkeit einreihen.

Nitsch während der 3. Aktion, 1963 / Foto: Ludwig Hoffenreich, WAM, Sammlung Konzett

Hermann Nitsch hat seine Philosophie bewusst von der George Batailles Sakralsoziologie ferngehalten. Er verschlang die Angst-Studie des Schweizer Pfarrers Oscar Pfister (1873-1956) und bediente sich wie dieser des psychoanalytischen Vokabulars, um den religionszentrierten Diskurs zu überwinden.

Nitschs Arbeit am Gesamtkunstwerk war auch nicht vom II. Vatikanischen Konzil beeinflusst, wie behauptet wird, sondern vom deutschen Priester Odo Casel (1886-1918), Mitbegründer der Mysterientheologie und Kopf der katholischen Liturgischen Bewegung, die den Messkanon seit den 1920er-Jahren reformierte.

Nach meinem Darfürhalten hat sich der Aktionskünstler und Theatermann Nitsch in seinem Werk viel schärfer vom Tabubruch, der Provokationskunst und der Resakralisierung der Aktionshandlung abgewandt, als seine heutigen Interpretationen meinen.

Verbale und schriftliche Äusserungen einer bildenden Künstler·in sind wertvolle biographische Dokumente, – doch Ideen gehören zur Genese des Werkes und nicht zum Resultat. Arbeitshypothesen eines Künstlers zählen zum Atelierbedarf wie Abbrechmesser und Weinflasche, ihr geistiger Inhalt darf aber nur im Sonderfall der Inschrift als werkimmanent angesehen werden.

Tritt man an ein schwarzes Schüttbild aus dem Jahr 1960 (Dispersion auf Hartfaserplatte, Sammlung Jaegers) heran, kann man eine blaue Inschrift am rechten Rand von oben nach unten lesen. Bei den fünf Zeichen handelt sich um die »ORGIENURFORMEL« – mit ihr hat Nitsch den abschliessenden Nachruf auf das eigene Leben bereits gegeben:

l x l = +

So wie das richtige Denken im Falschen einen Zweck erfüllt, den der Selbsttäuschung, erfüllt auch das Philosophieren und theoretische Spekulieren im Atelier einen Zweck: die Sensorik zu wecken und das Erlebte in eine somatische Erfahrung zu übersetzen. Alles anders ist vom ästhetischen Standpunkt des Kunstschaffenden aus schon Politik, Religion, Wissenschaft, was auch immer, jedenfalls nicht sein eines Terrain, und darum nur mit Vorsicht zu betreten.

Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass in unserer Zeit eine umfassende Datenerfassung aller menschlichen Lebens- und Todesäusserungen vor sich geht und nicht vorgeprägte Selbstäusserungen in Nischen und Blasen abgedrängt werden. Von dieser Seite her hat die künstlerische Äusserung eine zusätzliche Berechtigung.

Wir sind nun einmal zur Komplexität verurteilt, und was eine Künstlernatur über ihr Werk hinaus äussert, behauptet das Selbst gewiss nicht mit derselben Dringlichkeit wie das Werk, aber es ist eben auch nicht nutzlos für alle.

Die handwerkliche Ausführung des 200 Seiten starken Katalogs ›Hermann Nitsch 1960-1965‹ hinkt der intellektuellen Leistung der Textbeiträge leider hinterher. Der Ausstellung ist eine Verlängerung bis weit in den Herbst hinein zu wünschen.

Wie schon die eindrucksvolle Ausstellung ›ExistenzFest‹ im Theatermuseums Wien in Kooperation mit dem Museum Villa Stuck, 2015 kuratiert von Hubert Klocker, setzt auch das WAM hier einen Standard, an dem sich zukünftige Schauen messen lassen müssen.

© Wolfgang Koch 2026

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/15/der-bartlose-hermann-nitsch-als-versprengter-suprematist/feed/ 0
Verlogene Neutralitätspolitik der österreichischen Bundesregierung https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/04/verlogene-neutralitaetspolitik-der-oesterreichischen-bundesregierung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/04/verlogene-neutralitaetspolitik-der-oesterreichischen-bundesregierung/#respond Thu, 04 Jun 2026 09:56:59 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=5044 Die TV-Bilder sind noch ganz frisch: Österreichs Aussenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos) fällt der Grünen-Politikerin Ulrike Lunacek um den Hals; hochrangige Diplomaten der österreichischen Delegation bei den Vereinten Nationen springen von den Sitzen auf und hüpfen wie Gemsen durch die Bankreihen. Nach 15 Jahren hat die Alpenrepublik zum vierten Mal einen nichtständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat ergattert.

Dieser politische Erfolg ist keineswegs das Ergebnis einer kolportierte 20 Millionen Euro teuren Bewerbungskampagne Österreichs mit Mozartkugeln, Schnitten und Marillenmarmelade, wie die liberale Aussenministerin der Öffentlichkeit suggeriert. Der Abstimmungserfolg geht auf zwei Faktoren zurück: a) auf das Konto der Konkurrenz, nämlich der auf Wiederaufrüstung versessen Bundesrepublik Deutschland, und b) auf die Zurückhaltung der Vetomächte gegenüber dem neutralen Kleinstaat.

Österreichs Wahl in das ramponierteste aller Gremium der Weltpolitik verspricht eben mehr Aussicht auf friedensfördernde Missionen und Resolutionen als die drohnensurrende Rhetorik der deutschen »Versuchsstation des Weltuntergangs«.

Nutzen im Kalten Krieg

Aber, ach, das neutrale Österreich! Es stimmt zwar: Die Alpenrepublik hat eine lange und beeindruckende Reihe von Erfolgen seiner Nichtparteinahme in militärischen Konflikten vorzuweisen. Wien beherbergt den drittwichtigsten Sitz der Vereinten Nationen. Das österreichische Bundesheer leistet überproportional viele Blauhelm-Einsätze in Krisengebieten.

Und im Architekturzentrum Wien kann man derzeit die Ausstellung global/neutral besuchen, die eindrücklich zeigt, wieviele transnationale Engagements Österreichs Architekten 1955-1989 getätigt haben, weil der Neuralitätsstatus der kleinen Nation während des Kalten Kriegs in Afrika und Asien enorme ökonomische, technische und kulturelle Vorteile verschafft hat.

Doppelter Standard

Nun aber, Achtung! Österreichs Drei-Parteien-Regierung verdient Misstrauen. Die goldenen Jahre des Abseitsstehens und der Friedensvermittlung, meist angeschoben von sozialdemokratischen Politiker·innen, sind längst vorüber. Dass das knapp und elegant formulierte Neutralitätsgesetz zur zivilisatorischen Heuchelei verkommen ist, gelang Innenminister Gerhard Karner (ÖVP) am Tag nach dem Triumpf in New York mit einer rüden Absage an den Schutzstatus von Kriegsunwilligen und Deserteuren aus der Ukraine zu demonstrieren. 

Architekt Norbert Heltschl mit dem Bischof von Mahenge Elias Mchonde bei der Präsentation des Projekts für einen Bischofssitz für Ifakara, Tansania. / Foto: Architekturzentrum Wien, Sammlung

»Aus unserer Sicht ist es sinnvoll«, erklärte Karner im ORF-Interview, »dass Männer im wehrfähigen Alter keinen automatischen Schutzstatus mehr bekommen«. Im Klartext heisst das: Männliche Ukrainer sollen gefälligst in Uniform stramm stehen und gegen den ewigen Feind im Osten vorrücken. Der Vertreter der neutralen Bundesregierung setzt sich in den Brüsseler EU-Gremien dafür ein, wehrfähige Personen aus der Hängematte am Wörtersee zu locken und in das granatenbelegte Grabengelände vor russischen Beschuss zu treiben.

Aryashahr (heute Fuladshahr), Isfahan, Iran, Luftbild, 1970er Jahre
/ Foto: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Djamshid Farassat

Hier haben wir ihn wieder: den Prestigegeist, der einst die k.u.k Monarchie in den Selbstmord getrieben hat. Das Einzelgewicht des Menschen zählt nichts!

Mit dem Neutralitätsbonus, der Österreich auf der internationalen Bühne erneut Sitz im UN-Sicherheitsrat einträgt, hat Karners blutiger Stumpfsinn absolut nichts zu tun. Wer sich dem Morden in der Ostukraine entzieht, darf in einem neutralen Land nicht ausgegrenzt und bestraft werden — im Gegenteil: Wer immer auf russischer oder auf ukrainerscher Seite desertiert und in ein demokratisches Nachbarland flieht, hat dort bevorzugt Asyl zu erhalten.

Ausstellung ›Global – Neutral. Architektur aus Österreich in Afrika und Asien 1955–1989‹ bis 5. Oktober 2026 / Foto: Reiner Riedler

Die Doppelzüngigkeit der österreichischen Bundesregierung unterminiert den Staat, die Moral, die Gesellschaft. Die Schuld dafür fällt auf ein kriegslüsternes Europa, das meint, den dramatisch abschmelzenden Massenwohlstand durch eine gigantische Rüstungsproduktion retten zu können.

© Wolfgang Koch 2026

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/06/04/verlogene-neutralitaetspolitik-der-oesterreichischen-bundesregierung/feed/ 0
Versuchter Exorzismus am Hermann-Nitsch-Kosmos https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/31/versuchter-exorzismus-am-hermann-nitsch-kosmos/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/31/versuchter-exorzismus-am-hermann-nitsch-kosmos/#respond Sun, 31 May 2026 10:55:19 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=5015 Jede Freakshow kann ein Heiterkeitserfolg zu sein, wenn sie sich nur nicht als ernsthafte Performance-Kunst missversteht. Genau das aber war bei Florentina Holzingers mehrstündigem ›Pfingstspiel‹ im Wiener Eislaufverein und auf Schloss Prinzendorf der Fall. Der geballte Einsatz von Wiener Festwochen, Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) und Nitsch Foundation hinterliess einen mehr als zwiespältigen Eindruck.

Dass wir es bei dem Spektakel mit Momenten von Selbstmissbrauch im Dienste avantgardistischer und materialistischer Kunst zu tun hatten, bestätigt bereits die Hilflosigkeit der Berichte. Nicht einmal die glatt gebürsteten Journalist·innen und Influencer wurden sich über eine Einordnung des Dargebotenen einig: Was für manche »eine schlüssige, provokante Idee« von »schockierende Dringlichkeit« war, oder »ein ekstatisches Ritual aus Blut, Schmerz und religiöser Bildmacht«, hielten andere für den »wilder Zirkus« einer »Amazonentruppe« oder für »spektakuläre Aktionen wie vom Jahrmarkt«.

›Pfingstspiel‹ aus der Programmschiene ›Republic of Gods‹ der Wiener Festwochen im Hof von Schloss Prinzendorf im Weinviertel / Foto: W. Koch

Die Ratlosigkeit der Medienvertreter·innen spiegelt ihr unsicheren Vokabular wieder. Berichte assoziierten »neuheidnische Wiccas« im Fackellicht, erkannten mal über dem Boden baumelnde »Apostelinnen«, dann wieder »euphorisch schaukelnde Märtyrerinnen für die Kunst«. Handfeste Zweifel wurden direkt aus dem Publikum laut: mangelhafte Logistik, chaotischen Abfahrt der zehn Busse für über 700 zahlende Besucher·innen, überforderten Staff-Mitglieder, nicht kommunizierte Schauplatzwechsel, unterbespielte Vidi-Walls, ständiger Raummangel beim Gaffen.

Der österreichische Boulevard war pflichtschuldigst zur Stelle, raunte etwas von einem »blutigen Pfingstspiel«. Und die Gegenseite natürlich auch. Männliche Babyboomer – Wolfgang Huber-Lang von der Austria Presse Agentur (APA), profil-Kulturchef Stefan Grissemann – begeistert sich für den feministischen Appell an weibliche Selbstermächtigung in einer angeblich noch immer den weiblichen Körper weitestgehend als Projektionsfläche männlicher Fantasien betrachtenden Gesellschaft.

Aber, hallo! Wurde da tatsächlich in szenischer Effekthascherei und mit musikalischem Bombast eine stereotype Männlichkeit mit Kostümen und Selbstverletzungen bezwungen? Hat die höchst energetische Künstlerin dem zahlenden Publikum tatsächlich mit einem »fucking exciting and legendary« Hexentreffen die verhasste symbolische Ordnung des Vaters ausgetrieben?

Urteile der Kunstkritik

Ann-Katrin Günzel (Kunstforum) erkannte in »grossen, überwältigenden Bilder« der zweiteiligen Performance »Referenzen an Hypermaskulinität«, in »martialischsten Maschinen« erkannte sie einen »Ausdruck des Patriarchats«, und eine auf die Erde herab schwebende Paragleiterin überzeugte sie mit ihrer »betörenden Leichtigkeit« am Himmel.

Camille Moreno (Parnass) grübelte über Pornografie und Schweineblut. Für sie rüttelte die Performance an den der Nacktheit gewöhnlich angehefteten Annahmen und legte offen, wie viel Bedeutung auf sie projiziert wird. »Die Sexualisierung dieser Körper fühlt sich am Ende unangenehmer an als ihre Entblössung per se«. Und: »Im Gegensatz zu Nitschs theatralen Substituten ist das Blut hier menschlich und wird in Echtzeit vergossen, wodurch das Dargestellte zur körperlichen Tatsache wird«.

Für das deutsche Grossfeuilleton reagierte im Leitblatt F.A.Z. Wiebke Hüster vernichtend auf die girlboss-feministische Selbstermächtigung. Die Grande Dame der Ballettkritik, die vor drei Jahren beruflich Opfer einer Körperverletzung wurde, diagnostizierte einen »Technik-Fetisch« bei Holzinger und einen »Körper-Fetisch« bei Holzingers Publikum. Der Geist fehle garantiert beiden.

Michael Wurmitzer (Der Standard) profilierte Holzinger im Überblicksbereich der Wiener Kulturszene als »eine, die die Grenzen dessen, was wir von uns selbst denken und wie wir uns selbst gerne sehen, übertritt. Zugleich eine, die in der heimischen Kunstgeschichte populäre Vorreiter hat«. – Gewiss hat sie das: Vorreiter! Aber diese Vorreiter heissen nicht Valie Export, Günter Brus und Hermann Nitsch, sondern Grete Urbanitzky aus dem Salon Schwarzwald, André Heller und Cabinet 9 aus der Grundsteingasse.

Verballhornung des Meisters

Ein respektvoller Umgang mit Nitschs Lebensspuren? Iwo! Davon war Pfingsten 2026 nicht die Rede. Wenigstens ein respektvoller Umgang mit seinem Werk? Auch das nicht. ›Pfingstspiel‹ hatte von Beginn an viele Risse, die auch durch das strahlend schöne Wetter nicht gekittet werden konnten. 

Es werde definitiv orgiastisch, lautete Holzinger Ankündigung. Monstertruck, Pyrotechnik, Wheelie-Artistik, »No War«-Gesang der Sängerin Lane Shi Otayonii … das für den Eislaufverein angekündigte ›Oratorium für Körper und Maschinen‹ begann mit dem Reenactment einer legendären New Yorker Aktion der US-Choreografin Trisha Brown von 1970 (›Man Walking Down the Side of a Building‹) über die zwölf Stockwerke des Hotelgebäudes.

Der Vergleich macht sicher: Geselliges Pfingstfest 2014 zur Lebzeit des Schlossherren / Foto: Bernhard Rothkappel

Stunden später ging es im Weinviertel mit einer parodistischen Bildproduktion weiter. Dazu muss man wissen: Im monumentalen Theater von Hermann Nitsch enthält das Rinnbild den Augenblick die Zeit, so, wie ein stilles Meer den Umriss eines Schiffes enthält. Dabei ist es vollkommen egal, wie Farbe oder Blut auf das Objekt aufgebracht werden.

Holzinger liess ihre Performerin am selben Ort in der Mitte der Leinwand ohne Fussleiste an einem Hüftgurt baumeln und mit einer Korbbrille schützen. In dieser lächerlichen Kreuzigungs-Pose besprühten zwei Drohnen den Frauenbody mit angemischtem Kunstblut – ein glatter Akt von Motivzerstörung!

Nitsch hat Kulissen und Requisiten konsequent als Illusionstheater verbannt. Die beiden am Höhepunkt des Sechstagespiels 1998 (100. Aktion) aufgebotenen Panzerfahrzeuge waren selbstverständlich echt und drehten lärmend und Gedärme zerquetschend im Hof eine Runde. Als damals Zuschauer·innen spontan Blumen auf die Gefährte warfen, weil sie die evozierte Wucht der Grausamkeit nicht aushielten, brüllte sie der Künstler vor laufender Kamera zusammen.

Warum ist jeder Nitsch-Fan

im Grunde sein eigener Fan-Club?

Herman Nitsch ging es gerade nicht um eine Demonstration seiner Friedensseligkeit, sondern um das Bewusstmachung eines Seins, das untrennbar beides ist: Leben & Tod, Liebe & Hass, Friede & Krieg, Chaos & Ordnung. Das OM Theater dreht sich nicht um Politisches oder Gesellschaftliches, sondern um die Frage des geistigen Bewusstseins von uns selbst.

Schluss mit der Unterhaltungskunst … die tragischen Abgründe des Daseins berühren … Anwesende in Spielteilnehmende verwandeln … als geläuterte Person aus der Performance hervorgehen! – Das war Nitschs Programm und Sendung. Klug kalkuliert und theoretisch umfassend begründet.

Die mehrtägigen Spiele in Prinzendorf hatten immer den Reiz, die inneren Wände einzureissen und einander zu begegnen. Florentina Holzinger jedoch: – die liess einen Sperrholz-Panzer bauen und ihn von einem Monstertruck zerquetschen – kein Einfall, den die Welt braucht, um sich drehen zu können.

Im Strom der Leere

Für den Enthusiasmus der gelenkten Presse verwandelte Holzinger das Dabeisein in »so etwas wie kontrolliertes Gaffen«, sie transformierte, so lesen wir, »Voyeurismus und morbide Neugier in ein (gesellschaftlich akzeptiertes) kollektives Erlebnis«. Das passt perfekt zu einem Europa, in dem immer mehr ältere Frauen DJs werden und raven gehen, weil es ihnen »so guttut«.

Justine Konradt (Monopol) will im Auftritt splitterfasernackten Performerinnen »eine feministische Kaperung des männlich dominierten Aktionismus« erkannt haben. Zitat: »Schliesslich waren die Wiener Aktionisten nicht dafür bekannt, Frauen besonders gut zu behandeln, im Gegenteil: Vielfach objektifizierten und sexualisierten sie Frauen und weibliche Körper, degradierten sie zu Statistinnen in ihrer Kunst. Dass Florentina Holzinger und ihrem Ensemble nun diese Bühne geboten wird, ist vielleicht auch als Versuch einer Wiedergutmachung und Richtigstellung zu verstehen. Das vielleicht Inspirierendste an diesem Tag ist die Selbstverständlichkeit, mit der all diese Frauen während der gesamten neunstündigen Veranstaltung nackt sind, sich in ihren so verschiedenen Körpern sichtlich wohlfühlen. Diese Nacktheit ist eben nicht Teil einer Rolle, sondern vielmehr eine innere Haltung.«

Für das ehemalige Nachrichtenmagazin profil »retourniert Holzinger ungerührt die Blicke potenzieller Voyeure« und stellte sie damit bloss. Kleiner schien es für Beobachter in der barocken Kulisse einfach nicht zu gehen. Etwas »Sakrosanktes« musste an diesem Samstag stürzen, mindestens die gottgegebene Geschlechterordnung zu Bruch gehen.

Warum, frage ich mich nach dieser pathosbeladenen Entweihung, sollen unbekleidete Frauen eigentlich nicht auch Spass mit Bikes und Monstertrucks haben? Die Bewohnerschaft ganzer Kontinente sehnt sich nach Frieden und Entspannung. Nur vermag halt niemand zu erklären, was dieses Begehren mit dem »Existenzfest« von Hermann Nitsch zu tun haben soll.

Nicole Scheyerer (Falter) behauptet, dass in Nitschs OM Theater Frauen »stets eine passive, untergeordnete Rolle spielten«. Sie hat offenbar noch nie die Namen Hanel Koeck-Gorsen, Katarina Biber, Christine König, Veronika Schwegler, Hanna Hollmann, Rita Nitsch und Katrin Sturm gehört. Keine dieser Damen spielte in der Logistik / Organisation oder im Aktionsgeschehen der Nitsch-Spiele eine unkreative Rolle.

Entblösste, an Fallschirmen zur Erde schwebende Knabenleichen sind in Nitschs unspielbarer Partitur ›Die Eroberung von Jerusalem‹ (1977) eines der eindringlichsten Trauerbilder des Künstlers für den Unfalltod seiner zweiten Ehefrau Beate Nitsch. Was machte Florentina Holzinger aus diesem hochdramatischen Motiv? Die nackte Gleitschirmlenkerin Fibi Eyewalker, der Helm in Taubenform, landete auf der niederösterreichischen Ackerkrume, pisste, verschluckte kunstvoll ein Schwert und zog dann unter Trara mit einer wehenden Neutralitätsfahne in den Schlosshof ein.

Das bitte wäre doch für jedes Camp-Festival ein ausreichend bizarrer Einfall! Im Performance-Diskurs ist es so fehl am Platz wie ein Stotterer beim Parapsychologen.

Holzingers Installationen und Performances bekennen sich leider nicht zum eigenen Kitsch. Diese Künstlerin meint die Friedenssymbolik so ernst wie festes Schuhwerk und Desinfektionsmittel. Keine Arroganz ist bekanntlich so unerträglich, wie die, die aufklärerisch daherkommt.

Wir haben Holzinger und ihr Ensemble noch bei keiner Friedensdemonstration auf der Strasse gesehen, zum Beispiel beim Protest gegen die deutsche Wiederaufrüstung vor der Waffenproduktion der Firma Rheinmetall in Wien-Liesing. Nein, Holzingers geschmäcklerischer Antikriegsprotest spielte wie ein Kindertheater vor zahlenden Gästen, was den besonderen Intensitätsgrad politischer Gefühle nicht aktivierte, sondern kommerziell ausbeutete und in der freudearmen Welt kalt stellte.

Hier wurde der politische Rohstoff der Gefühle in einem simulierten Kulturkampf verwertet. Lars Henrik Gass, prominentes Opfer aktivistischer Wut, erinnert uns eindringlich an eine vergessene Wahrheit: »Der Staat muss keine Plattformen für politischen Aktivismus fördern. Politische Aushandlungsprozesse haben ihren Raum in demokratischen Strukturen – dazu zählt etwa auch das Demonstrationsrecht –, nicht in der Kultur. Mit anderen Worten: Kultur ist nur dort, wo Politik nicht ist […] Frei ist Kunst nur dort, so sie ins Offene zielt, wo Meinung endet«.

Mit ›Pfingstspiel‹ hat Holzinger der Gesinnungskunst in Prinzendorf den Boden bereitet. Rigoros, blauäugig, ohne Augenzwinkern. Die Schriftstellerin Camile Paglia kritisiert seit Jahrzehnten am Feminismus, dass er unfähig ist, die enormen Leistungen von Männern anzuerkennen. Diesen Fehler wiederholt er immer wieder, die Kuh wird bis zum Äussersten gemolken, und am liebsten im Kulturbereich, wo der politische Aktivismus der letzten Jahre geprägt ist durch höchst autoritäre, teils sogar organisierte und vor allem regressive Schrumpfformen öffentlicher Intervention, die zur Obstruktion der kulturellen Leistungen führt.

Künstlerischer Trumpismus

Warum fehlt Holzinger, dieser Frau von der letzten Insel in Nova Afrika, die Artistic Energy  zu wirkmächtigen Bildern? Warum gelingt ihr dramaturgische Arbeit nicht über Parodien, Persiflagen und Reenectments hinaus? Weil sie einfach auf zu vielen Kirchtagen tanzt. Sie wird, wenn sie so weiter macht, am Ende ihres Schaffens auf einem ähnlichen Scherbenhaufen sitzen wie heute Gerhard Rühm, gestern Maître Leherb und vorgestern Bertha von Suttner.

Nichts soll sich setzen,

nichts zur Ruhe kommen

Ich habe Holzingers Spektakel das Produkt eines »traurigen Trumpismus« genannt. Falls das erklärungsbedürftig ist, hilft eine Analyse der aktuellen US–Politik der Journalistin Olivera Stajić weiter. »Trumps Welt«, schreibt die amtierende Theodor-Herzl-Preisträgerin, »ist laut, glänzend und permanent auf Effekt ausgerichtet. Das Grobe, Grelle und Überinszenierte erscheint dabei nicht als Stilbruch, sondern als Beweis von Stärke, Authentizität und Winning. Hier wird Macht nicht über institutionelle Würde kommuniziert, sondern über maximale Sichtbarkeit«.

Genau das lässt sich auch über Holzingers künstlerischen Trumpismus sagen: flache Bildgags, Heldenhumor, genossene Schmerzlust, giftige Augenspritzer! Ihre Abnormitätenschau funktioniert wie ein Social-Media-Feed, wie ein permanenter Strom von Reizen. »Skandal folgt auf Skandal, Bild auf Bild, Provokation auf Provokation, ein vergoldeter Pokal auf einen weiteren. Nichts soll sich setzen, nichts zur Ruhe kommen. Die Aufmerksamkeit wird nicht gelenkt, sondern überlastet«.

Was bei Donald Trump wie Gold glänzt, ist bei Holzinger Nacktheit. Was bei Trump KI-Slops sind, sind bei ihr verstohlen fabrizierte Selfies. »Die Überinszenierung, die KI-Slop-Bilder und der permanente Hang zum zu viel, zum zu laut, zum zu grell ergeben zusammen eine politische Ästhetik der Dauerirritation und Provokation«, sagt Stajić über den MAGA-Amerikaner. »Trump erhebt Trash zum Standard und zum politischen Kampfmittel. Mass, Zurückhaltung oder gar Scham sollen daneben als Schwäche erscheinen« (Der Standard, 20-05-2026).

Warum durchschauen die kunstaufgeschlossenen Frösche den Bluff in der Politik auf Anhieb, im eigenen Teich aber nicht? Ich denke, die Schwäche der Inszenierung erkennen alle sehr wohl. Doch wer 120 Euro für die Vorstellung berappt hat, der findet noch an der auf-zufliegenden Klapptür der Prater-Geisterbahn, am weissen Gespenst oder an der Wasserleiche im Horrorlabyrinth, die ihre Arme aus dem Tümpel reckt, Gefallen, nur um sich die Fehlinvestition nicht eingestehen zu müssen.

Aufgehobene Abendmahltafel

Das Schlussbild: 13 unbekleidete weisse Ladys, an Metallhaken in ihrer Rückenhaut hängend, welche bekanntlich dichter ist als die Gesichtshaut, und von Puppenspielerfäden über den Banketttisch in die Höhe gezogen. Die wohlwollende Lesart sah in diesem Bild geschundener weiblicher Körper, die da in der Luft hingen und bluteten, eine Stärkung. Nachdem Männer jahrhundertelang Frauenkörper missbrauchten und ausbeuteten, empfand sie, holten diese sich nun die Macht über ihre eigenen Körper zurück.

Jacques Callot: Die grossen Schrecken des Krieges. Der Galgenbaum / Abbildung: Wiki Commons

Ohne rosa Brille ergab die Blasphemie ein ziemlich komisches Bild: Im Licht weiss-roter Spots wirkte die nächtliche Installation wie eine alberne Mischung aus a) dem Zaubertrick der »Schwebenden Jungfrau«, b) gerupften und zum Braten bereiten Batteriehühnern, und c) Jacques Callots berühmter Meisterradierung »Grosser Schrecken des Krieges« (1632). Das Publikum glich dabei den verschiedenen Regimentern, die sich um den mächtigen Galgenbaum versammelt haben, um der Hängung der feindlichen Marodeure beizuwohnen.

Aufbruch in die Wüste!

Die Angst vor tiefen Empfindungen ist ein weit verbreitetes Phänomen in unserer Kultur. Der Drang alles schnellstens zu erledigen, kämpferisch und polemisch zu sein, macht den Menschen jedoch eng und nicht offen! Das gilt für das »reflexive Knallerbsentum« (Jürgen Klaube) von Festwochen-Intendant Milo Rau genauso wie für das Showbusiness seiner Beflügelten.

So geht man mit einem gewaltigem Erbe um: 75 Jahre Lucky Luke im Egmont-Band ›Zarter Schmelz‹ von Ralf König

Zum Vergleich: Der Grossmeister des Schwulcomix, Ralf König, vergriff sich bereits zum fünften Mal am poor lonesome Cowboy, ohne das verdammte Genie des Schöpfers Morris [Maurice De Bevere] zu schänden und Lucky Lucy schwul zu machen. Warum gelang Holzinger keine ehrbare Nitsch-Hommage?

Weil hier ein Kategorienfehler vorlag! Eine Freakshow entspricht in wesentlichen Teilen einfach nicht dem logischen Ausdruck eines Existenztheaters, »welches die Lebensprozesse der Spielteilnehmer zum dramatischen Ereignis erhebt« (Hermann Nitsch, 1970). Parodie, Travestie und politische Belehrung produzieren im Gesamtkunstwerk, das reales Geschehen zur Anschauung bringt, nur unsinnige Aussagen und regressive Albernheit.

Gelungene Performance lebt von dem, was sie nicht ausspricht. Gelungene Kunst hat gelernt, wie klar ein Geschehen sein muss, um für den Bruchteil einer Sekunde Licht zu werfen auf das Gewebe der Wirklichkeit. Dass wir uns in dieser Hinsicht gesellschaftlich nicht auf einem Hochplateau befinden, steht gleich unter »Krieg«, »Massenarmut« und »Digitalrausch« in der Trauerbilanz unserer Tage.

Der Autor schaut Ralf König auf der Vienna Comix über die Schulter / Foto: Marie Obermayr

Wo Holzinger top ist – als Boxenluder-Parodistin, beim funkensprühenden Rodeoritt auf dem Autodach, bei Trial-Motorrad-Stunts, beim Donnergrollen an der Schlossfassade –, trägt sie Eiswürfel zu den Inuits. Wo Holzinger flop ist, blamiert sie Österreichs Kunst- und Kulturbeiräte.

Nitsch war der festen Überzeugung, in seinem Freundeskreis eine hohe Geschmackskultur entwickelt zu haben. Wie fein die ästhetische Sensorik ausgebildet war und ist, zeigt sich heute dort, wo sich Leichtfertige übereilt und ohne Bedacht auf das Orgienmysterium berufen.

Holzingers Einladung zum Burning Man Projekt in Black Rock City ist vermutlich nur mehr eine Frage der Zeit. Genau dort gehört das zirzensische Spekakel auch hin. Dort braucht es keine Triggerwarnungen. Fun 4 all and all 4 fun!  Im Wüstensand Nevadas, 150 km nordöstlich von Reno, wird es vor einem Millionenpublikum garantiert einen fulminanten Welterfolg feiern.

© Wolfgang Koch 2026

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/31/versuchter-exorzismus-am-hermann-nitsch-kosmos/feed/ 0
Der traurige Trumpismus der Florentina Holzinger https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/19/der-traurige-trumpismus-der-florentina-holzinger/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/19/der-traurige-trumpismus-der-florentina-holzinger/#comments Tue, 19 May 2026 15:26:58 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4973 Keine Frage, die österreichische Tänzerin und Choreographin Florentina Holzinger hat sich in der europäischen Tanz- und Performance-Szene lange auf ehrliche Weise Lorbeer verdient. Besonders ihre frühen Kollaborationen mit dem niederländischen Performer Vincent Riebeek haben bis heute nichts an ihrer Prägnanz und emotionaler Eindringlichkeit verloren. Seit 15 Jahren wird die Künstlerin dafür von Festival zu Festival weitergereicht, mit Engagements, Aufträgen und Preisen überhäuft.

Die Wienerin hat sich durch harte Arbeit ein treues Fanpublikum erarbeitet. Das Niveau ihrer Programme reicht zwar nicht an die aktuellen Tanzproduktionen von Sharon Eyal, Gai Behar oder Sidi Larbi Cherkaoui heran. Das hindert die Lichter der österreichsche Medienlandschaft aber keine Sekunde, Holzingers Panthéonisation mit drei !!!-Zeichen auszurufen.

Das ehemalige Nachrichtenmagazin profil  schwadroniert schon seit geraumer Zeit vom »Weltrang« der Künstlerin. Thomas Trenkler behauptet in der Tageszeitung Kurier belegfrei, Holzinger habe in diesem Jahr mit der Gestaltung des Österreich-Pavillons den »meistdiskutierten Biennale-Beitrag« in Venedig geliefert. Und die stets aufmerksame Presse-Kritikerin Almuth Spiegler schwärmte vom »Interessantesten, was man auf Bühnen derzeit sehen kann«, – um im nächsten Schritt eine Moderation des Artist-Talk auf offener Museumsbühne zu übernehmen.

Seltsame Bräuche, und keinesfalls österreichisch. Nein, ein System! Wir haben es bei Holzingers gehypten Brachialperformances nämlich mit Embedded Journalism zu tun, bei dem Kunstkritiker wie Kriegsberichterstatter im Krieg einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen werden. Den PR-Glanz der allseits Gefeierten trommelt in den alten und den neuen Medien eine Berliner Werbeagentur herbei. Dieses Office hat eingefleischten Berichterstattern das Presseticket für Holzingers ›Pfingstspiel‹ in Prinzendorf sogar wieder entzogen, als sich für die erwünschte Lobhudelei willfährigere Journalisten und stärkerer Reichweite auftaten.

Auch ich, der ich 2018 den verstorbenen Künstler in meinem Band ›Finding Hermann Nitsch‹ mit Holzingers Arbeiten bekannt gemacht habe, erhalte keine Möglichkeit mehr zur Live-Berichterstattung. Vorbei die Zeiten der offenen Rede! Die Tanzkünstlerin und die Veranstalter – Wiener Festwochen, Freie Republik Wien, Nitsch Foundation – benötigen keine Vertreter der Öffentlichkeit, die sich ausschliesslich den Qualitätskriterien der Kunst und dem Publikum verpflichtet fühlen.

Holzingers professionell hochgepeitscher »Erfolg« ist im Grund genommen ein Trauerspiel. Ihre Causa zeigt überdeutlich, was wir immer schon wussten, aber nicht wahrhaben wollten: dass der Kunstbetrieb zum Kriegsschauplatz ungebremster kommerzieller Interessen verkommen ist, zur Climax von Ruhmsucht und dem Wunsch nach Zugehörigkeit zu einer internationalen Celebrity.

Florentina Holzinger macht keine Weltkarriere. Nein, sie inszeniert Spektakel auf dem Niveau von Partievergnügungen, serviert den Anblick nackter weisser Frauenkörper Aperol trinkenden Voyeuren. Ihr Biennale-Projekt SeaWorld Venice flutete den Pavillon mit Wasser, füllt einen Tank mit gereinigtem Besucher·innen–Urin und schickt eine nackte Performerin auf einem Jetski durch den kahlen Museumswürfel.

Ein weiblicher Donald Trump

… gibt’s das?

In Hannover zeigt die »Superstar-Choreographin« derzeit nackte Skaterinnen auf einer Halfpipe – und natürlich hält dies die Vogue Germany »für ein Lehrstück über gesellschaftliche Doppelmoral«. Empörung muss bei dieser Provokationskunst ja gar nicht mehr einsetzen, sie wird im Energiefeld manipulierter Berichterstattung vorausgesetzt, um die behauptete »verbürgerlichter Überheblichkeit« anzuklagen und die »dringende Notwendigkeit solcher Inszenierungen« zu beschwören.

Florentina Holzinger steht seit dem Winter bei der weltweit agierenden österreichischen Galerie Thaddaeus Ropac unter Vertrag. Sie skizziert Ideen und lässt sie von Produktionsfirmen unter gewaltigem Mitteleinsatz ausführen. Mit schärfsten Marketingmethoden, ein Bastelbiographie und strotzender Siegermentalität versuchen so anonyme Investoren einen neuen Namen am Kunstmarkt zu etablieren.

Gegen industrielle Verfahren ist in der Kunst des 21. Jahrhunderts grundsätzlich nichts einzuwenden. Christo und Jeanne-Claude haben bei ihren unvergessenen Verhüllungsprojekten stets eine Vielzahl von Logistikern und Ingenieurinnen beschäftigt. Der Punkt aber: Die beiden haben kein Projekt ohne den Support lokaler Initiativen umgesetzt; und sie haben den kollektiven Entwicklungsprozess mit all seinen Rückschlägen zum Kunstwerk erklärt, und nicht erst das ästhetische Endresultat.

Hat Holzinger auch nur einen Moment daran gedacht, die Anrainer·innen des Wiener Heumarkts oder die Dörfer an der Weinviertler Autobahn in ihre Arbeit miteinzubeziehen? Nein, hat sie nicht. Ihr erratisches Agieren basiert auf dem Abkupfern von Ideen anderer. Auf PKW-Dächer montierte Harfeninstrumente, die sich als Konvoi in Bewegung setzen, sind einem nie realisierten Konzept für das deutsche Denkmal für die ermordeten Juden Europas entnommen: dem Projekt ›Überschrieben‹ (1997) von Rudolf Herz und Reinhard Matz, das die im Wagen vernehmbare Pflasterung eines Autobahnkilometer auf der A7 bei Kassel vorsah.

Von den Veranstaltern diktiertes Imagefoto / Abbildung: Florentina Holzinger

Holzingers Choreomanie arbeitet mit der These, spektakuläre Sichtbarkeit sei die zentralen Voraussetzung dafür, dass zeitgenössische Kunst in das öffentliche Bewusstsein gelangt. Diese These ist schädlich und falsch. Sie behauptet im Kern ein öffentliches Bewusstsein, dass als Einheit überhaupt nicht existiert. Dazu sind Fragmentierung und Manipulation unserer Wahrnehmung durch mediale Vermittlung schon viel zu weit fortgeschritten.

Was wir im 21. Jahrhundert erleben, ist die Ermordung des Denkens und Empfindens durch tyrannische Bildwelten. Das Sichtbare ist zum Markt geworden, der unaufhörlich jede Hoffnung auf Freiheit und Veränderung löscht. In dieser Situation kann durch visuelle Provokationen ausser dem Artisten selbst niemand mehr etwas gewinnen. Genuss gelingt nur mehr durch Ausdruck von Freude, analog und kommunikativ abgerüstet.

Österreich-Pavillon auf der Biennale 2026 / Foto: Esther Attar-Machanek

Nackte Frauen warnen vor gar nichts, auch nicht in einer Glocke. Die kunstinformierte Welt fragt sich darum: Wer hat Florentina Holzinger im Oktober 2017, vor der Aufdeckung des Weinstein-Skandals, zurückgelassen? Der direkte Vergleich ihrer Venedig-Installation mit dem Originalmotiv im ›Jüngsten Gericht‹ von Hieronymus Bosch (1486) macht das Urteil sicher. Niemand würde sich den artistischen Akt des Fallklöppenschwingers je ansehen, wenn er von einem alten Mann vorgeführt würde.

Kritischer Meme-Kommentar an einem fahlen träumerischen Mittag / Abbildung: Screenshot

Camp, Trash und Popkultur bilden Holzingers biederen Referenzrahmen. Schauen Sie einfach genau hin! Die Kletterakte ihrer bronzierten Performerinnen kommen visuell nie über den Aufbruch der Hexen in der Walpurgisnacht bei Luis Ricardo Falero hinaus … »Gemma Noackerte schaun, Prater oder Hawelka?«, sagt der Volksmund in Wien. Dazu gibt es jetzt eine Alternative.

Luis Ricardo Falero: Witches going to their Sabbath (1878), Öl auf Leinwand, Privatsammlung / Monza

Holzingers Seaworld–Elemente stammen aus Disney-Revuen, die Selbstverletzungen aus dem BDSM-Koffer des deutschen Mittelstands … »Wir schliessen untereinander Wetten ab«, sagt Holzinger über ihr Publikum, »wann der Erste umkippt«. Inszenierte und grell beleuchtete Selbsterniedrigung von Frauen lässt sich babyleicht mit dem grassierende Girlboss– und Marktfeminismus in Verbindung bringen. Wer dem Anblick von artistischer Autoaggression standhält, suggeriert Holzingers sadomasochistische Artistik, überwindet einengende Geschlechter-Sterotypen und ermächtig sich selbst.

Das ist natürlich blanker Unsinn, künstlerischer Trumpismus, Abnormitätenschau und damit ein Amoklauf westlicher Bildmaschinen, mit ironischem Blinzeln unterstützt von der Künstlerwitwe Rita Nitsch, die ihr Barockschloss eine Stunde vor Wien »zum grössten internationalen Performance-Zentrum« zu machen verspricht.

Holzinger hält das niederösterreichische Prinzendorf für einen geradezu »sagenhaften Ort« und schiebt hinterher: »Wo anders sollten wir uns des Pfingstmythos bemächtigen?« Doch an der 386-Einwohner-Gemeinde an der Zaya ist absolut nichts sagenhaft, ausser vielleicht der Erdäpfelpfarrer Johann Eberhard Jungblut, der von hier aus im 18. Jahrhundert die Knolle im Habsburgerreich einführte. Dass für Hermann Nitsch mit dem Ankauf des Schlosses durch seine zweite Frau Beate ein Kindheitstraum in Erfüllung ging, ist keine Legende, sondern historischer Fakt.

Zum rekuperierten Pfingstfeiertag weiss Holzinger nicht mehr zu sagen, als dass es in ihrer »neunstündigen Sache«, die sie »Étude eines Rituals der Zeit« und nicht »Aktion« nennt, irgendwie um den Heiligen Geist und die »Symbolik des Windes« geht.

Der gierige Kapitalmarkt greift

nach der Aktionskunst

Die mit öffentlichen Geldern betankte Künstlerin ist nicht in der Lage, eine einzige Frage von Fachjournalisten zu ihrem Tanzstil zu beantworten. Sie speist die Vertreter der Öffentlichkeit, wo diese noch unkontrolliert bis zu ihr vordringen, mit Banaliäten ab wie: »Das kulturelle Erbe beschäftigt mich schon sehr lange«. Sie demonstriert, wie Festwochen-Intendant Milo Rau, gedankenlos »Lust, Prinzendorf zu bespielen« und hält den Schlosshof mit zahlenden Gästen für einen »öffentlichen Raum«, was er gerade nicht ist.

Lag Nitschs monumentaler Theaterkonzeption eine ausgefeilte und auf tausenden Seiten dargelegte Theorie zugrunde, stolziert das ›Pfingstspiel‹ der 40-Jährigen mit intellektuellen Seifenblasen durchs Feuilleton: »Für mich als Österreicherin ist es spannend, mich mit dem Katholizismus auseinanderzusetzen, weil man so viel unbewusst aufgenommen hat, obwohl meine Eltern gar nicht religiös waren. Zudem hat die Kirche eine krasse Theatralik«, oder: »Frauen haben sich im Alltagsleben mehr mit ihrem eigenen Körper beschäftigt, Männer mit der Katharsis«.

Nein! Wer innovative zeitgenössische Kunst sucht, muss dieses Getöse mit den aus der Bauchlade verteilten kulinarischen Schmankerl meiden. Wem noch orphische Gesänge im Ohr klingen oder wem noch durchscheinende Poësien vor Augen stehen, der findet sich nicht bei dieser trumpistischen Sichtbarkeitsproduktion ein.

Wachsamer Untergrund

Dass Kunst nicht so leer und deprimierend sein muss wie der gegenwärtige Hype in Venedig, Hannover, Bregenz, Wien und Prinzendorf, sondern Hermann Nitschs Nachleben auch eine freundliche, konstruktive und kreative Seite besitzt, hat kürzlich eine Samstagnacht in einem Wiener Erdkeller nachgewiesen. In dieser Nacht wurde das grosse Gewordene der »Superstar-Choreographin« mit performativer Leichtigkeit vom Werdenden in Frage gestellt.

In der subkulturellen Performance-Szene, der ich mich im Folgenden widme, beschwört niemand »mit Feuerwerk und Glocken, Musik und Motorrädern die Erinnerung an einen Ort, der kaum wie ein anderer für radikale Performance steht« – nein, im verborgenen Wiener Keller vollzogen vier junge Künstler·innen, die alle unbezahlt in den letzten Jahren am Orgien Mysterien Theater mitgewirkt haben, das theaterrevolutionäre Erbe des Meisters, wie er sich das schöner und wirkungsvoller nicht wünschen hätte können.

Erst 2024 haben Mads Marone (CH/USA), L. Meïko Touraille (FR), Marco Galletti (IT) und Alina Trionow (DE) das »non-dualistische«« und »nicht-hierarchische« Kollektiv SENSORIUM gegründet und inzwischen in einem Dutzend europäischer Städte Performances veranstaltet.

Rund dreissig Menschen finden sich zu ihrem Act im Souterrain-Lokal eines Wiener Aussenbezirks ein. Der Abend beginnt weit nach 21 Uhr und mit neugierigen Blicken durch Fensterscheiben von der Strasse in den anarchistischen Buchladen. Das erinnert exakt an die räumliche Situation des Perinetkellers, in dem 1962 die Wiener Aktionisten zu ihren kanonisierten Materialexzessen fanden. Und tatsächlich werden später, genau wie seinerzeit in der Perinetgasse 1, Passant·innen die Gesichter an die Scheiben drücken, um einen Blick auf das ungewöhnliche Geschehen zu erhaschen.

Durch kollektives Lesen entfesselte Klangaktion / Kamerastill: L. Meïko Touraille

Die Akteure tragen teils Alltagskleidung, teils Kostüme und Masken. Als alle Neugierigen einen Sitz- oder Stehplatz im Kellerraum gefunden haben, greift sich eine in fleischfarbenes Nylon gehüllte Person mit weiblichen Kurven ein Buch von einem Stapel und beginnt einen theatertheoretischen Text vorzulesen. Dabei bleibt es nicht. Minuten darauf greift sie nach einem weiteren Buch, schlägt es auf und drückt es dem nächststehenden Zuschauer in die Hand. Bald lesen etwa zwanzig Anwesende in allen möglichen Tempi, Stimmlagen und Sprachen aus den Büchern des Antiquariats. So entsteht ein kakophonisches Soundgemisch, und allen wird klar: Wir sind nicht als dumpfe Zuschauermasse geladen, der hier etwas vorgeführt werden soll. Ja, es gibt Performer·innen in der Mitte des Raumes, aber wir alle sind unausweichlich Partizipant·innen des Ereignisses, das seinen Gang nimmt.

Nitschs stiller Geist schmeckt

wie Kartoffel aus der Asche

Als dieser kollektive Erkenntnisschritt vollzogen ist, verzaubert eine minimalistische Live-Band (E-Guitar, Waldhorn) die Atmosphäre und SENSORIUM greift zu härterem Tobak. Bizarre Tanzfiguren, Gymnastiksprünge, eine über den Boden huschende menschliche Spinne; die Nylonfee wird mit Stofffetzen, Schaumgummiwürsten, zermatschten Äpfeln, Gras und Semmeln zu einem überlebensgrossen Michelin-Maskottchen ausgestopft, welches mechanische Lebenszeichen von sich gibt.

Aufgeblasene Aktionsheroine beim Krafttraining / Foto: Dennis Alp

Gras, doch, doch, da liegt auch geschnittenes Gras unter den am Boden verstreuten Materialien! Ich denke an gleichmässiges Gemecker, das meinem Schmerz geschwisterlich teilt, wie im Gedicht von Umberto Saba (»Quell’uguale belato era fraterno al mio dolore«). Die wilden Ziegen kommen von den Bergen, streichen durstig ums Haus und verenden vor der Schwelle …

Der nach einem komischen Muskel-Posing vor unseren Augen erschöpft hinsinkende Heroinenkörper evoziert die ganze kulturanthropologische Ableitungslinie der menschlichen Zivilisation: Tieropfer – symbolisches Tieropfer – Selbstopfer (Gottessohnopfer) …

Hingabe entspricht der Tugend / Foto: Miles Pflanz

Das Opfer liegt zerebral und finster wie ein Memento Mori in der Liegeposition eines Katakombenheiligen auf der Erde, der mit dem Blut aus dem Tintenfass die Wahrheit in das Buch des Lebens schreibt. Das ist doch ganz etwas anderes als nackte Frauen auf Skateboards! Das lässt Glückssträhnen und Wahrheiten des Körpers aufblitzen. Spielerisch assoziativ gelingt es dem Kollektiv das Hier und Jetzt als Kategorien der Realität in unser Bewusstsein gegen das Noch-Nicht oder Nicht-Mehr einzusetzen.

Milch für Einsame und Introvertierte / Foto: Enrico Pacella

Es folgen Milchschüttungen auf den liegenden Körper des Michelin-Maskottchens, und das dargebotene Bild mutiert zu einer Maria lactans: Wir saugen einzeln, einer nach dem anderen, wie der Horusknabe aus Schläuchen überschiessende göttliche Milch. Das von einer Milchlache entstellte Frauengesicht der zwischendurch mit Wein gestärkten Performerin, atmet nur mehr durch einen Strohhalm.

Den Anwesenden kocht das Blut im Schädel / Foto: Miles Pflanz

Schreckstarr das Opfer, scheintot, furchtlahm, ohnmächtig, in einem wechselnden unbestimmten Zustand. Den Anwesenden schlägt das Herz bis zum Hals, das Blut kocht im Schädel, Eingeweide kollern, Schweiss steht auf allen Poren.

Schauend wird der Leib ermatten / Foto: Joseph Sakoilsky

Wichtig zu sagen, ist: Die Handlungen und Bewegungen der Akteure illustrieren nicht, sie fixieren Momente – Momente des Ungehorsams, der Verlassenheit, des verletzlichen Randes; die Bewegungen kalkulieren Ideen ein, in denen sich das Empfinden und Denken ausbreiten kann. Gesten suchen Einzelheiten auf, um Einblick in die kompakte Diskretion der Welt zu geben. Und der Ablauf beschränkt sich auf das Echo der Anwesenden, die seine Wirklichkeit durch Wiederholung auskosten.

Nächste Schule des Irrtums

Als sich der Kataklysmus des Geschehens, die Komplexität des Wahrnehmungangebots, nicht mehr steigern lässt, geschieht erneut etwas Unerwartetes. Die Performer·innen des Kollektivs wechseln dynamisch in die Rollen von Figuren-Darstellern: sie werden zum »Tanzpaar«, zum »Betrunkenen«, zum »Tschick-Schnorrer«, zur liegenden »Odaliske« mit dem Glimmstengel im Mund. Einem heftig der Verwandlung widerstrebenden Männerkörper – er tobt, wälzt sich am Boden –, wird gewaltsam ein weisses Hemd und ein schwarzem Anzug übergezogen.

Aus allen Akteuren werden nun Partygestalten, die unsere Gegenwärtigkeit als hedonistisches Moment spiegelt. Die Aktionsbesessenheit, in der Kräfte der Zerstörung und Kräfte der Kreativität zur gleichen Zeit wirkten, weicht Genuss und Gelassenheit. Schon ist die erste Bouteille entschraubt, schon kreisen gefüllte Becher im Raum. Der Maskenträger spielt zum Gaudium der Odaliske mit Zigarettenrauch, den er durch einen Schauch ein- und hinter der Maske wieder ausatmet.

Finale Auslotung neuer Geselligkeit / Foto: W. Koch

Nach 45 Minuten ist die Kellerperformance unmerklich im festlichen Beisammensein der Anwesenden entschwunden. Die Kollektiv-Mitglieder relaxen mit Getränken in der Hand und überlassen es vollkommen der Empfindsamkeit des Publikums – wieviel Spannung im Raum halten wir denn aus? –, durch Applaus den Schlusspunkt ihrer Radical Precence zu setzen.

Chapeau! Das kann als gelungene Kunst gelten. Als Pfingstfest! Das atmet den Geist des Wiener Aktionismus, das schliesst imposant und wohlüberlegt an den verrückten Geist der Nachkriegs-Avantgarden an. Und noch etwas: Das unwiederholbare Kunstgeschehen basiert bei SENSORIUM, anders als bei Holzinger, auf theoretisch formulierten Überlegungen. So heisst es etwa im MANIFESTO NO. 4, die Gruppe glaube, dass das Leben nichts anderes sei als Poësie. »Wir schaffen durch Performance eine Öffnung für Chaos, um in einen Zustand der Liminalität einzutreten, um uns zurückzusetzen und Resonanz zu finden.«

In den Performances von SENORIUM geht es nicht darum, tätowierte Furien auftrumpfen zu lassen, es geht nie plump darum, »für ein paar verstörende Momente zu sorgen« (Holzinger). Dem Kollektiv geht es selbstverständlich auch nicht darum, eine Freakshow für Selfies zahlender Gäste zu veranstalten, – sondern, man höre, die praktischen Auswirkungen der »Kommerzialisierung des Körpers« im sozialen Zusammenleben zu erforschen. SENSORIUM zielt, wie Nitschs überragendes Lebenswerk, darauf, ein Individuum zu schaffen, das auf sich selbst hören kann, das sich kennt und gewisser Weise in sich selbst ruht. Ein Individuum, das sich mit erhobenem Haupt (und ohne Mobiltelefon in der Hand) unter seinesgleichen bewegen kann.

Es macht absolut mehr Spass, Teil der Performance als blosser Zuschauer zu sein! Es macht mehr Spass, jungen Künstler·innen zu folgen, die nicht in die Adabei-Spalten der Neuen Kronenzeitung drängen. Anders als der von dem Quartett bewunderte Hermann Nitsch arbeitet SENSORIUM ausdrücklich an »Identitätsverschmelzungen, um kollektive, nicht-hierarchische Körper mit gemeinsamen Positionen zu schaffen«. Anders als der tief verehrte Künstler vertritt das Kollektiv die Auffassung, dass Sprache sehr wohl einen Dienst in der Aktion zu leisten vermag. »Sprache kann einfach Klangmaterial sein und als assoziatives Sinneswerkzeug dekonstruiert werden«.

Dass diese kluge, unkaputte, Coolness und Geist ausstrahlende Untergrund-Performance in der anarchistischen Buchlade von Rudolfsheim-Fünfhaus kein Einzelfall für das kreative Nachleben des Prinzendorfer Schlossherren ist, dass tatsächlich eine lebendige, pulsierende Alternative zum erfolgsgeilen Hully Gully-Kommerz existiert, beweisen auch ein paar Zeilen in einem anderen Subkultur-Kontext, den der Nitsch-Virus infiziert hat.

So lesen wir in der kryptokonservativen Online-Zeitschrift Fiume das Pamphlet ›Orgien Mysterien Rave‹ von Philipp Goenitzer. Darin heisst es: »Das Orgien-Mysterien-Theater ohne Rave ist Romantik; der Rave ohne Orgien-Mysterien-Theater ist Technik«, und der junge Dokumentarfilmer prophezeit für die Zukunft: »Wir sind dem Tod [von Hermann Nitsch] noch so nah, dass [seine Partituren] bislang als unwiederholbare Entitäten gelesen werden. Aufgrund ihrer memetischen Virulenz werden sie alsbald andere Wirte befallen und in ihnen mutieren«.

Sie sind schon da, die Superspreader! Nur eben nicht dort, wo Hermann Nitsch sich das gewünscht hat.

© Wolfgang Koch 2026

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/05/19/der-traurige-trumpismus-der-florentina-holzinger/feed/ 2
Elias Franziskus Grüner : Ein letztes Wintermärchen 2/2 https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/14/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-2-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/14/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-2-2/#respond Tue, 14 Apr 2026 06:27:41 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4942 5. SZENE

In einer Samstagnacht, zwölf Tage nach der Eröffnung der Ausstellung, niemand kann es beobachten, klettert eine dunkle Gestalt die Doppelturmfassade der Jesuitenkirche herab, schleicht auf Katzenpfoten in das Kirchenschiff und zerstört mit wenigen beherzten Handgriffen Elias Franziskus Grüners MANIFESTUS-Installationen. Krachend zersplittern die Vitrinengläser auf den Steinböden, der Mamorsockel der Ente bricht in Stücke, die tierischen und pflanzlichen Objekte purzeln über die Stufen.

Als der Schaden gegen 21 Uhr von einem Jesuitenbruder entdeckt wird, ist der Täter schon wieder verschwunden. Da hat er sich bereits in der Manier von Spiderman zurück in die Nische der Fassade begeben und hält dort unbewegt still, um keinen Verdacht auf sich zu lenken.

Vandalenakt? Verspätete Tierbefreiungsaktion? Hilflose Expression ultramontanen Beleidigseins? / Foto: Elias Franziskus Grüner

Die ermittelnden Polizeikräfte verfolgen alle möglichen Spuren. Sie übersehen dabei den architektonischen Ansatz auf der Fassade nicht, können aber unmöglich entscheiden, ob nun der Ordenstifter Ignatius selber oder der von ihm geschändete Ketzer als Übeltäter in Betracht kommt. Niedere beziehungsweise höhere Motive hätten schliesslich beide.

Ignatius könnte die ausgestellten Objekte für ein symbolisches Gottessohnopfer gehalten haben. Diese Vorstellung könnte den Basken aus dem Königreich Navarra dazu verleitet haben, durch die Zertrümmern das Leiden des Herrn rituell nachzuvollziehen (imitatio Christi) . Das wirft allerdings die kriminalistische Frage auf, warum der Adelige das heimlich getan hat und danach wieder wie Lots Frau zur Salzsäule erstarrte.

Gemeine Sachbeschädigung? Ikonoklasmus? B’soffene G’schicht? / Foto: Elias Franziskus Grüner

Für die Ermittlungsbehörden kommt freilich auch eine Impulskontrollstörung des Ketzers als Tatmotiv in Frage. Wie weit kann Verblenduung gehen? Hat dieser Häretiker der christlichen Lehre im unbeobachteten Augenblick der finsteren Nacht vielleicht blinde Rache für die jahrhundertelange Verfolgung seines Irrglaubens genommen?

Die Tatortsicherung der Wiener Sicherheitsdirektion kommt zu keinem verwertbaren Schluss.

6. SZENE

Gross der Jammer, tief der Schmerz bei dem Veranstalter, dem Künstler und in der Öffentlichkeit. Die stets geistesgegenwärtige Tageszeitung Die Presse vermeldet unverzüglich den beunruhigenden »Vandalenakt« und ordnet den Skandal routiniert in die aktuellen Kulturkämpfe ein. »Die Stimmung zwischen zeitgenössischer Kunst und extremen politischen und religiösen Gruppen ist aufgeheizt wie lange nicht«.

Der Künstler verfasst eine Jeremiade über die »vehemente Gewalt«, die seiner Installation »zuteil wurde« und vermutet eine »heftige«, quasi fehlgeleitete »Reaktion« auf eine andere Ausstellung, nämlich auf Objekte im Künstlerhaus, die »als blasphemisch und religiöse Gefühle verletzend aufgefasst wurden«. Das klingt schon fast nach einer Rechtfertigung des Bösen.

Der Künstler zitiert den vergessenen Philosophen G.W.F. Hegel und weitere sechs Koryphen der europäischen Geistesgeschichte, er zitiert vier hochrangige Künstlerkollegen, bemüht zwei Weltreligionen, und er erläutert die verlässliche Farbqualität von Bio-Schafblut. Tod! Geist! Göttlichkeit! Gemütlich soll es nach diesem feigen Anschlag niemand mehr haben.

Der Künstler beteuert, die toten Insekten doch ganz harmlos auf seinen Spaziergängen einzusammeln, die präparierten Tiere gebraucht auf Flohmärkten zu kaufen, und die Mäuse im Tierfutterhandel, und zwar »bevor sie an Schlangen verfüttert werden«.

»Jede Form ist an einen dualistischen Zustand gebunden. Um sie zu definieren, muss man Grenzen setzen« / Foto: Lorenz Seiler, eSeL.at

Der Künstler gibt Interviews. Er sei christlich getauft, beteuert er, Mitglied der evangelischen Kirche. Er empfinde sich durchaus als spiritueller empfänglicher Teilnehmer an der Menschheit und er fühle sich jetzt sogar ermutig, weitere Werke in Kirchen, Pfarrsälen und Aufbahrungshallen auszustellen. Das klingt alles sehr glaubwürdig. Wir bemerken aber auch, dass es ihn nicht interessiert, ob die Welt christlich als Schöpfung oder wissenschaftlich als naturgesetzmässig geordnete Ansammlung von Atomen hervorgegangen ist, sprich: aus dem Urknall. Physis und Kosmos sind ihm einerlei.

Der Künstler sagt: »Ich bin ja mit den Tieren aufgewachsen, die Menschen haben mir nicht viel gesagt. Ich hatte darum das Bedürfnis, ihnen noch einmal diesen besonderen Status zu geben«.

Der Künstler sagt: »Klar, es ist da etwa Transzendentes. Die Kunst ist für mich eine Form der Vermittlung des Geistes, der Liebe Christi, der Erleuchtung, wie auch immer«.

Der Künstler sagt: »Ich bewege mich in [Hegels] Sprache der Kunst und möchte auch Klarheit schaffen. Wie können wir diese intellektuelle Fähigkeit vereinfachen? Nun, wir nehmen den Körper, das Physische, das Verletzliche, das Vergängliche und schaffen eine Ausstellung. Wir entfernen die Filterorgane des Organismus (Nieren, Leber, Darm, Lunge, usw.) und ersetzen sie durch das wahre Selbst«.

Der Künstler sagt: »Mit dem Tod möchte ich zeigen, was sterblich ist. Die tiefe Fragestellung lautet: Was bleibt, wenn alles Zeitliche abgelegt ist? Eine durch Kunst aufgeklärte Sichtweise auf die Welt, die bleibt«.

7. SZENE

Temporäre Wiederaufstellung für das Fotoshooting / Foto: W. Koch

Nach Wochen treffen neue und elegantere Vitrinen am Schauplatz des Frevels ein. Sie werden kurzfristig für ein Fotoshooting mit den restaurierten oder erneuerten Kunstobjekten auf die Seitenaltäre gesetzt. Zu einer echten Wiedereröffnung der Ausstellung kommt es allerdings nicht mehr. Der Kurator will im Kirchenraum partout keine Kamera hängen und keinen Security-Mann stehen haben. Dazu hat die Gesellschaft Jesu weder Geld in der Kasse, noch ist so ein Wunsch nach Wehrhaftigkeit bei ihr vorhanden. »Natürlich ist dieser Raum verletztlich«, versichert der Kurator. »Aber lieber verletzlich [sein], als die Alternative der völligen Sicherheit und des Schutzes«.

8. EPILOG

Zur Finissage von ›Ein erlösendes Ende, ein endloser Anfang‹, so lautet der sprechende Titel der Sonderschau, werden die schmucken neuen Vitrinen noch einmal für Publikum aufgebaut. Der Künstler verändert die ursprüngliche Anordnung, pflanzt nun den vergoldeten Ehrenstrauss in der Stanislauskapelle vor das Pedrellenbild, auf dem die Heilige Barbara sich ans Herz fasst. Die vergoldete Ente platziert der Künstler sinniger Weise in der Schutzengelkapelle, wo sich bei ruhiger Aviatik Antonius von Padua an die Hand des Jesuskinds schmiegt.

»Er hat euch Gefieder zum Gewand, Fittiche zum Flug gegeben« / Foto: Lorenz Seiler, eSeL.at

Der tote Vogel landet diesmal in der Annenkapelle. Dahinter Franz Xaver mit dem flammendem Herz Jesu. Eine graue tote Maus liegt in der Leopoldskapelle, ein neu eingesetzer, aber schon ziemlich verschrumpelter Minikorpus, der den Künstler vor Jahren auf der Strasse gefunden hat.

Der Kurator schreitet endzeitlich ernst vor den Augen von zwanzig Besucher·innen mit dem Weihrauchfass den Mittelgang auf uns ab. »Der beste Weihrauch«, lässt er am Mikrophon die Laien wissen, »kommt aus dem Oman«.

»Durch tiefe Selbstreflexion sollte der Betrachter erkennen, dass er sowohl einen vergänglichen als auch einen ewigen Teil in sich trägt« / Foto: W. Koch

Erneut interpretiert er Grüners Strategie, im Kirchenraum »nicht so geachteten Tieren gegenüber Ehrfurcht zu zeigen«. Er schildert seinen Schrecken, als er vom Vandalenakt in seinem Gotteshaus erfahren hat. »Da hat irgendjemand einen Rappel bekommen« [eine abwegige Handlung gesetzt]. »Oder jemand glaubte die Religion gegen ihre Feinde verteidigen zu müssen«. Anders als bei der Vernissage ordnet der Kurator des Künstlers totes Getier diesmal einem ominösen »Energiefeld« zu, an dem andere draussen – er meint das Künstlerhaus, die Wiener Festwochen und die Biennale Venedig –, quasi unerlaubt »herumdoktern« [es zu heilen versuchen].

Im Anschluss an die warnenden Worte schlürfen zwölf Kirchenkunstfreunde vorgerückten Alters in die Sakristei, um den gekühlten Jesuitenwein zu verkosten.

© Wolfgang Koch 2026

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/14/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-2-2/feed/ 0
Elias Franziskus Grüner : Ein letztes Wintermärchen 1/2 https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/12/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-1-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/12/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-1-2/#respond Sun, 12 Apr 2026 09:03:34 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4939 1. SZENE

Vienna-City, Dr.-Ignaz-Seipel-Platz, zu jeder Stunde bei Tageslicht. Wir stehen vor der Doppelturmfassade der ehemaligen Universitätskirche Mariae Himmelfahrt, wie viele barocke Jesuitenbauten mit übereinander gestellten Riesenpilastern errichtet nach dem Vorbild von Il Gesù in Rom. Unser Blick führt in das Obergeschoss zu den unteren Nischenfiguren nach römischem Vorbild. Sie zeigen die beiden, strikten Gehorsam verlangenden Ordensgründer der Jesuitenbrüder, also gewissermassen die geistlichen Herrscher über den Platz: links über dem Schriftzug »IGNATII« die Stifterfigur des Ignatius von Loyola, rechts Francisco de Xavier.

Zwei Männer aus den Lebzeiten der ausgehenden Reformation. Historische Gestalten, für die das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche der konkrete Stellvertreter Christi war.

Sehen wir etwas genauer hin, bemerken wir, dass der Heilige Ignatius mit dem linken Bein triumphierend auf den Kopf einer liegenden Figur hintritt: das nun – O, Schreck! – ist die Allegorie des vermaledeiten Ketzers. Er wird hier mitten am helllichten Tag in himmlischer Herrlichkeit misshandelt.

Da schau her! Eine glorifizierende Darstellung von physischer Gewalt! Eine demonstrative Geringschätzung der unendlich kostbaren Seele des gottesebenbildlichen Menschen! – Und das seit rund 325 Jahren vor den Augen von ganz Wien! Das gewaltverherrlichende Bildwerk kümmert heute nicht einen einzigen der über zwei Millionen Stadtbewohner·innen. Ombudsleute für »Hass im Netz« schweben ungerührt an dieser Monstrosität vorbei. Spezialisteninnen für »Artefakte eines Gewaltsystems« würdigen das schändliche Verbrechen keines Blickes. 

Das linksliberale Protestmilieu Wiens ist seit Jahren vollauf damit beschäftigt, das nur hundert Schritte entfernte Denkmal für Bürgermeister Karl Lueger dem politischen Spott der Gegenwart preiszugeben. Dieser bürgerliche Ersatzkaiser hat sich 1887 des grassierenden antisemitischen Zeitgeists schuldig gemacht. So etwas darf heute im Stadtbild natürlich keinesfalls ungesühnt bleiben.

Und noch ein paar Schritte weiter, da kreisen gerade aufgeregt moralisierende Akademiker·innen das Wiener Aktionismus Museum (WAM) kampagnenartig ein, weil dort ein Wortführer der vertretenen Kunstströmung, der strafrechtlich verurteilte Otto Muehl, angeblich in jeder seiner Lebensphasen zutiefst verachtenswerte »Täterkunst« geschaffen hat.

»Das Fundament der Existenz gründet allein auf dem Verständnis, dass sich Formen spielerisch vor unseren Augen verändern« / Foto: Lorenz Seiler, eSeL.at

Von uns aus! Soll bitte sein! Die hektische Betriebsamkeit der Beleidigten und Empörten muss schliesslich auf der grösstmöglichen Bühne als Opferwettlauf inszeniert werden. Allein, der brutale Ignatius in der Mitte des lateinischen Viertels, der kratzt heute kein Gemüt.

Wir zögern, vom Vorplatz in das Kircheninnere einzutreten.

2. SZENE

Natürlich ist der katholische Riesenorden der Gesellschaft Jesu, entsprungen aus dem Freundeskreis um Ignatius, längst nicht mehr aus einem Guss, also gefesselt an die dynamisch entfaltete Barockseele, eine Apparatur von wunderbarer Perfektion. Schon die grossen aufklärerischen Franzosen bis Voltaire waren prächtige Jesuitenzöglinge. Der ausserordentlich verehrungswürdige US-amerikanische Jesuit Daniel Berrigan drang im September 1980 in eine Atomwaffenfabrik ein und zerstörte mit dem Hammer Atomsprengkopf-Hülsen, um die kriegstüchtige gemachte Menschheit an ihre Verantwortung für den Weltfrieden zu erinnern.

Seinem Selbstverständnis nach lebt das Jesuitentum aus dem Glauben an eine endzeitliche Entscheidung, die niemand vorwegnehmen darf. Das ist alles klug zu bedenken. Der Orden verweigerte seinerzeit den christlich dekorierten absolutistischen Staaten den Kniefall. Die Jesuitenbrüder suchten, so hat es Friedrich Abendroth zum 400. Todestag des Ignatius in der Zeitschrift FORVM formuliert, »das Heil des Einzelnen, welcher Hautfarbe oder welchen Kleiderschnitt immer er trug, nicht den Glanz und die Glorie der christlich firmierenden Kolonialmächte«.

Doch: Wie glaubwürdig ist heute der Grossmut und die Weltoffenheit dieses Ordens? Warum zermalmt der Fuss des ersten Ordensgenerals immer noch unbarmherzig den Schädel des Ketzers? Als das Gotteshaus Betretende trauen wir kirchlichen Aktivitäten im modernen Kunstbetrieb nur sehr wenig. Viel zu oft scheinen die ausgestellten Werke bloss den Blut- und Schmutzgeruch vergangener Fehden zu verbergen.

»Meine Brüder Vöglein, gar sehr müsst ihr euren Schöpfer loben, der euch mit Federn bekleidet und die Flügel zum Fliegen gegeben hat« / Foto: Lorenz Seiler, eSeL.at

Wir denken da nicht an religiöse Kunst von gläubigen Produzent·innen, die es natürlich auch in unserer Zeit noch in bemerkenswerter Zahl gibt. Religiöse Kunst dient fromm und politisch unbeschwert dem Höchsten. Sie erweitert das mythopoetische Angebot einer jahrhundertealten Kreativität und nutzt den Kirchenraum für reine Anbetungszwecke.

Doch dabei bleibt es leider nicht. Die diensteifrigen Kuratoren laden im christlichen Missionsauftrag auch anderskonfessionelle und nichtreligiöse Kunstschaffende dazu ein, ihre Werke in der Heiligkeit ihrer Altarmauern erstrahlen zu lassen. Das geht heute so weit, dass selbst die Zeichnungen und Malbilder eines Arnulf Rainer im Stephansdom gegen den ausdrücklichen Willen ihres Schöpfers hemmungslos ausgestellt werden.

Warum also soll ein Liebhaber der ästhetischen Moderne auch nur einen Zehen in den ignatianischen Monumentalbau am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz setzen?

3. SZENE

Der einschiffige Saalraum mit Tonnengewölbe und Stichkappen erschlägt den Eintretenden beinahe. Der Kunsthistoriker Rainer Metzger hat die Wirkung der Gewölbedekoration des Jesuitenpaters Andrea Pozzo aus dem frühen 18. Jahrhundert als »Pomp, der bisweilen Bilder der Gewalt liefert« beschrieben. Er dachte da ausdrücklich an den Engelsturz im aggressiven Geist der Gegenreformation: Erzengel Michael kippt im Gewölbefresko, und dann noch einmal im feuervergoldetem Nussholz der Kanzel, Luzifer gnadenlos in den Orkus. Und Samson erschlägt die Philister. Und Jael tötet Sisera. Und David schwenkt Goliaths abgeschlagenes Haupt triumphierend vor Saul.

Der Eindruck ist gewaltig: In Wiens Jesuitenkirche jagt ein bildnerische Gewaltexzess aus der rhetorischen Trickkiste der Gegenreformation den nächsten. Es sind Darstellungen grausamer biblischer Szenen, die blinden Gehorsam abverlangen. »Dass derlei mit einer gewissen Untertänigkeit zu tun hatte, liegt auf der Hand«, so Metzger. »Auch in der Jesuitenkirche waltete das monarchische Prinzip«.

4. SZENE

Elias Franziskus Grüner steht nicht mehr auf der ersten Stufe seiner Künstlerlaufbahn. Er hat sich bereits in der Trentiner Sergio Poggianella Foundation der Bilderwelt schamanischer Artefakte und atavistischer Riten zugewandt. Diesmal sind seine Basis Tierpräparate beziehungsweise bereits mausetot erworbene Mäuse.

Installation ›WOLKEN‹, 2023 / Foto: Museo Etnografico Trentino San Michele

Grüners Schau in der Jesuitenkirche besteht aus vier Glasvitrinen, in denen er diese mit Blattgold teilvergoldete Kadaver auf den mit Kunstwerken prachtvoll aufgeblasenen Seitenaltären postiert.

Wir erkennen vier Objekte der feierlichen MANIFESTUS-Serie: 1. auf einem massgehauenen Marmorsockel den kleinen Singvogel der Gattung Wiesenpieper (Anthus pratensis), überzogen von Hautleim und Marmormehl, anschliessend in Blattgold getunkt, 2. eine gleichermassen lustvoll kanonisierte Pfeifente (Anas penelope), 3. einen getrockneten Wiesenblumenstrauss samt Bienen, Heuschrecken und Rosenkäfern, 4. drei sezierte und in Isopropanol konservierte Mäuse ohne Filterorgane, die weissen Bodys ausgebeult mit flüssigem Messing.

Der Kurator verkleinert den Künstler bei der Vernissage auf gut Wienerisch, indem er ihn in seiner Ansprache konsequent mit dem Vornamen umarmt: »Der Elias …«. Für den berufenen Kunsterklärer aus der Bruderschaft ist der Saalraum der Kirche mit einer besonderen Aura aufgeladen. Und jetzt hat sie noch mehr davon. »Elias‘ Arbeiten haben deutliche Anklänge an Spirituelles – Das spürt man!«

Seit vier Jahren experimentiere Elias mittlerweile mit der toten Fauna – von der »bezaubernden Poësie« einer verendeten Biene bis zur Ablebensgrösse einer Ente, aus deren geöffneter Bauchhöhe »Unheimliches«, nämlich das Edelmetall Gold, hervorquillt. Regelrecht »unverblümte Stofflichkeit« vermag der Kurator am Objekt wahrzunehmen. Und dieses Unheimliche und Unverblümte der Vitrineninhalte stehe doch in einem herrlichen Kontrast zum »Kitsch« von Kreuzgradgewölbe, Stuckmamor und Perlmutterintarsia des glanzvollen Gottestempels.

»Nur aus der Perspektive, die alle Formen unserer Existenz erfasst, haben wir die Möglichkeit, eine eigene Sichtweise zu entwickeln, die unser wahres Selbst ist« / Foto: Lorenz Seiler, eSeL.at

Die ehemalige Universitätskirche sei auf nicht weniger als 300 Quadratmetern mit nicht weniger als einem Kilogramm Blattgold veredelt. Das liesse wohl selbst einen Dagobert Duck vor Ehrfurcht erschaudern. Der Kurator nennt vier Namen berühmter und anerkannter Künstler aus dem 20. Jahrhundert, er erwähnt ausserdem eine weithin bekannte Avantgarderichtung Wiener Provenienz, er erinnert an den kirchlichen Reliquienkult, die Reste von Heiligenkörpern, und an die Klosterarbeit von verzierten Knochen, um dann für das Auditorium drei elementare Anliegen der Totemtiere vorzustellen: 1. »untergehende Seelen aus dem Mund des Materialismus zu erlösen«, 2. »an die Seelen zu rühren und sie zu einem neuen Leben zu befreien«, 3. »den Tieren in der Kirche eine Würde zu verleihen – denn die Tiere hat man ja [im Überschwang der barocken Ausgestaltung] vergessen«.

© Wolfgang Koch 2026

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/04/12/elias-franziskus-gruener-ein-letztes-wintermaerchen-1-2/feed/ 0
Wiens schönste Caféhaus-Simulation baut um https://blogs.taz.de/wienblog/2026/03/23/wiens-schoenste-cafehaus-simulationen-baut-um/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/03/23/wiens-schoenste-cafehaus-simulationen-baut-um/#respond Mon, 23 Mar 2026 14:03:23 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4918 Die berühmte Wiener Caféhaus-Kultur, ein von der UNESCO anerkanntes immaterielles Menschheitserbe, ist beinahe erledigt. Wer das Gegenteil behauptet, gehört entweder zu den hartnäckig nostalgischen Gästen aus aller Herren Länder oder arbeitet in irgendeiner Falte der Tourismusindustrie. An welchen verborgenen Orten die Tassen und Löffel heute noch wie vor hundert Jahren klimpern, werde ich hier natürlich nicht verraten (und damit auch nicht, an welchem runden Tisch zum Beispiel die freie Drehbuchautorin und Produzentin Agnes Pluch täglich ihre Tatort-Dialoge verfasst. Es gehört nämlich zu den besten Pointen des kulturellen Niedergangs, dass der letzte entschiedene Wiener Caféhaus-Literat eine Frau ist).

Echte Wiener und Wienerinnen, die das regelmässige Unterwerfung unter einen grantelnden Ober (Kellner) als Lebensbedürfnis empfinden, schlagen ihre Zeitung (oder klappen ihren Laptop) längst in No-name-Espressos auf. Dort sind sie ungestört, verweilen stundenlang, oft bei besserer Kaffeequalität und – vor allem – bei moderaten Preisen. Die kaffeeschlürfenden Zuwanderer Wiens wiederum strömen in die Shisha-Bars und Sliwowitz-Höllen ihrer Migrantenghettos.

Verheerende Time-Slots

Nicht einer aus dem bunt gemischten Volk der Stadtbewohner·innen würde das Café Central freiwillig oder gar aus Gewohnheit betreten. Time-Slots und Warteschlangen haben den letzten Innenstadtcafés den Todesstoss versetzt. Nicht, dass die Lokale deshalb verschwunden wären! Das nicht. Aber sie gehören jetzt eben nicht mehr der Caféhaus-Kultur an, auch wenn sie unter diesem Reizwort weiterhin die Trommel rühren.

Fernkälte für Wiens Venedigsehnsucht /Foto: Verkehrsbuero Hospitality

Das Café Central wurde 1876 im Palais Ferstel eröffnet, damals Sitz der Wiener Börse, und avancierte um das nervenzerrüttelnde Jahr 1900 herum mit 250 aufliegenden Tageszeitungen in 22 Sprachen zu einem wahren Labor der Moderne. Man rühmt sich noch heute, damals Sigmund Freud, Alfred Adler, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Anton Kuh, Stefan Zweig und Leo Trotzki als Stammgäste begrüsst zu haben. Hier geisterte einst das zornige Genie Otfried Krzyanowsk durch den Raum. 1943 sperrte das NS-Regime diese Brutstätte der Intelligenz zu, und bis 1982 wurde dann im Grossen Ferstelsaal Basketball gespielt.

Geplanter Abriss

Heute unvorstellbar: Bis zur Wiedereröffnung des Cafés in den Achtzigerjahren wälzte das Rathaus gemeinsam mit den Eigentümern Abrisspläne für das gesamte Palais. Unternehmerischen Schwung zog in den Säulensaal erst wieder ein, als 2011 Österreichs grösstes Tourismusunternehmen mit einer Tochterfirma den Betrieb übernahm. Verkehrsbuero Hospitality betreut neben den Event-Locations im Palais Ferstel weitere im Palais Daun-Kinsky und in den Börsesälen, wo in jährlich rund 400 Veranstaltungen über 700.000 Gäste begrüsst werden.

17 Lehrlinge werden an der Qualität geschult / Foto: Verkehrsbuero Hospitality

Um zu zeigen, was im Café Central, und nicht nur dort, schon bei der ersten »Modernisierung in Einklang mit Denkmalschutz« zusammengestürzt ist, genügen drei Zitate aus der Giftkammer der Bücherfreunde. Das erste stammt vom Schriftsteller-Vagabunden Emil Szittya aus dem Jahr 1923:

»Es gibt in Wien sehr wenig stille in sich gekehrte Künstler. So müssen wir ein lauteres Lokal betreten: Café Central. Es ist das berühmteste Wiener Künstler-Café. Es schwirrt in diesem Café von Berühmtheiten aus allen Ländern und Städten des Balkans. Die Gesten haben selbstverständlich auch etwas Balkanhaftes, wenn es auch manchmal Budpesthaft aussieht.«

Heute haben die Gesten der Gäste etwas Fernöstliches, wenn es auch manchmal Palermo- oder Chicagohaft aussieht. Die grosse Vergangenheit wirkt wie ein Magnet auf sie, und die gedämpft folgende Enttäuschung über die von grossartigen Lustern erhellte Bahnhofsatmosphäre wird in ebenso grossartigen Patisserie-Produkten des Hauses erstickt, die mühelos mit der Konditoreiware im Tee-Salon Angelina in der Pariser Rue de Rivoli mithalten können.

»Dieses rätselvolle Caféhaus beschwichtigt in den friedlosen Menschen, die es besuchen, etwas, das ich: das kosmische Unbehagen nennen möchte«, schrieb der Caféhaus-Narr Alfred Polgar in seiner ›Theorie des Café Central‹ 1927. »An dieser Stätte der lockeren Beziehungen lockert sich auch die Beziehung zu Gott und den Sternen, die Kreatur entschlüpft ihrem Zwangsverhältnis zum All in ein pflichtenloses, sinnliches Gelegenheits-Verhältnis zum Nichts, die Drohungen der Ewigkeit dringen nicht durch die Wände des Café Central, und zwischen diesen geniessest du der holden Wurschtigkeit des Augenblicks.«

Finde ersatzweise das Pop-Up-Café ›Decentral‹ im Palais Harrach auf der Freyung / Foto: Verkehrsbuero Hospitality

Polgars Hohelied auf die Institution wirkt in der Epoche der Virtualisierung wie der Lichtstrahl von einem fernen Kometen. Erstaunlicherweise hat sich Zwischenkriegs-Atmosphäre als Mythos des unbeschwerten Lebens erhalten. Wer ihm heute in der Institution nachspürt, macht jedoch eher die desillusionierende Erfahrung, von welcher der Schriftsteller Hanno Milesi 2009 berichtet hat:

»Im Café Central entdecke ich niemanden, der Peter Altenberg auch nur annähernd ähnlich sieht. Es sitzen überhaupt nur ein paar Touristen herum, kichern und trinken, sobald der Kellner ihnen den Rücken zukehrt, aus Plastikflaschen […] Wie ein Schriftsteller sieht hier eigentlich niemand aus. […] Als der missmutige Kellner an mir vorbeischlurft, erkundige ich mich, ob es so etwas wie ein Extrazimmer gibt. Der Blick, mit dem er mir antwortet, bedarf keiner Erläuterung.«

Die tägliche Schlange

Das Central passt heute wunderbar zum kommerziellen Eventcharakter der »City«, also des Vienna Disneyland. Es vereint Klischeehaftigkeit und Spitzengastronomie mit der grellen Atmosphäre einer Praterattraktion und ist folgerichtig so beliebt bei den Tourist·innen, dass sich täglich eine lange Schlange in der Herrengasse bildet.

Verantwortlich für die Generalsanierung (v.l.n.r.): Vorstandsvorsitzender Martin Winkler, Architekt Peter Klein und Geschäftsführer Kay Fröhlich mit der aus Anlass der Bauschliessung versenkten Zeitkapsel / Foto: Laura Schroeder, Verkehrsbuero

Bis zur nächsten Wiedereröffnung im Herbst 2026 hat sich die Schar der Wien-Pilger·innen nun zu gedulden. Die aktuelle Sanierung umfasst eine vollständige Erneuerung der Gebäudetechnik, von Heizung, Klima, Lüftung und Sanitär über Elektrotechnik bis zu den brandschutzrelevanten Massnahmen. Thonet-Stühle werden aufgearbeitet, Stoffe des Traditionsunternehmnes Backhausen erneuert, 800 Quadratmeter Boden und Wände neu verfliesst. Eines der Ziele: 20 Prozent weniger Schallbelastung für die Anrainer·innen, weitere: der Fernkälte-Anschluss, vergrösserte Produktionsflächen für Hauptküche und Patisserie, Frischluft am Herd, Tageslicht im Personalraum.

»Gute Sanierung erkennt man daran, dass man nichts erkennt«, verspricht der verantwortliche Architekt Peter Klein, der bereits beim Schönermachen 1978-86 mit dabei war. An der venezianischen Trecento-Architektur darf nicht gerüttelt werden. Die Angemessenheit von Denkmälern mag ja in Wien gerade anderwo ein Thema sein. Dass der Gast beim Eintreten von einem Papp-Altenberg begrüsst wird, also dem Abbild jenes Literaten, der seine pädophilen Neigungen in neckischen Feuilletonzeilen auslebte, kümmert im Central derzeit noch niemanden.

Die nach dem Meister des kurzen Formats benannte Haustorte / Foto: Verkehrsbuero Hospitality

Wie lange das in einer Stadt noch so bleibt, in der die Medienszene jeden Anlauf zur Selbstviktimisierung begierig aufnimmt, lässt sich bereits erahnen. Ist das Karl-Lueger-Denkmal erst einmal zum Zeigefinger des Anti-Antisemitismus verbogen und das Wiener Aktionismus Museum (WAM) als Ort der Täterkunst ausreichend gebrandtmarkt, geht es dem stadtbekannten »Kindavazahrers« an den Kragen.

© Wolfgang Koch 2026

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/03/23/wiens-schoenste-cafehaus-simulationen-baut-um/feed/ 0
Der Rabbit-Hole-Effekt im Werk von Alexander Kluge https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/26/der-rabbit-hole-effekt-im-werk-von-alexander-kluge/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/26/der-rabbit-hole-effekt-im-werk-von-alexander-kluge/#respond Thu, 26 Feb 2026 09:03:14 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4895 Nahezu unmöglich, Kritik an den Arbeiten dieses deutschen Intellektuellen und Künstlers zu üben. Dieses enorm imponierende Lebenswerk! Und das tiefen Respekt gebietende Alter Alexander Kluges! Wieviele 95-jährige vermögen denn noch hellwach dem von Beben erschütternden Weltenlauf zu folgen? Mir persönlich ist nur noch ein weiterer Zeitgenosse aus dieser Kohorte bekannt, der da mithalten kann: der österreichische Filmemacher und Kulturarchäologe Peter Kubelka.

Nimmt man die mediale Rezeption von Kluges Spätwerks in den Blick, enttäuscht die Berichterstattung auf der ganzen Linie: Da wird nicht ein einziger Gedankengang dieses kreativen Kopfes mehr im Detail gewürdigt, kein Film und kein Bild mehr einfühlsam besprochen. Die Höflichkeit gegenüber dem Schöpfer dieser Ausstellung geht Hand in Hand mit der totalen Ignoranz für das Geschaffene.

Ausstellungsansicht ›Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern‹ / Foto: akbild / Simon Veres

Ich richte meine Vorbehalte, Zweifel und Bedenken aber zunächst gegen den Veranstalter der blitzkurzen Wiener Schau ›Nachts träumen die Kulissen von ungesehenen Bildern‹ im Februar anno 2026. Die »A…kademie der bildenden Künste Wien« (tatsächlich lautet das aktuelle Branding des altehrwürdige Hauses im Radicalchic des Postkolonialismus genau so) hat im Prospekthof des Semperdepots für den Mulimediakünstler ein Art Werklabor eingerichtet, in dem sich Gewinne und Grenzen der verschiedenen künstlerischen Verfahren dramatisch die Waage hielten.

Es ist wahrscheinlich noch eine Untertreibung, von einer »verbockten Ausstellung« zu sprechen. Die Institution der Akademie verfügt ja über 343 Mitarbeiter·innen und über einen staatlichen Jahresetat von 48 Millionen Euro. Kaum zu glauben, dass da bei so einem Projekt nicht mehr herauskommt!

Die kuratorische Niederlage begann schon mit der Veranstaltung einer sogenannten Pressekonferenz, bei der Rektor und Vizerektorin sich nicht scheuten, den gebrechlich wirkenden Künstler mit schwacher Stimmen fünfzehn Minuten lang gegen die Kakophonie seiner eigenen Klanginstallationen anreden zu lassen.

Gut, – auf soviel Unprofessonalität trifft man nicht nur in Wien! Hier aber garantiert auf den Hochschulen, wo unter »transdisziplinärem Dialog« lieber brambasierendes Moralisieren verstanden wird als Handwerkerstolz, Neugierde wecken und Neues verständlich vermitteln.

Wahl des falschen Ortes

Punkt 2: der Prospekthof des ehemaligen Semperdepots. Ohne Frage ist das leer stehende ehemalige Hoftheaterkulissengebäude in seinem birnenförmigen Grundriss mit Galeriengängen, die an Piranesis ›Kerker der Phantasie‹ gemahnen, einer der architektonisch originellsten Räume von Wien. Doch Kulturveranstaltungen funktionieren hier wegen der extremen räumlichen Bedingungen nur ganz selten.

»Die Bücher sind Schiffe des Geistes, die Zeit (auf dem Büchergalgen) überbrücken« / Foto: (Ausschnitt): akbild / Simon Veres

Im Grund genommen wäre der Eigentümer, die Republik Österreich, gut beraten, die Tore zu diesem Baujuwel permanent für die Stadtbenutzer·innen zu öffnen, Parkbänke, Mülleimer und einen Parkwächter hineinzustellen – schon mit diesem minimalen Aufwand wäre Wien um eine weitere, bis in die Präfektur Okinawa ausstrahlende Touristenattraktion reicher.

Was die aFRIkademie an diesem schwierigen Ort  14 Öffnungstage lang geboten hat, ist fast schneller vergessen als alte Freunde im Kulturbetrieb. Die unsichtbaren träumenden Kulissen glichen einer verfallenen Strassenzeile in Minimundus, einem Biwak für ratlose Postdocs oder dem Feierabend auf irgendeiner Baustelle in Hirtenbrunn: Monitore auf den Beinen kranker Giraffen, Bretterbilder auf Treppenstufen, ein Galgen mit Büchern an Spagatschnüren und an jeder Ecke handtellergrosse QR-Codes zum … ja, wozu eigentlich?

Büste Medusa Rondanini, Gipsabdruck nach römischer Kopie aus der Glyptothek / Foto: akbild / Simon Veres

Das erwartungsfrohe Publikum stolperte über Bodenmarkierungen, es schielte gegen einfallendes Sonnenlicht auf bunte Abbildungen zu mythologischen Themen. Es gab Stellwände mit Handskizzen zu hochtrabenden Inhalten und einen Studiertisch mit vier Monitoren und Kopfhörern. Und das alles, um auf mehr oder minder beliebigen Wegen, hinter unvorhersehbaren Abzweigungen und Umwegen, anspruchsvolle und kenntnisreiche Denkanstösse auszulegen, von denen die meisten jedoch weder anregend noch unterhaltsam waren.

Was die Wirklichkeit erzählt

Es ist ja nicht so, dass Alexander Kluge nichts mehr zu sagen hätte! Bei seinen jüngsten Auftritten in Wien, die einer Tagung folgten und von einer Retrospektive im Filmmuseum begleitet wurden, glänzte der deutsche Filmemacher, Schriftsteller und TV-Intellektuelle mehrfach mit durchaus bemerkenswerten Statements. So etwa, als er sich auf einem Podium im Sitzungssaal der aFRIkademie auf die aktuelle Weltlage einliess:

»Wir leben heute in eine Zeit, die mich – jemanden, der 1932 geboren ist – extrem verblüfft«, sagte Kluge vor dem in Regimentsstärke erschienen Kulturbetriebspublikum. »Ich habe keine Angst, aber alte Kausalketten, in Nahost von 1921, in der Ukraine an der Russlandfront von 1991 kommend, mit noch älteren Wurzeln und Zuflüssen, können wie Stürme, wie Gewitter, wie die Sintflut auf uns stürzen. Und das können wir nicht wegbeten! … Der Erzähler Wirklichkeit führt uns verwirrende Verhältnisse vor, reich an Abgründen. Wenn wir unvorsichtig sind, – Sie brauchen sich nur einen Krieg zwischen China und Taiwan vorzustellen – … am dritten Tag sind alle Clouds der Digitalität taifunartig runtergeregnet. Wir stellen uns das Wichtigste nicht vor: Wo wäre hier eigentlich eine Arche Noah?«

Europa gegen Silicon Valley

Alexander Kluge am selben Ort über literarische Traditionen: »Wir haben Lyrik, Dramatik, Epik und Kritik als die vier grossen Ausdrucksformen. Die erste drei haben einen Bogen, und der rote Faden drängt die Einzelheiten weg. Die vierte, der Kommentar, ist aber nicht linear, sondern vertikal. Da bleibt etwas an einer Stelle stehen, wie eine Wendeltreppe, geht hoch bis zur Jakobs-, zur Himmelsleiter, und nach unten in die Katakombe, ins Bergwerk, zum Brunnen, in die Tiefe. Und so kann etwas gründlich werden. Das ist europäisch! Wir können das Prinzip der Gründlichkeit entwickeln, wo Silicon Valley nur das Prinzip der Vervielfältigung entwickelt. Diese Gründlichkeit ist nicht nur Graben, sondern gleichzeitig auch Maulwurfsstollen bilden … Im 12. Jahrhundert kommen 17 Zeilen Aristoteles aus Cordoba nach Köln und Paris, und in Paris schreibt der Frühscholastiker Petrus Abaelardus siebzig Bände Kommentar zu den 17 Zeilen – das ist gründlich!«

»Dass Poëtik aus Bitterkeit entsteht, ist ein Kern dieser Ausstellung« / Foto: W. Koch

So klingt Kluge in Hochform – Witz, Nachdenklichkeit, Lebenstrost –, und sorgt sogar für Lacher. Zum schauerlichen allgemeinen Gefühl der drohende Apokalypse sagte der Deutsche, der im Ärmel immer eine viel ältere Zeit trägt als die, in der wir leben: »Wenn wir überhaupt eine Chance haben, den Erdball nicht zu zerstören, dann deswegen, weil wir so alte Lebewesen sind. Unser Ohr zum Beispiel kann Gleichgewicht unterscheiden, ausserdem Sprache, Musik und vor allem die Zwischentöne, ob freundlich oder nicht freundlich gesprochen wird. Ob wir Homo sapiens sind, weiss er nicht, hat Goethe gesagt. Aber Homo compensator, die zwei Gefühle zum Ausgleich bringen können, die zwischen zwei Menschen Verständigung erreichen können, die zwischen Gesellschaften sogar Frieden stiften können, das sind wir sicher. Diese Äquilibrist, der Tanz auf dem Seil der Geschichte, das machen drei Knöchelchen im Ohr, und die kommen von einem Reptil vor vierzig Millionen Jahren. Ich sage das nur, um zu beleuchten, wie alt wir sind«.

Das alles ist hörens- und bedenkenswert, belebt den Geist, belebt die Lebenskräfte, ändert aber nichts an den Schwächen einer Programmausstellung, die der Veranstalter blind und blauäugig in Szene gesetzt hat. Rektor und Vizerektorin für Kunst und Lehre lobten das rhizomatische Sammelsurium von Bildern, Klängen, Objekten und Zusatzmaterialien vor Ort und im Virtuellen, die wilde Expansion von Filmausschnitten, KI-Bildern und Tools als »besonders poëtisch«, »aufklärerisch«, »herzerfrischend« und ähnliches mehr. Eigenlob ist ein weiteres nerviges Erkennungszeichen von Wiener Kulturveranstaltern. Es verbirgt vor den Ausstellungsbesucher·innen, dass die Köchin keine Kartoffeln gekocht hat, wie ihr aufgetragen war, und dass der Schonsteinfeger nicht zur rechten Zeit den Kamin geputzt hat.

Ich zeige in der Fortsetzung dieser Besprechung (1) am Bild der reitenden Philosophen, (2) am Assoziationsfaden zur Figur der Agrippina major, (3) an Kluges Elon-Musk-Bashing und (4) an seiner exzessiver KI-Ästhetik, was da im Eifer der »konstellativen Methode« so alles daneben ging.

Der kommunikative Medieneffekte im Kaninchenbau dieser Ausstellung war, dass Menschen, die sich mit den Bildern, Filmen, Tonaufnahmen und Texten beschäftigten, immer weitere Inhalte zu dem Thema vorgeschlagen bekamen und sich so immer selbstvergessener mit dem Thema beschäftigten, was zu Abkapselung, Isolation und Ratlosigkeit führte. Die Ausstellung spiegelte jenes Doomscrolling, das wir von Online-Plattformen her kennen. Aufmerksamkeit wird, um Klickzahlen zu generieren, an Wissensinhalte gebunden, die mit der Realität immer weniger zu haben.

Jede Kulturinstitution hat irgendein bestimmtes Bild von sich selbst und ist ungehalten, wenn dieses Bild durch irgend etwas zerstört wird. Da ist es gut, sich nicht nur ein einziges Bild zu machen, sondern eine ganze Galerie, um bei gegebener Gelegenheit dann das passende auszuwählen.

© Wolfgang Koch 2026

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/26/der-rabbit-hole-effekt-im-werk-von-alexander-kluge/feed/ 0
Der grandios enthüllte heimliche Musiker Gert Jonke https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/18/der-grandios-enthuellte-heimliche-musiker-gert-jonke/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/18/der-grandios-enthuellte-heimliche-musiker-gert-jonke/#comments Wed, 18 Feb 2026 16:06:51 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4866 Wir erleben in letzter Zeit immer öfter literarisch-musikalische Gesamtkunstwerke, die eigentlich auf die Bühnen aller Opernhäuser gehören. Ich denke an ›Hirngespinste/Pipe Dreams‹ des kürzlich verstorbenen Frankfurter Komponisten und Posaunisten Uwe Dierksens, aber auch an den österreichischen Avantgardedichter, Dramatiker und Hörspielautor Gert Jonke, der Anfang des Monats seinen 80. Geburtstag gefeiert hätte und der zu diesem Ablass mit einem wunderbaren Teppichflug im Wiener Jazzklub Porgy & Bess geehrt wurde.
„Was sollte ich mit einer Klarinette, wenn ich sie einfach nicht notwendig habe?“ / Foto: W. Koch

Vita efímera! Vergängliches Leben! Schon in seinen frühesten Gedichten, publiziert in Hans Lebs kraftvoller Villacher Literaturzeitschrift Der Bogen, spielte das Hörorgan für den in Kärnten-Koroška gebornenen Dichter die Hauptrolle im Schaffen. Das lyrische Ich kann in diesen zarten, ersten Zeilen etwa die leise Stimme eines lichtbringenden Gegenübers »im Uferschilf der Fische« hören; es kann im »gesättigten Alleinsein aus Staub und Bitternis« die Nacht an die alten Wände pochen hören, und:

Herr, du hast der Nacht gesagt,

Sie soll mir ihre Sprache geben,

Worte sterbender Flammenblüten,

Die auslöschen.

(Der Bogen Nr. 12, 1963)

Vierzehn Jahre später, in seinem Erzählband ›Schule der Geläufigkeit‹ (1977), überschlug sich Gert Jonkes Leidenschaft für die Musik in immer komischer werdenden Kapriolen. Wir erfuhren in diesem Buch von Pianisten – ja, solche gibt es –, die mit zartesten Glacéhandschuhen spielen, und von anderen, die das mit winterfesten Pelzfäustlingen tun. Wir zerkugelten uns vor Lachen über einen Virtuosen, der vor dem erwartungsvollen Publikum auf der Bühne bemerkt, dass sein Instrument verschlossen ist und ihm der Klavierschüssel zum Aufschliessen und Drauflosspielen fehlt.

Jonke unterrichtete uns in seinen Texten über schier unglaubliche Vorgänge in der Welt! Wir hörten von der abwegigen Ansicht eines Kritikers, »der Musiker habe so zu spielen, wie der Umblätterer oder die Umblätterin umblättert«. Bereits in der Mitte seiner Jahre schien Jonke vollkommen in seinem eigenen Gehörgang zu hausen. Und was sollte danach nicht noch alles an stilgeschichtlicher Leidenschaft und literarischem Ruhm kommen!

Die sieben Bewohner·innen der Jonkeschen Sprachinsel im Porgy & Bess / Foto: Martin Polasak

Ein Beispiel für Jonkes Erzählkunst: Einmal verändern sich die Konzertbesucher·innen seiner Prosa während einer dargebotenen Performance dergestalt – »die einen wuchsen über sich hinaus, wurden immer grösser, so dass sich der Salon zeitweise als viel zu klein erwies, um dann im nächsten Moment wieder ganz klein zu werden«. Wir erfahren von einem musikalischen Genie das »klarinettierte, ohne eine Klarinette zu benötigen«, – Instrumente wie Gitarre, Klavier und Trompete werden von einem imaginären Kritiker zum »unhandlichen, unpraktischen Anhängsel« einer »ernsthaften Musikausübung« erklärt: »Alle Arten von hörbaren Tönen und Klängen stören die reine Empfindung von Musik«, und im Schlusskapitel dieser fiktiven Künstlerautobiographie explodiert dann mit einem furchtbaren Knall ein Klavier unter der Spannung seiner Saiten mitten auf dem Marktplatz. Die wegspritzenden Klaviersplittern erschlagen die Leute.

Angriff auf Wahrnehmungsgewohnheiten / Foto: Marie Obermayr

Gert Jonkes lebenslange Passionen für Musik und seine ebenso starke Passion für die Stille (leere Stiegenhäuser, spätnächtliche Stunden) manifestieren sich im Sprachrhythmus und der Schönheit seiner Sätze genauso prägnant wie in seinen Themensetzungen. Jonkes Literatur katapultiert uns hinein in den Kopf von Komponisten und Ohrenmaschinisten, sie begradigt die jahrtausendealte Musikgeschichte und nähert uns dem fernen Klang, der Figur des Dritten, der Intelligenz der Blumen. Bei Jonke singen die Wellen und es singen die Steine. In seinen Wiener Jahren trug dieser Mann immer brandneue CDs mit den neuesten Einspielungen ernster Musik bei sich, die sich dann in seiner Schreibkammer zu einem kulturellen Gerümpelhaufen auftürmten.

Radiolose Kindheit in der Provinz

Gert Jonkes Besessenheit vom musikalischen Ausdruck war familiär gewachsen. Seine Halbschwester, die Künstlerin Isabella-Ban-Rogy, hat sich selbst einmal unter einem Klavier sitzend portraitiert – das Instrument der Mutter, Hedy Jonke, einer ausgebildeten Pianistin, war nach übereinstimmenden Quellen der einzige Klangkörper im elterlichen Haushalt.

Lieblingsversteck der Kindheit: Portrait von Bella Ban-Rogy in der Ausstellung ›Territorien des Selbst‹ 2015 / Foto: Johannes Puch und Anja Bohnhof

Porgy & Bess in der Riemergasse ist nicht nur Wiens führender Jazzclub, weil sich dort internationale Musikergrössen die Klinke in die Hand drücken. Im eindrucksvollen Ambiente aus Plüsch und Samt halten Jazzfans und Aficionados zeitgenössischer Musik auch jene besondere Tradition oder Gegenproduktion hoch, in der literarische und musikalische Avantgarde einander begegnen.

Das Ideal von Susanna Ridler (Mitte): Polyphonie, Vielstimmigkeit, Stimmengewirr / Christian Hochmeister

Ob Gerhard Rühms ›Selten gehörte Musik‹, Ernst Jandls Jazz-Oper, Andreas Okupenko in Kooperation mit Karlheinz Essl oder Christian Ide Hintze mit Wolfgang Mitterer – die Vielfalt und Buntheit der literarisch-musikalischen Grenzgänge ist ein essentielles Kennzeichen der modernen österreichischen Kultur. Die »Kollaborationsmöglichkeiten« von Wort und Klang reichen bis zu den Zwölf- und Neutönern am Beginn des 20. Jahrhunderts und bis zum Wiener Kabarett (Peter Hammerschlag, Georg Kreisler) zurück, als man im Varietétheater noch nicht, wie heute, unter seinem Niveau zu lachen gezwungen war.

Der sterbliche Gert Jonke wird seit 2009 am Wiener Zentralfriedhof in einem Ehrengrabmal mit einem Hinkelstein geehrt. Die Unsterblichkeit seiner Texte verdankt er neben seinen Verlegern vor allem der Komponistin und Vokalistin Susanna Ridler, die sich in einem laufend luzide erweiteren Projekt das Ziel gesetzt hat, mit Kompositionen, Stimmen, Loops & Sounds Jonkes »Sprachintensität aus der Musik aufsteigen zu lassen«.

Ein Empfinden, das Hören und nicht Wiederhören ist / Foto: Christian Hochmeister

Dabei kombiniert Ridler ästhetische Verfahren aus den Arsenalen der Avantgarde, der Montage und der Improvisation mit Wort, Ereignis und Kommentar, rekombiniert die getrennten Elemente und macht sie anhand eleganter Abweichungen wieder fruchtbar. Ihr instinktsicheres Faible für Kollisionen wird vom Live-Elektronik-Bastler Wolfgang Seierl an der E-Gitarre und von Österreichs erfahrensten Spurenlesern Wolfgang Puschnig (Altsaxophon, Flöte) zum eindringlichen Bühnenereignis hochgeschraubt. Hingesagte Worte, minutenlange Litaneien und die aus Audiokassetten-Mitschnitten von Lesungen, Gesprächen und Interviews herbei gerufene Originalstimme Jonkes akkumulieren zu einem poëtischen Vergnügen.

Konjugation zwischen Klangrede und Sprachkunst

Das Klangkunstwerk verharrt fast zwei Stunden lang in einer Art Schwebezustand, beschränkt die Wahrnehmung auf geflüsterte, geraunte oder gesprochene Rezitation, auf Vokalstimmen, auf Jazzbar-Klänge und bizarre Avantgarde-Gespinste. Auf diese Weise gebührt dem Verstorbenen die verdiente Anerkennung. Der Abend gehört unbedingt zur Hochliteratur, der Jonke so viele Seiten widmete, aber er gehört sich jener Provinz der Töne, die Jonke und seine Halbschwester schon als Kinder in den Ohren hatten. Man kann sagen: Jonkes Dichtung wird von Susanna Ridler weniger inszeniert als mobilisiert. Sie verschmilzt ihr Jonke-Projekt mit dem von Wolfgang Seierl (›Jonkipel‹). Gemeinsam mit den beiden entfalten die fünf weiteren Musikerinnen und Musiker ein wahres Netz aus aussergewöhnlichen Attitüden, komplexen Wort-Klang-Kompositionen und melodiösem Ensemble-Jazz.

Intensivierte Kontraste steigern das Empfinden / Foto: Christian Hochmeister

Gerade weil die Hommage nicht die grosse Trauer-Romanze behaupten muss, stellt sich ein gewisser Funkenschlag und eine stimmige Chemie ein. Im ersten Set des Abends ist unter anderem Jonkes präzise Beschreibung der Lendkanal-Landschaft zu vernehmen. Im zweiten Set wird der Satz ›Pflanzenmusik‹, aus dem Melodram ›Chlorophyllklangpulverstaub oder Die Erforschung des botanischen Tongewebes‹ in erweiterter Fassung gegeben. Darin erzählt Ridler die Geschichte eines im Wissenschaftsministerium beamteten »Musikbotanikers«, der den Auftrag erhält, musizierende Pflanzen zu erforschen.

Einmal baut Wolfgang Puschnig eine suggestive Melodielinie in tonaler Jazz-Diktion auf, ein spürbares Aufatmen geht durch den Saal … Jazz im Naturzustand der Kellergewölbe … Jonke im Wunderland, das die beiden Streicherinnen anschliessend jedoch grandios dekonstruierten. Lena Fankhauser und Asja Valcic, so heissen die Damen, huldigen auch einem Jonke-Text, in dem einem Geigenlehrer penetrant das Arbeitsvermögen eines Geigenbogens erklärt wird. Es macht in diesem gelungenen Moment, komponiert von Wolfgang Seierl, überhaupt nichts, dass das auf Viola und Cello und nicht auf einer Geige geschieht – im Gegenteil: gerade durch solche feinen Verschiebungen am Dialogrand von Literatur und musikalischer Instrumentierung erhält der Abend seinen besonderen Glanz.

Susanna Ridler pflegt ihre meisterliche Liebe zur Assoziationsmontage; immer wieder lässt sie Jonkes deliranten Frequenzen, den eindringlichen Blick und sein aufsässiges Lachen im Raum aufleuchten. Diese Geometrikerin der Seele teilt bedingungslos Jonkes modulatorische Verständnis von der prinzipiellen Veränderbarkeit jedweder bestehender Lautäusserung. Dazu braucht es weder sensationslüsterne Beats noch eine elaborierte Klangsprache der Soundeffekte.

Raketen können keine Raketen zeugen. Literatur jedoch kann Musik, und Musik kann Literatur zeugen. Mehr muss heute nicht gesagt werden, um nützlich zu sein. – Die fulminante Wiener Hommage an den unvergessenen österreichischen Dichter Gert Jonke ist jedem Kulturzentrum, jedem Konzertveranstalter und jedem Literaturhaus im deutschen Sprachraum wärmstens zu empfehlen.

© Wolfgang Koch 2026

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/02/18/der-grandios-enthuellte-heimliche-musiker-gert-jonke/feed/ 1
Alexander Kluge : Kindlicher Blick oder das Recht auf leichte Berührung https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/29/alexander-kluge-kindlicher-blick-oder-das-recht-auf-leichte-beruehrung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/29/alexander-kluge-kindlicher-blick-oder-das-recht-auf-leichte-beruehrung/#respond Thu, 29 Jan 2026 09:32:25 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4826 Wir haben in den letzten Jahrzehnten eine lange Reihe von Medienintellektuellen in die deutsche Öffentlichkeit treten sehen, Feministinnen, Ex-Kulturstaatsminister, Sozialwissenschafter·innen, Philosophen, doch nur einer unter ihnen – der Filmemacher, Opernverrückte und Kulturphilosoph Alexander Kluge – hat auch eine souveräne Form für seine Botschaften gefunden.

Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden ist Kluge durch den gemeinsam mit dem Soziologen Oskar Negt verfassten und bei Zweitausendeins verlegten Buchziegel ›Geschichte und Eigensinn‹ (1981). Sechs Jahre später nutzte er einen zögerlichen Moment der TV-Geschichte und erfand mit seiner Produktionsfirma dctp mehrere televisionäre Programmschienen, die alles je von den Kultursendern ARTE und 3sat Geschaffene qualitativ weit in den Schatten stellten.

Kluges unabhängige Sendungen in Programmfenstern des deutschen Privatfernsehens vermochten auf hartnäckig sympathische Art die Bildungseliten eine Generationenspanne lang mit dem Massenmedium zu versöhnen.

Schwerelose Melange

Ich erinnere mich an eine Begegnung in den späten 1990er-Jahren im Wiener Café Bräunerhof, in das Kluge in Begleitung des Viennale-Direktors Hans Hurch und mehrerer lokaler Filmkritiker trat. Während seine Gesprächspartner ausladend gestikulierend mit grossen Plänen und berühmten Namen um sich warfen, äugte der höflich lauschende Deutsche unglaublich gegenwärtig in alle Richtungen an ihnen vorbei und studierte die umsitzenden Stammgäste der legendären literarischen Institution. Die Wiener·innen sind es im touristischen 1. Bezirk ja gewohnt, als Darstellende des eigenen Lebens aufzutreten.

Ein schönes Bild ist ein schönes Bild, oder? Und etwas Neues / Filmstill aus Primitive Diversity, Kairosfilm

Dieser hellwache Blick Kluges durchzieht inzwischen eine monumental breite Produktion von Essays, Theorie- und Gesprächsbänden, Filmen und Sendungen. Seine Begeisterung für Ideen und Herausforderungen, Projekte und Kooperationen hält auch im Alter von 94 Jahren noch ungebremst an.

Egal, welches Thema, ob Kirchenmusik oder Panzerkreuzerbau, Henri IV oder Kinderwünsche, egal, welches Medium des Ausdrucks, er muss sich nur selbst ein Stichwort zuwerfen – »hautnah!«, »Wunderkammer!«, »Senkblei!«, »Wiedererkennung!« – schon rattert das Mundaneum des Alexander Kluge elastisch dahin, schon leuchtet und blinkt die prächtigste Weltmaschine in der deutschen Gelehrtenkammer. Es ist, als ob Kluge hinter das Geheimnis von Kunst selbst kommen möchte, zu Bilder-, Klang- und Buchstabenflächen, die nach Hause reisen, bei sich selber eintreffen, um wie bei einem Selbstgespräch den Trick ihres Daseins preiszugeben.

Überholte Kampfansagen

Mit den Utopien der studentischen Protestbewegung der 1960er-Jahre hat Kluge nie abgeschlossen. Die Forderung nach »Zeichen der allgemeinen Humanität« wirkt heute allerdings wie eine überholte Kampfansage aus längst vergangener Zeit. 

Noch immer beflügelt Kluge der Glaube, dass der innovative Umgang mit den Medien ihr Existenzrecht für Verbraucher·innen absichert. Im politischen Prozess hält er den Mangel an Ausdrucksmöglichkeit sogar für elementar. Kluges Gesamtwerk gleicht indessen einem Berg, auf dem man mit den Spitzhacken der eigenen Augen nach Möglichkeiten von Halt sucht, um einen Weg in die bereisten Kontinente zu finden.

Hinter der Frage, wem das Bild gehört, verbirgt sich auch jene, wem die Welt gehört / Filmstill aus Primitive Diversity, Kairosfilm

Mit freundlichem Misstrauen gegen die Wirklichkeit gelingt es diesem Künstler und Vermittler in Filmen und Texten, in denen er gerne »grossflächige Gefühle« angekündigt, magische Qualitäten aufzuspüren – und dabei nicht nur das Rederecht zu behalten. Dieser kreative Gelehrte hat sich garantiert nie Adornos Diktum verschrieben, die einzige würdige Verhaltensmöglichkeit des Intellektuellen sei »unverbrüchliche Einsamkeit«.

Kluges phänomenales Unterscheidungsvermögen belohnt uns mit bisher nicht gekannten Aussichten auf die eigene Welt. Sein Assoziationsrausch sinkt aber auch immer wieder herab zu einer Technik der Distanz, erzeugt für viele Menschen die schwer verdauliche Kost eines ruhelosen Bildungsbürgers. Paul Otlet, Aby Warburg, Jürgen von der Wense, Armand Schulthess, Peter Weibel, Helmut Höge, Ulrich Holbein – lauter Geistesverwandte.

Die Gefahr der uferlosen Wissensakkumulation abzuwehren, das hat sich Medienwissenschafter und Kluge-Forscher Christian Schulte mit seinen Mitarbeiter·innen und Studierenden auf die Mütze geschrieben. Er eröffnete die Tagung der Universität Wien mit einer Vorschau auf das für Herbst 2026 angekündigte Alexander-Kluge-Handbuch zu Leben, Werk und Wirkung.

Sonja Dierks, Philosophin und Mitherausgeberin der Zeitschrift Musik & Ästhetik, untersuchte die »thematische Herangehensweise« Kluges an Opern, worunter sie dann allerdings formale und strukturelle Momente wie Montagetechnik und Perspektivenwahl verstand. Dierks schilderte, warum die Oper, dieses »Kraftwerk der Gefühle«, in Kluges Augen sinnlich und als Spektakel die Kinokunst im 20. Jahrhundert übertraf und deutete die These an, wonach sich in dieser einzigartigen »Illusionsagentur« und »Reflexionskammer« – nach Wort und Schrift – eine »dritte Praxis der Sprache« entwickelt hat.

Die Kunst-Maschine produzieren ohne Ermüdung und ohne Rücksicht / Filmstill aus Primitive Diversity, Kairosfilm

Florian Telsnig vom Institut für Germanistik widmete sich dem Begriff des Politischen, den Negt / Kluge in zwei Schritten entwickelt haben. In der Coverabbildung von ›Massverhältnisse des Politischen‹ (1992), welche dem Kinderbuch ›Pro dva kvadrata‹ (Von zwei Quadraten) des russischen Avantgardisten El Lissitzky entnommen ist, vermochte Telsing im schwarzen Feld symbolisch »Avantgardismus« und im roten »Sozialismus« zu erkennen. Telsnig betonte, dass sich die Autoren mit »15 Vorschlägen zum Unterscheidungsvermögen« scharf gegen den Politikbetrieb stellen und den Gegenstand in der Erwartung freilegen, »dass Menschen von selbst etwas damit anfangen können«.

An Negts und Kluges bereits 1982 getroffenen Bestimmung des Politischen fiel Telsnig zweierlei auf: einerseits, dass in ›Geschichte und Eigensinn‹ erst eine Seite später auf die berühmt-berüchtigte Formel von Carl Schmitt verwiesen wird; andererseits, dass bei Negt und Kluge der für Schmitts Begriff des Politischen konstitutive Antagonismus von Freund und Feind fehlt. »Mit der fast wortidentischen Aufnahme von Schmitts Bestimmung ging also«, so Telsnig, »eine implizite Distanzierung einher, die durch eine doppelte Negation vollzogen wurde: durch die Negation der Autorschaft und durch die Negation des ontologisch verstandenen Prinzips, das die spezifisch politische Unterscheidung überhaupt erst herstellte, an deren Stelle sie das Soziale, das heisst die Intensitätsgrade alltäglicher Gefühle verortet haben«.

Die Welt als Rohstofflager

Unbemerkt blieb, dass Kluges zentrale Begriffe »politischer Rohstoff« und »Produktionsprozess der Politik« für ein Gemeinwesen mit Nachhaltigkeitszielen kaum weniger problematisch sind als der Objektivismus und der Szientismus der Wissenschaft für die Kritische Theorie. Wie beim Ressourcen-Begriff des Franzosen François Jullien – der damit etwas meint, das prinzipiell allen zur Verfügung steht – stellt sich auch bei »politischen Rohstoffen« die Frage nach den Grenzen ihrer Nutzung und Ausbeutung. Gefühle der Verbindung und der Trennung von Menschen, kollektive Energien und öffentliche Formen der Berührung sind ja gerade kein verdinglichter »Naturstoff«, der sich in der Bestimmung von Interessen, Bedürfnissen und Wünschen wie ein Teil in einem havarierten Räderwerk austauschen lässt.

Unter Politik verstehen diese Vertreter der kritischen Theorie jenen kollektiven Schutz des Gemeinwesens, den kurzfristige Realpolitik aus verschiedenen Gründen nicht leisten kann. Ziehen wir Automiewünsche und Freiheitsbegehren von ihrer Formel des Politischen ab, bleibt eigentlich nur mehr ein Punkt übrig: die Forderung, »die wesentliche Lebenserfahrung öffentlich erkennbar zu halten«. Das ist für ein Werben um die Stimmenmehrheit im Kampf um die Macht dann doch wohl zu wenig. So antiquiert kann substanzialistisches Denken erscheinen, welches sich mit Themen beschäftigt, deren Verfallsdatum in der Öffentlichkeit leider abgelaufen ist. 

Flucht nach vorne

Der Medienwissenschafter Daniel Gönitzer, im letzten Jahr mit einer Gewaltgeschichten des Lavanttals hervorgetreten, untersucht seit Jahren die Fauna in Kluges Produktion. Nach Schnecke, Krokodil und Elefant widmete er sich diesmal, gemeinsam mit Verena Walzl, Kluges Pferden. Gönitzer interpretierte Bucephalus, das Streitross des makedonischen Feldherrn Alexander, welches Franz Kafkas kurzer Text ›Der neue Advokat‹ (1917) kurzerhand in einen kriegsdienstverweigenden Gelehrten verwandelt, zum aktuellen Statement in einer friedlosen europäischen Gegenwart.

Tiere, erfuhren wir, dienen Kluge zum »Innewerden der eigenen Natürlichkeit«; seine Beschäftigung mit ihnen sei stets gegen Domptur, Dressur und Herrschaft gerichtet. Kluges lebenslange Passion für den Zirkus und für Fluchttiere ist bekannt; in seinen jüngsten KI-Produktionen, die von den jungen Teilnehmer·innen der Tagung milde belächelt wurden, »umarme« der betagte Kluge »noch einmal die Tiere«, so Gönitzer.

Die Kunst-Maschine zerstört den kulturellen Bilderschatz wie der Technofeudalismus der Milliardäre die freie Marktwirtschaft / Filmstill aus Primitive Diversity, Kairosfilm

Gideon Hempel widmete sich einer anderen Gestalt in Kluges »figurativem Denken«: dem Kind beziehungsweise der »evolutionären Kraft der Verjugendlichung«. Diese Energiequellen, so der Sukkus des Vortrags, stehen der Überredungskraft der Realität diametral entgegen, dass es unsere Kindheit gar nicht gegeben hat.

Pauline Hutterer versuchte »eine Pluralität von Perspektiven« auf eine zeitgenossische feministische Kritik an Kluges Filmarbeit ›Gelegenheitsarbeit einer Sklavin‹ (1973) zu entwickeln, »ohne eine zur Nebensache erklären zu wollen«; Marianne Breu und Sophia Ayerbe charakterisierten Kluges Epistemologie anhand bestimmter Kleinformen wie Miniatur, Anekdote, Aperçu und dem Umgang mit Grauwert-Phänomenen als »Akkuratesse im Approximativen«.

Der Workshop konzentrierte beeindruckend viel Sachverstand zu dem ausufernden Werk und dem bewusst »unzuverlässigen Erzählen« Kluges. Die versammelte Intelligenz bewegte sich jede Minute in der schon selten gewordenen Begrifflichkeit der Kritischen Theorie. Die Teilnehmer·innen erkannten auf Anhieb Krakauer-, Benjamin– und Adorno-Zitate. Sogar aus Telefonaten mit dem verehrten Alexander Kluge wurde in der Diskussion fruchtbar zitiert.

© Wolfgang Koch 2026

Retropektive im Wiener Filmmuseum bis 19. Februar. Am 4. Februar um 18.00 Uhr ist persönlich zu Gast

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/29/alexander-kluge-kindlicher-blick-oder-das-recht-auf-leichte-beruehrung/feed/ 0
Viktor Rogy [1924-2004], ein Fliegender mit Affen https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/22/viktor-rogy-1924-2004-ein-fliegender-mit-affen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/22/viktor-rogy-1924-2004-ein-fliegender-mit-affen/#respond Thu, 22 Jan 2026 20:50:55 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4807 Ich kann mir auch 21 Jahren nach seinem Ableben die Klagenfurter Stadtlandschaft am Lendkanal nicht ohne diese Gestalt vorstellen. Drei Jahrzehnte lang schritt der glatzköpfige Mann beinahe täglich vom Anwesen Marias Lassings in der Tschabuschniggstrasse, wo er das Gartenhaus bewohnte, am der träge dahinziehenden Strömung des Wasser entlang in die Innenstadt, bekleidet mit einem langen grauen Ledermantel, oder im taubengrauen Anzug von Schneidermeister Richard Zöttl mit einem Homburg auf dem Haupt, oder gleich in der Arbeitsmontur eines Maurers, wenn der Künstler auf einer Baustelle in seinem erlernten Beruf als Stukkateur Hand anzulegen hatte.

Viktor Rogy war allerdings kein Flaneur, der verträumt unter der Baumreihe am Kanal entlang spazierte und sein Seelenleben in die klaren Spiegelungen der Hausfassaden tauchte. Er empfand es einfach als vollkommen selbstverständlich, dass ein Erwachsener soviele Wege wie möglich zu Fuss zurücklegt.

Ab den 1980er-Jahren führte ihn der Ausgang gerade mal bis in den Lendhafen, und um die Jahrtausendwende noch zweihundert Schritte weiter, bis zu einem Schaufenster gegenüber dem Hotel Sandwirth, dessen Balkon am 4. April im Anschlussjahr 1938 eine unrühmliche politische Rolle gespielt hat, als dort der NS-Führer des vermaledeiten Dritten Reiches mit Aufmärschen die Gleichschaltung des Landes inzenierte.

Rogy dirigierte am Höhepunkt seiner künstlerischen Entfaltung gleich drei avantgaristische Lokale in diesem kleinen Biotop der Stadt, – gemeinsam mit dem Besitzer, Bewunderer und Mäzen Franz Dreier das vegetarische Restaurant ›red tongue‹ und das Kaffeehaus ›geist‹, sowie gemeinsam mit seiner Gefährtin und zweiten Ehefrau Isabella Ban-Rogy die legendäre Stehbar ›om‹, zu deren Besuchern der Filmkritiker und Lyriker Horst-Dieter Sihler genauso zählte wie der österreichische Architekturpapst Friedrich Achleitner. An diesen drei markant urbanen Orten hielt Rogy Hof, hier entstanden viele seine Werke, hier leuchtete seine krakelige Handschrift in Neon, hier lagen Hunderte seiner Künstlerpostkarten auf, hier soff er spätnachts die verschworene Gemeinschaft der Gäste unter den Tisch.

Eine Provinzerscheinung

Dass an der exzessiven Persönlichkeit dieses Künstlers einiges schwer erträglich war, sorgt bis heute für Reserviertheit, ambivalente Gefühle und Ablehnung des Werks unter Kunstkennern. Vor sechs Jahren redete mir die Kulturjournalistin Ilse Gerhardt hart ins Gewissen: »Rogy war ein gefährlicher Verführer, nicht nur von Frauen und Jugendlichen, sondern auch von Männern. Er verführte sie durch die Behauptung, er sei ein Dämon, und durch Angst erregende Drohungen. Der gefährliche Egozentriker liess keine anderen Meinungen zu. Als Künstler war er eine teils originelle Provinzerscheinung, doch seine Kunst bestand überwiegend aus Plagiaten. Es gibt keinen Grund, ihm ein Denkmal zu setzen. Er hatte ein paar gute Ideen, aber das war schon alles«.

Ilse Gerhardt hat den Sonderling in der Mitte seiner Jahre privat gut gekannt, sie war mit seiner ersten Ehefrau Caroline Hudelist befreundet und gab dem gemeinsamen Sohn der beiden Nachhilfeunterricht. Gerhardt wirft dem lautstarken Kunstrebellen bis heute »Besserwisserei«, »Brüllexzesse« sowie die »finanzielle Übervorteilung von Freunden und Sympathisanten« vor. Nimmermüde habe er nach der ausbleibenden Anerkennung gestrebt und bei vielen Mitmenschen Ablehnung hervorgerufen.

Viktor Rogy, Autoportrait 1987, Sammlung Reinhard Eberhart

Dem Urteil lässt sich kaum widersprechen. Aber ist es denn überhaupt in dieser Totalität notwendig? Geht Gerhardts Verdikt nicht unserem notorischen Wunsch auf den Leim, das Wahre, das Schöne und das Gute müssten irgendwie harmonisch übereinstimmen?

Das Wahre muss weder gut noch schön sein, lehrt uns die Philosophie. Das Gute muss weder wahr noch schön sein, lautet die Rede der Religionen. Und das Schöne muss weder gut noch wahr sein, so der Sukkus der Kunst, der alten wie der modernen.

Weil die Trias der grossen Attribute auseinanderstrebt, vermag auch ein moralisch schlechter Mensch gelungene Kunst hervorzubringen, und umgekehrt jedes kreative Werk einem guten Menschen jederzeit und wiederholt zu misslingen. Wir führen diese unfruchtbare Diskussion seit Jahrhunderten und aktuell gerade wieder einmal an der Ausstellungspraxis von Arbeiten des österreichischen Politsektengurus Otto Muehl, der in seinem Kommunardenleben ganz bewusst die libidinösen Besetzungen seiner Anhängerinnen und Anhänger zerrüttet hat, um Familien- und Zweierbeziehungen zu zerstören. Muehl war nicht erst als krimineller Missbrauchsstäter ein menschliches Monster. Terrorisierte Privatheit, erzwungene Intimität und Weltverachtung waren im AAO-Programm ideologisch festgeschrieben und wurden in halb Europa von linken Sympatisant·innen geteilt. Am explodierenden Farben- und Formenzauber von Muehl Materialaktion ›O Tannenbaum‹ (1964), kongenial dokumentiert vom Filmemacher Kurt Krenn, lässt sich dennoch nicht rütteln.

Unerträgliches benennen

Ich schlage vor, im Leben wie im Werk von Kunstschaffenden SCHWARZ und WEISS deutlich zu trennen, aber auch Grautöne gelten zu lassen. Wir sind kommunikationsfähige Wesen, kränkbar und verletzlich, gewiss; doch wir haben genug Formulierungspotential, das Unertägliche zu benennen, ohne die geglückten Momente einer Produktion zu verteufeln.

Das Schöne darf frei atmen im Dickicht der moralischen Urteile! An den besten Arbeiten Rogys – ›Goldene Maske‹, ›Schuhkarton‹, die imaginäre Installation ›ad welten‹, die verspiegelten Kirchenfenster in Villach, die Doppelgänger-Serie und der Kalligraphie-Block – ist absolut nichts epigonal. Die Rezeption darf nur nicht den Fehler machen, aus der ästhetischen Balance-Ökonomie des Künstlers auf einen qualitativ höheren Charakter der menschlichen Persönlichkeit zu schliessen. In seinen Meisterwerken hat Rogys alle Intensitäten energisch verbunden, um über das Fragwürdige unserer Kreatur hinauszuwachen.

© Wolfgang Koch 2026

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2026/01/22/viktor-rogy-1924-2004-ein-fliegender-mit-affen/feed/ 0
»Unser Ziel ist nichts als die absolute Seinsberauschung« https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/21/unser-ziel-ist-nichts-als-die-absolute-seinsberauschung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/21/unser-ziel-ist-nichts-als-die-absolute-seinsberauschung/#respond Sun, 21 Dec 2025 08:43:13 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4759 Drei Anläufe hat es nach dem Tod von Hermann Nitsch gebraucht, um die letzte Partitur des österreichischen Theaterneuerers in dramatische Bilder, Szenen und wuchtige Klänge umzusetzen: 2022, 2023, 2025. Was für ein Gesamtkunstwerk haben die 1.500 Besucher zu Pfingsten im österreichischen Schloss Prinzendorf zu sehen bekommen? Teil 2

Viele Mitwirkende am Orgien Mysterien Theater begeisterten sich für ihr eigenes Erleben, für das Mittun bei den Proben der 160. und letzten Aktion. Liesse sich das Aktionstheater realisieren, wenn die Mitwirkenden für ihre Teilnahme bezahlen?

Frank Gassner: Nein, dann würden entweder alle mitbestimmen wollen, oder es käme ein Selbsterfahrungs-Seminarismus wie bei der Performancekünstlerin Marina Abramović heraus. Es war doch immer das Reizvolle an der Arbeit von Hermann Nitsch, dass solche Überlegungen in Prinzendorf aus der Kunst draussen gehalten werden können!

Der Künstler wünschte sich eine regelmässige Wiederaufführung seines Werkes.

Gassner: Ja, nur leider hat er keine Organisation aufgebaut, um sein Theater ausserhalb der Institutionen zu etablieren. Er bezog sich gerne auf Richard Wagner, der sich in diesem Sinn um seine Arbeit gekümmert hat. Aber Nitsch war alles scheissegal. Es ist heute nicht einmal klar, ob nun jeder dazu legitimiert ist, seine Partituren umzusetzen oder nicht.

Kelleraktion am Tag 5 des zweiten Sechstagsspiels / Foto: Daniel Pucher, Atelier Nitsch

Wer unter den Mitwirkenden der letzten Jahre wäre in der Lage Regie zu führen?

Gassner: Leopold Schuster, Josef Smutny, Hanna Hollmann – die haben alle ausreichend Hintergrundkenntnisse.

Im zweiten Sechstagespiel standen drei Gastspiele am Programm: die multimediale Installation ›Room No. 328 – The Terrible Splendor‹ der Londoner Künstlerin Karolina Urbaniak, eine Hommage an das Jerusalem-Drama von Nitsch. Weiters die Sautanz-Showküche von Max Stiegl und der Auftritt des Roma-Ensembles von Moša Šišic?

Gassner: Die Gypsy-Band hat das Volksfesthafte genauso gut gesichert wie die sonst übliche Landlermusik.

Und der Gastronom Stiegl? 

Gassner: Das Verkochen des Schweins passte gut zum Fest. Aber Stiegls Kochshow hatte etwas Verkaufsstandmässiges, seine Kommentare via Mikrophon waren unnötig.

Stiegl verteilte zum Gaudium rohe Scheiben vom Schweineherz wie Hostien auf die Zungen der Gäste. Nitsch hat sich zu einer solchen Travestie der christlichen Wandlung nie hinreissen lassen. 

Gassner: Die Faszination bei Nitsch liegt einfach darin, dass jemand gerade jetzt etwas für die Zuschauenden macht.

Zweites Sechstagespiel in Prinzendorf, finanziert aus der Hinterlassenschaft des Künstlers und den Eintrittsgeldern / Foto: Daniel Pucher, Atelier Nitsch

»Ganz schlimm sind die Umarmungsfotos

von blutigen Akteuren vor der Dusche«

Die Regie hat 2025 versprochen, die filmische und fotografische Dokumentationsarbeit während des Spiels besser in den Griff zu bekommen. Die Fotoprofis und das siebenköpfige Filmteam sollten weder die Aktion noch die Zuschauer·innen stören. Warum hat das überhaupt nicht funktioniert? 

Gassner: Da müssen sich die Betroffenen während der Aktion aufregen.

In der Praxis war es doch umgekehrt. Die Medienarbeiter scheuchten zahlende Zuschauer aus ihrem Bild. Sie waren aufdringlicher als je zuvor. Was halten Sie vom vorliegenden Bildmaterial?

Gassner: Da sind unglaublich tolle Bilder drunter, aber auch sehr viel Schas, den Nitsch auf alle Fälle weggeschmissen hätte. Ganz schlimm sind die Umarmungsfotos von blutigen Akteuren, die vor der Dusche warten. Das ist ja der Moment, im dem das Theaterkonzept plötzlich abbricht und der Akteur wieder zur Person wird.

Im Interview: Frank Gassner
geboren 1973, ist Künstler, Queer-Aktivist, Rauschforscher und Pädagoge für bildnerische Erziehung an einem Wiener Gymnasium. Von 1998 bis 2007 war er der persönliche Assistent von Hermann Nitsch. Er gründete den gemeinnützigen Verein WERKIMPULS und Eduqueer, eine offene Gruppe für lesbisch/bi/schwule, Trans- und Inter-Lehrer·nnen, 2010 eröffnete er den ersten »offenen Bücherschrank« in Wien.

Das unveröffentlichte Material enthält die ausgefallensten Perspektiven und Schnappschüsse. Die Fotomenschen retouchierten die Drohnenkamera am Himmel weg und filterten die roten Positionslichter der Windräder aus der Landschaft.

Gassner: Früher konnten Heinz Cibulka und Peter Kasperak Ruhe, Symmetrie und Statik der Aktion sehr gut einfangen. Die Dokus von Kasperak hatten sogar etwas von Wes Anderson.

Kein Selbsterfahrungs-Seminarismus: Tag 5 des zweiten Sechstagespiels / Foto: eSeL, Atelier Nitsch

Um den romantischen Eindruck einer ländlichen Idylle zu bewahren, wurde die bunte Kinderrutsche im Garten verkleidet.

Gassner: Das rot-gelbe Ding wäre auf jedem Foto von der Prozession drauf gewesen. 

Will das Orgien Mysterien Theater nun die Dinge so zeigen, wie sie sind, oder so, wie sie gesehen werden sollen?

Gassner: Wenn wir total realistisch inszenieren würden, müsste wir ja bei der Produktion der verzehrten Würste in Hollabrunn beginnen. Als Regisseur stelle ich mir die Frage, was Nitsch meinte, wenn er schrieb: »Wir gehen in die Natur«. Schliesslich ist die Natur des Weinviertels eine hochgradig bearbeitete Kulturlandschaft. 2004 hat er übrigens vorgeschlagen, einen schwarzen Stoff um die Räder am Fahrgestellt der grossen Stiertrage herum zu drapieren. Ich konnte ihm das damals ausreden.

Von Gustav Mahler ist der Ausspruch überliefert: »Genauigkeit ist die Seele der Arbeit des Künstlers«.

Gassner: Regie und Veranstalter haben schwierige Entscheidungen zu fällen, bei denen wir keinen Aspekt aus den Augen verlieren dürfen. Jede technische Entscheidung hat ästhetische Folgen. Ist es zum Beispiel gut, dass Schloss Prinzendorf renoviert ist oder nicht? Nitsch hätte gerne die abgeranzten Ziegelmauern bestehen lassen.  

»Jeder, der mitgemacht hat,

hat etwas Wichtiges geleistet«

Am letzten Abend überschütteten die Mitwirkenden im Jubel Ihren Regiekollegen Leo Kopp und den Dirigenten Andrea Cusmano mit einem Blumenregen. Warum haben Sie sich diesem spontanen Akt von Dankbarkeit entzogen?

Gassner: Ich fand es unpassend, in den Vordergrund gerückt zu werden. Jeder, der mitgemacht hat, hat etwas Wichtiges geleistet. Mir war schon die Nitsch-Huldigung am Ende seiner Aktionen zuwider, – gerade auch in Hinblick auf den Vorwurf der Sektenhaftigkeit gegenüber seinem Theater.

Speer-Aktion im barocken Schlosshof. Tag 5 des zweiten Sechstagespiels / Foto: eSeL, Atelier Nitsch

Welche Rolle spielt der Rausch im Theaterwerk von Hermann Nitsch? Seinen ersten eigenen Alkoholrausch hat er auf 1958 mit Zwanzig datiert.

Gassner: Alles blüht, die Lerchen singen! – Das tiefe Naturempfinden bei diesem oft geschilderten Gang des jungen Mannes über den Feldweg war ein nicht-substanzgebundener Rausch. Nitsch beschäftigte sich in seiner Arbeit ganz bewusst mit beiden Formen: mit dem rauschmittel-induzierten Rausch und mit dem Seinsrausch. Sein Ziel war das einer absoluten Seinsberauschung, also von der Existenz tief ergriffen zu sein, am besten durch ungetrübte Sinne. Erst für Tag 3 der zweiten Fassung des Spiels hat er Vorschläge gemacht, was man neben Alkohol an illegalen Substanzen noch alles nehmen könnte, um die Intensität zu steigern. Für den Gebrauch von LSD und Cannabis hätte er ohne weiteres schon in den 1970er-Jahren eintreten können, als in der österreichischen Bevölkerung massiv gesoffen wurde. Damals sah er nur im Alkohol das Symbol der heiligen Wandlung.

Nitsch hat gesundheitliche Gründe für seinen Alkoholkonsum angegeben. Er litt unter einer Schlafkrankheit, mit Weisswein überwand er seine Müdigkeit.

Gassner: Das war die Rationalisierungsstrategie eines schweren Alkoholikers. Einmal hat er sogar behauptet, er habe als Fünfzehnjähriger eine durch seine liebevolle Mutter zugezogenen Herzneurose durch Alkohol geheilt. Er meinte, im Rausch sei man ganz tief dran an der echten Natur des Menschen. Er hat nie wirklich reflektiert, dass es der der Alkohol ist, der den Eindruck der grossen Seinsverbundenheit macht. Bei seinem einzigen Kifferlebnis wollte er keine Wirkung bemerkt haben, zog sich aber stundenlang Wagner-Opern rein. 

»Wir können uns gar nicht mehr vorstellen,

im Rausch in eine andere Welt zu treten«

Was wäre das ideale Setting für den Seinsrausch?

Gassner: Das Orgien Mysterien Theater! Wir haben da allerdings ein Problem. In den Zeiten der Antike ist der Mensch im Rausch in eine andere Welt übergetreten. Das ist etwas grundsätzlich anders, als mit dem Bewusstsein berauscht zu sein, einen Rausch zu erleben. In der Moderne können wir uns gar nicht mehr richtig vorstellen, in einen anderen Zustand zu treten.

Hermann Nitsch bestand immer auf Respekt vor der kirchlichen Liturgie. Tag 5 des zweiten Sechstagsspiels / Foto: eSeL, Atelier Nitsch

Ihr persönliches Highlight?

Gassner: Der Moment, als am fünften Tag das Blut im Regen so unglaublich geleuchtet hat. Wir sahen ein erschreckend schönes grosses Panorama der Tortur an der Stallwand. Jeder, der das erlebt hat, spürte: Das ist jetzt der Höhepunkt! Jeder empfand: Der Kataklysmus lässt sich nicht mehr weiter steigern. Dabei wirkte das Spiel aber nicht wie die Auflösung einer Rechnung. Es war ein Ereignis … wie wenn man fremde Musik zu einem Film spielt und Ton und Bild dann unerwartet gut zusammenpassen. Diese Art von Zufall sucht das Orgien Mysterien Theater.

»Schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch«, heisst es in einem berühmten surrealistischen Manifest.

Gassner: Um diesen Möglichkeitsraum zu schaffen, wollte Nitsch sein Theater oft aufgeführt sehen. Ein lebendes Werk, in dem immer seine Handschrift zu sehen ist.

Die Fragen stellte Wolfgang Koch © 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/21/unser-ziel-ist-nichts-als-die-absolute-seinsberauschung/feed/ 0
»Dann hab ich halt den Wiener Aktionismus zu Grabe getragen« https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/20/dann-hab-ich-halt-den-wiener-aktionismus-zu-grabe-getragen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/20/dann-hab-ich-halt-den-wiener-aktionismus-zu-grabe-getragen/#respond Sat, 20 Dec 2025 10:27:02 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4757 Drei Anläufe hat es nach dem Tod von Hermann Nitsch gebraucht, um die letzte Partitur des österreichischen Theaterneuerers in dramatische Bilder, Szenen und wuchtige Klänge umzusetzen: 2022, 2023, 2025. Was für ein Gesamtkunstwerk haben die 1.500 Besucher zu Pfingsten im österreichischen Schloss Prinzendorf zu sehen bekommen? Teil 1

Das zweite Sechstagespiel des Orgien Mysterien Theaters ereignete sich in drei Etappen. Hat es dabei an Dynamik gewonnen?

Frank Gassner: Tag 1 war noch überschattet vom Tod des Künstlers. Wie fragten uns: Lässt sich das Spiel überhaupt ohne ihn machen? Im folgenden Jahr war dann schon klar: Es ist machbar, und heuer waren wir uns völlig sicher, dass es niemanden anderen gibt, der das so hätte machen können.

Ihr Co-Regisseur Leonhard Kopp empfand die Arbeit mit den Akteuren ausgesprochen harmonisch.

Gassner: Die jungen Menschen, die heute mitwirken, sind eben schon viel geübter darin, gemeinsam in Strukturen zu arbeiten, als die Generationen vor ihnen. Mehr als die Hälfte der Akteure ist dem Künstler nie lebend begegnet. 80 Mitwirkende waren gar nicht immer ausreichend, beim Schlussbild hätten wir 150 Leute brauchen können.

Fusswaschung am Tag 4 des zweiten Sechstagespiels / Foto: eSeL, Atelier Nitsch

2025 wurde eine Reihe von Einsparungen vorgenommen, von den Porzellantellern über die Holzrampe im Becken bis hin zu einer Musikkapelle.

Gassner: Das war immer so. Am Rand des Möglichen zu kratzen, ist einfach Teil des Unternehmens.

Was wurde während der Proben am Spielablauf geändert?

Gassner: Eine Menge. Das Andreaskreuz zum Beispiel war ein Einfall von Leonhard Kopp.

Warum wurden die Magnesiumfackeln am Ende der Kelleraktion durch eine LED-Spotleiste ersetzt?

Gassner: Bei der Rauchentwicklung im Schlosskeller wären wir innerhalb einer Minute gestorben. Schon die normalen Wachsfackeln waren nach eineinhalb Stunden total stinkig. Auch die angelieferten gefüllten Gedärme wurden eingespart. So war es einfacher, die Aktionspartitur zu realisieren.

Das Auferstehungsmotiv in der Partitur verlangt aber doch ausdrücklich den Geruch von Kot.

Gassner: Das ist mir wurscht! Das OM Theater ist oft weit pragmatischer, als es in den theoretischen Texten den Anschein hat. Rita Nitsch wünschte sich zum Beispiel, dass die Männer im Keller mit nackten Oberkörper dastehen. Das mussten wir wegen der Kälte wieder streichen.

Präzise Handgriffe, ozeanische Gefühle. Tag 4 des zweiten Sechstagespiels / Foto: eSeL, Atelier Nitsch

Nitsch castete seine passiven Modelle souverän nach ästhetischen Kriterien. Sie haben die Mitwirkenden freundlich um freiwillige Meldungen für Positionen gebeten.

Gassner: Nitschs Casting wäre heute nicht mehr zeitgemäss. Unser Ergebnis war das gleiche.

Im Lauf der Proben wurden dann Modelle doch wieder ausgewechselt, etwa wegen zu auffälliger Tattoos.

Gassner: Es kommt eben darauf an, ob jemand in einer Einzelposition nackt im Hof steht oder unter einem Schwein liegt.

Im Interview: Frank Gassner

geboren 1973, ist Künstler, Queer-Aktivist, Rauschforscher und Pädagoge für bildnerische Erziehung an einem Wiener Gymnasium. Von 1998 bis 2007 war er der persönliche Assistent von Hermann Nitsch. Er gründete den gemeinnützigen Verein WERKIMPULS und Eduqueer, eine offene Gruppe für lesbisch/bi/schwule, Trans- und Inter-Lehrer·nnen, 2010 eröffnete er den ersten »offenen Bücherschrank« in Wien.

Beim Zweitagespiel 2004 schulterten nur Männer die langen Gral-Sperre. Im diesjährigen Mysterienspiel stemmten auch Frauen eine der fünf Meter langen Waffen.

Gassner: Da wurden alle verfügbaren Personen gebraucht. Wir mussten aber ersthaft überlegen, ob auch die Frauen barbussig gehen oder nicht. Wir haben uns für Bekleidung entschieden. Die Frauen hätten sonst alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie auf alle fünf Speere zu verteilt, hätte zu Grössenunterschieden geführt.

Worum war das grosse Betonbecken im Schlosshof nie vollständig mit Tuch ausgelegt?

Gassner: Nitsch-Partituren verlangen keine strikte Umsetzung, die Aktion ist als reales Ereignis an die Gegebenheiten anzupassen. 1998 zum Beispiel stand simpel »Der Stier wird geschlachtet« in der Vorlage. Das hätte bei dem Aufwand, der zwei Stunden lang mit Tierarzt, Absperrungen und so weiter betrieben worden ist, kein Mensch vermutet.

»Man muss nicht hundertmal wiederholen,

wenn die Leute mit faden Gesichtern dastehen«

Die Hälfte der Akteure stand für nur drei Probetage zur Verfügung. War das ausreichend?

Gassner: Wir hätten sogar noch ein paar Tage weniger proben können. Man muss die Sachen nicht hundertmal wiederholen, wenn es keinen Mehrwert hat und die Leute mit faden Gesichtern dastehen.

Viele schwärmen von dem Erlebnis, als am Ende des verregneten fünften Tages der Sonnenschein durch die Wolkendecke brach.

Gassner: Das ist Reiz der Aktion unter freiem Himmel. Spiel, Musik und Wetter wuchsen zu einem einzigartigen Zustand zusammen. Die Partitur bietet viel Platz für solche Zufälligkeiten.

Die Proben befassten sich auch mit den Gefahren beim Tragen und Wühlen. Den Akteuren wurden sogar vorsorglich die Fingernägel geschnitten. Gab es Unfälle?

Gassner: Ein eingezogener Splitter und eine Krankenhauskontrolle von einem Akteur, dem Blut in die Nase geronnen war. Am letzten Tag soll ein besoffener Zuschauer umgefallen sein. Also nichts Dramatisches im Vergleich zur Blutvergiftung von zwei Personen vor zwei Jahren, die damals auf der Intensivstation landeten.

Haben Sie während des Spiels in die Handlung eingegriffen?

Gassner: Wenn die Aktion früher fertig war als die Musik, verlängerten wir die Pausen bis zur nächsten Position. In anderen Situationen verzichteten wir auf Wiederholungen, weil sonst die Luft aus der Aktion raus gewesen wäre.

Prozession auf der Dorfstrasse. Tag 4 des zweiten Sechstagespiels /Foto: eSeL, Atelier Nitsch

Laut Partitur hätte die grosse Stiertrage am sechsten Tag vier Stunden lang im Hof herumgetragen werden sollen. Gedreht wurden schliesslich nur zwei Runden.

Gassner: Das stimmt! Tag 6 wurde mit dem Tragen und Monstranz-Hochhalten in eineinhalb Stunden sehr frei interpretiert. Das war beeindruckend und lange genug.

Hätte Hermann Nitsch der Abschluss seines Lebenswerks gefallen?

Gassner: Für mein Empfinden war es in seinem Sinn.

Laut dem britischen Künstler Joseph Sakoilsky fand am 9. Juni 2025 der Wiener Aktionismus mit der letzten Arbeit seines letzten Protagonisten sein historisches Ende.

Gassner: Dann hab ich halt den Wiener Aktionismus zu Grabe getragen! Jetzt ist aus, keine Fortsetzung mehr möglich.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Gassner: In der Dissertation, an der ich schreibe, untersuche ich das OM Theater als kulturwissenschaftliches Spielphänomen. Es ist erstaunlich, wie genau sich Nitsch an die Formvorgabe Spiel gehalten hat. Auch die Frage, was das OM Theater mit dem Leben zu tun hat, lässt sich unter diesem Aspekt erklären.

Inwiefern?

Gassner: Ist es zum Beispiel notwendig, dass ich mich in die Gedärme schmeisse, um mich dabei zu verändern? Meiner Ansicht nach war für viele Mitwirkende die soziale Interaktion weit wichtiger als die Kunst selbst. Sie lernten andere Personen kennen, lebten einige Tage am Land. Diese Erlebnisqualitäten kommt in den Dokumentationen überhaupt nicht vor.

Spielte das für Nitsch eine Rolle?

Gassner: Nein, ihm ging es um den grossen Blick auf die Kultur und Menschheitsgeschichte.

Eine von Nitschs Lieblingsphrasen war die »unbedingte Verwandtschaft aller Motive«. Er teilte acht Kernmotive in drei Gruppen: Zerreissung des Dionysos, Kreuztod und Liebesmotiv.

Gassner: Da liegt mir sein Wort »An Kunstwerk is ka Kreuzworträtsel« auf der Zunge. Die Leitmotive hat er bei Richard Wagner abgeschaut. Sie genau aufzudröseln, nimmt der Aktion den Reiz der formalen Spielerei. Nitsch verstand sich als Künstler, nicht als Wissenschaftler. Die Sachen mussten vor allem einmal gut ausschauen.

»Etwas formal Gelungenes kann

zugleich total verstörend sein«

Hat Hermann Nitsch nicht erwartetet, dass Kunst eine Antwort sucht auf das Grundproblem: wie ein Mensch zu sich findet oder durch welche Mächte er daran gehindert wird, zu sich zu finden?

Gassner: Meiner Beobachtung nach fiel seine Wahl nach rein formalen Kriterien. Hat man schon einmal bemerkt, dass das Zitat des christlichen Opferlamms eigentlich gar nicht funktioniert, weil die Seitenwunde in ein Schwein hineingeschnitten wird?

War denn Nitsch nicht überzeugt davon, dass archetypische Bilder im Ritus ihre kollektive Bedeutung entfalten? 

Gassner: Natürlich wirken die szenischen Bilder stärker, wenn sie einen Assoziationszusammenhang ergeben. Und sicherlich dient das Anspielen bestimmter Themen dazu, dass wir sie in uns abhandeln. Aber ich denke immer die Zufälligkeit mit. Bei der Zuordnung der Gerüche zu den Motiven hat sich der Künstler nicht viel gedacht, sondern einfach die Nachschlagwerke zur Hand genommen, die gerade auf seinem Arbeitstisch herumlagen.

Morgenprozession am Teg 6 des zweiten Sechstagespiels / Foto: Daniel Pucher, Atelier Nitsch

Hermann Nitsch hat seine Arbeit auf über dreitausend Druckseiten erklärt. Auch das macht ihn einzigartig.

Gassner: Ja, aber die Sprache der Kunst ist die Form, nicht der Inhalt. Das war seine Botschaft. Dabei kann etwas formal Gelungenes total verstörend sein. Es gibt Kunstwerke, zu denen wir »Nein!« und trotzdem »Es schaut schon gut aus!« sagen. Auch 2025 sind uns Bilder mit diesem Gänsehauteffekt gelungen. Nitsch wusste, wie man ein monumentales Bild aufbaut, um etwas anzutriggern. Er hat mir einmal in Zürich Ferdinand Hodlers Gemälde ›Blick in die Unendlichkeit‹ (1913/16) mit den Worten gezeigt: »Schau Franz, so macht man Monumentalität! Nicht eine tanzende Frau, fünf davon!«

Müssen Szenen gekreuzigter und begossener Körper als chiffrierter Niederschlag von Erfahrungen einer ganz anderen, averbalen Ebene der Wirklichkeitserfassung verstanden werden?

Gassner: Ich denke, Nitschs Assoziationen hätten auch völlig belanglos sein können. Sie sind es aber gerade nicht! Das ganze Konstrukt weisst faszinierende Brüche auf, wir stolpern über die ganze Rätselhaftigkeit des Menschen. Die Motivik bis zum Ende zu diskutieren, führt allerdings zu nichts. Die theoretischen Äusserungen in den Partituren liegen auf einer Ebene mit den angeführten mathematischen Formeln, die den Reiz des Geheimnisvollen haben, ohne dass sie verstanden werden. Das erklärt auch die vielen Widersprüche in den Texten. Trete ich einen Schritt zurück, so erkenne ich sie als Teil des Mysteriums. Der Theorie des OM Theaters muss man mit wohlwollender Distanz begegnen. In der Mathematik spricht man von einem »schönen Beweis«, wenn eine Lösung eine unglaubliche Befriedigung erzeugt. Auch wenn’s rational nicht ganz aufgeht, es ist und bleibt ein schöner Gedanke.

Die Fragen stellte Wolfgang Koch © 2025

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/20/dann-hab-ich-halt-den-wiener-aktionismus-zu-grabe-getragen/feed/ 0
»Journalismus wird heute verachtet, weil er den Eliten dient« https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/18/journalismus-wird-heute-verachtet-weil-er-den-eliten-dient/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/18/journalismus-wird-heute-verachtet-weil-er-den-eliten-dient/#respond Thu, 18 Dec 2025 12:39:05 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4739 Frau Géraldine Muhlmann, 2022 haben Sie gegen die »theologisch-politische Heuchelei« von Agamben, Habermas und Moffe in der Geschichtsphilosophie polemisiert. In ihrem neuen Buch betonen Sie die Langlebigkeit der Tatsachen. Wie definieren Sie Fakten?

Géraldine Muhlmann: Ich behaupte, dass die Faktizität eines jeden Sachverhalts ein Material ist, das durch die Sinne erfasst wird. Und das gilt selbst für Statistiken, die auf der Grundlage von sinnlich erfassten Einzelfällen basieren. Sie sind »faktisches Material«, ein Ausdruck von Hannah Arendt, wenn die behandelten Gegenstände anfechtbar und zugleich konstruiert sind. Bereits im stillen Akt des Sehens und Empfindens gibt es etwas Konstruiertes, was die Faktizität jedoch keineswegs aufhebt.

Was wird aus den Fakten in einer zunehmend virtuellen Welt?

Muhlmann: Unser Zusammenleben und unsere Demokratie stehen auf dem Spiel. Selbst die hitzigsten Debatten benötigen ein Fundament allgemein anerkannter Fakten, um verstanden und geteilt werden zu können. Die KI ist nicht der Hauptgrund für die Probleme des Journalismus. Wir befinden uns in einer Welt aus Filterblasen, so dass alle absolut das Gleiche denken. In Filterblasen bleiben wir unter uns. Neugier wird durch die Dynamik der Gespräche unterdrückt. Wenn wir uns gegenseitig in einer Meinung bestärken, gehen wir nicht mehr von Tatsachen aus, die in die Welt passen. Wir verleugnen ihre Existenz. Jeder lebt tendenziell in seiner eigenen Realität.

Die Übersetzung Ihrer Thesen erscheint in Wien, der Stadt von Karl Kraus.

Muhlmann: Ich habe die ausserordentliche Ironie von Kraus bereits in meiner Doktorarbeit 2001 gewürdigt. Er hat in seiner Zeitschrift Die Fackel gezeigt, dass es kein anderes Reich gibt als den Journalismus, in dem wir der Moderne entkommen können, um in aller Gelassenheit Kritik zu üben. Wir befinden uns im Inneren dessen, was wir angreifen. Die gedankliche Wucht von Kraus ist grossartig, weil er genau wusste, dass sein einziges Werkzeug die Presse war.

»Die Geschichte der Zeitung

ist mit der Vorstellung

eines Gemeinsinns verbunden«

Stellt das Aufkommen von Fake News und alternativen Fakten das Fundament der Öffentlichkeit infrage?

Muhlmann: Wir sind in der schwersten Krise, die der Journalismus seit Entstehung der Nachrichtenmedien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebt hat. Journalistenhass ist so alt wie der Journalismus selbst. Zur Zeit ihres Aufstiegs im 19. Jahrhundert wurde die Presse vom Adel und dem Bürgertum, den Vertretern der etablierten Ordnung, gehasst, weil sie deren umfassenden Blick auf die Gesellschaft fürchteten. Die Geschichte der Zeitung ist mit der unbestreitbaren Vorstellung eines Gemeinsinns verbunden. Das Publikum hat das Recht, die Wahrheit zu erfahren. Fast alle führenden Persönlichkeiten der Französischen Revolution waren Zeitungsredakteure. Während der Pariser Kommune wurden innerhalb von 70 Tagen 70 Zeitungen gegründet. Heute sieht sie sich der Journalismus einer neuen Feindseligkeit ausgesetzt; ihm wird vorgeworfen, gegen das Volk zu sein. Heute entsteht der Hass von unten. Journalisten werden pauschal den Eliten zugerechnet, Nachrichtenmedien in einer ständigen Komplizenschaft mit den Mächtigen wahrgenommen.

Wie entkommen Medien der zunehmenden Verachtung, ohne in blinde Selbstgefälligkeit zu verfallen?

Muhlmann: Wir müssen zur Idee des 19. Jahrhunderts zurückkehren, dass es einen Reporter braucht, der die Dinge körperlich überprüft. Mein Aufschrei ist eine Beunruhigung. In jedem bedeutenden Bericht, selbst wenn er vollkommen korrekt und detailliert ist, liegt die Verantwortung bei einem Erzähler, der unweigerlich seine eigenen Entscheidungen getroffen und seine eigene Perspektive zum Ausdruck gebracht hat. Jeder Bericht ist ein Werk, das sowohl Zeugnis ablegt als auch dezentriert.

Im Interview: Géraldine Muhlmann

geboren 1972, ist Professorin für Politikwissenschaft und Politische Philosophie an der Universität Paris II Panthéon-Assas. Die Absolventin der New Yorker University School of Journalism moderiert die Radiosendung »Avec philosophie« auf france culture. Ihr Buch ›Zur Verteidigung der Fakten‹ ist im Passagen Verlag (162 Seiten, 25 Euro) erschienen.

»Ich mag nicht mit einem einzigen Konzept alles erklären« / Foto: Nathalie Guyon

Führt uns dieser Weg hinaus aus der postdigitalen Realität?

Muhlmann: Die Flut an unterschiedlichen Diskursen, Gesprächen, Stimmungen und endlosen Kommentaren verschlingt jede faktische Materie, über die wir eigentlich sprechen sollten. Dazu kommt die Überzeugung, dass es überhaupt keinen Sinn hätte, den Dingen auf den Grund zu gehen. Alle theoretisieren vor sich hin. Darum ist es ganz wichtig, auf die Ausgangsidee des Journalismus zurück zu kommen, die darin besteht zu recherchieren, eine Situation zu untersuchen und die gewonnenen Fakten miteinander zu teilen. Sinnliche Erfahrungen sind teilbar. Für mich ist es klar, dass eine flexiblere journalistische Perspektive und eine grössere Vielfalt an Stimmen derjenigen, die an der Erzählung beteiligt sind, unweigerlich zu einem reichhaltigeren Informationsfluss führen.

»Das Publikum steht im Zentrum

des Bemühens um Unparteilichkeit«

Eröffnen Sie eine neue Realismus-Diskussion?

Muhlmann: Nein! Weder eine Realismus- noch eine Positivismus-Diskussion. Ich verteidige die Tatsachen nicht auf positivistische Weise und denke, dass es wissenschaftliche Wege gibt, die den bekannten überlegen sind. Es gibt keinen Realismus im Sinn eines übergeordneten Standpunkts, der die Wahrheit sagt. Die Tatsachen sind greifbar, und zwar sinnlich erfahrbar. Sie vermitteln sich zuerst dem Körper, der einzigartig ist. Zu einer Unparteilichkeit der Wahrnehmung zu gelangen, ist ein Projekt.

»Der schwache Geist wehrt sich unbewusst gegen Zuviel-Wissen« –
Géraldine Muhlmann am grössten Buch-Event Österreichs / Foto: Passagen Verlag

Wann ist das Tatsachenmaterial als »wahr« anzusehen?

Muhlmann: Der Reporter weckt eine gemeinsame Neugier, den sogenannten human interest. Er lenkt den Fokus der Leser auf die gemeinsame Sache und nimmt wahr, wie jeder beliebig andere auch wahrnehmen würde. Zu fragen, ob die erzählende Person unparteiisch genug ist, heisst zu fragen, ob man ihr vertrauen kann. Unparteilichkeit ist fortwährende Arbeit an sich selbst.

Das erinnert an Ludwig Feuerbachs Grundsatz von 1843, dass wir an dem zweifeln, was wir allein sehen, und allein das gewiss ist, was auch der und die andere sieht.

Muhlmann: Feuerbach verstand sehr gut das sinnlich Erfahrbare der Praxis. Wenn zwei Menschen etwas fühlen, teilen sie das sinnlich Erfahrbare, noch bevor sie versuchen, die Dinge zu theoretisieren.

Was deutet das für die Frontberichterstattung, die es im Drohnenkrieg ja gar nicht mehr geben kann?

Muhlmann: Jean Hatzfeld hat 1994 sein Buch über die Jugoslawienkriege ›L’Air de la guerre‹ genannt, um darauf hinzuweisen, dass der Krieg einen gewissen Geruch und Geschmack hat, etwas, das erfahrbar ist und das der Reporter versuchen muss zu vermitteln. Der Drohnenkrieg macht das sehr viel schwieriger.

»Unparteilichkeit ist der Weg,

Gefühle zu universalisieren«

Wie kommen wir im permanenten Spannungsfeld der Erregung über das Falsche der Wahrheit näher?

Muhlmann: Fakten haben immer auch eine spaltende Wirkung. Sie erst ermöglichen unsere unterschiedlichen Urteile und Meinungen, und damit ins Gespräch zu kommen. Man muss akzeptieren, dass ein Urteil über die Fakten nie vollständig abschliessbar ist, sondern auf ein Abwägen hinausläuft. Die libertäre Journalistin Caroline Rémy, genannt Séverine, und Jules Vallès, ein grosser Romancier und Publizist, versuchten an ihren Emotionen zuarbeiten, damit sie empfinden wie die Bürger oder das Volk, um ihre Arbeit so weit zu teilen, wie nur irgendwie möglich. Unparteilichkeit ist ein Konzept, die Empfindungen und Emotionen nicht einzigartig bleiben zu lassen, sondern universalisierbar zu machen.

Warum begeistern Sie sich für Serien und Podcasts?

Muhlmann: Sie befriedigen etwas, das der Journalismus nicht mehr zu geben vermag – das Verlangen, dem Leben der Anderen näherzukommen und den Wunsch nach Langsamkeit.

Was nützt die journalistische Berufsethik, solange die Information in erster Linie eine Ware bleibt, mit der Verlage Gewinne machen?

Muhlmann: Natürlich gab es einen kommerziellen Aspekt bei der Erfindung des Neuigkeiten-Formats. Aber seltsamer Weise hat die Presse auch eine moderne Deontologie erfunden. Joseph Pulitzer, Eigentümer der US-amerikanischen Zeitung New York World, nannte die drei bedeutensten Worte im Journalismus: »Accuracy, accuracy, accuracy«. Er betonte damit die entscheidende Rolle der faktischen Korrektheit in der Berichterstattung. Schon in der englische und in der schottische Aufklärung hat etwa Adam Smith die Idee des gemeinsamen sinnlich Erfahrbaren formuliert.

Die französische Medienlandschaft teilen sich heute zehn Multimilliardäre untereinander auf.

Muhlmann: Es gab immer sehr reiche Leute, die über das Presse- und Verlagswesen Einfluss auf die Politik nehmen wollten. Das Neue an der heutigen Situation ist, dass wir es mit einem Konzern zu tun haben, der die politische Macht erobern will. Dieses Projekt ist viel expliziter.

Stimmen Sie der These von Ingo Dachwitz und Sven Hilbig zu, dass das Zeitalter des Kolonialismus nicht zu Ende ist und heute in der Virtualität einen neue Dimension erreicht?

Muhlmann: Ich mag nicht mit einem einzigen Konzept alles erklären. In solchen Gewissheiten der Geschichtsphilosophie gehen Zweifel, Kontingenz und Komplexität verloren.

 

Es interessiert Sie nicht, ob KI-Modelle intelligent sind. Sie kritisieren, dass KI uns Inhalte mit der Gewalt aufzwingt, die wir von überraschenden Fakten her kennen.

Muhlmann: Es ist offensichtlich, dass uns KI berührt. Vor zwei Jahren sprachen wir von Deepfake. Inzwischen kennt KI unsere inneren Zustände und Stimmungen sehr genau. Die These zur Virtualisierung der Welt, die ich entwickle, wird dadurch verstärkt. Das Unheimliche war bisher das eigentliche Zeichen für die Wahrheit des Faktischen. Das ist ein völlig anderes Problem als das einer Maschine, die uns durch ihre komplette Verselbstständigung bedroht.

Wie profitiert politische Macht von der Virtualisierung?

Muhlmann: Hinter dem Wunsch nach dem Einfachen steckt oft ein sozialer Schmerz. Der schwache Geist sieht nur das, was er zu ertragen vermag. Er wehrt sich unbewusst gegen Zuviel-Wissen. Der Trumpismus ist eine Geisteshaltung, die im Zentrum der gegenwärtigen Virtualisierung der Welt steht. Trump hat gezeigt, dass die gegenwärtige Erosion des Begriffs Fakt selbst die Macht ergreifen kann.

Hatte George Orwell in seinem Jahrhundertroman recht damit, dass jene, die am besten wissen, was in der Gesellschaft gespielt wird, am weitesten davon entfernt sind, die Welt zu sehen, wie sie tatsächlich ist?

Muhlmann: Der Philosoph Claude Lefort hat auf Orwells tiefes Verständnis für den Körper und den Blick hingewiesen. In seiner Dystopie haben die Leute, die der politischen Klasse angehören, ganz kleine Augen und sehen aus wie ein Skarabäen. Eine wichtige Metapher! Winston, der Romanheld, hingegen erlebt eine tiefe fleischliche Liebe und lernt dabei die Realität mit seinem Körper zu sehen, wie sie ist. Das macht ihn gefährlich für das Regime.

Woran arbeiten Sie zurzeit?

Muhlmann: Ich bin ziemlich hart mit mir selbst. Ich spreche nie über Bücher, bevor ich sie geschrieben habe.

Interview: Wolfgang Koch, Übersetzung: Isolde Schmitt

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/12/18/journalismus-wird-heute-verachtet-weil-er-den-eliten-dient/feed/ 0
Das herzerweichende Istanbul https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/30/das-herzerweichende-istanbul/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/30/das-herzerweichende-istanbul/#respond Sun, 30 Nov 2025 12:28:59 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4721 Wie nähern wir uns möglichst untouristisch einer fremden Stadt? Nun, dazu müssen wir einen emotionalen Aspekt finden, der – am besten schon vor Antritt der Reise – ein interessantes Netz über den unbekannten Ort aufspannt. Das werden eher selten die Menschen sein, die das Ziel bewohnen. Wir würden in den Sozialen Medien doch nur in ein paar Blasen vordringen, wo man uns mit geschönten Portraitaufnahmen, Hochzeitstorten und Babyfotos umgarnt.

Im Fall der bevölkerungsreichsten Stadt der Türkei bieten sich vielleicht Moscheen oder Kaffeehäuser an – aber auf diese Idee kommt auch die Fremdenverkehrsvorsorge. An manchen Orten ist es die besten Idee, sich den Freiluftmärkten und Basarvierteln zuzuwenden. Trödelmärkte erzählen mehr als Museen. Sie erzählen von den Freuden und Moden von gestern, von den Triumphen und Niederlagen des Lebens.

Vor der Reise

Um Istanbul zu entdecken, legt uns der Berliner Dağyeli Verlag einen nahezu unschlagbaren Schlüssel in der Hand: 18 Erzählungen über die im Menschen- und Häusermeer am Bosporus lebenden Tierwesen, also Streunerkatzen, Strassenhunde, stolze Tauben, eine Mördermöwe und Kinoraben.

Der kleine handliche Band, in dem sogar die Seitenzahlen ein Eigenleben führen, eröffnet mit einem wahren Feuerwerk. 2021 hat Dağyeli die wunderbaren Weisheitsgeschichte ›Das Buch des Amba Besarion‹ von Besik Kharanauli veröffentlicht. Auf demselben literarischen Hochniveau wie der Georgier aus der stummen Generation liefert der Babyboomer Şükrü Erbaş im Istanbul-Band ein Knäul aus Seelenpein, geheftet an das Schwanzwedeln eines Hundes.

Die Begegnung von Menschen mit anderen Lebewesen wird in ›Meine Einsamkeit namens Tarçın‹ geradezu existenziell. »Nicht die Zeit, die Welt zieht vorbei am Menschen«, heisst es an einer dunkeltraurigen Stelle. »Ein Teil von dir verläuft sich in den Strassen, ein Teil von dir ist das Abbild des Verfalls in den Häusern, ein Teil von dir ein zerschlagener Wunsch, der am Galgen der Basare baumelt. Alles liegt in Stücken, jeder Ort ist verloren, alle sind sprachlos. Der Mensch erreicht seine Toten nicht«.

Was geschehen ist, wird klar, als Tarçıns fünf vierbeinige Freunde gleichzeitig ihre Schwänze senken. In anderen Erzählungen lacht Istanbul hell auf wie kleine Mädchen. Wir durchstreifen mit einem Vogelzüchter den Himmel auf der Suche nach den Wesen, die ein flatterendes Klatschen in der Leere hinterlassen. Stadttauben laufen einem auf den Moscheehöfen und Plätzen Istanbuls ständig vor die Füsse. Ein »bleiblaues, grünes und pupurn schillerendes Gerucke, Gepluster«. Dazwischen Strassenkatzen, die ausser dem Umstand, Katzen zu sein, keine besonderen Merkmale haben.

»Die Welt dreht sich immer noch zu Ehren gewisser Menschen« / Foto: Mario Pschera 2019

Die Erzählungen des schönen Bandes sind in einem aberwitzigen Gothic-Font gesetzt und geben Tipps zur Tierhaltung und zum Bau von Katzenhäusern; der Poët Haydar Ergülen, ein Babyboomer, ruft auf, »eine Vereinigung von Freiwilligen für Katzen und Hunde« zu gründen.

»Die Anschaffung eines Tieres muss man so sehen, als bekäme man ein Kind, und nicht, als nehme man vorübergehend einen Gast bei sich auf«, lesen wir in ›Die Volkstauben von Istanbul‹ von Ali Ayçil. Der Autor aus der Generation X beobachtet »eine uralte, sich unverändert wiederholende Szene«: eine nach Herzenlust Wasser trinkende Taube. »Wenn Tauben aus einem Brunnen in Istanbul trinken, ist es ein besonderer Moment, in dem diese Vögel, die dem Menschen so nahe sind, und die Architektur, die der Stadt ihre Identität verleiht, in einem Bild verewigt werden, das einen Platz an der unsichtbaren Wand der Zeit erhält«.

Gebrauchsanweisung für Koko

Wir schlüpfen in den Kopf eines im Wald ausgesetzen Hundes, wir bewundern das Weiss der Flügel von Dachvorsprung-Bewohnern, und wir studieren eine ›Gebrauchsanweisung für Koko‹ vom frühen Morgen bis zum Abschiedsgassi um 23.00 Uhr.

»Nicht die Menschen, die Häuser traten auf die Strasse hinaus« / Foto: Mario Pschera

Städtische Tiere tauchen häufiger in Reportagen, Filmepen und Roman als in Erzählungen auf. Man denke an die gequälten Zootiere, mit denen Kriegsberichterstatter die Emotionen ihres Publikums zu rühren versuchen. Nobelpreisträger László Krasznahorkai, ein Babyboomer, lässt in seiner Osteuropa-Parabel ›Az ellenállás melankóliája‹ (Melancholie des Widerstands, 1989) eine riesige Population verwilderter Katzen in einer kleinen Stadt in Südostungarn auftreten. »Übergewichtige Geschöpfe, sichtlich verwildert, geboren aus einem langen Traum, die unter diesen günstigen Umständen eindeutig zu ihren uralten Raubtierinstinkten zurückkehrten, Zeugen, Zaren eines lange erwarteten dunklen Zeitalters, das endlos zu dauern schien, die neuen Herren einer Stadt, in der […] die Zeichen eines fortschreitenden und allgemeinen Verfalls nur allzu deutlich zu erkennen waren.«

Rigide Männer

Wer nach dem nivellierenden Diskurs der letzten Jahrzehnte noch in der Lage ist, die Geschlechterdifferenz als Quelle von Lust und Lebendigkeit zu erfahren, wird mit der Erzählung ›Koko. Pati und die anderen‹ des Autors und Dokumentaristen Gökhan Akçura, ein Babyboomer, viel Freude haben. Darin heisst es: »Wenn Sie einen Mann erziehen wollen, schenken Sie ihm eine Katze. Denn entweder lernt er, mit Katzen so umzugehen, wie sie es mögen, oder er muss sie wieder aus seinem Leben verbannen. Diese Art von Beziehung ist nur möglich, wenn der Mann bereit ist, Zugeständnisse bei seinen Gewohnheiten zu machen. Vor allem, wenn er vorher mit einem Hund zusammengelebt hat, muss er sich komplett umstellen«.

»Ein Tier lieben zu lernen ist etwas Schönes, wie ein neues Schriftzeichen oder eine neue Sprache zu lernen« / Foto: Mario Pschera

Und dann richtet sich Akçuras Erzähler direkt an den groben Kerl im Mann: »Sie sind jetzt mit einem Wesen zusammen, das nicht kommt, wenn Sie es rufen, nicht tut, was sie ihm sagen und sich nicht einfach überall knuddeln und streicheln lässt. Sicher, nach einer Weile lieben Sie ihre Katze, aber diese Liebe ist überhaupt nicht so, wie Sie sich das vorgestellt haben. Sie werden zusehends dazu gezwungen, sich so zu verhalten, wie sie es will. Man kann eine Katze nur zu ihren Bedingungen lieben, nur so kann eine Beziehung aufgebaut werden. Dies wiederum bedarf einer grundlegenden Veränderung des Mannes, der diese Art von Nachgiebigkeit nicht gewohnt ist. Aus diesem Grund ist es für rigide Männer gar nicht einfach, Katzen zu halten und zu lieben. Ein harmonisches Zusammenleben mit einer Katze ist dann möglich, wenn der Mann seine Rigidität aufgibt. Männer, die dies auch in ihrem zwischenmenschlichen Leben umzusetzen vermögen, können eine stimmige Beziehung zu Frauen aufbauen. Ja, ich wiederhole: Eine Katze kann in dieser Hinsicht eine gute Lehrerin sein!«

© Wolfgang Koch 2025

Tuğçe Isıyel (Hg.): Von Tieren, Menschen und der Stadt. Geschichten aus Istanbul, Übersetzungen von Sara Heigl, 168 Seiten, ISBN: 9783910948051, 22,- Euro

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/30/das-herzerweichende-istanbul/feed/ 0
Generalversammlung der Büchersüchtigen https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/16/generalversammlung-der-buechersuechtigen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/16/generalversammlung-der-buechersuechtigen/#respond Sun, 16 Nov 2025 02:00:42 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4699 Buch Wien, Tag 1

Keine Tragtaschen am Eingang, also der erste Weg zur AK am anderen Saalende, wo diese tiefrot sind, die Aufschrift »Wissen ist Macht« tragen und von einer PoC vergeben werden. Danke, nun bin ich ausgestattet, liebe Messe! Jetzt heisst es, die in der Horizontalen vor mir erscheinenden Schriften zu studieren: Verlagsschilder, Buchtitel, Transparente, Plakate.

Bei Passagen hat die Lektorin, die an der Sorbonne studierte, Géraldine Muhlmann ins Programm gehievt. Der leuchtet die Resilienz des Faktischen gegen das Virtuelle vollkommen ein. Ist vorgemerkt. Beim kryptokonservativen Castrvm nichts Auffälliges, das Erscheinen der angekündigten Druckzeitschrift Fiume wird auf 2026 verlegt. Bei der Zeitschrift Fleisch hingegen ein 20-Jahr-Jubiläumsband von 2024 – »Was, so lange gibt es das schon?« –, und ein vom Wiener Wahlkampf finanziertes 130 Seiten-Fotoheft, Abverkauf: 5 Taler, mit Bildern von Niko Havranek. Das ist die erste Entdeckung: die mit Abstand beste Streetphotography, seit Paul Albert Leitner hatscht wie eine lahme Ente.

Karolinger senior macht mich auf Malte Oppermann und den Russen Wassilij Rosanow (1856-1919) aufmerksam. Aphoristisches Schreiben liegt mir als ungeduldigen Leser zwar; ich kann mich aber noch nicht entschliessen. Donata Kinzelbach empfiehlt mir wieder mit sicherer Hand Hochliterarisches: eine Bootsflucht, erzählt vom Marrokaner Yousoud Amone Elalamy, der französisch schreibt. Orginaltitel: Les Clandestins (2002). Kapitel 14 hebt an mit den Worten: »Der Himmel war so blau da oben, wie man es von Unglückstagen kennt, und auf dem Sand lagen seltsame Fische«. Sie entpuppen sich als menschliche Leichen.

„Warum gibt es auf der Welt von allem so viel?“ / Foto: Nicola Montfort

Mario Pschera von Dagyeli, Mitbegründer des Aktionsbündnis »Verlage gegen Rechts«, hat Lyrik aus wirklich exotischen Weltecken im Programm, ein bewunderswerter und cooler Kämpfer für seine Sache. Wir verabreden uns für die nächsten Tage. Ich treffe einen Veteranen aus meiner Redaktion von vor fast 40 Jahren, er moderiert irgendwas. Dann meinen eigenen Verleger, Michael Hüttler, zum Schwatz im Gehen.

Das Bundesheer ist erstmals auf der Buch Wien vertreten, aber ohne spezielle Info über Frauen im Heer. Das Aussenministerium lockt mit Gratisbüchern, darunter ›Traumberuf Diplomatin?‹. Die Espressomaschine von Ö1 trifft verspätet ein. Meine Lektorin, auch das ist zu erfahren, wohnt jetzt an einem Ort, an dem noch vor kurzem eine Gstettn war. Sie liest den ungarischen Literaturnobelpreisträger und kennt auch die Verfilmung seiner Romanstoffe.

Bei Mathes & Seitz hole ich mir den neuen Frank Witzel (›Komplexe Strukturen‹). Die Kärntner Verlegerin weiss keine Nachrichten von ihrem Vorgänger, zuckt sie mit den Schultern, »Er hat sich zurückgezogen«, und schickt mich zur Lesung einer tschechischen Bestseller-Autorin, die sie in ihr Programm aufgenommen hat. Als ich mich abwende, hört ich schon den nächsten Gast am Stand nach ihrem Vorgänger fragen.

Die besagte Tschechin sitzt mit ihrer Buch- und ihrer Sprechübersetzerin vor uns. Drei Damen. Ein Band soll bereits in 25 Sprachen übersetzt worden sein und in Tschechien bereits eine Millionen Exemplare verkauft haben. Interessantes Übersetzungsproblem des Titels ›Les v domě‹ (Der Wald / Die Lüge im Haus), transponiert unter anderem in »Gewalt im Haus«. Aber das Autorinnenhaupt auf der Bühne wirkt auf mich gespenstisch, und als dann auch noch eine Textprobe in Kolportagedeutsch vorgetragen wird, – Ade! 

Der erworbene Axel-Hacke-Band – die Dame von Dumont kann noch keinen 100-Taler-Schein wechseln, ein Herr bei Kremayr & Scheriau muss aushelfen – wird ein Geschenk an meine Liebste. Sehr imposant die beleuchteten Vitrinen der vereinten Antiquariate: darin unter anderem Huxleys ›The Doors of Perception‹ in der Originalausgabe; ein Bertrand-Russel-Klassiker, signiert von Alan Turing als sein Bibliothekseigentum, um 35.000 Taler. Bei Sonderzahl keine Besucher·innen, obwohl oder vielleicht weil die ›Mutzenbacherin‹ in seriöser Aufmachung dasteht… , Hanno Milesi hat es zu mehr als Buch, nämlich auch zu einer Postkarte gebracht, Kraus, Nancy, viel Gutes, aber immer noch der Mangel aus den Gründungsjahren – ein zu kleiner Schriftfont.

Man hat 2025 die Hallenfläche verdoppelt, dabei Kinderbuch und Young & New Adults von der Erwachsenenwelt getrennt. Effekt: hier graue Köpfe, soweit das Auge reicht, dort ausgelassene Schulklassen. Keine Welt wird länger mit der anderen Welt konfrontiert: Generationen-Apartheid.

Ich erblicke eine TV-Moderatorin (Ex-Mitarbeiterin), einen Universitätsphilosophen (Ex-Freund) und die grüne Parteichefin im Laufpublikum. Auf den Bühnen die Plaudertaschen Liessmann, Köhlmeier und, gleich auf zwei Brettern, der ORF-Osteuropakorrespondent Wehrschütz, der letzte Woche die Unverfrorenheit besass, dem TV-Publikum einen Frontbericht aus der Ukraine vorzutäuschen. Da es keine feindlichen Linien mehr im Drohnenkrieg gibt, gibt es auch keine Kriegsberichtserstattung mehr, die diesen Namen verdient. Wehrschütz schwingt unter einem Foto von sich mit Schutzhelm in einem Lederfauteuil sitzend eine Netzpistole und erklärt, wie er damit sei Leben gegen Minidrohnen sichert.

Die Dame neben mir wendet sich angeekelt ab. »Ein FPÖ-Mann!« Wird Zeit für mich zu verschwinden. Eine Chinesin kalligrafiert unterwegs noch meinen Namen auf ein Lesezeichen. »Warten, bis trocknet«. Auf der Rückseite bittet einer zweiter Schriftzug um den Schutz der Halbgötter für mich. Halbgötter? Das passt: so wie die besten der toten Autorenkollegen. Diese Trophäe hänge ich über dem Schreibtisch auf, – gleich neben der arabischen Kalligraphie, die meine Bücher vor der Pest beschützt.

Um zum Ausgang zu gelangen, wird man gezwungen, einen beträchtlichen Umweg zur Garderobe zu nehmen und dabei die Ramschtische von Thalia zu passieren. Unglaublich, was sich die geschröpften Besucher·innen für 24 Taler Eintrittsgeld so alles gefallen lassen.

In der Schnellbahn begrüsse ich mehrere Kleine Brüder vom Lamm. Die Ordensmänner sind paarweise mit Rucksäcken nach Polen getrampt und kehren nun mit dem Zug wieder heim. Etwas Ernüchterung dann zu Hause! Das Geschenksbuch kommt an, aber das Wiener Gratisbuch des Jahres haben die Damen schon gelesen. Ich soll das angeschleppte Exemplar bitte zur freien Entnahme in den Müllraum legen.

Buch Wien, Tag 2

Als ich anrücke, ist die Tochter schon im Inneren der Messe, und hungrig. Wir verschlingen krass überteuerte Gemüselaibchen in einer Gastrozone, die nicht einmal Kantinencharme besitzt. Die Menschen an den dicht besetzen Tischen wirken wie Transferpassagiere, denen man in einer hermetisch verriegelten Halle vor dem Absturz des Airplanes noch eine Henkersmahlzeit erlaubt hat.

Unter den Antiquariatsangeboten eine SW-Aufnahme vom Leopoldsberg aus den 1930er-Jahren, den wir auch von unserer Wohnung aus sehen können. Die Donau noch ohne dem Jahrhundertbauwerk der Insel und mit dem Entlastungsgerinne. Hernach: Lesezeichen kalligraphieren, meine Tochter wählt einen Spruch zur beschleunigten Erleuchtung.

In der New-Adult-Halle stellt sie fest, dass ihr der Gefühlsschmus nicht behagt, viele Kundinnen jedoch älter sind als sie selbst. An allen Ständen liegen dort Werbebilder im Postkartenformat auf: gezeichnete Liebespaare im Badedress (›The Paradise Problem‹) oder in historischen Kostümen. »Nikolai Hale war der beste Freund meines Vaters, vollkommen tabu … und der heisseste Mann, den ich jemals gesehen hatte« — »Ich weiss nicht, ob Ihr Held oder Halunke seid. Das scheint jedoch ganz unwichtig zu sein. Mein Herz ist Euer« — »In der Hitze des Spiels wird jede Entscheidung zur Herzensangelegenheit« — »›Du musst damit aufhören.‹ Verwirrt sah ich ihn an. ›Womit?‹ ›Mich so anzusehen.‹«

Ein Lovestories-Verlag fragt dein Lieblings-Trope ab. Lesemädchen connecten sich. Die jungen Damen tragen Tops, Sneakers, zeitlose Stiefeletten, Langhaar sowieso. Auf der Bühne reichen etwa zwanzig Jahre ältere Exemplare des weiblichen Geschlechts in riesigen Thronen den Microphonphallus hin und her. Sie parlieren über ihre Romanfiguren, als wären das ihre lebenden Freunde, und wir alle gemeinsam versammelt in einer überlaufenden Hirnschale. In der Kinderzone Buchillustrationen mit Rätselfragen. Eine Glaswand mit Post-its, auf denen sich Schulklassen abreagiert haben. »Ich hasse Mathe«, »Die Welt ist gegen mich«,…

Die Tochter lotst mich zurück in Halle D an einen Tisch, auf dem Brote aufliegen. Zwei Bücher zur Herstellung von Sauerteig. Bitte, kosten! Der Autor zeigt uns einen QR-Code, um »glutenfreie Rezepturen« anzusteuern. (Zu Hause ist da später nichts zu finden.)

Auf der ORF-Bühne der deutsche Sachbuchautor Ingo Dachwitz, der uns die Marktmacht der IT-Konzerne schildert, und die schrecklichen Arbeitsbedingungen von Zensor- und  Moderator·innen in Kenia und Kongo. Er zögert mit der Antwort auf die Frage, was wir als Instagram-Nutzer tun können, bleibt dann aber tapfer bei seinem Pessimismus und warnt eindringlich davor, die politische Machtfrage zu ignorieren.

Einmal gelingt es einem Verteiler, mir das Miniheft ›Lebensdurst‹ der Christlichen Schriftverbreitung aus D-42499 Hückeswagen in die Hand zu drücken. Ich lerne: Dem Vorausdenker wird laut Duden die Seele sitt.

Das Glücksrad des Burgtheater rastet zwei Mal bei Rot ein. Vom R.G. Fischer Verlag in Frankfurt liegt die Postkarte »Ich schreibe« mit dem Vordruck auf: »Ich übersende anbei ein Manuskript zur Prüfung…« Die Stände der Selbstpublishing-Firmen sind aber glücklicher Weise sämtliche schlecht besucht.

Ich kaufe den Muhlmann-Band ›Zur Verteidigung der Fakten‹ (Pour es faits), und als der Deal abschlossen ist, macht mich der Verlagsmann darauf aufmerksam, dass die Philosophin morgen vor Ort liest. Mist, jetzt muss ich wohl nochmal her!

Die Tochter kommt langsam in Fahrt, erwirbt in einer frankophonen Ecke den Krimi ›Mort à Bordeaux‹. Seit ihrer Nizzareise ist es ihr ziemlich Ernst mit dem Französisch. Dann findet sie bei dtv die Bestseller der Schwedin Emma Hamberg, in denen Agneta ihr nüchtern geprägtes Dasein in Schweden verlässt, um im sonnigen Saint Carelle ihre wahres Leben zu beginnen. Der dtv-Stand verkauft die absolut zwingende Lektüre allerdings nicht, sondern verweist auf Thalia am Ausgang. Von dort erreicht mich eine Weile später der Anruf der verärgerten Entdeckerin. »Die führen die Bücher hier nicht und haben sie auch nicht auf Lager«. Ich zurück zum Stand, wo sich der Betreuer meiner erbarmt.

„Um eine Sache zu begreifen, muss man sie erst einmal liebgewinnen“ / Foto: Daniela Nickmann

Bei Reclam erfahre ich, dass es tatsächlich ein Reclam-Museum gibt, allerdings in Leipzig, und dass das 200-Jahr-Jubiläum der deutschen Parademarke herbei dräut. Mit dem Fleisch-Herausgeber verabrede en passant eine Story. Drei, vier weitere berufliche Gespräche. Bei Pustet liegt ein druckfrischer Band mit 25 Frauenportraits fortgeschrittenen Alters auf, schwarzweiss und faltenreich im Gegenlicht. Das Renner-Institut der SPÖ verteilt originellerweise eine 70-Seiten-Monografie von Karl Renner (1870-1950). Die rivalisierende Parteiakademie der ÖVP nennt sich jetzt Campus Tivoli, weil sie in einer Tivoligasse 73 residiert. Signalfarbe ist hier die vorletzte Parteifarbe: Türkis. Ich greife einen von insgesamt acht Bleistiften ab.

Um 16.00 Uhr steht der bundesweit bekannte Ex-Grüne Aufdecker in seiner Zack-Zack-Koje in einem Quergang und promotet sein neues Buch mit einem Toten am Cover. Die Dumont-Betreuerin erwischt mich von hinten und will wissen, ob das Geschenk gestern angekommen ist. »Und ob!«, antworte ich. »Meine Frau wusste gar nicht, dass Hacke auch lange Texte schreibt und hat die Hälfte des Buches bis zum Augenschliessen ausgelesen!«

Eine pensionierte Tierschutzreferentin aus dem Parlament erzählt mir, dass sie jetzt liebend gerne Omi ist und sich auf Kräuterpädagogin umschulen hat lassen. Am Ausgang fällt mir ein, dass der Presse- & Partnerpass ganz unten in meinem kiloschweren Büchersack liegen muss. Die um Jahrzehnte jüngere Frau an der Kontrolle winkt mich nach 20 Sekunden gestrenger Beobachtung durch. »Gehen Sie!« In der S-Bahn eine Blonde im falschen Lammfell-Mantel, mit Wollmütze und einem 30 cm hohen Weihnachtsbäumchen auf der Schoss. Vierzig Tage vor Heilig Abend.

Buch Wien, Tag 3

Doppel so viele Besucher·innen wie gestern. Besser man hält den Leib für den »Duft des Geistes«, wie der Russe Wassilij Rosanow, sonst ist hier wohl kein Durchkommen. Ich erwerbe Rosanows ausgewählten Schriften beim konservativen Karolinger Verlag. Schliesslich bin ich vor Jahren mit E. M. Ciorans ›Cahiers‹ (Notizen 1957-72) aus derselben Werkstatt gut gefahren. Die bestens gelaunten Kalligraphistinnen vom Fo Guang Shan Tempel Wien, 維也納佛光山, verraten mir heute, dass sie auch gerne singen.  

Meine Begleiterin zieht es zum Auftritt des Atmosphärenforschers Vincenzo Levizzani, der ›Das Geheimnis der Wolken‹ im Strickpulli ganz profan erklärt. Das herbstliche Nasswetter draussen rührt von winzigen Wasserkristallen aus Eiswolken her, die unaufhörlich auf uns niederrieseln. Das gemeine Wiener Volk nennt das schlicht »Nebelreissen«.

Die Philosophin Géraldine Muhlmann kommt auf der Science-Bühne knappe dreissig Minuten zu Wort, hält ein leidenschaftliches Plädoyer für einen über sich selbst aufgeklärten Journalismus und überrascht das Publikum mit dem Bekenntnis ihrer Leidenschaft für fiktionale Serien. Serien geben uns ihrer Meinung nach zwei Dinge, welche die Medienkommunikation in einer Zeit der Hypervernetzung nicht mehr zu leisten vermag: Wir kommen dabei dem Leben der Anderen näher und stillen das Bedürfnis nach Langsamkeit. Mein Interview mit der spannenden Denkerin findet unter schwierigen Umständen in der Lounge hinter der Hauptbühne statt. – Die Veranstalter der Messe sind schon im zweiten Jahr nicht in der Lage, für Berichterstatter lärmgeschützte Arbeitsbedingungen zu schaffen.

„Seit Beginn und dann für sehr lange Zeit machte es den Anschein …“ / Foto: Nicola Montfort

Von einer Bühne her schnappe ich das Wort »Ziegelsteinerfahrung« auf. Die würde ich gerne einigen bescheren. Auf viel zu vielen Podien gastiert nämlich die Seuche der Regionalkrimis, leichte bis bodenlose Unterhaltungsware, mehrheitlich von Frauen verfasst. Martina Parker ist so eine Rampensau auf der Radio Wien-Bühne (»Ich bin ausgebucht bis August 2026!«). Sie unterhält das Publikum kabarettistisch mit den Schattenseiten der High-Society-Glitzerwelt, ätzt über Caffè latte schlürfende und Lastenfahrrad tretende Bobos und verspricht jedem Buchkäufer am heutigen Tag einen »Häkelwurm aus meiner Community«.

Das Aussenministerium hat heute den Band ›In der Wüste Bäume pflanzen‹ zur freien Entnahme ausgelegt. Der Haupttitel antwortet in diesem Fall auf den Subtitel ›In welcher Welt wollen wir 2040 leben?‹. Wie viele Menschen wären bei der aktuellen Weltlage wohl froh, wenn sie das überhaupt noch täten?

Viel Prominenz ist am dritten Tag auf der Buch Wien zugegen. Die Ex-Justizministerin mit Kinderwagen. Der Verschwörungserzähler von Zack-Zack hat heute seine Gemahlin mitgebracht. Professor Heinz Gärtner erinnert mich an eine versprochene Buchrezension. Der gut gelaunte Gerald Schmickl, Anführer der Spitzmauskarawane, gesteht, obschon eingefleischter Wiener, die Kaiserliche Schatzkammer noch nie gesehen zu haben. Mario Pschera meint, dass heute ganz Wien nicht auf der Mariahilferstrasse flaniert, sondern entlang der Kojen der Halle D.

Die Post-its der protestierenden Schuljugend auf der Glaswand zwischen den Hallen sind mittlerweile auf das Doppelte der Menge angeschwollen. Besonders schön: »Ich werde / gezwungen / hier zu / sein.« … »Was / suche / ich hier?« … »Büchersüchtig? / Selbsthilfegruppe / @ buecherwurm136«.

Am Ende des Tages schleppe ich fünf Bücher, ein Interview und drei Arbeitsvorhaben nach Hause. Mit meiner Begleitung ins Gespräch über das Erlebte vertieft, vergesse ich das Ticket der U-Bahn zu stempeln. Prompt baut sich am Praterstern eine Phalanx von Schwarzkapplern am Ausgang auf, was mich zu fünf Minuten Umweg zwingt. Jetzt reicht’s aber.

Buch Wien, Tag 4

dienstfrei

© Wolfgang Koch 2025

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/11/16/generalversammlung-der-buechersuechtigen/feed/ 0
Remember Südtirol — Das tobende Kasermandl im Almrauschkessel https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/31/remember-suedtirol-das-tobende-kasermandl-im-almrauschkessel/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/31/remember-suedtirol-das-tobende-kasermandl-im-almrauschkessel/#respond Fri, 31 Oct 2025 08:51:31 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4666 Weit oberhalb des letzten Dorfes lebte einer … Nein, genau genommen, war es ganz anders. Als der 22jährige Dichter Norbert Conrad Kaser aus dem Südtirolerischen Bruneck am 27. August 1969 bei einer Studientagung der Südtioler Hochschülerschaft seine Rede hielt, lachten die Kommilitonen dreimal laut auf. Bei der Invektive »Zuchtstier«, dann bei »armes Würstchen« und schliesslich bei der Schmähphrase »Vox populi – vox Rindvieh«, die des Volkes gesunde Stimme in den Kuhstall verwies.

»Hassrede« wäre ein viel zu ungenauer Begriff für das, was der junge Dichter da in den 23 Minuten seines Auftritts ablieferte. Hassrede wirkt weiträumig wie die Wüste Gobi. Hier handelte sich eher um eine haltlose intellektuelle Gaudi, die laut und verletzend sein wollte. Um Übertreibungskunst, an derem Ende Blutfliessen und Absolution hinausgebrüllt wurde. Höre, Gen Z! Wer Anspruch auf die Achtsamkeit der anderen stellte, galt in der Protestgeneration der 1960er-Jahre selbst als rigoros.

Eingeklemmt in den Bergen

Damals, in den wilden Jahren der Kettenraucher und der Wehrdienstverweigerer, der Achselhaare und der Autostopper, hielt man noch jeden moralischen Gehalt einer Meinung, die jemand äussert, für öffentlich verhandelbar. Die Menschen diskutierten, die Jugend las Bücher. Die jungen Generation verstecke sich nicht hinter Sprachregelungen, verschanzte sich nicht in Echokammern, wo jeder nur das hört, was er hören will.

Kaser griff die zeitgenössische Lyrik als »Exkremente einer total vertrottelten Bozener Schiessbundengesellchaft« an. Er behauptete die Existenz eines alle Kreativität erstickenden Mumelter-Clans (in den er auch gleich den Organisator der Veranstaltung, Gerhard Mumelter, miteinbezog). Kaser attackierte mit heftigen Vorwürfen den führenden Literaturwissenschafter dieser Jahre und die Südtiroler Medien, darunter auch die Kultur- und Literaturzeitschriften.

Schlächter im Anmarsch

Ein gutes Haar liess er nur an bestimmten Vorboten des Neuen (Franz Tumler, Paul Flora, Karl Plattner) und an den aus Südtirol exilierten Autorenkollegen Herbert Rosendorfer, Joseph Zoderer, Claus Gatterer und Kuno Seyr.

Kasers bewusst undiplomatisch gehaltene Brixner Rede gilt heute als historischer Auftakt zu dem kulturellen Aufbruch der Provinz. Der junge Dichter verbot sich nationalistische Töne im Heimatdusel. Er beklagte die »Schmachtfetzen« und die »Vertrottelung« der Tirolensen. Die Berge sollten nicht länger als Zäune des Weltbilds dienen; Goethe nicht mehr länger als »die grosse Warntafel an der Kreuzung nach Süden« stehen. Kaser verlangte nach einem lebendigen Austausch zwischen den Autor·innen und Kulturschaffenden deutscher, italienischer und ladinischer Sprache.

Seit 629 Jahren: Goldener Adler, Innsbruck / Foto: Matthias Breit 2025

Umsonst! Vergeblich! Erfolglos! Die Empörung war, angeheizt vom Chefredakteur der meistgelesenen Tageszeitung Dolomiten, enorm im Land. Die rachsüchtigen Stimmen der Majorität degradierten den Jungautor zum »Kasermandl« und der Brixner Auftritt stand mit diesem Ochsentitel nicht mehr am Beginn einer glanzvollen literarischen Karriere, sondern am Beginn von Kasers Isolation. Der Störenfried schlug sich fortan in prekären Verhältnissen durch, überwintere im Kapuzinerkloster, bewohnte ein Schebergartenhäuschen in Wien, wurde aus Not Hilfslehrer an Südtiroler Bergschulen. So könnte die Epoche den Jungen aus dem Kleinhäusler holen, aber nicht den Kleinhäusler aus dem Jungen.

Gastof Post am Brennerpass / Foto: Matthias Breit 2025

Es gelang diesem wunderbaren Dichter zu Lebzeiten kein einziges kommerzielles Buch zu publizieren. Vier Sammlungen seiner Gedichte entstanden im Selfpubishing für Freunde. Wäre Norbert C. Kaser nicht im Jahr nach seinem Tod – er starb am 21. August 1978 in Bruneck an den Folgen einer fortgeschrittenen Leberzirrhose – vom Wiener Kulturjournalisten Hans Haider auf den Schild gehoben worden, hätten wir den wahrscheinlich originellsten Schreiber der Protestgeneration nicht mehr kennen gelernt.

Einfühlsamer Pädagoge

Dass Kaser mehr als Gift & Galle versprühen konnte, wird nicht nur in den Sammlungen seiner Gedichte in deutscher und italienischer Sprache sichtbar, sondern auch im Widerstand gegen die Gleichgültigkeit der Schulbehörde. Als der Dichter 1974/75 als Hilfslehrer der III. und IV. Klasse in Flaas tätig war, Gruppen zu je zwanzig Schüler·innen, monierte er, dass die Kinder ausgerechnet mit Schulbüchern aus der BRD an das Leben herangeführt wurden. In den Rechenbeispielen der dritten Schulstufe sollte laut Lehrplan die Zahlensumme von 1000 nicht überschritten werden. »Da nun viele Rechenprobleme auf Geld gebaut sind«, so Kaser, »kommt man bei uns mit 1000 Lire nicht weit, wo doch schon der Wert von 100.000 den meisten Kindern ein realer, lesbarer, verwertbarer Begriff ist. Eigentlich müssten wir sämtliche deutschen Geldwerte in den Problemen umrechnen, was ein Wirrwarr ergibt und unserem Schokoladenpreis bei weitem nicht entspricht«.

Kasers Sensibilität und sein Mitgefühl für Schwache, seine Parteinahme für das Unkraut, seine minutiöse Beobachtungsgabe findet sich in Hunderten von Gedichten. Etwa in dem kurzen Versen unter dem Titel ›drohung‹:

ob faust

oder erhobener zeigefinger

die geste bleibt gleich

solange du die hand

nicht auftust

777777

lass fallen

die drohung

den inhalt deiner hand

77777

leere haende sind

            voll guter dinge

(zit. n. Gesammelte Werke, Bd. 1: Gedichte, Haymon-Verlag 1988).

Der Tiroler Grafiker und Museumsaktivist Matthias Breit hat in dem schmalen Bändchen einer neuen zeithistorischen Reihe des Haymon-Verlags die Brixner Rede mit einem Kommentar des Germanisten Roland Innerhofer ediert. Als Texte abgedruckt sind darin auch die zeitgenössischen Reaktionen auf den jungen »Hitzkopf« und »Brunstschädel«, auf das »heiliges Rindvieh«, den »Hund und dreckigen Fock«. – Am vornehmsten noch: »Die Zäsur zwischen den jungen und älteren Generationen ist nun einmal da«. Heftig [Lesewarnung!]: »Alle Schützen aus unserer herrlichen und teuren Heimat Südtirol werden dich verfolgen bis zu hin bist«.

Ein Link der Publikation führt zu einem renovierten Mitschnitt der Rede, deren Tonqualität zwar weiterhin zu wünschen lässt, die jedoch die Atmosphäre im Saal mitdokumentiert, sowie die überraschend selbstsichere Bassstimme dieses Kämpfers für eine bessere Welt.

© Wolfgang Koch 2025

Präsentationen:

11.11. um 20.11 Uhr im Treibhaus in Innsbruck
9.12. um 19.30 Uhr im Republikanischen Club, Wien

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/31/remember-suedtirol-das-tobende-kasermandl-im-almrauschkessel/feed/ 0
Roberto Juarroz : Das Unerklärliche hinter den Worten https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/04/roberto-juarroz-das-unerklaerliche-hinter-den-worten/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/04/roberto-juarroz-das-unerklaerliche-hinter-den-worten/#respond Sat, 04 Oct 2025 12:53:10 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4637 Der 1995 verstorbene Dichter hat den Nobelpreis für Literatur nie erhalten, und das ist auch gut so, wenn man bedenkt, welchen Sprachhandelsreisenden diese Ehrung schon zuteil wurde. Roberto Juarroz hat sich etwas viel Besseres auf den Kamin gestellt: den Jubel seiner bedeutenden Kollegen und Zeitgenossen. Antonio Porchia nannte ihn »einen der grössten unserer Zeit, der mehr als Lob verdient«, Octavio Paz »einen grossen Dichter mit absoluten Augenblicken«. Hat man so etwas von Handke über Jelinek gehört, oder umgekehrt? Von Jan Fosse über Kazuo Ishiguro? No, nada de eso! Deren Erfolge waren immer bloss Marktmanöver, exekutiert von willfährigen Expertologen der Schwedischen Akademie in Smoking und Abendkleid.

Juarroz wurde in Coronel Dorrego, einer Stadt in der Pampa Húmeda, als Kind einer baskische Familie geboren. Sein Vater bekleidete in Adrogué, einem Vorort von Buenos Aires, den Posten eines Bahnhofsvorstehers (wie der Vater Viktor Rogys in Arnoldstein). Juarroz begann mit 30 Jahren Bibliothekswissenschaften zu studieren und nahm nach einem Studienjahr in Paris 1958 die Arbeit an seiner ›Poesía vertical‹ auf. Diese schwoll in den 36 folgenden Jahren auf mehr als 1.000 Wortkunststücke in 14 Bänden an. Im selben Jahr 1958 gründete er gemeinsam mit Mario Morales die Zeitschrift Poesía=Poesía, die bis 1965 existierte. Als Hochschullehrer und Bibliothekar am National College angestellt, wurde der in seiner Dichtung gänzlich unpolitische Juarroz von der Junta für mehrere Jahre ins politische Exil gezwungen.

Juarroz hat sich in Texten und Interviews wiederholt zu seinem exorbitanten Lebenswerk geäussert. Man muss das nicht zu Rate ziehen, um seine Poësie zu geniessen. Die Arbeitshypothesen eines kreativen Kopfs brauchen nicht mit den emotionalen Zuständen übereinzustimmen, die das Werk bei uns auslöst. Selbstaussagen von Dichtern und Künstlerinnen sind, wie biographische Auskünfte und Zeitpanoramen, immer nur Notbehelfe für das Verständnis der Werke, wenn es an Sensibilität und Rezeptionsfähigkeit auf Seiten des Publikums fehlt.

Ethik der Intensität

Was es an Kompliziertem in der Dichtung gibt, ist immer ein Liebesakt zugunsten des Lebens. Von Jurraoz sind dieses Worte überliefert: »Das Gedicht ist der abrupte Ausdruck einer fundamentalen Realität, die durch die zugrundeliegenden Möglichkeiten des verbalen Ausdrucks und nicht nur durch seine unmittelbare Bedeutungskraft erzeugt wird.« Eine ontologische Qualität, soll das heissen, gewinnt Sprache nur, wenn sie ein Sein, dass heisst Form, hervorbringt. Als einzige Ethik des Seins liess Juarroz Intensität, also Mehr-Sein und Mehr-Werden, gelten. Und im Stil erkannt er den »Höhepunkt der Treue zur Sprache«.

Wachstum im Empfindungsakt

Intensität entsteht bekanntlich im Intervall, das seiner Verfasstheit nach auf Vorhandendes reflektiert. Mit ihr lässt sich eine offene Poëtik der sprachlichen Mannigfaltigkeit begründen. Intensität fächert die Wortbedeutungen auf und übersetzt den gesteigerten Modus der Zuwendung in einen Sprachgewinn. An einer Stelle seines Opus verrät das lyrische Ich dieses Autors: »Wenn ich ausserhalb des Gedichts bleibe, / erscheint mir das Gedicht unmöglich«. Möglich hingegen erschien dem Dichter ein rasantes Spiel mit Bildern, Metaphern, Metonymien, immer hart an der Grenze zum Ungesagten und dem Schweigen. Aus einer fast mystischen Leere heraus erlangte die Sprache von Juarroz ein Bewusstsein für Dinge, die vorher nicht vorhanden waren.

Handschriftliche Einführungsworte in die Vertikalsprünge

Juarroz verfasste keine Bekenntnisliteratur (wie sein Zeitgenosse Neruda), er verzichtete auf Rhythmus, Reim und klanglichen Effekt, überhaupt auf alles, was allein die Sinne anspricht. Und er tat das wie sein Vorbild Macedonio Fernández, der solche Elemente als »arte culinario« (kulinarische Kunst) aus seinen Versen verbannte.

Driften der menschlichen Stimmungen

Die ›Poesía vertical‹ ist Gleichgewicht-in-Schwebe, sie wächst nicht aus dem Intellekt, bleibt ihm aber verbunden. »Wie die Surrealisten suchte Juarroz vielleicht nach einem Jenseits der Vernunft, aber im Gegensatz zu ihnen und sogar in die entgegengesetzte Richtung, ohne jemals den Gebrauch der Vernunft aufzugeben«, wusste der Dichter und Übersetzer Rodolfo Alonso über den Argentinier und sein Werk zu sagen. »Das scheut seine Risiken nicht und bestimmt, ob gewollt oder nicht, die Grenzen seines Abenteuers, immer am Abgrund, der die philosophierende Prosa von der wahrhaft verkörperten Poësie trennt.«

Weil Dichtung eine Art ist, die Welt in sich selbst zu erkennen, an ihr teil zu haben und sie an sich teilhaben zu lassen, konnte Juarroz dem Denken Plastizität zugestehen. Die gefundenen Bilder sollen Wellen erzeugen, die nicht verletzten dürfen. Wir treten in eine Raum-Zeitlichkeit, ähnlich der von Träumen. Es gibt keine Abstraktion. Es blitzt! … –  eine sprachliche Geste, vom Körper so weit entfernt wie der Geist. Die Erkenntnis gehört mir nicht, aber sie ist formulierbar.

Grandioser Tanz der Bilder

Jede Zeile zieht die nächste aus den verborgenen Wirkungen von Bildern. Juarroz‘ Lyrik kultiviert den eigenen Schatten und erhellt damit die Welt von innen. Die Verse sind kinetisch wie das Kino, die Worte gespannt, der Elan des Ganzen steckt im Sprung. Der Einsatz der Worte: er zielt auf ein absolutes Maximum, in irgendeiner Zeile bricht dann das Drama einer lyrischen Sequenz hervor. Keine Zerlegung der Syntax mittels Spatien, nein, keine exzessive Interpunktion, das entscheidende Charakteristika dieser Verse sind Bilder, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung verdanken, konkret greifbare Dinge: die Dämmerung, das Spinnennetz, die unterschiedlichen Winkel des Regens, das dauerhafte Lächeln der Toten, …

In seiner Apologie zu den Notizen für ein Gedicht ›II PCI ai giovani!!‹ (1968) hat Pier Paolo Pasolini erklärt, »dass Poësie ihre Zeichen verschiedenen semantischen Feldern entnimmt und sie, oft willkürlich, zur Deckung bringt; sie macht folglich aus jedem Zeichen eine Art Schichtung, in der jede Schicht einer der Bedeutungen entspricht, die aus den voneinander verschiedenen, aber (durch einen Dämonen) provisorisch sich deckenden semantischen Feldern genommen sind«.

Indem der Juarroz’sche Dämon auf das Thema Politik und auf Bildungswissen, auf theologische Spekulationen und auf Dialogisches verzichtete und indem er nicht auf andere Dichtungen referierte, verzerrte er die Bedeutungen seiner Worte nicht durch Nebenbedeutungen und verdunkelte umgekehrt kryptoform Mitgedachtes nicht durch Bedeutungen. Die gnomische Überschreitung initiiert Intensitäten über Schübe und Schwellen, die auf unsere Dispositionen treffen, aber nicht zu sehr. Sein Dämon braucht nicht die ganze Figur hinzustellen, um sie in unserer Empfindung wichtig zu machen. Neben den grandiosen lakonischen Gedichten der Uruguayerin Idea Vilariño und denen der Polin Anna Świrszczyńska, beides Zeitgenossinnen, erscheinen die Verse von Juarroz geradezu dichtmaschig und beleibt.

Das Augenöffnen auf kleine Dinge entfaltet sich zu grosser Weite. Wie wächst so ein »anderes Gedicht« aus verschwiegenen Gedichten? Das lyrische Ich weiss das, die Antwort beginnt mit den Zeilen:

Callar algunos poemas,

no traducirlos del silencio,

no vestir sus figuras,

no llegar ni siquiera a formarlas:

dejar que se concentren como pájaros inmóviles

en la rama enterrada.

Einige Gedichte beschweigen,

sie nicht aus der Stille übersetzen,

ihre Gestalt nicht kleiden,

sie nicht einmal zur Gestalt kommen lassen:

zulassen, dass sie sich konzentrieren wie starre Vögel

auf dem vergrabenen Zug

(VP 12.14)

Hier demonstrierte einer im Land von Gaucho & Tango, von täglichem Überlebenskampf und politischem Terror, eine unerwartet elegante Zurückhaltung. Sensibel und verhalten verkleinerte sich Juarroz zum höfischen Troubadour. Aber nur kurz, auf der nächsten Seite verhandelt er in ganz anderer Tonlage ein jedem Menschen bekanntes Alltagsproblem:

Buscar una cosa

es siempre encontar otra.

Así, para hallar algo,

hay que buscar lo que no es.

Eine Sache suchen

ist immer, eine andere zu finden.

Also, um etwas zu finden,

muss man nach dem suchen, was es nicht ist.

…

Im Rest des Gedichts wird dann tatsächlich gesucht und etwas anderes gefunden: ein Vogel, die Liebe, das Nichts und der Schlüssel, sämtliche Perspektiven oder Erinnerungen beginnt sich zu drehen, gehen rückwärts, um vorwärts zu kommen, bis wir lachend der Einsicht des Erzählers zustimmen: »Todo pasa. Pero a la inversa« (Alles geht vorüber. Jedoch umgekehrt.)

Foto: Enrique Hernández-D’Jesús, Caracas / Edition Delta-Archiv, Stuttgart

Die Themen, die Juarroz in 36 Jahren wiederkehren liess, sind nicht auflistbar. Es sind einfach zu viele. Darunter der Heraklitismus (»Nada tiene una sola forma para siempre«). Die »heimliche Zweideutigkeit des Lebens«, die ein jeder Text spiegelt. Die Verlorenheit des Denkens. Die materiellen Formen der Stille. Die letztmalige Handlung. Der Traum. Die Anwesenheit. Die Abwesenheit. Die Liebe. Der Vertikalismus (»Los caminos hacia arriba / nunca llegan«).

Näher am Leben leben

Er erforschte, was es heisst das Licht auszumachen und die Wände aller Gräber zu spüren; was es heisst, sich von der Abwesenheit zu entfernen, näher am Leben zu leben. Seine dichterische Alchemie verbindet das Wort, das die Tiefen bezeichnet, die nicht ermessen werden können, mit der Leichtigkeit des Vogelgesangs, den der charismatische brasilianische Sambapoët Cartola [Angenor de Oliveira] aus dem Radio verströmte.

Viele haben es schon gesagt, viel gesehen: Juarroz zu lesen, ist nicht mehr und nicht weniger als eine Annäherung an das Unergründliche, an die Mysterien des Tages, an das Freisein in Einsamkeit und an unsere intensivsten Begegnungen.

»Doch das Lesen der Stille ist das einzig Bleibende, / vielleicht sogar mehr als der Leser selbst«, wagt das lyrische Ich einmal zu behaupten. Sagen wir so: Roberto Juarroz integrierte und überwand die misstrauische Therapeutik, er verwandelte die Skepsis seiner Generation in Zustände sprachlicher Wirklichkeit, in denen sich Traum und Realität für den Moment des Augenöffnens vereinen.

Der Dichter nannte im Dezember 1967 in einem Interview mit Alejandra Pîzarnik für die venezolanischen Zeitschrift Zona Franca neben Fernández noch Georg Christoph Lichtenberg, Friedrich Nietzsche, Paul Klee, Antonio Porchia und Antonin Artaud als einflussreiche Grössen auf seine Arbeit. Keine Wunder, seine Privatbibliothek umfasste 15.000 Bände.

Später reihte er in einem Brief Novalis unter die Namen, von denen er umgeben war. Bei ihm lernte er jene Verschränkung von Empfindung und Realität in einem Intensitätsmodus, der Wahrnehmung zum wichtigsten Kriterien der Erfahrung macht. Im sechsten Lebensjahrzehnt bewunderte Juarroz Porchia, Rilke und Huidobro noch immer. Sie haben für ihn nie an Zauber verloren.

Seine in Brasilien geborene Frau, die Dichter-Essayistin und Literaturprofessorin Laura Cerrato übersetzte und beforschte das Werk von Samuel Beckett und fasst 1999 ihre Sicht auf den irischen Schriftsteller unter dem Titel ›Apuntes para una teoría de la despalabra‹ (Hinweise zu einer Theorie des Unworts) zusammen. Was ist damit gemeint?

Becketts Formel »literature of the unword« markierte im Diskurs der Literatur des 20. Jahrhunderts die pessimistische Position. Die Theorie des Unworts setzte James Joyces »apotheosis of the word« die Auffassung entgegen, dass Sprache, weit davon entfernt ist, ein wirksames Ausdrucksmittel oder eine Möglichkeit zur Abbildung der Welt zu sein. Wie vor ihnen Mauthner, Kraus und später Wittgenstein nahmen Beckett und seine Parteigänger·innen in Südamerika an, dass der sprachliche Ausdruck den Zugang sowohl zur äusseren als auch zur inneren Sphäre versperrt.

Daraus folgte eine literarische Strategie: die Schreibenden sollten der erschreckend willkürlichen Materialität der Sprache widerstehen, ihre Wahrnehmung und ihre Fantasie in der Musik vergleichbare Werke auflösen, das Schweigen paradox konstruieren.

Juarroz war bei diesem Aufbruch ganz vorne mit dabei.

Sin embargo,

esas palabras que me digo a mí mismo

me preservan de tumores crecientes

Dennoch

bewahren mich jene Worte, die ich zu mir selber sage,

vor wachsenden Tumoren

(VP 9.35)

Ich erinnere hier die Gegenwart an das, was sie beschlossen hat zu verabschieden: ein nachdenkliches und aufregendes Werk, aufregend ob seiner Nachdenklichkeit, einen der prächtigsten Gesänge des zweiten Milleniums. Von einem, der es verstand, vom eigenen Bewusstsein zu reden, und der gleichzeitig verstand, das das gleichbedeutend war damit, es zu negieren.

Die verdienstvolle Stuttgarter Juarroz-Ausgabe, verantwortet von dem Verleger- und Übersetzerpaar Juana und Tobias Burghardt, sichert den titellosen Gedichten aus 14 Partionen, die in jedem der elf Druckbände einfach durchnummeriert sind und auf diese Weise an die titellose Epoche der Lyrik, die Antike, anschliessen, auch in deutscher Sprache endlich den Rang, der ihr in der Weltliteratur gebührt.

Der zum 100. Geburtstag in der Edition Delta erscheinende Ergänzungsband, Band 12 der Werkausgabe, versammelt, was der Dichter nicht als gültig betrachtet hat. Das ist erst für Kenner und Liebhaber der ›Poesía vertical‹ interessant, die sich am Sprachhandwerk des Meisters schulen wollen. Der Band enthält weiters den oben zitierten Brief mit Selbstauskünften neun Jahre vor dem Tod des Dichters und ein Gesamtverzeichnis der Gedichtanfänge. Die Urne mit der Asche von Roberto Juarroz hat, wie der reisende Niederländer Cees Nooteboom bei seinem Besuch feststellen musste, die Witwe auf den gemeinsamen Kamin gestellt.

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/10/04/roberto-juarroz-das-unerklaerliche-hinter-den-worten/feed/ 0
„Schröder, übernehmen Sie!“ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/30/schroeder-uebernehmen-sie/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/30/schroeder-uebernehmen-sie/#respond Tue, 30 Sep 2025 13:13:25 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4609 März 2024, das Wiener Aktionismus Museum (WAM) eröffnet spektakulär. Nicht allerdings mit einer Ausstellung an seinem Innenstadtsitz in der Weihburggasse, nein, sondern mit einer besonderen Strassenbahn-Garnitur. Die mit dem überdimensionalen Aktionsfoto einer Günter-Brus-Performance beklebte Bim irritiert wochenlang Passanten und Passantinnen im Wiener Strassenbild.

Von diesem gelungenen Auftritt an hat es noch eine Weile gedauert bis zu der ersten wirklich sehenswerten Schau in dem Haus. Dank der schlagartig implodierenden Aufmerksamkeit der grossen Wiener Museumstanker (mumok, MAK, Belvedere, Albertina) für die kurze kunstgeschichtliche Epoche des Wiener Aktionismus jedoch, war der Erfolg des WAM dennoch gross genug, um 2026 eine Expansion in Angriff zu nehmen.

In seinem neuen Coup wartet der private Museumsbetreiber mit einer sensationellen Personalie auf. Der inzwischen 70jährige Erneuerer der Wiener Albertina, Klaus Albrecht Schröder, der sich zum Jahresbeginn aus der Generaldirektion seiner Edel-Schöpfung zurückgezogen hat, steigt nach nur wenigen Monaten aus seinem behaglichen Ruhestand wieder aus und noch einmal für die Kunst in den Ring der Öffentlichkeit.

Ich nannte Schröder vor zwei Jahren, im Nachwort zu Peter Gorsens Spätschrift ›Der gekreuzigte Eros‹, »Österreichs einzigen Kunstmanager mit internationalem Renomee«. Das hat sich seither nicht geändert. Dieser wirkliche Macher unter den Museumslenkern und Frühstücksdirektorinnen Wiens gründete 1985 jenes Kunstforum Länderbank, das erst in diesem Jahr das Zeitliche segnete. Dieser Macher gab das Magazin Kunstpresse heraus, in dem Helmut Mayer (heute F.A.Z.-Feuilleton) erstmals seinen frankophilen Geist verströmte.

Schröder engagierte sich im Leopold Museum, in den Salzburger Museen. Schröder tanzte 2003 an der Spitze der Albertina mit Königin Sonja von Norwegen zur prunkvollen Wiedereröffnung an. Schröder lockte Mäzene und Sponsoren mit Titandach und Dürers ›Feldhase‹ (das Karnickel im Katzenfell) ins Haus. Schröder kreierte Blockbuster auf Blockbuster mit populären Bahnbrechern der Moderne und süffiger Gegenwartskunst.

Keine Frage, der kann was! Publikumsrenner organisieren, Leihgeber überzeugen, Zeichungen erklären, Ehrengäste hofieren. Bis zur geplanten Wiedereröffnung des WAM lässt Schröder, wie schon auf der Freyung und später in der Herrengasse, die Räumlichkeiten erst einmal kräftig umbauen. Er vergrössert das in einem Bürgerpalais eingemietete Museum bis zu Vervierfachung der Hängefläche und strebt eine Neupositionierung der Institution in der Ausstellungslandschaft an.

Erweiterungsplan des Wiener Aktionismus Museum: projektierte Eröffnung Mitte März 2026

Das scheint aus zweierlei Gründen notwendig zu sein. Einmal hat die bisherige WAM-Leitung nur gelegentlich brilliert. Auf den angekündigten Hauskatalog ›Was ist Wiener Aktionismus?‹ liessen die Herausgeberinnen ein Jahr lang warten. Der intern »Neues Testament« genannte und 290 Seiten starke Band enthält etliche fachliche Schnitzer. So behauptet Julia Moebus-Puck in dem Buch zu wiederholten Mal, Hermann Nitsch habe im Rahmen des Sechstagespiel 1998 einen Ochsen und keinen Stier schlachten lassen. Fotodokumente bezeugen das Gegenteil. Der deutschen Kunsthistorikerin scheint laufend zu entgegen, dass in der Heimat von Franzl Schubert, Maria Trapp & Helmuth »Quasi« Qualtinger selbst gewisse Zweibeiner ungeachtet der taxonomischen Geschlechterordnung »Oxn« genannt werden.

Die Doppelseite 76/77 des Katalogs, um noch ein Beispiel zu geben, reproduziert ein Bild aus der Mariä-Empfängnis-Aktion am 8. Dezember 1969 in München. Die männlichen Art Direktoren waren sich nicht zu schade, das Bild mit dem ans Kreuz gefesselten Nacktmodell (Hanel Koeck-Gorsen) so auf den Seiten zu plazieren, dass der Bug ihre Vagina ein zweites Mal spaltet. Möglicherwise wollten diese lustigen Kreativköpfe die weibliche Grunderfahrung des Gespalten-Seins in Mensch und Frau noch vertiefen. Weder der Fotograf Knut Nievers ist in der Bildlegende verzeichnet noch die anwesende zweite Ehefrau des Künstlers: Beate Nitsch. Dafür wird einer der im Raum anwesenden Männer angeführt, der gar nicht zu sehen ist.

Fragwürdiges Layout des Museumskatalogs

Klaus Albrecht Schröder hat also einiges an »Professionalisierung« (Philipp Konzett) bei dieser forschenden Museumsarbeit zu leisten. Für die bisherige WAM-Leiterin wurde eine typisch kakanische Lösung gefunden – sie wurde mit dem Titel einer dem neuen Geschäftsführer zuarbeitenden »Direktorin der Sammlung« geadelt.

Der zweite Grund für eine Neupositionierung dürfte die laufende Themenmultiplikation sein. Schon bisher beschränkte sich die Arbeit des WAM weder auf die namensgebende Kunstperiode noch auf die vier Protagonisten des Wiener Aktionismus.

Die Liste der Ankündigungen nährt seit einer flotten Pressekonferenz hohe Erwartungen. Schröder verspricht dem Publikum neue unbekannte Horizonte und Schwerwiegendes. So möchte er mit dem komplett verblassten Begriff Mitteleuropa der transatlantischen Geschichtsschreibung ein zweites globales Kompetenzzentrum der Performancekunst gegenüberstellen. Das Ergebnis dürfte sich kaum von dem unterscheiden, was in diesem Sommer, übrigens mit österreichischer Mitwirkung, unter dem Stichwort ›The Cynics Republic – plac Defilad‹ im Museum für Moderne Kunst in Warschau zu sehen war: dematerialisierte Kunstwerke (Performances, Protokolle, Filme, Klangstücke) zu den Diskurszeichen Schande, Schamlosigkeit, Autarkie, Arbeit und Störung.

Wiedereröffnen will Schröder die Tore des WAM mit dem Frühwerk aus dem »fast unerschöpflichen Œvre« von Hermann Nitsch, – das freilich gar nicht so unbekannt nicht ist, wie er suggeriert. Im Sonderzahl-Band ›Das früheste Werk‹ haben die Kunsthistoriker Otmar Rychlik und Christian Gargerle bereits 1984 112 Seiten zu dem Thema vorgelegt und die epigonalen Anfänge des Künstlers penibel dokumentiert.

Zyniker Otto Muehl

Im Herbst 2026 jährt sich der Geburtstag Otto Muehls zum hundertsten Mal. Aus diesem Anlass kuratiert Schröder persönlich eine Doppelausstellung, mit welcher er die AAO-Psychosekte in die breite Kommunenbewegung der 1970er-Jahre einordnen möchte. Was, fragen wir uns, gibt es denn zu Wilhelm Reichs einstmals heftig rezipierten Sexualtheorien, zu Antipsychiatrie und Urschreitherapie Neues zu sagen, was der Verleger und Philosoph Kurt Port in seiner Streitschrift ›Sexdiktatur‹ (1972) oder der Exkommunarde Andreas Schlothauer in ›Die Diktatur der freien Sexualität‹ (1992) nicht bereits gesagt haben?

Ab 1983/84 hing über jedem Zimmer des superautoritäten Friedrichshof-Gurus Muehl ein Mikrophon, selbst über seinem Bett und in der Toilette. Schröder will den kriminellen Mann der Nachwelt als »pervertierten Utopisten« präsentieren. Das dürfte kaum funktionieren, ohne aus dem »missglückten Gesellschaftsexperiment« der Revoluzzer einen an und für sich begrüssenswerten Glücks- und Lustsozialismus zu machen, also den Heiligenschein der AAO-Kommune frisch zu polieren.

Kaum anzunehmen, dass die Generation Z eine Verharmlosung des linken Autoritarismus widerspruchslos hinnehmen wird. Gleichfalls mit Vorsicht zu erwarten ist die Behandlung der angekündigten Themen Blasphemie und Obszönität mit Sammlungsstücken aus dem Friedrichshof.

Jedenfalls muss man bei dieser vielschichtigen Gemengelage vor Klaus Albrecht Schröder den Hut ziehen. Wer sonst tut es sich als »alter weisser Mann« mit Häuschen und Familie noch freiwillig an, der kopflosen Gegenwart die Phantasmagorien und Untaten der Post-Achtundsechziger zu erklären!

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/30/schroeder-uebernehmen-sie/feed/ 0
Rasante deutsche Literaturgeschichte in 304 Zeilen https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/27/rasante-deutsche-literaturgeschichte-in-304-zeilen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/27/rasante-deutsche-literaturgeschichte-in-304-zeilen/#respond Sat, 27 Sep 2025 14:01:25 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4614 Bundesdeutsche Literaturgeschichte / 20CC / Else Lasker-Schüler (*1869) □ Alfred Döblin (1878) □ Kurt Tucholsky (1890) □ Jürgen von der Wense (1894) □ Albert Vigoleis Thelen (1903) □ Arno Schmidt (1914) □ Helmut Heissenbüttel (1921) □ Uwe Johnson (1934) □ Hubert Fichte (1935) □ Rolf Dieter Brinkmann (1940) □ Sten Nadolny (1942) □ Peter Kurzeck (1943) □ Botho Strauss (1944) □ Frank Witzel (1955) □ Thomas Kling (1957) □ Wolfgang Herrndorf (1965)

Österreichische Literaturgeschichte / 20CC / Franz Blei (1871) □ Hugo von Hofmannsthal (1874) □ Karl Kraus (1874) □ Franz Theodor Csokor (1885) □ Georg Trakl (1887) □ Gabriele Bitterlich (1896) □ Christine Lavant (1915) □ Ilse Aichinger (1921) □ Heimrad Bäcker (1925) □ Ingeborg Bachmann (1926) □ Thomas Bernhard (1931) □ Konrad Bayer (1932) □ Engelbert Obernosterer (1936) □ Reinhard Priessnitz (1945) □ Anselm Glück (1950)

Deutschschweizerische Literaturgeschichte / 20CC / Robert Walser (1978) □ Adrien Turel (1890) □ Armand Schulthess (1901) □ Rosmarie Buri (1930) □ Jürg Federspiel (1931) □ Adelheid Duvanel (1936) □ Urs Widmer (1938) □ Hermann Burger (1942) □ Urs Allemann (1948)

Deutsche Ränder und Enklaven / 20CC / Gustav Meyrink (1868) □ Leo Perutz (1882) □ Franz Kafka (1883) □ Franz Baermann Steiner (1909) □ Eginald Schlattner (1933) □ Norbert C. Kaser (1947)

Ich setzte die gepflegten Provokationen fort, die ich im Oktober 2024 begonnen habe. Wieder sind vor allem die Zeilen zwischen den Namen der Geehrten zu lesen, wo nichts steht, weder gedruckt noch geschrieben, das heisst diesmal ist zu registrieren, welche im Mainstream und in der Schwedische Akademie verankerte Grössen in dieser Aufzählung still ausgespart bleiben.

Im Folgenden geht es um Sprachkunst aka Literatur, hauptsächlich aus der belletristischen und aus der lyrischen Werkstatt. Dramatische Texte sehe ich lieber auf der Bühne realisiert als am Papier; Hörspiele-Manuskripte im Radio. Darüber hinaus folgt die Nachgiebigkeit gegenüber den grossen Namen einfach der Lesererfahrung und meiner hartnäckigen Fähigkeit zu träumen.

Das Auffälligste an diesem privaten Kanon ist wahrscheinlich das unterschiedliche Gewicht der vier deutschsprachigen Literaturgruppen. Die Liste verzeichnet fast gleich viele Autor·innen a) aus dem Gebiet des getrennten und wiedervereinigten Deutschlands und b) aus der Alpenrepublik Österreich. Diese enorme Bedeutung österreichischer Schriftstellerei am gemeinsamen Lesemarkt lässt sich im ganzen 20. Jahrhundert verifizieren. Sie ist kein Ergebnis irgendeiner österreichischer Geistesart oder einer besonderen Verlagsförderung; die Schreibenden im Süden sind vollkommen abhängig vom Erfolg im bundesdeutschen Literaturbetrieb.

Noch seltsamer ist die Anzahl gelisteter Autor·innen aus der deutschsprachigen Schweiz. Nach der Bevölkerungszahl und den Quadratkilometern an Bodenfläche müsste ihre Zahl im Verhältnis zu den Nachbarn weit geringer ausfallen. Ein Rätsel, oder eine Verzerrung, gewiss! Der rasante Privatkanon hat noch weitere Mängel: A. Zur österreichischen Kultur zählen natürlich auch in Slowenisch und in Kroatisch verfasste Literaturprodukte. B. Die Dialektliteratur, die ebenfalls zu dieser Textfamilie gehört, bleibt in allen Ländern ausgeschlossen. C. Zu den Rändern der deutschen Literatur gehört neben Prag, Südtirol und Rumänien auch noch Luxemburg – hier eine Terra incognita.

G e r m a n y

Wer an seine Freunde schreibt »Allfarbig malen auf blauem Grund / Das ewige Leben«, so wie das Else Lasker-Schüler getan hat, gehört wohl zu den Guten. Die jüdische Avantgardistin gehörte aber sicher zu den Besten. »Totenstadt«, »Weltuntergang«, »der Küsse blauer Zaubermond« – noch schwebte der lichtspendende Falter sorglos dahin … Das tat er nicht lange. Die bedrohte Dichterin starb Jänner 1945 in Jerusalem.

Der Nervenspezialist und Kassenarzt Alfred Döblin hat mit seinem Stadtroman ›Berlin Alexanderplatz‹ (1929) nicht nur die deutsche Literatur für die Moderne gerettet, der Mann war sich auch nicht zu schade, die politische Geschichte der deutschen Revolution 1918, eingebettet in Alltagsschilderungen, im ruhigen Erzählton in vier Bänden zu einem Epos auszuwalzen. Dieses Monumentalunternehmen (1948-50) ist literarisch letztlich gescheitert, übertrifft aber an Spannung und Komplexität alles, was die Zunft der Historiker·innen bisher zu dem Thema vorgelegt hat.

… geschmaecker der pferdehufe / lackiert als finsteres / summen …(Norbert C. Kaser)

Bei Kurt Tucholsky rannte der Sprachfluss schon fast so flüssig wie bei angloamerikanischen Kolleg·innen. Seinem nie nachlassenden Humor kann man sich heute lässig im Netz hingeben. Der Megadadaist Jürgen von der Wense »verkrümelte sich en detail in fast plemplemförmiger Totalverquirlung von allem mit jedem« (Ulrich Holbein in ›Narratorium‹). Albert Vigoleis Thelen bleibt mir wegen drei Dingen unvergesslich: seinem Mut zu der 1953 bereits altmodischen Form des Schelmenromans, der Kollaboration mit dem portugiesischem Mystiker Teixeira de Pascoaes, und wegen dem literarischen Denkmal, das er seinem österreichischen Exilgenossen Franz Blei am Ende seines Hauptwerks errichtet hat.

Arno Schmidt ist heute für den schwächsten Teil seines Werkes, die Karl-May-Analysen, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. In seinem Hirn aber trieben Theodor Gottlieb von Hippel, Jean Paul und Lichtenberg, die experimentellen Geister der deutschen Aufklärung, weiter ihr Unwesen. Helmut Heissenbüttel ziehe ich – sicher ungerechtfertigt – Franz Mohn, Peter Rühmkorf und Horst Janssen vor, solange ich Faulpelz keinen eindrucksvolleren Text gefunden habe.

Uwe Johnson mögen alle, weil er, vom Entwurf eines eigenen Kosmos besessen, mit ›Jahrestage‹ etwas Grosses gewagt und ein Hauptwerk der deutschen Literatur geschaffen hat. Aber worin genau bestand die Leistung dieses Mannes, der u.a. mit Hanna Arendt befreundet war? 1. In der Schreibmethode des Sich-Erinnerns, 2. in Genauigkeit bis zur Pedanterie, 3. in unterlaufenen Klischees, 4. in der Haltung, Schreiben als Beruf wie jeden anderen aufzufassen.

Hubert Fichte, dessen Wiener Vorlesungen in der Alten Schmiede ich besucht habe, war ein besonders dicker Freund des halikarnasseischen Herodot, des ersten Erforschers der Fremde, des ersten Journalisten der Weltgeschichte, des ersten Prosaschriftstellers der ersten Psychopathologia Sexualis (»graziöser als Freud«), und also der zweite in all diesen Tages-, Ethno- und Homo-Disziplinen.

Bei Rolf Dieter Brinkmann studiere ich die Langsamkeit des Blicks im Verhältnis zu der Schnelligkeit seiner Worte, bei Sten Nadolny genau umgekehrt. Die Bücher von Peter Kurzeck, den ich als einnehmenden Aussenseiter in Erinnerung habe, lassen sich an jeder beliebigen Stelle aufschlagen. Der Sog ist unabweislich. Ein Beispiel:

»… Und der Bus rollt genau auf sie zu und hält seufzend. Direkt als ob er für sie einen Knicks sogar artig andeutet, Luftdruckbremsen. So verdreckt wie der ist, der Bus, als käme er von weither. Und ist stehengeblieben: jetzt steht alles. Und wird gleich zum Bild, wie ein angehaltener Film«.

Viele Aphorismen von Botho Strauss schweben so elegant (ich sage nicht: erhaben!) über den Wellen, dass man von Levitation überzeugt sein muss. Dieser Grossschriftsteller – im Bildungsduktus dem späten Rainald Goetz ebenbürtig – ist unter den lebenden Autoren gewiss am ernsthaftesten mit sich selbst beschäftigt. Warum jedoch kann ich mir so schwer vorstellen, dass seine Bücher in Übersetzungen auch indische oder arabische Intellektuelle interessieren könnten?

Frank Witzel: Mehrfachtalent, Poëtik-Dozent, Tieck-Leser, Titel- und Untertitel-Genie (›Blessuren, Klammern, Beharrungen‹) hat ebenfalls eine Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts skizziert. Darum sage ich nicht mehr als das. Thomas Kling: herzverstärkter Scharfsinn, ursprünglich in Klein- und Kleinstauflagen. Mit der Lektüre seiner Gedichte ist natürlich das Wiener Jazz- und Zettel-Duo Ernst Jandl & Friederike Mayröcker mitgemeint. Wolfgang Herrndorf: zuverlässig unzuverlässiger Erzähler, auch im Internet. Sein wunderbarer Blog ›Herrschaft und Struktur‹, bis zum Tod Herrndorfs 2013 nicht öffentlich, ist dank Carola Wimmer und Sascha Lobo immer noch online.

A u s t r i a

Hugo von Hofmannsthal steht hier einzig und allein wegen seiner Erzählung ›Reitergeschichte‹ (1899), die den suizidalen Starrsinn der Doppelmonarchie viel präziser einfängt als Joseph Roths sentimentaler Österreichroman ›Die Kapuzinergruft‹. Es wird uns für alle Zeiten ein Rätsel bleiben, warum der Wiener diese Erzählung nicht ein Jährchen vordatiert hat, wie Sigmund Freud seine Studie ›Die Traumdeutung‹. Über Karl Kraus sagen wir nur, dass es sich lohnt, sein überragendes schriftstellerisches Können mit dem seines kroatischen Bewunderers Miroslav Krleža und seinen Humor mit dem teuflischen Lachen der Yankee-Feder Ambrose Bierce zu vergleichen.

Wenn Sie die Geschichte Zentraleuropas in den finsteren Jahren der faschistischen Expansion als freundliches Lesebuch vor Augen haben wollen, dann greifen Sie zu Franz Theodor Csokors autobiographischen Berichten ›Als Zivilist im polnischen Krieg‹ (1940) und ›Als Zivilist im Balkankrieg‹ (1947). Schlanker und zurückhaltender hat seine Flucht vor Hitlers Armeen niemand sonst bezeugt.

… Kühne Ideen vorzutragen wäre also das Feld der Literatur … (Hubert Fichte, Der Blutige Mann, 1975)

Den Expressionisten Georg Trakl nehme ich für das Antikriegsgedicht ›Grodek‹ (1914) in der Liste auf. Die Engelseherin Gabriele Bitterlich scheint garantiert in keiner akademischer Literaturgeschichte auf. Nur der geringste Teil ihre Privatoffenbarungen im Opus Sanctorum Angelorum ist überhaupt veröffentlicht. Trotzdem nahm die religiöse Sektiererin Marianne Fritz und andere Schreibwütige wie den Vorarlberger Visonär Franz Huemer um Jahrzehnte vorweg.

Christine Lavant ist für mich die grösste Drogen-Dichterin auf der Almwiese. Mohn und Mutterkorn (»ein junger halmschmaler Mond im Hirn«, »Feuerräder, die sich mühen, ihre Radspur zu verschränken«) haben ebenso selbstverständlich Einzug in ihre Schattenordnung gehalten wie Tabak, Gott und der Maler Werner Berg.

Sicher gibt es in der Nachkriegsgeneration Österreichs eine Menge aufleuchtender Namen: die Schriftskeptiker der Wiener Gruppe, die Einzelgänger Hubert Fabian Kulterer, Erni Wobik und Max Hölzer, die wilden 1968er Gerhard Kofler, Gunter Falk, Otto M. Zykan, Bernhard C. Bünker und Barbara Frischmuth (›Amoralische Kinderklapper‹). Der Rekonstruktionswille im Nachkriegsösterreich blieb aber vor allem blind für die dramatischen Einsichten der folgenden beiden Grössen: Heimrad Bäcker verdichtete in zwei sogenannten Nachschriften 1968 und 1985 Sprachmaterial aus dem bürokratischen Kauderwelsch des Holocausts. Und von Ilse Aichinger, die ich gerne im Café Korb sitzen sah, schätze ich am meisten ihre Fasanviertel-Erinnerungen (›Kleist, Moos, Fasane‹).

Die Seegängerin Ingeborg Bachmann stahl sich als Jugendlektüre in meine Liste. Wir haben mit ihr auch gleich Paul Celan und Marlene Haushofer im Sack. In Bachmanns Namen reisst sich 2026 zum 50. Mal das Fernsehen die schöne Literatur unter den Nagel. Über Thomas Bernhard muss nichts weiter gesagt werden – ausser vielleicht, dass er auch ohne den Burgtheater-Direktor Claus Peymann existiert hätte.

Konrad Bayer wurde 2012 wiederentdeckt und sofort wieder vergessen. Die Literaturzeitschrift Schreibheft publizierte damals den Briefverkehr 1959-64 mit seiner Gefährtin Traudl Bayer. Auf diese Weise stehen ihm so lange »Auferstehungen« bevor, wie auch die ›Cantos‹ des Amerikaners Ezra Pound erinnert werden.

Was Peter Kurzeck im Norden zu seinem Lebensthema erwählte, die Zurichtung seines Landes in Mentalität und Landschaft hin zu einem nach funktionalen und merkantilen Gesichtspunkten straff durchorganisierten System (Christoph Schröder), das leistet an der Karawankenwand Engelbert Obernosterer, ein im Literaturbetrieb sträflich unterschätzter Autor, der heuer wenigstens zum Ehrenbürger seiner Provinzheimat Hermagor geadelt wurde.

»obwohl sprache ein teil von realität ist, ist sie nicht ein zureichendes mittel, diese realität voll auszudrücken«, lautet ein Merksatz in den Nachlass-Schriften des Wieners Reinhard Priessnitz. Und ein weiterer: »dichtung ist im wesentlichen eine form von erfahrung, die über ihre eigene mitteilungsfähigkeit reflektiert«.

Dieser epistomelogischen Ambition haben sich speziell die Nachfolger der Wiener Gruppe verschrieben. Noch in keiner Felsspalte verschwunden, wie Bodo Hell im Dachsteingebirge, ist das Doppeltalent Anselm Glück. In jungen Jahren konnte der Oberösterreicher seine Texte atemberaubend performen. Damals, vor vierzig Jahren, stellte er seinen visuellen orientierten Humor mit Pointen wie dieser unter Beweis:

»und mit der geburtststunde ereignen sich die menschen. aber mit einer bestimmten vernunft widerspricht sich ihr abbild ganz von selbst«.

S w i t z e r l a n d

Robert Walser war eine Art Übervater der deutschschweizer Literatur im 20. Jahrhundert. Seine Worte hat er so sorgfältig gesetzt wie sonst vielleicht nur sein Angestelltenkollege Franz Kafka. Nicht zufällig wurden die Texte Adelheid Duvanels mit denen Robert Walsers verglichen – beide durchliefen psychiatrische Heilkarrieren.

Das hätte auch dem Allesversteher und Alleserklärer Adrien Turel geblüht, wenn ihn nicht seine Frau mit Näharbeiten über Wasser gehalten hätte. Armand Schulthess wird seit Jahren nur in der bildenden Kunst rezipiert, weil sich die zerstörte ›Enzyklopädie‹ des Aussteigers im Tessiner Wald den Gesamtkunstwerk-Projekten zuschlagen lässt. Doch tatsächlich war das Hauptmedium dieses Eigenbrödlers die handgemalte Schrift.

Die Hausfrau Rosmarie Buri hat mit ihrer schweren Lebensgeschichte in den 1990er-Jahren eine kurze Modewelle von Autobiographien beim Publikum ausgelöst. Jürg Federspiel bleibt mir mit seinen New-York-Reportagen in Erinnerung. Urs Widmer hat mir in seinem Essayband ›Das Normale und die Sehnsucht‹ (1972) erklärt, was Kitsch, triviale Mythen, Pornografie und was Schweizerische Helden sind. Pseudo-naive Sätze wie »Der Tod ist nicht sehr differenziert, aber er ist äusserst unermüdlich« zogen mich unweigerlich in den Bann, bevor mich Widmer dann später mit Dialektstücken wieder verstörte.

Der artistische Erzähler Hermann Burger und der österreichische Sprachkünstler Gert Jonke schienen mir immer unterirdisch verbunden zu sein. Etwa so, wie sich der serbischstämmige Regisseur Emir Kusturica das kulturelle Europa vorstellt: felsige Tunnelwände im Neonlicht, lange geknickte Geraden, scheppernde Blechtüren zu Notausgängen. Urs Allemann, der letzte Könner, der aus dem 20. Jahrhundert in die Jetztzeit herein ragt, beherzigt bis dato den formalen Imperativ, dass ein Text nur schöpferisch ins Werk setzt, was im Voraus keine andere Sicherheit hat, als die, die der Autor selbst herstellt, indem er seiner inneren Ordnung folgt.

Suche den Unterschied zur Künstlichen Intelligenz.

O u t s i d e

Das Kulturmagazin perlentaucher führt aktuell sechs Bücher aus der und über die literarische Phantastik von Gustav Meyrink, darunter natürlich ›Der Golem‹, Pflichtlektüre der Kabbala-Freunde. Der Dandy-Schriftsteller und Bankier war mit München, Hamburg, Montreux, Prag, Wien und Starnberg verbunden, wo er abwechselnd mit Mystik und antibürgerlicher Satire den Schliess- und den Lachmuskel reizte. Mit dem nach stofflichem Leben strebenden Humunkulus in der Judenstadt hat Meyrink die letzte grosse Gestalt der deutschen Literatur in das Kabinett der Weltliteratur eingeschrieben. Danach kam nur noch die Biene Maja.

Dem Prager Versicherungsmathematiker Leo Perutz gelang es, Filmrechte an seinen Romanstoffen zu verkaufen, bevor er ins Exil gezwungen wurde. Mir ist vor allem der Rätselroman ›St. Petri-Schnee‹ (1933) in positiver Erinnerung, in dem sich die Traumgespinste eines Kranken aus der chemische Produktion von Mutterkornalkaloiden ergeben.

Über Kafka-Lektüren wusste der Literatur-Bewerter Rolf Vollmann zu sagen, der Roman halte diesen traurigen Tiefsinn des leeren Kreisens im syntaktischen Nichts nicht aus. »Schwer zu sagen, wer wir damals waren, als wir das mochten.« In kleineren Portionen wie in ›Die Wahrheit über Sancho Pansa‹ (1917) oder ›Forschungen eines Hundes‹ (1922) ist die Vollkommenheit von Kafkas Sätzen aber durchaus ein Gewinn. Mit der Formel »Kafka, c’est pas Astérix« (Kafka ist nicht Asterix) hat Suzanne Gabriello 1966 das tiefe Gefühl eines Einblicks umschrieben, mit dem uns dieser Autor erfolgreich täuscht.

Franz Baermann Steiner, der Soziologe im Schatten von Elias Canetti, hat enorm viel Energie in seine Lyrik gesteckt. Anspruchsvolle Reflexionsfreude jedoch lebte er von 1943 bis 1952 in seinen Aufzeichnungen ›Feststellungen und Versuche‹ aus. Der rumänisch-deutsche Pfarrer Eginald Schlattner hat sich vom kommunistischen Regime zum Kronzeugen in einem Hochverratsprozess gegen seine Kolleg·innen machen lassen, und dieses Verhalten später aufschlussreich verteidigt. Seine Werke thematisieren Schlüsselereignisse der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte.

Der Südtiroler Norbert C. Kaser ist nach meiner forcierten Lektüre der aufregendste Autor aus der Protestgeneration von 1968. Man höre:

 

antike*

 

einmal werden

auch wir antike sein

eine folter den schuelern

gedankliche voraussetzung

den philosophen

 

alles ist schon gedacht

nichts ist ausgefuehrt

 

*) Zit. nach Norbert C. Kaser, Gesammelte Werke, Band 1, Innsbruck: Haymon 1988

Zigarettenmarken … Geburt auf der Leinwand … Furze … Partisanen … Kannibalismus … Kirchenglocken – kein Thema schien Nobert C. Kaser fremd zu sein. Wer derart schöne Gedichte schrieb, wollte vor allem Kunst.

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/09/27/rasante-deutsche-literaturgeschichte-in-304-zeilen/feed/ 0
Ufergrabbing und Villenraub am Wörthersee https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/31/ufergrabbing-und-villenraub-am-woerthersee/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/31/ufergrabbing-und-villenraub-am-woerthersee/#respond Sun, 31 Aug 2025 17:47:57 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4576 Wir schreiben das Jahr 2050. Europa liegt in Trümmern. Über das radioaktiv kontaminierte Uralgebirge ziehen herrenlose Tierherden in die westliche Tiefebene und ihre Landschaften, das Heulen der Stahlsirenen ist verstummt, über allen Ansiedlungen liegt der Geruch von Toten. In den Hochalpen, wo einst die Schweiz war, sitzen mumifizierte Leichen in ihren privaten Bunkerräumen und brüten über den nächstes Zug ihrer unvollendeten Schachpartie.

Europa, der Kontinent, dessen Bewohner·innen immer dachten, das Schicksal der Welt in den Händen zu halten, ist von Menschenmassen entleert. Es nützt dem Kontinent nichts, dass seine Wissenschafter das Wutvirurs isoliert haben. Die Briten sind vom Rest der Welt abgeschnitten. Boote patroillieren, damit niemand fliehen kann. Am Festland streifen Überlebende auf der Suche nach Wasser und Essbarem in der Fellkleidung von Neandertalern umher. Sie machen grosse Augen, manche halten den Mund geöffnet und starrten einander an; ein Zerrbild dessen, wie ihr Leben hätte aussehen können. 

Vom Ende der Welt

Die Sonne geht morgens in einem von Russpartikeln verfinsterten Licht auf, und sie geht im düsteren Licht des Abends wieder unter. Vergessen die klare Luft in den Bergen, vergessen das tränenreiche Gesicht der Jungfrau Maria im trüben Licht des Altarbildes, unter Trümmern begraben die Avenue des Champs Élysées. Europa hat der Sphinx die falsche Antwort gegeben. Der Grosse Krieg, der vor zwanzig Jahren begann, war der verzweifelte Versuch der von Angst überwältigten Menschen, das Bewusstsein der eigenen, unerträglich gewordenen Zustände aus der Welt zu schaffen.

Hotel Excelsior in Velden: 1938 zwangsversteigert, 1948 zurückgestellt, 1969 durch Vandalenakt zerstört / Fotomontage: Gisela Erlacher

Begonnen hat der Zusammenbruch der Zivilisation irgendwann nach der Jahrtausendwende, als westliche Nationen nach Napoleon und Hitler den dritten verrückten Anlauf nahmen, das rohstoffautarke Russland ihren Märkten zu unterwerfen. Drei Jahre nach dem Ausbruch des Ukrainekriegs 2022 widmeten sich intellektuelle Projekte immer noch den unaufgearbeiteten Schäden des vorhergehenden Krieges. In der Metropole Wien, wo damals noch zwei Millionen Menschen lebten, erschien ein Druckwerk, das sich der Arisierung von Hotels und Villen durch nationalsozialistische Täter am Wörthersee widmete.

Dieser Kärntner Badesee war seit dem Einsetzen des Massentourismus eines der beliebtesten Erholungziele von Deutschen, Holländern und Österreichern. In den Urlaubsgemeinden hatten sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend jüdische Wiener Bürgerfamilien angesiedelt und dort bis zur Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1938 ein unbeschwertens Ferienleben am türkisblauen Wasser genossen. 

Räderwerk der Entjudungspolitik

Den ersten Schlag hatte die Tausendmark-Sperre 1933 dem Fremdenverkehr der Region versetzt, der Betrieb von Hotelanlagen wurde schwieriger. Das Drama nahm Fahrt auf, als die Austrodiktatur militärisch an das NS-Reich angeschlossen wurde. Im November 1938 wurde in grosser Zahl jüdischer Besitz von militanten Anhängern Hitlers verwüstet und zerstört, Notverkäufe und Enteignungen gingen über die Bühne. Die rechten Recken verübten Sabotage am fremden Eigentum, Boots- und Badehütten wurden versiegelt, Garten- und Seeparzellen abgetrennt. Wo den Inhabern eine Ablöse für die begehrten Seegründe und ihre Bauten bezahlt wurden, lagen die Summen weit unter dem jeweiligen Realwert – mitunter erhielten die Verfolgten das Geld nicht einmal ausbezahlt.

In einzelnen Fällen misslang der politische oder private Raubzug, zum Beispiel bei der Villa Weissberger (Villa Erika) in Velden, wo ein Mieter die Aquirierung durch die Hitlerjugend verhinderte. In anderen Fällen wurden eilige Schenkungen der begehrten Objekte an Verwandte und Freunde von den Nationalsozialisten als Scheingeschäfte klassifiziert. Im Mai 1939 beschlagnahmte die Gestapo die Villa Schnur (Villa Konody), ebenfalls in Velden. Der Reichsstatthalter des Führers legte systematisch »Entjudungsakten« an, und die Finanzverwaltung des Deutschen Reiches krallte sich die Halbinsel in Pörtschach, auf der seit 1963 das neue Parkhotel steht.

Sensible Fotorecherche

Die Fotografin Gisela Erlacher und die Historikerin Renate Jernej recherchierten für ihr Buch sorgfältig jene Immobilien, die von der Rückstellungskommission nach dem Krieg behandelt wurden, – und das waren bei weitem nicht alle. Die Forscherinnen schätzten, dass in der finsteren Epoche nicht weniger als hundert Objekte rund um den Wörthersee die Besitzer gewechselt haben.

Erlacher erwarb Fotopostkarten von zwanzig »einverleibten« Immobilien in Antiquariaten und montierte die historischen Objekte in aktuelle Aufnahmen im digitalen Mittelformat. Auf diese Weise entstanden durch das Zusammenfügen unterschiedlicher Bildelemente geisthafter wirkende Fotomontagen. Sie kontextualisierten 2025 die Uferidyllen historisch.

Zwölf arisierte Immobilienobjekte im Touristenzentrum Velden / Karte: Emil Kristof

Aus der Ferne eines Vierteljahrhunderts später fragen wir uns allerdings, wie belastbar eine solche Dokumentation des Unrechts acht Jahrzehnte nach dem Geschehen war.

abo

Wissen disst Macht. 10 Ausgaben wochentaz für 10 Euro im Probeabo. Jetzt die linke Wochenzeitung testen!

Ohne Frage musste 2025, vor dem neuerlichen Niedergang Europas, an die Ausschreitungen und Raubzüge, die nicht erst nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, sondern bereits in der Nacht davor eingesetzt hatten, mahnend erinnert werden. Doch erstens wäre zu bedenken gewesen, dass »die Enteignungen jüdischen Besitzes mit der Politik einer wirtschaftlichen Rationalsierung verbunden war, auf deren Basis das Wirtschaftswunder der Zweiten Republik überhaupt erst möglich wurde« (Stephan Grigat). Die nationalsozialistische Massenorgansiation Kraft durch Freude, eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront, erfand auf diesem Weg den modernen Massentourismus und wies Gäste den arisierten Betrieben an den österreichischen Badeseen zu.

Gasthof Engel am See, Reifnitz: 1945 eine Dienststelle der Gestapo, vor vier Jahrzehnten abgerissen / Fotomontage: Gisela Erlacher

Die zum Kollektiv der Verfolger mutierte Gesellschaft im Hitler-Staat akkumulierte das Privateigentum am Wörthersee auch nicht, um die »Volksgemeinschaft« in Badesachen zu kleiden. Das NS-Regime machte nur wenige Jahre später mit dem Wahn Ernst, Krieg gegen den Rest der Welt zu führen.

Zweitens waren 2025, als diese Enteignungen am See mit grosser Verspätung auf historisches Interesse stiessen, die Kämpfe um den öffentlichen Zugang zu Fluss- und Seeufern bereits entbrannt. Man hätte also erkennen können, dass die Enteignung der Böden und die Beraubung der Eigentümer 1938 des Grundbedürfnisses, freien Zugang zum Wasser zu haben, nur weiter ignorierten.

Die Nationalsozialisten hatten das Landgrabbing am Wörthersee nicht erfunden, das war schon viel früher geschehen. Ihre Diktatur fetisierte das Ufer weiter als Ware, heiligte öffentlich das Staatseigentum und gewährte private Raubakte — soweit richtig. Wo das geschah, und es geschah überall im Wirkungskreis des Hakenkreuzes, waren Körper und Leben nicht mehr wert als Dinge.

Der jüdische Besitz an Seegründen war bis 1938 rechtmässsig gewesen, doch legtim war er schon damals nicht. Erde und Böden gehören niemandem. Das Grabbing der Ufer von Gewässern stand zu keiner Zeit im öffentlichen Interesse. In Zeiten des Klimawandels wurde Wasser zu einem Sinnbild für die Schere zwischen Arm und Reich … und für den Unwillen der Politik, etwas daran zu ändern.

2025 tobten in Frankreich bereits die bodenständigen Aufstände der Erde (Soulèments de la terre) gegen die agraindustriellen Mega-Bassins. Maschinensturm und Sabotage der Beton- und Zementwerke wurden von aufgeschreckten Massen verübt. Mit Shirtstorms war es also nicht mehr getan. Im »Golden State« Kalifornien herrschte ebenfalls ein Kampf um Wasser und Böden zwischen Farmern, Ranchern und den Riesenstädten Los Angeles und der Gegend um San Francisco.

Die klugen Leute im deutschen Sprachraum aber, sie blieben weiterhin von der faschistischen Gewalterfahrung verhext. Sie stellten 2025 die Arisierung jüdischer Seevillen als isolierten Enteignungsakt eines verhassten Regimes und seiner Profiteure dar. Die Autorinnen von ›einverleibt‹ diskutierten das Unrecht, ohne ihren Ansatz mit globalen Fragen der Güterverteilung zu verbinden. Das Versäumnis bei der Rückeroberung der Böden bestand aber immer schon darin, der Landnahme an Seeufern Grenzen zu setzen.

© Wolfgang Koch 2050

Gisela Erlacher / Renate Jernej: einverleibt. Hotels und Villen am Wörthersee 1938 bis 1945, 136 Seiten, Mandelbaum Verlag, ISBN: 978399136-081-0, 24,- EUR

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/31/ufergrabbing-und-villenraub-am-woerthersee/feed/ 0
»Wir deuten auch so, wie wir empfinden« : Zum 87. Geburtstag des Künstlers Hermann Nitsch https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/27/wir-deuten-auch-so-wie-wir-empfinden-zum-87-geburtstag-des-kuenstlers-hermann-nitsch/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/27/wir-deuten-auch-so-wie-wir-empfinden-zum-87-geburtstag-des-kuenstlers-hermann-nitsch/#respond Wed, 27 Aug 2025 05:59:24 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4548 Kunst stellt die Frage, was behauptet werden kann; Lösungen stehen dabei selten an. Bei dem vor drei Jahren verstorbenen österreichischen Existenz-Abenteurer Hermann Nitsch sieht das deutlich anders aus. Er bot dem Publikum weit mehr, als die günstige Gelegenheit, erlesenen Geschmack zu beweisen.

Hermann Nitsch sah ab dem Alter von 19 Jahren in der Kunst eine Möglichkeit, sich einem Absolutum zu nähern, ohne es freilich je festhalten zu können. Er verband sein jahrzehntelanges ästhetisches Schaffen als Maler, Grafiker, Theatermacher und Komponist mit dem Anspruch, aus der Gestaltung der Form Selbsterfahrung und Selbsterlebnis zu ziehen. Das Leben sollte in der Performance selbstwirksam werden. Malerisch und grafisch zu arbeiten sah er als Übungs- und Planungsfeld für reales Geschehen.

Diese künstlerische Position traf sich nur punktuell und zeitlich begrenzt mit der Haltung der konkurrierenden Wiener Aktionisten. Nitsch verteidigte vor der »spürbaren Unzulänglichkeit der Empfindungsarbeit« (Reinhard Priessnitz) konsequent eine Wahrnehmungstheorie, mit deren Hilfe er Wortdichtung, abstrakten Expressionismus und Darstellungstheater weit hinter sich liess.

Proben zum zweiten Sechstagsspiel in Prinzendorf / Foto: W. Koch 2022

»hermannnitsch«, wie der Universalkünstler 1960 seinen Namen unter das Manifest ›die existenzsakrale malerei‹ (für die Ausstellung im Wiener Loyalty Club) setzte, teilt heute in Österreich mit Gustav Klimt den ehrenvollen Titel »Halbjahrhundertkünstler«. Ausstellungsredner weisen gerne auf die Ebenbürtigkeit dieser beiden herausragenden Erscheinungen der Kunstwelt hin. Aber nur selten geben sie an, worin sich nun die Grösse des einen mit der Grösse des anderen trifft.

Beide Künstler, Klimt und Nitsch, wirkten zunächst am Spielfeldrand des Kulturbetriebs, durchliefen sämtliche Stadien der Kellerbohème, beide verwarfen auf der Leinwand bildimmante Gesetzlichkeiten, beide scheuten nicht vor den Möglichkeiten von Figuration und dekorativer Expression zurück, beide liebten ernste Feierlichkeit, beide schufen zerschmetternde, aufwühlende Meisterwerke, der eine folgte dem malerischen Gebot der Goldfarbe, der andere der Magie von Blutrot, beide förderten selbstlos Talente von Jüngeren, beide liebten schlanke Modelle von klassisch-griechischer Statur und beide Männer vergassen nie die Hochachtung vor dem Handwerk.

Widerstand gegen die Zeit

Im Alter von 14 Jahren sah Hermann Nitsch in der Selbstverwirklichung der Person die »Selbstwerdung Gottes«. Damit hatte er die eigenen Erlöserqualitäten entdeckt (was ihm späterhin weder die Kirche noch die Linke nachsehen wollte). Das Thema des Künstlertums als Priesterschaft, von dem bereits Klimt geträumt hatte, stand erneut im Raum. Die Nachkriegsmoderne zog den Malerkittel des Jugendstils über. Und dass Nitsch den Klassikern (Eckhart, Nietzsche, Freud, Jung, Heidegger, Artaud) mehr verdankte als seinen Zeitgenossen (Foucault, Derrida, Flusser, Sontag, Butler), hat ihm ermöglicht, der Zeit zu widerstehen.

Von welcher Zeit sprechen wir? Hermann Nitsch kam aus einer Vorstellungswelt der 1950er-Jahre, die kein »sowohl / als auch« kannte. Allein mit der Formelhaftigkeit des Gegensatzes, mit dem »entweder / oder« schien das Lebensgefühl der Wiederaufbaugeneration vereinbar: Ost oder West, Kapitalismus oder Kommunismus, Mann oder Frau, Abstraktion oder Figuration, Geist oder Körper. Die Verteilung von Wohlstandsgewinnen basierte bis in die 1970er-Jahre auf einer Kultur der sozialen Hoffnung. Der tief verwurzelte Glauben an den intergenerativen Fortschritt, der in den Weltkriegen zerbrochen war, war zumindest im Westen wiedererlangt.

Atelier des Künstlers im Sterbejahr / Foto: W. Koch 2022

Es ist immer wieder faszinierend zu lesen, wie Nitsch gegen die harten Begriffsdualismen seiner Epoche ankämpfe. Europa ist ja bekanntlich ganz vernarrt in die antithetisch-normativen Dualstruktur. Wir lieben es, in Gegensätzen zu denken und aus polarisierten Ideen dialektische Dreischritte zu bauen.

Nitsch verwarf nicht nur asymmetrische Gegenbegriffe wie »Hellenen / Barbaren«, »Christen / Heiden«, »Inländer / Ausländer« oder »Kunst / Kitsch«, in denen eine Seite der Unterscheidung positiv-identitär besetzt ist, wohingegen die andere Seite als nicht anerkennungswürdig abgewertet wird.

Nitsch fegte auch symmetrische Begriffspaare wie »Inhalt / Form« oder »Geist / Fleisch« vom Schreibtisch, bevor sie ihn ins Atelier begleiten konnten. Der assoziative Reichtum des Werkes, also sein symbolischer, pychologischer und philosophischer Inhalt, waren seiner Ansicht nach als fester Bestandteil in der Form eingeschlossen. »Philosophie und Kunst haben sich in der Form untrennbar miteinander vermählt«, erklärte Nitsch.

Dieses Empfinden tat den Mann weit auf für den grossen Gottesdienst des Seins. In einen Rotfilter getauchte rote Rosenblüten – das zeigt die Coverabbildung von Nitschs wichtiger Maerzverlag-Publikation (1969), und in dieses gerötete Rot, beinahe unmöglich für das Auge, gebettet die 22 weissen Buchstaben der Worte »ORGIEN MYSTERIEN THEATER«.

In seiner 1982 formulierte Mythentheorie verwarf Nitsch dann auch die mit einer Vielzahl von Bedeutungen belasteten Begriffe »Fleisch« und »Geist«. »Für mich gibt es nur Intensität offenbarendes Seins«, lehrte der neuer Gestalter der Suprematie (der Vorherrschaft der reinen Empfindung) seinen Schülern in Frankfurt. Synästhesie war ihm alles: die gegenseitige Beeinflussung von Geruch und Blick, physisch erlebbare Töne, durchscheinende Mehrstimmigkeit, mit heftiger Erregung verbundene Körperlichkeit.

Prozession im Grünen am Tag 4 des zweiten Sechstagspiels
/ Foto: Atelier Nitsch (eSeL) 2025

Um es noch deutlicher zu sagen: Hermann Nitsch verlangte die Feierlichkeit der unendlichen Erregung zu spüren, die Feierlichkeit des Weltalls. Er zeichnete, malte und komponierte den Schlag, den man in seiner Existenz empfindet. Und je älter der Künstler wurde, je üppiger er seinen Vollbart wuchern liess,

desto gleichgültiger wurde er gegen die Ablehnung seiner Arbeit,

desto knabenhafter begleitete ihn das Licht.

Überwindung von Schwarz und Weiss

Sind denn Weltenteile etwas anderes als Teile dieser Welt? Nein, das sind sie nicht. Darum konnte Nitsch Blumenblüten und Zuckerstücke neben Mullbinden und totem Fisch arrangieren, er konnte leidenschaftlich nach der Poësie von immer neuen Konstellationen seiner Materialien suchen, er konnte selbst Anstössiges und Verbitterendes kompositorisch vereinfachen.

Noch 1995 sprach er von der »Enthaltung subjektiver Freiheit«, das heisst davon, dass Objektsein zu überwinden und zum »absoluten Subjekt zu gelangen«. Es ging ihm also nicht nur um sich, seinen Genuss und sein Seelenheil. Die vielen Anekdoten vom Genussmenschen Nitsch, dem überdimensionalen Heurigenwirt, dem Schlemmermaul mögen unterhaltsam sein, sie werden der kulturellen Dimension seines Unternehmens sicher nicht gerecht.

Nitsch hatte das Schwarz-Weiss-Gewitter des Kalten Krieges schadlos überstanden. Statt Vernünfteleien und kommunikativer Rationalität liebte er zirkuläre Schlüsse, über die man auch lachen kann (Gott hat die Natur, die Natur den Menschen und der Mensch hat Gott erschaffen). Nitschs Welt war schön, Nitschs Welt war gut. Sie gab hellen Sinn, auch dort, wo sie aus um sich greifender, abstrakter Angst vor Grausamkeiten erst eine bearbeitbare Furcht machen musste.

Tag 4 des zweiten Sechstagespiels / Foto: Atelier Nitsch (Daniel Pucher) 2025

Nitsch hat sich mit über 3.000 Seiten Theatertheorie weit aus dem Fenster namens Avantgarde gelehnt. Er schrieb so komische Sätze wie: »Kot der Gedärme und Eiweiss des Gehirns bedingen einander«. Alles sorgfältig in Kleinschrift natürlich. Nitsch wusste, dass das wahre Staunen aus Gedächtnis besteht und nicht einfach darin, dass etwas auftaucht. Die Situation der griechischen Tragödie ist: Was sein muss, sei.

Angenommen das Leben setzt sich nach dem Tod durch Wiederholung kontinuierlich fort (was wir nicht wissen, sondern nur glauben können), wäre der kleine Hermann aus Wien-Floridsdorf im nächsten Leben nun schon wieder drei Jahre alt. Der Vater zieht in den verbrecherischen Krieg im Osten und kehrt nicht mehr heim, weder tot noch lebendig. Was vom Vater zurückkommt, ist die blutverschmierte Lederbrieftasche. Ich habe mit Nitsch immer wieder über diesen später verloren gegangenen Fetisch gesprochen. Seine Schlampigkeit der Verwahrung ärgerte ihn masslos.

Verschobener Wahrnehmungsfilter

Aber was geschehen ist, ist geschehen. Der Tod des Vaters: geschehen. Das traurige Verschwinden des herzlichen Familienandenkens: geschehen. Wer Nitsch-Arbeiten kennt, wird an sich bemerken, wie sie seine Wahrnehmungsfilter verschieben oder erweitern, um ein paar Grade nach links oder rechts rücken, zur Wärme des Objekts hin oder in die Kälte des Weltraums hinaus. Hier hat man das Gefühl, dass sich die Dinge auf ihrer Reise durch Zeit und Raum unweigerlich verändern und vermischen; und dass, falls wir nicht an der Vergangenheit festhalten können, der Versuch, dies zu tun, dazu führen kann, dass etwas Unerwartetes und Neues entsteht.

In der Natur lauschte Nitsch auf die Abwesenheit der Menschen; Neues wollte er nur noch unter der Erde gebaut sehen; seine Farben rannen auf Flächen nahe an der Stille. Dann aber fasste er plötzlich ein Kantholz oder Lineal und clusterte auf der Orgel drauflos, dass es eine Lust war bis in die Kastanienallee des Schlossparks hinunter, chromatische Tontrauben auf die Wiesen und Weiden hinaus, über die Hügel weit bis zum Horizont.

Tag 5 des zweiten Sechstagespiels / Foto: Atelier Nitsch (Daniel Pucher) 2025

Unsere Angst vor Grausamkeit, die ist universal. Täter und Opfer warten nur darauf, die Plätze zu tauschen. Und Nitsch sah in der Kunst eine Möglichkeit, mit der Erfahrung dieser Enttäuschung umzugehen. Er wusste, dass die schönsten Leidenswerke (Tragödien) in der Freude geschrieben sind. Denn der Künstler ist einer, der leidet, indem er nicht leidet, wie Henry de Montherlant sagt.

Nitschs Lebenswerk war ein Totaltheater in der Formensprache des griechischen Dramas, der antiken und der mittelalterlichen Mysterienspiele, von Anti-Kunst, Fluxus und Happening. Das performative Megafestin in dem die ganze Anstrengung kulminiert, leistet keinen Beitrag zur Elitenherrschaft, es nimmt nicht Anteil an der liberalen Weltvergesellschaftung, der Undurchsichtigkeit der Politik und den betreuten Meinungen. Hermann Nitsch fühlte, dass er war, und er fühlte, dass sein Sein nur ein Abglanz war der beseligten Welt in ihm.

Dieser Künstler versuchte wie wenige andere das Unaussprechliche zu kommunizieren. Und da er die Worte, die er dafür suchte, nicht fand, sandte er ein Gefühl, ein Absicht, durch Gesten, durch Lärmklang, durch entkleidete Körper, durch die Fantasie von begattetem Schaf-Fleisch, durch die Fantasie von Rorschach-Protokollen und Blutpumpwerken.

Von hier war es nur mehr ein gedanklicher Schritt, den Eigenwert gegen den Symbolwert in der projektiven Selbstauslegung des menschlichen Daseins zu setzen. Nitsch verstand die Naturmythologie radikal subjektiv. Bilder und Szenen in der umgebenden Natur waren für ihn ein Niederschlag von Jahrtausenden evolutionärer Erfahrung der menschlichen Gattung. Sie stellen ein Inbildes des Kosmos dar.

Er blieb das grosse Kind

1969 fühlte sich Nitsch in seinem Münchner Exil als »heimatloser Fremdling«, und er ist  – bei aller Liebe zu den Kellergassen des Weinviertels, zu den Menschen in der Provinz und zum Himmel über Neapel –, immer und überall dieser Fremdling geblieben.

Zeremonienmeister des nicht additiven Gesamtkunstwerks,

Maler des psychischen Automatismus,

Sammler der Geräusche der Nacht.

Das grosse Kind, an dem er zeitlebens festhielt, fragte: »Wie können wir erblühen unter der Last von soviel Licht? Wie können wir uns erneuern im verloren gegangenen Schauen, das die zu beschauenden Objekte vollsinnlich wahrnimmt?«

Nitsch befand, dass er nur auf einer Art Durchfahrt sei, er schätzte das Vergängliche. Liebend berührte er, was von den Göttern geblieben war: Zeichen, Rituale, leere Kirchen.

War dieser Künstler denn überhaupt ein Maler? Die Antwort kann die Frage verneinen, ohne eine künstlerische Leistung zu schmälern. Denn jede Figurengruppe, die Nitsch in seinem OM Theater hinstellte, war die eigentliche Erfahrung des Malens des Bildes. Sie illustriert nicht. Jedes Tableau ist das Gefühl seiner eigenen Verwirklichung. Es ist eher so, als hätte Nitsch lieber eine Erfahrung gemacht, in Echtzeit gefühlt und gelebt, als ein Bild herzustellen.

Auch über seine Umgebung hatte er manches anzumerken: Das Beste im eigenen Land schmeckt nach Wein, dem »Begeisterungstrank der dynamischen Weltschau«. Das Schönste im Land glänzt wie wundes Fleisch, es riecht wie Opiumschlaf und duftet wie die Kräuternamen. Das Klügste im Land, auch das wusste er als gelernter Österreicher, ist musikalisch.

Keine Ehrfurcht vor der Menge

Doch komplett anders als seine Landleute vertrug Nitsch nur die grosse tragische Klage (der Griechen, Wagners), nicht aber das kleinliche, masseninformierte und massengelenkte Lamentieren, das einem in der Alpenrepublik an jedem Tisch entgegen brandet. Nitsch schlug, um sich vor der Öffentlichkeit zu schützen, nie den Ton des Mitleids an, er heuchelte nicht Ehrfurcht vor der Menge.

Sagen wir so: Nitsch war ein ernsthafter Künstler, der aus voller Brust lachen konnte. Er lehrte, dass wir von unserer Stimmigkeit gerade so viel verstehen, wie wir von uns als Menschen verstanden haben. Jenseits des umfassenden Blicks, der knabengöttlichen Wahrheit, um die es ihm ging, wäre die Welt nicht nur neutral in ihrer Schönheit, sondern würde einem ewig zögerndem Aggregat ähneln.

Im Hier und Jetzt das Numinose erfahren …

Ergriffensein vom Ganzen …

Das genügt.

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/27/wir-deuten-auch-so-wie-wir-empfinden-zum-87-geburtstag-des-kuenstlers-hermann-nitsch/feed/ 0
Wotruba oder Gewisse Sterne drehen sich an Ort und Stelle https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/01/wotruba-oder-gewisse-sterne-drehen-sich-an-ort-und-stelle/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/01/wotruba-oder-gewisse-sterne-drehen-sich-an-ort-und-stelle/#respond Fri, 01 Aug 2025 08:22:42 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4526 Die Landschaft

»Die grossen Museen sind ja in Wirklichkeit längst keine Bildungsinstitute mehr, sondern Tourismus- und Unterhaltungsbetriebe«, sagt der inzwischen 91jährige Wiener Filmemacher, Kulturanthropologe und Wotroba-Schüler Peter Kubelka, eine der letzten wirklichen Autoritäten im Wiener Kunstbetrieb. – »Was dort vor sich geht, hat mit dem Erleben von Kunst nichts mehr zu tun«.

Das Diktum trifft wahrscheinlich auf keine andere Kulturinstitution in Österreich mehr zu, als auf den Museumskomplex im Prinz-Eugen-Schloss Belvedere, wo auf Mamor- und Parkettböden die demokratischen Touristenmassen jeden Tag trampelnd Rache an der feudalen Genussgesellschaft nehmen.

Ausstellungsansicht: bis zu sechs Tonnen Gewicht auf Wabenkarton, Foto: Johannes Stoll / Belvedere, Wien

Im Grund genommen braucht es in der spekakulären Unterhaltungszone zwischen Rennweg und Arsenal, die aus barocken Ziergärten, versiegten Brunnen, Prunksälen, Fine Arts und Souvenirshops besteht, gar keine Sonderschauen, es braucht im Belvederischen keine Kunstvermittlung und keine Talentsuche, – der Publikumsstrom aus aller Welt würde auch nicht abreissen, wenn in den Hallen und Sälen nur Kleidermotten zu sehen wären.

Die Fauna

Man redet jetzt wieder über ein schon fast vergessenes Tier. Das Wotruba gibt es nur mehr in einem einzigen Exemplar, das im Belvederischen gehalten wird. Ausgezeichnet ist es durch seinen besonderen Willen, die Staturen der Menschen in Stein nachzuahmen. Doch das Wotruba kann weder neben jener scharmanten Erfindung bestehen, welche die Farben des Sonnenspektrums zum Tönen bringt und Klimt heisst, noch braucht das Wotruba das Romako zu fürchten, ein besonders zwittriges Wesen von ausserordentlich geistvoller Konstruktion und ametystblauer Farbe, weil das Romako im Belvederischen ganz tief eingesargt wurde und die Gäste aus der Interkontinentalzone annehmen, es sei bereits bis zum letzten Exemplar ausgestorben.

So hat es das Wotruba also schwer, und dann doch wieder leicht. Ein Projekt der österreichischen Tierschutzstiftung verfolgt das gewagte Vorhaben, dieses Wesen der Immediacy-Generation nahe zu bringen. Wir reden da von einer neuen, aufgewerteten Existenz dieser Kunst: das Wotruba eingetaucht ohne Zwischenhändler, #nofilter, gärend ohne Worte, in unmittelbarer zeitlicher Präsenz und in räumlicher Intimität zu erfahrungsmässiger Intensität und Ästhetik verdichtet.

Das Wotruba verliess seinen Körper vor 50 Jahren im Alter von 68 Jahren in Wien. Hier 1949 in der Ausstellung ›Ve Salon de mai Paris‹ im Palais de New-York / Foto: Willy Maywald, Nachlass Fritz Wotruba, Bildrecht

Geht das überhaupt? Darf das in diesem Staatsmuseumsreservat denn auch sein? Ja, es geht, und ja, es darf auch sein (obwohl am Zentralfriedhof funktioniert es noch besser). Das Wotruba hat ja seinen frühen scharfen Geruch in den milderen der Heiligkeit gewandelt, und die Hörner hat das Tier, seit es den Teufel fürchtet, ebenso wie die Zähne, längst verloren. Dafür wuchs ihm zur Zeit der körperlichen Präsenz die Krawatte immer länger, was dem Wotruba ein ehrwürdiges Aussehen verlieh.

Die Physik

»Kubisten«, erklärte Aristide Mailloll 1925 (in einem Gespräch mit Alfred Kuhn), »sind zum Teil ganz begabte Menschen, aber bei ihnen hat der Buchstabe den Geist totgeschlagen. Sie haben Platon gelesen und nun ist bei ihnen alles Idee«. André Lhote schlug darum vor, sie lieber »plastische Impressionisten« zu nennen. Denn die Kubist·innen wählten wie ihre Vorgänger·innen diejenige Kategorien von Elementen, die im Kopf durch die Erkenntnis fixiert bleiben und sich nicht fortwährend umbilden. An die Stelle der augenblicklichen Beleuchtung der Gegenstände setzten sie deren eigentümliche Stofflichkeit.

Zweifellos: diese Strategie lässt an ihren Gestaltungsobjekten Brüche, Betonungen und Übergänge sehen, die vor ihnen noch niemand geahnt hat. Der Ansatz führte das Wotruba zu allen möglichen Beziehungen zwischen sich und seinem Modell, zu sich und dem Material, zu sich und dem Objekt, aber nie zu Zusammenhängen zwischen den Objekten selbst. Das Wotruba war bei der Umschreibung der physikalischen Phänomene mit Physik gelandet.

So drängt sich nun heute das Rätsel auf: Zur Beschäftigung mit welchen grundsätzlichen Fragen regt diese Ausstellung an? Die Kuratorinnen Verena Gamper und Gabriele Stöger-Spevak mischten unter die zentralen Skulpturen des Erinnerten auch Figuren von Zeitgenossen und Zeitgenossinnen wie Alberto Giacometti oder Germaine Richier, die zeitlich oder formal dazu passen. Zu Recht Stolz ist das Wotruba-Kompetenzzentrum auf Werke, die im internationalen Ausstellungsbetrieb bereits einmal gemeinsam über den Laufsteg schwebten.

Die Karriere

Das Wotruba brachte 1945 seine Exilerfahrungen aus der Schweiz nach Österreich mit. Es setzte in Wien seinen Ateliervorgänger unsanft an die Luft, mischte in der Trümmerzeit bei Denkmal- und Kreativwettbewerben mit – und es gilt in der Heimat seit einer grossen Tournee 1955 durch die USA als »international anschlussfähig«. Aus dem jungen sozialdemokratischen Parteigänger der Ersten Republik war in der Zweiten ein angesehener Gremienpapst geworden, dessen Menschendarstellungen als anerkennungswertere Frömmigkeit auslegt wurden. Das Wotruba bediente die internationale Ausrichtung seiner Schüler·innen, setzte aber keinen mit sich durch.

Vergleichsobjekt: Henry Moore, Reclining Figure / Liegende Figur, 1957 / Foto: Kunsthaus Zürich, The Henry Moore Foundation, Bildrecht

Im Belvedere 21 umstehen uns nun die Relikte eines emsigen Schaffens aus fünf Jahrzehnten. Versprühen die Exponate Charme? Eher nein. Die Forscherinnen des Hauses haben über 70 Einzelpräsentationen und 300 Ausstellungsbeteiligungen durchgesehen. Von den 2.500 Zeichnungen und Druckgrafiken aus dem Nachlass werden aber nur 25 gezeigt. Die Kopfbüsten des Wotrubas müssen mit einem schlichten Regal auskommen, seine Tätigkeit als Bühnenbildner wird nur pflichtschuldig gestreift – während die Galerie und der Keller im Schwanzer-Pavillon gähnen leer stehen.

Meine Kritikerkollegin Katharina Rustler von der Tageszeitung Der Standard will bei ihrem Rundgang ein »entstaubtes Image« gesehen haben. Uns schien das Wunder der »unklassischen Werkschau« in einem Schwarm monogamer Spatzen zu verschwinden.

© Wolfgang Koch 2025

Wotruba International, Belvedere 21, Arsenalstraße 1, 1030 Wien, bis 11. Jänner 2026

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/08/01/wotruba-oder-gewisse-sterne-drehen-sich-an-ort-und-stelle/feed/ 0
»Trottel, Intelligenztrottel, Welttrottel« : Zum 101. Geburtstag des Künstlers Viktor Rogy https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/27/trottel-intelligenztrottel-welttrottel-zum-101-geburtstag-des-kuenstlers-viktor-rogy/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/27/trottel-intelligenztrottel-welttrottel-zum-101-geburtstag-des-kuenstlers-viktor-rogy/#respond Sun, 27 Jul 2025 13:07:41 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4511 Von all den Namen, die ich dem österreichischen Künstler Viktor Rogy (1944-2004) als publizistischer Wegbereiter und Wegbegleiter verpasst habe – »Bewunderungskünstler«, »Lehmstecher Gottes«, »Kunstrebell vom Wörthersee«, »Retroavantgardist« –, hat er nur den ersten mit Freunde angenommen und für sich akzeptiert: Bewunderungskünstler. Die Arbeiten und das Leben der ganz Grossen zu verehren und zu bewundern, das war für den autodidakten Dichter, Bildhauer, Tänzer, Designer, Konzeptkünstler und Aktionisten durch alle Phasen seines Lebens hindurch eine bezwingende Konstante.
Rogy-Design: Wohngalerie von Bernhard Meier-Stauffer, Klagenfurt 1970 / Foto: Sammlung Dieter und Gertraud Bogner

Im Sinn von Goethes Diktum »Alles Verständnis fängt mit Bewunderung an« rangierten in Rogys Arnoldsteiner Kindheit die Helden aus US-Westernproduktionen ganz obenauf: Tom Mix und George O’Brien. Die hat das Eisenbahnerkind im örtlichen Kino kennen und lieben gelernt. 

Ihnen folgte der Kapitan des österreichischen Fussball-Wunderteams Matthias Sindelar, und nachdem der Simulant Rogy dem Heldentod als Wehrmachtssoldat glücklich entkommen war, der deutsche Tänzer und Choreograph Harald Kreutzberg – was jedesmal mit einem neuen Berufswunsch des jungen Mannes einherging.

Durch fremde Welten

In den 1950er-Jahren stiess Rogy auf den deutschen Maler und Theosophen Joseph Anton Schneiderfranken alias Bô Yin Râ und bezog nun auch die Religionsstifter Buddha, Jesus und den legendären chinesischen Philosophen Laozi in seinen privaten Bildungskosmos mit ein. Durch mystische Versenkung und regelmässige Alkoholexzesse gelang es ihm, in seinem Kindheitsidol George O’Brien mal eine Reinkarnation von Jesus und dann wieder eine Präfiguration von Bô Yin Râ zu sehen.

Viktor Rogy: mit den zwei Körpern. Signiertes Ready-Made 1988 / Foto: Sammlung Wilfried Kofler

Hatte die Menschheit nicht seit über 5.000 Jahren fast ihre gesamte Energie darauf verwendet, die äussere Welt zu verstehen und zu entwickeln, während sie unsere eigene innere Entwicklung als menschliche Wesen vernachlässigte?

Mit der existenziellen Entscheidung, ein schöpferisches Leben zu führen, zunächst als Dichter, dann als Fine Artist, war der letzte Halt gebrochen und Rogys Ateliers wurden zur Klause. Er studierte bei Wurtsemmel und Bier Jakob Böhme und andere christliche Mystiker, er rezitierte die Gedichte Goethes, Georg Trakls und Matsuo Bashōs, Rogy rezipierte abseits von Akademien und Literaturhäusern die französischen Symbolisten, Leonardo, Duchamp, Karl Valentin mit seiner Partnerin Liesl Karlstadt, schliesslich auch den Wiener Architekten und Architekturtheoretiker Adolf Loos. Jede neue Entdeckung ein neues Herzensthema! Jeder Autor ein Umschwung! Jede neue Referenz Liebe auf den ersten Blick!

Rogys Verständnis der Welt und der Kunst hat also mit exzessiver Bewunderungsarbeit begonnen. Wie ging es dann weiter? Er liebte es, seinen Respekt und seine Hochachtung vor den Leistungen anderer lautstark und in Bildern auszudrücken. Und je besser Rogy die Spitzenleistungen der Menschheitsgeschichte mit der Energie eines Stiers kennenlernte, desto mehr war er auch davon überzeugt, dass er selbst einzigartig war. Der Wein der Bewunderung verlieh seinem Kunstschaffen absolute Impulsivität. In der Mitte seines Lebens wagte es Rogy an jeder Wirtshaustheke Intellektuellen, Akademikern und Politikern eine Lektion fürs Leben zu erteilt.

Die Kehrseite der Medaille

Dass der Kunstbetrieb einen grossen Bogen um den zu Ausfälligkeiten neigenden Künstler machte, kann man ihm kaum verübeln. Denn die Kehrseite des Bewunderungskünstlers war der Verachtungsvituose. Seine Lebenswut und sein Zorn konnten jederzeit jeden Lebenden treffen. Dicke Freunde wurden über Nacht zu Todfeinden; Politiker aller Couleur, selbst die linken, verglich er mit Hitler. Vor Frauen in der Kunst hatte Rogy keine Achtung, auch nicht vor seiner grosszügigen Vermieterin Maria Lassnig, deren Wiesengarten er drei Jahrzehnte lang in Schuss hielt. Die Ausnahme bildete einzig und allein seine Partnerin Isabella Ban-Rogy, was in vielen künstlerischen Kollaboration ihren Ausdruck fand.

Die leichte Reizbarkeit, seine Bösartigkeit, die Bereitschaft zur Vernaderung von Kolleg·innen verhinderten Rogys Erfolg im Kunstbetrieb und in Sammerkreisen. Rogy war eben nicht nur ein unsystematischer Entgrenzer des Kunstbegriffs, seine Eskapaden und Volten machten ihn auch zum Sprengmeister in der eigenen Sache.

Wer in der Öffentlichkeit ohne Vorwarnung aus Leibeskräften: »Du Arschloch! Du Dreckschwein! Du verdammte Sau« brüllen konnte, wer sich als Brachialstörer gefiel, konnte nicht mehr damit rechnen, als Schelm, als Feingeist oder Wahrnehmungslehrer zu gelten. Wo »Rogy« draufstand, blinkten in den letzten Jahrzehnten seines Lebens die Alarmleuchten. Doch das ephemere Werk, das unter diesen schwierigen psychologischen Bedingungen entstanden ist, liegt heute in Katalogen, Filmen und in einem umfangreichen Postkartenblock gut dokumentiert vor, so dass es in dieser Zeitkapsel die Ignoranz des 21. Jahrhunderts überdauern wird.

Der Schuh ist geschnürt, die Hunde sind verjagt, die Fische ins Meer zurück geworfen, die Lupinen gelöscht. Der grosse Bewunderer, Einzelgänger und Nonkonformist Viktor Rogy durchschreitet nun die härteren Tage.

© Wolfgang Koch 2025

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/27/trottel-intelligenztrottel-welttrottel-zum-101-geburtstag-des-kuenstlers-viktor-rogy/feed/ 0
Die Revolte als der Liebe vergessene Sprache https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/11/die-revolte-als-der-liebe-vergessene-sprache/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/11/die-revolte-als-der-liebe-vergessene-sprache/#respond Fri, 11 Jul 2025 18:15:49 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4489 Ich bin alles andere als ein Experte für Liebesromane, und möchte das auch bleiben. Wenn man dem Mysterium der Liebe vertraut, meine ich, der zufälligen Einmaligkeit der Emotion, bleibt ihr Sinn immer unversehrt; es gibt keine Wahrheit davon, die sich in Worte fassen liesse. Man kann von ihr überhaupt nicht sprechen, weil die gesamte eigenen Existenz davon betroffen ist.

Unter dieser Voraussetzung bin ich gezwungen, bei Autoritäten nachzufragen. – »Alle Romane, wo wahre Liebe vorkommt, sind Mährchen«, antwortet der Romantiker Novalis auf meine Frage in ›Das Allgemeine Brouillon‹ (1798/99), und das scheint perfekt auf Enrico Palandris italienischen Bestseller ›Boccalone‹ von 1979 zu passen. Die Liebe zwischen dem verwahrlosten Studierenden Enrico und der 16-jährigen Schülerin Anna versucht die Liebe in einer Sphäre langsam scheiterender Wunscherfüllung nachzuvollziehen.

»Wenn ich mich jemals für eine Arbeit

entscheiden muss, werde ich Bettler«

Dieses Märchen erlaubt mitträumendes Verweilen, einfühlendes Mitempfinden. Sofort nach dem Kennenlernen bedrängt das Paar das Gefühl, nichts anderes wahrnehmen zu können als die Wirkung der Welt auf sich. Die Tatbestände im Bologna von 1977: dunkle Ringe unter den Augen, Füsse ausgestreckt auf das Amaturenbrett, Nudeln mit Bohnen. Es gibt keine Mobiltelefone und man versendet noch Liebestelegramme, ach wie schön!

Cesare Pavese hielt die italienische Literatur (von Dante und Boccacio über Macchiavelli und Vico bis zu Leopardi) für »wenig erzählend«, und zwar ausgerechnet dort, wo es sie hätte sein müssen. Italiens grosse Texte seien »zerebral und argumentativ« und sie negierten den Naturalismus. So ist es auch hier.

Von Palandris Enrico wird zwar übersprudelnd ein Liebesgefühl behauptet, es gibt lange Küsse und »voll peinliche« Geständnisse nach dem Sex. Doch wir erfahren keine typische Geste, keine Gewohnheit, keine unverwechselbare Eigenart, nichts, was diese Frau für ihn begehrenswert macht. Nie entnehmen wir dem Dauergeschnatter Enricos zwei Liebende, die wechselseitig ineinander aufgehen oder in denen einer im anderen enthalten ist.

»Ich wünsche mir ein besseres Leben

und einen weniger komplizierten Kopf«

Das grösste technische Handicap des Romans dürfte dabei die Monoperspektive sein. Die Stimme des Ich-Erzähler bildet einen nervigen Dauerstrom. Das kann auch auch gar nicht anders sein, wenn man seine Selbstbeschreibung kennt:

»Ich bin eine Quasselstrippe und kann nur schwer für mich behalten, was mir durch den Kopf geht; mein Mund ist die Verlängerung meines Gehirns und die Erweiterung meines Denkens, besser gesagt: Mund und Gehirn sind bei mir nicht voneinander zu trennen. // Dabei bin ich nicht einmal besonders ehrlich, überhaupt nicht, ich spreche eben nur alles aus; die Lüge liegt in der Satzkonstruktion, nicht im Inhalt; mit einem Wort, ich sage niemals klar ja oder nein, sondern weiche immer aus; // aus Erfahrung weiss ich, dass meine Art zu reden anderen schnell auf die Nerven geht, genau wie meine Art zu leben. // ich habe ein loses Mundwerk, aus dem es ständig herausplätschert.«

Gefährlich schlecht drauf

Das stimmt bedauerlicherweise, und wird auf 209 Seiten atemlos durchgehalten. Der Quasselkopf hat ein loses Mundwerk, — die entscheidenden Dinge aber verrät er uns nicht. Entweder, weil er sie nicht wahrnimmt, oder weil er sich selbst einfach nicht zuhört. Der Charakter bleibt so flach, als besuchte A. Square die zweite Dimension in ›Flatland‹, um sofort wieder in die erste Dimension zurückzukehren. Wenn Palandris Held mit seiner Dulcinea Madrid besucht, schleckt er dort ein Eis und rennt in den Prado. Wenn er nach Florenz saust, erlebt dieser verkrachte Bildungsbürger was? O ja, »grossen Spass« in den Uffizien.

In der Talkurve der Beziehung ist Enrico-Boccalone dann meistens »schlecht drauf«, der Verlust der Beziehung ist »schlimm« für ihn – »mir geht es viel schlechter, als ich zugebe«. Diese sprachlichen Stanzen halten auch noch schiefe Bilder an der Wand, wie das der Hysterie, die in einem Kopf »heroisch ihre Kreise zieht«. – Nein, eine Hysterie zieht nicht »heroisch« Kreise; ihre Überreaktion, das lässt sich in jedem Medizin-Reader nachlesen, stört ichbegogen und geltungssüchtig den Bewegungsapparat, die Gefühle, die Sinne. Souverän und glänzend ist an der Hysterie überhaupt nichts.

Immerhin besitzt der Roman an anderen Stellen eine ausgelassene Heiterkeit, die darauf beruht, dass es keinen dramatischen Ausgang geben kann. Auch wenn die Liebe von Enrico und Anna scheitert, besteht sie über ihre Protagonisten hinaus doch weiter.

Vitale Proteste in Bologna

Die Liebe auf der Piazza Maggiore scheitert nicht, sie wird nur von ihren Figuren verlassen. ›Boccalone‹ referiert diese Botschaft, und hier kommen wir zum wichtigsten Punkt, vor dem Hintergrund der »antikapitalistische Wiederangeignung des Körpers, der Zeit und des Lebens«. Die Liebe spielt in der Zeitkulisse der autonomistischen Revolte, des Movimento ’77. Doch, was typisch war für diese lebendige und gefährliche Zeit – dass jeden Abend mehr als tausend Leute auf der Piazza herumstanden; dass sich die jungen Menschen als harter Kern eines Kollektivs verstanden (»ein Sicherheitsnetz aus besonderer Zuneigung«); dass politische Verhaltensweisen partout keine Theorie mehr haben sollten, die sie anleitet –, das alles erfahren wir nur im Vorbeigehen. Es wird vom Autor gestreift, aber nicht erzählt.

Das Zeitpanorama des Movimento del Settantasette gelang Lidia Ravera mit ihren Generationsgeschichten und Nanni Balestrini mit ›Gli invisibili‹ (Die Unsichtbaren) viel eindringlicher zu schildern als Palandri. In ›Ammazare il tempo‹, unter dem Titel ›Die Zeit totschlagen‹ in der Übersetzung bei Rowohlt erschienen, schildert Ravera die erhitzte Atmosphäre damaliger Vollversammlungen:

»Hinter dem Rednerpult stehen sie meistens zu dreissig, und den Vorsitz führen sie zu zehnt. Alle brüllen, niemand gewinnt. Dann erklimmt ein kleiner gedrungener fröhlicher Junge ohne Hemd und von undefinierbarer Farbe das Podium und lässt einen erbosten Bariton ertönen, lehnt mit bühnenreifer Geste das Mikrofon ab, was ihm anhaltenden Applaus einbringt, und beginnt, dem Publikum seine Bescheidenheit entgegenzudröhnen: er ist es nicht gewohnt auf Versammlungen zu reden, er ›scheisst wirklich drauf‹, er möchte, dass alles reden, auch die, die Angst haben, also redet jetzt auch er, und er hat Angst, und ›Genossen, klatscht nicht Beifall, sondern hört mal zu‹, als wäre die Forderung nach Aufmerksamkeit weniger eingebildet als der Beifall«.

No all’ideologia, si alla communicazione / Foto: libcom.org

In solchen grandiosen Passagen der Literatur ist das aufständische Milieu des Küchentischsenders Radio Alice, des Kollektivs Jacquerie, der Indiani metropolitani, des Maodadismus, der Graffiti, der Autoriduzione, der Kommunikationsguerilla, die den Minoritarismus schlagen wollte, in solchen Passagen ist der damalige Hass auf die Staatsmaschine, die Fabriksarbeit und die Herrschaftsmechanismen der Verwertung viel glaubwürdiger eingefangen als im Selbstmitleid von Palandis Quatschkopf.

Postmoderne Reflexionsorgie

In Staunen setzt Palandris Roman durch zwei Dinge. Er schildert die unerhörte Mobilität der aufständischen Genoss·innen. Die bewegten Emarginierten wechselte öfter Städte und Plätze als ihre Hemden. Nie ist bei Tageslicht schon klar, wer wo übernachten wird. Palandri erklärt uns allerdings nicht, ob dieses Sozialverhalten der »Zerstörung der sexuellen Rollen und der Institution Familie« oder einfach der Armut der einkommenslosen jungen Menschen geschuldet war.

Das zweite Plus des Romans ist der postmoderne Gestus, mit dem im Satzgestrüpp immer wieder das Verfassen des Textes selbst zur Sprache kommt. Das Erzähler-Ich muss allen erzählen, »dass ich an einer Geschichte schreibe«. Amüsiert werden wir Zeugen seines Durchatmens beim Schreiben. »Ich bin nicht exakt enrico palandri und will es auch nicht sein … ich bin ein ein wandelndes Psychodrama …«

Nett, wieder mal sowas zu lesen! Wir erinnern uns aber auch, zu welch drögen Diskursflächen diese selbstreflexive Prosa geführt hat, bevor Autor·innen des Millenniums es wieder wagten, Geschichten mit Hand und Fuss zu erzählen.

Vier Jahrzehnte später

Die Lektüre des Liebesromans über die rhizomatische Linke wirft auch ein Licht auf Enrico Palandri als Ganzes. Denn am Bologna-Roman sehen wir, dass sein Erfinder durch die Jahrzehnte hindurch dem Thema des Schreibens im Schreiben treu geblieben ist. In der Gegenwart nimmt er jedoch viel stärker die Perspektive der Lesenden ein.

In seinem letzten publizierten Buch, dem vor zwei Jahren veröffentlichten Alterswerk ›Sette finestre‹ (Sieben Fenster), ruft Palandri die berühmten Schriftstellerkollegen John Milton, John Keats, Leopardi, Proust sowie die Heiligen Bücher der Religionen zu Zeugen seiner Erfahrungen auf. Das möchte man nun natürlich genauer wissen. Was hat sich denn seit den psychomotorischen Schwierigkeiten und der politischen Niederlage der Autonomia Organizzata so radikal geändert?

Palandi warnt heute vor der Gefahr, in den Asozialen Medien zu viel über uns selbst zu erzählen und ein Idealbild der eigenen Person zu vermitteln. Die wichtigen Dinge des Lebens, sagt er, bewohnen uns tiefer als wir uns vorstellen. Sie sind schon da, tatsächlich existent, bevor wir von ihnen wissen. Ihre Handlungen umhüllen uns, bevor sie sich entfalten und uns in die Welt hinein stossen. (Warum denke ich da an ein angeborenes Ensemble von Sehnsüchten und Bedürfnissen in den Gestalten von Vater und Mutter?)

Lag für Enrico Palandri, als er sich mit Enrico-Bottalone in einem Kollektiv vereint sah (»das Kollektiv ist kein Projekt mehr, es ist Teil meiner Träume«), die »eigentliche Crux am alleine Schreiben darin, dass man auf eine Stimme beschränkt ist«, so hinterfragt er nun, vier Jahrzehnte später, luzide den Status der literarischen Charaktere und unseren Status als Zuschauer-Leser des Lebens anderer. Palandri sagt heute: Alle Erzählungen (sei es Familie, Ideologie, Überzeugung, Mode, Identität, Vergangenheit) produzieren irgendwann das Bedürfnis, sie auch wieder loszuwerden. Dies sei dann die Stunde der Kritik. Kritik helfe, die richtige Auswahl mit der Delate-Taste zu treffen.

Enrico-Bottalone tickte da noch komplett anders. Der liebende Revoluzzzer hielt Kritik für »eine sozialdemokratische Angewohnheit, ein Thema wird im Kopf gedreht und gewendet, herumgetragen und weitergegeben, damit der Nächste es eine Viertelstunde lang begutachten kann, so dass er recht zu haben scheint, und nach einer Weile versteht keiner mehr irgendwas«.

Sonnenhell dagegen der aktuelle Palandri. Das Wichtigste für den Menschen der Gegenwart, sagt er, sei die Fähigkeit, sich im Unbestimmten bewegen zu können. (Warum denke ich da sofort an ein Surfbrett?) In der Stille, im Schatten würden die Mythen der Vergangenheit weiterleben. Palandri sieht keinen Grund, die Erinnerungsreste an die grossen Aufbrüche der Menschheitsgeschichte zu liquidieren. Es existiere immer »eine Andersartigkeit, die sich nicht auf das Gewöhnliche reduzieren lässt«. Selbst die Heiligen Texte würden in den grossen Kontext von Erzählungen gehören, die subjektale Deutungen anstossen. Tanach … Bibel … Guru Granth Sahib – sie alle trösten uns mit dem Versprechen, dass der Ärger morgen nicht so weiter geht, wie er heute begonnen hat, und dass das Böse nicht ewig triumphiert.

© Wolfgang Koch 2025

Enrico Palandri, Lichter auf der Piazza Maggiore, Übersetzung: Esther Hansen, 220 Seiten, Frankfurt: Schöffling Verlag 2024, ISBN 978 3 89561 154 4, 24,- EUR

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/11/die-revolte-als-der-liebe-vergessene-sprache/feed/ 0
Internationaler Bachmannpreis : 3x auf den Hund gekommen https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/01/internationaler-bachmannpreis-3x-auf-den-hund-gekommen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/01/internationaler-bachmannpreis-3x-auf-den-hund-gekommen/#respond Tue, 01 Jul 2025 09:08:17 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4458 Man wird mir kaum Glauben schenken, ich erinnere mich noch an die Grossen und Kleinen der Anfänge, an Peter Härtling, Adolf Muschg, Eckhard Henscheid, natürlich an den sich ständig zur Papstgrösse aufblasenden F.A.Z.-Literaturchef Marcel Reich-Ranicki, der zur Abendstunde am See von dem Bericht erstattenden taz-Redakteur Mathias Bröckers schreiend komisch nachgeäfft wurde. Ich erinnere mich an die austriakischen Finsterlinge Humbert Fink und Gertrud Fussenegger, an namhafte Juroren wie den Schriftsteller Manès Sperber, an den krawattentragenden Spiegel-Kritikaster Hellmuth Karasek, den vornehmen Literaturgelehrten Peter Demetz, an die Gens de lettres Volker Hage, Thomas Hettche, Iris Radisch, Elisabeth Bronfen, Burkhard Spinnen, Hubert Winkels.

Seit fast einem Halbjahrhundert haben uns die »Tage der deutschsprachigen Literatur in Kärnten« einiges zu bieten. Genau genommen leitete die Veranstaltung im südlichsten ORF-Zentrum des Landes die feierliche Vermählung von Literaturbetrieb und Fernsehen ein, – Erwachsenentaufe in Geplätscher der Wörtherseewellen inklusive.

Seit damals, 1977, gilt poëtische Kulturware, die nicht televisionär an ein breiteres Publikum vermittelt wird, am Buchmarkt als unverkäuflich, das heisst als nichtexistent. Warum es in der medienhistorischen Ehe von Wort und Live-Bildereignis dann fünf Jahrzehnte lang Schritt für Schritt nach unten ging, hat verschiedene, einander überlagernde Ursachen, von denen ich hier nur drei anreissen will.

1. Der IBP ist durch den medienhistorischen Wandel in eine Schieflage geraten.

Zunächst wurde die Literaturproduktion im Bewerb nach der Logik der TV-Maschine kolonialisiert. Bald verlangte man von den Autor·innen nicht nur einen guten Text, sondern vor allem persönliche Inszenierungskompetenz. Schon in den 1980er-Jahren verschob sich das Geschehen vom Fachseminar mit Publikum auf kalkulierte Theatralisierung. Ich erinnere mich an die Ejakulation homophiler Morbidität durch den Kärntner Bergbauernsohn Josef Winkler, eine barocke Suada, eine lachende Ungläubigkeit … an das aus einer präzisen Medienanalyse hervorgegangene Showbluten des Rainald Goetz. Ich erinnere mich an den ersten grossen Auftritt auf der literarischen Bühne von Sten Nadolny (›Entdeckung der Langsamkeit‹), – der Deutsche teilte hernach den errungenen Preis revolutionär unter seinen Mitbewerbern auf –, und ich habe auch die grandiose Performance von Substantivverkettungen des oberösterreichischen Multitalents Anselm Glück nie vergessen.

Zehn Jahre nach dem Start, 1987, reduzierte Jury-Reformer E.A. Rauter die Gerichtshof-Atmosphäre der Veranstaltung, und die aufmüpfige Jurorin Sigrid Löffler wollte die Live-Übertragung der Beratungen damals überhaupt beendet sehen. Daraus wurde natürlich nichts. Dem Autor Urs Allemann gelang es im selben Jahr, seine Mitbewerber dazu zu bewegen, »angesichts der Vergangenheit von [Bundespräsident] Kurt Waldheim« auf das Preisgeld zu verzichten und den Betrag an das Jüdische Dokumentationszentrum in Wien auszuzahlen (was die IBP-Veranstalter hartnäckig verweigerten).

Je mehr Unvorstellbares es in der Literatur gibt, desto grösser ihre Aussicht auf Dauer / Foto: Heinz W. Schmid

Heute ist die Öffentlichkeit, in der solche politischen Symbolakte stattfinden könnten, eine einzige melancholische Ruine. Der ORF stellt die Livestreams der Lesungen und Diskussionen nicht einmal in der eigenen Mediathek zur Verfügung. Um sie zu sehen, zu studieren, um sich damit zu unterhalten, muss das literaturinteressierte Publikum auf 3sat herumsuchen oder Files eines dilettantisch gestalteten Internetspace ansteuern. Die Entscheidungsrunde der IBP-Jury, in der das Siegervotum von jedem einzelnen Mitglied am letzten Tag mündlich gegründet werden muss, ist in einem völlig verlorenen Winkel der virtuellen Realität archiviert.

Der Bewerb ist heute nicht nur ein mediales Desaster. Haben sich in den ersten Jahrzehnten die teilnehmenden Damen und Herren gegen das inszenierte Kunstprodukt von Autorenportraits gewehrt, beugen sich heute alle Versammelten vor werbekundigen Promotionvideos wie die ESC-Musiker vor dem Fluch der Tourismuskampagnen. 

Ja, schlimmer noch, Autor·innen, Jury und Autorium nehmen es als vollkommen selbstverständlich hin, dass während Lesung und Diskussion wie in Talk-Shows nervige Bewegtbilder an den Wänden gezeigt werden. Das schöpferische Wort, das unerbittlich Stille und geistige Konzentration verlangt, wird in Klagenfurt-Celovec wie dekantierte Galle in einem telegenen Ritual gedemütigt.

Der wahre Wortkünstler schreibt nicht, um gelesen zu werden / Foto: Heinz W. Schmid

Nach den Lesungen das nächste Ärgernis. Der Moderator plaudert ein fragwürdiges Resummée in die Kamera. Im Stil eines Redaktionsaspiranten wiederholt er ein paar griffige Sätze, die gerade gefallen sind, und gibt das ernsthaft als Zusammenfassung der Sitzung aus. Dass wir Zuschauer·innen dabei für noch dümmer gehalten werden, als wir sind, kommt dem »Kultur«-Fernsehen gar nicht mehr in den Sinn.

Seit 1981 dürfen die Lesenden am Ende zur Diskussion ihres Textes zu ihrer Beurteilung Stellung nehmen. Schon 1987 nahmen sie wieder Abstand davon und zeigten sich – mit wenigen Ausnahmen – unterwürfig und höflich wie Ministranten bei der Fronleichnamsprozession. Seither hat die Literatur unter den begrenzen Gesichtspunkten ihrer Selbst-Mediatisierung wieder eine grosse Schläfrigkeit erfasst. Die Zeichen des Spiels, das diese Kunst einmal war … verwischt, hinausgekrochen aus dem Studio. Die Unterhaltungsregie der Gesten und Gebärden allein bestimmt nun die Eindrücke des Geschehens.

Aus diesem Grund sitzen bei den »Tagen der deutschsprachigen Literatur« schon lange keine Meinungsmacher, Talentsucherinnen, Lektoren mehr beisammen. Das ORF-Studio ist keine unbeschwerte und günstige Gelegenheit für junge Schreibende mehr, ins Scheinwerferlicht der Literatur zu treten. Die Begutachtung der Feinstruktur von Texten wich dem Vermittlungsgeplauder von warenförmigen Identitäten, in den Lesungspausen weitergeführt von der Garten-Moderatorin Cecile Schortmann.

2. Der IBP verfügt über keine den Telehorizont überschreitenden Persönlichkeiten in der Jury.

Das Personal-Dilemma des Bewerbs, der einst das Grossfeuilleton der deutschsprachigen Intelligenzpresse an einem Tisch und anschliessend auf Holzpritschen im Seebad vereint hat, wird in dem einen Wort deutlich sichtbar, welches Berichterstattende heute am häufigsten verwenden: »Wettlesen«. Wettlesen! Könnte dieses hässliche Wort denn eine solche sprachliche Karriere machen, wenn die Autorität der Preisrichter·innen und die Souveränität der Lesenden von Dritten respektiert würden?

Nur das zählt, was du als Notwendigkeit aus innerem Bedürfnis textest / Foto: Heinz W. Schmid

Nein, das könnte es nicht. Zeigen Sie mir ein Leichtathletik-Sprint oder ein Marathon-Rennen, das von einem Sportreporter »Wettlaufen« genannt wird! Zeigen Sie mir einen einzigen Jahrgang des Prix de Lausanne, Nachwuchsbörse der Talente in der Ballettwelt, der von irgendwem »Wetttanzen« genannt wurde! Unmöglich! Die Muse im Hase-versus-Igel-Format – eine solche Respektlosigkeit kennt nur der deutschsprachige Literaturbetrieb.

Im Jahr 1997 schrumpfte die Jury des IBP-Bewerbs von zehn beziehungsweise elf auf sieben Mitglieder. 2025 konnten nur mehr drei von ihnen – nämlich Philipp Tingler, Mara Delius und Thomas Strässle – einigermassen an das Niveau der Kritikerleistungen ihrer Vorgängergenerationen anschliessen. Von den Wortmeldungen Brigitte Schwens-Harrant gelang es mir nur jede dritte als konstruktiv zu werten.

»Unpassende« und irritierende Erscheinungen wurden als irrelevant ausgesondert und aus dem Beobachtungsbereich ausgeblendet oder aber in eine Beweisführung überführt, die den Denkstil des Gremiums nicht infrage stellte. Die Jurydiskussion verfügte, wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr, über Akkommodierungs- und Abwehrmechanismen, mit denen sie jede Gefährdung ihres Paradigmas neutralisierte.

Die folgenschwerste Änderung im Regime des Bewerbs war es sicher, den Preisrichtern die Texte aller Kandidaten und Kandidatinnen vorab zugänglich zu machen. Im 49. Jahr berichteten diese nun ganz ungeniert von ihren Eindrücken bei der Erst-, Zweit- oder Drittlektüre der Texte; das Gremium lobte Stimm- und Tonlagen der Lesenden; und es scheute sich trotzdem keinen Moment lang als Höchstes der Gefühle ein wirkliches Überraschungsmoment vor der Kamera einzufordern.

Jury-Vorsitzender Klaus Kastberger, ein Steirer, der mit elementarem Trieb durch die Papierwelt schritt und popige T-Shirts trug, um Jugendlichkeit zu suggerieren, verstand unter der Klagenfurter Textwerkstatt a) das wortreiche Inbeziehung-Setzen der Vorlage zu seinem literaturhistorischem Vorwissen, b) die Einordnung der Beiträge in die jeweilige Regionalliteratur und c) provokant hervorgesprudelte Geschmacksurteile. Der hemdsärmelige Literaturfunktionär entblödete sich nicht einmal, den dumpfen Kriegsprogagandasatz »Putin ist ein Verbrecher, der hunderttausende Menschen am Gewissen hat« in die Runde zu brüllen und damit am zweiten Tag des Bewerbs, nachdem er alles Pathos, das er aufzubringen vermochte, bei der Bekämpfung der für den Nachwuchs so gefährlichen Kritiker-Aversion verbraucht hatte, die ganze Veranstaltung zu seinem Wohnzimmer zu machen.

Wer hat denn noch ein physisches Bedürfnis nach Wolken? / Foto: Heinz W. Schmid

Kastbergers Ausfall ist mit Worten aus dem Epilog zu der Tragödie ›Die letzten Tage der Menschheit‹ (1917) von Karl Kraus hinreichend kommentiert: »Niemand wird je darüber zuverlässig aussagen, welches Gefühl in der Seele des sterbenden Soldaten mehr Raum hat: das des Grolls gegen die gotteslästerliche Macht, die den Menschen aus dem Glück der Sonne und der Liebe reisst, oder das des Danks an den Kaiser, der noch nie für das Vaterland gestorben ist, sondern zumeist an Altersschwäche und manchmal so spät, dass man erst durch sein Ableben von seinem Dasein Kenntnis erhielt.«

3. Die Trefferquote des IBP lag im Jahr 2025 niedriger als bei jeder Lotterie.

Bei sechs Auszeichnungen für 14 Autor·innen, eine davon durch das Publikum, sollte eigentlich nichts schief gehen. Man sollte meinen: Bei diesem Verhältnis kann man doch gleich eine Lotterie veranstalten. Aber dem war nicht so. Die beachtlichen Leistungen von Thomas Bissingers, Nefeli Kavouras und Josefine Rieks gingen bei der Prämierung komplett leer aus.

Die Bambergerin Kavouras, Mitglied im Team des mairisch Verlags, schilderte in leicht zugänglicher Sprache das zeitgenössische Sterben eines Vaters in seiner dreiköpfigen Familie. Die Jury erkannte weder die Brisanz des Themas: nämlich der Abschiedlichkeit als einer ständigen Variante des Selbstseins auf die Spur zu kommen (Burkhard Liebsch), noch würdigte sie das Charisma einer betont einfachen Sprache, die heute von jedem Menschen verstanden werden kann.

Bei einem Besuch der Tochter im Haus ihres Freundes nimmt Kavouras‘ Geschichte geradezu Robert-Altman’sche Qualitäten an. »Das ist doch auch irgendwie ungerecht«, heisst es da, »wie die hier sitzen und ein gutes Leben führen. Es ist sogar noch ungerechter, dass sie so nett sind und mich zu sich einladen und dass Max‘ Mutter immer nach meiner Mutter fragt. Meine Mutter würde gar nicht auf die Idee kommen, nach Max‘ Mutter zu fragen.«

Josefine Rieks, Autorin der Jetztzeit-Satire ›Dinner, Freitagabend‹ wurde im Promotionvideo wie für das ORF-Erfolgsformat ›Liebesg’schichten und Heiratssachen‹ vorgeführt. Das mochte ironisch gemeint sein; nichts jedoch wird durch den literarischen Kontext von alleine ironisch. An Rieks Text blieb die Darstellung generalisierter Konditionierung junger Erwachsener von Philipp Tingler nicht unbemerkt, doch die Verhexung des Lebens durch formalisierte Sprachbausteine der Selbstoptimierung und des urbanen Konsumismus prallte am UV-Strahlenschutz der übrigen Preisrichter·innen ab wie reizendes Sonnenlicht.

Der Zweifel taucht die Autorin in einen Zustand der Trunkenheit / Foto: Heinz W. Schmid

Der Siegertext der Multimedia-Performerin Natascha Gangl wenigstens steht zu recht am Podest, auch wenn seine mit Lob überschütteten formalen Mittel – getreppte Sätze, Weissraum-Orgien, Palindrom und Anagramm – seit Jahrhunderten zur Praxis lyrischer Prosa gehören. Mit der Behauptung, dass der Text ›DA STA‹ dem sträflich unbeachteten Dialekt endlich die verdiente Aufmerksamkeit schenke, ist es ebenfalls nicht weit her. Zur Erinnerung: Im letzten Winter hat der Suhrkamp Verlag mit eintausend Rezensionsexemplaren den Kärnten-Roman ›Wo der spitzeste Zahl der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht‹ von Julia Jost in die Bestseller-Listen gebomt.

Gangl versuchte genau wie Jost in ihrem Fremdenverkehrs-Transgender-Partisanen-Epos aus dem lokalen Idiom Funken für ihre Soundcollage zu schlagen. Das allgemeine erwachte Interesse an Dialekten ist im Augenblick ihres Verschwindens überhaupt nicht neu, und, eben weil es ein Abgesang ist, eigentlich auch kein Grund zur Freude.

Dass der Siegertext 2025 nicht ohne politische Erinnerungsarbeit, konkret: nicht ohne die Erinnerung an eine Massenhinrichtung von jüdischen Gefangenen am Ende des Zweiten Weltkriegs auskommt, dass er ohne der Anspielung auf der »Erbe rechtsextremes Gedankengut in Österreich« nicht funktioniert, weist ihn motivisch als Konfektionsware aus. Gangls Ich-Erzählerin spürt achtzig Jahre zurück liegenden Kriegsgreuel in der Kunstkopfatmosphäre bioakustisch nach. Die imaginierte Person registriert dabei selbst feine Luftbewegungen wie das Blätterrauschen im Wald.

Dieser morphologische Ansatz subjektiver Spurensuche in der Gewaltgeschichte riskiert im Grund genommen nichts. Sprachlich ist der Text souverän gestaltet, keine Frage! Jedoch im Vergleich zu Bissingers Romankapitel, das uns in das angstvolle Bewusstsein einer Jüdin während des lebensgefährlichen Gestapo-Verhörs versetzt, völlig risikolos.

›DA STA‹ ist ein Siegertext, poliert mit demselben Grenzland-Flair, das bereits vor 14 Jahren Maja Haderlap den Weihepokal des eingebildeten Widerstands eingetragen hat. Empathiearm die Agonie der Toten beschwörend, eine Geisterstimme, schmerzvoll sich nicht anerkannter Erinnerungen bedienend, letztlich wenig mehr erzählend als das Rauschen des übertretenden Baches.

© Wolfgang Koch 2025

Fotos: Heinz W. Schmid

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/07/01/internationaler-bachmannpreis-3x-auf-den-hund-gekommen/feed/ 0
Erster Protest gegen Deutschlands Wiederaufrüstung in Österreich https://blogs.taz.de/wienblog/2025/06/25/erster-protest-gegen-deutschlands-wiederaufruestung-in-oesterreich/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/06/25/erster-protest-gegen-deutschlands-wiederaufruestung-in-oesterreich/#respond Wed, 25 Jun 2025 05:19:22 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4438 Kriegswarner sind heute in einer blamablen Lage. Der Count-down zur Apokalypse läuft! Doch der Unterhaltungswert plumper Politikersprüche und die Faszination kalibrierter Luftschläge in der Ukraine, in Russland, Israel, Iran, Palästina, Libanon, Syrien, Jemen und Sudan lassen uns den Tod der anderen täglich lustvoll am Bildschirm erleben. Das Staunen über Bilder von spektakuläre Zerstörungen und verwüsteten Krankenhäuser will in der trägen Masse des Westens kein Ende nehmen.

Allein das kleine Österreich gleicht Aremorica, dem von befestigten Römerlagern umgebenen »Dorf der Unbeugsamen« in Gallien, – und tatsächlich haben dort am letzten Wochenende Rüstungsgegner, Pazifistinnen und Antimilitaristen ein lautstarkes Lebenszeichen von sich gegeben.

Getarnte illegale Rüstungsproduktion

Die Plattform »Stimmen für Neutralität, Frieden und Soziale Gerechtigkeit« rief erfolgreich zu einer Demonstration vor den Toren der Firma Rheinmetall in Wien-Liesing. An dieser Produktionsstätte des deutschen Konzerns, der in den letzten Monaten Bestellungen von 55 Milliarden Euro lukrieren konnte, werden Militär-LKW für die Bundeswehr gebaut und an Nato-Staaten ausgeliefert. Viele davon dürften letztlich an den Fronten des Ukrainekriegs landen.

„Wir kehren der Aufrüstung den Rücken“ / BergWolf.Photography

Die herrschende Meinung, dass in Europa wieder Krieg geführt werden muss, zersetzt den Glauben an die bisherige Sicherheit. So wenig irgendjemand wünschen kann, das Kriegsgeschehen in Europa, im Nahen und im Mittleren Osten und in Afrika solle auf weitere Gebiete ausgedehnt werden, so wenig kann gefordert werden, die Europäische Union müsse, um eine globale Miltärmacht zu werden, freiwillig Krieg auf sich ziehen. Eine Moral, die darauf hinausläuft, den Krieg für sich zu wollen, gibt es nicht!

„Wir wachsen durch die Zeiten“ / BergWolf.Photopgraphy

Rheinmetall Military Vehicles ist ein Joint Venture von Rheinmetall und MAN Truck & Bus. Am Werkgelände in Liesing sind militärische HX-Nutzfahrzeuge mit und ohne deutschem Hoheitszeichen zu sehen. Die robusten Geländefahrzeuge eignen sich als Systemträger für verschieden Aufbauvarianten von Geschützen. Sie werden an anderen Produktionstätten endgefertigt, umlackiert, bewaffnet und über verschlungene Pfade in Kriegsgebiete geliefert. Unsere Regierungen schauen bei der Ausbreitung der Gewalt nicht untätig zu, sondern finanzieren sie mit einer fatalen Schuldenökonomie.

Wir tragen die Folgen

Die Sache ist dringend: 143 Milliarden neue Schulden will der Bund in Deutschland heuer unter dem sozialdemokratischen Bundesfinanzminister Lars Klingbeil machen. Der sogenannte Verteidigungshaushalt, der nicht der Verteidigung, sondern der Konflikteskalation dient, soll bis 2026 von 62,4 Milliarden Euro auf 152,8 Milliarden Euro zulegen.

Der deutsche Militarismus ist nur eine intersivere und daher groteskere Form des unionseuropäischen Militarismus. Was man im 20. Jahrhundert »strenges Pflichtbewusstsein« nannte, und die Deutschen allen anderen voraus hatten, ist heute mit »Opportunismus« und »Konformismus« hinreichend umschrieben.

Propaganda der Herrgottskutscher / BergWolf.Photopgraphy

Noch immer lässt sich kaum einem Deutschen der Ausdruck satanisch gemütlicher Impertinenz zumuten, den Richard Egon Palme in seinem Etappe-Roman ›A.O.K.‹ einem österrreichischen Reserveleutnant in den Mund legt: »Ich habe nicht die Absicht, mich mit zwanzig Jahren um den Heldentod zu bewerben«.

Rund 300 Menschen aus ganz Österreich protestierten vor dem Werkgelände in Liesing dagegen, dass der neutrale Kleinstaat Militärgüter in Krisengebiete liefert und Parlament und Regierung Nato-Transporte das souveräne Staatsgebiet durchfahren lässen. Die Demonstration riefen die Beschäftigten bei Rheinmetall auf, Druck auf die Unternehmensleitung auszuüben, um in der Brunnerstrasse 44-50 und an den anderen Produktionstätten lieber zivile LKW und Autobusse zu bauen.

Die ehemalige Bundesprecherin Grünen, Madeleine Petrovic, kritisierte den offenen Bruch des österreichischen Neutralitätsgesetzes. Sie und weitere Redner erklärten sich zu den »wahren Verfassungsschützern« der Gegenwart. Dass in der Demonstration auffällig wenig Jugend zu sehen war, sei kein Wunder. Alle vor der Jahrtausendwende geborenen und aufgewachsenen Personen, heute die Angehörigen der älteren Generation, haben noch etwas von der Realität des Zweiten Weltkriegs gesehen, erinnerte Petrovic. Man sah bis in die 1980er-Jahre noch Invaliden auf der Strasse, wusste um Opfer und Tote in der Verwandtschaft.

Madeleine Petrovic, Grünes Urgestein / BergWolf.Photopgraphy

Dieser Realismus sei bei der jüngeren Generation heute leider nicht mehr vorhanden. Die Jugend, so Petrovic, finde medial vermittelte Drohnen- und Raketenangriffe nicht mehr überzeugend, spüre nicht die reale Lebengefahr, die von einem Krieg ausgeht. Das bürde der älteren Generation heute eine enorme Verantwortung auf.

Zum Vergleich: Bundespräsident Alexander Van der Bellen, vor dreissig Jahren Mitstreiter von Petrovic in der oppositionellen Grünen-Fraktion und heute Oberbefehlshaber des österreichischen Bundesheeres, stieg als kritischer Gutachter österreichischer Rüstungsexporte in den Politikbetrieb ein und kann heute mit einseitiger Parteinahme im Ukrainekrieg den Mund gar nicht mehr voll genug kriegen.

Grundsatz „Train as you fight“ / BergWolf.Photography

Nicht von ungefähr wurden von den Redner·innen der Demonstration exorbitante Kosten für Rüstung inklusive Sky Shield angeführt. Wenn wir einer lebenswerten Zukunft interessiert sind, müssen wir die Täuschungsmanöver, mit denen militärische Konflikte angeheizt werden, durchschauen und uns der politischen Logik der »Sicherheit durch mehr Waffen« entgegenstellen. Das wichtigste Mittel ist und bleibt die öffentliche Delegitimierung der Gewalt – und das setzt voraus, dass diese Gewalt überhaupt erst einmal sichtbar wird.

„Wir verteidigen uns vor der Vernichtung“ / BergWolf.Photography

Bei nächsten Mal, versicherten mir Demonstrierende, kommen wir nicht nur mit Trommeln und Transparenten. Beim nächsten Mal fliegen prall gefüllte Blutbeutel gegen die monströsen Imageplakate »Protecting Freedom« und »Mission success« der Rheinmetall in Liesing.

© Wolfgang Koch 2025

Fotos: http://www.bergwolf.photography/

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/06/25/erster-protest-gegen-deutschlands-wiederaufruestung-in-oesterreich/feed/ 0
Zeitlose Bilder aus Körpern, Mythen und Sonnenlicht https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/28/zeitlose-bilder-aus-koerpern-mythen-und-sonnenlicht/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/28/zeitlose-bilder-aus-koerpern-mythen-und-sonnenlicht/#respond Wed, 28 May 2025 13:51:02 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4411 Das erste Drama unserer Zeit ist der Krieg: Ukraine, Gaza, Äthiopien, Myanmar, usw. Das zweite Drama, dass Kunst und Kultur nicht mehr Teil des öffentlichen Gesprächs sind, und zwar schon eine ganze Weile. Selbst die aufklärerischen Positionen beugen sich heute im Meinungsklima einem tiefen Verlangen nach Einmütigkeit.

Wenn wir aber aufhören, den Zugang zu Kultur und künstlerischer Vielfalt zu entwickeln, schaden wir unserer Bereitschaft für sensible Veränderungen der eigenen Person. Wir fördern den Rückzug auf uns selbst, die Infantilisierung durch Aufmerksamkeit saugende Kommunikationstechniken und sogar den Hass auf den anderen.

Allein die Kunst bleibt der Menschheit die gebotene Anpassung an Sprechweisen und Relevanzbehauptungen schuldig, allein die Kunst zeigt sich in ihrem besten Werken bereit, als verstockt zu gelten, als etwas, das sich weigert, den ausgetretenen Weg kollektiver Sichtweisen mitzugehen.

Hermann Nitsch, Orgien Mysterien Theater, Prozession am dritten Tag / Foto: Feyerl 2023

Wer sein Mobiltelefon nicht aus der Hand legen kann, ist beim Orgien Mysterien Theater von Herrmann Nitsch »falsch angesiedelt«, warnt Co-Regisseur Frank Gassner vor Beginn der Proben zum Finale des zweiten Sechstagespiels am Pfingstwochenende im österreichischen Prinzendorf. Das ist eine unmissverständliche Absage an jene anspruchslose Idee der Gemeinschaft, die uns nur mehr als durch Gefahren, Risiken und Bedrohungen Gebundene sehen will und die erwartet, das wir diese Bindung an Gewalt-, Kastrophen- und Krankheitserwartung angstzitternd bestätigen.

Ernstes, mönchisches Wollen

Worum geht es im grössten Aktionstheater Europas, das die Witwe des Künstlers, Rita Nitsch, zum Grossteil aus dem Nachlass des Künstlers finanziert? Es geht nicht um Imaginiertes, nicht um Fiktionen, sondern um das der Sprache und dem Alltag unzugänglich Wirkliche, das sich in kaum spürbaren und doch elementarem dialogischen Verhältnissen ereignet. Es geht um Ehrfurcht vor einem Kastanienblatt … um wollustschreiende Liebe … um den Himmel, schwarz wie eine Bronzeschale … um bespritzte weisse Wände … den Lärm von Posaunen … das Geschrei des Chores.

Diese Kunst von Hermann Nitsch klebt uns den Anblick von nacktem Fleisch, von rinnenden Farbspuren und zermantschten Trauben auf die Schädelwand. Das Zusammentreffen atomarer Sinneseindrücke soll stetig brennen in einem Jetzt, das keine Zwischenräume mehr kennt.

Hermann Nitsch, Orgien Mysterien Theater, Musikalischer Gesamtleiter Andrea Cusumano/ Foto: Eliza Partenzi 2023

Es war ein heiliges, ernstes, mönchisches Wollen, in dem der vor drei Jahren verstorbene Theaterrevolutionär Hermann Nitsch schwelgte. Wie ein verzückter Klang- und Bilderforscher versuchte er die Existenz des Menschen in seinen als elementar begriffenen Dimensionen in ein Aktionstheater zu fassen.

500 erwachsene Gäste werden im Barockschloss Prinzendorf erwartet, um mit rund 300 Mitwirkenden die Erscheinungsformen von Realität nach den peniblen Aufzeichnungen der Partitur für aktionistisches, akustisches und gastronomisches Geschehen zu erkunden. Nitsch griff im Entwurf für das Sechstagespiel auf Archaiisches und Antikes zurück, auf den griechischen Dionysos- und auf den römischen Mithraskult. Wie seine enorme Wertschätzung gestischen Ausagierens auf der Leinwand entsprangt diese Zitierlust einer Haltung, die der chronischen Lebensangst ein interpretationsloses Erinnern gegenüberstellt.

info

Jeden Donnerstag starke Gedanken für dich und den Planeten – kostenlos in deinem Postfach.

Hermann Nitsch war nicht der einzige seiner Generation auf dem Pfad der Existenzerkundung – auch so unterschiedliche Künstlernaturen wie Renate Bertelmann, Valentin Oman und Walter Pichler ging es um unzugänglich Wirkliches. Oder, auf internationaler Ebene, seinen Zeitgenoss·innen Pierre Molinier, Agnes Martin und Josef Beuys. Der Punkt ist: Keiner der Genannten hat die literarische Form als Methode so weit in Richtung sich selbst organisierender Erregungsmuster und eines in kompakte Formen gefassten Schweigens überschritten wie Hermann Nitsch.

Konkrete Gegenständlichkeit

Für Nitsch war das Bild weder Ikonoklasmus noch Vermittlung. Er liebte Bilder und Klänge, die mit uns identisch sind und zugleich absolut anders als wir. Das Bild ist umsomehr ein Nitsch-Bild, je mehr Bild es ist, das heisst Aktivität von dem, was wir sind. Der regungslose Mondenschein … das befleckte Leinen … der ausgeweidete Tierkörper … das glänzende Operationsbesteck auf dem Tisch – für Nitsch war das Bild als Tragödie ein entweihtes, profanes Geheimnis. Es ist als Selbstbekundung der Aktualität unzerstörbar.

Hermann Nitsch, Orgien Mysterien Theater / Foto: Elisa Partenzi 2023

»Waschküchenluft«, »verblassende Sterne«, »in Alkohol gewaschene Haare«, »nierenrote Rosen« – das ist die konkrete Gegenständlichkeit des Orgien Mysterien Theaters. Sie bricht mit der Logik des auf Pointen hinauslaufenden Erzählens, sie bricht mit der Logik der »Bildunterhaltung«, sie sucht unmittelbares Erleben, ohne auf die Distanz zur objektiven Welt achten.

Das betrifft auch die Schattenseiten des Lebens. In einem Begleittext zu seiner Arbeit schrieb der Künstler 1998: »Grausamkeit ist nie Selbstzweck, sondern wird stets mit dem Ziel ihrer Überwindung, als Psychoanalyse, eingesetzt: Die Inszenierung intensiven Lebens führt zu einem Fest der Sinne, wobei der Exzess in streng ästhetische Ritualisierung gebannt und gebändigt wird. Destruktion wird durch die Form neutralisiert.«

Hermann Nitsch war im besten Sinn eigensinnig und hatte ein Talent dafür, Dinge, die ihm unwesentlich erschienen, zu ignorieren. Sein ganzes Schaffen war eine Art Hingabe an die Idee der Freiheit. Er war sehr begeistert von dem, was er tat, und konnte sich endlos darin verlieren.

Hermann Nitsch, Orgien Mysterien Theater, Tag des Dionysus / Foto: Elisa Partenzi 2023

Das Orgien Mysterien Theater zeigt uns, wie es ist, wenn Dinge gut gemacht sind. Es erinnert an die bis heute nicht im mindesten verblassten Geniestreiche Richard Wagners, an die Strenge Kasimir Malewitschs und an die Vernarrheit von Cy Twombly in die griechische Sagen. Jedoch immer auf eigenen Füssen und aus eigener Kraft. Ned irgendwiee, wienerisch beiläufig, sondern ebenso schön wie ›Der Ring des Nibelungen‹ (1848/74), ebenso intelligent wie ›Schwarzes Quadrat‹ (1913/15) und auf gleicher Höhe wie die überdimensionen Bildkompositionen des italienvernarrten Amerikaners.

Schloss Prinzendorf, Pfingsten 2025, das heisst: Klangsstrukturen, die in einen Augenblicks-Himmel wachsen. Das heisst: »tiefes Glück der Auferstehung in die Wirklichkeit unserer Existenz« (Seite 723). Das heisst: vor einem halben Jahrhundert entworfenen Szenen, wie eben erst erfunden. Auf Seite 627 des zwölften und letzten Bands seiner Partituren definierte der kolossal arbeitsame Neuerer Nitsch das OM Spiel als »Bewusstwerdungsprozess« und die eigentliche Handlung als »eine Gegensatzauflösung«.

Kunst heisst für den Musiker Brian Eno Gefühle erforschen, ohne »unausweichliche Konsequenzen« zu erzeugen. Das ist wunderbar gesagt! Man müsste bei Hermann Nitsch noch Gedanken und Empfindungen hinzufügen. Es ist vielleicht eine altmodische Vorstellung, dass die Kunst uns mit bestimmten wertvollen Energien und Ideen in Berührung bringt, aber sie scheint nicht verschwunden zu sein.

Machen Sie sich eine Sternstunde. Reisen Sie nach Prinzendorf.

© Wolfgang Koch 2025

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/28/zeitlose-bilder-aus-koerpern-mythen-und-sonnenlicht/feed/ 0
»Würde man das Sechstagespiel perfekt einstudieren, wäre es tot« https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/27/wuerde-man-das-sechstagespiel-perfekt-einstudieren-waere-es-tot/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/27/wuerde-man-das-sechstagespiel-perfekt-einstudieren-waere-es-tot/#respond Tue, 27 May 2025 09:28:01 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4376 Der Wiener Künstler, Kunstpädagoge und Non-Profit-Aktivist Frank Gassner ist seit 27 Jahren an den Aktionsspielen des Orgien Mysterien Theaters in vielfältiger Form beteiligt. Er hat Hermann Nitsch, den Schöpfer des spektakulären Gesamtkunstwerks, kurz vor dessen Eintritt in das Krankenhaus im Jänner 2022 das letzte Mal gesehen. Sie besprachen damals, was nun vollendet wird.

In Film- und Fotodokumentationen ist zu sehen, dass das Stamm-Team der Mitwirkenden gemeinsam mit dem Orgien Mysterien Theater altert. Das einstige Ideal des griechischen Körpers scheint auf den Tragen, am Kreuz und beim sogenannten Ballett auf der schrägen Ebene schon vergessen.

GASSNER: Der Grossteil der Akteure ist heute über vierzig Jahre alt, und das ist auch der Grund, warum es das Orgien Mysterien Theater in der Originalbesetzung bald nicht mehr geben wird. Nitsch hatte zwar ein androgynes Körperideal, der Rippenbogen und die Atmung sollten gut zu sichtbar sein, aber im Aktionsvollzug hatte er auch mit Abweichungen kein Problem. Er hat sogar einmal, vielleicht aufgrund seiner eigenen Physiognomie, den Wunsch geäussert, eine Aktion ausschliesslich mit wohlbeleibten Menschen zu machen. Schwierigkeiten hatte er nur mit Bärten und Tattoos.

Was ist die härteste Herausforderung für die Regie?

GASSNER: Mit der Hälfte der siebzig Akteure proben wir nur drei Tage lang. Das ist sehr knapp. Bei den Proben unterscheiden wir zwischen der Regie, die in der Aktion nicht mehr zu sehen ist, und der Spielleitung, die Leo Kopp und ich quasi als Zeremonienmeister im Spielvollzug übernehmen. Um ohne Partitur dazustehen, müsste man wirklich zwei Monate lang proben.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater / Foto: Christian Schramm 2022

Die Einsätze der Orchester werden von Unter- und Hauptdirigenten unauffällig per Handzeichen koordiniert. Warum gelingt das der Aktionsregie nicht?

GASSNER: Dazu ist unser Aktionsablauf immer noch zu komplex, obwohl der visuelle Aspekt gegenüber dem auditiven deutlich abgenommen hat. Der Spielraum, um die Elemente Klang, Bild, Geruch, Geschmack, usw. aufeinander abzustimmen, ist relativ gross.

War es nicht ein Hauptmotiv des ganzen Wiener Aktionismus, die synästhetische Erfahrung gegenüber der Netzhautseeligkeit der bildenden Kunst aufzuwerten?

GASSNER: Das ist richtig. Hermann Nitsch war auch schon alt und wohl auch müde, als er die letzte Partitur schrieb. In meiner Aufgabe verstehe ich mich als Handwerker, der sein Theater werktreu umsetzt. Nitsch legte grossen Wert darauf, und das halte ich für wirklich wichtig, dass sein Theater von Dilettanten, also Liebhabern, realisiert wird. Er nannte sich selbst einen »Musikdilettanten«. Würden professionelle Schauspieler sein Spiel ausführen, würde das eine sehr komische, eine total cleane Sache werden.

»Wenn das Ganze wie ein Ballettabend

ablaufen soll, wird es eine blutleere Sache«

Aber die Akteure wären disziplinierter. Sie würden nicht im unpassenden Moment lachen, was schlecht zur Tragödie passt, aber immer wieder vorkommt.

GASSNER: Mit Profis würde einfach kein reales Ereignis stattfinden. In der Partitur ›Die Eroberung von Jerusalem‹ sind die unterirdischen Architekturanlagen nicht als Lebensraum angelegt, sondern damit dort Aktionen stattfinden. Es hat also einen guten Grund, warum das OM Theater »Spiel« heisst. Es steht im Zauberkreis des Spiels ausserhalb des Alltags. Genau das hat man Hermann Nitsch ja auch zum Vorwurf gemacht: dass er in das tatsächliche Leben der Leute eingreifen will. Wir erkennen heute, dass er diesen Anspruch mit dem Wiener Aktionismus teilt, und der ist leider auch bei der AAO-Kommune von Otto Muehl gelandet.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, 3. Tag des zweiten Sechstagespiels, „Tag des Dionysus“ / Foto: Elisa Partenzi 2023

Wie passt der Eingriff in das reale Leben zu Nitschs Mitwirken an Operninszenierungen?

GASSNER: Ich war drei Mal als Assistent in Opernhäusern mit dabei. Wir standen dort der zwingenden Mechanik eines riesigen Theaterapparats gegenüber. Da kann man nicht einfach etwas machen, da müssen Dinge erst »in die Wege geleitet« werden, da müssen Listen abgearbeitet werden. In der konventionellen Struktur der Theaterhäuser hat man immer alles so und so gemacht, und will es jetzt wieder genauso so und nicht anders machen. Schon allein das Schütten von Flüssigkeiten auf der Bühne war ganz schwierig. Das Schütten macht Lärm, es plätschert, es stört die Musik. Bei Nitsch-Aktionen liegt der Reiz aber immer in der Frage, ob die Idee zu einer Form jetzt wirklich funktioniert. Wenn das Ganze mit strikten Zeitvorgaben wie an einem Ballettabend ablaufen soll, wird es eine blutleere Sache.

Sie plädieren also für einen strengen Realismus?

GASSNER: Wir sehen, dass einem Nackten wirklich kalt ist, einem anderen graust wirklich vor den Gedärmen. Soll denn ein Schauspieler so tun, als wäre ihm kalt? Soll einer tun, als ob es ihn graust? – Würde man das Sechstagespiel perfekt einstudieren, wäre es tot.

»Es sehe es als meine Aufgabe,

das OM Theater noch einmal

werktreu aufzuführen«

Nitsch wusste, dass Sigmund Freud die Vorstellung von Abreaktionshandlungen abgelehnt, weil er die Gefahr der Wiederholung von Neurosen hoch einschätzte. Nach der Theorie des OM Theaters soll die Neutralität des Spiels eine Absicherung gegen diese Gefahr gewährleisten. In der bewusst gemachte Form entkommen wir dem Wiederholungszwang. Mir stellt sich darum die Frage: Wieviel Zufall ist denn in dem Ablauf eingeplant?

GASSNER: Mehr als auf jeder Theaterbühne möglich wäre. Ich bin fast froh, dass die Zeit für Proben zu kurz ist. Meine Sorge war, das Ganze könnte zu glatt ablaufen. Mein Kollege Leo Kopp hat bis jetzt noch jedes Mal etwas Unvorhergesehenes eingeschoben, weil anwesende Personen auch noch mal schnell auf Kreuz wollten.

Hätte das Hermann Nitsch auch so gemacht?

GASSNER: Ja, sicher. Wir geben dem Zufall durchaus viel Raum. Dabei entstehen auch Situationen, die wir nicht gut finden. So sind etwa beim letzten Spiel um die Räucherschalen herum kleine Meditationsrunden entstanden, die nach Esoterik aussahen, was Nitsch ausdrücklich nicht wollte. Es ist ein schmaler Pfad. Oder wir hatten eine tolle Akteurin, die mit dem Kübel stramm wie ein Soldat dastand. Auch das begann komisch zu werden.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater / Foto: Thomas Kolassa 2022

Welchen Gefahren drohen den Szenenbilder noch?

GASSNER: Lackierte Fingernägel, Schmuck, extravagante Frisuren, Sonnenbrillen. Wenn ein Träger betrunken ist und stolpert, haben wir ein Problem. Es gehört zu meiner Verantwortung, die richtigen Leute mit der richtigen Aufgabe zu betrauen. Nicht wenige Szenen bergen Unfallgefahr. Fast alle Akteure sind sehr vernünftige Leute. Dass vereinzelt auch Selbstverwirklicher dabei sind, die aus der Aktionskunst etwas Mysteriöses machen wollen, sehen wir zum Beispiel an Marina Abramović, die in den 1970er-Jahren bei einer Aktion mitgewirkt hat und nun Retreat-Seminare in Griechenland anbietet.

Hermann Nitsch zitiert in seiner Mythenarchäologie kultisches Handeln. Er hat sich dadurch vor genau dem Pseudo-Religösem, das Abramović in den letzten zehn Jahren um ihre Person herum geschäftstüchtig ausgebaut hat, wirksam geschützt.

GASSNER: Die Kunst von Nitsch wird heute auch gerne von Lebensberatern und Coaches aufgegriffen. Nach meiner Wahrnehmung behaupten sie Bezüge zwischen behavioristischen Theorien und dem Aktionsdrama. Ich baue da Distanz auf. Genau wie gegenüber dem Versuch, die Arbeit von Hermann Nitsch als moralische Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieg zu lesen.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, 3. Tag des zweiten Sechstagespiels, „Tag des Dionysus“ / Foto: Elisa Partenzi 2023

Ist nicht die Einführung des Intensitätsbegriffs in die Philosophie der Kunst die zentrale Leistung von Nitsch? Ich halte das gradualistische Eingehen auf das Objekt für den Hauptgewinn. Der Gedanke der Intensität entzieht sich der Logik des Ausschlusses. Bis in das 18. Jahrhundert dachte man in den Naturwissenschaften, dass ein Objekt entweder da ist oder eben nicht da ist. Mit neuen Messverfahren von Licht, wurde die Empfindsamkeit zentral. Hermann Nitsch hat diesen Gedanken aufgegriffen und Innigkeit an die Wahrnehmung gebunden. Der Erwerb von Weisheit lässt sich bei ihm nur im Modus eines intensiven Erfahrungsreichtums denken.

GASSNER: Ich glaube, exzessiv zu Leben war in den 1960er-Jahren, als Nitsch seine Dramentheorie entwickelt hat, ein allgemeiner gesellschaftlicher Anspruch. Eine junge Generation befand sich damals im Aufbruch. Ihre Lust und ihr ganzer Enthusiamus ist in seine Arbeit eingeflossen. Nitsch hatte ein gutes Gespür für den Zeitgeist und er zögerte nicht, das, was gerade in der Luft lag, auch aufzugreifen. Unsere Zeit hinterfragt jetzt, ob das intensive Streben nach einer immer stärkeren Dosis, das unmittelbare Aufwallen der Gefühle, auf Dauer so weitergeht. Schliesslich kann sich ja niemand intensiv entspannen.

Nitsch bezog sich ausdrücklich auf den Dionysoskult, den einzigen Kult im alten Griechenland, dem es um die dynamische Entfaltung der Seelenkräfte ging. Aus den polaren Spannungen, die in den Kulthandlungen angesprochen wurden, dem Entgegen von Liebe und Hass, Krieg und Frieden, usw. ging dann die Tragödie als Gattung hervor.

GASSNER: Das theoretische Fundament des OM Theaters ist gut durchdacht. Aber es wird von heutigen Bedürfnissen scharf in Frage gestellt. Ist es wirklich so sinnvoll, permanent Hochleistungen zu vollbringen? Muss ständig alles maximal gross und stark gemacht werden? Das intensive Leben ist eben eine moderne Obsession.

Worauf freuen Sie sich in den Pflngsttagen 2025?

GASSNER: Darauf, liebe Leute wieder zu treffen, und darauf, bei der Realisierung eines grossen Kunstwerks zehn Tage lang gestaltend mitwirken zu können. Das Orgien Mysterien Theater ragt da herein in unsere Zeit.

Die Fragen stellte Wolfgang Koch © 2025

 

 

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/27/wuerde-man-das-sechstagespiel-perfekt-einstudieren-waere-es-tot/feed/ 0
»Das Gesamtkunstwerk hat schon etwas charmant Antiquiertes« https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/26/das-gesamtkunstwerk-hat-schon-etwas-charmant-antiquiertes/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/26/das-gesamtkunstwerk-hat-schon-etwas-charmant-antiquiertes/#respond Mon, 26 May 2025 06:37:54 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4374 Der Wiener Künstler, Kunstpädagoge und Non-Profit-Aktivist Frank Gassner ist seit 27 Jahren an den Aktionsspielen des Orgien Mysterien Theaters in vielfältiger Form beteiligt. Er hat Hermann Nitsch, den Schöpfer des spektakulären Gesamtkunstwerks, kurz vor dessen Eintritt in das Krankenhaus im Jänner 2022 das letzte Mal gesehen. Sie besprachen damals, was nun vollendet wird.

Worum geht es in der Kunst?

FRANK GASSNER: Um alles, was sonst in keine Schublade passt. So einfach ist das für mich.

Worum geht es im Orgien Mysterien Theater?

GASSNER: Um ein tiefes Seinsbegreifen. In einer Collage wird die europäische Kunst- und Kulturgeschichte der letzten 3.000 Jahre aufgearbeitet.

Das erste Sechstagespiel hat Hermann Nitsch 1998 realisiert. Es war das einzige zu seinen Lebzeiten. Sie schliessen nun als Co-Regisseur die letzten drei Tage einer zweite Version ab. Was sind die markante Unterschiede nach so vielen Jahren?

GASSNER: Die Partitur, mit der wir arbeiten, ist wesentlich schlanker und einfacher. Die Anweisungen sind weniger fein ziseliert und der Aufwand, was etwa die mythischen Leitmotive betrifft, geringer. Die erste Partitur war viel dichter. Wir haben jetzt eine bequem umzusetzende Vorlage zur Hand.

Im zweiten Sechstagespiel fehlen die Tierschlachtungen vor Publikum.

GASSNER: Ja, das ist rausgeflogen. Nitsch wollte nicht, dass der Blick auf seine Arbeit wieder davon verstellt wird. Am fünften Tag kommt ein mit Gedärmen und Blumen gefüllter Sack ins Spiel, den wir aufschneiden, um darin zu wühlen. Am Morgen des sechsten Tages entborstet der Koch Max Stiegl ein Schwein und bricht es für einen seiner Sautänze auf. Am Nachmittag musiziert als weiterer Sidekick Moša Šišic mit seinem Ensemble. Diese Elemente sind als Teil des volksfesthaften Charakters des sechsten Tages zu sehen und stehen als solche nicht in der Partitur.

Hätte Nitsch solche Gastspiele in seinem Monumentalwerk akzeptiert?

GASSNER: Vermutlich sicher schon. Ich erinnere mich an eine Lehraktion als Vorspann für ein Gala-Menü in einem Restaurant am Pöstlingberg in Linz. Wenn es Geld gab, hat sich Nitsch durchaus breitschlagen lassen und seine Arbeit fremden Bedürfnissen angepasst.

 

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater / Foto: Feyerl 2022

Zur Professionalisierung des OM Theaters gehört, dass die Regie aus der handschriftlichen Original- eine Arbeitspartitur erarbeitet, die alle Akteure erhalten.

GASSNER: Das erleichtert die Proben. Die Arbeitspartitur enthält Skizzen, um die Abläufe bei den Proben schneller in den Blick zu bekommen, und auch Fotos, die verständlich machen, was gerade passiert. Jeder kann sehen, wie das gewünschte Bild ausschauen soll. Es gibt diesmal auch ein halbstündiges Video für die Akteure vorab, wo ich den Ablauf erkläre.

Erfahren die verwendeten Gerätschaften, also Tragen, Tische und Tröge, auf und in denen Materialien gemischt und zermanscht werden, auch so eine Verfeinerung?

GASSNER: Nein. Technisch gesehen gab es beim ersten Sechstagespiel viel kompliziertere Arrangements als heute. Im Jahr davor war in Neapel eine Aktion als Prozession auf einen Weinberg geführt worden. Dafür hat man erstmals Tragen mit Sitzen gebaut. 1998 waren dann schon drei solche Gefährte nebeneinander im Einsatz, obenauf ein totes Schwein hängend. Solche Vorgaben sind wieder einfacher geworden. Nitsch selbst hatte zwei linke Hände. Er bestellte 1998 in meiner sehr improvisierten Werkstatt auf der Wiese hinter dem Schloss, was am nächsten Tag der Proben nötig war. Einfach und schlicht musste es aussehen, das war alles. Um technische Details hat er sich nicht gekümmert.

»Die Langsamkeit der Aktionen geht in der

Filmdokumentation vollständig verloren«

Die zahlenden Zuschauer·innen heissen in Prinzendorf »Spielteilnehmer«. Ihnen sind laut Hausordnung bei dem Exzess private Foto- und Videoaufnahmen zum Schutz des Werkes verboten.

GASSNER: Herrmann Nitsch fordert zum unmittelbaren sinnlichen Registieren des realen Geschehens auf.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, Grosse Trage im zweiten Sechstagespiel / Foto: Feyerl 2023

Diese Ikonophobie war doch schon 2022 und 2023 vollkommen unrealistisch, weil praktisch jeder Anwesende ein Mobiltelefon mit Fotofunktion in der Tasche hatte.

GASSNER: Das ist tatsächlich ein neues Problem. Dass die Szenen im Hof im Überblick festgehalten werden, ja mein Gott, das wird man nicht verhindern können. Aber der Einsatz von Handys in der Nähe wäre kontraproduktiv für das eigene Erleben. Er steht dem Registrieren des realen Geschehens im Weg. Es würde dem Werk einfach nicht guttun, wenn die Leute aufdringlich Aktionen festhalten. Bei Nitsch geht es darum, dass ich tatsächlich hinschaue, tatsächlich etwas angreife, und das wird mit dem Handy in der Hand nicht gelingen. Auch ein Kurzvideo ersetzt in keiner Weise das reale Erleben.

Hat sich mit der rasanten Ausbreitung der Kommunikationstechnologie nicht unser Erleben verändert? Der aktuelle Mensch denkt doch: Was ich nicht unmittelbar festhalten kann, das existiert nicht.

GASSNER: Pech gehabt! Dieser Mensch ist er beim charmant antiquierten Werk von Nitsch falsch angesiedelt. Man muss das OM Theater aus seiner Entstehungszeit heraus sehen; es bemüht sich um Zeitlosigkeit, aber die Ära, in der es erfunden wurde, ploppt dann doch immer wieder auf. Wir bemühen uns intensiv um dauerhafte Formen, die unser Dasein mit dem Kosmos verbinden. Hermann Nitsch hat zu Recht lange damit gehadert, dass dieses Werk im Film dokumentiert wird und das auch schriftlich so festgelegt. Was wir aus der Zeit vor dem Dreitagespiel 1984 haben, sind filmische Bruchstücke oder eigenständige künstlerische Arbeiten der Experimentalfilmemacher Stan Brakhage, Peter Kubelka und Jonas Mekas, oder der seit kurzem wieder zuänglich gemachten Film von Maria Lassnig. Erst Peter Kasperak hat die durchgehende Dokumentation beim Dreitagespiel etabliert. Wenn man diese Filmdokumente sieht, denkt man, dieses Theater war ein einziges Blutbad. Dass die Menschen zwei Drittel der Zeit mit dem Schmalzbrot beim Tisch gesessen sind, kommt darin gar nicht vor. Die Langsamkeit, das Kontemplative, das es in den Aktionen auch gibt, geht in der Filmdokumentation nahezu vollständig verloren.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater / Foto: Christian Schramm 2022

Das Publikum kann nach Belieben den Standort wechseln, es kann die Szenerie von nahem oder aus der Ferne beobachten. Es switcht zwischen den euphorisierenden und den mediativen Momenten eines Theaters, das nichts darstellen will und trotzdem etwas vorspielt. Wie gehen Sie als Regisseur mit diesem inneren Widerspruch um?

GASSNER: Er ist unauflösbar, und er hat sich erst in der Geschichte dieses Theaters entwickelt. In den frühen Partituren, die im Wiener Mumok archiviert werden, ist das noch verwurschtelt. Da sind die »Spielteilnehmer« die Akteure und die »Akteure« die Spielteilnehmer. Irgendwann scheint Nitsch dann verstanden zu haben, dass bei ihm nicht nur eine Gruppe von Leuten anwesend ist. Er begann zwischen den Handelnden und den Zuschauern zu unterscheiden. Anfangs liebte er die Vorstellung, dass sich alle für zwei lange Monate in Schloss Prinzendorf versammeln und das Aktionsspiel so sorgfältig vorbereiten, dass am Ende jeder machen kann, was er will. Alle wüssten, was geschehen soll und könnten darum intensiv teilnehmen. In diesem Fall würden auch die sogenannten Ordensregeln Sinn machen. Man hätte es mit einer Gemeinschaft zu tun, die etwas mit sich selbst für sich selbst produziert. Unsere Realität 2025 ist aber eine einzige Probenwoche.

Findet das Orgien Mysterium für die zahlenden Besucher und Besucherinnen statt oder dient es dem Erleben der direkt Mitwirkenden?

GASSNER: Im Sinn des Erfinders wären vollkommen neutrale Akteure gefordert. Das ist gerade der Knackpunkt oder der Fehler im System. Sensuelles, Haptisches, Katharsisches erleben nämlich vor allem die Akteure und nicht die Besucher, die dem Geschehen nur mit Augen und Ohren folgen. Was tun die Akteure? Sie stellen ein Bild. Das hat etwas von einem barocken Tableau vivant, wo jemandem etwas gezeigt wird. In diesem Punkt bleibt Nitsch, ob er das nun wollte oder nicht, dem bürgerlichen Schauspiel tief verbunden. Schillers Ideal, dass wir dasitzen, bis die grosse Einsicht über uns kommt, und dann hinausgehen und sagen: »Jetzt bin ich ein besserer Mensch!« – dieses Schema konnte Nitsch nie überwinden.

Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater, Aufbruch der Prozession im zweiten Sechstagespiel / Foto: Feyerl 2023

Die Mitwirkenden sind Freiwillige. Kann man Freiwilligen verübeln, dass sie das eigene Erleben in den Vordergrund stellen?

GASSNER: Wer etwas macht, erlebt immer etwas. Aber bisher hat mir kein einziger Akteur von einer grossen Erleuchtung oder totaler Triebbefriedigung berichtet. Du bist in der Aktion mit ganz konkreten Dingen beschäftigt. Es ist kalt, es stinkt, du musst dich beeilen, weil du bald den Kübel holen musst, usw. Dabei kommt niemand so weit, dass sich für ihn alles ändert.

»Nitsch hat einmal den Wünsch geäussert,

eine Aktion nur mit

wohlbeleibten Menschen zu machen«

Sind die Akteure auf derselben Ebene wie die Tiere und die Requisiten angesiedelt?

GASSNER: Sie sind das durchnummerierte Material der Kunst. Es heisst in der Partitur ganz nüchtern: »Nr. 35 nackt am Kreuz«. Nur wenige Personen werden, wie in den Protokollen der Aktionen 1969-79, namentlich genannt. Der Spielleiter, der dem Modell Blut in den Mund schüttet, wird interessanter Weise überhaupt nie erwähnt. Nitsch formulierte den Höhepunkt der Ritualhandlung überwiegend im Passiv. Akteure und der Musiker·innen spielen also als Individuen überhaupt keine Rolle. Anderseits war es Nitschs sehr ernst mit der Intention, dass es einen Ruck durch die Person der Anwesenden gibt.

Die Fragen stellte Wolfgang Koch © 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/26/das-gesamtkunstwerk-hat-schon-etwas-charmant-antiquiertes/feed/ 0
Das Volk der Franzosen vergiss nicht, wenn man es ignoriert https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/23/das-volk-der-franzosen-vergiss-nicht-wenn-man-es-ignoriert/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/23/das-volk-der-franzosen-vergiss-nicht-wenn-man-es-ignoriert/#respond Fri, 23 May 2025 06:38:35 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4364 Doch, doch, das gibt es noch: das andere Europa! Das Europa der Bodenreform, das helle und leuchtende Europa von unten, und nicht einfach nur das dem Aufrüstungswahn und den Kriegsvorbereitungen verfallene Europa der Brüsseler Eliten und des Nato-Kommandos.

Es gibt mitten unter uns noch Menschen, die bei klarem Verstand weitblickend denken können, aber ich finde Sie in den letzten Jahren fast nur mehr in Frankreich, wo Aufstände der Erde (Soulèvenents de la terre) durch direkte Massenaktionen dem Flächenverbrauch, also dem Verlust von Naturräumen, mit radikalen Mitteln neuen Gemeinsinn abtrotzen. In der französischen Provinz artikuliert sich heute eine autonome Umwelt- und Klimabewegung, die dem Verrat der ökologischen Ziele durch das Greenwashing der Politik widersteht, die mit dem Verband von Biobauern ein Aktionsbündnis eingeht und unter grossen persönlichen Opfern im Sinn der zukunftigen Generationen handelt.

Die Reflexionen über »Erste Beben« des Zivilen Ungehorsams der aktivistischen Gruppen liegen nun in einem sehr empfehlenswerten Übersetzungsband im Verlag Assoziation A vor.

Jahrestag der politischen Ignoranz

Ich stosse auf das wahre Europa der Toleranz, der Verständigung und des Friedens aber auch in den Debatten jener französischen Souveränist·innen, die sich nicht im Schema von Links und Rechts auseinander dividieren lassen, wie das in allen anderen Länder der Europäischen Union der Fall ist.

Zum 20. Jahrestag des grossen politischen Neins der Franzosen und Französinnen treffen sich am 29. Mai 2025 die Vordenker und Aktivisten jener Strömungen, die ein Erdbeben in unserem Europaverständnis ausgelöst haben. Zur Erinnerung: 2005 erteilten 55,7 % der Bürger·innen Frankreichs in einer demokratischen Abstimmung der Verwässerung nationaler Souveränität im Einheitsbreis der unionseuropäischen Technokratie eine klare Absage. Sie lehnten die Annahme des Vertrages über eine Verfassung für Europa in dem Referendum mehrheitlich ab.

Dieses eindeutige Votum wurde damals von den Führungsträgern des Staates mit Füssen getreten, wurde in den Institutionen der Union mit Alarmismus und Ignoranz beantwortet, und die Stimme des Volkes offen ignoriert.

Das »Nein!« der Franzosen hat gemeinsam mit noch deutlicheren Referendumsergebnissen in Spanien und in den Niederlanden einen demokratische Superskandal in der Union ausgelöst. Die Missachtung der Bürgerentscheidungen ist bis heute unvergessen und hat wesentlich zum Vertrauensverlust der Europäischen Kommission und des Europäischen Parlaments beigetragen.

Der öffentlich-rechtliche Nachrichtensender France Info betreibt seit Wochen eine subtile Propaganda gegen die tradionsreiche politische Debatte in Frankreich, indem er das Adjektiv »souveränistisch« konstant mit »rechtsextrem«, »antisemitisch«, »illiberal« oder »populistisch« in Verbindung bringt.

Dieser Verfall der demokratischen Diskussionskultur und der Legitimität der aktuellen Volksvertretung wird zum traurigen Jubiläum in Paris von einer Reihe herausragender Köpfe des intellektuellen, des wissenschaftlichen und des politischen Lebens thematisiert. Angekündigt sind für den Termin Historiker, Ökonomen und Publizisten wie Emmanuel Todd, Marcel Gauchet, Jacques Sapir, Henri Guaino, Stéphane Rozès, Benjamin Morel, Joachim Murat, Jack Nikonoff, weiters die Dissidenten des linkspopulistischen La France Insoumise Georges Kuzmanovic und François Cocq und als Gastrednerin die griechischen Juristin und widerständige Politikerin Zoé Konstantopoulou (Plefsi Eleftherias).

Wetten, dass wir über diese Sternstunde der politischen Europadebatte keine einzige Zeile in deutschsprachigen Medien lesen werden? – Öffentlichkeit, wozu? Wir haben doch breit aufgestellte, das heisst monopolistische Medienagenturen und Faktenchecks! Argumentative Kompetenz, was ist das? – Der gute, noble, treue deutsche Michel führt den Ehrentitel »Europäer« nur, wenn es mit brennender Sense gegen den schwarzen, niederträchtigen Russen und das gelbgesichtige Schitzauge geht.

© Wolfgang Koch 2025

Der Ticketlink zur Anmeldung:

https://my.weezevent.com/au-non-de-la-france

#AuNONdelaFrance 

#29mai2005 #UniversitéSouveraine

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/23/das-volk-der-franzosen-vergiss-nicht-wenn-man-es-ignoriert/feed/ 0
Das durch nichts überbietbare Glück des Christian Reder https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/21/das-durch-nichts-ueberbietbare-glueck-des-christian-reder/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/21/das-durch-nichts-ueberbietbare-glueck-des-christian-reder/#respond Wed, 21 May 2025 08:51:54 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4332 Er schreibt und schreibt und schreibt, wie sponsored by Duracell. Er fasst Reisen, Studien und Begegnungen in Worten zusammen, als wäre es das Wichtigste auf der Welt. Es ist, als sagte er sich: »Der Rest meines Lebens erscheint mir wie eine halb ausgesogene Orange, die ich auspresse, ich weiss nicht warum, und deren Saft die Mühe gewiss lohnt«.

Ich staune immer wieder, mit welchem Elan Männer jenseits der Achtzig noch den Zeitläuften folgen, wie aufgeweckt sie ihre Umgebung reflektieren und luzide Lebensbilanzen ziehen. Zum Beispiel der bewundernswerte österreichische Schriftsteller Engelbert Obernosterer, oder der deutsche Tumult-Herausgeber Frank Böckelmann, oder eben der Wiener Parade-Urbanist Christian Reder, der in seinem neuen Essayband unsere Bereitschaft zum Aufbrechen in eine solidarische Zukunft verlangt.

Die drei genannten Methusalixe haben etwas gemeinsam. In der 1968-Revolte hat die Zeit für sie begonnen, zu der alles anders kommen sollte. Am Ende ihrer Lebenswanderungen erreichen sie nun vollkommen konträre Aussichtspunkte auf das Weltgeschehen: der verschmitzte Herr Obernosterer den Leuchtturm des apolitischen Staunens über die Druckverhältnisse in der geruhsamen Provinz … Mister Böckelmann den Hochsitz der Gegenaufklärung, von wo aus er den Konsens der Etablierten stört und Blitze gegen die Migrationsgesellschaft schleudert … und Professor Reder, der erreicht auf unmarkierten Wegen eine Aussichtplattform mit Blick auf seine geliebte Mittelmeerkultur, auf das wogende Schilf des Neusiedlersees, auf die Köpfe der Touristenmasse am Stephansplatz und überhaupt auf die 300.000 Jahre des Homo sapiens.

Reder begann 1977 ausufernd zu forschen und zu schreiben. Die Zahl seiner Solopublikationen, Katalogtexte und Essays in Sammelwerken ist mittlerweile auf 37 angeschwollen. Er tippe gewöhnlich in seine Tastatur, weil er präziser wissen wolle, was er denkt, sagt er. Schriftstellerei in Literaturhäusern und TV-Quartetten erscheint ihm dabei stets als ein Gefängnis. Der Avantgarde-Poët Reinard Priessnitz, erinnert sich Reder, habe ihn durch seine »Abhängigkeit von internen Hierarchien« im Literaturbetrieb geradezu schockiert.

Am kulturellen Leitmedium Buch sei zu schätzen, dass etwas wieder hervorgeholt werden kann. – »Das befriedigt durchaus, wenn man als stille Person kein weiterwirkender Markenname wurde.«

Das verstohlene Ich

Christian Reder verzichtet beim Schreiben bewusst auf die Vorstellung von Adressat·innen. Dieser Anti-Knausgård will nicht bis in die Nervenenden hinein verstanden werden. »Das Ich vermeide ich in meinen Texten, wo immer es geht. Es kommt nur selten vor. Es macht sich nur über Umwege, also meine Weltsicht, bemerkbar.«

Klingt nach dem uns von Chamfort überlieferten Ausspruch: »Wie viel Dummköpfe braucht man denn, damit ein Publikum entsteht?« Aber es ist kein intellektueller Hochmut, den Reder trägt. Seine Haltung ist einfach Ausdruck des sorgenfreien Lebens, um das wir ihn beneiden. Schreiben kann ein Grundbedürfnis des Menschen sein, wie Essen, Schlafen oder Zufussgehen.

Reders systematisches Umschiffen des Erzähl-Ichs ergibt einen zwar persönlichen, aber nicht immer schlanken Stil. Wenn es etwa auf Seite 289 heisst: »Erst in den letzten Jahren trafen sich alle drei Geschwister zu Weihnachten wieder«, und eines dieser Geschwister der Verfasser selbst ist, tritt sein Narzissmus weit stärker hervor, als er das in der konventionellen Formulierung »Erst in den letzten Jahren traf ich meine Geschwister zu Weihnachten wieder« täte.

Dieser Autor hat sich eines mit Bestimmtheit vorgenommen: Er will objektivistisch berichten, nicht gekünstelt erzählen. Doch »berichten« heisst nichts weiter als in Ordnung bringen, belehren. Der Berichterstatter kann dabei auf eine Erzählhaltung nicht verzichten. Reder plaudert nicht anmutig. Wien hat ihm keinen Schnabel wachen lassen. Der »freigeistig-progressive Urbanist« breitet vor uns in harter Kürze den panoramatischen Rückblick in die Wiener Kultur- und Geisteswelt aus, die ihn seit sechzig Jahre wie die Ringstrasse umgibt.

Reder durfte etwa den bürgerlich-liberalen O5-Widerstandskämpfer Emil Oswald zu seinen Freunden und guten Bekannten zählen, weiters den Ethnologen Alfred »Teddy« Janata, den Aktionskünstler Alfons Schilling, den exzentrischen Soziologen Reinhard Knoll, aber auch den mordenden Millionenbetrüger Udo Proksch. Mit der Austro-Pop-Legende Wolfgang Ambros badelte er im Wildwasser, und der 2019 verstorbenen Doyen der Architekturkritik, Friedrich Achleitner, hielt Reder sogar für einen zweiten Egon Friedell.

Aus seiner Studienzeit blieben dem heute 81jährige Mann lange der libertäre Bildungsbürger Rolf Schwendter, der Rechtsanwalt und Kunstsammler Hannes Pflaum, der VW-Aufsichtsrat Michael Piëch und der Kanzlersohn Peter Kreisky erhalten. Jeder von ihnen spielte oder spielt in der »Vielfalt von Universalismen«, in denen sich der Berichterstatter bewegt, eine vitale Rolle.

Schon allein die Fülle an Personen in diesem Buch verhindert ihre plastische Zeichnung. Die Menschen erhalten von Reder keine Physiognomie, sie sprechen nur selten, lachen nur selten, wir erfahren keine Details, die unsere Gemütsruhe stören könnten. Wir erfahren etwas von der Festigkeit ihres Charakters, das schon, wir blicken auf gewisse Hintergründe im Gespenstersystem der Machtverhältnisse, wir hören den üblichen Schwindel des Europagedankens, von Intrigen in Banken und auf Universitätsboden, und von Donau-Erkundungen bis ans Schwarze Meer.

»Privates soll privat bleiben«, verspricht Reder. Aber das ist Koketterie! Wir erfahren in dem Buch nämlich, dass der Autor die Ökopartei, und gelegentlich SPÖ, wählt. Hören, an welchem Ort in Österreich Reders sorgfältig als Zeitwohnsitz renovierte Wind- und Wassermühle steht; was zu Hause über seinem offenen Kamin hängt; mit welchem Einrichtungsgegenstand am Fenster er den Blick auf den Stephansdom konterkarriert. Wir vernehmen, welche Münzen man in seine Seeburg-Music-Box einwerfen muss und wann sich sein Bruder als homosexuell geoutet hat.

Nein, das alles ist privat, und dennoch kein Danebengriff, sondern einer Autobiographie durchaus angemessen. Der Wert des Buches liegt freilich woanders :: In Reders besonderer Sensibilität, Aufnahmebereitschaft und Affinität für den schillernden Geist der Jahrzehnte vor und nach dem Millennium.

Kompromisslos weltoffen: Berater, Analytiker, Krisenmanager, Autor, Vermittler, Finanzier, Redakteur und Herausgeber Christan Reder / Foto: Caroline Reder

Christian Reders Name, und der seiner Frau Ingrid, steht wie kein anderer für eine gereizte Liberalität am Wiener Stephansplatz. Und das heisst: weltläufig gebildet Abend für Abend in der Innenstadt unterwegs zu sein, immer in Erwartung von Gesprächsrunden, die eine Auseinandersetzung lohnen. Nächtliche Tischrunden, abseits von Schürzenjägern und Trinkern, die zur intellektuellen, politischen oder ästhetischen Positionierung zwingen; Gespräche, in denen man sich in radikale Richtig-Falsch-Argumentationen versteigt. Kurz: REDER steht für Ausgehen, um die Urteilskraft zu trainieren, sich gegenseitig selbst zu vergewissern und viel zu lachen.

»Ich glaube, dass vieles in der Welt falsch läuft, weil wir nicht wirklich bei anderen sind, sein können«, schreibt der Essayist, der ungern auf Bühnen tritt, und wenn dann als normaler Bürger, »ohne Spezialwissen zu behauptet«. 1968 sass er bei ›Kunst & Revolution‹, in der heissen Viertelstunde der internationalen Jugendrevolte in Österreich, im Publikum des Hörsaal 1 an der Universität Wien. Bei der von Oswald Wiener geplanten, aber nie ausgeführten Burgtheater-Besetzung im selben Jahr war er ebenfalls dabei.

Nach dem Studium begann Christian Reder 1970 sein Berufsleben beim Beratungsunternehmen Knight Wegenstein in Zürich. Er schrieb Konzepte für Management-Abteilungen, feilte am Corporate Designs, testete Firmenlogos für Stabsstellen. Reder war dabei bei der Reorganisierung der österreichischen Creditanstalt. 1971 besuchte er die Reste des Konzentrationslagers Auschwitz. 1972 beteiligte er sich an einem Rettungsversuch der Arbeiterzeitung, dem übel in die Jahre gekommenen Parteiorgan der SPÖ.

Das war umso erstaunlicher, als ihm die »uneinsichtige Politik der SPÖ« in Sachen Stadtplanung, Avantgarde und Sperrstunde die Sozialdemokratie bereits zum »Feindbild« gemacht hatte. Auch das »Schlussstrichdenken« des Grossen Vorsitzenden Bruno Kreisky betreffend Kriegsschuld und III. Reich kam für Reder nicht in Frage.

1974 beschäftigten ihn Gutachten mit den frisierten Bilanzen im staatlichen Gesundheitssystem, der aufklärerische Erkunder geriet in das Auge des Zyklons beim AKH-Skandal. – »Wie den meisten Menschen ging es mir nie primär um beruflichen Aufstieg, Wettbewerb oder die Freude am Kommerziellen«, versichert er im Rückblick. Worum aber dann? Um praktische Weltverbesserung.

Wir erfahren auf den 384 Seiten dieses überschwenglich-geistreichen Buches einige ziemlich unglaubliche Geschichten:

Thomas Bernhard soll den Exzentriker Paul Wittgenstein an der Leine durch das Café Bräunerhof kriechen haben lassen, wie die Künstlerin Valie Export für ›Mappe der Hundigkeit‹ Peter Weibel in der Kärntnerstrasse.

°°°

Wenn in den 1970er-Jahren der SPÖ-Vorsitzende zur Erholung nach Tirol reiste, wurden Verkäufer der parteieigenen Arbeiterzeitung an die Bahnhöfen der Ferienregion entsandt, um ihn zu beeindrucken.

°°°

Im Tresorraum der Creditanstalt am Ring soll unter anderem ein massives, an den Enden geknicktes Rohr aus Platin in einem edlen Lederfutteral gelagert worden sein, das zum Urinieren aus Kutschen diente.

°°°

In der Pathologie des Landeskrankenhaus St. Pölten hingen 1974 menschliche Leichen an Haken.

°°°

In Nato-besetzten Afghanistan verschwanden wegen des Verbots von Chomeini-Bildern aufgrund der Ähnlichkeit auch die von Karl Marx.

Urban Living im Schatten des Doms / Foto: Michael Hoepfer

Worum geht es im Leben? Um die Frage, wozu Menschen in erfreulichem Sinn fähig sind, sagt Reder. Anders formuliert, um das, was man »zusammen bringt«. Seine Frau nennt er im Rückblick »ein durch nichts überbietbares Glück, das in seiner Lebendigkeit nie zur Idylle verflachte«. Es funkte zwischen der Boutiquenbetreiberin und dem für Werbefotos engagierten Jüngling im Dezember 1965 in der Reiss-Bar. Der Sympathiefluss war nicht mehr zu bremsen. Venedig, Hochzeit, Zwillingstöchter. Gemeinsam affichierte man Anti-Atom-Plakate in der Innenstadt und gewährte einem Piratensender Unterschlupf in der Dachwohnung.

In den 1980er-Jahren rettete das Paar als stiller und unbedankter Gesellschafter mehrmals die in Finanznöte geratene Wiener Stadtzeitung Falter (Ingrid Reder brachte den gesamten Erlös aus dem Verkauf ihrer Anteile an der Modeforma Etoile in das Alternativblatt ein). Heute ist der damalige Retter von Illusionen frei und sieht im gedruckten Schmetterling »ein mit Emotionen Politik machendes Boulevardblatt«.

Die Kontakte zur AAO-Kommune des kriminellen Otto Muehl werden zwar erwähnt, bleiben in dem Buch aber genauso unterbelichtet wie jene zu Udo Proksch. Christian Reders Bewunderung galt damals jedenfalls anderen. Bis heute zeigt er sich tief beeindruckt von einer Wüstenbegegnung mit dem untergetauchten Wehrmachtsdeserteur Winfried Müller, der zum Major Si Mustapha der algerischen Befreiungsarmee FLN wurde. In den Buch bricht er auch eine Lanze für den im Berliner Exil verstorbenen syrischen Philosophen Sadiq al-Azm. Als Propononent der Nicaraguahilfe traf Reder neben dem Revolutionsführer und nachmaligen Dikator des zentralamerikanischen Staates auch den neuen Kulturminister, Priester und Dichter Ernesto Cardenal.

Vermessene Fremde

Das waren noch lange nicht alle. Reder übernahm Positionen des Befreiungstheologen Ivan Illich. An Mustafa Kemal Attatürk bewunderte er den Aufbau des säkularen Nationalstaats Türkei. Im Frühjahr 1980 organisierte der Autor mit Alfred Janata das Österreichische Hilfskomitee für Afghanistan, eine NGO in jenem bettelarmen Land, in dem die CIA über viele Jahre bewaffnete Mujahedin-Gruppen im »Krieg gegen den Kommunismus« stärkte, um der Sowjetunion das eigene Vietnam-Trauma heimzuzahlen.

Innerhalb von 15 Jahren brachte die Wiener Privatinitiative umgerechnet 33 Millionen Euro auf, bevor diese Aufbauarbeit mit freiwilligen Helfer·innen vor Ort dann in Bürgerkrieg, islamistischen Terror und dem Chaos der militärischer Okkupation westlicher Staaten versank.

Reder ist überzeugt, dass die aktuelle Taliban-Herrschaft nicht von der Bevölkerungsmehrheit getragen wird. Er stört sich nicht am zwischenzeitlichen Nebeneinander von zivilgesellschaftichem »Nationbuilding« und dem Target Killing der US-Administration in Afghanistan. An der Rückkehr der Koran-Fundamentalisten seien allein die USA Schuld. Zwanzig Jahre westlicher Aufbauarbeit waren zu kurz; die in dieser Periode versenkten Fantastilliarden an Steuergeldern aus den Wohlstandsländern zu wenig. Man hätte eben »bis in die Dörfer geduldigere Überzeugungsarbeit leisten« müssen. 2022 organisierte Reder in Wien die erste Konferenz zur Konsolidierung des demokratischen Exils der Afghanen und ihrer Frauen.

Hat der Westen denn wirklich ein Mass an Aufklärung erreicht, dass es zu schützen und weiter auszubauen gilt? Geht es heute mit den sich progressiv Wähnenden nicht wieder rückwärts? – Ich werde jedenfalls nie verstehen, warum so viele linksliberale Menschen erzkonservative Migration mit erniedrigten Frauen, Eintopfküche und im Ablebensfall Bestattungsflügen heim in die Herkunftsregion gut finden, aber gleichzeitig erzkonservative Autochthone mit Lodenjanker, Kirchtagssuppe und Blasmusik verachten.

Die maastrichtische Ideologie

Viele in der Linken haben ihren universalistischen Anspruch auf Respekt vor dem Anderssein genauso aufgegeben wie die Sprache der Klasse und haben sich stattdessen die Sprache der Kultur zu eigen gemacht. Sie begreifen dabei kulturelle Identität einfach als Nullsummenspiel unserer verschiedenen Zugehörigkeiten. – »Konträr zu stereotypen Identitätsideologien«, sagt Reder, »fühle ich mich, umgeben von unverständlichen Sprachen, stets intensiver in der Welt«.

»Grosse Wüsten eröffnen Freiräume«

Seine anhaltende Liebe zu Sahara-Reisen, Felsbildern, den Berbern und den Tuareg hat ihn schon in den 1970er-Jahren mit der Welt im Kopf versöhnt. In der Wüste füllt ihn die Dialektik des Staunens auf. »Die grossen Wüsten eröffnen Freiräume des Denkens«, lesen wir. »Eine essenzielle Erfahrung der Wüste ist die ostentaive Gleichgültigkeit der Natur und der offenbar uferlose Raum.«

Diese Erkenntnis führte nahtlos zu jenem Europäizismus, der in der Illusion seiner früheren Macht lebt und als moralisches Imperium die Vorherrschaft der kosmopolitischen Bildungselite aufrecht erhalten will. Aus Reders Sicht ist der Kontinent Europa in seinen besten Phasen nie ein Eroberungs- oder Unterwerfungskontinent gewesen, sondern »ein ausstrahlender, vieles aufnehmender Transferplatz«. Alles ist wieder gut mit diesem Europa, das doch mit dem Faschismus die einzige genuine Ideologie des 20. Jahrhunderts hervorgebracht hat.

Reder wünscht sich einen Reformvertrag der EU samt Präsident und Aussenminister. Es sei allein Russlands autoritäres Regime, das im Gleichklang mit China nach imperialer Grösse strebe. Wir kennen diese linksliberalen Schablonen. Die Devastierung des Mittleren Osten, sagt Reder, wirke »wie die planmässige Rache destruktiver Kräfte an Regionen gemeinsamer Herkunft«. Für ihn sind Abraham, Platon, Aristoteles und Jesus die »gemeinsame Ahnen« des Brüsseler Atomiums. Hochgehalten sehen möchte er die Geisteswelt der »grossen Buchreligionen«.

Die These, wonach Nationalismus stets zu Seperatismus und Militanz neigt, ist historisch unhaltbar. Ebenso Reders Ansicht, dass die Französische Revolution einen deutschen Nationalismus provoziert hat. (Der ergab sich aus einer jahrhundertelangen Kleinstaaterei, die nicht mehr in das aufkeimende Industriezeitalter passte). »Nicht Nationen, sondern multinationale Imperien haben Europas Geschichte geprägt«. – Auch daran ist nur wahr, dass der dramatische Zerfall der feudalen k.u.k.-Monarchie, des uferlos gewalttätigen Zarenreichs und der Osmanischen Despotie den Kontinent in den Abgrund gestürzt hat.

Die Europäische Union ist auch keinesfalls »einer Insel gleich von Krisengebieten umgeben«. Sie ist seit 2022 der treibende Teil einer kriegsführenden Allianz von wirtschaftlich erschöpften Nationen, die, um sich ihre Privilegien in der Weltmehrheit zu sichern – wie schon zwei Mal im 20. Jahrhundert – kopfüber in eine den ganzen Planeten gefährdende Rüstungsproduktion flüchtet.

Auch mit anderen Thesen des Buches bin ich nicht einverstanden: Der Islamismus hat nicht einfach in der Implosion kommunistischer Hegemonie ein ideologisches Vakuum gefunden. Ideologien sind keine physikalischen Gefässe, sondern jener Diskurstyp, der sich als System von phrasierten Ideen und formelhaften Argumenten herausbildet.

Dass die Neue Kronen Zeitung aus der FPÖ eine Arbeiterpartei gemacht hat und die Rechtspopulisten »ein Zusammenleben mit Andersdenkenden und Zugewanderten verweigern« – Das sind unseriöse Unterstellungen! 

Alle sollen Schuld sein an der aktuellen Misere, nur nicht wir aufgeklärten Demokrat·innen selbst, lautet der Tenor einiger Kapitel. Nicht die Budgetpolitik europäischer Regierungen auf Kosten der kommenden Generationen, nein … nicht die Verlagerung industrieller Produktion in Billiglohnländer … nicht das unkontrollierbare internationale Finanzkapital … Nicht die korrupte afghanische Politik und Oberschicht, nicht die wehrunwillige Armee und Bevölkerung, nicht die Million junger Männer, die ihr Land im Stich gelassen haben, um sich im Westen bequem einzurichten.

Seit 60 Jahren das Wiener Wohnzimmer der Reders / Foto: Michael Hoepfner

Der Dekan als Projektentwickler

Obschon kein Freund des »geruhsam-intriganten akademischen Lebens«, heuerte Christian Reder 1984 als wissenschaftliche Hilfskraft auf der Hochschule und nunmehrigen Universität für angewandte Kunst an, machte dort wiederum Karriere und mischte bald im Besetzungskarusell der Institution mit. Wie zuvor schon im Bankensektor und in der Medienbranche stiess er erneut auf »undurchsichtige Machtgefüge«, auf selbstherrliche Granden, die ihre eigenen Interessen oder die einer Gruppe verfolgten.

Österreich ist eben überall Österreich, ob Seilbahngesellschaften, Windkraftbetreiber oder Hochschulen, es herrscht ein undurchsichtiges Klientelsystem. Bilanzsatz des Professors: »Wahrgenommen wird Gruppenzugehörigkeit über selektives gegenseitiges Zitieren«.

Rektor Rudolf Burger, der vor seinem Tod 2021 offen für eine Rot-Blaue-Regierungskoalition in Österreich eintrat, erscheint in Reders Erinnerungen als ein mit Hegel-Zitaten einschüchternder Intellektueller, der Ernst Jünger bewunderte. Peter Noever, Direktor des benachbarten MAK-Museums, als aggressiv polternder, sein Personal rüde behandelnden Egomane.

Gegen die Modernität des Digitalen

In den 2000er-Jahren kam eine beträchtliche Erbschaft aus dem Dornbirner Lichttechnik-Unternehmen Zumtobel auf die Reders. Seither widmet sich die RD Privatstiftung mit einem wertgesicherten Jahresbudget von 400.000 Euro sorgfältig ausgewählten Schul- und Hilfsprojekten in der Dritten Welt, exiloppositioneller Artikulation und publizistischen Entdeckungen mit dem Schwerpunkt Kulturwissenschaften.

Christian Reder selbst wirbt mit Forschungsreisen und Büchern für eine »integationsorientierte Mittelmeerkultur«. Als Globalist stemmt er sich gegen jede My-Country-First-Devise. Als Kosmopolit warnt er vor der »Strangulierung demokratischer Öffentlichkeit durch (a)-soziale Medien«. Reder verweigert sich der »digital verwirrten neuen Welt und ihren Unterwerfungszwängen«. Dass massenhafte Anonymität in Postings und Kommentaren als demokratische Stimmenvielfalt akzeptiert wird, bleibt ihm unbegreiflich.

Modernitätsfundamentalismus lehnt er ebenso ab wie Konsum- und Besitzfixierung. – Na, gut, wird die Normalbürger·in einwenden, wenn ich über Vermögen verfüge, kann ich leicht über die Besitzfixierung der Ärmeren die Nase rümpfen. Aber Emanzipation und demokratische Interaktion sind nun mal keine Selbstverständlichkeit. Wer die Resultate dieses hartnäckigen Wiener Mäzenatentums studiert, wird den Reders für ihren radikalen Bruch mit Konventionen garantiert dankbar sein.

Sommer 1980 im ersten Flüchtlingslager Gandalf in Pakistan / Foto: Christian Reder

Reders intellektuelle Leistungen

Mit eigenen intellektuellen Leistungen bekannt wurde der Autor durch seine kuriose Verwendung des Alphabets als Code. Christian Reder ordnet nach dem Stellenwert Buchstaben eine Zahl zu und lässt sich von der Quersumme zu gleichwertigen Wörtern führen. Nichts anderes hat der mallorquinische Universalgelehrte Ramon Lull bereits im Jahr 1289 mit seiner Begriffsmaschine Ars Magna getan: eine mechanische Logik zum Generieren neuer Gedanken erfunden.

»Bedeutung«, so Reder, »entsteht erst durch Interpretation«. Die ironische Metaphysik dieses Spiels mit Differenzen stellt von selbst ihre Fragen. Braucht denn so ein geborener Nonkonformist, wie der geschilderte, überhaupt noch äussere Impulse? Steht er nicht schon genug unter dem Strom der eigenen Geistesblitze?

Nein. Offenbar kann Reder vom beschleunigten Kreuz- und Querdenken gar nicht genug bekommen. Seine zweite intellektuelle Leistung liegt in der Aufwertung des Projektbegriffs :–: Projektierung, Projektplanung, Projektbeteiligung, … Temporäre Initiativen schienen zum Beispiel besser zu einer modernen Hochschule zu passen, als ein auf Kunst, Architektur, Malerei, Skulptur, Mode und Keramik konzentriertes Selbstverständnis.

Was Kreative mit Herz, Hirn und den Händen tun, das löst sich zwangsläufig auf in »experimentelle Entgrenzungsintentionen«. Bei Dirk Baecker borgte sich Reder das theoretische Verständnis zum eigenen Netzwerkdenken. William Shakespeare und Daniel Defoe identifizierte er als frühe Projektdenker.

»Bei geistiger Arbeit entsteht Intensität«

Auf die Sprache der Projektentwicklung bauend, plädiert Reder dafür, Arbeit insgesamt realistischer zu bewerten, was bedeutet, unser schöpferisches Tun und Unterlassen nicht an Spezialabgaben und Sozialversicherung zu binden. Weder Einkommenshöhe noch Geschäftigkeit seien im Leben wirklich wichtig. – »Bei geistiger Arbeit entsteht Intensität, unabhängig von der Entlohnung und sonst geforderter Wettbewerbsfähigkeit.«

Weltweit würden, wo Reder, sowieso die prekären Arbeitsverhältnisse überwiegen. Und auch die programmtische Sprache der digitalen Kulturen seien die Projekte. Was hindert uns also daran, ein Gespräch als wertschöpfend zu verstehen?

Auf diese Weise verteidigt Reder in Projekten die Knochen einer Alternativbewegung, der gar kein Fleisch mehr tragen – er sieht in ihnen die notwendigen Bestandteile eines neuen Aufschwungs, informelle Organisationsmomente der Zukunft.

Man könnte natürlich fragen, ob das einfache Netzwerkdenken der Komplexität heutiger Zustände noch gewachsen ist. Liefert nicht zum Beispiel die moderne Radartechnologie noch viel passendere Metaphern für kreative Nachdenkprozesse, für das Branding und Labeling von Waren, für das übererhitzte Unternehmertum von Ich-AGs und Konzernen. In der sogenannten Multistatische Ortung, um bei dem Gedanken zu bleiben, arbeiten gleich mehrere Radarstationen zusammen – auch solche ausserhalb des Zielgebiets –, um Objekte durch triangulierte Reflektionen zu erfassen. Die aktuelle Waffentechnologie hat es in asymmetrischen Konflikten, in denen improvisierte Systeme mit überraschender Effizienz kombiniert werden, mit einer unkonventionell betriebenen Sensorik zu tun, deren Kombinationsfähigkeit das rhizomatische Denken ökologischer Protestbewegungen weit hinter sich lässt.

Reders bedeutendste Schriften sind meiner Ansicht nach die unter dem Titel ›Forschende Denkweisen« (2004) publizierten Essays zu den künstlerischen Arbeiten von Walter Pichler, Kurt Kocherscheidt und anderen. In diesen Texten konstatiert der Autor einen besonderen Willen der Kunst zur Sprachlosigkeit. Emotionen zu künstlerischen Werken werden elegant ausgespart. Reder beschreibt das zu den Werken führende Denken, und es macht gar nicht, wenn das mehr sein eigenes ist, als das der ausgedeuteten Kunstschaffenden.

Ich sage: Reder geht in seinen besten Essays durch die exklusiven Kunst-Tore einfach hindurch, mit den Händen in der Hosentasche. Wir wissen doch schon, das Lebensläufe krass überbewertet werden. Sie sind oft reine Glückssache, abhängig von Beziehungen, Zufällen und Vorurteilen. 

Dieser glückliche Wiener Denker hat wahrlich eine Menge zur Verfügung, womit er das, was er gemacht hat, irgendwie begreifen kann.

© Wolfgang Koch 2025

Christian Reder: Bereit zum Aufbrechen. Arbeitserfahrungen, Projekte, Versuche. Hg. von Elvira M. Gross. Wien: mandelbaum Verlag 2025, ISBN: 978399136-093-3, 284 Seiten, 27,- EUR

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/21/das-durch-nichts-ueberbietbare-glueck-des-christian-reder/feed/ 0
Das Orgien Mysterien Theater der gelebten Wirklichkeit https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/08/das-orgien-mysterien-theater-der-gelebten-wirklichkeit/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/08/das-orgien-mysterien-theater-der-gelebten-wirklichkeit/#respond Thu, 08 May 2025 13:58:33 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4280 Vieldeutige Werke müssen aus vielen Perspektiven gelesen werden. Dabei wird jede Sicht ihre eigene Geschichte hervorbringen. Das Hauptwerk des österreichischen Künstlers und Mythen-Dramatikers Hermann Nitsch, sein monumentales Sechstagespiel des Orgien Mysterien Theaters, schliesst die Möglichkeit kanonischer Lektüren aus, da es Tiefe durch Direktheit und den Effekt erwartbarer Begegnungen durch die Erregung von ruhiger Achtsamkeit weckt.

Zu Pfingsten 2025 gelangen erstmals die letzten drei Tage der zweiten Fassung des Sechstagespiels in Schloss Prinzendorf und Umgebung zur Realisierung. Etwa eine Stunde vor der Sonnenuntergangsmusik am fünften Tag (das wird der 8. Juni sein), schlägt die Partitur vor, eine überreife rote Weinbeere auf der Zunge zu zerquetschen. Dazu soll zugleich der Geruch von Bier und Most registriert werden. Hermann Nitsch nennt das Ergebnis dieses Zusammenwirkens von Mund und Nase einen »abreaktionsgeschmack«.

Zweites Sechstagespiel im Jahr 2022 / Foto: Feyerl, Hermann Nitsch GmbH

In derselben Stunde hätten wir nach dem Willen der Partitur auch noch Kreuz-, Christus- Monstranz-, Orgasmus-, Grals- und Auferstehungsgeschmack zu registrieren. Auf dieses sinnliche Bombardement folgen dann Räucherversuche mit verschiedenen Essenzen, welche die Nase weiter strapazieren. Dann tönen dreissig Minuten lang die Glocken in den Ohren.

Ordnungen hinwegspülen

Keiner der anwesenden Gäste wird diesen Anweisungen des Autors buchstabengläubig folgen können. Man wäre bei dem Versuch, das ganze Bukett von Reizen aufzunehmen, schon nach ein paar Minuten heillos überfordert. Wozu steht es dann aber in der Partitur geschrieben? Wozu hat der Künstler nur zum Teil realsierbare Pläne für das »schönste Fest der Menschheit« auf voluminösen 776 Seiten festgehalten?

Nun, wörtliche Bedeutungen sind zum Ding erstarrter Geist, und der findet in diese gewaltige Performance gar nicht hinein. Nitschs Anweisungen sind maximal experimentierfreudig und von stupender Präzision. Sie eröffnen der Regie einen breiten Handlungsraum, und sie lassen auch den Zufall bewusst mitspielen, der ja ohnehin durch das unvorhersehbare Wetter und auch durch die Möglichkeit der »Spielteilnehmer«, wie die 500 erwarteten Gäste heissen, ihren Standort und damit die Perspektive zu wechseln, ständig gegeben ist.

Erstes Sechstagespiel im Jahr 1998 (100. Aktion) / Foto: Archiv Cibulka-Frey, Nitsch Foundation

Die Überfülle der Regieanweisungen und Kompositionen entspricht erstens der Exzess-Philosophie des Künstlers, der sich sein Leben lang »alles einverleiben« wollte. Sie führt zweitens jenen Moment der poëtischen Fiktion fort, den Nitsch in seinem 1982 in einer Auflage von 300 Stück erschienen literarischen Erstling ›die wortdichtung‹ angelegt hat. Und die Überfülle signalisiert drittens den Zeugen der Performance eine starke Aufforderung zur Freiheit des Erlebens.

Das theatralische Ereignis

Der Zufall ist im Orgien Mysterien Theater genauso willkommen, ist darin eingebaut, wie die Aufwallung des Todes im Symbol des Kreuzes, oder wie der Ordnungswunsch in der wiederkehrenden Symmetrie der Szenen. Und da Kunst, wie Nitsch sagte, »nichts als sich selbst ausdrückt«, löst die Erfüllung von visuellen, auditiven und olfaktorischen Eindrücken die entworfenen Bilder und Klangflächen auf in reines Entzücken.

Nitsch betrachtet den Weinkrug. Wenn wir ihn mit Wein füllen, wird uns der Wein berauschen. Aber das Glas gibt uns bereits vor dem ersten Schluck zu trinken: Freude und Frieden, Staunen darüber, auf der Welt zu sein, lebendig zu sein, Intensität, Wiederverbundenheit.

Es ist diese radikale Verwobenheit des Menschen mit der Welt, das heisst mit der Umwelt und mit dem Kosmos, die das OM Theater ausmacht und die es als etwas auszeichnet, das aus dem 20. Jahrhundert in die sterilen Lebenszentren der Zukunft hineinragt.

Mit unerbittlicher Sorgfalt

So paradox es auch erscheinen mag, das Kunstwerk ist in Wahrheit ein unvorbereiteter Text. Die Partitur setzt uns bloss aus, enthüllt, was zu dieser Zeit gegeben werden kann. Die Kunst von Hermann Nitsch verbirgt nichts vor uns, indem er Materialien und Handlungen vorschreibt, die formen, während sie geformt werden. Sein Spielplan arbeitet gegen den Zwang an zu Verschlüsseln, zu Verrätseln, Bedeutungen aufzutürmen. Darum hatte er auch keinen Grund sein Werk abzuschliessen; er überwand den Zwang zu vollenden, etwas zu schaffen, das im Schaffensprozess fixiert wird.

Letztlich besteht das Mysterium dieser Kunst, ihr Hyperkörper, lediglich im Bezug zu konkreten Stoffen: zu frischer Luft, blühenden Stauden, Büffelmozzarella, stockenden Blutlachen oder den Gesichtern fremder Menschen. Hier blitzt der vom Obst fett gewordene Bacchus auf, dort das Orchester als riesige Orgel.

Tag 3 des Zweiten Sechstagspiels 2023 / Foto: Elisa Partenzi, Hermann Nitsch GmbH

Hermann Nitsch ging es in seiner Arbeit einzig und allein um unsere Verbundenheit mit den Dingen. Er bestimmte Farben, Tiere und Töne nicht aufgrund ihrer ästhetischen Schönheit zu Mitspielern. Das wäre viel zu einfach gewesen. Er wählte die Sensationen seiner Spiele mit unerbittlicher Sorgfalt aus aufgrund ihres So-Seins, ihrer Realität, ihrer poëtischen Macht.

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/05/08/das-orgien-mysterien-theater-der-gelebten-wirklichkeit/feed/ 0
Spitzmauskarawane oder Letzter Glanz des Wiener Feuilletons https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/30/spitzmauskarawane-oder-letzter-glanz-des-wiener-feuilletons/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/30/spitzmauskarawane-oder-letzter-glanz-des-wiener-feuilletons/#respond Wed, 30 Apr 2025 21:05:47 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4286 Der Historiker Ernst Viktor Zenker hat in seiner materialreichen ›Geschichte der Wiener Journalistik‹ (1892) Österreichs Bundeshauptstadt »die Mutter der modernen Journalistik« genannt. Wien habe lange Zeit stolz auf sich sein können, schreibt er. Die Donaukapitale besass die ältesten auffindlichen »Relationen«, wie die frühesten Bäume im Blätterwald hiessen. Bereits im 16. Jahrhundert war die Stadt Mittelpunkt jenes eigentümlichen Phänomens, das wir heute respektvoll »Die Presse« nennen. Doch schon Zenker bedauerte auch, der Stadt Wien nichts Besseres nachsagen zu können, als dass auf ihrem Boden die Journale bald nach dem Entstehen wieder den Weg alles Irdischen gewandelt sind.

Zenker stellte seiner lesenswerten Untersuchung der Anfänge einer bürgerlichen Öffentlichkeit zwei superelegante Zitate voran. Das erste war das Schopenhauer-Wort: »Die Zeitungen sind die Sekundenzeiger der Geschichte«. Das zweite Motto war August Ludwig von Schlözers ›Theorie der Statistik‹ (1804) entlehnt und lautet: »Zeitungen sind eines der grossen Culturmittel, durch die wir Europäer Europäer geworden sind«.

Tod der legendären Wiener Zeitung

Im Fall der Wiener Zeitung, die 1703 als Wiennerisches Diarium ins Rennen um die Lesergunst ging, dauerte die Ewigkeitsekunde bis zum Einstellung am 30. Juni 2023 immerhin drei Jahrhunderte. An diesem Tag vor zwei Jahren beerdigte die Mittelinks-Regierung unter Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) und Vizekanzler Werner Kogler (Grüne) eine voll funktionsfähige Tageszeitung im Eigentum der Republik, für die in den Monaten davor treue und über den Tag hinaus denkende Menschen sogar auf die Strasse gegangen waren.

Welche Werte und Freiheiten dabei vernichtet wurden, zeigt jetzt sehr eindrücklich eine Auswahlpublikation der ehemaligen Extra-Wochenbeilage. In 33 Jahren haben im Extra des Republikorgans rund zwei Dutzend Autor·innen und Zeichner·innen rund 4.000 Kurztexte mit ausgereiften Improvisation und durchdachten Augenblicksreagenzen, also Glossen mit besonderer Sensibilität, Aufnahmebereitschaft und Affinität für das Neue veröffentlicht.

Der Printhistoriker Zenker spricht im Bezug auf das 19. Jahrhundert von einer »fast abnormal günstigen Stellung Wiens in dem schriftstellenden Deutschland«. Ihr kultureller Background, wie wir heute sagen würden, machte die Stadt »wie geschaffen zur Hochburg des literarischen Journalismus«. Wie vieles andere wurde Wiens metropolitaner und weltoffener Geist in der faschistischen Ära des 20. Jahrhunderts fast vollständig ausgelöscht. »Die Provinzialisierung des Geisteslebens, der Mangel an Weltgiltigkeit«, schrieb Friedrich Heer 1959, ist »eine direkte Folge der Vernichtung und Austreibung der Juden aus Österreich«.

„Ich habe seit Jahren einen Facebook-Account“, versichert Gerald Schmickl / Foto: Jorgi Poli, Edition Atelier 2025

Austreibung der Moderne! Vernichtung der Intelligenz! – Wir sprechen rückblickend von einer einzigartigen Blütezeit der Zeitungspublizistik vor den Kriegen, das heisst von den Scherenschnitten und historischen Miniaturen eines Ferdinand Kürnberger, eines Daniel Spitzer, eines Alfred Polgar, eines Otto Stoessl, eines Anton Kuh, eines Hans von Tabarelli und etlicher anderer. Als nach 1945 auf den Strassen noch Tramways aus der Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg und auf den Schienen noch Dampflokomotiven fuhren, versuchten Hans Weigel und Hilde Spiel an die Tradition des literarischen Journalismus anzuknüpfen, späterhin Glossist·innen in der Tageszeitung Die Presse und in dem Wochenblatt Der Falter.

Renaissance des literarischen Journalismus

Den letzten konsequenten Versuch aber, die hohe schreiberische Qualität von einst wiederzuerlangen, den startete die Spitzmauskarawane in der Wiener Zeitung. Der Anstoss, die Originalität des Wiener Feuilletons neu zu beatmen, kam im Herbst 1989 vom Soziologieprofessor Holger Rust, der neben der österreichischen Publizistik auch die US-amerikanische beforschte.

Es sind dreizehn Männer und zwei Frauen, die im vorliegenden Reprint das zentraleuropäische Alltagsleben noch einmal zur beredsamen Geltung bringen. Darunter Holger Rust natürlich, mit Andrea Wirthensohn ein zweiter Passdeutscher (unter kulturdeutschen Österreichern), Beiträger·innen aus der Provinz, Réne Freund, dem wir auch ein grossartiges Buch über verkannte Landsleute verdanken, der Torberg-Nachlassverwalter David Axmann, sowie Mario Rauch, der den allerersten Philosophen auf österreichischem Boden, Hermann de Carinthia, der verschnarchten Philosophenzunft in diesem Land bekannt gemacht hat.

Das auf die 250-Buchseiten geschrumpfte Karawanenzelt ordnet Alltag, Natur »und sonstige Zumutungen« in 27 Kapiteln von ›Amor‹ bis ›Zufall‹. Die Auswahl der 111 Texte entgeht nicht gewissen Stereotypen. Der Bruch mit unserem mediterranen Erbe männlicher Dominanz, das traditionell Männern den öffentlichen Bereich und Frauen den privaten und häuslichen Bereich zuschreibt, kehrt leise wieder. Über Gartenarbeit schreiben nur Frauen – und über Automobilität nur Männer, als zierte der grüne Daumen zwingend eine weibliche Hand und als lägen am Lenkrad nur Männerpratzen.

Ritter des Bankschalters Franz Zauner / Foto: Sarah Legler, Edition Atelier

Freilich kreuzt die Karawane auch die Kapitel »Literatur«, »Philosophie«, »Pop«, »Prominente« und »Reise« mit männlicher Beteiligung, und »Sprache«, »Fauna«, »Klima«, »Stillster Ort« mit gemischter Autorenschaft. Wie möchte das gedeuten sein? Eine Ameisenkönigin beisst Männchen die Flügel ab … eine grausame Gottesanbeterin verschlingt ihren Sexualpartner … Besucher eines Swingerclubs werden von einem über seinen eigenen Mut verblüfften Softie eingeschüchtert – auf durchaus verschiedene Arten steckt die Männlichkeit in diesem Buch in der Krise.

Wieso sich die Post-Feuilletonisten über Lyrik hermachen mussten und das dichterische Wort unter das Brennglas von Heurigenhumor legten, ist mir ein Rätsel geblieben. An der Zeitgenossenschaft von Friederike Mayröcker, Robert Schindel, Michael Donhauser und anderen ernsthaften Poët·innen kann es jedenfalls nicht gelegen sein. Zwischen Wienerischer Kabarett und die unerbittlichen sprachlichen Sorgfalt des Gedichts gestellt, entschied sich die Spitzmauskarawane gegen das besonderen Spannungsfeld der Konzentration, das wir Dichtung nennen.

Diese Reserve gegenüber der Gattung ist natürlich in Ordnung. Schon weil die betreffenden Glossen zum Schmunzeln einladen und im nächsten Augenblick auch schon wieder vergessen sind.

Verkommenheit der Gegenwart

Wir erfahren etwas über die trockene Freundlichkeit der Berliner. Wir erfahren, dass der Planet Erde aus ausserirdischer Sicht in erster Linie ein Finanzplatz ist, und sonst gar nichts. Weiters, dass es 1958 unstatthaft war, im Schwimmbad einen Handkuss zu applizieren. Wir hören, dass das Wort »Tischgesellschaft« abzulehnen ist, weil der Tisch gar keine Gesellschaft will. Dass es keine gute Idee ist, Soziale Medien grundsätzlich für alles verantwortlich zu machen, was zur Verkommenheit unserer Gegenwart beiträgt.

Bis-hinter-die-Ohren-Philosoph David Axmann / Foto: Archiv Schmickl

Vernehmen Sie doch noch einmal, was das Römervolk mit Fluchtäfelchen verfluchte. Oder wie sich durchschnittliche Berufstätige den Ablauf einer Pension vorstellen (»Sie ist jeden Tag gleich. Nichts verändert sich«). Hören Sie, welchen Bildungseffekt Trödelsendungen auf Sie haben könnten. Warum uns der stationäre Einzelhandel heilig sein sollte. Und natürlich auch, wie unglaubliche viele Bären, Adler, Ochsen und Hirschen das Gastgewerbe in Namensschildern vor sich herträgt.

Wussten Sie, dass auch andere Menschen Bewertungsfanatiker sind? Und dass das Smartphone das neue »Brett vor dem Kopf« darstellt? – Nein, aber sicher sind Sie auch der Meinung, dass der Statement-Vorlauf bei TV-Interviews, bei dem das Objekt dynamisch durch die Szene schreitet, eine Zumutung für jeden ORF-Kunden darstellt.

Man erkennt hier schon, wo die Stärke der wöchentlichen Extra-Beilage lag: die Redaktion steigerte mit Kulturgeschichte, Sprachkritik und Alltagsbeobachtungen das Wohlbefinden durch Lesen, löste Freude aus und half der Stammklientel, mit Witz und Ironie durchs Leben zu kommen.

Stein-ins-Rollen-Bringer Holger Rust / Foto: Sarah Legler, Edition Atelier

So hing in der Wiener Zeitung die Latte für den literarischen Journalismus 33 Jahre lang wieder einigermassen hoch. – »Stil haben heisst Gedanken haben und dieses Gedanken ihrer Natur gemäss ausdrücken«, hat der gelungene Wahlwiener Ludwig Speidel 1893 erklärt. »Wozu im Ausdrucke noch ein persönliches Moment kommt, nämlich, wie die Gedanken in eigener Weise mit der schreibenden Persönlichkeit zusammenhängen«.

Die Spitzmauskarawane punktete vor allem thematisch. Mit krassen Sprachverfehlungen. Mit der Lebensdauer von Speichermedien. Mit der Entdeckung der Brachialpoësie in Ladenaufschriften (der Friseur namens »Kopfsache«, das Restaurant namens »Essbar«). Mit der Möglichkeit aus Prominentennamen durch pointierte Betonung überraschende Sätze zu bilden (»Pierre Brice seinen Freund Old Shatterhand in höchsten Tönen«). Mit den beiden besten Freunden des Versprechers, dem Verleser und dem Verschreiber. Mit Sprachregeln (»Man tut nicht tut gebrauchen«). Mit Grussritualen und, ja, mit dem Rülpsen als interkulturelles Missverständnis.

In den Texten sind teils altertümlich wirkende Formulierungen zu finden: »bekanntlich, dermassen, ebenbürtig, beiläufig, etliche, wie dem auch sei, regelkonform, blümerant, abschasseln, akkurat«. Manchmal geht die Formulierfreude mit einem Glossisten derart durch, dass »der Weltgeist seine Hand ins Feuer hält« oder die Tautologie »leichtgläubige Altersnaivität« in die Zeilen rutscht.

Das Lesevergnügen freilich überwiegt. An dem »ansonsten beschäftigungsloser Bademeister«, der Badegäste »kritisch beäugt«, zum Beispiel. Oder an verspielter Wortkreativität: »frugaler Hungerkünstler«, »paranoider Cholesterinflüchtling«. Von seiner Umgebung hat der im Almtal lebende René Freund eine ausgesprochen rasante Meinung: »Wer offenen Auges durch Österreich wandert, wird unschwer erkennen, dass es sich beim männlichen Teil der Bevölkerung um eine Nation von euphorischen Blasenschwächlingen handelt, die sich den ganzen Tag daran erfreuen, Kaffee, Bier und Wein in Wasser verwandeln zu können«.

Das Kapitel »Wien« wird den soeben wiedergewählten Bürgermeister ruhig schlafen lassen. Es behandelt nur Prater, Bim, Taxi und einen Streit in der U-Bahn.

Besonders nahrhafte Texte

»Gedanken ihrer Natur gemäss ausdrücken.« – Dieses hehre Ziel der Hohen Schule wird mit Sicherheit in drei Texten erreicht, die ich hervorheben möchte. ›Zelig im Strassenverkehr‹ von Gerald Schmickl (2018) dokumentiert ausdrucksreich und stilsicher unser paradoxes Mobilitätsverhalten. Warum, fragt der Autor, gehen wir ständig auf Konfrontationskurs mit jenen Verkehrsteilnehmenden, die ein anderes Transportmittel gewählt haben, als wir selbst? Warum verabscheuen wir an einem Tag als Fussgeher Menschen am Radsattel, wenn wir doch am nächsten Tag am Bike empört Fussgänger aus dem Weg klingeln?

Schmickl, leitender Extra-Redakteur, ist kein Zeitungsschreiber geblieben, der ein Metier ausübt, sondern ein Schriftsteller geworden, jemand, der einen Beruf hat, der ihn zwingt, zu in ihm beschlossenen Fragen ein besonderes Verhältnis zu gewinnen und dieses Verhältnis in eine bildnerische Dauerhaftigkeit zu führen. So hat Otto Stoessl 1906 den Unterschied zwischen Journalisten und formschönen Geistern beschrieben.

Neben Schmickl, dem aufmerksamen Liebhaber von Koinzidenzen, der auch als Romancier und Allergieberater in Erscheinung getreten ist, liefert sein langjähriger Buddy Franz Zauner mit ›Ballett der Pünktlichkeit‹ (1993) ein Meisterstück ab. Er schildert das gespannte Warten von Crew und Fluggästen auf den letzten, bereits überall gesuchten Passagier eines Boardings. Zauner erzählt schelmisch als ein zitternd an Mobilitätsarmut leidender Fluggast. Als Kolumnist des damals noch monothematischen Folio-Magazins der NZZ, eine weitere verblichene Glanzleistung des europäischen Printjournalismus, sass der Autor häufig im Flugzeug.

Dritter Pokal: ›Wo denkst du hin?‹ von David Axmann (2003). Der Text spürt  schmunzelnd der Semantik von »Nachdenken« nach, kreist erst in der Stürzhöhe des Falken, landet dann über den Ausdruck »Vordenker« beim »Andenken« und sucht am Ende nach dem Gegensatz von »Anzweifeln«, der ja korrekt eigentlich »Anglauben« heissen müsste. Jede theologische Fakultät zwischen Hainburg und Hohenems wird es gerne bestätigen: Es ist besser, Gott »anzuglauben« als »anzuzweifeln«.

Sündenfall der Austro-Grünen

Als der Gattungsvater Ludwig Speidel zu seinem siebzigsten Geburtstag im Jahr 1900 mit einem Festbankett geehrt wurde, erhobt sich der geniale Kritiker nur zu einem einzigen Satz von seinem Sitzplatz: »Das Feuilleton ist die Unsterblichkeit eines Tages«, und setzte sich sofort wieder hin.

Vor zwei Jahren hat die Kultursprecherin der Grünen-Fraktion im Nationalrat, Eva Blimlinger, die »Unsterblichkeit des Tages« eigenhändig im Eimer ihres konformistischen Technochauvinismus ersäuft. Nein, die Bobo-Partei verteidigt keine geistigen Traditionen in diesem Land, sie errichtet keine publizistischen Barrikaden gegen die unkontrollierbaren Megatechnologien, sie rettet keine aufgeklärte Öffentlichkeit überhaupt. Unter Kunst & Kultur verstehen Grünen-Funktionäre Dabeisein beim Operball und das Schauern vor den fröstelnden Phrasen der Nazis.

Ihr gnadenloser Fiskalkommunismus (»Wenn wir dies und das kürzen, wird alles wieder gut«) hat der Ökopartei herbe Verluste bei den Nationalratswahlen 2024 eingetragen und sie in hohem Bogen aus der Regierungsverantwortung katapuliert. Klimakatastrophe, Energiewende und Lobautunnel hin oder her! Ich schliesse mich der Schadenfreude der echten Mäuse, der Spitzmäuse, der Siebenschläfer, der Maulwürfe und all der anderen kreativen Mitkreaturen über die Halbierung der Bundesgrünen durch das Wahlvolk lachend an.

Was heute staatlich finanziert unter dem Titel WZ im Netz herumkrebst, hat den Namen »Zeitung« keinen Klick lang verdient, und es ist meiner Meinung nach auch an der Zeit, den SPÖ-Vorsitzenden und nunmehrigen Vizekanzler an die versprochene Neugründung der republikeigenen Tageszeitung zu erinnern. Der Mann heisst Andreas Babler und trägt Anzüge von dem Blau, das er vom Himmel herunter gelogen hat.

© Wolfgang Koch 2025

Rauschal, Andreas / Schmickl, Gerald / Tesarik, Andreas (Hg.): Die Spitzmauskarawane. 111 Glossen über Alltag, Natur und sonstige Zumutungen, 256 Seiten mit zahlreichen Cartoons, ISBN: 978-3-99065-130-8, 24,- EUR

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/30/spitzmauskarawane-oder-letzter-glanz-des-wiener-feuilletons/feed/ 0
Zehn wundersame Fastentücher in Kärnten-Koroška https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/04/zehn-wundersame-fastentuecher-in-kaernten-koroska/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/04/zehn-wundersame-fastentuecher-in-kaernten-koroska/#respond Fri, 04 Apr 2025 11:00:49 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4261 Fasten- oder Hungertücher, wie sie auch heissen, haben nichts mit medizinischer Beschwerdelinderung, mit Erholung der Verdauung, Gewichtsverlust oder Verbesserung des Stoffwechselns zu tun. Sie dienen den Gläubigen in der österlichen Busszeit dazu, sich von überflüssigen Genüssen zu befreien. Man/frau stimmt sich auf das höchste christliche Fest ein.

Seit dem 9. Jahrhundert verdecken Hungertücher die oft prachtvollen Altäre und Kruzifixe vor neugierigen Blicken. Oder sie trennen den Altarraum vom Rest des Kirchenschiffes, so dass der Vollzug des Mysteriums im Abendmahl nicht genüsslich betrachtet werden kann. Verzicht … Konzentration … Selbstbeschränkung, um einen inneren Freiraum zu gewinnen, sich empfänglich machen für das Wunder – dieses Vorhaben wird durch eine Renaissance der Fastentücher seit dem II. Vatikanischen Konzil 1967 neu belebt, und sie hat in Kärnten-Koroška und in Nordrhein-Westfahlen besonderen Anklang gefunden.

Fasten- oder Hungertücher sind kunsthistorisch betrachtet, wie der steinerne oder hölzerne Lettner, eine Weiterentwicklung der mittelalterlichen Altar- oder Chorschranken. In der Tradition des jüdischen Tempelvorhangs trennen sie die Gemeinde vom optischen Geschehen des Gottesdienstes, worauf die Redewendung »am Hungertuch nagen« zurückgeht.

Historischer Bedeutunsgwandel

Während der jahrhundertelangen Praxis hat sich in den Verzicht auf Schau und Effekt ein paradoxer Bedeutungswandel eingeschlichen. Die anfangs schmucklosen Tücher wurden im Lauf der Zeit künstlerisch immer raffinierter ausgestaltet. Im 12. Jahrhundert begann man im sogenannten Felder-Typus des Fstentuchs mit der Darstellung der Heilgeschichte – meist mit der Erschaffung der Welt und dem Jüngsten Gericht am Ende. Das liturgische Tuch diente so der Verkündigung des Glaubens mittels einer lebendigen Armenbibel, die auch Analphabet·innen verstehen konnten.

Seit den 1980er-Jahren kommen verstärkt progressive Gegenwartskünstler·innen und Laien bei der Gestaltung zum Zug. Den Professionisten geht es in der Regel um die Unmittelbarkeit, das Grundmerkmal des Bildes, also um seinen ursprünglichen Widerstand gegen die Mediation.

Inhaltlich verschiebt sich der Schwerpunkt der neuen Tücher stets weiter auf die pathetische Darstellung von Verletzlich- und Abschiedlichkeit des Lebens. Aus der freudigen Erwartung und der zuversichtlichen Hoffnung auf das Osterfest wird so ein düsterer Todeskult der Selbstanklage, die österliche Busszeit versinkt in einer neuen Lust am Memento mori mit Totenschädel (Gottfried Helnwein), Kreuzblut (Valentin Oman) und Flüchtlingszelten (Jakob Kirchmayer).

Schwierige Suche nach Qualität

Unter den etwa 300 Fastentüchern in rund 170 römisch-katholischen Pfarren Kärnten-Koroškas findet sich heute ein Wulst naiver Bauernmalerei, ein Berg von religiösem Kitsch aller Art, volksfromme Näharbeiten, eine Kopie des Turiner Grabtuchs, farbige Handabdrucke und zahlreiche ungelenke Collagen von Kinder- und Jugendzeichnungen. In dieser disparaten Bilderwelt Qualitätvolles aufzuspüren, ist nicht einfach. Ein wenig hilft dabei die bereits in der dritten Auflage erschienene Reisebroschüre ›Fastentücher in Kärnten-Koroška‹ von Roland Stadler und Monika Suntinger. Zusätzlich lässt sich die Website der Katholischen Kirche Kärnten-Koroška konsultieren.

1. Fasttuch von Haimburg, 1504

Fraglos das kostbarste der erhaltenen Kunstschätze mit dem Flair altniederländischer Landschaftsmalerei. Der Künstler ist unbekannt. Ein netzartiger Untergrund bildet sechs Register, in denen die 36 durch das altrote Gitter getrennten Bilder des ikonographischen Programmes wie in einer Streifenprojektion förmlich zu laufen scheinen. Diese lebende Bibel beginnt in gütigen Szenen mit einem aschgrauen Schöpfergott, der jung auf uns wirkt, weil die Menschen vor einem halben Jahrtausend noch nicht sonderlich alt wurden. Es treten Gestalten von Cranach’scher Zartheit in grünen Landschaften in Erscheinung und vermitteln uns neben der christlichen Botschaft auch ein Bild von der zeitgenössischer Kleidung und den Rüstungen, als noch Pfalzgrafen mit Heerhaufen durch Europa marschierten und den Bannspruch der Reichsacht zu fürchten hatten. Umgebung, Akzent und Hintergrund der Bilder sind mythisch: sie würden nicht aussagen, was sie aussagen, wären sie auf die heutige Plausibilität reduziert.

 

2. Fastentuch von Oswalt Kreusel in Millstatt, 1593

In der prachtvollen Ausstattung der Pfarrkirche St. Salvator und Allerheiligen fügen sich vier Stilepochen harmonisch ineinander. Wir betreten das Innere durch das romanische Trichterportal. Eine zusätzliche Trennwand im Vorraum verstärkt noch die uterale Atmosphäre, bevor uns am Ende des Hauptschiffs ein perfekt ausgeleuchtetes Hungertuch in den Bann zieht, dessen Schönheit spielend jeden barocken Hochaltar übertrifft. Der Sankt Veiter Kunstmaler hat es in einer Höhe von 8,4 Metern im Auftrag des St-Georgs-Ritterordens geschaffen, mit Wasserfarben ausgeführt und die Trennlinien der 29 Szenen aus dem Neuen Testament mit schwarzen Strichen markiert. Schon das unterscheidet dieses Tuch von allen anderen. Den Abschluss bildet ein Weltgericht, – und das tut es umso verblüffender, als unmittelbar daneben, an der Südwand des Kirchenschiffs, das sieben Jahrzehnte ältere und inzwischen arg ramponierte Weltgerichtfresko von Urban Görtschacher prangt. Durch die Hängung verdoppelt sich also der Weltenrichter auf dem Regenbogen, verdoppeln sich die posauneblasenden Engel, vervielfacht sich die aus dem Unendlichen tretende Herde der Erlösten und ebenso die aus dem Unendlichen strömende Rotte der nackten Verdammten.

3. Fastentuch von Karl Wolschner im Maria Saaler Dom, 1994

Die sich seit den 1980er-Jahren epidemisch ausbreitende Fastentuch-Mode erliegt, wo nicht gerade Kinder- und Jugendzeichnungen zusammengeschustert werden, einem fatalen ästhetischen Hang zur Abstraktion. Schmerz, Leiden, Konzentration, Busse – das alles scheint sich in der Kunst der Gegenwart nur mehr in einer ungegenständlichen Sichtweise mit den entsprechenden pathetischen Effekten abbilden zu lassen. Umso höher ist die Leistung von Karl Wolschner einzuschätzen, dessen Tauchbatiktechnik das Raster des klassischen Felder-Typs in der Textur fein zitiert. Ursprünglich für den Stephansdom vorgesehen, strahlt das von einer gotischen Plastik kopierte Antlitz des Erlösers nun in Ocker- und Brauntönen mutig monumental durch den Dombau zu Maria Saal. Der Zeremonienraum bleibt dabei frei. Tränen kleben dem Geschundenen wie Nacktschnecken am Lid. Kopfhaar und Bart laufen in psychedelischen Schlieren aus. – Kein Hungertuch würde sich besser zur Heilighauptandacht eignen als genau dieser verspätete Surrealismus Wolschners. Perfekt dazu passend eröffnete die Geistlichkeit eine Passionsmesse mit zurückhaltenden Gamelanklängen und Wolken von wohlduftendem, entzündungshemmendem, schmerzlinderndem, immunmodulierendem und antimikrobiellem Weihrauch, wie man ihn in keiner Wiener Kirche mehr in dieser Menge abzubrennen wagt.

4. Fastentuch in der Pfarrkirche St. Martin von Baldramsdorf, 1555

Der Ort liegt nahe bei Millstatt. Beim Betreten der putzigen zweischiffigen Halle glaubt man zunächst an einen Irrtum, weil einem das blaumarmorierte Gehäuse des Hochaltars von 1773 ganz unverhüllt entgegenquillt. Keine Angst, das Baldramsdorfer Fastentuch aus acht senkrechten Bahnen ist heute im südlichen Schiff an der Wand installiert, wo die 39 restaurierten Bildfelder in aller Ruhe inspiziert werden können. Gemalt wurde mit Leimfarbe auf Leinwand. Etliche Motive übernahm der unbekannte Künstler ungeniert aus Holzschnitten von Lukas Cranach und Albrecht Dürer. Der Reigen beginnt mit der Erschaffung der geozentrischen Welt, in der Symbole von Sonne und Mond in Bahnen um die Erde kreisen. Die Ecce-Homo-Episode ist auf die Urteilsverkündung durch den römischen Statthalter Pilatus reduziert.

5. Violettes Fastentuch in der Klagenfurter Stadthauptpfarrkirche St. Egid

Die grosse Emporenkirche der Landeshauptstadt hat mit der Gruft des frankoamerikanischen Schriftstellers und Konvertiten Julien Green (›Die Sterne des Südens‹, ›Jeder Mensch in seiner Nacht‹), sie hat mit den Deckenfresken von Josef Ferdinand Fromiller und sie hat mit der 1989 von Ernst Fuchs gestalteten apokalyptischen Psychonauten-Sakristei so viele Attraktionen auf einmal zu bieten, dass sich das Haus ganz unbeschwert auf die ursprüngliche Tradition des Fastentuchs verlassen kann. Bis zum Passionssonntag bleibt der Hochaltar mit seinen Kreuzen und Standbildern durch ein einfaches samtenes violettes Tuch verhüllt. Das ist nicht so ungewöhnlich und auch in kleinen Kirchen wie zum Beispiel in der Pfarre Maria Rain / Žihpolje immer noch gängige Praxis. Wenn weniger mehr sein soll und die Fastenzeit dazu dient, uns für die Feier des Osterfestes bereit und empfänglich zu machen, dann fastet das Auge bestimmt nur dort, wo es sich konsequent der neugierigen Blicke enthält.

6. Monumentales Fastentuch im Gurker Dom, 1458

In Kärntens grösstem romanischen Kirchenbau ist das Fastentuch der Superlative zu besichtigen. Das »älteste erhaltene bemalte Stück Europas« mit 99 Bildfeldern besteht eigentlich auch zwei Tüchern, die zusammengenäht wurden und einst wie ein Vorhang geöffnet werden konnten. Als Jesus starb, heisst es im Evangelium, »riss der Vorhang des Tempels entzwei« (Mt 27,51). Die Passionsgeschichte nimmt hier nur vierzehn Prozent des reichlich vorhandenen Bildraums ein. Mitten in die Heilserzählung – und gewissermassen zur Unterhaltung – wurden auch mythische Stoffe wie die Ermordung Julius Cäsars und Alexander der Grosse vor dem Hohepriester gemischt. In der Ecce-Homo-Darstellung tritt Pilatus mit vor der Brust verschränkten Armen neben den gefesselten Christus, was gebildete Demokrat·innen an die Interpretation des Johannes-Evangeliums erinnern könnte, die der österreichische Staatsrechtsgelehrte Hans Kelsen 1920 von der »grossartigsten Darstellung [des demokratischen Prinzips] in der Weltliteratur« gegeben hat. Nach Kelsen lud der Statthalter Roms die versammelten Juden schlicht zum Abstimmung darüber ein, ob sie lieber einen selbstermächtigten Herrscherkönig über ihren Köpfen oder den fiesen Räuber Barabbas begnadigen wollen. Kelsen erkannte darin quasi die Urszene im ewigen Krieg zwischen Autoritarismus und demokratischer Volksvertretung. – Bereits im Museum, nämlich in der Schatzkammer Gurk, ist das mittelalterliche Fastentuch der kleinen Pfarrkirche Steuerberg zu besichtigen. Die Transformation der Sakralkunst in von spirituellem Sinn befreites Kulturerbe ist auch in Kärnten-Koroška in vollem Gang. Die ihres Hungertuchs beraubten katholischen Gläubigen in Steuerberg müssen jetzt mit einem Textildruck afrikanischer Volkskunst aus dem Weltladen Vorlieb nehmen.

7. Fastentuch von Ferdinand Penker in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Strassburg, 2009

Hier hängt ein zwölf mal sechs Meter grosses Fastentuch, das der Abwesenheit des Körpers Fleisch, das heisst Karnation und Sichtbarkeit durch die Anmutung einer raumfüllenden Serien von Röntgenaufnahmen verleiht. Der Durst, das Unsichtbare zu sehen, wird in 103 rot gerahmten und mit Schriften garnierten Feldern befriedigt, die dumpfe Knochenmasse im Negativ festzuhalten scheint. Zweifellos bewohnen hier mehrere Stimmen das »Tuch der vierzig Tage« und erziehen uns zu einer nebulosen Botschaft von Unschuld und Spiegelverkehrung, von Homonymie des Bildes und Erschliessung des Schriftsinns, von Weltende und Auferstehung.

8. Fastentuch von Maria Bichl / Lendorf in der Klagenfurter Rektoratskirche Christkönig, 16. Jh.

Zu dem erst 1924 wiederentdeckten Leidenstuch gelangt man durch das Diozesanhaus in der Tarviserstrasse. Der vom Wiener Dombaumeister Karl Holey geplante Sakralbau mit buntfärbigem Terrakotta im Inneren erinnert nicht zufällig an den Rustikalstil von Clemens Holzmeister, als dessen Vorläufer Holey gilt. Die 36 erzählenden und bereits stark verblassten Bilder der Biblia pauperum sind auf der Vertikalen durch Säulen unterteilt. Kurioses wie die Verlobung von Josef und Maria oder der Abschied des Gottessohnes von seiner Mutter wird neben kanonisierten Darstellungen ins Bild gesetzt. Wir erkennen heilige Handschläge und Christus bei der Himmelfahrt im knallroten Raumfahrer-Cape.

9. Kreuzweg-Fastentuch von Valentin Oman in Latschach / Loče am Faakersee, 2006

Wer den ›Piraner Kreuzweg‹ (1991/2016) in der neuromanischen Seminarkirche Tanzenberg, ein Hauptwerk in Mischtechnik auf Holz des slowenischen Kärntner Künstlers, kennt, wird das blutumspülte T-förmige Antoniuskreuz in der Pfarrkirche St. Ulrich sofort als Doublette identifizieren. Doch der im nahen Finkenstein lebende und arbeitende Artist lässt auf den ersten 13 Kreuzwegstationen des acht mal fünf Meter messenden Fastentuchs noch deutlicher als in Tanzenberg bedrucktes Zeitungspapier – eine Collage von kroatischen Zeitungsausschnitten der Kriegstage – als Malgrund für das Kreuz erkennen. Das XIV. Bild zeigt wiederum wie in Tanzenberg den Übergang von Chaos und Gewalt zum Frieden. – Doch welche Überlegung hat den Palimpsest-Fanatiker Oman geritten, zwischen den beiden letzten Stationen einen mannshohen Durchgang aus dem Tuch zu schneiden und so den Blick auf das goldglänzende Allerheiligste freizugeben? Soll das Fastentuch denn nicht gerade den Prunk verhüllen? In Latschach hat der Künstler den ohnehin schon paradoxe Schaueffekt dieses Bildformats also noch eine quälende Windung weitergedreht. Und wir erkennen auch: Der Tiroler Künstler Jakob Kirchmayer hat es Oman 2024 mit den gerafft und geknittert 140 Quadratmeter Stoff in der Wiener Michaelerkirche, der ebenfalls spektakuläre Durchblicke auf den Hochaltar gestattete, nur nachgemacht.

10. Installationsvorhang von Anton Schurrer in der Klagenfurter Domkirche St. Peter und Paul, 2025

Dieses Leidenstuch in der ehemals grössten protestantischen Kirche Österreichs ist zunächst gar nicht als solches zu erkennen. Der steirische Lichtkünstlers hat aus einem schwarzen Vorhang mit der Aufschrift »JENSEITS« einen Riesenphallus zwischen Kreuz- und Hochaltar aufgepflanzt. Es handelt sich bei der Installation um einen betretbaren zwölf Meter hohen Tunnel, in dessen Inneren sich eine Videoprojektion abmüht, den Staunenden ein Gefühl der Schwerelosigkeit zu vermitteln. Der Künstler will damit die ausserkörperliche Erfahrung von »Nahtoderlebnissen symbolisieren«. Das wollten auch die Hippies schon mit L.S.D. Airlines – und zwar ohne Garantie für die Einhaltung der Abflugzeiten. Immerhin originell, dass sich der Nahtod-Tunnel oben im Schiffsgewölbe exakt auf das Fresko von Mariens Himmelfahrt hin öffnet und die Neugierigen gleichsam mit ihr der Erde entschweben.

© Text und Foto: Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/04/04/zehn-wundersame-fastentuecher-in-kaernten-koroska/feed/ 0
Der Körper als bevorzugtes Ausdrucksmittel https://blogs.taz.de/wienblog/2025/03/17/der-koerper-als-bevorzugtes-ausdrucksmittel/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/03/17/der-koerper-als-bevorzugtes-ausdrucksmittel/#respond Mon, 17 Mar 2025 19:56:12 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4239 Der kurze Sommer des Wiener Aktionismus dauerte kaum länger als eine Dekade. Mehr als ein halbes Jahrhundert später lässt sich noch immer nicht mit Bestimmtheit sagen, ob es sich bei dem Rumor im Kunstbetrieb um einen Abgesang oder um ein Nachhutgefecht der Avantgarden des 20. Jahrhunderts gehandelt hat. Hatten es die Golden Sexties in Wien mit einer Zerfallserscheinung der Bohème, mit kreativer Nostalgie oder einfach nur mit der köstlichen Exzentrik eines Männerbundes zu tun?

In der aktuellen Must-See-Show ›Vier Aktionen‹ im Wiener Aktionismus Museum (WAM) werden zwar keine direkten Antworten auf diese Frage angeboten, aber doch ausreichend Material, um sich selbst Gedanken zu machen.

Ewige Wiederkehr der Schablonen

Bis heute wiederholt die Kunstvermittlung ja zumeist nur die Selbstinterpretationen der Aktionen von Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch als »Body Art«, als »Provokationskunst« oder als Vorstufen zu dem immer noch existierenden »Orgien Mysterien Theater« (Rudolf Schwarzkogler ist zu früh verstorben, um seiner Selbsthistorisierung beizuwohnen), und wäre in den internationalen Diskurs über die Bewegung nicht auch der Mentalitätshistoriker Peter Gorsen involviert gewesen, wüssten wir bis heute nichts vom Bataille’schen Momenten der Verausgabung, vom wilden Exzesses und von der ästhetischen Mythe der Reinigung, die diesen spektakulären Kolllaborationen innewohnten.

Um uns späteren Existenzen die im Frühjahr 1965 im Perinetkeller durchgeführte Aktion ›Silber‹ von Günter Brus ins Gedächtnis zu rufen, zeigt Kurator Roman Grabner 300 teils frappierende Fotografien auf vier Monitoren und an den Wänden im Untergeschoss des Museums. Dazu muss man wissen, dass der Künstler zeitlebens diese frühe und am besten dokumentierte seiner Aktionen selbst nie publiziert hat.

Günter Brus, Silber, Frühjahr 1965, Bilder: Ludwig Hoffenreich oder Siegfried Klein / WAM

Bereits 1964 skizzierte Brus nämlich seine erste Selbstbemalung, mit der er dann zeitverzögert berühmt geworden ist. Die Aktion ›Silber‹ geriet irgendwie zwischen Idee und Ausführung der Selbstbemalungen. Und es scheint sich dabei um einen künstlerischen Irrweg oder um eine Sackgasse gehandelt zu haben.

Eine solche perspektivische Wendung im Werkprozess macht die Aktion heute natürlich umso interessanter. Die Spezialist·innen des WAM assoziieren mit der rätselhaften Silberfolie Gustav Klimts Passion für das Arbeitsmaterial Gold. Brus, meinen sie, habe mit dem Metall bewusst oder unbewusst auf das Fin de Siècle anspielen wollen.

Es tauchen in der Aktion ›Silber‹ aber auch eine Gipssemmel und schwarz bemalte Damenbeine auf. Das passive Modell des Künstlers ist seine Frau Anna; von Otto Muehl hatte der damals 27jährige Brus eine Farbsprühmaschine ausgeborgt.

Ohne Frage war das Spiel mit symbolträchtigen Gegenständen und Formen auf den direkten Einfluss von Hermann Nitsch zurückzuführen, der sich seinerzeit bereits sieben Jahre lang mit der Ikonographie schwerer Zeichen wie Kreuz, Nacktheit und Blut herumschlug.

Rudolf Schwarzkogler, 4. Aktion, 18. Dezember 1965, Bilder: Franziska Cibulka (WAM)
Otto Muehl, Materialaktion Nr. 11, Mama und Papa, 4. August 1964, Bilder: Ludwig Hoffenreich und Siegfried Klein (WAM)

Am verblüffendsten sind mehrere Schwarzweissaufnahmen in der Schau, wekche die weibliche Akteurin in einem rasch zusammengenähten Nonnenhabit und den männlichen Akteur mit Zylinder zeigen. Das scheint ganz unmittelbar an den Surrealismus eines Clovis Trouille anzuknüpfen.

Kostümierungen kommen aber – wenn wir vom Malerkittel in Nitsch-Aktionen einmal absehen – in der Wiener Aktionskunst sonst gar nicht vor. Günter Brus scheint den Irrtum dieses Varietéeinfalls rasch erkannt zu haben. Einem wirklichen ästhetischen Aufbruch, der auf direkte Anschaung, auf direkte Sinneserfahrung, auf nackte Materialität und auf das Daseinsgefühl als das allererste Gefühl des Menschen setzt, mussten die Kostüme total falsch und suspekt erscheinen.

Mochten die Surrealist·innen auch in Kleidern Organprojektionen der Haut, der Hülle schlechthin, erkannt haben, mochten ihre avantgardistischen Vorläufer den Stoff als am Menschen teilhabende Essenz beschrieben haben, das Wiener Kleeblatt brach wie ein Haufen entschlosseren Pioniere zu ganz neuen Ufern auf, die dem Surrealismus in der ersten Jahrhunderthälfte verschlossen blieben.

Wir könnten auch einmal fragen, ob im Wiener Aktionismus nicht eine starke und überschäumende Freude am Sinnlichen wiedergekehrt ist, wie sie die Besten der Alten schon kannten? Pierre-Auguste Renoir wird das alle Puristen und Puristinnen verstörende Wort zugeschrieben: »Un peintre, voyez-vous, qui a le sentiment du teton et des fesses, est un homme sauve« (Wissen Sie, einem Maler, der ein Gespür für Brust und Hintern hat, kann nichts mehr passieren).

Von Brust und Hintern seiner Frau verstand Brus eine Menge. Nitsch bevorzugte die flachbrüstige Ebenmässigkeit hellenistischer Körpergestalten. Muehl lockten die Signale des Androgynen. Gewiss war in den Akten der Wiener Performer auch da und dort Provokationslust mit dabei. Zu wissen, dass wir bestimmte Dinge nicht tun können oder nicht tun sollten, schmeichelt uns bekanntlich.

Das Ausagieren von Emotionen in der tabubehafteten Nachkriegsordnung erscheint heute als eine Art ein Rock ’n‘ Roll der Bohème. Aber das war sicher nicht alles. Und wenn es etwas Neues zum Wiener Aktionismus zu sagen gibt, dann sollte es in diesem glücklichen Museum gesagt werden.

Neuer Horizont Mediengeschichte

Die Kunstgeschichte betreibt immer noch viel zu wenig Mediengeschichte. Sie schmort im Saft ihrer bildphilosophischen Referenzen und ihrer archivarischen Restitutionsangelegenheiten. Wie alle Aktionen aus den Jahren 1963 bis 1965 zeigt sich in ›Silber‹ eine erstaunliche Opposition gegen die damals gerade aufkommenden Fernsehgesellschaft.

Warum nicht das ganze Phänomen des Wiener Aktionismus als widerspenstige Reaktion auf einen Umbruch in der modernen Mediengesellschaft begreifen? Wir sehen in dieser Schau, dass sich die Artisten mit Händen und Füssen gegen die neue visuelle Wahrheit des Fernsehens, gegen die visuelle Kommunikation der »sich gebärdenden Körper« (Béla Balázs) gewehrt hat.

Was sich während des kurzen Sommers des Aktionismus in der Realgesellschaft vollzog, war eine Ästhetisierung der soziale Welt als Dominanz des Visuellen. Der Bedeutungszuwachs der Bildlichkeit in der Medienwelt durch Rotationsdruck und Televsion liess in den 1960er-Jahren neue Lebensformen entstehen, die durch Wahrnehmungen konstruiert waren. Die Sinneswahrnehmung der bildlichen Repräsentation wurde zur Sinneswahrnehmung der Welt.

Heute prägen inszenierte und produzierte Bildeindrücke ganz selbstverständlich Form und Inhalt unserer Wahrnehmungen. Im multimedialen Bewegtbild von TV und  Neue Medien verschmelzen Projektionen und Realität sowie die Wechselwirkung zwischen beiden auf so vollkommene Weise, dass wir sie nicht mehr trennen können.

Unsere Erfahrungen mit elektronischen Medien haben uns gelehrt, den Alltag so zu erleben wie die Augen das Fernsehen wahrnehmen, oder die Ohren reproduzierte Musikklänge. Wir erfassen sensorische Information im Bruchteil einer Sekunde und nehmen unsere Existenz als kontinuierlichen Strom vieler, schneller Ereignisse wahr.

Nach dem Besuch dieser Ausstellung wissen wir schlagartig wieder, was Gil Scott-Heron so eindringlich gemeint hat, als er 1969 »The Revolution Will Not Be Televised« sang.

© Wolfgang Koch 2025

Fotos: Manuel Carreon Lopez, courtesy WAM 2025, Wien

Wiener Aktionismus Museum, 1010 Wien, Weihburggasse 26, bis 27. Juli

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/03/17/der-koerper-als-bevorzugtes-ausdrucksmittel/feed/ 0
Durch die Tragödie vermittelter Optimismus https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/28/durch-die-tragoedie-vermittelter-optimismus/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/28/durch-die-tragoedie-vermittelter-optimismus/#respond Fri, 28 Feb 2025 15:03:58 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4225 Es begann mit einer fulminanten Werbekampagne. Durch die Stadt kurvte eine mit Aktionsfotos beklebte Bim, wie in Wien die Strassenbahn genannt wird. Aber die Eröffnungsausstellung des Wiener Aktionismus Museums (WAM) war doch nur eine brave Fotoschau; der für Sommer 2024 angekündigte Katalog hat leider weitere sechs Monate auf sich warten lassen, und Chefkuratorin Eva Badura-Triska liess sich bei der Eröffnung mehrfach als »Grande Dame des Wiener Aktionismus« ansprechen, was die verdienstvolle Kunsthistorikerin natürlich nicht ist.

Es gab nie eine »Grande Dame des Wiener Aktionismus«, und wenn es eine gegeben hätte, dann wären Anna Brus, Hanel Koeck-Gorsen oder Ingrid Wiener als eine solche anzusprechen gewesen. Der Wiener Aktionismus war eine Männerveranstaltung mit stark viriler Ausstrahlung, in der sich junge Aufsteiger im Kunstbetrieb ihre Freudinnen und Gattinnen als Versorgerinnen, als Musen, Inspiratorinnen, Managerinnen und als im Wesentlichen passive Akteurinnen hielten.

Hier sind wir bei einem weiteren Schwachpunkt des WAM. Es blieb uns im ersten Jahr seines Bestehens die grossspurig angekündigte Neubewertung der Geschlechterdifferenz im Handlungsfeld der Aktionisten ebenso schuldig wie den versprochenen kritischen Umgang mit dem zweifelhaften und rechtskräftig verurteilten Mitstreiter der Bewegung Otto Muehl.

Üble Praktiken des Kunsthandels

Umso erfreulicher ist, dass das von Privatsammlern getragene WAM mit der Halbjahresausstellung ›Vier Aktionen‹ endlich einen Weg gefunden hat, eine hochinformative und zugleich geschmackvolle Präsentation jener Avantgardetruppe vorzunehmen, die den Körper als bevorzugtes Ausdrucksmittel gewählt hat.

Dokumentation Günter Brus, Silber, Frühjahr 1965 / Foto: Ludwig Hoffenreich oder Siegfried Klein, WAM

Zu sehen sind in der Wiener City alle vorhandenen Fotodokumente von vier klug und spannend ausgewählten Aktionen, welche die Protagonisten in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre in einem Kellerraum und in einer Privatwohnung nach zuvor festgelegten Partituren durchgeführt haben: ›3. Aktion‹ (1963) von Hermann Nitsch, ›Mama und Papa‹ (1964) von Otto Muehl, ›Silber‹ (1965) von Günter Brus und ›4. Aktion‹ (1965) von Rudolf Schwarzkogler.

Die Materialaktion ›Mama und Papa‹ mit viel nacktem Fleisch, Federn, Farbe und Blumen fand in dem 2014 wiedererwachten Perinetkeller in Wien-Brigittenau statt. Kurator Pascal Zoss hat in jahrelanger Recherche mehr als 300 Schwarzweiss-Negative, die von zwei Fotografen stammen, gesichtet und damit (ergänzt noch durch Filmstills in Farbe) entlang einer Timeline das gesamte Aktionsgeschehen rekonstruiert. Dazu muss man wissen, dass der Wiener Kunsthandel seit Jahrzehnten mit dem dokumentarischen Material der Aktionen Schindluder betreibt: Es wurden und werden Negative, Dias, Abzüge und Kontaktstreifen willkürlich dupliziert und an Sammler·innen verschachert. Die Künstler haben aber nur ganz bestimmte Aufnahmen aus dem Material autorisiert. Detallierte Werkverzeichnisse fehlen bis heute.

Informative Gegenüberstellung

Das Wiener Aktionismus Museum fand eine intelligente Lösung für das Dilemma der Kunstgeschichte. An den Wänden sind kanonisierte Aktionsbilder zu sehen und im Idealfall darunter das gesamte verfügbare Dokumentarmaterial, so dass wir uns 60 Jahre danach ein recht gutes Bild vom Ablauf des Aktionsgeschehens machen können.

Dokumentation Hermann Nitsch, 3. Aktion, Juni 1963 / Fotos Ludwig Hoffenreich und Georg Mikas, WAM

Die Bilder im Nitsch-Raum stammen vom legendären »Fest des psychophysischen Naturalismus« im Perinetkeller, einer Aktion, die damals in der Strasse einen Polizeieinsatz unter reger Anteilnahme der Anwohner·innen auf den Plan rief. Zu sehen sind fotografische Aufnahmen von Ludwig Hoffenreich und Georg Mikes, von denen der Künstler viele nie gezeigt hat.

Das hatte trifftige Gründe! Wir sehen auf den Bildern, dass damals auch ein Kind im Raum war. Wir sehen, dass die Akteure beim Hantieren mit Farbeimern, Gedärmen, Fleischerhaken und Mauerklampfe auch miteinander kommunizierten, dass sie lachten und scherzten. Wir sehen, dass sich die Dokumentaristen gegenseitig im Weg standen. Und Hermann Nitsch scheint auf einer Aufnahme beim Blutorgeln über dem beschmutzten Bett geradezu zu schweben.

Das Bild hätte, so meine ich, wie ›Bichonnade‹‹ (1905) von Jacques-Henri Lartigue, wo zu sehen ist, wie eine Frau lachend die Treppe hinabfliegt, während die Balustrade stur nach oben schreitet, eine weitere Ikone der modernen Kunst werden können. Der über dem Bett schwebende Akteur hätte die Fortsetzung von Philippe Halsmans Jumpology (1950/59) oder, noch besser, von Yves Kleins berühmten ›Leap into the Void‹ (1960) werden können, bei dem der Künstler von einem Dach im Pariser Vorort Fontenay-aux-Roses scheinbar in die Tiefe sprang, was von den Fotografen Harry Shunk und Jean Kender zur Illusion montiert wurde, dass Yves Klein fliegen konnte.

Konsequqnter Verzicht auf Bildgags

Hermann Nitsch hat sein Wirken zeitlebens historisiert, das heisst auf die Rezeption, wo sich die Gelegenheit bot, Einfluss genommen. Dazu gehörte es auch, solche Aufnahmen zu marginalisieren. Der Bildwitz verdankt sich ja der technischen Apparatur der Kamera, welche die Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Augens weit übertrifft.

Das war nach Ansicht des Künstlers vollkommen uninteressant. Für ihn ging es einzig und allein um intensives sinnliches Erfahren der Welt, nicht um virtuose Bildergags. Nitsch strebte mit seinem Werk zum Theater und zum Gesamtkunstwerk. Was ihn auszeichnete, war sein Glaube, ein durch die Tragödie vermittelter Optimismus könnte die eigene Epoche mit Luftkrieg, funktionalistischer Architektur und Windparks wie eine Schuld zurückweisen.

Die Gegenüberstellung von unbeschnittenen und beschnittenen Fotosujets in der Ausstellung zeigt also haarscharf, worauf es den Wiener Aktionisten eigentlich ankam. Sie brachen radikal mit der Logik der Bildunterhaltung. Brus benötigte keine Leinwand; er bemalte seinen Körper. Doch es ging ihm dabei nicht um einen spektakulären Schaueffekt. Nitsch benötigte keinen Sprung in die Leere. Für ihn lag das Sakrale im Bewusstsein unserer Beziehungen zu Kosmos und Tod.

Das Dasein sollte in der Performance als reine Aktualität auferstehen. Wiener Aktionismus – das hiess einen Raum mit Körpern und Materialien füllen und so eine geistige Situation zu schaffen, die sich auf einer konstruierten Ebene mit ihren eigenen inneren Gesetzen abspielt.

© Wolfgang Koch 2025

Ausstellung ›Vier Aktionen‹ im Wiener Aktionismus Museum (WAM), 1010 Wien, Weihburggasse 26, bis 27. Juli 2025. wieneraktionismus.at

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/28/durch-die-tragoedie-vermittelter-optimismus/feed/ 0
Deutschlands korrumpierte Parteien bitten zur Wahlurne https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/14/deutschlands-korrumpierte-parteien-bitten-zur-wahlurne/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/14/deutschlands-korrumpierte-parteien-bitten-zur-wahlurne/#respond Fri, 14 Feb 2025 19:07:32 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4192 Was für ein Trauerspiel der deutsche Wahlkampf uns doch bietet! Als das drängendste Thema wird die Massenmigration verhandelt, für die gewiss keine der Wahllisten eine zukunftstaugliche Antwort hat. Die politische Klasse Deutschlands, ja ganz Europas lügt sich seit einem Jahrzehnt in die Tasche. Der Migrationsdruck aus Afrika und Asien wird sich in den nächsten 25 Jahren bis zum Vierfachen des heutigen Migrationsdrucks von Mexiko auf die Vereinigten Staaten steigern. Selbst eine AfD-Alleinregierung mit den Geschichtsrevisonisten aus Schnellroda wäre nicht in der Lage, die EU-Aussengrenzen und die nationalen Grenzen lückenlos zu schliessen und den illegalen Zuzug von Menschen zu stoppen.

Aus diesem simplen Grund gleicht die alles beherrschende Migrationsdebatte einem Schaukampf zur Abfuhr von Emotionen. Hochgekochte Gefühle dienen Parteieliten zur Erringung und Verfestung politischer Macht. Ihr realer Wert für die betroffene Bevölkerung tendiert gegen Null.

Wenn wir genau hinschauen, sehen wir: Der Bundestagswahlgang 2025 ist ein Ringkampf unter Blinden und Halbblinden auf dem Boden einer ausgehöhlten Demokratie. Am heutigen Tag zum Beispiel beklagen bekannte deutsche Wissenschafter·innen in grossflächigen Zeitungsinseraten »Rückstände in der Digitalisierung« des Landes – finanziert wird die Kampagne von Arbeitnehmervertreter·innen in Aufsichtsräten (Hans-Böckler-Stiftung) –, obwohl uns Mustafa Suleyman gerade sehr eindringlich klar gemacht hat, dass wir keine weitere Vertiefung der Digitalisierung brauchen, weil wir an der Schwelle einer neuen Technologiewelle stehen, in welcher fortgeschrittene KI und Biotechnologie gefährlich zusammenwachsen.

Die Geschwindigkeit des Tech-Monsters überrascht heute selbst ihre Erfinder. Schon morgen werden wir alle täglich mehr mit KI als mit anderen Menschen interagieren. Die Tiktok-Jihadisten sind nichts Kulturfremdes, sondern nur der frontalste Moment der allgemeinen Lage. Aber die eindringliche Warnung vor der Macht der Technosphäre, die uns gerade überrollt, ist im deutschen Wahlkampf nicht einmal in Ansätzen angekommen.

Was die dramatische Teuerung der Lebenshaltungskosten betrifft, spricht einzig und allein Sarah Wagenknecht den sinnlosen europäischen Krieg als Ursache an; ihr Bündnis verdient jede Proteststimme – vor allem die Wut auf den Bellizismus des Nato-Kartells aus Grünen, SPD, CDU/CSU und FDP. Der Rest der Wahlschlacht: Showkämpfe!, unbedachte Medieninszenierungen! Der Rest der Debatte: Symbolpolitiken! und abgrundtief sprachlose Résistance-Simulationen gegen eine Diktatur, die bereits vor achtzig Jahren unter dem grössten Blutzoll des 20. Jahrhunderts militärisch besiegt wurde.

Trotz dieser kollektiven Realitätsverweigerung, und nichts anderes ist dieser Wahlkampf, setzt sich ein illusionsfreier Mann, der Linksdemokrat Marco Bülow, der 19 Jahre lang für die SPD im Bundestag sass und heute Martin Sonneborns verdienstvoller Satire-Liste »die PARTEI« angehört, hin und schreibt schon ein zweites Buch über die Demontage der Demokratie durch den grassierenden Profitlobbyismus.

Bülows neuer Titel ›Korrumpiert‹ führt uns die Lächerlichkeit der politischen Karnevalsdebatten von einer ganz anderen Seite vor Augen. Zu Beginn verspricht der Autor »verständlich und nachvollziehbar« zu schreiben. Am Ende allerdings kommt er doch bei komplizierten Schlagworten wie »Kooperative Demokratie«, »Gesellschaftsrat«, »Demokratie-Café«, »Postdemokratie«, »Demo-Deleal«, »Feudalkapitalismus«, »Fairness-Versicherung«, »Robuster Realismus« an.

Die Brisanz des Buches liegt im anderen, im analytischen Teil des Werkes. »Auf die Vernunft des Menschen und der Politik ist kein Verlass mehr«, bilanziert Bülow. Um dies zu erkennen, muss man nicht 19 Jahre lang im Bundestag sitzen. Da hätte schon ein wenig Geschichtestudium geholfen. Axel Oxenstierna, schwedischer Reichskanzler des 17. Jahrhunderts, wird die Aussage zugeschrieben: »An nescis, mi fili, quantilla prudentia mundus regatur?« (Weisst du nicht, mein Sohn, wie sehr die Vernunft die Welt regiert?, in der Bedeutung von: Weisst du nicht, mein Sohn, mit wie wenig Verstand die Welt regiert wird?).

Überzeugend und von grossem Ernst ist ›Korrumpiert‹, wo uns der Autor die Wehrlosigkeit der liberalen Demokratie vor Augen führt. Bülow, der umwelt- und energiepolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion war, rekapituliert, wie die Energiepolitiker·innen der grossen Fraktionen stets der fossilen Lobby verbunden bleiben. Er erzählt, wie er freundlich umgarnt, manipuliert und fast selbst einmal zu einem Lobbyisten gemacht wurde. Wir hören, dass von seinen Kontakten im Parlamentsbüro mehr als ein Drittel auf die lächelnden Korruptionisten zurückging. »Ein Abgeordneter kommt in einer Sitzungswoche auf mindestens ein Dutzend Kontakte mit der Profitlobby.«

Bülow wurde dieses Treiben nach ein paar Jahren des Dauerbombardements durch Anwaltskanzleien, PR-Agenturen, Thinkthanks und freischaffende Lobbyisten, darunter etliche Ex-Politiker·innen, zu bunt. »Ich habe jedes Gespräch abgebrochen und später erst gar nicht mehr begonnen, wenn man mir nicht sagen wollte, wer der Geldgeber ist.«

Was genau beklagt Marco Bülow?

°° Es geht beim Lobbyismus auf der Seite der Politik nicht nur um Geld, sondern um weitere Vorteilsnahmen wie gesteigertes Standing, Machtgewinn, Absicherungen, Ego und Zukunftsaussichten.

°° Einige Lobbys wenden für die Beeinflussung Millionen von Euro auf und beschäftigen viele ausgebildete Mitarbeiter. Ein geringer Bruchteil hat zudem einen direkten Draht zu hochrangigen Politikern.

°° Wenn einem bezahlten Politiker vom wem auch immer etwas angeboten oder in Aussicht gestellt wird, damit er seine Stellung, seine Kontakte nutzt, um irgendeinen Vorgang, eine Entscheidung zu beeinflussen oder zu verhindern, dann ist das nichts anderes als Korruption. Und dabei muss weder Geld fliessen noch ein Vertrag geschlossen werden.

Haben Sie gewusst, dass im demokratischen Rechtsstaat Deutschland nur andere Parteien einen Mitbewerber wegen Korruptionsverdacht verklagen dürfen? Haben Sie gewusst, dass der Staat auf jeden Euro an Parteisspenden einer »natürlichen Person« noch 45 Cent Steuergeld drauflegt?

In der Arena der Politik treten Millionenbudgets gegen Spendenfinanzierung an. Die Mehrheit der Bevölkerung wird in diesem Machtspiel durch keine finanzkräftige Lobby vertreten. Bülow unterscheidet »Interessenvertretung«, die ein Gemeinwohlinteresse verfolgt, strikt von »Profitlobbyisten«, die auf den Profit eines Unternehmens oder einer Gruppe abzielen.

Alle sechs Sekunden ein Kind

Bülow bleibt bei all der Kritik an den demokratischen Verfahrensweisen gegenüber der strukturellen Gewalt im Weltmassstab nicht verschlossen. Er erinnert daran, dass die Zahl der Menschen, die weltweit an Hunger und Armut leiden, seit Jahren wieder ansteigt. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen stirbt alle sechs Sekunden ein Kind unter fünf Jahren, über das Jahr gerechnet fünf Millionen, – und denen ist es vollkommen egal, ob wir mit Verbrennern oder mit Elektroautos fahren.

„Eine neue Verfassung wäre ein wichtiges Ziel“ / Foto: Julia Bornkessel

Der Punkt ist: Wir in Europa haben nicht die geringste Chance dieses Unrecht aus der Welt zu schaffen, oder auch nur zu bremsen, solange die Macht nicht in den Händen des Volkes liegt, das heisst: in den Händen von politischen Repräsentanten, männlich oder weiblich oder egalwas, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und nicht privatunternehmerischen Interessen.

Dass Jurist·innen die mit Abstand grösste Berufsgruppe im Bundestag stellen, ist nicht zum Vorteil einer gerechteren Ordnung, sondern zum Nachteil der Demokratie. Bülow erklärt in gebotener Kürze die Cum-Ex-Geschäfte, bei denen Unternehmen am Ende die Kapitalertragssteuer zurückfordern, ohne sie je gezahlt zu haben. Er erinnert an den eindrucksvollen Rücktritt der obersten Staatsanwältin und Chefermittlerin Anne Brorhilker, die, unzufrieden über die Verfolgung der Wirtschaftskriminalität in Deutschland, im April 2024 ihr Amt niedergelegt hat und seither mit der Bürgerverein Finanzwende e. V. den Kampf »David gegen Goliath« führt.

»Heute«, so Bülow, »gibt es immer noch keine bundesweite Behörde zur Bekämpfung von Finanzkriminalität […] Die Regierungen entscheiden, wer ermittelt und mit was für einer Ausstattung. Mit unabhängiger Justiz hat das nichts zu tun. Und egal, welcher Einfluss ausgeübt wird: Wie kann es sein, dass Steuerbetrüger ihr Geld nicht zurückzahlen müssen, und dass Banken sich im grossen Stil an dem Raub beteiligen und trotzdem weiter Geschäfte machen dürfen?«

Ohne Wahl in politische Ämter

Bülow erinnert an die enttäuschten Erwartungen durch seinen Ex-Parteigenossen Olaf Scholz. »Als der Sozialdemokrat Scholz 2018 Finanzminister wurde, erwartete man eine progressivere Ausrichtung und eine Abkehr von der Politik seines Vorgängers Wolfgang Schäuble. Nichts dergleichen geschah. Im Gegenteil richtete er sein Ministerium noch stärker an der Finanzlobby aus, indem er wichtige Stellen mit Interessenvertretern und Drehtürgängern – zwischen Wirtschaft, Lobby und Politik – besetzte.«

Gab es einen öffentlichen Aufschrei in Deutschland, als mit dem Co-Deutschlandchef der Investmentbank Goldmann Sachs, Jörg Kukies, ein Profitlobbyist zum verbeamteten Staatssekretär im Finanzministerium gemacht wurde? Nein, den gab es nicht, den gibt es nie, und die Medienreaktionen, die jeden AfD-Rülpser kommentieren, schweigen schamlos zu solchen Vorgängen. – »Ein Investmentbanker an der Spitze des Ministeriums, verantwortlich für die Finanzarchitektur! Es ist ein weitreichender Irrtum, dass die meisten politischen Ämter gewählt werden.«

Bülow, ein Sisyhos im Sinne von Camus, der unverdrossen den Stein bergauf rollt, beklagt natürlich auch die »Finanzialisierung« der Wirtschaft, also, dass mit Geldgeschäften weit mehr Gewinn erzielt werden kann als mit der Produktion von Waren und Dienstleistungen. Er stimmt der österreichischen Millionenerbin Marlene Engelhorn zu, die ererbte 25 Millionen Euro durch einen Bürgerrat rückverteilen hat lassen. Beide beklagen, dass die Gesetzgebung heute eine Frage privater Vermögen ist.

Wie kann der Bundestag verhindern, dass Personen ohne Wahl in politische Ämter gelangen? Wie kann Deutschland sicherstellen, dass die Gesetzgebung keine Frage privater Vermögen ist? – Das wären zweifellos drängende Frage im Bundestagswahlkampf 2025 gewesen. Das hätte auf der Agenda der deutschen Öffentlichkeit stehen müssen! Hier wären die Notbremsen zu ziehen, die Brandmauern zu errichten gewesen.

Aber nichts davon! Miosga, Maischberger, Klamroth – weder hart noch fair! Es herrscht immer und überall dasselbe Elend der Politik und ihrer selbsternannten Kontrolleure.

© Wolfgang Koch 2025

Marco Bülow: Korrumpiert. Wie ich fast Lobbyist wurde und jetzt die Demokratie retten will! Mit einem 9-Punkte-Plan zur Kooperativen Demokratie, 192 Seiten, Westend Verlag, ISBN: 9783864894848 , 20,- EUR

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/02/14/deutschlands-korrumpierte-parteien-bitten-zur-wahlurne/feed/ 0
Viktor Rogy : Mystikerfahrung beim Bananenessen https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/23/viktor-rogy-mystikerfahrung-beim-bananenessen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/23/viktor-rogy-mystikerfahrung-beim-bananenessen/#respond Thu, 23 Jan 2025 09:49:39 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4166 Mail Art – das klingt in einer Zeit, die in Notwehr gegen trendige Hashtags und rosa Filter eilig den Netzwerkstecker zieht, so attraktiv wie Typewriter Art, eine weitere grandiose Kunstrichtung der 1960er- und 1970er-Jahre. Vielleicht war uns ja mal die Vergangenheit schon einen Schritt voraus.

1962 erhob die »New York CorrespondAnce School« die Postkarte zum Kunstobjekt. Von da an waren per Schneckenpost versandte Briefe, Karten, Gegenstände und Dokumentationen von Aktionen, Ausstellungen und anderen Projekten nicht mehr wegzudenken im Alltag von Kunstschaffenden.

Mail Art war ausgesprochen demokratisch. Mail Art ermutige Absender·innen zur permanenten Kreativität mit Stift, Schere, Kleber, Stempel. Das Mysterium der Kunst, über das Museen und Galerien mit Argusaugen wachen, öffnete sich für einen Wimpernschlag der Kunstgeschichte unkommerziell in Richtung der Nichtkünstler·innen.

Netzwerk ohne Strom

Mail Art schuf ein kommunikatives Netzwerk. Bald war eine Szene rund um den Globus entstanden, die über das Postsystem miteinander kommunizierte, Kontakte knüpfte, Ereignisse anstiess. Die Kreativen hingen nicht mehr sklavisch an ihrer Heimat und balancierten lustvoll auf dem Seil zwischen Hoch- und Subkultur.

Mail Art betrieben muntere Leute, die Post meinten, wenn sie »Post« sagten, das heisst: Neuigkeiten ohne Profil, Junk und Blocklist … Unerwartetes auf Papier … Überraschendes von Bekannten und Unbekannten (!!) … Niegesehenes von jenen Erdenbürgern, die von ihrem ganz eigenen Kosmos besessen waren – und die nicht einfach nur Meinungen und Likes absonderten wie Fliegenschisse.

Privat entstanden handliche Kartensammlungen. In Diktaturen wie der DDR wurden in der Folge alle Briefe und Karten gesichtet, auffällige Post aussortiert und Stichproben durchgeführt; es gab Listen von Absendern und Empfängerinnen, die observiert wurden.

Mail Art hielt sich bis zur massiven Einwahl von Modems in das World Wide Web an vorderster Stelle der Kommunikation. Ich bin noch heute stolz darauf, in den 1980er-Jahren eine Karte von On Kawara, einem wesentlichen Künstler des 20. Jahrhunderts, erhalten zu haben. Kawara lebte in New York, er behauptete »Ich existiere nicht« und schritt täglich mit zwei Karten zum Posteinwurf.

Auch in Österreich schlossen sich instinktsichere Aussenseiter·innen dieser Kunstbewegung an und wurden Mail Artist·innen. Ich nenne den nonkonformistische Padhi Frieberger und Christel Fallenstein, Vertraute von Friederike Mayröcker in der »Hauptgasse der Poësie« in Wien, und eben Viktor Rogy, auch wenn der mit den Karten anderes im Schild führte als die Netzwerker in der Künstlerkunst-Ecke.

Kunstrebell in der Provinz

Rogy durchlief in seiner Arbeit verschiedene, teils widersprüchliche Perioden. Er war Tänzer, Reimdichter, Plastiker, Aktionist, Stukkateur, Objektguru, Zeichner, Designer, Fotograf ohne Fotoapparat, Installationskünstler, Innenarchitekt, Archikturkritiker, Agit-Propagandist gegen Rechts.

Die Skepsis an der Beschreibbarkeit des Realen und der Drang zur Intellektualisierung führten in den 1970er-Jahren zu einer Kunstrichtung des rein Gedanklichen: zur Konzeptkunst. Da Rogy keinen höheren Bildungsabschluss besass als den seiner Maurerlehre, stiess er auf dem Umweg von christlicher Mystik, fernöstlicher Spiritualität und Joseph Anton Schneiderfrankens Okkultismus dazu.

Der Alleingänger, der nach einem Parisjahr in der Provinz hocken blieb, suchte mit Genauigkeit bis zur Pedanterie nach Wahrheiten, die zu sagen sich lohnten, und sei es nur für eine ganz kleine Gruppe von Aufmerksamen im von den Zeitläuften gebeutelten Leben.

Rogy sah sich mehrmals in der Situationen eines Menschen, der öffentlich des Irrsinns bezichtigt wurde und hielt mit derselben Münze dagegen. Da kam ihm stets die Postkarte in den Sinn, mit der er ohne viele Wörter manches sagen konnte. Er schuf Bildwortkunstwerke, Wortkunstwerkbilder; und die Mon­tage erschien ihm hierfür das kongeniale Mittel zu sein, vorgefundenes Material zu verarbeiten.

Laufend Sponsorenakquise

Mit der ersten Künstlerpostkarte war er schon als Jugendlicher in Kontakt gekommen, als er in Villach Ludwig Heinrich Jungnickel, Egon Schieles ehemaliger Lehrer und Atelier-Nachbar in Wien, kennenlernte. Der Tiermaler Jungnickel hatte den Krieg am Adriatischen Meer durchgestanden und sich in Opatija lange mit dem Verkauf von selbstgezeichneten Ansichtskarten über Wasser gehalten.

Auf die Idee, eigene Karten zu produzieren, stiess Rogy Jahrzehnte später durch seinen ersten Schüler Werner Hofmeister, der in den 1970er-Jahren auch als Werbegrafiker jobbte und viel mit Druckereien zu tun hatte.

Viktor Rogy mit dem Portrait seines Schülers Werner Hofmeister / Foto: Heinz W. Schmid 1983

Monat für Monat, Jahr für Jahr bestellte Rogy weitere Kartensujets und Einladungskarten bei lokalen Anbietern oder in Salzburg: bei Repro Onofre, Norea Repro, Verlag Schilcher, Druckerei Karl Bauer, GGA, bis es am Ende mehr als 600 Karten waren. Die Druckangaben vieler Ephemera lauten »Edition Rote Lasche / Edition Red Tongue«. Die Kosten der zumeist in der Auflage von 1.000 Stück produzierten Werke übernahmen der Künstler oder seine Sponsoren. Die Klagenfurterin Ulrike Semmelrock etwa hat den Print von zwei Rogysujets zu umgerechnet je 460 Euro finanziert.

In den späten Ausstellungen des Künstlers in Wien, Linz, Krems und an anderen Orten standen Reihen von Alurahmen mit den Karten im Raum. Um 1997 herum fiel ein magazinierte Teil des Kartenblocks in die Hände eines weiteren Rogy-Schülers. Klaus Oberhammer und Rogy konnten sich aber auf eine Systematisierung nicht einigen.

Viele Kartenmotive dienten dazu, anderen Menschen ihre Ahnungslosigkeit vorzuführen. Rogy ist als tanzender Fussball-Derwisch zu sehe. Er bejubelte im Druck französische Dichter und die Coups der kriminellen Bonnot-Bande in der historischen Ferne von 1911/13. Manche Karten verzichten zugunsten des Paratexts völlig auf formulierte Gedankengänge. Das wirkt, als könnte das, was gesagt werden muss, gar nicht gesagt werden.

Ersatz für den Werkkatalog

Im Kartenblock finden wir Fotografien von Objekten und Readymades wie Reitersporen oder anthropomorphen Holzstöcken, dann Bilder von Installationsmöbeln und Tellerspeisen mit poëtischen Titeln. Eine zweite Gruppe umfasst gezeichnete oder fotografierte Tiermotive. Eine dritte Gruppe Autoportraits: inszenierte Aufnahmen im Anzug, reproduzierte Ausweispapiere und Zeitungsausrisse von Doppelgängern.

Viktor Rogy, minisierter plastikkübel, Repro Onofre / Foto: sir fd (Franz Dreier) 1986

Unter den Textkarten dominieren die bekannten Kellnerblock-Kritzeleien Rogys, von denen acht auch als Neonschriften ausgeführt und dann als Fotopostkarte aufgelegt wurden. Es gibt brüllend laute Botschaften wie »KAUGUMMI GEFÄLLIG / ICH KEIN WIEDERKÄUER« oder »POLITIK IST EIN LEICHENHAUS« (1984), und es gibt ganz leise Motive, wie den Mallarmé-Spruch »unser freund verlaine ist verschwunden« (1986) mit Parte.

Insgesamt vierzig Zeichnungen, Überzeichnungen und Scherenschnitte hat der Künstler als Postkarten drucken lassen. Die grösste Gruppe im Konvolut nehmen Portraits von Freunden, Mitstreitern und Stammgästen sowie von bewunderten Toten (Boxer, Komponist, Westerndarsteller) ein.

Acht Karten beschäftigen sich mit Fussball- und Eishockeysport; zehn explizit mit Politikern. Die mit dem Schriftzug »dingssoldaten« überschrieben Konterfeis von Landeshauptmann Leopold Wagner (SPÖ) und Bundespräsident Dr. Kurt Waldheim (ÖVP) erlangten unter den Schmähpostkarten mit poëtischer Lizenz die grösste Popularität.

Zwanzig Exemplare meiner Sammlung beschäftigen sich mit Architektur, dem Gebiet, auf dem der Aktionist in Villach und Klagenfurt jahrelang für öffentliche Erregung sorgte. 24 Karten zeigen abstrakte Motive, darunter die »möglicherweise kleinsten kühe der welt«, die Rogy 1946 gemalt haben will, sowie tanzende Affen, Monde und Glatzen.

Rogy war ein innerer Exilant, und das bestimmte seine Wahrnehmung. Wieviel seiner Karten er verkauft hat, ist schwer zu sagen. Ganz sicher waren es weniger aus dem Magazin, als er für ein Spendierachterl verschenkt hat. Rogy versandte seine Karten nur selten. Ihr Zweck war ein anderer. Sie dienten ihm als Ersatz für den Werkkatalog, den ihm die Kunstinstitutionen verweigerten. Im letzten Sommer seines Lebens, es war der Sommer 2003, verbrannte er etliche Kartonboxen aus dem angesammelten Berg in einer blauen Öltonne im Garten, weil einzelne Motive seinen strengen Massstäben nicht mehr genügten.

Rabiate Heiterkeit

Dass das Odeur von Rogys Kartenblock auch 21 Jahre nach seinem Tod nicht verdampft ist, beweist die neueste Produktion des Universaltalents Reinhard Eberhart, der sich als letzter von Rogys Schülern überregional auffällig zeigt. Der langjährige Herausgeber der Kärntner Faschingszeitung legt die aktuelle Ausgabe im 70. Jubiläumsjahr des Villacher Faschings in gleich siebzig Versandpostkarten auf.

Reinhard Eberhart, Kärntner Faschingszeitung 2025, KI-generiertes Postkartenmotiv von Walter Grill

 

Reinhard Eberhart, Kärntner Faschingszeitung 2025

Im Unterschied zum verstorbenen Maestro ist Eberhart viel daran gelegen, seine Einfälle auch unters Volk zu bringen. Dabei verlässt er sich nicht auf die geruhsame Postauslieferung in der analogen Welt allein. Er knickt ein vor dem Technokapitalismus und versieht jede Karte mit einem weiterführenden QR-Code. Mit 350.000 derart gebrandmarkten Exemplaren will er in den nächsten Wochen den Süden Österreichs überschwemmen. Der »Ideengeber und Faschingsgeneralintendant«, ein Heimatkünstler erfrischender Art, verteilt die Postkarten bei Faschingssitzungen, in Kaffeehäusern, auf Almhütten, in Restaurants und überall dort, wo Menschen gerne lachen.

© Wolfgang Koch 2025

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/23/viktor-rogy-mystikerfahrung-beim-bananenessen/feed/ 0
Endnote zu Sheilaistischer Heiligenkalender 2025 https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/16/endnote-zu-sheilaistischer-heiligenkalender-2025/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/16/endnote-zu-sheilaistischer-heiligenkalender-2025/#respond Thu, 16 Jan 2025 10:14:19 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4126 Meine bevorzugte Heiltherapeuthin steht Tag und Nacht mit der Anderswelt in Kontakt; sie trommelt und singt mit den Lebenden und den Toten. Mir ist dieses Privileg gewöhnlich nur im Traum vergönnt, dessen Geschehnis ich freudig notiere. Über den Traum hinaus gelingt es bestenfalls vermittelt durch andere, die schärfere Augen und Ohren haben – Menschen wie die Frequenzmedizinerin, die ihre Sinne zu gebrauchen verstehen, um mit ihnen wie durch ein Fenster die Landschaften ihres Inneren wahrzunehmen.

Ich bin im Namen des Juden aus Nazaret getauft und in der Confessio Augustana unterwiesen. Das ist schon eine Weile her. Doch mit dem jüdisch-christlichen Himmelreich stehe immer noch via Eucharistie in Verbindung. Das ist bewusst konventionell gewählt. Ansonsten bewahre ich eine möglichst grosse Distanz zum Standard-Glauben, denn wie halb Asien – das Asien mit dem Räucherstäbchen – fürchte ich den Gedanken an Wiedergeburt eher, als ihn zu ersehnen; wie viele üblellaunige alte weisse Männer fliehe die Ideen der unsterbliche Seele und des ewigen Lebens mehr, als diese zu begrüssen.

Haben wir denn, frage ich, nicht schon genug damit zu tun, das uns geschenkte Leben einigermassen gerade hinzukriegen? Also unverbogen, unverdorben, unhypnotisiert. Nach einer weiteren Staffel verspüre ich keinen Bedarf. Unsterblichkeit vermag ich mir nur vorzustellen als das, was ein für alle mal dagewesen ist, als Höhepunkt der Individualität, das heisst als Unmöglichkeit wieder zu sein, wie man gerade ist.

Ich weiss nicht

Ob mein sentimentales Verhältnis zu religiösen Kulten auf der Erinnerung an die Kindheit beruht, als mich die Grossmutter zu beten lehrte, oder ob es der radikalen Kulturkritik geschuldet ist, die das Unsagbare lustvoll gegen den Technokapitalismus und seine Vergnügungen stemmt, das weiss ich selber nicht, und will es auch gar nicht wissen. Ich sehe keinen Grund, die eigene Neigung zur Devotion und den Spass am Abwehrzauber durch Klügeleien in die Ecke zu treiben.

Zum auftrumpfenden Atheismus (bei Johann Most, Arno Schmidt oder Karlheinz Deschner) fand ich genausowenig dauerhaft Zugang wie zum Mirakelmystizismus von Autor·innen der Renouveau catholique. Genau genommen trifft nur geteiltes Dämmerlicht meinen Lebensnerv. Ich bin aus dieser Not zu einem Freund der Bricolage geworden und werfe die Zufälle des Lebens in die Grosse Mischmaschine: Säkularer Buddhismus, Waldensertum, Superstitio, Glücksbringer, Hindu-Sakramente, Pietismus, Überbleibsel antiker Kultpraktiken, Wurzel Jesse, Marabout-Rufe, Haile Selassies I., …

Wurzel Jesse am Kanzelfuss der Stadtkirche St. Jakob, Villach / Foto: W. Koch

Nichts, was sich im Privaten richtig anfühlt, also die Gegenstände mit Schatten, oder was mit starken Erinnerung an Orte oder Situationen verbunden ist, kann im Grund genommen falsch sein. Ich improvisiere beim Sammeln der Ansätze zur Einkehr, baue Brücken, radiere an den Spuren der Fehltritte und führe die so erworbenen Ressourcen privater Verwendung ausserhalb ihres Bestimmungszwecks zu.

Das ist, jedenfalls für mein Empfinden, das komplette Gegenteil von Fundamentalismus, es ist der wahre Antagonismus der Fanatik. Damit haben weder Gurus, noch Priester- und Theolog·innen eine Freude. Die Überzeugungen der Überzeugten streuen Gift; aus den Bekenntnissen zu religösen Ideen regnet Seuche. Niemand klingelt an meiner Tür. Niemand kann mir gütig über den Kopf streichen.

Auf soviel Souveränität bestehe ich in Gemeinschaftsdingen. Die Reisesouvenier-Mentalität gewährt mir im Spirituellen die Freiheit, die ich auch im Supermarkt besitze. Ich wähle in dem erdrückenden Angebot und nach wechselnden Kriterien aus den hinteren Regalen, gerne auch verstaubte Ikonen, vergessene Reliquien und ruinierte Heilige, die schon etwas Schimmel angesetzt haben. Ach, der Wundheiland, oh, die blutsaugende Litlith, das Wundergestaltige, Bizarre, die extravagance.

Reise ins Innere

Ich war auf diese befreiende Weise schon im Pinnacle dabei … ich sah den Jupitertempel auf dem Kapitol brennen … ich empfing die Salbung eines Bossa-Nova-Aficionados … seufzte tief mit meiner Katze bei der Tiersegnung … ich nächtigte auf einer Wallfahrt mit Pfadfindern im Heu. Und ich habe auch die Abgründe, die es auf diesem Gebiet gibt, durchschritten. Ich war in der Palastfestung Massada unter den Letzten, die man erschlug … man hat mich in der Bartholomäusnacht erstochen … mit Ketzern in die Neue Welt verschifft.

Ich denke seit meiner Jugend, ich muss mich mehr mit den Heiligen beschäftigen als mit Scholastik, mehr sogar als mit den Tempeln und Riten. Das ist für einen auf Ikonoklasmus trainierten Protestanten keine Selbstverständlichkeit. Aber die Überschreitung lässt sich ebenfalls lernen. Jedenfalls würfle ich in der Bilderwelt wunderbare Patrone, Mythengestalten, Nothelfer und Gottheiten für den Hausgebrauch zusammen. Ich halte es für ratsam, dabei die Vorstellungen in Schwebe zu lassen, um sich den eigenen Wandlungen zu nähern. Man kann jahrelang mit einer Figur schwanger gehen, bevor sie ein Platz im Zimmerpantheon erhält; oder man kann wie Paulus vom Blitz getroffen zusammenzucken, wenn man unversehens vor einer Manifestation steht.

In ›Das Unbehagen in der Kultur‹ (1930) rekonstruierte Sigmund Freud das »ozeanische Gefühl« als primären Narzissmus noch ohne Grenze zwischen Ich und Aussenwelt und erklärte ihn zu einer sekundären Quelle der Religion. Dass ihm selbst dieses Gefühl von etwas Unbegrenztem, das Gefühl der Alleinheit, fremd sein sollte, wie er behauptete, war nur die halbe Wahrheit.

In Freuds Lebensstil war viel Romantik und Beschwörungszauber, also durchaus auch religiöse Empfindung. In seinem Arbeitszimmer stand eine lange Reihe von antiken Statuetten aus Bronze und Terrakotta, Figuren und Reliefs unterschiedlichen Formats, Satyrn, mesopotamische und ägyptische Gottheiten, asiatische und römische Köpfe, ein Buddhahaupt aus Bronze, die Venus von Medici. Einiges davon ans Tageslicht beförderte Sammlerstücke aus pompejanischen und etruskischen Gräbern. Auf Reisen führte der Vater der Psychoanalyse Talismane für den Abwehrzauber mit sich.

Bei mir erfüllen billige Magnethaftbilder, Holzschnitzereien und Druckpostkarten denselben Zweck. Schon klar, dass die Religionswächter·innen mit so einem Patchwork keine Freude haben. Schon klar, dass die Dogmatiker und Schriftgelehrten keine Frommen akzeptieren können, die zwischen Altären und Schreinen, in Kreuzgängen und auf Tempelbergen nur diejenigen Produkte abgreifen, welche sie aus irgendwelchen ureigenen Gründen ansprechen.

Ärger der Mandarine

Religiöse Institutionen spielen ja die Operette der Bekenntnisse im Theater der Sociality (Gemeinschaftlichkeit). Ich kann den Ärger der Nomenklatura, der Mandarine des Glaubens, der Tempeldiener und der Verkünderinnen der wahren Lehre gut nachvollziehen. Schliesslich stehen sie auf den Schultern von Riesen und dürfen zur Strafe nun keinen Fetisch mehr dulden neben dem, den sie schon besitzen.

Sei’s drum! Ich habe in hunderten Zeitungsartikeln, 586 Blogeinträgen, 14 Büchern, in Seminaren, Vorträgen und Lesungen mein bescheidenes Wissen weitergeben, jetzt mag die Kontinentalverschiebung bitte ohne mich auskommen. Adieu, Weltreligionen! Ich erlaubt mir endlich, mit meinem Wissen so verantwortungslos zu verfahren, wie es mir gerade passt, also Einkehr und Versenkung auf meine persönliche Bedürfnisse zuzuschneidern.

Der Sheilaistische Kalender dient mir nicht dazu, Glaubenswahrheiten operativ zu assemblieren, sondern mich wohl zu fühlen. So flackert nun das Heiligenjahr alle paar Wochen einmal sternhell, blutrot oder dunkelbunt im Trubel des Alltags auf. Meine Feststimmung wildert in der eigenen und in fernen Traditionen, weil ich, wie der kürzlich nahezu unbemerkt verstorbene Philosoph François Laruelle, die Erfahrung gemacht habe, dass das Fremde jede Form der Gewalt durch den Menschen letzter Instanz (le humain-de-dernière-instance) ersetzt.

© Wolfgang Koch 2025

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/16/endnote-zu-sheilaistischer-heiligenkalender-2025/feed/ 0
Sheilaistischer Heiligenkalender für das Jahr 2025 https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/10/sheilaistischer-heiligenkalender-fuer-das-jahr-2025/ https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/10/sheilaistischer-heiligenkalender-fuer-das-jahr-2025/#respond Fri, 10 Jan 2025 10:32:55 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4111 DIENSTAG, 19. MÄRZ

Josef von Nazaret

In dem Land, aus dem ich komme, freskierten die christianisierten Karantanen slawischer und bajuwarischer Zunge ihre romanischen Wehrkirchen an der Aussenwand mit einem riesenhaften Christophus, der auf seinen breiten Schultern, gestützt auf den Wanderstab, das Jesuskind über einen Fluss trägt.

Der Fluss lässt sich auf dem Friedhof um den Kirchenbau herum wie der Fluss Lethe in der Unterwelt der griechischen Mythologie verstehen: als ultimative Grenze, an der du alles hinter dir lässt, alles vergisst, weil alles vergeht und schliesslich mit dir vergangen sein wird.

Der freundliche Goliath und seine tastenden Schritte im Wasser erscheinen als grosse Metapher für das Lebensende, genauer: den guten Tod, für den die Alten Stossgebete zum Himmel schickten. In der Figur des Christophorus, dessen Name heute als Flugrettungsverein im kollektiven Gedächtnis verankert ist, kam einst die Wahrheit des Todes und der Wunsch nach einem schmerzlosen Ende zu dem Bild, das jeder Sterbliche auf Anhieb verstand.

Josef von Nazaret ist der zweite Patron im römisch-katholischen Heiligenkosmos, der den Dahinscheidenden seinen Trost anbietet. Der Adoptivvater des Heilands hat über die Abschiedlichkeit hinaus auch noch den Vorteil, dass er über die Unehelichen, die Bastarde, die illegitimen Nachkommen seinen Mantel breitet. So unmittelbar wie dieser Krippenfinder hat sonst kein christlicher Heiliger Alpha und Omega der Existenz im Programm.

***

SONNTAG, 13. April

Ekajaṭi, Blaue Tārā

An diesem Tag beginnt eine dreitägige Feier nach dem bhutanischen Kalender zu Ehren der Blauen Tārā, die in verschieden Kontexten Asiens auch Wilde Tārā, Ekajaṭi oder Machandi genannt wird. Immer ist sie eine blauhäutige exotische Schönheit. Für ihre Follower stammt sie nicht von dieser Erde, kennt aber den Ort, an dem die Menschen zuerst das Licht der Welt erblickten.

Ich gehöre zu jenen Adepten des Buddha-Dharma, die ihn nicht für eine Religion, sondern für eine Psychologie der Praxis halten. Einer meiner Lehrer studierte den rechten Pfad umgeben von Schlangen in einer Dschungelhütte im Süden Sri Lankas, der andere war ein Haiku-Dichter mit einem veritablen Alkoholproblem und kehrte den Boden eines japanischen Inselklosters. Dennoch habe ich dem Himalaya-Buddhismus, der sich seit der Weltausstellung in Chicago 1893 als der kleinste Ast am Baum der Weltreligionen verstehen, diese mächtige Gestalt zur Zuflucht entnommen.

Die Orthodoxie sagt: Die Blaue Tārā hat bereits eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht, dass es jenseits der Vorstellungskraft von uns Erdenwürmern liegt. Mein Herz eroberte sie mit einer Reihe verblüffenden Eigenschaften: die Frau mit der Schädelschale besitzt ein wildes weibliches Mitgefühl, und als Hüterin des fallengelassenen Textes schützt sie das Fragment, also das unfertige und geheime Wort.

Anders als Bhaisajyaguru, der Medizinbuddha (er hat ebenfalls einen blauen Körper), ist diese Göttin des tibeto-buddhistischen Pantheons auch die Transmutation von Barschheit, Wut und Zorn. Ekajaṭi ist aufbrausend und ungeduldig, das heisst, sie symbolisiert die Umwandlung von Wut in positive Energie, sie hilft mit ihren vier bis 24 Armen beim Überwinden von Hindernissen, beim Meistern von Herausforderungen.

Ekajaṭi führt einen Vajra-Dolch aus Saphirkristall in ihrer rechten Hand, um alle Energien zu durchbohren, die sich der Befreiung von Karma und Samsara widersetzen. In ihrer linken Hand hält sie die Schale, die mit lapisblauem Amrta oder Elixier gefüllt ist, um die Wesen von allen Krankheiten und Leiden zu heilen. Mächtig und furchtbar wie der Fürst bei Machiavelli ist sie. Mit Wölfen und Hunden verbunden wie Tanit wandert sie umher. Mit ihrer dynamischen Haltung strahlt sie Kraft aus. Sie assistiert der Grünen Tārā.

SONNTAG, 4. Mai

Peregrinus Laziosi

Mönch des Servitenordens aus Forlì in der Emilia-Romagna. Er pilgerte vor 600 Jahren so eifrig zu Fuss am italienischen Stiefel umher, dass ihm im Alter ein schweres Venenleiden plagte. Mangels eines spezifischen Schutzpatrons im Heiligenkosmos rufen Krebskranke Peregrinus auch zu ihrem eigenen Schutz heran.

Der wegen seines hohen Zigarrenkonsums an Gaumenkrebs leidende Sigmund Freud spazierte viele Jahre auf dem Weg zum Abendessen bei seiner Mutter an dem in einer Kapelle zitternden Barthaar einer Peregrinus-Statue vorbei. Das Objekt ist heute im nahen Kreuzgang zu finden.

Ein Peregrinus war für die römische Bürgerschaft der Fremde, der nicht ihre Rechte besass. Der Name tauchte 1950 als Signum des in Amsterdam gegründeten Verlags Castrum Peregrini auf, in dem sich verspätete George-Freunde zusammenfanden. Der Verlagsname bezog sich auf eine Wohnung an der Herengracht, in der sich ab 1942 verfolgte niederländische und deutsche Jugendliche meist jüdischer Herkunft versteckten. Die Untergetauchten imaginierten sich in der Kreuzfahrerburg Castrum Peregrini (Pilgerburg) bei Haifa.

 

***

SONNTAG, 11. Mai

Maa Chinnamasta

Diese Hindu-Gottheit steht in einem krassen Gegensatz zu Laksmi, der goldene Aphrodite mit dem sinnlichem Körper, jüngere der Töchter des Königs der Berge, die aus dem Schaum des Milchozeans geborene rote Göttin des Glücks und des Reichtums, die sich Vishnu zur Frau und Gefährtin nahm. Maa Chinnamasta wirkt ihr gegenüber wie die kleine wilde Schwester der grausam schwarzen Kālī, die Wünsche erfüllen kann und auf dem Körper von Shiva tanzt.

Wir sehen eine nackte junge Frau mit einem Schwert in der einen und ihrem abgehackten Kopf in der anderen Hand. Das tantrisches Selbstopfer wird seit dem 7. Jahrhundert mit lebensspendenden Blutfontänen in Verbindung gebracht. Ikonographisch geschulte Augen erkennen die Parallelen zu den christlichen Märtyrerlegenden der Kopfträger, den Cephalophoren. Politisch geschulte Ohren wird die Figur an Georges Batailles Geheimgesellschaft Acéphale  erinnern, mit der nietzscheanische Antifaschisten vor dem Zweiten Weltkrieg erfolglos versuchten, dem Todeskult des Nationalsozialismus eine aufklärerische Mythologie entgegenzusetzen.

Mir gefällt auch die Ähnlichkeit zur stillenden Maria lactans, eine Szene aus der Frauenmystik, in der Milch als Surrogat für den roten Lebenssaft zum Einsatz kommt. In Darstellungen ab dem 13. Jahrhundert reicht die Jungfrau Maria dem Heiligen Bernhard etwas von ihrer Muttermilch. Der genossene Schluck sorgt in diesem Fall für dessen legendäre Beredsamkeit.

***

SONNTAG, 12. MAI

Tanit

Punische, also phönizische Muttergöttin der Fruchtbarkeit, geistert als Laubschatten durch die Grotten von Es Culleram im Nordosten der Insel Eivissa. Persönlich ist sie mir nur einmal erschienen, allerdings nicht an dieser Kultstätte, deren glockenförmige weibliche Terrakotta-Figuren schon vor hundert Jahren geplündert wurden.

Nein, sie erschien mir als südländische Frau um die Vierzig, langes schwarzes Haar, rotes Seidenkleid, in den Morgenstunden, bevor der Tag die Hitzeglut entfaltete, und schleppe in Begleitung von zwei Schäferhunden, die sie freundlich umkreisten, Wasserkanister durch das immergrüne Hartlaub der Macchia.

Über das Datum ihres Feiertags lässt sich streiten. Die römischen Feinde der Punier wären bei ihrem Kalenderchaos locker zu einer Handvoll möglicher Termine gelangt. Sie rechneten ursprünglich nach dem Mondjahr von 355 Tagen und liessen die Zählung am 1. März beginnen. Das Datum des Vollmondes wurde in die Mitte des Monats gelegt und dieser Termin mit »Idus« bezeichnet.

Das ergibt zu viele Möglichkeiten. Also suchte ich eine andere Lösung. Das humorbegabte Guanchenvolk der Kanarischen Inseln nennt die Göttin »Chaxiraxi«. Ihre neuheidnische Iglesia del Pueblo Guanche startet die Kalenderzählung jeweils im Juni und feiert Tanit darum im elften Mondmond April-Mai. Ich habe den 12. Mai gewählt, was diesen Monatsbeginn zum Höhepunkt des Sheilaistischen Heiligenjahrs macht.

Übrigens verstehen wir unter »Mondmond« heute zumeist etwas anderes, nämlich einen Trabanten des Erdbegleiters. Unser Mond hat zwar, soweit ich erkennen kann, keinen solchen Submoon. Naturwissenschaftlich spricht prinzipiell aber auch nichts dagegen. Schliesslich umkreist auch im Fall von Sonne, Erde und Mond ein Objekt ein anderes, während beide Objekte gemeinsam einen dritten Himmelskörper umkreisen.

***

SONNTAG, 22. JUNI

Achatius von Armenien

Engel der Todesangst und der bösen Krankheiten, unerkannter, das heisst verborgener Proponent im Dürergemälde ›Marter der zehntausend Christen‹ (1508). Für gewöhnlich hat man als Besucher·in des Gemäldes im Kunsthistorischen Museum nur Augen für den Philosophen Conrad Celtis und seinen Malerfreund Albrecht, die uns mit dem Plauderspaziergang Gelassenheit inmitten eines Massakers vorexerzieren.

Den Anlass für das Gemetzel gibt aber Achatius, der anderswo mit einer Dornenkrone auf dem Kopf zu sehen ist. Er hat sich in den Augen der Täter durch die unverzeihliche Massenkonversion römischen Soldaten schuldig gemacht. Achatius war damit der christliche Vorläufer des indischen Politikers und Anwalts Babasaheb Ambedkar, der im Oktober 1956 in Indien mit einer Massenkonversion die Unberührbaren aus ihrem elenden Pariastatus befreit und die historische Rückkehr des Buddhismus auf den Subkontinent eingeleitet hat.

***

SONNTAG, 20. JULI

Wilgefortis, Kümmernis

Volksheilige aus der Mitte des 15. Jahrhunderts in den damaligen Niederlanden. »Ich bin ein Christ des 15. Jahrhunderts«, soll Charles Péguy gerne von sich gesagt haben, was meint: vorreformatorisch, ohne Sakramente, Katholik unter Juden, wo allein er so katholisch sein konnte, wie er wollte, also auch unfähig zu beten und unfähig »Dein Wille komme« auszusprechen, weil der Schriftsteller sonst zerplatzt wäre vor Demut.

Wilgefortis ist eine Volksheilige aus diesem Geist, bärtig, aber nicht queer (am Planeten Transsexual in Transylvania), sondern hässlich wie der Mann an sich, um potentielle Vergewaltiger durch Maskulinität abzuschrecken. Eine Volksheilige : gekreuzigt : jedoch bekleidet, da die Fastnacktheit einer Heiligen die gottgewollte Geschlechterordnung aus der Bahn schleudern würde wie Félicien Rops den Heiligen Antonius.

Die volkstümlichste Darstellung der Kümmernis, die ich kenne, findet sich im Diözesan­museum Graz-Seckau, und dort geht es mir, wie es Johanna Wagner vor Jahrzehnten in den ethnographischen Sammlungen Europas ergangen ist, wo diese weisse Mganga Msungu die »Fetischquälerei«, die Fetische in Museen langsam verhungern lässt, durch heimliches Füttern mit blutigen Papiertaschentüchern beendete.

***

FREITAG, 26. SEPTEMBER

Kosmas und Damian

Syrisches Zwillingspaar aus der Gegend von Aleppo, das als Heilkundige und Geldverächter unentgeltlich und vorurteilsfrei Kranke behandelte. Wie passt das zusammen mit dem Faktum, dass die Brüder in der Renaissance die Schutzpatrone der superreichen Florentiner Patrizierfamilie Medici waren?

Natürlich gibt es auch heute noch Ärzt·innen, die selbstlos arbeiten und nichts mit ihrer Heilkunst verdienen, im Freiwilligendienst an Obdachlosen oder auf humanitärer Mission in den Archipelen des Südens. Zu 99 Prozent aber ist unsere Gesundheits- und Wellnessindustrie profitgetrieben, zu 99 Prozent ist der physische und der psychische Schmerz jetzt das verfluchte Gold des Montezumas.

Kosmas und Damian patronieren sämtliche Gesundheitsberufe bis hin zum Pferdedoktor. Garantiert anwesend sind sie auf Ikonen in Spitälern. Wenn Kosmas als Attribut ein Gefäss in der Hand hält, handelt es sich um eine Matula, ein Harnschauglas zur Prüfung der unergründlichen Wasserwege im menschlichen Körper.

***

DONNERSTAG, 9. OKTOBER

Sibylle von Cumae

Noch eine Frau in der Grotte, eine Unterweltsführerin, Seherin, sterblich. Wichtig ist für das Verständnis einer Sibylle, dass ihre Wahrsagungen – im Gegensatz zum Orakel – in Ekstase vor sich gehen, worin sich eine Verbindung zu der ebenfalls aus Kleinasien stammenden Kassandra sehen lässt.

Der Eingang zur Unterwelt, die Sibyllengrotte, befindet sich an dem von dem grandiosen Architekten Johann Ferdinand Hetzendorf von Hohenberg errichtenen Obeliskenbrunnen. Doch am Grossen Parterre der Schönbrunner Schlossanlage zeigt die Sibylla Cumana, warum sie die wahre Beschützerin von uns Autor·innen ist. Man könnte sagen: Dort lehrt sie uns den rechten Umgang mit Verlagshäusern.

Die Priesterin Amaltheia verkaufte nämlich ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung ihre neun Bücher der Prophezeihungen um den allerhöchsten Preis. Sie trieb die Summe für den kaufunwilligen König Tarquinius Superbus in die Höhe, indem sie die ersten drei wertvollen Schriften verbrannte und für die restlichen denselben Preis wie für alle neun verlangte.

Der Vorgang wiederholte sich ein zweites Mal, so dass am Ende nur mehr drei der neun Bücher zum verdreifachten Preis in den Besitz der Macht gelangten. Damit nahm die Tragödie ihren weiteren Verlauf, denn bei dem zähen Deal war auch die Warnung vor dem kommenden Brand des Tempeldepots und der Vernichtung der erworbenen Exemplare verloren gegangen.

Das gewählte Erinnerungsdatum ist ein Workaround. Eine Sibylle existierte schon im Altertum nicht allein, damals geisterten zwölf durch die Grotten. Der Ordensname der Zisterziensernonne Sibylle von Nivelles geht wahrscheinlich auf ihre berühmte Vorfahrin zurück. Sie war im 13. Jahrhundert vor dem Eintritt ins Kloster eine vornehme Stiftsdame im heutigen Orttignies in Belgien gewesen. Die »Erhebung der Gebeine« dieser Ersatz-Sibylle erfolgte am 9. Oktober.

Hermann NItsch: Malhemd 2020 / Foto: W. Koch

DONNERSTAG, 25. DEZEMBER

Míthras

Míthras durfte sich ab dem 1. Jahrhundert »führender Soldatengott im Römischen Reich« nennen, das damals den gesamten Mittelmeerraum zu einem politischen Ganzen einigte. Aus seiner Verehrung an verborgenen Stätten, wo Ruhmverachtung und Seelenheiterkeit sowie die Vorstellung einer Wiedergeburt durch ein Untertauch-Ritual (Taufe) mit Blut kultivieren wurden, waren Frauen ausgeschlossen.

Der Mysterienkult der römischen Legionselite war für die Tauromaquia des Urstiers bekannt. Diese am stärksten verfeinerte Form des Tieropfers erreichte in den Míthräen ihren Höhepunkt: Hier stand die Opferung des Stiers für den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Der Sonnengott ersticht den Stier als das erste erschaffene Tier in einem Art Schöpfungsakt. Míthras tut das in orientalischer Kleidung und mit abgewandtem Kopf. Aus dem ausströmenden Blut und aus dem Samen des Stieres entsteht die Welt.

Das Orgien Mysterien Theater des Hermann Nitsch vom 7. bis 9. Juni ist in unserer Zeit die lebendigste Erinnerung an diesen römischen Daseinskult.

© Wolfgang Koch 2025

Hinweis: Auf den Text folgt eine Endnote.

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2025/01/10/sheilaistischer-heiligenkalender-fuer-das-jahr-2025/feed/ 0
Engelbert Obernosterer : zartgemuther Methusalix mit Henkel https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/21/engelbert-obernosterer-zartgemuther-methusalix-mit-henkel/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/21/engelbert-obernosterer-zartgemuther-methusalix-mit-henkel/#respond Sat, 21 Dec 2024 10:09:50 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4084 Engelbert Obernosterer schrieb, von Anbeginn, mit einer genuin eigenen Wahrnehmung. Er nimmt bekannte Dinge – den drögen Alltag, das Insektenleben im Haushalt, den Sozialverkehr in der Provinz,  das Televisionsangebot oder den unerträglichen Moment zwischen Leben und Tod – unter die Zeitlupe. Wohlgesonnen, selbstkritisch-ironisch, versponnen.

Mit wahrer Bärengeduld und stärker als viele seiner Kolleg·innen scheint dieser österreichische Schriftsteller zur Auffassung gekommen zu sein, dass die einzige Kohärenz und Klarheit in den Beziehungen zwischen unseren Bewusstseinsinhalten liegt. ›Wolke mit Henkel‹ ist seine zwanzigste selbstständige Prosapublikation, und die 26. Buchveröffentlichung des wuchtigen Gesamtwerks.

Obernosterer tritt unseren schwerfälligen Gehirnkammern augenzwinkernd gegenüber. Die Anordnung der Texte ist identisch mit der Anordnung in den vorangegangenen Bänden; sie beginnt mit dem morgendlichen Aufstehen und endet am Grab. Zum wiederholten Mal kündigt der Autor an, das es sich nun um sein »letztes Buch« handelt. »Wahrscheinlich. Sicher kann ich mir erfahrungsgemäss nie sein.«

Aus lauter Anfängen bestehen

Es muss an diesem verschmitzen Humor liegen, der dem Autor hilft, die »demenzverdächtige Öde«, die er im Alter schonungslos erfährt, immer wieder abzuschütteln. Eine zartgekräuselte, feingestimmte Komik breitet sich vor uns aus: mit Backrezepten verwechselte Partezettel, beschwingte Priester, unangemeldete Besucher, eine Ansprache an den Wind beim Radfahren. Originelle Wortschöpfungen wie »Bergneger«, »Gattengerät«, »Mundfusstritt«, »Pflanzennazi«, »Vatermehl«, »vorausurinieren«, »vorüberticken« ziehen am Auge vorbei.

Engelbert Obernosterer bemüht sich in dem Band kaum mehr, einen Unterschied zwischen Autor und Ich-Erzähler zu machen. Der da spricht, der sich da bei der Morgengymnastik »sportmediznisch rechtfertigt«, der da mit dem E-Bike im fünf Minuten entfernten Städtchen die nötigen Einkäufe erledigt, der das zu Schreibende an die Stelle eines Zeitgefühls treten lässt und der mitten am Tag kraftlos ohne irgendwelche Beschwerden einfach so daliegt, das ist fast hundertprozentig er …

… das einstige Kind aus den bescheidenen Verhältnissen eines Gebirgsbauernhofes, der ehemalige Internatsschüler in Tanzenberg, der Student in Wien, der Familienvater, der sich nicht sicher ist, ob er man ihn für den ruhenden Pol der Familie hält oder für ein faules Schwein, der Turnlehrer und Kunstpädagoge in der Provinz, schliesslich der Verfasser von Theaterstücken, Lesebüchern und einem monumentalen Splitterwerk, der prämierte Ortsbestimmer, der Verlander, der literarische »Ich-Erweiterer«, der den Schnörksel zu seinem Emblem erhebt und das verschnörkselte Textieren zu seiner Methode macht.

Keine Bestseller-Literatur, nein, keine Unterhaltung über ungeklärte Verbrechen, die den Standpunkt Gottes durch den Polizeiblick ersetzt, sondern geduldiges Kneten an den Formen der »Ewigkeit«; und der Ehrgeiz, in wenigen Zeilen zu sagen, was andere in einem ganzen Buch nicht zu Papier bringen.

In der Dichterkammer / Foto: W. Koch

Botschaften wie: Der inneren Unausgeglichenheit nicht ausweichen (auch nicht ins Räumliche, in das Unterwegssein), Zimperlichkeit ablegen (hart gegen uns und unsere Erwartungen), Helfen und Geben. Gleich zweimal erklärt Obernosterer seine Schenkphilosophie, welche stolz die Mitte zwischen Tauschgeschäft und buddhistischem Dāna, dem erwartungslosen Geben, hält. »Eine Wohltat nicht zurückgeben – weitergeben!« ist sein Motto, und das gilt für die Speckjause und den Geldschein genauso wie für beherzte Worte.

Wissen und Erkenntnisse weitergeben, das Vorwärtskommen des Humanen befördern, die Faulheit verteidigen, die Vertextung des Lebens abwehren. Man hat ja als ernsthafter Autor bis zum letzten Atemzug reichlich zu tun. Überhaupt kommen in diesem schönen Buch Urteile vor, die einem Gelehrten und selbst einem Stoiker Ehre machen würden.

»Würde der Mensch einsehen, dass er aus schlichten, ihm nicht zugänglichen Vorgängen besteht, Verhältnissen, wie sie auch in der Vegetation und der Witterung sich zu immer neuen Druckverhältnissen und Konstellationen zusammenbrauen, würde er also mit seinem Denken auf dem Boden der ungeschönten Sachlichkeit bleiben, würde das Ende des Lebens nichts Weiteres bedeuten als die Abrundung der laufenden Vorgänge«.

Seine formulierte Einsichten katapultieren Engelbert Obernosterer auf eine Stufe mit den grossen Denkern und Schweigern der vergangenen Epochen: sie lassen uns an die Randbemerkungen des zweifelhaften Schulmeisters ›Joan de Mairena‹ (1934/36) von Antonio Machado oder an den ›Briefwechsel mit dem Tod‹ (1983) von Giorgio Voghera denken. Obernosterers Minaturen sind uneigennützig, unterhaltsam, enthalten einen haarscharfen philosophischen Blick.

Vor sich hin selbsteln

In dieser Literatur wird »haltlos in die Tiefe getorkelt«, »Frauen bekreuzigen sich«, einmal wird der Hausverstand beschworen, im nächsten Augenblick die »schwarz schimmerende Haarpracht« einer Unbekannten auf der Strasse. Obernosteres Sprache transportiert dabei manch Antiquiertes: »die barsche Abkehr vom Selbstverständlichen« … »das Unvermögen meines Kopfes« … »Missstand im Missmut verankert« … »das sukzessive Abhandenkommen von Fähigkeiten«.

Der Schnörksel kann auch ungelenk ausfallen, zum Krakel werden. Etwa, als »berglerisch hochristiger Fuss«, der »der Figur von einst Lügen straft«. Wenn der Autor das Schreiben »als geistigen Rollator« hinstellt, greift er sogar zu einem geschmacklosen Bild. Gewöhnlich jedoch sitzt jeder Beistrich, in der Regel ertrinkt der Fisch in der Luft.

Ein Nichts auf höherem Niveau

Schifahrer-, Bergsteiger- und Politker·innen bekommen in den Texten reichlich Fett ab. TV und Radio sowieso. Die reinen Farben des Dirndkleids hingegen erhalten höchstes Lob. Und immer wieder fragt sich der Erzähler provokant: »Warum lässt man die laufenden Dinge nicht auf sich beruhen, sondern stochert in ihnen herum mit der Frage, welcher Sinn ihnen innewohnt?«

Frauen werden übrigens weit häufiger – dabei hingebungsvoller, aber auch bösartiger (»in den Küchendunst gestreute Frauenbestandteile provinzieller Prägung«) – beschrieben als das Gegengeschlecht. Männer werden nicht als sex-, sondern als fortpflanzungswütig dargestellt. Lieblingsthema: Zudringlichkeiten. Dauervokabel: Sittsamkeit.

Nicht einmal die Dohlen vertrauen diesem Geklüft / Foto: W. Koch

Auch diese Schwachheiten seien entschuldigt. Denn Obernosterer durchkreuzt ständig die Linien, kann schreiben, kann denken. Wir erfahren, dass die Frage »Wozu?« nur solange sinnvoll ist, solange es um Sein oder Nichtsein geht. An einer Stelle bestimmt er zwei Arten von Nähe, räumliche und strukturelle, worauf ich später zurückkommen werde.

Okay, manchmal fasst Obernosterer ins Leere. Gut und böse sind keineswegs ein und dasselbe, wie er behauptet – »nur von entgegengesetzten Standpunkten aus betrachtet«. Die 51 Vergewaltiger von Gisèle Pelicot werden vielleicht moralisch besser, wenn sie ihre Taten bereuen und sich dafür schämen – ihre Verbrechen werden es aber nie & nimmer.

Über zwei, drei Passagen in diesem Buch verhänge ich den Kitschverdacht: über den prächtigen Metzger, der nicht weiss, wie er »dralle Schweinswürste« einer umschwärmten Kundin »zustecken« soll; über die »ratlos dem Urdunkel gegenüber hockenden« Künstler·innen; – und dass in demokratischen Wahlgängen »das nicht organisierte Reich der Emotionen«, die »magischen Verhältnisse«, von den »geordnet anrückenden Kohorten des Verstandes« überwältigt werden, stellt schlechterdings die Realität von Imagekampagnen mit Sprechblasenpolitiker·innen auf den Kopf.

In Glaubensfragen wirkt der neue Obernosterer sichtlich milder. Die Vorstellung von der Existenz Gottes vermittelt ihm jetzt das »beglückende Sinngefühl« bei einem im Grunde nicht lösbaren Problem. Gegen Eucharistie und Amtskirche stemmt er die Liebeslehre des Narzareners. In der Erfahrung einer umfassenden Liebe sei das Höhere zu spüren. Die Linien der Humanität, der Naturfreude und des Wort im Evangelio fallen in der Schlussetappe der Lebensreise zusammen.

Ich als Familientraktor

Auf den letzten zehn Seiten verknappt der Prosaist Obernosterer, wie bereits in der vorhergehenden Jahrbüchern, seine Miniaturen zu Aphorismen, von denen die besten krass komisch ausfallen:

»Ich bin ein Teil des Haushalts, in dem sich nichts zum Besseren wenden lässt – ausser, dass beim Einkauf statt einer Normalpackung einmal eine Vorteilspackung zu ergattern ist.«

***

»Nachdem es in puncto Geschlecht mittlerweile nicht nur den Dualismus von männlich und weiblich gibt, sondern zufolge zunehmender Toleranz und Sensibilität der Gesellschaft auch unzählige Zwischenformen, sollte man auch sehen, dass es bei anderen Dualismen wie schön und hässlich, gut und böse, ja und nein, Subjekt und Objekt unzählige Zwischenformen gibt.«

***

»Ein Leut-Umbringer. Es ist beruhigend zu erfahren, dass der noch nicht Gefasste Franz heisst. Somit hat man ihn schon zur Hälfte.«

***

»Ich als Familientrakor mit durchgerosteten Kotflügeln rattere gleichförmig die Furchen des Alltags auf und ab.«

***

Zum Lachen nach Villach

Die Hochkomik des Satzes »Zum Lachen fahre ich nach Villach« entfaltet sich desto stärker, je mehr Hintergrundinformationen wir besitzen: 1. Die Redewendung »Zum Lachen in den Keller gehen« bedeutet humorlos sein, einen Stock im Arsch haben, 2. Villach ist seit den 1950er-Jahren Österreichs einzige Hochburg des Karnevals, 3. Unter den Narren auf der Bühne des alljährlich im ORF ausgestrahlten Lei-Lei-Faschings spielt Engelbert Obernosterers Namensvetter Manfred Obernosterer seit 25 Jahren die legendäre Hauptrolle (»I bin’s, da Noste«), 4. In der »glückseligen Alpenrepublik« hielten die verbrecherischen Haustyrannen Josef Fritzl und Wolfgang Priklopil jahrelang ihre weiblichen Opfer im Keller gefangen.

Ein paar Blätter vor den Aphorismen hat der Autor lesenswerte Miniessays ins Buch geschoben. Die ersten ab Seíte 156 beschäftigen sich, ohne den Namen des Meisters zu nennen, mit den Arbeiten des 80jährigen Bildhauerfreundes Hans Unterberger, einem Schüler von Hans Domenig. Obernosterer steht »gebannt und ergriffen« vor Fundkunststücken und vor der Maserung von Mamor, in der er das »donnernde und gitschtende Wiedereinander der urzeitlichen Feuermeere« erblickt.

Es folgt eine kurze Selbstinterpretation seines 1990 erschienen Hauptwerkes ›Die Bewirtschaftung des Herrn R‹, ein Roman, in dem sich auf Seite 150 der weitblickende Satz findet: »im übrigen heisst ein fünfundachtziger zu sein schon, mit der zahl allein zu sein«. An diesem Buch hat der nunmehr Sechsundachtzigjährige damals fünf Jahre lang mit »radikalen Bestrebungen« geschrieben.

Und dann sehen wir: Obernosterer hat durch sein Schreiben mehr gewonnen als den Schriftstellerstatus, nämlich ein Leben, das ihm half, auch seinen Brotberuf unbeschadet durchzustehen. Auf Seite 144 folgt in 81 Zeilen die schlankste Darstellung der Antipädagogik des Ex-Lehrers, die sich in seinen vielen Büchern finden lässt.

Hier würdigt der Autor den Einfluss des Kommunikationstheoretiker Vilem Flusser auf seine frühere Lehrerexistenz und bekennt sich nachdrücklich zur Literaturauffassung in Adalbert Stifters Vorrede zu ›Bunte Steine‹ (1852), worin bekanntlich viel von »Menschheit« und von »männlicher Tugend«, vom »reinen Äther des Sittengesetzes« und von dem »Erhabenen« die Rede ist. – Lauter ausgehebelte und heute ziemlich tragisch wirkende Werte.

Allerdings findet sich in Stifters Vorrede auch die Antwort aufs Obernosterers harsche Selbstbeurteilung: »Ich bin im Grunde schlecht, will heissen: ein schlichtes, auf einfachen Naturvorgängen beruhendes Wesen …« – »Wenn etwas Edles und Gutes in mir ist«, schrieb der ferne Kollege im 19. Jahrhundert, »so wird es von selber in meinen Schriften liegen, wenn aber dasselbe nicht in meinem Gemüte ist, so werde ich mich vergeblich bemühen, Hohes und Schönes darzustellen, es wird doch immer das Niedrige und Unedle durchscheinen«.

Da haben wir sie nun, die modale Nähe, die Nähe von nicht messbare Art, die auf struktureller Übereinstimmung mit dem heiter-lustvollen Biedermeier beruht.

© Wolfgang Koch 2024

Engelbert Obernosterer: Wolke mit Henkel. Miniaturen. Buch mit Lesebändchen, 158 Seiten, 19,90 EUR, ISBN: 978-3-99029-659-2

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/21/engelbert-obernosterer-zartgemuther-methusalix-mit-henkel/feed/ 0
Hendrikje M. Machate : nobelrebellische Katholikin der Millennials https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/15/hendrikje-m-machate-nobelrebellische-katholikin-der-millennials/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/15/hendrikje-m-machate-nobelrebellische-katholikin-der-millennials/#respond Sun, 15 Dec 2024 08:45:10 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4057 Der kryptokonservative Wiener Castrum Verlag, der sich in Versalien mit »V«, in Gross- und Kleinschreibung aber mit »u« schreibt, hat nach der Einverleibung der Edition Acéphal und dem Philosophenroman ›corvus albus‹ des Dandys Jan Juhani Steinmann eine weitere Überraschung zu bieten. Unter dem Titel ›Sichtungen‹ legt die in Wien lebende Deutsche Hendrikje Margareta Machate mit der Kaltnadel radierte Aphorismen vor.

Das ist in mehrfacher Hinsicht erstaunlich. Aphorismen pressen Sinn in wenige Worte, fallen im gelungenen Fall anregend aus wie ein Destillat. Die kurzen Sentenzen spielen mit Lebensregeln, vorwiegend moralischer Natur. Aphorismen – das bedeutet knappe Formulierungen, Gedanken von atomischer Natur, die sich zu einem Mosaik auslegen lassen. Aphorismen bieten Meisterstücke des Sarkasmus, der bitteren Beobachtung, der scharfen Pointe. Um sie zu verfassen, bedarf es einiger Lebenserfahrung, und darum gehören sie gewöhnlich zum Alterswerk von Schriftsteller·innen.

Hendrikje Margareta Machate ist 33 Jahre alt. Sie erweitert den Reichtum unserer literarischen Landschaft also alleine schon durch die Wahl dieser Form. Aphorismen sind für diese Autorin nicht weniger als »(Ver-)Dichtung in der Wissenschaft«. Mit einer Wissenschaft, die aus Aphorismen besteht, hat es aber nach ihrer Ansicht noch Zeit.

»Der Mensch wurde nicht für den Schreibtisch geboren, wenn schon eher noch zum Holzfällen«, versichert Machate. – Mag sein; Holzfällen ist allerdings die vernünftigste Grundlage dafür, einen Schreibtisch zu zimmern.

Wir fragen uns: Haben wir es bei dieser ungewöhnlichen literarischen Produktion mit der naturhaften Intelligenz eines einfachen Wesens zu tun, das von einem hohen Ideal erfüllt ist? Oder nur mir einer unzeitgerechten Epigonin des paradereaktionären Nicolás Gómez Dávila?

Das ist auf den ersten Blick gar nicht so leicht auszumachen. Bei der Lektüre lässt sich nicht sofort sagen, ob Machate gegen die Sicherheit einer bürgerlichen Existenz dem eigenen Lebensimpuls folgt oder nicht. Ist ihre Stilistik bloss Maske und Paraphrase? Folgt der Blick einer weltunerprobten Perspektive?

Die literarische Qualität der Miniaturen ist jedenfalls divers. Einzelne Sätze und Sentenzen gleichen Spruchweisheiten, andere scheinen auf den Punkt als Stillleben geschrieben zu sein. Knackfrische Zutaten, fangfrische Meerefrüchte darf man nicht erwarten. Machate schreibt nicht für Foodies. Liebhaber woker Literatur bitte unbedingt noch zwei Strassen weiter.

Tatsächlich zeigen die Minaturen der Autorin häufig die charakteristische Schreibweise von Alterwerken: eine Ästhetik der kleinen Form, gediegene Metaphorik, von Lektüre gestähltes kulturelles Wissens, vom Gebet genährter Fundus religiösen Ausdrucks, dazu eine ausgeprägte Wokeness-Idiosynkrasie, die sich mit einem nostalgischen Ton verschränkt.

Was für ein Katholizismus?

Inhaltlich kennt Machate die Passworte der traditionellen Ordnung – also Liebe, Glauben, Treue, Verortung –, andere Signale – wie Ehre, Tapferkeit, Loyalität, Nation – kennt sie nicht. Im ersten Kapitel breitet sie ihren ›Gotteswahn‹ aus. »Als ich vernünftig wurde, begann ich zu glauben«, heisst es da, zehn Seiten weiter dann aber auch, dass sie sich zum tieferen Glauben bewogen fühlte, um sich Menschen vom Leib zu halten.

Für Machate ist es gerade die Leiblichkeit, die uns gottesebenbildlich macht. – Ein schöner Gedanke, aber hat er denn auch den kranken, hinfälligen, versehrten Körper vor Augen? Aber gewiss doch, würde sie wahrscheinlich antworten, den gemarterten Leib Christi am Kruzifix.

***

»Unser Mangel im Denken ist Folge der Erbsünde, nicht unserer Leiblichkeit.«

***

»Für das Leben wird man heilig, nicht für das Werk.«

***

»Der Zufall ist Gottes Kontingenz plus unser Wille«.

***

Schon Carl Schmitt rang um »die katholische Verschärfung gegen die Neutralisierer, die ästhetischen Schlaraffen, gegen Fruchtabtreiber, Leichenverbrenner und Pazifisten«. Der umstrittene deutsche Staatsrechtler und Theologe ist neben dem spätmittelalterlichen Humanisten Nikolaus von Kues (Cusanus), dessen Erkenntniswege die Autorin ausgezeichnet versteht, sowie dem österreichischen Novellisten Stephan Zweig der dritte Stichwortgeber in diesem Werk.

Unter der Kuppel des Petersdoms haben im 20. Jahrhunderts zahlreiche Literat·innen Salto mortale geschlagen: die Autor·innen der Renouveau catholique, aber auch der portugiesische Saudismo-Mystiker Teixeira de Pascoaes oder der erotische Abbé Franz Blei. In welchem Fahrwasser bewegt sich unsere streitbare Katholikin? Was fasziniert sie am Glauben?

Ihre Antwort: Die ständige Begleitung durch das Nicht-Sagbare. – Ist Machate aufgrund einer ästhetischen oder einer romantischen Erschütterung zu dieser Ansicht gelangt? Weder noch. Sie sieht ihr Christentum in der Tradition begründet, die sie als lebendiges Weitergeben versteht. Die »Gemeinschaft der Heilgen« bedeutet für sie in eine Familie eintreten, an einer freudlichen Verwandschaft teilhaben.

Auf Instagram gibt ein Foto mehr Auskunft als die Texte. Dort postet Machate unter marguery_juggernaut eine Aufnahme der gedruckten Autobiographie von Pater Gabriele Amorth (1925-2016). Der Exorzist der Diözese Rom, der in der Heiligen Stadt nicht weniger als 100 satanische Sekten aufgespürt haben will, betrachtete die Europäer·innen »als ein Volk von getauften Heiden. Scheidung, Abtreibung, Auflösung der Familien: eine Katastrophe«.

Die Amorth-Lektüre der Autorin passt ausgezeichnet ins Bild, das sich langsam zusammen setzt. Hat Emmy Hennings nicht wiederholt versichert, das Lieblingsthema des Konvertiten Hugo Ball sei ›Exozismus und Psychoanalyse‹ gewesen?

Feminismus vs. Antifeminismus

Das zweite Kapitel, ›Kontergarde‹, versammelt Aphorismen zur Geschlechterfrage und das Bekenntnis zu einer verwehten Menschheitsepoche. »Erfüllung« ist eines der Zauberwörter von Machate. Es steht bei ihr dort, wo in den Werken anderer, früherer Stimmen »Vollendung« steht.

Um uns zu erfüllen, leben wir, an Erfüllung sterben wir. Entsprechend beklagenswert sei der Zustand der »denaturierte Mutter« und der Feminismus, der »alle weiblichen Privilegien abschaffen« wolle. »Das letzte irdische Paradies, der Mutterleib, ist heute zu einem der gefährlichsten Orte geworden«. Frauen sollen Geschöpf spielen, Objekt des männlichen Willens.

Während der in der rechten Stammleser-Ecke konkurrierende Karolinger Verlag die misogyne Nachlassschrift ›Pornokratie‹ des französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon feilbietet, sich also mit der abwegigsten Begründung von Frauenfeindlichkeit herumschlägt, wünscht sich Hendrikje Margareta Machate elegante Männlichkeit zurück. Männlichkeit auch im Kriege. »Die Verweiblichung des Krieges hat ihn zu sinnloser Grausamkeit verkommen lassen«.

Allerdings gelingt es Machate nicht, diesen Antifeminismus konsequent durchzuhalten. Wenn sie etwa beobachtet, dass Frauen quasi ständig im Begriff sind zu fragen: »Muss ich erst deutlich werden?«, nimmt, ob sie will oder nicht, eine klare frauenrechtliche Position ein.

Feministin? Antifeministin? Jedenfalls schön. Foto: Charlotte Sasso

Ich habe als Mann keine Berechtigung, Frauen einen Emanzipationskurs vorzuschlagen. Doch als Teilnehmer geisteswissenschafter Debatten erlaube ich mir darauf aufmerksam zu machen, dass frau nicht gleich mit der Selbstermächtigung ihres Geschlechts brechen muss, wenn sie mit der Haupt- oder Modeströmung der Frauenbewegung nicht einverstanden ist. Wer den Queer-Egalitarismus ablehnt, muss deshalb nicht antifeministisch glänzen.

Es gibt mit der Philosophinnengruppe Diotima an der Universität Verona seit Mitte der 1980er-Jahre auch einen klugen Ansatz des Denkens der Geschlechterdifferenz und der Politik, der den Gendergap gerade nicht nivellliert, sondern im Unterschied zwischen Frau und Mann die Quelle von Kreativität, Sexual- und Sozialleben erkennt.

Über die Methode

Aphorismen sind Haltungsdestillate am spiegelglatten Parkett. Machate dürfte bei gesellschaftspolitischen Fragen vor allem ihre Methode am Gleichgewicht behindern. Unter Sehen lernen versteht sie ein »inneres Schauen«, damit »Wahrheit gleichsam zu einem Gefühl« wird. »Was uns gewiss ist, schauen wir; jedes Argument dazu ist nachträglich.«

Damit korresponiert ein starker Vorbehalt gegen Bewusstseinsarbeit. »Je bewusster wir uns sind, desto mehr fehlt uns«, ist zu lesen. Vernunft gibt es in Machates Augen nur eine, und die ist unabhängig vom Grad unserer Intelligenz. Selbst das Verstehen von Mathematik sei im Idealzustand ein Fühlen.

»Was die Organik einbüsst, verliert mein Vertrauen.« Allein die Kunst können »das übergreifende Organeon sein, in dem der Irrationalismus als Rationalität in Erscheinung tritt.« – Es ist die Ästhetik eines nichtdiskursiven Wissens, die hier durchschlägt, die Befreiung vom Zwang, immer die Wahrheit zu suchen.

»Die Wissenschaft hat sich in der Philosophie breit gemacht statt umgekehrt.« Wissenschaft und Lebensmittelerzeugung seien zu schnell geworden, um uns noch gut zu tun. Überhaupt die Unruhe der Welt! – »Die Zivilisation darf nicht schneller wachsen als die Kultur«, und: »Die Kunst ist stets wahrer als die Wissenschaft«.

Aufbruch in das Mittelalter

Kultur ist bei Machate grundsätzlich positiv, (als ob es nicht auch Kulturen der Grausamkeit, der Lüge und der Fresssucht gäbe), ihre Rede vom ewigen Wesen der Dinge essentialistisch. Dass die Naturwissenschaften zum Zweck der Erleichterung der menschlichen Mühsal benutzt werden, stürzt keineswegs als »etwas extrem Neuzeitliches« auf uns. Die Griechen betrieben die Naturwissenschaften genauso wenig, »um ihre Götter zu loben«, wie dies das Mittelalter getan hat. Der Brunnenbau und die Schifffahrt der Griechen, um nur zwei Beispiel zu nennen, beruhten auf reinem Sachwissen, auf neutraler und magiefreier Technik, deren einzige Rechtfertigung in ihrer Wirkung lag.

Machates Kulturkritik ist in ihrer Belesenheit fundierter. Sie mischt zum grundsätzlich überdrüssigen Habitus (»Ein ehrenhafter Mensch muss ein immerwährender Abtrünniger sein«) einen Klagegestus, ohne sarkastisch zu werden; sie verströmt verschwendisch Pessimismus, argumentiert die Liebe zur Orthaftigkeit, und sie liebt den Künstler mehr als die Kunst.

Das heutige Europa gilt ihr als seiner Identität beraubt (»Armes Abendland!«). Moralisch gut erscheinen Schmerz, Bücher, Genies, Orte, Langsamkeit, die Musse, aus der eigenen Zeit fallen, schliesslich Unsichtbares, Kontingenzbewusstsein und Schweigen. Böse erscheinen der Autorin: ungenierte Promiskuität, menschliche Zerrissenheit, Optimierungswahn, die Arroganz der Intellektuellen, Veganismus.

Heldentum gibt es vergleichsweise billig. Es genügt schon, wenn man sich nicht umbringt. Der Tugendkatalog enthält Opferbereitschaft, Sinnsuche, Verfeinerung des Gefühls. Tolerant könne sich nur geben, wer eigenen Wert besitze. Summa summarum erscheint die Ordnung in der Einzelperson als die Grundlage aller Ordnungen.

Machate glaubt an die Möglichkeit eines Anderswo, und dieses Anderswo heisst Neues Mittelalter. In der politischen Einheit »die vielleicht grösste Häresie der Neuzeit« zu erkennen, zeugt von einem gewagten Geschichtsbild. Was feiert Machate am Mittelalter? Die personale Herrschaft, die damals zählte, die »organische Kultur« der Privatrechtsgesellschaft, tugendhafte und christliche Männer, die Frauen beschützten, den Frieden des Burggartens. Je mehr sie die Neuzeit verachtet, denkt sie, desto mehr muss sie das Vorgestern lieben. »Wenn alle Unlichter wieder verloschen sind, läuten Tinte und Papier das neue Mittelalter ein«.

Bei Wahlen empfieht Machate Enthaltung. Das politische Hufeisen ist ihr da wie dort zuwider. »Die Linke scheitert an der Naturhaftigkeit des Menschen; die Rechte scheitert an der Abstraktionsfähigkeit des Menschen«. Näheres erfahren wir nicht über die teuflische Natur der Politik. Das Bedürfnis nach Selbstmystifizierung dominiert. Ironie und Selbstironie bleiben dieser Gedankensammlung unbekannt.

Dienst an der Sprache

Im letzten Abschnitt, den ›Miscellanea‹, erfahren wir, warum diese Frau sich aufs offene Meer hinaus wagt. Sie fühlt sich berufen zu schreiben, 1. um ihr Erleben zu intensivieren und zu konservieren, 2. um heilsam zu dissoziieren, 3. um eine offene Einladung an die Leserschaft auszusprechen. Das ist nachvollziehbar und sollte nicht durch Beifall erledigt werden.

Eine gedankliches Crescendo gibt es in der Sammlung nicht, was ihr ausgesprochen gut bekommt. Schliesslich sind wir der verflachten Meinungen und ausufernden Theorien müde. Lieber weniger und fragmenthaft als vielwissend. Zum Abschluss ein Handvoll Meditationen, von denen ich jede einzelne dreifach unterschreibe:

»Es ist das, was jemanden interessiert, was ihn interessant macht. Es ist das, was jemand liebt, was ihn liebenswert macht.«

***

»Die Intensitität des Erlebens, welches allein durch Buchstaben oder Gedanken erzeugt wird, ist nicht jedem gegeben.«

***

»Manche Bücher inspirieren einen schon allein durch ihre Anwesenheit.«

***

»Sein Leben vom Zufall ausgestalten lassen – die Höchstform ästhetischer Existenz.«

***

»Bevor du jemanden gelesen hast, kennst du ihn nicht.«

© Wolfgang Koch 2024

Hendrikje Margareta Machate: Sichtungen. Aphorismen, 128 Seiten, in Leinen geb. m. Schutzumschlag, 25 €, ISBN 978-3-9505469-7-2

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/15/hendrikje-m-machate-nobelrebellische-katholikin-der-millennials/feed/ 0
Pflichtlektüre für die europäischen Kriegsregierungen https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/05/pflichtlektuere-fuer-die-europaeischen-kriegsregierungen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/05/pflichtlektuere-fuer-die-europaeischen-kriegsregierungen/#comments Thu, 05 Dec 2024 08:28:48 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4042 Noch werfen uns die Staaten nicht ins Gefängnis, noch können sich Kriegsgegner·innen in den EU-Ländern frei äussern. Doch die Drohung liegt bereits in der Luft. Einer der ersten auf der Liste der Verfolgten wird im nuklearen Winter der französische Historiker Emmanuel Todd sein.

Das führende Nato-Propagandablatt F.A.Z. erklärt diese Woche in einem Leitkommentar: »Wer angesichts des seit Jahren gezielt Zivilisten mordenden Moskauer Regimes dessen Sicherheitsinteressen anmahnt […], wie einst Helmut Schmidt, […] der hat eine blutige Vorstellung von Frieden«. – Wer hingegen den Willen aufbringt, der Nuklearmacht Russland militärisch zu trotzen, soll das heissen, der rettet in schmucker Strahlenschutzkleidung die »Freiheit in Europa«.

In Zeiten des Krieges und der brachialen Gewalt bleiben Humanität, zivilisatorischer Fortschritt und sachliche Intelligenz auf der Strecke. Dennoch bedarf es gerade in dieser Stunde der aufrechten Standfestigkeit jener, die sich nicht mit der scheinbaren Gesetzmässigkeit militärischer Logik abfinden wollen.

Niemand muss einverstanden sein mit den starken Thesen des Franzosen Emmanuel Todd zur kriegsverseuchten Gegenwart. Doch jeder Leser und jede Leserin seines neuen Werkes wird ihm umstandlos zugestehen, dass kein anderer Autor so kraftvoll flussaufwärts schwimmt wie er.

Todd ist zunächst einmal nur einer von vielen Untergangspropheten am Markt der Meinungen, Studien und Analysen. Auch er bedient den Weltkampfmythos, in dem sich die politischen und gesellschaftlichen Kräfte als Vertreter von Kosmos und Chaos gegenüberstehen. Da ist immer Vorsicht angebracht! Spekulationen liegen in der Luft. Alte Männer verwechseln notorisch das eigene biologische Ende mit dem Ende der Menschheitsgeschichte.

Das tote Projekt Europa

Nach Todds Ansicht ist die Welt weder statisch noch disruptiven Störungen unterworfen. Schon jetzt bewegt sie sich durch unaufhörliche Konflikte auf einen unlösbaren Zustand zu. Wir Europäer und Europäerinnen leben seiner Beobachtung nach in einer falschen Erwartung. Das Projekt Europa, erklärt Tod in seinem neuen Reader, war nach dem Brexit mausetot.

»Ein Gefühl soziologischer und historischer Leere hat unsere Elite und unsere Mittelschicht beschlichen. In dieser Situation wirkte die russische Attacke gegen die Ukraine fast wie ein Glücksfall. Die Leitartikel der Medien machten daraus kaum einen Hehl: Putin gab der europäischen Konstruktion mit seiner ›militärischen Spezialoperation‹ wieder Sinn; die EU brauchte einen äusseren Feind, um neu zusammengeschweisst zu werden und wieder in Gang zu kommen. Diese optimistische Rhetorik verbarg eine dunklere Wahrheit. Die EU ist ein unkontrollierbares und buchstäblich irreparables Kraftwerk«.

Todd gelangt im dritten europäischen Kriegsjahr zur Auffassung, dass die Ukraine als Staat Selbstmord  begeht. Sämtliche EU-Mitglieder, inklusive dem neutralen Österreich, stehen in dem Konflikt auf der falschen Seite, nämlich auf der Seite militärischer Eskalation ohne Endgame, die Diplomatie und Konfliktlösung verhindert. Ist denn die massive militärische Unterstützung des Westens für die kriegerische Selbstverteidigung, ohne die sie nicht möglich wäre, angesichts ihrer Konsequenzen und Alternativen noch zu rechtfertigen? Oder produziert sie nicht längst ein grösseres Übel, das wir nicht akzeptieren sollten?

Gibt es noch Wahrheiten?

In Todds Einlassungen finden sich merkwürdige Seitenhiebe auf dieses und jenes. Dass die Russische Förderation anfangs mit nur 100.000 Mann in die Ukraine eingerückt ist, will er als Wohlwollen des Feindes mit dem drangsalierten Brudervolk interpretiert sehen. Solche gelegentlichen Bizarrerien ändern nichts an Todds klaren Blick auf zentrale geopolitische und weltwirtschaftliche Zusammenhänge.

»Als Wissenschaftler fällt es mir sehr schwer, die beiden Paare gut–böse und wahr–falsch zu unterscheiden; in meinen Augen gehen diese beiden konzeptuellen Paare ineinander über«, sagt der Autor an einer Stelle. Hier hätte Thomas Hobbes Todd aus der Verlegenheit helfen können, der 1651 richtig festgehalten hat: »Gut nennt der Mensch jedweden Gegenstand seiner Neigung, böse aber alles, was er verabscheut […] Es müssen die Ausdrücke nur mit Bezug auf den, der sie gebraucht, verstanden werden; denn nichts ist durch sich selbst gut, böse oder schlecht […] Wahr und falsch sind nicht Eigenschaften der Dinge, sondern der Rede«.

Gut–böse und wahr–falsch sind demnach beides sprachliche Formeln, – doch im ersten Fall, und das ist wesentlich, um die innere Bewegungen, Leidenschaften genannt, auszudrücken, im zweiten Fall aber, um objektiv Wahrgenommenes und Gedachtens, kollektiv Geteiltes, durch Autorität öffentlich Bestätigtes zu artikulieren. Diese beiden Paare gehen für den scharfen Verstand keineswegs ineinander über.

Verblüffende Thesen

Was ich an Todds Analysen schätze, sind viele kraftvolle und mit spannenden Fakten untermauerte Thesen zu einzelnen Erscheinungen von Vergangenheit und Gegenwart. Zum Beispiel sein Blick auf die 1950er-Jahre. Er entwickelt dabei einen eigenen Jargon. Todd nennt Karteichristen, die nicht zur Kirche gehen, jedoch immer noch zahlen, »Zombiechristen«. Unter Nihilismus versteht er 1. die physische Dimension, das heisst den Trieb, Dinge und Menschen zu zerstören, und 2. einen zersetzten Begriff der Wahrheit, der jede vernünftige Beschreibung der Welt verbietet.

Zitat: »Nach dem Zweiten Weltkrieg durchlief die gesamte westliche Welt eine leichte Rückkehr zum Religiösen, die ein weitaus massiveres Wiederaufblühen des katholischen und protestantischen Zombiechristentums vertuschte, das heisst Werte des Anstands und des Konformismus, die sich, losgelöst von jedweder religiösen Praxis, aus der Religion entwickelten. Die Schockwellen des nationalsozialistischen Nihilismus breiteten sich in der Tiefe aus. Die entwickelte Welt kam wieder zu Atem. Es ist die Epoche, in der ein maximaler familiärer Konformismus blühte, der die Grundlage für den Baby-Boom bildete. Diese Wiederbelebung der Fruchtbarkeit stützte sich auf eine besonders klare Rollenaufteilung von Männern und Frauen. Neben oder oberhalb des familiären Konformismus wurde der Welfare State, der Wohlfahrtsstaat der Nachkriegszeit, zur ultimativen Verkörperung des Zombiechristentums, seine Apotheose«.

Nihilismus im Vormarsch

Den Niedergang der englischen Arbeiterklasse vor Augen, stellt Todd die Frage, ob die in Grossbritannien zur Schau gestellte Bevorzugung von Minoritäten (affirmative action) nicht über die guten Gefühle hinaus »eine Rache der oberen englischen Mittelschicht an ihrem Plebs« ist.

An den heutigen Vereinigten Staaten diagnostiziert Todd, dass sie einfach kein Nationalstaat mehr sind. Das »Land of the free« habe seine Führungsschicht sowie seine Fähigkeit, eine Richtung beizubehalten, zerstört. »Um 2015 erreichte es das, was ich einen Nullzustand genannt habe. Dieser Begriff meint nicht, dass das Land nicht mehr existiert oder nichts mehr produziert, aber es wird nicht mehr durch seine ursprünglichen, nämlich protestantischen Werte strukturiert: Sowohl die Moral als auch die Arbeitsethik und das Verantwortungsgefühl, die einst die Bevölkerung antrieben, sind verschwunden. Die Wahl von Trump, dem Champion des Vulgären, und die von Biden, dem Champion der Senilität, waren die Apotheose dieses Nullzustands«.

Was die geostrategische Weltlage betrifft, erinnert Todd noch einmal an die Angst des einflussreichen US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzeziński, nach dem Fall des Kommunismus könnten Deutschland, Russland und Japan zusammenrücken und den US-Einfluss auf Europas Sicherheitsarchitektur überflüssig machen. »Da Russland im Begriff war, einzubrechen, schlug [Brzeziński] vor, man könne nachhelfen, indem man ihm die Ukraine entreissen würde, eine Amputation, die Russland für immer seines imperialen Status berauben würde. Wenn aber der Ukrainekrieg schliesslich dazu führt, dass das amerikanische Imperium zerfällt, dann würde Zbigniew Brzeziński als der grösste unfreiwillige Humorist aller Zeiten in die Geschichte der Geopolitik eingehen«.

Todd stimmt nicht in den allgemeinen Chor der Dämonierung Putins und der Russischen Föderation ein, er streicht vielmehr die wenig beachteten Seiten des Regimes heraus. Etwa: »Russland weiss, dass seine homophobe Antitransgender-Politik andere Länder des Planeten keineswegs abstösst, sondern viele von ihnen anzieht. Diese Strategie verleiht ihm beachtliche Soft Power. Die revolutionäre Soft Power des Kommunismus wurde von der konservativen Soft Power der Putin-Ära abgelöst.«

Flucht der klugen Köpfe

Besonders interessant finde ich Todds These, dass die Vermehrung der Akademiker in den westlichen Gesellschaften inzwischen eine Vermehrung von Parasiten erschafft. »Sollte der französische Leser sich Angst einjagen wollen und sich fragen, warum sein Land verarmt, braucht er, anstatt gegen Beamte oder Einwanderer zu wettern, nur einmal über die Zahl der Studierenden an den Schulen für Handel, Verwaltung, Rechnungswesen und Vertrieb nachzudenken, deren Zahl von 16.000 im Jahr 1980 auf 239.000 in 2021/22 gestiegen ist«.

Todd beklagt die Massenflucht unserer klugen Köpfe in unproduktive Berufe. Die Jugend wolle nur mehr der Geldschöpfung und damit der Quelle der Opulenz näherrücken. Warum soll man noch ein schwieriges wissenschaftliches oder technisches Studium auf sich nehmen, wenn man als Banker, Steueranwalt oder Lobbyist im Dienst der Bank so viel mehr verdient? – »Man zieht es vor, ein Jura-, Finanz- oder Handelsstudium aufzunehmen, denn durch diese rückt man näher heran an die heiligen Quellen, aus denen der Dollar sprudelt.«

Das Elend der Experten

Todd diskutiert keine binären Imperialismus-Theorien. Über dieses Niveau gehen seine Tiefenbohrungen in der gegenwärtigen Weltgesellschaft weit hinaus. Doch er fragt beharrlich, woher die militärische Machtbessenheit der US-Nation kommt? Und seine Antwort lautet schlicht und einfach: Dass die internationalen Konflikte sich aufheizen, liegt am beruflichen Interesse bestimmter Bildungseliten!

»Staatsapparate existieren in den USA dort, wo Armee, Marine, Luftwaffe, CIA und NSA als gigantische, kalte Maschinen erscheinen. Doch bevölkert werden sie von Individuen, die sich im Wesentlichen an das hierarchische Prinzip halten. Diese Bürokratiemonster werden geritten von der kleinen Clique Halbintellektueller, die den Blob bewohnen, ein Binnendorf von Washington«.

Die ambitionierte US-Politik sei gefangen im »Internationalen«. Das mache den perversen Effekt aus, dass sie durch und durch anfällig sei für Aktivismus. – »Je mehr sich die amerikanische Regierung mit Aussenpolitik befasst und je mehr Stellen es für Experten internationaler Politik zu besetzen gibt, desto mehr nationales Vermögen wird für die Lösung dieser globalen Probleme aufgewendet, und desto grösser ist ihr potenzieller Einfluss.«

Aus diesem Umstand entstehe zum einen die Neigung, Bedrohungen aufzublasen, und zum anderen jene militärische Machtbesessenheit, unter der heute der ganze Planet leidet. Ähnlich scharf urteilt der Sozialanthropologe und Paradeintellektuelle über das Modethema Postkolonialismus. Die Emanzipation der Schwarzen in den USA, so Todds, sei anfangs eine moralische Notwendigkeit gewesen, um dem kommunistischen Universalismus zu trotzen. Nun aber erleben wir in Europa und den Vereinigten Staaten einen grossen Moment subjektiver moralischer Überlegenheit.

»Und doch ist eines der historiografischen Modethemen heute die Sklaverei, die von Europäern und Amerikanern schändlicherweise im grossen Massstab vom 18. bis ins 19. Jahrhundert betrieben wurde, eine Gräueltat, für die wir bezahlen müssen. Ja, es war eine Gräueltat, und ja, wir müssen dafür bezahlen. Dennoch ist es fast surreal zu sehen, wie dieses Thema sich ausweitet und verbreitet, während man parallel dazu erlebt, wie das Gefühl wieder auflebt, dass der Westen eine moralische Überlegenheit besässe. Dieses Paradoxon lässt sich lösen: Unsere moralische Überlegenheit ist so gross, dass sie uns erlaubt, uns auch selbst zu kritisieren. Nur unsere Reue zählt. Was die übrige Menschheit betrifft, so hat sie in unseren Augen niemals wirklich existiert«.

Todds Studien argumentiert ausufernd mit Zahlen, Daten und Fakten. Doch es ist dieses besondere Gespür für die Volten des Zeitgeists, die Dekadenz der Intelligenz, die seine Beobachtungen wertvoll machen.

Vorletztes Beispiel: »Genau wie ein Mann zur Frau werden kann, so kann ein Atomabkommen mit dem Iran (Obama) sich von heute auf morgen in eine verschärfte Sanktionsregelung umwandeln (Trump)«.

Letztes Beispiel, mit weihnachtlichem Hoffungsschimmer: »In Frankreich gibt es ein Gegengewicht zum Nihilismus, weil gut die Hälfte seiner Vororte komplexe Familienstrukturen aufweist (Stammfamilien, kommunitäre Familien und andere)«.

© Wolfgang Koch 2024

Emmanuel Todd: Der Westen im Niedergang, 352 Seiten, Westend, ISBN 9783864894695, 28,- EUR

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/12/05/pflichtlektuere-fuer-die-europaeischen-kriegsregierungen/feed/ 1
Das Auge isst am Teller mit https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/11/das-auge-isst-am-teller-mit/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/11/das-auge-isst-am-teller-mit/#respond Mon, 11 Nov 2024 17:42:01 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=4019 Zwanzig Jahre ist das Provokationsgenie vom Wörthersee nun tot; heuer hätte Viktor Rogy (1924-2004) seinen hundersten Geburtstag gefeiert. Sein zwanzigster Todestag fiel in den Monat Juli. Damit nicht genug der vergessenen Jubiläen. 2024 ist auch der letzte seiner sechs Schüler in den Ruhestand getreten … falls man das von Künstlernaturen überhaupt sagen kann: »in den Ruhestand treten«.

Der erste Rogy-Jünger, Werner Hofmeister, geistert unermüdlich durch sein schnuckeliges Museum für Quellenkultur in Klein St. Paul. Von dem chronologisch zweiten Schüler wird gleich noch die Rede sein. Nummer Drei, Bella Ban-Rogy, Kompagnon und Witwe des Kunstrebellen, performt in der Weltmetropole Bleiburg. Nummer Vier, Wilfried Kofler, traktiert vermutlich weiterhin Zahlen am Rechner. Nummer Fünf, Franz Dreier, starb nicht ganz ohne das Zutun des Meisters noch zu dessen Lebzeiten. Und Klaus Oberhammer, chronologisch der letzte Rogy-Scholar, betreibt in Klagenfurts Altstadt die Galerie M.

Reinhard Eberhart nun, Nummer Zwei, verkrachter Stehauf-Unternehmer, Partyveranstalter, Wahlwerber, Parteigründer, österreichweit bekannter Zählkandidat für dies und das, legt sich zum heutigen Faschingsbeginn mit dem Fress- und Völlereiteufel an. Dazu muss man wissen: In der Alpenrepublik ist landauf, landab jedermann ein Feinschmecker, es wimmelt an jeder Ecke von gastronomischen Dandys, Qualitätsschlemmer stehen an jedem Herd und Haubenmelancholiker tischen so paradiesische Essfreunden auf, dass sich die Tafeln überall vor Freude biegen.

Esssitten der Zivilisierten

Speziell in Kärnten-Koroška opfert man dem Magen unaufhörlich Selchfleisch, bankettiert in nachgezimmerten Bauernstuben, betet täglich um Kletzen (Dörrbirnen), Most (Obstwein) und Krapfen (gefülltes Siedegebäck). Kochkunst ist allgemein eine Heiratsbedingung und aufgezwungene Mässigung fühlt sich für die Menschen dieser Region schlimmer an als Diktatur, Folter und Sperrstunde.

Man kann im südlichsten Bundesland Österreichs im Grund kein vernünftiges Gespräch führen, ohne dass das Thema auf zurückliege oder kommende Speisen an fremden Tischen kommt. Wie man es auch anstellt, Tafelfreuden gelten hier als das Synonym für Wohlstand und Lebenssinn, und die Kulinarikseiten als die angesehenste Disziplin des Journalismus.

Und nun schlendern also am 11.11. adrett gekleidete Herren, Abgeordnete aus der nahegelegenen Landesregierung, Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ), Dompfarrer Peter Allmaier, Unternehmer für Sicherheitsgläser, Online-Designer, solche Leute, in Begleitung ansehnlicher Damen in die Mamorhallen des ziemlich angejahrten Kärnten Museums, um dort in feierlicher Laune die ›Kunst verschwundener Meisterwerke‹ von Reinhard Eberhart zu besichtigen.

Was erwartet die sicher heisshungrig herbeiströmenden Ehrengäste? Welche kulturellen Entdeckungen, welche ästhetischen Enthüllungen? Ein neues Gastmahl des Trimalchio vielleicht? Mindestens Sinnbilder der Kultur werden es wohl sein, denken die Festgäste, vielleicht Büffelhautmäntel in der Halbwüste, in Neonröhren gegossene Kellnerblockkritzeleien, Goldmasken, jedenfalls, nein: ganz sicher ein bildstarkes Empowerment, das unsere schwere Zeit bitter nötig hat.

Dass »die Zubereitung von Speisen, ihre Präsentation in kunstvollem Geschirr und die Gebräuche ihres Verzehrs Meisterwerke schafft, die allerdings mit dem Essen verschwinden«, wie es in der Einladung zur Vernissage heisst, das leuchtet jedem Ochsen sofort ein. Dass der Künstler sich als gefrässiger Mensch erweist, war ebenfalls zu erwarten. Aber dass der Mann nicht die edel drapierte Köstlichkeiten ausstellt, sondern die relativ unappetitlichen Reste seiner zusammengeschnorrten Mahlzeiten auf Tellern, in Schüssel, auf Servierplatten – das dürfte den lustigen Gesellen des Abends, die ja keine leichtfertigen Kenner sind, nein, von denen jeder einzelne ein ausgewiesener Gourmand ist, schwer wie ein Schildkrötenpanzer im Magen liegen.

Eine schallende Ohrfeige

Reinhard Eberhart ist also zurück! Eskapistisch wie wir ihn kennen. Nun entlarvt er im Museum unsere gastronomischen Aufschneidereien, veralbert das mediale Dauerbombardement mit paradiesischen Freuden, zieht die Wolllust der Ernährung gnadenlos ins Lächerliche. Nichts kann nun die Protagristen mehr trösten! Die Wurstmägen des österreichischen Südens: ergrimmt bis zum Gallenausstoss, ästhetisch kannibalisiert die Gefrässigkeit der kunstsinnigen Oberschicht, mit peitschenden Fotomotiven gestraft die distinguierten Sossenkenner, die Weinzuzler und die romantischen Brillant-Savarins in der Alpenprovinz.

Wohlan, die Esslust gehört seit jeher zu den beliebtesten Themen der Satire! Doch den Vollwanst, der sich zwischen Original-Lindwurmschädel, Dionysos-Mosaik und Grossglockner-Relief vor zerknüllten Servietten und tadellos abgenagten Rippchen die Augen reibt, nein, den haben wir noch nicht gesehen. Diese Spuren menschlicher Besiedelung hat sich Rogy-Schüler Numero Due ausgedacht.

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/11/das-auge-isst-am-teller-mit/feed/ 0
Westeuropa kann sich nicht aus der Pax Americana stehlen https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/04/westeuropa-kann-sich-nicht-aus-der-pax-americana-stehlen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/04/westeuropa-kann-sich-nicht-aus-der-pax-americana-stehlen/#respond Mon, 04 Nov 2024 14:49:46 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3980 Emmanuel Todd ist einer der wertvollsten Intellektuellen, die wir seit Jahren in Europa haben. Natürlich hat der französische Anthopologe und Historiker vollkommen recht mit dem, was er kürzlich in verschiedenen Interviews, unter anderem für den italienischen Corriere della Sera, geäussert hat. Westeuropa wird früher oder später sein Schicksal selbst in die Hand nehmen müssen, es wird nicht für immer unter der Obhut der Vereinigten Staaten bleiben können.

Trotz des Ukrainekriegs sieht Todd langfristig die Wiederherstellung der Autonomie des europäischen Kontinents voraus. Sie wird in seinen Augen dank der Annäherung zwischen Russland und Deutschland in Gang kommen. Für den Franzosen sind das die beiden Länder, welche die bittere Gewalt von Totalitarismen auf diesem Kontinent überlebt haben – eine vereinigende, zusammenschweissende Erfahrung.

Europa in 100 Jahren

Emmanuel Todd hofft weiters »auf die Wiederbelebung des ursprünglichen europäischen Trios – Deutschland, Italien und Frankreich –, das gemeinsam Europa der Kontrolle der USA entziehen könnte«. Der psychologische Schock, der uns Westeuropäer erwartet, werde darin bestehen, dass wir erkennen müssen, »dass die Nato nicht existiert, um uns zu schützen, sondern um uns zu kontrollieren«.

Emmanuel Todds sympathische Zukunftsvision ist von der politischen Realität der Gegenwart allerdings so weit entfernt wie die Wiedervereinigung der beiden Koreas oder die Verleihung des Friedennobelpreises an Ali Chamenei und die jemenitischen Huthi-Rebellen. Andererseits: Dass die Dinge nicht mehr lange so bleiben könne, wie sie liegen, das dämmert inzwischen sogar der Grünen-Partei, die den hässlichen Bellizismus der deutschen Ampelregierung anführt.

Mit schöner Regelmässigkeit zerpflückt F.A.Z.-Feuilletonredakteur Christian Geyer-Hindemith das akademische Kauderwelsch in den Pressekonferenzen der Grünen-Regierungsriege. Diese Glossen gehören zum Unterhaltsamsten, was der aktuelle Medienbetrieb in Deutschland zu bieten hat.

Ex-Umweltminister Jürgen Trittin beherrscht zwar den abgehobener Jargon seiner Parteikollegen ebenfalls, er arbeitet sich in seinem taz-Essay aber zu einer geostrategischen Begriffsdiskussion vor, die die sprachlichen Masturbationsakte der amtierenden Minister·innen wohltuend hinter sich lassen.

Trittin ventiliert, ohne eigens darauf hinzuweisen, eine schon vor Jahren geäusserte These von Thomas Kleine-Brockhoff, Experte des German Marshall Fund, wonach die Welt heute schlicht zu komplex sei, um noch weiterhin von dem »Westen« zu reden, und er schliesst sich Kleine-Brockhoffs Vorstellung an, dass die internationale Ordnung durch einen »muskulösen Liberalismus« neu legitimiert werden muss.

Trittins geostrategische These: Es trifft die neue Weltlage nicht mehr, vom »Westen versus Autokratien« zu reden. Eine solche Sicht auf die Kriege und Konflikte werden vom globalen Süden nicht geteilt. Die arrogante Begrifflichkeit sei in der Aussenpolitik bei der Suche nach neuen Partnern wenig dienlich.

Kein unschuldiger Begriff

Was genau »in Kooperation mit Andersdenkenden, Andersregierten und Andersregierenden« geschehen soll, das lässt der Autor im Dunkel. Mehr Multilateralismus zur Koordination nationaler Politiken in internationalen Organisationen? Oder mehr negative Sicherheitsgarantien von Nuklearwaffenstaaten, Nichtnuklearstaaten nicht zu bedrohen?

Solche politischen Details erfahren wir nicht. Dem Kritiker des »politischen Westens« stört vor allem, dass China und Russland sich darin gefallen, mit dem Begriff die universellen Rechte der UN-Charta als »westliche Werte« zu diskreditieren und zu denunzieren.

Natürlich ist der Westen, wie bereits der Globalhistoriker Jürgen Osterhammel festgestellt hat, auch für Trittin »kein unschuldiger Begriff«. In seinem Bedeutungskern ist die Vorstellung der eigenen Überlegenheit einbaut, und Anspruch und Wirklichkeit klaffen auf jedem der fünf Kontinente weit auseinander. »Der demokratische Kapitalismus Europas wie der USA lebte den Widerspruch zwischen Demokratie und Kapitalismus im Zweifel regelmässig zulasten der Demokratie aus«, so Trittin.

So einfach, dass wir den politischen Westen auf ein uneingelöstes Versprechen der bürgerlichen Epoche reduzieren, oder dass wir, wie Todd, den Westen für eine Zivilisation halten, »die ihr moralisches und soziales Kapital erschöpft hat«, wollen wir es uns mit Geschichte und Gegenwart nicht machen.

Um die ganze Wucht des Begriffs zu verstehen, ist es notwendig, tiefer in die Vergangenheit des Abendlands zurückzugehen. Und was seine Wirksamkeit in der planetarischen Politik betrifft, kann ein »ökonomisch resilientes Europa« schwerlich durch »verstärkten gemeinsamen Rüstungsanstrengungen« als Player auf die Weltbühne wiederkehren, wie sich Trittin das vorstellt.

Nach Ansicht des Ex-Ministers genügt es in der multiplar gewordenen Welt einfach das Gerede von »dem Westen« ad acta zu legen. »Es schadet Europa mehr, als es nützt. Denn der politische Westen, der 1789 und die Französische Revolution, der die amerikanische Verfassung und die Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte meint, war nie der reale Westen«.

Dem ist entgegen zu halten, dass die Ethik der Pleonexia, des Rechts des Stärkeren, deren Gerechtigkeit darin besteht, dass der Stärkere im Zustand der Natur bedingungslos über die Masse der Schwächeren herrscht, und die Ethik der Kultur, in der die Masse der Schwachen dem Starken Fesseln anlegt, innerlich zusammen gehören. Aus der Leugung eines mächtigen Gewaltzusammenhangs erwächst noch keine neue Souveränität.

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/11/04/westeuropa-kann-sich-nicht-aus-der-pax-americana-stehlen/feed/ 0
Kleine deutsche Kunstgeschichte in 185 Zeilen https://blogs.taz.de/wienblog/2024/10/24/kleine-deutsche-kunstgeschichte-in-185-zeilen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/10/24/kleine-deutsche-kunstgeschichte-in-185-zeilen/#comments Thu, 24 Oct 2024 16:59:12 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3988 Deutsche Kunst /fm/ Matthias Grünewald (1470) □ Albrecht Dürer (1471) □ Lucas Cranach der Ältere (1472) □ Lovis Corinth (1858) □ Elsa von Freytag-Loringhoven (1874) □ Josef Beuys (1921) □ Werner Schreib (1925) □ Gustav Metzger (1926) □ Horst Janssen (1929) □ Ruth Wolf-Rehfeldt (1932) □ Hans-Peter Feldmann (1941) □ Sigmar Polke (1941) □ Anita Albus (1942) □ Tomas Schmit (1943) □ Wolfgang Laib (1950) □ Vroni Schwegler (1970)

Hier wieder mal eine gepflegte Provokation. Man lese die Liste deutscher Künstler·innen zwischen den Zeilen, suche also, welche Beliebten und Prominenten in dieser Aufzählung alle ausgespart bleiben. »Ausgerechnet die Erfolgreichen, die Kanonisierten« wird der Vorwurf lauten. Kein Romantiker darunter, nicht einmal der mit dem Wanderer im Nebel. Kein Symbolist darunter, wie der Gemäldemaler der Toteninsel, die über Hitlers Täterschreibtisch hing. Wenig Expressionistisches, wenig Dada, kein Surrealist (obwohl Walter Benjamin ein Umlautzeichnen für ihn gespendet hätte), keiner der Blauen Reiter, kein Bauhausler, keine Nachkriegs-Collagisten, keine Schlossherren, keine Neorealisten, Neogeometriker und auch keine Neuen Wilden. Stattdessen gleich vier Sprengmeister (darunter eine Sprengmeisterin) des Tafelbildes, ein paar hochreflexive Zeichenstiftvirtuosen sowie halb vergessene visuelle und konzeptuelle Poëten. Eine gemeinsame Linie, wie bei den Alten Meistern, lässt sich da nicht herauslesen. Wozu auch! Es gibt keine nationale Kunst mehr, und damit auch keine nationale Kunstgeschichtsschreibung. Aus und vorbei. Deutschland bezeichnet bloss den Hauptschaffensort der Gelisteten, mehr nicht.

Ich bin jetzt 65, und gewiss wäre die Stichprobe aus meinem visuellen Gedächtnis in früheren Jahren deutlich anders ausgefallen. In meiner politisierten Jugend begeisterten mich die Surrealisten Heartfield und Max Ernst, später die Expressionisten Meidner und Beckmann, noch später die Neoprimitivisten A. R. Penk und Stephan Balkenhol. Alles hat seine Zeit, Geschmacksbildung und Wissen bleiben nie auf der Stelle stehen bei denen, die sich aktiv durch den Bilderwald tasten. Zu Grünewald fand ich über die religiöse Mystik und die Daseinsmystik des OM Theaters; aus dem Druckwerk von Meister Dürer liebe ich naturgemäss den Hieronymus in der Klause, dieses emblematischen Bild des Gelehrten. Dürers Hieronymus strebt nicht nach der Gunst der Galerie: er ist mit sich selbst, den eigenen Gedanken und Plänen beschäftigt und wünscht möglichst wenig belästigt zu werden.

Aufbruch ohne Ende

An Cranachs Schaffen schätze ich den Hortus conclusus, eine andere Variante des Abschlossenseins, und die ätherischen Frauenkörper. An Corith bewundere ich das von seiner religiösen Konnotationen befreite Sujet der Tierschlachtung: ein Exempel reiner Malerei. Freytag-Loringhoven steht für den Beginn von irgendetwas anderem, für das, was immer wieder aufbricht, um zu entdecken, für die Entdeckungsfahrt ohne Ende, die wir dann bei den späteren Künstlern Metzger und Schmit »das Performative« nennen. An Beuys respektiere ich seine Hellwachheit und das Versprechen von Gemeinschaft in der Kunst; an Schreib und an Wolf-Rehfeldt das Visionäre ihres Schauens — und sei das auch, wie bei letzterer, ein Schauen auf serielle Muster und Ornamente aus den Buchstaben A–Z, Nullen, Kommas und Pluszeichen.

An Janssen, Albus und Schwegler begeistert mich der Mut zum altmeisterlichen Realismus, in dem die schöpferische Kraft der deutschen Provinz noch immer lebendig ist; an Feldmann sein durch Fotografie und Sammeln geschulter Verstand, an Polke die Ästhetik des Kopierers und die Radikalisierung der farbchemischen Prozesse, am Praemium Imperiale-Preisträger Laib – in dem sich Novalis reinkarniert – bewundere ich seine para-jainistischen Milchsteine und die herrliche Idee, den eigenen Schädel in einen Hohlkubus aus Bienenwachs zu stecken.

Na, hallo, wäre das nicht ein Ausstellungs-Booster! Cranach ›Garten Eden‹ neben Metzgers autodestruktiven Fetzenbildern … Öl auf Holz versus Säure auf Nylon. Schweglers Vögel würden in meiner Fantasieschau über Schreibs Cachetagen / Peignetagen auf Hartfaserplatte schweben, und Feldmanns Tote um die Ecke von Janssens nackten Mädchen hängen. Das wäre mir ein schöner Zirkus, wie der beim Aufstehen nach dem Träumen.

Codes, die lohnen

Keinen Geschmack finde ich als Kunstfreund am Rhetorischen, am Melodramatischen, am Kult der Empfindsamkeit, wie er sich im romantischen Mythos breit macht. Werthafte Kunst fährt solchen Verirrungen mit der Strenge des Stils in die Parade. Ich fliehe das Monomanische, wenn es mir nicht weit genug zu gehen scheint (sorry, Friedrich Schröder-Sonnenstern), und ich fliehe, als wären sie toxisch, auch die hallenfüllenden Schlacken der Geschichtsmahner.

Zugeben, Laibs selbstgefaltete Papierschiffchen aus Messing wehen schon bedenklich nahe an das Geschmäcklerische eines Andy Goldsworthy heran, dessen Land Art sich zu den Arbeiten von Heizer, Christo und Long verhalten wie eine Tonpfeife mit Wasser zur Nachtigall. Auch gegen andere Werke der gelisteten Gewinner·innen des heutigen Tages habe ich Bedenken und Einwände. Doch hier soll ja kein Denkmal errichtet, kein Name heilig gesprochen werden. Ich mache nur Codes bekannt, unter denen sich die Recherche lohnt.

Tippen Sie mal ganz harrmlos »Elsa von Freytag-Loringhoven« ins Suchfenster, und Sie werden sehen, dass ich recht behalte. Gleich hören Sie, wie eine US-Feministin in den höchsten Tönen von der libertinären »Freiheit Europas« schwärmt. Oder lassen Sie sich von Janssen den grossen Farbholzschnittzauberer Hokusei erklären, oder von Feldmann die Wirkung der RAF auf das deutsche Gemüt, oder von Wolf-Rehfeldt die vierreihige Typenhebelmaschine Erika, das DDR-Spitzenmodell unter den mechanischen Schreibmaschinen.

Eine kompakte Sphäre

Ich denke, dass die Zugänge und Beziehungen der Kunst zum Leben vitaler und reichhaltiger sind als die von Politik und Wirtschaft, Sport und den Wissenschaften. Kunst und Literatur bilden eine kompakte Sphäre über dem Menschengeschick; sie verknüpft Realitätsebenen und Erfahrungsschätze viel intensiver und überraschender, als das Künstliche Intelligenz je zu tun vermag. »Hypertext« passt als Metapher gar nicht für ihre Radikalität. Die Kunst ist ein selbstsprechendes Kaleidoskop, das uns die anderen Formen des Dialogs mit den Dingen vorstellt, und auch die Stille und ihre kaum spürbaren Ausbreitungen. Die Kunst ist eine Polyphonie des Wissens und der Empfindungen. — Das werden die Freunde der Automatisierungsdebatte nie verstehen. Die Realität ist viel verworrener, verflochtener, emergenter und chaotischer, als es eine sequentielle Darstellung in Software-Programmen vermitteln könnte.

Gustav Metzger hat 1960 in einem Manifest gesagt: »Autodestruktive Kunst stellt die Obsession mit der Zerstörung nach, die Prügel, denen Individuen und Massen ausgesetzt sind. Autodestruktive Kunst demonstriert die Macht des Menschen, desintegrative Prozesse der Natur zu beschleunigen und zu ordnen. Autodestruktive Kunst spiegelt den zwanghaften Perfektionismus der Waffenherstellung wider – Polieren bis zur Zerstörung«. Existiert irgendwo ein aktuellerer Satz als dieser zur Lage unserer Zeit? Bremsen denn Politik oder Tech-Sphäre noch irgendwo den Drang zur nuklearen Vernichtung?

Nein, das tun sie nicht. In der deutschen Ampelregierung schon gar nicht. Es ist allerdings nicht der Kunst eigentliche Aufgabe, die Fragilität unseres Zusammenlebens einzudämmen, das brüchige Fundament der Gesellschaft zu kitten und die Menschheit zu retten. Andererseits ist sie auch nicht verpflichtet, unserer Neigung zu folgen, Narrative zu ignorieren, kleinzureden oder abzulehnen. Wo der Ruf nicht nur nach Kontrolle, sondern nach rigorosem Durchgreifen immer lauter wird, sind ihre verstreuten Erkenntnisse alles, was wir haben.

Noch einmal: Kunst ist momentan alles, was wir haben. Sigmar Polke arbeitete sich jahrelang am Begriff des Dualismus ab. In einem ganzen Werkzyklus ging es ihm um dieses Grundprinzip: die Zweiheit und Polarität, etwas, das sich konträr gegenübersteht, sich komplementär ergänzt oder gegenseitig definiert, also jedenfalls nicht in Schwarz-Weiss-Denken und in dem Vertiefen von Gegensätzen fortschreitet. Lässt sich mehr von Kunst verlangen, als dass sie uns klar und einsichtig macht, dass dem Geist keine Wesenheit, keine Gegenständlichkeit entspricht, sondern eine Funktion in ihren Strukturen, und dass der Geist, oder das Bewusstsein – nennen Sie es, wie Sie wollen – Realitäten vollständig erfassen muss und keine Propagandafakten?

Kunst und Medizin

Oder warum hat das 19. Jahrhundert den Isenheimer Altar wiederentdeckt? Schmerz ist eine einsame Erfahrung, sie bedarf deshalb der sozialen Anerkennung und damit der Gemeinschaft. Erst wenn Schmerz einen sozialen Ausdruck fndet, kann er in Leid transformiert und damit auch bearbeitet werden. Der Isenheimer Spitalordens führte im 15. Jahrhundert die Hilfesuchenden nicht einfach zum Schmerzensmann am Kreuz, damit sie sich plump mit ihm identifzieren, sondern damit sie dabei ihrem eigenen Schmerz auf die Spur kommen. Natürlich führt die Passion Christi die Gläubigen zur Compassio, das stimmt schon, zur Empathie mit den Leidenden, mit allen Schmerzgeplagten und zu einem helfenden Engagement für Kranke, Schwache und Verletzte. Aber das ist noch nicht alles; hier fehlt die medizinische Dimension.

Das Leiden Christi am Kreuz und das Leiden der Gläubigen wurde in der Präsentation dieses Kunstwerks unmittelbar aufeinander bezogen. Die Menschen fanden vor dem Bild in der Gemeinschaft Sprache, Verständnis und Trost. Grünewald, der erste auf meiner Liste, kannte die Erregungszustände, Halluzinationen und Krämpfe, in die die Erkrankung an den Wirkstoffen des Mutterkorns Betroffene stürzte. Die Psychonauten unserer Tage sind ganz entzückt darüber, dass das Gift des Mutterkorns chemisch dem LSD verwandt ist. Aber eine Vergiftung damit ist ein Horrortrip erster Klasse.

Grünewald gestaltete den Horror im dritten Wandelbild aus zu Dämonen, die als Angst- und Schreckensvisionen den Heiligen Antonius heimsuchen. Der Blick von kranken Laien und Pilgern auf das Werk hinter dem Lettner der Klosterkirche, das heisst an einem Ort, der sonst nur für die Mönche zugänglich war, wurde auf diese Weise zu einem manifesten Heilungsakt. Wir nennen solche erleuchtenden Schocks heute hochtrabend »Ikonotherapie«. Aber diese Technik der Kunst ist alt und war seit der Antike als Medusenhaupt auf den Schildern vorhanden.

Das berühmte deutsche Altarbildwerk sorgte also nicht nur für religiöse Ergriffenheit und Verbreitung der Glaubensbotschaft, es hatte in einer nahezu sprachlosen Epoche auch eine simple heilsame Wirkung. Gerade da, wo man aus der Haut zu fahren meinte, hielt das eindringliche Bild stand, und das, was in den Abgrund stürzen wollte, fand seinen Halt.

Auf diese Weise liesse sich das Sprechen über gelungene Kunst fortführen, liessen sich die Handlinien der Betrachtung aufknäulen und ihre ausgelutschten Deutungen verwirren, damit etwas Wirkliches ins Netz fällt. Denn wir müssen das Wenige, das taugt, sammeln, und das, was nicht existiert, erschaffen, solange der Menschenklang noch erklingt.

© Wolfgang Koch 2024

Abbildungen: Alexander Nickl aka Alexander Kreise aka Alexander Wiener, KD-L47 ART NO ART, 2013

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/10/24/kleine-deutsche-kunstgeschichte-in-185-zeilen/feed/ 1
Eine Rose für Madeleine Petrovic https://blogs.taz.de/wienblog/2024/09/26/eine-rose-fuer-madeleine-petrovic/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/09/26/eine-rose-fuer-madeleine-petrovic/#respond Thu, 26 Sep 2024 09:28:57 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3969 Nein, sie ist keine Sarah Wagenknecht, kein politisches Leuchtfeuer im öffentlichen Meinungsstreit, obwohl sich die Agenden der österreichischen und der deutschen Ausnahmepolitikerinnen auf vielen Gebieten wohltuend überschneiden. Die 68jährige Madeleine Petrovic ist Österreichs einzige graswurzelbewegte Politikerin, Urgestein aus der Besetzung der Hainburger Au vor vierzig Jahren, ehemalige Bundesprecherin und Klubobfrau der Grünen Parlamentsfraktion, ehemalige Landesprecherin der Ökopartei in Niederösterreich, Präsidentin des Wiener Tierschutzvereins in Vösendorf, Obfrau von Save Tibet, und so trifft auf Madeleine Petrovic unbedingt das zu, was der Historiker Albert Fuchs einmal über die Pazifistin und Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner gesagt hat:

Es wäre höchst ungerecht, ihre Lebensarbeit als die einer »überdimensionalen Komiteedame« zu beurteilen.

Madeleine Petrovic hat das Establishment und die Mainstream-Medien in Österreich verlässlich gegen sich; die vierfache Akademikerin, die übrigens auch ein Kapitänspatent besitzt, bringt mit ihrer Fachkompetenz und Rhetorik die durchwegs mit Studienabgängern besetzten Medienredaktionen fortwährend gegen sich auf. Linksliberalen Blättern wie Falter und Furche agiert die kluge Feministin zu selbstbewusst, der Neuen Kronenzeitung zu SPÖ-kritisch, dem ORF ist sie viel zu profund über wissenschaftliche Studien informiert.

Das hinderte Madeleine Petrovic freilich keine Minute daran, in der Tagen des Herbsthochwassers ihren Nationalratswahlkampf als krasse Aussenseiterin zu unterbrechen und mit Freiwilligen hunderte Schwalben vor dem Erkältungstod auf den Donaubrücken zu retten.

Beharrlich selbstständig

Madeleine Petrovic ist in diesem Land früher und verlässlicher zur Stelle, als alle anderen politischen Aktivist·innen. Ohne ideologisches Rüstzeug beherbergte sie jahrelang bosnische Flüchtlinge, mit viel Idealismus warf sie sich freundlich für die Erinnerungskultur ins Zeug, dann wieder verfasste sie einen Prachtband über die stadthistorische Bedeutung des Wiener Gürtels.

Die Berührungsängste dieser Frau mit der Quer- und Selbstdenkerszene sind so gering, dass sie gelegentlich auch mal ins Klo griff, so in den 1990er-Jahren bei der Unterstützung der »alternativen Krebstherapie« des Medizinscharlatan Ryke Geerd Hamer. Auch ihr engagierter Einsatz für die Winterfütterung von Stadttauben ist mir immer ein Rätsel geblieben.

Doch eines ist wichtig: Die Veränderung durch neue Gedanken, neue Wertungen und Tatsachenauffassungen geschieht immer genau durch solche mutigen Personen, die sich unter all den Opportunisten aus der Deckung wagen. Bei der Nationalratswahl 2024 korrigiert die Liste Madeleine Petrovic die furchterregenden Irrtümer der Mittelinks-Regierung, deren Wirken sie jahrzehntelang in der Opposition mit vorbereitet hat. Dass eine Partei, die mit der Friedenstaube auf Wähler·innenfang gegangen ist und jetzt via Europäische Union Waffenlieferungen in den Ukrainekrieg finanziert, im Parlament zurechtgestutzt wird, ist gut und richtig.

Kaputtes Friedensprojekt Europa

Ich bin zwar der Meinung, dass Vizekanzler Werner Kogler und Ex-Gesundheitsminister Rudolf Anschober in der Corona-Krise ausgezeichnete Arbeit geleistet haben, doch im Ukrainekrieg konnten sich die österreichischen Grünen trotz der Lippenbekenntnisse zur Neutralität dem fatalen Todeszug ihrer deutschen Schwesterpartei nicht entziehen. Mit Scheuklappen behaftet beten Konservative und Linksliberale seit drei Jahren Tag für Tag die Nato-Propaganda nach, hetzten wie im Ersten Weltkrieg gegen eine angebliche militärische Gefahr aus dem Osten und führen den Kontinent an den Rand eines Atomkrieges.

Die Tierschützerin und grosse Humanistin Madeleine Petrovic ist keine Sarah Wagenknecht, die die korrumpierenden Einwirkungen des Neoliberalismus auf die Sozialdemokratie beseitigen möchte. Die einsame Kämpferin für Frieden, Nachhaltigkeit und dem Schutz der Schöpfung wird darum auch nicht mit einem zweistelligen Ergebnis in den österreichischen Nationalrat einziehen. Den einen Sitz in der Hinterbank aber, den Madeleine Petrovic wie einen Stachel im Fleisch des landesüblichen Opportunismus einnehmen würde, den wünsche ich ihr von Herzen.

© Wolfgang Koch 2024

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/09/26/eine-rose-fuer-madeleine-petrovic/feed/ 0
Kata Oelschlägel : Günter Brus‘ Zerreißprobe Revisted https://blogs.taz.de/wienblog/2024/08/24/kata-oelschlaegel-guenter-brus-zerreissprobe-revisted/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/08/24/kata-oelschlaegel-guenter-brus-zerreissprobe-revisted/#comments Sat, 24 Aug 2024 06:07:07 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3934 127 Tage nach dem Ableben von Günter Brus und 26 Tage vor dem Tod von Bill Viola öffnete in Wien eine Rosenknospe ihre Blätter. Die Blüte hätte diesen beiden Weltformat-Künstlern garantiert gefallen. Am 16. Juni versammelten sich sieben Personen in einem Raum, drei vor den Kameras, vier dahinter, um zwölf Minuten und dreissig Sekunden lang eine creepy Video-Performance zu realisieren, deren Ergebnis das Auge fesselt und Herz und Verstand anspricht.

Die 27jährige Künstlerin Kata Oelschlägel durchstach in der Aktion mit grossen Nähnadeln 14 Mal ihr Wangenfleisch, zog magentafarbenen Knopflochzwirn durch die Löcher und zurrte damit die in alle Richtungen gedehnte und gezerrte Wangenhaut an einem unsichtbaren Rahmen fest. Eine Kamera war auf das malträtierte Gesicht, zwei weitere Kameras auf zwei Personen im Profil gerichtet, welche das sadomasoschische Durchstechen mit unterschiedlichen Reaktionen beobachteten.

Es entstand an diesem Tag das Bildmaterial einer höchst seltsamen Zwangsphysiognomie. Der mimetische Ausdruck der Agierenden fror festgebunden ein, gefesselt wie der Reisende Lemuel Gulliver an Armen, Beinen und Haaren mit Schnüren am Boden der Insel Liliput. Oelschlägel cuttete die Aufnahmen auf fünf Minuten Länge und verzichtete dabei auf die dramatischen Momente, als drei ihrer Nadeln abbrachen. Nun präsentiert sie das Dokument auf drei Monitoren im Loop unter dem Werktitel ›Digital Triptych No. 1‹ als Gustostück ihrer bereits zweiten Soloausstellung in diesem Jahr.

Gefährliche Nadelspiele

Nadelspiele sind die seltensten aller BDSM-Praktiken und beim besten Willen keinem Laien zu empfehlen. Unter der Haut liegen in manchen Körperregionen lebenswichtige Nerven, Blutbahnen, Sehnen, Knochen und Gelenke, deren unbeabsichtige Schädigung zu einer irreparablen Gesundheitstörung führen kann. Der hochsensible Gesichtsnerv innerviert weite Teile des Kopfes.

abo

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese. 10 Ausgaben wochentaz für 10 Euro im Probeabo. Jetzt die linke Wochenzeitung testen!

In erotischen Nadelspielen erfahrene Domina-Studios, von denen es nur die allerwenigsten geben soll, verwenden als Fäden (zumeist am Hodensack) nicht absorbierende Seide oder abgepackten weissen Polyesterfaden, die unbedingt sterilisiert sein müssen. Kata Oelschlägel verzichtete auf solche Sicherheitsmassnahmen, versetzte sich mit einem Schluck Hochprozentigem in einen ausseralltäglichen Zustand und verspürte, nach eigenen Angaben, bei der ganzen Aktion keine Schmerzen.

Für Kunstinformierte ist ›Digital Triptych No. 1‹ leicht als Hommage auf die berühmte ›Zerreißprobe‹ zu erkennen, mit der der Wiener Aktionist und Weltsteirer Günter Brus 1970 im Münchner Aktionsraum I seine Brachialphase auf die Spitze getrieben und beendet hat, bevor er sich den sogenannten Bild-Dichtungen zuwandte. Brus überschritt damals seine eigene Grenze und die des Publikums. Der Österreicher schnitt sich mit einer Rasierklinge in Kopf, Brust und Beine, bemalte sich mit dem Blut und versuchte die Hautöffnungen wieder zusammen zu nähen.

Kata Oeschlägel führt in ›Digital Triptych No. 1‹ zentrale Elemente, die sie in den letzten Jahren ihrer gestalterischen Tätigkeit entwickelt hat, in verdichteter Weise zusammen. Seit ihrem Mädchensport Dressurreiten, in dem das Spurhalten wettbewerbsentscheidend, und ihrer stürmischen Jahren als Motorbikerin, in denen Strassenmarkierungen überlebenswichtig waren, gilt ihre ganze kreative Aufmerksamkeit der Linie.

Die Künstlerin unterscheidet die »verstärkende Linie« des Tatoos von der »natürlichen Linie« rinnenden Blutes sowie von der »invasiven Linie« des Einschnitts in Haut oder Leinwand. 2021 stellte sich mutig in die Tradition des Wiener Aktionismus, der den Körper zum wichtigsten künstlerischen Ausdrucksfeld gemacht hat, und liess sich eine bizarre Endlosschleife quer über den eigenen Korpus und die Glieder tätowieren.

Gruseleffekte wie im Prater

Ab dem Folgejahr, 2022, entstanden in der ›Hangman‹-Serie bislang vier skelettierten Figuren in farbenfrohen Kleidchen. Die erste präsentierte Oelschlägel in einer subversiven Aktion auf Hans Holleins ›Soravia Wing‹; sie liess das Skelett gespenstisch (und gespenstisch erfolgreich) von der Albertina-Rampe baumeln. Weitere dieser lustigen Monster spieen gefärbtes Wasser in Rauminstallationen.

Kata Oelschlägel: ›Hang in There‹ (2024), fabric on skull, 172 cm

Da war viel Prater-Gruseln mit dabei, Ironie, Bohème, und eine unbändige Lust am Totenkitsch der Sepulkralkultur. Es entstanden blendend weisse Skulls aus Thermoplaste, Gouachen in kinderzimmerfreundlichen Neonfarben und Malereien mit Ölfarbe und Blut. Zuletzt dann im Frühjahr die ›Hand Sewing‹-Serie, in der die Künstlerin im Kreuzstichmuster an der Innenfläche der eigenen und fremder Hände nähte. In der aktuellen Ausstellung der Barvinskyi Gallery zu sehen auf Fotoprints.

Kata Oelschlägel: ›Alisa‹ (2024), fabric on skull, 32 x 29 cm

In der Video-dokumentierten Performance kehrte das Beste aus den vorausgehenden Produktionen wieder. Interpretationen sind in verschiedene Richtung möglich und der »postradikale Aktionskünstlerin« (Eigendefinition) natürlich alle willkommen: jene der Ästhetisierung des Leidens, jene der stellvertretenden Funktion des Opfers, aber auch jene der Distinktion des Künstlersubjekts von der als unfrei wahrgenommenen eigenen Natur.

Sich zur Aufrichtigkeit zwingen

Bekanntlich avanvierte die Leidensmythologie, nachdem sie im 19. Jahrhundert eine bis dato unbekannte Aktualität gewonnen hat, sukzessive zu einem tragenden Element der Selbstdefinition von Kulturschaffenden der Moderne. Im Geniekult um 1900 sollte die Leiderfahrung das Existenzgefühl vertiefen und die geistige Überwindung von Schmerzen den notwendigen Preis für das kontigente Dasein abstatten. Der Schmerz des modernen Künstlermärtyrers wurde Ursache und Wirkung, Bedingung und Folge des Schöpferischen zugleich.

Der Körper avancierte zum materialisierten Objekt, an welchem sich das Willenssubjekt durch den Versuch der Abgrenzung erprobt. Auch Brus vermeinte in dem Schmerz einen vertieften Zugang zur Wahrheit zu finden, doch für ihn musste der Schmerz für Künstler und Publikum real sein – erlebbar für ihn, erschütternd für uns. Die Handlung sollte wirklich im Raum geschehen und nicht auf einer Leinwand dargestellt werden.

Der damals 32jährige Künstler schnitt sich in München die Kleider vom schlanken Leib, fügte sich Schnitte am Oberschenkel und Hinterkopf zu, hakte an den Strumpfrändern entlang der Wunde Fäden ein und klaffte den »Schnitt« in der Kleidung so auseinander, wie Oelschlägel ein halbes Jahrhundert später ihre Wangenmuskulatur. Am Höhepunkt versuchte sich Staatsbürger Brus durch Auseinanderzerren der Beine anhand daran befestigter, durch den Raum gespannter Schnüre selbst zu zerreissen. Dabei geriert er in die Pose des Gekreuzigten.

Bilder von Frauen und Männern

Oelschlägel realisierte ein Gegenkonzept zu dieser männlichen Schmerztapferkeit. Auch sie ist im Juni an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gegangen. Doch nichts daran lief je Gefahr, symbolisch zu werden. Die strenge, zeichnerische Linie kehrte in den Verschnürungen von Backen-, Jochbeinmuskel und Mundwinkelheber wieder. Vor allem aber überwandte die Künstlerin in ihrem Setting die autoaggressive Selbstreferenzialität und erdete ihr Handeln auf den Boden sozialer Interaktion.

Digital Triptych No. 1, Die Betrachterin am Monitor links

Die Dame, die auf dem Videomonitor links dabei zu sehen ist, wie sie dem simultanen Aktionsgeschehen folgt, könnte vom Alter her die Mutter der Künstlerin sein. Und nicht nur vom Alter! Auch ihr Ungerührtsein spiegelt haarklein die stoische Gelassenheit der Näherin beim Durchstechen der Wangen. Ihre Gesichtszüge wirken auf den ersten Blick seelenvoll und gefasst; doch sie wollen uns nichts über über ihre wahren Gefühle verraten.

Digital Triptych No. 1, Die Akteurin am zentralen Monitor

Der junge Mann auf der rechten Tafel des Triptychons hingegen – er könnte der Lover oder der Ehemann der Protagonistin sein –, kann seine innere Unruhe bei dem, was er mitansehen muss, kaum verbergen. Mehrmals zuckt sein Augenringmuskel, die Lider blinzelt, Mikroexpressionen zeigen Anteilnahme, ja Mitleid. Man spürt seinen Wunsch, in die Selbstverletzung, die er beobachtet, einzugreifen.

Digital Triptych No. 1, Der Betrachter am Monitor rechts

Der Unterschied ist von hohem Gewicht. Die Mimik der Frauen erinnert nicht von ungefähr an das grosse professionelle Vermögen der Supermodels: eine sorgfältig sich selbst auslöschende Leere. In der Gesellschaft dürfen die Darstellerinnen der weiblichen Extraschönheit ja bekanntlich keine Gefühlsregungen zeigen. Models werden dafür bezahlt, nicht zu reagieren, egal wie viele Kränkungen und Affronts man ihnen zumutet.

Die weibliche Emotionskontrolle sagt uns natürlich mehr über männliche Ängste als über weibliches Begehren. Im Fashionbetrieb wird nur auf die Spitze getrieben, was alle Frauen gleichermassen betrifft. Für sie gibt es in allen Lebensbereichen mehr Regeln, die ihr Benehmen einschränken. Folglich ist es für die Frau auch – egal wie entschlossen sie sich geben mag – viel schwieriger, ein Individuum zu sein. Fällt sie exzentrisch auf, gilt sie beinahe schon als Künstlerin.

Hat sich nicht Andy Warhol in den Siebdrucken ›Jackie-Triptychon‹ und mit den Ikonen von Marilyn Monroe an der Fassade des weiblichen Gesicht abgearbeitet? An jenem Frauengesicht, das aus Schönheit besteht, aber nicht zuviel; aus Verstand, Glamour, aber keiner echten Macht und aus einem Anstrich von Modernität, die damals schon aus der Mode war? – So hat es die englische Publizistin Joan Smith in ihrer Analyse der Femmes totales (1997) formuliert.

Kata Oelschlägels künstlerische Selbstverletzungen knüpfen an grosse Werke und wichtige Beobachtungen an. Sie verbinden klug ästhetische Positionen und zeigen mehr Potential, als nach den ironischen Anfängen zu erwarten war.

Besonders das Video-Triptych der Ausstellung provoziert Einfühlung und Reflexion, vereint Zärtlichkeit und Stärke, die Bilder prägen sich ins Gedächtnis nein. Die Durchbohrung der mimischen Muskeln lässt sich lesen: a) feministisch, als eine Gegenperspektive zur männlich geprägten Gesellschaft, b) avangarde-historisch bis zurück zu den kuriosen Charakterköpfen von Franz Xaver Messerschmidt, c) als verdichteter Dialog mit dem Publikum durch unsere Repräsentation in den beobachtenden Personen.

Kann man von einer Aussenseiterin und Autodidaktin in der kunstbasierten Ökonomie mehr verlangen?

© Wolfgang Koch 2024

Abbildungen: Atelier Oelschlägel (3), Wolfgang Koch (4)

https://www.kataoelschlaegel.com/

https://www.barvinskyi.gallery/

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/08/24/kata-oelschlaegel-guenter-brus-zerreissprobe-revisted/feed/ 1
Viktor Rogy – 100 Jahre glückliche Entgrenzung https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/27/viktor-rogy-100-jahre-glueckliche-entgrenzung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/27/viktor-rogy-100-jahre-glueckliche-entgrenzung/#respond Sat, 27 Jul 2024 04:34:24 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3915 Am heutigen Tag jährt sich zum hundertsten Mal der Geburtstag des Kunstrebellen vom Wörthersee, und dazu passt es gut, dass das Jubiläum dieses beinahe vergessenen Aussenseiters nur in einer kleinen Provinzgalerie hinter den Sieben Bergen, in Bad Eisenkappel-Železna Kapla in Kärnten-Koroška, gefeiert wird.

Denn Viktor Rogy, dieser höchst seltene Mensch, der das Gebet und den Suff nötig hatte wie einen Bissen Brot, war der hungrigste unter den Künstlern der Nachkriegsavantgarde.

Entgrenzung der Kunst

Sein stets konsequentes Vorgehen, die strikte Folgerichtigkeit von Gedicht – Objekt – Konzept – Installation auf dem Weg der Entgrenzung der Kunst, ist selten verstanden worden. Dem gelernten Maurer kam es überall auf die Proportionen an. Er entdeckte unablässig inhärenten Räumlichkeiten, verrückte die Stühle seiner Gesprächspartner, überfiel Gastgeber mit der Spachtel, dem Malkübel oder dem Stanleymesser.

1

Rogy war in Gesellschaft in einem permanenten Handlungsmodus. Er setzte lebende Bilder ins Szene. Kunstmachen war für ihn ein Werkzeug der Welterschliessung, das ein Modell enthielt: die leidenschaftliche Interaktion unter Gleichen.

Ungewöhnliche Optik

Rogys Kunstschaffen war somit mehr als die Praxis eines überglücklichen Trinkers. Er fühlte sich in seinen ständigen Manövern lebendig und eins mit dem Kosmos. Rogy präsentiertet seine Werke immer in ungewöhnlicher Optik. Eine Selbstverständlichkeit für ihn und eine mutige Abwechslung zum üblichen Galerienlook für das Publikum.

Foto: Heinz W. Schmid

Rogys ging es nie um Zuschreibung, um Zeugenschaft oder um gesellschaftliche Transformation, und nur zitatenhaft um das Priestertum des Künstlers, wie es Gustav Klimt und Stephan George vorexerziert haben. Rogy ging es vor allem um unvoreingenommenes Betrachten der Dinge, wie sie sind.

Seine Herangehensweise an das Werk beschäftige sich mit Fragen nach der Darstellbarkeit von Flüchtigkeit, Immaterialität und Raum, und dieser Ansatz unterlief in seiner ebenso radikalen wie konsequenten Reduktion auf das Wesentliche unser gängiges Verständnis von Fortschritt im Sinne von Mehrhaben.

Kann man dem Flüchtigen und Ungreifbaren eine Form verleihen? Und wie lässt sich die Leere künstlerisch darstellen? Das waren seine grossen und existenziellen Fragen. Wiederholt beschloss Viktor Rogy, die Aufgabe, die er sich gestellt hatte oder die ihm gestellt wurde, einem Handwerker anzuvertrauen und wählte dann die beste Lösung.

Was von uns bleibt

Der slowenische Architekt und Designer Jože Plečnik gehörte einer früheren Generation und einer ganz anderen Kunstströmung an. Doch er lebte, wie Rogy im Klagenfurter Gartenhaus von Maria Lassnig, ein asketisches und ziemlich zurückgezogenes Leben in seinem Haus in Ljubljana. Plečniks Motto »Minljiv si, le tvoja dela so tvoj spomin« (Vergänglich bist, nur deine Werke sind Erinnerung) hatte auch für Rogy Gültigkeit.

Die Interventionen dieses unzivilisierten Verbalinjuristen im öffentlichen Raum, sein Kampf um die Erhaltung der Verkehrsbauten in Villach und Klagenfurt, die exzessive Postkartenproduktion, seine Kellnerblock-Dichtungen und die Selbstinstallation des Künstlerpaares Viktor Rogy / Isabella Ban-Rogy im legendären Café OM, sind für alle, die sie wahrgenommen haben, unvergessen.

© Wolfgang Koch 2024


1 Rogy ersetzte in seinem zeichnerischen Werk und auf den produzierten Künstler-Postkarten seine Signatur durch das Pentagramm.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/27/viktor-rogy-100-jahre-glueckliche-entgrenzung/feed/ 0
Joseph Sakoilsky : Der Künstler als Immanentist und Glückskind https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/10/joseph-sakoilsky-der-kuenstler-als-immanentist-und-glueckskind/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/10/joseph-sakoilsky-der-kuenstler-als-immanentist-und-glueckskind/#respond Wed, 10 Jul 2024 09:43:49 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3889 Wer den in Wien lebenden 32jährigen Joseph Sakoilsky kennt, tut sich schwer damit, sein Werk von der Person zu trennen, also genau das durchzuhalten, was dem im Frühjahr eröffneten Wiener Aktionismus Museum (WAM) von Missbrauchsopfern des Künstler-Tyrannen Otto Muehl vorgeworfen wird: die strikte Trennung von Kunst und Person im ästhetischen Diskurs.

Der seit 14 Jahren künstlerisch aktive Brite besitzt einen so einnehmenden Charakter, ein so sonniges und humorvolles Gemüt, er strahlt rundum eine solche Zufriedenheit mit der Welt aus, dass man sich für seine Biographie und Persönlichkeit rascher begeistert als für seine Kunst und ernsthaft Gefahr läuft, dabei stehen zu bleiben.

Sakoilsky kommt aus Verhältnissen, die ihn wirklich offen gemacht haben für das Wunder. Er ist der Sohn des legendären Londoner Underground-Artist Paul Sakoilsky, bei dem Kunst und Leben ganz und gar aus dem Überschwang kommen.  Josephs fröhlich-anarchistischer Vater kennt keine Stimmungen der Langeweile, der Lethargie, und wenn er sie kennt, vertreibt er sie augenblicklich mit einer Farbdose.

The darkest white noise, Acrylmalerei, © Joseph Sakoilsky 2024

Der Künstler-Vater ist immer »on fire«. Selbst in Pauls introvertierten Phasen feuerwerkt es eben innerlich. Dieser East Londoner Performer, Poët und Philosoph erscheint seit Jahrzehnten schier besoffen von all den Gedanken, Ideen und Möglichkeiten, die unsereins hier auf Erden geboten werden. Auf ihn trifft das Wort daseinstrunken perfekt zu, und, was damit umschrieben wird, das brachte der Künstler-Vater auch seinen Nachkommen bei- oder nahe: das Wissen, die Gefühle, die Menschen, das Sinnliche und das Geistige, ein Bewusstsein von Material und Rausch, das Grosse Ganze, die Vielfalt und ihre Ignoranten, die Freude am Kampf, diese unglaubliche Lust am Leben.

Übervater in Österreich

Dank seiner Herkunft aus dem rabiaten Künstlerhaushalt war auch Joseph von klein auf ein »intensiver« Mensch. Es gab immer einen Drang, ein Wissenwollen, Ausprobierenwollen, ein Austesten der Grenzen. Joseph teilte mit seinem Erzeuger auch dessen Übervater Hermann Nitsch in Österreich. Denn Paul ist ein wahrer Afficionado des Wiener Aktionismus; dieser »Zarathusthra, der von den Gipfeln des Leidens herabsteigt«, wirkte bei allen wichtigen Aktionsspielen als aktiver oder passiver Akteur des OM Theaters mit. Plakate und Aktionsfotografien schmückten seit den 1980er-Jahren seine Londoner Wohnung.

2 to 3 minutes, Acrylmalerei, © Joseph Sakoilsky 2024

Heute lebt und arbeitet der Sohn, Joseph Sakoilsky, als Glückskind in Wien. Die international und lokal äussert rührige Nitsch Foundation, Hegelgasse 5, zeigt aktuell unter dem Titel ›From pain comes pain, then laughter‹ eine Hommage des Nachwuchsaktionisten, von der noch länger die Rede sein wird. Sogenannte Punch Paintings, ausgeführt in Acrylfarben, erinnern an die kleinformatigen Rinn- und Spritzmalereien von Nitsch. Sie zeichnen sich aber durch zwei Besonderheiten aus.

Da sind einmal die Retro-Pastelltöne der 1950er-Jahre, die einen Charme von Vintage verbreiten, und die Nitsch gerade wegen dieser Heimeligkeit vermieden hat. Zweitens verlegte Nitsch konstruktive graphische Elemente konsequent in sein zeichnerisches und druckgraphsiches Werk und vermischte sie nie mit seiner abstrakten Aktionsmalerei. Joseph Sakoilsky führt diese beiden Universen mit viel Ironie und Witz wieder zusammen. Der Punch klatsch auf Kreise und Kreissegmente, Tierkohle kratzt durch Rechtecke und Trapeze.

Dinner for Two

Besonders eindrucksvoll jedoch sind die Video-Dokumentationen von Performances des Künstlers aus dem heurigen Jahr. Es sind Slapstickstücke, deren Humor weit über den Bildwitz hinaus weist. In ›Dinner für Two‹ sitzen einander zwei Akteure, der Künstler in Kollaboration mit Kata Oelschlägel, im Malkittel gegenüber. Mit geschienten Armen dekonstruieren die beiden sämtliche bürgerliche Tischmanieren, indem sie die vor ihnen aufgetragenen Speisen und Getränke regelrecht maträtieren.

Die beiden Personen schütten sich mit den Flüssigkeiten frei, sie giessen sich, wie zwei in das Leben Verliebte, Wein über die Köpfe, sie stopfen sich unbekümmert und mit ernster Miene Melone in den Mund und spucken diese wieder aus. Eine schöne und konzentriert Materialschlacht findet da vor unseren Augen statt – ein Exzess, telepathisch verbunden mit den Existenzfesten der Wiener Klassiker, elektrisiert von den aufführerischen »Ferkeleien« mit Lammkadaver und Farbe im Perinetkeller und unterirdisch geheim verkabelt mit den grotesken Kurzfilmen, den ›Valentianden‹ von Arnulf Rainer und Dieter Roth, aus den 1970er-Jahren.

Performance ›Dinner for One‹, © Joseph Sakoilsky 2024
Performance ›Dinner for Two‹, © Joseph Sakoilsky 2024

An der Hauptwand des Ausstellungsraumes hängt ein gewaltiges, zweiteiliges Aktionsdypich einer weiteren Sakoilsky-Arbeit. Unter dem Titel ›9 to 5, the great zero‹ hat sich der Künstler acht Stunden lang auf eine Pilgerschaft in seinem Atelierzimmer gegeben. Dabei verdichteten sich die Spuren schwarzer Farbe über seine Sohlen auf den Leinwänden zu einem massiven Ring am Boden.

Hat der Land-Art-Künstler Richard Long auf seinen Wanderrouten die einsame Natur durchstreift und dabei Kreise aus Stein- und Felsbrocken oder aus getrocknetem Holz hinterlassen, so kommt Joseph Sakoilsky, wie der Romanheld von Xavier de Maistre (1794),  cool und gelassen mit seinen vier Wänden aus. Der Zugriff Longs auf die Landschaft erscheint in dieser Perspektive geradezu globalistisch und, auch wenn Long zu Fuss geht, dem nervigen Mobilitätsdruck unserer Zeit verfallen.

Next Generation of what?

Zum »post-radical Viennese Actionism« müssen neben Joseph Sakoilsky seine Partnerin Kata Oelschlägel, die Kandinskys Linientheorie in der dritten Dimension ihrer Körperoberfläche fortführt, sowie Elias Franziskus Grüner gezählt werden, der in einem quasi-schamanistischen Manifest erklärt: »Ohne Gefallen an der Schöpfung kann kein Wesen leben! Es ist, als lebe das Herz im Wohnzimmer, die Seele im Schlafzimmer und die linke Hand macht Tee im Bad. Die Odyssee des Humanismus wird noch etwas andauern, bis der Menschengeist sich von dieser Disruption befreit, sich ordnet und wieder schöpferisch wird«.

Performance ›9 to 5‹, © Joseph Sakoilsky 2024

Das atmet vielleicht keinen vollkommen neuen Geist, aber doch einen viel weiteren und sensibleren als die politsch engagierte Kunst, die uns heute bis zum Abwinken umgibt. Der Neue Wiener Aktionismus ist auf dem besten Weg zum philosophischen Tiefgang von Hermann Nitsch zurück zu finden, der auch ein beachtlicher Schriftsteller und Denker war. Die aufbrechende Generation überwindet die simple Kunst des Staunenmachens, die etwa Florentina Holzinger in ihren spektakulären feministischen Tanz-Acts inzwischen immer flacher bedient.

Performance ›9 to 5‹, © Joseph Sakoilsky 2024

Die Postaktionist·innen der neuen Generation nutzen die Kraft des Bildermachens, und sie nutzen die Energie des Augenblicks, also ihre Jugend, dazu, die Kunst und das Denken auf dem Weg zu ihren vermuteten Grundlagen auf sich selbst zurückzuführen. Joseph Sakoilsky sagt, wie die selige Elsa von Freytag-Loringhoven: »Meine Ausdrucksform ist der Protest gegen alles Konventionelle«, aber der Brite bleibt bei den spektakulären Selbstinszenierungen nicht einfach stehen. Er veralbert gewisse Kunstideen des Wokismus, ja, und er provoziert die alte Märchenstadt an der Donau, auch das, dabei versackt die Bedeutung aber weder in reiner Ausdruckmöglichkeit noch in reiner Form.

Wie Nitsch behaupten die Neuen Wiener Aktionist·innen, das Subjekt bestimme den Gegenstand. Sie stellen dann diese Behauptung als das Wirkliche hin und verwerfen den gegenüberstehenden Standpunkt als Schein. Der Immanenzgedanke sieht ja in seiner Grundthese das einzig Wirkliche; dabei gerät das Immanenzprinzip zum einzigen nicht Immanenten. Dadurch hat sich der Standpunkt im Denken schon selbst wieder aufgehoben.

Unendlichkeit der Gegensätze

Nitsch sah dieses Problem sehr klar erkannt! Solange wir im nur Gedanklichen bleiben, ist der Ungereimtheit der Immanenz nicht zu entkommen. Die blosse Formulierung in Begriffen stützt nämlich die Transzendenz des Gegenstandes als eine ontologische. Nur die Materialisierung in der Aktion, das »Sein der Wirklichkeit«, vermag dem Widerspruch des Denkens auszuweichen, nur die Performance vermag das Lebendige im Sinne einer Idee, eines Grenzbegriffs anzunehmen.

Dyptich ›9 to 5‹, Acrylmalerei auf Leinwand, 300 x 400 cm, ausgepreist mit 12.000 Euro, © Joseph Sakoilsky 2024

Es ist wie bei dem 2022 verstorbenen Schöpfer des Orgien Mysterien Theaters eine schwankende Metaphysik, die wir in dieser Ausstellung erleben. Ich esse, du isst; du stopfst dir eine Melone in den Mund, ich stopfe mir eine Melone in den Mund. Ich bin es, weil ich nicht etwas anderes bin … Du bist es, weil du nicht etwas anderes bist …

Das dekadente Paar führt das, was es ist – der Stuhl unter ihm, die Luft in seinen Lungen, die geleerten Gläser – durch eine Unendlichkeit von Gegensätzen. Wir alle unterstützen uns immer bereits gegenseitig. Wir sind da, »mutterleibhaft geborgen«, wie Nitsch sagte. Und ziehen eine oder mehrere Personen in die falsche Richtung, definieren wir sie sofort neu im Lichte dessen, was sie ihren Nachbarn angetan haben.

© Wolfgang Koch 2024

https://www.nitsch-foundation.com/

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/07/10/joseph-sakoilsky-der-kuenstler-als-immanentist-und-glueckskind/feed/ 0
Mathias Bröckers schenkt sich zum Geburtstag eine Bibel https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/26/mathias-broeckers-schenkt-sich-zum-geburtstag-eine-bibel/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/26/mathias-broeckers-schenkt-sich-zum-geburtstag-eine-bibel/#respond Wed, 26 Jun 2024 10:20:28 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3873 Das grösste Geschenk zu seinem 70. Geburtstag dürfte ihm ausgerechnet die verhasste US-Administration gemacht haben. Mathias Bröckers gehörte neben dem Politsatiriker Martin Sonneborn zu den wichtigsten öffentlichen Unterstützern des verfolgten und unter haarsträubenden Bedingungen inhaftierten Wikileaks-Gründers Julian Assange, der nun pünktlich zu dem Jubiläum freigelassen wurde.

Das zweitschönste Geschenk aber hat sich Bröckers gleich selbst gemacht: mit dem bei FiftyFifty erschienen 460-Seiten-Kompendium ›Inspiration – Konspiration – Evolution‹, in dem der erfolgsverwöhnte Autor seine zwanzig besten Texte aus den letzten 32 Jahren zum grossen Palver weltbewegender Fragen versammelt.

Gegen das Schönlügen

Das Medienunternehmen taz und Mathias Bröckers hätten sich gegenseitig eine Menge zu danken, wenn nicht so viele Jahre dazwischen stünden, in den sich die beiden Universen in verschiedene Richtungen ausgedehnt haben. Bröckers gehörte zu den Gründern der alternativen Tageszeitung und hat viele aufregende Jahre das Kulturressort verantwortet. Er stellte 1988 die »Schriftsteller-taz« unter Teilnahme von zwei späteren Literaturnobelpreisträgerinnen mit auf die Beine, er gewann das Enfant terrible des deutschen Kabaretts, Wolfgang Neuss, als Kolumnisten für die Satireseite, wozu er in dessen Berliner Kifferhöhle wöchentlich einmal mit dem Aufnahmegerät anrückte.

Bröckers publizierte den ersten Sammelband herausragender taz-Artikel, eine Fundgrube für jede innovative Journalist·in bis heute, und Bröckers initiierte und verantworte die Blogplattform des Mediums, lange bevor andere Printredaktionen etwas mit der Digitalkultur anzufangen wussten.

In der Gegenrichtung hätte Bröckers der taz seine unbändige schreiberische Neugier zu verdanken; die grenzenlose Freiheit in vernachlässigten Wisssenschaftsgebieten zu wildern, sich kampagnenartig für die Wiederentdeckung der Nutzplanze Hanf und für die Freigabe von Cannabis zum Genusskonsum einzusetzen. Ich betone: »hätte«, denn der Freigeist dankt seinen Ursprüngen nicht. Die taz ist für Bröckers heute »einem dumpfen und totalitären Woke- und Waffen-Kult anheimgefallen«.

Durch den Publizistenberuf seines Vaters einschlägig vorbelastet, hat dieses Schreibtalent spielend eine kurvenreiche Karriere hingelegt. Bröckers kann sich heute, von den Altmedien geächtet, bis zum Rufmord verunglimpft, weil er sich auf die Seite der Corona-Massnahmen-Skeptiker geschlagen hat, weil er dem Querdenkertum anhängt und offen dem russischen Narrativ zuspricht, durchaus auch ohne Mainstream vor einer lachenden Fangemeinde verbreitern.

Fantastisches Wissen

In der vorliegenden Neuerscheinung schickt der Verfasser seinen widerständigen Geist noch einmal auf Reisen durch den Weltraum der Seele, die Wunder des Bewusstseins und der Literatur, er erzählt von Bob Dylan und von der Paranoia des Schachspielers Bobby Fischer. Bereits 1999 nahm er die Erkenntnisse des Wasserforschers Viktor Schausberger bei Zweitausendeins unter die Lupe, die Computerrevolution in einem Vortrag 2006. Der Sammelband demonstriert eindrücklich, dass Bröckers in wenigen Jahren mehr Bewusstseinsantennen ausgefahren hat, als die hierarchische deutsche Öffentlichkeit verkraften konnte.

In Essays, Interviews und Glossen – alle in ihrer Originalversion – paradiert eine spannende Reihe von herausragenden Köpfen der Wissenschaften, der Literatur und der Politik vor uns. Die Evolution des souveränen Denkens beginnt mit dem Arzt und Alchemisten Paracelsus und macht dann über Goethe und dessen Farbenlehre einen Sprung mitten hinein in die aufregende Nachkriegsmoderne: US-Präsident John F. Kennedy, Verschwörungsanalytiker Robert Anton Wilson, Cannabis-Apostel Jack Herer, LSD-Entdecker Albert Hofmann, Biologe Rupert Sheldrake, Biophysiker Fritz A. Popp.

Enstirnigkeit der Gegner

Natürlich erspart uns Mathias Bröckers auch seine geopolitischen Theorien nicht. Im wesentlichen aber sind es die grossen und tiefen Fragen, auf die sich keine endgültigen Antworten finden lassen, mit denen sich seine Texte beschäftigen: »Was ist das Leben?«, »Lässt sich das Übernatürliche als rationales Faktum annehmen?«, »Schreitet die Wissenschaftsgeschichte in Wellenbewegungen voran?«

Es ist spannend noch einmal zu lesen, wie der Physiker und Chemiker Illya Prigogine an einem tröpfelndem Wasserhahn das wundersame Wirken der Selbstorganisation erklärt hat. Bröckers vollzieht humorvoll und attraktiv nach, wie der Mensch sich durch die Speichertechnologie der Sprache »zeitunabhängig« und mit diesem Informationsvorsprung allen anderen Lebewesen endgültig überlegen gemacht hat.

Immer wieder geht es um eine Definition des Lebens, und um den Geist der Natur in der Menschheitsgeschichte. Das Buch wäre natürlich kein Bröckers, wenn das Krude und Abwegige fehlte. Hat der Dichtergelehrte Goethe Allerheiligen 1768 wirklich ein UFO gesehen? Ist das Jahrhundertverbrechen des 11. September 2001 je restlos aufgeklärt worden?

Bröckers jüngstes Schreibidol ist der brasilianische Investigativ-Journalist Pepe Escobar, dessen geopolitische Kommentare ständig neue geheimnisvollen Verbindungen aus Schlapphüten, War-Lords, skrupellosen Wissenschaftlern und Konzernvorständen ans Licht der Öffentlichkeit zerren. Beide Grenzgänger der Publizistik betreiben mit ihren Clownerien eine Überbietungswettkampf in moralischer Selbstdarstellung. Sie schaukeln sich mit überspannten Ansichten gegenseitig hoch, nutzen ihren kognitiven Vorteil, etwas zu wissen, was die dominierenden Gruppen noch nicht wissen.

Escobar pendelt, wenn er nicht gerade unterwegs ist, zwischen São Paulo, Paris and Bangkok. Bröckers lebt in Zürich, Berlin und in der Lombardei. Escobar verabscheut »Globalistan«, Bröckers das etwas kleinere »Natostan« – beide schmieden Gegengemeinschaften von Fans der multipolaren Weltordnung mit Russland und China an der Spitze, und beide sind von Jugend auf Washington-Fresser. Ihr Ruf lautet: »Émile Zola, wach auf, sie sind verrückt geworden!«

Ohne Frage sind publizistischen Störungen dieser Art eine Quelle der Vitalität und des Glücks, oder wie die Franzosen sagen: »Oh rage, O Désespoir, O vieillesse!« (Oh Wut, oh Verzweiflung, oh Alter!). An dem intellektuellen und unterhaltsamen Wert des Kosmos der dabei berührten Gegenstände ändern die in Kauf genommenen Irrfahrten nichts. Was interessiert uns denn seit 2000 Jahren mehr als das Mysterium von Eleusis, das bestgehütete Geheimnis der Antike? … Können Tomaten träumen? … Können Pilze sprechen? … Hat die Natur ein Gedächtnis?

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/26/mathias-broeckers-schenkt-sich-zum-geburtstag-eine-bibel/feed/ 0
Es gibt Millionen Stimmen der Vernunft und des Friedens https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/11/es-gibt-millionen-stimmen-der-vernunft-und-des-friedens/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/11/es-gibt-millionen-stimmen-der-vernunft-und-des-friedens/#respond Tue, 11 Jun 2024 09:17:55 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3860 Deutschland

Bündnis Sarah Wagenknecht – Vernunft und Gerechtigkeit (BWS): 6,2 % oder 2.453.652 Stimmen

Die Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative (Die PARTEI): 1,9 % oder 775.392 Stimmen

MeRA25 (der gesamteuropäische Bewegung DiEM25): 0,3 % oder 118.616 Stimmen

 

Italien

Pace Terra Dignità (PTD inkl. DiEM25): 2,21 % mit 513.240 Stimmen

 

Frankreich

La France insoumise – Union populaire (LFI+): 9,89 % oder 2.448.711 Stimmen

Liste Asselineau-Frexit, pour le pouvoir d’achat et pour la paix (UPR): 1,02 % oder 253.037 Stimmen

L’Europe ça suffit (Les Patriotes LP+): 0,93 % oder 229.187 Stimmen

Europe Territoires Écologie (Parti radical de gauche PRG+): 0,26 % oder 63.503 Stimmen

Nous le peuple (RS): 0,06 % oder 13.889 Stimmen

 

Griechenland

Μétopo Evropaikís Realistikís Anypakoís / Μέτωπο Ευρωπαϊκής Ρεαλιστικής Ανυπακοής (MeRA25/ΜέΡΑ25): 2,54 % oder 101.127 Stimmen

 

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/11/es-gibt-millionen-stimmen-der-vernunft-und-des-friedens/feed/ 0
Warum kann ich in Europa nicht europäisch wählen? https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/07/warum-kann-ich-in-europa-nicht-europaeisch-waehlen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/07/warum-kann-ich-in-europa-nicht-europaeisch-waehlen/#respond Fri, 07 Jun 2024 10:16:54 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3846 Die Bevölkerung der 27 Mitgliedsstaaten ist aufgerufen, ihre Stimme abzugeben. Doch obwohl ein gemeinsames Parlament gewählt wird, können nur nationale Listen angekreuzt werden. Im Europarecht gibt es – was ein demokratischer Skandal ist! – noch keine Möglichkeit, eine Partei länderübergreifend zu registrieren. Das historisch antiquierte Wahlverfahren gestattet weder länderübergreifende Kandidaturen, noch erlaubt es mein Voting für eine Liste aus einem anderen EU-Staat.

Was nützt uns die Vielfalt von gleich 24 als offiziell anerkannten Amtssprachen in der Union, wenn das Repräsentationsversprechen der parlamentarischen Demokratie nicht eingelöst wird? – In Österreich sind rund 70 Prozent der Gesamtbevölkerung wahlberechtigt, knapp 6,4 Millionen Menschen dürfen über die österreichischen Abgeordneten im EU-Parlament abstimmen. Ich kann aber beim besten Willen keine wählbare Position auf dem nationalen Stimmzettel finden.

Trauriges Österreich

Das beginnt schon bei der Auswahl der Spitzenkandidaten. Die Listen haben ausschliesslich soziale Prominenz, Bildung und Seilschaften zur Geltung gebracht. ÖVP, FPÖ und SPÖ schicken langgediente Parteisoldaten im Rentneralter ins Rennen; die Grünen eine NLP-programmierte junge Frau mit Mannequin-Appeal; und die Liberalen (Neos) einen NATO-hörigen Ex-Chefredakteur.

Keines der austro-europäischen Wahlprogramme gibt sich globalisierungskritisch, keine Wahlrede hat auf scharfe Kontrolle jener politischen Institutionen und Entscheidungsverfahren abgezielt, die in Brüssel und Strassburg von privaten Akteuren (Konzernen, Denkfabriken, Lobbyisten) manipuliert werden, und niemand – auch die aussichtlosen Kandidati·innen von KPÖ und DNA nicht – besteht auf eine Ausweitung der politischen Teilhabe unter Beteiligung aller.

Was also tun in der Wahlkabine? In Deutschland hätte ich wenigstens die Auswahl zwischen dem Bündnis Sarah Wagenknecht, dessen Pazifismus ich absolut glaubwürdig finde, Martin Sonneborns und Sibylle Bergs netter Satireanstrengung DIE PARTEI und der linksradikalen MERA25-Liste, ums Eck ins Leben gerufen vom ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis. Das wäre gegenüber dem österreichischen Politikversagen schon ein enormer Gewinn.

In Italien kandidieren die Radikalen, denen ich lange die Treue hielt, gemeinsam mit +Europa-Listen; und die Partito della Rifondazione Comunista gemeinsam mit dem paneuropäischen Varoufakis-Ableger und Regionalisten. Links herrscht in Italien also einigermassen Verwirrung; und souveränistische Töne sind dort nur aus Salvinis schmutziger Lega zu hören.

Pluralistisches Frankreich

In Frankreich stünde meine Entscheidung zwischen Kandidaten der radikalen Linken von La France Insoumise oder der Parti Radical de Gauche (die leider die Unionclowns von Volt France mit dabei hat) auf der einen Seite und der souveränistischen Rechten von Les Patriotes auf der anderen Seite an. Das wären schon mal drei Möglichkeiten.

In Frankreich gab es noch in den 1990er-Jahren eine Linke, die war säkular, glaubte an Arbeit, sprach von Ordnung, Sicherheit, Bildung, Gesundheit. Das ist  heute aus und vorbei. Da nur der serbischstämmige Offizier Georges Renard-Kuzmanovic  von der Liste Nous le peuple mit einem dezidiert linkssouveränistischen Wahlprogramm antritt, [der Abraham der Strömung, Jean-Pierre Chevènement, ist 85 Jahre alt; er rügte letzte Woche Präsident Macron mit den Worten: »Frankreichs lebenswichtige Interessen liegen nicht in der Ukraine«], wäre die sozialgaullistische Rechte vielleicht eine gute Option. Doch der Konservative Nicolas Dupont-Aignan macht mit Debout la France aus finanziellen Gründen leider Pause. Und so bliebe als fünfte Möglichkeit der Frexit-Forderer François Asselineau (Union populaire républicaine).

Ich hätte also als anspruchsvoller EU-Wähler in Frankreich so viel Wahlmöglichkeiten wie in keinem anderen Land. Deshalb verlange ich eine Europäische Union, die das Echo ihrer Zukunft in sich trägt, und nicht das Echo ihrer nationalistischen Vergangenheiten.

Wahlprozess entwickeln

Um den Wahlprozess weiter zu entwickeln, existiert ein langer Vorschlagskatalog: Einrichtung einer EU-Wahlkommission und einer EU-Wahlbehörde; gemeinsames Wahlalter und gemeinsames Zulassungsalter bei Kandidaturen; Einspruchsrecht von Kandidat·innen vor der Wahl, und das nicht erst im Nachhinein; flächendeckendes Online-Voting wie in Estland; parteiunabhängige Wahlbeisitzer·innen. Die Transparenz, wie Parteien ihre Mittel ausgeben, muss erhöht werden. Das Wichtigste und Einfachste aber wäre die Verlängerung des Wahlzettels um einige Seiten.

Mit Sicherheit gibt es 2.000 Polen und Polinnen, die mal ihre Solidarität mit katalonischen Seperatisten in Spanien ausdrücken möchten. Mit grosser Wahrscheinlichkeit fühlt sich eine Hundertschaft von bayerischen Wahlberechtigten bei den irischen Listen der »besten Katholiken der Welt« (Derek Scally) besser aufgehoben als bei der CDU.

Auch der Einfluss grüner Parteien ist EU-weit ungleich verteilt, in einigen Ländern sind sie als Juniorpartner an der Regierung beteiligt in anderen existieren sie überhaupt nicht. Umweltbewegte aus der ganzen Union würden sicher gerne die kriselnden Grünen in Schweden, dem Heimatland der Klimaaktivistin Greta Thurnberg, mit einem weiteren Sitz im EU-Parlament unterstützen.

Ein transnationales Wahlverfahren würde Minderheiten und Marginalisierte aufwerten. In den LGBTQI+-Netzwerken spräche sich in Windeseile herum, auf welcher Liste der Europawahlen progressive Menschen mit unterschiedlichen Identitäten oder sexuellen Orientierungen auf dem Stimmzettel stehen.

Oder nehmen wir die Sozialdemokratie. Ein Teil ihrer Wählerschaft in Deutschland würden in Zeiten steigender Baukosten, Zinsen und sinkender Bautätigkeit sicher lieber bei den Kandidat·innen der Wiener Schwesterpartei SPÖ ankreuzen, die mit dem vor dreissig Jahren in Deutschland abgeschafftem gemeinnützigen Wohnungsbau dem freien Immobilienmarkt die Zähne gezogen hat. Der mit der Integration von Migrant·innen unzufriedene Teil der SPD-Wählerschaft wiederum könnte die Sitze der dänischen Genoss·innen von Socialdemokraterne in der EP-Fraktion stärken, usw. Auf diese Weise käme endlich Dynamik in die Progressive Allianz, und die nationalen Parteibüros müssten lernen auf der Ebene der Mitgliedsstaaten eine politisches Angebot zu legen.

Vielleicht sehen sich zehntausend Linksradikale aus 17 Mitgliedstaaten bei der griechischen SYRIZA, die schon einmal an der Regierungsmacht war, besser aufgehoben als bei ihren lokalen Politsekten.

Wer die Vielfalt im transnationalen Raum so grosssprecherisch im Mund führt wie die EU-Eliten, muss sich endlich der politischen Realität des Wählerwillens stellen. Was ich verlange, ist eine transnationale Demokratie, die grenzübergreifende Solidarität ermöglicht! Was ich verlange, ist ein modernen Pluralismus, der einem dänischen Volksvertreter auch zutraut, die Lebensinteressen von slowakischen Bauern in sein politisches Kalkül miteinzuschliessen. Was ich mir wünsche, ist, dass eine deutsche Kandidat·in für das Europaparlament in polnischen Bauarbeitern und ungarischen Altenpflegern mehr sieht als billige Arbeitskräfte, und das lässt sich mit der Verlängerung der Wahlzettel weit besser und wirkungsvoller befördern als mit den Sonntagsreden des Bundespräsidenten.

Eine transeuropäische Demokratie stünde der Bürokratiemaschine in Brüssel und Strassburg gestärkt gegenüber. Sie würde die politischen Akteure zwingen, in grösseren Massstäben zu denken. Und die Wahlwerbung konnte endlich auf die nervigen Hooklines, die ewig wiederkehrende Momente, verzichten und innovative Programme mehrsprachig zelebrieren.

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/06/07/warum-kann-ich-in-europa-nicht-europaeisch-waehlen/feed/ 0
Der alte Mann und das Buchstabenmeer https://blogs.taz.de/wienblog/2024/03/12/der-alte-mann-und-das-buchstabenmeer/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/03/12/der-alte-mann-und-das-buchstabenmeer/#respond Tue, 12 Mar 2024 20:00:25 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3815 Lojze Wieser ist der Kärntner Slowene, mit dem jeder Mensch in Österreich gerne befreundet wäre: schrullig, lustig, klug, informiert, ein korpulenter Mann von sanftem Auftreten, vielsprachig, ein hochgebildeter Optimist, ein von Neugier getriebener Problemlöser, ein bisschen wie Alexander Kluge, aber ohne Theorieballast und Opernleidenschaft, ein bisschen wie Werner Schneider, aber kein Satiriker.

Lojze Wieser ist minutiös wie ein Gelehrter. Er meditiert gerne schweifend. Der vielfach ausgezeichnete Verleger ist seit Jahrzehnten bestens vernetzt bis hinein in die Raucherkammerln der österreichischen Ministerien, als TV-Gastrosoph bei 3sat geniesst er mittlerweile auch Prominenz im grossen deutschen Speisesaal.

Privat ist Wieser stets dem Gespräch mit Autor·innen zugeneigt, dazu kommen das  Schlemmertum seiner kulinarischen Reisen und ein gewisses Faible für Homöopathie. Lange sagte der Mann: »Das Land, das uns alle verbindet, ist die Literatur«. Heute sagt er: »Geschmack ist wie Lesen. Es geht darum, mit der den Gerichten im Topf innenwohnenden Harmonie eins zu werden und durch das neu erlangte Wohlbefinden Kraft für Körper und Seele zu finden«.

Ein Heimatforscher neuen Schlags, könnte man meinen, der Vorschmecker der südösterreichischen Kasnudl-Region, und ein Wellness-Berater dazu. Jedenfalls ein gelungener Kulturunternehmer mit leidenschaftlicher Liebe zum kleinstädtischen »Zommstehn am Mårkt«. Begonnen hat die wundersame Karriere Wiesers allerdings ganz anders, und zwar im exotischen Milieu des Linksradikalismus im Wien der 1970er-Jahre.

Kämpferischer Anfang

Im Zuge der damals auseinander fallenden Protestbewegung an den Universitäten formierten sich leninistische, stalinistische und maoistische Organisationen. Diese sich als »Vorhut des Proletariats« gerierenden Miniparteien kokettierten offen mit den totalitären Konzepten von kommunistischen Staaten wie der Sowjetunion, China, Kuba oder Albanien. Sie pinselten Hammer und Sichel auf ihre Fahnen. Gegen jede politische Erfahrung immunisiert, liessen die ML-politisierten Studierenden die historisch falsifizierten Projekte der Linken aus den 1930er-Jahren wieder aufleben.

Überall sollten »Volksfronten« gegen Rechts gebildet werden, der Neue Mensch einer klassenbewussten Ordnung aus der sozialistischem Lebensreform hervortreten. Die Linken gaben sich unbeugsam und eiferten den Vorbildern gelobter kommunistischer Diktaturen in der Ferne nach.

Alois Wieser, wie der Kärntner sich damals noch nannte, stürzte sich mit seinem Bruder Peter in die Aufbauarbeit von »Kommunistischen Bünden«, die damals in Graz, Linz, Salzburg/Hallein, Tirol und Wien aus dem Boden schossen. Und als treuer Kader gründete Alois in Wien-Neubau, Halbgasse 12, eine Verlagsdruckerei für die Propagandabroschüren der Austromaoisten.

Im September 1975 verlegte Wieser die Kampfbroschüre ›Gegen die Folgen der Krise! Gegen die Kapitalsherrschaft!‹. Im März 1976 erschien, als weiterer verlegerischer Streich, die 64-Seiten-Broschüre ›Gegen jede Minderheitenfeststellung! Für die volle Gleichberechtigung der Minderheiten in Österreich!‹ in einer Auflage von 2.400 Stück.

Das war ein materialreicher und politisch brisanter Aufruf an »die österreichische Arbeiterklasse«, sich »jeglicher Diskriminierung der Minderheiten durch die öffentliche Gewalt in Österreich« zu widersetzen. Zitat: »Jeder Arbeiter und jeder fortschrittliche Mensch sollte, indem er diese Forderung unterstützt, Chauvinismus und Diskriminierung der Bourgeoisie und ihren reaktionären Anhängseln überlassen«.

Popkritiker Diedrich Diederichsen meint in der aktuellen Ausgabe der Schweizer WOZ, die Gegenwart müsse von ’68 auf jeden Fall lernen, den Fehler der K-Gruppen-Bildung, »also den Realitätsverlust von Splittergruppen mit allen psychischen Folgen für die Beteiligten«, zu vermeiden. Als Folge des Gazakrieges produzieren Linke heute wieder »extrem eingekapselte, rigorose Weltbilder«. Es gibt hässliche Konfrontationen im Kulturbetrieb, Leute werden auf Veranstaltungen niedergeschrien oder bespuckt. Dagegen helfe nur, den Anspruch auf das letzten Wort und Aggression ad personam am digitalen Pranger zu unterbinden.

Zurück in der Provinz

Als die K-Gruppen-Ära der 1970er-Jahre in die Gründung alternativer Wahllisten mündete und die Rettung des Proletariats in den Alarmismus der Ökologie überging, kehrten die Gebrüder Wieser nach Kärnten-Koroška zurück. Der klassischen Reproduktionszyklus schloss sich und die Intelligenzler brachten jetzt praktisches Verleger- und Übersetzerwissen in die Provinz des zweisprachigen Bundeslandes mit.

Ein paar Jahre später, 1987, gründete Lojze Wieser dort seinen Buchverlag und begann damit literarische und kulturelle Grenzen zu verschieben, ohne die politischen Eingrenzungen des Sprachgebrauchs in Frage zu stellen. Der Buchproduktion in den beiden Landessprachen Deutsch und Slowenisch ging es vor allem um die Grenzen in den Köpfen. 

»Literatur überwindet Grenzen«, sagt Wieser. »440 Jahre lang wurde in der slowenischen Sprache literarisch geschrieben, ohne dass es in der modernen Erfindung des Nationalstaates geschah und, es wird weitergeschrieben, obwohl – oder auch – weil oder seit ein Teil der Kultur und Sprache sich in einem Nationalstaat wiederfindet, ein anderer sich aber ausserhalb befindet. Was sagt uns das? Sprache, oft genug missbraucht lebt und entwickelt sich innerhalb und ausserhalb eines Korsetts oder Territoriums und widersetzt sich – früher oder später – dem Missbrauch. Das Kulturleben lässt nicht zu, dass sich eine Sprache über eine andere stellt, nur weil sie die Organe einer Staatsmacht dazu drängen«.

Lojze Wieser mit Peter Handke vor dem Ristorante Alla Bama Bianca in Duino. Foto: Mayü Belba 2022

Mit heiterer Wissbegier bewies Wieser grosses Gespür für Hochliteratur und für den Kulturtransfer vom europäischen Süden und Osten in den deutschen Sprachraum. Literatur ist ja eingerückt in die Perspektive ihrer Zeit; erstaunlich und anrührend aber wirkt, dass es an gelungenen Texten immer etwas gibt, das sich irgendwann mit Gewinn aus dieser Perspektive auch wieder lösen lässt.

Verleger ist nicht gleich Verleger

Heutzutage denkt man sofort, ein Verleger müsse ein Manager sein. Wieser war das vier Jahrzehnte hindurch nicht! Er war Leser, Entwickler, Verhandler, Mediator, Büchernarr, Autor sogar. Wieser komponierte eine kluge Dramaturgie der Neuerscheinungen, er setzt in seinem Programm auf das Konzept der Reihenausstattung, und auf die Chance, dass wenige erfolgreiche Titel die anderen mitziehen.

Den Durchbruch erzielte der Wieser Verlag mit der bibliophil aufgemachten Reisebuch-Reihe ›Europa erlesen‹, die inzwischen mehrere hunderte Titel umfasst. Das Zugpferd des Wissenschaftsprogramms ist ›Wiesers Enzyklopädie des europäischen Ostens‹ (WEEO), ein in Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten bereits auf zehn Bände angewachsenes Standardwerk der Kulturforschung.

Fast 1.300 Bücher sind es in 36 Jahren geworden. Rund zehn Prozent davon Sachbücher und wissenschaftliche Werke von zirka 3.000 Verfasser·innen, das Gros Belletristik, davon wiederum rund 450 Übersetzungen aus dem Ost- und Südosteuropäischen Raum (weitere 950 bei Drava). Im Buchhandel ist Wieser ein starker Sympathieträger, weil sich der Verlag für das faszinierende Kaleidoskop präzise formulierter Überlegungen ebenso einsetzt wie für das stille Wort. Das Verlagshaus bietet  Debütant·innen eine Bühne, hilft Übersetzer·innen bei ihrer Vermittlungsarbeit und führt Gesamtwerke von Autor·innen zusammen.

Gut ging das natürlich nicht immer. Wiesers Mischkalkulationen fehlte mehrmals das benötigte Quäntchen Fortune. Der Gewinn blieb immer wieder aus, der Verlag musste zweimal neu gestartet werden. Lojze Wieser änderte am Auftritt seiner Bücher alles Mögliche, nur eines nicht: Am Ende entschieden bei ihm immer Erfahrung und Bauchgefühl.

»Heute«, sagt der Verleger stolz, »finden sich die kleinen Literaturen Europas mit den in anderen Häusern verlegten in guter – oder auch nicht, wer weiss – Gesellschaft. Slowenische, kroatische, serbische, rumänische Werke sind alle in einer imaginären Gesamtbibliothek lieferbar. Das ist doch was! Das hat es vor uns nicht gegeben«. 

Den Schlusspunkt seines Verlegerlebens krönt der Österreicher nun mit knapp drei Dutzend in der ›Slowenischen Bibliothek‹ (SLOW) edierten Büchern. Die in drei regenbogenfarbenen Kassetten verlegten Werke sind in einen zeitlichen Rahmen vom 19. Jahrhunderts bis heute gestellt. Die literarisch wertvolle Reihe beginnt mit Gedichten von France Prešeren und dem literarischen Auftritt von Peter Einsam alias Josip Stritar, dem Gründer der wichtigen slowenischen Literaturzeitschrift Zvon (Die Glocke) in Wien. Und die imaginäre Reise dieser Übersetzungsbibliothek endet mit ›Sterneklare Nächte am Karakorum‹, einem Bergsteigerroman des in Triest lebenden Dušan Jelinčič, der im Original 1990 erschienen ist.

Keine Angst! Die nationalliterarische Bibliothek endet nicht im letzten Jahrtausend. Die Reihung der Bände verläuft nicht streng chronologisch. Wieser hat auch noch Schöpfungen aus den Jahre 2012 und 2016 mitaufgenommen. Denn nicht ein rastloses Hin und Her ist das Kennzeichen seiner Herausgeberschaft, sondern erfrischende Neugier und gediegene Unruhe, behilflich jeder offenen Veränderungs- und Verbesserungsbereitschaft.

Kanonisierte Klassiker

Anders als die 2013 von Erwin Köstler konzipierte und nach der Herausgabe der ersten fünf Bände im Wieser Verlag abgebrochene ›Slowenische Bibliothek‹ geht es bei diesem Sammelwerk nicht um Erstübersetzungen von Autor·innen, die noch nicht ins Deutsche übersetzt worden sind. Die prachtvolle SLOW-Buchreihe versammelt kanonisierte Klassiker: jeweils mehrere Werke von oder über France Prešeren (2), Josip Jurčič (2), Ivan Cankar (3), Prežihov Voranc (5). Weiters zwei Bücher der deutschsprachigen Reiseschriftstellerin Alma M. Karlin (2), deren Reportagen uns mehr aus der Welt von gestern überliefern, als die vom kolonialistischen Blick verdorbenen Berichte ihrer österreichischen Vorläuferin Ida Pfeiffer.

Der Ex-Maoist Wieser ist im Verlegerleben klüger geworden und dabei ein politischer Mensch geblieben. Das äussert sich in zwei Bänden der Sammlung, die aus der Feder der 1997 verstorbenen Ex-Partisanin, Schauspielerin und Schriftstellerin Berta Bojeti stammen. ›Filio ni doma‹ (Filio ist nicht daheim) entrollt eine düstere sexualrepressive Dystopie. Ausserdem hat Wieser die aus dem Französischen übersetzte Biographie von Jože Javoršek wiederaufgelegt. Der ausgesprochen gewalttätige Inhalt von ›Gefährliche Erinnerungen‹ (2007) hat schon die Leserin Elfriede Jelinek entsetzt.

Die Zwischenräume der SLOW-Bände sind mit solider Essayistik gefüllt, mit Interviewbüchern, auch Lyrik scheint keineswegs unterrepräsentiert. Die Aufnahme von Sachbüchern in literarische Sammelwerke ist ein wirklicher Fortschritt der Gegenwart, nicht nur weil es die künstliche Trennung am Buchmarkt überwindet, sondern auch weil sie dazu auffordert, beim essayistischen Schreiben auf sprachliche Qualität zu achten und nicht bloss, wie der Salzburger Fälschungsjäger nahelegt, ob Gedankengänge plagiatisiert wurden.

Der scheidende Verlagsgründer hat seine Gedanken gleich mehrfach eingebaut in diese Bibliothek: Wieser serviert uns im Beiwerk die Verlagsgeschichte seiner Stehauf-Projekte, die dazugehörigen Lebensstationen, und ein gemeinsam mit Barbara Maier verfasstes Büchlein zur Schlemmerkunst darf ebenfalls nicht fehlen.

Da jedes Buch der neuen ›Slowenischen Bibliothek‹ auch einzeln erhältlich ist, beinhaltet es dasselbe Postscriptum und dieselben editorische Notizen mit der Aufforderung, doch weiterzulesen. Das wirkt im Gesamtziegel etwas mühsam. Wie empfänden wir das, wenn uns der Installateur nach der Montage jedes Waschbeckens eine Aufforderung zum Händewachen ans Porzellan heftet?

Offen für eine Fortsetzung

Warum, fragt man sich weiters, hat es keiner der gegenwärtig gehypten slowenischen Autoren und Autorinnen in Wiesers epochales Übersetzungswerk geschafft? Wieso fehlt die Riege jüngerer und jüngster Literatur aus dem Stammland der slowenischen Nation: Tomaž Šalamun, Maruša Krese, Mojca Kumerdej, Aleš Šteger?

»Die liegen – Gottseidank! – ja vor«, erklärt Wieser, »in verschiedenen zeitgenössischen Ausgaben, quer über die deutschen Lande verteilt, die in letzter Zeit auch von anderen gemacht wurden«.

Das gilt nur für die Genannten. Von dem umfangreichen lyrischen Werk Veno Taufers, der auch Theaterstücke, Essays und Literaturkritiken verfasst hat, liegt kein einziges Buch in deutscher Übersetzung vor. Dasselbe gilt für den grossartigen, in Maribor wirkenden »Imaginisten« Andrej Brvar. – »Dutzende fehlen, ja und? Wo nicht?!«, meint Wieser.

Ohne Frage ist dem österreichischen Verleger eine Fortsetzung seiner Kanonisierungstätigkeit zu wünschen. Vielleicht wachsen den drei Schubern mit den »wichtigsten in slowenischer Sprache erschienen Werken der letzten hundert Jahre« ja in den nächsten Jahren noch weitere zu.

Über Gelungenes und Gültiges entscheiden ohnehin weder Autorinnen noch Übersetzer, weder Verleger noch Buchhandel, weder Kritik noch Komparatistik, weder Käufer noch Ignoranten. Über nachhaltig Gültiges entscheiden alleine wir: die Lesenden.

© Wolfgang Koch 2024

https://www.wieser-verlag.com/reihe/slowenische-bibliothek/

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/03/12/der-alte-mann-und-das-buchstabenmeer/feed/ 0
Wie sich Götz Kubitschek zweimal in Wien blamiert hat – TEIL III https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/26/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-iii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/26/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-iii/#comments Fri, 26 Jan 2024 09:10:03 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3696 – Wie sich Götz Kubitschek zweimal in Wien blamiert hat – TEIL I

– Wie sich Götz Kubitschek zweimal in Wien blamiert hat – TEIL II

Weder Burschen in der Krachledernen noch Mädels im Dirndl sind unter dem historischen Glasfenster des Deutschen Schulvereins von 1880 zu sehen. Auch Studierende finden sich unter den zum Vortrag von Götz Kubitschek Versammelten nur wenige. Zum wiederholten Mal werden immatrikulierte Personen dringlich zum Eintrag auf einer Mailingliste aufgefordert. Die Aktion 451 leidet offensichtlich unter dem Fehlen angehender Akademiker·innen.

Fast alle neunzig Kundgebungsteilnehmer·innen haben es in die Fuhrmannsgasse 18a geschafft. Die Ultrarechten verwandeln sich auch an dem sicheren Ort in keine Horde biertrinkender, pöbelnder Glatzköpfe. Man und frau trinkt zwar Bier aus der Flasche, nimmt aber gesellschaftsfähig auf gepolsterten Stühlen Platz. Kubitscheks Gattin, Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern, streift den schwarzen Pelzmantel ab und zeigt sich im roten Kurzrock. Bei jüngeren Damen fällt die Länge mini aus.

Als Zeremonienmeister entpuppt sich ein Mann, der sich auf der Strasse auffällig zurückgehalten hat: der bekannte österreichische Rechtsextremist Martin Sellner, ehemaliger Sprecher der quasi verbotenen Identitären, deren Corporate Design von den heimischen Behörden einkassiert wurde. Sellner faltet die Sonnenbrille von der Nase, tritt an das Pult und strukturiert mit zackigen Worten den Ablauf des weiteren Abends. Die Alten Herren sollen bitte zuerst Sitzplätze erhalten, dann erst die Füchse. Der Vortrag – das ist Sellners wichtigste Botschaft – muss rechtzeitig zu Ende gehen, damit Kubitschek von hier aus weiter in den FPÖ-Parlamentsklub eilen kann, wohin er gemeinsam mit dem AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt geladen ist, um über den Meinungsterror der Linken zu schwadronieren.

Pseudokampf um die Wissensfreiheit

Dann wiederholt Kubitschek seine Schlauheiten. »Wäre ich im Besitz der Veranstaltungsmacht, hätte ich mich in der Universität Wien zugelassen und ein Podium gefordert, um mir die Deutungshoheit über ›Fahrenheit 451‹ zu entreissen«. In seinem Blog wird er ein paar Tage später frohlockend hinzufügen: »Aber der Schatten ist zu breit, die Linke und die Mitte können nicht mehr über ihn springen«.

»Wir müssen lesen«, wiederholt der Vortragende und schimpft auf all jene, die das nicht tun. Im weiteren präsentiert sich Kubitschek wie jemand, der seine Zuhörer·innen in ein geheimes Buch einweiht und ihnen Nachhilfeunterricht in Sachen Lektüre gibt. Vor der Universität ist es um die Umstände gegangen. In den Räumen der Österreichischen Landsmannschaft soll es um den Inhalt gehen, also um das, was es zur Dystopie ›Fahrenheit 451‹ zu sagen gibt.

Bradburys Werk sei eine »Waldgänger– und Waldläufer-Utopie«, weder rechts noch links, sondern vor allem gegen die Mitte. Dann spult der Redner senioral den gesamten Inhalt des englischen Romans herunter. Die Verstehensbemühung für das Buch bleibt dabei ausgesprochen flach: für Kubitschek  geht es in dem Text vor allem um selbstständiges Denken in einer autoritären Gesellschaft, er zitiert Arendt und Thoreau, und er erklärt den Protagonisten, Feuerwehrmann Guy Montag, zu »einer Widerstandsfigur, die man nie wieder vergisst«.

Kenntnisse auf Wikipedia-Niveau

Anders als den ehemaligen Linksintellektuellen Frank Böckelmann und Henryk A. Broder fehlt Kubitschek jede stilistische Brillanz. In der Mitte des Vortrags muss er das Publikum fragen, wie man »Captain Beatty« richtig ausspricht. Die Einlassungen auf den Stoff bleiben wenig tiefschürfend, ja Kubitscheks Deutungshochheit über ›Fahrenheit 451‹ fällt erschreckend bescheiden aus. Im Wesentlichen interpretiert er die Dystopie, wie man es im Wikipedia-Eintrag zum Buch nachlesen kann: als Warnung an die Menschheit vor einem Rückfall in einen politischen Totalitarismus, der die freie Meinungsäusserung verfolgt und unerwünschte Wissensbestände rigoros eliminiert.

Diese Interpretation wäre jedem Oberschüler zuzutrauen, aber schon auf den Wiener Volkshochschulen enthielten sich die Zuhörer·innen des Applauses. Die im Saal versammelte Gefolgschaft lauscht denn auch mehr höflich als gebannt. Zwei Mittzwanziger vor mir daddeln auch dann noch weiter ungeniert auf ihren Mobiltelefonen, als Kubitschek gegen die Häppchenkultur der »Asozialen Medien« zu Felde zieht.

Ahnungslose Klassiker-Lektüre

Es gilt keine Lernkurve an diesem Abend nehmen, weil der Vortragende über die Handlung hinaus schlicht nichts über Werk und Autor weiss. Kubitschek weiss zum Beispiel nicht, dass es Ray Bradbury in seinem ikonografischem Werk nie um staatliche Zensur und Totalitarismus gegangen ist. Der hochgeschätzte Pulitzer-Preisträger von Los Angeles erklärte bis zu seinem Tod wiederholt, dass er auch keine Reaktion auf Senator Joseph McCarthy geschrieben hat, dessen Ermittlungen Millionen Menschen in Angst und Schrecken versetzt und ihre Kreativität erstickt haben. Laut seinem Schöpfer ist ›Fahrenheit 451‹ ausdrücklich eine Geschichte darüber, wie das in den 1950-Jahren aufkommende Fernsehen das Interesse am Lesen von Literatur zerstört.

Bereits 1951 hat Bradbury einen »wachsenden Mangel an Aufmerksamkeit« durch das Medium Radio beklagt. TV galt ihm in Form der damals üblichen 7-Zoll-Bildschirme in Schwarzweiss überhaupt als Opiat. Im Buch werden Wände zu Bildschirmen und Schauspieler·innen zu einer »Familie«, welche die Fans mit Vornamen ansprechen. Bradbury erzählt, dass die Menschen die Bücher zunächst komprimieren und immer mehr beleidigende Passagen entfernen, bis schliesslich nur noch Fussnoten übrig bleiben, die kaum jemand liest. Erst nachdem die Medienkonsumenten aufhören zu lesen, setzt der Staat Feuerwehrleute ein, um Bücher zu verbrennen.

Das passt nicht zur heute gängigen Lesart des Bestsellers! Obendrein hat sich Bradburys These ja medienhistorisch als vollkommen falsch erwiesen. Das Fernsehen hat Belletristik und Sachliteratur nicht geschadet, sondern im Gegenteil: ihr zu einem Aufschwung beim Publikum verholfen, den sie aus eigener Kraft nie erreicht hätte. Heute wird in jeder zweiten Sendung der Hauptnachrichten des ORF ein Buch samt der Verfasser·in vorgestellt; kein Sender kommt ohne ein Format für Rezensionen und Bücherpalaver aus.

Kubitscheks Totalitarismus-These wird für kenntnisreiche Zuhörer·innen nicht schlagend, weil sie fragwürdig und falsch ist. Und sie wird für Uninformierte nie zu einem Gewinn, weil er sie zu weit auffächert. »›Fahrenheit 451‹ ist kulturkritisch«, versichert der Redner, »das Buch steht in der Tradition hilfloser Technik- und Gesellschaftskritik und kann vereinnahmt und als Chiffre besetzt werden«. Noch mehrmals lässt Kubitschek diesen elitären Kulturpessimismus durchblicken. So beklagt er, dass sich der Durchschnittsmensch auch in Ländern wie Serbien und Ungarn, »die identitär viel besser dastehen«, nicht vom Durchschnittsmenschen in Wien, Chicago oder Leipzig unterscheide.

Lust an der politischen Vereinnahmung

Hellhörig lauschen die Anwesenden eigentlich nur auf Nebensätze und Zwischenbemerkungen, etwa wenn Kubitschek mit dem neonazistischen Zahlencode 88 für Adolf Hitler spielt (das Publikum lacht), oder wenn er bewusst Doppelbotschaften setzt. So sagt er: »Wichtig ist, dass wir Dinge vereinnahmen«, und fügt sofort hinzu: »obwohl das auch eine Anmassung ist«. In diesem kaum glaublichem Simplismus, in gewollter Dunkelheit nistet das Sinistre.

»Unsere Uni, unser Land!« – mit welcher Berechtigung denn, bitte? Was Kubitschek an der Universität hätte vortragen wollen, hat dort aus Qualitätsgründen nichts zu suchen. Natürlich wäre es ein fruchtbares Thema, warum Kulturkritik immer hilflos ist, warum sie bei den frühen Grünen einst eine immense Rolle gespielt hat und von der woken Linken unserer Tage nicht einmal mehr im Ansatz bedacht wird. Doch Kubitschek und seine Akteure verstehen sich als ideologische Wegbereiter eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, der autoritär-nationalistische Vorstellungen in reale Politik umsetzen will. Sie versuchen seit Dezember 2019 die Identitäre Bewegung neu zu erfinden, wollen »den Dreh rauskriegen«, um die grassierende Konsenskultur zu sprengen.

Verstecktes Marketinginteresse der Ultras

Was sich an dem Tag in Wien regt, tut es unter dem Anspruch eines uneingestandenen Grundes, den man sich selbst nicht eingesteht oder den die Akteur·innen selbst vielleicht gar nicht kennen. Das Ziel rechter Brückenschläge ist politische Einflussnahme durch eine Allianz aus Identitären, völkisch Nationalen und Freiheitlichen. Doch dahinter wirkt ein handfestes ökonomisches Interesse. Das politische Ziel deckt sich mit der Marketingkampagne eines kleinen Familienunternehmens in der deutschen Provinz, das die Strategie verfolgt, mithilfe der nie statt gehabten Konservativen Revolution einen Haufen von politischen Hassadeuren den rechtspopulistischen Parteien anzudienen und dabei geschäftlich mitzuschneiden.

Nach dem 17. November berichtete die anonyme Aktionsgruppe auf Instagram: »Die Aktion 451 war im ganzen Land in den Schlagzeilen. Ein Fuss ist in der Tür der Uni. Die Uni als Linker Safespace muss beendet werden. Wir werden nicht ruhen, bis alle Universitäten tatsächlich sind, was sie sein sollen: Orte der freien Debatte und freien Lehre!« In dem Gebell stimmt nicht eine einzige Information, weder die Schlagzeilen, noch der Fuss in der Tür, noch die Unfreiheit der Lehre.

»Es gibt keine Alternative im Etablierten«, lautete die Parole Kubitscheks. Das Widerständige müsse an allen Orten gestärkt werden. Die taktische Anonymisierung solcher Aufrufe dient dem Zweck der Verschleierung – aus Angst vor öffentlichem Druck und Repression. Durch gelegentliches Gesichtzeigen versucht die neue Generation der Extremisten über eine sportliche Inszenierung junge Männer in eine »neurechte« Erlebniswelt hinein zu ziehen.

abo

Wahlen im Osten: Wie ist die Lage in Thüringen, Sachen und Brandenburg? Lesen Sie es in der wochentaz – jetzt 10 Wochen lang für nur 10 Euro.

  Kein Anspruch auf Intellektualität

Mit dem Aufruf zum Tabubruch, zum gezielten Regelverstoss und zum Rechtsbruch, also in zivilem Ungehorsam »jenseits geltender Gesetze zu handeln«, sowie mit der respektlosen Vereinnahmung kultureller Werke als »politische Waffe« folgt die Aktion 451 nicht, wie sie behauptet, den Denkfiguren von Gramsci und Gene Sharp, sondern den Kampfmythen der frühen faschistischen Bewegungen im 20. Jahrhundert. Dass in Europa eine heterogene Riege von Linksintellektuellen wirkt, deren Spektrum von Linksliberalen, Sozialdemokraten, Grünen und Kommunisten bis Radikalen und Militanten reicht, setzt die notwendige Abgrenzung des konservativen Lagers von seinen autoritären Rändern nicht ausser Kraft.

Die Frage, ob Kubitschek den Titel eines »Rechtsintellektuellen« beanspruchen darf, ist nach seinen Lügen zu der Strassenattacke und der Demonstration literaturgeschichtlicher Ahnungslosigkeit hinreichend beantwortet. – Nein, der Kleinverleger ist weder ein raffinierter Akteur noch ein kluger Denker. Kubitscheks intellektueller Horizont reicht nicht einmal an die Ständestaatler Othmar Spann und Eric Voegelin oder an den rechtsnationale Publizisten Dominique Venner heran, der in Frankreich mit dem Schuss einer Kugel in den eigenen Kopf ein kulturkämpferisches Fanal gesetzt hat.

Was tut dieser Apostel einer neuen Ordnung? In einfacher Sprache gesagt: Heute, wo die Zeitumstände aus dem Gleichgewicht sind, senkt er seine Wurzeln nicht tief und wartet ab, er bewahrt sein bescheidenes Wahrnehmen und Wissen nicht, sondern putzt es in minoritären Scheindiskussionen heraus und trägt so zur Verminderung der Tugend bei.

Opferwettlauf im Meinungsklima

Von der nicht medienöffentlichen Veranstaltung in den Klubräumlichkeiten der Freiheitlichen erfahren wir die Details aus den Parteikanälen. Generalsekretär Christian Hafenecker betonte schon im Vorfeld, die FPÖ sei eine offene Partei auf demokratischer Grundlage. »Dazu gehört eben auch, verschiedenste Stimmen sprechen zu lassen und sich mit aller Kraft für das freie Wort einzusetzen und Auftrittsverbote und Redeverbote zu bekämpfen«. Am Abend zeigte sich Hafenecker schockiert über die Vorkommnisse vor der Universität. »Man sieht wieder einmal deutlich, von welcher Seite in diesem Land die Gewalt ausgeht«. Die Gewalteskalation hätten allein zwei Politikerinnen von SPÖ und Grünen zu verantworten, »die zwar immer von Toleranz und Meinungsfreiheit predigen, im selben Atemzug aber alles verbieten wollen, was nicht ihrer Gesinnung entspricht«.

Götz Kubitschek (Mitte) und Björn Höcke (rechts, 2016 in Berlin. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Um sich abwechselnd als Warner und als Repräsentant einer Mehrheit zu inszenieren, diskutierte der Brandstifter Kubitschek vor Nationalratsabgeordneten über »Linksextremismus als wachsende Gefahr«. Mit dieser Öffnung hat die FPÖ der Demokratie keinen Dienst erweisen. Nein, sie hat ein gesellschaftliches Klima, in dem rassistische, biologistische und ethnopluralistische Sichtweisen bagatellisiert werden, weiter befördert.

Kubitscheks Vorstellung eines neurechten Milieus von selbstdenkenden und sich selbst ermächtigenden Individuen hält als verlegerisches Projekt seit Jahrzehnten an und ist von der Faszination zur Monomanie fortgeschritten. »Kubitschek verglich den Aktionismus des versammelten linken Establishments im Resümee treffend mit dem Verhalten von Schmeissfliegen«, berichtet anonym die Plattform Der Status in einer Lobeshymne auf den »patriotischen Verleger«, der sich von den »Systemparteien« nicht habe »mundtot« machen lassen.

Wie politische Abgrenzung funktioniert

Was also ist am 17. November geschehen? Für die Ultras war der »metapolitische Tag« (Martin Lichtmesz) eine Bekanntheitssteigerung zum Zwecke der Versilberung. Die FPÖ aber leistete erneut einen demokratiepolitischen Offenbarungseid. Denn sie ist so lange keine vollwertige und mehrheitsfähige politische Partei, als sie sich im Diskurs nicht nach beiden Richtungen hin abgrenzt, nach links und nach rechts. Politisch vorgehen heisst, sich gemeinsam gegen fast Richtiges und gegen total Falsches abgrenzen. Ein Bekenntnis alleine genügt nicht.

Es ist nun schon wieder Jahrzehnte her, dass österreichische Intellektuelle wie Volker Kier in dieser Partei gewirkt und der Kreuz & Querdenker Günther Nenning öffentlich mit ihr debattiert hat. Jörg Haider stellte Rechtsblinkern wie Lothar Höbelt den Schriftsteller Peter Sichrovsky in den eigenen Reihen gegenüber. Für die politische Konkurrenz bedeutete das damals gar nichts, die schäumte naturgemäss; doch die Ewiggestrigen verstanden sehr gut, dass ihre Stunde geschlagen hatte.

Vor einiger Zeit hat der thüringische AfD-Landesvorsitzende Björn Höcke erklärt, dass er sein »Geistes Manna« aus der sachsen-anhaltischen Gemeinde Albersroda beziehe. Es gibt in Österreich keinen Grund, ihm das nachzumachen. Nur in Ermangelung einer lebendigen Diskussionskultur übernimmt die Kickl-FPÖ heute von extremistischen Einflüsterern die Botschaft, mit Bewunderungsadressen an die mythische Konservative Revolution sei jene geistige Hegemonie über den Stammtischen zu festigen, die sie durch ihre Oppositionsarbeit bereits erreicht hat. Dieses Manöver wird nicht einmal funktionieren, wenn bei der nächsten Wahl der nationale Rechtsruck vollzogen ist.

picture alliance/dpa | Hendrik Schmidt

Gibt es denn heute noch bedeutende Intellektuelle, die bereit sind, die Grundlagen der westlichen Lebensweise in Frage zu stellen? Ja, es gibt sie, und möglicherweise gibt es überhaupt nur mehr solche. Bruder Franziskus spricht für die Armen, Hartmut Rosa für die gesellschaftliche Ausrichtung auf das Gemeinwohl, Christian Marazzin über die Gewalt des Finanzkapitalismus, Žižek posiert mit dem Begriff der Klasse, Sloterdijk verdammt unsere Zurichtung zum Menschenpark, Dan Diner warnt vor der Tilgung Hitlers aus dem historischen Gedächtnis, Eva Illouz zeigt die emotionale Katastrophe des Datenkapitalismus auf, Amia Srinivasan die Folgen der »Roboter-Apokalypse«.

Zu keiner der angesprochenen Herausforderungen liefert der ultrarechte Diskurs einen Funken Konstruktives. Vielleicht hören wir zur Beruhigung mal den Blues ›Né Nana‹ auf der Kamale Ngoni, der pentatonischen Kora mit 14 Saiten, gespielt von Abou Diarra. Malische Klänge aus dem XXI. Pariser Arrondissement im Jahr 2016. Ganz Europa wird 2050 so klingen, wenn 2,4 Milliarden Afrikaner·innen 450 Millionen Europäern und Europäerinnen gegenüber stehen und der Migrationsdruck an der Haustür fünf Mal stärker ist als der heute von Lateinamerika via Mexiko auf die USA.

© Wolfgang Koch 2024

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/26/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-iii/feed/ 1
Zum 20. Todestag von Viktor Rogy https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/20/zum-20-todestag-von-viktor-rogy/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/20/zum-20-todestag-von-viktor-rogy/#respond Sat, 20 Jan 2024 08:16:14 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3692 Am 23. Jänner 2004 verstarb nach einem dreimonatigen Performance-Exzess mit Patienten, Ärzten und Besucher·innen im Krankenhaus der schwertzornige Kunstrebell vom Wörthersee. In einem letzten Rausch rief der von seiner Krebserkrankung gezeichnete Entgrenzer Freund und Feind an seine Spitalsbetten in Villach und Klagenfurt, wobei besonders an Feinden kein Mangel war.

Ein Charakter wie Viktor Rogy wäre im heutigen Kunstbetrieb, wo schon das Gendern einer Anrede über Auf oder Ab einer Karriere entscheiden kann, völlig undenkbar. Der Mann spazierte mit dem grauen Homburg am Kopf durch die Provinzhauptstadt Klagenfurt, konnte aber seine proletarische Fäuste blitzschnell auf Handgreiflichkeiten umschalten. Er versetzte einem Leiter der Landesgalerie bei einer Vernissage einen Tritt in den Arsch; und Rogy blamierte den angesehenen Kunsthistoriker Arnulf Rohsmann, der sich ein paar Jahre lang kuratorisch um dessen Œvre bemühte, indem er einmal in die Druckerei stürmte, um eigenhändig einen Katalogtext über seine Arbeit aus der Druckmaschine zu reissen.

Für Viktor Rogy kam als Konsequenz aus der Radikalität der 1960er-Jahre nur das Abenteuer der Selbstfindung in Frage. Seine Bilder und Objekte, Künstlerbücher, Leuchtschriften und Videos präsentieren nicht nur die Geschichte eines einzigartigen Menschen, sondern auch eine einzigartige Geschichte der Nachkriegsgesellschaft, gesehen von einem ihrer wachesten Zeitgenossen. Viktor Rogy könnte heute durchaus ein österreichischer Wolfgang Neuss sein, wäre seine Anerkennung nicht so dünn gesät.

Skript der Viktor-Rogy-Performance auf Gästeblock im Hotel Altstadt Vienna, 27. Februar 1999

Der nur sechs Monate ältere Wolfgang Neuss schoss sich im Frühjahr 1943 in Weissrussland den Zeigefinger der linke Hand weg und erklärte den Akt später zu einem »Symbol für Kunst statt Krieg. Selbstverstümmelung war und ist eine gute Friedensbewegung!« Rogy simulierte Krankkeiten und Verletzungen, um dem Wahnsinn der deutschen Wehrmacht zu entkommen. Auf einem Heimurlaub von der Front liess er sich von seiner Mutter Kuhmilch in die Blutbahnen injizieren, um krank geschrieben zu werden; nach einer Unfallbagatelle täuschte er wochenlang eine Hirnverletzung vor, um als Simulant dem Aggressionskrieg zu entgehen.

abo

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese, jetzt die wochentaz testen! 10 Ausgaben für 10 Euro im Probeabo: Lernen Sie 10 Wochen lang die linke Wochenzeitung kennen.

Nach dem Krieg mutierte Neuss zu einer Instanz des politischen Kabaretts in Deutschland und wurde, wie Mathias Bröckers nachgezeichnet hat, »zum Schrecken Adenauerscher Rundfunkräte, vom komischen Knallchargen zum Lautsprecher der APO, und dann, vom Anmacher und Unruhestifter zum Aussteiger, Haschisch-Orakel und Meditationsmeister«. Rogy hatte nur eine Maurerlehre abgeschlossen. Er mutierte nach dem Krieg zu einem Virtuosen des Stuckputz und schrieb Gedichte am Arnoldsteiner Wasserfall. 1959 zog er mit dem Maler Hans Bischoffshausen nach Paris, fand aber über algerische Migranten hinaus keinen Anschluss an die Fremde und kehrte aus Liebeskummer in die österreichische Provinz zurück, wo er sein unstetes Leben fortsetzte.

Ein Jahrzehnt lang tingelte er als Bauarbeiter durch Schlösser des Adels und eines Kunstaufsteigers, gründete eine Familie und zerstörte sie wieder. Er warf sich bei einem Bildhauersymposion in Vermont, USA, als Skulpteur ins Zeug, führte dann im Gartenhaus von Maria Lassnig am Klagenfurter Lendkanal ein feuchtfröhliches Eremitendasein, erschreckte Politiker·innen, Galeristen, Journalisten und Architekten, errichtete am Höhepunkt seines Lebens mit einem Sponsor drei Künstlerlokale und starb.

Der Künstler (links) mit dem Dichter Gösta Maier (rechts) im 13. Arrondissement von Paris 1959, Foto: Archiv kärnöl

Neuss kurierte seine 20-jährigen Tabletten-und Alkohol-Orgien mit Cannabis. Die Verächter sehen in ihm noch heute bloss das »Drogenwrack aus Charlottenburg«. Doch Neuss war ganz einfach zu roh, zu radikal, zu rebellisch, um als saturierter Literat zu enden. Rogy kurierte sich von seinen Alkoholorgien nie, doch er verfeinerte mit dem trockenen Sherry Tío Pepe ständig die Dosis. Die Verächter sehen in ihm heute einen »Lebenskünstler«, einen Hochstapler aus der östereichischen Provinz, den »Alpenbeuys«, doch Rogy war einfach zu starrköpfig, zu fromm und zu aufbrausend, um als Kulturpreisträger die Hände von Förderern zu schütteln und freundlich in die Kamera zu lächeln.

Rogy war bekannt für sein Gentleman-Gehabe, und zugleich gefürchtet wegen seiner Reizbarkeit und der ungebetene politische Vernaderung in aller nur denkbaren Richtungen. Ob Demokratie oder Diktatur, spielte für ihn keine Rolle! Sobald Rogy einen Tisch eingenommen hatte, begann er schrecklich zu lamentieren und schilderte alle möglichen Nöte und Feindschaften, die ihn plagten. Dabei berief sich das empörte Universalgenie auf den Gestapo-Mord an seinem Vater und auf seine Repressionserfahrungen unter Hitler. Der Künstler identifizierte seine verpatzte Jungmännerzeit in einem Kurzschluss mit der Ignoranz potenter Kunstkreise gegenüber dem Autodidakten, der er nun einmal war.

Lebende Skulptur im Wirthaus

Seit der nach dem Raufhandel in einer Kirche erfolgten Trennung von seinem Dienstgeber Giselbert Hoke 1963 witterte Rogy hinter jedem Krawattenknopf gefährliche Machenschaften der Freimaurer. Mal diffamierte  er den sozialdemokratischen Villacher Bürgermeister als »ärgerer Hitler«, dann wieder verpasst er dem Konterfei des freiheitlichen Landeshauptmanns Jörg Haider eine Hitler-Tolle. Abend für Abend flossen in diesem Künstlerleben Bier, Wein und Sherry in Strömen, bis in den Morgenstunden die Portemonnaies aller leer waren. Rogys Sauftouren in Arbeiterkneipen, Künstlercafés und schliesslich in jenen Lokalen am Villacher Ring, denen er als Designer und lebende Skulptur den persönlichen Stempel aufdrückte (Gourmet zur Roten Lasche, Geist, OM), hatten lange nur einen kleinen Preis. Der Exzess erzwang einen Tag pro Woche eine heilsame Askese mit Haferschleim.

Am Ende aber kippten auch seine radikalen Werkserien aus der antipolitischen Haltung der 1970er- und 1980er-Jahre in eine Protestästhetik gegen den Rechtspopulismus der Jahrtausendwende, Rogy zerstritt sich mit vier seiner sechs Schüler·innen und er trieb den Hauptmäzenaten seiner Eskapaden in den finanziellen und existenziellen Ruin. Was bleibt, das sind seine grossartigen Kalligrafien zwischen Leid und Ekstase, seine Zeichungen zwischen Häme und Zärtlichkeit schwankender Körper. Rogy war ein Alchimist, der niedere Stoffe und Doofdinge zu Schätzen transformierte und Ekel in Andacht verwandeln konnte.

Rogys Konzeptarbeiten, seine Aktionen und Interventionen im öffentlichen Raum atmten den freien Geist einer Aufbruchsgeneration, sie standen für Ch-ch-changes! Wobei die Sache natürlich oft genug schief ging. Man muss wissen, dass seine Kunst nicht nur auf Ideen basierte, sondern immer auch darauf, wie diese sich in Objektform lösen. 

Mythos des Verkanntseins

Viktor Rogy bei der Vernissage der 3Fotoausstellung 1998 in der Kunsthalle Exnergasse. Foto: Kunsthalle Exnergasse

Rogy war keineswegs verkannt, was das kleine Häuflein seiner Getreuen immer noch behauptet. Er hat über sein angestammtes Biotop hinaus in Wien, Krems, Innsbruck und Triest ausgestellt. Vor allem aber beherrschte er die regionale Öffentlichkeit in Kärnten-Koroška durch ein Vierteljahrhundert wie kein anderer Künstler in diesem Raum. Keiner seine Kunstanschläge blieb unbemerkt, kein Auftritt ohne bösartige Kommentare. Wiederholt landeten Handgreiflichkeiten des Künstlers auf dem Tisch der Staatsanwaltschaft.

Viele Zeitzeugen sind bereits verstorben, einstige Konkurrenten in den Ruhestand getreten, die Deppenpresse ins Netz abgewandert. In den drei Jahrzehnten vor dem Millennium hatte Rogy regelrechte Verfolger·innen in den Lokalredaktionen, unter denen der Gedanke an den Mann Ilse Gerhardt bis heute mit Schaudern schüttelt.

Bei Künstler·innen dieser Generation interessiert uns nicht nur, wie sie Medien und Themen wechelten – das ist lediglich die Oberfläche. Was zählt sind ihre Absichten, ihr Antrieb, ihre Ambitionen. Bei Rogy war das sicher die Erinnerung an seine wilden Kindertage in der Schütt, dem eindruckvollen Bergsturzgebiet des Dobratsch, aber auch seine Kenntnisse von Duchamp und dem Aufbruch des Minimalismus, der Arte Povera, sein ernstaftes Studium der christlichen Mystik und des Zen-Buddhismus, wie er vom japanischen Autor Daisetsu T. Suzuki nach dem Weltkrieg in den Westen getragen worden ist und eine ganze Künstlergeneration von Kalifornien über die europäischen Zentren bis in die Bildungsstuben der österreichischen Provinz mitgeprägt hat.

Nachkriegsmoderne als Flaschenkarusell

So taucht in Rogys höchst disparatem Werk alles wieder auf: die militärischen 1940er (›musildenkmal dachau‹), die 1950er der Neutralität und des Wirtschaftswunders (›durchrostetes blech‹), die Protest- und Aufbruchsära der 1960er (›in memoriam otto berndt-morena‹), das Genie (›hier ist der Hund begraben‹) und der Antipolitiker der 1980er (»Wären Politiker Schweine, müsste man auf Schweine verzichten«), und schliesslich die Nazikeule der innenpolitischen Opposition (»Wir brauchen jetzt die Roten!«) in den 1990ern. In zahlreichen Akten der psychischen Aufladung und Akzentuierung der inneren Werte der Objekte machte Rogy die Schwellen zwischen persönlicher und kollektiver Vergangenheit sichtbar.

Es gab wenige Rabiatniks in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mit dem Kärntner Künstler verglichen werden können: der schrullige Avantgardist und Literatur-Herausgeber Hubert Fabian Kulterer (1938-2009) liesse sich anführen, und der Mail-Art-Collagist und Objektkünstler Padhi Frieberger (1931-2016). Diese beide Nonkonformisten lagen absolut auf der Linie von Rogys Schaffen, doch beide zog es zielstrebig in die Wiener Kunstszene, wo man sie bis zur Entlassung auf den Zentralfriedhof als Grossstadt-Originale duldete, wie einige Generationen davor den Stock-Narren, Literaten und Frauenverehrer Richard Altenberg.

Dass der Kunstbetrieb zu Lebzeiten einen Bogen um Rogy machte, kann man ihm kaum verübeln. Aus der historischen Perspektive ist es grundfalsch. Heute besitzt keine der Bundessammlungen in der Hauptstadt ein Werk von dem fintenreichsten aller Entgrenzer. Weder die Kuratoren-Bataillone der Albertina Modern noch die des Belvedere oder des Mumok beweisen Aufgeweckheit und historischen Sachverstand. In der edlen Privatsammlung von Dieter und Gertraud Bogner archiviert man ein paar Zeitungsausschnitte und Fotos aus dem Nachlass der legendären Galerie Hildebrand, dem ersten nichtkommerziellen Kunstspace im Süden Österreichs.

Neuerer der Bewunderungskunst

Gut, Rogy war ja auch nie bereit, seinen brigantischen Reduktionismus als logische Konsequenz eines bestimmten Denkens darzustellen. Er begriff sich lieber in der Tradition eines Jakob Böhme und anderer Mystiker, besonders des in der Schweiz lebenden Bô Yin Râ, einem deutschen Schriftsteller aus Aschaffenburg, dem es um geistige Erweckung des Individuums ging. Was muss das für ein Moment gewesen sein, als Rogy 1996 die Töchter des Mystikers in der Villa Gladiola in Massagno aufsuchte, sich vor dem Besuch im Tessiner Heiligtum des verstorbenen Gurus eine Flasche Tío Pepe hinter die Binde goss, und daraufhin den hochbetagten Damen eindringlich klar zu machen versuchte, dass das Gesicht ihres Vaters im Schauspielstar der Stummfilmwesterns George O’Brien fortlebt.

Die grösste und bedeutendste Rogy-Sammlung besitzt heute die Familie Grolitsch in Techelsberg am Wörthersee, gefolgt von den Archiven der Künstlerwitwe Isabella Ban und dem ehemaligen Rogy-Assistenten Werner Überbacher. Möge der Himmel Hirne regnen lassen, damit der Werkkorpus des österreichischen Ausnahmekünstlers das Zeitalter blödianischer Social-Media-Accounts einigermassen unbeschadet überlebt.

© Wolfgang Koch 2024

 

Abb.: Der Autor mit dem Rogy-Schüler Reinhard Eberhart (rechts) am Alten Friedhof, Arnoldstein

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/20/zum-20-todestag-von-viktor-rogy/feed/ 0
Wie sich Götz Kubitschek zweimal in Wien blamiert hat – TEIL II https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/15/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-ii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/15/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-ii/#respond Mon, 15 Jan 2024 08:42:17 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3716 »Ein Portrait ist nur dann interessant, wenn auch die lächerliche Seite darin zum Vorschein kommt«, notierte E.M. Cioran 1969. Wir haben gesehen, wie im Überlegenheitsgestus seines Kommentars zur Antifa-Attacke (»austeilende Dreschflegel«) das Artistische und Clowneske von Götz Kubitschek zutage tritt. Es lässt sich nicht vermeiden, dass dabei das Lächerliche die Gestalt vermenschlicht.

Nach dem Angriff steht der Redner eine Dreiviertelstunde lang vor dem Riesentransparent auf der Stiege des Festsaaltrakts und klemmt den Zeigefinger der rechten Hand in das »Arschgesicht« eines mitgeführten Taschenbuchs. Das Kundgebungsvolk zu seinen Füssen skandiert währenddessen weiter mit dem Einpeitscher Parolen. »Meinungsfreiheit ist kein Verbrechen«, rufen die Versammelten, gut von der Polizei bewacht, um ihre Meinungs- und Versammlungsfreiheit ausüben zu können. »Es gibt kein Recht auf Nazipropaganda«, antworten die Versammelten vor den Sperrgittern in Chören ohne Lautsprecher.

Kurze Ansprache auf der Rampe

Als die unsichtbare Regie der Veranstaltung den richtigen Zeitpunkt für gekommen hält und Kubitschek das Mikro ergreift, bedankt er sich zuerst einmal bei seinem Publikum. Er lobt dessen »Mut« und wünscht sich, dass von dieser Veranstaltung auf der Universitätsrampe eine Strahlkraft ausgehe. »Es ist sehr, sehr wichtig, auch an der Universität Wien zu zeigen, dass es eine besondere Art zu denken ist, wenn man von rechts her denkt.«

In seiner kurzen Ansprache diffamiert Kubitschek die protestierenden Studierenden als »orientierungsloses akademisches Proletariat«, das alles mögliche tue, nur garantiert nicht lesen. Der deutsche Verleger  wirft seinen Opponent·innen vor, »staatsnah« zu sein und auch nach Abschluss des Studiums noch nichts zu können. Er, so versichert Kubitschek, möchte mit seinen Claqueuren die »Reconquista« an die Universität tragen, was soviel heissen soll wie einen angeblich muslimischen Machtbereich in der Institution zurück zu drängen. Das kämpferische Mittel dazu sei die »Vereinnahmung und Selbstermächtigung von Literatur«.

Verlagsmarketing auf der Strasse

Wenn ein Verleger Wind um das Lesen macht, so ist das nichts besonderes. Er will das eigene Programm an den Mann und die Frau bringen. Trommeln gehört zum Geschäft am Buchmarkt; schliesslich lebt ein Verleger ja vom Erfolg seiner Druckwerke. Der Antaios Verlag hat die Öffentlichkeit allerdings bitterer nötiger als andere, weil seine Produkte, wie die aller rechtsextremen Häuser, von den Mainstream-Medien systematisch ignoriert werden. »Literatur ist eine Waffe«, behauptet das Meme der ausgerufenen Aktion 451, und damit sind keineswegs nur Belletrisik und Lyrik gemeint, sondern auch Klassiker der politischen Philosophie, der Ökonomie und der Soziologie; sowie aktuelle Reader abseitiger Theorien und jede Menge Indoktrinationsware.

abo

Zu den Wahlen in Ostdeutschland jetzt die wochentaz testen. 10 Ausgaben für 10 Euro im Probeabo: Lernen Sie 10 Wochen lang die linke Wochenzeitung kennen.

Rechtsextremisten sind keine ungezogenen Cousins der konservativen Familie. Wie Armin Mohler fasst auch sein Schüler Kubitschek den Faschismus nicht als historisches Ereignis, sondern als zeitlose Haltung. Der Sammelbegriff der Konservativen Revolution – also die Vorstellung, dass es jenseits von dem italienischen Faschismus und dem deutschen Nationalsozialismus einen moralisch akzeptablen, von diesen Ideologien abgrenzbaren »deutschen Faschismus« mit George-Verehrern und Falange-Bewunderern, Ständestaatlern, Nationalbolschewiken und anarchischen Waldgängern gegeben hat – diese Idee dient als intellektuelle Fiktion, um ein Kaufpublikum für das Angebot aus Schnellroda zu gewinnen.

Der Wandkalender ›Grabstätten der Konservativen Revolution‹ aus dem Antaios Verlag für 2024 spiegelt ein verschrobenes Weltbild. Seine Fotografien zeigen die Monumente von Friedrich Nietzsche, Max Weber, Arthur Moeller van den Bruck, Oswald Spengler, Friedrich Gundolf, Gottfried Benn, Carl Schmitt, Ernst Jünger, Jochen Klepper, Eberhard Koebel, Ernst Niekisch, Martin Heidegger und Armin Mohler. Der rechte Wandschmuck vereint also ziemlich viel disparate Männerliteratur: aufklärerischen Rationalismus mit religiösem Sozialismus, SS-Waffenbruderschaft mit politischer Désinvolture, volksbildnerische Germanistik mit unbedingtem Etatismus – eine selbst am Friedhof noch unverträgliche Mischung.

Wo bleibt der Farbkübel aus der Luft?

Dass die Hochschulkultur heute nicht nur in den USA ideologisiert ist, dass sich unser Wissenschaftspersonal immer öfter in den Klauen der Administrationsfunktionäre befindet und in Seminaren und Hörsälen Cancel Culture mit Intellektualität verwechselt wird, lässt sich kaum bestreiten. Genau in diese Kerbe schlägt Kubitschek in Wien; er stuft die Hochschulen als autoritär ein, weil er selbst nicht in der Alma Mater Rudolphina auftreten darf. Er behauptet, eigentlich über den Roman sprechen zu wollen. »Aber an den Unis geht es nicht um die Sache, sondern darum, wer überhaupt reden darf und wer nicht«.

Ohne Umschweife spricht der in Hannover und Heidelberg zum Lehramt ausgebildete Redner im Namen seiner Gefolgschaft und kündigt an, »unseren Platz an den Unis zurück erkämpfen zu wollen«. Das demagogische Manöver endet mit dem Aufruf, »Lesezirkel« an den Unis zu gründen, die sich Ray Bradburys Romantitel auf die Fahnen schreiben sollen. Die beiden Antifa-Aktivisten, die hoch über Kubitscheks Kopf ihr Transparent entfaltet haben, harren die ganzen zehn Minuten hinter der Brüstung versteckt aus. Hätten sie stattdessen einen Kübel Farbe oder Jauche auf den Balkon geschleppt und in die Tiefe gekippt, hätte sich der Inhalt symbolträchtig über den Redner ergossen.

Sammeln zum gemeinsamen Abzug

Zum Abschluss der Kundgebung gruppieren sich die Rechten zum Gruppenfoto auf den Treppenstufen, brennen Magnesiumfackeln ab und stimmen mit abgespielten Tracks in Schlachtgesängen ein, die den Protestlärm am Ring für ein paar Minuten übertönen. Im Polizeibericht wird später stehen: »Die Personen verliessen die Örtlichkeit selbstständig«. Das ist grob unwahr. Denn erst nach Ende der Kundgebung prallen die beiden Hassdemonstrationen direkt aufeinander. Als die rechten Kundgebungsteilnehmer·innen den Absperrungsbereich dicht geschlossen verlassen, springen ihnen auf der Strecke Richtung Jonasreindl alle paar Meter jungen Antifas in den Weg und bilden mit den Armen Menschenketten aus ihren Körpern. Erst ein Stosstrupp aus Uniformierten kann den Gehsteig für den Bulk aus der Sperrzone Schritt für Schritt freiräumen. An der Spitze seiner Beamten rückt der brüllende und schimpfende Einsatzleiter der Polizei höchstpersönlich vor, schubst die Demonstranten eigenhändig zur Seite, reisst ihre Transparente zu Boden.

Passant·innen bietet sich in der Abenddämmerung ein wirklich kurioses Bild. Zwei zum Verwechseln ähnliche Menschengruppen stehen sich mit ihren Mobiltelefonen in der Hand gegenüber, die einen blockierend, die anderen lachend abwartend, bis die Ordnungskräfte wieder ein paar Meter am Asphalt für sie freigepflügt haben. In den wütenden Bericht der Linken heisst es: »Mit, im Polizeijargon, ›verhältnismässiger Gewaltanwendung‹ (Tritt in die Eier) sind sie gegen gefährliche Linksaktivisten (14-Jähriger) vorgegangen, um auch ja keine Zweifel aufkommen zu lassen auf welcher Seite sich der Staat positioniert.«

Als der Pulk der Neuen Rechten nach zehn Minuten die Endhaltestelle der Strassenbahnlinie 43 erreicht, hat die Polizei die Blockierer·innen bereits bis auf die Währingerstrasse gedrängt, was dort den Autoverkehr zum Stocken bringt. Um die Situation so rasch wie möglich zu deeskalieren, werden die bereits in der zur Abfahrt bereit stehenden Garnitur sitzenden Fahrgäste gebeten, die Strassenbahn zu verlassen. Das Signalschild an der Garnitur wird auf »Sonderzug« umgeschaltet. Wie aus dem Nichts tauchen Bedienstete der Wiener Linien in fluoreszierenden Jacken auf und dirigieren die Rechtsextremisten in den geleerten Waggon. Nach Meinung von Kubitschek »wurde eigens für uns eine Strassenbahn requiriert, eine ›Bim‹. Irgendwie und immer wieder irre, das Ganze. Dabei ging es doch bloss um ein Buch«.

Sondertransport der Wiener Linien

Da ich hören will, was der Mann auf Universitätsboden so Dringendes hätte sagen wollen, steige ich mit ein. Obwohl die Garnitur als »Sonderfahrt« ausgeschildert ist und die Anwesenden bereits dicht gedrängt sitzen und stehen, treten auch ahnungslose Passagiere ein. Als sich die Türen noch einmal öffnen und eine kopftuchtragende Moslema Kinderwagen und Kleinkind ins Innere bugsiert, wird der vorgesehene Abstellplatz sofort für sie frei gemacht, und eine männliche Stimme sagt laut und vernehmlich: »Jetzt können wir gleich mal unsere multikulturelle Toleranz zeigen!«, was der ganze Wagen mit Gelächter quittiert. Die Stimme gehört Martin Semlitsch, der unter dem Pseudonym Martin Lichtmesz im Think Thank von Kubitschek Karriere macht. Der geborene Wiener führt seit 14 Jahren die Edelfeder im pulizistischen Kosmos der Dezessionisten und wird von zwei schönen jungen Frauen begleitet.

Die Bahn fährt stockend ohne Zwischenhalt an den Haltestellen, stoppt aber alle paar Meter. »Im Zuge des Abstroms der angezeigten Kundgebung«, heisst es dazu im Polizeibericht, »wurde eine Strassenbahn von Personen blockiert, weshalb diese Blockade aufgelöst und die Strassenbahn bis zur Kreuzung Lange Gasse/Spitalgasse begleitet wurde«.

In der Analyse der anonymen Antifa ist dazu zu lesen: »Die Polizei musste die Faschisten mit einem Personenaufgebot schützen, dass sonst nicht einmal Staatschefs geniessen. Ihre Einsatzstrategie war jedoch strategisch so mangelhaft, dass sie die Strassenbahn, die die Rechtsextremen wegeskortieren sollte, für eine peinlich lange Zeit nicht in Bewegung setzen konnten, weil Antifaschist:innen die Strecke blockierten. Zum Schluss formierte sich spontan noch ein starker linksradikaler Demozug über den Ring«.

Kubitschek berichtet in seinem Blog: »Der Abzug von der Treppe und die Verlegung zur Landsmannschaft war dann noch ein Spektakel. Die Polizei räumte das akademische Proletariat beiseite, damit wir zur Strassenbahn kämen. Die wurde extra aufgehalten, und während wir durch die Stadt zuckelten, eskortierte die Polizei im Laufschritt. Surreal, so etwas, aber in der Situation ganz logisch und plastisch und absurd. Aber auch: ein Erlebnis.«

Volksfeststimmung unter Polizeischutz

Im Inneren des Fahrzeugs, so viel kann ich bestätigen, herrschte während des halbstündigen Transports Volksfeststimmung. Kommandos wurden durch den Wagen gebrüllt, »Lichtmesz nach vorne!«, Männer scherzten, Frauen lachten, es wurden Tracks mit einer Bluetooth-Box abgespielt, während draussen weiss behelmte Beamte in schwerer Montur keuchend neben der Strassenbahn herliefen, die Schienen von Störversuchen frei hielten (»Runter von der Fahrbahn!«), und ein paar Schritte neben ihnen Demonstranten auf Fahrrädern die Sonderfahrt verfolgten. Auch hier gab es wieder hässliche Szenen, etwa wenn wütende Schläge gegen die Glasscheiben der Bahn gelangen oder ein Behelmter gegenüber einem Demonstranten derart ausrastete, dass ihn eine Kollegin zurechtweisen musste.

Den militanten Linken ging es darum zu beweisen, dass die gegnerische Szene Wiens in der Öffentlichkeit nichts zustande bringt. Sie sagen: »Im Kampf gegen Rechtsextremismus können wir uns weder auf den Staat noch Parlamentarier verlassen, sondern müssen eine mächtige antifaschistische Bewegung auf den Strassen aufbauen«. Da die Behörde auch für die sogenannte Nachsicherung der Kundgebung verantwortlich ist, war unsere Reise beim Halt in der Brünnlbadgasse noch nicht zu Ende. Die Beamten eskortierten uns weiter beim Fussmarsch von der Endstation durch die Gassen der Josefstadt. Autos wurden abrupt angehalten, bellende Kommandos hallen von den Wänden. »Weitergehen! Zusammenbleiben!« Ungefähr so dürfte sich Vieh beim Almtrieb fühlen.

Schulvereinshaus ersetzt den Hörsaal

Ziel war der ›Treffpunkt Kultur‹, ein holzgetäfelter Saal im Schulvereinshaus, das sich im Eigentum der Österreichischen Landsmannschaften (ÖLM) befindet. Hierher, in die Fuhrmanngasse 18A, soll schon einmal Jörg Haider mit seiner Familie vor einer Donnerstagsdemo geflohen sein. In das rettenden Haus eintretend, bedankten sich viele Vortragsgäste sittsam und manierlich bei den Behelmten.

Die militanten Gegner·innen schäumten noch tagelang zornig in den Netzforen: »Die Faschos kapern mit Polizei-Unterstützung einen 43er; und bei einem Klimaprotest werden 57 verhaftet. Irgendwas rennt da falsch«, heisst es in einem Post. Ein weiteres: »Diese rechtsradikale Bande hätte vertrieben gehört! Die sind unerwünscht! Die stören mit ihrem Fanatismus die öffentliche Ordnung und gefährden den öffentlichen Frieden!«

Die offizielle Bilanz laut Polizeipressestelle: »Ein Beamter wurde bei diesem Einsatz in einer Sperrkette niedergestossen und dabei verletzt. Insgesamt wurden sechs straf- und vier verwaltungsrechtliche Anzeigen gelegt. Eine Person wurde wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt festgenommen«.

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/15/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-ii/feed/ 0
Wie sich Götz Kubitschek zweimal in Wien blamiert hat – TEIL I https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/06/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-i/ https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/06/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-i/#comments Sat, 06 Jan 2024 13:34:14 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3701 Rechtsintellektuell? Was soll das sein! Können Originalität, logische Stringenz und Erklärungskraft überhaupt politisch rechts stehen? Sind moralischen Qualitäten je anderswo zu finden als dort, wo das Herz schlägt, nämlich links? – Zur Überraschung der einfachen Gemüter lautet die richtige Antwort: »Aber ja doch, der wache Geist kann natürlich auch rechts stehen! Warum denn nicht? Esprit sprüht per se weder oben noch unten, Klugheit ist weder gut noch böse, weder fortschrittlich noch konservativ, sondern in jedem beliebigen Aggregatzustand energisch auf Gedankenarbeit aus. Idealismus und Überzeugungstreue finden sich auf der rechten wie auf der linken Seite der politischen Raumordnung, und gar nicht so selten in ihrer neutralen, konsensorientierten Mitte.«

Nein, sage ich, die besondere Intentionalität des Denkens und Schreibens, die an Alchemie grenzende Unberechenbarkeit des Intellekts, der Wille kreativer Köpfe, sich Wissenslücken einzugestehen, ihre besondere Lust, gedankliche Verknüpfungen zu gerieren, ihr Kontrollblick über die Komposition – all das, was Künstliche Intelligenz in Sprachmodellen wie GPT-4 überhaupt nicht zu leisten vermag – trägt kein ideologisches Mäntelchen. Erst die Ergebnisse der forschenden Denkweise sind im Wissenskapitalismus anschlussfähig a) an die Verhandlungsmacht des generell intellect und b) an alle Partikularinteressen, die in der politischen Arena im Namen des guten Lebens gegeneinander wirken.

abo

5 Wochen taz für nur 20 Euro. Täglich die gedruckte Ausgabe, 5 x die wochentaz am Samstag, inkl. KONTEXT:Wochenzeitung und mindestens 1 x die gedruckte Ausgabe der LE MONDE diplomatique.

Unter den Zauberern und Zwergfürsten der deutschen Ultras beansprucht der Verleger und Autor Götz Kubitschek seit der Jahrtausendwende den Titel eines »volksverbundenen Rechtsintellektuellen«, in seinem Fall hervorgegangen aus dem geistigen Erbe der sogenannten Konservativen Revolution im 20. Jahrhundert, zu deren Drahtziehern Kubitschek seinen Lehrer, den ehemaligen Waffen-SS-Mann Armin Mohler, aber auch den mit verbotenen Drogen experimentierenden Großschriftsteller Ernst Jünger zählt. Kubitscheks Videoauftritte zeigen einen Mann im nachdenklichen Habitus des Intellektuellen, mehr der gescheite Theoretiker als der begabte Propagandist seiner Sache. Der selbst ernannte Streiter für die »Freiheit des Wortes« wirkt auf seine Fans wie ein emeritierter Professor, argumentiert gerne differenziert und lässt eine grosse Liebe zur historischen wie zur belletristischen Literatur erkennen.

Aber ist der im politischen Sumpf des Rechtsextremismus performende »Bewegungsunternehmer« Götz Kubitschek darum schon ein Intellektueller? Kann er irgendwie oder irgendwo in die theoretischen Fußstapfen von Giovanni Gentile, Robert Michels, Julien Benda, Carl Schmitt oder Leo Strauss treten? Alle diese publizistischen Kaliber waren Gelehrte von immenser Ausstrahlungskraft auf die politischen Entwicklung ihrer Generationen. Ihre theoretischen Entwürfe, Studien und Lehrtätigkeiten wirken in Politik-, Rechtswissenschaft und Soziologie bis in die Gegenwart fort. Der überzeugte Katholik Georges Bernanos griff sein eigenes Lager scharf an; der kolumbianische Philosoph Nicolás Gómez Dávila bestritt die Existenz universaler Prinzipien gegenüber der Aufklärung – hat jemand in Deutschland heute einen solchen Wurf zu bieten? Ragt noch ein Hirn heraus aus der Masse der Gebildeten, das uns nicht mit seiner »Widerständigkeit« nervt, das die Ursachen des neuen Nahostkrieges nicht in der Geschichte sucht und staatliche Corona-Schutzmassnahmen für eine Verschwörung gegen das freie Individuum hält?

Im November 2023 unternahm Kubitschek den Versuch, mit seinem rechtsintellektuellen Image einen »metapolitischen« Erfolg auf der Universität Wien einzufahren. Der deutsche Gast setzte mit seinem Wiener Fußvolk auf die subversive Macht einer Chiffre, indem er behauptete, die Buch- und Lesekultur gehöre bereits seit zwei Jahrzehnten der Neuen Rechten, sei nunmehr deren geistiges Eigentum und eine gefährliche Waffe im Meinungsstreit. Mit der »Neuen Rechten« sind die Aktionen einer kleinen ausserparlamentarischen Opposition am äussersten Rand des politischen Diskurses gemeint.

Der Erfolg seiner literaturbeflissenen Konterrevolte habe sich eingestellt, bilanzierte Kubitschek nach dem Krawall in Wien, »weil der Gegner nicht hygienisch bleiben kann«. Hätte man seinen Vortrag über ein schönes Buch auf der Universität Wien einfach zugelassen, soll das heissen, wäre der Inhalt unter hunderten anderen Vorträgen sang- und klanglos untergegangen. Erst durch den heftigen Widerspruch auf der Strasse und in den Mainstream-Medien hat der Auftritt öffentliche Aufwertung erfahren.

Das identitäre Provokationsmuster war also leicht zu erkennen vor dem Ereignis; und es wurde von den Akteuren offen dargelegt. Der heftige und erwünschte Widerspruch am Universitätsring hatte ausserdem eine prominente Vorgeschichte unter praktisch denselben politischen Vorzeichen: 58 Jahre vor dem Zusammenstoss im November 2023. Am 31. März 1965 demonstrierten im Ersten Bezirk von Wien Vertreter von Studentenorganisationen, ehemalige Widerstandskämpfer sowie Gewerkschafter gegen die Lehrpraxis des nationalsozialistischen Historikers Taras Borodajkewycz, der von 1955 bis zu seiner Zwangspensionierung 1971 als Professor an der Hochschule für Welthandel wirkte und dort laufend mit antisemitischen und antidemokratischen Äußerungen auffiel.

Beim Zusammenstoss mit einer vom Ring Freiheitlicher Studenten (RFS), der Studentenorganisation der Freiheitlichen Partei (FPÖ), organisierten Gegendemonstration wurde der ehemalige 67jährige kommunistische Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger von einem 24jährigen Studenten und bereits zu einer Gefängnisstrafe verurteilten Neonazi beim Hotel Sacher mit einem Faustschlag ins Gesicht niedergeschlagen. Kirchweger erlitt so schwere Verletzungen, dass er zwei Tage später an den Folgen starb.

Auch beim ersten Todesopfer politischer Gewalt in der Zweiten Republik war es also um die »akademische Freiheit der Rede« gegangen. An der Strassenschlacht von 1965 waren rund 3.000 Personen beteiligt. Bei der Verabschiedung von Kirchwegers Leichnam nahmen 25.000 bis 30.000 Menschen an einem Schweigemarsch vom Heldenplatz über die Ringstrasse zum Schwarzenbergplatz anteil, darunter der damals wahlkämpfende sozialdemokratische Bürgermeister der Stadt.

Es wäre kein Fehler gewesen, diesen 8. April 1965 als offiziellen Gedenktag der Zweiten Republik Österreich einzuführen, denn selten haben die demokratischen Kräfte Österreichs unter größerer Einigkeit den antifaschistischen Konsens der Nachkriegsgesellschaft gefestigt – als an diesem Tag. Heute erinnert ein Pflasterstein an jener Stelle, an der Kirchweger niedergeschlagen wurde, die Stadtbenutzer·innen an das Unglück.

Der Ring Freiheitlicher Studenten, heute der politische Flügel deutschnationaler Burschen- und Mädelschaften an den Hochschulen, verfügt aktuell – trotz des anhaltenden Höhenflugs seiner Mutterpartei – über nur einen von 55 Sitzen in der Bundesvertretung der Österreichischen Hochschüler_innenschaft (ÖH). Er hat deshalb das Recht, Bildungsveranstaltungen in Hörsälen der Universität Wien anzubieten. Ein geeignetes Einfallstor für das metapolitische Phantasma der ultrarechten Zirkel, ein wokes Geistesvirus unterdrücke an den Universitäten die freie Rede. Götz Kubitschek, so das offizielle Begehren des RFS, sollte in einem Universitätssaal über den dystopischen Roman ›Fahrenheit 451‹  von Ray Bradbury (1953) sprechen, das heisst, sich als der unbeugsame Feind derjenigen darstellen, die angeblich das zulässige Meinungsspektrum im Namen der politischen Korrektheit einengen wollen.

Angemeldet wurde die Veranstaltung als Podiumsdiskussion an der Universität Wien von einem RFS-Funktionär und Polizisten, der berufsbegleitend studiert. Die Universitätsverwaltung untersagte den Event – allerdings nicht wegen politischer Bedenken, sondern wegen eines Formfehlers. Kubischeck war ihr nicht von Beginn an als Redner bekannt gegeben worden.

Es waren demnach nicht Kubitscheks zuweilen wirre Beiträge in der Parallelöffentlichkeit der rechtsextremen Foren, seine Verschwörungserzählung vom »Grossen Austausch« der einheimischen Bevölkerung gegen Fremde, die Ablehnung der »antiweissen Ideologie«, die Beobachtung seiner Person durch den deutschen Verfassungsschutz, es waren nicht Kubitscheks Islamophobie, sein angeblich antitotalitärer, aber in Wahrheit antiliberaler Kreuzzug zur Verteidigung des Abendlandes, die den Auftritt in den akademischen Mauern verhinderten, sondern ein bürokratischer Winkelzug, mit dem die Universität auf einen Winkelzug einer Studentenfraktion geantwortet hat.

Götz Kubitschek residiert auf einem Rittergut im Dorf Schnellroda im Süden Sachsen-Anhalts und leitet dort einen Think Tank mit der Zeitschrift Sezession, dem Verlag Edition Antaios und dem im Jahr 2000 gegründeten Institut für Staatspolitik (IfS). Das kleine Milieu der Neue Rechten ist politisch relevant, um ein Lebensgefühl unter Gleichgesinnten herzustellen. In Wien geschah das, indem die Akteure Kubitscheks untersagten Auftritt in den öffentlichen Raum verlegten – nämlich auf die Treppenanlage vor dem Portal der Hauptuniversität – und »Gegen linke Zensur und Cancel Culture« als Motto ihrer Kundgebung ausgaben. Die Uni konnte den Auftritt so nicht mehr verhindern, denn die Rampe grenzt direkt an öffentlichen Grund.

Das Extremistenmilieu machte Stimmung für eine Konfrontation. »Die Fantasie von Fahrenheit 451 ist nun an der Universität Wirklichkeit geworden. Kritische Bücher und Gedanken sind verboten. Einheitsdenken verseucht die Hörsäle. Wir dagegen lesen ohne Scheuklappen. Und wir handeln. Denn den Pionieren des gefährlichen Denkens gehört die Zukunft«, schrieb die anonym bleibende Aktion 451 auf ihrer Website. Wien war gespannt. Wie viele »gefährliche Denker« würden sich an dem Tag aus der Deckung wagen? Wie viele sich an Kirchweger erinnern?

17. November 2023, Nachmittag. Der Zugang zum Hauptgebäude der Universität Wien steht unter massivem Polizeischutz. Hinter der Absperrung am Ring mit Hamburger Gittern versammeln sich neunzig Teilnehmer·innen zur rechtsforschen Kundgebung (nicht fünfzig wie die Medien berichten). Die mehrheitlich jungen Leute nehmen vor der Portaltreppe des zurückspringenden Festsaaltrakts im Monumentalbau wartend Aufstellung: Verbindungsstudierende, Freiheitliche, Heimatschützer·innen, Ex-Identitäre, Neonazis, überwiegend schwarz gekleidet, von den Gegner·innen habituell kaum zu unterscheiden.

Ihnen gegenüber treten 200 bis 300 teils mit Mundschutzmasken vermummte Demonstrierende, im Durschnitt ein paar Jahre jünger, die sich der Antifa zurechnen und von Medienvertretern durchgängig »Gegendemonstranten« genannt werden. (Seit 1. Oktober 2017 gilt in ganz Österreich ein Verbot der Gesichtsverhüllung). Aufgerufen zum Protest hat die Österreichische Hochschüler_innenschaft (ÖH). Dem Aufruf Folge leisten die »Omas gegen rechts«, eine »Plattform für zivilgesellschaftlichen Protest« aus Wien-Landstrasse; weiters die Gruppe für organisierten Antifaschismus (GFOA), die »Nazis stressen!« offen zu ihrer politischen Agenda erklärt. »Dabei wollen wir von reaktionären Ideologien in der Gesellschaft über die rechtsextreme FPÖ bis zum militanten Neonazismus alles bekämpfen und sabotieren, was der befreiten Gesellschaft im Wege steht«, ist auf der Homepage zu lesen.

Die Sozialdemokratie hat mit einer kryptischen Presseaussendung zur Mobilisierung beigetragen, in der vor einer »Instrumentalisierung des Holocausts« gewarnt wird. »Wer so jemandem eine Bühne bietet, bereitet den Boden für antisemitische Übergriffe«. Buchstäblich zwischen den beiden Gruppen bilden rund 300 behelmte Polizeikräfte Ketten an der Absperrung sowie marschbereite Einheiten an den beiden Auffahrten der Rampe. Die Ordnungsmacht sperrt die Nebenfahrbahn, während der Verkehr auf der Hauptfahrbahn weiter strömt. Die massive Polizeipräsenz, die das Geschehen mit zahlreichen Kameras überwacht und die Anwesenden laufend in Lautsprecherdurchsagen belehrt, steht ihrerseits unter Beobachtung der Medienvertreter·innen.

Im Jahr 2019 war bekannt geworden, dass mindestens 13 Beamte Verbindungen zur Identitären Bewegung hatten und einige von ihnen sogar Geld an die rechtsextreme Gruppierung gespendet haben. Der beleibte Einsatzleiter gibt sich sportlich-agil und hechtet schon mal vor dutzenden Augenpaaren schwungvoll über die Tretgittersperre, um sich eilfertig mit dem Veranstalter zu besprechen. Touristen·innen halten im Schlendern inne; Fotografen prüfen die Akkuladung ihrer Kameras, Tramways gleiten im Schritttempo vorbei.

Die Stimmung ist trotz klirrender Kälte aufgeheizt. Die Rechtsrechten verfügen über eine Soundanlage und skandieren unter Tautenhayns »Geburt der Pallas Athene« im Dreiecksgiebel mit ihrem Einpeitscher »Meinungsfreiheit ist kein Verbrechen« oder »Unsere Uni, unser Land, Jugend leistet Widerstand«. Es klingt so blechern, als wär das Parolenrufen für die rechtmäßig unter dem Titel »Abendbummel Wiener Verbindungsstudenten« angezeigte Veranstaltung in Live-Chats geübt worden.

Die Protestierenden antworten mit Blick auf die Inschrift VNIVERSITAS LITTERARVM VINDOBONENSIS in Chorgruppen: »Alerta! Alerta! Antifascista!«, »Wien, Wien nazifrei!« und »Kein Raum für Nazis an der Uni«. Zwei linke Aktivisten schaffen es, von der Arkadenloggia vor dem Festsaal das Banner »Kein Raum für Nazis an der Uni« herunterzulassen. Ihre rechtsrechten Widersacher entrollen ein Transparent mit der Aufschrift »Geben Sie Gedankenfreiheit« über die gesamte Breite der Treppenanlage.

Die Situation wird augenblicklich unübersichtlich, als Kubitschek von der Mölker Bastei kommend unter den Flügeln der Nike am Liebenberg-Denkmal mit Gattin Ellen Kositza und Sohn Wieland Kubitschek den Ring überquert. Etwa ein Dutzend Demonstranten stürmt auf die Hauptfahrbahn und es kommt zwischen den anhaltenden Fahrzeugen zu einem etwa 40 Sekunden langen Gerangel zwischen Kubitschek, seinen Begleitern, militanten Antifas und den schutzgepolsterten Ordnungskräften. Dabei rudert der Mann aus Schnellroda kräftig mit den Armen in der Luft, als ihn Vermummte von hinten und von der Seite niederzustossen versuchen. Die lustige Windmühle seiner Fäuste trifft niemanden, vergeblich zerrt er auch am Körper einer Person, die sich mit einem Beamten in die Wolle gekriegt hat, bis er von einem Beteiligten niedergedrückt wird. Augenblicklich befreien ihn Beamten aus seiner misslichen Lage und bilden mit ihren Körpern spontan einen Schutzpanzer über Kubitschek. Ein 16jähriger aus der Begleitung des Redners holt mit einer Trinkflasche aus und wirft sie dem Gefährder, an dem weiter gezerrt wird, an den Kopf, wodurch das 40jährige Opfer mit einer gehörigen Platzwunde zu Boden geht und am Asphalt von Polizisten fixiert wird.

Die hässliche Situation wird von den herbei eilenden Beamten mit Schreien, Ausfallschritten, Rempeleien und Anhaltegriffen unter Kontrolle gebracht. Ihre Überzahl stellt die staatliche Dominanz wieder her. Die übergriffigen jungen Männer ergreifen daraufhin die Flucht in die Menge. Uniformierte helfen Kubitschek auf die Beine, der sich sogleich reihum bei ihnen bedankt. Der mittlerweile blutüberströmte Verletzte darf sich in einem Polizeikessel vom Boden erheben und auf die Ambulanz warten; der 16jährige Flaschenwerfer hingegen mit Kubitschek unbehelligt in die abgesperrte Zone zum ›Abendbummel‹ entschwinden.

»Gerangel«, »Schlägerei«, »Raufhandel«, »Tumult«, »Krawall«, »Zusammenstoß« – welches Wort wäre für diesen nahezu symbolischen Gewaltausbruch angemessen? Welcher Ausdruck trifft die Expression der physischen Kräfte, die in vierzig Sekunden jenen gefährlich emotionalen Bodensatz aufblitzen haben lassen, der allem politischen Handeln zugrunde liegt? »Glasflaschenbewurf«, verzeichnet das Polizeiprotokoll. Das verengt die Perspektive zu stark auf den folgenschwersten Akt. Nach einer Lagebeurteilung durch den behördlichen Einsatzleiter, dem Springbock, wird die »nicht rechtmäßig angezeigte Kundgebung« formal aufgelöst. Damit ist die gesamte Gegendemo gemeint. Dieses Dispositiv hat eine vorwiegend strategische Funktion. Doch keine Privatperson kommt der Aufforderung aus den Lautsprechern, sich zu entfernen, nach.

Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce, spottete Karl Marx. Auf einem vom Sender PULS 24 gezeigten Video ist dokumentiert, wie mehrere, teils vermummte Privatpersonen nach Kubitschek greifen und der sich mit in der Luft rudernden Armen recht komisch zur Wehr zu setzen versucht. Dass es durch die Attacke auf ihn zum Gerangel und dem blutigen Ergebnis kommt, wird in den schriftlichen Medienberichten fast vollständig verschwiegen. Lediglich die Berichterstatterin der Linkswende, Lisa Hasenbichler, schreibt noch am selben Tag triumphierend, Kubitschek sei »ein würdiger Empfang« bereitet worden, indem er »gleich bei seiner Ankunft von einem mutigen Antifaschisten zu Boden gebracht wurde«. Dieser Beobachtung entspricht auch meiner Wahrnehmung als Augenzeuge.

Die Kubitschek-Gegner meldeten sich in den folgenden Tagen rascher mit reißerischem Zeug zu Wort. Das linksgerichtete Netzgetrommel identifizierte die Tatwaffe einwandfrei als 0,5-Liter-Club-Mate-Flasche, machte das Opfer als »Kampfsportler« aus, und Kubitschek junior als Täter. Drei Tage nach dem Angriff, am 20. November, gab die gar nicht vor Ort anwesende Journalistin Colette M. Schmidt gemeinsam mit einer Kollegin, die die Szene vor Ort zu spät bemerkt hat, unter der fetzigen Überschrift »Blutige Szenen beim Auftritt des Rechtsextremisten Kubitschek« in der linksliberalen Tageszeitung Der Standard eine Videoaufnahme so wieder:

»Ein rechtsextremer Kampfsportler wirft einen Polizeibeamten über die Schulter und drischt ihm danach sein Knie ins Gesicht. Er wird schließlich von Beamten überwältigt und zu Boden gedrückt. Ein junger Mann zieht dem Kampfsportler eine Flasche über das Gesicht, der Kampfsportler beginnt stark zu bluten«. Die beiden Journalistinnen behaupteten, dass »sowohl der Mann, der mit der Glasflasche zuschlug, als auch der Mann mit der Kappe zum engsten Kreis von Kubitscheks Entourage zählten«.

Nach dieser Version »spritzte beim Gerangel von Rechtsradikalen Blut«, und zwar – zum großen Gaudium des moderierten Postingforums der Zeitung – das Blut von ihresgleichen. »Ein rechtsradikaler Kampfsportler wirft einen Polizisten zu Boden und dann kommt ein anderer Rechter und schlägt seinem Kameraden eine Flasche über die Birne!« Auch der Posting-Autor Rechtstwitter schlug in dieselbe Kerbe: »Der Sohn von K. hält den D-Teilnehmer irrtümlicherweise für einen Antifa-Angreifer und will seinen Vater verteidigen.«

Mir ist es ziemlich egal, ob es sich bei dem Verletzten um einen rechten Kundgebungsteilnehmer oder um einen linken Demonstranten handelt. Denn die Ursachenkette für die schwere Körperverletzung begann ja nicht beim Täter auf der Straße, sie begann beim Kubitschek-Zirkel und seiner identitären Provokationsstrategie; die Kausalität des Gewaltakts führte von ihnen weiter über die freiheitlichen Funktionäre, die Reaktion der Universitätsverwaltung, die hysterische Besorgheit der Medienredaktionen und schließlich über die gewalttätige Antifaschisten bis zum Wurf der Glasflasche und der aufgeplatzen Schädelhaut, aus der Blut über den zu Boden gepressten Kopf des Mannes lief.

Moralisch, rechtlich und politisch sind wohl nicht alle Beiträger im Gewaltzusammenhang gleich zu bewerten – doch keiner der Akteure wäre in der strukturell heterogenen »Politik der Strasse« möglich ohne die anderen. Für die Beurteilung von Kubitschek ist die Ursachenkette noch nicht alles; von schlagender Relevanz für seine Blamage ist, was dieser Vordenker in seinem Web-Tagebuch über den Vorfall schreibt:

»Kositza und ich kamen mit ein paar Leuten kurz vor drei an – da war auf beiden Seiten schon Antifa versammelt, und als sie uns sahen, begann’s zu summen wie in einem Wespennest. Beim Überqueren der Strasse zur Treppe hin wurden wir angegriffen, sehr plötzlich und massiv … Gut ist es, mit den richtigen Jungs unterwegs zu sein, wenn so etwas passiert. Die Polizei war völlig überrascht, aber bis sie eingriff, hatten wir uns schon Luft verschafft, nichts abgekriegt, aber ausgeteilt. (Schön zu sehen, wie sich junge Männer in Dreschflegel verwandeln, wenn es sein muss.)«

Der selbst ernannte Rechtsintellektuelle beschönigt sich also als der Held eines Geschehens, das er in Wahrheit keinen einzigen Augenblick lang kontrolliert hat. Weder konnte dieser Heroe des neuen Deutschtums sich der Attacke aus eigener Kraft erwehren, noch konnte er seine »richtigen Jungs« von einer schweren Körperverletzung abhalten. In beiden Fällen kam ihm die Wiener Polizei zu Hilfe! Im ersten Fall, indem sie die Kontrahenten mit Schreien, Boxen und Stossen professionell trennte; im zweiten Fall durch Vertuschung, indem sie den 16jährigen Täter einfach an der Seite des deutschen Gastes in den ›Abendbummel‹ davon spazieren hat lassen. Götz Kubitschek wird seine masslose Angeberei beim Gefolge nicht schaden. Die demokratische Öffentlichkeit ist jetzt aber deutlicher im Bilde, mit wem sie es da zu tun hat.

© Wolfgang Koch 2024

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2024/01/06/wie-sich-goetz-kubitschek-zweimal-in-wien-blamiert-hat-teil-i/feed/ 5
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL VI https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/26/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-vi/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/26/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-vi/#respond Tue, 26 Dec 2023 15:05:25 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3676 Auf die folgende Mitbegründerin der Grünen-Partei trifft zu, was der österreichische Historiker Albert Fuchs einmal über die Nobelpreisträgerin Bertha von Suttner gesagt hat: Es möchte zuweilen erscheinen, die Pazifistin wäre in ihrem Kampf gegen den Chauvinismus »nichts als eine überdimensonmale Komiteedame, in Wirklichkeit gehört sie doch in eine andere Kategorie«. Petra Kelly (1947-92) durchbrach selbstlos und unermüdlich den Konsens der Wohlstandsdemokratie, sie wollte mit ihrem Gatten, einem Ex-General der Bundeswehr, so unbedingt »aus diesem waffenstarrenden, weltumspannenden Irrenhaus ausbrechen«, wollte Endlagerstätten für Atommüll verhindern, die Indigenen Amerikas vor der Verstrahlung schützen und andere gute Dinge mehr, dass sie ihre eigene Partei als unverbesserliche Fundamentalistin maginalisierte. Die Grünen strichen ihre Mitbegründerin Kelly von der Kandidatenliste und das Politikerehepaar Kelly/Bastian schied in einer Kleistischen Tragödie gemeinsam aus dem Leben. »Sie war eine Kerze, die an zwei Enden brennt«, sagte Bärbel Bohley ein Jahr vor ihrem eigenen Tod über ihre »besondere Freundin« Kelly.

info

Jetzt abonnieren: die interessantesten Blogbeiträge und alles Wichtige aus dem taz-Kosmos.

Der Satiriker Martin Sonneborn (*1965) zog 2014 mit einer Spasspartei in das Europäische Parlament nach Brüssel und Strassburg und er macht dort seither unter seinen Volksvertreter·innenkollegen aus 27 Staaten Bella Figura als investigativer Kontrollfreak. Sonneborn nennt als fraktionslos Mitglied des Hauses die ebenfalls aus Deutschland stammende Kommissionschefin unwidersprochen »kriminell« und »moralfrei«. Zur Erinnerung: »Kommission« nennen die Brüsseler Sprachverdreher die Regierung der Europäischen Union. Sonneborns Invektiven gelten somit dem höchsten Exekutivorgan der supranationalen Repräsentanz von 450 Millionen Menschen! In einem Interview sagte der Antipolitiker herzerfrischend: »Unser Kernauftrag ist es, komische Kritik zu üben, junge Menschen zu politisieren, die (verfickte) AfD zu ärgern und schliesslich: Grüne, Linke und SPD mit Utopien zu konfrontieren, zur Not mit ihren eigenen. Politik betreiben wir mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen – und das sind Satire, Polemik, Nonsens«. Zur Verfügung steht Sonneborn zum Beispiel der Dresscode-Reminder seiner grundstürzenden Bewegung: »Mitglieder der Partei die PARTEI tragen in der Regel einen funktionellen und robusten dunkelgrauen Vollpolyesteranzug«.

Sarah Wagenknecht (*1969), Frontfrau der orthodoxen Kommunistischen Plattform in den Wendejahren, Ehegattin des widerständigen ehemaligen SPD-Spitzenpolitikers und Finanzministers Oskar Lafontaine, kämpferischer Medienstar der Linkspartei und schliesslich eine der sozialliberalen Wokeness überdrüssige Parteigründerin (BSW). In Frankreich würde man Wagenknecht nach dem Muster Jean-Pierre Chevènements sofort die Ehrenbezeichnung einer »Linkssouveränistin« verleihen. In Deutschland – wo der Begriff Souveränität von Reichsbürgern und Staatsverweigerern gekapert wurde – branden die Medien Wagenknecht als »Linkskonservative«, was einen recht traurigen Erklärungsnotstand bei Freund und Feind hervorruft. Die Politikerin argumentiert mit dem schönen Elan der Menschlichkeit gegen den »humanitären Militärinterventionismus«, der deutsche Soldaten und Soldatinnen katastrophal erfolglos bis in den Hindukusch geführt hat. Wagenknecht arbeitet sich ruhig und gelassen an der Russophobie der Transatlantiker ab. Sie nennt Petra Kellys traurige Erben – die Grünen-Mitglieder der amtierenden Bundesregierung – einen »kriegsbesoffenen Haufen«, und Wagenknecht kultiviert mit hochgestecktem Haar eine Liebe für die einfärbige Blazer-Rock-Kombi und mittlere Absätze, was uns an ihren männlichen Pedants in der Politik, so es welche gäbe, natürlich auch sofort aufgefallen wäre.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

Otto von Bismarck (1815–98)

Kurt Eisner (1867-1919)

Walther Rathenau (1867-1922)

Marie Juchacz (1879-1956)

Jakob Kaiser (1888-1967)

Carlo Mierendorff (1897-1943)

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-44)

Oskar Schindler (1908-74)

Rudolf Bahro (1935-97)

Rudi Dutschke (1940-79)

Bärbel Bohley (1945-2010)

Petra Kelly (1947-92)

Martin Sonneborn (*1965)

Sarah Wagenknecht (*1969)

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/26/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-vi/feed/ 0
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL V https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/22/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-v/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/22/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-v/#respond Fri, 22 Dec 2023 15:59:24 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3673 Der DDR-Dissident Rudolf Bahro (1935-97) wandelte sich während des Ungarnaufstands 1956 vom Leninisten zum »Landesverräter« und erneuerte als unermüdlicher Theoriearbeiter die Kritik an der »Deformationen« einer an sich richtigen Idee. Damit war seine politische Metamorphose aber noch nicht zu Ende. Bald nach dem Grenzwechsel geisselte Bahro den »Proto-Sozialismus« der gesamten industriellen Gesellschaft in ihrer östlichen und westlichen Ausprägung. Statt als »Renegat« in der ideologischen Konfrontation einfach nur die Seite zu wechseln, entwickelte er den Konvergenzgedanken, wonach die gesamte Weltordnung auf Naturausbeutung basiert. Bahro forderte nach Studienreisen in Asien eine Kulturrevolution, um den Menschen und seine Wirtschaftsdynamik wieder in das Naturgleichgewicht einzuordnen. Der in Westeuropa breit rezipierte fundamentalistische Sozialökologe – Hauptwerk ›Die Alternative‹ – scheitere in der politischen Praxis der Mehrparteiendemokratie an der beharrlich nach Macht strebenden Realo-Fraktion der Grünen.

Rudi Dutschke (1940-79) übersiedelte nach dem Mauerbau in den Westen, war bei der Gründung des Situationismus-Ablegers Subversive Aktion (»Auch Du hast Kennedy erschossen«, »Botschaft an die Lämmer des Herrn zum Katholikentag«) mit dabei und wurde in der heissen Viertelstunde der deutschen Geschichte zum charismatischen und theoriegestählten Sprachrohr des Sozialistischen Studentenverbands Deutschland (SDS). Die Manifeste, Flugblätter und Aktionen der ausserparlamentarische Opposition wollten zugleich den Vietnamkrieg beenden und die deutschen Universitäten reformieren. »Ein radikales Bedürfnis nach Frieden ist ein militantes Bedürfnis gegen die bestehende Ordnung«, erklärte der Studenten-Rebell im August 1968. Konkret gemeint waren damit: Desertion, Unterstützung von Desertion, illegale Arbeit und Sabotage von Militärzentren. Im Unterschied zur Rätetheorie der 1930er-Jahre sollten diesmal keine Kader gebildet werden, sondern dezentrale Gegenmilieus die Wühlarbeit in Staat und Gesellschaft übernehmen. Dutschke beteiligte sich nach dem Prager Frühling und einem Attentat, an dessen Spätfolgen er sterben sollte, an der Hinwendung der Neuen Linken zu Bürgerrechtsthemen (Berufsverbote, Ökologie) und an dem Aufbau gegenkultureller Institutionen (wie der Gründung der alternativen Tageszeitung taz).

1983 wurde die Malerin Bärbel Bohley (1945-2010) als eine der Aktivistinnen von den ›Frauen für den Frieden‹ das erste Mal in der DDR verhaftet. 1988 führte ihre zweite Verhaftung zu einem Proteststurm in In- und Ausland. Sechs Monate nach ihrer Abschiebung ins ferne England erzwang Bohley die Rückkehr in die Diktatur des »Realsozialismus«, wo sie das unbeugsame Neue Forum mit aus der Taufe hob. Nachdem die Bürgerrechtsbewegung mit der Forderung »Die Mauer muss weg« ein ganzes System gestürzt hatte, störte sich Bohley an Tempo und Stil der deutschen Wiedervereinigung. Sie blieb eine Kassandra. Die gründliche Erforschung der Stasi-Strukturen – das ständige Lügen, die staatlich betriebene Desinformation – würde bald dazu führen, dass der liberale Rechtsstaat die Repressionsmethoden übernimmt, erklärte sie. Genervt davon, die ewige »Mutter der Revolution« zu sein, ging Bohley dann Mitte der 1990er-Jahre nach Bosnien und kümmerte sich in den Zerfallskriegen des jugoslawischen Staates um Waisenkinder. »Die Summe der Kennmarken der gesellschaftlichen Entwicklung weist den Weg in eine autistische Gesellschaft«, liess sie noch 2002 die Öffentlichkeit wissen.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

Otto von Bismarck (1815–98)

Kurt Eisner (1867-1919)

Walther Rathenau (1867-1922)

Marie Juchacz (1879-1956)

Jakob Kaiser (1888-1967)

Carlo Mierendorff (1897-1943)

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-44)

Oskar Schindler (1908-74)

Rudolf Bahro (1935-97)

Rudi Dutschke (1940-79)

Bärbel Bohley (1945-2010)

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/22/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-v/feed/ 0
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL IV https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/18/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iv/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/18/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iv/#respond Mon, 18 Dec 2023 11:29:35 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3667 Von vierzig bekannten Anschlagplänen auf Hitler ist leider keiner geglückt. Der erfolglose Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-44) gilt heute als das offizielle Leitbild des »Staatsbürgers in Uniform«. Ohne Frage hat er dem Land und seinen Menschen aus eigenem Antrieb verantwortungsvoll gedient. Moralische Respekt vor dem Attentatsversuch des Wehrmachtsoffiziers gehört nun zum Konzept der Inneren Führung der Bundeswehr. Am militärischen Umsturzversuch – dem »ersten Akt« des Machtwechsels, »Operation Walküre« genannt – zog übrigens der bereits angeführte Tatmensch Carlo Mierendorff als getarnte Doppelexistenz mit die Strippen. Den Erfolg des Sprengsatzes vermasselten zwei Konferenzteilnehmer im Führerhauptquartier Wolfsschanze, als sie die unter dem Kartentisch von Stauffenberg deponierte Aktentasche mit Sprengstoff und Zeitzünder auf die von Hitler abgewandte Seite des betonierten Tischfusses verschoben, um bequemer in ihren Sesseln lümmeln zu können. Rund 200 Militärangehörige wurden in den Monaten nach dem missglückten Attentat vom NS-Regime wegen ihrer Beteiligung hingerichtet oder in den Tod getrieben.

 

Oskar Schindler (1908-74), Geschäftsmann und NSDAP-Mitglied, bewahrte aus simpler Menschenliebe, anders kann man es nicht nennen, fast 1.200 überwiegend jüdische Männern und Frauen davor, mit fatalen Aussichten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert zu werden. Schindler hatte als Kind im Sudetenland jüdische Klassenkameraden und war im Haus des Rabbiners von Zwittau ein- und aus gegangen. Das beleuchtet einen Aspekt seiner Motive. Ein weiterer, mindestens ebenso wichtiger, war sein praktisches Wissen: Schindler kannte den Gewaltapparat durch seine Ausbildung bei der Spionageabwehr von Admiral Canaris von innen. In Wahrheit können wir uns den atemberaubenden Mut, mit dem sich dieser Leiter kriegswichtiger Munitionsfabriken bei ständiger Gefahr der Aufdeckung für Gefährdete engagiert hat, gar nicht erklären. Auch ein 1993 gedrehtes Hollywood-Drama vermag das nicht. Übrigens würdigte im selben Jahr Yad Vashem den bereits verstorbenen Oskar Schindler als »Gerechten unter den Nationen«. Niemanden anderen gelang es, die Leben einer so grosse Gruppe von Menschen zu retten, während die Gaskammern noch in Betrieb waren. Lagerinsassen begleiteten ihren Beschützer Oskar Schindler, um ihn vor der angekündigten Erschiessung durch jene russische Einheit zu bewahren, die zur Befreiung des Lagers Brünnlitz anrückten.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

Otto von Bismarck (1815–98)

Kurt Eisner (1867-1919)

Walther Rathenau (1867-1922)

Marie Juchacz (1879-1956)

Jakob Kaiser (1888-1967)

Carlo Mierendorff (1897-1943)

Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907-44)

Oskar Schindler (1908-74)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/18/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iv/feed/ 0
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL III https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/15/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/15/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iii/#respond Fri, 15 Dec 2023 10:22:27 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3664 Dass Solidarität auf Gegenseitigkeit verpflichtet, das wusste im 20. Jahrhundert niemand besser als die Mehrheitssozialdemokratin Marie Juchacz (1879-1956). Sie organisierte zunächst Textilarbeiterinnen im Aachener Raum, sprach 1919 als erste Frau im deutschen Parlament und sie gründete 1933 das erste Mal die Organisation Arbeiterwohlfahrt (AWO), und 1945, in ihrem Exil in New York, dann ein zweites Mal, nunmehr um Hilfspakete in das mit fremder Hilfe in russischen Kriegswintern und unter alliierten Bombenteppichen wiedergeborene Land zu schicken. Der bis heute gültige Grundsatz der Arbeiterwohlfahrt ist so simpel, wie ein revolutionärer Gedanke nur sein kann: die sachgemässe Durchführung der gesetzlich geregelten Wohlfahrtspflege muss von der Politik gefördert und die Sozialhilfe von den Betroffenen selbst in Ortsvereinen kontrolliert werden. Die AWO unterhält heute in allen Bundesländern über 18.000 Heime, Wohngemeinschaften, Werkstätten, Kindertageseinrichtungen, Tagesstätten, Beratungsstellen und ambulante Dienste. Auf solche Erfolge ist der gesellschaftliche Zusammenhalt gebaut, und nicht auf die Exportnation Deutschland.

Jakob Kaiser (1888-1967), Zentrumspolitiker, christgewerkschaftlicher Widerständler der Untergrundopposition im NS-Staat, lehnte sich in den 1950er-Jahren als CDU-Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen weltpolitisch weit aus dem Fenster. Mit seinem Nationalneutralismus propagierte dieser Gegenspieler von Bundeskanzler Konrad Adenauers – wie der Würzburger Geschichtsprofessor Ulrich Noack und dessen »Nauheimer Kreis« – ein blockfreies Gesamtdeutschland. Zur Umsetzung seiner aussenpolitischen Vorschläge kam es bekanntlich nie. Sie hätte dem Land vier Jahrzehnte politische Spaltung und 140 Mauertote erspart, was nicht nichts gewesen wäre; Kaisers Modell eines neutralen Deutschlands hätte weiters Europa und der Welt einen Dritten Weg durch die gefährliche atomare Blockkonfrontation von kapitalistischer und staatskommunistischer Hemisphäre geboten. Auch keine Kleinigkeit, wenn man die Verheerungen der Washingtoner und Moskauer Stellvertreterkriege aus dreissig Jahren zusammenzählt.

»Sie machen ihr Hakenkreuz auf jeden Bierfilz und jeden Türposten«, beobachtete der militante Sozialdemokrat Carlo Mierendorff (1897-1943) an den Hitler-Anhängern, und der Abgeordnete zog daraus in seiner Reichstagsrede 1932 völlig neue Schlüsse, wie der politische Gegner niederzuringen sei. Mierendorff hielt es für dringend geboten, die Sozialdemokraten als »die besseren Deutschen« herauszustellen und entwickelte eine moderne Symbolsprache, um die Schutzformation der Eiserne Front zu einer schlagkräftigen Massenorganisation aufzubauen. In der stürmisch bewegten politischen Landschaft der frühen 1930er-Jahre galt Mierendorff als »der kommende Mann« der unbeugsamen Linken. Er war befreundet mit dem belgischen Sozialisten Hendrik de Man. Doch die drei Pfeile, sein Logo für die Gegenpropaganda zum Hakenkreuz, und das psychologische Aktionsprogramm einer Umsturzbewegung von links kamen in der brauen Ära zu spät. »Schwere Jahre stehen uns bevor«, schrieb Mierendorff zehn Jahre später in seinem letzten Aufruf ›Sozialistische Aktion‹. Denn so lange konnte sich der Wühler im gleichgeschalteten Terrorstaat verbergen. »Fast übersteigt es Menschenkraft, das wieder aufzurichten, was Hitlers Machtwahn und der Krieg vernichtet haben«. Sechs Monate später begrub den Ungestümen ein Bombenangriff alliierter Flieger auf Leipzig.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

Otto von Bismarck (1815–98)

Kurt Eisner (1867-1919)

Walther Rathenau (1867-1922)

Marie Juchacz (1879-1956)

Jakob Kaiser (1888-1967)

Carlo Mierendorff (1897-1943)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/15/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-iii/feed/ 0
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL II https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/10/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-ii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/10/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-ii/#respond Sun, 10 Dec 2023 21:34:22 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3661 Der Gewaltpolitiker Otto von Bismarck (1815-98) war garantiert kein Linker, er wies den grossdeutschen Anspruch der Habsburger Dynastie im deutschen Kaiserreich in die Schranken und brachte als Protest gegen seinen preussischen Militarismus (»Blut und Eisen«) bei seinen Gegnern die Volkswehr-Parole auf. Seither geistert der Milizgedanke durch alle Verteidigungskonzepte der wehrhaften Demokratie. Vorläufer, Vorbild und Matrize von Bismarcks markiger Kanzlerschaft: der von Fürst Metternich gegen die französische Revolution gerichtete Polizeistaat an der schönen blauen Donau. Damit ist aber noch nicht der ganze Bismarck erfasst, denn der mächtige Politiker plädierte auch für eine Grundversorgung der Bürger·innen durch den Staat. Am 26. Juni 1881 erklärte Bismarck mit prophetischen Worten: »Es ist möglich, dass unsere Politik einmal zugrunde geht, wenn ich tot bin. Aber der Staatssozialismus [verpflichtende Sozialversicherung der Arbeitnehmer] paukt sich durch. Jeder, der diesen Gedanken wieder aufnimmt, wird ans Ruder kommen«. 1877 plagten ihn übrigens Gewissensbisse; Bismarck beschuldigte sich drei Krieg provoziert und den Tod von achtzigtausend Männern verursacht zu haben. Hitler war später zu verrückt für solche Skrupel.

Wer sollte nach dem Tanz über den Gräbern des Ersten Weltkriegs das Chaos im zusammenbrechenden Kaiserreich zähmen? »Die Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte sind die Organisation der Ordnung gegen die Anarchie eines zusammenbrechenden Militarismus«, verkündete Kurt Eisner (1867-1919), der beste politische Kopf der von der SPD abgespaltenen Fraktion der Unabhängigen (USPD). Eine Welle der revolutionären Zustimmung trug den Münchner Theaterkritiker am 8. November 1918 in das Amt des ersten Ministerpräsidenten der Bayerischen Räterepublik, von der uns nur der Ausdruck »Freistaat« erhalten geblieben ist. In der Ausübung seines Amtes wurde Eisner nach 105 Tagen von einem Rechtsextremisten ermordet. Das ungewöhnliches Bekenntnis des Mannes zur deutschen Kriegsschuld war nicht nur in Deutschland, sondern selbst in Frankreich angezweifelt worden.

1.219 Tage nach diesem politischen Mord folgte Aussenminister Walther Rathenau (1867-1922) Eisner auf den Opferthron der Attentate. Der jüdischer Patriot und liberale Weltmann war Chiliast, Visionär und strenger Diener des Gesetzes. Rathenau hatte Physik, Chemie und Philosophie in Berlin und Strassburg studiert, er bereiste Afrika, trat in den Vorstand und später in den Aufsichtsrat der AEG ein. Titel seiner Schriften 1912-17: ›Zur Kritik der Zeit‹, ›Zur Mechanik des Geistes‹ und ›Von kommenden Dingen‹. Die Stationen seines politischen Wirkens: Deutsche Demokratische Partei (DDP), Minister für Wiederaufbau, Rapallo-Vertrag mit der Sowjetunion. – »Er hat bewiesen, dass er an das Ende, an die echte Niederlage Deutschlands glaubte«, attestiert ihm der deutsch-amerikanische Rechtshistoriker Eugen Rosenstock-Huessy. »Es war notwendig, dass wir den Krieg verloren haben«.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

Otto von Bismarck (1815–98)

Kurt Eisner (1867-1919)

Walther Rathenau (1867-1922)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/10/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-ii/feed/ 0
Deutschlands politische Leuchtfeuer TEIL I https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/05/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-i/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/05/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-i/#respond Tue, 05 Dec 2023 14:22:29 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3656 Weder ein Karl noch ein Friedrich, keine Klara und keine Rosa, natürlich kein Adolf – der schon gar nicht – , auch kein Kurt, kein Erich, kein Konrad, kein Willy, kein Franz-Josef, kein Helmut, nicht einmal eine Angela – oder wie die Geschichtsbuch-Deutschen alle heissen. Die Titanen und die Berühmten der Nation, die bitte haben ihre Bühne ja schon. Verdienstkreuze glitzern auf der Brust oder der Verdammungsstempel prangt auf der Stirn. Die angeblich oder tatsächlich grossen Deutschen stehen doch viel zu oft im Scheinwerferlicht!

Mich interessieren die gemeinnützigen Leistungen von Leuten, die ihrer Zeit ein listiges Stück voraus waren, die Namen derer, die bedenkenlos oder mutig gegen den zu allen Zeiten triumphierenden Strom der Opportunisten geschwommen sind oder noch schwimmen: echte Pioniere und wahre Gescheitere, Demokraten, Halbautoritäre und Wohltäter, Vertreter·innen minoritärer Meinungen ohne Angst vor der Zusammenrottung, Verfehmte in Ost oder in West. Keine Nur-Publizisten, sondern in nennenswerten Anteilen auch praktisch Veranlagte, und seien es Satiriker, die mit einem Bein im Minus und mit dem anderen im Gefängnis stecken.

abo

10 Wochen taz digital + wochentaz print: Jetzt aktiv werden mit unserem aktivistischen Klima-Abo. Mit diesem Abo gibt es 10 Wochen lang die digitale Ausgabe der taz und zusätzlich 10 mal samstags die gedruckte wochentaz, zusammen für 10 Euro. Davon geht 1 Euro als Spende an Fridays for Future.

Dass unter den 16 gelisteten Persönlichkeiten gleich drei Attentatsopfer aufscheinen und drei weitere eines gewaltsamen Todes gestorben sind, weicht vom Schicksal des statistischen Durchschnittsdeutschen grob ab. Der gewaltsame Existenzverlust, Exil, Kerker oder Verbannung sind aber kein Nachweis dafür, dass die Vorkämpfer·innen mit ihrem Lebenslauf irgendwie richtig lagen. Das nicht! Doch auch dem Gegenteil fehlt Beweiskraft. Ihr Unglück ist kein Freibrief für die überwältigende Mehrheit, an Feigheit und Gesinnungslosigkeit unerschütterlich festzuhalten.

Hätte der Wiener Paradezionist Theodor Herzl das Hauptwerk des »Communistenrabbi« Moses Hess (1812-75) gekannt, hätte er auf seinen eigenen Beitrag zum jüdisch-nationalen Völkerfrühling am Ende des 19. Jahrhunderts glatt verzichtet. Titel der epochemachenden Schrift: ›Rom und Jerusalem‹. Hess, ein ekstatischer Denker des Vormärz – Voluntarist, Sanguiniker, Zionist, Sozialdemokrat – soll den heute ungleich berühmteren Karl Marx an die kommunistische Idee überhaupt erst herangeführt haben. Der frankophile Bonner Jude lehnte jedoch dessen Parteibildung und die daraus entspringende Dogmatik einer neuen Arbeiterelite ab. Hess trennt sich bereits 1846 von Marx, wandte sich 1863 ausdrücklich gegen eine »Diktatur der besitzlosen Klasse« und den »gewaltsamen Eingriff in die Produktionsweise«. Er plädiert für die konsequente »Staatsintervention« und eine harte Kritik der Geldaristokratie. Das Zauberwort der Epoche hiess »Assoziation«, und für die Radikalen unter den Fortschrittlichen, zu denen unser Kopf zählte, »freie Assoziation«. Aus Preussen exiliert, aus Paris ausgewiesen, durcheilte Hess ein Verfolgtenleben; sein Leichnam wurde in den Kibuzz am See Genezareth überführt. – Ein so untypisches deutsches Schicksal, dass sich heute nur mehr akademische Beforscher·innen des Frühsozialismus an den Mann erinnern.

Der rheinischer Demokrat Moritz Rittinghausen (1814-90) kritisierte die repräsentativen Demokratie, das Ideal des Liberalismus. Er propagierte 1850, nach dem Scheitern der bürgerlichen Revolution, unverzagt die Idee einer direkten Volksgesetzgebung, später dreistufig umgesetzt im Kanton Zürich. Rittinghausens politischer Entwurf: legislative Sektionen aus je 1.000 Stimmberechtigten beiderlei Geschlechtes, und darüber eine gewählte Regierung. Man möchte so einen Vorschlag zur demokratischen Gleichberechtigung einmal von einer Reformkommission der Vereinten Nationen hören! Darauf wird die Menschheit vermutlich noch Jahrhunderte warten. Der Deutsche Moritz Rittinghausen stand ohne Wenn und Aber für pionierisches Engagement in der Arbeiter·innenbewegung, das heisst in der Sozialdemokratie. Als dissidenter Abgeordneter ihrer Reichstagsfraktion rief er den Zeitgenoss·innen laut zu: »Keine Prätorianer irgendeiner Sorte mehr!« Ausserdem verlangte Rittinghausen von den Regierenden seiner Zeit, auf dem Banknoten »die Steuerzahler mit eingefallenen Wangen bildlich darzustellen«.

© Wolfgang Koch 2023

 

Liste »Deutschlands politische Leuchtfeuer«

Moses Hess (1812-75)

Moritz Rittinghausen (1814-90)

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/05/deutschlands-politische-leuchtfeuer-teil-i/feed/ 0
Von den Spiegelungen in der österreichischen Kunst https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/01/von-den-spiegelungen-in-der-oesterreichischen-kunst/ https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/01/von-den-spiegelungen-in-der-oesterreichischen-kunst/#respond Fri, 01 Dec 2023 07:59:42 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3641 »Ich werfe Müll hinter meinen Spiegel«, heisst es an einer Stelle in dem soeben erschienen Nachlassband des US-Lyrikers Keith Waldrop, der in diesem Sommer verstorben ist. In Österreich, wo man das Leben bekanntlich für unentzifferbar hält, wie die Hieroglyphen eines Kindes, ist das eine schon seit längerem eingeübte Praxis bildender Künstler·innen.

Diese Woche fiel mir ein mit spiegelnder Oberfläche punktender Katalog zu einer Ausstellung in Räumen des Kärntner Landesmuseum in die Hände. ›MIRROR … MIRROR‹ ist ein Projekt der Design-Initiative Ars Carintha und widmet sich ausschliesslich reflektierenden Flächen, die eine Abbildung entstehen lassen.

Silbermetallic-Umschläge ziehen mich seit Jahrzehnten in den Bann. Um den Bücherberg in meiner Arbeitsumgebung einigermassen in Schach zu halten, haben strenge Razzien in der Bibliothek nur ganz wenige Bücher und Kataloge mit solchen Preziosen überdauern lassen. Auf Augenhöhe hinter meinem Bildschirm steht die 1979 von der Erisian Liberation Front alias Helmut Höge edierte Ausgabe von Alfred Seidels Finalschrift ›Bewusstsein als Verhängnis‹ (1924); zwischen graufarbenen Bildbänden ein Situationismus-Katalog aus dem Jahr 1998, und – in unserem Zusammenhang besonders wichtig – auch der nur 60 Seiten starke Katalog zur Ausstellung ›spiegelverkehrt« des Schmuck- und Objektkünstlers Peter Skubic ist glücklicherweise noch vorhanden. In der Kunsthalle Krems ging es vor 17 Jahren um so ziemlich dasselbe Thema wie derzeit in Kärnten-Koroška: um Spiegel und um die Räume, die Spiegelungen in uns schaffen.

1988 hat Heinz Gappmayr, Österreichs Hauptvertreter der visuellen Poësie, im Kunsttempel von Schloss Buchberg am Kamp unter dem Titel ›Spiegelungen‹ zwei schwarze Rechtecke in Augenhöhe auf zwei Wände geklebt. Darunter ist der Schriftzug »gegenüber« präsent. ¿Comprende? Gappmayrs minimalistische Textinstallation konstituiert also in der Sammlung Dieter & Gertraud Bogner eine räumliche Spiegelsituation als Resultat eines feinsinnigen Denk- und Formulierungsprozesses.

Deborah Sengl, aus der Serie Toy Story

Damit war ein Kilometerstein im leidenschaftlich exakten Kunstgeschehen gesetzt. Skubic führte in jenen 1980er-Jahren mit einem Implantat gleich zweimal den Beweis, dass es »unsichtbaren Schmuck« gibt. Und zwar nicht metaphorisch, sondern ganz real mit dem Operationsmesser. Ab derselben Zeit beschäftigte sich der Schöpfer von Kleinodien und Miniskulpturen auch mit Spiegelungen, und Skubic hat – wie Gappmayr – mehr daraus hervorgeholt, als nur eine Frage der Optik.

»Spiegelungen kann man im erweiterten Sinn als Umkehrung der Wirklichkeit auslegen«, erklärte der österreichische Spiegelphilosoph, der lange an einer Fachhochschule in Köln unterrichtet hat. »Zweimal minus ergibt plus, zweimal Spiegelung ist wieder optische Realität … oder eben Spiegelungen von Spiegeln«. Bis heute besteht Peter Skubic darauf, dass Spiegel eigentlich unsichtbar sind. »Kein Mensch hat je einen Spiegel gesehen. Spiegel ist im Grunde nur denkbar«.

Leider hat es keine von Skubics Arbeiten in die aktuelle Ausstellung geschafft, obwohl sich mindestens eine aus seinem Atelier im Besitz des Kärntner Landesmuseums befinden. Skubic benötigte für seine Kunstproduktion keine Handwerksbetriebe, er fertigte alle seine spiegelnden Metallwerke selbst. Vielleicht ist das der Grund.

Anders als Skubic suchen die an ›MIRROR … MIRROR‹ teilnehmenden Kreativen nicht das Bild hinter dem Bild. Die meisten von ihnen ironisieren einfach den Spiegel als Medium der Selbstwahrnehmung, in dem wir rastlos auf der Suche nach Perspektiven sind. Die Exponate spielen mit der Eitelkeit, die uns die Glasflächen erlauben, mit den Selbstüberhöhungen des Ichs, und die Werke gelten ihren Gestalter·innen schon als gelungen, wenn Spiegelbilder in verschiedene Sequenzen gebrochen erscheinen.

Nichts gegen die unterhaltsamen Wahrnehmungseffekte! Es macht immer Spass, Schönheit in vermeintlichen Verzerrungen zu entdecken. Doch vierzig Jahre nach einer Kunst, die auf präzisen Denkprozessen beruht, dürfen wir uns mehr erwarten. Der Spiegel als Symbol der Vanitas, na gut, als Attribut der Venus pudica – also, bitte, darüber sind wir doch hinaus.

Gewiss, wir identifizieren uns damit, was der Spiegel zurückwirft, oder wir tun es eben nicht. Normalerweise macht uns das Selbstbewusstsein immun gegen den Irrtum durch Fehlidentifikation. Ich weiss, dass ich hineinschaue, weil jemand mir Ähnlicher herausschaut. Keimt aber im Traum der Gedanke, Spiegel müssten sich komisch verhalten, kippen wir in das Reich der Psychose. Wir nehmen Verzerrungen wahr, erkennen uns nicht mehr, fremde Gesichter erscheinen.

Reinbold Friedrich: Reflexionen der Wahrnehmung

Bei Tag hält der Spiegel das Gesehene im Präsens, er sagt: »So und so ist es«. Wir finden kaum mehr als ein unbedeutendes Alles & Nichts. Der neue Apostel der Vollholz-Architektur, Matteo Thun, beschreitet mit ›Omaggio – Ettore‹ klug einen anderen Weg. Nicht das Spiegelbild wird von ihm befragt, sondern der Spiegel als Objekt, das sichtbar wird, wenn wir uns nicht auf das Zurückgeworfene fixieren.

Matteo Thun hat bei seinem hochrechteckigen Wandspiegel auf einer der vier Seiten das Rahmenprofil verdünnen und abschrägen lassen. Der Effekt ist verblüffend: das ganze Medium des Spiegel scheint plötzlich verzerrt. Das Werk irritiert auf so freundliche Weise, dass man gerade darauf verzichtet, ins Glas hinein zu schauen.

Armin Guerino: Fluss der Gedanken

Nicht wenige der Ausstellenden, darunter Boris Podrecca, setzen auf bewegliche Spiegelteile, deren Schwenken Seitenverkehrungen und alle möglichen fremden Bilder hervorbringt. Am elegantesten löst Angela Hareiter den Bau aufklappbarer Flügel mit einer hölzernen Psyche, produziert von Möbeldesign Tschetschonig in Griffen-Enzelsdorf.

Weiters zu sehen: Brechungen in einer überdimensionaler Diamantform von Tanja Prušnik; der Blech-Plastiker Armin Guerrino setzt die Lust an räumlicher Desorientierung in einem Kasten um, worin der Spiegel das Bild der Betrachter·in fragmentarisch irgendwo zwischen einer grauen und einer gelben Endlossschleife zurückwirft. Der Rogy-Schüler Werner Hofmeister, Betreiber eines Museums hinter den sieben Bergen, fragt unter dem Titel ›Adam‹ nach seinem Gesicht unter den vielen Masken, indem er einen Spiegel hinter die Löcher einer Metallmaske montieren liess.

 

Etliche der beteiligten Kunstschaffenden widmen sich Tautologien und Synonym-Skulpturen, es gibt Wortverspielte und Erbauer von Spiegelkabinetten. Auf die Beiträge pensionierter Hochschullehrer hätte das mittlerweile siebente Gestaltungsexperiment von Ars Carinthia aber ruhig verzichten können.

Intellektuell am stärksten durchdrungen hat die Aufgabe wahrscheinlich das Künstlerpaar Jolana Skacel & Igor Scacel. Es fragt im Katalogtext eindringlich nach dem Body. Wir erleben in unserem Körper, ist da zu lesen, 1. den Ort eines basalen Lebensgefühls, 2. einen Resonanzraum von Stimmungen und Gefühlen, und 3. das Zentrum der Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen.

Es handelt sich also um ein wirkliches Pluriversum, das wir da den ganzen Tag durch die Gegend schleppen. Und die Durchsichtigkeit, welche die Sphären des Körpers aufeinander erlauben, ruft für Skacel & Scacel nach einer »atmosphärischen Theorie des Subtilen«. Nicht nur das Wahrhafte, auch das Sphärische soll mit Hilfe des Spiegels betrachtet werden.

Natürlich ist auch der 1942 geborene Grossmeister der südostalpinen Spiegelkunst mit einem Werk in der Ausstellung vertreten. Glasmeister und Spiegelbeleger Arnulf Komposch hat seine Karriere als Hippiekünstler im Summer of Love begonnen. »Jeder Liebende ist ein Krieger!« Und Komposch hat seither nicht mehr aufgehört, unsere Einkörperlichkeit zu durchbrechen und das alchemistische Feuer der Verwandlung mit kalten Materialien in die Welt zu setzen. Die gerillte Vertikalflächen seines Guten-Morgen-Spiegels schleudern Licht und Farben wie mit Wasser gefüllte Luftballons in die Höhe. Von Komposch könnte auch der nützliche Tipp sein: Spiegelschrift mit Lippenstift schreiben, da Fett am Glas haftet.

© Wolfgang Koch 2023

Sonderausstellung bis 11. Februar 2024, kärnten.museum,

Museumgasse 2, 9021 Klagenfurt / Celovec

Abb.: ›Narrenspiegel‹ von Gudrun Kampl (Ausschnitt), Fotos: Marie Obermayr (1), Herbert Wieser (3)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2023/12/01/von-den-spiegelungen-in-der-oesterreichischen-kunst/feed/ 0
Wie der Gingkobaum nach Kärnten-Koroška kam https://blogs.taz.de/wienblog/2022/10/19/wie-der-gingkobaum-nach-kaernten-koroska-kam/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/10/19/wie-der-gingkobaum-nach-kaernten-koroska-kam/#respond Wed, 19 Oct 2022 06:54:49 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3591 Die Alpen-Adria-Universität Klagenfurt darf sich rühmen, das mit Abstand originellste Unversitätskulturzentrum in Österreich zu betreiben. Die zweisprachig geführte Einrichtung UNIKUM ist regelmässig für jene dynamischen Momente der Gegenwart verantwortlich, welche die Diffusgänger*innen der Provinz aus ihren Schlaf- und Traumzuständen reissen, oder, umgekehrt, sie mit überraschenden Liliputideen gerade dorthin führen, um das Leben wieder faszinierend zu machen.

Als jüngstes Luftpferd des UNIKUM erscheint ein Quasi-Heimatbuch, in dem sieben Autor*innen und eine kongeniale Fotokraft im quadratischen Format die merkwürdigsten aller Ortnamen in Kärnten-Koroška überprüfen. »Paris, Texas« ist ja, wie nicht nur Universiätsgebildete wissen, keinesfalls identisch mit »Paris, France«; und »Vienna, Virginia« liegt absolut nicht am selben blauen Gewässer wie »Vienna, Austria«. Darum war es höchst an der Zeit mal zu fragen, wie sich denn die Bezeichnungen Malta, Strassburg, Türkei, Kanaren, Klein Venedig, Gallizien und Unterloibl in die Topographie des südlichsten Bundeslandes verirrt haben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: dieser Aufgabe entledigt sich Daniel Wisser am elegantesten. Dieser Beiträger zu dem Buch deutelt an Türkei-Turče nicht etymologisch herum wie ein Astrologe, nein, der literarische Namensforscher Wisser lässt seinen Erzähler die tragikomische Wiederbegegnung mit eine Schulfreud aus längst verflossenen Tagen schildern. Vor Ort natürlich, in der Ansiedlung Türkei-Turče, geschieht das, die so wirklich und nichtfiktional existiert wie Wörthersee, Grossglockner und die herrlichen Herrenpilze in den Wäldern.

Man erfreut sich an Wissers Shortstory prächtig. Ebenso an den stillen Bildern der Fotografin Verena Gotthardt, die an den besagten Lokalitäten ganz ohne die Ablichtung von Menschen und fast ohne landwirtschaftliches Vieh auskommen. Ein Schatten auf einer Holzlage, eine Kapelle im Verkehrsspiegel, Fenster, Baumkadaver, jedenfalls nichts, was die schlaue Tourismuswerbung plakatieren könnte, um den Fremden etwas Erholung Versprechendes anzubieten.

Der mehr in Wien als in seinem Herkunftsland bekannte Antonio Fian und die durch ihren hitzigen Patron Josef Winkler jüngst ins Gerede geratene Anna Baar bewältigen die Aufgabe erwartungsgemäss ironisch und kommen bei Malta bzw. Gallizien auf die Landeshymne zu sprechen. In diesen Fällen lässt dann, den Vorlieben der Regionalliteratur entsprechend, Bachmann, Auschwitz, ein autoritärer Vater und der Tod als Meister Globocnik nicht lang auf sich warten.

Überhaupt trägt die aktuelle österreichische Staatspreisträgerin Baar ein ziemlich deprimierendes Kulturverständnis vor sich her. Von allen Sprachen der Noriker, Etrusker, Slawen und Bajuwaren, lässt sie in ihrem Text ohne eine erkennbare Distanz sagen, »blieb uns nur das bleierne Schweigen. Der Kehricht von tausend Jahren«.

Ich finde, die in ›Kanaren im Nebel‹ vorgestellten Arbeiten sind aber gerade das Gegenteil davon. Am Sprach- und Bezeichnungswirrwarr unter den Karawanken, wo noch jede Talschaft einen eigenen deutschen oder einen eigenen slowenischen Dialekt besitzt, wo diese Mundarten täglich auf den TV-Sprech, die Fremdsprachen Italienisch und Englisch und auf die verschiedenen Zungen der Migrant*innen treffen, da ist doch der Alltag von so starken, somnambulen Begegnungen durchwirkt, dass dieses sprachliche Chaos das solide, literarische Fundament der Regionalkultur bildet.

Alois Hotschnig widmet sich in einem zeitgeschichtlichen Aufsatz der Doppelexistenz von Unterloibl-Podljubel, diesseits und jenseits der Staatsgrenze. »Immer noch wird zwischen Süden und Norden geheiratet, aber hauptsächlich wird nach Kärnten geheiratet, von unten herauf, und nicht umgekehrt. Das Slowenische weicht immer weiter zurück, beinahe bis ins Verschwinden hinein, ins Versteckt-Sein jedenfalls«.

Der Beitrag der 1961 geborene Maja Haderlap, die bereits zu The Magnificent Seven der carinthischen Literatur nach 1945 zählt, fällt eher enttäuschend aus. Haderlap schafft es in ihrem Fünf-Strophen-Gedicht auf die Fotografierwut in der Museumsstadt Venedig zu sprechen zu kommen, was gewiss eine kunstvolle Verenkung zum Thema ist, doch mehr eben nicht. 

Dann haben wir da noch die Drautalerin Elke Laznia. Sie konnte auch von ihren bisher zwölf Auszeichnungen im Literaturbetrieb nicht arg verbogen werden. Laznia stimmt eine Totenklage über den aktuellen europäischen Krieg an, Bravo!, und sie bringt die Kanaren in der Gemeinde Ruden nicht etwa mit Palmenrausch, sondern mit einer »unvermittelt unhaltbaren« jungen Hündin in Verbindung, und diese Autorin, Jahrgang 1974, erwähnt an jener Stelle in Lippitzbach, wo die alte Garde der Heimatdichter hundertprozentig eine Eichen- oder eine Linden-Epiphanie geschildert hätten, einen nicht einmal deplatzierten Gingkobaum.

Eine Übersichtskarte hätte sich die Leserschaft in dem Text- und Bildband sicher noch gewünscht, damit man auch ohne Taschencomputer sehen kann, wo, in welchem Nebental und an welcher Abzweigung, denn diese allein wegen ihrer Namen exotischen Ortschaften nun genau zu finden sind.

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: Verena Gotthardt 2022

Universitätskulturzentrum UNIKUM Kulturni center univerze | Klagenfurt-Celovec (Hg.): KANAREN im NEBEL – Europäische Ansichten aus Kärnten-Koroška. Drava Verlag-Založba Drava, ISBN 978-3-99138-004-7, 130 Seiten mit Farbfotos, EUR 24,80

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/10/19/wie-der-gingkobaum-nach-kaernten-koroska-kam/feed/ 0
Viktor Jerofejew versus Mathias Bröckers https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/19/viktor-jerofejew-versus-mathias-broeckers/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/19/viktor-jerofejew-versus-mathias-broeckers/#respond Mon, 19 Sep 2022 06:34:22 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3528 Mathias Bröckers ist an diesem Ort kein Unbekannter. Der Mitbegründer der taz hat sich schon mehrere Kranz Lorbeer verdient. Er rief jene beliebte Satire-Seite ins Leben, die paradoxerweise den Titel ›Die Wahrheit‹ führt, später die taz-Blogs, die das Meinungsspektrum des Mediums verlässlich erweitern. Mathias Bröckers holte 1987 – lang, lang ist’s her – die massgeblichen Schriftsteller*innen der Epoche in die Redaktion, um sie drei Tage lang die Spalten füllen zu lasen.

Der Deutsche hat sich dabei den Leitgedanken alternativer Medien, es gäbe Nachrichten, die von den etablierten Massenmedien bewusst oder fahrlässig unterdrückt werden, so sehr zu eigen gemacht, dass er in den Millenniumsjahren mühelos in die digitalen Netze der Conspiracy-Szene eintauchen konnte. Dort begann Bröckers seine zweite Karriere als Politik- und Wissenschaftspublizist.

Als anerkannter deutscher Hanfpapst studierte er eingehend die Prohibitionsgeschichte der Pflanze. Dabei entdeckte er das Muster einer imperialen US-Regierungsverschwörung, und das wendet Bröckers seither auf alle Phänomene an, die er kommentiert. Sei es nun der ›War on Drugs‹, der jihadistische Terror, die Golfkriege, die Corona-Pandemie oder das Ende der unipolaren Weltordnung – die Fäden des Bösen laufen verlässlich in Fort George G. Meade und in geheimen Regierungsbunkern der US-Administration zusammen. Auch Israel und Saudi-Arabien dürfen es gelegentlich sein.

Bröckers wettert verschwörerisch gegen einen »Faschismus« in der Ukraine, dessen Auftraggeber und Urheber natürgemäss in Washington sitzen. Er recherchiert grundsätzlich in Netzmedien, unterstützt Impfgegner*innen und die Liberalisierung illegaler Drogen, er sitzt mit ukligen UFO-Forschern und Ken Jebson vor der Kamera, streitet für die Freilassung von Julian Assange, stärkt ›Fridays 4 future‹ den Rücken, verfasst unter Pseudonym Krimis, liest Goethe gegen den Strich und verteidigt die Gaía-Hypothese, als wäre sie seine ureigene Erfindung.

Blogs und Bücher aus Bröckers Werkstatt haben Witz, Charme und die flirtende Ironie von Jugendlichen, mitunter selbst dann, wenn der freie Autor Putins Feldkurator gibt und auf seiner Website russische Überlegenheitsphrasen nachbetet.

Im Gegensatz zu Bröckers wirkt Jerofejew wie ein altmodischer Zunftbruder, ein Musketier der Intellektuellenklasse im abgetakelten Grossfeuilleton. Doch der Exilrusse besitzt nicht weniger Kasernendisziplin als Bröckers, wenn es darum geht, 1. das geistige Kampfterrain des Nato-Lagers auszudehnen, 2. der westlichen Zivilsation »einen tiefen pazifistischen Schlaf« vorzuwerfen«, und 3. den Wunsch nach einem baldigen Waffenstillstand als »mentalen Spuk« zu denunzieren.

Der international erfolgreiche Verfasser von Kurtisanen-Romanen und russische Anhänger des Euromaidan bietet in seiner Kriegsessayistik vor allem Männerpsychologe. Seine Hauptidee: Die Welt von heute ist in eine neue Periode der Religionskriege eingetreten. In der Folge spricht Jerofejew seiner alten Heimat überhaupt die Qualifikation zu einer Nation ab. »Werwölfe« seien seine Landleute geworden, und der »Donnergott Putin« möchte ihnen »die Ukraine schenken«.

In dem Russland der Gopniks, soll das heissen, wo der grösste Gopnik über alle anderen herrscht, tyrannisiert Grossdiktator Putin seine Brüder und Söhne. Er will in diesem Fantasyland um jeden Preis das grossrussische Reich wieder herstellen und lässt für dieses Ziel wilde Farben auf der verbrannten Erde zurück. »Unter seiner Ägide werden alle Pflänzlein der Zivilgesellschaft im Keim erstickt. Allein zu seinem eigenen Nutzen als höchstem Wert befeuert er den Repressionsapparat«.

Nicht weniger abenteuerlich argumentiert der bekennende Putin-Versteher Bröckers. »Was die Bevölkerung durch die Medien über die Welt erfährt«, erklärt der taz-Mitbegründer, und meint damit den Westen, »erfährt sie durch den Wahrnehmungsfilter jener 0,1%, denen nicht nur die Medien, sondern auch ein Grossteil der Welt gehört. Inklusive der Journalisten, die eingebettet in die Vielfalt des Infotainments ihrer Pressefreiheit ungehindert nachgehen.«

Zu Kriegsbeginn war Bröckers augenblicklich mit der Aufdeckung geheimer Biolabors zur Stelle, von denen wir Gleichgeschalteten natürlich nichts wissen konnen, weil sie US-amerikanische Agenten unter höchster Geheimhaltungstufe seit Jahren an der ukrainischen Grenze zu Russland betrieben haben. Biowaffenforschung sollte uns Angst machen! Das nächste Level im Miltärdispositiv. Da mussten doch alle Alarmglocken läuten.

Für Bröckers ist die russische Militäraggression bewusst von der Nato provoziert worden. Die Pläne zu einem Regime-Change in Moskau lagen, man ahnt es, seit Jahren in den Schubladen, in die nur ein paar schlaue Blogger zu blicken imstande sind. Ukraine-Präsident Selensky: ein Schauspieler, eine Marionette! Das Präsidentenehepaar am Vogue-Cover: der sichere Kollaps des Regimes!

Der andere, Jerofejew, stammt aus der sowjetischen Kaderklasse, sein Vater war Diplomat, als Autor hatte er quasi Berufsverbot in der späten UdSSR. Ästhetisch sind seine Erzählwerke im Tauwetter der 1980er-Jahre stecken geblieben sei. Vieldeutigkeit und drastische Gewaltschilderungen sind seine literarische Mittel. Freunde und Hausfrauen erweisen sich in den Romanen als besondere Kenner der russischen Seele.

Der Russe behauptete von sich, dass ihm der Stil über alles gehe, was ihn dann gelegentlich sogar über die Qualität der eigenen Texte stolpern lasse. In seinen Essays kommt er laufend auf den russische Volkscharakter zu sprechen, auf jenes irrationale Russlands, vor dem sich der vernunftgeleitete Westen wie vor dem Weltuntergang fürchten müsse. Das Publizierte ist im Grunde ein Verwirrspiel: abwechselnd weist Jerofejew auf den Putin’schen Autoritarismus, Tschechows Intimleben oder dem bedauernswerten Zustand der Intelligenzija hin.

Der neue Religionskrieg erzeugt in Jerofejew Augen zwei Realitäten: eine europäische mit ihren humanistischen Werten, die er persönlich teilt und deren Ehrungen er gerne entgegen nimmt. Und eine russische Realität, eine Fernseh-Realität, die den Leuten seit Jahren erzählt, sie seien das Licht der Welt, während die Ukraine und der Westen die Dunkelheit verkörpern. Deswegen würden die russischen Menschen jetzt glauben, die Ukraine befreien zu müssen.

Was die Kriegsbefürworter Bröckers und Jerofejew noch gemeinsam haben: Jeder missbraucht für seine einseitige Einschätzung der Lage ein grosse Autorität der Weltliteratur. Bröckers gibt den Wiener Kriegsgegner Karl Kraus als seine Hauslektüre an, und Jerofejew erhöht seine Reputation mit dem Landsmann Fjodor M. Dostojewski. In beiden Fällen können sich die Toten gegen den Missbrauch ihrer Namen nicht mehr wehren.

Denn weder Kraus noch Dostojewsk haben sich je dem Wunsch nach Zurückschlagen in einem Krieg Ausdruck hingeben. Kraus hat kein Waffensysteme bewundert und sich von ihm den Sieg einer Partei erhofft. Und Dostojewski, der Zwangssoldat ohne Bürgerrechte, hätte sich niemals in der Dienst der grossen Einigkeit irgendwelcher Industriestaaten gestellt. Dieser berühmte Autor, der einem christlichen Sozialismus anhing, hätte nicht vom Niederringen eines Drachen in der Weltpolitik geträumt. Nein, derart falsche Analysen der Gesellschaftskonstellationen blieben unsere Zeit und dem ehemaligen Intelligenzblatt Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das sie abgedruckt hat, vorbehalten.

Jerofejew floh im April 2022 mit Ehefrau und zwei Töchtern aus Russland, kutschierte mit dem Privatwagen von Moskau über Sankt Petersburg nach Finnland, von dort mit der Fähre nach Talllin, und über die baltischen Staaten und Polen nach Germany, wo er zunächst im Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf residierte und danach ins Heinrich-Böll-Haus in Langenbroich bei Aachen, einen approbierten »Zufluchtsort für verfolgte Künstler«, überwechselte.

Zwei in den Kriegslagern herzlich begrüsste Schriftsteller, die prompt als Lautsprecher der ideologischen Kommandos agieren. Jeder will sich an die Spitze setzen, um die Flammen auf dem Schlachtfeld zu dirigieren. Bröckers ist natürlich kein Kreml-Propagandist wie der lettische Nationalbolschewist Wladimir Linderman, und Jerofejew ist keine Waffen-Mutti wie die ukrainische First Lady Olena Selenska. Dazu sind diese Autoren viel zu clever, zu erfahren und auch zu gehemmt. Doch auch ihre Parteinahmen setzen das Vergessen der namenlosen Leichen voraus, derer man nur gedenkt, wenn man ihre Meinungen gegen den Strich liest, das heisst sie vom Kopf auf die Füsse stellt, indem man den Standpunkt er Opfer und der Deserteure einnimmt.

Sobald ich in einem Krieg den einen lobe und preise, ohne den anderen zu loben und zu preisen, kehrt die Rivalität zurück und wir leben in der Mordgesinnung. Solange ich mit dem Finger auf ein Heerlager zeige, ohne die Grausamkeit und Ruhmsucht der anderen Seite zu anzuklagen, stärke ich die Triebkräfte, die den Konflikt dem Tod hinterherlaufen lassen.

Sachlichkeit geht nicht als Folgeerscheinung aus der Parteilichkeit hervor. Wer die neue Rivalität zwischen den europäischen Nationen ablehnt, wird sich vielmehr die Frage stellen: Wie lässt sich, in uns, Hass in schöpferische Energie verwandeln? Wie können wir die Gewalt auf andere Ziele umlenken, sie für unser Handeln und Erkennen und für die soziale Ordnung nutzbar machen?

Sicher nicht durch Groll und Ressentiments im Meinungskampf, der den ukrainischen und den russischen Waffeneinsatz begleitet wie Schusswunden und Schmerzen. Das wahre, das friedliche Europa sucht sich eine neuen politische Klasse, die mit der enormen Macht der Waffenindustrien bricht. Das kommende Europa wird in einem Notwehrakt gegen die verbrauchten Eliten Leute an die Spitze der Regierungen und Parlamente setzen, die Rüstungsaktien aus den Spekulationspaketen an den Bösen aussortiert und die allen Gewerkschaften in unseren Ländern klar machen, dass Arbeitsplätze nicht um den Preis der Friedensgefährdung erhalten werden dürfen.

Bis dahin freilich lärmt die Enthirnungsmaschine in einem einzigen Akkord. Die Parteiischen behaupten mit einer Sprache der instrumentalisierten Vernunft ihren wahren Ort gefunden zu haben. Sie pantschen in anekdotischer Geschwätzigkeit im Blutschaum, weich und warm wie frische Rosen. Was Bröckers und Jerofejew verbreiten, erforscht den Konflikt nicht aus der Erfahrung eines ganzen Lebens, was diese Autoren bieten, ist weder das unerhörte Abenteuer der Dichter, noch die Skepsis der Denker.

Beide sagen sie im Grund dasselbe:: »Wenn meine Seite gewinnt, wird es bei euch ein neues Land geben. Wenn euere Armee gewinnt, wird es unser Land nicht mehr geben.« Die Teilung der Ukraine ist eine hochkniffelige und eine bitterernste Herausforderung unserer Zeit. Suchen Bröckers und Jerofejew händeringend, leidgeplagt und verzweifelt nach der richtigen Antwort? – Nein, das tun sie nicht. Sie braten ihre Würste im Weltenfeuer. Und das Schlachten geht pesthaft weiter.

 

Es gibt auch einen psychologischen Aspekt, der aufhorchen lassen sollte. Beide Herren berichten mit Freude und Lust, dass sie ihre »Kriegsberichterstattung« in den Kreis aufgeschlossener junger Frauen geführt hat. Bröckers fuhr nach seiner Kundgebungsteilnahme in Moskau auf Besuch in die 600 km entfernter Universität von Woronesch. Ein Foto zeigt ihn umzingelt von fünffach geballtem Charme junger Damen.

»Die jungen Leute sind klug, belesen und offen für alles Westliche, doch von den USA regiert werden wollen sie nicht«, berichtete Bröckers von der Begegnung. Er schwärmte von der Wichtigkeit der »direkten Gespräche in solch angespannten Zeiten« mit den Deutsch und Englisch Studierenden und liess es kräftig menscheln. Er habe in Woronesch erfahren, vertraute er uns an, »dass es nicht die Menschen sind, die die Welt manichäisch in Gut und Böse aufteilen, sondern die Politik …«

Auch Jerofejew zog es in den Kreis junger Damen, um das notwendige Sterben der jungen Männer zu begründen. Er debattierte beim Kolloquium ›Krieg und Frieden heute‹ an der Universität Lüneburg und berichtete von dort: »Es fand sich eine Gruppe von zwölf Teilnehmern aus vier Ländern zusammen: aus der Ukraine, aus Russland, Kasachstan und Deutschland – ein gefährlicher, explosiver Cocktail, möchte man meinen.«

Natürlich liess sich der explosive Cocktail in einen schmackhaften umwandeln und das Kolloquium als Modellfall einer wehrhaften demokratischen Harmonie darstellen. – Ist dieses gemeinsame Interesse der Kriegsautoren an der Weiblichkeit ein Zufall, oder doch ein Anklang an die griechische Tragödie?

Die Antwort darauf geben uns neuere Stellungnahmen der beiden Schriftsteller zum gewaltsamen Tod einer weiteren jungen Frau. Dass der Mord an der russischen Journalistin Darja Dugina in den gleichgeschaltenen Medien des Westen »eher achselzuckend wahrgenommen wird«, empörte Bröckers unverzüglich; es erschien ihm als ein potenziertes und überlagertes Problem, nämlich: a) als ein Zeichen für die Verrohung des geistigen Klimas, b) als ein Zeichen für das intellektuelle Abgleiten in dumpfe Freund/Feind-Schemen, c) als ein Zeichen für das manichäisches Gut/Böse-Denken, und d) als ein Zeichen für die »Zeitenwende«, die in den Krieg führt. 

Bröckers überhäufte also die tote Darja Dugina mit beschörerischen Zeichen und gravierte so ein vierfaches Menetekel auf denen Grabstein: geistige Verrohung, intellektuelle Verfeindung, Dämonisierung und Epochenbruch. Und warum tat er das? Er tat es, um die Emotionen des rachsüchtigen Vater zustimmend zitieren zu können.

Der ebenfalls zu jeder Übertreibung bereite exilierte Russe Jerofejew verfuhr genau umgekehrt, er beschrieb die rassistische Ideologie des grausamen Vaters, um ein Bild der Tochter als unschuldiges Opfer der eigenen Familie aufzubauen.

So funktioniert heute die Suggestion von gewalttätigen Worten, so teilt sich das Kriegsgeheul unablässig und wuchert in Spiegelungen, Verdrehungen und Verrohungen immer weiter. An den Kriegszwillingen Jerofejew und Bröckers kann man sehen, wie die grosse Enthirnungsmachine bis in die tiefsten Seelengründe hinein Lärm macht, um mit den Eingeweiden den Nächsten zu erschlagen.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: Julia von Vietinghoff (Ausschnitt), Westend Verlag

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/19/viktor-jerofejew-versus-mathias-broeckers/feed/ 0
Mathias Bröckers versus Viktor Jerofejew https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/15/mathias-broeckers-versus-viktor-jerofejew/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/15/mathias-broeckers-versus-viktor-jerofejew/#respond Thu, 15 Sep 2022 06:47:13 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3462 »Während der ganzen Geschichte der bewaffneten Gewalt wurde die Idee des Friedens in kleinen, politisch ohnmächtigen Sekten weitergereicht«, hat der deutsche Friedens- und Konfliktforscher Egbert Jahn vor vielen Jahren in einer Studien festgestellt. Die nackte Wahrheit, dass der Mensch sich an das Grässliche des Krieges wie an Marmelade gewöhnt, ist der Mehrheit einfach nicht zumutbar.

Genau diese Gewöhnung an das Töten aber erleben wir heute, wo jeder Holzkopf im Osten und im Westen meint, in der Ukraine mit militärischen Mitteln eine gerechte Sache ausfechten zu müssen.

Wenn kümmert’s, dass die Abrechnung dabei die Ungeborenen erhalten werden: die Generationen, die die Folgen der Erderwärmung aussitzen werden müssen, weil ihre Vorfahren über die staatlichen Zugehörigkeit ostukrainischer Landstriche im erbittertsten Streit lagen.

Zugegeben, das hässliche Befeuern des russisch-ukrainischen Blutvergiessens, das allgemeine Einverständnis mit dem Schädeleinschlagen hat hier wie dort selten etwas von einer Begeisterung, so unerfahren ist die Welt dann doch nicht mehr. Die Parteinahme für die eine oder die andere Armee, für Milizen, Waffenlieferanten und Verbündete, kommt – ausser bei den Grünen – mit gebremster moralischer Empörung daher, bei diesen aber als Maulpatriotismus der Menschenrechte und als Hassplauderei, und, obwohl langweilig, hyperagil.

Am liebsten verpuppen sich die neuen Heldenväter und -mütter als »Antikriegsbewegung«. Die Sprachrohre der Ukraine reden uns ein, dass Solidarität mit dem Kampf ihrer Armeen Kriegsgegnerschaft ist, und die russische Führung behauptet von der angestrebten »Entnazifizierung« der Ukraine dasselbe. So versucht der mordende Herdengeist den Schleier des Friedens über die eigenen Handlungen zu legen.

»Während der ganzen Geschichte der bewaffneten Gewalt wurde die Idee des Friedens in kleinen, politisch ohnmächtigen Sekten weitergereicht«. Wie wahr! Und die Stimme der Vernunft musste sich dabei immer gegen der falschen Behauptung der Kriegstreiber wehren, nur ein Siegfrieden der richten Seite könne den Massenmord wieder beenden.

Warum halten wir bisher, trotz sichtbarem Wohlstandsverlust, an der Strategie des fatalen Dreinschlagens fest? Weil dieser höllische Skandal für den Menschen auch einen spurbaren Vorteil hat. Die Ukrainekrieg befreit uns vom Blick auf die stumme Gewalt der Lebensverhältnisse, unter denen wir auch ohne ihn leben: die Ungleichheit der Besitzverhältnisse, die ungerechte Verteilung der Arbeit, das Klassensystem in der Gesundheitsversorgung, die Diskrimierung der Armen und Schwachen.

Wir sehen Tag für Tag, wie der europäische Mensch im Kriegslärm aufatmet, »Zeitenwende! Eine Reinigung!«, die Seele der nördliche Hemisphäre bebt geradezu vor neuer Glückseligkeit. Das sentimentale und abstrakte Weltverbessern – es hat jetzt mal ausgespielt! Die Klimakrise, die gerade noch die Jungen bewegte, wird für einseitigen Sanktionsmassnahmen der Nato- und der EU-Staaten gegen die Russische Föderation ausser Kraft gesetzt. Die Eliten der westlichen Industriestaaten hatten mit dem blitzartig vereinbarten Wirtschaftsboykott offenbar gar nicht sosehr die russischen Truppen im Auge, nein, sie disziplinieren damit den Angstgegner in der eigenen Bevölkerung: die jetzt schon Marginalisierten, die Sozialfälle, die Nichtgarantierten und die ihre Fäuste in der Tasche ballend in die erderwärmte Zukunft hinein spazierende junge Generation.

»Nie wieder Krieg!« heisst jetzt, man denke, den Blut- und Gewalthaufen richtig hoch auftürmen. »Jahrelang«, wenn es nach den Ex-Pazifisten der deutschen Bundesregierung geht. US-Statistiker schätzen vierzig- bis achtzigtausend gefallene junge russische Männer von Ende Februar bis zum Sommer; und die ukrainische Regierung bestätigt offiziell dreizehntausend tote ukrainische Männer. Was will man mehr! Zeitenwende! Das Blut gurgelt den Dnepr hinunter und färbt das Meer schwarz.

Seit dem Frühjahr frage ich mich, welcher Kultursparte wohl am wenigsten Rückgrat besitzt und das Kriegführen am lautesten bejubelt. Lange war ich mir sicher, dass die Musikbranche die verkommenste aller Kulturindustrien ist. Denn der Sieg der ukrainischen Soldatencombo beim Finale des Eurovision Sing Contest 2022 war sicher einer der grössten Triumphe der Kriegspropaganda, den die Geschichte der Menschen bisher gesehen hat. Vor den Augen der halben Welt holte sich die Kriegfurie den Massenbeifall mit dem geil zwischen traurigen Folkloretönen durchs Bild knatternden Sound des Maschinengewehrs ab und füllte den Musikern von Kalush Orchestra die Taschen.

Der Literaturbetrieb schien eine Zeit lang resistenter gegenüber dem Bellizismus zu sein; zumindest spielte der Krieg bei den diesjährigen Bachmann-Preis-Lesungen in Klagenfurt keine schädliche Rolle. Waren die Schreiberlinge sanftmütige Salonquietisten? Quetschten sie heimlich ihre Tränen in Papiertaschentücher?

Die Antwort ist: Nein. Schaut man genauer hin, stehen die aufgewühlten Äusserungen aus dem Literaturbetrieb der Musikbranche an Kriegstreiberei um nichts nach. Mit dem Stehsatz »Russland führt einen Angriffskrieg gegen Europa« befeuern die Schriftsteller*innen der Nato-Ländern hysterisch die Menschenschlächterei. Und mit der Behauptung, in der der Ukraine sei das Böse erwacht, antworten ihre russische Kollegg*innen auf die Gefahr eines drohenden Weltkriegs.

Die Notdurft der schreibenden Kriegsanwälte wird mitten in den Lagern der kämpfenden Parteien logischerweise am dringendsten. Aber muss sich denn jede Wortarbeiterin und jeder Literaturkünstler diesem Gezetter freiwillig anschliessen? Muss denn jeder Meinungsimpuls in den Gehirnen der schreibenden Klasse geteilt und das Gift auf allen Kanälen versprengt werden?

Der Hamburger Politik-Professors Bernd Greiner spricht von »Intellektuellen, die kraftmeiernd im Schützengraben ihren Ort gefunden haben«. Sehen wir uns zwei von jedem Bemühen um Differenzierung freie Fälle an. An den entgegen gesetzten Enden der Front entfalten zwei Erfolgsschriftsteller ohne bekannte sadistische Neigungen ihre Destruktivkräfte. Falls es noch Widerstand gegen den Krieg gibt, aufrichtige Gewaltgegnerschaft, so muss sie diese Parteinehmer scharf in den Blick nehmen, und nicht den Schlamm, den die Toten um die Füsse haben.

Viktor Jerofejew und Mathias Bröckers. Zwei Tastatur-Krieger, die einen Bestseller nach dem anderen auf den Buchmarkt werfen; zwei durchaus amüsante und flüssige Schreiber, geächtet von den jeweiligen Eliten ihrer Heimat; zwei Männer, die seit Jahrzehnten mit harten Schlägen gegen den Mainstream der veröffentlichten Meinung schwimmen – der eine heute in der vollständigen Emigration in Deutschland lebend, sein Kontrahent in halber Emigration in der Schweiz.

Beide sind sie u.a. Verfasser von Science-Fiction-Historien-Thrillern, zwei Kriegsbewegte, die vor dem totalen Rückfall der Gegenwart ins Steinzeitalter warnen und dafür der jeweils anderen Seite die Schuld geben. Zwei Polemiker, die zu Hause so intensiv das »Ideal der Schweineherde« (Albert Einstein) verurteilt haben, dass sie nun als politische Extremisten im Meinungskrieg dastehen: der Deutsche auf der Seite der russischen Sezessionisten und der Interventionstruppen der Russischen Förderation, und der Russe Jerofejew auf der Seite der regulären Armee der Restrepublik der Ukraine, ihrer neofaschistischen Milizen und der zahllosen Kriegsherren in Washington, London, Brüssel und den Hauptstädten des verratenen »Friedensprojekts Europa«.

Bröckers 1954 geboren in Limburg an der Lahn, Jerofejew 1957 in Moskau, Generationskollegen sozusagen, ewige Aufrührer, kommerziell geschickte Aufklärer und Revoluzzer, geprägt vom Antifaschismus der Goldenen Jahre während der Ost-West-Blockkonfrontation. Bröckers und Jerofjew, beide im Dauermodus des Widersprechens, Querdenkens und Gegeninformierens. Keine Freunde von leichtem Trasch, nein, zwei bellikose Autoren mit echten Stammleserschaft, der eine im Netz, der andere am Buchmarkt, Zeitdiagnostiker, Wahrheitssschnüffler, derenTexte von vielen für »kritisch« und »authentisch« gehalten werden.

Das Selbstbild der beiden Schriftsteller ist nicht das eines Kriegstreibers. Bröckers und Jerofjew sehen sich als mutige Intellektuelle im Zentrum der weltpolitischen Kommentarwelt, die versuchen, sich über die Situation in der Ukraine klar zu werden, Position zu beziehen, sich immer wieder ergänzend und präzisierend.

Ein alter Mann ist natürlich kein D-Zug, und die kriegslüsterne Rhetorik europäischer Politiker*innen kaum mehr zu toppen. Aussenministerin Baerbock will in dem Konflikt die »Knebel langfristiger Abhängigkeit« lösen und »die Flügel« des deutschen Bundesadlers über die Welt »ausbreiten«, als hätte es nie einen deutschen Imperialismus, den Nationalsozialismus und das Grossdeutsches Reich gegeben, das die Menschheit in einen verheerenden Weltkrieg geführt hat.

Wir haben es heute mit einer Politik zu tun, die ihre Aggressivität offenbar vom abgewählten US-Präsidenten Donald Trump gelernt hat, ein Auftreten, das sich in purer Radikalität gefällt und dabei jegliches Mass verliert. Gegen den Empörungsschwall aus den Regierungskreisen kommen Bröckers und Jerofejew nur mit Besserwissertum und jakobinischer Meinungskontrolle an. Sie behaupten, dem Feind des Guten die Fratze vom Leib reissen zu können und liefern als Himmelsfähnrich und Herrgottskutscher zusätzliche geistige Munition für den Totschlag in der Ukraine.

Zwei Schriftsteller, jeder pflegt sein Schwarz-Weiss-Bild der Lage, jeder entwickelt eine passende Widerstands- und Umsturzrhetorik; jeder feiert sein gelobtes Land, seine Siegernation und geniesst die grosszügige Gastfreundschaft der dort Herrschenden. Bröckers lässt sich als als dissidente Stimme Deutschlands vom Kreml umwerben, er folgte im Mai begeistert einer Einladung der Initiative ›Unsterbliches Regiment‹ nach Russland.

Jerofejew wird vom deutschen Establishment als der neue Solschenizyn hofiert und residiert als Gast, wie ein Foto zeigt, mit Familie komfortabel in einem Pavillon im schattigen Wald mit bodentiefen Flügeltüren. Dem schutzbedürfigen Kulturstiftungs-Stipendiat hat zunächst das brandenburgische Schloss Wiepersdorf (Teltow-Fläming), ein barockes Gutshaus mit Bibliothek und einem französischem Garten, als Exil gedient. Das feudales Fluchtdomizil verströmt schummrige Stimmung wie in einem Tschechow-Stück und liess sofort die Daumen hochfliegen.

Ich habe nichts gegen erfolgreiche Schriftstellerei, gegen feudales Wohnen, und auch nichts gegen geistreiche Predigten. Beide hier diskutierten Autoren sind kluge, hinterlistige und gewiefte Unterhaltungskünstler. Sie steuern das Tor des Ruhms mit den gleichen Möglichkeiten der Sprache an. Nichts anderes verlangt man ja von Literat*innen.

Doch Bröckers und Jerofejews Diagnose macht sie zu Gewalt-Apologeten, zu paravölkischen Nationalisten in der Amtstracht des freien Schriftstellers. Sie führen ein verbales Feuergefecht, inszenieren sich vor ihrem Lesepublikum als verfolgte Märtyrer der Meinungsfreiheit, verteufeln den Feind im Namen der »neuen unipolaren Weltordnung« respektive der »Zeitenwende«. Ihre Reden sind Feldpredigten, zuversichtlich, dass sich in der bestialischen Realität jeweils ihre Seite durchsetzen wird. Polyglott, russophil und antiamerikanisch der Pro-Russe Bröckers – kosmopolitisch, russophob und nordatlantisch der Pro-Ukrainer Jerofejew.

Bröckers übertönt die eigene Ohnmacht mit seiner Imperialismus-Analyse, in der am Ende immer Militärstrategen, Nachrichtendienstler und unermesslich reiche Ölscheichs das Brandmal tragen. Man fragt sich bei seinem Œuvre, warum die Welt nicht schon mal untergegangen ist. Seine wenig tiefschürfende Diagnose, der Kapitalismus und die Finstermänner der US-Nachrichtendienste seinen an allem und jeglichem Schuld, führt die Follower in eine bittere Hoffungslosigkeit, aus der ihnen nur noch mehr Querdenkertum heraushelfen kann.

Und Jerofejew? Der übertönt alle Zweifel am Kriegführen mit seiner Kulturalismus-These, wonach letztlich ein dummer russischer Hinterhof-Bengel den demokratischen Bürgerkrieg in einen apokalyptischen Völkerkrieg umzuwandeln versucht. Die irreführenden Meldungen seiner Gegenkommunikation erschaffen das Monster eines russischen Despotamien, dem gegenüber das ruhige und verlässliche Deutschland mit seinen Freunden in einer regelbasierten internationalen Ordnung eine Führungsrolle übernehmen soll.

Zwei alternde Herren also, Schreibtisch-Täter, grau schon, von denen jeder die Anwendung bewaffnete Gewalt für unvermeidlich hält, um das wahre Gesicht der Gegenwart unter der verlogene Schminke der Kultur und der Zivilisation zur Vorschein kommen zu lassen. Krampfartige und wahnwitzige Kriegsfalken, sage ich, parteiische Hirnkästen, gefährliche Gewaltologen, Scharfmacher gegenüber der trägen Masse, allerdings der eine für das eine und der andere für das andere Grab.

Sieht man vom Grundwiderspruch der Uniformfarben einmal, haben Blutstropfen in den russischen und den ukrainischen Adern ziemlich die gleiche Farbe. Sieht man vom Unterschied zwischen den Buchstaben Z und V ab, erhält man zwei intellektuelle Vorturner von Militärkonvois, Kampfhubschraubern und Explosionen. An ihrem mörderischen Gegensatz treten mehr Gemeinsamkeiten hervor, als Jerofejew und Bröckers lieb sein dürfte.

Beide Herren sind dem Kern der dunklen Kraft nahegekommen, in deren Schatten ihre Generation aufgewachsen war. Für beide hatte der Zweiten Weltkrieg mit seinen Gräueln und seinen Siegen immer in den Versionen ihrer Eltern gehört. Beiden wurde in jungen Jahren bewusst, dass ihre Generation die Last des Erinnerns irgendwie übernehmen musste. Sie verlangen, dass stabile, freie Nationen auf einem Fundament des vorsätzlichen Erinnerns errichtet sein müssen.

Und weil Jerofejew und Bröckers kluge Männer sind, achteten sie darauf, dass sie die Definition davon, was gute Literatur sein soll, nicht zu eng steckten. Gute Texte reissen bekanntlich Barrieren ein. In guten Texten können sich neue Ideen finden, eine grosse humane Vision, der sich alle anschliessen. »Wir sind erneut in eine Periode der Religionskriege eingetreten«, donnert jetzt der Russe. »Russland braucht Europa nicht, aber Europa braucht Russland«, echot der Deutsche zurück. »Deshalb kann es diesen wirtschaftlichen Krieg nur verlieren, so wie die Ukraine den militärischen Krieg verliert«.

Jeder in diesem öffentlichen Duell ist für den anderen ein Narr, der Frieden und Wohlstand blockiert. Bröckers vertraut der angeblichen russischen Armee-Übermacht, die trotz einem entsetzlichen Blutzoll bisher nicht einmal den Donbass erobern konnte. Putins Militärintervention ist ja trotz Überschallraketen und dem Schulterschluss mit China ein fortgesetztes Desaster! Er hat alle Nato-Niederlagen der letzten Jahre, insbesondere Afghanistan, vergessen gemacht, er hat zwei Nachbarstaaten aus der neutralen Zone vertrieben, die solidesten Absatzmärkte seiner Energieproduktion verloren, die Schwäche der russischen Armee offenbart, Hochgebildete ins Ausland verjagd und mehr Menschen ins Gefängnis geworfen als die nachstalinistischen Staatschefs der Sowjetunion.

Jerofejews Parteinahme für die von Nato und EU bewaffnete, entschuldete und alimentierte Ukraine ist keinen Deut ehrenwerter. Jerofejews verfügt über keine Netzgemeinde ausserhalb Russlands. Als Demokratie-Bellizist versucht er deshalb die Gebildetenrepublik Deutschland auf Zeitungspapier aufzurütteln, und dabei ist ihm praktisch jedes Argument gegen die russische Kriegspartei recht. Dem »Kremlherrscher Putin« wirft er Zynismus und Empathielosigkeit vor. Der Präsident sei als junger Mann vom Sowjetgeheimdienst KGB aus einem Leningrader Hinterhof gefischt und zum tötungsbereiten Krieger geformt worden.

Putin ist für diesen Nato-Versteher ein »erfolgreicher Gopnik«. Das Wort kommt von der Abkürzung GOP (Städtische Wohnheime des Proletariats) und bezeichnet einen kriminellen Halbstarken aus der russischen Unterschicht. »Dreifach bereit zum Siegen, entwickelte Putin aus seinem Leben heraus das Gesetz des Krieges« – Solche Schmalzlocken liest man in den jüngsten Veröffentlichungen des emigrierten russischen Romanciers.

Trotzdem oder gerade darum wird Jerofejew heuer auf der Liste der Nobelpreis-Kandidaten aufscheinen. Seine Lust am kollektiven Triebdurchbruch, der schriftstellerische Jubel über den neuen »gerechten Krieg«, kommt bei den Vermächtnis-Vollstreckern jenes schwedischen Milliardärs, der mit Dynamit sein Vermögen gemacht hat, sicher am besten an.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: W. Koch (Ausschnitt), Julia von Vietinghoff

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/15/mathias-broeckers-versus-viktor-jerofejew/feed/ 0
Der Küchenkatholizismus des Philosophen Michel Serres https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/11/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/11/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres-2/#comments Sun, 11 Sep 2022 12:33:15 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3541 Im Nachlasswerk ›Relire le relié‹ von Michel Serres, deutsch unter dem Titel ›Das Verbindende‹ bei Suhrkamp erschienen, stehen glänzende Formulierungen im Vokabular der Wärmelehre. »Alles Seiende kämpft gegen die Entropie; jedes Existierende widersteht ihr auf je eigene Weise«. Sprache galt diesem Autor »als die besten und die schlimmste Sache der Welt«. Zugleich polemisierte er gegen die neuen Sozialmaschinen, das heisst gegen den neuen real-virtuellen Status der Medienbilder und was dieser in den Seelen anrichtet. Die Medien, meinte Serres, reissen die Zeremonien an sich und verhexen die Massen.

In der »verbrecherischen Ideologie« des Nationalsozialismus erkannte der französische Philosoph einen Abstieg »von der spirituellen zur weltlichen Macht«. – Das sind nun schon vier Zumutungen für den faulen Menschenverstand. Aber der Serres wollte mit seinem Denken in langsamer, schmerzhafter Arbeit auf das Ganze unseres Lebens und das unserer Kinder hinaus. Dabei spielten nicht etwa die Leistungen der Philosophie, sondern die christliche Heilsbotschaft in seiner privaten Auslegung die Hauptrolle.

Ich habe grundsätzlich ja nichts gegen die Neuinterpretationen sakraler Texte. Warum auch? Sie gehören den Theolog*innen und Schriftgelehrten so wenig wie das Symbol des Kreuzes oder das Flammenzeichen den Kirchen gehört. Ich habe nichts dagegen, die Obstsammlerin Eva aus der Paradiesgeschichte zur Schutzpatronin des Veganismus zu erklären. Mit dem verbotenen Apfel im Buch Genesis hat das Volk Israel das Menschenopfer verworfen und die göttliche Botschaft landete moralisch auf einer Ebene mit dem europäischen Stierkampf.

Die Christenheit ging dann ernährungstechnisch einen Schritt weiter und hat schliesslich in der Jona-Geschichte (Matt. 8.23f) auch das Tieropfer überwunden. »Der Fisch rettet den Menschen, ohne selbst zu sterben«, insistiert Serres auf diese Opferbefreiung. Der obdachlose Menschensohn Jesus vertrieb dann die Händler*innen von Opfertieren aus dem Tempel. Bis heute sind es zwei pflanzliche Produkte, Hostie und Wein, die in der Eucharestie zu Fleisch und Blut werden. Das will für das moderne Veganertum doch bitte was heissen!

Und dann erst die Universalität der christlichen Verkündigung, die sich bekanntlich an alle und jede im Erdkreis richtet – da siegt Jesus über Hegel, erklärt Serres begeistert. Die Heilige Familie deutet er als Überwindung der auf Abstammungslinien begründete Gesellschaften; das Lebensmodell, in dem der Sohn nicht der Sohn und der Vater nicht der Vater ist, sondern beide etwas anderes, dekonstruiert die für natürlich gehaltene Blutsverwandtschaft. Folgerichtig gründet der Aufstieg der christlichen Zivilisation für Serres denn auch auf den im Römischen Recht entwickelten Standpunkt der Adoption.

Ich lese solche Darlegungen gerne und habe auch nichts dagegen, wenn ein Essayist gelegentlich mit zweifelhaften Weisheiten um sich wirft, sofern das Gros des Gesagten stringent und originell bleibt. In ›Das Verbindende‹ gibt es einiges Unverbundenes und Gewagtes, Haarsträubendes möglicherweise. Zum Beispiel: »Der Frieden besteht darin, das Schwert niemals anzurühren«, »Das Loch in der Horizontalen ist es, in dem das Vertikale sich auftut«, »Gewalt übt als dunkle Seite der Energie universale Herrschaft über uns aus«.

Doch sich philosophisch verbreitern, auf ungeschulte Leser*innen zugehen, heisst nun Mal nicht Fusswaschungen zu veranstalten, sondern freundlich ein Lesepublikum zu betören, um es dann mit einem Eimer eiskalten Wassers zu überschütten.

Serres hat in seinen lebenslangen privaten Meditationen eine Menge riskiert, er wagte neue Zungen und Sprachen, er demaskierte das masslose Besserwissertum durch geduldiges Beharren auf seinen Überlegungen. Freilich hat die »existenzielle Synthese« bei einem Publizisten, der sich jahrzehntelang intensiv mit den exakten Wissenschaften beschäftigt hat, nicht nur einen melancholischen, sondern eben auch einen resignativen Zug.

Serres suchte, wie wir jetzt sagen können, sein Erwachsenenleben lang nach einer christlichen Neuordnung des Symbolischen: weder natürlich noch kulturell und formal sollte es sein, sondern etwas Drittes. Er sah im Dogma der Unbefleckten Empfängnis und der mütterlichen Jüngfräulichkeit ein notwendiges Gegengewicht zum Mysterium der nicht minder unglaublichen männlichen Dreifaltigkeit.

»Jener philosophischen Totalität, an der ich, ohne es zu ahnen, gearbeitet habe, fehlten also Religion und Politik«, bilanzierte der Sinnsucher sein eigenes Schaffen. Ein anderer französischer Philosoph, Gilbert Simondon, hat in seiner Dissertation »Du mode d’existece des objects techniques / Die Existenzweisen technischer Objekte‹ 1958 ein Denkmodell vorgestellt, in dem einander nicht die drei universalen Netze Ökonomie – Wissenschaft – Sprache gegenüber stehen und durch die Ganzheitsfunktion der Religion verbunden werden. Simondon unterschied zwei getrennte Sphären: das technische und das religiöse Denken, die technische Objektivation und die religiöse Subjektivation, die durch die Ökumene der Kunst magisch und durch die Erkenntnisoperationen der Philosophie begrifflich überbrückt werden.

Diese Anordnung der Realitätsmodi räumt der Ästhetik einen viel höheren Stellenwert ein als Serres, der nur im Empfinden von Musik Ähnliches erfahren hat wie durch den wiederauferstandenen Christus: eine Erspüren des eigenen Vitualitätskerns, verstanden als wesensgemässe Ausrichtung seiner Tugenden. »Jesus war zweifellos der reinste Mensch der Weltgeschichte«, lässt Serres uns wissen, und: »Durch die Freude des Lobens und Preisens wird die Seele weit«.

Das reflexive Denken identifiziert Serres mit einem sezierenden Rationalismus, welcher blind ist für Ethik und Moral, ja schlimmer noch, dessen strenger intra-exogener Charakter habe zur schuldhaften Konstruktion und der Anwendung der Atombombe 1945 geführt. Hier zeigt sich, dass Serres tatsächlich das historische Verständnis politischer Vorgänge abging, zu denen eben auch das militärische Kalkül zählt, durch eine begrenzte und abschreckende Zahl von Tötungen einen langen Krieg und eine noch viel grössere Zahl von Tötungen zu verhindern.

Serres wünschte sich zur Lösung der irdischen Probleme das Palaver »divergenter Meinungen unter dem sanften Einfluss eines Vereinfachers«. – Diese Art von Expertisentum, fürchte ich, haben wir schon zur Genüge. In der Politik nennen wir sie Populismus.

Simondons Diskussion der »Grund-Wirklichkeiten« war deutlich ausgewogener und dynamischer. Er vermittelte ein tieferes Verständnis der technischen Welt und gestand Kunst und Philosophie das zentralen Momentum des Verbindenden zu. Simondon betraute die Epistemologie mit jener Aufgabe zu, die der Ontologie vom Philosophenmosaik in Neapel bis herauf zu Peter Sloterdijks Sphären-Triologie zugeschrieben worden ist: nämlich eine Relation im Allgemeinen herzustellen, die Gesamtheit aller möglichen Verbindungen aufzuzeigen, eine Beziehung des Seienden zum Ganzen bzw. eine Relation des Lebenden zum Sein aufzubauen.

Für den jungen Simondon hatte die religiöse Geste schlicht die natürliche Welt und die menschliche Welt fortgesetzt. Aber erst die ästhetische Impression im religiösen Denken, so dachte er, würde den Samen der Biogée, die alle Grundkräfte und Grundeigenschaften des Universums enthält, aufkeimen lassen.

Das lag eigentlich nicht weit weg von dem Serres’schen Finalwerk, nach dessen Schilderungen der kognitiven Dualismus aus Körper und Geist mittels Musik und Religion überwunden werden kann. Doch für Serres führten nur diese beiden Dinge zu einer anderen Totalität und einer subjektiven Synthese. Philosophie, bildende und darstellende Künste ergattern keinen Platz mehr in seinem mit Weihrauch vernebelten Andachtsraum.

Alles löst sich bei Serres auf in einem ruhebedürftigen religiösen Begehren. Er gesteht der Philosophie keine Kraft des Entkommens mehr zu in der fortgesetzten und nie abgeschlossenen »Koordination von Zweifel und Beweis«, wie das Max Bense formuliert hat. Nur Klangkunst und Gebet vereinen das Subjektive des Körpers und der Seele; nur sie sind es, die am wenigsten Modifikationen des intersubjektiven System voraussetzen.

Zuguterletzt scheint es bei vielen Denker*innen des Millenniums und der Gegenwart darum zu gehen, wieviel Realitätsvermögen sie dem Denken zutrauen. Wir wollen selbstbehauptend wissen, in welcher Modalität wir existieren, wenn wir unser Dasein gründlich ergründen, also ob das gründliche Denken schon wertvoll genug ist für das Individuum und das Kollektiv, und ob wir im Umkehrschluss auf sensualistische Verbindungen innerhalb der technischen Welt verzichten können oder eben nicht.

Serres hat mit dem Versuch einer Synthese seines immensen philosophischen Werks viel riskiert. Er machte sich Pascal zum Bruder und René Girad zum Kumpel. Er wünschte sich Zeremonien im Kollektiv zurück, die als Filter gegen das Unechte fungieren. Er galvanisierte im Gebilde des Denkens die römisch-katholische Glaubensrichtung ohne Sympathien für den theologischen Diskurs zu »einem Mono-Polytheismus, einer Synthese zwischen der gewöhnlichen Religion des Sozialen und der ungewöhnlichen der Propheten, zwischen Anthropologie und Mystizismus«.

Es ist diesem herausragenden Mann offenbar eine emotionale Abkühlung seiner geistigen Existenz gelungen; Serres hat die erlebte Erfahrung einer Pilgerfahrt gewonnen vor dem gefährlichen Sprung in die Auferstehung. Sein letzter Satz beim Abschied von der Erde: »In der mystischen Ekstase, die in allen Religionen gegenwärtig und wirksam, also universal ist, erfüllt die Gegenwart Gottes und des Göttlichen diejenigen, die sie erleben, mit einer souveränen, vollkommenen, friedlichen, mit einer von allem Bösen erlösten, begnadeten Freude«.

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: Český Krumlov, Weinbergkirche

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/11/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres-2/feed/ 1
Der Küchenkatholizismus des Philosophen Michel Serres https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/06/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/06/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres/#comments Tue, 06 Sep 2022 07:36:38 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3537 Der Wiener Philosoph Walter Seitter hat im dritten Corona-Jahr ein Werk des 2019 verstorbenen Philosophen Michel Serres zu seiner Sommerlektüre gewählt, und zwar dessen Kommentarnachschrift zum Hauptwerk des römischen Dichter-Philosophen Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez. Das 240-Seiten-Werk ›La naissance de la physique dans le texte de Lucrèce. Fleuves et turbulences‹ ist 1977 in Paris erschienen, doch Seitter übersetzt das Werk nicht einfach, sondern präsentiert seinen Inhalt in einem Schwall von Metakommentaren, in Fussnoten zu Fussnoten, so dass wir zwar Vernunftbegabten, aber Mindergebildeten schon nach wenigen Absätzen nur mehr Bahnhof verstehen.

Diese Ermattung ist ausgesprochen schade, denn Michel Serres zählte zu den Stimmen der jüngsten Vergangenheit, die mit einer geradezu aristotelischen Geduld und Klarheit gesprochen und geschrieben haben. Posthum ist vor zwei Jahren in Frankreich und nunmehr auch in deutscher Übersetzung bei Suhrkamp eine merkwürdige Bilanzschrift seines Leben erschienen. Die darin entfaltete Diskussion scheint mir wert, in groben Zügen nachgezeichnet zu werden, damit sie eine neugierige Leserschaft findet.

Ganze 74 Jahre lang, von 1945 in Agen bis 2019 in Vincennes, hat Serres neben seiner breiten Tätigkeit als Sorbonne-Professor, Theorieautor und Herausgeber an diesem stillen Destillat seiner Lebensauffassungen gearbeitet. Er rezyklierte wieder und wieder Abschnitte von meist nicht mehr als zwei Seiten, um die Hotspots und Scheitelpunkte seines Denkens möglichst plastisch darzustellen. Herausgekommen ist dabei etwas, was man bei dem Kommunikationstheoretiker und Stichwortgeber der Systemtheorie kaum vermutet hätte: das Brevier eines Küchenkatholizismus, der sich nie in Radikalität gefällt und in jederlei Hinsicht nach Mass im Denken und Fühlen sucht.

Zum Auftakt des Buches stimmt Serres der Altertumstheorie von Ernst Renan zu, wonach das »Griechische Wunder« der europäischen Zivilisation, und damit unser Krisenbewusstsein und unsere Sozialstruktur, aus drei unsterblichen Erfindungen hervorgegangen ist. Gemeint sind die Donnerschläge von drei virtuellen Welten: nämlich a) des Geldes, das bei den Griechen Vertrauen in Tauschakte schuf, b) der Mathematik, die das kognitive Potential zur geometrischen Idealität gedrängt hat, und c) die Übernahme des Basisalphabets von den Phönizier*innen, das in Griechenland zur schriftsprachlichen Konvention wurde.

In allen drei Fällen, betont Serres, triumphierte die Virtualität über das Aktuelle, ja, dem Lichtherd des Virtuellen – unserem Leben im Imaginären – entspringe überhaupt alle Macht und alles Wissen.

Im nächsten Schritt schliesst sich Serres Jaspers‘ bekannter Hypothese von der welthistorischen Achsenzeit an und fügt den drei griechischen Wundern die Religion als das alles verbindende Element der sozialen Kosmologie hinzu. Wir globalisierte Menschen des Westens leben nach dieser Auffassung eingebettet in vier universale Netze – Geld, Wissenschaft, Sprache, Religion –, die alle gemeinsam haben, dass sie sich durch Teilung und Zerfall ausbreiten.

Dann beginnt Serres Religion und Wissenschaft zu vergleichen. Diese beiden Sphären bilden als kulturelle Konfigurationen parallele Hierarchien heraus. An der Spitze etwa entspricht der Kardinal dem Minister oder Rektor, zuunterst der Mönch dem Forscher. Das Thema der Entropie in der religiösen Sphäre entspricht makrogeschichtlich der Stille in den exakten Wissenschaften, und die Bearbeitung der Energie auf der einen Seite entspricht der Bearbeitung der Information auf der anderen.

»Jedes System«, so Serres, »stirbt an Entropie und überlebt durch Information, die über fast keine Macht, aber durch ihre Knappheit über umso grössere Dichte verfügt«. An diesem Punkt trifft der Kenntnisstand fachwissenschaftlicher Curricula offenbar auf einen Nachholbedarf an lebensweltlicher Information. Aus den Theorien, die sich auf grosse Zeiträume beziehen, schält Serres in kreisenden Bewegungen sein konkretes Interesse am praktischen Leben.

Der Autor treibt die weltgeschichtlichen Skizzen hinein in die Unterscheidung von Denkstilen, was ihm als notwendige Vorbedingung einer Wiederaneignung von Geschichte und als Vorbedingung selbstbewusster Zukunftsgestaltung erscheint. Dabei gelangt er zu einer verblüffenden Unterscheidung von Stadt und Land.

Dem städtischen Denkstil rechnet der Franzose König Ödipus, Sokrates, Paulus, Augustinus und Karl Marx zu; sie alle sind eng mit den Sozial- und Geisteswissenschaften verbunden. Dem ländlichen Denkstil hingegen repräsentieren andere grosse Namen: Jesus, Franziskus, Spinoza, La Fontaine und der Historiker Jules Michelet; ihnen stehen die harten Wissenchaften näher.

»Die Frohe Botschaft erreicht uns nicht aus den Städten«, sagt Serres. Die Stadt glaube nämlich nur an das vom Menschen Erschaffene. »Die Inkarnation, die Menschwerdung kommt aus der Erde, als Lehm und Humus verstanden«. Nur die Antworten der ruralen Fraktion auf die Problemwurzeln ihrer Zeit und ihrer Fächer seien aus den chthonischen Tiefen gedrungen, zwischen Höllen- und Himmelsfeuer, betont Serres.

Hat nicht Norman O. Brown, der Spiritus rector der Hippie-Bewegung, in den 1960er-Jahren unter Bezugnahme auf Nietzsche ganz ähnlich argumentiert? Klingt Browns »Hic Rhodus, hic salta!« nicht wie Serres‘ »Ich gerate in Ekstase, also bin ich«? Lodert das alchymische Feuer der Verschmeldung nicht in derselben Opferschale?

Nein, das tut es nicht. Serres war kein wilder Psychoanalytiker, der gegen das Realitätsprinzip und die Genitalorgansiation antrat. Wir erleben ihn in seiner goldgeprägter Nachlassschrift allerdings als einem analytischen Kopf, der auf eine Kompatibilität zwischen der Aktualität und der Virtualität durch religiöse Hingabe besteht. Nach den Darlegungen seiner Kultur- und Zeittheorien von den drei griechischen Wundern, den vier universalen Netzen, der Stadt-Land-Dichotomie und der zeitphilosophischen Differenzierung von Dauer, Rhythmus und Tempo gibt es für den Pfingstler kein Halten mehr.

Serres interpretiert die Epiphanie in der christlichen Stunde der Krippengeburt (»die Religionen entstehen nachts, unter den Sternen, bei den Hirten«), er beschreibt Jesus und seine zwölf Jünger als »dreizehn Obdachlose«, er zimmert in bester Laune am christlichen Gottestempel: Indem der Kirchenbau für die Gläubigen einen in Realpräsenz anwesenden Körper und ein ebensolches anwesenden Blut beherbergt, sagt er, sammelt sich hier »das ganze, ungeheure Universum der göttlichen Abwesenheit«.

Wir entnehmen dem Serres’schen Vermächtnis, dass allein die Religion noch zurück an die Grosse Erzählung der Welt bindet, und wir hören, dass allein die Dritte Welt heute noch das Christentum versteht. Serres wünschte sich ein existenzielles Verhalten, eine glückliche Selbstauffassung, einen ursprünglichen Weltbezug des Menschen im Ritus. Es soll weder emotional noch rational und formal sein, oder im Gegenteil beides.

Serres polemisiert gegen »die soziomediale Vergöttlichungsmaschinerie des Monotheismus«. Der Katholizismus seine Kindheit sei da aus ganz anderem Holz geschnitzt gewesen. Man müsse doch nur genau hinhören: Der Geist des Herrn und der Friede im Erdkreis liege in der anthropologischen Milde des Trinitätsglaubens und des Heiligenkults nicht weit vom Polytheismus entfernt.

© Wolfgang Koch 2022

Fotos: Weinbergkirche, Český Krumlov

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/09/06/der-kuechenkatholizismus-des-philosophen-michel-serres/feed/ 1
Arbeiter, die nicht sprechen https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/18/arbeiter-die-nicht-sprechen-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/18/arbeiter-die-nicht-sprechen-2/#respond Thu, 18 Aug 2022 18:04:12 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3420 Über Nacht ist an der Fassade des frisch renovierten Georg-Emmerling-Hofs – benannt nach einem verdienten sozialdemokratischen Vizebürgermeister – ein großes Loch entstanden. Die Täter sind auch zu sehen: zwei Arbeiter, einer hammerschwingend, der andere rastend. Man kann auch dies auf unterschiedliche Weise interpretieren: Der Zerstörungsakt könnte als Metapher auf einen sozialen Wohnbau gelesen werden, der seinen eigenen Ansprüchen nicht mehr gerecht werden kann oder als Kritik an den ständig steigenden Mietpreisen, die eine menschenwürdige Existenz für viele ins Reich der Unmöglichkeit verbannen.

Auch die Tatsache, dass der Geist im Gemeindebau in den Jahren des Rechtsaufschwunges sich ebenfalls dorthin orientiert hat und der sozialdemokratische Spirit mit dem Vorschlaghammer zertrümmert wurde, könnte im ästhetischen Hintergrund der Arbeit mitschwingen. Aber wie gesagt: Die Werke von Steinbrener/Dempf & Huber sind ja kein Agitprop-Arbeiten mit der Absicht, die Betrachter auf welche Weise auch immer, zu indoktrinieren, sondern offene Deutungsangebote, die sich in bestimmte Gestaltungstraditionen, vor allem, was Werke im öffentlichen Raum betrifft, einschreiben und sie gleichzeitig ad absurdum führen, respektive sie subversiv unterminieren.

Deshalb ein kurzer Blick auf die Art und Weise, wie das Werk hergestellt wurde. Die Künstler haben mich belehrt, dass es sich bei ›Themroc‹ nicht um ein Relief handelt, sondern um eine sogenannte Halbplastik – ein Begriff, der mir bislang unbekannt war. Ein klassisches Relief ist übrigens direkt darunter zu sehen. Die Figuren sind im Stil jenes Sozialistischen Realismus hergestellt, der die Epoche des Stalinismus künstlerisch definierte, und wurden, zumindest, was die Grundform betrifft, von ungarischen Bildhauern hergestellt, die noch einschlägige Ausbildungen genossen haben. Wobei Steinbrener/Dempf & Huber betonen, dass sie die Oberflächen noch nachbehandelt und dem aktuellen Verputz angepasst haben.

Wir haben es dabei, und hier begebe ich mich weit hinaus aus meiner handwerklichen Komfortzone,mit einem sogenannten Silikon-Kratzputz zu tun. Die Betonung von professioneller Expertise kommt nicht von ungefähr, denn das Handwerkliche spielt in den Arbeiten dieser Künstler seit jeher eine grosse Rolle. Und im Lauf der Jahre, man kann fast schon sagen: der Jahrzehnte, hat sich rund um den kreativen Kern ein ganzes Netzwerk von beruflichen Können gebildet, ohne das ein Grossteil der künstlerischen Visionen gar nicht umsetzbar wären.

Im Falle von ›Cliffhanger‹ beispielsweise arbeitete man mit Industriekletterern zusammen, die in der Lage waren, in grosser Höhe und unter schwierigen Bedingungen Montagearbeiten zu leisten. Im Falle von ›Themroc‹ nun war es das Bauunternehmen Obenauf, das mit Trost, Rat und Tat zur Seite stand.

So kann man aktuell sagen: Es ist vollbracht. ›Themroc‹ ist, nach ›Sign of the Times‹ an der Fassade des Hotels Intercontinental, wieder eine grosse Arbeit an einem zentralen Ort der Stadt. So viel ich weiss, soll sie längere Zeit an diesem Ort verweilen – zur Freude oder zum Ärger von Passantinnen und Passanten. Und mit welcher semantischen Energie sie sich auflädt in politischen Umbruchszeiten wie diesen, wo man nicht wissen kann, welche Razzia am nächsten Tag stattfinden wird, und wer mit Handschellen ins graue Haus wandert, bleibt abzuwarten.

Am Donaukanal kann das offene Kunstwerk situationselastisch sein. Und man darf möglicherweise darauf hoffen, dass ein Befund der Band Attwenger, den Steinbrener/Dempf & Huber zum Pressematerial gegeben haben, bald nicht mehr stimmt:

(…) Proleten und Proletinnen jeglichen Geschlechts

Früher habts die Linken gwählt und jetzt wählts ihr rechts

 

© Thomas Miessgang 2021

Fotos (teils Auschnitte): Steinbrener/Dempf & Huber

Steinbrener/Dempf & Huber – Themroc, Georg-Emmerling Hof, 1020 Wien, Obere Donaustraße 97–99

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/18/arbeiter-die-nicht-sprechen-2/feed/ 0
Arbeiter, die nicht sprechen https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/12/arbeiter-die-nicht-sprechen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/12/arbeiter-die-nicht-sprechen/#respond Fri, 12 Aug 2022 10:03:54 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3416 Der Bildhauer Christoph Steinbrener und der Fotograf Rainer Dempf sind Gilbert & George von Wien, genau: die beiden waren jahrelang Gilbert & George an der blauen Donau, denn seit das Duo den Architekten Martin Huber mit ins Narrenschiff geholt hat, feiert nun ein Kunstkollektiv augenzwinkernd die ästhetischen Absurditäten unserer konsum- und leistungsorientieren Gesellschaft.

Das gewitzte Herrentrio hat sich mit stark intellektualisierter Kunst über Wien hinaus einen Namen gemacht. Vor allem Bezüge zum verglühenden Kometen des Arthouse-Kinos sind bei ihnen beliebt. Erkenntnis gilt SDH nicht als einmaliger Akt, sie ist kein Katalog fixierter Sätze, die sinnflexiblen Intenventionen sind ein mehrsträhniger, verzweigter Prozess, im öffentlichen Raum als Aktion oft zeitlich beschränkt, aber durch sorgfältige Dokumentation im Grund ohne Abschluss und Ende.

Das Kollektiv kooperiert eng mit Museen, Freizeitinstitutionen und Unternehmen, es trampelt gekonnt auf den Wünschen von Veranstaltern herum und tritt die Träume des Publikums mit Füssen. Als Meisterstück von SDH gilt bis heute das 2005 in der Wiener Neubaugasse ausgeführte Mega-Projekt ›Delete!‹, bei dem die Künstler eine im deutschen Sprachraum wenig bekannte Praxis des bulgarisch-amerikanischen Künstlers Christo mit einer ganz neuen Intention kopiert hat.

Der im Vorjahr verstorbene Land-Art- und Objektkünstler Christo war seit den 1960er-Jahren weltweit für die aktionistische Technik monumentaler Verhüllungen (Wrapping) bekannt. Doch Christo praktizierte gemeinsam mit seiner Partnerin Jean-Claude auch andere Techniken, um zu einer ästhetischen Erfahrung oder zu jenem berühmten Kreis aus Kreisen zu gelangen, den wir Kunst nennen, nämlich: Aufhängen, Bedecken, Bemanteln, Beschirmen, Stapeln, Überdecken, Umkleiden, Umkränzen, Umschnüren, Verankern und Verhängen.

Die Wiener Künstler variierten 2005 speziell Christos Verhängen von Schaufensterflächen zur »Entschriftlichung des öffentlichen Raumes«. Sie bedeckten und überklebten alle kommerziellen Zeichen wie Geschäftsschilder oder Werbeplakate mit gelben Papieren und Folien in der Neubaugasse, was einen absolut spektakulären Effekt ergab und die mittlerweile zur Begegnungszone umgemodelte Einkaufsstrasse in einem neuen, humaneren Licht erscheinen liess.

Im letzten Herbst widmeten sich SDH dem Donaukanal-Gelände vor dem Schwedenplatz, einer stadtplanerisch chaotischen Zone mit viel Geschichte, Kommerz und Tourismus, aber auch mit einem flachen Abstraktionsniveau, da in dieser urbanen Landschaft alle sympathischen Impulse des Lebens vom rauen Verkehr auf Wasser, Strasse und Schiene drangsaliert werden.

Da die Fragen zu ihrem neuen Werk auf der Fassade des Georg-Emmerling-Hofs bis heute nicht abreissen und die Austrian Guides ohne jedes Schuldgefühle ihre Fantasie zu dem ironischen Werk sprudeln lassen, dokumentieren wir im Folgenden die Hinführung zu der Arbeit aus der Feder des bekannten österreichischen Kunst- und Musikpublizisten Thomas Miessgang:

Steinbrener, Dempf & Huber, soviel muss geoffenbart werden, gehören seit Jahren zu meinem erweiterten sozialen und beruflichen Umfeld. Zuletzt habe ich in einem ZEIT-Artikel über ihre Installation ›Cliffhanger‹ geschrieben, die bis vor kurzem oder möglicherweise immer noch in den Ötschergräben zu sehen war / ist: Ein Touristen-Informationshäuschen, das so hoch in einer Felswand steht, dass es nur zu erreichen ist, wenn man entweder mit Bergsteigerausrüstung hinaufsteigt oder sich von oben abseilt.

Ich schrieb zur Eröffnung 2020: »Durch die Platzierung eines Informationsbüros an unwegsamer Stelle wird dessen Defunktionalisierung eklatant – so entsteht im günstigsten Falle ein Erkenntnisschock«. Zum Beispiel, indem ein ständig wachsender Overtourism Naturschönheiten und die Intaktheit der Umwelt mehr gefährdet als ein in einer Felswand platziertes Kunstwerk, das teilweise ja heftig kritisiert wurde.

Ähnlich wie ›Cliffhanger‹ funktionieren auch viele andere Projekte von Steinbrener/Dempf & Huber: Sie bieten auf den ersten Blick Schauwerte und provozieren bei genauerem Hinsehen Fragen, die sich meist nicht so leicht beantworten lassen. Es ist ja ein Qualitätsausweis guter Kunstwerke, dass sie keine einfachen Botschaften transportieren, sondern eine Vielzahl von Interpretationen und Deutungsmöglichkeiten anbieten und trotzdem in ihrer Erscheinung sehr klar und einfach sind – womit ich nicht gegen unklare und komplizierte Kunstwerke gesagt haben möchte.

Nun also ›Themroc‹, ein Werk, das sich auf den gleichnamigen Film von Claude Faraldo mit Michel Piccoli aus dem Jahr 1973 bezieht. Wer die Geschichte nicht mehr in Erinnerung hat: Dem Anstreicher Themroc reisst der Geduldsfaden, nachdem er von seinem Chef zusammengestaucht worden ist. Er mauert kurzerhand die Tür seiner Pariser Wohnung zu, zerlegt mit dem Vorschlaghammer die Aussenwand, zerrt sich die Klamotten vom Leib, wirft das Mobiliar auf die Strasse und beginnt seine nächste Lebensphase als kannibalistischer Höhlenmensch, für den auch Inzest mit der eigenen Schwester kein Tabu mehr ist.

Das Beispiel des rebellischen Arbeiters macht in dem Film Schule: Bald grölt, stöhnt und grunzt es überall in Paris – Regression als Möglichkeit der Revolution. Der im süssen Geist der Anarchie der Post-68er-Epoche entstandene Streifen gibt die visuelle Leitmotivik für das Werk von Steinbrener/Dempf & Huber vor.

© Thomas Miessgang 2021

Fotos (teils Auschnitte): Steinbrener/Dempf & Huber

Steinbrener/Dempf & Huber – Themroc, Georg-Emmerling Hof, 1020 Wien, Obere Donaustraße 97–99

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/08/12/arbeiter-die-nicht-sprechen/feed/ 0
Der Geist reinigt sich vom Bewusstsein des Fleisches https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/23/der-geist-reinigt-sich-vom-bewusstsein-des-fleisches/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/23/der-geist-reinigt-sich-vom-bewusstsein-des-fleisches/#respond Sat, 23 Jul 2022 07:27:28 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3477 Vierzig Jahre vor seinem Tod am Ostermontag 2022 gab der österreichische Universalkünstler Hermann Nitsch unter dem Titel ›die wortdichtung‹ eine Sammlung von Texten in Druck, an denen sich Sinn und Gehalt seines heiter-dramatischen Sechstagspiels leichter erklären lassen, als anhand von Filmdokumenten oder den am internationalen Kunstmarkt mittlerweile mit Gold aufgewogenen Aktionsrelikten.

»Der Geist reinigt sich vom Bewusstsein des Fleisches, reinigt sich vom Bewusstsein des Selbst«, heisst in einer Textpassage, als ihr Autor Nitsch noch ungebrochen an die Kraft des Sagens glaubte. Er beschreibt hier eine Übung sensorischer Wahrnehmung, in der die Physiognomik der Dingwelt wie unter Drogeneinfluss erwacht und am Ende das Selbst des achtsamen Menschen in der Begierdelosigkeit verlöscht.

»Die Wollust (eine dem Nichtempfinden entgegen gesetzten Konzentration) zieht aus dem Geschmack des Fleisches bitteren Zucker«, steht in dem kurzen Abschnitt weiter geschrieben. Symbolisiert wird die seelische Öffnung durch das angeführte Ritualmedikament Sacharinwasser, einem bitter schmeckenden Konzentrat der Süssigkeit, sowie mit lauem Wasser (reiner Geschmack der Hostie), ungesäuertem Brot und ungesüsstem Wein.

Den Höhepunkt findet die Szene in der »desinfizierenden Waschung der Geschlechtsteile mit Alkohol«. Liest man die zwanzig Zeilen, die Nitsch da in den 1970er-Jahren zu Papier gebracht hat, kann man den Drang des Autors zur theatralischen Realisierung der Skizze sofort nachvollziehen.

Wieso sollte ein Künstler sich auf die Erzählarbeit des Schreibens beschränken? Warum nicht mit geschulten Akteuren die fantasierte Szene einfach live realisieren? Der Text wird in diesem Fall zu einer Partitur, und jede an der Performance teilnehmende Person kann das selbsttherapeutische Potential der Handlung frei an sich erforschen.

Nitsch hat insgesamt sechs Jahrzehnte an der Realisierung solcher spielbaren Aktionsdramen gearbeitet. Als Hauptwerk, in dem alle seine Malereien und Kompositionen technisch und ideell bereits enthalten sind, gilt das sechstätige Festdrama, das nur einmal, nämlich im Sommer 1998, in Schloss Prinzendorf und auf den Feldern der Umgebung vollständig ausgeführt worden ist.

Der grösste Wunsch des Künstlers war die Bayreuthisierung seiner dramatischen Ontologie, aber wie im Fall eines Generationskollegen, des Verhüllungskünstlers Christo, wurde auch Nitsch durch eine Serie von Unglücksfällen an einer zweiten Gesamtaufführung des Spiels gehindert.

Christo plante seine Installation ›The Arc de Triomphe, Wrapped‹ seit 1962. Im Jahr 2019, als endlich alle Genehmigungen für die temporäre Installation eingeholt waren, zerstörte ein Brand das historische Bauwerk der Kathedrale Notre-Dame de Paris teilweise und einige Familien von Turmfalken emigrierten von dort auf den Triumpfbogen. Mit Rücksicht auf den Vogelschutz verschob Christo sein Mega-Projekt; und noch zwei weitere Male musste das wegen der Corona-Pandemie geschehen. Schliesslich verstarb der Künstler ein paar Monate vor der Ausführung im September 2021.

Die Familie Nitsch wurde 2013 Opfer eines bis heute unaufgeklärten Einbruchs in ihrem Weinviertler Domizil. Der Raub brachte sie damals um alle Ersparnisse für das grosse Fest. Im Jahr darauf setzte dem Künstler die Steuerfahndung wegen Schwarzgeldverdacht von rund 1,5 Millionen Euro zu. Vier Jahre lang dauerte das Ermittlungsverfahren gegen die geschäftsführende Gattin Rita Nitsch. Als endlich 770.000 Euro Einkommenssteuer an den Fiskus nachgezahlt waren, verhinderten die Corona-Schutzmassnahmen zwei Sommer hindurch die Realisierung von Sechstagespiel Nr. 2.

Am Sterbebett nahm der Aktionsdramatiker seinen Angehörigen und Freunden das Versprechen ab, heuer wenigstens zwei der sechs Spieltage durchzuführen. Am 30. Juli ist es nun tatsächlich soweit, um fünf Uhr früh öffnet sich das Schlosstor für die zahlende Gäste aus aller Welt. Prozessionen mit der Stiertrage, die zuletzt den Sarg des Künstlers befördert hat, Geruchsorgien im Glockenstall, Ausweidungs- und Kreuzigungsaktionen, Fusswaschungen – unter der erprobten Leitung von Regisseur Leonhard Kopp sind Nitschs »ästhetisches Rituale der Existenzverherrlichung« erneut zu erleben.

So hat die Pandemie wenigstens auch ihr Gutes. Denn es ist, wie die Beispiele Christo und Nitsch zeigen, aus der Not heraus möglich geworden, dass Hauptwerke der Kunst auch erst nach dem Ableben ihre Schöpfers in die Tat umgesetzt werden. Man kann nun anhand des exzeptionellen OM Theaters weiter darüber streiten, ob Kunst die Aufgabe hat, das Leben zu verbessern, ob sie ein Vehikel für persönliche moralische Erbauung oder gar für den sozialen Fortschritt ist, indem sie auf Sensibilisierung und auf Güter der Freundschaft abzielt.

Im Zwei-von-Sechstagespiel geht es sicher nicht darum, Kunst in das manchmal anstrengende und immer engstirnige Projekt der Lebensführung einzusperren. Hermann Nitschs Vermächtnis ist auch dazu da, das Böse zu sehen und Wahrheiten auszusprechen. Nicht umsonst sah sich der Verfasser von mehr als 3.000 Seiten theoretischer Erklärungen zu seinem Werk letztlich als ein Philosoph.

Die schönsten graphischen Arbeiten von Nitsch (Christus der Widdergott, 1982; Schlachtfoto der 80. Aktion, 1984) sind übrigens derzeit in der Wiener Galerie Krinzinger zu erwerben.

© Wolfgang Koch 2022

Abbildungen: Sechstagespiel (100. Aktion), 1984, Foto: Heinz Cibulka/ Magdalena Frey, © Nitsch Foundation

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/23/der-geist-reinigt-sich-vom-bewusstsein-des-fleisches/feed/ 0
Lasst den Krieg einschlafen in den Armen der Zeit https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/20/lasst-den-krieg-einschlafen-in-den-armen-der-zeit/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/20/lasst-den-krieg-einschlafen-in-den-armen-der-zeit/#respond Wed, 20 Jul 2022 18:20:56 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3468 Knapp vor der Jahrtausendwende bilanzierte der 2001 verstorbene italienische Romancier Francesco Biamonti seine Epoche, und es ist im Rückblick erstaunlich, wie dieser Autor damals von seiner selbstgewählten Eremitage in Ligurien aus den Aufbruch der 1990er-Jahre wahrgenommen hat. »Die Zeit scheint zu schwanken«, schrieb der Italiener. »Etwas Neues scheint in Westeuropa zu entstehen und gleichzeitig kehrt ein verstümmeltes Russland in die Asche des Sowjetimperiums zurück. Die Erde begleitet von ihrer eigenen Kindheit und ihrem eigenen Schatten.«

Besass dieser lyrische Erzähler, der ganze Romane hindurch vor allem vom Wind und von den Wolken, von Licht und von Schatten sprach, dieser Autor, der wie besessen Schönheit und Eigensinnigkeit von Atmosphären schilderte, auch ein besonderes Gespür für die Zeitenwende, die sich nunmehr zwei Jahrzehnte später vollends entfaltet? Schwer zu glauben, aber durchaus im Bereich des Möglichen der Literatur, so sie tatsächlich Literatur ist und nicht bloss Unterhaltungsware, in der zwar alles möglich ist, aber nichts Folgen hat.

2022 wurde in der Ukraine das Leben von Millionen von Menschen auf den Kopf gestellt. Europa erlebt den seit einer Generation grössten Krieg in seinem sechstgrössten Land, und die Schmerzen und Verwerfungen, die er verursacht, erstrecken sich auch auf Menschen in fernen Ländern, wo durch die Klimakrise auch so schon eine Menge falsch läuft.

Wir erleben heute in Ost und West gegenseitige Feinderklärungen von einer Intensität, wie sie nicht einmal in der heissen Phase des Kalten Krieges möglich waren. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das einstige Organ der sprachführenden Intelligenz in Deutschland, verkommt zu einem Echoraum der ukrainischen Nato-Propaganda. Es vergeht kein Tag, an dem dort der Pazifismus nicht mit Häme überzogen wird; die Medienredaktion bejubelte den aggressiven Botschafter Andri Melnik; ein Gastkommentator verglich das Butscha-Massaker mit dem Massenmord von Auschwitz; und Konfliktforscher deutscher Universitäten warnen in der finsteren Manier von Winkeladvoktaten vor dem sofortigen Waffenstillstand in einem Krieg, in dem Tag für Tag rund einhundert Männer der russischen und der ukrainischen Streitkräfte fallen.

Die Kriegsparteien dürfen auf keinem Fall zu einem Frieden gedrängt werden, sagen der Polemologe Thorsten Becker (Marburg) und der Politikwissenschafter Andreas Gawrich (Gießen), das Gemetzel müsse sich erst »in einer Pattsituation« militärisch erschöpfen; an der »robusten Antwort des Westens« müsse so lange wie möglich festgehalten werden. Denn wer sich zu einer Feuerpause gedrängt fühle, der könne nicht das für die späteren Verhandlungen notwendige Vertrauen in die Bereitschaft der anderen Seite aufbauen.

Ach herje! Mit diesem akademischen Blutschaum werden heute in den Leitmedien die Köpfe der Insitutionengläubigen und der Autoritätsbedürftigen vernebelt, mit solchen »Forschungsweisheiten« sträuben sich die Kriegstreiber im ukrainischen Lager gegen die Einsichten, a) dass das umkämpfte Land in Zukunft geteilt werden muss, b) dass in dem kommenden Friedensprozess die Bevölkerung über die territoriale Zugehörigkeit entscheiden muss, und c) dass Frieden grundsätzlich und überall nur mit Hilfe einer von beiden Streitparteien anerkannten überparteilichen dritten Kraft hergestellt werden kann – sei das die UNO, seinen es die Neutralen und Allianzfreien –, weil noch keine ehrliche Verhandlungsoption je wo durch die Kriegsparteien selbst auf den Tisch kam.

Man kann im Frankfurter Intelligenzblatt heute Sätze lesen wie: »Die Schuld an der Gasnot trifft jedenfalls nicht die aktuelle Regierung, sondern ist die Folge von Putins Politik«. Das steht nicht in den Leserbriefspalten, sondern im Leitkommentar. Na, hallo: Wer hat den die vollkommen überzogenen Wirtschaftsanktionen gegen die Russische Förderation beschlossen und sich selbst damit zur Kriegpartei gemacht? So vergesslich sind wir alle noch nicht.

Was dem europäische Gesamtinteresse heute rundum fehlt, was ihm fehlt wie lebensnotwendige Atemluft, ist Ideologiekritik, also die Fähigkeit das Argumentationswirrwarr der Falken in diesem Krieg beiseite zu schieben und die dramatischen Fehlgriffe des politischen Handels in den Blick zu nehmen. Die Kommentatoren unserer Leitmedien behaupten unisono, dass eine neue geostrategische Auseinandersetzung zwischen Russland und China auf der einen Seite und dem demokratischen Westen auf der anderen Seite die Weltpolitik präge und noch über Generationen prägen werden. Aber einen »demokratischen Westen« gibt es überhaupt nicht.

Es sind nicht die Werte, und schon gar nicht die demokratische Werte Meinungsfreiheit, pluralistische Perspektive und Minderheitenschutz, die die Nato-Staaten miteinander verbinden, sondern die handfeste strukturellen Interessen ihrer Wirtschaften, inbesondere die Sicherung von Produktionsstätten, Rohstoff- und Absatzmärken. Der »demokratische Westen«, der auf höchster Regierungsebene andersdenkende Äusserungen zum Kriegsgeschehen verbietet und bedenkenlos internationale Abkommen über den Kapitalverkehr bricht, um russisches Privateigentum im Ausland zu konfiszieren, dieser »demokratische Westen« steht keineswegs einem Globalen Süden gegenüber, der böswillig seine eigene Interessenpolitik betreibt.

Nein, wir haben es seit Syrien und Afghanistan mit einer Serie von katastrophenhaften militärischen Niederlagen der westlichen Allianzen zu tun, vergleichbar dem Vietnam-Trauma der USA ab Mitte der 1970er-Jahre. Der von drei Seiten mit politischem Kalkül herbeigeführte Krieg in der Ukraine dient im Westen wie im Osten dazu, alle finanziellen Schranken und öffentlichen Bedenken gegenüber der militärischen Hochrüstung wegzuräumen und die Gegenwart als jenen Ort von Durchhalteparolen einzurichten, in dem sich die Jugend um den Heldentod bewirbt.

Das Sterbenmachen in der Ukraine hat von keiner Seite eine moralische Berechtigung, weder von der Russischen Föderation noch von der Ukraine, und schon gar nicht von Seiten der Unions- und der Nato-Staaten. Ich sage darum: Das Danebenhauen, die hochgezüchtete Technik der Heuchelei und das tägliche Versteckspiel mit der Wahrheit sollte den Mainstream-Medien nicht mehr einfach als Berufsschwäche der Journalisti*innen vergeben werden.

»Krieg ist wirklich eine Gelegenheit ohnegleichen, sich selbst zu übersteigen«, schrieb die französische Dichterin Laure (Colette Peignot) in ihrer autobiographischen ›Geschichte eines kleinen Mädchens‹. Der Text hat schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel, aber er erklärt die Fehlgriffe, Fallstricke und die Schadenfreude der Meinungführer wahrscheinlich tiefgründiger als die meisten Analysen der Gegenwart. »Sie brauchen Tanks und Leichen, um sich lebendig zu fühlen, grosszügig und tranzendent«, notierte Laure über die Informationselite ihrer Zeit. »Das graue und glanzlose Leben wird blutrot und morgen noch tauschen sie die im Büro ausgemerzte Jacke für eine Kreuzfahrerausrüstung mit Unteroffizierstressen ein«.

Getötete Menschen, vertriebene Bevölkerungen, zerstörte Siedlungen, vernichtete Lebens- und Wirtschaftsgemeinschaften – es gibt im dichtbesiedelten Europa keine militärische Defensivstrategie, die ein lebenswertes Leben zu schützen vermag. Jeder militärische Widerstand zerstört heute, was er zu verteidigen vorgibt. »Verteidigungsarmeen« sind kompromitierende Illusionen der politischen Klasse im Schmelz der Paraden, die allein den Interessen der Rüstungsunternehmen und den Arbeitsplatzgarantien der Metallergewerkschaften dienen.

Die Soldaten an der Front, die jeden Tag verrecken, sie verrecken umsonst. Die Staatsspitzen Europas schlagen die ganze Ordnung der Dinge kurz und klein, während dahinter längst nicht mehr alles beim Alten ist. Sehenden Auges fegen die Staatsspitzen Europas Frieden und Wohlstand von der Erde. An jedem Handymasten ein Schweinehund! Klimapolitisch hätten wir ja niemals einen Grund, über eine Dezimierung der Menschheit zu klagen. Aber derart zynisch ist die Moral im russisch-nordatlantischen Ukrainekrieg gar nicht beschaffen. Es ist das moderne Gemüt, sich blindlings der Mehrheitsmeinung anzuschliessen, die Lust, Helden zu bewundern – das gibt den Ton an.

Generäle sind eher ungünstige Grundlagen des Lebens, aber diese Leute wissen wenigstens genau, mit welchen Gefahren sie spielen. Anders als ihre vorgesetzten Regierenden leben sie nicht in einem bonapartistischen Augenblick, in dem alles möglich ist, aber nichts Folgen hat. Militärs kennen die Eskalationspiralen in einem Konflikt, die Vorposten im Trichtergelände, den Stapel von Leichensäcken.

Die politische Klasse hingegen kapert in Schockwellen die öffentliche Meinung; während die Waren in der Fetzenwelt immer freier zirkulieren, errichten die gesetzgebenden Versammlungen Mauern, die die Menschen voneinander trennen, sie beschliessen Ausnahmezustände bis hin zum offenen Krieg.

Das ist allerdings nichts Neues. Deutsche Sozialdemokraten haben noch in jedem grossen Gefahrenmoment der Geschichte politisch fatal reagiert, sie haben, um nicht als schlechte Patrioten (sprich als »Vaterlandsverräter«) dazustehen, 1914 gigantische Kriegskredite der imperialen Regierung bewilligt. Deutsche Sozialdemokraten haben in den 1930er-Jahren, wie einer ihrer mutigsten, Carlo Mierendorff, festgestellt hat, »anstelle einer Widerlegung des Nationalsozialismus der NSDAP sich in eine Konkurrenz darum begeben, ob Nationalsozialisten oder Sozialdemokraten die besseren Deutschen sind«.

Und heute, in der angeblich geläuterten Gegenwart von 2022, wünscht sich SPD-Kanzler Olof Scholz »einen Schulterschluss der Demokraten gegenüber den autoritär geführten Regimen der Welt«. Ein wohliges Schaudern gleitet durch die Reihen. Konflikte lösen, bevor sie in Gewalt münden – das war einmal. Die Demokratie verkommt in dieser Lage zu einem Kampf zwischen Trollen und Lügnern.

Es gibt im Grunde nur einen einzigen Namen, auf den die deutsche Sozialdemokratie heute ein Recht hätte, stolz zu sein, und das ist der von Genosse Fritz Kunert (1850-1931). Fritz Kunert war der einzige Abgeordnete, der sich im Deutschen Reichstag im August 1914 beim Beschluss der Kriegskredite seiner Stimme enthielt. Von soviel Abweichung von der Parteilinie, von soviel Mut zum Selberdenken können die Genossen und Genossinnen heute nur träumen.

Gemeinsam mit den deutschen Atom-Grünen beschwören sie lieber die Verkriegerung des Kontinents und versuchen die Gewaltsaat mit moralischer Rhetorik zu bewältigen. Die Koalitionsregierung in Berlin bedenkt keine Institutionen mit Misstrauen, nicht die Nato, nicht Washington, nicht die Rüstungslobby, nicht die Medien, sie schürt bloss die kollektiven Ängsten vor dem sozialem Abstieg, multipliziert die Massenfurcht vor eingeschränkten Mobilität, vor der Hitze, vor der Pandemie und der Verwandlung der Welt in ein Flüchtlingscamp.

»Alles nichts gegen den Schrecken der Front!«, könnte man einwenden. Es ist doch immer noch besser unter der Verherrlichung eigensinniger Lügen, mit Sanktionspaketen und Waffenlieferungen, zu leben, als behelfsmässige Gräber in der Nähe von Mariupol zu schaufeln. Das ist natürlich richtig. Historisch aber ist es unvernünftig und falsch, sich von der Öffentlichkeit ständig Angst einjagen zu lassen. Denn ohne die elf Millionen sowjetrussischer Soldaten, von denen acht Millionen in Kampfhandlungen für die Freiheiten der Gegenwart gefallen sind, existierte diese Grossmäuligkeit von Kanzler Scholz und seiner Regierung doch gar nicht. Ohne die kollektive Rettungsaktion der Russen, ohne die von einem autoritären Regime in den deutschen Tod geführten Vater und Grossväter der neuen Feinde, wäre die Arbeiter*innen-Partei von Fritz Kunert aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges überhaupt nicht wieder auferstanden.

Die beiden Deutschlands mögen sich nach 1945 ehrlicher entnazifiziert haben als Österreich, dessen Nachkriegsgeneration sich an einen Entlastungsmythos (»Hitlers erstes Opfer«) klammerte. Aber das wiedervereinigte Deutschland hat nie Sühne für den Tod, für die im Zweiten Weltkrieg hingemordeten, gewaltsam ums Leben gebrachten Soldaten der russischen Nation geleistet, es hat bloss die Vaterlandsidee der Vorgestrigen vertauscht gegen den nebulosen Begriff der »westlichen Allianz«, deren grandiose Arbeitsergebnisse wir aktuell in den Ruinenlandschaften Syriens, den verhüllten Frauen Afghanistans und den Kaputtstädten am Schwarzen Meer bewundern dürfen.

Wie soll in Europa wieder Frieden entstehen, wenn selbst der deutsche Kanzler und seine Ampelregierung keinerlei Anstalten machen, den Krieg durch Verhandlungen zu lösen? Diese Leute giessen ständig Öl ins Feuer, indem sie keine andere Erzählung zulassen als die tyrannophobische, dass ein irrer Widergänger von Hitler namens Putin grundlos oder aus Freiheitshass heraus die vollkommen unschuldige Ukraine überfallen hat und dort aus purer Mordlust ein monstöses Kriegsverbrechen nach dem anderen begeht.

Verhetzung, Verfeindung, Verkriegerung lautet die einzige Agenda der freiheitsliebenden Welt. Der Bürgermeister von Kiew, Vitali Klitschko, hat schon im April in deren Namen vollends die Maske der demokratischen Kultur abgelegt. Damals liess dieser »Held« den russischer Bronzearbeiter im Denkmalensembles in der ukrainischen Hauptstadt symbolträchtig köpfen.

Auf die Demontage dieses Monuments der ukrainisch-russischen Völkerfreundschaft mit sechzig Metern Spannweite aus Titanblech folgte das Verbot russischer Musik in der Ukraine. Inzwischen werden auch Wehrdienstverweigerer in dem Staat, der angeblich die Wertgemeinschaft gegen das Besatzungsregime verteidigt, entgegen den Bestimmungen der Europäischen Menschenrechtskonvention verhaftet und zu horrenden Geldstrafen verurteilt.

Ein Friedensdenkmal köpfen! Verteidigt sich so das freie Auge gegen den autokratischen Zynismus? Russische Musik verbieten! Verteidigt sich so das freie Ohr gegen die autokratische Lüge? Deserteure einsperren! Verteidigt sich so die Ordnung der Freie Welt gegen autokratische Gewaltbereitschaft? Das glauben doch nicht einmal die Bären.

Auf der Gegenseite läuft es kaum besser. Auch dort pflegt man die entsetzliche Bildsprache des Absoluten. Eine satte Mehrheit der 144 Millionen Bürger*innen der Russischen Föderation erkennen im gegenwärtigen Konflikt eine Wiederholung des Befreiungskriegs gegen Hitler-Deutschland und seine Vasallen, welche die Vernichtung Russlands zum erklärten Ziel der deutschen Politik gemacht haben.

Die Russische Förderation verlautbart regierungsamtlich, dass jede Vertrauensbasis mit dem Westen irreversibel zerstört sei. In dieser Situation wird sich das Regime kaum noch mit den Unionseuropäern zusammen setzen, sondern zu gegebener Zeit – über unsere Köpfe hinweg – direkt mit den USA verhandeln.

Der eingangs zitierte Schriftsteller Francesco Biamonti meldete sich übrigens im Dezember 2000 noch einmal mit einem Text in der Zeitung La Stampa zu Wort. Zehn Monate vor seinem eigenen Tod stellte er die alle Millennials in ihrem Innersten bewegende Frage: »Was bleibt von diesem sterbenden Jahrhundert?«.

Damit war das 20. Jahrhundert gemeint, und Biamonti erteilte auf seine Frage gleich die allerbitterste der möglichen Antworten: »Mare, cielo, antichità della pietà, antichità della grazia«. Was uns Bewohner*innen eines neuen Jahrtausends vom Jahrhundert der Lager und der demokratischen Umbrüche bleibt, das sind: »Meer, Himmel, Altertum der Frömmigkeit, Altertum der Gnade. Der Rest sieht aus wie eine verlorene Welt, verlassen von staubigen, blutbefleckten Geistern«.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

Abbildung: Weltkriegsspazifismus, Archiv Pax in bello, Athens

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/20/lasst-den-krieg-einschlafen-in-den-armen-der-zeit/feed/ 0
Dieser europäische Krieg hat keine Berechtigung https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/13/dieser-europaeische-krieg-hat-keine-berechtigung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/13/dieser-europaeische-krieg-hat-keine-berechtigung/#comments Wed, 13 Jul 2022 04:55:48 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3386 Nichts wird besser durch diesen Krieg, und niemand ist ernsthaft bereit, ihn zu beenden. Das kann letztlich nur bedeuten, dass die Verantwortlichen ausgetauscht werden müssen. Und zwar besser heute als morgen. Der Ultrabrite Boris Johnson macht schon mal den Anfang, und weitere werden folgen.

Auf die Europäerinnen und Europäer wartet keine kleine Aufgabe: Die regierenden Eliten in Berlin, Brüssel, Paris und London haben jahrelang seelenruhig zugesehen, wie sich ukrainische Regierungen, ermutig von den USA, strikt weigerten, das Minsker Abkommen von 2014 in ihrem Land umzusetzen. Dieses Rahmenabkommen, das von der Ukraine, Russland, Deutschland und Frankreich im sogenannten »Normandie-Format« unterzeichnet wurde, sah unter anderem den Status einer autonomen Region für die Donbass-Provinz vor.

Selbst als im Vorjahr die Russische Föderation mehr als sechs Monate hindurch mit 120.000 Soldaten an der Grenze zu Ukraine aufmarschiert ist, um dem Abkommen Aufmerksamkeit und Nachdruck zu verleihen, fiel den regierenden Eliten Zentral- und Westeuropas nichts Tölpelhafteres ein, als im Oktober 2021 mit der ukrainischen Armee gemeinsam Nato-Manöver im Land abzuhalten.

Politik ist und bleibt das Geschäft des friedlichen Interessenausgleichs. Sie setzt dabei, anders als Clausewitz dachte, den Krieg mit anderen Mittel fort. Sobald die Waffen sprechen, hat Politik als eine die Gewaltverhältnisse entschärfende Instanz versagt und alle ihre Akteure müssen ausgewechselt werden. In Frankreich haben die Wähler*innen dazu bereits den ersten Schritt getan; der Macronismus ist als innen- und aussenpolitische Schaumschlägerei enttarnt, Kritik an der Aufrüstung der Nato-Staaten und Euroskeptizismus haben Aufwind.

Denn das ist Fakt: Mitten in Europa herrscht ein Krieg, in dem gegenwärtig Tag für Tag rund einhundert Soldaten der russischen und der ukrainischen Streitkräfte sterben müssen. Das Versagen der politischen Klasse und ihrer veralteten Diplomatie in den internationalen Gremien ist freilich nicht nur hausgemacht. Das politische Geschäft des allgemeinen Interessenausgleichs wird notorisch torpediert von Rüstungs- und Medienindustrien, deren Profit unmittelbar vom Scheitern politischer Prozesse abhängt.

Dazu kommen noch die ökonomischen, politischen und ideologischen Querschüsse aus allen möglichen Richtungen, ein unleugbarer russischer Imperialismus, die aggressive Provokation der Nato-Erweiterungen, der Revanchismus ehemaliger Ostblockstaaten gegen jedes Wort aus Moskau und die von mafiösen Strukturen durchwachsenen Staatsgebilde der semipräsidialen Russischen Förderation und der ebenfalls semipräsidialen Ukraine selbst – kurz: die Kriegsursachen sind so komplex ineinander verschachtelt, dass man sich über das lange währende Dahinschwelen der Brandnester eigentlich nur wundern kann.

Alex Tyrrell, Gründer von Global Green News und seit 2013 Vorsitzender der Parti vert du Québec (PVQ), zählte im heurigen Februar 16.000 Menschen, die in den letzten acht Jahren vor dem Kriegsausbruch in den Regionen Donezk und Luhansk durch regelmässigem Artilleriebeschuss, Scharfschützenfeuer und Terroranschläge gewaltsam ihr Leben verloren haben. Vor allem wegen dieser 16.000 von der internationalen Öffentlichkeit krampfhaft ignorierten Toten leben wir heute in einem neuen europäischen Krieg, an dem sich bereits die halbe Welt offen oder verdeckt beteiligt.

Jeder vernünftige Mensch weiss, dass die Ukraine, so sie als souveränen Staat weiter existieren möchte, geteilt werden muss. Das militärische Fortringen, die Fantasien vom »Zurückschlagen« der Invasion, dienen nur dem Kampfrausch hüben und drüben. Die Öffentlichkeit ist nach hundert Jahren in allen europäischen Ländern wieder gründlch verseucht von dummdreister Männerpsychologie und mörderischen Feindbildern. Jede Kundgebung der führenden Staatsmänner wird von den unverantwortlichen Elementen, die sich Journalist*innen nennen, leidenschaftlich und übertrieben besprochen.

»Der gute, noble, treue deutsche Michel: der schwarze, niederträchtige Russe, der in Unrecht den Ehrentitel Europäer führt«. Mit diesen Worten skizzierte der Journalist und Nichtsoldat Emil Ludwig am 5. August 1914 den »Fibelunsinn« seiner Epoche. Ganz sicher hat sich der Satiriker damals nicht vorstellen können, dass die Menschheit im Jahr 2022 schon zum dritten Mal an dieser Schlachtbank der Propagandadichtung stehen würde.

Es ist, wie es immer war: Die Wahrheit liegt auf der Seite der Unvernunft und der Grausamkeit; die Vernunft hingegen auf der Seite der Chimäre und der Boshaftigkeit. Ich bin kein Radikalpazifist, ich sage nicht, dass sich durch Gewalt keine Probleme lösen lassen, denn das ist, wie jeder Chirurg bestätigen wird, ja durchaus der Fall. Gewalt kann funktional eingesetzt werden, sie funktioniert, wenn auch nicht sehr dauerhaft. Siehe Strafgesetzbuch, siehe Exekutive.

Der Punkt an diesem Krieg ist ein anderer: Im dicht vernetzten Europa lassen sich überhaupt keine gesellschaftlichen Konflikte mehr durch organisierte Militärgewalt lösen. Man muss kein Militärexperte sein, um zu sehen, dass die Lieferungen von schwerem Kriegsgerät das Gemetzel in der Ukraine nicht beenden werden. Waffen aus den verschiedenen westlichen Arsenalen werden das Land nicht zum Sieg führen.

Das sagen Militärs, die ihrer Analyse nicht politische Wunschträume, sondern Erfahrung zugrunde legen. Es ist deshalb zu erwarten, dass der europäische Krieg im Süden und Osten der Ukraine andauern wird – mit mehr Blutvergiessen, mehr Zerstörung und mehr Menschen, die in die Flucht getrieben werden. Das Elend wird sich noch vergrössern.

Dürfen sich die Ukrainer*innen denn nicht dem Westen anschliessen und gegen Russland sein? Was sagen wir denen, die nicht unter der russischen Fuchtel leben wollen? Dass sie leider zu nahe an Russland leben?

In der Tat sind wir in einem globalisierten Raum verortete Existenzen, keine Armee kann sich im dicht besiedelten Raum auf legitime Gewaltausübung berufen. Was diese Realität betrifft, hinkt das geltende Völkerrecht der Lebenswirklichkeit im 21. Jahrhundert weit hinterher, und der parteiische Diskurs nährt die Grausamkeiten statt sie zu beenden. 

Die Russische Förderation führt bisher so wenig einen »Angriffskrieg« gegen die Ukraine wie die Ukraine einen »Verteidigungskrieg« gegen Russland führt, um ihr demokratisches Gemeinwesen zu schützen, denn der militärische Widerstand zerstört vor unserer Augen genau das, was er zu verteidigen vorgibt: die friedliche Lebensweise der Menschen in der Ukraine, ihre Lebensgrundlagen, die Ökonomie und die Infrastruktur.

Die Ukraine führt auch keinen Verteidigungskrieg in der Tradition nationaler Befreiungskriege. Dazu hätte sie erst einmal eine Nation werden müssen, die in der Lage ist, ihre sprachlichen und ethnischen Minoritäten zu schützen.

Am Ende des Gemetzels werden die Menschen der Ukraine die Hauptverlierer*innen sein, und dafür sind als Erstes die USA und die Eliten Westeuropas verantwortlich, weil sie diese junge Nation wider besseres Wissen gedrängt haben, einen provokanten Nato-Beitritt anzustreben. Dieses Ziel ist 2019 in der ukrainischen Verfassung aufgenommen worden.

Und die Russische Förderation ist heute schon der der zweite grosse Verlierer des Krieges, denn egal, wo die neuen Grenzen der beiden Staatsgebilde in Zukunft verlaufen werden, durch den Beitritt Finnlands zur Nato ist eine neue Berührungsgrenze zu dem Militärblock entstanden und somit die Bedrohung für Russland gewachsen statt kleiner geworden. An der Argumentation des Kremls war übrigens von Anfang an faul, dass die Föderation die Sicherheitsgarantien in der Nato-Russland-Grundakte für die Grenzen mit Estland und Lettland sowie für die Enklave Kaliningrad als ausreichend ansehen, nicht jedoch für die Ukraine, die bis heute kein formelles Nato-Mitglied ist.

Keine Militärallianz hat noch je wo einen Krieg verhindert. Man kann sich das gar nicht oft genug vor Augen halten! Es ist richtig, dass die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts durch die gebündelte Übermacht von Ost und West gegen den deutsch-österreichischen und später gegen den grossdeutschen Aggressor beendet wurden, doch noch nie hat militärische Aufrüstung einen Kriegsausbruch verhindert.

Die Zahl der Soldat*innen hoher Bereitschaft massiv zu erhöhen, wie das derzeit geschieht, zeigt nicht den Ernst der Lage in Europa. Es zeigt den Ernst der Verblendung, mit Rüstung könne Sicherheit hergestellt werden. Wir hören: »Die westliche Allianz muss alles tun, um Putin vor einer Ausweitung des Konfliktes in Richtung Westen anzuhalten«, und dieser Unterstellung folgt die den Frieden weiter gefährdende Vergrösserung des Militärpakts um die beiden nordischen Länder an den Grenzen der Russischen Förderation.

Wie zu Zeiten von Troja und noch weiter zurück in der blutigen Menschheitsgeschichte glauben die Nato-Propagandisten an die Stärke, die sie herbeireden. Wie haben diesen Unsinn gerade sechs Jahre lang über den Einsatz in Afganistan gehört, bis dann die Analphabeten der Tabilan die High-Tech-Armeen mit Schmipf und Schande aus dem Land gejagd haben. Eine robuste Abschreckung der Russischen Föderation mit möglichst vielen militärischen Verbänden erscheint dem Nato-Lager nur deswegen unerlässlich, weil sich die westliche Allianz über ihren eigenen Charakter als Konflikttreiber täuscht.

Es war, zur Erinnerung, genau diese Selbsttäuschung über die geopolitische Sicherheitsarchitektur, welche die Welt in das grelle Licht der beiden Weltkriege getrieben hat. Weder vom russischen Imperialismus noch von China oder von Indien, ja nicht einmal von Iran und Nordkorea, den aktuellen »Mächten des Bösen«, ist das Filigran des Weltfriedens bisher ernsthaft gefährdet worden. Die grösste Gefahr scheint von jenen Tyrannophoben auszugehen, die den von Clausewitz umgedrehten Grundsatz beherzigen und weiterhin meinen, der Krieg sei nur die anders fortgeführte Politik.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

Abbildung: Portraitgravur der österreichischen Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner auf der 10-Euro-Gedenkmünze der Bundesrepublik Deutschland 2005

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/13/dieser-europaeische-krieg-hat-keine-berechtigung/feed/ 1
Lebensweltverschachtelung im Wiener Superblock https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/08/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/08/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock-2/#respond Fri, 08 Jul 2022 07:34:40 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3395 Gisela Erlacher stellt die in der Zeit des Roten Wien errichteten Superblocks in der Gegenwart dar. Vieles hat sich seit der Nachkriegsmoderne schon wieder verändert, Bildungsheime und Konsumfilialen sind aus den Sozialwohnanlagen verschwunden, die angestammte Belegschaft der Unterschichten ist einem Heer von Wirtschaftsmigrant*innen aus den Balkanländern, aus Osteuropa und vor allem aus dem Nahen und dem Mittleren Osten gewichen.

Der demoskopische Wandel hat an den Mechanismen von Nähe und Heimeligkeit in den Superblocks eine Menge verrückt: Die Sozialhöfe werden heute nicht mehr von einem einzigen Netzwerk überspannt, sondern von vielen durchanderlaufenden kleinen ethnischen Fadengespinsten. Die turkstämmigen Bastler basteln heute für austrotürkische Wohnungsrenovierende, die serbischen für serbische Neubürger, und so weiter. Die übergreifende Solidarität der Hackler- und Arbeitlosenfamilien ist verschwunden und ihre Jugend schutzlos den Drogenmilieus ausgeliefert.

Mit dem Bewusstsein von Klasse und Urbanität sind aber Würde und Stolz nicht vollständig aus den Höfen verschwunden. Sie nehmen jetzt die verstörenden Zeichen importierter Subkulturen an. Kopftücher und Tatoos dominieren die Erscheinung der Erwachsenen. Die urbane Seinsweise der Zuwandungsgesellschaft ist nur mehr eine des Dazwischenseins, an der Grenze zweier Welten gelegen: der vermissten alten Heimat und dem ungebliebten neuen Europa.

Noch vor wenigen Jahrzehnten verschränkten die Superblocks die verschachtelten Welten von Arbeit und Wohnen, von Hof und Schrebergarten, von Sektionsabend und Heurigen. Heute sind die Wiener Sozialbauten Horte des bitteren Provinzialismus, Schattenwürfe der anatolischen Berge ebenso wie Hypomanie aus den afrikanischen Steppen und den Flüchtlingslagern des globalen Südens.

Unter den Bedingungen von Satelliten-TV und migrantischer Ökonomie bleibt die »Existenzform des Dazwischenseins« (Karl Czasny) nunmehr auf Dauer gestellt, die Superblocks integrieren nicht mehr Stadt und Land, Gebildete und Ungebildete, Religiöse und Areligiöse, usw., die Bewohner*innen koexistieren in ineinander verschachtelten Ghettos, als Paralellgesellschaften auf getrennten Stiegen.

Lässt sich diese gewandelte soziale Realität in einem Bildband abbilden? Nein; das ist auch nicht die Aufgabe von Kunst. Gisela Erlachers Bilder erzählen von einer verdoppelter und verdreifachten Stille in den Höfen, einer ganz besonderen Stille mit Kinderlärm, Müllabfuhr und Mindestsicherung, die den Menschen einfach erlaubt zu ertragen, dass alles existiert.

Erlacher hat ein erfolgreiches Erwerbsleben als Architekturfotografin hinter sich, und das merkt man auch bei ihren fotokünstlerischen Unternehmungen, die sie immer stärker zur Recherche und zum Portrait hin ziehen. Auf den 117 grossformatigen Seiten von ›Superblocks‹ gelingt es ihr, alte und neue Interessen kongenial zu verbinden. Die Architekturaufnahmen zeigen hauptsächlich Durchgänge in den Höfen; ein Sujet, das in sämtlichen Bildreportagen über den Wiener Gemeindebau geradezu penetrant wiederkehrt. Denn die Innenwelt der Bauten, die Privat- und Funktionsräume, bleiben den durch die Höfe flanierenden Dokumentarist*innen ja verschlossen.

Auch Erlacher wohnt in keinem der vier Dutzend von Superblocks, die sie durchstreift hat. Allerdings stellt sie den beliebten Torsituationen einfühlsame Portraits von Bewohner*innen der Anlagen gegenüber, und zwar immer in einem Grössenverhältnis, das das Durchschreiten der Gänge oder das Besteigen der Treppen mittels des abgebildeten Körpers plausibel macht. Wir stossen auf die Balkan-Oma, die mit dem Kaffeehäferl dasitzt, den ewigen Coolboy mit seinem Skateboard, den moslemischen Vater in farbenfrohen Batik-Shirt und Cut-up-Jeans.

Nichts ist Erlacher zu klein, nichts entbehrlich. Wir sehen Menschen ohne glückliche Herkunft, die eine unbekannte Ferne im Herz tragen, leidgeprüfte und manchmal mit Trauer verhangene Gesichter. Die unlackiert gedruckten Aufnahmen wollen aber keine Sozialreportage sein, die einen blindrissig mit der Realität überhäuft, welche die Superblocks im heutigen Wien ja auch sind: Drogen-Hotspots, Orte der brutalen Gewaltverbrechen, Klassengrenze der Ausgestossenen und der Schutzsuchenden.

Die sozialdemokratische Stadtverwaltung weigert sich vermutlich aus gutem Grund, die Suizidstatistik der Superblocks zu veröffentlichen. Wiens Sozialbauten sind keine staatsfeindlichen Zonen, in die sich die Polizei nicht mehr hineintraut, wie in die Hochhaussiedlungen der französischen Banlieues, aber, machen wir uns nichts vor, Krankheit und Abhängigkeit, Rohheit oder Kriminalität, Tierquälerei oder Frauenverachtung findet man hier auf jeder zweiten Stiege.

Neben den Gesichtern von Menschen und den Volumnia von Baukörpern gibt es noch weiteren Hauptdarsteller auf der Bühne dieses schönen Tablebooks: nämlich Pflanzen. Neben den Durchgängen und Menschen zeigt Erlacher prächtige Baumkronen und mickrige Parkpflanzen, eine verstümmelte Föhre und den mit Wasserschösslingen bedeckten Stamm einer Sommerlinde.

Die Flaneurin entwickelte im Gemeindebau eine geradezu übersteigerte Sensibilität für die Körperlichkeit der Vegetation in den Höfen, und die pflanzlichen Methusalixe und Mickrigkeiten werden auf ihren Bildern nicht etwa zu Metaphern für Existenzen, sie verweisen weder auf Symbolisches noch auf Metaphysisches, sondern variieren zurückhaltend die ramponierten Persönlichkeiten und geknickten Charakteren der menschlichen Belegschaft.

Die Schatten der Äste, die auf die in den Höfen verschachtelten Menschen fallen, sie gleichen den gekrümmten Lebenswegen. Auf dem Cover und auf den letzten Seiten des Bandes dominiert übrigens der Rundbogen, fünf, sechs Mal in der baulichen Form von Durchgängen, und einmal in Form von zwei Kindern, die auf der grünen Wiese in fröhlicher Konkurrenz eine Brücke schlagen.

Der über zwei Pfeiler oder Säulen hingewölbte Kreisbogen ist ja nie das, als was er auf den ersten Blick erscheint. Denn das Kuppenförmige dieser Baumasse enthält bereits etwas Weiteres, ein Versprechen, indem etwa die Säule schon anfängt, die Bestimmung des blossen Tragens zu verlassen, oder indem uns eine hintereinander gereihte Serie von Rundbögen in die Tiefe einer Röhre hinein saugt.

Der aufsteigende Kreisbogen, ich werde jetzt ein bisschen bautechnisch, bezieht sich in seiner Krümmung und Senkung auf einen Mittelpunkt, der nichts mit der Tragefunktion zu tun hat. Die verschiedenen Teile des Kreises tragen sich gegenseitig, stützen und setzen sich fort, so dass sie sich die Wölbung weit mehr als ein aufgelegter Balken der Schwerkraft entzieht.

Es wird eine Zeit kommen, sage ich, die, wenn sie die Wiener Superblocks studiert, nicht mehr auf Fahnenstangen und Verbotsschilder achten wird, sondern, wie Erlacher, auf Handläufe und Baumschnitte, auf die Magazinierung des Wischmops und auf die Bogen –  es wird eine Zeit kommen, sage ich, in der diese ephemeren Dinge mehr und intensiver von den Faltungen der Lebenswelt erzählen als es Historiker*innen, Lokalpolitiker und Stadtplanung je vermögen.

© Wolfgang Koch 2022

Fotos (teils Ausschnitt): Gisela Erlacher

Gisela Erlacher: SUPERBLOCKS. Hommage an eine Utopie. 117 Seiten, 318 x 234 mm, Kerber Verlag: Bielefeld 2022, 40,- EUR, ISBN-13: 9783735608109

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/08/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock-2/feed/ 0
Lebensweltverschachtelung im Wiener Superblock https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/04/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/04/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock/#respond Mon, 04 Jul 2022 12:24:02 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3389 Es ist in den letzten sechs Jahren kein wertvolles Buch über die wichtige Wiener Institution der Gemeindebauten erschienen. Jeder Stein schon scheint drei Mal umgedreht worden zu sein. Kein Reiseführer, der ohne Hymne auf die Bautätigkeit des Roten Wiens auskäme. Jedes Kind scheint in der Donaumetropole schon zu wissen, dass mit dem Gesellschaftsmodell der »sozialdemokratischen Stadt« in den 1920er-Jahren die Räteaufstände der Ultralinken in der »Österreichischen Revolution« (Otto Bauer) abgewehrt worden sind, und vor jeder Kebab-Bude kann man hören, dass selbst noch der Massenwohlstand ab den 1960er-Jahren in der Gemeinschaftswaschküche der Superblocks seinen Anfang gefunden hat.

Aber ganz so einfach ist es eben nicht. Ich habe schon mehrfach darauf hingewiesen, dass diese Legenden bestenfalls zur Hälfte wahr sind. Wien monumentales Wohnbauprogramm entwickelte sich unter personeller Kontinuität der Architekten unmittelbar aus den inmitten des Ersten Weltkriegs geplanten »Kriegerheimstätten«. Das kaiserliche Konzept für die Familien invalider Soldaten wurden in den Jahren des Wohnungselends von der roten Kommune einfach übernommen.

2016 brachte ein Wiener Neustädter Verlag, also kein Wiener Publikationshaus, den rundum gelungenen Essayband ›Leben in Wien‹ des Sozialwissenschafters und Altachtundsechzigers Karl Czasny heraus. In diesem Werk wird auf sehr beeindrucke Weise das persönliche Scheitern des Autors im grauen Gründerzeithof und das Erfolg-Haben im Plattenbau beschrieben.

Czasny erinnert sich in seiner Wohnbiographie aufschlussreich an den Schimon-Hof in Wien-Penzing, an der Westausfahrt der Stadt gelegen. Er sieht im Rückblick auf das Leben in diesem Superblock ein kleines Paradies aus regen Nachbarschaftsbeziehungen, wie etwa im Verhältnis der Bewohner*innen zu einem Heimwerker. »Da meine Eltern keinerlei handwerklichen Ehrgeiz besassen, erledigte den grössten Teil der aus ihren Modernisierungs- und Verbesserungswünschen resultierenden Arbeiten ein auf unserer Stiege wohnender, pensionierter Postler, der wegen seiner Präzison und dem konkurrenzlos niedrigen Niveau seines Stundensatzes von den Wohnungsrenovierern des gesamten Viertels wie ein Heiliger verehrt wurde«.

Aufrechte Proletarier und ehrliche Pfuscher –  das wäre die erste Facette der Klassenliebe. Czasny skizziert das den Schimon-Hof unsichtbar durchziehende Netzwerk der ansässigen Arbeiterfamilien, das heisst die Welt der Buchklubhefte und der Bastlerhöhlen, das Bildungsheim der Partei mit dem Sektionslokal, die Konsumfiliale, den Kaufmannsladen und das nahe gelegene Wirtshaus. Die Mutter des Autors fühlte sich allerdings in einem Hietzinger Kaffeehaus wohler. Und Czasys Vater, dessen Jugendfreunde, die den Krieg überlebt hatten, ebenfalls im Block wohnten, liebte das Arbeiterheim mehr wegen der Möglichkeiten, die es bot, als wegen der Möglichkeiten, die er tatsächlich nutzte.

»Auch, wenn er sich aus den sozialen Netzen, die sein Zuhause bildeten, weitgehend ausgeklinkt hatte, stand hier doch alles in Bereitschaft für ihn, schien gewissermassen nur auf ihn zu warten. Er machte keinen Gebrauch davon, weil er sich in seinem Berufsleben als Gewerkschafter vielfältige neue Netzwerke aufgebaut hatte, und weil er sich das, was dabei an sozialer Wärme fehlen mochte, in der Intimität seiner Kleinfamilie holte. Für das Erleben dieser Intimität aber war die Kleinheit unserer Wohnung vermutlich sogar von Vorteil. Hier konnte man einander einfach nicht aus dem Weg gehen. Hier war persönliche Nähe schon aus räumlichen Gründen so gross, dass Nestwärme wie von selbst entstand«.

Eine treffendere sozialpsychologische Darstellung des Gemeindebaulebens als diese haben wir, trotz Tonnen von beschriebenem Papier, bis heute nicht. Die Wiener Superblocks waren keine realisierte städteplanische Utopie von oben, kein »Sozialismus in einer Stadt«, sondern Massnahmen einer kollektiven Notwehr, um den Zinsgeiern der schäbigen Substandardwohnungen mit den weit überhöhten Mieten zu entkommen.

Und nach dem Zweiten Weltkrieg, da blieben die Superblocks schlicht vom ganz normalen Wahnsinn der alltäglichen Stadterneuerung verschont. Auf diese Weise mauserten sie sich zu jenen Oasen, die viele Jahrzehnte lang durchaus besser zum grossstädtischen Lebensstil passten als die mühsam zu beheizenden, mit Gelsen, Laub und Schnee kämpfenden, abseits von öffentlichem Verkehr und Infrastruktur gelegenen Nobelvillen in Hietzing, Währing und Döbling.

© Wolfgang Koch 2022

Fotos (teils Ausschnitt): Gisela Erlacher

Gisela Erlacher: SUPERBLOCKS. Hommage an eine Utopie. 117 Seiten, 318 x 234 mm, Kerber Verlag: Bielefeld 2022, 40,- EUR, ISBN-13: 9783735608109

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/04/lebensweltverschachtelung-im-wiener-superblock/feed/ 0
Urs Allemann hat den alten Carruthers erschlagen https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/01/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/01/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen-2/#respond Fri, 01 Jul 2022 10:16:12 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3376 »Ich habe den alten Carruthers mit dem Spaten erschlagen«. Im ersten Abschnitt des Buches wiederholt der Verfasser diese Aussage gnadenlos 31 mal. Da rutscht jedem Tik-Toker garantiert das Herz in die Hose. Allemann macht den Obersatz zu einer unbestreitbare Prämisse, die dann entweder wie ein Syllogismus weiter zu einer reflexiven Conclusio oder zu einer Kürzestgeschichte in Pillenform führt.

Allemanns Ich-Erzähler antwortet auf den Satz »Ich habe den alten Carruthers mit dem Spaten erschlagen« zum Beispiel mit: »In Staub mit allen Feinden Allemanns«. Bei Lesungen dreht der Autor an dieser Stelle die Stimme zu voller Saallautstärke auf. Das Publikum weiss gar nicht wie ihm geschieht. Alle sinnvollen Gesichtspunkte, die Spitze des Kegels, die Gesamtheit der Variationen hüllen den Geist mit einem Schlag ins Dunkel und befreien ein Lachen in der Brust.

Allemanns fulminantes Spiel mit dem Obersatz erinnert mich daran, dass Lewis Carroll, der Autor des berühmten Kinderbuchs ›Alice im Wonderland‹ in seinem bürgerlichen Leben als Tutor für Mathematik gewirkt hat. Carroll hat – neben seinen literarischen Werken – nicht weniger als zehn didaktische Schriften zu Mathematik, Geometrie und Logik verfasst. In seiner Einführung ›The Game of Logic‹ von 1896 lernt man anhand von Sätzen wie »Alle neuen Kuchen sind nett« oder »Keine ereignisreiche Reise wurde jemals vergessen« das richtige Schliessen.

Allemann legt mit ›Carruthers-Variationen‹ natürlich kein didaktisches Werk vor. Doch um das richtige Schliessen geht es auch bei der erschreckend faszinierenden Zerrissenheit seine Erzählfigur: und zwar um das Schliessen auf ein zusammengefaltetes Leben. Sexualität, Körper, physische Schwerkraft, die Beziehung des Einzelnen zum gesellschaftlichen Ganzen, »das kontrolliert Vage« und die »Daseinspower« – der Denk- und Sprechvirtuose Allemann macht seine Texte zu einer unerschöpflichen Quelle geistreicher Unterhaltung.

Die Anzahl der Argumente, die der Erzähler mit sich, und die Anzahl der Argumente, die der Autor mit dem Ich-Erzähler diskutiert, ist theoretisch unendlich. Es besteht darum keine Gefahr, dass ein moralisierender Zeigefinger auftaucht in diesem ordnungsfähigem Labyrinth. So oft wir uns beim Mitdenken in Sicherheit wählen, packt die Burleske Quark und Quatsch aus, Allemann verschont nichts, und schon gar nicht sich selber, also den Allemann-Kosmos samt Kreuzigung und Selbstkreuzigung. »Ich schandudle Sauglinge, Säuglinge. Hatte den / alten Säugling mit dem Spaten niederschandudelt.«

›Carruthers-Variationen‹ erweitert unseren von Krieg und Tik-Tok verseuchten Wortschatz mit absolut überzeugendem Humor: Aussenscheiss, Brüllsargkonzept, Fleischcrash, Flensaft, Fremdkugelkontakt, Gendersachverständige, Langzeitfazit, Luststrolch, Nachdenkbedürfnis, Reindringlichkeit, Verwesungspleite, Zungenverächter. – Was um uns ist und was wohl noch kommen wird, es braucht das gute Gewissen und das Beispiel von Menschen, die konzentriert zu sprechen verstehen.

Wir fliegen bei Allemann mit ein paar wenigen Buchstaben aus der Kurve und landen in einem bayerisches Bierzelt (Gerhard Polt kann sich nach Japan schleichen), oder in einem deutschen Polizeifilm: »Als ich versuchte, die Leiche des Toten zu untersuchen / kriegte ich einen Herzschlag« (Gerhard Polt kann wieder zurück kommen). Bei Allemann wird doppelt gemoppelt, improvisiert, die Faust donnert auf den Tisch, falls einer da ist. Von Altersmorschheit ist bei diesem Wüstling nichts zu merken. (Dafür haben wir jetzt die Kriegsherren Olaf Scholz und Robert Habeck).

Wir erfahren viel über den Erzähler, und zwar von ihm: dass er sich nie etwas träumen liess. »Ich träume selbst oder gar nicht«. Dass man von Sätzen behaupten kann, dass sie ein Gedicht sind. Oder: »Anders als der Taschenspiegel, den ich zur Abwehr von / Strahlenangriffen bei mir trug, war ich nie gut im / Reflektieren gewesen.« Aber auch, dass man selbst in den entrücktesten Momenten des Lebens noch rational sein kann, erfahren wir in diesem schmalen Buch. »Kurz bevor ich wahnsinnig wurde, war ich wahnsinnig geworden«.

Harmlos sind ›Carruthers-Variationen‹ an keiner Stelle. Der Autor äusserte sich in Richtung einer »gar nicht erinnerbaren traumatischen Kindheitsgeschichte«, in der ein Opfer pädosexuelle Gewalt um den Ausdruck von Wut, Rache und Komik ringt. »Wunderbar, wie es mir immer wieder gelang, gleichzeitig / mich an alles und an nichts zu erinnern.«

Kannibalismus wird in dem Text geschildert, eine Operation am Penis (Schwanzerl). Und wie alle Greise in den Tagen ihrer Betrübnis hadert auch Allemanns Erzähler-Ich, das mehr als sieben Jahrzehnte auf dem Buckel hat, mit dem Tod, und zwar, indem es den eigenen Leichengang antizipiert:

»Meine Bestattung fand in aller, fand an der Aller, fand auf / einer von einer Schleife der Oberaller umflossenen und auf / der anderen Seite von Bäumen umfriedeten kleinen Wiese bei / Dannenbüttel in aller ppp jetzt alle fortissimo: STILLE statt.«

Mit zartester Musikalität haben wir es hier zu tun, mit lockend verspielter Kahlheit, und doch wäre dieses stotternde Wort auch perfekt als Epitaph geeignet, falls wieder einmal irgendwo eine Grabsteinplatte so viele Buchstaben verträgt wie die des einst jugendgefährdenden Guillaume Apollinaire de Kostrowicky am Pariser Cimetière du Père-Lachaise.

Der grösste Freund von Allemanns Erzähler: der Schreibtisch. Der wartet zu Hause auf ihn. »Schreib, Tisch! Würde ich zu ihm sagen. Liebevoll mit den / Fingerknöcheln bisschen rumtrommeln auf ihm. Spässchen!«. – Was für eine unglücklich-lebensfrohe Figur! Was für ein verzweifelter menschlicher Optimismus! »Schon beim Einschlafen freute ich mich auf die Vorfreude, / die ich beim Aufwachen beim Gedanken an das nächste / Einschlafen empfinden werde.«

Sagen wir so: Wieder einmal schlägt die burleske Literatur eines alten weissen Mannes Hekakomben von Literaturbetriebsliteratur auf der ganzen Länge, wieder einmal stript Allemann als Realdefinition des Schreibens in den Falten der Athene, wieder einmal lässt der Kopf eines geheimnisvollen Kartells den Geheimdienst MI6 alt aussehen. »Was tun?« – »Ask the moon!«

Lediglich die Frage, ob es ein Phantomlachen gibt, die stellt der Erzähler an sich selbst. Ein Fehler! Hier wäre der Wiener Philosoph und Löschkultur-Kritiker Robert Pfaller der richtige Seelenarzt gewesen. Der weiss das.

© Wolfgang Koch 2022

Foto: Bolle-Bovier 2021, Archiv Klever

Urs Allemann: Carruthers-Variationen, 107 Seiten, Klever Verlag: Wien 2022, 18,- EUR, ISBN 978-3-903110-78-6

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/07/01/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen-2/feed/ 0
Urs Allemann hat den alten Carruthers erschlagen https://blogs.taz.de/wienblog/2022/06/28/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/06/28/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen/#respond Tue, 28 Jun 2022 11:56:30 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3350  

Es gibt keinen zweiten Autor deutscher Zunge, der so unbarmherzig auf ein einziges Wort festgenagelt wird wie der heute 74jährige Schriftsteller Urs Allemann. Unschuldig an seinem modernen Christusschicksal ist der heute im deutschen Goslar lebende und schreibende Schweizer natürlich nicht. 1987 hat Allemann den betulichen Literaturbetrieb mit einem einzigen schmerzhaften Stich seiner Nadel von den Toten zu den Lebenden erweckt.

Das geschah beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, der damals noch eine durchaus welthaltige Veranstaltung war, bei der sich Autor- und Juror*innen koextensiv und ehrlich in die Augen schauten – nicht so wie bei dem soeben zu Ende gegangenen 46. Durchgang dieses Wettbewerbs, der den gesellschaftlichen Niedergang der Belletristik und der Lesekultur spiegelte wie der Wörthersee die Felswände der Karawankenkette.

Beim 46. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vergaben Fernsehanstalten und Literaturfachmenschen fünf Preise unter den gerade mal 14 Teilnehmer*innen, also beinahe an die Hälfte der Eingeladenen, und das einstige Abenteuerfeld der Literatur wurde zu einer Wohlfühl-Blase zugerichtet, in der Juror*innen und Autor*innen durch die räumliche Trennung in Studiopodium und Gartenbühne einander nicht einmal mehr live ins Gesicht zu schauen brauchten.

Urs Allemanns Schreiben ist da aus einem ganz anderen Holz. Es gleicht bis heute einem Minengang; sein pluralistischer Perspektivismus hat in den vergangenen 35 Jahren nicht ein Jota an Spannkraft verloren. Auch in seinem jüngsten Werk – schmale 107 Seiten, die er in zehn Jahre aus seiner Produktion destilliert hat –, straft Allemann jene Interpreten der Lüge, die seine Texte in die Ecke des Nur-Experimentellen drängen wollen und behaupten, dass da einer bloss die Materialität von Sprache in den Vordergrund stelle.

Nein, so eindimensional gibt es Allemann nicht, so billig kriegt ihn die Literaturwissenschaft nicht in ihre Fänge. Der Altmeister der potentiellen Literatur hat sich für ein ganzes Dezenium das strenge Gebot auferlegt, jeden Text mit ein- und demselben Satz zu beginnen oder zu beenden. Und dieser Obersatz, eine knappe und dramatische Beichte, lautet: »Ich hatte den alten Carruthers mit dem Spaten niedergeschlagen«.

»Irgendwann«, lässt Allemann seinen Erzähler auf Seite 16 sagen, »ist dieser Satz in mich eingefallen«. Man denkt da gleich an eine befestigte Burg, deren Belagerer das Tor aufsprengen … an James Bond vor der Zentrale des schurkischen Dr. No. Doch genau genommen ist der Leitsatz des Textes nicht dem Erzähler in einem Irgendwo, sondern dem Autor bei der Lektüre des irischen Kult-Satirikers Flann O’Brien eingefallen. Noch genauer: dort hat er den Namen Carruthers aufgelesen, und Namen sind bekanntlich besondere Worte, besonders in Beziehung auf Satz, Gedanken, Bild, Träume.

»Durch den Namen ist die Bestimmung des Traumhaften möglich«, hat der Universalgelehrte und Lyriker Franz Baermann Steiner Anfang 1947 in seinem Journal notiert. »Der Name ist das unmittelbare Wort, das heisst das Nennen ist keine Mitteilung und als unmittelbares Wort wird seine Beziehung zum genannten Gegenstand durch kein Drittes erklärt«.

Das Besondere am Namen Carruthers liegt also in seiner Beziehung zum Gesamtbereich des Wortes, zum Gedanken und Satz. Äusserlich macht »Carruthers« die syntaktischen Eigentümlichkeiten der Worte mit, ist ein Substantiv und bestimmt sich als Satzteil. Doch vermag »Carruthers« sich nicht so weit auf die Syntax, auf das Im-Satz-Sein der Worte auszurichten, wie die anderen Worte. Der Satz hat Sinngestalt und teilt etwas mit, nämlich dass jemand bekennt, Carruthers mit dem Spaten erschlagen zu haben – doch das blosse Nennen des Namens ist ein anderes Prinzip als diese Mitteilung.

Der Name steht aus dem Satz heraus, wie die Pfeiler einer Brücke aus seichtem Wasser. Das Mitgeteilte geht vorbei, der Name aber bleibt. Steiner hat das so ausgedrückt: »Die Mitteilung braucht das Nennen ohne es zu verbrauchen; einmal genannt, ist der Name ein Mehr, das die Mitteilung in nicht aufnimmt – sie geht nur notgedrungen damit um«.

Man sieht schon: Wir landen bei Allemann weit weg Wechselkröten und Cargo-Kult, den diesjährigen Themen der Bachmann-Industrie. Dieser Autor hat keine Satire der Start-up-Szene verfasst und auch keine Mutterschaftsseele in die Welt hinausgeweint. Seine Literatur folgt der Bestimmung eines Für-die-Welt-Seins statt eines In-der-Welt-Seins. Allemann radikalisiert auf sehr unterhaltsame Art die Entwicklungsachsen seines Kompositionsplans, sein Erzähler verliert sich unterwegs und findet dann doch den richtigen Ton wieder in jener fundamentalen Auffaltung der Sprache, die den langen Atem des Lebendigen besitzt und jene impulsive elektrische Kraft, von der Klagenfurt seit Allemanns legendärem Eklat vergeblich träumt.

© Wolfgang Koch 2022

Foto: Bolle-Bovier 2021, Archiv Klever

Urs Allemann: Carruthers-Variationen, 107 Seiten, Klever Verlag: Wien 2022, 18,- EUR, ISBN 978-3-903110-78-6


]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/06/28/urs-allemann-hat-den-alten-carruthers-erschlagen/feed/ 0
Die Waffen nieder! https://blogs.taz.de/wienblog/2022/05/04/die-waffen-nieder/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/05/04/die-waffen-nieder/#comments Wed, 04 May 2022 07:26:23 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3357 Manchen ist der Tod gnädig. Der grossen österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner zum Beispiel blieb der Anblick der Kriegseuphorie im Sommer 1914 erspart. Sie verstarb wenige Wochen vor dem Kriegsausbruch. Eine ganze Menge von der tragischen Wucht des Gedankens, dass Serbien für die Ermordung des habsburgischen Thronfolgers militärisch gezüchtigt werden müsse, lässt sich heute in der moralischen Forderung nachspüren, dass es gut und richtig sei, der Ukraine in ihrem bewaffneten Kampf gegen die russische Militärintervention beizustehen.

Proteste gegen den Krieg unter einer nationalen Fahne sind allerdings nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems. Man glaubt es kaum, aber aus dem sicher richtigen humanitären Impuls, den Bruch des Interventionsverbot der UN-Charta durch Moskaus Armee anzuklagen, ist das Phantasma des gerechten Krieges wieder auferstanden, das zum Unglück der Menschheit weit mehr beigetragen hat als die Arbeit der Waffenschmieden.

»Das Wesen des Krieges besteht ja nur zum geringeren Teil in einem Gefühl der ständigen Todesgefahr«, warnte der russische Offizier Fedor Stepun 1929, »zum grösseren Teil aber in dem Fluch, am Prozess des gegenseitigen Mordens pflichtgemäss teilnehmen zu müssen«. Wer hätte gedacht, dass 77 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht noch einmal eine deutsche Aussenministerin den »Ruin« Russlands verlangen könnte? Wer, dass sich Gesellschaften, die penibel das jüdische Raubgut des NS-Regime restituieren, über Nacht russische Privatvermögen im Ausland einkassieren? Und wer in aller Welt hätte vor drei Monaten zu behaupten gewagt, dass die »Freiheit der Kunst« nicht auch die Freiheit, keine Meinung zu einem Krieg zu äussern, umfasst?

Das Exekutivkomitee der War Resisters‘ International, die Internationale der Kriegsdienstgegner, hat die ukrainische Regierung schon am ersten Interventionstag aufgefordert, zivilen Widerstand zu proklamieren. Ein solcher hat 1968 gegen sowjetische Panzer in der Tschechoslowakei gezeigt, dass Gewaltlosigkeit nicht Passivität bedeutet. Und die systemsprengende Gewerkschaftsbewegung Solidarność hinderte im Polen der 1980er-Jahren damit erfolgreich die Macht, ihre Interessen gegen die Bevölkerung durchzusetzen.

Die Effizienz von Gewalt wird überschätzt. Für zivilen Widerstand ist es in der Ukraine leider unwiederbringlich zu spät. Wir sehen jetzt jeden Tag, wie die bewaffnete Verteidigung vor unseren Augen zerstört, was sie zu verteidigen vorgibt. Ganze Landstriche verwüstet, Millionen Menschen auf der Flucht.

Die Effizienz von Gewalt wird generell überschätzt. Statt den Totschlag durch Gegenwehr zu eskalieren und die Spirale der Gewalt immer weiter zu treiben, muss die internationale Gemeinschaft das Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung radikalisieren. Gehorsamsverweigerer und Deserteure aus der russischen, der belarussischen und der ukrainischen Armeen sollen bevorzugt Asyl erhalten. Das Ausreiseverbot für Männer aus der Ukraine widerspricht überdies dem 4. Zusatzprotokoll der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Die Haltung von Kriegsgegnern kann immer nur »Fight the Game, not the Player« sein. Österreichs Bundeskanzler Bruno Kreisky hat noch vom Paradox gewusst, dass ein neutrales Land den um Unterstützung bittenden Freund enttäuschen muss. Die Vermittlungsaufgabe eines Neutralen verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn das diplomatische Dazwischenstehen durch andere Instrumente der Politik ersetzt wird.

Österreich sichert seine souveräne Existenz mittlerweile nicht mehr durch diesen Mehrwert für andere Staaten. Wirtschaftssanktionen hegen den Streit ja nur ein, wenn sie sich gleichmässig gegen beide Streitparteien richten. Wer Gewalt und Gegengewalt ablehnt, muss sich gegen Angst und Einäugigkeit immunisieren.

General Ludendorff, der Theoretiker des totales Krieges, hat 1935 verraten, dass das Wort »drohende Kriegsgefahr« die Volksseele im Ersten Weltkrieg viel mehr zu Sprechen brachte, als jeder Marschbefehl. Regiert erst einmal die Angst vor dem Dritten Weltkrieg, glaubt jeder, sich auf die richtige Seite stellen zu müssen. Und diese Fehldeutung schürt das Feuer immer weiter.

Friedensvermittelnde Neutralität heisst: sich auf niemanden verlassen, niemandem nachlaufen, Entrüstung isolieren, Schuldzuweisungen abstellen, unnachgiebig bleiben gegenüber der materiellen Übermacht. Frieden schaffen heisst: Zuversicht fassen in die politische Mittel und vorwurfsfrei die guten Dienste anbieten. Das ist kein leichter Job. Er geriert keine Follower.

Die Militärbündnisse denken im Muster von Rivalität, Aufrüstung und militärische Abschreckung. Das hatte nie eine lange Zukunft. Europa verkriegert sich gegenwärtig absolut sinnlos. Denn es war ja historisch nur eine Frage der Zeit, bis neue, undemokratische Akteure das Schema des »vorauseilenden Angriffs«, das die USA und ihre Verbündeten seit 2001 im Mittleren Osten praktizieren, kopieren würden.

Die militärischen Gewichte in der Weltpolitik lassen sich auch nicht einfach ausbalancieren. Alle Ideen eines militärischen Gleichgewicht der Kräfte in Europa haben sich historisch als falsch erwiesen.

Vor acht Jahren prophezeite der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew die »Iranisierung« seines Landes. Da wollte niemand in Ost und West hinhören. Jetzt lautet die unangenehme Wahrheit für alle: sämtliche klugen Überlegungen zur Weltlage und zur Energiesicherheit, ja selbst zu den Kriegsursachen sind für eine Schiesspause vollkommen ohne Belang. Um Feuerruhe zu schaffen, ist es völlig unerheblich, wer das Töten mit welchen Motiven begonnen hat. Um den »Kredit des Totschlags« zu beenden, braucht nur eine Pause befohlen zu werden. Sie allein führt zu einem international kontrollierten Waffenstillstand.

Egal, ob gerade dieser oder jener Präsident das Blutvergiessen kommandiert, ob nun eine Diktatur gegen die »liberalen Werte« steht oder das »Nato-Imperium des Hasses« von einer »multipolaren Weltordnung« abgelöst wird, ein Waffenstillstand muss her, und zwar noch in dem Zeitfenster, bevor die Ukraine mit Offensivwaffen die Russische Förderation zur Generalmobilmachung veranlasst.

Eine aufgewühlte Öffentlichkeit vermag im Krieg nichts! Friede entsteht allein durch die Überwindung der Kriegslogik von Freund und Feind.

Stop the war! Остановите войну!

© Wolfgang Koch 2022

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/05/04/die-waffen-nieder/feed/ 3
Robert Sommers Radikalität des Schreibens III https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/10/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-iii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/10/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-iii/#respond Mon, 10 Jan 2022 14:25:40 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3288 Im Filmthriller ›The Equalizer‹ von Antoine Fuqua (2014) sagt die Prostituierte Alina zum Ex-Agenten: »Robert reads books like this, and Bob watches TV«. Dieses Gespaltensein zwischen zwei Zuständen kennzeichnet die Menschen wohl aller sieben Kontinente, dass nämlich die Roberte lesen und lesen und lesen, während die Bobs das TV-Programm leerschauen.

Der Wiener Subkultur-Autor Sommer ist ein Robert und kein Bob, uns zwar ein rekordverdächtiger Robert, allerdings auch ein schlampiger Robert, ein rabiater Quer- und Hineinleser, interdisziplinär-chaotisch, frei von innerer Widerspruchslosigkeit. Der an Predigten und Parteiparolen geschulte Autor vermag sämtliche Ungereimtheiten des Lebens im eigenen Weltbild zu ertragen. Mit ganzer Kraft scheint dieser Robert entschlossen, die absurdesten Ansichten, die er sich abringen kann, zum Zentralwert der Eigenpersönlichkeit und des freien Willens zu erklären.

Wir haben es mit einem Gutmenschen zu tun, der stets nur über sich spricht. Warum nicht? Tun ja auch andere. Er besitzt einen gewaltigen Bücherschatz; doch nur die wenigsten Werke hat er von A bis Z studiert. Soviel Aufmerksamkeit und Durchhaltevermögen kann sich einer, der weder befehlen noch gehorchen will, einfach nicht abringen.

Weil im Text nie klar auszumachen ist, was nun auf den Autor Robert Sommer zutrifft, und was auf seine gleichnamige Erzählfigur, schwankt die Kopfkugel bei der Lektüre des ›Blend Werks‹ beträchtlich hin und her. Macht sich der Autor über uns lustig, indem er uns zwingt den linksradikalen Tölpel für sein Abbild zu halten? Oder hat sich der Verfasser köstlich dabei amüsiert, ein bescheuertes Alter Ego aus seinem Pelz zu schüttelt und vor uns hinzustellen?

Perplex sind wir auf jeden Fall. Es ist auf den 833 Seiten des Textwerkes nie ausgemacht, welche Überlegungen Sommers radikalem Schreiben letztendlich zugrunde liegen. Ich neige dazu, das erzählerische Ich für eine autodidaktische Fiktion zu halten. Herr Sommer will gar keine Revolution, er redet zwar dauern davon, aber er hält bereits sich selbst – sein Erscheinen, sein Handeln, sein Wirken – für ein ungehorsames Ereignis.

Was kümmern diesen Revoluzzer die ewigen Streitfragen der Linken! Ob dem Zentralismus oder der Autonomie von Föderationen der Vorzug zu geben ist, ob zuerst die Bourgeoisie gestürzt werden muss oder ob sich kleine Gruppen zum Embryo der zukünftigen Organisationsformen machen können … Sommer sind solche Problemstellungen sinnverdächtig.

Ideologisch steht der Protagonist  dem austroamerikanischen Theologen Ivan Illich näher als Marx, Bakunin oder Fanon. Illich hat auf die Lesegeneration der 1970er-Jahre mächtig Eindruck gemacht. Er verkehrte als Kind im Haus von Sigmund Freud, er wurde später Schul- und Medizinkritiker und forderte den »lebensgerechten Einsatz« der Technik. Die heutigen Regierungsgrünen sind ein kabarettistisches Echo auf Illichs radikaler Absage an die umweltvernichtende Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft.

Trotz seiner Liebe zu Illich entwickelt Sommer nie ein Gefühl für das, was den Staatskommunismus im Osten mit Mühe und Not überleben hat müssen: die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Meinung, die Eigenverantwortung der Lebensentwürfe, die Nachbarschafthilfe, der Glaube an den heiligen Charakter des Holzes.

Aktuell heult Sommer mit Greta Thunberg, die er für ganz unfähig hält, eine peinliche Aussage zu treffen. Das ist als Lob gemeint. Wieder identifiziert sich Sommer emotional mit einer Leitfigur der Gegenwartskritik, ohne viel darüber nachzudenken. Als antidadaistischer Dadaist sieht er sich stets am Sprung vom Reich der Notwendigkeit in das Reich der literarischen Freiheit, er führt Gedankengänge aus Prinzip nicht zu Ende, er fixiert sich unbekümmert auf eine Richtung der Reflexion und ignoriert jedes ernsthafte Bemühen um Klarheit über die Herausforderungen der Zeit.

Staat. Volk. Kirche. Grenze – für Sommer nichts als verworrene Hilfskonstruktionen der Geschichte. Diese Begriffe schaffen bloss eine Ordnung, die von freien Individuen in freien Gemeinschaften ablöst werden soll. Keiner Institution und keiner Definition darf im ehemaligen Wiener Aktionistenkeller eine privilegierte Position eingeräumt werden. Wir Revoluzzer und unsere Lieben, schwärmt Sommer, wir ignorieren Geldsack und Tyrannei; die totalisierende Gesamtheit de Lebens kann uns mal. Wir separieren uns so lange von der Mehrheit ab, bis die letzte Separation in die Vereinigung aller Eigenbrödler umschlägt.

So hat das der Münchner Libertäre und Überradikale Gustav Landauer schon vor dem Ersten Weltkrieg gelehrt, und der philosophisch-literarische Existenzialismus der Rollkragenpullover hat den Guerillagedanken nach dem Zweiten Weltkrieg noch vertieft: dass es keinen äussere Sinngebung des Lebens und des Zusammenlebens gibt, weder durch Religionen noch durch Ideologien. Dem Volk darf auch nicht gedient werden, es muss sich selbst verwalten.

Das erste Dekret des Volkes im linksradikalen Paradies lautet: Wir erkennen in der Verweigerung den Verstand des Universums. Das zweite Dekret: Verwirklichung des Sozialismus bedeutet Selbstverwirklichung der Menschen; bedeutet dem inneren Erleben ethnopluralistischen Raum geben, ohne es den Zwecken des Staates, der Kirche und der Moral unterzuordnen.

Rudolf de Jong, ein Wortführer dieser politischen Richtung, hat 1971 vom »Sinn-Unverständnis« der Anarchist*innen gesprochen. Und er meinte damit, dass die schöne Revolution ihr Ziel niemals erreicht, dass sie einem Moment des Rauches und der Freude gleicht, dem grossen Fest nach der Niederlage von Zwang und Herrschaft.

Das sind so ungefähr die psychologischen Muskeln, die Sommers Herz Pochen lassen. Dank Sozial- und Bildungsarbeit kann der Held des Buches sein verbales Sektierertum im Berufsleben durchhalten, ja die harte Realität der Wohnungslosen nährt seine Verweigerungsmanie sogar noch. Nur leider hat die neue Zeit weder einen Juso, noch einen Kummerl, weder einen Reformkommunisten noch einen Autonomen gebraucht, um herufzudämmern.

Der Anarchismus blieb auch nach 1968 im Rosennetz gefangen! Die Idee einer universellen Menschheit setzte sich ganz anders, nämlich mittels Digitaltechnik und Abfallökonomie durch. Ihre aktuelle Vereinnahmungskraft heisst Klimaschutz mit immer rigideren staatlichen Eingriffen in Wirtschaft und Privatleben.

Angesichts dieser technologischen Revolutionen sieht sich ein kulturalistisch motivierter Linksradikaler wie Sommer geradezu begnadigt. In Ermangelung einer eigene tragfähigen politischen Perspektive beginnt er sich immer dichter mit der Geschichte der künstlerischen Avantgarden zu beschäftigen und vereinnahmt bald alles, was ihm vor Augen kommt, für seine Revolutionsproklamationen.

Nur gelegentlich phosphoresziert das ›Blend Werk‹ ins Unbekannte hinein. Viel häufiger schneidet Sommer Krawatten ab und reisst Hemdenknöpfe aus. Wäre das Buchmonster die Schöpfung eines Jungautors, würden wir gewiss sagen: »Ein Talent! Hier blüht ja eine prächtige Unangepasstheit auf! Morgen wird dieser Autor Landschaften kultivieren, Klöster errichten, Mühlen in Betrieb setzen.«

Doch der Wiener Autor hat bereits runde Siebzig auf dem Buckel. Weise will er zwar auch mit 100 noch nicht sein; er kommt bequem ohne Lernziele aus, gabelt nach jedem Mittagsmahl ein paar Bissen Bildung in sich hinein und richtet sich kompromisslos im Kopf eine Flugblattsammlung zurecht.

Man fragt sich, woher einer diese lebenslange Empörung nimmt. Eine Wurzel liegt sicher in der Beobachtung des untergehenden Industrieproletariats. Sommer hat schon als Kind die geschlossenen Fabriken in den niederösterreichischen Tälern gesehen. Eine weitere Wurzel bildet die hemmungslose Lektüre radikaler Luftschlösser, eine dritte wahrscheinlich die sozialarbeiterische Nahsicht auf die Elenden und Gestrauchelten in der Grossstadt.

Als Sachbuchautor tickte Robert Sommer noch anders als in seinen ungewöhnlichen Memoiren. Als er 2011 sein Buch ›Wie bleibt der Rand am Rand. Reportagen vom Alltag der Repression und Exklusion‹ im Mandelbaum Verlag vorstellte, untersuchte er noch ernsthaft soziologische Realitäten und glich sie mit operaistischen Theorien ab.

Im neuen Buch zitiert er die Philosophen Sloterdjk und François Jullien. Aus der italienischen Autonomia kennt er nur Franco Bifo Berardi. Der ständig im Mund geführten Karl Marx ist ihm aus Biographien bekannt, von seinen Werken hat er keine Ahnung. Sommer trachtet nämlich aus dem Leben der Toten nur zu ziehen, was die Gewalt des eigenen Erlebens erhöht. Ein Zitat von Aristoteles macht aus ihm einen Urbanisten, ein Wort von Ludwig Marcuse einen Stillesucher.

Vieles an diesem Radikalismus bleibt uns ein Geheimnis und ist in seinem querdenkerischen Ergebnis (Mulikulturalismus, Staatsfeindlichkeit, Atheismus) kaum zu unterscheiden von sozialliberalen Positionen. Da zwei Anarchisten über den richtigen Weg zur Herrschaftslosigkeit garantiert zwei Meinungen haben, da sich drei Trotzkisten bekanntlich in der Mitte hindurch spalten und verfeindete Fraktionen bilden, da von vier Linksradikalen drei leider ausgerechnet heute keine Zeit haben für die Agitation, bleibt Herr Sommer Subkultur.

Der Kabauter aus Rotheau an der Traisen bevorzugt das Pitoreske vor dem Wahrhaften und geht damit unter seinen Freunden schon als politischer Kopf durch. Er will seine Schwachheit bewahren, will unter den Schwachen bleiben. Bei den stark verzauberte Menschen, ganz unten.

Kurz: Robert Sommer führt uns den Linksradikalen als Karikatur vor, als komische bis lächerliche Variante des politischen Engagements. Er glaubt zu wissen, dass das Leben nicht den Erkennern gehört. Er meint mit Bestimmtheit, dass dem Einseitigen, dem Parteiischen, dem Verkenner die Bahn offen steht. Geblendet sein ist eine Kraft, einseitig sein kann man zu Spass machen, ohne im Alter seine Erscheinung zu verfälschen, ohne an Grandezza zu verlieren, ohne Sekt zu erbetteln.

Was für ein Seelenbrand! Was für ein Hochmut angesichts des ungeheuren Weltgerichts! – Stalinistischer Juso … moskauhöriger Parteisoldat … resignierter Reformkommunist … anarchistischer Sozialarbeiter … kunstbeflissener Volksbildner … literarischer Terrorsympathisant. Das sind die ideologischen Stationen dieses Wiener Kellerevolutionärs durch ein halbes Jahrhundert. Das ist es, was der Rabe mit dem Schnabel krächzend aus des Schädels Raum pulen wurde, und was wir nun vor dem Aaszerhacker in Buchform vor uns liegen haben.

Sommer flanieren durch die marxistischen Blödheiten seiner Jugend und freskiert die wilden Jungmännerjahre wie Untote über dem Nebelhang. Aber Wert, ein Leben genannt zu werden, ist doch nur das Leben dessen, der alles Verkannte auch zu erkennen vermag. Sommers Alter Ego hat nie die Runde durch alle Positionen und Parteien gemacht, er ging nicht nacheinander durch verschiedene Einsichtigen hindurch. Sommers Mister Sommer lebt das Leben eines Weltallsegments.

Ich denke: Je kleiner die Meinungsänderung zwischen Jugend und Alter, um so schmaler der durchlaufene Weg, um so seichter das durchlaufene Leben. Aber dient Sommers Spätwerk überhaupt der Existenzmitteilung, funktioniert es als Selbstvergewisserung, Selbstverfertigung und Selbstentblössung? Jedenfalls schimmmert durch alle Bilder und Anekdoten, alle Metaphern und Reflexionen hindurch als beständiges Korrelat der Schreibexperimente die abstrakte Moral, wie weit ein ästhetischer Prozess politisch bestimmt und vielleicht aufgehoben werden kann.

Die Absicht ist zweifellos kollektivierend. Doch nicht ethisches Denken ist es, das Sommer vor der Leser*in entwickelt, nicht eine Öffnung in der Lage des Einzelnen in jeder möglichen Gesellschaft wird angestrebt, sondern das Erscheinen des Autors durch ein Selbstportrait mit humoristischen Effekten. Dabei gelangt der Monumentalismus ohne eine eigene selbsterschaffene Welt mit ihren schiefen und verzerrten Perspektiven, ihren Trugschlüssen und Ideosynkrasien zu unerhörten Tönen und Aussichtpunkten in die Zukunft.

Sommer benutzt einfach seine eigene Biographie, um die Welt wie ein kräftiges Bild zu kopieren. Natürlich enthält auch das ›Blend Werk‹ keine ganze Welt ins sich, und schon gar keine wirklichere als die wirkliche eine ist. Der Autor löscht mit dem Schattenreich des Linksradikalismus die Welt sogar aus, schlägt Brücken über den Styx, so dass die Toten mit den Lebenden zwanglos bei Tisch sitzen, als gäbe es in der Lektüre nur ein einziges ungeteiltes Sein.

Robert Sommer dirigiert ein grosses Orchester, das nie einen Sprachtumult hervorbringt. Unterdrückte Nachrichten, ja. Wissenwertes wie die Existenz des Pletky-Lexikons, ja. Dass der widerspenstige katholische Theologe Adolf Holl hochgradig abergläubisch war und wundertätige Medaillen in seiner Schreitbischlade hortete. Nun wissen wir auch das.

Sommer zweifelt nicht eine Zeile lang daran, dass Literatur ein geeignetes Gefäss für Gedankenketten ist. Sämtliche Innereien würden in ihm zu rülpsen anfangen. Er sieht in Literatur »ein Konzept der ästhetischen und antiästhetischen Archivierung von Ideen, die nicht in Vergessenheit geraten sollen« – wie die Idee, dass Zugfahrten etwas von einem rollenden Kino haben, oder wie der Hirnriss, dass viel Text mit viel Inhalt zu tun hat.

Hätte aus dem ›Blend Werk‹ je sättigende Literatur werden können? Zieht man von den 833 Druckseiten die überflüssigen Faksimile und die ärgerlichen Wiederholungen im Fliesstext ab, wären etwa 650 Seiten für einen professionelles Lektorat geblieben, das diesen Materialberg spielend auf die Hälfte eingedampft hätte, ohne an der Substanz des Gesagten etwas zu ändern.

Zur sorgfältigen Überarbeitung der verbleibenden 300 Seiten hätte der Autor Sommer allerdings mindestens zwanzig bis dreissig Jahre jünger und bei voller Gesundheit sein müssen. Radikales Schreiben ist keine Hobbybeschäftigung für Senioren, die Bücher querlesen und ihren Freunden im Umdrehen und Zurückwinken schnell noch die Welt erklären möchten.

Der Erzähler ist bei keinem seiner geliebten Ereignisse ein Zeitzeuge der Neuen Linken. Immer hält er sich im richtigen Augenblick gerade woanders auf. In der heissen Viertelstunde des Mai ’68 sitzt er nicht im Audimax der Alma mater Rudolphina Vindobonensis. 1969 gehört er nicht der Fischer-Marek-Gruppe gegen die Altstalinisten in der KPÖ an. Als 1978 die deutsche Linke über den RAF-Terror streitet, eilt er nicht zum Tunix-Kongress an die TU Berlin. Die transnationalen Proteste der Occupy-Bewegung kennt er nur aus dem Fernsehen.

Trotzdem gehört dieses Erinnerungswerk im Buchregal direkt neben Fritz Kellers Reader ›Wien, Mai 68‹ (1988) und die verdienstvollen Dokumentation ›Schwarzes Cafe. Das andere Wien 1981-2001. Wir haben keine Chance, aber wir nutzen sie‹ von Alois Bauer, Max Fürth und Susanne Kratochwil aus dem Jahr 2001. Wien ist arm an historischen Aufarbeitungen seiner Subkultur in den letzten fünfzig Jahren.

Sommer erinnert an die von HC Artmann ausgelöste Mundart-Welle in der Literatur und die baldige Musealisierung dieses Sprachmuts; er erinnert an das 1930er-Jahre-Revival der Arbeiter*innen-Perspektive auf dem Feld der Sozialarbeit und an seinen Abgesang im Linksliberalismus; sowie an die Remythisierung des Wiener Aktionismus ein halbes Jahrhundert nach dessen lärmendem Auftritt.

Vielleicht ist Robert Sommers Traum von der Radikalität des Schreibens schon mit diesem einen Satz umrissen: »Ein von niemandem erwartetes und von niemandem bestelltes Buch zu schreiben, heisst in eine paradiesische Zeitwelt einzutreten«. – Chapeau! Robert Sommer ist es mit diesem Monster tatsächlich gelungen, die journalistische Idee des Redaktionsschlusses in Grund und Boden zu stampfen.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Foto: Robert Sommer, © Mario Lang 2005 (Ausschnitt)

Abbildung: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/10/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-iii/feed/ 0
Robert Sommers Ozean aus furiosen Listen https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/03/robert-sommers-ozean-aus-furiosen-listen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/03/robert-sommers-ozean-aus-furiosen-listen/#comments Mon, 03 Jan 2022 20:09:55 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3284 Achtzig deutsche Wörter, die jeder Rekrut in der k.u.k. Armee kennen musste.

Ai Weiweis Liste der 5.200 Schüler*innen, die 2008 bei einem Erdbeben in Südchina ums Leben kamen.

Aktueller Getränkebestand im Perinetkeller.

Alexander Osangs Erinnerungen an die DDR.

Aussergerichtliche Wege des Mörders von Samuel Childs, das Verbrechen in ihm zu tilgen.

Ausstellung der zwölf Rätsel des Tages.

Auswahl peruanischer Kaffeesorten.

Beliebte Stücke vom Mann in der Menschenfleischhandlung.

Beliebteste Zufluchtsorte des Homo sapiens.

Das Personal des gescheiterten Sommer-Romans ›Potlach‹.

Debatten am 9. Parteitag der Kommunistischen Partei Russlands, 1920.

Die 14 Stämme Irlands.

Die besten Sätze mit »Marx«.

Die Neue Beichtschule.

Die wunderbare Welt des Fernsehens aus dem Blog von Georg Seeßlen.

Dinge, die in Sommers Grab zu werfen sind.

Dinge, die nicht zum Geburtstag geschenkt werden dürfen.

Dinge, die zur Nachbesserung der Schöpfung notwendig sind.

Eigenschaften der künstlerischen Avantgarden.

Einteilung der Küsse bei Andreas Okopenko.

Elf Dinge, die Joyces‘ Figur Leopold Bloom besonders gut beherrscht.

Emprove your English-Fragen mit deutschen Ausdrücken.

Entbehrliche Worte mit der Endung -üsse.

Friedhof der gescheiterten Projekte.

Gliederung des Tierreiches durch den argentinischen Schriftsteller Louis Borges.

Gründe nicht aufs Land zu ziehen.

Henri de Saint-Simons Führungsgremium für den utopischen Staat.

Hierarchie auf dem portugiesischen und spanischen Karavellen der Entdeckungsfahrten.

Historische Zitatensammlung zum gemeingefährlichen Menschen (Schwarzes Buch).

In Vergessenheit geratene Künstler*innen.

Intellektuellen-Organisationen, die der Münchner Räterepublik zur Seite standen.

Irrige Annahmen George Orwells.

James Joyes‘ Liste der schlechtesten Bücher der Welt.

Kaderspieler des SK Vorwärts Steyr.

Kennrufe niederösterreichischer Faschingsgilden.

Kleine Typologie des Bergsteigers.

Komplette Dokumentation der Dreiecksbeziehungen in Literatur und Film.

Kreuzwegstationen des Bahnhofs.

Längster Untertitel der Fabelliteratur.

Lisboas besten Adressen.

Liste der Winde.

Materialsuchliste der Besetzer des Arena-Schlachthofs in Wien.

Namenliste der mit dem Sommer-Band ›Sämtliche Erinnerungen‹ Beschenkten.

Nebenwirkungen von Psychopharmaka klassifiziert nach Häufigkeit.

Ordnung des 1-Euro-Ladens.

Ordnung des Kitsches nach Joyce.

Ostalgie in Usedom.

Poësie von Autorennamen.

Ranking der Phobien.

Rechte des Lesenden nach Hans Magnus Enzensberger.

Reformen von Papst Johannes XXIII.

Register der verlogenen autorisierten Biographien.

Register der verlogenen nicht autorisierten Biographien.

Schiffskatalog aus Homers ›Illias‹.

Sechs Quellen des autobiographischen Materials.

Sommers Einkaufsliste vom 11. August 2005.

Sommers Lektüren von 2017.

Spieler des FC Karabakh in der Regionalliga Ost.

Sürrealistische Texte zum Thema Tier.

Synonyme für Rumbalotte.

Teiche bei Trebon.

Textteppich aus Veranstaltungstiteln in zwanzig Jahren Aktionskreis Augarten.

Tiere mit braunen Augen.

Tiere mit drei Buchstaben.

Tiere, die man nicht essen kann.

Topopoësien.

Unvollkommene Liste der Geschlechter von nichtbinär bis transfeminin.

Verfluchte Betreiber der Spaltung zwischen Kommunismus und Anarchismus.

Verzeichnis der vom Autor bewirkten Wunder.

Vier Hauptstädte der Juden.

Vier Wiener Menschentypen (Wiffzacks, Wuchtldrucker, Spintisierer, Mochatscheks).

Vollständiges und chronologisches Verzeichnis der Wunder Jesu.

Von Shakespeare am häufigsten benutzen Worte.

Was Sommer alles mitgegründet oder sogar gegründet hat.

Was Sommer mag, z.B. Oligarchenfussball.

Was Sommer nicht mag, z.B. Marx‘ Slawophobie.

Welche politischen Strömungen sich zur Überwindung des Kapitalismus zusammenschliessen müssen.

Wie Karl Kraus in ›Untergang der Welt durch schwarze Magie‹ den Wiener charakterisierte.

Wirtschaftsvertreter, die am 24. April 2016 mit Kanzlerin Merkel und US-Präsident Obama speisten.

Woraus das Wirkliche nach Ernest Hemingway besteht.

Wortverbingungen mit Sprach-.

Zehn am häufigsten zitierten Philosoph*innen.

Zusammensetzung des kanadischen Kabinetts nach Funktionen.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Abbildung: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021 (Ausschnitt)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2022/01/03/robert-sommers-ozean-aus-furiosen-listen/feed/ 1
Robert Sommers Radikalität des Schreibens II https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/30/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-ii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/30/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-ii/#respond Thu, 30 Dec 2021 22:22:37 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3281 Ich liebe verrückte Bücher, die nicht als zu Lesefutter verschweisste Textware zum Gebrauch aufliegen, Bücher, die kein Bildungsstoff oder Ratgeber für irgendwelche Lebenslagen sind, sondern etwas anderes: Narratorium, literarische Schrulle, Satzschrottplatz, ein Splitter von der Unsterblichkeit der Seele, Privatjournal, Hobbybastelei oder Flaschenpost für die Freunde.

Ich mag riskante schriftstellerische Unternehmungen, die auf die Wokeness pfeifen, die von den Universitäten in die Verlage getragen wird. Robert Sommer wirft ein Konvolut vor uns hin, das sich allen traditionellen Genrezuschreibungen widersetzt. Dieser lebenserfahrene Autor gestattet sich ungefragt das Recht auf Schreiben und auf Argumente. Herausgekommen ist dabei das ungewöhnlichste aller Wienbücher der Gegenwart, eine kaum verdauliche Totalschrift, ein Ärgernis, das nur in Samisdatform erscheinen kann, weil der Autor die absolute Kontrolle über die Text- und Bildmasse in der Hand behalten wollte.

Wir werden in diesem ›Blend Werk‹ hineingerissen in einen Strudel des politischen Engagements, der Perestroika, des Antiquaritas-Anarchismus, der Mundartgedichte, der Reisenotate, der Lektürefrüchte, der Selbstermächtigung der Gestauchelten, in das Heulen der Bettlerlobby und in die elende Mediokrität der Linksalternativen. Und so bunt wie es thematisch zugeht, gerät auch das Feuerwerk an Textformen und Stilversuchen.

Ist das überhaupt noch ein Text-Bild-Band, könnte man fragen, oder schon eine Medienparodie, die in den Intertext hineinwuchert? – Manchmal glaubt man die Antwort direkt vor den Augen zu haben, das Skelett einer Autobiographie oder dieses Zwänglerische des An-die-Grenze-Gehens beim Schreiben. Dann wieder macht einen das Buch ratlos wie ein plötzlich vernommener Pulsschlag.

Möglicherweise ist dies gerade das Kunststück: dass der wirkliche Herr Sommer in seinem Werk wie Gott im Weltall ist, überall anwesend und nirgends sichtbar, selbst dort, wo sich der fiktive Herr Sommer penetrant vor das Publikum hindrängt. Man denkt an Flauberts satirisches Spätwerk von 1874, und dass der Wiener Autor ›Bouvard et Pécuchet‹ hier zu einer Person zusammendrängt, der er auch noch seine eigene Identität verleiht. Aber adrett und logisch wird das ›Blend Werk‹ immer nur für ein paar Sätze, dann geraten die Seiten wieder zu versinnbildlichten Leerstellen, in die wir Leser*innen schneeflockengleich fallen dürfen, bevor wir beim Umblättern dahinschmelzen.

Der 833-Seiten-Ziegel besteht aus vier Teilen. Auf den ersten dreissig Seiten japsen die Sätze wie tolle Hunde durchs Schneegestöber. Im zweiten Teil, bis den Illustrationen, beruhigt sich das Auf- und Abwogen der Zitate, Ideen und Listen. Was Gesagt wird, pendelt sich in der Bipolarität von zwei Themen pro Doppelseite ein. Im dritten Textteil, nach den wenig hilfreichen Faksimiles aus Sommers Pickbüchern, zieht ein journalistischer Erzählton im Buch ein, immer wieder unterbrochen von Parodien, längere Fund- und Experimentaltexten. Der Protagonist wird mit biographischen Daten angereichert, die Textmasse insgesamt konventioneller.

Aber statt von Erzählen sollte man eher von einem erzählerischen Unwollen reden. Der Autors bleibt an einer logischen Auflösung der Aporien ebenso desinteressiert wie an der Genauigkeit von Schilderungen, und das lässt eine Schwächen dieser Textmasse deutlich hervortreten. Wenn Sommer etwa die Obdachlosenbrüder und -schwestern der Augustin-Verkäufer portraitiert, so bleiben diese höchst originellen Menschen doch papierne Charaktere ohne Gesicht, ohne Gestalt, ohne Kleidung, ohne Geruch. Alle Personen werden auf Namen und Anekdoten reduziert.

Einer der besten Texte des Bandes stammt nicht von Sommer, sondern aus der 1908 verfassten Chronik von Tattendorf in Niederösterreich. In dieser Geschichte treten Gestalten mit wenigen Worten plastisch vor uns hin, fernab der stilisierten Pappkameraden von Sommer. Plötzlich steht der Rest des ›Blend Werks‹ komplett entzaubert da. Der magisch-schöne Fremdtext degradiert den Nonstop-Flug Sommers zu einem Übungsakt für Schreibwütige.

Sommer hat mit verführerischer Sprachgewalt wenig am Hut, er mag uns nicht den unfasslichen Reiz eines Klanges geben, den flüchtigen Schein einer Silbe, den fliehenden Schatten eines Wortes, den silbernen Klang einer Wendung. Wohl taucht der flutende Duft blühender Sätze in Zitaten auf, häufig in solchen der im Juni 2021 verstorbenen Friederike Mayröcker. Auch der Fieberschaum gleitender Rhythmen von Marianne Fritz (»Ihre Sätze folgen weder den Regeln noch den Unregeln«) rinnt vorüber. Heiner Müller, in dem Sommer immer noch einen Protagonisten der Revolte für »eine wirkliche DDR« sieht, komplettiert diese heilige Trinität der erklärten Vorbilder, und zwar samt seiner gruseligen Stalin-Hymne.

Auch Robert Walser, James Joyce und Elfriede Jelinek glühen in Zitaten auf, Mundart-Autoren aus der dritten und vierten Reihe, lautmalende Obdachlose, … Sommer urasst mit den im Buchhandel kanonisierten Autor*innen und mit einer Vielzahl von Schreiberlingen, die kaum wer kennt. Er bewundert den Ungarn Peter Esterhazy als den genialsten Verwerter von Fremdtexten. Und er bewundert den ›Grabspruch‹ des dichtenden Psychatriepatienten Ernst Kostal (1944-2013): »auch ich war da/ und sage ja/ zu meinem Dagewesensein:/ mehr ja als nein.«

Sommer kennt unfassbar viel Gedrucktes. An den wichtigsten österreichischen Literaturgrössen der jüngeren und der jüngsten Epochen aber (Aichinger, Cotten, Doderer, Haushofer, Hoffmannsthal, Holzer, Jonke, Obernosterer, Priessnitz, J. Roth, Timber-Trattnig, Zier) schreitet das zitierwütige Mammutwerk verlässlich vorbei. Immer wieder blendet uns das Alter Ego des Autors. Mal als Bildungskanone, die mit Blindmunition in einem Potemkinschen Dorf herumballert; mal als roter Grossvater ohne Enkel; mal als Liebhaber der spanischen Sprache im Katalonien der stalinistischen Genickschüsse.

Sommer ist weder ein antiautoritärer Uhrmacher der Jura-Förderation (das wäre er gerne) noch ein Barfuss-Querdenker (solche hat er zu Freunden), sondern ein Menschen- und Freiheitsrechtler im Modus der typisch Wienerischen Dauerempörung. Der Sommer des Buches ist ein libertärer Luftfahrtpionier, der im Revoluzzertum seiner Jugend stecken geblieben ist. Der Autor stellt sich im Werk bloss, stellt sich kaltsinnig als einen hin, der den Sozialismus und sich selbst als Kleinstveranstalter parodiert.

Das ist nicht irrsinnig komisch, aber lustig ist es doch. Und natürlich kann ein vom Sammeln und von Anspielungen besessener Autor, der so souverän mit dem Bild von sich selbst verfährt, kein Freund von Schreibwerkstätten sein. Sommers Untergrundmentalität setzt auf die kompromisslose Radikalität des Schreibens. »Das Schreiben muss etwas Seltenes bleiben, mindestens so selten wie eine abgeschrägte Gehsteigkante auf der unsichtbaren chinesischen Seite des Mondes, da man lange getrunken haben muss, bis einem etwas wirklich Hervorragendes gelungen ist«.

Na, sowas! Kann etwas Seltenes wirklich zu 833 dicht beschriebenen Seiten führen? Müssen hier nicht andere Kräfte im Spiel sein: eine Erbitterung oder ein Gefühl erlittenen Unrechts zum Beispiel? Da Authentizität nicht behauptet und jede Selbsteinschätzung systematisch anfechtbar gemacht wird, ist schlechterdings jede Interpretation möglich.

Das ästhetische Ideal des ›Blend Werks‹ dürfte der Textteppich ohne Höhepunkt im Sinn der Narration sein. Literatur soll sich hauptsächlich aus der Literatur anderer speisen und nur nebensächlich aus dem eigenen Erleben des Autors kommen. Denn der Autor/ die Autorin verkörpert sich nach Sommers Verständnis automatisch in verstreuter Form. Wie Alfred Döblin sieht Sommer in der Technik der Montage die Möglichkeit, möglichst weit hinter sein Werk zurückzutreten und mit einer Kombination von Aufzählungen den Eindruck von Geschwindigkeit und Bewegung zu vermitteln.

Mangelnde Werkgeschicklichkeit macht das Buch mit einem Ozean aus Schwulst wett. Das Erzähl-Ich schwärmt vom Adrenalinrausch beim Baufällen, von Mischsprachen im österreichisch-tschechischen Grenzgebiet, von der melancholischen Seele Unterkärntens, von Sommers Freundin Riki, und von tausenden Erscheinungen des öffentlichen Leben und der Privatangelegenheiten.

Auf diese Weise erzeugt das Konzept des Erzählens in Fragmenten das dynamisches Bild einer linksradikalen Männerexistenz im Tauwetter des Kalten Krieges und in den Millenniumsjahren; auf diese Weise fängt der Riesenpfannkuchen ein halbes Jahrhundert ausser Atem ein. Aus versprengten Teilen schafft Sommer ein Sprachkunstwerk, in dem die Partikel und Komponenten nebeneinander geklebt werden wie die Zeitungsschnipsel seiner Pickcollagen.

Der Textteppich bildet eine assoziative Verknüpfung der unterschiedlichen Handlungs- und Bewusstseinsebenen. Wird es schwierig, eine Balance zwischen Sätzen zu halten, pfeift Sommer auf die Symmetrie-Frage, auf alles Kompositionsprinzipien überhaupt. Da für ihn nichts so ohne weiteres durcharbeitbar ist und er nicht erwartet, neue Formen zu bislang vorhandenen Ausdrucksweisen zu finden, wuchert der Rückblick in der Assoziationswiese. Am Ende stehen wir vor einem gewaltigen Canyon zwischen politischer Intention und künstlerischer Artikulation.

Sommers ›Blend Werk« wird zu dem Hohlraum einer versinkenden Welt, in der es einem einzelnen unertäglich ist, ertragen zu werden, und dieser Hohlraum wird zu einem Mischort namens Wien-Brigittenau und Wien-Favoriten, erfüllt mit den Funken und Überschneidungen einer Dissidenz – wird eine Form auch, sich aus Betroffenheit der linken Werte der Lese-Generation der 1970er-Jahren zu vergewissern.

Welcher Werte? Nun, zuoberst der Bildung, wie sie etwa ein Rudolf Virchow verstanden hat: »Das Hauptmittel der Demokratie ist die Bildung«, kritzelte der Arzt seiner Zeit auf den Rezeptblock. Sommer unterschreibt das, aber es passieren ihm in seinem Wissenseifer auch arge Schnitzer. Pier Paolo Pasolinis Phrase »scomparsa delle lucciole« zum Beispiel hält Sommer für »eine Metapher der Zerstörung der Natur durch das Profit-Prinzip«, wo doch das Absterben der Glühwürmchen für den Verlust der Werte und das Verschwinden einer archaischen Vorstellungswelt stolzer Armut steht. So heult ein Sozialromantiker am anderen vorbei den Mond an.

Oder Sommer steckt seine Nase naiv in die Libertinage. Bei sadomasochistischen Sexualpraktiken geht es nach ihm nicht um ein machterotisches Spiel von Paraphilen mit Herrschaft und freiwilliger Unterwerfung, sondern darum »die Schmerzen zu finden, die schon in uns drin sind«. Das hätte ein Dom im S/M-Arrangement seinem Sub auch nicht schlaglustvoller zurufen können.

Der Erkläreifer von Sommers Erzähler ist nicht zu bremsen. Er diskutiert die Unterschiede zwischen Papierfaltern, Papierzerknüllern und Papierwicklern bei der Körperreinigung auf der Toilette. Er fragt sich, mit welchen Armenlängen japanische Sumo-Ringer ihren Arsch sauber wischen. Grossartig, wie er das kollektive Schweigen der Strassenbahnpassagiere in Wien beschreibt; wie er die Sitte der Wiener Doppelbegrüssung (»Seawas, Griasdi!«) aufs Korn nimmt; prächtig, wie Sommer sich über die Hausschlapfenpflicht in Schulen auslässt; oder wie er den Kult der Liebesschlösser an den Brückengeländern als »Massenprotest gegen die Werte der 68er-Bewegung« interpretiert.

Wofür Wien diesem Subkultur-Autor nicht genug danken kann, das ist, dass er den Radikalismus der Elite-Kultur als das benennt, was er ist: ein Extremismus des Kulturgeschehens, in dem sich die Grossabschöpfer und Millionenverdiener bei Festspielen, in der Staatsoper und in den Bundesmuseen als bürgerliche Leistungsträger verkleiden, als ob von Böhm über Karajan, Hauessermann, Schenk, Brandauer und Netrebko je irgendeine weltbewegende künstlerische Innovation ausgegangen wäre.

Kommunalpolitisch träumt Sommer von einer rot-rot-schwarz-grünen Stadtregierung für Wien (länger als ein Säkulum regiert hier die Sozialdemokratie, derzeit in einer Koalition mit pinkfarbenen Liberalen). In Sachen Israel hält er der Wiener Autor mit dem Punkkünstler und Postzionisten Avi Pitchon, der ausgerechnet die Distanz zum Staat Israel zur Definition des Jüdischseins macht, während der israelische Geheimdienst angeblich die Linke in der ganzen Welt mit der Ideologie der Israelsolidarität spaltet.

Sommer sieht im Kleinbürgertum die eigentliche experimentelle Klasse. Er beklagt den Verlust der Bahnhofsrestaurationen, dem Zufluchtsort der Aussenseiter. Von Pasolini holt er sich den Freibrief, sich selbst zu widersprechen, und auch das tut er ausgiebig. So wendet er ich auf Seite 513 »gegen die weltverbessernden Theorien literarischer Hohlköpfe« und behauptet gleich im nächsten Atemzug Provokation sei eine »Aufgabe der kritischen Kunst«.

Im Allgemeinen sieht Sommer in Kunst »ein Gleitmittel gegen die Disziplinierungsversuche«. Der Staat, beklagt er, trete heute nicht mehr Künstler*innen, sondern exkludierten sozialen und militanten politischen Gruppen »als Polizeistaat« gegenüber. Doch Randgruppen und Kreative dürften sich nicht auseinander dividieren lassen. Es gibt für den Erzähler zwei Professionen, die garantiert lügen, wenn sie den Mund aufmachen: die Politiker- und die Historiker*innen. Unter Revolte versteht der Erzähler das Hinstreben zur Freiheit, vergleichbar den Grammelknödeln, die im siedenden Wassertopf zu Oberfläche aufsteigen.

Der Staat sei »die grösste Glückvermeidungsmaschine«, Polizisten nennt Sommer »zweifüssige, gepanzerte Strafroboter mit schussicherem Männerbusenhalter«. Apropos Roboter. Humanoide Roboter werden, so unser Fantast, schon die zweite Generation ihrer Schöpfer zum Wahnsinn treiben.

Am stärksten kommen Sommers anarchistisches Wertsystem wohl in seinem Geschichtsbild zum Ausdruck. Athen, die Wiege der Demokratie, und Rom lässt er als »hochmilitarisierte Gesellschaften« gleich mal beiseite. Er hält den Anfang des 15. Jahrhunderts für die spannendste Zeit in Europa. »Unter allen relevanten Momenten der Geschichte fasziniert mich am meisten die Erfindung Amerikas und die Selbstauflösung der betroffenen Bevölkerungen gegenüber ihren Erfindern.«

Zum spannendsten Datum der Geschichte überhaupt erklärt er das Jahr 1911 (politische Umstürze in Mexiko und Portugal, der Dada-Krach in Zürich). Als »seltsamster Krieg« innerhalb des Ersten Weltkriegs, ein Papierkrieg, wird die Konfrontation USA gegen Österreich-Ungarn ausgelobt. Und 1918 haben die Wiener Sozialdemokraten, so Sommer, ihre aus dem Krieg mit nach Hause gebrachten Waffen fälschlich gegen die »russischen Klassengenossen« eingesetzt (Seite 270).

Im Juli-Aufstand 1927 am Wiener Ring erkennt Sommer einen Sieg der Spontaneität, weder die Sozialdemokraten noch die Kommunisten hätten in der Menge etwas zu melden gehabt. Dem Schutzbundführer Koloman Wallisch gebührt der Titel der tragischste Figur der österreichischen Arbeiterbewegung. Und das Jahr 1937 – mit dem Zögern des Westens gegenüber Hitler – sollte am besten wiederholt werden.

Ich komme zu den negativen Kräften. Die drei grossen Verderber der Menschheit: Laotse, Paulus, Hegel. Moralisch böse und politisch verderblich für Sommer sind natürlich die Nation und der Nationalstaat – Begriffe, von deren sozialgeschichtlicher Wirkungskraft er sich nicht die geringste Vorstellung macht. »Der Nationalismus ist eine lebensbedrohende Krankheit und der Patriotismus nur dessen folkloristische Gestalt«, lesen wir. Am Nationalbewusstsein der Östereicher*innen tragen einfach Schule und ORF die Hauptschuld. Und weil der Autor dieser Quersicht im Christentum den »Sinn Österreichs« sieht, ist dann auch klar, wie er über das nächste Menschheitsunglück urteilt.

Sommer ist erklärter Atheist und Abolutionist, er träumt unbeirrbar von der gefängnislosen Gesellschaft und der Abschaffung des Strafrechts, als wären diese Illusionen der Linksradikalen nicht durch endlose Ketten von Genoziden und Gewalttätigkeiten in aller Welt hundertfach abgestraft worden. Nichts! Sommer bleibt Wühler und Revolluzer vor zwei Handvoll Altersgenossen. Päpste nennt er »verludertes Pack«. Evangelische oder Devote Atheisten stellen für ihn das Verbindungsglied zwischen dem katholischen und dem marxistischen Geist dar.

Für eine besonders widerliche historische Figur hält Sommer den militanten Sozialdemokraten Friedrich Adler, der in den Umsturztagen nach dem Ersten Weltkrieg die Einheit der Partei erhalten und damit den Einzug der Linksradikalen als eigene Fraktion ins Parlament verhindert hat.

Nun sind vom Parlamentarismus begeisterte Libertäre und Herrschaftsfreie politisch ein ziemliches Kuriosum. Aber ein glaubwürdiger Anarchist wird Sommer sowieso nicht. Der ukrainische Schwarzarmist Nestor Machno und seine Machnowschtschina bleiben ihm ebenso ein Rätsel wie die Wobblies in der USA oder der Freistaat Christiania in Kopenhagen. Den Holodomor, die genozidale Hungerpolitik Stalins zur Russizifierung der ukrainischen Bauern Anfang der 1930er-Jahre, erklärt Sommer auf Seite 209 zu einem böses Gerücht.

Also alles nur Attitüde am Misthaufen der Geschichte? Antivolksgeist? Radikale Maskerade und Possentum? Sagen wir: eine linksradikale Gewürzmischung, Nostalgie und falsche historische Aneignung. Sommer erinnert an den Austroanarchisten Herbert Müller-Guttenbrunn (1887-1945), einen Karl-Kraus-Bewunderer, der die Zeitschrift Das Nebenhorn heraus gab. Und er zeichnet Mails gelegentlich mit dem Nickname des einzigen österreichischen Anarchisten von internationalem Rang, Pierre Ramus (der bürgerlich Rudolf Grossmann hiess, aber ein Tolstoianer und Voluntarist war, der seine antimilitaristische, autoritätsfeindliche Agitation für Mutterrecht, Kriegsdienstverweigerung und Vasektomie tatsächlich »Anarcho-Kommunismus« nannte).

Was die Zeitgeschichte betrifft, gerät jeder Gedanke Sommers ins Extrem. Der Erzähler beklagt die »Zerstücklung Jugoslawiens durch die Grünen« und geisselt das 2010 mit den Stimmen der Grünen beschlossene staatliche Bankenrettung 2008 durch Kapitalschulden als »ein Verbrechen gegen die nächste Generation«. In der internationalen Finanzkrise ging es in Österreich um zehn bis elf Milliarden Euro. Wie will Sommer denn nach dieser Superlative die um ein Vielfaches höhen Corona-Hilfsmilliarden der letzten beiden Jahre nennen? Das »Genozidpaket im Bruttoschuldenstand«, oder was?

Gewalt ist bekanntlich die zentrale Frage der Revolten, und zur Gewaltfrage gibt es in dem Mammutblendwerk nur Verstörendes zu lesen. Geistig lebt Sommer immer noch mit einem Fuss in der Sowjetischen Besatzungszone, mit dem anderen im Aktionistenkeller und mit einem dritten im Deutschen Herbst 1977. Er beklagt die Entsolidarisierung der linken Akademiker mit der RAF in den 1980er-Jahren (Seite 826) und lobt die »überlegene Intellektualität« von RAF-Positionspapieren aus dem bewaffneten Untergrundkampf in Westdeutschland.

Jahrzehntelang hat dieser Terrorsympathisant offenbar geschwiegen und sich nur klammheimlich über die Opfer der Anschläge gefreut. Heute, ergreist und die eigene biologische Zerbrechlichkeit vor Augen, mag er die Stadtguerilla-Taktik bewaffneter Linksradikaler in den Millionenstädten Europas nicht mehr »in die Schublade der Provokationen des Staates stecken«.

Der Kommunismus habe Ulrike Meinhof »richtig Spass gemacht«. Auch die kriminelle Gewalttäterin Gudrun Esslin nennt Sommer bedenkenlos eine »Guerilla«. Exekutionen verharmlost er zu einer »Folklore der Befreiungsbewegungen« (Seite 514). »Die Brigate Rose zog mit der Symbolfigur Aldo Moro nicht den Falschen aus dem Rennen, sondern genau den richtigen« (Seite 357).

Die RAF ist in Sommers Erinnerungen nicht durch die Rasterfahnung zerstört worden (was niemand behauptet hat), sondern durch freiwillige Selbstauflösung. Man hätte, lässt Sommer sein Double auf Seite 705 bedauernd sagen, mit dem Lösegeld aus der Entführung des Textilindustriellen Walter Michael Palmers das Wiener Obdachlosenblatt bereits ein gutes Jahrzehnt früher gründen können.

Näher an der Gegenwart verteidigt Sommer die Zerstörungen durch Gegner*innen des G20-Gipfels in Deutschland im Sommer 2017. Strassenschlachten und brennende Barrikaden durch vermummte Autonome in Hamburg kosteten die deutsche Steuerzahler*in 72,2 Millionen Euro – in Sommers alternativer Normsetzung aber enthielt dieser Riot »das unverzichtbare Moment des Nichtverhandelbaren«.

Das eigentlich Tragische an dem Werk ist aber nicht der vollmundigen Erzähler, sondern dass es dem Autor nie gelingt, sein literarisches Talent dem Wissensstand dieses Linksradikalen entsprechend zur Geltung zu bringen. Er wettert gegen die kommerzielle Umgarnung der Literatur, besonders gegen konzernbeauftragte Lyrik, und macht die Rebellion zum alleinigen Kriterium lesenswerter Texte. Dabei hinkt das Schreiben ständig jenem alleinseligmachenden Duft des Umrührens und Provozierens hinterher, die Spiegelgestalt des Autors gleitet ab in eine regressive Subkultur und paart sich mit der resignierenden Abneigung jener, die nicht begreifen und verstehen können.

Am Ende ringt Sommers Linksradikaler flehentlich um fundamentaloppositionelle Angrenzungen. Als der »führende Salonfaschist Martin Semlitsch alias Martin Lichtmesz«, belesener Mitstreiter von Götz Kubitschecks rechtsextremer ›Sezession im Netz‹, in den Fussnoten eines im Perinetkeller gastierenden Wiener Autors auftaucht, ist beim Kellerkollektiv Feuer am Dach. Wie soll sich das Häufchen von Avantgarde-Nostalgiker, die von den Bolschewiki garantiert als »mindermutige Rotarmisten« exekutiert worden wären, von den konservativ-subversiven Intellektuellen in Schnellroda abgrenzen? Stimmen denn deren Interesse am »Heimatlichen«, an der Bildung, am Freidenken, an der Staatsgegnerschaft und am unversöhnlichen Hass auf die Eliten nicht überein? Sind sich der anarchoide Kunstkommunismus und die hypostasierte Konservative Revolution einander nicht zum Verwechseln ähnlich: Kultur als Politikersatz, Glaube an die verschworene Gemeinschaft, Verbitterung über den Digitalisierungsdruck, Dazugehören durch Schreiben und Lesen?

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Foto: Robert Sommer, © Mario Lang 2005

Abbildung: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021 (Ausschnitt)

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/30/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-ii/feed/ 0
Robert Sommers Ozean aus vermischten Sentenzen https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/25/robert-sommers-ozean-aus-vermischten-sentenzen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/25/robert-sommers-ozean-aus-vermischten-sentenzen/#respond Sat, 25 Dec 2021 14:12:56 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3275 Die schriftstellerische Extremleistung des Robert Sommer hat ein mehrdimensionales Überbuch zur Welt gebracht, eine Privatenzyklopädie, ein All-Kompendium. Ob es sich dabei um Literatur für Fortgeschrittene, um Literatur überhaupt handelt, entscheidet sich an zwei Fragen: a) ob Sommers wilde Montage von Zitaten und Wortspielen, Aphorismen und Textexperimenten, von thematischen Aufrissen und Blödeleien technisch funktioniert, und b) ob das Werk ästhetisch gelungene Sätze enthält, das heisst solche, die sich aufgrund ihrer Formulierung ins Hirn schrauben und die Sehnsucht der Leserschaft in die Sphären beflügelter Geschicke lenken.

Die Antwort ist: Sommers erzählerischen Mittel sind bewusst beschränkt. Seine Texte sind nicht in der Sprache des Tauwindes geschrieben, sondern in der des Feuilletonjournalismus. Zum Kalauer neigend, laufen im ›Blend Werk‹ keine Taubenfüsse über das Papier. Das Textchaos kennzeichnet manchmal etwas Kurioses, aber auch die Entspanntheit eines Altersstils, der für umständliche Herleitungen keine Geduld mehr hat.

Stösst man den moralischen Eifer des Erzählers beiseite und streift die gefallsüchtige Vielwortigkeit seiner Zunge ab, übergeht man die vielen Wiederholungen und ignoriert man eine genaue Prüfung der Urheberschaft, bleibt in diesem Werk eine Reihe von wundersamen Sentenzen übrig, deren literarische Qualität oft als Parodie und Selbstparodie hervortritt. Schenkelklatscher hat er gezimmert, dieser Autor, Spontisprüche für gottverlassene Stunden, aber auch sanfte Perlen hat er gehoben aus des Meeres grüner Nacht:

 

BIOGRAPHISCHES UND GESCHICHTE

Jeder von uns hat seinen ganz eigenen Urknall.

Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu.

Die Wahl eines Fussballvereins bedeutet, sich durch eigenes Zutun erstmalig einem Namen zu unterwerfen, sich einer sprachlichen Ordnung anzuschliessen und sich unbewusst mit einem Liebesobjekt zu identifizieren.

Wer seine Biographie verfälscht, bekundet bloss seine Wünsche.

Die Möwen sind grossartig und haben einen aus Unarten zusammengesetzten Charakter, wenn man von der kollektiven Eleganz der Kreise absieht, die sie über den Hafen ziehen.

Der Schlaf ist biologisch nützlich, aber ökonomisch sinnlos.

Die Schönheit des schlafenden Mannes ist in jeder Sprache schwer zu beschreiben.

Man sieht einem Indianer nicht den Ironiegehalt einer Aussage an.

Eine Meinung beginnt mich zu stören, sobald ich einen Vorteil davon habe.

Das sind meine Prinzipien. Wenn sie Ihnen nicht passen, hab ich noch andere.

Ich glaube, dass Wasser das einzige Getränk für einen vernünftigen Menschen ist.

Blut und Bier, die wichtigsten Gewässer des Körpers …

Der Bierbauch kommt von vielem, nur nicht vom Bier.

Dem Wein bekommt am besten, wenn man über ihn redet.

Mannerschnitten/ enthalten zu Phil-Zucker/ Die viel Harmoniker/ fressen sie schwedenbombenweise.

Ich werde so lange Schaumrollen in der U-Bahn essen, bis ein Security-Typ mich anfleht, ihm so eine Blätterteig-Mehlspeise ins Antlitz zu drücken.

Nichttätowierte begreifen nicht, wie tief die Wurzeln der Tätowierung in uns hineinreichen.

Wie starr der Blick alter Menschen ist – als ob sie zuviel gesehen hätten.

Als ich in den Brennesselstauden/ meine Leiche fand/ fiel mir leider nicht ein/ wie lange ich zu trauen habe.

Die meisten Arten sind ausgestorben. Soo intelligent war der Schöpfer anscheinend nicht.

Gott, der in der Schwerelosigkeit des Himmels längst Entmuskelte …

Kein Mensch, nicht einmal er Oberpielachtaler Schamane, hat je einen Schas aus dem Körper des Dinosauriers gerochen.

Mein Gott, wie die Zeit vergeht! Grad eben noch lebte König Salomon, und nun sind schon 3000 Jahre vergangen.

Wieviele Ritter haben samt ihren Panzerungen über kleine Bächlein springen wollen und sind infolge forcierter Gravitation im Wasser gelandet?

1913 dominierte in der Gesellschaft ein Nein zum Krieg.

1933 war 1931 unvorstellbar.

Die Rote Armee besiegte den Faschismus ohne Kalaschnikow.

1989 stellte die westdeutsche Linke der ostdeutschen Reformbewegung keine Bewegung für Sozialismus in Deutschland zur Seite.

Immer noch verlassen die Werksbäche die Traisen, aber sie finden ihre Fabriken nicht mehr.

Die Menschen gehen, die Wolfsrudel kommen, und wenn es in zehn Jahren noch Gemeinden gibt, werden sie alle Wolfsberg heissen.

 

REVOLUTIONÄRE POLITIK MACHEN

Revolutionäre Politik machen ist wie Olivenbäume pflanzen.

Die Unterprivilegierten haben etwas Unsympathisches: ihr politisches Bewusstsein.

Die schönste Zeit ist jene, wo die eine Macht nicht mehr und die andere noch nicht da ist.

Die ideale Revolutionärin raucht oder raucht nicht.

Die Schule ist Angstmacherin Nr. 1; Beschämungspädagogik gilt als beste Vorbereitung auf das Leben.

Ein guter Frühling braucht auch ein paar Gefängnisausbrüche.

Die Revolution wird aus dem Süden kommen, gehen wir ihr entgegen.

Ginge morgen die Welt unter, würde ich heute noch ein Polizeiauto anzünden.

Nach der Lösung der Klassenfrage werden sich die KommunistInnen der Lösung des Welträtsels widmen, was für sie als Anhänger der Erkennbarkeit der Welt von geringer Anstrengung sein wird.

Unsere Katholiken glauben paradoxerweise, dass der Islam eine Reform braucht. Was eigentlich braucht keine Reform?

Vielleicht hätte die DDR von innen her emanzipiert werden können.

Wird das Verbot der ländlichen Sparvereine in den Wirtshäusern durch die Bankenaufsichtsbehörde endlich die Revolution auslösen? Nein. Bloss ein Wirtshaussterben.

Kann man den Sozialismus in einem Land aufbauen? Ja, aber leben muss man in einem anderen.

Neben dem Vulgärmarxismus vermittelt nur noch die Autoindustrie den Glauben an den linearen gesellschaftlichen Fortschritt.

Der Himmel ist die bisher besten Utopie.

Keine Lüge ist grösser als die Reisefreiheit.

Der Tourismus zerstört das, was er sucht, indem er es findet.

Alle Ameisen zusammen auf dieser Welt haben dasselbe Gewicht wie alle Menschen zusammen.

Nicht nur die Verehrung der Deutschen Eiche ist entbehrlich, sondern auch die Idyllisierung des Baobab-Baumes auf Madagaskar.

Nicht das esoterische Umarmen der Bäume, sondern das konkrete Agieren in den Baumkronen festigt das revolutionäre Mensch-Natur-Verhältnis.

Die Windenergie ist nur erträglich, wenn sie Commons ist.

 

KUNST UND REVOLUTION

Apolitizität und Anarchie heissen die beiden Freunde, wenn es um die Avantgarde geht.

Wie kann es sein, dass sich Millionäre und herumstreunende Anarchisten gleichermassen für Dada interessieren?

Wär‘ dein Leben ein Film – würdest du ihn dir anschauen?

Unter den Menschen sind nur die Kleinbürger zur Sprezzatura fähig.

Das Verstecken verachten und viel verstecken müssen, das ist die Crux des Kleinbürgertums.

Kein Künstler ist von allen Seiten überzeugend. Entweder ist er zu wenig Clown, oder zu wenig Magier, oder zu wenig Seher, oder zu wenig Rebell.

Es ist der Schmäh, der die Gesellschaft zusammenhält, der Humua, und nicht die lange Nacht der Museen.

Hermann Nitsch hat noch nie in seinem Leben einen Peter-Rosegger-Preis gekommen. Verdient hätte er mindestens vier.

Wenn wir demnächst alle im Knast landen, weil wir illegal Musik downgeloadet haben, sollen sie uns wenigstens nach Genres getrennt einsperren.

Bücher und Fussball garantieren einen gelungenen Rentnertag.

Was braucht ein Gedicht?/ Ein Wort, das reimt, mehr nicht.

Die Autobiographie ist die verlogenste literarische Gattung.

Es ist das Recht des Lesenden, Schlüsse aus dem Text zu ziehen, von denen der Text nichts weiss.

Die These, grosse Ideen in einem literarischen Werk seien nichts als Gewäsch, ist eine grosse Idee.

Wörter wie Welt- und Naturreligion sind eurozentisch, Herrensprache.

Das deutsche Wort für Uppsala heisst Hoppsala.

Die Hälfte der BewohnerInnen Melks sind Melkerinnen, aber man sieht nichts vom Milchüberschuss.

DU DEPP sagt sich leichter als SIE DEPP.

Ab einer Höhe von ca. 1000 Metern über dem Meeresspiegel muss das Siezen dem Duzen und Geduztwerden weichen.

 

HEIMAT, PATRIOTISMUS, REUMANNPLATZ

Kurt Tucholsky hat schon 1929 geahnt, dass die Rechten in Krisenzeiten unter anderem deshalb gewinnen, weil ihr die Linke das Lob der Heimat überlässt.

Die Heimat besteht aus schönen Bergen, guter Küche und verstorbenen Musikern.

Heimat ist, wo ich mir jederzeit und überall binnen zehn Minuten einen gerade gewachsenen Haselnussstecken machen kann und wo ich zumindest eine Stelle weiss, wo der Holler wächst, der für zehn Marmeladegläser reicht.

Die Schweizer Nationalhymne hört sich an wie eine Kreuzung aus Kirchenlied und Wetterbericht.

Der Nationalismus ist eine lebensbedrohende Krankheit und der Patriotismus nur dessen folkloristische Gestalt.

Unverkrampfter Patriotismus ist wie frisch gepresster Mamor.

Österreichischerseits schafft die Landschaft selbst jene Punkte, von denen aus sie sich gerne zur Schau stellt.

Für Österreich würde ich nicht in den Krieg ziehen, nicht einmal, wenn ich sicher wüsste, dass wir ihn verlieren.

Zwischen Eggersham und Eggerding steht ein Bierzelt so gross wie ein Bierzelt.

Höhepunkt des Bierzeltprogramms ist das Halleluja, bei dem die Barmherzigkeit von Hans Peter Haselsteiner gelobt wird.

Man merkt es, dass in Sauerbrunn seit vielen Generationen ziemlich viele Menschen sehr gut geschlafen haben.

In Sauerbrunn liest man dicke Bücher bis zur letzten Seite.

Der Wiener leidet an der Sehnsucht nach dem Bauernhof, aus dem er letztendlich stammt, und kompensiert dieses Leiden durch die Liebe zu den 3 Wiener Höfen: Steinhof, Zentralfriedhof, Karl-Marx-Hof.

Der Wiener liebt den mit Handymasten durchzogenen Wienerwald.

War net Wien, wann net durt, wo ka Gfrett ist, ans wurdt.

Ist euch aufgefallen, dass Berlin eine Stadt ohne Gassen ist?

Eine gute Stadt ist eine, in der man mit wenig Geld gut leben kann.

Um einen städtischen Platz zu begreifen, muss man ihn aus allen vier Himmelrichtungen betreten.

Welche Geräusche lieben die Männer der Stadt, ohne es zuzugeben? Das Klacklacklack der Stöckelschuhe.

Ein Mann, der die Bestellung »Ein Frauenzimmer, bitte« aufgab, befand sich plötzlich in einem Zimmer, das im Inneren der Frau aufgebaut war.

Das ursprüngliche Symbol der Niederlage der Frau ist nicht der Schleier, sondern der freie Hals. In der Tierwelt bietet er die Kehle zur Anerkennung der Überlegenheit des Stärkeren an.

Pfadfinder müssen jeden Tag ein gutes Werk tun oder barfuss über ein Heer von Nacktschnecken schreiten.

© Wolfgang Koch 2021

 

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Abbildungen: Collagen in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/25/robert-sommers-ozean-aus-vermischten-sentenzen/feed/ 0
Robert Sommers Radikalität des Schreibens I https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/21/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-i/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/21/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-i/#respond Tue, 21 Dec 2021 09:24:11 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3269 Es gibt Naturen, die mit Büchern beginnen und sich zum Leben durchringen. Andere wiederum beginnen mit dem Leben und enden mit Büchern. So jemand ist der österreichische Ex-Journalist und Schriftsteller Robert Sommer.

Im Selbstverlag legt er ein kompromissloses ›Blend Werk‹ von 833 Seiten vor, das die Ansichten bestraft, es gäbe kein Wagnis und kein Risiko mehr in der deutschsprachigen Literatur, die Rebellen sässen heute alle auf ihren Yogamatten und fänden im Netz eine freie Tribüne.

Vielleicht ist dieses Unding, entstanden an der Grenze zum physisch Machbaren, ja die Zukunft des Buches. Entgegen dem Status Quo, out of the box, eine Sprengladung mit Behältnisfunktion in einer lese- und blätterfaul gewordenen Welt.

Ich besuche den verrückten Monstertext, den das Werk bildet, weil ich die Gelegenheit dazu habe. Das polemische Talent des anarchoiden Krakehlers Sommer ist überwältigend. Aber gehört er auch zu der Art von Menschen, die die Literatur verändern, die neue Vokabelmischungen hervorbringen und das Empfinden von Hemmungen befreien?

Da habe ich so meine Zweifel. Der Monumentalband trägt einen Monumentaltitel: ›Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen‹. Das passt; und der Autor verrät bereits im Untertitel die Pointe des Ganzen: nämlich, dass da einer das Publikum mit seinem Herzschmerz blenden will. Der Erzähler kommt nämlich keineswegs aus dem »Herzgrund der Mutter«, wie der Haupttitel trompetet, er kommt, wie auf Seite 670 zu lesen ist, aus dem Vatergrund.

Es ist die Liebe zu den Büchern, die den Erzähler ausdrücklich mit seinem Erzeuger verbindet. Mit einem Mann aus den Bergen, der über eine private Bibliothek verfügt, die man normalerweise in Akademikerwohnungen vermutet. – Solche die Hauptfigur charakterisierende Fakten finden sich nirgendwo im Buch in übersichtlicher Form. Die entscheidenden Informationen über den Ich-Erzähler sind ohne erkennbares Muster in Nebensätzen versteckt, verstreut unter einem wahren Affenberg von Anekdoten und Zitaten.

Ich konzentriere darum die Fakten über Robert Sommer zum besseren Verständnis in einem kurzes Aufriss, um den Blendeffekt des Werkes für weitere Leser*innen etwas abzuschwächen:

Wie ihr Autor ist die gleichnamige Erzähl-Figur Robert Sommer 1951 in einem Wirthaus im Traisental, NÖ-Bezirk Lillienfeld, geboren und wächst dort wohlbehütet in der Familie eines Giessereiarbeiters mit Bildungssehnsucht auf. Zitat: »wenn die eltern weg sind, fischen die gschrappen brehms tierleben aus dem obersten schwer erreichbaren regal und haben schon einen eselsohrnavigator eingerichtet, damit sie zügig zur lieblingsstelle gelangen«.

Als Gymnasiast gründet Sommer den Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) St. Pölten, ein Vorfeldgrüppchen der Sozialdemokratie, die sich zu dem Zeitpunkt noch stolz Sozialistische Partei nennt. Im Herbst 1968 verteidigt der Juso das Abwürgen des Prager Frühlings durch sowjetische Panzerdivisionen, und zwar weil die Neue Kronenzeitung, Österreichs erfolgreiches Massenblatt, wie alle grossen westlichen Medien für die Aufständischen Sympathie bezeugt. Sommers Panzerkommunismus ringt selbst den konkurrierenden Genossen der moskauhörigen KPÖ ein Kopfschütteln ab.

1970 tritt der Juso aus der römisch-katholischen Kirche aus. 1973 zieht es den Gammler, wie Normabweichler damals in Österreich heissen, doch zu den marxistischen Genoss*innen der KPÖ, die inzwischen alle Reformkommunisten aus ihren Gremien und Lokalen vertrieben haben: Ernst Fischer, Franz Marek, Viktor Matejka, u.a.m.

Sommer hat sofort eine revolutionäre Idee und fährt in einem mit roter Fahne geschmückten VW durch das ländliche Niederösterreich, um die Menschen zum Sowjetkommunismus zu bekehren. Vom selben Jahr 1973 an wirkt er bis 1990 als Redakteur des Parteiblattes Volksstimme, am Ende als Leiter der Wiener Lokalredaktion. Er betrachtet sich als Repräsentanten der journalistischen Avantgarde. Klarsicht, Verweigerung, Ironie und Hartnäckigkeit werden für ihn zu den vier schreiberischen Kardinaltugenden.

Die Genoss*innen in Wien-Brigittenau erkennen den Mut Sommers und wählen ihn zu ihrem Bezirksobmann. Revolutionär sein heisst für ihn jetzt den Zustand herbeiführen, in dem das Gesicht, der Blick, die Stimme, die Haltung, das Denken von Grund auf verändert wird. Das ist freilich leichter gesagt als getan. Als im April 1980 in Paris 50.000 Linke hinter dem Sarg des Philosophen Jean-Paul Sartre hergehen, weiss er, welche historische Stunde geschlagen hat: Das ist jetzt die letzte Demo der Achtundsechziger.

Erst in den politischen Wendejahren, die zum Zusammenbruch des Ostblocks führen, entwickelt Sommer sich von einem Anhänger der Glasnost- und Perestroika-Politik, der er inzwischen geworden ist, zum antinietzeanischen Anarcho-Kommunisten. Das geschieht nach seinen Angaben ausgerechnet bei einer Parteischulung in Moskau. »Was soll ich in Moskau«, sagt er, »wenn im Kobernauserwald das Bier frischer ist?«

In den folgenden Jahren wird aus dem Linksradikalen ein dröger Volksbildner, wie sie nur in Wien gedeihen. Seinen Kommunismus nennt er formelhaft »Kronstadt plus Berditschew«. Das heisst, übersetzt in unsere Sprache, er kombiniert gedanklich die Erinnerung an den antibolschewistischen Matrosenaufstand 1921 mit der Idyllisierung des jüdischen Ortes, an dem im sowjetischen Film ›Die Kommissarin‹ (1967) die Protagonistin von der Roten Armee für die Geburt ihres Kindes zurückgelassen wird. Ein antiautoritärer Matrosenrat unter Waffen, ein Bolschewik im Wochenbett … so widersprüchlich ist nun sein Selbstbild.

Robert Sommer zieht Konsequenzen gerne so inkonsequent wie möglich. Er wird – weil die Hoffnung zuletzt stirbt – zum Mitstreiter des Kunsthistorikers und Grünen-Politikers Dieter Schrage. 1991 ist das aktionsreichste Jahr in seinem Leben. Mit Vierzig geht er zum erst Mal zum Heurigen und wird sofort Weinforscher. Er tritt aus der komatösen KPÖ aus und hockt unter den Gründer*innen der frechen burgenländische Alternativzeitschrift Uhudla. 1995 folgt das Wiener Obdachlosen-Blatt Augustin. Journalismus heisst für Sommer nun nicht mehr Klassenstandpunkt und Berichte über Streiksekunden, sondern an allem interessiert sein und in nichts tiefer analytisch einzudringen.

Die Augustin-Redaktion erklärt das angstfreie Anderssein in der Stadt an der Donau zum erklärten Ziel aller sozialarbeiterischen und publizistischen Bemühungen. Den im Kapitalismus abgehängten Menschen eine Stimme geben, die Randständigen zur Selbstermächtigung ermuntern. Es dauert wieder Jahre, bis Sommer begreift, dass an diesen Bemühungen etwas nicht stimmt, dass es keine Gruppe gibt, »die weniger ein politisches Subjekt der Veränderung ist als die Community der Strassenzeitungs-Verkäufer*innen«.

Erneut hält Sommer seinen Linksradikalismus durch, passt ihn an die Verhältnisse an und sieht fortan in der Kunst die letzte Enklave der politisch Besiegten. War da nicht einmal Michail Bakunin und waren da nicht später die Surrealisten in Europa, die einen radikalen Begriff von Freiheit hatten? Sommer wird nun einer der wilden Kerle mit der schwarz-roten Fahne am 1. Mai, er taucht bei Hausbesetzungen auf, ermuntert zur Legalisierung von Cannabis. Beruflich wechselt er zum Programmgestalter des Kulturvereins Aktionskreis Augarten in Wien-Brigittenau, einem Debattierklub angegrauter Altlinker, und als es ihm dort zu esoterisch-versöhnlerisch zugeht, gründet er das Institut ohne direkte Eigenschaften im nahen Perinetkeller, dem historischen Atelier der Wiener Aktionisten.

Wiener Aktionisten – unter diesem Label sind von Wien aus die bildenden Künstler Muehl, Brus, Frohner, Nitsch und Schwarzkogler in die internationale Kunstgeschichte eingegangen. Sommer will die Erinnerung an die Aufbruchstimmung in den 1960er-Jahren zurück in das Bewusstsein der Gegenwart holen. Hat nicht 1968 der Staatsbürger Brus öffentlich seinen Körper betrachtet? Was ist aus Nitschs Gesamtkunstwerk geworden? Was aus Schwarzkoglers Junggesellenmaschinen?

Das neue Schastrommeln und Windmachen im Perinetkeller bleibt nicht Sommers einziges Engagement. Er wird auch zum Vorreiter der spermiziden Campus-Kultur in Österreich. Der Landweinrebe Zweigelt wirft er in einer Dauerkampagne vor, dass die Nationalsozialisten aus dem heute bekanntesten österreichischen Tropfen eine Konkurrenz zum französischen Beaujolais machen wollten. Also soll der schöne lyrische Name des Weins (nach ihrem nationalsozialistischen Züchter) in der Versenkung verschwinden und politisch korrekt in Blauer Montag abgeändert werden.

Als passionierter Leser überspringt Sommer die Kindheitserinnerungen in allen Biografien und Autobiografien. Auch das hat gute Gründe. Seine Altweisheit soll friktionslos aus seiner Jugendtorheit hervorgehen und an die Stelle von Politik muss das kreative Spiel in den Kulturzonen treten. Sommer sieht sein Leben jetzt antipodisch zu dem der Anna Achmatowa, er hasst die Arbeiteraristokratie mehr als die Aristokratie. Noch einmal erweitert er seinen Wirkungsradius um Arena Bar, die Anstalt für Dichtungen aller Richtungen und dem allen irischen Trinkern gewidmeten Bloomsday.

Für seine Einfälle wird Sommer von der Theodor-Kramer-Gesellschaft und der Stadt Wien geehrt. Zu seinem 60. Geburtstag klaut er dem Lehrerdichter Ernst Jandl ein Poëm. Da leidet der Literaturdieb bereits am »pathologischen Quartett«, wie er es nennt, aus Parkinson-Krankheit, Demenz, Alzheimer und Schwerhörigkeit, sowie unter Hyperkinese, das heisst er kann seinen Körper nicht ruhig halten. 2013, als es in Österreich nur mehr fünf Prozent handylose Menschen gibt, lernte er die tschechische Stadt Česky Krumlov kennen, und das Konzept des Bruttosozialglücks.

2015 begeistert er sich naiv wie ein Kind und grossherzig wie ein Religionsstifter für die Massenmigration aus dem Osten und Süden nach Europa. »Jeder Mensch«, sagt er, »hat das Recht, auf jedem Punkt der Erde zu leben«, und natürlich weiss er sofort, wie das gehen soll. Sommer will die Aufenthaltserzwinger aus den Armutszonen der Erde in den Räumen zwischen unseren historischen Städten neue Städte bauen lassen. Wien – Neu-Aleppo – St. Pölten – Neu-Dniproprtowsk – Krems, so sollen hinkünftig die Namen auf der Österreichkarte lauten.

Sommer holt die Heiterkeit seiner Pubertät in den Tag zurück. Er will im Waldviertelorient in Seidenstrassenwaren eintauchen. Er spricht sich gegen Deutschkurse für Migrant*innen aus und betet in intellektueller Ergebenheit die Prognosen von einem schwarzen Europa des Kameruners Achille Mbembe nach. Der einwanderungsmilitante Bürgermeister Leoluca Orlando in Palermo ist sein Held. »Stacheldrahtzäune unverletzt zu überwinden ist mittlerweile eine eindeutig nützlichere Fähigkeit als zu wissen, wo in unserer Sprache ›als‹ und ›wie‹ angebracht sind«.

Ein paar Seiten weiter im Buch beklagt der Vielschreiber übrigens die Entwertung des »Heimatlichen« durch krawattentragende Fussballspieler. Und dass in den Familien nicht mehr gesungen wird. 2015 beginnen Sommer die Pickbücher zu beherrschen, er entdeckt den russischen Anarchisten Alexander Herzen, und dass eine Pensionistin, die einen alzheimerkranken Mann pflegt und 24 Stunden am Tag aufpasst, dass er nichts Dummes anstellt, tausend Mal mehr leistet als ein Börsenspekulant, der wegen seiner Einkünfte unter die Leistungsträger gereiht wird.

Zum 65. Geburtstag spielt die Tschuschenkapelle den Robert-Sommer-Walzer. Ab 2017 ist der kranke Anarcho Pensionist im Unruhestand, er schleppt sich mit Taxi und Rollator zu seinen Terminen. 2018 legt er sich ein Hörgerät zu und es geht ihm nichts näher als der Brand im brasilianischen Nationalmuseum in Rio de Janeiro. 2020, fünfzig Jahre nach seinem Kirchenaustritt, entdeckt er das poëtische Rauschen der Tora. Und mit fast Siebzig lässt der Autor die Zerrfigur seiner selbst, nun ebenfalls fast Siebzig, sagen: »Es ist in meinem Alter und mit meinen Gebrechen vielleicht besser, nicht als ›revolutionärer Künstler‹ entdeckt zu werden«.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Abbildungen: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/21/robert-sommers-radikalitaet-des-schreibens-i/feed/ 0
Robert Sommers Ozean aus Schnapsideen https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/19/robert-sommers-ozean-aus-schnapsideen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/19/robert-sommers-ozean-aus-schnapsideen/#respond Sun, 19 Dec 2021 10:52:39 +0000 https://blogs.taz.de/wienblog/?p=3251 Von Alterskrankheiten gezeichnet, die ihn heute der Reihe nach umstellen, kann sich der Wiener Subkultur-Autor und Mitbegründer der Obdachlosenzeitung ›Augustin‹ Robert Sommer doch keinen Tag vom Lesen und Schreiben trennen. Sommer, ein »Weltmeister im Bücher-nicht-zu-Ende-lesen«, hält sich für einen Kämpfer, nicht für einen Denker. Und das bleibt er mit seinem neuen schriftstellerischen Opus in jedem Atemzug.

Dabei muss man im Voraus wissen, dass Sommer seine Texte keiner Bratspiess-Ordnung folgen lassen will, sondern, wie er es ausdrückt: dem Gewimmel. Mit dem interdisziplinären Mammutwerk aus unbestellten Listen, aus Zitaten fremder Werke und verstreuten Schnapsideen, mit den hunderten mit Fund- und Experimentaltexten vollgestopften Seiten, beweist Sommer möglicherweise das letztes Mal, wie man sein Leben lang an starker Voreingenommenheit festhält.

Der Ex-Journalist und alternative Kulturveranstalter ist sich in seinem Buchziegel wahrlich kein Sultan. Er sendet seinen Lieblingsideen nicht von Zeit zu Zeit seidene Schnüre. Es verhält sich genau umgekehrt: Sie senden ihm welche.

»Als ein im Grunde barocker Mensch sind für mich Werte wie Knappheit oder Klarheit protestantische Irrtümer«, sagt Sommer. Was sich in dem Ozean aus Schwulst über weite Lesedistanzen verstreut an echten Geistesblitzen findet, das ordnet die Sortierfunktion in meinem Schreibprogramms folgendermassen:

Alle an Parkinson Leidenden heilen.

Alles, was durch die neoliberale Durchdringung der Gesellschaft aus unserem Leben verschwindet, dokumentieren.

Auf dem Wiener Reumannplatz durch extreme Partizipation einen »wahren Platz des Volkes« errichten.

Aus dem Rohstoff der Person das Kunstwerk der Persönlichkeit schaffen.

Ausbildung für menschenrechtskonformes Schleppen anbieten.

Automatisch ausweichende Alleebäume erfinden.

Bergkreuze in romantische Kraftorte verwandeln, und Bierzelte in Moscheen.

Das mit den Fingern in der Luft angedeutete Gänsefüsschen zur deutschen Kulturtechnik erklären.

Den »Guten Tag«-Tag in Wien einführen.

Den Film ›Salem‹ über Thomas Bernhards unbekannten Vater zeigen.

Den Hottergang als Happeningfestival durchführen.

Den unsinnigen Altgriechisch-Unterricht abschaffen.

Den Vatikan zum Paradies auf Erden machen.

Den Wert des Waldes in der Verfassung verankern.

Die Bar ohne Eigenschaften in der Arena-Bar installieren.

Die Bücher, die revolutionären Zorn wachrufen, trennen von den Büchern, die das Bestehende verständlich und somit den Leser handlungsunfähig machen.

Die kunterbunte Stephansdom-Fassade des Mittelalters wieder herstellen.

Die Mikro-Nation Augarten gründen.

Die unbrauchbarste Wanderkarte der Welt suchen.

Donaudampfschiffe, die sich um Mitternacht vor Melk in Nichts auflösen.

Ein Buch über den Fluss Wulka verfassen (marktfremdeste Idee).

Ein Exzellenzspiel betreiben, bei dem die Antwort in der Frage enthalten sein muss.

Ein Fussballtunier auf der schrägen Wiese austragen.

Ein Hörgerät, das nur beim Sprechen der aramäischen Sprache verstärkend wirkt, erfinden.

Ein Netz von Eselskutschenstrecken durch Europa knüpfen.

Eine 2CV-Fabrik errichten.

Eine Gruppe von Gernschreibern erfindet Textanfänge, eine zweite verfasst Kurzprosa dazu.

Eine Kategorie von Spinnern finden, die nicht angetreten sind, die Region zu verschönern.

Eine von LKWs weitgehend verschonte Stadt.

Einen Eisstockschiessverein und das Erstbeste Clowntheater gründen.

Einen Film mit dem Titel ›Ding‹ drehen, und einen Tibetfilm ohne Religionskitsch.

Einen Titel-Recycling-Slam veranstalten.

Einen Verein zur unliterarischen Verwendung von Literatur initiieren.

Europäische Grenzenlosigkeit wieder einführen.

Feste für tote Künstler im Ehrengräberbereich veranstalten.

Frühling in Kreta mit der zwölfbändige Geschichte Frankreichs von Jaurès im Gepäck.

Ganze Nächte lang Selbstfabriziertes vorlesen.

Geschriebenes Gastarbeiterdeutsch vor Korrekturen retten.

Glauben, dass Marx und Engels nur durch rücksichtsloses Zurückstossen anderen Sozialisten ihren eigenen scharfsinnigen Standpunkt aufrecht erhalten konnten.

Glauben, dass Nordamerika dankt der sozialexperimentellen Kommunen ab den 1820er-Jahren das erste Land des realen Sozialismus war.

Gutmensch-Portionen in der Schlange an der Eisdiele verschenken.

Halluzinogene Bienen züchten.

Henry Miller von seiner Allergie auf die südliche Halbkugel der Erde heilen.

Kartenkunststückerln und bayrisch Tarock können.

Krawattenhäufigkeit in Printmedien vergleichen.

Lateinunterricht mit Erasmus‚ Colloquia Familiaria und nicht mit Cäsars Gallischen Kriegen beginnen lassen.

Literatur verfassen, die auf die Silbe -ung verzichtet.

Potlach mit den qualitativ bemerkenswertesten Geschenken veranstalten.

Regelloses Free Chess mit unbegrenzten Zügen spielen (poëtischer Akt).

Regelmässige Mittelmeerurlaube für alle Bewohnerinnen nördlich der Alpen.

Republik Lemoniberg zur Rettung der Otto-Wagner-Pavillons errichten.

Rudi-Dutschke-Strassen in jeder deutschen Stadt.

Sätze, die sich je nach Witterung oder persönlicher Stimmungslage selber schreiben.

Theater an Orten, wo niemand Theater vermutet, veranstalten (Ab_Ort_Theater).

Ungehöriges Verhalten populär machen.

Unterm Himmel liegen und über ihn reden.

Unternation ›Verzeih, Madgeburg‹ der Mikronation Augarten ins Leben rufen.

Wenn die Burenwurst und der Senf weggegessen sind, das Gedicht auf dem Wegwerfteller zum Vorschein kommen lassen.

© Wolfgang Koch 2021

Robert Sommer: Ich komme aus der Herz Gegend Meine Mutter Sprache ist das Herz Klopfen. Ein Blend Werk. 833 Seiten, mit Collagen aus den Pickbüchern des Autors, Wien: Selbstverlag 2021. Bestellungen: blendwerk-sommer@gmx.at, € 25,00 + 6,50 Versand.

Foto: Robert Sommer, © Mario Lang 2005 (Ausschnitt)

Abbildung: Collage in Mischtechnik aus Robert Sommers Pickbüchern, 2021 (Ausschnitt)

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/12/19/robert-sommers-ozean-aus-schnapsideen/feed/ 0
Hansiburli Fliederbusch springt aus dieser Welt – Teil 2/2 https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/28/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-2-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/28/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-2-2/#respond Thu, 28 Jan 2021 08:45:20 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3231 Ein armer Tropf, ein Jammerlappen, ein Wrack. Es gibt keine grössere Bitternis, als über uns selbst zu reden. Also kneift dieser Erzähler den After zusammen und redet unter dem blankgefegten Himmel was das Zeug hält über sich selbst, immer in der stillen Hoffnung, das indizierte Wortgift wirke, wie bei Cioran, auf selbsttherapeutische Weise.

Gerhard Jaschkes Erzähl-Ich beklagt in den Nachsätzen sein ungelebtes Leben. Es gibt niemals zu, das es ohnehin schon alles weiss. Man blättert rasch weiter, weil man über das Buch statt in dem Buch instruiert wird, über die Literatur statt in der Literatur. Doch noch bevor ich die Konvention der Bildungsgleichkeit von Autor und Leser*in einfordern kann und den Band in die Ecke schleudere, blitzt wieder eine fulminante Passage auf, wie diese Klage über den Verlust der reichhaltigen Sprache auf Seite 23:

»Was wir nicht alles sagen und manche manchmal auch schreiben! Unwetter, vor Ort, abgeschmeckt wie abgeschminkt, zugesperrt und zugeknöpft. Was war das noch für eine Sprache! Wir sind ihrer verlustig gegangen. Machen wir uns nichts vor. Hat die Sprache uns verlassen oder haben wir die Sprache verlassen? Wie immer nie werden wir mehr ihrer habhaft sein.«

Ist denn die fragende Geborgenheit das bedeutende Dichterische schlechthin? Franz Baermann Steiner hat das ausdrücklich verneint. Gerhard Jaschke scheint einer anderen Dichtungstheorie anzuhängen. Sein Ich-Erzähler verbeisst sich genussvoll in den Eindruck, er habe schon alles gelebt, was er zu leben gibt. »Vögel unterhalten sich, ich verstehe kein einziges Wort«. Und dabei bleibt es ihm rätselhaft, wie es zu den auf das Papier gesetzten Worten gekommen ist.

Nicht immer ist alles düster und von Schmerz umwölkt in diesem Buch. An einem 1. Mai fantasiert der alte kranke Mann: »Ein kleines Stück Gold mit sich tragen, um die Erdenschwere zu spüren, die Schwerkraft, bis man erneut leicht wie Asche oder eine Flaumfeder wird«. Die Lebenslast aber – das Bleigewicht des Körpers, das Gebirge des Unerledigten – kehrt wieder. Der grosse Wurf, den andere gleichsam im Vorbeigehen schafften, ist bisher ausgeblieben. »Wir hilflos steht man in der Welt, als armer Teufel gewissermassen, auf vielerlei Vorkommnisse nie und nimmer vorbereitet.«

Man hört von der grenzenlosen Begeisterung des Mannes für alles Ausgefallene, Herausragende, Echte in den Künsten, und man glaubt es dem Wrack auch. Zugleich möchte der Erzähler nicht sein eigener Ersatzvater sein. Er meint, es versäumt zu haben, seine dichterische Arbeit zu verkaufen, sein Gesicht zu Marke zu machen. Nun, da er ein halbseitig gelähmter Vollwaise ist, verpackt er Manuskripte und Notizen zu seinem eigenen Vorlass. »Alles Wissenswerte ging an mir anscheinend vorüber«.

Er schläft im Sitzen ein. Es fehlt ihm die Kraft, sich zu erheben, um weiterzuleben. Ruht der Tag erst einmal, so gibt er ihm zu verstehen, das er es ebenfalls so halten will. Erotische Bilder leuchten auf wie von weiter Ferne (die sliplose Galeristin am Bürotisch); sein Heimatland Österreich ist ihm ein politischer Alptraum. Tag für Tag das gleiche elende Bild des Nichtweiterkommens, ja mehr noch, des Alterns, des körperlichen Verfalls bei gleichzeitigem Verblassen der Lebensleistung. »Im Internet finde ich ausschliesslich falsche Einträge über mich«.

In des Buches Mitte zerkugelt sich der Erzähler über das Wort »lustzerschabt« in einem Gedicht von Albert Ehrenstein. Aber diese belustigenden Momente nehmen in der zweiten Hälfte des Buches ab. Und wieder heisst es cioranisch: »Ich brauche keine Uhr, um zu erkennen, um zur Einsicht zu gelangen, dass meine Zeit längst vorbei ist«.

Wann war denn seine goldene Zeit? Wann trug er die Krone der Mannesjahre? Die Auftritte der ›First Vienna Working Group : Motion‹ im Keller der Wiener Secssion 1970/71 werden genannt. Ein paar Joint im US-Bundestaat Philadelphia und eine Ausstellung auf Long Island. »Wie leicht das Leben doch damals war. Ungebunden, ungezwungen. Ein Rausch sondergleichen«.

Noch zählt der Mann sich zum stillvergnügten Völkchen der Lesenden. Doch in den Zeitgenossen sieht er nur noch Schemen. Wien montiert die Namenschilder von den Türen ab, wird zur »Stadt der Namenlosen«, und die von Jaschke mal in groben, mal in feinen Strichen karikierte Figur konsequenterweise mit ihr. »Mit mir ist nichts mehr anzufangen. Vieles begonnen, nichts zu Ende gebracht, einfach gar nichts abgeschlossen, nicht das Geringste beendet«.

Eines seiner beruflichen Lebensrisiken dürfte darin bestand haben, das Buch unendlich dem Buch zu öffnen, die eigenen intellektuelle Begabung auf die Literatur zu verschwenden. Das ist nicht gelungen, und in der Gegenwart scheint es dafür hoffungslos zu spät, weil die Buchkultur den Bach hinunter geht. – »Nicht einmal geschenkt will das leseunkundige Publikum Bücher haben«.

Das Vorhaben des Mannes noch kleiner, noch unsichtbarer zu werden, um durchzukommen, gelingt ihm täglich schlechter. Der Katheter ist furchtbar. Das Bett ein Sarg. »Wir sind«, lesen wir, »ein Geriesel von Verwünschungen«. Die Rede in der Rede beginnt sich zu überschlagen: Sein Alter ego, sagt der Erzähler, liefert ihm keinen Beweis mehr für seine Existenz. Was, wenn es dem Autor mit seinem Alter ego auch so ergeht wie dem Erzähler mit dem seinen, denkt man; was also, wenn der Erzähler keinen Beweis mehr für die Existenz des Autors liefert … dann wäre ja der Kreis, den dieser Text eröffnet, geschlossen.

»Der Fluch der Bücher durchzieht alles und jeden.« In der Mitte des Zimmers steht seit sieben Jahren eine Kiste mit dem Gesamtwerk eines isländischen Nobelpreisträgers und harrt darauf, geöffnet und gelesen zu werden. Der Kraftakt wird nicht mehr stattfinden.

Wenn der Protagonist in dem Buch vom guten Leben spricht, dann nur, um sich vom Wunsch nach einem postmortalen Leben frei zu machen. Immer öfter geraten ihm die Bilder im Kopf durcheinander und er redet, als wäre er schon tot. Zum Islam, sagt er zum Beispiel, will er nicht konvertieren, er könne mit den zig Jungfrauen, die der Koran im nächsten Leben verspricht, nichts anfangen. Schon eine, sagt er, wäre im zuviel.

Diesseits und Jenseits verschmelzen in diesem Wort zu einer problematischen Statusmeldung. Erkennt der armer Tropf denn nicht mehr, dass die Prophezeiung den Toten gilt? Oder zählt er sich bereits in das Reich der Schatten? Erkannt werden von diesem Subjekt nur mehr seine Niederlagen:

»Jetzt ist es eine Gewissheit, dass man vieles hätte ganz anders machen müssen. Nahezu alles wäre zu lassen gewesen, anderen hätte man sich zuwenden müssen, und das mit ganzer Kraft. Menschen hätte man mehr Gehör schenken müssen, zur rechten Zeit, heute ist es wohl zu spät«.

Man drucke dieses Mahnung bitte auf Papier aus und nagle das Blatt an die Tür des nächstgelegenen Seniorenschlössels (oder wie die finalen Wohlfühloasen der Alten gerade wieder heissen). In einer vergesslichen Welt, die ihre Dichter gar nie gekannt hat, haben die betagten Menschen 0,0 Rechte auf eine selbstzufriedene Lebensbilanz.

© Wolfgang Koch 2021

Gerhard Jaschke: Geliehene Leben. Nachsätze. 151 Seiten, Ritter Verlag 2020, ISBN-13: 9783854156147, 14.90 EUR

Foto (Ausschnitt): Literaturgefluester 2013

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/28/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-2-2/feed/ 0
Hansiburli Fliederbusch springt aus dieser Welt – Teil 1/2 https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/23/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-1-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/23/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-1-2/#respond Sat, 23 Jan 2021 10:45:40 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3222 Wir kennen sie gut, diese gespenstischen Unorte: die Bestiarien von Karl Kraus und Franz Blei, das österreichische Pandämonium, bevölkert von Nazis, Katholiken und Sozis, wie es Thomas Bernhard vor das Theaterpublikum hingestellt hat, wir kennen den verfluchten Trottelgarten von Günter Brus und die Vorhölle der Elisabeth Kmölniger – aber so etwas hat es in der alpenländischen Literatur noch nicht gegeben: dass sich ein Schriftsteller im 72. Lebensjahr von seinen Lesern*innen mit einem grotesken Zerrbild seiner Selbst verabschiedet, einer bitteren Parodie auf die Nöte des alterenden Mannes im Bildungsmilieu, nein, eine so bittere Wahrheit kennt die Meckerliteratur zwischen Boden- und Neusiedlersee bisher noch nicht.

Es ist ein missmutiger Grantscherm, wie man im Süden der deutschen Sprache zu einem schlecht gelaunten Menschen sagt, den Gerhard Jaschke da in einem Splitterwerk vor uns hinstellt. Ein wenig sympathischer Ich-Erzähler, dem nicht nur die Nase rinnt, der auch nicht mehr weiss wie es weitergehen soll … weitergehen mit dem Leben, mit der Literatur, mit der Politik. Der Mann scheint, genau wie sein Autor, ein ehemaliger Kleinverleger zu sein. Viel Konkretes erfahren wir nicht.

Dass er im 3. Stock wohnt, das erfahren wir, dass er Pensionist ist, betagt und invalide, dass er früher der Hansiburli Fliederbusch war, aber jetzt manchmal den ganzen Tag nicht mehr aus dem Bett steigt, und wozu auch? Die Ehrungen für das Lebenswerk sind ausgeblieben. Hansiburli Fliederbusch ist ein lästiger Zeitgenosse in einer von Genderpatrouillen kontrollierten Zone geworden. Er mag nicht zum Arzt, weil er dort die Daten seiner Vorerkrankungen, die Lebensdaten seiner Vorfahren und die Dosierungen seiner Medikamente augenblicklich im Kopf haben soll. Er mag keine Lesungen mehr geben und keine Vorträge mehr halten; das Auftrittshonorar reicht ja nicht einmal für die Taxifahrt nach Hause.

In diesem Stil geht es über 150 Seiten. Genau genommen aber auch das nicht. Denn Jaschke widersteht ja jedem Stilzwang aus tiefster poëtischer Überzeugung. Als Veteran der literarischen Neo-Avantgarden der 1970er-Jahre liebt er es, das Lesepublikum zu foppen, liebt es unberechenbar abzuschweifen vom Erzählfaden, ihn zu zerschnepseln, in Benzin zu tauchen und anzuzünden. So wächst sich dieses mustergültig vom Ritter Verlag auf angenehmem Papier edierte Bändchen, das am Cover von 21 dünne Linien und drei glänzende blaue Balken geschmückt wird, aus zu einer Heptalogie. Der Jammerlappen gibt seinen Sermon nicht in einem artistischen Monolog wieder, wie bei Bernhard oder Goubran, es gibt keinen zusammenhängenden Text, keinen Handlungsstrang und keine Zeit der Handlung.

›Geliehene Leben‹ ist eine aus Bruchstücken bestehende Erzählung von der Unmöglichkeit des Fortexistierens, ›Geliehene Leben‹ ist ein aussichtsloser Versuch im Hinblick auf die Befreiung von der Besessenheit durch das Buch. Der Mann, um den sich alles dreht, mag ein missmutiger Grantscherm sein, aber er ist auch immer noch ein exquisit belesener Mann. In seiner Wohnbibliothek ziehen an ihm Ovid, Jean Paul, Goethe, Robert Walser, Kafka, Tristan Trzara und Edmond Jabès mit erlesener Worten vorüber. Der Sauertopf ist mit den verstorbenen Vertreter*innen des Wiener Untergrunds ebenso auf Du und Du wie mit Stefanie Sargnagel, der Modeautor*in der »Standard«-Redaktion.

Aber dieses Buch trägt eben das Wort »Nachsätze« im Untertitel, und das hat seinen Grund. In einem tautologischen Verfahren verweigern diese Nachsätze zu Lebzeiten ihre leichte Konsumierbarkeit, nichts an ihnen ist flüssig und eingängig, aber alles eigenständig grantig und innovativ missmutig.

Am Beginn reichen dem armen Tropf ein paar Quadrameter seines Schreibtisches als sein Arkadien. Im Kopf dröhnen ihm Gedichte. Schenkelklatschend erkennt er im Wort »erklimmt« den Maler Gustav Klimt wieder. Solche Spässe treibt sein Geist. Macht er aber eine seiner »unwesentlichen Anmerkungen« zu dem Erlebten, so beschleichen ihn sofort die Selbstzweifel, beschleicht ihn ein Grübeln, wie es heute keine Literaturkritiker*in und keine Fachwissenschafter*in mehr zustande bringt. »Würde ich alles, das mir einfällt, aufschreiben«, sagt er resignierend, »wüsste ich nicht wohin damit«.

© Wolfgang Koch 2021

Gerhard Jaschke: Geliehene Leben. Nachsätze. 151 Seiten, Ritter Verlag 2020, ISBN-13: 9783854156147, 14.90 EUR

Foto (Ausschnitt): Literaturgefluester 2013

 

 

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2021/01/23/hansiburli-fliederbusch-springt-aus-dieser-welt-teil-1-2/feed/ 0
Ein halbes Jahrhundert Kärntner Kulturgeschichte https://blogs.taz.de/wienblog/2020/12/05/ein-halbes-jahrhundert-kaerntner-kulturgeschichte/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/12/05/ein-halbes-jahrhundert-kaerntner-kulturgeschichte/#comments Sat, 05 Dec 2020 09:59:05 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3151 Die Suche nach besonderen Wahrnehmungen führt Viktor Rogy 1972 zur Erforschung der materiellen Möglichkeiten von Oberflächen, die Zeugen einer ästhetischen Kultur sind. Warum, mag der Künstler auf Schloß Damtschach in Kärnten denken, soll er seinem ehernen Kasernenbett mit der penibel gespannten braunen Rosshaardecke weniger Beachtung schenken als einem behauenen Stein? Warum soll ein Zweig vom Hollerstrauch, zu dem sich Tanzschritte assoziieren lassen, weniger Beachtung finden als eine auf Hochglanz polierte Stahlplatte?

Im Blauen Salon des Schlosses hat sich bis heute eine weiße, im Roten Salon eine schwarze Bildtafel aus Eisen aus Rogys minimalistischer Produktion erhalten, sowie eine eindrucksvolle silberne Mondsichel, über der eine geisterhafte Atmosphäre liegt.

Findet sich denn nicht im Schmuck, dem Erstgeborenen der Künste, der Keim aller anderen? Im Schmuck zeigt die Träger*in ihr Urteil über das Schöne und lässt es zu, dass sie selbst beurteilt wird. Die hostiendünne und ultraspitze Preziose der rogyzeitlichen Schmuckkunst, ein Geschenk an die Hausherrin, ist mit über 200 Einstichen auf der Rückseite perforiert, was den Eindruck eines Sternenhimmels oder eines Depeschencodes erweckt.

Sehen wir uns die weiße Tafel im Blauen Salon näher an. Die Aufgabe der Symmetrie, der geraden Linie und der ausschließlichen Frontansichtigkeit – diese Hauptanliegen des Rokoko-Klassizismus galten alle als symbolische Verherrlichungen des Monarchen. Die Ausführung des Stuckornaments im Zopfstil einer monumentalen Lyra in der Mitte des Wandfeldes erfordert eine besondere Meisterschaft, weil der frei angetragene Stuck im Prozess der Abbindung geformt werden musste und der Stuckateur sich deshalb nicht korrigieren konnte. Schon der erste Schwung musste sitzen, anderenfalls blieb nur das Abschlagen und der Neubeginn.

Das prachtvolle Feston ist gebildet aus einer ein Helios-Relief tragenden Adlerkopf-Lyra, zwei aus Spiralformen entwickelten Füllhörnern, umrankt von Bändern, deren blattartige Endungen etwas Vegetabiles ausbilden. An beiden Enden sitzen Fruchtschalen. Rogys Whiteboard-Installation deckt weniger als ein Viertel des Stucks ab, nämlich nur die eine der beiden Fruchtschalen. Er radikalisiert also die geschwungene Linienführung des monumentalen Zopfgehänges in pastellfarbenem Weiß und setzt sein Rechteck so hart über die Form, dass entweder die gegenüber dem Barock rationalisierte Formensprache dieses Klassizismus erneut als Teil einer irrational und künstlerisch empfundenen Dekor- und Ornamentwelt erscheint, oder aber sein Minimalismus wie eine Rache der verdrängten Barock-Ordnung an der Betulichkeit des Klassizismus wirken muss. Auf jeden Fall sitzt der Klassizismus in der Klemme.

Im Roten Salon finden wir etwas anderes vor. Dort eskaliert das Blackboard den räumlichen Illusionismus der Wiener Tapete, die ein in Weiß und Grau gehaltenes Fächermotiv mit regelmäßigen senkrechten Streifen zeigt. Die Tafel täuscht ein Loch in der Wand vor und versucht, in der Raumwahrnehmung weitere Verwirrung zu stiften.

Brigitte Orsini-Rosenberg, Empfängerin des Mondsichel-Geschenkes, sind Rogys Installationen in ihrem Schloss nicht wirklich geheuer; sie lässt ›Schwarzes Rechteck‹ im Roten Salon gelten, ›Weißes Rechteck‹ über dem Feston im Blauen Salon aber nach einigen Jahren wieder entfernen. »Das weiße Ding über dem harmonischen Stuck war sehr brutal. Das Objekt hat mir gefallen, aber nicht, dass es dort hängt. Wir haben es noch drei, vier Jahre gelassen und dann wieder weggegeben.« Die Platte lehnt seither verschämt hinter einem Möbel an der Wand.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Rogy mit dem Kulturjournalisten Horst Dieter Sihler in der legendären Galerie Hildebrand, Fotograf unbekannt, © Archiv Sihler. Rogy im Garten der Lassnig-Villa in Klagenfurt, © Heinz W. Schmid 1984. Viktor Rogy, Schwarzes Rechteck im Roten Salon von Schloß Damtschach 1972, © Wolfgang Koch 2019.

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/12/05/ein-halbes-jahrhundert-kaerntner-kulturgeschichte/feed/ 1
Wien, Judengasse, wo ein Schrecken ohne Namen herrscht https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/16/wo-ein-schrecken-ohne-namen-herrscht/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/16/wo-ein-schrecken-ohne-namen-herrscht/#respond Mon, 16 Nov 2020 10:53:42 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3184

Die Judengasse

Um diese Gasse weht der Schwermut Schwingen.

Schwer lastet auf ihr Vergangenheit.

Zuweilen hörst du alte Lieder singen,

dann ist’s, als weinte tiefes, müdes Leid.

Aus schmalen Fenstern schauen manchmal Kinder

Mit Augen, die so traurig und wissend sind.

An einer Straßenecke steht ein Blinder.

Sein flüsterndes Gebet erstirbt im Wind.

Der schwarzen Mädchen rote Lippen dürsten

Nach Glück und Liebe, die sie nie gekannt.

Manchmal siehst Greise du wie stolze Fürsten,

Die man in das Exil verbannt.

Am Sabbat glühn aus allen Fenstern Kerzen,

Bevor die Nacht noch schreitet durch das Tor,

Und flackern leise, wie flammende Herzen,

In stillem Feierglanz zu Gott empor.

Das Gedicht stammt aus dem Jahr 1931, von einem 1938 in Wien ermordeten jüdischen Schriftsteller aus der Bukowina, der unter dem Pseudonym Emil Arnold-Holm publizierte.

Die veröffentlichte Meinung in Österreich ist in der Woche nach dem mörderischen Anschlag auf Zufallspassant*innen in der Wiener Innenstadt übereingekommen, weder den Namen des IS-Terroristen, noch die Namen der vier Todesopfer, der zwanzig Verletzten sowie die Namen der operativ tätigen Exekutivbeamten zu veröffentlichen. Lediglich die Boulevardmedien kürzen Kujtim Fejzulai, den Namen des Alleintäters, gelegentlich mit „Kujtim F.“ ab.

Eine dramatische Lähmung hält den Geist heute in Österreich gefangen. Die Welt ist aus den Fugen geraten; aber die Autor*innen der Alten Medien behauptet im Gleichklang mit der Regierungspolitik, kein Wort sei stark genug, das Grauen zu benennen. Die veröffentliche Meinung will den Gegner nicht anpacken, sie will den Frevel einer konkreten Person an den Menschenleben nicht wahrmachen, indem sie Kujitim Fejzulai durch das Verschweigen seines Namens genau die phantastische Märtyrerrolle zugesteht, die er sich selbst zugeschrieben hat. Aber das Böse hat immer Namen und Adresse, und eine Medienlandschaft, die Verbrechen anonymisiert, kollaboriert mit dem Terror. Sie hat ihre wehrhafte Rolle als fünfte Gewalt verspielt.

© Wolfgang Koch 2020

Fotos: Wolfgang Koch 2020

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/16/wo-ein-schrecken-ohne-namen-herrscht/feed/ 0
Was hat Hermann Nitsch mit dem Terroristen Kujtim Fejzulai zu tun? https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/06/was-hat-hermann-nitsch-mit-dem-terroristen-kujtim-fejzulai-zu-tun/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/06/was-hat-hermann-nitsch-mit-dem-terroristen-kujtim-fejzulai-zu-tun/#respond Fri, 06 Nov 2020 19:45:50 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3165 Österreichs fulminant erfolgreicher Bundeskanzler Sebastian Kurz wird von seinen Gegnern gern abschätzig »Inszenierungskanzler« genannt. Am Wiener Ballhausplatz sollen für ihn nicht weniger als sechzig PR-Spezialisten, Imageberater und Pressedienst-Beamten werken. Nur drei Tage nach dem jihadistischen Terroranschlag auf Zufallspassant*innen in der Wiener City, dem vier Menschenleben und zwanzig Verletzte zum Opfer fielen, bat die Regierungspitze die beiden Polizisten ins Bundeskanzleramt, die den 20jährige Gunman erschossen haben.

Die Ehrung der Sicherheitskräfte sollte ein wenig von der Tatsache ablenken, dass die österreichischen Behörden seit Juli 2020 wussten, dass der bereits wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation verurteilte und auf Bewährung vorzeitig aus der Haft entlassene islamistische Gefährder den Versuch unternommen hatte, in der benachbarten Slowakei an gefährliche Munition zu kommen.

Die heimischen Medien publizieren mittlerweile Bewegungsprofile des Vorstadtmonsters vom Montagabend; die Buddhistische Religionsgemeinschaft – in Österreich halten sich selbst Buddhist*innen für religiös – bedauerte in einer eigenen Aussendung, zum Gedenkgottesdienst für die Opfer im Stephansdom nicht eingeladen worden zu sein. Die Medienprofis der Regierung aber setzten heute zwei Polizisten in Sturmhaube unter ein 2009 entstandenes Schüttbild mit hellblauer Farbe, keine Sonderanfertigung für das Büro des Bundeskanzlers, sondern eine Leihgabe aus einem Bundesmuseum, die Hermann Nitsch der Republik 2013 zum Geschenk gemacht hat.

Für die Aufnahme von Arno Melicharek, er leitet seit der Schredderaffäre im Mai 2019 das Besuchermanagements im Kabinett des Bundeskanzleramtes, posierten die Wega-Beamten am Sofa, der Innenminister links und der Kanzler rechts im Vordergrund. »Fehlt nur noch die Beute«, äzten Wiener Zungen, nämlich der mühsam »gestellt und niedergestreckte« Attentäter, der es im Einsatz für den globalen Islam im Herbst 2018 nicht bis nach Syrien schaffte, sondern nur bis in den türkischen Grenzort Hayat, wo er in einem Safe House des IS mit deutschen Jihadisten von der türkischen Polzei aufgegriffen worden war.

Das Pressefoto der Ehrung sorgt nun bei Zeitgenoss*innen für Irritation, wirkt auf viele unangenehm und befremdlich. Aber warum eigentlich? Bemerkenswert an der monumentalen Aufnahme ist die symmetrische Anordnung der Männer, der Möbel und der Medaillen unter dem malexpressiven Gemälde von Nitsch. Man muss nur einen Blick in die aktuelle Ausstellung mit neuen Arbeiten des Meisters im Nitsch-Museums in Mistelbach werfen, um zu erkennen, dass der gestische Exzess dieses Malers immer wieder von strengster Symmetrie gebändigt wird.

Hermann Nitsch ist als Künstler, also als Ganzes, eine ekstatische Erscheinung. Er malt und komponiert, veranstaltet mehrtägige Orgien-Mysterien-Spiele, er formulierte zudem seine Unsterblichkeitsmedizin auf bisher über 3.000 Buchseiten. Jeder Künstler ist für diesen Kunstpriester eine Art Erlöser, indem seine künstlerische Arbeit der Schöpfung huldigt, und damit unserer Existenz. »Je mehr ich glückhaft existiere, desto näher bin ich dem Mittelpunkt der Welt«, sagt Nitsch, und auch:»Je expressiver ein Kunstwerk ist, desto stärker muss es durch die Form geprägt sein«.

Ich habe im Martyriumsverhalten der Dschihadisten noch nie den Ausdruck einer Ideologie sehen können. Diese kapitalen Spinner fühlen sich in ihren Operationen als Blutzeugen der koranischen Sache, aber in Wahrheit dominiert doch ein Exzess der Männlichkeit, eine ziemlich niedere Lust am Spektakulären, ein autoerotisches Aufgeilen an der Furcht und dem Schrecken, den der Terror verbreitet.

Die Anonymität der Beamten hätte im Bundeskanzleramt vielleicht auch weniger bizarr gewahrt werden können. Doch im obigen Sinn sehe ich in der fotografische Inszenierung eine echte künstlerische Hand am Werk, wobei sich Kuratorentätigkeit, Verbrecherjagd und die verrrückte Welt der Passionen leuchtend ineinander spiegeln.

© Wolfgang Koch 2020

Fotos: © Bundeskanzleramt/ Arno Melicharek (2), Wolfgang Koch (2), Manfred Thumberger (2), alle 2020

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/11/06/was-hat-hermann-nitsch-mit-dem-terroristen-kujtim-fejzulai-zu-tun/feed/ 0
Alfred Goubrans politischer Essay »Schmerz und Gegenwart« 5/5 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/12/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-5-5/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/12/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-5-5/#respond Mon, 12 Oct 2020 15:27:30 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3133 Der Gebildete ist in der Verdrängungsgesellschaft längst eine komische Figur. Die akademischen Intellektuellen verfehlen durch die bereitwillige Anpassung an ihre marktökonomische Vernutzung das Geistige. Also muss der Essayist Alfred Goubran, der das sagt, mit »Sprachgeweben gegen die Vernutzung angehen und eine lebendige Gegenwart erzeugen«.

Die Gedanken dieses Schriftstellers klettern in breiten Gegensatzgrätschen über schroffe Wände: Fähigkeit/ Unfähigkeit, Kenntnis/ Wissen, Leid/ Schmerz. Der Geist ist für ihn – im Widerspruch zum Intellekt – eine Gedankenausübung, die das Denken ausdehnt, während sich der Intellekt als kognitive Leistung bloss vorhandenen Strukturen anpasst.

Wie dehnt der Geist das Denken aus? — Das geschieht so: Definition berechtigen den Autor dazu, eine Existenzaussage zu machen. So heisst es zum Beispiel an einer Stelle des Essays: »In der Verdrängungsgesellschaft wird das Unvollkomene als Fehler aufgefasst«, und: »Fehler kann man beheben, Mängel ausgleichen. Die Vervollkommnung wird zum Ziel«.

In wenigen Sätzen wird hier aus der Zuschreibung einer Eigenschaft (der Reparabilität des Fehlers) ein Telos der Verdrängungsgesellschaft abgeleitet. Und nach den Regeln dieser Topik meint Goubran, es könne nicht nur ausgesagt werden, was etwas ist, sondern auch dass es ist.

Dieser Argumentationsstil kennzeichnet den Essay Schmerz und Gegenwart als rhetorisch. Er bringt Sprache nicht etwa als Sprache und damit als mögliche Welt zur Geltung; er verwechselt die Sprache mit der Kulturwirklichkeit. Ein Sophist würde sagen, dass es keine Wahrheit gibt, sondern dass nur eine Vielfalt von Sprachspielen existiert und dass das Sein unerkennbar bleibt. Goubran aber will in seinen Ritzungen das Wahre aus sprachlichen Autoritätsformen bergen.

Das ist eine in der Literatur der Gegenwart bereits selten gewordene Position. Sie ist historisch von einigem Interesse, denn Goubrans Hinwendung zur Essayistik erinnert gewissermassen an die ursprüngliche Einheit von Wort und Ton, von Musik und Sprache; er vollzieht in seiner Arbeitsbiographie jenen wirkmächtigen Prozess noch einmal nach, der am Beginn der westlichen Kultur stand.

Um das zu erklären, muss ich noch einmal ausholen. Blicken wir auf die Antike zurück. Bei den Griechen waren Ton und Sprache noch nicht in der Weise voneinander getrennt, wie es heute üblich ist. Texte wurden – wie auch in der hebräischen Lithurgie – grundsätzlich laut gelesen und halb gesungen. Diese Einheit begann mit der Entstehung einer rein sprachlichen Prosa ab dem 4. Jahrhundert vuZ auseinander zu fallen. In der Folge mussten für das sakrale Wort eigene Regeln und verbindliche Notationsweisen gefunden werden, um es zum Singen zu bringen. Wir wissen, was daraus folgte: der Aufstieg der europäischen Kunstmusik.

Quasi im Gegenzug dazu wurde der Sprache von Sophisten und Rhetorikern, von Naturwissenschaftern, die man heute Vorsokratiker nennt, und von Philosophen ein eigenständiges Leben eingehaucht. Ein Leben neben der Poësie. Getrennt von der innigen Beziehung zur Ausdruckskraft des Gesangs machten diese Denker, Schwätzer und Redner die Sprache monotoner und ausdrucksärmer, Eindeutigkeit und Stimmigkeit der Aussage konnten verloren gehen, jedes Wort konnte nun auch böswillig umgedreht und gegen die Intention der Sprechenden gewendet werden.

Die Diskurskultur der Griechen pflegte eine enorme Abneigung gegen Fremdsprachen, doch sie entdeckte die inneren Bezüge der Wortbedeutungen, ritt auf ihnen herum wie eine Artistenschule. Die Diskurskultur stellte eine abstrakte Begriffswelt in einem Raum mit eigenen Gesetzen her, in heutiger Sprechweise: semantische Netze.

Als die Pythagoreer ein mathematisch genau quantifizierbares Tonsystem entwickelten, in dem sich gesetzmässig Wohlklang erzeugen liess, machten das die Eggheads der griechischen Antike zum Vorbild für alle Wissenschaften. Um zum Beispiel die heillos verknüpften Begriffe des Seienden und des Nichtseienden aufzulösen, suchten Philosophen die Verknüpfung von Wahrheitsaussagen als den Zusammenklang von zugrundeliegenden Begriffen, die auseinander gelegt werden müssen. Die westliche Kosmologie baut ihren gesamten theoretischen Erkenntnisapparat seither auf dieses System von gleichberechtigten Grundbegriffen auf.

Goubran nimmt etwa den Begriff Verdrängung her; er fragt, was für sie, die Verdrängung, Leistung und Wert besitzt und verknüpft die Fragestellung mit dem Gegensatz von Individuum und Kollektiv. Unter der Lupe des Soziologen beobachtet er dann, dass, wer in der Verdrängungsgesellschaft zuviel von sich zehrt und sein Leben nicht ausreichend auf die Ausbeutung anderer baut, den Exekutoren des Systems suspekt ist. In diesen logischen Schritten gelangt Goubrans Sprecheinsatz zum Begriff der »unmässigen Selbstverdrängung«. Der kennzeichnet nun einen Sachverhalt, der von der Verdrängungssociety als »unsozial« bewertet wird.

Wir haben es in dieser Essayistik also, wie bei den Griechen, mit dem Bemühen um eine universalen Sprache zu tun, die das Denken endgültig von allen Doppeldeutigkeiten säubert und befreit. Doch, Achtung: Der Text kann Sprache als Herrschaftsinstrument letztlich nicht entmachten; ihre Demokratisierungsabsicht und ihre Forderung einer allen zugänglichen Bildung mit der Aussicht auf Chancengleichheit verpufft grossteils zugunsten einer Rede, die eine neue Fremdheit produziert. Vor unseren Augen entsteht im theoretischen Diskurs ein Denkkonstrukt, über das sich kognitive Abhängigkeitsmuster entwickeln und an dem sich Distinktionsbedürfnisse des Autors und seines Milieus entfalten.

Goubran ist also mit seinem Spracheinsatz gegenüber den Mängeln der Begriffsprache ähnlich machtlos wie es die Philosophen gegen den Rhetoriker und die Aufklärer gegenüber der Romantik waren. Was sich an seiner Essayistik erkennen lässt, ist dass er bei seinem Versuch, genaue Aussagen über die Gegenwart zu machen, den Ursprung unserer gespaltenen Kultur noch einmal aus sich selbst gebiert. Goubran denkt beim Schreiben an ein Jenseits der eigenen Vernunft. Darum kann er entschlossen Nein zur Verdrängungsgesellschaft sagen und dabei zugleich das unvermeidliche Ja zur Sprache als Diskursmacht in Kauf nehmen.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Admont, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/12/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-5-5/feed/ 0
Alfred Goubrans politischer Essay »Schmerz und Gegenwart« 4/5 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/07/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-4-5/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/07/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-4-5/#respond Wed, 07 Oct 2020 10:50:39 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3128 Es hat in Österreich schon einmal einen Autor gegeben, der von eine »Verdrängungsgesellschaft« sprach. Das war der Psychiater, Neurologe und Suicidologe Erwin Ringel. Dieser Polemiker und grosse Vereinfacher stellte 1986 die Österreicher*innen als ein gewaltiges Volk von Neurotikern dar. Die Neurotisierung der Nation beginnt nach Ringel bereits in der Kindheit, denn die Erziehungsziele des Österreichers lauten Gehorsam, Höflichkeit, Sparsamkeit – und daraus leitet sich bei Ringels Landleuten die fatale Bereitschaft zu »devotem Dienen« und zum »vorauseilenden Gehorsam« ab.

Ringel war Individualpsychologe, er folgte der Schule des Freud-Dissidenten Alfred Adler, die das Streben um Macht und Anerkennung als den wichtigsten Trieb des Menschen ansieht. Nach seiner Beobachtung grassieren psychosomatische Krankheiten in Österreich wie in keinem anderen Land der Welt. Was kränkt, macht krank – unbewältigte Gefühle schädigen den Körper. Östereichs Kinder dürfen keine Eigenexistenz führen, sie dürfen nicht »glücklich sein«. Sie lernen weder im Elternhaus noch in der Schule, und auch später im Berufsleben nicht, mit ihren Gefühlen zurechtzukommen. Auf diese Weise wird die Kindheit zur Geburtsstunde der Neurose. Der Hass auf die Eltern, der dabei entsteht, darf nicht artikuliert werden, er wird verdrängt.

Dieser Befund mag in den Zeiten der repressiven Erziehung zugetroffen haben, heute, 34 Jahre später, ist an ihre Stelle eine falsch verstandene Laissez-faire-Erziehung getreten. Nach Goubran leben wir jetzt in einer ganz anderen Verdrängungsgesellschaft, nämlich in einer, die alles honoriert, was der Ablenkung und der Zerstreuung dient. Das klingt nach Guy Debords »Gesellschaft des Spektakels«, aber die »Zerstreuungsindustrie« ist nicht Goubrans einziges Angriffsziel.

Sprache wird seiner Ansicht nach nicht offen gesprochen, sie wird »ausgeübt«. Das Verdrängte trägt wohl das Gepräge des Neuen, aber es ist im Grunde nur das ungelebte Leben, die Summe all unserer verkümmerten Potentiale. Das Verdrängte darf nicht zur Sprache kommen, indem gerade ständig über alles gesprochen wird, paradoxerweise auch über das Verdrängte. Die Zerstreuungsindustrie verdrängt zum Beispiel, dass wir zu unserem Glück zwar lustvoll fähig wären, aber es unterdrücken, und zwingt uns stattdessen Befindlichkeiten und Meinungen zu allem und jedem zu kultivieren. In einer plappernden Welt wird dann alles, was existiert, zur Ressource, bereit verbraucht und vernutzt zu werden. Und im Einzelnen wächst das Bedürfnis nach Sicherheit und Gesichertsein ins Unermessliche.

Goubran konstatiert in der Gegenwart eine regelrechte »Menschenindustrie«, die massenhaft »Lebensmüdigkeit« verbreitet, also das was Sloterdijk mit seinen »Regeln für den Menschenpark«, dem Problem der Menschenzüchtung, noch in die mittlere Zukunft hinein verlegt hat. Der Negativheld in Goubrans neuer Ordnung ist der Unfähige, ein die Fähigen verdrängender Verdränger. In ihm bricht sich berechnendes, auf Gewinnmaximierung abzielendes Marktverhalten Bahn, in ihm triumphiert ein Egoismus der kapitalistischen Subjektivität, der trainiert, kultiviert und gelebt wird.

Der Unfähige boxt das Wahre, Eigentliche und Originale ins Museum, er »verklumpt« das Seiende mit intellektuellen Mitteln – ihm fehlt jeder Zugang zu »einer höheren, sprich geistigen Ordnung«. Durch die Möglichkeit, jeden Hirnfurz über Social Media öffentlich machen zu können, verliert er aus den Augen, dass er selber ausserhalb seines persönlichen Umfeldes für andere Menschen keinerlei Relevanz mehr hat.

Schon in der Schule werden die Schüler auf »ein selbstverständliches Lebens« als Unfähige vorbereitet. Sie lernen zu funktionieren, sich anzupassen, die Glaubenssätze der Verdrängungsgesellschaft zu verinnerlichen. So ein Glaubenssatz ist zum Beispiel: »Konsumiere Deine Erfahrungen als Information«.

Was ist damit gemeint? Denken Sie zum Beispiel an die gerade überall zur Schau gestellte Lust, aus dem gefährlichen Virus ein Requisit für die Aufführung der eigenen Besserungsfähigkeit zu machen. Überall wird die Rede über das in der Corona-Zeit vermeintlich Erlernte viel schneller eingeübt als der Lernprozess vonstatten gehen kann. Wir gaukeln uns und anderen bereits ein Wissen über Erfahrungen mit der Pandemie vor, die ja eigentlich erst zu machen wären – und die, wenn es denn wirklich Erfahrungen sind, unsere ganze eingeübte Rhetorik der Selbsterfahrung auch unterbrechen müssten.

Für Goubran hat der Fortschritt nur ein Gesicht. Er verspricht, dass das Leben immer bequemer und bequemer wird, bis hin zur totalen Automation, mit dem Effekt, dass wir nur noch Zuschauer*innen eines mit uns gemachten Lebens sein dürfen. Und das Leiden daran, das ist ein in die Länge gezogener Schmerz, der kommuniziert. Ich gehe auf den Schmerz, den dieses Buch ja im Titel führt, nicht näher ein – möchte aber etwas zur Sprechweise und zum Schreibgestus dieses Essays sagen.

Goubran erklärt zu seiner Schreibpraxis: »Ich weiss natürlich nicht, was ich da geschrieben habe«. Das ist natürlich kokett; es bedeutet aber auch, dass diesem Autor etwas wichtiger zu sein scheint, als das, was er beobachtet und analysiert hat, als das, was er mit der Kritik der Verdrängung inhaltlich vorzubringen hat.

Für Goubran ist die Sprache das alles überragende Freiheitsmoment des Lebens. »Sprache gehört niemanden, sie ist etwas Lebendiges, stärker als das Soziale oder das Kollektive. Der Sprache liegt ein demokratisches Konzept zugrunde, sie ist ein Gemeinsames, das kein Einzelner besitzt oder erschaffen könnte« – sie ist ein Arkanum, an dem jeder teilhaben kann.

Goubran sieht in der Sprache also kein reines Mittel der Kommunikation, sondern eine Art Speicher, einen USB-Stick, den jeder in der Tasche hat und auf dem Dinge gespeichert sind, die »mit unterschiedlichen Wirklichkeiten und Seinszugängen« zu tun haben. – »Zuerst«, lesen wir in einer autobiographischen Erzählung des Autors aus 2010, »ist die Sprache ein Wollen, später ein Sein. Zuerst sprechen wir uns aus – das ist das Leben. Dann schwitzen wir uns in die Erde hinein – das ist der Tod.«

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Wildalpen, Admont, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/07/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-4-5/feed/ 0
Alfred Goubrans politischer Essay »Schmerz und Gegenwart« 3/5 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/03/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-3-5/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/03/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-3-5/#respond Sat, 03 Oct 2020 15:49:58 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3122 2010 stellte die Edition Selene ihre Geschäftstätigkeit ein und ihr Besitzer Alfred Goubran seinen Debütroman unter dem Titel Aus in das Schaufenster. Dem Buch folgten weitere 16 Erzähl- und Essaybände, Bühnenstücke und Gedichtsammlungen, alles verfasst von einem Autor, der in einer Sprache auf eigenes Risiko formuliert. Goubran verzichtet auf jede liquide Metaphorik und auf Anglizismen, er schmiegt sich in seinen Texten nicht an den Jargon der Globalisierung an, er versteht sich nicht als humanitäre Avantgarde einer unaufhaltsam expandierenden Weltgesellschaft, lieber räumt er dem Lokalen, der Ortshaftigkeit des Lebens, einen Platz ein.

Man findet in seinen Erzählungen so makellose Sätze wie: »Still war es, wie in einem Bild, das einer malt, der von draußen durchs Fenster schaut«. Inhaltlich beteiligt sich Goubran am Identitätsdiskurs. Es gibt eine »Kleine Landeskunde« und literarische Versuche, die Begriffe Kultur und Heimat vor dem patriotischen Fahnenschwenken durch »gelebte Werte« dingfest zu machen. – Ist er dadurch schon mit halber Blindheit beschlagen? Ich meine, nein. Aber andere raten ihm dringend ab, ein Projekt über den »Verlust der deutschen Sprache« auszuführen, weil damit ja rechte Kräfte gestärkt werden könnten.

Goubran beklagt in seinen Schriften »das Verschwinden der Vielfalt« in den Ländern nördlich der Alpen, er registriert »Nivelierungsschübe« von tektonischem Ausmass, der »Abbau von Typen« trockne das »anarchistische Grundwasser« von Originalen und Sonderlingen aus und führe zu »menschlichen Monokulturen«.

Mit der Rolle des Schriftstellers ist übrigens noch nicht der ganze Goubran erzählt. Nach Valéry gibt es ja zwei Klippen, sich in dieser Tätigkeit zu verirren: nämlich die zu genaue Anpassung an das Publikum und die zu enge Treue dem eigenen System gegenüber. Goubran läuft sicher nur Gefahr in die eine Richtung. Er ist in erster Linie ein Autor; nur defensiv und misstrauisch gegen den Erfolg versucht er auch Schriftsteller zu sein.

Goubran ist daneben noch Übersetzer, Werbeberater und Familienvater, und vor zehn Jahren schaltete er noch eine Existenz als retrolastiger Liedermacher hinzu. 2010 begann er mit dunkler, rauer Stimme deutschsprachige Lieder zu intonieren, 2014 erschien die erste CD (inzwischen sind es fünf), 2018 rüstete er mit englischen Texten (unter dem Namen NABIL) weiter auf.

Ich vermag nicht zu beurteilen, ob er sich an Heine, Jacques Brel und Bob Dylan vergreift. Mir fehlt dieses berühmte ozeanische Gefühl für die Musik. Wo andere von einer »kehliger Stimme« beeindruckt sind, macht sie mir eher Angst. Wo andere einen unpolierten »Tom-Waits-Sound« hören, ergreift mich rasch ein Unbehagen an den Seufzer der bedrängten Kreatur. Wo Musikkritiker »eine Nähe zum Defätismus« konstatieren, gähnt mich bloss das grüftesüchtige Simmering an. Wo andere »Gesellschaftskritik« heraushören, weil Goubrans Ballade von einem Minister mit Kindern und Kabelbindern erzählt, sehe ich nur ein übles Pädophilenvideo auf seiner Website (»So viele Bilder«), das im ironischen Einsatz nicht weniger schlimm ist als im amoralischen.

»Es gehört einfach zum Auftrag des Dichters, auch Lieder zu schreiben«, sagt Goubran. Warum also sollten da ausgerechnet deutschsprachigen Dichter eine Ausnahme sein? Goubran bekennt sich noch zu weiteren tugendreichen kulturellen Mythen. Er sagt: »Die Dichter preisen Gott, doch Gott lobt die Dichter nicht. Vielleicht, weil sie den Magiern verwandt sind, den fremden Priestern, den Nekromanten und Sterndeutern. Jeder Dichter ist ein Orakel, aus dem sich das Unerschaffene in die Welt spricht. Jeder Dichter wirkt durch die unsichtbare Welt und weiss Dinge, die er nicht wissen kann, und das steht durchaus in der Tradition der Dichter, denen ich mich verbunden fühle.«

Wer sind nun diese Geister, mit denen er intimen Umgang pflegt? Zu seinen ersten Freunden zählte der hochbegabte Jungautor Ernst Christian Pacher, ein karantanisches Nachtschattengewächs, das mit 19 Jahren an einem Zeckenbiss verstarb. Später kam der 2001 verstorbenen Christian Loidl hinzu, ein österreichischer Parteigänger der Beat-Generation, der mit Christian Ide Hintze die »Wiener Schule für Dichtung« aus der Taufe gehoben hat.

Wie bei Viktor Rogy sieht Goubran in ihnen Geistesarbeiter, betont seine Verbindung mit den Kreativen im Mystischen und Magischen, wo es um Chiffren geht. »Rogy stand für einen Vergeistigungsprozess durch die Suche nach der knappsten Form. Die meisten Künstler arbeiten sich ja nur an dem Material oder an Themen ab, das Geistige musst du heute schon suchen in der Kunst.«

Goubran studiert weiters die Schriften des Altertumsforscher Theodor Mommsen, und weil er weiss, dass sein Verstand auch getauft ist, die Werke des christliche Religionsphilosophen und katholischen Theologen Romano Guardini, der sich 1935 offen gegen die nationalsozialistische Deutung der Person Jesu und später gegen den Klerikalismus und die Selbstherrlichkeit der Kirche gewandt hat.

Wir verdanken Goubran eine Übersetzung der imposante Kurzgeschichte Die gelbe Tapete der US-Frauenrechtlerin Charlotte Perkins Gilman [Stetson], in der sich eine klassische Wochenbettdepression stufenweise an Farbe und Geruch der Zimmertapete entfaltet. Er hat sich intensiv mit dem Leben des englischen Orientalisten, Abenteurers und Kamasutra-Übersetzers Richard Francis Burton herumgeschlagen, der stolz darauf war, jede einzelne Sünde im Dekalog begangen zu haben, und dessen Biographie deshalb vorsichtshalber seine brave viktorianische Frau verfasst hat.

Man sieht, die Bibliothek im Goubraneum ist gut gefüllt, sie gleicht einem Tablett voller Glasscherben nach drei Jahrzehnten des Strandkämmens. »Wer keine Gegenwart hat, hat kein Dasein«, beteuert Goubran. »Wer kein Dasein hat, hat auch keine Erfahrung. Er ist nur vorhanden, ist eine Realität, oder besser: Eine Realie, die funktioniert. Er lebt sich ab, leidet sein Leben.«

Aber auch so ein Leben ist nicht ganz frei von Widersprüchen. Goubran ist ein Industriegegner mit Sound-Software; ein Sozialmuffel mit Marketingwissen; ein kenntnisreicher Low-Speed-Urbanist mit der Sehnsucht nach Ruinen, kurz: eine Realie, die, mal flutsch und rundläuft und dann wieder meutert, aufmuckt, sich querstellt. Eine Realie, die auf jeden Fall mehr als vorhanden ist. Nur: Fahren die Dummen irgendwo erschreckt zusammen, wenn er ein Wort in die Runde wirft? Das tun sie bei ihm nicht, das tun sie bei mir nicht, die Dummen lassen sich heute nicht mehr erschrecken.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Portrait Alfred Goubran, Foto: © Arnold Pöschl o. J.; Wildalpen, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/03/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-3-5/feed/ 0
Alfred Goubrans politischer Essay »Schmerz und Gegenwart« 2/5 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/02/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-2-5/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/02/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-2-5/#respond Fri, 02 Oct 2020 07:59:28 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3116 Nach ersten Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften und Auftritten vor Publikum verschwand Alfred Goubran für viele Monate in den Trichtern von portugiesischen Chillums. Er fingerte am Kickloch von Bongs und vibrierte im Schallloch der siebenseitigen braslianischen Gitarre. Wir sagen heute zu solchen Ausflügen: »Der war damals in einer Hippiephase«, und unterschlagen dabei, dass gegenkulturelle Praktiken und Hippie-Werte (Reisefreiheit, Drogenseligkeit, Selbstgenuss) auf dem Feld der Kultur einen gewaltigen Siegeszug angetreten haben und sich zu jener Form einer neuen Bürgerlichkeit verwandelt haben, die heute die herrschende Subjektivität definiert.

1993 gründete Goubran in Klagenfurt den Kleinverlag Edition Selene, übersiedelte 1998 damit nach Wien, und brachte im Verlauf von 17 Jahren rund 300 Bücher und Kataloge damit heraus. Seine Verlegerphilosophie war absolut radikal: Das letzte Wort in Design- und in Inhaltsfragen hatten immer die Autor*innen und Künstler*innen. Das hat nicht einmal der schrägste aller deutschprachigen Verleger, der Ex-Dealer Werner Piper, mit der Grünen Kraft in Lörbach zusammengebracht.

Als Goubran neun Jahre später noch immer keine Villa mit Swimmingpool besass, griff er beherzt selber in die Tastatur und verfasst eine wilde Polemik gegen die Erfolgsgeneration. Die Streitschrift erschien 2002 unter dem Titel »Der Pöbelkaiser oder Mit den 68ern Heim ins Reich« und rasierte mit einer giftigen Klinge aus Vorwürfen, Unterstellungen und Denunziationen über den Grünen-Politiker Joschka Fischer, den Rechtspopulisten Jörg Haider, den Theatermacher Christoph Schlingensief sowie über die Literaturheiligen Peter Handke und Elfriede Jelinek hinweg. Michael Köhlmeier warf er im selben Jahr vor, seinen Stoff nicht zu erzählen, sondern wie ein Discjokey zu Samplen, um sein Publikum zu unterhalten.

Im Unterschied zum literarischen Beschimpfungsvirtuosen Thomas Bernhard fehlte Goubrans Rundumschlag damals die melodiöse Sprache. Die Neue Züricher Zeitung schmetterte den Grabenkampf gegen die Kassenfüller des Kulturbetriebs gnadenlos ab mit »hundert Seiten Haarspaltereien« und »pure Idiosynkrasie«. Auch die Kopfschüttler in Wien übersahen den innovativen Grundgedanken dieser Polemik. »Wer in einer Zeit etwas gilt«, behauptet Goubran, »muss auch etwas mit der Zeit zu tun haben. Die Dichter, die hochkommen, kommen hoch, weil sie gerade nicht stören. Andere, die stören, kommen gar nicht hoch. Handke, Jelinek, Robert Menasse – das sind Opportunisten und sie wären es auch in einer anderen Zeit gewesen.«

Zwei Jahrzehnte bekräftigt Goubran seine damalige Sicht: »Die FPÖler nach Haider waren strohdumm, eigentlich eine Minderheit, auf die man da losging. Der ganze Antifaschismus war eine super Ablenkung von den wirklichen Verhältnissen. Doron Rabinovici, Robert Schindel, Jelinek, Handke – das waren doch genau die Leute, die in der Haider-Zeit etwas galten. Meiner Ansicht nach kommen immer nur die hoch, die die Wahrheit nicht stören. Wer sein Leben lang an seiner Integrität arbeitet, kann keine öffentliche Position einnehmen, auch nicht die des Warners oder Kritikers.«

Goubran radikalisiert damit Adrian Turels berühmte These, wonach der Erfolgsstreit eine Grundvoraussetzung für Kreativität ist. Wer erfolgreich ist, hat seine Kreativität bereits am Altar der Unterhaltung geopfert und stellt dann in der Öffentlichkeit die grundverkehrten Fragen. Ob jemand Hitler auf der Reichstagstreppe anhimmelt oder ob struktureller Rassismus in seinen Adern pocht, die Empörung darüber führt bloss in den Steinbruch der Symbolkriege. An diesem Ort aber werden die wirklich notwendigen Fragen gar nicht mehr gestellt. Zum Beispiel die Frage, warum es im österreichischen Parlament keinen Untersuchungsausschuss über die Opfer der Parteibuchwirtschaft gibt, also über die durch Proporz und Klüngel verbauten Möglichkeiten von Menschen. Hat es in diesem Land nicht schon Selbstmorde gegeben infolge der politischen »Injektionen« bei der Vergabe von öffentlichen Posten und Aufträgen? Die Ämterpatronage ist bekanntlich eines der Grundübel unserer Republik und geht vom kleinen Schulwart bis zu Direktoren staatlicher Betriebe quer durch alle Parteien.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Wildalpen, Foto © Marie Obermayr 2020; Portrait Alfred Goubran, Foto: © Arnold Pöschl o. J.

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/10/02/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-2-5/feed/ 0
Alfred Goubrans politischer Essay »Schmerz und Gegenwart« 1/5 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/30/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-1-5/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/30/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-1-5/#respond Wed, 30 Sep 2020 14:53:24 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3105 Alfred Goubran ist ein österreichischer Schriftsteller und Liedermacher, der die Grenze des eigenen Horizonts nicht für die Grenzen der Welt hält. Ein Mann, der das Einfachste aushalten kann, nämlich nichts zu tun, weil es am Geheimnisvollsten ist und weil das Geheimnisvolle die fantastische Gewissheit in sich birgt, dass nicht nichts geschieht.

Seine kernig geprägte Gestalt dient als Hülle einer kernigen Natur und eines aufrechten, wahrhaften Geistes, dem aller unechter Schein, alle Heuchelei fremd und zuwider ist. Alfred Goubran wirkt auf mich wie ein Lehensfürst des Ostens, der nicht mehr an der Spitze der Vasallenen am Hof erscheinen muss, weil der Kaiser seit der letzten Begegnung ahnt, dass es bei diesem Untertanen nichts nützt, ein strenges Regiment zu führen. Ein Fürst des Ostens, der lieber Rapsblütenromane verfasst, als sich auf Bestechungen zu verstehen.

Ich sage Osten, weil geboren ist er am Heiligendreikönigstag, dem Fest der Erscheinung Christi, des Jahres 1964 in Graz. Goubrans Vater stammte ungelogen aus dem Morgenland, war Ägypter und starb, als das Kind Dreieinhalb war bei einem Autounfall in Deutschland. In der Folge wuchs der Junge bei seiner Mutter in Kärnten auf, zunächst in Klagenfurt-Waidmannsdorf, dann im Internatsgymnasium Tanzenberg.

Engelbert Obernosterer, der bedeutendste unter den heute in Kärnten lebenden Schriftsteller, besuchte Tanzenberg zwanzig Jahre vor Goubran, als diese Schule noch ein bischöfliches Knabenseminar war und eine auf Priesternachwuchs ausgerichtete Ordnung. Obernosterer hat die Ausbildung nach sieben Jahren abgebrochen und schreibt in seinen Erinnerungen, die er Eine Lossprechung nennt, über Tanzenberg: »Bis in die Träume hinein schweben mir die Talare seiner Vertreter nach, ihre vorwurfsvollen Blicke weisen mich darauf hin, wie nichts sagend ich geworden bin, wie tief gesunken ich bin, seitdem ich diese Burg der göttlichen Gewissheit verlassen habe, eine in ständiger Veränderung befindliche Schliere, verglichen mit der Festigkeit der mir angebotenen Ordnung«.

Erstaunlicherweise ist Goubran Ähnliches widerfahren, obwohl das Internatsgymnasium zu seiner Zeit bereits für die Welt geöffnet und einer Reform unterzogen worden war. Goubran hat mit 14 die nunmehrige Burg humanistischer Gewissheiten vorzeitig verlassen. Was er kündigte, war die Festigkeit einer ihm angebotenen bürgerlichen Ordnung. – Als Nächstes sehen wir ihn in einer kuriosen Schulabbrecher-Bohemé in Klagenfurt, die die Welt in übergrossen Caritas-Anzügen und gelbrandige Hemden mit Krawatte erobern wollte.

In diesem Dress hockten die Schulabbrecher unter Malern, Trinkern und Journalisten im Künstlerhauscafé. Hier begegnete Goubran zum ersten mal dem Stukkateur, Lyriker und Aktionisten Viktor Rogy. »Er saß stundenlang regungslos am kleinen Tisch nahe dem Eingang, ohne sich mit jemanden zu unterhalten, er hat sich dann irgendwann das Weinglas auf den kahlen Kopf gestellt und unvermittelt mit hoher Fistelstimme die Silbe ›Om‹ gesungen, oder er brüllte ansatzlos einem der anwesenden Künstler quer durch das Lokal eine Beschimpfung ins Gesicht, ›Willst a Unterkärntner Faustwatschen?‹, und dann war wieder nix, er hat in Ruhe weitergetrunken, oder er setzte den Hut auf und war verschwunden, ehe der Beleidigte auch nur begriffen hatte, was geschehen war. Diese Vorstellungen fand ich als 17-Jähriger extrem beeindruckend.«

1980 bis 1982 wandte sich eine Initiative von lokalen Literaten in Klagenfurt mit der Veranstaltungsreihe »Kärntner Frühling« gegen die jährlichen Ingeborg-Bachmann-Preislesungen und das Kulturfestival »Woche der Begegnung«. Die verkannten Dichter kritisierten den Charakter des Wettlesens, die Mediatisierung von Literatur, und natürlich auch, dass sie selbst von den Veranstaltern nicht gebührend berücksichtigt wurden. Goubran antworte mit seiner Gruppe von 18jährigen auf diese Kritik der 30jährigen Kolleg*innen mit einer »Woche der Entgegnung«.

»Warum klagen so viele, das sie unterschätzt werden?«, hat Ernst Jünger zwei Jahre später in sein Journal notiert und seine Haltung gleich klar gemacht: »Schlimmer ist doch das Gegenteil«.

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Portrait Alfred Goubran, Foto: © Arnold Pöschl o. J.; Wildalpen, Foto © Marie Obermayr 2020

Alfred Goubran: Schmerz und Gegenwart. Ritzungen, 120 Seiten, Braumüller Verlag 2019, ISBN-10: 3992002543, 15,- Euro

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/30/alfred-goubrans-politischer-essay-schmerz-und-gegenwart-1-5/feed/ 0
Viktor Rogy — das schwarze Loch der Kunstgeschichte https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/24/viktor-rogy-das-schwarze-loch-der-kunstgeschichte/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/24/viktor-rogy-das-schwarze-loch-der-kunstgeschichte/#respond Thu, 24 Sep 2020 09:19:52 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3090 Dezember 1985. — Sechs verdächtige Subjekte brechen zu weit vorgerückter Stunde in zwei Wagen auf in die Draustadt Villach. Die Lenker lassen sich Zeit, wählen Umwege, sie fürchten, der Kopf des Kommandos könnte es nur auf einen möglichst spektakulären Zusammenstoß mit der Polizei angelegt haben.

Vor Ort blinken gelbe Alarmlichter der Schneeräum-Kohorten. Ein Streifenwagen patrouilliert in den Häuserschluchten, und als er zum zweiten Mal verschwindet, werden Zehn-Liter-Eimer aus den Kofferräumen gewuchtet. Dann schreitet ein Menschenpaar in zweisamer Selbstermächtigung zur direkten Aktion, häuft feuerrotes Pulver aus den Kübeln auf tamburin-große Metallsiebe und lässt es unter tänzerischen Rüttelbewegungen sorgfältig zu Boden rieseln. Zuerst an der verkehrsabgewandten Seite des Gebäudes, im Halbdunkel einigermaßen vor den Blicken von Nachtschwärmern und Frühschichtlern geschützt.

Die weibliche Person streift schon nach einer Minute den Pelzmantel ab. Der männliche Aktivist, ohne Kopfbedeckung und in dunklem Anzug, zieht konzentriert die Begrenzungslinie einer etwa fahrbahnbreiten Aktionsfläche, auf der vor der genieteten Metallwand fingerdick Eis und Schneematsch liegen. Endlos lange rieselt der rote Staub zu Boden, Blitzlichter erhellen für Momente das heimliche Geschehen; bei jedem vorbeiziehenden Wagen halten alle Beteiligten gespannt die Luft an.

Nach fünf Minuten bleiben die ersten Passant*innen stehen: Morgenarbeiter und Betrunkene am Heimweg. Als das Rot am Boden ein beinahe gleichseitiges Rechteck von etwa zwölf Quadratmetern füllt, geben sich drei Schneeräumer am Zubringer zum Platz einen Ruck und beschließen, sich die Sache aus der Nähe anzusehen, die werkzeuglosen Hände ratlos im Parka vergraben. Gerade als sich ein Menschenauflauf abzuzeichnen beginnt, ist die Signalfarbe in den Eimern aufgebraucht.

Die Frau wirft sich den Pelz wieder über, der Hauptmissetäter schleudert das Sieb zur Seite, langt mit beiden Händen in die Sakkotaschen und streut, auf Zehenspitzen stehend, in weit ausholenden Gesten kleine Flug- zettel auf den gefärbten Schneeteppich. Der Mann korrigiert noch ein paar ungleichmäßige Pulverspuren mit dem Fuß im weißen Puma-Sneaker, vollführt ein Freudentänzchen, wobei er die Konfettibotschaften nun bündelweise in die Luft schleudert und übermütig vor der mitgebrachten Kamera posiert.

»Wir können stolz sein, etwas Richtiges getan zu haben«, sagt er zu seinem Tross, den diese Worte für einen Augenblick von innen wärmen. Man eilt zu den Fahrzeugen zurück, ruft einander noch verschwörerisch einen Treffpunkt in der anderen Stadt zu. In letzter Sekunde entlädt sich die aufgestaute Wut der gaffenden Schneeräumer über die erlangte Handlungsfähigkeit der Flüchtenden. Immerhin braucht es vier gestandene Kerle, um einen Bleistiftstummel in die Hand zu bekommen und ein Wiener Autokennzeichen zu notieren. »Verschwindts! Mir brauchn kane Ausländer!«

© Wolfgang Koch 2020

Abbildungen: Rogy in der Klagenfurter Vorstadt, © Heinz W. Schmid 1984. Viktor Rogy, Goldene Maske (Selbstportrait), Sammlung Grolitsch, © Wolfgang Koch 2019.

Präsentation der Künstlerbiographie in der Galerie Freihausgasse, Galerie der Stadt Villach, am 26.9. um 14.00 Uhr. Freihausgasse, 9500 Villach Tel.: +43(0)4242/205-3420 und/oder -3450

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/24/viktor-rogy-das-schwarze-loch-der-kunstgeschichte/feed/ 0
Der Überbegriff Freundschaft in der Kunst 3/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/23/der-ueberbegriff-freundschaft-in-der-kunst-3-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/23/der-ueberbegriff-freundschaft-in-der-kunst-3-3/#respond Wed, 23 Sep 2020 10:35:04 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3079 Unmöglich dieses Messe-Feuerwerk summarisch zu überschauen, alle oben in dem Gewölbe explodierenden Körper zugleich in den Blick kriegen: die Professorenrhetorik und die Rabulistik der Jugend, die Spurensuche in Avantgarden und Retrogarden, in Comics und Fantasy, das aufgeregte Aufsteigertum und das unaufgeregte Auch-Malen und Auch-Zeichnen.

Es gibt im Kulturgeflecht eine Menge Gegenwarten – ihre Zahl gleich der Zahl der Vergangenheiten und der Zahl der Zukünfte. Die Kunst hat es im generalisierten Sprachenwirrwar der Gegenwart nicht leichter als, sagen wir, Politik, Religion oder Medizin. Vieles, was über Generationen selbstverständlich war, bricht heute vor unseren Augen weg. Warum zum Beispiel existieren Druck- und Acryfarben überhaupt auf Erdölbasis? Sie existieren nur, weil irgendwann einmal die Entscheidung getroffen wurde, dass wir Autos mit Verbrennungsmotor fahren.

Warum leben wir in einer überkontrastierten visuellen Welt der feinkalibrierten Farben? Wollen wir wirklich, dass sich immer häufiger kontrafaktisches Wissen, also das Meinen und Behaupten ohne Überprüfungsbedingungen, gegenüber dem Kompetenzprinzip durchsetzt? Und wie ertragen wir in Stadt und Land Umgebungsbedingungen, unter denen ein Mensch der Antike augenblicklich wahnsinnig geworden wäre?

Hundert Stunden im Jahr basteln Berufstätige in der computerisierten Arbeitswelt an den Folien für Powerpointvorträge herum, nach denen sich kein Mensch erinnern kann, was der Vortragende gesagt hat. Die Erbauer von Eigenheimen erscheinen heute mit Farbfächern für Lacke bei den Baufirmen und entscheiden ohne Prüfung bei verschiedenen Lichtverhältnissen auf dem Putz in zehn Minuten, mit welcher Fassadenfarbe sie die nächsten dreissig Jahre verbringen wollen.

Unter diesen Voraussetzungen von visueller und intellektueller Senilität werden die Arbeiter*innen der Kunst zu den Hütern von Stille und Handwerk, von Zurücknahme und von Ökonomie, von Qualität und Bewusstheit, sie bewahren das Angemessene, den vernünftigen Konsens gegenüber den Schönheitsbildern einer individualisierten Gesellschaft, und es hat unter diesem Blickwinkel nichts Harmloses, es hat absolut nichts mit Geschmack oder Spass zu tun, Freundschaften mit ihnen zu teilen.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Anna Attar, Atomares Ballett (2020), Öl auf Leinwand; Rudi Cotroneo, Midnight Ride (2020), Öl auf Leinwand; Iddo Markus, Al together now (2019), Öl auf Holz; Eva Wagner, Indian White (2020), Gouache auf Papier; Osmama Zatar, I smelled this (2020), Mixed Media, © EstherArtNewsletter 2020

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/23/der-ueberbegriff-freundschaft-in-der-kunst-3-3/feed/ 0
Der Überbegriff der Freundschaft in der Kunst 2/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/22/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-kunst-2-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/22/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-kunst-2-3/#respond Tue, 22 Sep 2020 06:58:42 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3064 Ich riskiere im Folgenden ein Rundgang unter Esthers Freunden, und zwar nicht in der Ausstellung, sondern im Cyberspace, wo die Teilnehmer*innen dieser Schau lachend jeden weiteren Kontakt zur Aussenwelt abwehren. Tun sie das wirklich? – Tendenziell ja, denn Webpräsenz heisst in Zeiten des Klickköderns eben nicht, sich anbiedern, heisst nicht, sich geschickt verkaufen, sondern sich rarmachen, sich dem Rennen um höheren Zugriffszahlen geschickt entziehen. Webpräsenz heisst sichtbar werden für Freunde von Freunden.

Ich verzichte bei diesem Rundgang auf den elaborierte Englischsprech der Gobalkunst. Wir haben es nicht nötig, uns ständig daran zu erinnern, dass es neben der Erst- auch eine Zweit- und eine Drittsprache gibt. Wir führen kein Doppel-, Dreifach- oder Vierfachleben. Wenn mir morgens ein Fremder im Spiegel entgegen schaut, dann rasiere ich ihn trotzdem. Wer Kunst und Literatur als Gesprächsthema vertiefen will, spricht in einer leisen einheitlichen Sprache zu sich selber.

Anna Attar 

Tochtersein und Mehrfachtalent, das schreit nach goldenem Spielzeug. In Öl oder Acryl wilde Häuser, Blumen, die »Fu« sagen, und anderer Nonsence, Blumen aus dem Gemeindebau, gekachelte Räume, ein makaber tanzender Magen David. Das Ichselbst als intergalaktische Maus, mit Vogel, Streifen und Hockney. Mama ist ein in den Wolken gondelndes Strohhut-UFO (Blut auf Leintuch).

Amnon David Ar

Der glatzköpfige Autodidakt aus Israel zeichnet mit dem Malpinsel, und zwar Kamelschädel, Winkekatze, Schubertbüste, am Flughafen gestrandete Wale. Weibliches Schamhaar hebt, unter dem Vorwand, ihn zu verstecken, den Genitalbereich aus seiner sexuell weniger signifikaten Umgebung hervor. Das Memento mori: eine Zwiebelknolle neben einem aufgerissenen Karton am Fliesenboden.

Alfredo Barsuglia

Seine Titel sagen schon alles: Der Junge, der die Welt nicht berührte… Ich baue mir ein Haus mit Garten und jeder ist willkommen. – 2014 liess er kein gutes Haar an der Land Art, legte einen 3,5 m langen »Social Pool« in die südkalifornische Wüste an und schrumpfte ein Hotel auf zwei Meter Höhe. Seither ist er für Ikea ganz verloren. An den Weltsteirer erinnert eine Insel in der Feistritz.

Gian Luca Capozzi

Er war bei den Gruppenschauen »Nach dem Menschen«, »Jenseits der Malerei« und »Betrug Italien« mit dabei. Er weiss, wie man einem toten Hasen ein Bild erklärt. Er gestikuliert dem Stift spermatisch in fotografierte Räume hinein, berichtigt Salons und Wimmelbilder, Bläschen zwischen Linien. Partygirls mit Donaldschnute unter Lachgas. – Sein Namensvetter ist ein strahlender Cantautore.

Rudi Cotroneo

Eine komplett neuen Welt erschaffen? In der indivduellen Mythologie des Mailänders zieht der Eifelturm am Metrofenster vorbei. Seine Bilder fingieren Räume, in denen sich seine Lieblingspersönlichkeiten aufgehalten haben könnten: Nachtinseln, tropische Eilande, Fellinis Roma, die ruinierte Akropolis mit Köter. – Eine Dämmerung, in der die Sonne wirklich untergeht, das heisst explodiert.

Christian Eisenberger

Wie lange ist man eigentlich ein Shooting-Star? Das innere Haus ist unkomfortabel, das Kernselbst ein versteinertes Substrat staubiger Gemeinplätze. Also muss Feuer zu Feuer. Der Weltsteirer ob Semriach liess eine vom Blitz gemordete singalesische Palme zersägen und verbrannte die Bretter, um die verkohlte Natur vom Fluch ihrer Unfruchtbarkeit wieder zu erlösen. Transmedia Perplexum.

Hans Glaser

Collagist, Cyanotypist, Druckgrafiker, Oberösterreicher, Ostereier-Esser, Studienreisender. Jede Rolle hat ein eigenes Leben. Glaser entflieht nicht der inneren Feminuncula, verdreht Lippen in der Vertikalen zu Schamlippen, schnallt dem Jesuskind Dynamit auf die Brust, schnitzt schönere Schwemmhölzer als die Brandung der Bucht von Saint-Malo. Er ist 72 Jahre jung und macht das trotzdem.

Franz Graf

Die Generation Konzept schweisst Abstraktions- und Assoziationsketten, appelliert an unterbewusste Prozesse, damit du die Gegenwart neu bewertest. Graf ist kein Fliesstext-Besitzer, er sammelt visuelle Codes, Absonderlichkeiten, benutzt Sprache und ihre Überlagerungen, Graf baut Glaspaneelen, lässt metallerne Kreisscheiben als ornamentale »Bezeichnungen einer Liebe« in den Boden ein.

Mario Grubisic  

Miró fand noch Einsamkeit auf Mallorca. Grubisics Sommer ist Miró auf Pilzen. Sein Wetter: endlose Regenwände. Ein Triest ohne Himmel kennt er überhaupt nicht. Da eine Person kein Museum ist, erhält jeder Draht seinen hölzernen Keil oder seinen Ziegelklotz. Stilleben 1: blaue Flaschen, gelbe Zitrusfrüchte, weisse Toilettenpapierrollen. 2: gelbe Ananas, grüne Porzellan-Ananas, roter Paprika.

Yves Hayat

Was zeigt ein freier Geist im Zeitalter der romantischen Selbstüberbelichtung? Bilder, die Auswege aus ihren Rahmen suchen. Das Parfum der Revolte: Kiew N° 6. Religion: so konfus in Hindi wie in Aramäisch. Der Krieg: eine tätowierte, suizidierte, jedenfalls aber eine gezeichnete Madonna. In der Collage Politik des Orients und auf der Libanon-Flagge schliessen alle Köpfe fest die Augen.

Behruz Heschmat

Urs Widmer hätte das Haus Goethes sehen können, stünden nicht so viele andere Häuser dazwischen. Herr H. baut seines in Richtung des unseren. Es ist seine Kaaba, schwarz oder auf einem Baum, oder schwarz auf einem Baum. Sein Blick kreuzt den einer Sie; sie geht lächelnd vorüber. In der Dunkelheit der Nacht sucht er ein Blatt, damit er von der Dunkelheit der Nacht schreiben kann.

Wolfgang Herzig

Nachkriegserprobter, tyrannenfester Phantomarzt aus der Generation Handke. Wäre um 1500 ein Freskant geworden. Feiert die Madonna im Einsiedeglas, den Muttertag mit Irokesin, die Frau mit Vogelhut und Hund, das Schwein mit Reiter. – Allegorien auf den Glückstrug. Wozu ein bejahendes Weltbild? Vermag jemand bei Tageslicht das Tragische und das Komische noch zu unterscheiden?

Olivia Kaiser

Abstrakte Manöver im Klee-Gelände; und mit dem Schlagregen da hätte Maria Lassnig unbedingt ihre Freude gehabt. – Ach, der hermeneutische Dialog mit der Geschichte der Avantgarden! Der herrliche Schein der Symmetrie von Alt und Neu. Bedrohte Subjektivität, Tagauge, Unglücksvogel, Schwulen-Bommel, Engelbengel, rauchendes Männchen – Mehrdeutigkeiten, studiert über Jahre.

Merlin Kratky

Der Wiener begann mit der Spraydose und fand zur Skulptur. Er hält die Realität für optional und träumt von dem Tag, an dem die Philosophie Mainstream wird. Ein schwieriges Unterfangen, solange er mit dem Kabaretthumor seines Lehrer in Konkurrenz tritt. – Knochen! Noch grössere Knochen! Sie sollten auf Reisen gehen, Willy Puchners Pinguine ablösen: »Die Sehnsucht der Knochen«.

Larissa Leverenz

Drüber hängt immer eine Uhr: über der Denkfabrik, über dem weissen Kamin, hängt in der Serie Wesen und Ketten immer eine Uhr. Die Kölnerin lebt in Wien, mischt Techniken, hört Lou Reed. Sie musste sich schon einmal als »irrsinnige Architektin einer technokratischen Zukunft« loben lassen. Dabei ist das am häufigsten wiederkehrende Motiv bei ihr der Flugtraum. Darüber hängt eine Uhr.

Iddo Markus

Der nächste Foto-Rekonstrukteur und Wimmelbild-Flüchtling. Er ersetzt die Galerie der Gruppenportraits am Zimmerschrank durch pastos aufgetragene Körper in stürmischen Farben. Bedeutungen wachsen bis zur Todesstunde durch Materialisierungen zu. Rote Schlipse, Röhrenhosen, Geschlechtsdismophismus. Das Glück: unsterbliche Gesten. Der Mond: eine Wunde in der Sonne.

Fabian Erik Patzak

Das unhässlichste Gebäude auf der Wagramerstrasse, Fenster in der Oxford Street. – Er verzichtet auf Zeit und erfindet Erfahrungen, um einen Raum zu konstruieren; will einer Sache auf den Grund gehen, sie von jeder schützenden Hülle befreien und das Wesentliche freilegen: die Stille inmitten des nicht zu sehenden Trubels malen. Reduzierte Sehnsuchtsarchitekturen, verweichlichter Beton.

Florian Raditsch

Dass der Ururur-Neffe Alfred Kubins in Kalifornien geboren wurde und sich die Zeichnungen seines Vorfahren immer wieder ansieht, glauben wir sofort. Er zeigt Hottentottenschürzen, er hat es mit Einschlägen, mit Reisetickets zum Mond (Raketen, Pilze) und der Bewusstwerdung schöner, böser Bilder. Das Geheimnis sucht er in der Opazität des Faltenkörpers, Farben borgt er bei Luis Barragán.

Hubert Scheibl 

Bekennender Psychonaut, ritzt Tapeten, spachtelt Träume, spannt das Sehen in Flächen auf zwischen Einschreiben und Einfrieren der Zeit. »Letztlich werden wir Sternenstaub«. Die Durchlässigkeiten zerfransen sich in farblichen Absplitterungen und Verwerfungen. King-Kong-Ratten, Pappmachebäume. – »ln der Alchemie des Sehens ist die Grenze unsere Bilder die Grenze unserer Welt.«

Stylianos Schicho 

Nein, dieser eindringliche Augenauftritt! – Man meide diese Elevatorparty. Viel zu eng stehen alle Personen herum, treten einander auf die Füsse. Aussagelose Mimik, Verkürzungen, Durchleuchtungen der Körper. Schicho zeichnet immer dasselbe Bild, so einer ist das, zerteilt es in Fragmente, in das Wenigste dessen, was vom Gezeichneten übrig bleibt. Das Fragment lässt sich kaum zeichnen.

Karen Höllander Schnur

Selbstbildnis mit Fön, mit Apfel, mit Schamhaar, müde, als Hampelfrau, die Revolutionsarchitektur des Narrenturms als Rock um die Hüfte, eine entspannte Position suchend, unter der Rettungsfolie, im Labyrinth der Unsicherheitsnadel. Lichtblick- und Fallstudien, Eisblumen-Gesichter, wie Gemüse wartende Menschen, Fluchtwege. Das Wollknäuel im Schlosspark, die Plastiktüte vor dem Fenster.

Martin Schnur

Rabiatcollagist und Display-Artist, der im Outback fliegende Spiegel installiert, Orientteppiche unter schroffe Felsen legt, Models Schatten platzieren oder auf Treibholz schlafen lässt. Sein Bild von der Frau: quecksilbrig muss sie sein, dann darf sie sich auf das Spiegelbild des Himmels legen und bei Apfelmus mit einer tödlichen Dosis Phenobarbital darauf warten, dass sie ein UFO besteigen kann.

Felix Theile  

Erzähle es den Bäumen, dass da ein Hamburger in Wien das Erzählen in Illustrationen simuliert, die nichts ausserhalb des Kopfes bebildern. Der Siebdruck-Virtuose zeigt nostalgisch comicshafte Szenen, die den Höhepunkt eines unbekannten Ereignisses anzeigen. Mal frisst Alltägliches, mal versteckt Mysteriöses die Pointen. Alles kommt in Fahrt, aber immer bleibt die Geschichte aus.

Martin Veigl

Der Maler des urbanen Flows spricht den Bann über eine konstruierte Masse, er setzt sie dem Swimmingpool-Blau aus, verhängt Lebenslänglich für falsche Gesichter. »Ich habe mich dem Grundcharakter des Malens verschrieben«, sagt Veigl. Noch so einer, der uns eine intergalaktische Mitfahrgelegenheit zur nächsten Stufe, zum Next Level, anbietet. Haben wir denn Besseres zu tun?

Eva Wagner

Nein, nicht die Urenkelin des Komponisten. Ein Strassenkompagnon in Dakar,… am Rad, vor der Nacht, bei den Fischern. Der Morgen am Wasser und die fliegenden Schönheiten im Garten der Erinnerung. Kontakt mit verstorbenen Wiesenstücken, wie in Geisterfotografien der Spiritisten. Bildimpressionen, vorsätzlich durch einen Schleier. Verletzliche Seele, bandagiert mit Transparentfolien.

Nazim Unal Yilmaz

Fahnen zerrinnen, Samen verwirbelte umher, die Starken verleihen Heiligenscheine an die Schwachen, und die blondgelockte Justizia schlummert den Schlaf der Ungerechten. Klare Aussagen mit figurativer Malerei will er machen, dieser Fundamental-Ethiker einer besseren Welt. Noch ist er kein Volkstümler, doch die Abstrakten sind degeneriert, die Avantgarden ebenso. Utopia erwache.

Osama Zatar

Er kommt aus seiner Mutter Wosama. Schön, dass er das ist. Ziehen deine Flipflops aus Schwermetall an den Beinen, geh besser barfuss. Palästinas Zukunft ist die Hypothek, Israels Gegenwart: mischehen-feindlich. Die Provokationskunst-These, dieser verwesende Leichnam des 20Cs, gebiert unverhofft ein Kind, das noch in der unmöglichsten Lage zu spielen vermag. Mit MNS am Gesicht.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Anna Attar, Atomares Ballett (2020), Öl auf Leinwand; Rudi Cotroneo, Midnight Ride (2020), Öl auf Leinwand; Iddo Markus, Al together now (2019), Öl auf Holz; Eva Wagner, Indian White (2020), Gouache auf Papier; Osmama Zatar, I smelled this (2020), Mixed Media, © EstherArtNewsletter 2020

Performance-Tipp: SA, 26.9, 14.30 – 15.30 Uhr. Die in Paris geborene und in Wien lebende Künstlerin Nicole Malbec ist ausgebildete Sängerin und besingt im Auditorium ihre Arbeiten.

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/22/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-kunst-2-3/feed/ 0
Der Überbegriff der Freundschaft in der Kunst 1/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/21/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-aktuellen-kunst-1-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/21/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-aktuellen-kunst-1-3/#respond Mon, 21 Sep 2020 17:01:34 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3057 Die Wahlwienerin Esther Attar gehört zu jener vorteilhaften Sorte Mensch, in deren Gesellschaft sich Künstler*innen auf Anhieb wohl fühlen – akzeptiert und aufgehoben. Attars eigentlicher Charme, und zweifellos auch das Lebenselexir ihrer Ausstellung, sind vor allem der Eigensinn, das Temperament, die Neugier und Grosszügigkeit, aber auch die kindliche Masslosigkeit, mit der sie dauerhaft Expeditionen durch das unbekannte Land der Kunst unternimmt.

Attars Auftritt als Kuratorin ist selbstverständlich international ausgerichtet. Wir finden unter den 27 Teilnehmer*innen, die sie zur Parallel.Vienna-Messe eingeladen hat, Kunstschaffende aus Israel und Palästina, aus Italien und Österreich, wir stossen auf in Wien lebende US-Amerikaner und Deutsche. Attar versammelt in ihrem familiären Weltdorf die Projekte von skurrilen Persönlichkeiten und von disziplinierten Arbeiter*innen am Weinberg des Herrn. Keine waghalsigen, unvernünftigen Beziehungen sind ihr Wirkungsfeld, sondern die kreative Durchmischung sämtlicher künstlerischer und menschlicher Existenzmöglichkeiten.

Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere, ein deutscher Aufklärer des 18Cs, hat in seiner schönen Aphorismensammlung Lebensläufe nach Aufsteigender Linie (1781) die Sache einmal so definiert: »Freundschaft ist eine wechselseitige Verbindung, nach welcher einer den anderen nicht verachtet, obgleich er dessen Schwäche mit Händen greifen kann.«

Dieses Licht der der Aufklärung ging davon aus, dass wir alle irgendwie schwächeln, und Freunde, so dachte er, sollte grosszügig über die Mängel des anderen hinwegsehen. – Zwei Jahrhunderte später liegt der Fall ziemlich andersherum. Attar unterstellt ihren Freunden keinen grundsätzlichen Mangel, kein sündhaftes Deformiert- und Beschädigtsein, über dem sie grosszügig die Augen zudrücken kann. Sie möchte, das wir uns alle einander ehrlich und auf der gleichen Augenhöhe begegnen.

»Freundschaft entsteht aus Qualität«, sagt Attar, und das klingt nicht nur wie ein Kampfansage an den Negativismus früherer Zeiten, an die Künstlergestalt, die ein genialer Leidensbruder und ein Mängelwesen war –, Attars Bündnisprogramm ist auch eine wirkliche Kampfansage an die intransparenten Strukturen, den Filz und den Klüngel im gegenwärtigen Kunstbetrieb.

Freunderlwirtschaft  ist ja eine der schlimmsten Eigenheiten in Österreich. Dabei wollen die Künstler*innen den normalen Weg nehmen, wollen hart arbeiten und damit ihre Ziele erreichen. Was die Kreativen treibt, das ist ihr Wunsch nach Selbstbestimmung und nach dem intimer Dialog mit den visuellen Seiten der Wirklichkeiten. In der Praxis ist die Grenze zwischen nützlichen Netzwerken, Nepotismus und Klüngelei natürlich nicht immer klar auszumachen. Gerade darum braucht jeder und jede Einzelne sichere Massstäbe für die Qualität von Arbeiten. Wenn Freundschaften auf dieser Basis entstehen, sind sie in der Lage, gewaltige Gebäude zu tragen.

Attars geübte Kuratorinnenhand bestätigt uns zudem, dass Kunst als Gesprächsthema nicht gelitten hat. Von Kunst zu reden ist kein öffentliches Fehlverhalten. Gewiss, es durchbricht beim Normalmenschen die Konventionen, der Normalmensch mag sich indigniert fühlen, möchte bei Kunst das Thema wechseln oder das Gespräch beenden. Aber Attar zeigt vorbildlich, dass Kunst in unserer Gesellschaft nicht mit dieser Kommunikationshemmung belastet sein muss.

© Wolfgang Koch 2020

Parallel Vienna 2020, 22.-27. September, 1030 Wien, Rudolf-Sallinger-PLatz 1, www.parallelvienna.com

Abbildungen: Hubert Scheibel, Vienna Accumulation (2015/16), Öl auf Leinwand, Nicoline on Silverscreeen (2015/16), Öl auf Leinwand, © EstherArtNewsletter 2020

Performance-Tipp: SA, 26.9, 14.30 – 15.30 Uhr. Die in Paris geborene und in Wien lebende Künstlerin Nicole Malbec ist ausgebildete Sängerin und besingt im Auditorium ihre Arbeiten.

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/21/der-ueberbegriff-der-freundschaft-in-der-aktuellen-kunst-1-3/feed/ 0
Der Multimediakünstler und Radikalperformer Viktor Rogy https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/17/der-multimediakuenstler-und-radikalperformer-viktor-rogy/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/17/der-multimediakuenstler-und-radikalperformer-viktor-rogy/#respond Thu, 17 Sep 2020 13:07:18 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3042

Viktor Rogy, der Enigmatiker unter Österreichs Kunstextremisten, hätte dieses Buch abhorresziert, denn er wollte mit Gewalt als der große Unverstandene dastehen. Im letzten Drittel seines Lebens erlaubte er niemanden, ihn einfach zu fotografieren, er gab keine Interviews, sondern interviewte sich lieber selbst, er zensierte Kurator*innen bis hin zur Vernichtung eines Textes in der Druckmaschine. Nach Rogys fundamentalistischer Vorstellung sollte im Grunde – außer ihm selbst – niemand über ihn sprechen dürfen.

Der Bann wirkte so stark, dass erst 15 Jahre nach seinem Tod dieser erste Versuch einer Biographie unternommen wird. Rogys Rigidität im Umgang mit sich und mit anderen gewährt mir heute großzügig Freiraum zur Einfühlung und Reflexion, sein Verwirrspiel verlangt aber auch eine besondere Verantwortung gegenüber den Kollaborateur*innen dieses Mannes und gegenüber seinen nicht wenigen Opfern.

Ich rechne mich eher zu den Lädierten, ohne dass ich je aufgehört hätte, das Einzigartige an seiner Kunst zu studieren. Rogys kleinem Freundeskreis erschien stets sein Privatleben als sein Meisterwerk. Doch noch heute ist mir seine verletzende Art, mit anderen umzuspringen, stärker in Erinnerung als die schönen Stunden gemeinsamer Gartenarbeit, wo wir uns direkt mit Erde, Stein und Holz auseinandersetzten und nur zwischendurch Laute von uns gaben.

Man musste ein eingefleischter Masochist sein, um Rogys Wirtshausreden, die alles ihm Unverständliche herabwürdigten, länger als ein paar Minuten zu ertragen. Man musste einen Lustgewinn ziehen aus der eigenen Hingabe, Wehrlosigkeit und der freiwilligen Unterwerfung, wie das ab etwa 1975 der engste Kreis um den Künstler im Dunst von Alkohol und Zigaretten nahezu allabendlich tat.

Bereits zu Lebzeiten schieden sich die Geister an dem kompromisslosen Selbstdarsteller, Bildermacher und Liebhaber. Hat sich Rogy um Dinge gekümmert, auf die es wirklich ankommt? Ging es ihm um kunstimmanente Fragen, entwickelte er gar, wie das Universitätskulturzentrum Klagenfurt meint, kulturelle Widerstandsformen schlechthin?

Es ist ja durchaus etwas Notwendiges im Misstrauen der Menschen vor dem Erscheinen der Kunst. Oft genug gerät ihr Auftritt nur zur eitlen Anspielung, zum gebrechlichen Anspruch. Für Rogy musste Kunst etwas die Routine Bedrohendes bewirken, musste festgefahrene Haltungen erschüttern, Hohn über das Meinunghaben ausgießen.

Um sein Werk in einem größeren Bild wahrzunehmen, ist es daher notwendig, ein paar Schritte zurück zu treten. Dann er- scheint es im Ganzen als eine Art Selbstporträt, fast kubistisch in seiner Komplexität, dominiert von Späßen, Schatten und Widersprüchen. Rogy stellte sich vor, dass er bestimmt dafür sei, handwerkliche Tradition und männliche Eleganz zu verteidigen, das religiöse Empfinden zu poëtisieren und den Kult der Kunst zu erneuern.

Es stellte sich jedoch heraus, dass sein größtes Geschenk darin bestand, seine eigene Persönlichkeit in Bilder zu übersetzen. Sein Freunde hatten recht: sein Hauptwerk war das ständig missratende, in Vorwürfe und Beleidigungen mündende halböffentliche Privatleben.

Präsentation der Viktor-Rogy-Biografie mit dem Autor am Freitag, 18.9. 19:30, im Perinetkeller, 1200 Wien. Gezeigt wird an dem Abend eine Tanzperformance Rogys in der 17minütigen Filmdokumentation »Hallo Hallo, hier Radio OM« von Gerhard Roth.

Abbildungen: Rogy portraitiert Barbara A. im Garten der Lassnig-Villa für sein Künstlerbuch „genie 84“ Foto © Heinz W. Schmid 1984. Minisierter Plastikkübel, Foto Franz Dreier 1988, © Archiv Ban-Rogy. Toilette des Rogy-Lokals Café OM in Klagenfurt, Pernhartgasse, © Peter Puch 1999

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/17/der-multimediakuenstler-und-radikalperformer-viktor-rogy/feed/ 0
Der Bewunderungskünstler und Retroavantgardist Viktor Rogy https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/15/der-bewunderungskuenstler-und-retroavantgardist-viktor-rogy/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/15/der-bewunderungskuenstler-und-retroavantgardist-viktor-rogy/#respond Tue, 15 Sep 2020 13:00:28 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3033

Mit der Biographie des Extremkünstlers Viktor Rogy (1924 –2004) füllt der Wiener Hollitzer Verlag eine klaffende Lücke in der österreichischen Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Neben den Gruppenaktivitäten der Secessionisten, Expressionisten, Phantasten und Aktionisten und der Galeriebewegung der Neuen Wilden agierte nach 1945 eine Reihe von Einzelkämpfern und Außenseitern im Kunstgeschehen, unter denen Rogy als der Einfallsreichste und Sonderlingshafteste gelten darf.

Der Kriegssimulant und gelernte Maurer begann unter dem Einfluss des deutschen Dichtermalers Bô Yin Râ (Joseph Anton Schneiderfranken) in den 1950er-Jahren als Lyriker, zog mit Hans Bischoffshausen nach Paris und später durch drei Kärntner Schlösser, bis er im Gartenhaus von Maria Lassnigs Villa in Klagenfurt sein definitives »Schloss Sorgenlos« fand. In den 1960er-Jahren wandte sich Viktor Rogy mit erschütternder Konsequenz der minimalistischen Bildhauerei zu, schritt von dort weiter zur Fundkunst, erweiterte das Readymade um Gedrucktes und Gebautes.

Rogy imaginierte – wie Július Koller in Bratislava – Ausstellungen und Kunstorte, er kalligraphierte am Wirtshausblock Einwortgedichte, die er in Leuchtschriften ausführen ließ. Er designte drei Klagenfurter Innenstadt-Lokale, setzte spektakuläre Aktionen für den Ensembleschutz, polemisierte gnadenlos gegen Politiker und den kommerziellen Kunstbetrieb und verspiegelte die Stadtkirche in Villach.

 

Der Architekturkritiker Friedrich Achleitner und die legendäre Galerie Hildebrand warfen sich mit Verve für dieses wilde Schaffen ins Zeug. Rogy stellte in Slowenien, Italien, Deutschland und den USA aus. Er schuf in einem einzigartigen Paarlauf mit seiner zweiten Ehefrau Isabella Ban Künstlerbücher und Tanzvideos, Anzüge und Fantasiegerichte, und er performte als »lebende Skulptur« bis zur letzten Minute am Sterbebett.

Die 556 Seiten starke Biographie mit 96 Abbildungen fördert zahlreiche unveröffentlichte Materialien aus dem Leben und Werk des Künstlers ans Licht. Das Buch bringt fünfzig Stimmen von Angehörigen und Zeitzeugen, Schülern und Opfern des alkoholfreudigen Kunstrebellen zu Gehör. Das vielstimmige und erzählfreudige Werk fokussiert die Aufmerksamkeit auf einen blühenden Rand unserer Kultur, schildert den einzigartigen Freiraum der Provinz und es sichert dem intensiven Geist des Minimalismus endlich den gebührenden Platz in der österreichischen Kunstgeschichte.

Präsentation der Viktor-Rogy-Biografie mit dem Autor am Freitag, 18.9. 19:30, im Perinetkeller, 1200 Wien. Gezeigt wird an dem Abend eine Tanzperformance Rogys in der 17minütigen Filmdokumentation »Hallo Hallo, hier Radio OM« von Gerhard Roth.

Fotos: Rogy-Brille aus den 1980er-Jahren, Sammlung Grolitsch, und Modell für die Ausstellung „Reißzweck“, Gaugeler-Halle, Klagenfurt 2003, © Wolfgang Koch 2019. Tischvitrine mit weißen Handschuhen, Galerie FreiHaus, Villach, © Pepo Strutz 2019.

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/09/15/der-bewunderungskuenstler-und-retroavantgardist-viktor-rogy/feed/ 0
Ein Bücherkoffer im Zeitalter der romantischen Selbstüberbelichtung https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/30/ein-buecherkoffer-im-zeitalter-der-romantischen-selbstueberbelichtung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/30/ein-buecherkoffer-im-zeitalter-der-romantischen-selbstueberbelichtung/#respond Sun, 30 Aug 2020 19:31:14 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3010 Toni Kleinlercher stammt wie Leitner aus dem heiligen Land Tirol. Die Männer kennen einander seit ihrem jungen Erwachsenenleben. Sie besuchten gemeinsam u.a. Schottland und Auschwitz, sie teilen miteinander eine grosse Japan-Begeisterung und noch einiges andere, und sie wirken heute beide in Wien-Fünfhaus. Die Unterschiede finden sich in der ökonomischen Basis und im Privatleben. Leitner arbeitet seit Jahrzehnten mit dem vollen Sozialrisiko eines freischaffenden Künstlers ohne eigene Familie; Kleinlercher sichert seine künstlerische Freiheit und seine Familie durch eine Beamtenlaufbahn ab.

In PRIVAT VIEWING 07 antwortet Kleinlercher auf Leitners Zeitkapsel in grosser Gelassenheit mit einer eigenen Zeitkapsel. Praktischerweise ist das ein antiker Reisekoffer aus Kunstleder mit niedlichem Papierfutter im Inneren, in dem vom Künstler über Jahrzehnte sogenannte Bücher aufbewahrt wurden. 63 an der Zahl. Dieser Koffer ruht nun im Zeitalter der romantischen Selbstüberbelichtung, in dem die verlorenenSeelen in ihren eigenen virtuellen Galerie eingesperrt sind, geduldig am Boden. Kleinlercher hat über den Koffer Kopien der enthaltenen Titel so elegant in einer strengen Reihung an der Wand arrangiert, mit wohnzimmertauglichen pinken und violetten Signalen, dass man beinahe übersieht, wie er unsere Wahrnehmung hier manipuliert.

Die Buchtitel im Reiseutensil sind nicht gleich gross; das Bildformat entspricht nicht dem Buchformat. Die Bilder zeigen eigentlich auch keine Bücher, sondern nur die mehr oder weniger lauten Werbeumschläge der Werke. Bei der Anordnung der Bildtafeln in anfangs drei, später neun Reihen war es Kleinlercher – im Unterschied zu Leitner – zunächst wichtig, »keinem Ordnungsversuch zu erliegen«; die Auswahl der Titel sollte dem Zufall folgen, die Erinnerungen an seine verflossenen Lektüren frei von Strukturen flottieren können; die evozierten Inhalte sollten in verschiedenen Intensitäten zurückkehren können – fragmentarisch, bruchstückhaft, halbleserlich, wie von Ferne unter einem Schleier.

Kleinlercher hielt dieses Vorhaben nicht durch und hat sich in letzter Minute dafür entschieden, die Titel alphabetisch nach Autor*innen zu reihen. Mag ausnahmslos jedes Leben als Fragment enden, eine Zeitkapsel ist offenbar immer ein Ordnungsprojekt, das Gegenstände für unbekannten Adressaten zur Schau stellt, ein vergrabener Katalog des Wissens. Kleinlerchers »Coverpaining« streichen dabei die Möglichkeit verschiedener Erinnerungsgrade an Lektüren und Besitztümer stärker hervor als Leitner, sie spielen mit einen Assoziations- und Empfindungsraum, der auf die »Intensitätsbeziehung« von Sachtrieb und Formtrieb hinausläuft, wie sie Friedrich Schiller in Über die ästhetische Erziehung des Menschen während der Französischen Revolution 1793 untersucht hat. – Das Höchste, was die Erinnerung leisten kann, besteht nach Schiller in einem Schwanken zwischen diesen beiden Prinzipien, Form und Sache, wobei in einer Art Zeigeakt auf Kleinlerchers Wand die Form des Umschlags vollständig über die Realität des Buches triumphiert.

Das führt mich zu der Frage, die mich in den letzten Jahren stark beschäftigt, ob die ästhetische Anschauung und Gestaltung selbst ein Denken ist oder ob sie das Denken bloss illustriert. Sind Kleinlerchers bandagierten Titel Allegorien auf ein verletztes Lesen? Sind sie der symbolische Verweis auf ein Geschehen oder geschieht in der visuellen Darstellung selbst etwas?

Anders gefragt: Ist Kunst ein Denkmodus? Ist die bildende Kunst nur eine »angewandte Philosophie«, die Dinge erspürt, welche dem Bewusstsein unzugänglich sind? Sind ästhetische Vorgänge eine Anrede an die Gemüter und Geister, ein blosses »Entwicklungsmoment des Geistes« (Hegel) oder »Vorstadien der Erkenntnis« (Oswald Wiener), also ein Trainingslager des Denkens? Muss der Intellekt heran gezogen werden, um Kunst aus ihrem Hintergrund heraus zu interpretieren? Liegt die Bedeutung der Kunst in einer Hinterwelt, die erst vom diskursiven Geist in seiner vollen Dimension erschlossen werden kann? – Oder handelt es sich bei den korrespondieren Zeitkapseln um Anstrengungen, in einem bestimmten Bereich eine Äquivalenz aller anderen Bereiche zu verwirklichen? Handelt es sich bei der Kunst um eine Form des universalisierten Denkens, in dem wir zuweilen echtes Wissen über den Gegenstand erlangen, ohne dazu verdammt zu sein, nach Massgabe des Auges oder nach Maßgabe der Sprache allein abzuwägen?

Wie Leitner und Kleinlercher diese Frage mit ihren in das All geschossenen Botschaften praktisch beantworten, das können Sie, bevor die Rotationskreisel der Welt aus der Verankerung springen, in aller Ruhe im Atelier betrachten. Wie ich die Frage umfassend theoretisch beantworte, lässt sich in meinen beiden neuen Büchern über die österreichischen Künstler Hermann Nitsch und Viktor Rogy nachlesen. Beide sind im Wiener Hollitzer Verlag erschienen.

© Wolfgang Koch 2020, Fotos: Marika Rakoczy, Toni Kleinlercher

Ausstellungseröffnung von PRIVATE VIEWING 07

samstag 29. 08. 2020 von 15:00 bis 19:00

 

studio kleinlercher/kosai

gebrüder lang-gasse 14

1150 wien

 

ausstellungsdauer 30.08. bis 06.09.2020

nur nach voranmeldung

0660 7388015

tokyo@kuspace.org

www.toni-kleinlercher.com

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/30/ein-buecherkoffer-im-zeitalter-der-romantischen-selbstueberbelichtung/feed/ 0
Jeder Tag ist der letzte Tag oder der erste, Anfang und Ende https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/28/jeder-tag-ist-der-letzte-tag-oder-der-erste-anfang-und-ende/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/28/jeder-tag-ist-der-letzte-tag-oder-der-erste-anfang-und-ende/#respond Fri, 28 Aug 2020 10:31:03 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=3001 Die aktuelle Ausstellungswand im Studio Kleinlercher ist eine Zeitkapsel, ein multimediales Dokument von Leitners Tätigkeiten, ein gefrorenes Bild seines Lebens im Verlauf des Erwachsenseins. Wie komplett das Bild ist, darauf kommt es nicht an: kein Bild ist ja jemals vollständig. Der Anthropologe Claude Levi-Strauss hat einmal gesagt: »Wenig Geschichte ist besser als gar keine«.

Die ganze Installation muss als eine Art Zeitkarte gelesen werden, auf der die Bewegungen eines menschlichen Wesens auf dem Planeten Erde in den Jahrzehnten rund um das Millennium verzeichnet sind. Was dieser Mensch ersehnt, studiert und dokumentiert hat, wie er die Kontinente bereist hat, was er auf den Strassen und in den Hotelzimmern vorgefunden hat, das schenkt den Forschern im Jahr 2298 zwar noch nicht ausreichend Material, um unsere Zivilisation gedanklich in ihrer ganzen Breite zu rekonstruieren. Aber die Forscher der Zukunft dürften beim Anblick von Leitners Wand ahnen, dass auf ihr Momente notiert sind, die Emotionswogen und Ereignisse festhalten, die ihnen selbst gar nicht mehr bekannt sind.

Leitner nennt seine Installation: »Ach, was ich sah, fotografierte, fand, notierte und collagierte«. – Achten Sie auf die Reihenfolge der Worte. Zuerst agiert das kalte Auge, dann arbeitet die sachliche Hand. Zuerst macht sich Leitner ein Bild im Kopf, dann in der Kamera, dann bückt er sich und liest Fundstücke vom Boden auf, er notiert Ort und Datum, am Ende setzt er mit viel Erfahrung Fotoabzug, Papierabfall und Paratext zu einem Memorial-Image zusammen, das an der Wand hängen oder in einer Vitrine liegen kann.

Bildermacher*innen sind Fetischist*innen; Leitner erhebt seine in der äusseren Welt erspürten inneren Bilder professionell zu Fetischen. Er beruft sich nicht auf die Unschuld des Fiktiven, das erscheint ihm unmöglich. Das Kriterium seines autobiografischen Fotografierens, des fetischistischen Sammelns und des nostalgischen Studierens ist die Signifikanz der Objekte. Kann das gelingen? – Durchaus; es gelingt prächtig. Im Spiel der Kunst wird ja grundsätzlich nie etwas statisch festgehalten. Leitner legt sein Weltgemälde vollkommen unsensationell an, mittels eines quasi tautologischen Verfahrens, damit er der Präsenz der Dinge auf eine Weise nahekommt, in der sich die Frage nach Wahrheit oder Wirklichkeit von selbst aufhebt.

Die Installation besteht aus 25 Exponaten. Links oben die Collage Blue Moon (2016), zentral eine Weltkarte, die schon in Leitners Jugendzimmer baumelte, rechts oben Zeitungsseiten des Daily Telegraph mit Berichten über die Mondlandung 1969, dann noch weitere Karten, ein Verbotsschild aus London (»Do not cross«), ein Südamerika-Guide (1980) sowie diverse Fund- und Erinnerungstrophäen: ein Teppichklopfer, ein Spiegel, die Halterung einer Vorhangstange, das Express-Dampfstrahlgerät der Grossmutter mit der originalen Gebrauchsanweisung. Das Bügeleisen kostete 1954 umgerechnet 18 Euro, auf der Bügelsohle sind gut die drei Dampfaugen zu erkennen. Wir sehen von Leitners handwerklich geschicktem Vater gefertigte Rindertrophäen, einen Regenschirmständer, einen Souvenir-Elefanten aus Kalkutta, von wo der Künstler ein weiteres Mal als unbeugsamer Atheist heimgekehrt ist.

Als Modell für seine Installation dient dem Künstler eine SW-Fotografie. Sie zeigt den Salon eines Pariser Kunsthändlers, in dem u.a. das Gemälde »Fête des fleurs« von Henri Matisse (1923) an der Wand hängt. Was bitte hat der Blumenkorso von Nizza in einem bürgerlichen Repräsentationsraum mit Kuhhörnern auf der Wand in eines Wiener Zinshauses zu tun? – Nun, Leitner denkt wie die Juden am Friedhof. Bei ihm steht immer die Nostalgie-These im Raum, dass das Erinnerte das Gelebte ist.

In Zeitkapseln werden Dokumente, Artefakte und Fundgegenstände mit grosser Sorgfalt zur Aufbewahrung vorbereitet, sie werden in Gewölben vergraben, in Tempeln, Museen und Bibliotheken verwahrt; wir erhalten das Interieur von Wohnhäusern im Originalzustand. Früher legte man Gerätschaften den Gräbern bei. Oder ein Vulkan bricht aus und fixiert das Leben einer Stadt in Sekundenschnelle im Stillstand. – Egal, ob es sich um Absicht oder ein Zufallsereignis handelt: das Schicksal spielt seine Rolle, und die Gegenwart erhält Signale für die gedankliche Rekonstruktion der Vergangenheit. Die Finder*innen einer Zeitkapsel erkennen Vertrautes wieder oder sind überrascht von dem Fremdartigen, sie staunen über das handwerkliche Können, das die Kostbarkeiten schuf und sehen verwundert Dinge, die früher einmal ganz alltäglich waren.

Jede Kultur hinterlässt so ihre Botschaft für eine Zukunft. Und es gibt viele Zukünfte – ihre Zahl gleich der der Vergangenheiten. Im Fall von Leitner ist unsere Gegenwart die erste der Zukünfte, an die er sich richtet. Man könnte auch sagen, er informiert uns darüber, wie er die anderen Zukünfte zu unterrichten gedenkt.

Im Weltall ist heute bekanntlich eine Menge los. Satelittenbetreiber müssen inzwischen den erdnahen Orbit systematisch beobachten lassen, um Kollisionen mit Weltraumschrott zu vermeiden. Leitners Zeitkapsel schwirrt gefahrlos umher, weil sie in der völkerrechtlich geschützten Umlaufbahn der Kunst unterwegs ist. Ich denke, dass seine Zeitkapsel keinen präzisen Aufschluss über die Hauptanliegen und Denkweisen unserer Tage geben kann, sie erteilt höchstens Auskünfte über seine urpersönlichen Anliegen in den Minuten seines ureigenen Lebens. Leitner bietet einen unfertigen, lückenhaften, einen flüchtigen Blick auf das, was sich über ein paar Jahrzehnte in seinem inneren Salon zugetragen hat. Jung und cool erzählt er vom Abstand zwischen dem Geplanten und dem Erreichten.

Das soll bedeuten, dass wir bis zur Bahre immer jung bleiben, unmittelbar, grün hinter den Ohren. Jeder Tag ist der letzte Tag oder der erste, Anfang und Ende. Unsere Gegenwart war gerade noch eine Zukunft und wird in ständig erneuerter Spontanität zur Vergangenheit. Unsere Absichten können jederzeit und an jedem Ort durch tatsächliche Ereignisse beiseite geschoben werden.

Ich rate Ihnen, die Installation ohne den Künstler zu besichtigen. Wenn Sie sich mit ihm vor die Wand stellen, schwatzt er Sie eine gefühlte Stunde lang mit Geschichten zur Herkunft der Objekte zu. Wann und wo er den Teppichklopfer benutzt hat, wie man mit einem Reiseführer reist, wie er sich in der Tropensonne anfühlte, was er vor und was er nach der Mondlandung gegessen hat, usw. Leitner will sicher nichts Unlauteres. Er will es nur richtig machen. Doch seine Beschreibungen führten die Betrachter*innen verlässlich auf den Marktplatz einer Existenz, die sich aus einer einzigen Kette von Minidramen, Fehldeutungen und Irrläufen zusammensetzt.

Denn Leitner sieht sich am liebsten selbst zu, er weidet sich geradezu an dem künstlerischen Selbstverständnis, das er im Begriff ist in seiner ganzen Komik auszuloten. Die Objekte sind für ihn der Anlass zum Erzählen von Anekdoten; umständlich, aber ohne Zögern füllt er den Denkbezirk des Schauens und Verstehens auf mit seine Biographie, das heisst mit Belehrungen und Zurechtrückungen seiner Zuhöre*innen. Er modelliert sich so tief wie möglich hinein in etwas, in dem er ohnehin schon überdeutlich präsent ist.

Es ist klüger, die Installation ohne das allzu menschliche Hintergrundwissen auf sich wirken zu lassen. Dann beginnt das Gezeigte von sich aus zu erzählen, dann stellen sinnesphysiologische Wahrnehmungen und emotionale Empfindungen kulturpo­ëtische Intensitätsbeziehungen zur eigenen Person her.

© Wolfgang Koch 2020, Fotos: Marika Rakoczy

Ausstellungseröffnung von PRIVATE VIEWING 07

samstag 29. 08. 2020 von 15:00 bis 19:00

 

studio kleinlercher/kosai

gebrüder lang-gasse 14

1150 wien

 

ausstellungsdauer 30.08. bis 06.09.2020

nur nach voranmeldung

0660 7388015

tokyo@kuspace.org

www.toni-kleinlercher.com

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/28/jeder-tag-ist-der-letzte-tag-oder-der-erste-anfang-und-ende/feed/ 0
Warum Herr Leitner immer im Kreis läuft https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/26/warum-herr-leitner-immer-im-kreis-laeuft/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/26/warum-herr-leitner-immer-im-kreis-laeuft/#respond Wed, 26 Aug 2020 21:06:19 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2994 Formal steht Paul Albert Leitners Arbeit den Erschliessungsmethode der individuellen Mythologien näher als den Mythologien selbst. Er sichert Spuren, er arrangiert vorgefundene Objekte, er versucht der grossen Unordnung und Konfusität, die er in der Welt vorfindet, eine eigene Ordnung gegenüberzustellen. Das ist meiner Ansicht nach der wichtigste Punkt. Mit den Ordnungshunger lassen sich Leitners Schöpfungszustände und die Ziele seiner Arbeit besser beschreiben, als mit einer »grossen Abenteuerfahrt der Fantasie«, mit dem »Traum von der Universalbibliothek« oder mit dem »Totalkunstwerk aus dem Reisekoffer«.

Der Ordnungshunger unserer Epoche ist gewaltig. Die Entdeckung des unendlichen Universums hat eine rastlose Suche nach dem Fixpunkt in der modernen Metaphysik nach sich gezogen. Gibt es einen Mittelpunkt des Universums? Nein, weil es unendlich ist; das Zentrum schweift überall umher. Damit es einen Mittelpunkt gäbe, müsste das Universum geschlossen sein. Da es unendlich ist, gibt es leider keinen Fixpunkt. In der paradoxen Logik eines Künstlers unternimmt Leitner trotzdem eine Suchexpedition nach diesem unmöglichen Fixpunkt in der Kunst.

Was machen Sie, wenn sie sich beim Wandern im Wald verlaufen haben und nicht mehr weiterwissen, wohin, weil sie sich nicht orientieren können? Der Philosoph René Descartes hat in seinem berühmten Discours de la méthode (1637) folgenden Vorschlag gemacht: Laufen Sie nicht hin und her, bleiben Sie auch nicht einfach stehen, sondern schlagen Sie gerade bei Unkenntnis des richtigen Weges eine beliebige Richtung ein und verfolgen Sie diese möglichst unbeirrt. Also einfach immer gerade aus gehen. Descartes empfiehlt die Entschlossenheit, einmal bei seiner Entscheidung zu bleiben, als den goldenen Weg zur Lösung der Probleme.

Natürlich hat der Philosoph Descartes keinen Wanderführer geschrieben. Das Ganze ist nur ein Bild. Es geht um die Herausforderung des moralischen Handelns unter Unsicherheitsbedingungen. Die Gerade ist zwar immer die kürzeste Entfernung, aber einfach ist dieser Weg nicht. In der freien Natur draußen ist es wahrscheinlich schlauer, immer bergab zu laufen; da stehen die Chancen gut auf einen Wasserlauf und auf eine menschliche Ansiedlung zu treffen.

Der deutsche Aufklärer Theodor Gottlieb von Hippel d. Ä. hat gemeint: »Wenn du den Weg nicht kennst, nimm einen Wegweiser« (in: Lebensläufe nach Aufsteigender Linie, 1781). Das klingt vernünftig, aber abgesehen davon, dass es in der Wildnis keine Wegweiser gibt, ging es Descartes nicht darum, wie man zu einem Ratschlag von höherer Autorität kommt, sondern wie man vorgeht, wenn man ganz auf die eigenen Kräfte vertraut.

 

Leider haben wir inzwischen mit wissenschaftlich kontrollierten Experimenten festgestellt, dass Menschen ohne Orientierungshilfe schlicht im Kreis laufen, wenn sie versuchen, eine Richtung einzuhalten. Wir gehen mit verbundenen Augen höchstens 20 Meter geradeaus, danach verliert sich unsere Spur in einer zufälligen Bahn. Warum bewegen wir uns in unbekanntem Gelände ohne Orientierungshilfen so unbeholfen? Weil der Richtungssinn mit Hilfe von Sinneseindrücken wie dem Sonnenlicht und dem Gleichgewichtsorgan im Innenohr immer wieder neu kalibriert und mit der Umgebung abgeglichen werden muss.

Mit verbundenen Augen schlagen wir, in der Überzeugung geradeaus zu gehen, einmal links, das andere Mal rechts eine kreisförmige Bewegung ein. Das schöne Geradeaus des Herrn Descartes ist auf der Kugeloberfläche irgendwie illusorisch; jede Gerade auf der Erde entpuppt sich am Ende nur als Teil einer Kreislinie. Wenn ein Steinzeitkind grosse Kreise lief, hatte es eine höhere Chance, nicht verloren zu gehen, als ein anderes Steinzeitkind, das sich schnurgerade von der Gruppe entfernte.

Im Kreis laufen – genau das ist das Prinzip Leitners. Er formuliert seine Zeitvorstellung in einem chinesischen Sprichwort: »Wenn du es eilig hast, nimmt einen Umweg«. Topologisch bewegt er bei seinen Fotorundgängen radiär von einem Zentrum weg in fremdes Territorium hinein. Er zieht immer weitere Kreise um sein Hotel, beobachtet den Sonnenstand, und kehrt später gelegentlich wegen besserer Schattenverhältnisse noch einmal an einen passierten Fleck zurück.

Leitners Ordnungsphilosophie sagt: Wir sind in alle Richtungen unterwegs, wir nehmen den Raum oft in kürzen Abständen hintereinander metrisch, perspektivisch und taktil wahr, aber das macht nichts. Wir bleiben doch auf gewisse Weise in einem uns alle umschliessenden Raum miteinander verbunden. Der entscheidende Impuls seiner Kunst geht von der Ahnung aus, dass immer mehr als ein Weg, mehr als eine Beschreibung, mehr als ein Wegweiser, mehr als eine Methode zum eigentlichen Ziel des Lebens führen kann.

© Wolfgang Koch 2020, Fotos: Marika Rakoczy

Ausstellungseröffnung von PRIVATE VIEWING 07

samstag 29. 08. 2020 von 15:00 bis 19:00

 

studio kleinlercher/kosai

gebrüder lang-gasse 14

1150 wien

 

ausstellungsdauer 30.08. bis 06.09.2020

nur nach voranmeldung

0660 7388015

tokyo@kuspace.org

www.toni-kleinlercher.com

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/26/warum-herr-leitner-immer-im-kreis-laeuft/feed/ 0
Ist Paul Albert Leitner eine Mythe, oder gefällt ihm das bloss? https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/25/ist-paul-albert-leitner-eine-mythe-oder-gefaellt-ihm-das-bloss/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/25/ist-paul-albert-leitner-eine-mythe-oder-gefaellt-ihm-das-bloss/#respond Tue, 25 Aug 2020 17:00:24 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2983 Für seinen Beitrag zur documenta 5 hat der unvergessene Ausstellungskurator Harald Szeemann 1972 den Begriff der »Individuellen Mythologie« geprägt und dafür viel Applaus geerntet. Der Ausdruck war ihm neun Jahre davor bei der Einrichtung des Werkes von Étienne-Martin in der Kunsthalle Bern eingefallen, wo der Franzose mit seinen raumgreifende Plastiken und Objekten vertreten war. Was hat Szeemann in diesen Plastiken gesehen, die man »Demeures« (Behausungen) nannte und die auch so aussehen wie Termitenbauten für Krankheitsdämonen und Elementargeister, die am Boden hocken wie zerschmolzene Steinsphinxen oder aufragen wie Modelle für Niedrigenergie-Hochhäuser in einer fernen Galaxis?
Szeemann bemerkte 1963, dass der Künstler die Grossskulpturen in »internen« Plänen miteinander verbindet und ein persönliches Vokabular zu ihrer Lokalisierung in seiner Erfahrungswelt verwendet. Szeemann erkannte, dass da ein Bildhauer seinen subjektiven Blick auf das Material hin zu einer privaten Mythologie erweiterte und aus seinem künstlerischen Rückzug auf Formen des Alltags, auf leicht zu Beobachtendes und auf Privates neue Welten entstehen liess, die der Sakralität eines gotischen Kirchenraumes oder dem magische Land Oz im Kindermärchen Der Zauberer von Oz um nichts nachstanden.

Es gab in der Nachriegskunst offenbar neue Druiden, es gab alles mit allem verbindende Orphiker*innen, die Religion, Wissenschaft und Volksglauben wie einen nassen Pelz abschüttelten, um sich ihre eigenen intimen Kosmologien mit Wunderkammern zu zimmern, für die sie allein, und sonst niemand, die Schlüssel besassen. Die individuellen Mythologen verfolgten ganz verschieden Strategien: das reicht vom Sammeln von Gegenständen oder Textzitaten, wie bei Armand Schulthess, über die Wetterphilosophie des Jürgen von der Wense bis hin zum Fantasiegarten »Little Sparta« von Ian Hamilton Finley in Schottland; der elastische Begriff umfasste die minimalistischen Aktionen von James Lee Byar ebenso wie die »ad-Welten«-Installation von Viktor Rogy in Österreich.

Klar, dass die Rezeption dieser Kunst, mit ihrem ganzheitlichen Zugriff auf das Leben, die Werkzeuge von Archäologie und Ethnologie notwendig machte, damit das Geschehene für Dritte erschlossen werden konnte. Die Kunstbetrachtung der individuellen Mythologien wurde zu einer Spurensuche, und hier kommt nun Paul Albert Leitner von der Seite ins Spiel.

Dieser österreichischer Autorenfotograf war schon vor zehn Jahren ein international anerkannter Kunstschaffender, der Wien als sein Basislager nutzt. Er ist 2010 als Staatspreisträger für künstlerische Fotografie geehrt worden; sein Werk ist in der bedeutendsten europäischen Fotosammlung, nämlich der Fotosammlung Wintherthur, vertreten.

Leitner ist aber nicht nur ein ausgezeichneter Street Photographer, er sammelt auf seinen Ortsbegehungen auch weggeworfene Pizzakartons und Verkehrsabsperrungen, er kramt Zeitungen aus Containern hervor und greift bereitwillig nach Werbezündhölzern, er verfasst Texte und lässt in seinen Ausstellungen auch schon mal Musik hören. Leitner nutzt also auch die klassischen Strategien der Aktionsforschung und der journalistischen Recherche in seiner Arbeit – und er ist immer bestens informiert, wie seine besonderen Sujets von Kollge*innen vor ihm angepackt wurden.

Wie viele Künstler*innen gefällt er sich in der Vorstellung, auch er stricke bei dieser multimedialen Arbeit an einer Privatmythologie. Doch Leitner ist kein spinnerter Welterschaffer, kein Baumeister eines neuen Jerusalem, er wandert nicht in Labyrinthen, um sein Selbst von der Welt abzukapseln. Er kreiert in seiner Arbeit nur eine einzige Figur: nämlich sich selbst. Also den Mann, der spazieren geht und der gelegentlich stehen bleibt und das Herzzerreißende der Dinge einfängt. Ich rede von einer charakterlich ausgeprägten Künstlerfigur, die oft ganz unauffällig daherkommt: als kleine staubige Gestalt in den Strassen von Dakar, als Sonnenbrillenträger hinter der Schreibe eines vollklimatisierten Botschafter-BMWs, oder als Adabei im Ellenbogenkampf am Eröffnungsbuffet, usw.

Leitner zeichnet keine Parallelluniversen, er türmt nicht das ungemachte Bett, die benutzten Kondome und die blutverschmierter Unterwäsche zu Altären auf, wie das die britische Künstlerin Tracy Emin macht; er hängt keine Zitate an Bäume, um eine Bibliothek in den Wald zu pflanzen. Leitner verfolgt nicht das Ziel, mit der Welt oder der Wahrheit ein Ende zu machen. Seine Kunst ist eine Poësie des Träumens während des Wachens. Seine Fotomotive gleichen häufig subtilen Traumschlaf-Zuständen: wir sehen auf seinen Bildern glänzendes Frauenhaar und gähnend leere Swimming-Pools, er fotografiert humpelnde Hunde und sich selbst immer wieder in seinem kanarigelben Reiseanzug.

Leitner ist ein obsessiver Dokumentarist; ein Forschungsreisender des visuellen Denkens; ein Selbsterzähler, der seine Methode zur Identitätsstärkung verwendet. Individuelle Mythologien wie die Weltmaschine im steiermärkischen Kaag sind durch ihre bildnerische Formulierung mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit verknüpft. Der Bauer Franz Gsellmann hat ein Leben lang an diesem Geheimnis in seinem Schuppen herumgeschraubt, nachdem er einen Tag lang das Atomium in Brüssel besucht und darin das alles überragende Signum seiner Epoche erkannt hat.

Als Rezipient fühlt man sich leicht verbunden mit so einem Mythenschöpfer, man wird selbst zum Teil seiner Fantasie und zum Teil eines Ganzen. – Leitners Schaffen steht solchen Totalkunstwerken nur nahe durch die kraftvolle Selbstverständlichkeit, mit der er an der fotochemischen Analogfotografie festhält und durch die Ausdauer, mit der er Fundobjekte, für die er gar keinen Platz hat, nach Wien schleppt. Seit vier Jahrzehnten erschafft und verteidigt er konsequent einen künstlerischen Freiraum, in dem das sichtbare Werk erst entstehen kann. Er behauptet das Eigene gegenüber dem Fremden und setzt sich an die erste Stelle, wenn er die Erde autobiographisch erkundet. Es stimmt schon, auch sein geistigen Raum entsteht, indem er als Einzelner jene Zeichen und Signale setzt, die ihm seine Welt bedeuten. Und doch ist seine Position eine andere als die der individuellen Mythologien.

© Wolfgang Koch 2020, Fotos: Marika Rakoczy

 

Ausstellungseröffnung von PRIVATE VIEWING 07

samstag 29. 08. 2020 von 15:00 bis 19:00

studio kleinlercher/kosai

gebrüder lang-gasse 14

1150 wien

ausstellungsdauer 30.08. bis 06.09.2020

nur nach voranmeldung

0660 7388015
tokyo@kuspace.org
www.toni-kleinlercher.com

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/08/25/ist-paul-albert-leitner-eine-mythe-oder-gefaellt-ihm-das-bloss/feed/ 0
Die Umkreisung des Sprachnebels. Lucas Cejpeks neuer Stadtroman II https://blogs.taz.de/wienblog/2020/07/01/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-ii/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/07/01/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-ii/#respond Wed, 01 Jul 2020 11:33:00 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2961 Lucas Cejpek ist ein österreichischer Autor ohne Vergangenheitsverfallenheit und Schuldobsession, was im Schatten von Bernard, Bäcker und Jelinek schon für sich einen beträchtlichen Wert darstellt. Seine literarischen Arbeiten untersuchen freihändig die Selbstmodelle der Gegenwart, ohne die Tatsache je aus den Augen zu verlieren, dass Worte, Sätze, Sprache das Fundament unserer kulturellen Verantwortung sind.

Der zweite Romanteil trägt die Bezeichnung »All« und führt zu einer ganz anderen Pointe als die ersten 95 Seiten. Wieder erweisen sich die Umkreisungen der Objekte als Abschweifungen, wieder stossen wir auf Listen, wieder googelt Cejpeks Erzähler Informationshäppchen und befüllt damit sein Tagebuch.

Diesmal umkreist er thematisch die geometrischen Elemente Punkt (inklusive Nullpunkt, Zero) und Strich bzw. Linie, wobei ersteres auf Kandinsky trifft und zweiteres die Kunst von Pollock und Long streift. Natürlich kennt ein so angelpunktloser Im-Kreis-Geher wie dieser Erzähler Archimedes nicht, und auch nicht den Ernst Jünger von 1951.

Dafür zieht eine endlose Prozession lebender und toter Kulturchaffender am Leser vorbei. Chatwin, Kurosawa, Spinoza, Verne, Rodin, Robbe-Grillet, Conrad, Heidegger – keine Seite ohne grosse Namen. Von Chris Marker hüpfen wir zu Hitchcock, von Sebald zu Waldheim, von Perry Rhodan zu Godard, von Hugo von Hofmannsthals liederlosen Augen zu Palladios auf schöne Aussichten abgestellter Villenarchitektur, vom Schauen Gottes zur Fixierung der Angebeteten (»Wenn ich Dich anschaue, kommt mir der Gedanke, dass Dein Blick spricht«).

Cejpek setzt sich gerne mit Kunst auseinander, weil er in ihr Modelle der Wahrnehmung und des Weltzugangs diskutiert sieht. Bei seinem Protagonisten führt das selten zu bildphilosophischen Einsichten, der Umgang mit Kunst klebt beharrlich an der Oberfläche. Bei Vernissagen fragt der Erzähler seine Gesprächspartner nach dem Lieblingsbild in der gezeigten Ausstellung; der Mann sammelt Autogramme, seine kosmische Empfingsamkeit wird mit dem Kosmonauten Juri Gagarin erstickt.

Im Mai 2017 verwandelt die Herrenphantasie das Auge mit der blauen Iris zwischen den Beinen einer Frau »in eine leicht geöffnete, rosarote Rose«. Auf seinem 190-Seiten-Ritt mit solchen Vereinfachungen und Überspitzungen von Bildern übt der Erzähler die Rede über das vermeintlich Erlernte viel schneller ein als ein Lernprozess vonstatten gehen kann. Er gaukelt sich bereits ein Wissen über Erfahrungen vor, die eigentlich erst zu machen wären – und die, wenn es denn wirklich Erfahrungen sind, diese ganze eingeübte Rhetorik auch unterbrechen müssten.

Cejpeks Kulturlauscher späht durch die Augen anderer nach »unbekleideten Weibspersonen« und er tapst in das grösste kugelförmige Gebäude der Welt in Kasachstan. Wir erfahren, dass Derwische im Tanz die Zeit zurückdrehen, und auch einiges, was schlicht falsch ist.

Der Ich-Erzähler meint Erfahrungen auf seiner Odyssee zu machen und Erfahrungen mitzuteilen. Doch eine Einsicht aus der psychoanalytischen Praxis besagt, dass insbesondere dann, wenn ein Analysand meint, unvermittelt selbst angeben zu können, was der Sinn oder die Bedeutung einer Erfahrung sei, Skepsis geboten ist. Man glaubt, in der weihevollen Situation des Kulturgenusses etwas zu lernen – doch man übt nur ein Vokabular ein, das keine andere Wirkung hat als Worte, Sätze, Redeweisen von einer persönlichen Verantwortung freizusprechen.

Ich habe nichts gegen eine Literatur, die mit realen Faktenlagen operiert, vorausgesetzt die Fakten stimmen. Cejpek lässt seine Figur aber immer wieder arge Schnitzer begehen. Dass es sich bei der heutigen Peterkirche um »die erste Kirche von Wien« handelt, ist alles andere als gesichert. Ob ihr Vorgängerbau, und nur dieser kommt in Frage, der älteste Kirchenbau Wiens war oder doch die archäologische Entdeckung eines Kirchenfundaments in Heiligenstadt, gilt in der Fachwelt als umstritten.

Auf Seite 52 behauptet der Erzähler, wir, also er und die Leser, wüssten nicht, was die Absicht des manieristischen Malers Parmigianino bei seinem »Selbstbildnis im Konvexspiegel« gewesen sei. Das mag für den namenlosen Erzähler zutreffen, die Kunstgeschichte aber weiss das ganz genau: Francesco Mazzola, wie der Maler und Radierer hiess, fertigte damit eines jener virtuosen Werbebilder an, das an die europäischen Höfe versandt wurde; eine im 16. Jahrhundert übliche Praxis, um mögliche neue Auftraggeber zu finden.

Der Erzähler übernimmt immer wieder Künstleraussagen, die auf einen bestimmten Effekt zielten, ohne genauer hinzusehen. So stimmt er Sergej Eisensteins falscher Ansicht bei, ein Buch sei von zweidimensionaler Materialität (um sich Bücher als drehende Kugeln vorzustellen). Aber die spezifische Medialität des Buchkörpers, seine technische Herstellung wie seine Handhabung, sind eminent dreidimensional. Bücher sind als ein zu blätternder Buchraum zu denken. Die Falte, technisch Falzung genannt, ist ihre basale technische Operation.

Cejpeks Bildungsheld befragt die Wikipedia; Czeike und Dehio sind ihm schon zu mühsam. So übernimmt er etwa die falsche Behauptung, der Name der Schwertgasse stamme von einem religiösen Hauswappen in der Gasse, nämlich dem ehemalige Innungshauses und der Herberge der Taschner, später Hauptsitz der Freimaurer. In Wahrheit war die ganze Gasse einst die wichtigste Betriebsstätte der Schwertfeger; und von daher trägt sie auch ihren Namen.

Das Risiko einer jeden Umkreisung liegt eben in der hohen Anzahl der Punkte, die der Trabant auf seiner Bahn berührt. Vielleicht ist diese Bewegung doch nicht immer die ideale Methode. – Wer sagt denn, dass das ganze Universum sich im Kreis bewegt? Nur weil sich Planeten, Galaxien, Sonnensysteme etc. in kreisförmigen Bahnen bewegen, muss es doch nicht das ganze Universum auch so machen.

Am Ende des Buches bricht Cejpek mit der Fülle des Geplappers seines Helden und greift auf die gute alte Ordnung des Alphabets zurück, um über vier Seiten noch einmal alle realen Personen, die durch dieses Buch geistern, aufzulisten. Das Personenverzeichnis wirkt wie eine Distanzierung des Schriftstellers von seinem möglichen Alter Ego; und damit es kein simples Who-is-Who wird, sondern die Materialität der Namen diesseits des Textes virtuell hervortreten, fehlen nun Beistriche und Seitenanhaben.

In was für einer Sprache ist Umkreisung geschrieben? In einer verständlichen und trockenen Erzählsprache. Ohne Frage finden sich in Cejpeks neuem Stadtroman einige Sätze von makelloser Schönheit:

»Neben der Galerie am Stadtpark leuchtete der Schriftzug elektro weiß im Schaufenster eines Geschäftslokales« (Seite 16)

»Als ich im Internet nach nichts suchte, stieß ich im Duden auf einen Schuh« (Seite 37)

»Eine Drehbewegung erfaßt Schreibtisch, Papier, Bücher und Fotografien der Freunde, das Fenster und die Bäume, und verschmilzt alles zu einem farblosen Ring, der mich umschließt« (Seite 52)

Dazu kommt eine melodische Beschreibung von Pierre Soulages‚ schwarzen Bildfeldern am Beginn des zweiten Abschnitts. In der Regel aber lässt einen die Sprache des Buches doch unbefriedigt zurück. Weil sich alles um die Verkettung der Motive (Kreis, Scheibe, Punkt, Linie) dreht, klingt das Dargelegte häufig nach den Wikipedia-Einträgen, die ihm zugrunde liegen. An anderen Stellen tönt die Sprache wie in den Zeitungsartikel der liberalen österreichischen Tageszeitung Der Standard, deren Redakteure und Redaktricen ihre Sätze neben unterwässerten Tulpen in die Butterfly-Tastaturen ihrer Laptops mugeln.

Der in Graz aufgewachsene Cejpek emigrierte mit 34 nach Wien und fand hier weitgehend mit der Gebrauchssprache der Qualitätspresse sein Auslangen. Erstaunlicherweise sprechen mich seine Texte mehr an, wenn er sie in seiner ruhigen und überlegenen Art selbst liest. Dann folgt man dem verschachtelten Pfad, den seine Figur in das Wissenslabyrinth schlägt, durchaus mit Vergnügen.

Ich schliesse aus diesem Widerspruch zwischen Lesen und Vorgelesenbekommen, dass Cejpek vermutlich ein idealer Hörbuch-Schriftsteller ist. Und es gibt ja auch schon mehr Hörspiele und Gesprächsbücher als Romane und Essays aus seiner Produktion. Zufall kann der akustische Erfolg dieser Literatur wohl keiner sein.

© Wolfgang Koch 2020

Fotos: Portrait des Autors (Ausschnitt), © Armin Bardel 2020; Emona, © Lukas Cejpek 2018

Lucas Cejpek: Umkreisung. Stadtroman, Weltgedicht, All-Essay. 192 Seiten; ISBN: 978 3 85449 547 5, Wien: Sonderzahl 2020, Euro 22,-.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/07/01/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-ii/feed/ 0
Die Umkreisung des Sprachnebels. Lucas Cejpeks neuer Stadtroman I https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/29/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-i/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/29/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-i/#respond Mon, 29 Jun 2020 14:44:14 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2953 Würden wir Menschen auf einem Würfel wohnen, liefen wir sicher nie im Kreis. Das zu beweisen ist kein schlechter Plan für einen Roman, der anstatt philosophische Letztbegründungen zu liefern, den kaum begründeten Erkenntnisoptimismus seines Autors auflöst in Schaufelder und Reflexionen der Gegenwart, in Beobachtungen und Bonmonts, wie sie jeder Höhergebildete jeden Tag in der blauen Stunde einer europäischen Grossstadt machen kann.

Lucas Cejpek vertraut uns in seinem neuen Roman einer eher unsympathischen, kontur- und farblos Figur an, die in ihren tagebuchartigen Aufzeichnungen wenig von sich selbst preisgibt. Ein dürftiger Mann vorgerückten Alters, der, soviel lässt sich sagen, in der Joanelligasse in Wien wohnt, der für einige Jahre ORF-Mitarbeiter gewesen ist und der über ein beträchtliches kulturgeschichtliches Wissen verfügt.

In einer Art lodernden Selbstbestreitung durchstreift dieser Ich-Erzähler unablässig die Vernissagen, Kinovorstellungen, Mode-Installationen und Lesungen seiner Stadt, vorgeblich auf der Suche nach der Selbstvergeistigung, ein wenig aber auch, um Exemplare des Gegengeschlechts mit violetten Haaren und dünnen Blusen auszuspähen.

Der in seine DNA eingedrehte Mann hört aufmerksam zu, wenn Kunstschaffende ihre Arbeitsweisen erklären, er lauscht still, wenn Sitznachbarn im Kino flüstern, er freut sich kindlich, wenn sich Bekannte und Freunde an seine längst zurückliegenden Interessen erinnern. Er sucht Clubs und Bars als besondere Orte auf, um seine Notate fortzuführen. Er hat viel übrig für Listen und für Titel, für Jahrestage, Drehbücher und Interviews, für Flohmärkte, Galeristinnen und Gemeinschaftsausstellungen.

Viel mehr an Persönlichem erfahren wir nicht über diesen Wien-Bewohner, er wird von Cejpek mit keiner echten Psychologie ausgestattet. Denn diese namenlose Romanfigur geht vollkommen auf in dem Informationsgebirge, das sie vor uns hinklotzt und aus dem sie auch bei schönstem Wetter und bei klarster Sicht nicht mehr herausfindet. Der Erzähler verschmilzt hundertprozentig mit den Fussnoten von Fussnoten, die er anlegt, er geht so zielsicher hinter Datenbäumen in Deckung wie Schaulustige beim Champagnerschütteln unter dem Siegerpodest.

Das Poetische heisst für Cejpek Sammeln, heisst sich fremde Kenntnisse und Erfahrungen Einverleiben. In diesem Prozess arbeitet sich auch sein Held am Neuen und Unbekannten ab. Selten vermittelt sein sorglos vor uns erjagdtens Wissen etwas Schätzenswertes, das man in den nächsten Tag hinein mitnehmen möchte. Nur an den wenigsten Stellen erfahren wir von diesem Umkreisungspezialisten Bohrendes oder Erschütterendes.

An einer Stelle zum Beispiel erinnert er an einen Doppelgänger seines Autors Cejpek: den vergessenen deutschen Schriftstellers und fragmente-Verleger Rainer Maria Gerhardt, den die literarische Avantgarde um 1950 herum in seinen Bann gezogen hat. Dieser wohnungslose Dichter und transatlantische Literaturheilige aus Freiburg resignierte bereits vier Jahre später im Alter von 27 an den Verhältnissen, die er mit seiner Produktion vorfand.

So etwas würde dem Wiener Kulturlauscher in diesem Buch natürlich nie einfallen, für einen Suizid ist er viel zu beschäftigt mit dem Sammeln und Vergleichen von Bildern und Sätzen, mit seinen Wühlereien im babylonischen Kulturbau, dessen Allegorien, Merksprüche, Bildkonzepte und Stilfiguren ihn bewohnen wie Pickel ein Sängerknabenkonvikt.

Ergreift denn in Cejpeks Umkreisung ein Intertextueller das Wort am Rand der letzten Klippe? Oder übt da einer den Blick von den Anhöhen diskursiver Bildungs- und Sprachmacht nach unten?

Jedenfalls tauchen die gewöhnlichen Menschen in diesem Verweislabyrinth nur als Hindernisse auf, sie versperren unserem Flaneur den Weg zum nächsten unvergleichlichen Eindruck eines Werks oder einer Zitierstelle. Die Durchschnittsmenschen bilden eine Phalanx aus Marathonläufern oder Fussballfans, sie werden bei Unwetter im Park von Fichten erschlagen, der Protagonist nimmt sie bloss aus den Augenwinkeln wahr, weil sie keinen direkten Nutzen haben für seine Umkreisungen des Wahren, Guten und Schönen.

Der rastlose Kulturkonsum, den der Protagonisten betreibt, dient der Selbstbesinnung und der Selbsterkenntnis, kann aber allenfalls als Selbstbeweihräucherung durchgehen. Statt wirkliche Lernbereitschaft zu zeigen und die Tugendhaftigkeit zu preisen, verzaubert der Mann sich durch jene Mechanismen der intellektuellen Selbstversicherung, die das Denken lähmen.

Wir bekommen es in diesem Buch mit einem akademisch geübten Adabei und seinen langen Assoziationsketten zu tun – mit einem in sich gekehrten Wesen voller Möglichkeiten, das in der Hypertext-Technik ganze Gebirgszüge von Wissensfragmenten anschleppt und sie mit den Selbstaussagen von Kunstschaffenden zu einem Flickwerk der Selbstvergeistigung zusammenklebt.

Diese unter Sinnwünschen ohne sichtbare Ordnung zusammengestellten Fakten führen zu einem lähmenden Relativismus der Aussagen und letztlich zum Nihilismus. Während Gustav Flaubert 1881 in seinem satirischen Schelmenroman Bouvard und Pécuchet das Bildungsbürgertum lächerlich machte, indem er seine Protagonisten den Versuch unternehmen lässt, sich anhand von enzyklopädisch angeeignetem Wissen einen Platz in der feineren Welt zu verschaffen, bleibt Cejpeks Bildungsspiesser bis zur letzten Seite ein ungebrochener Enthusiast und Kulturaristokrat.

Der Mann wirkt vor seiner Sternhimmeltapete nie in sich gekehrt genug, um ihn interessant zu finden, und nie befremdlich genug, um dauerhaft über ihn lachen zu können. Umkreisung fehlt schlicht der pessimistische und düstere Vorsatz des Antibildungsromans.

Konstellative Montage? Kugelförmige Dramaturgie? – Nun, in dem »Auge« genannten ersten Teil des Buches dreht sich alles um die Beobachtung des Scheibenförmigen und des Runden: im Kreisverkehr, in der stehende Klangfläche bei György Ligeti, in der flachen Scheibe aus Partikeln des Saturnrings und in vielen anderen Dingen – bis wir nach sechzig Seiten vollkommen überraschend erfahren, dass sich der Erzähler die ganze Zeit über auf eine Augenoperation in einer Ambulanz vorbereitet hat.

© Wolfgang Koch 2020

Fotos: Portrait des Autors (Ausschnitt), © Armin Bardel 2020; Luc Hand © Lukas Cejpek 2017

Lucas Cejpek: Umkreisung. Stadtroman, Weltgedicht, All-Essay. 192 Seiten; ISBN: 978 3 85449 547 5, Wien: Sonderzahl 2020, Euro 22,-.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/29/die-umkreisung-des-sprachnebels-lucas-cejpeks-neuer-stadtroman-i/feed/ 0
Dietmar Steiner oder Der Mann mit dem Haus auf dem Kopf 3/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/26/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-3-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/26/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-3-3/#respond Fri, 26 Jun 2020 17:14:56 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2935 Steiners Tod fiel in die ersten Welle der weltweiten Corona-Pandemie, in eine Periode, in der die Massenmedien über Wochen und Monate ihre Formate mit der Sorgen um das Schicksal der heimischen Gastwirte und der Kulturschaffenden füllten. Wie konnten die Bühnentechniker, die seit Jahrzehnten in prekären Arbeitsverhältnissen ihr Brot verdienten, ohne Einkünfte überleben? Wie eine Kuss-Szene am Burgtheater ohne Mundschutz geprobt werden? Wie vermochte eine Staatssekretärin dem Finanzminister mehr als ein paar Almosen für beschäftigungslose Kreative aus dem Säckel zu reissen?

In diesem allgemeinen Lamento des Verfalls und der Ängste fiel das Gedenken an den Kulturpublizisten Steiner mehr als schwachbrüstig aus. Ein paar Zeilen hier, eine wiederholtes Radiointerview da, Anekdotisches von Mitstreitern, die pflichtschuldige Beleidsbekundung des Bürgermeisters, und ab in die Urne.

Diese Amnesie der öffentlichen Meinung lässt sich durch Steiners letzte Publikation, sein gedrucktes Fazit, leicht wettmachen. Das elegante Lebensbilanzbuch setzt im Jahr 1976 ein mit einer Eloge auf die »österreichischen Lösungen« der Beatgeneration. – »Luftig entschwebte man in trauter Zweisamkeit plastikgehüllt in die Natur und wurde in einem tragbaren Wohnzimmer auf sich selbst und die Medien reduziert, so als ob Hans Moser seinen Dialog mit der Reblaus halten würde«, schrieb Steiner über die vanille-gelben Wohnzellen von Haus-Rucker-Co; und sein schönes Buch endet bei ökologisch korrekten Lehmbauten in Bangladesch.

In den dazwischen liegende Jahrzehnten hat Steiner sein Geschichtsnarrativ immer wieder korrigiert. Zunächst folgten aus seiner Sicht auf die Nachkriegsmoderne der Brutalismus, die Postmoderne und der Dekonstruktivismus, wobei diese drei Strömungen ein Nebeneinander ergaben, an dem sich verschiedene Brüche und Überschneidungen ausmachen liessen. »Das fröhliche Gewitter einer unendlichen Zukunft der Pop-Utopisten der späten 1960er-Jahre wurde durch die Energiewende 1972/73 beendet«, bilanzierte Steiner die Anfänge.

Freilich, die Typologie der alten Stadt, die hat nicht die Postmoderne, sondern bereist die Moderne gesprengt. In späteren Jahren revidierte Steiner seiner Geschichtsbild und verortete nun den wichtigsten historischen Bruch im Jahr 1980, als die Architekturbiennale Venedig den »Star-Architekten« hervorbrachte und Architektur zu einem neuen Wert in der massenmedialen Kulturindustrie erhob.

Auch dabei ist Steiners lebendige Zeitdiagnostik nicht eingerostet. Nach dem Millennium erschien dem Jet-Set-Kommissär das grösste ungelöste Rätsel der Architekturgeschichte: »Wer oder was hat die Postmoderne als Stil beendet?«

Was, könnte man einwenden, wenn die Postmoderne deshalb nie beendet wurde, weil sie überhaupt nie angefangen hat, weil dieses ganze Distanzierungsgehabe der Neuerer nur eine geschäftige Täuschung der Öffentlichkeit war, und ihre Akteure bloss unsichere Kantonisten der Moderne, so wie sich ja auch die Neuen Wilden in der Malerei der 1980er-Jahre als clowneske Expressionisten interpretieren liessen?

Otto Kapfinger, ein zur Introspektion fähiger Mitstreiter Steiners, sieht in dessen mehrfach überarbeiteten Text Neustart ein »grossartiges und zugleich beklemmendes Dokument«. Steiner stellt darin die provokante Frage, ob jemand wirklich in einer Welt leben will, die ausschliesslich von sogenannten Qualitätsarchitekten geschaffen wurde.

Selbst die vitalsten Ästhet*innen wissen doch, dass das keine gute Idee wäre. Man würde sich in einer solchen Wunderwelt fühlen wie ein Grabstein im Zirkus. Gute Architektur, schien Steiner sagen zu wollen, ist ohne das Mittelmass, über das sie sich ständig neu erhebt, schlicht nicht zu haben.

Eine geradezu ärgerlich wiederkehrende Frage bei Steiner lautet: »Was ist Architektur?« Auch sie irritiert, weil man im Kunstdiskurs doch erwartet, dass nach den Qualitäten des Gelungenen gefragt wird, und eben nicht mehr: »Ist das Kunst, oder kann das weg?« (LTB Spezial 73).

Eine ambitiöse These zum Thema lieferte Hermann Czech 1971: »Architektur ist Hintergrund. Alles andere ist nicht Architektur«.

Kein schlechter Gedanke; man denkt sofort an Urlaubsbilder, an Fotografien von Menschen vor den historischen Fassaden von Kirchen, Leuchttürmen oder Opernhäusern. Aber dieser Hintergrund ist nicht gemeint. Die Baukunst, wollte der Loos-Fan Czech sagen, spricht nur, wenn sie gefragt wird; sie gestaltet einen Raum am besten unauffällig, unscheinbar, transparent.

Steiner übernahm Czechs Position und tauschte sie gelegentlich gegen die Vorstellung, Architektur sei Detail. 1983 war ihm die »grosse Form« unglaubwürdig geworden, sie ging in einem Netz unkontrollierbarer Bedingungen verloren. Nun wurden ihm die »Trümmer« zum eigentlichen Träger der Geschichte, wobei Steiner sprechende von stummen Details unterschied.

Studierende, schrieb er, sollten die feinen Regeln der Argumentation lernen, damit war gemeint: den Diskurs des Materials, des Handgriffe, der Detailgeschichte. Details mussten im Ansatz richtig, aber nicht exakt sein.

In einem vieldiskutierten Artikel begeisterte sich Steiner für die von Czech in den Boden des Kleinen Cafés am Franziskanerplatz eingelassene Grabsteine, er schwärmte von der »tödlichen Botschaft des Fussbodens«, dem Assoziationsfeld »einer bedrohlich beissenden Vulva dentata«. – Wenn er auf diese Weise Beislgespräche zur Designkritik veredelte oder das Feuilleton zum Vulgärwitz erniedrigte, so war ihm das egal.

Architektur musste für Steiner als künstlerische Disziplin unbedingt autonom und dialogfähig sein, dazu selbstreflexiv und offen für neue Felder der Verständigung. 1999 fragte er sich, ob das permamente Hunderennen nach der neuen Form überhaupt noch richtig sei. Und er polemisierte gegen die Jeder-kann-alles-Strategie: »Das sinnlose Gewürm der autistischen freien Formen ist in Wahrheit voll in der Hand der sie ermöglichenden Bauindustrie«.

Im neuen Jahrhundert galt das Thema des Ikonischen für Steiner als überwunden. Immer öfter deklarierte er sich als ein Gegner des Eigentums an Grund und Boden. Und in seinem letzten Schwanengesang beklagte er die »Weltherrschaft des Konsums«.

Steiner kritisierte, dass marktkonforme Architekturfirmen die kulturell wichtigen Künstlerarchitekten verdrängt haben, er beklagte, dass die Universitäten Stars mit lukrativen Jobs im akademischen Betrieb versorgen, und er litt darunter, dass die Massen von Studierenden nur darauf warten, hineingesogen zu werden in den industriellen Standard der Programme.

Im Umstand, dass ihm auf sein Kritikbündel niemand ernsthaft entgegnete, sah er den Beweis erbracht »für die Sinnlosigkeit des Schreibens über Architektur in der heutigen Zeit«. Mit dem Ende der Architekturkritik zeige sich ein Verlust des Common Sense.

Hat da wieder ein alternder Herr, ein weisser Mann mit abendländischer Bildung, sein herannahendes biologisches Ende mit dem Hinfälligkeit der Zivilisation verwechselt? Wir kennen diese Rhetorik ja seit der Apokalyptik von Günther Anders, wir finden sie im Kassenerfolg des Stéphane Hessel und bei anderen unverbesserlichen Rationalisten, die sich für den Mittelpunkt ihrer Taten halten und glauben nur nach eigenem Belieben in den Staub sinken zu können.

Der habituelle Optimist Steiner resignierte nicht nur in Hinblick auf die Wirkung von Kunstvermittlung und Publizistik. Von ihm war in den letzten Jahren auch immer offener zu hören, dass er nicht mehr wisse, was gute Architektur sei. Das klang nach der Koketterie eines Überdrüberfliegers. Tatsächlich aber waren Steiner in den vielen Diskursen einfach die ästhetischen Kriterien für gutes Bauen in den Händen zerschmolzen. 2016 schrieb er: »Ich vertraue nur mehr der direkten Anschauung, dem konkreten Erleben. Was du nicht selbst erlebt hast, darüber sollst du schweigen«.

Zuguterletzt hatte der alte Adolf Loos, dieses Fieberthermometer aller Wiener Architekturdiskussionen, also doch recht. Beiläufigkeit muss anstelle von Überraschung treten; ein Raum muss auf eine Weise gestaltet werden, die dem Laufpublikum verborgen bleibt, während die Kennerschaft sie quasi erfühlt.

Es gibt diese zwei auseinander laufende Linien des Loosismus: Die eine vertraten Czech und seine Trabanten. Sie nahmen den Faden des Reduktionismus auf und begannen sich den Gedanken als ein offenes System vorzustellen, dessen Ergebnis vielschichtige Widersprüche enthält und nicht mehr nach einer einzigen Wahrheit strebt, die andere ausschliesst.

Steiner, zeitlebens ein scharfer Parteigänger dieser Tendenz, ein Erzwinger von unabgeschlossenen Diskursen, kehrte zuletzt stärker zur zweiten Position des Loosismus, der handwerklichen Sensibilität, zurück, die das Notwendige der Form einfach intuitiv erfasst. Der Materialvirtuose braucht kein tosendes Palaver, er kann jede Form konkret erspüren und im Prozess unsichtbar machen, so dass das Objekt wie durch Zufall entstanden aussieht.

Am Ende seiner langen intellektuellen Reise durch die Ateliers und Baustellen war Steiner wieder bei einer Kunst angelangt, die am stärksten in der Sprache der Materialien spricht und die ihre Schöpfungen einfach so aussehen lässt, als wäre sie schon immer so gewesen.

© Wolfgang Koch 2020

Foto (Ausschnitt): © eSeL 2012, Steiner bei der Präsentation von »Europas beste Bauten. Mies van der Rohe Award 2011«

Kunstuniversität Linz (Hg.): Steiner’s Diary. Über Architektur seit 1959. Essays, Interviews, Analysen, Vorlesungen. Redaktion Roland Gnaiger, 400 Seiten, deutsch/ englisch. ISBN 9783038600329, Park Books 2016, 51 Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/26/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-3-3/feed/ 0
Dietmar Steiner oder Der Mann mit dem Haus auf dem Kopf 2/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/22/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-2-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/22/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-2-3/#respond Mon, 22 Jun 2020 09:20:32 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2931 Der aus Wels stammende Dietmar Steiner konnte sich auch nach halben Jahrhundert noch erinnern, wie er auf sein Lebensthema gestossen war. An der HTBLA für Hochbau in Krems hatte er das Glück, von 1966 bis 1971 einen Klassenvorstand zu haben, der ihn für den baukünstlerischen Diskurs begeisterte. Steiner kannte immer noch den Namen dieses Holzmeister-Schülers: Peter Schmid.

Wieder einmal ein schlagender Beweis dafür, dass es in der schulischen Ausbildung eines jungen Menschen immer nur darum geht, einer Lehrkraft zu begegnen, die ihr eigenes Feuer für eine Sache weiterzugeben imstande ist. Im Grunde genommen sind alle pädagogischen Konzepte und Schulreformen für den Müll, wenn in den Lernanstalten nur genügend charismatischen Figuren mit einem intakten Weltbild in Erscheinung treten.

In der Akademie am Schillerplatz schloss sich Steiner 1969/70 den Protesten gegen die geplante Studienreform mit der Besetzung von Lehrsälen und der Aussperrung von Meisterklassenleiter Roland Rainer an. Er studierte bei Ernst A. Plischke und Gustav Peichl, doch sein Übervater unter den Lehrkräften wurde Friedrich Achleitner, der sich bekanntlich via Sprache der Architektur genähert hat.

Vom diesem dichtenden Architekten und Architekturhistoriker unterschied sich Steiner nur in der Bereitschaft, aktiv am Vereinsleben der Architekturszene mitzuwirken, ab 1975 für zehn Jahre lang als Vorstand der Österreichische Gesellschaft für Architektur (ÖGfA), von 1992 bis 2016 als Gründungsdirektor des Architekturzentrum Wien, von 1995 bis 1999 als Redakteur des internationalen Designmagazins Domus in Mailand.

Auf theoriekundige Leitfiguren stiess Steiner in der emigrierten Vorkriegesgeneration. Der Austroamerikaner Friedrich Kiesler hatte intensiv Verbindungen von Kunst und Wissenschaft gesucht. Massgeblich für sein Schaffen war die Idee des »Ganzen« gewesen – eine Vision der Wechselwirkung zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter*in. Ein weiterer Austroamerikaner, Rudolph Michael Schindler, hat vorexerziert, wie man Raumvolumen mithilfe offener Betontragwerke erzielte. Und der Kulturtheoretiker Bernard Rudofsky forderte seit 1945 vehement eine neue Lebensweise und die unbedingte Aufmerksamkeit für eine »Architektur ohne Architekten«.

Der Italiener Aldo Rossi verlangte in seiner ETH-Gastprofessur, Kritik am sozialen Status quo mit avancierter architektonischer Praxis zu verbinden. Dazu kamen noch die Denkansätze von Lucius Burckhart, Bruno Reichlin, dem US-Amerikaner Robert Venturi, dem Luxemburger Rob Krier sowie dem Dromologe und Bunkerforscher Paul Virilio.

Steiner behauptet von sich, das, was man in den 1970er-Jahren »kritisches Bewusstsein« nannte, in die Architekturdebatten getragen zu haben. Doch bei der Relektüre seiner Texte lässt sich nirgendwo ein soziologischer, ein freudo-marxistischer oder ein bewusstseinstheoretischer Blick auf die Aggregate des Baugeschehens erkennen. Vielmehr hob Steiners nie erlahmende Selbstbegeisterung gleich mit der intellektuellen Mode der Semiotik an: gewitzt besprach er die Wiener Reiß-Bar und das Lokal Roter Engel, das Halbe Haus, das Lineare Haus, gleich war der Publizist mittendrin im Deutungsspiel der Zeichensprachen, in den gewagten Kulturtheorien, dem Spektakel und der Simulation – kurz: er wurde zum Motor des Radical Chic am Rive Gauche des Donaukanals, das in Wien allerdings ein Rive Droite war, die Ruprechtsstiege oder die Fischerstiege hinauf und atemlos hinein ins Bermudadreieck von Czech & Zilk, Falco & Kalb, Semotan & Waluliso.

»Fährtenleger, »Spurensucher«, Katalysator«, »Ermöglicher« habe ich in den Nachrufen meiner Kollegen gelesen. Alles richtig, und doch nur halb. Denn Steiner bündelte Lichtstrahlen in der Alpenrepublik und faltete eine dünne Aussenwand nach innen. Er fing nichts mehr an mit einer Kulturkritik, die noch nach Inhalten kategorisierte, wie das die Denkmalpflege oder die Popularphilosophie machen.

In Steiners humanistischer Eschatologie zählten die Permanenz der Stadt, ihre Komplexität und Mehrschichtigkeit, sein Interesse galt dem Environment als Gesamtheit. Im Journalismus und in seiner Expertise zählte Objektivität im Umgang mit Fakten. Nichts – kein Bau, keine These – sollte von einer Jury oder einer Redaktion erzwungen werden, bloss weil da Freunde im Spiel waren.

Im zwanglosen Gespräch erkannte Steiner die unaktuellste und zugleich menschlichste Sache schlechthin. Er ziehe, schrieb er 1983 in einem Brief, eine anarchistische Verweigerung des Genius Loci vor und wolle seine privilegierte Position als Kritiker, Kurator und Konferenz-Turner nicht dazu benutzen, den »ewigen Verlust von Kultur« einzuklagen.

Steiner war begeisterter Virilo-Leser; wie dieser französische Kritiker der Mediengesellschaft liebte er lange Autofahrten und die Theorie der Nicht-Orte, die Fabrikation von Geschwindigkeit, die Auflösung der Geographie mittels einer Fahrzeugwelt hinein in eine irritierende Relativität von Tatsachen. Eine Architektur, die mit der Rationalität und mit der Andacht des Schönen Schritt hielt, war für Steiner kein »die Welt versammelndes Ding« mehr; keine einem isolierten Ort Bedeutung verleihende Tatsache, weil es diesen Ort in der Medialisierung von Architektur schlichtweg nicht mehr gab.

Virilio dachte bei »Nicht-Orten« an transitorische Räume, Räume des Übergangs, Zwischenwelten, die sich mit den Kategorien des 19. Jahrhunderts nicht mehr beschreiben liessen. Steiner wandte den Begriff in eine andere Richtung: Alle Architektur, konstatierte er 1988, werde zwingend durch Bilder ersetzt, eine jede Architektur des Ortes stehe am Ende des 2. Jahrtausends auf verlorenem Posten. Die Stadt war nach Steiner eben eine lebendige architektonische Skulptur.

Das klang progressiv, doch die Architekturwelt hinkte in Wahrheit der Erweiterung des Skulpturenbegriffs drei Dekaden hinterher. Seit 1958 liess sich der deutsche Künstler Franz Erhard Walther von Freunden immer wieder bei Versuchen fotografieren, als lebende Skulptur aufzutreten. In seiner Serie »Versuch, selbst eine Skulptur zu sein«, spie der damals 19jährige im Lotossitz mit Backpulver und Milch vermischtes Wasser im hohen Bogen auf den Boden. Damit waren der Körper des Künstlers und der flüchtige Augenblick des Fontänenstrahls als neue Aspekte in den Gestaltungsbegriff eingerückt.

Erst in den 1980er-Jahren gestanden sich auch die Baukreativen in ihren Laboratorien ein, dass die bauliche Sphäre nur ein Psychogramm war für das, was die Menschen ausmacht, die in ihr leben. Steiner suchte mit Zeitgenossen wie Rem Koolhaas und den Baseler Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron nach Strategien, um solche Einsichten umzusetzen, um Identitäten zu multiplizieren und um die alten Architekturvorstellungen zu überwinden. Dazu mussten Wege gefunden werden zwischen der Akzeptanz des Marktes und der Reputation im innerarchitektonischen Diskurs.

Als Haudrauf stand Steiner Zagreb persönlich näher als die Umgangsformen im selbstverliebten Mitteleuropa. Er schrieb über eine historische Comicserie von Lyonel Feininger. Er entwickelte eine private Vorliebe für Betonmonster. Was der Bruitismus in der Musik ist, nämlich ein paar Gemeinplätze über die Ewigkeit, das sollte in der Architekrur der Brutalismus werden. Verglichen mit der Öde historistischer Ziegelarchitektur und mit dem Geschmack der mondänen Bauhaus-Paläste, der globale Dimensionen annahm, konservierten die Betonkästen bestimmte geistige Erfahrungen und standen für eine Position der moralischen Integrität, die die Traditionen des guten alten Selbstbaus mit viel Zement weiterführten.

Doch beim Brutalismus blieb es nicht. Steiner stilsiert sich zum Verkünder des »Austrian Pheonomenon« in der Welt, das freilich ein anderer, Peter Cook, 1970 vor ihm entdecken musste. Steiner begrüsste die Hartschaumliegen der Enzis im MQ als Fixsterne am Architekturhimmel. 1992 begeistert er sich für Barcelona, als die Hafen- und Uferzone der historische Stadt für die Olympischen Sommerspiele förmlich umdreht wurde und ihr Antlitz dem Meer zuwandte. 1997 galt ihm Mailand als »die einzige wirklich internationale Metropole der medialen Architektur«, 2016 erschien ihm Polen wichtiger als Spanien.

In vier Dekaden ist Steiner also einigermassen herumgekommen in der Komfortzone der Bussiness-Class-Flüge, der VIP-Loungen und der Designerhotels. Trotzdem tauchten ganze Erdteile – Afrika, Süd- und Mittelamerika, Vorderindien – auf seiner Karte der Globalarchitektur kaum vor. Auch Japan nur am Rande; und das war erstaunlich im Fall dieses Grosskommissärs, der die Trendwitterungen der Financal Times für den Massstab aller Dinge hielt.

Es war nicht alles Gold an der Marke Steiner. Er beklagte sein »moderates Gehalt« am Architekturzentrum. 1980 kritisierte er, Wiens »selbstgenügsame Stadtverwaltung« würde die »Stadtssanierung über die Autotelefone der Baulöwen erledigen lassen«. Das trug ihm Sitze in allen möglichen regionalen Planungs- und Begutachtungsbeiräten ein, und in dieser Funktion bejubelte er dann u.a. die Wohnbauanlagen am Gelände des ehemaligen Nordbahnhofes im 2. Bezirk, einer der größten innerstädtischen Entwicklungszonen Wiens. Im realen Leben hätte Steiner in den schuhschachtelgrosse Wohnwaben für Jungfamilien nicht einmal einen Espresso gekippt.

So mancher Einfluss Steiners hat die österreichische Baukultur auf einen regelrechte Abweg geführt, ich erinnere an die vier aufwändigst mit öffentlichen Geldern in Milliardenhöhe renovierten Gasometer in Wien, deren einst atemberaubende Innenräume heute als trauriges Denkmal eines Urban Entertainment Centers dastehen. Die Star-Architektin Zaha Mohammad Hadid wurden an die Donau gelockt und ist mit ihren unter tosendem akademischen Applaus realisierten Bauten an der Lände desaströs gescheitert.

Neben diesen Fehlschlägen, für die Steiners Qualitätforderung in der Stadtentwicklung durchaus mitverantwortlich war, halte ich es für wichtig, auch die Grundvoraussetzungen seiner Partei- und Einflussnahmen zu überdenken. Steiners Neigung zu glauben, Architektur sei ein allumfassendes Ganzes, zu dem wir gehören, seine Annahme, es gäbe damit einen einzigen Universalhorizont, der alle wirklichen und möglichen Gegenstände überwölbt, war letztlich nur die Fiktion einer Ganzheit. Eine Welt, die alles enthält – das Gute, das Schöne und das Wahre, das Böse, das Hässliche und den Trug – die gibt es nicht; es gibt nur die prätentiösen Vorstellungen solcher Ganzheiten.

© Wolfgang Koch 2020

Foto (Auschnitt): © eSeL 2013, Steiner bei der Präsentation von »Das Gold des Az W. Die Sammlung«

Kunstuniversität Linz (Hg.): Steiner’s Diary. Über Architektur seit 1959. Essays, Interviews, Analysen, Vorlesungen. Redaktion Roland Gnaiger, 400 Seiten, deutsch/ englisch. ISBN 9783038600329, Park Books 2016, 51 Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/22/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-2-3/feed/ 0
Dietmar Steiner oder Der Mann mit dem Haus auf dem Kopf 1/3 https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/19/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-1-3/ https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/19/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-1-3/#respond Fri, 19 Jun 2020 15:25:33 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2922 Er hätte ein zweiter Lajos Hevesi (1843-1910) werden können, der den Secessionskünstlern um 1900 in der Wiener Presse den Boden planiert hat; oder ein zweiter Peter Gorsen (1933-2017), der als Ästhetik-Professor der ungestümsten Aktionskunst in Wien und München den Weg bereitet hat, wäre Dietmar Steiner je auf eine Gruppe entschlossener Avantgardisten gestossen, die ohne Furcht vor dem nächsten Tag bereit sind, mit vollen Händen im Leeren zu schöpfen.

Aber Künstlernaturen haben es auf Baustellen wahrscheinlich schwerer als anderswo, die Welt als perplex zu empfinden. Architekturschaffende sind überall das Schlafmittel jener Tradition, die sich am Morgen als Innovation ausgibt und am Abend mit Selbstmordgedanken zu Bett geht. »In den letzten Jahren«, schrieb Steiner 2016, »haben die Universitäten zu viele Architekten produziert, die nur mehr als Dienstleister am Markt erfolgreich sein wollen«. Ob in Boygroups, in Duos oder als Teamwork organisiert – überall stellen die Architekturbüros den Dienstleistungscharakter des Bauens über den künstlerischen Akt.

Der öffentliche Raum ist zu einem Ort für eine Vielzahl gleichzeitiger, naturwüchsiger Prozesse herabgesunken; er wird dabei zu einem Raumprogramm wohldefinierter, räumlich voneinander abgegrenzter Funktionen zerlegt und eingeengt. Der technische Beitrag von Architekt*innen entspricht möglichst unterwürfig den Aufforderungszwängen des exakt definierten Gestaltungswillens.

Bauen heisst heute das maximale Potential an Informationsvermittlung herstellen, das nur noch aus Waren und verkehrsleitenden Signalen besteht. In der Sphäre der Architektur wird am deutlichsten, dass der ökonomische Gebrauchswert die technologische Aneignung des Lebendigen ist, ja Vernichtung von Lebensautonomie und Qualifikation überhaupt.

Steiner sah das alles sehr klar, denn er begann seine steile Laufbahn als Industriegeländebesetzer in Wien. Seine Studentengeneration entwickelte in den 1970er-Jahren ein sehnsüchtiges Verhältnis zum Vorkriegsmarxismus der Arbeiterparteien und kultivierte ihr revolutionäres Sentiment mit Rettungsversuchen der nutzlos gewordener Fabriksbauten aus dem 19. Jahrhundert. In Wien gerieten der Reihe nach der ehemalige Inlandsschlachthof der Arena, das WUK in der Währingerstrasse und andere Relikte des industriellen Fortschrittsglaubens ins Blickfeld der jungen Stadtgesellschaft.

Steiner koordinierte und verhandelte vier Monate lang die selbstverwaltete, freien Kulturszene in den zum Abriss bestimmten Backsteinhallen der Arena, und er schlug nach der Schleifung des Hauptgeländes noch tiefere Pflöcke ein, denn von da an setzte er immer ungeduldigere Sätze auf hartnäckiges Papier.

Dietmar Steiner übte als Publizist in feierlichem Ernst Widerspruch gegen die Trennung von Hochkultur und Alltagskultur. Er wuchs hinein in internationale akademische Theoriedebatten. Die Lieblingsorte seiner visuellen Entdeckungen: Barcelona, Mailand, später Polen. Nach der Wende rüttelte er die Wiener Sozialdemokraten (Bürgermeister Helmut Zilk, Kulturstadträtin Ursula Pasterk, Planungsstadtrat Hannes Swoboda, Unterrichtsminister Rudolf Scholten) soweit aus ihrer Starre im Schlafsaal, dass sie 1992 die Gründung des Architekturzentrums Wien (Az W) beförderten.

Seit diese Institution in Blüte steht, haben die Nachlässe von Architekt*innen und Designer*innen einen lebendigen Sammlungsort, die Studierenden ein Diskussionsportal, die Architektur-Liebhaber brauchbare Stadtexkursionen und die Kinder Lego-Workshops in den Ferien. Steiner und sein Team nahmen Einfluss auf die Nutzung in dem zum Museumsquartier (MQ) umprogrammierten Messe-Palast der ehemaligen Hofstallungen – nicht immer so erfolgreich, wie man im Az W dachte, denn seit damals hat das Wiener Kultur- und Geistesleben im MQ auch eine Reihe von akustisch katastrophalen Veranstaltungshallen in historischen Gewölben zu ertragen, bautechnisch imposant, aber vollkommen ungeeignet für Sprechveranstaltungen.

Steiner war ein gewitzter Weltrechercheur und ein Energiebündel mit Ansteckungskraft. Die Ausstellungen des AzW, auch das ist sein Erbe, sind bis heute didaktisch und technisch übermotiviert. Alles muss ständig anders als in anderen österreichischen Ausstellungshäusern präsentiert werden. Steiner sah seine Umgebung in ständigere Transformation, stets in der aufgeregten Erwartung, dass gerade das Ende naht und dann etwas Neues kommt.

Der klapprige alte Kulturgaul an der Donau erhielt von diesem Mann ein paar dringend benötigte Modernitätsspritzen. Drei Jahrzehnte lang schwitzte der Hutträger mit dem Charme und der Liebenswürdigkeit einer grossen Persönlichkeit seine baustofflichen und architekturtheoretischen Ideen aus. Dabei geriet ihm nichts zu einem Denksystem, einer Lehre, aber alles zu einem Lebensgefühl, das die jeweils lähmende Gegenwart dementierte.

Selbst am Ende noch, 2016, kulminierte sein Siebentagebuch Steiner‘s Diary in einen Katalog mit inflexiven Buchteilen und ausklappbaren Reprints. Wozu »Humanität« und »Verschönerung« auf die Fahnen malen? Wozu öffentliche Aufmerksamkeit und Resonanz generieren? Urbane Biotope spielten doch nur eine Stadt. »Die Quintessenz der Erlebnisarchitektur«, schrieb Steiner 1993, »ist das Konzept von Disney World«.

Steiner dachte, dass es unterhalb der Repräsentation in der Architektur eine Ebene der Spannungen geben soll, eine Ebene der Kraftfelder und -linien, die von den Sensationen, den Empfindungen in Schwingungen versetzt werden. Durch sie konstituiert sich das Sprach- und Bildmaterial zu den Körpern und deren Umgebung.

Österreichs Bundeshauptstadt war für Steiner eine »authentische alte Stadt«, aber er zeigte nicht das geringste Interesse, deren »kulturindustrielle Einzigartigkeit« vor Fremden auszubreiten. Was Steiner interessierte, das waren die Brüche und Widersprüche der Stadt, der unvollendete Otto Wagner, das Provokante am Wittgensteinhaus, die Beharrlichkeit der Kleinsiedlerkultur. Künstlerhäuser stellte er grundsätzlich unter Kitschverdacht. Richtig erschien ihm das Zusammenschauen, Kontextualisieren und Gendern.

Steiner ging selbst im Ruhestand nicht einfach in sein Archiv, um dem Publikum noch einmal Früchte seiner überquellenden Produktion vorzulegen, nein, er »betrieb im eigenen Weltbild Archäologie«, wie er sich ausdrückte, er sah in seinem Textberg nach drei Jahrzehnten »eine Ansammlung von zufälligen Ablagerungen«, die eine Selbstverortung in grösseren Zusammenhängen erlauben könnte.

Zufallsprodukte waren seine Texte natürlich nie. Hier muss man ihm deutlich widersprechen. Sie waren politische Kampfmittel in prickelnder Erregung, Thesenpapiere in den innerarchitektonischen Debatten, impressionistische Reiseberichte, es waren Flüche, Telegramme, Grabsprüche. Und mit diesen Äusserungen wäre er locker Hevesi II oder Gorsen II geworden, wären dem Geschäftsmodell dieses närrischen Briganten nur ein paar Bau-Berserker, Genossenschaftslenker und Investmentbanker gefolgt. Aber solche Exemplare mit der Schneeflocke in der Hand und dem Haus auf dem Kopf waren selten.

© Wolfgang Koch 2020

Foto (Ausschnitt): Heribert Corn, © Architekturzentrum Wien

Kunstuniversität Linz (Hg.): Steiner’s Diary. Über Architektur seit 1959. Essays, Interviews, Analysen, Vorlesungen. Redaktion Roland Gnaiger, 400 Seiten, deutsch/ englisch. ISBN 9783038600329, Park Books 2016, 51 Euro

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2020/06/19/dietmar-steiner-oder-der-mann-mit-dem-haus-auf-dem-kopf-1-3/feed/ 0
Das voreilige Nachflimmern des Engelbert Obernosterer https://blogs.taz.de/wienblog/2019/10/20/das-voreilige-nachflimmern-des-engelbert-obernosterer/ https://blogs.taz.de/wienblog/2019/10/20/das-voreilige-nachflimmern-des-engelbert-obernosterer/#respond Sun, 20 Oct 2019 16:57:04 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2911 Der 19. Prosaband des 82jährigen österreichischen Schriftstellers, von dem er behauptet, es sei wohl sein letzter, verzichtet, wie alle anderen Minaturen-Sammlungen des Autors, auf Kapiteleinteilungen und Überschriften. Die Textsplitter, Aphorismen und Bettgeschichten in Pillenform lassen sich aber leicht nach vier Abschnitten zu etwa gleich grossen Tortenstücken unterscheiden:

Geht es im ersten Abschnitt des Buches um Menschen beziehungsweise um das Zwischenmenschliche, die Themen Herkunft und Nachkommen in der panoramatauglichen Aussicht miteingeschlossen, es folgen im zweiten Abschnitt Fauna & Flora, im dritten Stück das Göttliche in christlicher und unchristlicher Gestalt, und zuguterletzt kommen Kunst & Literatur.

Schwer zu sagen, wo Obernosterer mehr glänzt in diesem dichten Archiv der Gefühle und der unverkopften Gedanken, in dem Persönliches und Allgemeines, Abgedrehtes und Intimes, Verborgenes und Verstiegenes so elegant nebeneinander ausharren, dass man das Buch gar nicht aus der Hand legen mag.

Sein Erzähler ist virtuos darin, an der Oberfläche die Abdrücke darunter herrschender Spannungen zu erkennen. Das können Spannungen psychologischer oder mentalitätsgeschichtlicher Art sein, Spannungen zwischen zwei Menschen oder Spannungen zwischen Individuum und Kollektiv. Routiniert und sattelfest führt uns Obernosterer über unentdeckte Pfade auf abschüssiges Seelengelände hinaus, wo er in der Sprache soviel Sinn und Halt findet, dass die Literatur für ihn zu einem Lebensweg geworden ist, wie für seine Nachbarn das Streichen von Gartenzäunen oder das Einmachen von Marmeladen.

Das erzählende Ich ist Zentrum und Bezugspunkt eines nach aussen hin offenen Feldes. Mal dankt dieses Ich den Körperzellen als den leider unsichtbaren Teilkräften des eigenen Daseins für die »Aufrechterhaltung meiner Person«, dann wieder wünscht sich dieses Ich, über die Verstiegenheit der eigenen Jugendjahre lachen zu können.

Schuld & Sühne, Wert & Unwert des Menschen sind wiederkehrende Themen, aber nie hysterisch wie bei der Globart Academy, die heute Schleppergehilf*innen mit Auszeichungen für ihr »Engagement, Menschenrechte und Menschenleben zu schützen« überhäuft. Nein, dieser Dichter ist kein Rettungsclown oder appellativer Pathetiker; er leidet auf ganz bescheidene Weise mit den Zurückgebliebenen und Aussenseitern aller Art, mit den Minderleistern der Gesellschaft, ohne die Mehrheit vom akademischen Ross herunter anzuklagen.

Dabei hat es Obernosterer sicher nicht einfach in der Provinz. Umgeben von heu-, holz- und viehgläubigen Berglern tritt sein Erzähler stets auf Zehenspitzen in die Talereignisse von Hermagor und Umgebung. »Meine sogenannten Bekannten sind wie nächtliches Gelände, dessen Stolpersteine, Hindernisse und Abgründe ich immerhin so weit kenne, dass ich in allfälligen Gesprächen einen Bogen um sie mache.«

Klar, dass auch in diesem Buch wieder die regionalen Druckverhältnisse durch gewisse Personen zutage treten, doch wie Obernosterer »abgenutzte Frauen«, einen Staubsaugervertreter, einen Maurer, usw. vor uns hinstellt, das ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur in dieser Genauigkeit und mit dieser Liebe einmalig. Die Bauern leben immer noch heidnisch mit einem »vorgeblendeten Christentum«. Und hören die Leute von einem Lawinenunglück, verstummen sie mitten im Satz.

Obernosterer liest die Sprache der Dinge, er hört den Subtext der Redensarten, die Populistik und die Anmache im Wir-Ton, er riecht die Verwesungsvorgänge in bejahrten Ehen, er spürt die Schwerelosigkeit beim Beten des Rosenkranzes und den Widerwillen der Alten an der Wortwelt, er teilt die beglückenden Illusionen eines Schweines vor der Schlachtung und er imaginiert die Schweigsamkeit der Männer in den Bergen.

Obernosterers Schreibansatz ist mindestens so radikal und optimistisch wie der Peter Handkes: »Ein Thema gibt dann am meisten her«, sagt er, »wenn der Stoff gegen Null geht«. Denn ein gelingender Satz kann quasi nicht irren. Was wir in den Prosa-Minaturen als Inhalt vorfinden, das entfaltet sich ohne Absicht und ideologisches Wollen frei in der Form. Dass Europa »zwar schöne Zahlen hat, aber ein zermürbendes Personal«, dass der Weltenschöpfer die »kluge und nützliche Personalisierung« des Unüberschauberen sei – solche Einsichten ergeben sich allein aus der genauen Spracharbeit des »in sich zerfallenen Rationalisten«.

Auch die Komik scheint bei diesem Autor unergründliche Wege zu gehen: Es gibt eine witzige Fliegenjagd am TV-Schirm, die Selbstdarstellung des »letzten Milchholers« im Dorf, den Anschluss eines Kleinstmobils an einen Herzschrittmacher. Da lacht man über die komplizierte Naivität des Erzählten.

Die lobenswerte Literatur dieses Kärntners ist unter Kennern schon lange ein Geheimtipp. Sie tritt nicht erst in eine Verbindung mit dem Betrachteten, sie hat diese Verbindung offenbar überhaupt nie verloren. Obernosterer erzählt manchmal schwermütig, aber nie zäh. Er verzichtet in seinem 19. Opus auf jegliche Form von psychologischer Drastik; seine Spiritualität bleibt kindlich einfach, hebt nie an zu metaphysischen Spekulationen; und seine Meinungen sprechen stumm hinter den Sätzen her.

Den Schrecken der Apokalypse etwa darf man sich, laut dem dazugehörigen Aenigma, nicht zukünftig vorstellen – nein, der Schrecken der Apokalypse ist immer gegenwärtig zu denken. Auch das liegt wieder fernab von der verschossenen Wut und dem giftigen Moralin der kollektiven Simultan-Masturbier-Orgie unserer Klimaschützer*innen.

Obernosterer unterscheidet zwei psychologische Menschentypen – die überwältigende Motoriker*in und die von Eindrücken schier erdrückte Sensoriker*in. Diese Typen werden in seinem Weltbild von zwei soziologischen Menschenarten – niedere Herkunft, höhere Herkunft – gekreuzt, so dass sich daraus vier Grundmodelle der Freude und des Jammers ergeben. »Die Unzufriedenen«, deduziert Obernosterer aus der Überschneidung seiner Beobachtungen heraus, »die Unzufriedenen kommen stets aus den angenehmen Verhältnissen.«

Es mag eine grosse Schicht von Jahren zwischen dem Krawattenträger-Buch und Obernosterers ersten Miniaturen von 1975 (»Ortsbestimmung«) liegen. An der Wärme des Blicks auf sich und auf andere hat sich wenig geändert. Eine heilsame Altersklugheit ist hinzu getreten, zum Beispiel in der Bemerkung: »Ein Gutteil dessen, was in Worten enthalten zu sein scheint, besteht aus Spiegelungen dessen, der sie verwendet.«

Obernosterers Bild und Praxis von Literatur ist so ziemlich das würdigste, was man heute am Buchmarkt finden kann. »Das Bestreben der Literatur geht dahin, die in der Realität vorhandenen Urteile und Bewertungen rückgängig zu machen und den Leser dorthin zu führen, wo es keine Reihungen gibt.«

Erzählen Sie das mal einem Nobelpreiskomitee.

© Wolfgang Koch 2019

Engelbert Obernosterer: Auch Krawattenträger sind Naturereignisse. Miniaturen, 160 Seiten, gebunden, Lesebändchen, ISBN: 978-3-99029-358-4, Wieser Verlag, Klagenfurt/ Celovec, EUR 19,95

Fotos: Manfred Schluder (Ausschnitt), Inge Lasser

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2019/10/20/das-voreilige-nachflimmern-des-engelbert-obernosterer/feed/ 0
Lasst doch die Museen und Kunsthallen den Toten https://blogs.taz.de/wienblog/2019/01/28/lasst-doch-die-museen-und-kunsthallen-den-toten/ https://blogs.taz.de/wienblog/2019/01/28/lasst-doch-die-museen-und-kunsthallen-den-toten/#respond Mon, 28 Jan 2019 14:01:35 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2893 Die meistgestellte Frage im Zusammenhang mit meiner Malerei lautete früher: Hast was verkauft? Das ärgerte mich, weil es meistens nicht der Fall war. Die Frage liess mich als Versager zurück. Bei allem künstlerischen Pathos bin ich so viel Vorarlberger, dass mir wirtschaftliche Erfolglosigkeit als Stigma, nicht als Zeichen für verkanntes Genie erscheint.

Andrerseits drückte die Frage auch eine Besorgnis des Fragenden aus: Kannst du von der Kunst leben? Ehrlich gesagt, wollte ich das nie. Der erste Plan war vom Vermögen einer reichen Spitzengattin zu existieren und mich in Ruhe der Kunst zu widmen. Dazu muss man freilich seine Partnerin respektieren und darf kein sich selbst genügendes Schweindl sein, sonst weist einem die Spitzengattin irgendwann die Tür – und die nächste auch, weil man schweinemäßig ja leider nichts dazugelernt hat.

Dann kam ein Künstlerkollektiv, eigentlich ein virtueller Künstler, hinter dem zwei Frauen und ich steckten, dann die Zusammenarbeit mit einer Malerin, danach mit einem Bildhauer, sodann ein stilles Vormichhinexperimentieren im Atelier und schliesslich, durch eine elegante Intervention meiner Frau, ein Wiederbeginn als Maler.

Geld floss aus anderen Tätigkeiten, das Verkaufen der Bilder war nicht so wichtig. Wenn es durch Galeristen geschah, blieb häufig nichts übrig (Unkosten!). Verkaufte ich selbst, empfand ich das als Erniedrigung und blieb mit dem Gefühl zurück, meine Bilder verraten und viel zu günstig verschachert zu haben. Meine Sorgen möchte ich haben. So kann ich Bilder immer noch verschenken.

Die erste, ja eine Frau, die in Wien von mir ein großes Bild gekauft hat, sagte 15 Jahre nach dem Kauf bei einer zufälligen Begegnung auf der Strasse zu mir, dass der Ehemann inzwischen weg, mein Bild aber noch bei ihr und ein Stück Freude an der Wand sei. Genau das wollte ich erreichen: Nicht dass der Ehemann wegrennt, aber dass meine Bilder im privaten Leben von Menschen ihren Platz haben.

 

Nun lade ich gern Freunde und feine Menschen in mein Atelier, um ihnen Bilder zu zeigen. Die Unfeinen müssen sich halt noch eine Weile gedulden. Und wer nicht zu fragen oder zu kommen wagt, bringt sich selbst um ein Erlebnis. Die Besucherinnen und Besucher machen mich auf Unklarheiten oder Schwächen in den Bildern aufmerksam, haben Ideen dazu, erzählen mir, was sie an Geschichten daraus heraussehen, besorgen mir Hilfsmittel zum Malen oder setzen sich einfach hin und lesen mir aus Büchern vor. So habe ich einen Zustand erreicht, den Jean Baptiste Camille Corot mit dem Satz umschrieben hat: Ich hoffe, dass man auch im Himmel malen kann.

Sogar die meistgestellte Frage ist eine andere geworden und lautet heute: Wann machst du (wieder) eine Ausstellung? Ich fühle mich dabei ähnlich verlegen wie bei der Frage nach dem Verkauf. Denn ich mag keine Ausstellungen – also die Ausstellungen selbst schon, wenn sie den Bildern genügend Raum lassen, aber nicht das Drumherum. Es ist mühsam, lästig und gilt meist der Person, statt den Bildern. Ich fühle mich aber auch durch die Frage aus einem anderen Grund verwirrt.

An die Wand meines Ateliers, jetzt meist von Bildern verdeckt, ist mit Farbe und Bleistift geschrieben: Selige Erde, heiliges Land. Daneben ein Vers aus Exodus (5,3): Wo du stehst, ist heiliger Boden. Ich weiss nicht, warum die Sätze an der Wand gelandet sind, aber ich weiss ja auch nicht, wie die Motive meiner Bilder zustande kommen, außer aus einem manchmal sehr umständlichen und langwierigen Malprozess, der zum Prinzip hat, nichts abzumalen, was ich schon gesehen habe, und der mit seinem Ergebnis mich selbst überraschen muss.

Nun betrachte ich mein kleines künstlerisches Werk wie ein winziges Tal, das wie durch ein Wunder noch nicht entdeckt wurde. Damit wir heute etwas als entdeckt bezeichnen, genügt nicht, dass dort Menschen durchgelaufen sind. Es muss wissenschaftlich erfasst sein und sich im besten Fall ausbeuten lassen, sei es durch die Entnahme von Rohstoffen oder touristische Nutzung. So gesehen gibt es auf unserer Erde kaum noch unentdeckte Gegenden. Ihre Zahl möchte ich durch mein malerisches und dichterisches Werk um eine vermehren. Das heisst, es gibt Menschen, die meine Bilder sehen oder meine Gedichte lesen – und das war’s. Sie ziehen weiter, fast spurlos wie Wikinger einst durch das heutige Nordamerika. Oder die noch unentdeckten Menschen in den Urwäldern Amazoniens.

Wenn dann aber die Frage kommt: Wann machst du eine Ausstellung? (Variante: Wann sieht man das in einem Museum?), klingt es in meinen Ohren wie ein Wanderer, der von einem Reisebegleiter in eine unentdeckte Gegend geführt und vom ungewohnten Anblick erfreut, fragt: Wann kommen die Touristenbusse?

Das verstehe ich nicht. Vielleicht hängt es damit zusammen, worüber Goethe beim Anblick der Arena in Verona schreibt: Denn eigentlich ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben. Gilt das auch für Kunstausstellungen, Museen und Kunsthallen, die als erfolgreich gepriesen werden, wenn sich möglichst viele Menschen darin versammeln? Ein Amphitheatraliker wie ich ist davon jedenfalls beleidigt, weil er annimmt, die Menschen sähen vor lauter Begeisterung darüber, dass sie alle anwesend sind, seine Werke nicht. Lasst die Museen und Kunsthallen den Toten, die haben keine Gefühle mehr.

© Christian Zillner 2019

Abbildungen: Zwölf, Acryl auf dem Papier eines Katalogs vom Museo Pio Clementino im Vatikan, 2018

Christian Zillner, geb. 1959, Maler, Schreiber, Philosoph, Mitarbeiter im Falter Verlag, Wien

Fotos: Kati Bruder, Erich Klein

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2019/01/28/lasst-doch-die-museen-und-kunsthallen-den-toten/feed/ 0
An der Wien, Stalinplatz, Schwimmschulallee https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/21/an-der-wien-stalinplatz-schwimmschulallee/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/21/an-der-wien-stalinplatz-schwimmschulallee/#respond Fri, 21 Dec 2018 14:59:30 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2874 Achtundvierzigerplatz, Auf der Haide, Aufmarschstrasse, Clausewitzgasse, Iglgasse, Schiltergesslein, Stock im Weg,…

Verschwundene Strassennamen: Ist das nur ein weiteres vergnügliches Thema für Nostalgiker*innen? Noch so ein Ephemerismus, der trivialen Dingen bemerkenswerte Qualitäten zugesteht? Oder kann das mehr?

Strafhaus Gasse, Schwimmschulallee, Unter den Pfeilschnitzern, Versöhnungsstrasse,…

Erst in den 1860er-Jahren wurde die Adressenbezeichnung in Wien durch die Umstellung auf Strassennamen mit Nummern in die heute gültige Form gebracht. Ihre ideologische Bedeutung, also der Anspruch auf Allgemeingültigkeit, hinter dem sich die partikulare Interessen von Politik und Stadtgeschichte verbergen, ist immer noch gewaltig gross.

Die praktische Bedeutung von Benennungen aber schwindet mit jeder Stunde: für die Unter-40-Jährigen ist die Bezeichnung einer Verkehrsfläche mittlerweile eine inhaltsleere Buchstabenkombination in der Navigations-App des Taschencomputers.

Rothekreuz Gasse, Schwibbogen Gasse, Sofienalpenstrasse,…

So manche verschwundene Bezeichnung, das zeigt dieses Buch, hat durchaus mehr poetische Spannungskraft als historische. Im Bezirk Mariahilf soll es tatsächlich einmal eine Gasse mit diesem grandiosen Namen gegeben haben: Rückwärts am Berg (Seite 25).

Da möchte man sofort die alten Wiener*innen reden hören, in ihrem Dialektkauderwelsch, wie sie sich Rückwärts am Berg verabreden oder nach einer Vorstellung in der Oper nach Hause Rückwärts am Berg zurückfahren.

Grundsätzlich leben wir Ende der 2010er-Jahre in eine deutlich geschichtsvergessenen Zeit, die obendrein unter einem akuten Anonymisierungszwang leidet. Mitte Oktober zum Beispiel verkündete die städtische Gemeindebauverwaltung Wiener Wohnen, alle Namensschilder der 2.000 Gemeindebauten mit insgesamt 220.000 Wohnungen zu entfernen.

Die Namensschilder im Kommunalsozialbau sollten, um der Europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) zu entsprechen, durch neutrale Bezeichnungen mit Top-Nummern ersetzt werden. Ende November bliess die Stadtverwaltung dann zum vorläufigen Rückzug von dieser Namenslöschung.

Doch der Trend unserer Zeit ist nicht zu übersehen, und er wird kaum mehr Fahrt in die Gegenrichtung aufnehmen. Weil sich Bürgerrechte im Netz nirgendwo substanziell durchsetzen lassen – wie könnte die Anonymität der User und die Realität von Klarnamen gleichzeitig geschützt werden? Ein Ding der Unmöglichkeit! –, weil also die Digitale Revolution im Cyberraum an ihre juristischen Grenzen stösst, weicht der Datenschutz nun immer häufiger auf unser analoges Zilvilleben aus.

Die Mehrzahl der Privat- und Genossenschaftsbauten in Wien kennt ja schon längst nur mehr Top-Nummern am Klingelschild, und es ist darum nur mehr eine Frage der Zeit, bis die Entschriftung der Stadt Fortschritte macht. Der Zug zur Anonymisierung des Lebens ist nicht mehr aufzuhalten.

In 100 Jahren, so prophezeie ich, wird es in keiner europäischen Stadt mehr Strassennamen geben. Denn erstens lässt sich die urbanen Gesellschaft viel leichter in Ziffern vermessen. Hier setzt sich einfach die Logik der Rationalisierung durch.

Schon die Seelenkonskriptionen im 18. Jahrhundert, die Häuserschematismen und -kataster sowie die Einführung des Meldewesens sollten mehr als Orientierung für die Menschen bringen. Die permanente Evidenthaltung der Bevölkerung gab Auskunft darüber, wie viele Personen wo wohnten. 

Strassennamen haben schlicht eine Kontrollfunktion für die öffentliche Verwaltung. Dazu kommt, zweitens, der politisch-ideologische Auftrag, im öffentlichen Raum ein kulturelle Gedächtnis zu bilden, damit gewisse historischen Kämpfe und Errungenschaften, solche des Kollektivs, solche von Einzelnen, nicht dem Vergessen anheim fallen.

Seit Verkehrsflächen systematisch benannt werden, stellen sich immer ein paar Historiker bereitwillig in den Dienst von Machthabern, um erwünschte Meinungsbilder an die Gegenwartslagen zu vermitteln. Der Mensch ist bekanntlich ein zu Meinungsverschiedenheiten neigendes Wesen. Und um diese Meinungsverschiedenheiten nichts in das Grundsätzliche abgleiten zu lassen, müssen sie eben gelegentlich aktualisiert werden.

Die Beschriftung der Strassen mit bedeutenden Namen ist ein erprobtes Aufklärungsprogramm: mal mehr in weltbürgerlicher, dann wieder in plump propagandistischer Absicht. Hier können sich Politiker*innen mit Hilfe von historischen Expertisen therapeuthisch in Szene setzen. An den Hausecken schrumpfen so die Rätsel des Lebens zu grossartigen Weltansichten, die nach einer Woche allerdings nur mehr den Fremden auffallen.

Dass der Ballhausplatz, der Sitz der österreichischen Bundesregierung und des Staatsoberhauptes, einmal Revolutionsplatz geheissen ward, das gleicht in einer Nation, die sich an keine Revolution erinnern kann, einem Mysterium. Dabei haben die antimonarchistischen Aufstände im März 1848 von der Herrengasse aus ihren Ausgang genommen, diesem vornehmen Strassenzug nahe der Hofburg, an dem sich die Palais des Adels reihten.

Vorübergehend hat die Gasse der Herrschaften sogar einmal den Ehrentitel Freiheitsstrasse getragen; und auch eine Barrikadenstrasse soll es in der Innenstadt einmal gegeben haben, wenn auch heute niemand mehr so genau weiss, wo die verlaufen ist.

Strassennamen sind an lesekundigen Orten ein Gegenstand von Kulturkämpfen. Genauer gesagt: von politischen Scharmützel, die in gedenkkultureller Verkleidung daherkommen. Man erinnert sich an den jüngst tobenden Streit um den Dr.-Karl-Lueger-Ring, bekannt nach jenem herausragenden Wiener Bürgermeister aus dem Wien um 1900, der ohne Mikrophon vor einer Menschenmenge zu sprechen imstande war. Lueger war allerdings auch ein erklärter Antisemit, und die Anti-Antisemiten konnten sich erst 2012 mit einer Umbenennung des betreffenden Ringabschnitts durchsetzen.

In der Leopoldstadt gibt es eine Grosse Schiff Gasse, und die besteht auch weiterhin, obwohl es die dazugehörige Kleine Schiffgasse gar nicht mehr gibt. Verschwunden hingegen: die Feuerwerksallee sowie die 1946 bis 1956 bestehende Strasse der Roten Armee.

Wir erfahren in dem verdienstvollen, schmalen Werk, dass die Hitleristen nicht vor Lebendbenennungen zurückschreckten, von Adolf-Hitler-Platz vor dem Rathaus abwärts, gewissermassen. Aber diese Praxis kannte auch schon die Monarchie; dem Hochadel mussten mehr als Lehen und hochtrabende Titel geboten werden. Nach 1894 waren Lebendbenennungen von Strassen reserviert für das Kaiserhaus.

Bad Liebenwerda, Heilbronn, Stuttgart und Ulm haben nach dem Anschluss 1938 Verkehrsflächen nach Wien benannt; im Gegenzug fanden deutsche Bezüge Eingang in die Beschriftung von Wien: Berliner Strasse, Braunschweigplatz, Egerländer Platz. Sudetendeutsche und Blutzeugen der NS-Bewegung wurden buchstabiert, der Victor-Adler– zum Horst-Wessel-Platz, und später wieder zurück.

Der NS-Staat war in Wien übrigens nirgends besonders konsequent. Während man zum Beispiel die Überreste des christlichsozialen Bundeskanzlers Ignaz Seipel aus der Seipel-Dollfuss-Gedächntniskirche in Neufünfhaus auf den Zentralfriedhof umbettete und zahlreiche Verkehrsflächen umbenannte, um die Spuren der besiegten Austrodiktatur zu tilgen, blieben ausgerechnet Judengasse und Judenplatz im Zentrum der Stadt bestehen.

So besass bis 1945 die »judenrein« gesäuberte »Perle des Führers« einen Ort, der scheinbar nicht ins politische Konzept des eliminatorischen Rassenantisemitismus passte. Bedenkt man allerdings, dass zwischen dem Judenplatz und der Donau ein ganzer Bezirk brutal entvölkert worden war und die NS-Planung mittels der namensgetilgten Lasallestrasse das Zentrum an die Donau heranschieben wollte, bekommt auch das noch einen verdrehten Sinn: Vom Donaustrom sollte eine Prachtallee mit Kultbauten für die gefallenen Helden über die ausgelöschte Sozialdemokratie und das vertriebene und vernichtete Judentum in jenes historische Zentrum führen, das Erinnerungssymbole des zertrümmerten Habsburgerreichs und des plattgemachten Judentums enthielt.

Wie gesagt, das »Umtaufen« von Strassen und Plätze haben alle politischen Regimes praktiziert. 1919, als die Siegerjustiz des Ersten Weltkrieges die Anschlussträume der Restösterreicher an einen grösseren deutschen Staat verhindert hatte, tat die Sozialdemokratie ihre Verbundenheit mit dem Ausland durch eine Weimarer Strasse und einen Weimarer Platz kund. So deutschnational war der Austromarxismus einmal.

Aus dem revolutionären Volkswehrplatz von 1919 wurde 1956 der Mexikoplatz, weil sich die mexikanischen Regierung neben der Sowjetunion für die Souveränität Österreichs ausgesprochen hatte. So wirkte wenigstens, was 1938 nicht den geringsten politischen Einfluss auf das Weltgeschehen hatte, aber unter viel Trara in sämtliche österreichischen Schulbücher einzog, zeichenhaft vor der Jubiläumskirche nach.

Wussten Sie, dass Wien den US-Präsidenten John Fitzgerald Kennedy durch die Benennung einer Brücke würdigt? Der Garten der Republik, auch das gab es einmal, heisst mittlerweile Burggarten: ein seltsamer Kompromiss autoritärer Tage in Richtung Kaisergarten.

Kann man an verschwundene Gässlein und Umbenennungsorgien eine Lesefreude haben? Natürlich kann man das; weil nämlich heute immer noch jede europäische Stadt auf die Beschriftung ihrer Wände mit den Irrtümern der Gegenwart besteht. Ob die Strassennamen je etwas zum kulturellen Gedächtnis einer Metropole beigetragen haben, darf man zumindest bezweifeln.

Einen Bezeichnung wie Dreyhüt Gasse erinnert den modernen Leser wahrscheinlich eher an Three Rocks, Tennessee, jenem Vorort von Nashville, in dem Nancy Ritz und Sluggo Smith ihr Spassleben leben, als an die Wiener Vorstadt Neubau. – Drei Felsen, das ist ein präziser Ort in den Bergen, aber drei Hütten?

Der Alfred-Fried-Platz, benannt nach einem wortgewaltigen Pazifisten, ist verschwunden. Dafür ehrt die ehemalige Kanal Gasse heute Ferdinand Kürnberger, einen weiteren Schriftsteller aus der Spätzeit der Monarchie. Werden nun die Texte dieses vergessenen Autors von einem einzigen Spaziergänger mehr gelesen? Ich habe da so meine Bedenken.

Und ich sage sogar, wer einmal auf den Ernst-Jandl-Platz, einen Beserlpark auf der Wieden, oder auf den Ernst-Jandl-Weg, einen Fusspfad durch eine Wohnhausanlage im trostlosesten Kagran geraten ist, der möchte auf die kulturelle Bereicherung der Stadt durch wertvolle Strassenbenennungen lieber schon heute als morgen verzichten.

© Wolfgang Koch 2018

Peter Autengruber: Verschwundene Wiener Straßennamen, 124 Seiten, zahlreiche Abb. u. Karten, Schleinbach: Edition Winkler-Hermaden 2018, ISBN 978-3-9504475-6-9, EUR 19,90, www.edition-wh.at

Abbildungen aus dem besprochenen Band: K.u.k. Artillerie-Arsenal mit Maria-Josefa-Park. Anonymes Scherzbild um 1900. Der J-Wagen der Wiener Strassenbahnen in der Besatzungszeit.

Ernst-Jandl-Weg, Foto: M. Obermayr

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/21/an-der-wien-stalinplatz-schwimmschulallee/feed/ 0
Zwölf Epochengefühle knapp vor Mitternacht https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/18/zwoelf-epochengefuehle-knapp-vor-mitternacht/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/18/zwoelf-epochengefuehle-knapp-vor-mitternacht/#respond Tue, 18 Dec 2018 22:10:22 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2869 1900er: Élan vital, Revolte gegen den Rationalismus, Leben als eine Sache der Energie, Kunst als Religion, das sensationelle Ereignis zählt. Eigenwert der Frau und transzendentes Zukunftsversprechen. Ästhetischer Imperialismus, der schlicht nach allem verlangt.

1910er: Imagination und Handeln bewegen sich aufeinander zu, Romantizismus kreuzt Technizismus. Erschöpfung des bürgerlichen Zustandes, Heroismus der Schwäche, Konzentration auf den faustischen Augenblick. Intensivierter Zerstörungstrieb; Krieg als Bewährungsprobe für die Vitalität und Lebensstärke des Arteigenen. Unter Beschuss ertragene absolute Sinnlosigkeit.

1920er: Der Puffer zwischen Denken und Handeln als unumstösslicher moralischer Kodex ist verschwunden. Klassenbewusstsein und das Gefühl des Verrücktwerdens. Filmisch fragmentierter Raum, konjugierte Zeit. Gleichheits- und Solidaritätspostulate, die Erzählung einer konfliktfreien Zukunft.

1930er: Mathematische Träume von einer präzisen, quantifizierbaren Welt. Intuition und Vergötterung der Dynamik. Verdunkelung der Unfreiheit, die Suche nach Cäsar. Idee der Zukunft als eines absoluten Mythos. Leibeskultur, Halt der Uniform und Einwärtsbeugung der Sprache.

1940er: Der gewaltsame Archaismus autoritärer Regimes will das Leben in eine schöne Sache verwandeln. Auslese der Leistungsbereiten, Apotheose des diesseitigen Idealismus, Heroismus des Absurden. Der Drang zu Schaffen und der Drang zu Zerstören tauschen erneut die Plätze. Kitsch als Maske des Todes.

1950er: Empirischer Individualismus der Aufklärung, öffentlicher Rauchkult, Leistungswahn und Depression, Selbstfahrer an Tanksäulen, Wertegeschwätz. Die Plumpheit egalitärer Waffendemokratie: aufrichtige Todfeinde und die hypothetische Behandlung von Atomflüchtlingen. Logik ist Bewusstsein des Selbstseins.

1960er: Ausweitung des Modells des westlichen Produktivismus auf die ganze Welt. Die Ware, denunziert als getrenntes Übel. Flowerpower, LSD-Pazifismus, Aquarius-New-Age. Uns ist nichts unmöglich, wir können alles tun. Ein emphatischer Begriff von Vernunft: Aufhebung der Selbstunterdrückung, Entlarvung des demokratischen Scheins. Unversehrtheit des Kommenden und ein unentwirrbarer Sturm aus freudomarxistischer Orgasmuskunde.

1970er: Arbeiterismus, Betroffenheit, Erfahrungsfrömmigkeit, aber auch zur Schau getragenes Delirium und Denken in Begriffen wie Kontext und Zusammenfluss. Lust beim Umgang mit Ideen und Fakten. Sich-Wehren gegen die Gewalt der verinnerlichten Zwänge, Standhalten als Moment der Selbstidentifikation. Sinnmuster der Anti-Haltungen: Alltagserdung, Apologie der Abweichung, Rückkehr der aus der Geschichte Herausgefallenen.

1980er: Ende der Zeiten, Abschied von Wahrheit, Geschichte und Politik. Die Zivilisation hat ihren Siedepunkt überschritten, tritt auf der Stelle; Ereignisse finden nur mehr als Simulation auf dem Bildschirm statt. Agonie des Realen nach der Tod der Moderne.

1990er: Selbstwert-Obsession, Kunst des Loslassens. Bruch zwischen Nord und Süd und der daraus hervorgehende Gedanke des Limes. Unmöglichkeit eines neuen Gleichgewichts. Stromabriss der Aufklärungskritik. Wiederkehr des Religiösen als Kampf der Kulturen. Hyperbolische Ästhetik. Kulturell statt biologisch begriffene Geschlechterdifferenz.

2000er: Eingemeindung in Verwertungszusammenhänge, Regime der Selbstführung, Oberflächenüberladung. Die hypersexualisierte Moderne: Ekstase des Geschlechts im Stimulations-Entertainment. Logik pathetischer Eskalation, Entleerung der Rückzugsräume, Schmerz des Nichtwissens. Erschöpfung des politischen Betriebs, chronische Selbstanklagen der Demokraten. Sehnsucht nach Desidentifikation und Nondualität.

2010er: Wuchern der Affektlandschaften. Kultur des Verdachts, Konzepte der Distanz trotz der unmöglichen alten Unterscheidung nah/fern. Arroganz der Eliten und Feindseligkeit gegenüber allen Erscheinungen des Abstrakt-Universalen. Wahrheitsvermeidung, die Schmerz in irreale Zeit verwandelt. Diktatur der Sichtbarkeit: Sehenwollen, was real nie sichtbar sein wird.

© Wolfgang Koch 2018

Portrait: Barbara Philipp 2013 (Ausschnitt)

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/12/18/zwoelf-epochengefuehle-knapp-vor-mitternacht/feed/ 0
Wie kam die Rote Armee Fraktion eigentlich zu ihrem Namen? https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/09/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen-2/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/09/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen-2/#respond Fri, 09 Nov 2018 13:02:03 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2842 Das Ei der Roten Armee Fraktion war ein Onsen-Tamago, gegart in der heissen Quelle der kommunistischen Revolutionsrhetorik, und kaum war der mörderische Metropolenguerillero im Land der aufgehenden Sonne aus der Schale geschlüpft, brieten auch schon Linksradikale in Westberlin und Mailand an seinem Fortkommen.

Zur Erinnerung: Ende August 1969 gründete sich die RAF-Japan, ein Monat später warfen ihre Mitglieder Molotow-Cocktails auf Polizeistationen und am 31. März 1970 entführte ihr erfolgreichstes Kommando eine Boing 727 nach Nordkorea.

Nur 16 Tage später, und elf Tage nach dem Ende des Dramas in Pjöngjang, erschien am 16. April die Nr. 56 der Westberliner Anarcho-Postille Agit 883 mit einem ausführlichen Bericht zu den Heldentaten der Japaner, weiters eine Selbstdarstellung der RAF-Japan und ein paar moderat-kritisch Zeilen zum neuen Ideologiegebäu aus dem Fernen Osten.

Anonyme Autoren berichteten im Untergrundblatt über die japanischen Studentengewerkschaften, die offenen und demonstrativen Widerstand leisteten gegen die Verlängerung des japanische-amerikanischen Sicherheitspaktes und sie kritisierten die fehlende Massenverankerung der selbsternannten Rotarmisten. In ihrer Selbstdarstellung behauptete die RAF-Japan grossmäulig, sie bestehe bereits aus 2.000 Kadern (Berufsrevolutionären) und 6.000 Milizionären.

Ein Monat später, am 14. Mai 1970, wurde der mit dem Vietkong solidarische Warenhaus-Brandstifter Andreas Baader in Berlin von einer vierköpfigen Gruppe aus der Justizhaft befreit. In der Nr. 62 von Agit 883 vom 8. Juni meldeten sich die ultralinken Befreier mit einer euphorischen Erklärung unter dem programmatischen Titel »Die Rote Armee aufbauen« zu Wort. Dieser Text gilt heute als Gründungsdokument der deutschen RAF.

Schauplatz Mailand. In der ersten Erklärung der Brigate Rosse im Oktober 1970 hiess es unmissverständlich: »Wer keine militärische Macht hat, hat auch keine politische Macht«. Der erster Anschlag der Italiener: ein Brandsatz am Wagen eines Siemens-Managers.

Im April 1971 distanzierte sich die deutsche RAF von ihrer im Jahr davor ausgestellten Geburtsurkunde wieder. »Der Brief an 883 vom Mai 70 war zu allgemein«. Nun schwärmten die Untergrundkämpfer mit Worten des chinesischen Potentaten Mao Zedong vom bewaffneten Kampf als »der höchsten Form des Marxismus-Leninismus«, ohne den es keinen antiimperialistischen Aufstand in den Metropolen geben könne.

In derselben Verlautbarung benutzte die RAF ein Argument, das von Theoretikern des Guerillakrieges zu allen Zeiten angeführt wird: »Sowenig wie der Staat in der Lage ist, hinter jeden Arbeiter einen Gendarmen zu stellen, so wenig ist er in der Lage, jeden einzelnen Kapitalisten, Regierungsbeamten, Richter, Offizier usw. mit einem bewaffneten Posten zu schützen«.

Doch aus der Dislozierung der Macht konnten die Linksterroristen im urbanen Raum nirgendwo einen Vorteil ziehen. Dasselbe Argument benutzten übrigens auch die gerade aktuellen gewordenen Theoretikern der Sozialen Verteidigung für den Fall eines gewaltfreien Massenprotestes. Und die strapazierten den Gedanken mit weit höherer Berechtigung.

Das gewaltfreie Handeln hatte ja die Zeitgeschichte auf seiner Seite. Die Dislozierung der Kräfte war der Reichsarmee im Kapp-Putsch 1920, war 1923 den Okkupatoren im Ruhrkampf und 1968 dem Sowjet-Aggressor in der ČSSR tatsächlich auf den Kopf gefallen. Jeder einzelne Soldat und jeder Kollaborateur konnte von friedlichen Demonstranten moralisch in die Enge trieben werden, wenn nur eine erkennbare Mehrheit hinter den Protesten stand, wenn das Kollektiv standhaft blieb und Verhandlungen konsequent ablehnte.

Eine ohne Gewaltmittel geführte Defensive hatte sich in Prag acht Monate lang als den gegnerischen Kräften des Panzerkommunismus überlegen herausgestellt. Erst die ausbleibende internationale Solidarität und eine harte Spitzel- und Repressionswelle hatte dem »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« in der ČSSR den Garaus gemacht und bei der Neuen Linken im Westen das Vertrauen in die Aktionsmittel der Zivilgesellschaft erschüttert.

Boykott und Besetzung, Blockade und selbst Sabotageakte können von der Öffentlichkeit ebenso als »gewaltfreien Widerstand« wie als »bewaffneten Insurrektion« gedeutet werden. Die Crux von politischer Opposition liegt viel häufiger in der Selbstzuschreibung, das heisst in der Rhetorik der Akteure, als die Organisationsmechaniker von Parteien und Gruppen glauben machen wollen.

William Andrews, Autor der neuen RAF-Studie bei bahoe books, vermag nicht besonders scharf zwischen Radikalen, Militanten und Terroristen zu unterscheiden. Alle drei Lager der äusseren Linken stimmen im Glauben an die Notwendigkeit der Revolution überein, oder genauer: im Wunsch den Umsturzgedanken in die Menge zu tragen, um die geltenden sozialökonomischen Regeln zugunsten der unteren Schichten auszuhebeln.

Wo das nicht Kraft des besseren Arguments gelingt, also innerhalb der demokratischen Debattenkultur, da tritt die Agitation der Aktion an, um Aufmerksamkeit, Sympathie oder Schadenfreude in der Öffentlichkeit zu gerieren. Alle drei Positionen – Radikalismus, Militanz und Terror – stehen für eine entschlossene bis fanatische Umsturzideologie, sie behaupten den historischen Determinismus der Gesellschaftstransformation, um entweder eine marxistische »Diktatur des Proletariats« oder die postmoderne »Partizipative Governance« zu errichten.

Dass es bei dem Radikalen (der Begriff Extremist ist für die Rechte reserviert) nicht unbedingt um soziale Gerechtigkeitsfragen gehen muss, zeigen #MeToo-Feminismus, Klimaaktivist*innen und Selbstbestimmungskämpfe indigener Natur.

Der Radikale

Der klassische Linksradikale mythisierte die ArbeiterInnenklasse; sein autonomer Nachfolger in den 1970er-Jahren aber gleich mal sich selber. Der wollte nun »Politik in der ersten Person« machen. Horizont der Selbstermächtigung: die Multitude. Als Kapitalismus- oder Gobalsierungskritiker unterwandert der Radikale liberale Mainstream-Parteien (Entrismus) oder findet in transnationalen sozialen Bewegungen und Teilen der Zivilgesellschaft sein Zuhause. Symbole: Pride Flag, Stern, Rose, Tomate, geballte Faust.

Der Linksradikalismus der Post-1968er-Generation war ein Theoriegebräu, in dem sich protestierende Studierende selbst revolutionär missverstanden. Durch übervereinfachte Bilder von Kapital und Ausbeutung gelangte man zu den seltsamsten Thesen. Es herrschte damals ein heute kaum mehr nachvollziehbares Vertrauen in die Wirkmacht von Theorie, das sich u.a. auf die Lektüre von Linkshegelianern stützte.

Man schenkte einander nichts in den studentischen Denkzirkeln. In den Augen der Roten Zellen/ Arbeitskonferenz München, ein Vorläufer der Marxistischen Gruppe (MG), zum Beispiel führte das Sozialistische Büro in Offenbach einen »Kampf der verrückten Reformisten um die revisionistische Linke«. Akteptieren oder Rausfliegen aus der Bewegung war die Alternative.

Militante und RAF-Linke waren gegenüber solchen Stürmen im Wasserglas offen theoriefeindlich. »Die revolutionäre Theorie ist keine akademische Betrachtung, sondern in erster Linie eine Anleitung zum revolutionären Handeln«, verkündete die deutsche RAF im Mai 1971.

Es kann kein Zufall sein, dass eine der beliebtesten Metaphern dieser Jahre die des Sprengens war, eine Metapher, die durch die Erfahrung der Enge der bestehenden Verhältnisse nahegelegt wurde. Jede Explosion suggeriert bei Jugendlichen die vage Absicht zu schaden, zu erschrecken, zu zerstören. Das Blow-up bezeichnet den verdrängten Willen zur Macht, die anarchische Tendenz, die Dinge zu beherrschen, um das Leben zu unterdrücken.

Für die RAF-Linken wäre es schlicht absurd gewesen, die Abrechnung mit ihren Feinden (etwas mit Linken, die sich den »bürgerlichen Wissenschaften« anbiedern) dadurch zurückzunehmen, indem man sich verständlich zu machen versucht. Man wollte bewusst unverständlich sein.

Der Militante

Militante sind mehr oder minder gewaltbereite Bewegungslinke: Strassenkämpfer, Fabriks-, Haus- und Waldbesetzer, Tierbefreier, Jagdsaboteure; im Japan der 1970er waren es vor allem sich durch repressive Polizeimassnahmen in die Defensive gedrängte Demonstranten an den Universitäten. Die Militanz bildet eher einen innerlinken Habitus, und damit ein Milieu, als eine Ideologie. In der Punk-Ära legten sich die Militanten ein Selbstverständnis als »Autonome« und »Antifa« zu, das sich gleichermassen gegen den Staat und operaistische Organsiationsmodelle richtet.

Die Krawalle beim G20-Gipfel in Hamburg 2017 verursachten hunderte Verletzte und zwölf Millionen Euro Schaden an zerstörten Autos. Machtpolitisch ist dadurch kein einziger Stuhl ins Wanken geraten. Im Gegenteil: die Gesamtlinke wurde von den Tätern in der Ohnmacht vorgeführt, sich glaubwürdig von ihren kaltschnäuzigen Rändern abzugrenzen. Die Distanz der Bevölkerung zur Linken insgesamt wuchs.

Verfassung? Rechtsstaat? Repräsentative Demokratie? Der Militanten-Sprecher Gay Fawkes sieht darin bloss »lästige Bereinigungskrisen«; er grenzt sich nur gegen die moderate, gewaltfreie und legalistische Opposition ab, in Richtung Terror verzeiht er praktisch alles. Symbole: Hoodie, Vermummung, Steinwurf, Helm, Barrikade, Farbbeutel, Molotowcocktail, V wie Vendetta.

Der Terrorist

Als Terrorrist*innen bezeichnen wir jene Revolutionisten, die sich auf Grund ihrer Klassenanalyse zu einem Untergrundkampf mit paramilitärischen und kriminellen Mitteln gegen den Staat entschlossen haben. Zu Chaos mit höheren Zielen. Der kriegerische Ansatz ist auch der politische. Dabei besetzt die Guerilla, der Volksaufstand, den Raum, der Terrorist aber das Denken. Symbol: World Red Army, P 38, AK 47.

Unter Terror verstehen wir vorsätzliche Akte physischer Gewalt mit dem Ziel psychischer Wirkung auf andere. Genügt das als Definition? Muss der Terrorist nicht auch eine Ideologie haben? Müssen seine Taten systematisch erfolgen?

In den 1970er-Jahren hätten Sicherheitsexperten diese Frage mit Ja beantwortet, und sie hätten bestimmt auch noch eine politischen Theorie als handlungsanleitenden Rahmen für den Terror verlangt. Dass ein so enger Begriff den Staatsterrorismus nicht fassen kann, schien lange niemanden zu stören. Die Praxis des islamistischen Suizidterrors zwang die Forschung, das Kriterium einer systematischen Planung in der Terrordefinition zu verwerfen.

So nennen wir Terrorismus nun einfach jene Zerstörungen von menschlichem Leben, mit denen subnationale Gruppen und Einzeltäter illusionäre Ziele verfolgen. Der Nachteil dieser Definition: Sie sagt nichts über die innere Dynamik des Terrors aus.

Der bekennende Antibolschewik Boris Sawinkow beschreibt in seinem Roman Was nie geschah (1912) Aktivisten, die sich reihum in den Terror verlieben. Ihr Antrieb ist ein Gefühl. Das Ziel lautet zunächst soziale Gerechtigkeit, die durch eine Revolution erreicht werden muss. Bald wird das Ziel selbst zur Revolution, was wiederum Terror erfordert. Und schliesslich wird Terror selbst zum Ziel. »Ein Sozialrevolutionär ohne Bombe ist kein Sozialrevolutionär mehr«.

Der Gewaltforscher Uwe Steinhoff verfolgte 2007 den Ansatz, Terrorismus als Methode zu definieren. Demnach geht es bei den Anschlägen weniger um den Feind als um die Anhängerschaft. Terroristen wollen mögliche Fans beeindrucken – und dabei ist die Wiederholbarkeit ihrer Vorgehensweise ausschlaggebend. Dass man die Gewalttat theoretisch selbst nachahmen kann, zieht Sympathisanten in den Bann der Täter.

In Japans Medien setzte sich erst Ende der 1980er-Jahre der Sprachgebrauch durch, Mitglieder der JRA, einer von drei U-Gruppen, »Terroristen« und nicht mehr kagekiha, Radikale, zu nennen. Das ist durchaus erstaunlich, wenn man bedenkt, dass der Begriff in Europa seit dem 19. Jahrhundert im Gebrauch war; das FBI sprach 1974 im Fall der Patricia Hearst selbstverständlich von »Terroristen«.

Globalisierung

Die RAF-Deutschland sah sich solidarisch mit den Befreiungsbewegungen der sogenannten Dritten Welt. Ihnen wollte man mit der Metropolenguerilla den Rücken stärken und durch die Eröffnung einer zweiten Front die Kräfte des Imperialismus in Westeuropa binden.

Das Unternehmen stand stets unter einem finsteren Stern. Die Guerilla konnte sich weder auf ein revolutionäres Bewusstsein der Arbeiterschaft stützen, noch war sie aus einer Verbindung von Arbeiter- und Studentenbewegung erwachsen.

In der als Vorbild dienenden RAF-Japan dachte zunächst niemand an die praktische Vorbereitung auf den Bürgerkrieg. Das Bergversteck war eine reine Notlösung. Anders als in Italien, wo die Partisanenaktionsgruppen (GAP) unter der Leitung des Verlegers Giangiacomo Feltrinelli mit dem Gang aufs Land ein bestimmtes Konzept verfolgten.

Unter dem Eindruck von Staatsstreichgerüchten in Italien wollte man offensiv kleine militärische Zellen bilden, um dann, ausgehend von den Guerilla-Basen in den Bergen, einen bewaffneten Kampf zu führen, der nach und nach die ganze Bevölkerung erfassen sollte.

Das war aber die Ausnahme in der Terrorszene, geschuldet den Resistenza–Erfahrung der Italiener im Weltkrieg. Das Novum des RAF-Terrors lag in seiner Deterritorialisierung. Japaner überfielen die französische Botschaft in Den Haag, Palästinenser schleuderten eine Handgranate in eine überfüllte Pariser Drogerie, usw. Der Argentinier Guevara hatte es in Kuba, im Kongo, in Peru und in Bolivien vorgemacht – ein globalisierter Comandante könnte überall auftauchen.

Das Niemandsland der Globalität schien sich immer dann aufzuheben, wenn ein Attentäter seine Waffen aus der Tasche kramte. Barbara Sichtermann und Peter Brückner formulierten dieses Paradox in den Schwarzen Protokollen 1975 folgendermassen:

»Wer im globalen Niemandsland der Transnationalität den globalen Terrorzusammenhang des Weltimperialismus unmittelbar angreifen will, wer in solcher Absicht tatsächlich losschlägt, findet sich dann doch irgendwann auf einem von lokalen Bedingungen bestimmten, in nationale Schranken begrenzten Boden wieder, er entdeckt die eigene Abhängigkeit von diesen Bedingungen und die Tatsache, dass er auf sie einwirkt. Wenn er dann immer noch glaubt, es sei die Globalität, die er am Wickel hat, sozusagen in kosmischer Verkleidung, dann beginnt das Wahnsystem«.

Gewaltmythos

Für die selbsternannten Rotarmisten war die Revolution das absolut Gute. Ihr psychologisches Profil unterschied sich nicht von dem der Rechtsextremisten: sie befriedigten ihr Bedürfnis nach umfassenden und definitiven Antworten, ihr Bedürfnis nach ruppiger Ablehnung jedes Zweifels. Terror hiess rabiate Entscheidungen statt mühseliger demokratischer Entscheidungsfindung. Kurzer Prozess statt Dauerpalaver!

Die Kritik der Waffen sollte laut Andreas Baader das Scheidewasser der »Identifizierung« sein. Klaus Hartung erkannte in solchen Äusserungen einen weiteren »eigentümlichen Moment der antiautoritären Revolutionstheorie«, nämlich der Identität von Gewaltdebatte und Revolution.

In der Gewaltdebatte reflektiert die Linke bekanntlich ihre eigenen Möglichkeiten: den öffentlichen Spielraum eines Sich-Wehrens. Für die RAF diktierte der Staat den Handlungen eine Bedeutung zu, auf die sie von selbst gar nicht gekommen wären. Dabei erschienen die Waffen gegen die Gewalt der verinnerlichten Zwänge noch notwendiger als gegen die Staatsgewalt. Die subjektive Energie des einzelnen sollte im kollektiven Standhalten gegenüber der Staatsgewalt zu ihrem Recht gelangen.

Man wagte die Parole »Sieg oder Tod« neu zu formulieren. Und dieser Dezessionismus hatte den RAF-Mitgliedern auf vertrackte Weise wieder genau das zu bieten, was auch in der friedlichen Gesellschaft an individuellem Glück zu haben war: Sozialprestige (in der klandestinen Gruppe), Beweglichkeit (im Untergrund), Konsum (erbarmungslos an sich selbst bekämpft). Die gegenseitige Kritik der RAF-Leute war schneidend, schonungslos bis hin zur mordenden Kälte.

Es gibt einen SDS-Text, formuliert vom Springer-Arbeitskreises der Kritischen Universität (KU) in Berlin, der unter dem Titel »Der Untergang der Bild-Zeitung« am 16. Juni 1968 als Broschüre erschienen ist. Darin wird behauptet, die subjektive Energie des einzelnen gelange überhaupt erst durch den Waffengebrauch zur ihrer wahren Gestalt. Die verdrängte Erfahrung von unmittelbarer Bedrohung werde nämlich durch Identifikation mit der Gewalt veränderbar.

In dieser Perspektive behauptet sich ein emphatischer Begriff von Vernunft: Aufhebung der Selbstunterdrückung, Entlarvung des demokratischen Scheins. Der Griff nach der Waffe erschien den terroristischen Globalisten als endgültige Befreiung von der bürgerlichen Herkunft. Er wurde ebenso zum Gruppendogma wie die Theoriefeindlichkeit und die Welt ohne Grenzen.

Warum sollen uns diese linken Interna der 1970er-Jahre heute noch interessieren? Ich meine, aus den Gründen der Wirkungsgeschichte des Terrors. Eine weltweite »anti-imperialistische Revolution« stand nie vor der Tür, statt dessen hatte die bewaffnete Verwirrung der Post-1968er überall die gleichen fatalen Folgen:

Der Terror von links war in Japan der entscheidende Auslöser für den Niedergang des studentischen Aktivismus und damit eine Ursache der lang andauernde Stagnation in Politik und Gesellschaft. Im Nahen Osten dominierten in den 1960er- bis 1990er-Jahren nationalistisch-sozialistische Gruppen, fast immer mit scharf antisemitischem Einschlag und terroristischen Ablegern – der Schwarze September als Teil der PLO, die Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Ein halbes Jahrhundert Terror hat kein einziges der Probleme in dieser Weltregion auch nur ansatzweise gelöst, sondern jeden Aufbau von Rechtsstaatlichkeit verhindert. In den zwei wichtigsten Ländern des Nahen Ostens, Syrien und Irak, ist durch Terror und Krieg ein riesiger Rückzugsraum entstanden, von dem aus der Terror heute weltweit orchestriert wird. 

Migrantenrevolution

Die Kritik ultralinker Illusionen lässt sich heute auch an der Migrationenrevolution aktualisieren. In den 1970- und 1980er-Jahren war der »transnationale Raum« der Terroristen die Provinzialität des kommunikationsarmen Untergrunds oder des Gefängnisses. Also der Ort einer kleinen, isolierten Minderheit, die durch ihre Verbrechen die gesamte Linke in Misskredit brachte und um Jahrzehnte zurückwarf.

Heute ist der »transnationale Raum« der Flüchtlingsströme eine Projektion der zukünftigen Weltordnung, getragen von der Mitte der Dienstleistungsgesellschaft, vom Weltbürgertum als westlichem Lebensstil. Grosse Teile der gesamten Linken belächelt bereits die Prinzipien der völkerrechtlichen Souveränität und die sozialen und sicherheitspolitischen Errungenschaften im Rahmen des Nationalstaates.

Ökonomische Streitfragen, die Frage nach dem besten Staat und der besten Verfassung – das ist in den Hintergrund gerückt. Die moralisierende Linke einigt sich mit dem Liberalismus auf die bequeme Phrase, dass der Klimawandel die globale Fluchtursache sei und Zuwanderung ein unteilbares Menschenrecht.

Die Provinzialität dieser Abstraktionen wird zwar nicht erzeugt, aber doch vorangetrieben von der No-Border-Bewegung, die gleisnerische NGO-Aktivitäten auf Rettungsschiffen und betrügerische Asylpraktiken in den Kopiershops entfaltet.

Hier haben wir wieder das Bild der 1970er-Jahre: eine politische Linke, öffentlich marginalisiert durch Militante und verwirrte Idealisten – NGOs, Menschenschmuggler, Dokumentenfälscher –, der Homo politicus im harten Ringen um Mehrheiten für den demokratischen Systemwandel durch den linken Fundamentalismus jeder Glaubwürdigkeit beraubt.

© Wolfgang Koch 2018

William Andrews: Die Japanische Rote Armee Fraktion. Vorwort von Gregor Wakounig. Wien, Tokio: bahoe books 2018, ISBN 978-3-903022-77-5, 150 Seiten, EUR 15,-

Bild: Flughafen-Attentäter Okamoto Kōzō 1972, bahoe books

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/09/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen-2/feed/ 0
Wie kam die Rote Armee Fraktion eigentlich zu ihrem Namen? https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/07/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/07/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen/#respond Wed, 07 Nov 2018 13:11:27 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2837 In den 1970er und 1980er-Jahren wirkten in der BRD eine Reihe von lebhaften Intellektuellen in mutigen Medien und Verlagen. Sie problematisierten in handlichen Büchern bei Wagenbach und bei Hanser, in den Editionen Tiamat und ID-Archiv die Geisterfahrt des damaligen Linksterrorismus, lieferten kluge Autopsien des Masslosen zwischen Proletkult und Gewaltverzückung, Mobilitätswahn und Abgrenzungswünschen.

Ich spreche hier vom Sozialpsychologen Peter Brückner, den Publizisten Barbara Sichtermann, Wolfgang Pohrt und Klaus Hartung, dem Sozialhistoriker Karl Heinz Roth, und einigen anderen.

Die Namen und Texte dieser Analytiker und Kritiker des »bewaffneten Kampfes« sind heute noch gründlicher vergessen als die blutigen Operationen der fanatischen Aktivisten. RAF-Attentate gelangen mittlerweile nur mehr als Drehbuch von Thrillern ins öffentlichen Fernsehen, wobei dann die Fiktionalisierung der Ereignisse zur Gänze aufs Privatmoralische setzt.

Aber die psycho-pathologische Charakterstruktur von Terroristen und ihren Sympathisanten führt zu keiner befriedigenden Erklärung für ein urbanes Generationsphänomen, dessen dunkler Rausch in den Protesten gegen den Vietnamkrieg begann und in der Stummheit von Friedhöfen und Gefängnissen immer noch nachklingt.

Im Oktober 2017 haben der Filmregisseur Volker Schlöndorff und der Schauspieler Christof Wackernagel die Amnestiediskussion für RAF-Häftlinge in Deutschland neu anzustossen versucht. Vergeblich. Der Appell ohne jedes Echo ging davon aus, dass bei einem Konflikt, der die Menschen in einer Gesellschaft derart hochschaukelt, moralisch beide Seiten schuld sind.

Das Problem sei nur politisch zu lösen, meinten Schlöndorf und Wackernagel: »Politische Amnestie bedeutet die Würdigung der RAF als politische Organisation und ist damit zugleich das Haupthindernis einer Amnestie. Die harte Haltung des Staats ist wohl die wichtigste Ursache der Stagnation dieser Debatte«.

Die deutsche Bundesregierung, meinten die Verfasser, habe jederzeit die Möglichkeit mit einer Amnestie für die Metropolenguerilleros eine Altlast der Bonner Republik aus der Welt schaffen. Dann könne in aller Offenheit über alles geredet werden.

Der Appell verhallte gräulich verfrüht. Er wurde nur mehr von den schrägsten Geisterfahrern der Gegenkultur verbreitet, etwa in Werner Pipers Brösel-Blog im Odenwald. Die Debatte um die RAF, ihre psychosozialen Ursachen, ihre Zeitkritik, das Nachdenken über all die ungeklärten Hintergründe, Zusammenhänge und Täterschaften hat sich aus der Öffentlichkeit schon verabschiedet, bevor die ehemaligen RAF-Mitglieder und die Hinterbliebenen ihrer Verbrechen aus dem Leben gegangen sind.

In dieser gedächtnislosen Situation haben es die Rüsselkäfer und Kohlweisslinge unter den Vögeln und die Sucher nach der Wahrheit unter den Menschen natürlich ausgesprochen schwer. Aber es gibt sie vielleicht noch, die guten alten Fragen nach dem Ursprung der unversöhnlichen Bewegungen und der verbarrikadierten Prinzipien.

Wenn der in Tokio lebende Autor und Übersetzer William Andrews wissen will, wie es damals wirklich gewesen ist, studiert er historische Dokumente und Selbstdarstellungen der Terroristen, interviewt Aussteiger und Überlebende, und er versucht auf diese Weise das pompös Unverständliche der mordenden Weltrevolutionäre ohne die für die deutschen Zeithistoriker und Verschwörungstheoretiker typische biographische Detailversessenheit nachzuzeichnen.

Andrews berichtet von Blockaden linker Gruppen gegen US-Nachschubbahnhöfe am Ende der 1960er-Jahre, von Kampfdemonstrationen gegen die Enteignung von Äckern für einen Miiltärflughafen. Ganze Bauerndörfer verbündeten sich mit den Studierendengewerkschaften von 60 Universitäten des Landes; Eisenbahner soldarisierten sich in wilden Streiks. Die jungen Aktivisten erlernten im »antiimperialistischen Widerstand« die Kunst des Stockfechtens, um sich gegen den polizeilichen Ansturm auf Blockaden und Besetzungen zu wappnen. Arbeiter griffen zu Molotow-Cocktails.

In diesem aufgeheizten und gewaltschwangeren Protestklima entstand 1969 die RAF-Japan (Senkigun-ha), von der bis Jahresende 290 Kombattanten im Gefängnis endeten. Man kann im Rückblick sagen: Die universitäre Linke Japans absolvierte den Schritt vom politischen Bewusstsein vom militanten Widerstand und den Sprung vom militanten Widerstand zur Guerilla in absolut beunruhigender Dringlichkeit.

Die zusammengeschlossenen Hochschülerschaften (Zengakuren) boten einer Anzahl von Funktionären ein unabhängiges Einkommen. Sie konnten sie überall von linksradikalen Gruppen dominiert werden, die sich in Opposition zur Kommunistischen Partei befanden. Aus einer Splittergruppe der KP-Jugend, dem Bund der Kommunisten (Kyōsandō), ging Ende August 1969 die RAF hervor. Der Anführer dieser »globalen Roten Armee« hiess Shiomi Takaya, stammte aus Hiroshima, studierte in Kyoto und war gerade erst 28 Jahre alt.

Shiomi starb mit 76, nach zwanzig Jahren Haft und einem späteren Dasein als Parkplatzwächter und Seniorenaktivist, im November 2017. In seinen kurzen Tagen als romantischer Aufrührer und RAF-Gründer verknüpfte er Trotzkis Forderung einer simultanen Weltrevolution mit der Agitation einer trainierten Guerillaarmee.

»Wir haben jetzt den Faschismus in Japan«, hiess es in den ersten Papieren dieser Möchtegern-Partisanen. »Der Erfolg unseres politischen Programmes hängt ab von unserem militärischen Programm«. Nach den Stockkämpfen könne man nur noch tödliche Waffen und Bomben in die Hand nehmen.

Den ersten Toten gab es allerdings nicht beim erwarteten Feindkontakt, sondern bei einem internen Machtkampf verschiedener Zengakuren-Fraktionen. Ende September 1969 schritt dann die selbsternannte Weltarmee in Osaka und Tokio tatsächlich zur Tat und warf Molotow-Cocktails auf Polizeistationen.

Von diesen Brandflaschen und Benzinbomben beschlagnahmen die japanischen Behörden allein in den letzten drei Monaten des Jahres 1969 über 10.000 Stück. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung, im März 1970, plante Shiomi bereits Flugzeugentführungen. Umgesetzt wurde seine neue Taktik vierzehn Tage später ohne ihn mit einer Boing 727 der Japan Airlines.

Neun Terroristen, nunmehr unter der Führung eines 27jährigen Kommandanten, der Jüngste war 16, kidnappten den Flieger im Stil Münchhausens mit Samuraischwertern, Bomben- und Pistolen-Attrappen. Um nach Nordkorea zu jetten, war allerdings nicht genug Sprit im Flugtank vorhanden.

Die sogenannte Yodogō-Entführung stoppte zunächst in Kimpo nahe Seoul, wo die alarmierte südkoreanische Luftwaffe eilends ein Attrappen-Pjöngjang errichtet hatte. Die Kulisse verrutschte, das monströse Ereignis kippte vom Lächerlichen zurück ins Monströse. Nach achtzig angespannten Stunden kamen die Geisel im Tausch gegen einen japanischen Vizeminister frei.

Vor dem Weiterflug in das echte Pjöngjang, wo die Gruppe umgehend mit der Ideologie der nordkoreanischen Diktatur indoktriniert wurde, verlasen die Entführer eine Deklaration, die mit den bemerkenswerten Worten endet: »Wir sind Ashita no jō!«. Der hier zitierte »Morgen-Joe«, in dessen Namen ein internationales Gewaltverbrechen verübt wurde, war in Japan niemand anderes als die populäre Manga-Figur eines jungen Boxers.

So bizarr wie die Flugzeugentführung begonnen hatte, endete sie auch. Die antiautoritären Helden der RAF-Japan verdingten sich nach ihrer Landung am neuen Zielort als willige Helfer der nordkoreanischen Geheimdienste. In den folgenden Jahren holten die Männer still ihre Ehefrauen aus Japan nach, die wiederum in den 1980ern an der Entführung von Japanern in europäischen Städten beteiligt gewesen sein sollen.

Der japanische Ché in Haft, das erste Kommando im Dienst des stalinistischen Diktators Kim Jong-il… – ein Fiasko der Sonderklasse! Allein die Logik dieses Terrors war eine der Selbstermächtigung, und die lässt sich durch keine Komik beirren.

Der Rest der RAF-Guerrilleros vereinte sich mit einer nicht-studentischen Gruppe im Land, der Vereinigten Roten Armee, und 24 Kader versuchten ab Oktober 1971 mit geplündertem Geld und gestohlenen Jagdgewehren eine Basis in den Bergen der Präfektur Gunma zu schaffen.

Auch dort war der Anführer, Nagata Hiroko, 27 Jahre alt, die meisten Hüttenbewohner um die Zwanzig. Im Dezember 1971 fing die Gruppe an, ihre eigen Mitglieder zu lynchen. In den wenigen Wochen bis Februar 1972 starben zwölf der Untergrundkämpfer unter den grausamsten Umständen von Hand ihrer Genossen und Genossinnen.

Das bis heute grösste Rätsel: Warum hat niemand von den Gelynchten vor seiner Hinrichtung auszusteigen oder aus den Bergen zu fliehen versucht? Andrews macht das »inhärente japanische Verhaltensmuster« des Gruppenkonformismus für die Säuberungen verantwortlich, andere Kommentare den enormen Verfolgungsdruck durch die Polizei.

Beide Antworten befriedigen nicht. Die rhetorisch Selbstherrlichkeit der Kapos lässt sich zum Beispiel sehr gut mit der Diktatur der freien Sexualität durch Otto Mühl in seiner burgenländischen AAO-Kommune ab 1972 vergleichen. Die tyrannische Energie führte in beiden Fällen ein Eigenleben in den Strukturen, die man sich gemeinsam geschaffen hatte.

Die Abweichler von der richtigen Linie oder vom Sprachgebrauch der RAF-Anführer wurden wegen geringster Missetaten wie Schminken, Masturbation oder mangelnder Selbstkritik verhört, gefoltert, vor ein Tribunal gestellt, und anschliessend erstochen, dem Hungertod oder dem Erfrieren ausgeliefert.

Als nach einem Umzug und der Belagerung eines neuen Unterschlupfes, der Asama-Hütte, die kannibalistische Wahrheit der inzwischen 51 »Revolutionäre« ans Licht kam, übertrugen die TV-Stationen Marathonsendungen live in alle japanischen Haushalte, und auch die Belagerten sahen sich selbst am Schirm.

Mit dem mehrteiligen Hütten-Drama war der Spuk allerdings nicht zu Ende. In der Folge entwickelten untergetauchte Kader neue terroristische Strategien, mit denen sie sich nach Innen oder nach Aussen wandten. In Tokio und Osaka versuchten Aktivisten vergeblich das Lumpenproletariat und die Taglöhner der Armenviertel zu militarisieren, andere erkannten im indigen Volk der Ainu und in der Minorität der Koreaner das »revolutionäre Subjekt«. So kritisierte man nicht mehr allein den »amerikanischen Imperialismus«, sondern auch das eigene Land.

Eine Nachfolgeorgansiation der RAF, die Japanische Rote Armee, verlegte sich auf das Ausland. VRA-Mitglieder benötigten kein revolutionäres Subjekt als sich selber. In ihrem ersten Akt der Weltrevolution erstachen sie einen 21jähigen Wachsoldaten, um Waffen in einer Kaserne zu requirieren. Dann sandte die VRA ihre Leute zur militärischen Ausbildung nach Nordvietnam, Kuba und in den Nahen Osten.

Besonders die palästinensische Sache im Libanon hatte es den Japanern angetan, eine zirka 20köpfige Truppe lebte für knapp dreissig Jahre kontinuierlich in Palästinenserlagern im libanesischen Bekaa-Tal. Im Terror gegen Israel kam die nachweisliche Stasi-Agentin Shigenobu Fusako, Decknamen Samira, als sympatisches Gesicht der internationalen Solidarität ins Spiel. Im Büro des PFLP-Terroristen George Habash bereiteten die Japaner die Entführung des Sabena-Fluges 571 durch ein Kommando des Schwarzen Septembers vor.

Am 30. Mai 1972 befanden sich etwa 300 Menschen in der Ankunftshalle des Tel Aviver Flughafens Lod. Drei Japaner kratzten noch rasch die Fotos aus ihren gefälschten Ausweisen, als die Koffer auf den Gepäckbändern hereintransportiert wurden, um ihren Familien zu Hause die Schande zu ersparen, die sie ihnen in den nächsten Minuten bereiten würden.

Sie zogen Schusswaffen und Handgranaten aus dem Gepäck, stellten sich Schulter an Schulter in die Mitte der Halle und mordeten drauf los. Bilanz des Massakers: 26 Menschen tot und über 78 (im Buch 70) verletzt.

Der Planer war ein Palästinenser. Die beiden Komplizen des 25jährige Okamoto Kōzō überlebten das Blutbad nicht. Alle drei VRA-Attentäter wurden mit dem Massaker zum Vorbild für Palästinenser, Araber und Dschihadisten in der ganzen Welt.

Aus der Holocaust-Forschung wissen wir, dass jeder Versuch, die Unbegreiflichkeit von Auschwitz festzuschreiben, zu einer negativen Ontologie tendiert. Wo nichts mehr gedeutet wird, wo die methodische Reflexion und Selbstreflexion aussetzt, tangiert uns auch moralisch nichts mehr.

Es ist heute schwer zu erklären, wo die Bewegungslinke aufgehört hat, Schlussfolgerungen aus ihren letzten Zivilisationsbrüchen zu ziehen. An den Rekonstruktionsmöglichkeiten der historischen Wahrheit kann es, wie dieses schmale Buch zeigt, nicht liegen.

Die gegenrationale Handlungslogik der Terroristen liegt seit der Tat offen vor aller Augen. Okamoto gab vor Gericht an, er habe beim Anschlag sterben und als Märtyrer der Revolution ein »Stern am Himmel« werden wollen. Er liefert damit den Beweis, dass kindliche Interessen zeitlos sind.

Okamotos Vater hingegen, ein pensionierter Volksschullehrer, schrieb an die israelische Regierungschefin Golda Meir: »Exekutieren Sie meinen Sohn so schnell wie möglich«.

Dazu ist es nie gekommen. Der Killer von Lod lebt seit einem Gefangenenaustausch 1985 wieder in Freiheit; im Jahr 2000 gewährte ihm die libanesische Regierung in aller Unschuld der geltenden internationalen Flüchtlingskonventionen politisches Asyl.

© Wolfgang Koch 2018

William Andrews: Die Japanische Rote Armee Fraktion. Vorwort von Gregor Wakounig. Wien, Tokio: bahoe books 2018, ISBN 978-3-903022-77-5, 150 Seiten, EUR 15,-

Bild: Das Cover-Girl des Linksterrorismus, Shigenobu Fusako. bahoe books

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/07/wie-kam-die-rote-armee-fraktion-eigentlich-zu-ihrem-namen/feed/ 0
Unsere Teilblindheit am Todestag von Egon Schiele (2/2) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/02/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-22/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/02/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-22/#respond Fri, 02 Nov 2018 09:53:27 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2806 »Frühvollendeter«, »schockierender Entblösser«, »Weltgeltung«, »grösster Zeichner des 20. Jahrhunderts«. Die Stimmen unserer Kulturinstitutionen und der Tourismus-Industrie überschlagen sich in ihrem Triumphalismus. Der Schiele rollt!  Doch im Merchandising dieses Genielebens bleibt die Kunst ohne Luft, leert sich das Gedächtnis und das Vergessen zugleich.

Wie Schnitzler und Klimt zeichnete Schiele auf, worüber vor einem Jahrhundert nicht gesprochen werden durfte. So wie seine beiden Zeitgenossen empfand er es als seine Aufgabe, den Schmerz einer Verdrängungsgesellschaft zu berühren. Und er blieb, jedenfalls als Künstler, unbeeindruckt von einer hysterischen Öffentlichkeit, die ihn einsperrte, wenn es darum ging, durch seine Augen seine Wahrheit zu gestalten.

Wie mit diesem seltsamen Erbe vergessener Kämpfe in unserer Zeit umgehen? Lieber anderes als in Paris, London und Wien. Alexander Nickl sucht in seinem dritten Künstlerbuch einen aufregend neuen Weg der Schiele-Rezeption. Er hat eine der Wissenschaft (Kunstgeschichte) und dem Städte-Tourismus verschlossene Form gefunden, sich der Schiele-Rezeption selbst zuzuwenden. Nickl kommentiert dabei den toten Künstlerkollegen nicht; sondern er erzählt auf höchst raffinierte Weise, was er gar nicht wissen kann.

Nickl thematisiert schlicht die Teilblindheit der Kunst in Bezug auf sich selbst. Also zunächst die Einsicht, dass der Künstler nicht jederzeit ganz der ist, der er zu sein glaubt: der leidenschaftlich Getriebene, und in einem zweiten, konsumverweigernden Schritt das Genie und den bürgerlichen Salon als Projektionsfläche der Massengesellschaft.

Mentagramme sind Nickls zuckergussfreie Gedankenzeichnungen, zum Verzweifeln unterkomplex, und auf der Suche nach dem verlorenen Glück in Prachtrahmen verkeilt. Mentagramm III, so der Buchtitel, um den es in diesem Text geht, bietet eine Ausstellung zum Hin- und Herblättern. Die dargebotene Schau eröffnet nach ein paar Klaviertakten mit dem Eintreffen Egon Schieles am Bahnhof von Altmünster, wo ihn sein Protege Arthur Roessler zwei Stunden und elf Minuten lang erwartet hat.

Zeitgleich mit der weitsichtigen, kommerziellen Verbindung dieser beiden Männer setzt sich am unteren Bildrand der Buchseite ein Lebenszüglein sanft in Bewegung und tuckert in der Folge durch neun Salons im Entre des sogenannten Neoprojektionstheaters, ein seit Nickls Lichtprojektionen in den Sofiensälen, auf der Fassade der Wiener Karlskirche, in einem Öltanklager und in einem Atomkraftwerk (2005/08) eingeführter Begriff, mit dem der Künstler das dynamische Verhältnis von Licht, Raum und Rezeption untersucht.

Im Blauen Salon zum Beispiel vollführen die Schiele-Doubles der Mentagramme einen heillosen Burlesque-Strip in Dita Von Teeses überdimensionalem Martiniglas. Im Kaminzimmer erwartet uns jene Orange am Sims, von der Schiele 1912 gesagt hat, sie wäre das einzige Licht im Gefängnis.

Das kleine Züglein verschwindet erst am Todestag auf Seite 167 wieder. Was dann bleibt, das finden wir, wie im richtigen Leben, im anschliessenden Bücher-Salon, wo nun Portraits, beleuchtet von Grabkerzen, zwischen Regalen mit bibliophile Werken oder Buchattrappen hängen. Die letzte Station vor dem Aufführungsaal: ein Shop, in dem es alle nicht von Nickls Kunstmaschine KD-L47 zertifizierten Werke als Schnäppchen zu kaufen gibt. Ein wahres Sammlerparadies.

Nickl ironisiert Schiele nicht mit geistlosen Feminismus-Phrasen, er stellt sich nicht in eine unangemessene Nachbarschaft zum Genie. Im Grund ist ja jede künstlerische Antwort auf das Werk, das nun mal von einer prononcierten Erotomanie getragen ist, absolut entbehrlich. Kunst ist kein Ort der sozialmoralischen Dispute, sondern des Phänomenalen, das wir zu akzeptieren haben.

In Mentagramm III datet der Gegenwartskünstler die Kunstgeschichte nicht up. Hier soll dem Betrachter kein Schmunzeln entfahren, werden keine Resonanzräume für Untertöne gebastelt. Hier erklingt kein generationenübergreifendes Duett von Jetztkunst und Gesternkunst wie bei den hypertransformen Skulpturen von Rudolf Polanszky, die derzeit im MQ zu sehen sind.

Beeinflusst von den Erkenntnistheoremen des Neurowissenschafters Eric Kandel fragt Nickl mit den Mitteln des Buchobjekts, was wir unter Raum und Bild zu verstehen haben. Ist ein Bild ohne Raum überhaupt vorstellbar? In welche Dimensionen führen uns die Neuen Medien hinein? Und was spielt das Frame in diesem Spiel für eine Rolle?

Wenn jede treffende Beobachtung über irgendein einzelnes Kunstwerk und seiner Wirkung zum Verständnis der gesamten Kunstausübung beizutragen vermag, dann ist Nickls Fusionismus das Schiele-Gen der Stunde. Seine fieberhafte Fantasie erschafft auf der Ebene der Zeichnung nichts, vielmehr ahmt sie nach, kombiniert, übertreibt, stellt Ähnlichkeiten fest.

»Die Mentagramme sind für mich existenziell«, sagt Nickl. »Ein Überleben ohne sie ist für mich nicht denkbar, sie pflastern den Weg zu meinem Point Zero. Ich denke, wenn es einen Stoffwechsel der Zellen gibt, den die Wissenschaft Metabolismus nennt, muss es auch einen psychophysischen Stoffwechsel geben, einen Stoffwechsel der Gedanken, den man Mentabolismus nennen könnte«.

In Nickls Installationen dampfmaschint es nicht mehr, wie zu Schieles Zeiten. Die Salonbilder-Bilder sind sichtbar gemachte Frequenzen aus Elektromyographen, die Körperspannungen aufzeichnen. Und im Lichtsalon (Station 6) lässt sich wahrnehmen, das da wohl noch weitere Schwingungen in der Luft präsent sind.

Nickl verbaut die Schiele-Rezeption klug in seiner Privatmythologie. Er überlagert das kollektive Geschehen, statt es zu kritisieren. Der deutsche Künstler bleibt sich selbst dabei undurchdringlich, er kontert die umfangreiche maltechnische Forschungsarbeiten am Jahrhundertwende-Genie mit seiner simplen Ja/Nein-Maschine, die der Documenta-Leitung im letzten Jahr so unheimlich war, dass sie das Enigma aus »Sicherheitsbedenken« von der internationalen Kunstschau fernhielt.

Alexander Nickl: Mentagramm III, Schiele, Eros und die Kunstmaschine KD-L47. Deutsch/ Englisch/ Japanisch, 200 Seiten mit rosa Wäschebändchen, ISBN 978-3-7356-0533-7, Bielefeld/ Berlin: Kerber Verlag 2018, EUR 28,-

Abbildungen: Neoprojektionstheater Wien

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/11/02/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-22/feed/ 0
Unsere Teilblindheit am Todestag von Egon Schiele (1/2) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/31/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-12/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/31/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-12/#respond Wed, 31 Oct 2018 19:37:26 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2809 Je älter man wird, desto überdrüssiger der Blicke, mit denen uns Schiele-Figuren zu fixieren versuchen. Auf unsichtbare Liegen hingeflätzte Kokotten, männerklammernde Mitzis, kopulierende Asthmatiker und ein glubschäugiger Mäzen. Hat man denn kein Recht auf Ruhe vor diesem neurotischen Tumult?

Schiele in London, Schiele in Liverpool, Schiele in Paris. In Wien im Belvedere und im stickigen Museum Leopold. Ein aufgepimptes Träumen voll des süssesten Lebensüberschusses, historisch schockierende Entblösstheiten auf Papier und Leinwand. Hochtrabende Prosa für Zeichenlehrer an jeder Ecke: »Preisgegebener als dieser Maler hat keiner Menschen gemalt«, solche Sätze.

Schon richtig, dass die gemeinsame Körperlichkeit, die psychische Verletzbarkeit, der wir nicht entrinnen können, etwas Konstitutives hat auch noch für den Online-Menschen. Aber wer bitte braucht Detailaufnahmen der Gemälde, sarcographische Nahsichten, massstabsgetreue digitale Rekonstruktionen früherer Versionen von Bildern, ameisenhafte Augmented Reality?

In den Museen erwartet uns ein Zirkus des Detailwissens und der Effekthascherei, der uns technisch beeindrucken will. Der Wert, ein Bild so zu sehen, wie Schiele es ursprünglich ausgeführt hat, ist für den Betrachter von der angewandten Seelenkunde gewöhnlich so weit entfernt wie der Stern der Erlösung für einen Stiftsgymnasiasten in Klosterneuburg.

Andererseits: dieser boxende »Kämpfer« von 1913, der in der ganzen Traurigkeit seines malträtierten Körpers die entsetzlichen Lagergestalten der Weltkriege vorwegnahm. Das hatte schon etwas beklemmend Prophetisches, und hat es noch immer.

Baudelaire unterschied in seiner Salonkritik 1847 drei Arten der Zeichnung: die exakte oder dumme, die physiognomische oder naturalistische, die imaginative oder geniale. Es ist vollkommen klar, dass wir es bei Schiele praktisch immer mit der letzten Kategorie zu tun haben.

Der Künstler hinterliess rund 250 Bilder und 2.000 Zeichnungen. Vieles Überlieferte ist uns in der Zeit der Klimakastrophe und der polternden Staatsoberhäupter aber einfach zu viel an Ausnahmebiographie. Das brutal romantische Geburtshaus der Mutter in der Parkàn-Gasse Nr. 111 in Český Krumlov. Die grimassierenden Aktselbstbildnissse. Der Wahn gefallener Engel eines Mystikers. Das Pathos von Schieles Armutsideal (»Erlösung«, »Andacht«, »Die Wahrheit wurde enthüllt«). Die spanische Grippe. Die Haarlocke seiner Gattin Edith.

Schiele hat keineswegs das harte Künstlerschicksal des jungen Van Gogh oder des jungen Modigliani erdulden müssen, wie das der Ausstellungs-Hype im Nachhinein suggeriert. Der Künstler hat rechtzeitig einflussreiche Mäzene, Sammler und Förderer gefunden; er zeichnete selbst noch als Wachsoldat in einem Kriegsgefangenenlager weiter und überdauerte den restlichen Tanz über den Gräbern im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien.

Schiele stellte mehrmals mitten im Krieg aus. Sein Aussenseitertum war durchaus bodenständig und die ganze Existenz so sehr im Lot, dass sich mit seinen Imaginationen schon zu Lebzeiten Geld verdienen liess.

Seit dem Tod Adornos hat auch der Glaube an die Kunst als eine Sphäre, in der Metaphysik überlebt, seine Überzeugungskraft eingebüsst. So befinden wir uns heute in der unbequemen Lage von Menschen, die die Dürftigkeit ihres Zustands erkennen und zugleich weiter Abhilfe in der Genierreligion suchen.

Der Kulturforscher Edgar Zilsel hat vor hundert Jahren ganz richtig erkannt, dass es die Nachwelt ist, die dem Geniekult huldigt, nicht die Zeitgenossen. Wir sind es, die mit quasireligiöser Verehrung auf das Leid reagieren, das die Mitwelt Schiele über einige Jahre durch Verachtung und Verfolgung zugefügt hat. Auf diese Weise wird er zu einem Märtyrer einer ständig aktiven Sprache der Sichtbarkeit. Und der Nachweltruhm spendet ihm, dem Toten, Trost für die scheinbar vorenthaltene Anerkennung.

© Wolfgang Koch 2018

Alexander Nickl: Mentagramm III, Schiele, Eros und die Kunstmaschine KD-L47. Deutsch/ Englisch/ Japanisch, 200 Seiten mit rosa Wäschebändchen, ISBN 978-3-7356-0533-7, Bielefeld/ Berlin: Kerber Verlag 2018, EUR 28,-

Abbildungen: Neoprojektionstheater Wien

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/31/unsere-teilblindheit-am-todestag-von-egon-schiele-12/feed/ 0
Vom Bankettieren bei intellektueller Vollkommenheit https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/29/vom-bankettieren-bei-intellektueller-vollkommenheit/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/29/vom-bankettieren-bei-intellektueller-vollkommenheit/#respond Mon, 29 Oct 2018 12:37:15 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2800 Kochbücher für Freunde, in denen mehrfach erprobte Rezepte für gut gelaunte Feinschmecker verzeichnet stehen, sind wahre Raritäten; sie erblicken selten das Licht der Welt und noch seltener fallen sie Fremden in die Hände, und falls doch, dann werfen solche Küchenhilfen für Freunde zuerst einmal die Frage auf, was das wohl für Leute sind, die solchen exotischen Essgefühlen nachgehen.

Sind es Hausmütterchen? Oder gefrässige Feinschmecker, gastronomische Aufschneider? Sind es Lifestyler wie der erfolgreiche Austrovietnamese Martin Ho? Oder Tierpräperatoren, die den Papageiertaucher endlich einmal so zubereiten wollen, dass er nicht nach altem, gebrauchtem Fett schmeckt? Werden diesen Freunden, wie Simplizissimus, zwei Augen aus einem Kalbskopf zuteil? Oder soll sie das schmackhafte Gericht, wie ein Ausweis gelebter Jüdischkeit, an ihre Kindheit erinnern?

In unserem Fall ist das »Kochbuch von Freunden für Freunde« ein Sammelwerk des Jonny-Weissmüller-Bundes, einer kunst- und literatursinnigen Fraktion des Weltsteirertums, personifiziert im Herausgeber Dietmar Werner. Wie bei der Lord-Jim-Loge oder dem Hell-Fire-Dinning-Club oder der Raoul-Bumballa-Gesellschaft verbergen sich dahinter Avantgardisten und Muskelfrauen, Philosophen und Analytiker, in unserem Fall solche aus den frühen Nullerjahren.

Allegro ma non troppo, so der Titel dieser Freunde-Küche, erschien erstmals in spiralisierter Form im Oktober 2002. Damals waren im österreichischen Kultursumpf die mittlerweile wieder vergessenen Austroavantgardisten Kurt Palm und Heimo Zobernig aktuell. Elfriede Jelinek blamierte sich – zwei Jahre, bevor sie den Literaturnobelpreis von einem korrupten und frauenfeindlichen Nobelpreiskomitee entgegen nahm – mit dem herzlich einfallslosen Bürokratensatz: »Ich kann aber überhaupt nicht kochen und kenne deshalb auch keine Rezepte«.

Andere blamierten sich vor ihren Freunden nicht, oder jedenfalls weniger, so dass das Antikochbuch dieser Tage in einer zweiten, gebundenen Ausgabe erscheinen kann. Da Künstler und Intellektuelle naturgemäss ein gespaltenes Verhältnis zu praktischen Vorgängen wie dem Kochen besitzen, und österreichische Künstler und Intellektuelle von Backerbsensuppe, Kaiserkrainer und Erdäpfel-Blunz’n-Gröstl erstickend umkreist sind, wird jedes Rezept automatisch zum einem Widerstandsakt gegen das österreichische Gemüt in der Weltdemokratie.

Es gibt in dem wunderlichen Kochbuch drei konkurrierende Haltungen. Entweder verweigert die Teilgruppe der 43 Freunde ihren Freunden eine Rezeptur; der 2003 verstorbene Musikjournalist Marcel Prawy, jahrzehntelang das TV-Gesicht der Wiener Staatsoper, z.B. erklärt: »Da ich nur kaltes Brathuhn, Maroni und Gefrorenes gerne esse, halte ich das Kochen für die überflüssigste Beschäftigung der Welt«.

Eine zweite Gruppe der Freunde weicht auf essayistische Teller aus oder publiziert Menüpläne, darunter einen der französischen Fremdenlegion. Es gibt eine Abhandlung zum Guten Geschmack, ein Archiv nie gekochter Rezepte. Es wird die schwierigste aller küchenreligiösen Fragen verhandelt, nämlich, ob es eines »Rezepts für alle Rezepte« bedarf.

Im November 1951 stellte Franz Baermann Steiner, dieser golemhafte Schatten des Schriftstellers Elias Canetti, die sozialanthropologische These in den Raum, das Blütenessen sei »ein unbewusstes Tabu im Abendland«. Für Steiner hing dieses Tabu mit den verschiedenen Bedeutungen der Liebe in Ost und West zusammen.

Auf Seite 74 im Freunde-Kochbuch widerlegt Ewa Esterhazy ganz unverkrampft diese These. Sie schlägt in der neuen europäischen Liebesunordnung ein Sommermenü aus Salat mit Borretschblüten und Gänseblümchen, gefüllten Zucchiniblüten und gebackenen Holunderblüten vor.

Eine dritte Gruppe von Beiträgern zum Kochbuch der Freunde legt zwar widerwillig, aber dann doch ein originelles Rezept auf den Lesetisch. Nahrung und Esssitten der Intellektuellen in Österreich unterscheiden sich ja nicht fundamental von Nahrung und Esssitten der Intellektuellen in anderen europäischen Lädern. So finden sich nun als fresserische Grosstaten auf den 126 Seiten Kochanleitungen für Bohnen mit Ei, albanische Melanzani, Fisch-Curry mit Spagetti, Pfefferkarpfen (Gefillte Fish), geknickte Rauchwurst sowie Vongole veraci alla Salto di Fondi für den tunkenden Muschelfreund.

Das Angebot an Deserts fällt sogar landestypisch saftig und süss aus: Krumbirnen-Ragout, mit Bienenhonig glacierte Ameisen, Schlehen-Zwetschken-Kompott, Hubba Bubba Strawberry auf Metallraster, Fächertorte.

Besonders beindruckend finde ich »Gekochter Reis für 10 Personen« von Armin Dallapiccola, und »Rumsuppe mit Slivovicfrittaten« von Franz West, dieses in Kleinschrift im Stil der Wiener Gruppe vorgetragen:

»Sie bereiten diese Suppe so, wie sie in jedem Kochbuch empfohlen wird, zu, allerdings fügen sie der Suppe für 4 Personen ca. 1/8 Liter Inländerrum und dem Frittatenteig 0.16 cl Slivovic bei. Dazu empfehle ich ein Glas Dingac oder Rote Trockenbeerenauslese im Sommer. Im Winter vielleicht Glühwein oder Grog. Das ist das einzige Kochrezept, das mir gegenwärtig ist, ein Rezept aus der Jugend, für junge Leute«.

Gott hab ihn selig, den Franz!

© Wolfgang Koch 2018

Allegro ma non troppo. Ein Kochbuch von Freunden für Freunde. Hg. von Dietmar Werner, Edition s’regnet, ISBN 3-85420-506-6, Bestellungen: dietmarwernermsv2004@yahoo.de

Abbildung: Heute bleibt die Küche kalt, wir gehen in den Wienerwald/ Today the kitchen‘s cold, we‘re going to the Vienna woods von Marlene Haring, Installation Wien 2004

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/29/vom-bankettieren-bei-intellektueller-vollkommenheit/feed/ 0
Die engen Grenzen der prähistorischen Anthropologie https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/25/die-engen-grenzen-der-praehistorischen-anthropologie/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/25/die-engen-grenzen-der-praehistorischen-anthropologie/#respond Thu, 25 Oct 2018 13:43:43 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2790 Was ist Krieg? »Der Vater und der König aller Dinge«, sagt Heraklit. »Was des Leibes wegen über Besitz von Geld und Gut entsteht«, lesen wir bei Sokrates. »Das letzte Mittel der Könige«, beschwört Pedro Calderón de la Barca im 17. Jahrhundert.

»Der gewaltigste Enthüller von politischen Wahrheiten und Wirklichkeiten«, meinte der k.u.k. Kriegsflüchtling Siegfried Flesch 1918. »Ein beispielloser Triumph der Naturwissenschaften«, erinnerte der englischer Philosoph Robin G. Collingwood.

Da sind wir nun schon im Zeitfenster des Zweiten Weltkrieges. »Nur eine Erfindung, keine biologische Notwendigkeit«, wusste im Jahr darauf Margaret Mead. »Ein blutiger und bewaffneter Kampf zwischen organisierten Gruppen«, erklärte Gaston Bouthoul. »Das Ergebnis davon, dass wir Schuld immer den anderen geben«, der Dichter Pablo Neruda. Und der Sozialdemokrat Willy Brandt nannte den Krieg am 11. Dezember 1971: »die Ultima Irratio«.

Was also ist der Krieg, bei so vielen angebotenen Antworten? »Eine allgemeine Ökonomie der Waffen«, lehrte Michel Foucault. »Kein Betriebsunfalls, sondern das Herzstück der Zivilisation«, äusserte Ulrich Horstmann vor 18 Jahren.

Ein Phänomen, viele Ansichten. Zuviele Ansichten. Am allerwenigsten aber überzeugt uns: »Die Dummheit der Menschheit« – die Antwort, die Anton Kern in der aktuellen Ausstellung des NHM zum Thema gibt. Der Direktor der Prähistorischen Abteilung des Hauses am Wiener Ring belegt seine These mit dem »Bestreben des Menschen nach immer besseren Waffen seit der Steinzeit«.

Nun »strebt« der Mensch auch seit der Steinzeit nicht von sich aus nach waffentechnologischem Fortschritt. Die verbesserten Destruktionsmittel ergeben sich jeweils aus der Notwendigkeit der Kampfzwecke, mit ihnen wehrt man den Angriff des Feindes am letzten technologischen Stand der Dinge ab.

Diese Überbietungslogik der Aufrüstung mag kurzsichtig und moralisch absurd erscheinen; speziell im Fall der atomarer Konfrontation, die ja das zu vernichten droht, was sie zu verteidigen vorgibt. Nur im Allgemeinen, da ist es fürwahr keine Dummheit, sich zu schützen, auch wenn man weiss, dass der Angreifer durch die getroffenen Massnahmen seinerseits raffinierter werden muss. Es ist mitnichten lächerlich, wenn zwei Parteien in die tödliche Spirale eintreten, aus der es für sie augenblicklich kein Entkommen gibt.

Denn erstens existieren ja durchaus mehrere mögliche Entkommen: der Sieg, der Waffenstillstand oder der Friede. Zweitens ist der Schutz von Leib, Leben und Gütern im menschlichen Zusammenleben nicht nur für ängstliche FPÖ-Wähler alternativlos; das Fähigkeit, unter Gewaltandrohung Sicherheit herzustellen, kann nur an Gewaltmonopole ausgelagert und möglichst demokratisch kontrolliert werden, zum Verschwinden bringt man die Gewaltverhältnisse nirgends. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, die Türen des NHM nächtens einmal unversperrt vorgefunden zu haben.

Es ist jetzt 41 Jahre her, dass der französische Ethnologe Pierre Clastres unter dem Titel Archéologie de la violence seine bahnbrechenden Studien zum Krieg in primitiven Gesellschaften veröffentlicht hat. Man muss seine spannende These, dass primitive Gesellschaften ethnozentrisch sein konnten, ohne ethnozidär zu sein, weil sie Gesellschaften ohne Staat waren, nicht teilen – aber die deutschen und österreichischen Anthropolgen nehmen den Gewaltdiskurs nicht einmal in ihren eigenen Fachgrenzen wahr.

Interdisziplinäres Arbeiten erstreckt sich in der Kriegsausstellung des NHM auf die Hilfsdienste von Forsensikern. Und entsprechend lahm zeigen sich die Ergebnisse in den Sälen an Knochen und Rüstungen, Grabbeigaben und Schlachtengemälden. Da helfen dann auch die Pulvereinsprengungen im Gesicht ein Munitionarbeiterin, gezeigt als Moulage, nichts mehr. Oder Schockfotos aus dem Vietnamkrieg. Wo die Kriegstheorie am Stand des christlichen Pazifismus verharrt, da dienen Gewaltbilder einer erregenden  Unterhaltung von Schulklassen. Mehr nicht.

Um das Phänomen Krieg zu fassen, arbeiten die österreichischen Anthropologen und Archäologen dieser Ausstellung mit dem Begriff der »kulturellen Evolution«, die angeblich auf sozialem Lernen basiert. Hiess die Ausstellung in Halle 2016 im Untertitel noch: »Eine logische Spurensuche«, tönt es in Wien nun: »Auf den Spuren einer Evolution«.

Mit der kulturellen Evolution verbinden die Ausstellungsmacher die Vorstellung, durch die Sesshaftwerdung habe die Entwicklung vom Werkzeug zur Waffe eingesetzt, aus Jägern und Sammlern seien schrittweise Ackerbauern geworden, unter denen sich dann eine Kriegerelite herausgebildet habe. Im Neolithikum war es noch nicht ganz soweit. Die 200 unbegrabenen Individuen von Asparn und Schletz sind vor 7.000 Jahren, wie in den Erzählungen der Bibel, mit Steinbeilen, Keulen und Flachhacken erschlagen worden. Man vermutet, die unter Vitamin- und Eisenmangel leidenden jungen Männer haben sich im Kampf um Ressourcen gegenseitig getötet und die Dörfer geplündert.

Erst in den Zwischenstromkulturen findet sich eine voll ausgebildete Kriegerelite. In den jüngeren Epochen der NHM-Schau werden dann abwechselnd zwei Kriegstheorien bedient. Entweder sieht man den Krieg als Mittel zur Beförderung kollektiver Interessen und als den Weg zu einem besseren Leben; oder man sucht seine Ursachen in irrationalen Trieben von der Art, die auch Einzelnen Gewaltverbrechen begehen lassen.

Das Naturhistorische scheint beide Ansichten gleichzeitig zu haben; es behauptet, der Krieg sei einerseits ein auf Gewinn gerichtetes Unternehmen, bei dem es um die Überlebensfähigkeit der beteiligten Gruppen geht, und er befriedigt andererseits tiefe »irrationale« psychologische Bedürfnisse. Dabei werden die sattsam bekannten Beispiele aus der tierischen Verhaltensforschung wiederholt und die Frage, welche Schlüsse auf den Menschen daraus zu ziehen sind. Man möchte wissen, ob Schimpansen Krieg führen und wie Tiere sich als Soldaten bewähren.

Man muss in solchen Fragen mehr als ein Kinderprogramm und die Sensations-Hascherei einer grossen Ausstellungsmaschinerie sehen! Hier werden nämlich veraltete Ansätze zur Erklärung des Kriegsphänomens als »enormer Fortschritt« der Wissenschaft in den letzten zwanzig Jahren verkauft.

Unter den 262 Definitionen des Krieges, die Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, gesammelt hat, wählt die Ausstellung den Kriegsbegriff des Luzerner Ethnologen Jürg Helbling als Arbeitshypothese: Krieg gilt ihm als eine bewusst geplante tribalen Aggression von erheblichem Ausmass. Damit wird a) Krieg in keiner seiner Dimensionen von einer bewaffneten Auseinandersetzung unterschieden und b) der Unterschied zwischen tribalen und modernen Gesellschaften absichtlich verwischt.

Die beteiligen Anthropologen und Archäologen ignorieren alle qualitativen Bestimmungen der Friedensforschung und der Militärwissenschaften, um den Krieg von bewaffneten Konflikten abzusetzen. Eine opferspezifische statistische Signifikanz mag ja ungerecht sein gegenüber dem 999. Toten, aber sie schärft eben den Blick auf den militärischen Organisationstypus, der die zentrale Voraussetzung zur Kriegsführung ist.

Jede echte Kriegergruppe wird seit jeher von einer grossen Zahl anderer Männer unterstützt, die Waffen und Logistik herstellen, sowie die ökonomische Grundlage der Armeehaltung sichern. Die Rüstungslogik der Waffentechnologie erzwingt eine Art gesellschaftliches Arrangement. Wie Barbara Ehrenreich vor zwanzig Jahren eindrücklich gezeigt hat, erzwingen die im Krieg eingesetzten Destruktionsmittel auch eine innere Repression und in der Folge eben sozial geschichtete Gesellschaften, in denen die einen sich der mühseligen Arbeit fügen, wenn sie von den anderen ab und zu durch die Drohung, sie umzubringen, bei der Stange gehalten werden.

Gut möglich, dass Ausstellungen der Komplexität des organisierten Tötens ohnehin nie gerecht werden können. Dann gebührt jedem Museum die Ehre, in einem neuen Anlauf zum Thema zu scheitern.

© Wolfgang Koch 2018

(Wird fortgesetzt)

Sonderschau »Krieg. Auf den Spuren einer Evolution« im Naturhistorischen Museum, 1010 Wien, Burgring 7. Täglich ausser Dienstag, bis 28. April 2019. Ermässigter Eintritt von 7,- Euro für Soldaten und Kriegsdienstverweigerer im Zivildienst.

Abbildungen: Forsensische Analyse eines Kopfschusses, LDA (Ausschnitt), Peeter Snayers: Schlachtfeld, 1632/42, KHM, Gemäldegalerie 1820

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/10/25/die-engen-grenzen-der-praehistorischen-anthropologie/feed/ 0
Universum aus entzündlichen Reagenzien (4/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/10/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-44/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/10/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-44/#respond Mon, 10 Sep 2018 10:38:09 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2773 Mit Politik, dieser »Sekundenhusterei«, hat Nitsch seit der Leserbriefphase seiner Jugend nichts mehr am Hut. Viele Jahre lang korrespondierte er mit dem deutschen Antiquariatsanarchisten Jochen Knoblauch, alle anderen Begegnungen gingen nicht von ihm aus. Kunstministerin Hilde Hawlicek (SPÖ) stellte sich in den späten 1970er-Jahren schützend vor sein Werk. Mistelbachs Bürgermeister Christian Resch und NÖ-Landeshauptmann Erwin Pröll verdankt Nitsch sein erstes Museum. Als Fans outeten sich ausserdem Joschka Fischer und Leoluca Orlando, mafiophober Bürgermeister von Palermo.

Ganz anders dessen Kollegen Alexander Götz in Graz und Burkhard Jung in Leipzig. Wolfgang Gerhardt (FDP) versuchte die Frankfurter Professur zu verhindern, und Österreichs Freiheitliche hätten Nitsch am liebsten immer schon eingesperrt. Tschechiens Präsident Vaclac Havel sah in der Freiheit dieses Künstlers »die Freiheit der Nation« gespiegelt; sein Wiener Amtskollege Thomas Klestil hingegen düpierte Nitsch 2004 in Sevilla.

Das Wort wird Fleisch

Nitsch hat sein Motto »Ich möchte mir alles einverleiben« gewiss übererfüllt. In einer Zeit, da die wichtigste Nation der Erde von einem Mann geführt wird, der nicht liest, muss es ja als Anachronismus erscheinen, dass ein Künstler eine Bibliothek besitzt und darin schreibt.

Nitsch ist Bildungsextremist. Keiner seiner Kollegen hat eine mehrbändige philosophische Begründung zum eigenen Werk verfasst, in der er sich in Sonnen kleidet und sich Milchstrassen umgürtet. Entsprechend verlangt Nitsch auch Redner, die ausschliesslich seine Selbstinterpretation vertreten, und die finden sich scharenweise auf Symposien und in den Medien.

Ihre Namen übergehe ich hier, wie auch die seiner Literatenfreunde. Es existieren überhaupt nur zwei lesenswerte Nitsch-Parodien; die meisten Schriftsteller statten bloss ihren Dank ab an den Künstler, wagen nach der Sprachauflösung in der synästhetischen Glut der Sinne kein ernsthaftes Wort mehr.

Ein Meer von Gladiolen

Man darf sich keine dieser beschriebenen Konstellationen besonders starr vorstellen. Planeten erscheinen zugleich oder hintereinander in verschiedenen Systemen. Ein Akteur wird nach Jahren zum Mäzen, ein Assistenten Historiker, ein Dichterfreund tritt als Chorist auf, ein Maler als Koch, usw.

Es gibt im Nitsch-Kosmos Journalisten, die mit Bildern handeln und Verwandte, die dem Brünnerstrassler verfallen sind. Würde man die unersetzlichen Personengruppen nur einmal kräftig erforschen, ihre Lebenswege bis in die Tiefe der Seele erkunden und gelänge es, dieses Affenpuzzle dann erfolgreich zusammenzusetzen, blickte man direkt auf das vollendet rote Bild.

© Wolfgang Koch 2018

Fotos: 155. Aktion am 1. September 2018 im NMM, Bildrechte: Hermann Nitsch 2018, Aufnahmen: Wolfgang Kober, Team Niel, Reinhard Ehn.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/10/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-44/feed/ 0
Universum aus empfindlichen Reagenzien (3/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/08/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-34/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/08/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-34/#respond Sat, 08 Sep 2018 08:18:49 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2764 Es ist immer wieder verblüffend zu sehen, wer international das Eis für Nitsch gebrochen hat. In Italien war es die grosse Kunstdame Rosanna Chiessi, in Spanien die Galeristin Joana de Alzpuro, in Ungarn der Intellektuelle Lajos Adamik, in den USA der Doyen des Avantgardefilms, Jonas Mekas, und in Ozeanien der tasmanische Millionär und Mona-Gründer David Walsh. Ein Meeting dieser Köpfe müsste jedem TED-Changemaker die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Mit seinen besten philosophischen Kommentatoren – Psychologe Wolfgang Tunner, Ästhetikkoryphe Peter Gorsen, Altphilologe Ekkehard Stärk, Armin Zweite, Diastema-Autor Romano Gasparotti und dem Theoretiker der Transarvangardia, Achille Bonito Oliva – hätte man locker die Platonische Akademie wiedereröffnen können.

Ich kenne nur einen einzigen Künstler Österreichs, der vor Nitsch eine solche Aufmerksamkeit im Gebäude der Weltkultur erregt hat, und das war Mozart.

Unter den Mandarinen des internationalen Ausstellungsbetriebs sei an den Documenta-Leiter Harald Szeemann 1972 erinnert, 1989 holte Rektor Kaspar König Nitsch an die Städelschule in Frankfurt, Johannes Gachnang und Rudi Fuchs förderten ihn, das Nitoglyzerin-Duo Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid, sowie eine ganze Armada von Museums-, Theater- und Operndirektoren.

Staatsopernchef Ioan Holender liess Nitsch 2001 unter dem Druck der Mitte-Rechts-Regierung skandalöserweise fallen, rettete ihm dann aber zwölf Jahre später, durch einem zufällig am Tag des Schlosseinbruchs angesetzten Versöhnungstermin, mit hoher Wahrscheinlichkeit das Leben.

Musiker und Künstler

Ab 1995 stattete Nitsch Opernproduktionen von Massenet, Philip Glas und Le Renard optisch opulent aus, er schuf Vinyl-Raritäten mit dem US-Produzenten Bob Clark und erzog das Multitalent Andrea Cusumano zum Lieblingsdirigenten der eigenen Werke.

Die Liste der Künstlerfreunde ist endlos. Selbst die Viererbande, die als »Wiener Aktionisten« in die Annalen einging, ist nur die halbe Wahrheit. Neben Schwarzkogler, dessen Nachlass Nitsch rettete, dem Zerreissungsvirtuosen Brus und Gangleader Mühl, der als Sozialexperimentator und Grosskommunarde zum überführten Sexualstraftäter wurde, agierten in der heissen Viertelstunde des Wiener Aktionismus auch noch der Blutorgler Adolf Frohner, Kurt Kren, Peter Weibel, Jerzy Bereś, u.a.

Den zweiten wichtigsten Kreis bildeten 1966 die internationalen Avantgardisten des »Destruction in Art Symposium« in London rund um Raphael Montanez Ortiz und Gustav Metzger. Es folgten deutsche Malerfürsten, der Nietzscheaner Peter Friedl, die Unikat-Drucker Kurt Zein und Monique Har-El, deren Namen noch in vielen Dissertationen auftauchen werden. Schliesslich Nitschs Studenten und Schüler; vor zwanzig Jahren schätzte er Piotr Uklanski besonders, heute ist es der Türke Ekrem Yalçındağ.

Gegner und Feinde

Seit jeher zieht Nitsch Vorteile aus der Gegnerschaft. Nicht jeder hat Lust, sich in seinem extensiven Bewusstseinsraum zu bewegen, sich mit Dingen vertraut zu machen, die in den Heldenepen seit Homer nicht berücksichtigt werden.

Der erste Verfolger vom Dienst hiess György Sebestyén. Ab 1974 setzte der Linksjournalist Michael Siegert der »Paläopsychologie« mit dem Faschismusverdacht zu, gefolgt vom FAZ-Redakteur Peter Iden. Die Wiener Lokalphilosophen Rudolf Burger und Franz Schuh veräppelten Nitsch als »Krachledernen« und »überdimensionalen Heurigenwirt«.

Der Übergang von intellektueller Verachtung zur offener Feindseligkeit verlief oft fliessend. Ein Klima dumpfer Schrecken schufen der Medienzampano und spätere Wiener Bürgermeister Helmut Zilk, der selbsternannte »Pornojäger« Martin Humer, Salzburgs Weihbischof Andreas Laun, FPÖ-Generalsekretär Peter Westenthaler, die Zeitungsherausgeber Kurt Falk und Hans Dichand. Martin Balluch führte – unter Beifall von Karikaturist Manfred Deix – militante Tierrechtler an, auf deren Konto eine Reihe nie geklärter Sabotageakte gehen.

Vollständig wird die Liste der Bösewichte mit Flavius Sferle, dem mutmasslichen Drahtzieher und Hauptverdächtige des Millioneneinbruchs 2013, der bis heute von den Behörden unbehelligt in Rumänien lebt; sowie mit dem Kärntner Privatdetektiven Dietmar Guggenbichler, der sich der Erpressung von Verbrechensopfern schuldig gemacht hat. Seine Niedertracht brachte Nitsch in steuerliche Bedrouille und rückte eine ganze Branche ins Zwielicht.

© Wolfgang Koch 2018

Fotos: 155. Aktion am 1. September 2018 im NMM, Bildrechte: Hermann Nitsch 2018, Aufnahmen: Wolfgang Kober, Team Niel, Reinhard Ehn.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/08/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-34/feed/ 0
Universum aus entzündlichen Reagenzien (2/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/05/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-24/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/05/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-24/#respond Wed, 05 Sep 2018 12:00:59 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2757 Liebe ist bekanntlich der tiefste ästhetische Augenblick im Leben des Menschen, und Nitsch weist die Täuschung zurück, dass das Denken eine Form der Liebe sein könnte.

Seine erste Gattin, die mitochondriale Eva Krannich, überforderte er mit seinen Saufkumpanen; die zweite, Beate König, war der grösste Glückfall seines Lebens. Die Sozialanthroposophin aus Stuttgart verunfallte allerdings 1977, nachdem sie sechs Jahre zuvor das desolate Schloss Prinzendorf für ein geplantes Kinderheim erworben hat.

Aus seiner dritten Gefährtin, Christl König, wurde eine erfolgreiche Galeristin und Diskursvermittlerin für junge, experimentelle Positionen. 1986 trat die Rumänendeutsche Rita Leitenbohr als Generalmanagerin ins Schlafgemach. Unter den Gefährtinnen der Gefährten sind Schwarzkoglers Frau Edith Adam, die Kunsthistorikerin Evelyn Oswald und Teresa Carnevale, Präsidentin der Fondazione Morra, hervorzuheben.

Das Wilde Heer

Astrophysiker rechnen damit, dass Schwarze Löcher kosmische Verbindungsgänge zu Parallelwelten enthalten. Im Nitsch-Universum bilden die Mitarbeiter eine verborgene Dimension. Stark umgetriebene Zeitgenossen geben sich in den Aktionen als geduldige Akolythen, die in gleichschwebender Aufmerksamkeit zur Verdichtung des rituellen Geschehens beitragen, die brav auf ihren Einsatz als Träger oder Nacktmodelle warten, gefüllte Becher reichen, Abfälle entsorgen.

Das Wilde Heer führte in den Sixties die proaktiven Sexbombe Hanel Koeck an, ihr folgen die Multimediakünstler Heinz Cibulka und der Londoner Barrington De La Roche, The Knipper Kids, Regisseur Alfred Gulden, Katharina und Alfred Bieber, Igor Orovac, des Meisters Schatten aus dem Heiligen Wald von Bombarzo: Giuseppe Zevola, die heutigen deutschen Kunstprofessoren Vroni Schwegler und Michael Riedel, sowie die Wüstlinge des The Hell Fire Dining Club: Paul Renner und Paul Sakoilsky.

Keine Frage, zwischen den frühen Enthusiasten und dem nackten niederländischem Kuratorenduo Karlyn De Jongh and Sarah Gold 2010 in Neapel liegen Welten: aus Individuen, die ihre Würde in der Freiheit der Kunst spiegelten, wurden Lifestyle-Influenzer auf der Suche nach dem ultimativen Retro-Kick.

Die Liste der persönlichen Assistenten und Malhelfer verzeichnet Künstler, Handwerker und Kunsthistoriker: Jasmine Ban, Joseph »Fuzzi« Ortner, Christian Gargerle, der spätere Documenta-Leiter Roger M. Buergel, Hanno Millesi, »Erzengel« Frank Gassner, Andreas Stasta, Federico Vecchi, Carola Annoni. Der Schweizer Ugo Rondinone will mitten in einer Aktion sogar eine Ohrfeige vom Künstler bekommen haben.

Nicht zu vergessen die Dokumentaristen: Fotograf Ludwig Hoffenreich und wiederum Cibulka, 1965 der US-Avantgardefilmer Stan Brakhage, Kameramann Peter Kasperak, die Schweizer Regisseurin Daniela Ambrosoli und Filmarchivar Mario Franco.

Vom Ernst des Geldes

Künstlerviten sind kollektive Ereignisse, zusammengesetzt aus zahlreichen Fähigkeiten, zuvorderst der, für riskante Manöver Geld aufzustellen. Denn Schaffen ist Wollen, erst die Umsetzung Können.

Zu seinen Mäzenen zählt Nitsch die ersten beiden Ehefrauen, die ihn 15 Jahre lang als »Untergrundkünstler« finanziell ausgehalten haben. In den 1970ern sicherte der Wiener Kunsthändler und Szene-Wirt Kurt Kalb sein Überleben, es folgten der Industrielle und Palais-Jongleur Oskar Schmid, in Deutschland der für die grosse Mappenwerke verantwortliche Galerist Fred Jahn, bis dann 1972 Francesco Conz und 1974 der Neapolitaner Giuseppe Morra aus Italien die Atelierkasse zu füllen begann.

Morra, Dissident eines Camorra-Clans, las lieber Giordano Bruno als Giftmüll unter Gemüsefeldern und in Steinbrüchen zu verscharren. Er vernetzte sich in jungen Jahren mit den besten internationalen Künstlern und besitzt heute u.a. den Nachlass von Julian Beck, einem weiteren Theaterrevolutionärs des 20. Jahrhunderts.

Als letzter Feingeist trat vor einem Vierteljahrhundert der protestantische Baumarktketten-Gründer Karlheinz Essl in den Kreis der grosszügigen Spender. Nitsch hat für keines seiner Spiele je staatliche Kulturförderungen angenommen. Schon aus Prinzip nicht; Gratiskultur ist ja selten von künstlerischem Nutzen. Erst der Umstand, dass die Teilnehmer für den »Exzess der Sinne« kräftig in die Tasche greifen, involviert sie ernsthaft in das kosmische Geschehen.

Nicht wenige Galeristen erlernten mit Nitsch ihr Handwerk oder scheiterten an dem Beruf: 1963 der nachmalige Nitsch-Gegner und Satanismusforscher Josef Dvorak. 1966 beriet Oswald Oberhuber die Galerie nächst St. Stephan. Kalb, dem König des Wiener Bermudadreiecks, folgte ein Dutzend Kunsthändler in sechs Ländern, zuletzt Mamuz-Leiter Michael Karner und der britische Supercollector und Avantgarde-Förderer Charles Saatchi.

© Wolfgang Koch 2018

Fotos: 155. Aktion am 1. September 2018 im NMM, Bildrechte: Hermann Nitsch 2018, Aufnahmen: Wolfgang Kober, Team Niel, Reinhard Ehn.

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/05/universum-aus-entzuendlichen-reagenzien-24/feed/ 0
Universum aus empfindlichen Reagenzien (1/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/03/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-14/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/03/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-14/#respond Mon, 03 Sep 2018 11:17:22 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2750 Die Welt kennt die Lust dieses Mannes, sich mit etwas einzulassen, was grösser ist als wir; kennt sein Hauptanliegen, aus dem »Haus des Seins« einen goldenen Tempel zu machen. Das hat den britischen Charts-Stürmer David Bowie ebenso angezogen wie es Brigitte Bardot abgestossen hat.

»Ein Barbar! Der neue Caligula!«, rief sie vor 20 Jahren in Wien.

Im Österreich-Ranking der internationalen Celebrities liegt Nitsch durchaus vor Gustav Klimt. Schliesslich war es die Grande Dame der Popkultur, Yoko Ono, die in den 1960ern seinen Ruhm nach Amerika trug. Der kleine Mann aus Grossjedlersdorf trankt Roman Polański, Werner Herzog, Wim Wenders und Christoph Schlingensief unter den Tisch. Damien Hirst sieht in der eigenen Arbeit eine Fortsetzung der seinen. Julian Schnabel liebt ihn und Frankreichs Erfolgsautor Michel Houellebecq schimpft ihn noch heute einen »Dreckskerl«.

Zentrum eines Multiversums

Nitschs Gesamtkunstwerk ist auf einzigartige Weise den Daseinsfreuden wie der Dramatik des Lebens zugewandt. Weil sein Weltzustand einen Kreis bildet, in dem viele Punkte die Mitte sein können, lässt es sich auch ohne seine Werke beschreiben.

Nitsch ist nicht das Weinviertler Unikat, als dass er gefeiert wird, sondern das Zentrum eines weit verzweigten Multiversums. Wenn jeder Homo sapiens auf diesem Planeten über 6,5 Kontakte mit jedem anderen verbunden ist, so bildet dieser Künstler – anders als Beuys das gemeint hat – selbst eine soziale Plastik.

Immer wieder war das OM Theater ein Durchlauferhitzer für spätere Stars: Marina Abramović und Geoffrey Hendricks erprobten sich als Gedärmewühler; Sarah Wiener stand in der Küche des Sechstagespiels; und der Alles-Nicht-Könner Dieter Roth weinte vor Glück über ein Zimmer im Schloss Prinzendorf.

Tausende helfende Hände arbeiten dem Kleinen-Welt-Phänomen zu, indem sie Abkürzungen durch persönliche Beziehungen nehmen. Das soll die Originalität der künstlerischen Leistung nicht schmälern. Doch wo der Weingeist lichterloh brennt, das Fruchtfleisch von einer Schar charakterstarker Menschen wollüstig auf dem Prunk katholischer Messgewänder zerquetscht wird, liegt ein transitiver Kosmos vor, in dem eine Nachricht in kürzester Zeit alle Knoten im Netzwerk erreicht.

Es ist nichts ausgemacht

Ich beobachte seit vielen Jahren die Selbsttätigkeit dieses Werkes, nachdem Menschen mit ihm in Berührung gekommen sind. Da gibt es die Ärztin, die von ihrem ersten Gehalt ein Bild erworben hat und Sammlerin wurde; den Konditormeister, der pünktlich jeden Pfingstsonntag mit einer Torte durchs halbe Land fährt; die Studenten, denen der Knopf im Kopf aufgeht; den Priester, der sein Gelübte an den Nagel gehängt hat.

Ständig begegnet Nitsch Leuten, die ihm freudetrunken bei seiner Kunst behilflich sein wollen: als Akteure und Chauffeure, Köche und Berater, Gourmets und Malgehilfen. Sein Freundeskreis ist schier unüberschaubar.

Die Familien Gadenstätter, Hollmann und Philipp aus Salzburg, Wien und Graz zum Beispiel wirkten in den verschiedensten Rollen am Langzeitprojekt mit: als Förderer und Modelle, Dirigenten, Lieferanten, Sammler und Schüler – alles unweisgesagt durcheinander, sogar den künstlerischen Wunsch des Meisters, mit Leichen zu arbeiten, versuchen seine Fans in den 1990er-Jahren zu realisieren.

Manches funktionierte nicht: Schiessaktionen; die Arbeit mit Leichen blieb John Duncan 1980 in Tijuana vorbehalten. Doch die spezielle Vernetzung der Unterstützer macht das Netz robust gegen den zufälligen Ausfall einzelner Knoten und Kanten.

Zu seinen engsten Freunden zählt Nitsch die Biographin Danielle Spera, die Journalisten Judith Weissenböck und Michael Fleischhacker, Fleischhauer Edi Reiss, Künstlerwitwe Christine Gironcoli, Coiffeur Erich Joham, Hausapotheker Leo Kramer, Anwalt Daniel Charim und den Viszeralchirurgen Alberto del Genio, seines Zeichens Ehrenbürger von Pompej.

© Wolfgang Koch 2018

Fotos: 155. Aktion am 1. September 2018 im NMM, Bildrechte: Hermann Nitsch 2018, Aufnahmen: Wolfgang Kober, Team Niel, Reinhard Ehn.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/09/03/universum-aus-empfindlichen-reagenzien-14/feed/ 0
Mit dem demokratischen Staat ist kein Islam zu machen https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/29/mit-dem-demokratischen-staat-ist-kein-islam-zu-machen/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/29/mit-dem-demokratischen-staat-ist-kein-islam-zu-machen/#respond Fri, 29 Jun 2018 08:59:33 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2740 Vor drei Wochen wandte die Republik Österreich erstmals konsequent ihr Islamgesetz an, um sieben problematische Moscheen zu schliessen und aus dem Ausland finanzierte Imane auszuweisen. Keine einzige dieser Moscheen hat bis heute den Betrieb eingestellt, kein einziger der zehn ausser Landes gewiesenen Imane das Land verlassen.

Die Mitte-Rechts-Regierung unter Einschluss der FPÖ ist genausowenig in der Lage den Rechtsstaat konsequent durchzusetzen, wie es die Mitte-Links-Regierung davor war. Tag für Tag tanzen religiöse Fundamentalisten – unter dem Stichwort »Religionsfreiheit« – dem Staat auf der Nase herum.

Vor diesem aktuellen politischen Hintergrund müssten die Berichte des Ex-Botschafters Weinberger aus der tunesischen Gegenwart eigentlich die letzten Wegducker wachrütteln, aber die Kontoverse über das spannende Buch zeigt, dass es auch hier noch an begrifflicher Schärfe fehlt.

Gerhard Weinberger vertritt in seiner Streitschrift eine recht simple Vorstellung von Moderne. Sie gilt ihm als eine Art Fortsetzung von Reformation und Aufklärung, also jenes Erbe griechischer Kosmosspekulation, christlicher Heilserwartung und scholastischer Wissensverwaltung, welches tugendbewusst das von ihr überwachte bürgerliche Leben sorglich in ein Gehäuse aus Vernunft und Sicherheit einschliesst.

Ein »moderner Islamismus« ist für diesen Autor eine Contradictio in adiecto, ein Widerspruch in sich – so etwas kann es nicht geben. Doch dieses Urteil übersieht erstens, dass sich die Aufklärung nie eindeutig von der göttlichen Weltordnung verabschiedet hat, und zweitens, dass wir seit den Faschismusanalysen der Frankfurter Schule, spätestens aber seit den Studien des israelischen Soziologen Zeev Sternhell, das Bild einer »rationalistischen Moderne« besser wieder fallen lassen.

Was für die Faschismusanalysen gilt, gilt für ein Verständnis des Islamismus nicht minder. Bereits vor 20 Jahren zeichnete sich das Bild eines geschlossenen und weitgehend abstrakten Islam jenseits der vielfältigen nationalen Strömungen im Süden ab, der der weltlichen Sanftmut der Demokratie mit seinem theokratischen Fanatismus begegnet.

Der Islamismus versteht sich als radikale Alternative zur Demokratie und bietet den Unterklassen ein Rache-Ideal, er bietet die Würde des Kämpfers und ein zugleich jenseitiges und dieseitiges Ziel. Die Hoffnung unserer Politiker und Medien, damit nach dem Sturz des Kommunismus wieder einen gemeinsamen Feind zu haben, hat sich nicht erfüllt. Denn der Islamismus hat weder die erforderliche Universalität noch die notwendige Einheit, der demokratischen Massengesellschaft nachhaltig die Stirn zu bieten.

Gewiss, im religiöse motivierten Terror wird der Kampf auf Leben und Tod zu einer Todesrevolte verbogen, für die der Tod sinnstiftend Wahrheit, Grund und Ziel des Lebens in sich vereint. Die irreversible Gabe des eigenen Todes lügt das Opfer des Anderen um in den Tod des geopferten Selbst.

Diese schreckliche Ideologie hat 2001 zum Massenmord einer rätselhafte Suizidsekte geführt und dafür gewaltigen Applaus in der gesamten arabischen Welt eingefahren. Doch die Anschläge vom 11. September gelangen nur unter enormem finanziellem Aufwand aus geheimen Kanälen der Ölstaaten, in die alle möglichen Geheimdienste verstrickt sind.

Ein weiteres Mal hat es der islamistische Terror mit einer Guerillastrategie im Mittleren Osten versucht. Der Erfolg der dschihadistischen Karte in Syrien, Irak, Afganistan, Pakistan, Regionen des Magreb und der Sahara lag darin, den Ausgegrenzten und den religiösen Sinnsuchern aus Europa ein militärisches Ideal zu bieten.

Die Staaten des Nordens haben darauf militärisch geantwortet, und ihre Falken rüsten sich nun für den dritten Anlauf des Fanatismus unter der schwarz-weissen-Flagge der Salafisten. Die Tauben der demokratischen Gesellschaft ignorieren weiterhin das Versagen des Rechtsstaates gegenüber den salafistischen Umtrieben. Ganz in der liberalen Tradition verlassen sie sich auf das Scheitern der Revolte an ihrem inneren Dilemma: Die persönliche Entscheidungsfreiheit in der Demokratie gestatte es dem Islamismus ja einerseits, sich in den Hinterhofmoscheen und Familien auszubreiten, andererseits begrenzt sie seine Ausweitung.

Weinberger setzt den Aufstieg des Islam zur beleidigten Weltmacht mit der Demütigung der arabischen Welt durch Napoleon an. Seiner Ansicht nach haben wir es in der Kopftuchdebatte mit einer Longue durée des Kolonialismus zu tun.

Diese These lässt sich leicht zu widerlegen. Der heutige Aufschwung der islamischen Kultur setzte mit dem Ende der antagonistischen Blöcke in der nicht-islamischen Welt 1989 bzw. 1991 ein. Es waren der ideologische Sieg des Westens über den Staatskommunismus und, als zweite Zeitmarke, die Wirksamkeit der Digitale Revolution, die die Rückkehr des Religiösen als bestimmende Determinante des globalen Geschehens anzeigten.

Salafismus und Dschihadismus modernisierten den politischen Islam, indem sie a) die ethnische Ausrichtung der Umma aufgaben und die neuen extremistischen Moscheegemeinden multinational wie die globalisierte Gesellschaft selbst bildeten. Weiters b) fehlt dem Koran die Idee des Opfers. Der terroristische Islamismus übernahm – im 1. Golfkrieg und dann in Palästina – die an und für sich ganz unislamische Idee des Selbstopfers. Dabei spielen die Selbstverbrennungen von Dissidenten in Osteuropa und buddhistischen Mönchen im Vietnamkrieg eine echte Vorbildrolle.

Nein, ich sehe in der islamischen Herausforderung der demokratischen Ordnung eine durchaus moderne Entwicklung. Salafistische, wahabistisch und dschihadistische Strömungen sind in der islamischen Kultur gerade deshalb populär, weil diese Bewegungen in den Augen ihrer Anhänger gerade nicht in der Vergangenheit festsitzen, wie ihre Gegner und Kritiker unterstellen.

Weinberger interessiert sich weder für die Reinheitspraktiken des Schriftislam noch für das auffällige Motiv der Märtyrerhochzeit, ja überhaupt nicht für die ideologische Ausstattung der terroristischen Taten mit den kulturellen und religiösen Attributen des Märtyrertums. Für ihn verläuft der Graben simpel zwischen Angst- und Hoffungsmachern, zwischen heroischen Gewalttätern und dem Grundmodell der attischen Demokratie.

Die religiöse Unvernunft wird so zur spiegelverkehrten Reflexion der Vernunft in sich selber.

© Wolfgang Koch 2018

Foto: Ahrar_AlSham

Gerhard Weinberger: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen. Die Krise des Islam hautnah erlebt. 163 Seiten, ISBN: 978-3-99070-718-0, Wien: myMorawa 2018, 18,- EUR, www.mymorawa.com

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/29/mit-dem-demokratischen-staat-ist-kein-islam-zu-machen/feed/ 0
Vom verdrucksten Umgang mit dem Islam https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/24/vom-verdrucksten-umgang-mit-dem-islam/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/24/vom-verdrucksten-umgang-mit-dem-islam/#respond Sun, 24 Jun 2018 14:47:19 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2735 Islamisten mögen keine Staatsnation im modernen Sinn. Darum ist die »tunesische Identität« seit dem Sturz der Diktatur ein regelrechtes Reizwort für alle Salafisten und Fundamentalisten des Magreb.

Wieso soll die Nation nicht mehr als Bezugrahmen für eine neue Gesellschaft herhalten dürfen? Weil das Ziel der populären Ennahda-Partei von Anfang an die Islamisierung des Landes, die Einführung der Scharia und Aufgehen Tunesiens in der grossen Gemeinschaft der islamischen Umma zu bedeutet hatte.

Die grimmigen Bartträger des Islam mögen keine neutralen Staat. Unparteiische Zurückhaltung in Fragen der letzten religiösen Wahrheit kann es in ihren Augen nicht geben. Das Reich der Politik, das die Menschheit auf eine ihrem Begriff widersprechende Weise vereint, muss zerstört werden.

»24. November 2015, im Zentrum von Tunis, etwa hundert Meter vom Innenministerium entfernt: Am Nachmittag steigt ein Mann in den Bus, der jeden Tag Mitglieder der Präsidentengarde, einem Elitecorps aus Polizisten und Nationalgardisten, von einem Sammelplatz im Zentrum zum Präsidentenpalast bringt. Der Fahrer des Busses sieht, dass der Betreffende offenbar nicht zur Einheit gehört und fordert ihn zum Aussteigen auf – da zündet der Mann kurzerhand seinen Selbstmordgürtel: zwölf tote Gardisten plus der Attentäter, 17 Verletzte«.

Der politische Verfassungsprozess ist für die grimmigen Bartträger eine herzzerdrückende Schlinge. Sie akzeptieren lieber jede offensichtliche Lächerlichkeit als gütige Wahrheit.

Weinberger berichtet: »Am Nachmittag des 13. November die Enthauptung eines minderjährigen Hirtenbuben bei Sidi Bouzid: Sein Kopf wurde seinem ebenfalls anwesenden älteren Bruder mitgegeben ins elterliche Haus – zur Warnung vor Zusammenarbeit mit den tunesischen Sicherheitskräften. ›Allah mag keine Verräter‹, sollen sie dem Bruder mit auf den Weg gegeben haben. Hingegen – so die indirekte Botschaft – liebt er offenbar diejenigen, die einen 12-jährigen Hirtenjungen köpfen. Die Mörder haben aber vielleicht ihrer Warnung ohnedies das vornehmste Epitheton Allahs hinzugefügt: der Allbarmherzige«.

Die vergangenen zehn Jahre sind eine glorreiche Zeit für den Terrorismus in Tunesien und anderswo gewesen. Weinbergers Schilderung der repressiven Praxis des Islamismus bleibt freilich auf die Orte der Politik, des Tourismus, der gesellschaftlichen Elite (Hochschulen, Museum) und auf das Militär beschränkt.

Nie versucht er den Islam dort »hautnah« zu erleben, wo er herkommt und friedlich praktiziert wird; nie erfährt der Diplomat seine rhetorische Selbstherrlichkeit direkt in den Moscheen, nie wagt der Österreicher einen Schritt in die Slums hinein, nie zeigt er uns das tunesische Hinterland oder die Realität der subsaharischen Migranten an der Küste, von denen heute der demographische Druck auf Europa ausgeht.

Und wie auch! Das wäre für ihn schon zeitlich nicht möglich gewesen. Viel zu oft hat es der Diplomat im Dienst mit verängstigte Landsleuten zu tun, die sich vor dem Terror der Islamisten tagelang irgendwo versteckt halten. Diese Begegnungen reichen jedenfalls für eine klare Botschaft an den heutigen Leser.

Nach dem, was Weinberger gesehen hat, empfindet er nur mehr Unverständnis für diejenigen in Europa, die vermeinen, die Kopftuchfrage als Frage der persönlichen Freiheit in Bekleidungsfragen abtun zu können. Und wir Europäer sollten endlich auch ernsthaft beginnen, arabischen Intellektuellen zuzuhören. Sie sind es, die die Verheerungen des Religionsfanatismus am besten kennen.

Zum Beispiel Abdelmajid Charfi, Professor für islamische Zivilisation und heute Präsident der tunesischen Akademie der Wissenschaften, der die offensichtliche Lächerlichkeit von moslemischen Männerängsten so beschreibt:

»Wenn der Körper der Frau eine derartige Gefahr für die Gesellschaft darstellt, so ist diese allerdings ernsthaft nicht einfach durch Bedeckungen verschiedenster Art einzugrenzen, sondern es muss logischerweise, schon aus Gründen der Prävention, zu einem Ausschluss, zu einer Verbannung der Frau als solcher aus dem sozialen und ökonomischen Leben kommen.

Ein solcher Ausschluss bedeutet jedoch in der Praxis einen Verzicht der Gesellschaft auf die Fähigkeiten und Arbeitskraft der Hälfte der Bevölkerung und ist längerfristig nur in Sklavenhalter- und vorindustriellen Gesellschaften möglich – heute können sich das im Grunde nur mehr die Gesellschaften leisten, die in erster Linie von Renten (beispielsweise der Erdölindustrie) leben und massenhaft ausländische Arbeitskräfte beschäftigen können«.

Charfi gibt der Brutalität der Islamisten langfristig wenig Aussicht auf Erfolg. Er vermutet in der Kopftuch-Debatte sogar eine »List der Geschichte«, die es den Frauen erlaube im öffentlichen Raum wieder sichtbar zu werden. Zuguterletzt, so hofft er, werde das Kopftuch seine raison d’être als Ausdruck einer verkrampften Identität verlieren:

»Wie ihre Schwestern überall auf der Welt, wird die überwiegende Mehrheit auch der muselmanischen Frauen dann schuldbefreit und ohne Schleier sein, die Haare im Wind. Ihre Gesichter werden dann die Gleichheit mit dem Mann, die Befreiung von den Manipulationen des Sakralen, der entwürdigenden Bigotterie, der sozialen Zwänge, der Tyrannei des Moralismus zum Ausdruck bringen, mit einem Wort: die Befreiung von den Fesseln der Tradition.«

Die Gebildeten Tunesiens vermuten im Kollektivismus eine prinzipielle Schwäche des Islam: Wo sich das Individuum nicht mehr als denkendes Subjekt zur Geltung bringen darf, bleibe bald auch auch seine Leistungsfähigkeit auf der Strecke. Das islamische Kopftuch (und der Niqab als dessen konsequentester Ausdruck) seien wesentliche Signale der Weigerung, das Subjekt (zumal das weibliche) als Individuum zuzulassen, ja Ausdruck des Versuchs, das weibliche Individuum nach Möglichkeit überhaupt denkunmöglich zu machen.

Tahar Ben Guiza: »Die Frage des Tragens des Niqabs an einem öffentlichen Ort ist sehr wohl eine öffentliche Frage, die daher der öffentlichen Sphäre zugehörig ist. Und gerade deshalb kann man in diesem Fall nicht von einer privaten Entscheidung sprechen.«

Wir hören hier von einem erstaunlichen Tunesien, einem völlig zerrissenen Land nach dem erzwungenen Abgang des Despoten Ben Ali: Menschen, die in einem Zustand ständiger Spannung stehen und in ihrem Leben einen Punkt suchen, an dem die Welt noch in Ordnung ist. Genau da hakt der Salafismus mit seinen Versprechungen einer vormodernen Lebensweise ein.

Eine Öffnung der islamischen Kultur nach dem Muster der christlichen Reformation ist für Weinberger absolut wünschenswert, in der Realität aber hält er sie für unmöglich. »Das liegt«, so der Autor, »an einem radikalen Unterschied: Luther und Calvin konnten bei ihrer Kritik an der damaligen religiösen und kirchlichen Praxis auf die Grundtexte – die Bibel, insbesondere die Evangelien – zurückgreifen. Ein derartiger Rückgriff auf den Koran zeitigt hingegen das gegenteilige Ergebnis: Damit werden sogar die (ohnedies bescheidenen) modernistischen Ansätze wieder zunichte gemacht und ein mittelalterliches, sozusagen beduinenaffines Bild des Islam wiederbelebt. Genau das taten und tun Wahhabiten und Moslembrüder«.

Was bleibt, ist nichts als die allseits für unrealistisch gehaltene Hoffnung, die der Islamologe Mohamed Haddad mit folgenden Worten formuliert:

1. dass die 1,8 Milliarden Anhänger Mohammeds auf der Erde irgendwann einmal auf der Gewissensfreiheit als unverzichtbarem Bestandteil des menschlichen Lebens bestehen.

2. dass die moslemische Kultur Recht und Gesetz über die Scharia stellt.

3. dass die Gleichstellung von Mann und Frau auch im Haus des Islam erkämpft wird.

4. dass die Imane den exkludierenden Anspruch, die gesamte Menschheit konvertieren zu wollen, als illusorisch aufgeben.

Weinberger schliesst sich diesen vier Punkten des Tunesiers Haddad an. Nur diese grundsätzlichen Veränderungen im Zusammenleben könnten die exkludierende Weltanschauung des Islamismus brechen und zur einer »Respiritualisierung« der menschenwürdigen Prophetenworte führen.

Realistisch freilich ist das auf Generationen hinaus nicht.

© Wolfgang Koch 2018

Gerhard Weinberger: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen. Die Krise des Islam hautnah erlebt. 163 Seiten, ISBN: 978-3-99070-718-0, Wien: myMorawa 2018, 18,- EUR, www.mymorawa.com

Foto: Archiv Weinberger, 2018

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/24/vom-verdrucksten-umgang-mit-dem-islam/feed/ 0
Die schwarz-weisse Todesfahne der Salafisten https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/22/die-schwarz-weisse-todesfahne-der-salafisten/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/22/die-schwarz-weisse-todesfahne-der-salafisten/#respond Fri, 22 Jun 2018 11:59:05 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2724 Der verdruckste Umgang mit den Anhängern des Koran ist ein fatales Kennzeichen der europäischen Gegenwart. Dabei sind die Missstände überall in der Union Politik und Medien seit vielen Jahren bekannt. Hunderte Hinterhofmoscheen werden unter dem Deckmantel von Kulturvereinen betrieben, Vertreter der liberalen Öffentlichkeit bagatellisieren den religiösen Extremismus unter den Migranten, Abschiebungen von Menschen ohne Aufenthaltstitel werden von Moscheegemeinschaften und NGOs systematisch hintertrieben und der moralische Hochmut der Moslems gegenüber der Mehrheitsgesellschaft in nahezu jeder Form toleriert.

In dieser Situation, die 2018 in praktisch allen Zentren Europas herrscht, erscheinen die Berichte des Diplomaten Gerhard Weinberger über die Islamisierung der tunesischen Gesellschaft wie ein Ruf nach konsequenter Regierungspolitik gegenüber den salafistischen Umtrieben in der Mitte unserer Gesellschaft.

Der studierte Philosoph war als österreichischer Botschafter in Tunis mit den Ereignissen der Arabellion nahezu täglich überfordert. Eindringlich berichtet er vom Einbruch der Gewalt im tunesischen Tourismus und auf den Hochschulen, dramatisch und lebensnah schildert er das Vernehmen der ersten staccatoartigen Schüsse in einem Hotelfoyer bei einer Tasse schaumbewehrten Cappuccios, und dann das Schreinen und Kreischen der Anschlagsopfer, das beim Knallen und Dröhnen der Gewalt kein Ende hat.

Ab 2006 wächst ständig Weinbergers Verdacht, »dass der Zusammenhang zwischen dem islamistischen Terror und der Grundlage, auf die sich dieser Terror beruft und mit der er seine Anschläge rechtfertigt, ein viel innigerer sein könnte als moderate Islamisten dies behaupten. Ein Gedanke, den zu denken, geschweige denn auszusprechen, im Grunde wohl in jedem muselmanischen Land fast völlig tabuisiert ist«.

Bei der Lektüre des Koran in zwei französischen Übersetzungen kommt in diesem Terrorzeugen Beklemmung hoch: »Ein Text, der in seinen Passagen für mich das gerade Gegenteil von dem zum Ausdruck brachte, was ich bisher mit Religion in Verbindung gebracht hatte: irgendetwas, das mit Liebe, Demut, Verständnis für den Anderen, Hilfe, Aufopferung und Hoffnung in schwierigen Lebenssituationen gebend zu tun hatte«.

Bald stellen sich dem Leser der Offenbarungen immer fundamentalere Fragen. Religion – was ist das überhaupt für ein Ding? Weinberger liest, diskutiert, und stösst dabei immer wieder auf denselben Widerspruch: Der Islam, der Koran, der »wahre Islam«, sei gegen Gewalt und für Frieden und Toleranz.

»Ich konnte dafür jedoch so gut wie keine Belege finden. Weder im Koran, dem direkten Wort Gottes, der von Aufrufen zu Gewalt, zum Bestrafen und von nicht endenden Drohungen gegen alles, was sich ihm nicht widerspruchslos unterwirft, nur so strotzt. Auch nicht in den Werken über den Koran, die ausser ganz wenigen, aus dem Zusammenhang gerissenen Versen nichts vorweisen können als eher bemühte Uminterpretationen der unendlich vielen kriegerischen Verse – acrobaties intellectuelles, intellektuelle Verrenkungen, nannte ich diese apologetischen Auslegungsversuche – und schon gar nicht im Leben des Propheten Mohammed selbst. Über die Geschichte der Ausbreitung des Islam ist vom Standpunkt einer vorgeblichen Religion des Friedens ohnedies nur der Mantel des Schweigens auszubreiten«.

Dieser wache Leser des Koran, dieser Analytiker seiner Feindschaften und Feindseligkeiten ist kein politischer Naivling. Er stand bereits über viele Jahre in Athen, Peking, Bangkok, Paris und Dakar auf diplomatischem Posten. Aber keine dieser Stätten hatte, wie Weinberger betont, sein Grundvertrauen in ein langsames, aber stetiges Einsickern von Vernunft und Aufklärung in das bunte Miteinander der Menschheit erschüttern können.

»Trotz aller Wendungen und Gegenwendungen, trotz unvermeidlicher Rückschläge würde sich weisen, dass es in der Geschichte dialektisch, und zwar in bester Hegel’scher Art, zugeht, dass der Pfeil der Geschichte letztlich – nicht immer und überall, nicht jederzeit und an jedem Ort wahrnehmbar, nach aufwärts zeigt«.

Die tunesische Realität belehrt diesen Autor sechs Jahre lang eines Besseren, enthüllt ihm den zerstörerischen Charakter der Attacken der Salafisten gegen ein friedliches, demokratisches Zusammenleben von Menschen mit verschiedenen Auffassungen. Anfang 2012 erlebt der Diplomat fundamentalistische Sit-ins, vorzugsweise vor dem Regierungsgebäude im Stadtzentrum, um der herbeigesehnten Scharia Nachdruck zu verleihen.

Was bedeutet die Scharia, der islamische Rechtskodex? – »Atavistischen Regeln, die möglicherweise der Mentalität Mohammeds und seiner Zeit auf der arabischen Halbinsel entsprachen, die jedoch dem schon lange vor der Unabhängigkeit Tunesiens gültigen Strafrecht diametral entgegengesetzt sind, ja, ihm Hohn sprechen«.

Weinbergers betrübte Miene ist kein intellektueller Spleen, kein Leiden eines verwöhnten Abendländers am unverstandenen Fremden. Er muss in Tunesien ganz einfach morgens seine Kinder mit Bauchweh zur Schule bringen. Sie stellen ihrem Vater Fragen, auf die er sowenig eine Antwort hat wie anderen: »Was ist passiert? Warum stehen jetzt Panzer vor unserer Schule? Werden sie auch unsere Schule angreifen? Und vor allem und immer wieder: Warum tun die das?«

© Wolfgang Koch 2018

Gerhard Weinberger: Mit dem Koran ist kein Staat zu machen. Die Krise des Islam hautnah erlebt. 163 Seiten, ISBN: 978-3-99070-718-0, Wien: myMorawa 2018, 18,- EUR, www.mymorawa.com

Graphik: Yahia Boulahia

 

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/22/die-schwarz-weisse-todesfahne-der-salafisten/feed/ 0
Das Leben https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/12/das-leben/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/12/das-leben/#respond Tue, 12 Jun 2018 07:38:36 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2709 Das Leben

 

Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 5: DAS LEBEN.

Wer sich der Dingwelt hart und unerbittlich gegenüber stellt, wer nur sehen und sagen will, wird unweigerlich bei abstrakten Vorstellungen landen, bei ontologischen Kategorien, die eine unheilsame Wirkung auf seinen Willen entfalten. Aber das Leben bietet noch den Bewohnern der flachsten Wüsten abenteuerliche Berg- und Talfahrten, das Leben selbst antwortet mit seiner ganzen Fülle auf die Herausforderungen der Umwelt, ohne dass der Geist zuvor die zeitlosen Wahrheiten entschlüsselt hat.

Für Feuerbach ist Leidenschaft das flammende Wahrzeichen der Existenz. Ein Leben führen, das heisst bei ihm ein absolutes Wesen sein. Ein Leben führen, das bedeutet: Ich nehme egostisch einen absoluten Standpunkt ein in der unüberschaubaren Praxis von Empfindungen und Handlungen, nicht nur im endlichen Denken allein.

Diese Einsicht zwingt Feuerbach, Wissen auf besondere Weise aufzufassen. Der deutsche Philosoph bringt den Widerspruch auf die Kurzformel: »Leben eint, Wissen trennt«. Also muss, was lebt, den Dualismus von Leib und Seele, Fleisch und Geist überwinden, also muss Leben die steilen Abstraktionen der Selbstentsagung (wie Sein, Existenz, Wirklichkeit) links liegen lassen und sich der Selbstsorge des Lebenden zuwenden, die schlechterdings alles mit einschliesst.

Sokrates hat vom Philosophen verlangt, dass er dem Leben gegenüber die Stellung eines vernünftigen Arztes einnimmt. Doch welcher, wird man fragen, ist ein vernünftiger Arzt? Antwort: Der ist ein vernünftiger Arzt, der die Grenzen seiner Kunst kennt. Und das Leben, wird der heilsame Denker sagen, vollendet sich im Tod, seiner letzten Äusserung.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Gregor Lechner (Ausschnitt). Was ist Weltpolitik? Ein asiatischer Dikator reist mit seiner eigenen Toilette durch die Lüfte, um einem amerikanischen Machtinhaber die Hand zu schütteln, von dem er annimmt, dass ihm dessen Agenten seinen Kot klauen wollen.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/12/das-leben/feed/ 0
Die Natur https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/11/die-natur/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/11/die-natur/#respond Mon, 11 Jun 2018 07:17:56 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2702 Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 4: DIE NATUR.

Den Charakter der Natur (Physis) beschreibt Ludwig Feuerbach ähnlich egoistisch wie den Charakter Gottes, der sich nur zu sich selbst verhalten kann. Sie existiert unabhängig von der Philosophie, und sie kennt kein Gesetz ausser ihr eigenes Sein. Umgekehrt lässt sich das nicht behaupten: Das Denken hat die Natur zur Voraussetzung, weshalb die Philosophie als ein wesentliches Sinnenobjekt des Menschen selbst angesehen werden kann.

Die Aufgabe von uns Menschenkindern ist nun zwischen diesen beiden Instanzen zu vermitteln: Natur und Gott, allerdings mit recht untauglichen Mitteln. Denn Natur ist ja selbst schon Licht, Geist, Vernunft – die wahre Basis der Philosophie. Der Erkenntnisprozess kann letztlich nur als ein Naturprozess aufgefasst werden – und die Tatsache, dass wir das erkennen können, ist der unaufhebbare alogische Moment der Natur.

Natur verfügt über jenes berühmte naturgegebene Recht, aus dem die ewig verlachten Arbeiter der Philosophiegeschichte, die Sophisten, das menschliche Recht heraus geschält haben – und nicht nur das Recht, sondern gleichauf damit auch die menschliche Natur, von der das Menschenwesen bekanntlich nur die eine hat (anthropologisches Prinzip).

Feuerbach billigt der Natur ein unbedingtes Subjektsein zu, ein unantastbares Eigenrecht; sie ist mehr als blosser Rohstoff für das Profitstreben des Kapitals und den Genossenschaftsbonus der Arbeit. Weil der Mensch in keinem substanziellen Widerspruch zu ihr steht, lautet ihr schlichtes Gesetz: Was der menschlichen Natur entspricht, das bleibt. Was ihr widerspricht, vergeht.

In der Geschichte der Denksysteme bleibt bis zu Lukrez die Metaphysik die Wissenschaft von der Natur. Doch dann widerspricht der Aufbruch der Naturforschung und eines mehr pragmatischen Denkens dieser Enge; die neuzeitliche Philosophie neigt sogar dazu, die Logik zur Physik der Seele zu machen. Der empirische Zugang der Naturwissenschaften übergeht den metaphysischen Anspruch und greift lieber auf das materielle Substrat der Ionischen Schule zurück, bekundet sein ausdrückliches Interesse an der Erwähnung des Stoffes in der Definition und bestreitet jede Möglichkeit einer ausserhalb des konkreten Wesens liegenden Form.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Gregor Lechner (Ausschnitt). Der Volksgarten Pavillon wurde in den 1950er-Jahren von dem legendären Wiener Architekten Oswald Haerdtl erbaut. Der Pavillon ist seit Anbeginn ein Wiener Familienbetrieb. Wiener und mediterrane Küche, hauseigene Konditorwaren und abends Grill vom bbq-Smoker.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/11/die-natur/feed/ 0
Die Gottheit https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/01/die-gottheit/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/01/die-gottheit/#respond Fri, 01 Jun 2018 09:18:22 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2694 Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 3: DIE GOTTHEIT.

Alle Wesen im Wesen, das ist Gott. Alle Wesen in der Idee, auch das. Das Wesen aller Wesen, und schliesslich das allgemeine Wesen. Die Theologie formt Gott am liebsten nach dem Bild eines philosophischen Grundprinzips. Einmal erscheint er als die unbedingte Wirklichkeit des begrifflichen Empfindens auf dem Grund der Dinge. Dann wieder, o Gott, als die unbegrenzte begriffliche Realisierung des absoluten Reichtums an Potentialitäten.

Auf jeden Fall handelt es sich bei Gott um ein Wort, das die Mannigfaltigkeit des Wirklichen (oder der Sinnlichkeit oder der Wahrheit) radikal zusammenfasst und jede Mühe der Detailbestimmung verwirft. Darin scheint der unschlagbare psychologische Wert dieses Superlatives zu liegen. Gott lässt – als immerwährender Faktor des Universums – alles andere verschwindend klein und unbedeutend erscheinen.

Der Wortkörper Gott ist also das Resultat eines drängenden Gefühls, alles irgendwie vereinfachen zu müssen. Kein übermässiges Sehen im Herzen der Blindheit, wie sich das der Mystiker wünscht, sondern ein Übermass an Ehrfurcht gegenüber dem Mangel der evolvierenden Welt.

So sieht das Feuerbach, und er hätte es ruhig bei dieser Lücke im Mond bewenden lassen können. Denn seine über hunderte Seiten ausgebreitete Kirchen- und Religionskritik fügt dieser klugen psychologischen Beobachtung nichts Gewichtigeres mehr hinzu.

Die grundsätzliche, wesenhafte Schwierigkeit der Gottheit: Sie kann sich – mangels Alternativen – nur zu sich selbst verhalten. Das Wissen des Menschen von der Existenz Gottes ist das Sich-selbst-Wissen Gottes im Menschen. Oder noch simpler gesagt: Gott ist nur der umgekehrte Mensch, der wiederum vergeblich zwischen Gott und der Natur vermittelt, also zwischen sich und Sich-selbst.

Für Feuerbach rührt dieser verblüffende Spiegelreflex daher, dass die Götter eben gerade keinem Ideenreich entspringen, sondern der banalen Sinnenwelt von Licht und Wasser, von Haus, Staat und Familie. Sie gehören der Welt der Tatsachen an, nicht dem Schein als notwendigen Grundprinzip, also der Vorstellung von einer blossen Erscheinung. »Nicht der Idealismus, nein, der Materialismus ist der Grund und Ursprung der Götter« (1857). Hunger macht das Korn der Demeter, Durst macht die Quelle zur Nymphe.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Marie Obermayr (Ausschnitt). Auch heuer hat Hermann Nitsch, der im Sommer seinen 80. Geburtstag feiert, wieder ein Pfingstfest in Prinzendorf veranstaltet. Für das herbeigeeilte Kunstpublikum eine willkommene Gelegenheit, die immer noch existierende, aber durch Windräder und Schnellstrassen arg in Mitleidenschaft gezogene Schönheit des Weinviertels zu entdecken.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/06/01/die-gottheit/feed/ 0
Helligkeit als Täuschung https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/28/helligkeit-als-taeuschung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/28/helligkeit-als-taeuschung/#respond Mon, 28 May 2018 12:27:42 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2687 Österreichische Medien nutzen die zahnlose EU-Verordnung schamlos zur Zwangszustimmung für Cookies, personalisierte Werbung und die Verwertung von Nutzerdaten

1

Sie möchten, dass wir Ihre Daten löschen? Bitte antworten Sie auf diese E-Mail im Betreff einfach mit: »Bitte löschen Sie mich aus dem Verteiler«. Sie erhalten dann künftig weder E-Mails noch ggf. Post von uns. Erhalten wir keine Rückmeldung von Ihnen, gehen wir davon aus, dass wir Sie auch weiterhin über unsere Neuerscheinungen informieren dürfen.

2

Solltest du jedoch künftig keine Informationen mehr von uns wünschen, benutze bitte einfach den untenstehenden UNSUBSCRIBE-Button. Wir werden dann selbstverständlich deine Daten nicht weiter verwenden und löschen.  

3

Wenn Sie eines von beidem wünschen, klicken Sie bitte unten den entsprechenden Link. Wenn Sie die Abmeldung/Löschung nicht anklicken, bekommen Sie weiterhin wie gewohnt unsere Email-Newsletter. Dafür brauchen Sie nichts weiter tun.

4

Solltest Du jedoch keine Lust mehr auf Grüne News haben, klicke einfach auf den Abmelden-Link im Impressum.

5

Ich stimme der Verwendung von Cookies zu. Auch wenn ich diese Website weiter nutze, gilt dies als Zustimmung. Meine Einwilligung kann ich hier widerrufen. Weitere Informationen finde ich in der Datenschutzerklärung.

Abo ohne Daten-Zustimmung: Mit einem derStandard.at PUR-Abo kann die gesamte Website ohne zustimmungspflichtige Cookies und ohne Werbung genutzt werden. Details zum Abo.

Um den Widerruf abzuschließen, klicken Sie bitte auf folgenden Link: http://derstandard.at/datenschutz…

6

DELETE in der Betreffzeile, wenn Sie unsere Zusendungen nicht mehr erhalten möchten, und wir Ihre Kontaktdaten aus unserer Adressdatenbank löschen sollen.

7

Da ich sicherstellen möchte/muss, dass ich weiterhin meine E-mails an Dich versenden darf, benötige ich Deine Zusage. Deshalb bitte ich Dich diese Email mit einem »Ja, ich möchte weiterhin Informationen über alle Veranstaltungen erhalten« zu beantworten, soweit Du das möchtest. Nur die Ja-Antworten werde ich in Zukunft in gewohnter, dosierter Frequenz mit Infos anschreiben. Alle anderen werde ich dann leider nicht mehr informieren können.

8

Auch Ballettratten e.U. würde gerne Ihr Einverständnis einholen damit Sie weiterhin unseren Newsletter erhalten können. Einfach auf Newsletter abonnieren klicken und Sie sind wie immer dabei!

9

Aufgrund der europäischen Datenschutzverordnung benötigen wir Ihr Einverständnis, um Ihnen auch weiterhin vollständigen Zugriff auf unser Angebot zu ermöglichen.

Darstellung externer Inhalte: Um Ihnen redaktionelle Inhalte möglichst detailliert und umfangreich zur Verfügung zu stellen und so Ihr Leseerlebnis zu steigern, nutzen wir Beiträge aus sozialen Netzwerken (z.B. YouTube, Facebook, Instagram) und anderen Applikationen (z.B. Google Maps) zur weiteren Aufbereitung. Um Ihnen diese Inhalte von Drittanbietern zeigen zu können, benötigen wir Ihr Einverständnis.

Darstellung personalisierter Inhalte: Der Schutz Ihrer Privatsphäre steht bei uns an erster Stelle. Ihre Daten werden an niemanden verkauft. Mit Ihrem Einverständnis zur Nutzung von Cookies, JavaScript und ähnlichen Technologien haben wir mit unseren qualifizierten Partnern die Möglichkeit, Ihnen relevante und für Sie nützliche Werbung zu zeigen.

Wenn Sie die Verarbeitung Ihrer Daten reduzieren wollen, können Sie uns auch als ePaper oder Printausgabe lesen. Weiter zum Abo-Shop. Nähere Informationen finden Sie in unserer Datenschutzinformation und den Cookie-Informationen.

10

Sollten Sie keine weiteren Zusendungen per E-Mail wünschen, ist eine Abmeldung selbstverständlich jederzeit möglich!

11

As part of our continued commitment to your privacy, we’ve updated our Privacy Policy, effective as of May 25, 2018. Our changes reflect our self-certification with the EU-US and Swiss-US Privacy Shield frameworks, and our compliance with the GDPR. We provide more information about these changes in our new Data Transfer Statement. We’ve also updated our cookie policy.

We hope these changes make the shift to GDPR easier, and your use of Vimeo more seamless. If you have any questions, please write to us.

12

Damit Sie unsere Highlight-Presseinformationen auch in Zukunft erhalten können, brauchen wir Ihre ausdrückliche Zustimmung. Um den weiteren Bezug zu bestätigen, klicken Sie bitte auf weiteren Bezug bestätigen.

ACHTUNG: Wenn wir diese Bestätigung nicht erhalten, müssen wir Sie aus unserem  Verteiler löschen und Sie erhalten keine weiteren Informationen von uns!

13

Unfortunately, our website is currently unavailable in most European countries. We are engaged on the issue and committed to looking at options that support our full range of digital offerings to the EU market. We continue to identify technical compliance solutions that will provide all readers with our award-winning journalism.

14

Falls Sie unsere Einladungen und den Newsletter nicht mehr erhalten möchten, so können Sie sich jetzt – so wie auch zukünftig jederzeit – mit dem Link am Ende dieser Meldung oder per separter E-Mail abmelden.

15

mit 25. Mai 2018 tritt die EU-weite Datenschutz-Grundverordnung in Kraft. Informationen zum Umgang des ORF mit personenbezogenen Daten wie z.B. Cookies finden Sie in der datenschutzerklärung. Mehr dazu OK

***

Nutzt keine werbefinanzierten Angebote! Keine Einwilligung zu Cookies! Adblocker aktivieren! Boykottiert Unternehmen und Plattformen, die Zwangszustimmungen verlangen.

© Wolfgang Koch 2018

Foto: Judith Ortega, 2010. Der Blogger an dem Ort, wo die längste und stärkste Sonneneinstrahlung in ganz Europa herrscht. Was war zuerst da: Das Problem der Datenabschöpfung oder sein Name, das Huhn oder das Ei?

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/28/helligkeit-als-taeuschung/feed/ 0
Die Religion https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/25/die-religion/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/25/die-religion/#respond Fri, 25 May 2018 12:00:51 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2683 Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der ihm die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 2: DIE RELIGION.

Der »logizifierte Theologe« und deutsche Welteinheitsdenker G.W.F. Hegel erkennt in der Religion das Selbstbewusstsein des absoluten Geistes. Ludwig Andreas Feuerbach setzt seine eigenen Überlegungen zu dem Thema in einer viel näheren Dimension des Alltags an, er sieht im sehnsüchtigen Wünschen des Menschen den Ursprung eines jeden religiösen Fantasmas. Feuerbach schreitet dabei von der absoluten Idee Hegels, dem Kulminationspunkt der spekulativen Philosophie seiner Epoche, zum sinnlich-somatischen Ich und Du.

Anders als die Philosophie, die zwangsläufig zu Ernüchterung und Enttäuschung führt (auch zur Enttäuschung über sich selbst), geht es in der religiösen Spekulation um Selbsttäuschung: Ich halte mein eigenes Wesen für ein anderes; und ich glaube etwas anderes als mich selbst auszusprechen. Dieser Illusionismus ist für den Philosophen Feuerbach umso erstaunlicher, als ja jede Religion rationalistisch gegenüber den anderen Religionen argumentiert. Hauen die Moslems auf die Ungläubigen ein, so begründen sie das mit der Überlegenheit der ihren offenbarten Wahrheit. Weisen die Christen asiatische Kulte zurück, so weil diesen angeblich eine praktische Ethik fehlt. Man könnte sagen: Die gegeneinander eifersüchtigen Illusionismen mästen sich an der geistigen Ruhe, um sich selbst in das Zentrum der menschlichen Vernunft zu stellen.

Das reine Wesen der Religion tritt freilich nicht in dieser intoleranten Aussenwirkung zutage, sondern in der übergreifenden Gestalt des Mystikers. Einen »parasitären Krebs« nennt ihn Feuerbach, einen »krummen Rationalisten«, der um jeden Preis an seinem durch Zweifel erschütterten Glauben festhalten will. Mystifizieren heisst: Ich setze mich ausserhalb von mir und nehme mich dann wieder zurück, bis ich allein im Schneckenhaus sitze.

Man hat Feuerbach als Pantheisten vereinnahmt, und ihn noch öfter zum Fahnenträger des Atheismus verklärte. Beides ist nur halbrichtig, also halbfalsch. Beim Nachdenken über Tod und Unsterblichkeit streut Feuerbach seine intellektuellen Samen milde und vorsichtig in die Furchen der Erde: Er, von seiner Herkunft her Protestant, will die gemeinsame »Urreligion« aller kultischen Richtungen wiederherstellen, den pantheistischen Sensualismus im Sinn eines »reifen, männlichen Bewusstseins«.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Marie Obermayr (Ausschnitt). Wien hat 2018 erneut den Frühling übersprungen und ging fast nahtlos vom Winter in den Sommer über. Haben wir in unseren Breiten bald, wie in den Tropen, nur mehr zwei Jahreszeiten? Die Aufnahme stammt von einer Stadtwanderung durch die Grossfeldsiedlung und ihre erstaunliche Kleingartenumgebung in Leopoldau, Floridsdorf.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/25/die-religion/feed/ 0
Das Christentum https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/24/2676/ https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/24/2676/#respond Thu, 24 May 2018 10:29:18 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2676 Wenn alle wieder von Karl Marx reden, reden wir von dem Mann, der dem sozialistische Klassiker aus Trier die besten Gedanken geliehen hat. Lektion 1: DAS CHRISTENTUM.

Ein berühmtes Diktum Blaise Pascals lautet, Krankheit sei der natürliche Zustand der Christen. Der 1804 in Landshut geborene Religions- und Idealismuskritiker Ludwig Andreas Feuerbach dreht die Mangel dieses Gedankens noch ein paar Windungen weiter, indem er den Christen taxfrei zum Hypochonder erklärt. Im Fall der globalen Leidensreligion, lehrt er, liege gar kein echter Schmerz vor, sondern die berühmte englische Grillenkrankheit; kein wirkliches Gebrechen, sondern der inbrünstige Wunsch nach dem schönem Leiden und nach dem Mitleiden am Pseudoleiden.

Das Christsein – nichts als eine bleischwere Affektion des Gemüts, formuliert in den abstrakten Worten »Gottvater, Gottsohn & Heiliger Geist«. Kein Wunder, dass dank dieser dreifaltigen Denkweise der offiziellen Kirchentheologie die babylonische Verwirrung immer noch anhält. Verschüttet und vergessen das harmlose Heidentum der Naturgeister mit seinem Tatgeist! Verschüttet der gesunde dionysische Rausch und die robuste Medizin feierlicher Feste! Aus dem religiösen Empfinden ist auf dem langen Bibelpfad ein rationaler Zustand verminderter Vernunft geworden.

Der Christ ist nämlich laut Feuerbach hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Ihm gefällt sein eigenes Befinden gar nicht; sein Pietismus: weich wie Butter; sein Mystizismus: eine Eisblume zwischen der Wärme des Herzens und der Kälte des Verstandes. Der ruhige Analytiker, der sich selbst als »kryptopolitischer Privatier« versteht und 1848 auf dem Demokratenkongress der Deutschen spricht, dieser Feuerbach sieht im römisch-katholischen Papismus ein Symbolbild für den Menschen, über dem noch ein König regiert. Im Lutherismus hingegen erblickt er schon die halbe, bürgerliche Revolution: »Der Protestant ist ein religiöser Republikaner«.

Wohlmeinend liesse sich mit Feuerbach sagen, dass der Glaube an Jesus grundsätzlich immer ein Glaube an den Menschensohn ist, also die beseelte Hoffnung des Menschen auf den Menschen. Auf die Frage, warum Christen zwar die »Mutter Gottes« verehren, ihnen der »Vater Gottes« aber gänzlich unbekannt bleibt, antwortet Feuerbach: »Weil dieser unbekannte Vater des Übervaters das verschüttete Heidentums ist«.

© Wolfgang Koch 2018

Themenfolge

Christentum, Religion, Gott, Natur, Leben, Tod, Leib, Sinne, Empfindung, Wahrheit, Erkenntnis, Denken, Philosophie, Wissen, Wissenschaft, Sein, Mensch

Feuerbach-Code

Anschauung = Registration, Sinneswahrnehmung, Weltaneignung

Denken = Seinsfolge

Empfindung = Rezeptivität

Enttäuschung = Aufklärung

Leib = Daseinseinheit der Subjektivität

Sinnlichkeit = Wirklichkeit

Wahrheit = erkannte Lebenstotalität

Foto: Pascal Maitre (Aussschnitt). Aus der Sonderausstellung »Baobab, der Zauberbaum« im Naturhistorischen Museum Wien. Von den acht Arten der Affenbrotbäume, die weltweit existieren, sind sieben auf Madagaskar heimisch; dorthin zog es den Fotografen bereits 27 Mal. Der Wasserspeicher des Baobabs, dessen Früchte »Affenbrot« heissen, ist gewaltig, lehrt ein afrikanisches Sprichwort, doch seine Mutter ist nur ein Samenkorn. Ausstellung noch bis 2. Juni.

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2018/05/24/2676/feed/ 0
Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (5/5) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/10/13/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-55/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/10/13/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-55/#respond Fri, 13 Oct 2017 09:39:17 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2649 In drei Tagen wählt Österreich. Wie in Deutschland ist ein deutlicher politischer Rechtsruck zu erwarten, den sich SPÖ und Grünen-Fraktion auf je eigene Weise verdient haben. Die SPÖ durch die jahrzehntelange Fixierung auf einen bürgerlichen Koalitionspartner, mit dem ihre Gewerkschafter auch in den Gremien der Sozialpartnerschaft zusammensitzen und mit dem man bequem die Posten und Pöstchen im Land nach Parteifarben aufteilen kann.

Ideologisch begleitet wurde diese Politik der »Grossen Koalition« durch viel antifaschistisches Getöse, Symbolpolitik in Richtung der Freiheitlichen, die ihre Opferrolle im Spiel der Kräfte redlich zu nutzen verstanden haben.

Die Grünen wiederum verdienen sich einen Denkzettel durch Mechanismen, die einen Generationswechsel innerhalb des eigenen Funktionärsapparates schwer machen und eine Reihe von Eisenärschen in unangreifbare Positionen gespült hat, was nach der Niederlage im Parlament noch zu einer Niederlage im Wiener Landtag führen wird, wo in der Fraktion – ausser mit dem ehemaligen Bundessprecher Christoph Chorherr – kein einziger Sympathieträger in der Öffentlichkeit zu Verfügung steht.

Zu diesen machtstrukturellen Problemen kommen in den beide österreichischen Linksparteien – Rot und Grün – schwere politische Fehler: eine durch und durch unvernünftige Migrationspolitik, Stichwort »Willkommenskultur«, die systematische Geringschätzung und Verachtung des Nationalstaates und seiner politischen Instrumente sowie eine quasi religöse Überhöhung der Europäischen Union zum Altar einer »europäische Idee«, als wären Russen, Albaner, Schweizer und Briten keine Europäer, sondern nur mehr verführte Nationalisten, Putin-Anhänger und Mafiosi.

Alles Gutgemeinte wird in der Politik irgendwann zu einem Bumerang. Die jahre- und jahrzehntelange Ignoranz sicherheitspolitischer Fragen fällt Sozialdemokaten und Grünen in dieser Wahlentscheidung hart auf den Kopf. Wenigstens zeigen die Grünen seit ihrer Spaltung, dass sie noch lernfähig sind. Man hält sich nun zurück mit der Moralkeule, man stellt den Klima- und Umweltschutz wieder in den Mittelpunkt der Zukunft und man hat in in der letzten Sitzung des Nationalrates sogar einen Durchbruch bei der gerechteren Gestaltung der Notstandshilfe erreicht.

Fortan wird bei diesem Sozialversicherungsgeld für Langzeitarbeitslose das Partnereinkommen nicht mehr miteingerechnet. Ein längst überfälliger Schritt! Er betrifft, bei einer geschätzten Zahl von einer halben Million Arbeitslosen im Land, hunderttausende Inländer.

Ja, es stimmt, grün nervt! Die mal akademische, mal kabarettistischer Sprache, der ewige Gewissensdruck und der moralische Weltrettungsgestus der ökopolitischen Sprechweise. Weder der Populismus der »Vollbeschäftigung«-Sprüche ist für die heutigen Grünen ein Thema, noch das Ende der Arbeitsgesellschaft, das bedingungslose Grundeinkommen oder die Hanfliberalisierung, die die Hände der Polizei für sinnvoller Aufgaben freimachen würde. Der Hysterisierung der jungen Menschen im Ausbildungsbereich wird nicht nur nachgegeben, Sozialdemokraten und Grüne erheben »Bildung« geradezu in den Stand eines Mysteriums, als müssten Klassenkämpfe jetzt von Schülern gegeneinander ausgetragen werden.

Und trotzdem, trotz all dieser Vorbehalte, sind die beiden aus der Not geborenen Spitzenkandidaten der Grünen, Ulrike Lunacek und Werner Kogler, ein historischer Glücksfall im 31. Jahr der oppositionellen Fraktion. Zwei Berufspolitiker, deren Profile noch einmal gewiefte Persönlichkeiten und Freude am politischen Gestalten aufblitzen lassen. Keine akademischen Karrieristen, die ökologische Nichtigkeiten aus den ökonomischen Kategorien der Quantitäten destillieren, sondern kontrollfreudige und gestaltungsbereite Nachbarschaftpolitiker, die das Scheitern der Epoche zur persönlichen Erfahrung reifen lassen.

Legt man Friedrich Rohmers berühmte Vier-Parteien-Psychologie von 1844 an, so ist Sebastian Kurz der Knabe, Christian Kern der Jüngling, H.C. Strache der Greis und die Lesbe Ulrike Lunacek der reife Mann der Stunde. Die ÖVP steht für das Wirtschaftsdienerische, die SPÖ für den Generationenschwindel, die FPÖ für Bürgerwut, Bürger immerhin, und die Grünen: für die reine Intention des Herzens.

Wer denkt, dass die Probleme der Zukunft grösser sind als die heutigen, muss grün wählen. Wer meint, wir seien mächtiger als die Probleme: das verdumpfende Blau. Dazwischen tönt die Bereicherungssymphonie der Pensionisten und sprüht der Fuckability Factor der Erfolgreichen.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/10/13/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-55/feed/ 0
Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (4/5) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/23/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-46/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/23/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-46/#respond Sat, 23 Sep 2017 19:46:16 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2641 Der österreichische Ex-Grünen-Politiker Peter Pilz hat mit seiner Kritik am destruktiven Humanismus recht, glaubwürdig ist er allerdings selber nicht. Hat man je gefragt, woher der »Aufdecker der Nation« die geheimen Unterlagen hat, mit denen er seinen Drohzirkus gegen politische Gegner bestreitet?

Whistleblower sind in Östereich selten. Aufdeckerpolitik spielt sich in einem geheimnisvollen Zwischenbereich von Manipulation und Spionage ab. In der Regel stammen die belastende Unterlagen der politischen Skandale von Journalisten, die ihre Beweise im Versteckspiel gegen Diebstahlsvorwürfe parlamentarisch immunisieren.

Die Redaktionen erhalten die kompromittierenden Daten wiederum aus den unsichtbaren Händen verschiedener Nachrichtendienste. Peter Pilz hat seine Prominenz also primär der Tatsache zu verdanken, dass er sich willfährig zum Werkzeug des Tiefen Staates machen lässt.

Nach Novalis ist im Staat alles »Schauhandlung«, die Regierenden setzen auf Ministerabilismus, die Opposition auf Opferpathos und Sprechmob. Jeder hofft auf Unterwerfung der Wähler unter eine Stabilität: den Arbeitsbesitz, das Kapital, die Heimat, die Energie- und Ressourceneffizienz.

Als sonderlich zukunftstauglich hat sich der ökologische Ansatz in diesem Spiel in den letzten Jahren noch nicht erwiesen. Umwelttechnologie ist nicht zur wichtigsten Leitindustrie des 21. Jahrhunderts aufgestiegen. Die Forderung nach mehr Vernunft in der Ökonomie findet nur in den Mass eine Aufnahme, als die Vernunft eine profitable Grösse ist.

Träume von Urban Gardening und Vertical Farming kaschieren eher das Unvermögen, nachhaltig auf Prosperität zu verzichten. Auch die grünste Stadt gewinnt einen Grossteil ihrer Ressourcen durch Raubbau in der Peripherie.

Alles noch kein Grund, die politische Ökologie im »Haus der Geschichte« zu kompostieren! Die moderne Gesellschaft verändert sich ständig unter dem Einbau technischer Komponenten. Umso nötiger ist es, im öffentlichen Meinungsbild Kräfte zu stärken, die Abhängigkeitsstrukturen aufzeigen, die den brutalen Mobilitätszwang mit Verlangsamung beantworten, den fossilen Betriebsmodus anzweifeln, das Auto aus dem Zentrum der Lebensweise verdrängen, die die Raumüberwindungslast unserer Ernährungsweise nicht mit der sofortigen Bedürfnisbefriedigung beantworten, sondern Kostenwahrheit einfordern, kurz: Kräfte, die eine global verallgemeinerungsfähige Politik betreiben.

Dass Österreichs Grüne seit 31 Jahren im Bund nicht mitregieren, ist ein Desaster. Die SPÖ schwächelt viel zu sehr, um Konzernen entgegen zu treten, sie will unser Leben lieber beschleunigen: Jobs statt Berufe, Bildungsdruck statt Familie, Biker auf Forstwegen, Pizzaservice statt Kochen. Die Gehetzheit des Alltags resultiert mit aus der sozialdemokratischen Tiefenüberzeugung, dass jedem Arbeiter Auto, Millionenshow und Billigflüge zustehen.

Gewiss, der sprachpolizeiliche Stil der Grünen ist für freie Menschen schwer zu ertragen! Aber ein Land voller Selbstoptimierer, in dem der Besitz von Kundenkarten mehr zählt als der von Kindern, benötigt schlicht Widerstand.

Die Ökos sind durchaus nicht so selbstgefällig wie die anderen Parteien. Sie sind es, die sich mit den wirklichen Lebensfragen beschäftigen: der Ernährung, dem Körper, der Luft und dem Wasser, während sich die Grossparteien am liebsten mit Identitätsfragen auflüstert: Wer ist der bessere Österreicher? Benötigen wir eine »österreichisch-islamischen Identität«? Nichts davon ist wirklich zukunftsrelevant.

Ich brauche auch keinen Klimawandel und keine Korallenbleiche, keinen Artenschutz und keine Fleischberge, um zu erkennen, dass wir verkehrt leben: dass Kinder katatonisch auf Smartphones starren, die Erwerbstätigen aufs Pensionskonto und die Alten auf den Tablettendispenser.

»The planet’s fine, the people are fucked«, wusste schon der US-Komiker George Carlin. Gerade darum soll ja sanfter Druck die Zwangsmassnahmen von morgen verhindern. Und zur Erinnerung: Es waren bitte die Grünen, die aus dem Nationalrat ein Arbeitsparlament gemacht haben, jedenfalls bis die Gesetzesarbeit durch den Beitritt Österreich zur Europäischen Union wieder dysfunktional wurde.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/23/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-46/feed/ 0
Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (3/5) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/22/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-36/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/22/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-36/#respond Fri, 22 Sep 2017 16:08:08 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2637 Sollen wir die Ökos nun fallen lassen? Nein, aber falls doch, dann gäbe es dafür bessere Gründe. Mangels von in Bürgerinitativen organisierten Massen im Land verstehen sich die Grünen als Sprachrohr von NGOs – in der Sicherheitspolitik ein katastrophaler Fehler. Wenn die Mafia in Süditalien Flüchtlingslager betreibt, um in Rom abzukassieren, ist bei caritativen Helfern absolute Vorsicht geboten.

Es existiert auch keine völkerrechtliche Regelung, die EU-Staaten verpflichtet, Menschen, die sich bewusst in Seenot begeben, um ihre Einreise zu erzwingen, mit einem Aufenthaltsstatus zu belohnen. Eine solche Auslegung des Notrufs gleicht der rechtsstaatlichen Kapitulation.

Wie alle Linken fordern die Grünen in Österreich und Deutschland bedenkenlos Staatsmittel ein und propagieren aus dem Gefühl allgemeiner Menschlichkeit heraus eine fürstliche Gnade, die sich über alles Recht und Gesetz hinwegsetzt.

Alain Finkielkraut hat schon vor über zehn Jahren vor einer solch engen Interpretation des Europäertums gewarnt; da war von einer Migrantenrevolution noch lange nichts zu sehen. „Der Preis des Unheils, den Europa über das 20. Jahrhundert gebracht hat,“, schrieb der französische Philosophr, „darf nicht seine Unbestimmheit sein, nicht ein Verzicht auf jede Grenze“.

Peter Pilz liegt mit seiner Kritik an der faktisch grenzenlosen Offenheit des Schengenraums richtig. Doch der Ex-Grünen-Politiker meint, dass in der Migrantenrevolution ein verantwortungsvolles Handeln links der Mitte möglich sei. Schon Theodor Körner und Hans Thirring, um zwei der klügsten Köpfe der Sozialdemokratie zu nennen, waren 1930 und 1964 nicht einmal unter Genossen mehrheitsfähig.

Es gibt keine linke Sicherheitspolitik, und es kann keine geben. Für die Linke ist die Forderung nach Rechtssicherheit eine hilflose Angelegenheit, weil Finanzwirtschaft und Politik einem Pokerspiel gleichen und in der EU die eigenen Verträge (Maastricht, Fiskalpakt, Schengen) schlicht nicht eingehalten werden. In Seenot treiben nicht nur die Geschleppten, in den aufblasbaren Dinghis kippt auch der Gesellschaftsvertrag, der dem Parlament eine ordnende Funktion zuschreibt.

Das grüne Urgestein Robert Jungk hat die parlamentarische Demokratie allein für nicht mehr in der Lage gehalten, kritische Öffentlichkeit herzustellen. Heute helfen seine Enkel innen im Parlament kräftig nach bei der Arbeit.

Der destruktive Humanismus der Grünen, der Sozialliberalen und weiter Teile der Sozialdemokratie basiert auf dem Bewusstsein, dass man sich notfalls auch ohne etwas durchschlagen kann durch die Welt und durch dieses Leben. Der destruktive Humanismus basiert zweitens auf der Vorstellung, dass im globalisierten Zusammenhang der Politik und der Ökonomie jegliche Zugehörigkeit überwunden werden muss.

Doch der Nationalstaat lässt sich bei mittlerweile 66 Millionen geschätzten Flüchtlingen und Vertriebenen nicht überspringen; er ist die einzige demokratisch legtimierte Umverteilungsinstanz.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/22/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-36/feed/ 0
Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (2/5) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/11/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-26/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/11/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-26/#respond Mon, 11 Sep 2017 08:37:02 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2631 Die Grünen, das ist heute beinahe vergessen, gingen in Deutschland und Österreich aus dem Bruch mit den Revolutionstheorien von K-Gruppen hervor. Ihre Visionäre verwarfen das aberwitzige Anknüpfen der 68er am Parteiaufbau der Arbeiterintelligenz vor dem Zweiten Weltkrieg. Statt Proletariermythen betonten sie lieber die subjektive Verantwortung gegenüber den Zuständen, bezogen sich positiv auf die Politik.

Man durchkämmte die Ideen der Lebensreformen im 19. Jahrhundert: Naturheilverfahren, Gartenstädte, gesunde Ernährung, wechselte von den harten Philosophien zu weichen Ideologien: Ökologie, Gewaltfreiheit, Menschenrechte, Antirassismus.

Je mehr allerdings diese Begriffe aufeinander bezogen wurden, desto rasanter schwand ihr kritischer Gehalt. Einen gemeinsamer Nenner gibt es bis heute nicht.

Auf dem langen Marsch schüttelte man linksradikale und rechtsblinkende Ränder ab, aus Aubesetzern wurden Mc-Donald’s-Hasser, Queer-Feministen und Bike-City-Lobbyisten, aus einer dissidenten Bewegungen für das Neue ein routinierter Parteiapparat mit Zielgruppenforschung und Marketingstrategien, aus Abgeordneten Partner neuer Unternehmer mit transzendentalem Werbeidealismus – pragmatische Vertreter einer neosentimentalen Generation, die Altruismus und Bio-Chic schätzt. Multikulturell beweglich, antiideologisch, spielerisch Solidarität praktizierend.

Die Bilanzen legen freilich immer noch andere. Im Mai 2017 kehrte die Bundessprecherin der österrreichischen Grünen nach 20 Jahren feministischer Leistungskarriere schluchzend in den Mutterkult ein, im Juli zog der bekannte Abgeordnete Peter Pilz beleidigt aus dem Klub aus. Ein Spin der gegnerischen SPÖ, die damit ihre Verluste im Sozialbau freilich nicht mehr wettmachen kann, so dass die Freiheitlichen praktisch schon sicher auf der nächsten Regierungsbank sitzen.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/11/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-26/feed/ 0
Ist die Grünen-Agenda museumsreif? (1/5) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/04/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-16/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/04/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-16/#respond Mon, 04 Sep 2017 11:18:39 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2626 »Haben schon gewählt: Original-Sacher-Torte oder Eduard-Sacher-Torte?« Die ihren Bürgern schon zweimal geschenkte Republik Österreich liegt im Tortenstreit. Der regierende Träger der Tante-Jolesch-Medaille ist im besten Wohlfühlton gescheitert. Eine neue Koalition soll wieder einmal alle Probleme lösen und nichts verändern.

Die Kandidaten für die Parlamentssitze zittern. Das Original-Sacher-Lager fürchtet Haustetschen für erfolgreiche Wertschöpfung ohne Bonusmeilen für den Mittelstand; die Eduard-Sacher-Front Gnackwatschen für zwei Jahre »Willkommenskultur« im Kielwasser von Angela Merkel.

Das Original hätte ja diesmal durchaus Chancen, ist aber zerrissen zwischen Wegträum-Europa und Brüsselophobie. Die Parteien mit dem Binnen-I, die Sozialdemokraten und die Grünen, sind sich zwar einig über die zusätzliche Marmeladenschicht in der Teigmitte, missachten aber Rechtsverbindlichkeit als Lebensgrundlage der Demokratie.

Bei einer österreichischen Staatsschuldenquote von 80% (Italien 133%) herrscht, trotz Verdoppelung des realen BIP in den vergangenen 35 Jahren, immer mehr Wilder Westen am Arbeitsmarkt. In den Parteien dreht sich alles um Taktik, welche die Protagonisten für den Moment gut dastehen lässt. Und ausgerechnet nach ihrem bisher grössten Triumph – der Wahl eines Donaldisten zum Bundespräsidenten – zerreisst es die Partei der ökologischen Sache.

© Wolfgang Koch 2017

Foto: Inés Bacher

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/09/04/ist-die-gruenen-agenda-museumsreif-16/feed/ 0
Die geschwätzige Linke und der Trumpismus https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/30/die-geschwaetzige-linke-und-der-trumpismus/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/30/die-geschwaetzige-linke-und-der-trumpismus/#respond Fri, 30 Jun 2017 09:18:56 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2612 Donald John Trump, 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Sphinx der politischen Theorie und Gottseibeiuns der demokratischen Linken. Der deutsche Bestseller-Autor Mathias Bröckers gehört keiner besonders nachdenklichen Fraktion dieser Linken an, und doch trifft er mit seiner neuesten Publikation den Nagel viel eher auf den Kopf als die versammelten akademische Bedenkenträger des Suhrkamp-Verlages.

Was die fünfzehn Nervenärzte der Gegenwart beim Suhrkamp über den Erzschurken und Leugner des Klimawandelns zu sagen haben, das pfeift das Grossfeuilleton jeden Tag von den Dachterrassen. Dass Trump »rassistisch« sei, ein übler »Rattenfänger«, ein »König Ubu im Weissen Haus« (Bruno Latour), ein »gehässiger Twitter-Troll« (Pankaj Mishra), dass der neue Präsident in seinem Amt finstere Pathologien entfesselt – was haben wir nicht schon alles gehört? Was hat uns der progressive Moralismus nicht schon alles zugemutet, und wird uns in Gestalt eines neuen Antiamerikanismus noch jahrelang weiter zumuten?

Ivan Krastev will in Trump »eine Revolte der Demokratie gegen den Liberalismus« erkannt haben. In der bindungslosen Welt erscheint dem kleinen Mann die Demokratie angeblich »als ein politisches Regime, das die Macht der Mehrheiten sichert«. In der Kritik der illegalen Massenmigration, die jede europäische Staatlichkeit aushöhlt, zeige sich kein Mangel an Solidarität, nein, sie sei vielmehr als ein »Zusammenstoss von Solidaritäten« zu verstehen – Internationalisten gegen Nativisten. Die Massenmigration hat nach Krastev in Europa »eine Konterrevolution« ausgelöst.

Bruno Latour gibt bei Suhrkamp die Kassandra: »Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, das das Ganze in einem Flammenmeer enden wird«.

Natürlich ist in der akademischen Analyse viel von den Ursachen der gegenwärtigen Weltkrise die Rede, sehr viel sogar. Man erkennt den Verlust der ökonomischer Souveränität der Nationalstaaten. Kulturelle Heterogenität, die Furcht vor dem Unbekannten, wird zum endemischen Merkmal des Zusammenlebens in Grossstädten erklärt. Dazu kommt der allgemeine Zwang zur Mobilität.

Paul Manson ist der Ansicht, der Westen mache gerade seine eigene Perestroika durch. Wir hören von der »Manipulation des Massenunbewussten«, dem für die Menschen schädlichen Mantra der Wettbewerbsfähigkeit, von einer abgehobenen politische Klasse (»Selbstabkoppelung der Politik-Politik«). Einzelne Autoren beklagen das Superoritätsgetue der Kulturlinken; andere bedauern gefährliche Entzivilisierung und regressive Modernisierung.

Die Ungleichheit sei nicht Folge der Rezension, sondern gerade ihre Ursache (César Rendueles). Der Leben verwandelt sich in eine Ware, die Bewusstseinsindustrie orientiere sich ausschliesslich kosmopolitisch, sie führe den Kulturkampf einer globalen Diskursgemeinschaft. Die Waren zirkulieren am Globus immer freien, während die Menschen durch Mauern getrennt werden (meiner Wahrnehmung nach ist es anders: die sichtbaren Mauern werden immer durchlässiger, die Menschen in Gambia essen holländische Zwiebel, weil die westafrikanischen Zwiebel mit den Preisen der Holländer nicht mithalten können; es sind also unsichtbare Vermögen, die die Menschen immer nachhaltiger voneinander trennen).

Vor dreissig Jahren hatte die Linke noch den Marxismus, um die komplexen Vorgänge der Weltökonomie und die dazugehörige Psyche zu verstehen. Heute werden von den Vordenkern hauptsächlich Theorien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herangezogen: Freuds Triebmodell, Antonio Gramsci, die Transformationsmechanik von Karl Polanyi, Norbert Elias, Erich Fromm, und aus jüngeren Jahren: Michael Walzers Überlegungen zur Weltinnenpolitik, Richard Sennett und der Havard-Ökonom Dani Rodik.

Mathias Bröckers – taz-Mitbegründer, Hanfprohibitionist und Verschwörungsanalytiker – setzt dieser linksakademischen Weltsicht durch masslose Übertreibung die Krone auf, er macht den neuen Präsidenten im Weissen Haus als »König Donald« kenntlich. Das ist ehrlicher, und behauptet auch nicht, der Aufstieg autoritärer Demagogen sei durch fleissige Begriffsarbeit und gute Ratschläge an die Sozialdemokratie zu bekämpfen.

Während die Suhrkamp-Intelligenz konfus über Trumps Geschwätz herzieht, – und damit in gewisser Weise selbst dem Geschwätz verfällt, denn wo wird nicht auf geschwätzige Art über das Geschwätz der jeweils anderen gelästert –, schlägt Mathias Bröckers einen anderen Weg ein.

In König Donald greift er die Menschheit von wenigstens zwei verschiedenen Seiten an: Indem er seiner Untersuchung die Gestalt eines Märchens gibt, durchkreuzt Bröckers den akademischen Hochmut. Indem er, zweitens, überall unsichtbare Mächte walten sieht – böse Lobbys von Rüstungsfirmen und Ölkonzernen, Nachrichtendienste, Mafiaclans –, vermeidet er das bequeme Gefasel über »kulturelle Heterogenität« und »Regression«, das unsere politische Vorstellungskraft einschläfert und die Fake-Antworten vom »guten Leben« und der »Gemeinwohl-Ökonomie« geradezu herausfordert.

Der Durchschnittsmensch ist an Politik nicht interessiert und will die Welt in Individuen übersetzt bekommen. Das leisten die Medien, indem sie den Politikern hilft, mit ihren Phrasen auf die öffentliche Meinung Einfluss zu gewinnen. Kritiker wie Bröckers zerlegen diese vorfabrizierten Phrasen wieder und etabliert die Unzufriedenheit als Grundstimmung. Nach Meinung des Kritikers soll man nicht nur das Richtige denken, sondern sich auch weniger in das Spektakel der Meinungen und Spekulationen hineinziehen lassen.

Die zeitweillige Inkonsequenz bei den Büchern von Bröckers, der ja Reimgedichte schreibt und Hanf-Fachbücher, Populärwissenschaftliches, Aufdecker-Bücher und Conspiracy-Untersuchungen, ist ein Zeichen von hoher Vitalität. Hier tritt kein Autor mit einer Generalthese vor uns hin, die er karrieretechnisch in Seminarbeiträge zerlegt und dann häppchenweise zum Besten gibt.

Bröckers sucht unerschrocken und mit grosser Festigkeit nach einem Wahrheitsgehalt der politischen Kämpfe, von dem er zugleich sagt, dass es ihn so gar nicht geben kann. Politik ist ein Showkampf im Finanzcasino, ein unlogisches Eigendasein der Macht, ein Fluch über die Sterblichen. Und das Entscheidende bei Bröckers ist seine Fähigkeit zu glauben, dass das praktische Leben auf der Erde trotzdem lebenswert gemacht werden kann, und dass Humor und Diskussion dabei die Hauptrolle spielen.

Man wird bei der Lektüre von König Donald das Gefühl nicht los, dass die Verachtung des Autors für die US-amerikanischen Politik ihren eigentlichen Grund in dem Umstand hat, dass er zur Partei der Nichtwähler gehört, die nirgendwo am Ruder sind.

Man vergleiche diese selbstskeptische Haltung mit den Ansichten des indischen Essayisten Pankaj Mishra, einem dieser Modeautoren unter den linken Bonusmeilenfliegern. Der schmiedet seine Gegenwartsanalyse mit einem Holzhammer-Freudianismus, als wäre die Psychoanalystische Bewegung bei Wilhelm Reich stehengeblieben. Trump und Nigel Farage sind für ihn »absurdes politisches Theater in höchster Vollendung«, ihre Anhänger: Fanatiker und Rassisten ohne ein gefestigtes Selbst, das sich von den projizierten Ängsten, Wünschen und Zielen nicht unterscheidet.

Und wer trägt nach Mishra Schuld an der Misere? Na, die Aufklärung und ihr hyperrationales Ideal des Homo oeconomicus. Der Mensch sei aber kein mit einem freien Willen begabtes Subjekt. Er werde durch eine ganze Menge von Wünschen und Trieben gesteuert, so dass es die verblüffenden Revolutionen unserer Zeit erfoderlich machen, »das Denken wieder im Bereich der Triebe und Affekte zu verankert«.

Wie, bitte? Emotionales Denken als Rezept wider den Trumpismus? Linkspopulismus gegen Rechtspolulismus?

Gut, Mishra hat in Uttar Pradesh und Neu-Dehli studiert, wo man vermutlich noch nie etwas von den Theorien eines George Sorel gehört hat, dem Vordenker genau dieser Verankerung des Denkens in den Trieben, eines Ansatzes, der in Europa über den Nationalsyndikalismus schnurgerade hinein in den italienischen und den französischen Faschismus geführt hat.

Für den kryptoleninistischen Dauerschwätzer Slavoj Žižek besteht Trumps strategische Funktion darin, dafür zu sorgen, dass die Besitzlosen sich nicht selbst helfen können. Das Gute an diesem Feind sei, dass er den Liberalen jetzt mal richtig Angst macht. So einfach entfaltet sich die Welt heute in den Wärmestuben unserer Koryphen und Kapazunder, sprich: im Lektorat des Suhrkamp Verlages.

Zygmunt Baumann verlangt in seinem Buchbeitrag nichts Geringeres als eine »kulturelle Revolution«, so als ob wir nicht seit dreissig Jahren mitten in solchen kulturellen Revolution drinnen sitzen, in den Revolutionen des Digitalen, der Informations- und der Biotechnologien.

Das Internet, lesen wir, sei die globalisierteste aller Infrastrukturen (Seite 263), es schafft eine Illusion der Nähe (28), ausgerechnet der Tod der Zensur bringt uns die postfaktische Politik (119), er verstärkt eine Welt ohne Bindungen (123), das Diktat des globalen Vergleichs (129), entfernt uns immer weiter vom herrschaftfreien Dialog (283).

Bruno Latour, der Bonusmeilen sammelt, um die einwanderungsfeindlichen Massenarbeitslosen mit Weltgeist zu beträufeln, predigt Wagemut. Dabei schürft er nach neuen Glücksstrecken am Boden des Kontinents: »Wir, die Europäer, befinden uns nun allesamt auf einer Wanderung zur Territorien, die es neu zu entdecken und neu zu besiedeln gibt«.

Das ist in meinen Augen keine Gesellschaftsanalyse, das ist der Räsonieren vor dem Wasserglas, ein intellektuelles Flanieren auf der schwimmende Insel im Meer ohne Anstrengung. Ich verlange ja keine grosse Sozialtheorie von den Köpfen meiner Zeit, die sich mit dem »Bewusstsein der Massen« oder der »Konstruktion von Situationen« beschäftigt, aber Gedächtnis wird man verlangen können, und die Realität als schlagende Währung.

Wie ratlos der Linksakademismus durch die unerforschten Materien tappt, das zeigt sich besonders deutlich an den Rezepten, die er zur Lösung der diagostizierten Krisen anbietet:

Paul Manson träumt von einer erneuerten und radikalisierten Sozialdemokratie, die der »aufgehobenen Arbeiterklasse« einfach mehr Geld anbietet, das sie durch die Besteuerung von Reichen einsammelt (168). Er will eine Industriepolitik betreiben, die Arbeitsplätze in die westliche Hemisphäre zurückbringt – aber nicht wie Triump durch die generelle Besteuerung von Importen; Manson will wichtige öffentliche Dienste wieder verstaatlichen und die Kapitalflucht in Steuerparadiese beenden (172). Weiters die Zuwanderung steuern und überwachen – was wohl kaum geht wird, ohne die vielgescholtenen Zäune und Mauern.

Für Ivan Krastev hingegen verlangt die Europäische Union die Ideen des Weltbürgers, das heisst die Fähigkeit seiner Bewohner, die Grenzen zu öffnen und dem globalen Dorf zuzustimmen (128). Und immer wieder hören wir von der Aufwertung reproduktiver Arbeit (243) und der Ermächtigung des Volkes, das der Diktatur der Märkte ein Ende setzen muss (248).

Der Brachialschwätzer Žižek will überhaupt »alle Formen von Identitätspolitik überwinden«. Die grösste Gefahr für die »wahre Linke« sieht er darin, dass sie sich auf die liberale Mitte einlassen könnte, um die von Rechtspopulisten verkörperte grosse Gefahr abzuwenden. Das liegt von der Sozialfaschismus-These zwischen den Weltkriegen, die den Hass der Kommunisten auf die Sozialdemokraten pflegte, nur Haarbreit entfernt.

Etliche Zeitdiagostiker träumen von einer Allianz des Südens: Podemos – Syriza – France Insoumise. Man will »transnationale Instanzen« herstellen, als hätten sich Völkerbund und UNO als Motoren des Weltfriedens bewährt. Wieder einmal wird eine »neue politische Internationale« ausgerufen, um das globale Kapital »im Zaum« zu halten – man sieht schon an den Sprachbildern, dass dieses Denken eher dem Kutschenzeitalter angehört als der Hölle prekärer Beschäftigungsverhältnisse.

Der belgische Archäologe David Van Reybrouck will die Demokratie vor dem Kampf zwischen Trollen und Lügnern retten und dringend neue Räume schaffen, in denen Bürger ungeachtet ihrer unterschiedlichen Überzeugungen on- und offline zusammenkommen. Konkret schlägt er vor, Partizipationsmodelle der irischen Politik mit dem Los auf Unionsebene zu erweitern und durch Multiple-Choice-Referenden zu ergänzen.

Als Vorbild schwebt Van Reybrouck nichts geringeres als die athenische Demokratie vor, die einen substanziellen Teil ihrer Ämter durch Los-Entscheide besetzt hat. Tatsächlich könnte die Politik mit Hilfe eines zufällig ausgewählten Teils der Bevölkerung rascher Interessenschwerpunkte erkennen und Prioritätenlisten erstellen. Dass damit das Sicherheitsproblem des politischen Islam gelöst werden könnte, ist kaum anzunehmen. Doch öffentliche Sicherheit ist in einer historischen Situation, da die Terrorakte in Europa bereits hunderte Todesopfer gekostet haben, die Voraussetzung für Freiheit und Demokratie.

In Summe erinnern Suhrkamps Einfälle zur »geistigen Situation der Zeit« eher an dien »Grosse Akademie von Logado« in Jonathan Swifts zeitkritischem Roman Gullivers Reisen (1726), als an die Vorbilder von Jaspers und Habermas. In den fünfzehn Zimmern dieser neuen Akademie werken die Projektemacher daran, Sonnenstrahlen aus Gurken zu ziehen, menschliche Exkremente zurück in die ursprüngliche Nahrung zuverwandeln, Eis zu Schiesspulver auszuglühen und Häuser vom Dach ausgehend nach unten zu bauen.

Auch im Bröckers-Universum geht es um das Staunen, um die aufregende Suche nach brauchbaren Begriffen, die das Verständnis erhöhen. Doch bei Bröckers muss man Lachen können, und zwar nicht nur über die anderen, sondern auch über sich selbst. Die internationale Debatte über den Rechtspopulismus ist ja in ihren wesentlichen Teilen eine hilflose Reaktion von Leuten, denen Argumente gegen die neuen Propheten fehlen. Sie ist Ausdruck eines kalten, denunziatorischen Linkspopulismus, dem die Kraft zur Einsicht fehlt, dass der Nationalstaat das einzige rechtspolitische Objekt ist, in dem die menschliche Gesellschaft bisher zu Frieden und Wohlstand gefunden hat.

Der satirische Ansatz der König-Donald-Legende will gar keine Totalität aufschliessen, er will keine grossen Antworten auf Weltkrisen geben. Er will die Demokratie nicht neu erfinden und Europa konfliktpolitisch nicht in den Nahen Osten versetzen.

Bröckers betreibt einfach Ideologiekritik. Zu dem Zweck behauptet er das finstere Wirken von unsichtbaren Kräften in der Politik, die die akademischen Analytiker überhaupt nicht in Betracht ziehen. Donalds Familienkonzern treibt ja mit arabischen Ländern Geschäfte, die nicht vom US-Einreiseverbot betroffen sein sollen. Bei Bröckers bekennt sich der »Springteufel« im Weissen Haus offen zur weltpolizeilichen Verantwortung der »grössten Killernation der Welt« und erntet zugleich im Verborgenen wunderbaren Honig.

Reichstagsbrand und Russophilie, Handelskrieg und Teppichmesser – diese ganzen Verranntheiten der Aufklärungsliteratur, die einen leidenschaftlichen Unterhaltungswert haben, versetzt Bröckers in einen apokalyptischen Wirbel, in eine Sage von Schurken und Helden, um zu zeigen, dass die allgemeine Konfusionfähigkeit noch viel zu gering ist, um durch das neue Jahrtausend zu schreiten.

Was also ist »die geistige Situation der Zeit«? Ihre Wahrheit liegt sicher jenseits der idealistisch-moralisierenden Analysen der Akademiker, welche die Chancen einer radikaleren Linken herbeiwünschen, und sie liegt sicher diesseits der Verschwörungstheoretiker, die hinter jeder Rückfahrkamera einen US-Geheimdienst wittern. Der Wahrheits-Code der Gegenwart liegt so weit entfernt vom Handeln der neuen Klassen wie vom polemischen Rauch aus der Hanfpfeife.

So lese ich diese kleine Schrift von Bröckers: als Wunsch das gewöhnliche Leben lebenswert zu machen. Dazu gehört es, König Donald und die unsichtbaren Meister im Kampf um den Thron lieber aus den Augenwinkeln zu betrachten, von der Seite, aus der Ferne, und nie zu vergessen, dass die politische Realität eine hochkarätige, brutale, bewegende, düster-witzige und rasante Drama-Serie ist, die unsere Welt für den Durchschnittsmenschen in Sagen-Figuren übersetzt.

© Wolfgang Koch 2017

Heinrich Geiselberger (Hg.): Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, 15 Analysen, 313 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, ISBN 978-3-518-07291-2

Mathias Bröckers: König Donald, die unsichtbaren Meister und der Kampf um den Thron, 208 Seiten, Westend Verlag 2017, ISBN 978-3-86489-190-8

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/30/die-geschwaetzige-linke-und-der-trumpismus/feed/ 0
Die Quellen der gegenwärtigen Unordnung https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/27/die-quellen-der-gegenwaertigen-unordnung/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/27/die-quellen-der-gegenwaertigen-unordnung/#respond Tue, 27 Jun 2017 20:03:22 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2601 Katzentiere teilen mit den Hunden die Fähigkeit zum Sitzen und Hocken in aufgerichteter Haltung. Das verschaffte ihnen im Altertum erst mal die symbolischen Funktion als Wasserwächter. Bis heute finden Löwenmasken als Wasserspender von Brunnen Verwendung.

Im praktischen Leben der Stromuferkulturen wurde es bald ebenso wichtig, dass Katzen auch die Kornkammern von Mäusen und anderen Schädlingen befreien. Vom Wächter des Wassers und der Nahrungsvorräte verbreitete sich der Löwe als Sinnbild des Schutzes dann auf das Recht und auf andere Gebiete: Gerichtsgebäude gelten als Quellen der Gerechtigkeit, Bibliotheken als Quellen des Wissens, Museen als Genussquellen der Schönheit. Auch an den Portalen solcher Gebäude nehmen Löwen Platz – in voller Gestalt, als Kopf oder als Maske.

Am Friedhof bewachen Katzentiere als Trauerträger und Tugendwächter die Ruhe der Toten; hier sitzen sie an der Quelle der Erinnerung und halten das Gedenken der Lebenden an die Verstorbenen wach. Der Löwe ist also auf wirklich markante Weise mit der Vorstellung eines Ursprungs verbunden. Die Dinge, die er bewacht, waren nicht immer da, sie sind geworden und müssen vor Gefahren bewahrt werden.

Auch die Moderne kennt das Editing der lebenswichtigen Dinge, allerdings interessiert sie sich in der Gegenwart kaum mehr für den Ursprung von Sauberkeit, Gerechtigkeit, Erinnerung. Dafür interessiert sie sich ungleich mehr für den Ursprung des Bösen. Nehmen wir zum Beispiel die aktuelle Gegenwartsdiagnostik des Suhrkamp-Verlages. Darin wird die populistische Wende in der Weltpolitik untersucht und fünfzehn Autoren versuchen dafür alle möglichen Ursachen anzugeben.

Warum begegnen heute bereits Mehrheiten den staatlichen Institutionen in den Wohlfahrtsgesellschaften mit so viel Misstrauen? Warum richtet sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht auf individuelle, sondern auf kollektive Ängste? Warum löst sich die Einheit zwischen Demokratie und Liberalismus auf?

Solche Fragen sind es, die Zeitdagnostiker gerade beschäftigen. Nach Ivan Krastev stellt erstens der »Wille des Volkes« die einzige Quelle politischer Legitimation dar, um auf den allgemeinen Wettbewerbsdruck zu antworten, zweitens bilden globale Märkte die einzige Quelle wirtschaftlichen Wachstums. Die beiden Wächterlöwen der Gegenwart, der Löwe der Demokratie und der Löwe des Liberalismus, entfernen sich wie von unsichtbarer Hand gesteuert voneinander. Das Lebensgefühl 2017: »Je freier ich bin, desto machtloser fühle ich mich auch«.

Folgen wir weiter dieser Quellenforschung von Theoretikern, Dramatikern und Journalisten – denn alle, die Suhrkamp da zusammengerufen hat, sind ja anerkannte Mitglieder einer kosmopolitischen Gelehrtenrepublik von Jerusalem bis Köln, von Mumbai bis Baltimore.

Diese linksliberale Intelligenz erinnert uns zunächst daran, dass die Europäische Union als pazifistisches Projekt zur Zusammenführung nationaler Industrien begonnen hat, um einen erneuten bewaffneten Konflikt zu verhindern. Inzwischen sei die Union selbst »zu einer Quelle zunehmender Spannungen zwischen privaten Unternehmen und wütenden Bürgern geworden« (287). Schon wieder bezeichnet der Ausdruck »Quelle« die Ursache einer bloss negativen Entwicklung.

Die neoliberale Globalisierung habe die Politik herausgefordert – darin stimmen alle Zeitdiagnostiker überein –, und der globale Friede sei an den wirklich undankbaren Globalisierungsverlierern gescheitert. Wenn sich nun, wie gerade in London, Brüssel und Paris, der Terror wie ein Krebsgeschwür ausbreitet, so rückt das in den Horizont der Diagnostiker nur mehr als Catch unter Globalisierungsverlierern ein, zu denen übrigens Unternehmer und Fachkräfte in traditionell geschützten Branchen ebenso gezählt werden wie alle nichtspezialisierten Angestellten und Bürger, die sich stark mit ihrer Nationalgemeinschaft identifizieren.

Die Weltsicht, der wir hier begegnen, ist simpel. Brüllen denn die Fans des des Zweitliga-Aufsteigers Millwall FC nicht etwa im Chor: »We are Millwall, no one likes us, we don’t care«, und »Everyone likes us now, we still don’t care!«? Muss man aus solchen Sprüchen nicht eine rabiate Ablehnung der Elite lesen? Verschärft die »globale Konsumökonomie« nicht die Spannungen und Widersprüche im Seelenleben des einzelnen? Und geben die Rattenfängerei darauf nicht eine gefährliche Antwort?

Nein. Ich meine, eine solche Diagnose kann die Verteidigung der konventionellen Lebensweise gegen die Migrantenrevolution – also den Wunsch, eine Familie zu gründen; den Wunsch im Viertel, in dem man geboren wurde, zu wohnen; den Wunsch zu lernen, wozu man sich berufen fühlt und den öffentlichen Institutionen zu vertrauen – kaum mehr wahrnehmen im Begriffgestrüpp ihrer eigenen Quellenforschung.

Die Suhrkamp-Intelligenz schwadroniert von einer »antrainierten globalen Ohnmacht« und von »den Möglichkeiten Europas«. Doch nach 332 Seiten gibt diese ausgerufene »intellektuelle Debatte über die geistige Situation der Zeit« selbst das Jammerbild ab, das sie zu beklagen angetreten ist.

Die »grosse Regression«? Der »globale Rechtsruck«? Sie sollen in den letzten Jahren eingetreten sein, und man vermag sie nicht anders denn als »einen zivilisatorischer Rückfall« zu verstehen. Die Kernthese des Buches lautet kurz und bündig: Ist die Welt der arbeitenden Schichten erst einmal zerstört, so lässt sie sich am ehesten durch das Versprechen verlorener rassistischer, religiöser und ethnischer Privilegien wiederherstellen (Eva Illouz). Und das geschieht momentan angeblich weltweit!

Für Pankaj Mishra ist aus dem Ressentiment als einer ursprünglich europäischen und amerikanischen Krankheit eine weltweite Epedemie geworden. »Die ersatzlose Zerstörung nationaler Institutionen wirtschaftlicher Umverteilung haben den Kapitalismus unregierbar gemacht, populistisch ebenso wie technokratisch« (Wolfgang Streeck). Man vernimmt, dass die rechtspopulistische Wut nichts als eine verzerrte Form des Klassenkampfes darstellt, wie das schon im Faschismus der Fall war. Solche und viele weitere Plattitüden.

Die Antinomie, die die Kritiker ausmachen: dem globalen Kapitalismus ist es unmöglich zu einer zu ihm passenden Ordnung zu kommen. Als die Quelle der gegenwärtigen allgemeine Unordnung wird eine lange Liste von Übeln ausgemacht: Versicherheitlichung (Securitization), unilaterale Deglobalisierung, konzerngetriebene Globalisierung, Hasskriminalität, finanzmarkgetriebener Kapitalismus, die neoimperialen Ausbeutung des Südens, Verlagerung der produzierenden Industrien in Billiglohnländer; Rückzug der Unternehmen aus informellen sozialen Verpflichtungen; der Eintritt Chinas in den Weltmarkt; narratives Versagen des Neoliberalismus; Abwärtsmobilität bei formaler sozialer Gleichheit; fehlendes Erlebnis von Selbstwirksamkeit; Last des Selbstzwangs; quasireligigöser Glaube an den Markt, marktkonforme Individualität als Imperativ; permanente Ungewissheit, fragmentierte soziale Staatsrechte.

In dieser grundlegenden Schieflage erscheinen nun »Populisten« genannte Politiker und Politikerinnen, die den Menschen und Wähler komplett überfordern. Eine »perverse Symbiose« aus Versprechen und Schuldzuweisungen reinszeniert die nationale Souveränität; ihre »elektoralen Schockwellen schlagen an die Zitadellen der Finanzwelt« (Nancy Fraser). Populisten fordern »echte Demokratie« ein, nähren einwanderungsfeindliche Wut; man beschreibt ihre Unmutsäusserungen als »ko-, reko- oder exkommodifiziert«.

So regnen immer weitere Quellen der gegenwärtigen Unordnung auf uns herab: Angst vor dem Zusammenbruch der moralischen Ordnung, autoritäre Agressionen freigesetzt durch die Unterwerfung unter die vermeintliche ökonomische Alternativlosigkeit; Affektkoalition der Ressentimentgeladenen; die Rückkehr der »Ungewaschenen« an die britischen Wahlurnen (258); gegenseitige Feinderklärungen, Ausbürgerung der Antiglobalisierungsparteien; Ethnonationalismus.

Reale Ängste und Sorgen werden von diesen Zeitdiagnostikern grundsätzlich nur mehr sozialarbeiterisch ernst genommen, und auch dann nur, wenn sie sich den Regel des korrekten öffentlichen Sprechens unterwerfen. – Da waren, bitte, die marxistischen Gesellschaftskritiker noch aus einem anderem Holz geschnitzt; die kannten keine Berührungsangst mit der Ohnmacht der Unterdrückten, der Ausgebeuteten und der Verführten.

Es ist auch sachlich falsch, den modernen Staat durch seine »territoriale Souveränität« zu definieren. Massendemokratien organisieren sich, auch für Laien der Gesellschaftstheorie erkennbar, nach der Struktur von Versicherungssystemen; die Zugehörigkeit zur Staatsnation ergibt sich aus einer gerechten Beitragsleistung in die Steuer- und Abgabenfonds und nicht aus irgendeinem Gemeinschaftsfetisch.

Kleinstaaterei bedeutet nicht etwa »Zurück zum Volksstamm!«, wie das die Meinungsmacher heute an jeder Ecke behaupten. Der spanische Ökonom Philipp Bagus und der Deutsche Andreas Marquart haben in einer jüngst erschienen Studie eindruckvoll gezeigt, warum eigenständige kleine Staaten ökonomisch vorteilhafter sind als grosse Gebilde.

Solche dringenden Fakten können im selbstreferentiellen Lager der Befürworter und Verteidiger der Europäischen Union gar nicht mehr geführt werden. »Die Debatte geht weiter«, verkündet der Suhrkamp Verlag grossspurig am Rückumschlag des besprochenen Bandes, und ein einfacher Klick auf die angegebene Website zeigt, dass hier von einem »herrschaftsfreien Dialog« mangels Teilnehmer keiner Rede sein kann.

Ein paar Werbetexte der Verlagskampagne, Vorworte und Videos von den Buchpräsentationen – von einem offenen und spannenden Austausch der Argumente keine Spur. Diese »öffentliche Debatte« ist nichts als eine weitere dieser »Filterblasen«, deren machtvolle Existenz in dem Sonderdruck wortreich beklagt wird.

© Wolfgang Koch 2017

Naturhistorisches Museum Wien: Katzenkorb & Löwengrube, Natur- und Kunstausstellung von Cranach bis Klimt, 250 Objekte, Kurator: Bernd Ernstling, tägl. ausser Dienstag, bis 8. Oktober 2017

Heinrich Geiselberger (Hg.): Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, 15 Analysen, 313 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, ISBN 978-3-518-07291-2

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/27/die-quellen-der-gegenwaertigen-unordnung/feed/ 0
Das rasante Anwachsen der Löwenländer https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/13/das-rasante-anwachsen-der-loewenlaender/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/13/das-rasante-anwachsen-der-loewenlaender/#respond Tue, 13 Jun 2017 11:13:27 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2591 Wie ist es möglich, dass eine Katzenausstellung mehr Einblick in die Gegenwart erlaubt als eine »internationale Debatte« führender Intellektueller? Diese Frage beschäftigt mich seit der Eröffnung der Kunstausstellung Katzenkorb & Löwengrube, die ein Erwachsenenpublikum in das Wiener Naturhistorischen Museum locken soll.

250 Exponate kombinieren zoologische Präparate mit unterschiedlichen Darstellungen von Gross- und Kleinkatzen, Mythenwesen und Mumien, von Kurator Bernd Ernsting zu kabinettartigen Szenerien arrangiert und mit einem manufaktumartigen Begleitheft versehen. Von der präparierten Katze mit täuschend echten Atembewegungen im Fahrradkorb auf der Feststeige gelangt man zu den kulturgeschichtlichen Stationen (Sphinx, Arche Noah, Daniel in der Löwengrube, Herakles, Aesop), weiter in ein erotisches Kabinett und in ein Tierstimmen-Archiv.

Diese Sonderaustellung mit Objekten, Gemälden, Bildwerken und Graphiken aus Wiener Museumsdepots und deutschen Sammlungen wäre im Haus gegenüber, dem Kunsthistorischen Museum (KHM), durchaus besser aufgehoben; sie hätte sich mehr Platz und mehr Aufmerksamkeit verdient, zumal sie der angeblichen »Verrohung unserer Kultur«, dem »absurden politischen Theater« der Gegenwart, den Prozessen »regressiver Modernisierung« einen auf die Natur- und Kulturgeschichte konzentrierten Blick entgegenstellt, der aktuelle intellektuelle Anstrengungen mit simplen Mitteln beschämt.

Bestien. Wo undurchschaubare, sinistre und furchteinflösende Bestien die Erde beherrschen, da wird sie unbewohnbar. Der Vorgang gehört, wenn man den Autoren der Suhrkamp-Kultur glauben schenken will, heute zu den Globalisierungsrisiken in den äusseren Randgebiete der Zivilisation. Der Zerfall von Staatlichkeit und Ordnung in der Armutsländern hat eine »Migrantenrevolution« in Europa hervorgerufen – die Löwenländer haben in Form Abschottungspolitik »die grosse Regression« des Rechtspopulismus in Form von Brexit und Trump hervorgerufen, eine historische Reaktion, die unsere pluralistische Gesellschaft angeblich an den Rand des Kollaps treibt.

In der Katzenausstellung sehen wir, dass in der Kartographie der Römer der Ausdruck hic sunt leones (hier sind die Löwen) ein unerforschtes und deshalb als gefährlich geltendes Gebiet bezeichnet hat. Die Steigerung der Bezeichnung einer solchen terra incognita lautete dann hic sunt dracones – hier sind die Drachen!

Kehren dieses Unorte der Antike tatsächlich wieder? Ziehen Löwen klammheimlich in unsere Nachbarschaft in Afrika und in Asien, wo die Staatlichkeit zerfällt, wo Hilfsorganisationen weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit das Weite suchen?

Nun, diese Diagnose einer Rebarbarisierung in den ärmsten Landstrichen der Erde ist nicht gerade neu. 1991, also gleich nach dem Fall der Berliner Mauer, veröffentlichte der Franzose Jean-Christophe Rufin ein luzides Buch zur neuen Weltlage und beschrieb die neuen Terrae incognitae von den Anden bis zur Sahara, von Südfafrika bis zum indischen Subkontinent, von der Arabischen Halbinsel bis zu den Gebieten am Himalaja so:

»Ein grosser Teil der erforschten Gebiete ist zurückgefallen in seinen früheren Zustand. Diese Gebiete sind für die Weltöffentlichkeit nicht zugänglich, sie befinden sich nicht mehr unter Kontrolle der regulären Behörden, sie stehen jedem Eindringen von Fremden feindselig gegenüber«.

Wie gesagt, diese Warnung kam 1991. Die Löwengebiete, schrieb Rufin damals, entfernen sich von der Welt, ziehen sich auf sich selbst zurück. Oftmals sind sie Schauplatz grösster Dramen, ja Tragödien. »Das erste Merkmal der neuen Barbaren besteht eben darin, in der Undurchdringlichkeit, die ihre fernen Territorien umschleiert und inmitten der südlichen Erdteile neue Abgründe des Rätsels und der Autonomie aufklaffen lässt«.

Die weissen Flecken reichten nach Rufin schon vor einem Vierteljahrhundert ihrer Fläche und vor allem der Zahl der von ihnen erfassten Menschen nach an die Grösse der 1930er-Jahre heran. Von dort ergiesst sich heute die Flut der Migrantenrevolution auf Europa.

Löwenländer sind zersplitterte Zonen des bewaffneten Aufstandes, die letzten Zeugen des Elends, humanitäre Organisationen, ziehen sich daraus zurück. In den Löwenländern agiert keine traditionelle Guerilla, die nach Respektabilität und Anerkennung giert. Die politische Instabilibität des Südens ist auch keineswegs nur in den ländlichen Gebieten zu finden, sondern im Urwald der Städte, in den Flüchtlingslagern, auf den Kähnen und Booten.

Tourismuskarten gleichen nun den Karten der frühen Seefahrer: sie bilden Handelskontore an den Pforten feinseliger Kontinente ab. Fünf Jahre nach Rufin bestätigte der US-Journalist Robert D. Kaplan auf seinen Reisen zu den Grenzen der Menschheit die verstörende Analyse. Sein »allgemeiner Weltzustandsbericht« von 1996 stellte die Möglichkeit eines zweiten Kalten Krieges in den Raum.

Kaplan sah überall in den Entwicklungsländern Männer und Frauen in die Städte strömen und sie in groteske Dörfer verwandeln – er sah diese Menschen bereits vor zwanzig Jahren eine neue Zivilisation schaffen, in der nationale Grenzen wenig, Kulturgrenzen aber alles sind.

»Nomaden sind Pioniere auf der Suche nach einem neuen Leben. Nomaden gestalten die Geschichte«. Kaplan erkannte, dass diese neuen Armen die Fähigkeit besitzen, mit Ungewissheiten, Rätseln und Zweifeln zu leben, ohne nervös nach Fakten und Begründungen zu greifen. Sie sind weder Modernisierungs- noch Gobalisierungsverlierer – nein, sie besitzen die für die Gegenwart notwendige Widerstandskraft, während sich die reichen Nationen im ökonomischen Wettbewerb lustvoll selbst vernichten.

Kaplan sah auf der Weltkarte ein bewegliches Muster von Öko- und Pufferregionen, die das Bild eines unentwegt mutierenden Chaos bieten, in einigen Gegenden gutartig und produktiv, in anderen destruktiv. Weil diese Weltkarte sich ständig verändert, wird sie täglich in den Nachrichten auf den neuesten Stand gebracht.

In der »internationalen Debatte über die geistige Situation der Zeit«, die der Suhrkamp-Verlag 2017 mehr simuliert als anschiebt, ist nun erneut vom rasanten Anwachsen der Löwenländer die Rede. Aber viel nachgedacht hat diese »nachdenkliche Linke«, zu der Zygmunt Baumann, Donatella della Porta, Eva Illouz, Bruno Latour, Pankraj Mishra, Slavoj Žižek und weitere acht Beiträger zählen, eher nicht. Der wenig beindruckende Debattenband bleibt von seiner Brisanz her weit hinter Rufin und Kaplan zurück, und methodisch auch hinter den von Jürgen Habermas im selben Verlag herausgegeben Stichworten zur geistigen Situation der Zeit aus dem Jahr 1979.

Diese Zeitdiagnose der Nach-68er-Intelligenz hatte sich auf 861 Seiten ihrerseits den 1000. Band der Sammlung Göschen – Die geistige Situation der Zeit von Karl Jaspers, 1931 – zum Vorbild genommen. Epochale und lehrreiche Texte. 2017 weht bei Suhrkamp erneut »Weltoffenheit« auf der Werbefahne, aber die kollektive Anstrengung, progressive Politik neu zu erfinden, erschöpft sich de facto im Modellieren neuer Feindbilder und dem Mantra von der Schlechtigkeit des Populismus.

Den höchsten Rang unter den Feindbildern nimmt naturgemäss die »neoliberale Globalisierung« ein – ein Begriff, mit dem die Zunahme prekärer Lebensumstände so wenig zu verstehen ist, wie mit dem Begriff »Wirtschaft« das Produktionsverhältnis von Kapital und Arbeit.

An drei Karten der Wiener Katzenausstellung hingegen lässt sich lernen, was Motivmuster bedeuten und wie sie durch die Zeiten und zwischen den Anlässen wandern können. Die römische Tabula Peutingerina verzeichnet die gefährlichen Gebiete noch mit den ausgeschrieben Worten für Löwen und Drachen. Auf der Ebstorfer Weltkarte, die um das Jahr 1300 entstand und deren Original verbrannt ist, liegt Jerusalem im Mittelpunkt der Erde, und gezeichnete Grosskatzen repräsentieren den finsteren Erdteil Africa.

Dann der Sprung in die Moderne: Auf der Landkarte Leo Belgicus aus 1617 wird das Territorium Flanderns stolz von einem sitzenden Löwen eingenommen; die Fremdherrschaft der Habsburger hat sich nun das bedrohliche Löwenfell als Warnung an die renitenten Untertanen über den Kopf gezogen. Die kriegerische Zivilisation expandiert fortan unter dem Zeichen, mit dem die Antike ihre Furcht vor der Barbarei markiert hat.

Von Flandern aus ist es dann nur mehr ein kleiner Schritt in jene Gegenwart, die unsere Paradeintellektuellen für eine hochkomplizierte politische-ökonomische Diktatur des »Neoliberalismus« halten, die aber in Wahrheit nichts anderes ist als eine Humanokratie, die im Zeichen von Tatze und Pranke knapp die Hälfte aller Katzenarten weltweit durch den Menschen bedroht.

© Wolfgang Koch 2017

Naturhistorisches Museum Wien: Katzenkorb & Löwengrube, Natur- und Kunstausstellung von Cranach bis Klimt, 250 Objekte, Kurator: Bernd Ernstling, tägl. ausser Dienstag, bis 8. Oktober 2017

Heinrich Geiselberger (Hg.): Die grosse Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit, 15 Analysen, 313 Seiten, Suhrkamp Verlag Berlin 2017, ISBN 978-3-518-07291-2

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/13/das-rasante-anwachsen-der-loewenlaender/feed/ 0
Hermann Nitsch – richtig gesehen und albern erklärt https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/02/hermann-nitsch-richtig-gesehen-und-albern-erklaert/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/02/hermann-nitsch-richtig-gesehen-und-albern-erklaert/#respond Fri, 02 Jun 2017 09:14:01 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2581 Das umfassende druckgraphische Werk des vielseitigen Österreichers steht derzeit an gleich zwei vom Künstler selbst dirigierten Ausstellungsorten zur Besichtigung: in der Nitsch Fondation im 1. Wiener Gemeindebezirk, Hegelgasse 5, und im Nitsch Museum Mistelbach.

Bei der Eröffnung der ersten Schau letzte Woche wies Kurator und Auktionsexperte Peter Baum, 78, eindringlich darauf hin, dass der für seine Aktionsmalerei bekannte Nitsch 1956 die Ausbildung an der Graphischen Lehr- und Versuchanstalt abgeschlossen hat. Damit sei eine überaus realistische Grundlage für das spätere Orgien Mysterien Theater gelegt worden.

Für die Zeichnung ausschlaggebend ist und bleibt ja das Primat der Linie, die Betonung der klare Kontur gegenüber der Fläche, dem Raum und der Farbe. Ob das zeichnerische Unikat mit Stift, Kohle oder Pinsel ausgeführt wird, ist unwesentlich.

Überhaupt, so Baum, gebe es kein künstlerisches Medium, das dem Set aus Bleistift, Papier, Spitzer und Radiergummi im Preis-Leistungs-Verhältnis auch nur nahe kommt. Dieses »kammermusikalische Werkzeug« des Künstlers sei unerhört flexibel und vielseitig einsetzbar. »Das Schöne ist, dass sich Nitsch dann mit 16, 17 Jahren dem Welttheater zugewandt hat. Da hatte er das richtige Abschätzen künstlerischer Möglichkeiten handwerklich bereits erlernt«.

Baum unterschied zwei Sorten von graphischen Werken bei Nitsch: die Unikatdrucke, bei denen etwa 70 Papiere für fünfzig Originale anfallen, und die Radierungen, die meist in einer Auflage von hundert Stück erscheinen – eine Technik, bei der die Zeichnung in der Tiefe liegt und die Spannung in den Moment des Abziehens verlegt wird, ähnlich wie bei den Entwicklungsvorgängen in der Dunkelkammer der analogen Fotografie.

Dass Nitsch in Katalogen und Partituren, auf Einladungen und Plakaten das gesamte Repertoir der druckgraphischen Künste ausgekostet hat, musste nichts eigens erwähnt werden. Dass sich unter den graphischen Arbeiten aber auch grosse Wandbilder im öffentlichen Raum befinden und dass Nitsch eines der monumentalisten Künstlerbücher der Welt in Israel hat drucken lassen, scheint mir die Bedeutung der Druckgrafik im Gesamtwerk viel besser zu illustrieren, als jenes allgemeine Lob des Bleistifts, das dieser Vortrag verschroben in den Mittelpunkt schob.

Um die wunderbare Welt der Grafik dem ohnehin hochgebildeten Auditorium näherzubringen, liess der Eulenträger Baum unter weiteren Hochgesängen Bleistifte an die Anwesenden verteilen: »Alles aus organischen Stoffen, Bleistifte können sogar schwimmen. Sie können sie zerbrechen und sie dann neu anspitzen und so aus einem Bleistift zwei machen. Das alles können Sie mit einem Computer nicht!«

Die an die Zuhörer verschenkten Bleistifte wurden von der österreichischen Tageszeitung Der Standard gesponsert und trugen einen entsprechenden Aufdruck. Man war in der Nitsch Foundation auf diese Idee verfallen, weil das linksliberale Qualitätsblatt seine Werbekampagnen gerne mit dem Symbol eines Bleistifts schmückt.

Nun hatte aber just in derselben Woche die Chefredakteurin dieses Blattes das Handtuch geworfen und den spektakulären Rückzug von ihrem Posten bekannt geben. Betrachtet man den Vorhang näher, erweist sich der Bleistift in der Printlandschaft als ein echter Falschmacher.

Alexandra Föderl-Schmid, 46, arbeitet seit 1990 bei österreichischen Tageszeitung, war 14 Jahre lang Korrespondentin in Berlin und Brüssel, seit 2007 Chefredakteurin, seit 2012 auch Co-Herausgeberin. Spätestens zum Jahreswechsel wird sie als Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung nach Israel gehen – und die Begründung für den überraschenden Abgang aus der Redaktion: sie wolle wieder mehr schreiben und habe keine Lust mehr, ständig unangenehme Entscheidungen mitzutragen.

Damit war öffentlich geworden, dass die Bleistiftfreundlichkeit dieser Tageszeitung ein Märchen ist. Seit Jahren setzen Eigentümer und Geschäftsführung auf die Monetarisierung der redaktionellen Arbeit im Online-Auftritt des Medium, bauen den Printjournalimus zugunsten hektischer, oberflächlicher Klick- und Wisch-Rezeption ab, aus gestandenen Redakteuren werden Textkopierer, aus Kommentatoren Populisten, aus Recherchen APA-Meldungen, aus Bildberichten Agenturmüll, kurz: aus der Erfindung des Gutenbergzeitalters wird ein elektronischer Häppchensalat, den die bisher beste Chefredakteurin Österreichs gerne für ein Korrespondentendasein in der Sonne Tel Avivs eintauscht.

© Wolfgang Koch 2017

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/06/02/hermann-nitsch-richtig-gesehen-und-albern-erklaert/feed/ 0
Wie wird man Walter Seitter gerecht? (2/2) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/29/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-22/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/29/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-22/#respond Mon, 29 May 2017 09:53:40 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2574 Die mentale Aufnahme von Philosophieprodukten ist bei medizinischer Verwendung der Inhaltion oft vorzuziehen. Die Wirkung hält länger an, ohne bei geübter Dosierung zu relevanten psychotropen Effekten zu führen. Die Reizung der Schleimheute durch den Rauch der Buchseiten wird vermieden.

Fünfzig Kurzessays ohne ein brauchbares Inhaltsverzeichnis bietet diese Celebrity-Schrift, fünfzig Autoren werden versammelt, um den Wiener Philosophen, Übersetzer und Erkenntniswissenschafter auszuloben, darunter die Träger in Österreich und in den benachbarten Provinzen klingender Namen: Bodo Hell, Helmut Lethen, Wolfgang Pircher, auch zwei Wiener Philosophen der Psychoanalyse steuern etwas bei: August Ruhs und Robert Pfaller.

Sehen und Sagen ist ein Buch der denkerischen Vielfalt. Da werden dezidiert christliche und psychoanalytische Standpunkte vertreten, werden auf wenig frivole Weise feministische und kulturwissenschaftliche Ansätze vorgeführt. Die fünfzig Autoren sind keiner grossen geistigen Verschwörung auf der Spur, doch sie halten uns originell über den Kosmos Seitter auf dem Laufenden.

Besonders auffällig: Nur ein einziger Beiträger wagt so etwas wie interkulturelles Philosophieren, und genauer betrachtet wagt es auch der nicht, der Sinologe Werner Gabriel referiert bloss die musikalisch-sphärische Ausgangsbasis des Konfuzianismus.

Was in Deutschland und in Frankreich seit etwa fünf Jahren selbst an den Provinzunis gang und gäbe ist, scheint man in Wien partout nicht wahrnehmen zu wollen. Selbst der interreligiöse Dialog ist am Donaukanal schon ein paar Schritte weiter als das Palaver philosophischer Symposien, wo beständig die gleichen Klassiker und Vorgänger mit neuen Fragen konfrontiert werden.

Natürlich ist diese grundsätzliche Rückwärtsgewandtheit gerade eine Kennzeichen der Philosophie, während die Naturwissenschaften in der Präsenz ihrer Resultate lebt, während die empirische Forschung ihre Schritte unablässig durch Falsifikationismus vergrössert. Aber es sollten sich auch in der Vergangenheit neue Köpfe finden lassen, fremde Denkleistungen, die der indischen, der chinesischen oder der arabischen Tradition angehören, und deren Inhalt uns heute vielleicht helfen kann, die Vernunft im globalen Massstab zu kultivieren.

Ich meine, es genügt einfach nicht länger, nur unbefangen und richtig zu urteilen, es reicht nicht, wertschätzend die Antike von allen Seiten zu beleuchten, sich der bürgerlichen Grundsätze der Globalgesellschaft zu versichern, es reicht nicht, die Irrtümer der Religionen und Ideologien samt Wurzeln aus dem Geist zu reissen.

Der skeptische Westen muss auch mal aufatmen und lernen, in exotischen Denksystemen Notwendiges und Sicheres zu vermuten. Montaigne? Heidegger? – Schön und gut, aber heilkräftig sind deren Gedankenfeuer nicht mehr, und darum müssen wir im neuen Jahrhundert endlich auch den Sand beiseite werfen, um das Felsgestein unter den Gebäuden der Hindus, der Buddhies und der Moslems zu finden, müssen die Samen der Gedankenlyrik im Spülbecken einweichen, müssen der Kunst des Aphorismus klamme Beachtung schenken, müssen in zugigen Spalten, tiefen Tälern, in Bildern und Tönen zu spekulieren lernen.

Aber Wien, Wien ist behäbig; jeder durchschaut sein Visavis. Hier halten sich Intellektuelle schon für gut informierte politische Zeitgenossen, wenn sie Suhrkamp von Heyne unterscheiden können; es gehört in Wien zu guten Ton, grün zu wählen und in Grünlage zu wohnen; die Wörter der Klugen und Schlauen, sie haben keine rechte Bedeutung, sie haben nur einen Gebrauch.

Natürlich stehen die Seitter-Gratulanten dem akademischem Mainstream fern. Aber auch auf den Laptops der wirklich Gebildeten türmen sich die Denkbewegungen von Gestern und Vorgestern hoch zu wahren Dateigebirgen. In Wien regieren immer noch die Fackelträger aus der Berggasse mit ihren um die menschliche Seele kreisenden Fragestellungen. Politische Theorie ist entweder postkolonial, antideutsch oder europa-euphorisch, jedenfalls ein einziges Kurfürstentum von hochfahrenden Rechthabern.

Für die Europäische Union, den Daueroptimismus der Brüsseler Bürokratie, steht auch nach der Brexit-Entscheidung der Briten ein Jubelheer mit Sprechmeistern und Herolden zur Verfügung. Die vereinten Europa-Exzeptionalisten tagen auf übervollen Podien vor leeren Auditorien. Im Burgtheater melden sich regelmässig Sorgenträger aller Art zu Wort, das Naturhistorische Museum bemächtig sich der bildenden Künste und auf den Universitäten finden die Studierenden eher einen Coffee-To-Go-Becher als die Wahlurne.

Aber Philosophie? Selbstbetrachtung und Selbstbeachtung des Denkens? An seine Grenze getriebenes Denken? Das ist und bleibt ein Geschäft abseits der Medien, abseits der Podien, in Ateliers und im Privaten, und auch da natürlich mehr als Beschäftigung denn als Geschäft. Denken trägt bekanntlich nichts ein als zerwürfelte Gedanken, nicht als neue Zweifel an den Gewissheiten, ziel- und zwecklos einer Wahrheit verpflichtet, die es apriori nur im Plural gibt.

Walter Seitter wundert sich manchmal darüber in dieser Stadt keine Schüler zu haben. Aber studiert man dieses Buch, wird man rasch eines Besseren belehrt. Seitter reitet ja recht eigenwillige Steckenpferde: die Heraldik; eine Farbenlehre vor der De–Broglie-Wellenlänge eines Teilchens; Grillparzer als Denker; gewisse Aspekte des geozentischen Weltbildes. Doch das sind nicht mehr als die Nebenschauplätze einer geistigen Gestalt, deren theatralische Konturen der Schriftsteller und Regisseur Lucas Cejpek klug und verständlich herausarbeitet. »Walter Seitter schreibt nicht immer neue, in sich abgeschlossene Bücher, er arbeitet an seinem Werk als Sage«, lesen wir da.

Nicht minder studierenswert: die Darstellung von Seitters Medienbegriff und die Aufnahme Foucault’scher Positionen, erklärt von Friedrich Balke ab Seite 113, sowie Seitter und die Schwierigkeiten der neuzeitlichen Verstandeskultur, also die Frage nach dem »Hume’schen Problem«, behandelt von Kurt Walter Zeidler ab Seite 240.

Die anderen Autoren beschäftigen sich eher mittelbar mit dem Gelehrten, indem sie eines von Seitters Stichwörter aufgreifen und auf ihrem je eigenen Gebiet fortspinnen. Reinhold Knoll betont die Verbindung der Erkenntnispolitikwissenschaften mit den Menschenfassungen. Pravu Mazumdar zeigt, dass Seitter unter dem Affiziertsein doch etwas ganz anderes versteht als François Laruelle, bei dem das Subjekt restlos aufgeht in die monolaterale Natur der Determination-in-der-letzten-Instanz.

Etliche der Essays in diesem Buch sind kulturwissenschaftliche Artikel aus dem Postmodern-Generator, dem das Open-Accsess-Journal Congent Social Sciences kürzlich den »konzeptuellen Penis« zu verdanken hatte. Hier herrscht ein von Fake-Science kaum zu unterscheidender Geist des Grossfeuilletons, das es so in der Zeitungslandschaft kaum noch wo gibt. Wir erfahren Tiefsinniges über Weihnachts- und Discokugeln; wir lernen, dass Wachs »in seiner amorphen Trägheit die innere Formlosigkeit der Dinge versinnbildlicht«; dass Berge nie einfach nur Berge sind, sondern »Riesenzeichen, Megagramme, zugleich anadeiktisch und kryptographisch«, dass das Zepter eine Verlängerung des Zeigefingers ist, und alle Haut weiblich.

Es gibt einen Beitrag in diesem Buch, bei dem sich niemand sicher sein kann, ob er es mit einer freiwilligen oder einer unfreiwillige Selbstparodie des dekonstruktiven Akademismus zu tun hat. Die Psychiaterin und Psychoanalytikerin Ulrike Kadi untersucht realsatirisch die »Schleiermauer«, also »die Mauer als Schleier«, und trifft über diesen Forschungsgegenstand so bezwingende Aussagen wie: »Schleier können anschmiegsam sein, die Linien des Körpers nachzeichnen«.

Das Experiment dieser Jubiläumsschrift kann freilich gar nicht misslingen. Problematische Texte, ja selbst kompletter Unsinn, ändert nichts an der phänomenalen Breite der Fragestellungen und des Wissens, das hier dargestellt und Seitter zugeschrieben wird. Die Antike und ihre Probleme sind ebenso vertreten wie der Theologie und des politischen Alltagsdiskurses der Gegenwart.

Manche Autoren nähern sich Seitter mit Autoritäten, die er selber lieber gar nicht anstreift: Hobbes, Locke, Hume, Kant, Bataille, Niels Bohr, Rosenstock-Huessy, Agamben,… Andere Autoren teilen die Gedanken seiner Lehrmeister [Voegelin, Max Müller, Sedlmayr, Aron], seiner langjährigen geistigen Gesprächspartner [Goethe, Grillparzer, Scheler, Lacan], oder seine intellektuellen Entdeckungen: Clérambault, Helmut Newton; erstaunlicherweise fehlt Georgios Gemistos Plethon in den Literaturverzeichnissen.

Man hat schon länger kein so erfreuliches Buch gesehen aus der Stadt Wien, die es natürlich unter Anstrengung aller Kräfte zu ignorieren weiss.

Sehen und Sagen. Für Walter Seitter. Hg. von Ivo Gurschler, Sophia Panteliadu, Christopher Schlembach, 308 Seiten, Wien: Sonderzahl 2017, ISBN: 978 3 85449 467 6, EUR 22,-

© Wolfgang Koch 2017

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/29/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-22/feed/ 0
Wie wird man Walter Seitter gerecht? (1/2) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/25/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-12/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/25/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-12/#respond Thu, 25 May 2017 10:30:27 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2562 Der Wiener Philosoph, Übersetzer und Mitherausgeber der Zeitschrift Tumult ist – nach Franz Brentano, Robert Zimmermann und Fridolin Wiplinger – der vierte bedeutende Aristoteliker in der dramatisch kurzen Geschichte der österreichischen Philosophie.

Dramatisch kurz, weil einerseits das akademische Philosophieren in den habsburgischen Kronländern überhaupt erst im 19. Jahrhundert in Schwung kam und im 20. Jahrhundert von den Weltkriegen arg im Mitleidenschaft gezogen worden ist.

Kurz aber auch, weil bis herauf zum Hegel-Gestirn des Systemdenkens die Lehren von Platon und Aristoteles stets als eine Einheit rezipiert worden sind, man also von einem eigenständigen »Aristotelismus« überhaupt erst seit dem 19. Jahrhundert sprechen kann.

So gesehen ist dann die österreichische Ehrentafel mit den Namen »Brentano – Zimmermann – Wiplinger – Seitter« gar nicht einmall so kurz für ein kleines Land, gar nicht so mickrig für seine bescheiden in die Welt hinaus strahlenden Universitäten, seine häufig in Stallnähe in den Bergen tagenden Symposien und die halbmusealen Thinktanks am Subventionshahn des Wissenschaftsministeriums.

Zu Seitters 75. Geburtstag haben fünfzig österreichische Intellektuelle panagyrische Texte und Bildcollagen zusammengetragen. Herausgekommen ist auf diese Weise ein Essayband, den der Jubilar zwar als Ganzes für »unlesbar« hält, weil ihm ein zwingender Zusammenhang darin fehlt – ein Zusammenhang, der Seitter allerdings selber ist, und von ihm daher offenbar schwerer wahrnehmbar als von den nichtbetroffenen Lesern.

Vielleicht noch eindrucksvoller als die Liste der Autoren und Autorinnen – Philosophen, Künstler, Psychoanalytiker von Stand und Rang – ist die Liste der Themen, denen sich die Essays dieser 300 Seiten starken Festschrift widmen.

Bereits die Titel der Essays umreissen den ganzen Sprechraum der Seitter‚schen Existenz – und ich habe jeweils eine markante Aussage aus dem Text hinzugefügt, um zu zeigen: Hier wird einer geehrt, den wird man wegen der Breite und der Tiefe seiner Erscheinung nicht sofort vergessen können.

 

ABGRUND                                                                                                                                                                                                                         Wenn es einen Abgrund gibt, so muss es mehr als diesen einen Abgrund geben.

ACHILLEION                                                                                                                                                                                                                        In diesem Garten scheint überhaupt alles bedeutungsvoll zu sein.

BERG                                                                                                                                                                                                                             Berge sind Riesenzeichen, Megagramme, halb aufzeigend, halb geheimhaltend.

BÜROSESSEL                                                                                                                                                                                                 Marterinstrument in der schizophrenen Situation einer fröhlichen Welt permanenter Bereitschaft.

DAUERKRISE                                                                                                                                                                                                                      Mit dem Begriff des »Zwischenmenschlichen« setzt Martin Buber 1905 auf die im »Sozialen« vereinnahmte Dimension.

DING                                                                                                                                                                                                                             Jacques Lacan definiert Sublimierung als die Erhöhung des Objekts zur Würde des Dings.

DIVIDUUM                                                                                                                                                                                                                   Platons menschliche Seele inkorporiert aus der Konsequenz ihrer Mangelhaftigkeit.

ERSETZUNG                                                                                                                                                                                                                 Österreich ist durch bürokratische Reform zu Staat geworden; aufgeklärter Absolutismus reduzierte dabei Philosophie auf ihre Bildungsfunktion an Schulen.

FREUNDSCHAFT                                                                                                                                                                                                              Anders als die Naturwissenschaften spürt Philosophie beständig ihren Vorgängern nach, indem man sie immer wieder neu liest.

GEBEN                                                                                                                                                                                                                              Die Mitte zwischen Geben und Nehmen bedeutet eine Art energeia, die dem Besitzenden wie dem In-Besitz-Genommenen zukommt.

GOTT-VATER                                                                                                                                                                                                                      Die christliche Liebe stellt den höchsten Anspruch an die Subjekte als verantwortliche Individuen in einer freien Bürgergesellschaft, gegen Massenhysterie, Ideologien und Gewalt dar.

HAUT                                                                                                                                                                                                                       Weiblichsein ist Haut sein, und ist ein Schwingen zwischen Nacktheit und Enthüllung.

HEROLD                                                                                                                                                                                                                           Der theatralische Philosoph nach Brecht muss neben sich stehen, um tätig werden zu können.

LIMINALITÄT                                                                                                                                                                                                                       Die Brücke erschafft sich gleichsam selbst und noch die Kluft unterhalb der Brücke, die nun zum Teil der Konstruktion wird.

LÖCHER                                                                                                                                                                                                                            Das Loch in seiner minimalsten Form als Punkt ist die mediale Grundfigur des Sehen-machens.

MEDIEN                                                                                                                                                                                                                      Ausgerechnet Michel Foucault, der kein Medienwissenschaftler war, schrieb die Geschichte alles dessen, worin es Denken gibt.

MEER                                                                                                                                                                                                                                   Das Schauen des Meeres gibt uns die Freiheit des Geistes wieder zurück.

MENSCH                                                                                                                                                                                                                             Das Projekt »Mensch« hat sich in eine Depression verwandelt.

MENSCHENFASSUNGEN                                                                                                                                                                                                  Zwischen dem Wissen über Politik und dem Gebrauch von Wissen in der Politik gibt es einen Unterschied.

MIKROPHYSIK                                                                                                                                                                                                                     Man kann nicht zugleich denken und über das Denken nachdenken.

MILCH                                                                                                                                                                                                                                Kein klinisches Weiss, sondern ein sanfteres; weniger kalt als das Krankenhaus- oder das Computerbildschirmweiss.

NACHT                                                                                                                                                                                                                            Gustav Klimts taghell beleuchtete Figuren vor dem Dunkel machen die Nacht als ausserirdische Zeit verstehbar.

PHYSIS                                                                                                                                                                                                                             Unter ihrer Logos-Haftigkeit versteht Wiplinger, dass die Form-Gestalt des Körpers im Anblick seiner Erscheinung den Zugang zur Wirklichkeit eröffnet.

PLATON, ARISTOTELES                                                                                                                                                                                                          Mit fast allen Wörtern der menschlichen Sprache wurde und wird das Allgemeine ausgesprochen, wenn sich die Sprechenden auch meistens dessen nicht deutlich bewusst sind.

POLYPHONIE                                                                                                                                                                                                                  Rousseau projiziert seine gesellschaftspolitische Idee vom »Gemeinwillen« in die Musik hinein.

SCHLEIERMAUER                                                                                                                                                                                                               Die Mauer als Schleier verhüllt nicht nur einen Körper, sie allein ist schon ein Körper. Eine Schleiermauer verbirgt den Körper hinter einem Körper.

SPIEGELKUGELN                                                                                                                                                                                                                Die Discokugel macht dem Tänzer vor, war er ihr nachtun soll: sich drehen, um Zentrum der eigenen Welt zu werden.

STEINWURF                                                                                                                                                                                                                          Die Körpererinnerung des Wurfs und ihr Erlebniswert übertrug sich auf die komplizierten symbolischen Formen der sogenannten Ballspiele.

STERNENFUNKELN                                                                                                                                                                                                            Das Funkeln der Sterne ist »geophän« – ausserhalb der Erdathmosphäre wäre es nicht vorhanden.

STIMMEN                                                                                                                                                                                                                           Dass wir unser Selbst als ein von der Aussenwelt abgetrenntes Inneres erleben, ist eine Erfahrungsweise, die sich erst um das 5. Jahrhundert vuZ zu etablieren begonnen hat.

THOMAS (APOSTEL)                                                                                                                                                                                                           Etwas in Jesus bringt ihn dazu, gegenüber Thomas den Zweifler zu beweisen, was per se ohnedies nicht bewiesen werden muss oder kann.

TÖNE                                                                                                                                                                                                                                    Für den Konfuzianer bilden Musik und Ritus das Zentrum des philosophischen Systems, von denen alle anderen Bestimmungen abzuleiten sind.

TRAUM                                                                                                                                                                                                                                Je ausgeprägter das Vermögen poetischer Einbildungskraft, desto höher das Vermögen träumerischer Erinbildungskraft.

TRIANGULATION                                                                                                                                                                                                                  Das Grundprinzip der Kenosis kann nicht mehr auf das trinitarische Dogma angewandt werden, es sei denn in Form der Perichorese.

TYPOGRAPHIE                                                                                                                                                                                                           Erscheinung oder Geltung hat immer eine zeitliche und eine räumliche Gegenwärtigkeit oder Daheit.

UMSTÄNDE                                                                                                                                                                                                                          Das Spezifische der Erfahrung besteht darin, dass sie zwischen der Identifikation des Falles und der Exekution der Regel chanciert.

UNTERDRUCKKAMMER                                                                                                                                                                                                         Dank der inneren Unbestimmtheit des Menschen hat die historische Konstellation mehr aus der 68er-Generation herausgeholt, als drin gewesen ist.

UNTER-ICH                                                                                                                                                                                                                        Wir haben gelernt auch Wesen, die wir als weniger einsichtig einschätzen als uns selbst, gefallen zu wollen.

UNTERSBERG                                                                                                                                                                                                                    Der Berg ist die sichtbare Krone jenes unsichtbaren Kaisers, dessen Unsichtbarkeit die Fortdauer der Welt bedeutet.

VERAUSGABEN                                                                                                                                                                                                                    Krieg ist ein in vielerlei Hinsicht lohnendes Geschäft, weswegen er auch betrieben wird.

VERKEHR                                                                                                                                                                                                                           Auch der menschliche Körper kann als Transporteinheit aufgefasst werden: eine von Haut und Gewand umhüllte Kapsel, die von einem Piloten gesteuert wird.

WACHS                                                                                                                                                                                                                  Versinnbildlicht in seiner amorphen Trägheit die innere Formlosigkeit der Dinge.

WORT                                                                                                                                                                                                                                   Es ist eine dauerhafte Verführung, das Wort logos mit einem anderen Wort wiederzugeben als mit Wort.

WÜSTE                                                                                                                                                                                                                           Sehe ich weniger, wenn ich »nur Sand« sehe?

ZWEI SEITEN                                                                                                                                                                                                                      Es gibt kaum schönere Ordnungen als die tanzenden Tetraeder der Wassermoleküle mit ihren tunnelnden Protonen.

 

Sehen und Sagen. Für Walter Seitter. Hg. von Ivo Gurschler, Sophia Panteliadu, Christopher Schlembach, 308 Seiten, Wien: Sonderzahl 2017, ISBN: 978 3 85449 467 6, EUR 22,-

 

Foto: Peter Kubelka

© Wolfgang Koch 2017

 

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/05/25/wie-wird-man-walter-seitter-gerecht-12/feed/ 0
Niemand interessiert sich für Július Koller (1/3) https://blogs.taz.de/wienblog/2017/02/11/niemand-interessiert-sich-fuer-julius-koller-13/ https://blogs.taz.de/wienblog/2017/02/11/niemand-interessiert-sich-fuer-julius-koller-13/#respond Sat, 11 Feb 2017 13:34:18 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2554 Unmöglich zu sagen, ob die Welt gut oder schlecht ist (von welchem Ort aus sollte man das beurteilen?), aber ich kann von meinem Schreibtisch aus sehen, wie sie täglich an Lächerlichkeit zunimmt. Jede U-Bahnfahrt in einer Grossstadt hält heute eine Wendung parat, die eine schwarze Komödie andeutet.

In jeder Ecke können junge Männer ohne Headsets stehen, bereit sich und uns mit einer Bombe in die Luft zu jagen, jeder LKW kann von einem Spinner gelenkt werden, der bereit ist, Kinder von Gläubigen und Ungläubigen, zu überrollen, in jedem Rockkonzert können Bewaffnete auftauchen und mit halbautomatischen Waffen ins Publikum feuern. Und man hat es bei diesen Suizid-Enthusiasten und Mordbuben keineswegs nur mit Islamisten, Salfisten und Dschihadisten zu tun, mit den koranischen Brüdern, nein, selbst am friedlichen Rad des Buddhismus drehen sie heute.

Am 8. Dezember 2016 verbrannte sich der 33jährige Tibeter Tashi Rabten in der Nähe seines Wohnhauses in Machu, umringt von Augenzeugen und einer Frau, die angesichts des in Flammen stehenden Mannes Suren rezitierte. Der zuvor in chinesischer Haft misshandelte Familienvater hinterliess einen ausführlichen Abschiedsbrief, der mit den Worten endet:

»Ich hoffe, ihr denk nicht, dass ich einen Scherz mache. Ich meine es wirklich ernst. Ich möchte den Menschen mitteilen, dass wir Tibeter uns nicht vor dem Tod fürchten; um die Probleme jedoch friedlich zu lösen, blieb mir keine andere Wahl, als mich selbst zu verbrennen, um die Menschen zu warnen«.

Ach, du meine Güte! Emotionen sind nie ein guter Ratgeber, und das Streben nach dem Besseren ist ebenso fragwürdig. Die Argumentation des aufgebrachten Tibeters unterscheidet sich ja in keinem wesentlichen Punkt von den Wahngedanken der moslemischen Terroristen. Die Campaigner für die Freiheit Tibets nennen Tashi Rapten, dessen Asche in einem Sack seiner Ehefrau ausgehändigt wurde, bewundern ein »Selbstverbrennungsopfer«, obschon sich der Mann doch selbst in Flammen gesetzt hat, also nach juristischen Massstäben unzweifelhaft ein Täter zu nennen ist.

Nach der verdrehten Logik von Free Tibet dürfte sich auch der Berlin-Attentäter Anis Amri im Paradiesgarten, dem Dschanna, »Attentatsopfer« oder »Massakerbetroffener« nennen, obwohl er die Leichen am Berliner Weihnachtsmarkt mit volkspädagogischem Kalkül gezielt verursacht und deshalb zu verantworten hat.

Es gibt eine seit altersher bekannte Dummheit der Klugen, keine Frage. Aber wie gedeiht diese Arroganz, die ganze Menschheit belehren zu wollen, mitten unter uns? Woher nehmen diese Fanatiker die Chuzpe, sich für schlauer als alle anderen zu halten?

Eine möglich Antwort wäre: Tashi der Gute und Amri der Böse sind gar keine besonderen Ausnahmen, sie sind ganz gewöhnliche Figuren einer Modernismussatire, die heute auf allen Kanälen zugleich gesendet wird. Eine moralische Selbstüberhöhung im Modus der Wahrheitsverkündung – das kennzeichnet doch mittlerweile jeden beliebigen Talkgast in jeder beliebigen TV-Show, jeden Politiker auf der Regierungsbank und jeder Leitkommentator. Sie alle pflegen ein Freund-Feind-Vokabular, das man in der liberalen Gesellschaft angeblich überwunden hat.

Und das Feinddenken und die herablassenden Haltungen nehmen auch auf digitalen Plattformen so rasant zu, dass sich die Fanale der Terroristen und der Befreiungssuizidanten, die Tweeds der Hassblogger und die Reden der autoritären Präsidenten in ihrer abgehobenen, höheren Zielsetzung vollkommen gleichen.

Man muss mal die Frage meditieren: Welche Einstellungen der Allgemeinheit verhelfen denn den Suizid-Enthusiasten dazu, dass ihrer Gewalttaten im Vor- und im Nachhinein auf Verständnis stossen, und nicht auf ein schallendes Gelächter?

Diese Frage lässt sich nicht in Kürze beantworten. Aber wir finden im Kunstbetrieb gute Hinweise, wo einen Antwort zu finden sein könnte.

Der slowakische Künstler Július Koller (1939-2007) gehörte einer Generation an, der die exzessive Moral und der verschärfte Missionsdrang noch fremd war. Die totalitäre Erfahrung seiner Epoche war nicht nur als Erinnerung an die Weltkriegstoten lebendig, sie war eine reale Erfahrung unter einem kommunistischen Regime, dessen staatlicher Kunstverband den Happening- und Konzeptkünstler nie akzeptierte.

Koller wurde gezwungenermassen ein Kunsteremit in seinem Plattenbauappartment in Bratislava, er fühlte sich einer Junk-Kultur mit Comic und Ufo-Spekulationen zugehörig, und er hoffte die Welt nicht zu verbessern. Nein, Koller hoffte bei jeder seiner Aktionen, dass wir denken, dass er nur einen Scherz macht. Er meinte seinen Spass wirklich ernst. Er wollte keinem Menschen mitteilen, dass sich Künstler nicht vor dem Tod fürchten.

Auch Kollers Epoche, die letzte des Kalten Krieges, war voller Probleme und Verwerfungen, aber der bärtige Slowake verfiel deshalb nicht auf die Idee, er müsse seine Mitmenschen durch irgendeine Aktion vor Gefahren warnen.

Im Gegenteil: Koller hat das Fragezeichen auf seine Fahne geschrieben. Er persiflierte den missionarischen Eifer der Welterretter, er parodierte die ideologischen Scharmützel zwischen Kommunisten und Antikommunisten, er veranstaltete keine Spendenaktionen für Brandopfer, die es in Gestalt des Jan Barlach, dem Selbstverbrennungstäter des Prager Frühlings, zu seiner Zeit auch gegeben hat. Koller wies das elitäre Meisterwerk-Streben ebenso zurück wie die These von der fortwährenden Weltverschlechterung. Er veranstaltete simple Kurse für Hobbymaler, zog in den »bleiernen Jahren« der Slowakei mit fröhlichen Menschen hinaus in die Natur, fotografierte Bäume, bemalte Almhütten und versah die Landschaft mit widersinnigen Wegweisern.

Július Koller war keine schlechte Antwort auf die moralische Hybris der 1968er, und er ist heute keine schlechte Antwort auf die Menschheitsbeglücker, die in einer Art laokoonhaftem Dauerringen die kontinuierliche Gewaltbereitschaft im globalen Aktionsraum wachhalten.

Kollers Kunst wirkt in unserer Zeit so komisch wie die Tester von virtuellen Welten, die mit ihren schwarzen Videobrillen am Kopf auf Sitzen herumtaumeln und dabei einander so nahe kommen, dass es kracht.

© Wolfgang Koch 2017

Fotos: U.F.O.-naut J.K. (U.F.O.), 2004 – Archiv Květoslava Fulierová (Ausschnitt); Otáznikový textextil/ Question Mark Textextile, 1969 – Courtesy Linea Collection, Bratislava

Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Museumsplatz 1, 1070 Wien: Július Koller – One Man Anti Show, kuratiert von Daniel Grún, Katharin Rhomberg und Georg Schöllhammer. Täglich bis 17. April 2017

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2017/02/11/niemand-interessiert-sich-fuer-julius-koller-13/feed/ 0
Erzdiözese Wien gewährt 60.000 Ablässe mit Michelangelo https://blogs.taz.de/wienblog/2016/12/04/erzdioezese-wien-gewaehrt-60-000-ablaesse-mit-michelangelo/ https://blogs.taz.de/wienblog/2016/12/04/erzdioezese-wien-gewaehrt-60-000-ablaesse-mit-michelangelo/#comments Sat, 03 Dec 2016 23:25:36 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2542 Am heutigen Tag schliesst nach dreimonatiger Dauer die von Beginn an von scharfen Protesten begleitete Ausstellung »Michelangelos Sixtinische Kapelle in Wien« in der Votivkirche. Bereits im September haben Katholische Jugend (KJ) sowie die Evangelischen Kirchen A.B. und H.B. in Österreich gegen die Absicht der Erzdiözese Wien, den Ausstellungsbesuchern einen zeitlichen Erlass der Sündenstrafen zu gewähren, tiefe Besorgnis angemeldet.

Ungeachtet dieser Einwände kostet ein Erwachsenticket unter der Woche sage und schreibe 17,50 Euro, am Wochenende sogar noch einen Euro mehr. Und immerhin 60.000 Besucher aus dem In- und Ausland strömten in den Alsergrund, um die pekuniäre göttliche Gnade zu erwerben.

Für Vertreter der österreichischen Kulturglorifizierungsbemühungen à la Albertina, Belvedere oder KHM ist der Eintrittspreis dieser Michelangelo-Show durch das Gezeigte keinesfalls zu rechtfertigen.

Das heilige Spektakel basiert auf einer Idee des deutsch-amerikanischen Themenpark-Millionärs Martin Biallas, der rund um die Welt schon Massen von zahlenden Besuchern durch den Kakao von Asterix und Motorrädern, von Star Trek und Michael Jackson gezogen hat, uns zwar immer genau so geschäftstüchtig, dass die vergnügungssüchtigen Besucher in Hochstimmung in seinem Merchandising-Shops landeten.

Diesmal kein Gallierdorf, keine Raumstation, keine Jackson-Garderobe, sondern gleich Repliken von Roms Weltkulturerbe an der Donau. Die Fotos von Michelangelos Freskierung der Decke in der Sixtinischen Kapelle hat der Magnum-Fotograf Erich Lessing in den 1990ern unmittelbar nach der Restaurierung noch vom Gerüst aus geschossen.

gardisteninnen

Sie sind in dem völlig misslungenen neogotischen Kirchenbau in schlauchartigen Gängen so knapp einander gegenüber gehängt, dass sich über kein einzelnes Motiv mehr ein Überblick gewinnen lässt. Ihre Anordnung in der Ausstellung folgt auch nicht dem umfangreichen Programm an der Decke, sondern plaziert die bekanntesten Freskenmotive an den günstigsten Plätzen.

Auf diese Weise steht plötzlich, ganz gegen Michelangelos Intention, die »Erschaffung Adams« dem »Jüngsten Gericht« gegenüber, und das ist bei weitem nicht der einzige Widersinn dieser Ausstellung.

Michelangelos monumentales Programm von über 300 Figuren folgt einer humanistischen Logik, nach der konsequent Heilige und Propheten Sybyllen und Sehern, biblische Gestalten mythologischen Figuren der griechischen Antike gegenübergestellt werden. Die Seher thronen auf gemalten Steinbänken und studieren in weltlichen Posen Bücher und Schriftrollen, grübeln über Gottes Wort und schreiben ihre Visionen nieder.

Man kann an diesem Werk eine Menge lernen. Michelangelo malte zum Beispiel gegen die Chronologie der dargestellten Ereignisse; dabei verschob sich kontinuierlich der Grössenmassstab in eine Richtung. Aber das lässt sich im Chaossystem dieser Austellung natürlich nicht mehr nachvollziehen.

Sicher, das Rätsel der feinen Pinselstriche, die oben an der Decke in Rom niemand sehen kann, dieses Rätsel ist in der Votivkirche mit freiem Auge zu besichtigen. Aber eine anderen Erklärung, als die, dass der Künstler diese Nahsicht in einer Art persönlicher Referenz an das Höchste angelegt hat, bringt uns auch das Anglotzen aus der Nähe nicht.

Die erzählerischen Qualitäten des Zyklus, sie ist dahin. Die grandiose Handhabung der Verkürzungen, die kompositorischen Tricks der Freskierung, der perspektivische Tiefenzug der Gemälde – nichts davon ist in einem Meter Entfernung noch zu erkennen.

Ähnlich schief liegt die kirchenrechtliche Begründung dieses modernen Ablasshandels. Nach Ansicht kritischer Theologen wird in Wien das seit 1999 in der römisch-katholischen Kirche gültige Regularium Enchiridion indulgentiarum klar missbräuchlich interpretiert.

Dieses kirchliche Regelwerk sieht zwar den Ablass beim »frommer Gebrauch eines Gegenstandes, der vom Papst oder einem Bischof geweiht ist«, vor, was auf Michelangelos Gemälde vielleicht im weitesten Sinn zutrifft – aber eben nur am Festtag Peter und Paul, zusammen mit dem Sprechen des Glaubensbekenntnisses.

Wir haben beim Lokalaugenschein keinen Ausstellungsgast entdecken können, die in Gebetsstellung verharrt wäre.

innen1

Auch von einem »Besuch einer der vier römischen Patriarchalbasiliken in einer kindlichen Unterordnung unter den Heiligen Vater« lässt sich in der Wiener Fotoschau nicht sprechen. Denn ersten ist die Votivkirche nicht die Sixtinische Kapelle, zweitens ist die Sixtinische Kapelle keine der vier römischen Partriachalbasiliken (Basilica maior), und drittens lässt kein Besucher irgendeine kindliche Unterordnung unter irgendeine höhere Macht erkennen.

Im Gegenteil: Die Ablasskäufer schlendern in der Votivkirche laut gestikulierend durch die Ausstellungsschläuche, lauschen elektronischen Führern oder unterhalten sich über die Preise der Wiener Maroniprater.

»Ich lebe hier in grösster Sorge unter den grössten körperlichen Anstrengungen und habe keinen einzigen Freund, will auch keinen, und habe nicht soviel Zeit, um das Notwendigste essen zu können«, schrieb Michelangelo über seine Lage im Jahr 1509 an seinen Bruder Buonaroto. Die Fresken-Show ist mit ihren käuflichen Baseballkappen und Kaffeetassen eine einzige Antithese zu den Nöten des Künstlers, dessen Arbeit hier skandalös ausbeutet wird.

Was die Wiener Ablasskäufer von diesem teuren Kirchenbesuch mit nach Hause nehmen, ist ein leeres Sündenregister und das Erlebnis den Arsch Gottes in der »Erschaffung von Sonne und Mond« einmal im Leben direkt vor der Nasenspitze gehabt zu haben.

© Wolfgang Koch 2016

Fotos: M. Spitzauer

 

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2016/12/04/erzdioezese-wien-gewaehrt-60-000-ablaesse-mit-michelangelo/feed/ 2
1.000x TATORT: Politainment und postnazistische Tätereinfühlung (4/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/13/1-000x-tatort-politainment-und-postnazistische-taetereinfuehlung-44/ https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/13/1-000x-tatort-politainment-und-postnazistische-taetereinfuehlung-44/#respond Sun, 13 Nov 2016 11:00:24 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2527 Der schwerste Vorwurf von Alfred Pfabians Tatortphilosophie lautet: Das Unterhaltungssegment des deutschsprachigen Fernsehens sei durch die Serie mit dem Odium des Nationalsozialismus behaftet. Der Wiener Politikwissenschafter erhärtet diese These in drei Argumentationsketten:

1. In der Kontinuität einer Filmsprache, die bereits Goebbels dazu gedient hat, den Reichsdeutschen die Leistungen des Führers in die Hirne zu brennen.

2. Mit personellen Kontinuitäten in der Nachkriegszeit. Schon die Vorgängerserie des Tatort, Stahlnetz, von 1958-68 und von 1999-2003, habe das Fortleben der UFA-Kultur gesichert. In der SS-Mitgliedschaft des Derrick-Darstellers Horst Tappert sieht Pfabigan einen zusätzlichen Beleg.

3. Am schwersten aber wiegt für den Wiener Autor das fortlebende Motiv der »Volksgemeinschaft«, die in den Tatorten von kapitalistischen Profitinteressen bedroht wird.

Der vernichtende Befund führt im Buch zu einem Vergleich der deutschen Polizeiserie mit dem amerikanischen Pendants. Zweifellos der interessanteste Teil seiner Untersuchung.

NDR Fernsehen TATORT, "Eine andere Welt", am Dienstag (15.11.16) um 22:00 Uhr. Tatort Phönixsee: Noch wenige Stunden zuvor hatte die 16-jährige Nadine zusammen mit ihrer Klassenkameradin Julia und ihren Freunden im »Century« gefeiert. Schnell steht für den Rechtsmedziner Jonas Zander (Thomas Arnold) und Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) fest: Das Mädchen wurde ermordet. © NDR/WDR/Thomas Kost, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung "Bild: NDR/WDR/Thomas Kost" (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

Im Tatort sehen wir die dramatisch Tötungsszenerie häufig als beiläufigen Tod – in der USA hingegen als eine öffentlich gemachte Erfahrung des Opfers. Der Tatort zeigt das Verbrechen vergleichsweise gefühlskalt, so Pfabigan, er produziert Opfer gerne kommentarlos und demonstriert dann ein übertriebenes Interesse am Täter. Dazu kommt häufig eine Aufladung mit dem »schuldigen Opfer«, eine Standardfigur im deutschen Polizeifilm.

Eine wichtige Botschaften der US-Serien hingegen lauten: Die Polizei darf nicht untätig sein, ein gebrochener Gesellschaftsvertrag kann neue Opfer schaffen. Solche Inhalte kommen am deutschen Sonntagabend kaum vor.

In den US-Serien grenzt die Strafe den Täter konsequent aus und nimmt das Opfer in die Solidarität der Gemeinschaft. Denn wer sich mit dem Opfer identifiziert, hält sich selbst für ein potentielles. Die Aggression der ermittelnden Beamten wird gegen jeden regelbrechenden Kollegen gerichtet.

Anders in der Tatort-Serie: Hier rangiert der Sozialvertrag weit über der Rechtsordnung; Gerechtigkeit wird durch angeblich konsensuale Regeln der handelnden Ermittler bestimmt. Und die Aggression dieser Ermittler ist gegen die staatbürgerliche Klientel gerichtet, in der sie den Täter finden müssen.

hr-fernsehen TATORT: JAGDZEIT, Fernsehfilm, Deutschland 2010, Regie: Peter Fratzscher, am Samstag (03.12.16) um 21:40 Uhr. Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec, Mitte) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) treffen am Tatort auf die Fahnderin Peschke (Antje Widdra). © HR/SWR/BR/Stephen Power, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter HR-Sendung bei Nennung "Bild: HR/SWR/BR/Stephen Power" (S2). HR/Pressestelle, Tel: 069/155-4954, Fax: -3005

Pfabigan konstatiert eine typische »psychologische Verstehensillusion« der deutschsprachigen Polizeiserie. Diese nehme gegenüber den Opfern eine grausame Erzählhaltung ein, ja sie kultiviert den Habitus, das Opfer schuldig zu machen. Bei diesem Vorgang entschuldet das typische Tatort-Drehbuch den Täter und spricht uns zugleich von unseren negativen Gefühlen als Zuschauer eines Verbrechens frei.

Dieser Streit um Schuld und Determinierung – das ist die zentrale These von Pfabigan – sei das eigentliche Erbe des Nationalsozialismus im Fernsehen. Die deutschen, österreichischen und schweizerischen Krimiautoren tragen die mächtigen Bilder von der Verkommenheit des Weltjudentums quasi noch im Blut.

Die Analyse landet also bei der Mentalitätsgeschichte unserer Länder. Der Kriminalfilm erscheint als der Austragsungsort eines Kampfes zwischen deutscher Empathie – der Einfühlung der Ermittler und des Publikums in den Täter – und dem angelsächsischen Empirismus, also der beweisbaren Rekonstruktion eines wirklichen kriminellen Verhaltens, unabhängig von den Motivlagen.

Pfabigan legt mit seiner TV-Analyse den Finger in eine alte Wunde. Die Frage der Fortdauer der nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung in ihrer Substanz ist bis heute nicht hinreichend geklärt. Ich nennen als erstes Beispiel die gesellschaftlich breit akzeptierte Arbeitshetze. Das Prinzip der sozialpolitischen Auslese der Leistungsbereiten und der »Ausmerzung« der Leistungsverweigerer wurde nach 1945 gemildert und verfeinert, als Prinzip aber besteht es unvermindert weiter.

Eine andere fatale Kontinuität ist die Zerstörung der Drei-Generationen-Familie zugunsten einer Kernfamilie, die nur aus Eltern und Kindern besteht. Diese Zerstörung wurde erst mit der Politik des Hitler-Regimes besiegelt und danach nie wieder rückgängig gemacht. Der Zerfall der Menschheitszelle scheint heute unumkehrbar.

Pfabigan fügt mit der Tätereinfühlung der postnazistischen Realität ein weiteres Merkmal der NS-Kontinuität hinzu. Die motivorientierte Fallaufklärung der deutschen Ermittler, die langsam sich steigernde Abwägung des Motivs, verklärt das Verbrechen zu einer natürlichen Form zwischenmenschlicher Interaktion. Der Mord ist damit seit Kain quasi in der Familie geblieben. »Täter und Ermittler haben das gleiche emotionale System«.

ARD MORDEN IM NORDEN IV. Staffel, Folge 53, "Am Limit", am Montag (28.11.16) um 18:50 Uhr im ERSTEN. Ein Geldtransporter wurde brutal überfallen. Der Fahrer Pawel Olkowski (Tom Keune, r.) ist dabei ums Leben gekommen. Pathologe Dr. Strahl (Christoph Tomanek, l.) stellt Untersuchungen am Tatort an. © ARD/Georges Pauly, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter ARD-Sendung bei Nennung "Bild: ARD/Georges Pauly" (S2+). ARD-Programmdirektion/Bildredaktion, Tel: 089/5900-24302, Fax: 089/550-1259, bildredaktion@DasErste.de

Während amerikanische Kriminalisten im Müll wühlen, stochern ihre deutschen Kollegen in den Biographien von Opfern und Verdächtigen herum. Die Angehörigen sind selten Opfer, sie werden sofort nach ihrem Alibi gefragt, migrantische Verdächtige werden gnadenlos gedutzt.

Dass die polizeilichen Bohrungen des Verstehens, ja des Allerverstehenwollens, im Krimi kein aufklärerisches Projekt sind, noch weniger eines der Empathie mit dem Opfer, sondern eine grausame Illusion – diese wichtige Einsicht verdanken wir dieser, in anderen Teilen nicht immer souveränen Veröffentlichung.

© Wolfgang Koch 2016

Alfred Pfabigan: Mord zum Sonntag. Tatortphilosophie. 205 Seiten, ohne Abbildungen, Residenz Verlag: Salzburg/Wien 2016, ISBN: 9783701733989, EUR 20,00

Foto: ARD, aus: Der Tod auf der Schippe; Eine andere Welt; Jagdzeit; Morden im Norden

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/13/1-000x-tatort-politainment-und-postnazistische-taetereinfuehlung-44/feed/ 0
1.000x TATORT: Nackte Leichen und Gier als Chiffre des Kapitalismus (3/4) https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/07/1-000x-tatort-nackte-leichen-und-gier-als-chiffre-des-kapitalismus-34/ https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/07/1-000x-tatort-nackte-leichen-und-gier-als-chiffre-des-kapitalismus-34/#respond Mon, 07 Nov 2016 18:09:38 +0000 http://blogs.taz.de/wienblog/?p=2513 Deutscher Gesellschaftsroman? Filmische Staatsfratze? Bis zur Halbzeit der Obduktion stehen Pfabigans Thesen zum einflussreiche TV-Format auf schwachen Beinen.

Erst dort, wo es um die »Ästhetik der Gewalt« geht, kommt Schwung in die Sache. Mit welchen Mitteln untersucht nun der Wiener Analytiker die in die Storys verwobenen Werte und Haltungen? Durch Zuschauen vor allem, und Vergleichen.

»Die Deutschen mögen das Durchschnittliche«, befindet der Universitätsprofessor im sicheren Süden, und er sieht das perfekt verkörpert in Figur und Knittergesicht von Lena Odenthal.

Es stimmt gewiss auch, dass Professor Boerne eine Karikatur des beamteten Akademikers ist; dem Münsteraner Tatort fehlt zur bohrenden Gesellschaftssatire jedes Chilli. Aber deshalb die Fans von Thiel und Boerne gleich der »zivisatorisch gezähmten Wutbürgerschaft« zu verdächtigen, das lässt sich selbst nur als komödiantischer Versuch von Kritik qualifizieren.

ARD/SWR TATORT, "Wofür es sich zu leben lohnt", am Sonntag (04.12.16) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Josef Krist (Thomas Loibl) wurde für seine letzte Fahrt sorgfältig im Boot arrangiert. Flankiert von Kerzen ist er langsam verblutet … © SWR/Patrick Pfeiffer, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter SWR-Sendung bei Nennung "Bild: SWR/Patrick Pfeiffer" (S2). SWR-Pressestelle/Fotoredaktion, Baden-Baden, Tel: 07221/929-22202, foto@swr.de

Jeder Sonntag handelt von dem, was nicht hätte geschehen dürfen, der Tatort führt eine »untergründige Staatsdiskussion«, gut, aber nicht nur über den Staat, sondern auch über den Gesellschaftsvertrag, vor allem über den mobiler gewordenen urbanen Raum und die gegenseitigen Aversionen seiner Bewohner.

Gier gilt als mächtige Chiffre für den Kapitalismus. Die Bedeutung der Zerstörung eines Menschenlebens werde im Tatort ähnlich gering gewertet wie in Videospielen, die Traumatisierung der Sekundäropfer in deutschen Filmen kaum zugelassen. Trotzdem erblickt Pfabigan in den Gewaltdarstellungen einen »stabilisierenden Faktor der Zivilisation«. Es tue unser physischen Gesundheit gelegentlich einfach gut, andere leiden zu sehen.

[Schluck, Hust!]. Man erinnert sich, dem Gedanken bei Montaigne deutlich differenzierter begegnet zu sein. Zitat: »Es macht uns doch angenehme Empfindungen, unser Mitleid durch die sonderbare Katastrophe aufgeregt und ins Spiel gesetzt zu sehen«. Das Behagen am Unbehagen der anderen ist bei diesem Klassiker eine Belohnung dafür, dass man Abstand zum Schrecken hält.

Auch nach Pfabigan wird dem Zuschauer in der zutiefst schwermütigen Gattung eine Struktur der Belohnung vorgegaukelt. Aber ganz anders. In der Aufklärung des gewaltsame Tod, sagt er, steckt eine effektiv tröstende Funktion: Dass der am Mord Schuldige von den Ermittlern zur Strecke gebracht wird, lässt in mir die Hoffnung keimen, dass es vielleicht auch in meinem Fall Gerechtigkeit geben werde und ich nicht sterben werde.

NDR Fernsehen TATORT, "Vergessene Erinnerung", am Samstag (05.11.16) um 20:15 Uhr. Tom (Niels Bormann) © NDR/Christine Schröder, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter NDR-Sendung bei Nennung "Bild: NDR/Christine Schröder" (S2). NDR Presse und Information/Fotoredaktion, Tel: 040/4156-2306 oder -2305, pressefoto@ndr.de

Die Zurschaustellung der Leiche: Ästhetik des Hässlichen, also irgendwo in der Mitte zwischen dem Schönen und dem Komischen. »Die Zahl der aufgebrochenen Türen ist wohl ähnlich hoch wie die der nackten weiblichen Leichen«.

Der TV-Krimi sei medienhistorisch die Fortsetzung der Oper. – Oper, was meinen Sie? – Na, tief dekollierte Immobilienspekulatinnen, glatzköpfige Rechtsextremisten, urinierende Polizisten, Oper, Sie wissen schon…

Die Sonntagsoper namens Tatort kombiniert bei Pfabigan zwanglos Unterhaltung und Information, sie bildet eine Zwischenwelt, einen Traumkosmos. Und das Leben der nicht-intellektuellen Menschen organisiert sich immer mehr nach den Filmplots, die bildungsfernen Schichten surfen quasi auf dem ihnen unterschobenen Strohhalm durch einen Lebensfilm.

In solchen Verbreiterungen kommt Pfabigan dem kulturellen Pessimimus Kampers bedenklich nahe.

»Der Ansprüche an die Integrität von Polizisten sind in deutschen Polizeifilmen recht gering«. Beziehungsunfähige Kommissare, alleinerziehende Väter, skurrile Wohngemeinschaften.Rücksichtslose Behandlung von Zeugen und Verdächtigen, faktische Suspendierung von Bürgerrechten. Befangenheitsfragen stellen sich nie, gehören nicht in die moderne Amtsstube.

Der Gesetzesbruch beim der Aufklärung wiederum rechtfertigt sich durch seinen Erfolg. Remember Schimanski, die Dampflok der gebremste Selbstjustiz.

Tatort-Foren im Netz nimmt der Wiener Forscher allerdings gar nicht zu Kenntnis. Dabei diskutieren dort kundige Fans der Serie, die bis zu 500 Folgen gesammelt haben. Auch auf die Städtekonkurrenz, der doch die Renaissance von Tatort erst zu verdanken ist, geht Pfabigan überhaupt nicht ein.

ONE TATORT: QUARTETT IN LEIPZIG, Regie Kaspar Heidelbach, am Samstag (05.11.16) um 23:15 Uhr. Die Kommissare Ehrlicher (Peter Sodann) und Kain (Bernd Michael Lade) begutachten mit Walter (Walter Nickel, v.l.n.r.) die Leiche von Dr. Frei. © MDR, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter Sendung bei Nennung "Bild: MDR" (S1). WDR Presse und Information/Bildkommunikation, Köln, Tel: 0221/220 -7132 oder -7133, Fax: -777132, bildkommunikation@wdr.de

»Lokale Idiome und spezifische Mentalitäten sind globalisierungs- und zuwanderungsbedingt am Rückzug«, meint er. Das mag ja auf den Wiener Migrantenbezirk, in dem der Tatort-Forscher philosophisch praktiziert, zutreffen. Im Fall des Bösen als des Diabolischen, im Fall der dislozierten Tatorte, ist es schlicht falsch.

Richtig ist, dass Ermittler und Familie ihre zentrale Bedeutung verloren haben und die amerikanische Technik des Flashes überhand nimmt. Doch über diese Beobachtungen hinaus fällt Pfabigan zu den Drehbüchern der Polizeifilme wenig ein.

Ich habe kürzlich eine Folge aus der Stralsund-Serie gesehen, deren Plots zwar aus Action und Beziehungskram der Ermittler gestrickt war und deren Bösewicht einem Superheldencomic entsprungen schien, alles furchtbar simpel und flach, aber in diesem fremdartigen ZDF-Krimi fiel der Ermittlerin eine übereinstimmende Wortwahl bei zwei Verdächtigen auf. Für den Zuschauer unausgeprochen erkennbar an einem kurzen Zögern in ihrem Gesicht.

Ganz so unbedarf scheint der deutsche Polizeifilm also doch nicht zu sein. Solche aus der Welt der Literalität geborgte Feinheiten muss man in US-Krimis lange suchen.

© Wolfgang Koch 2016

Alfred Pfabigan: Mord zum Sonntag. Tatortphilosophie. 205 Seiten, ohne Abbildungen, Residenz Verlag: Salzburg/Wien 2016, ISBN: 9783701733989, EUR 20,00

Foto: ARD, aus: Es lebe der Tod; Wofür es sich zu leben lohnt; Vergessene Erinnerung; Quartett in Leipzig

]]>
https://blogs.taz.de/wienblog/2016/11/07/1-000x-tatort-nackte-leichen-und-gier-als-chiffre-des-kapitalismus-34/feed/ 0