Ob nun dieser Prozess des (wie auch immer) Sprechens das Denken selbst ist oder nicht, ist eine Frage, über die Denker schon lange vor mir nachgedacht haben und die trotzdem nicht bewiesen werden kann. Ebensowenig kann das Gegenteil bewiesen werden, also drehen wir uns im Kreis, wenn wir es versuchen. Wir könnten ebensogut die Frage debattieren, ob es einen Gott gibt.
]]>Störend an dieser Debatte ist auch, dass Sprache immer wieder mit Wort und Laut und höchstens noch mit Schriftzeichen definiert wird und man dabei vom Begriff, der sich aus der Abstraktion entwickelt, nicht redet. Dieser kann freilich über die unterschiedlichsten Wahrnehmungen ange“sprochen“ werden, also z.B. die Vorstellung des Regens nicht nur durch das Wort „Regen“ und dessen vielhundertfache Entsprechungen in anderen Sprachen, sondern auch durch bildliche Darstellung, akustische oder taktile Reize, für die sich im Bewusstsein des erlebenden Subjektes ein Begriff bildet.
]]>Nehmen wir an, wir haben ein unbekanntes, nie gesehenes Ding vor uns. Wir werden es erstaunt anglotzen und vielleicht denken, es ist klein und grün. Wir schnuppern daran und stellen fest, es riecht ein bisschen wie Banane, aber doch nicht ganz. Und wenn wir es anfassen, ist es rauh. Schon mit der Zuordnung solcher Eigenschaften haben wir dem Ding quasi einen Namen gegeben. Wir haben es in der grenzenlosen Individualität seines Seins beschnitten, in dem wir es mit bekannten Dingen in den Vergleich gesetzt haben. Ein solcher Vergleich ist immer möglich, denn das Vermögen zur Abstraktion, das ein grundlegendes Prinzip der Sprache ist, zeichnet unser menschliches Denken vor dem anderer Lebewesen aus.
Ähnlich funktioniert es vielleicht, wenn wir, sagen wir, auf einer Frühlingswiese chillen und der Musik der Natur lauschen. Vielleicht befreien wir unseren Geist in diesem Moment von einem stringent versprachlichten Denken in Textphrasen, schalten den inneren Monolog ab. Aber wenn wir neben uns plötzlich ein Brummen hören und diesem vor den anderen, undefinierten Eindrücken Aufmerksamkeit schenken, dann werden vereinzelt Worte wie “Brummen” oder “Surren” oder “Biene” oder auch nur “schön” an uns vorbeirauschen und schon hat das Kind einen Namen.
Versprachlichung scheint mir die Möglichkeit zur Abstraktion zu sein, die wir brauchen, um etwas begreifen zu können, das als Individuelles, als Summe aus Eigenheiten überhaupt nicht faßbar wäre, unsere Rechenmaschine im Kopf heillos überlasten würde. Was ist Denken letztlich anderes als das mentale Inbezugsetzen von Abstrakten der erfahrbaren Welt? Denken ist ein ganz aktiver Prozess und mehr als das stumme Auftreffen von Signalen auf unserer Hirnrinde.
]]>Jetzt aber interessiert mich, ob meine bescheidenen Gedanken zur Sache vor den Augen Berufener bestehen können.
Oder auch vor Deinen, Primel… 😉
]]>Diese Aussage hat LeV in dem von mir zitierten Absatz getroffen, wenn ich sie richtig verstanden habe. Falls nicht, wird sie mir das sicherlich erklären können und meine Argumentation nicht ins Lächerliche ziehen, weil ich sie anders formuliere, als der geneigte Leser es vielleicht getan hätte. Solches amüsiert mich übrigens gar nicht.
]]>„Ich erlaube mir deshalb zu bestreiten, daß es ein Bewußtsein ohne Sprache nicht gäbe.“
Allerdings stellst du damit nur die Frage nach einer Definition von Bewusstsein und damit sind wir zurück bei Wortspielereien. So kann ich sagen, dass ich mir nicht bewusst war, dass mein Hund mich unbewusst gebissen, woraufhin ich mein Bewusstsein verlor, etc.
Auch die Frage nach der „wahren“ Verfestigung eines Gedankens generiert gleich die Rückfrage nach der unwahren, also der falschen Verfestigung, und so muss selbst ein eifriger Diskussionsfreund schließlich die Waffen strecken und sich wortlos aus der Gedankenlosigkeit zurückziehen, der Jahreszeit gemäß aber dennoch beste Festtagsgrüße hinterlassen.
]]>Gestattest Du, daß ich diesen wichtigen Gesprächsfaden noch einmal aufnehme?
Ich selbst habe zahlreiche Erfahrungen gemacht, in denen ich sehr klare Vorstellungen von etwas hatte, ohne diese sofort in Worte fassen zu können. Zum Teil habe ich diese Vorstellungen kreativ selbst entwickelt (einen Melodieverlauf für eine Kontrapunkt-Studie, die Disposition für eine Zeichnung), zum Teil handelte es sich um erinnerte Wahrnehmungen (eine Stelle aus einem Symphonie-Satz, ein Gemälde von Vincent van Gogh). In einem zweiten Schritt habe ich jeweils für Details und einzelne Verhältnisse Begriffe gefunden, um sie zu benennen und zu analysieren, aber die primäre (und sehr deutliche!) Vorstellung war deutlich sprachlos.
Auch kenne ich einen Zustand, in den ich mich zuweilen fallen lasse, in dem der innere Monolog in meinem Kopf verstummt und ich ganz mit der Wahrnehmung meiner Außenwelt, meines Körpers (Atem, Temperatur, Muskeltonus) oder eines inneren Films ausgefüllt bin. Dabei stellen sich neben der bloßen Wahrnehmung auch Vorstellungen davon ein, wie es jeweils anders sein könnte, aber ohne Worte.
Ich erlaube mir deshalb zu bestreiten, daß es ein Bewußtsein ohne Sprache nicht gäbe.
In diesem Absatz von Dir:
„Und dass man manchmal die Gedanken nicht in Sprache fassen kann, ist das nicht letztlich ein Zeichen dafür, dass man noch nicht zuende gedacht hat, dass man es selbst noch nicht bewußt begriffen hat und dass man im Kopf selbst noch nach den richtigen Worten sucht? Das zeigt doch, dass die Verfestigung des Gedankens/der Vorstellung mit der Sprachfindung/Namensgebung einhergeht.“
unterliegst Du, fürchte ich, einem Zirkelschluß; denn Du setzt voraus, daß die „wahre“ Verfestigung eines Gedankens erst mit der Versprachlichung einhergeht. Es ist kein Kunststück, aus dieser Voraussetzung den Schluß zu ziehen, daß es ohne Versprachlichung keinen verfestigten, bewußten Gedanken gäbe, aber worauf beruht die Prämisse?
Ich glaube nicht, daß man nur verbalisierte Vorstellungen als deutlich bezeichnen kann.
Auch meine Erfahrung als Amateurdichter und Kritiker von solchen bestätigt meine These: Die Worte, die zu Papier gebracht werden, enthalten oft nicht alles oder schlimmstenfalls sogar etwas anderes, als dem Autor an Vorstellung bewußt war. In manchen Fällen mag das zwar auf einer Undeutlichkeit der Vorstellung beruhen, aber oft genug kamen wir in solchen Fällen zu dem Ergebnis, daß eine klar imaginierte Sache einfach deshalb nicht sprachlich umgesetzt wurde, weil der Schreiber sie vorausgesetzt hatte. Er hatte seine innere Vorstellung nicht hinreichend mit der sprachlichen Manifestation abgeglichen. Daß ihm dies erst im Kritikgespräch auffiel, beweist, daß er die betreffenden Aspekte auch nicht außerhalb des Textes verbalisiert hatte.
Sind meine Überlegungen nachvollziehbar?
Herzliche Grüße,
Sigmar
@Primel: Okay, das leuchtet ein, dann wurden hier nur wieder Begriffe aus der biologischen Verhaltensforschung verwendet. Ich glaube aber nach wie vor, dass Sprache mehr als drei Funktionen hat und vermutlich auch mehr als sechs, wie Jakobson es sieht.
]]>Ein halbes Jahrhundert später (ich hörte Kainz 1952 und 1953) könnte man derartige Betrachtungen als überholt betrachten, doch sind die Grundüberlegungen, wie ich meine, durchaus gültig: Sprache wird als Mittel für die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger angesprochen und dient zum Ausdruck z.B. des Schmerzes (schreiendes Kind) oder als Warnung (Pfiff des Murmeltieres, Drohgesten eines Gorillas), beides als Kommunikationen, die Mensch und Tier gemein haben, also die Symptom- und die Signalfunktion.
Wenn jedoch eine Vermittlung stattfindet, bei der optische, akustische , taktile, etc Zeichen, die von Empfänger und Sender gleich verstanden werden, da sie auf einer Konvention beruhen, können wir von Symboleigenschaften sprechen. Ich denke hier auch an jene Bereiche, die sich außerhalb der verbalen Ausdrucksformen befinden und nehme als Beispiel das Kopfnicken, das bei uns Bejahung und bei Arabern Ablehnung bedeuten kann.
Ich besuchte mehrere seiner Vorlesungen und war immer von der Brillanz seines Vortrages eingenommen, aber das ist schon lange her, denn
Kainz, Friedrich, * 4. 7. 1897 Wien, † 1. 7. 1977 ebenda, Sprachphilosoph und -psychologe, Literarhistoriker; Universitätsprofessor in Wien.
Werke: Psychologie der Sprache, 4 Bände, 1941-56; Einführung in die Sprachpsychologie, 1947; Einführung in die Philosophie der Kunst, 1948; Die Sprache der Tiere, 1961.
ps.: Wer ist Prof. Kainz?
]]>Auch spielt es für den Aspekt, dass wir sprachlich denken, keine Rolle, welcher Nationalität wir angehören oder ob wir taub sind, und deshalb in Gebärdensprache denken. Das sind ja alles Systeme von Zeichen. Die kulturellen Unterschiede, die sich aber in der Denkvorstellung durch nationalsprachliche Unterschiede ergeben, sind z.T. gravierend. Betrachtet man sich nur mal den Gebrauch von Präpositionen im Deutschen, Englischen und Französischen, stellt man sehr schnell fest, dass die damit verbunden Gedankengebäude sehr unterschiedlich sind, was man z.B. daran bemerkt, dass man die „richtige“ Präposition beim Vokabeltraining immer mitlernen muß. Das aber ist ein Argument für das Denken in Sprache. Dementsprechend erweitert aber das Erlernen fremder Sprachen tatsächlich den Horizont. 😉
Und dass man manchmal die Gedanken nicht in Sprache fassen kann, ist das nicht letztlich ein Zeichen dafür, dass man noch nicht zuende gedacht hat, dass man es selbst noch nicht bewußt begriffen hat und dass man im Kopf selbst noch nach den richtigen Worten sucht? Das zeigt doch, dass die Verfestigung des Gedankens/der Vorstellung mit der Sprachfindung/Namensgebung einhergeht.
]]>Wenn wir nur mit Sprache denken könnten, würde es keinen Fortschritt geben, bin ich der Meinung. Ein Beispiel: Säuglinge können weder Sprechen, noch Verstehen, was man ihnen sagt, trotzdem lernen sie, was auch eine Art des Denkens ist. Sie können sogar selbständig Zusammenhänge erschließen, alles ohne Sprache.
Sprache ist nur ein Mittel der Kommunikation, so wie es Handzeichen oder andere körperliche Signale sind. Und schließlich kommt es oft genug vor, dass man seine Gedanke nicht vernünftig in Sprache packen kann (oder kannst Du immer eindeutig vermitteln, woran Du denkst?).
Mein Senf 🙂
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