Das Beste, was ich in den letzten zwei Wochen getan habe, war, schwimmen zu gehen. Und es war mutig von mir das zu tun, weil man nur mutig sein kann, wenn man etwas tut, das einem Angst macht. Ohne Angst kein Mut. Mir hat
]]>Ein Text aus Oktober 2025 –
Das Beste, was ich in den letzten zwei Wochen getan habe, war, schwimmen zu gehen. Und es war mutig von mir das zu tun, weil man nur mutig sein kann, wenn man etwas tut, das einem Angst macht. Ohne Angst kein Mut. Mir hat es Angst gemacht, ungeschminkt und allein in ein Schwimmbad zu gehen, nicht zu wissen, was für eine Eintrittskarte ich kaufen soll, wo ich dieses Ding dann reinstecken soll, wo ich mich umziehe, wie ich mich in diesen neuen Räumen bewege, ohne dass natürlich jede:r sofort bemerkt, dass ich seit bestimmt vierzehn Jahren nicht mehr in einem Schwimmbad war. Man vergisst nicht, wie man schwimmt, aber wie schwimmt man eigentlich richtig, ohne den Kopf ständig über Wasser zu halten? Gibt es Regeln im Schwimmerbecken, die ich nicht kenne, und brauche ich eine Schwimmbrille wegen der Kontaktlinsen? Oder trägt jemand, der so schlecht schwimmt wie ich, überhaupt eine Schwimmbrille? All diese Dinge musste ich überwinden, um überhaupt da hinzugehen, und beim ersten Mal habe ich mich ehrlich gesagt nicht in dieses große, kalte Becken getraut, sondern habe mich nur im warmen Outdoorbecken treiben lassen und den dunklen Himmel angestarrt. Und trotzdem war ich hier auf einmal schmerzfrei.
Schmerzfrei. Ich hab ganz vergessen, wie sich das anfühlt. Wenn man mich fragt, dann habe ich mittlerweile – nach zwei Monaten Rückenschmerzen – den gesamten Umfang eines Heilungsprozesses durchlebt, die ganze Nichtlinearität, das ganze Hin und Her. Es heißt nicht umsonst Ver-ZWEI-flung. Das ständige Pendeln zwischen diesen beiden Polen: Hoffen und Aufgeben. Aber mich fragt ja leider keiner.
Einen Abend vor meinem ersten Schwimmbadbesuch bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich nach dem Guten in der ganzen Misere suchen muss. Ich hab das doch schon mal geschafft, im Oktober 2017, als ich mit Liebeskummer bepackt von einer Leiter geflogen bin und nach der OP acht Wochen auf Krücken unterwegs war. Das war scheiße, aber ich war noch so überzeugt davon, dass manche beschissenen Dinge auch für mich passieren. Ich bin dankbarer geworden für Freunde und Familie und für meine beiden gesunden Beine. Vor allem aber bin ich ruhiger geworden, weil auf einem Bein alles länger dauert. Ich war mit einem Mal wieder im manuellen Modus, der Autopilot kaputt.

Und vielleicht, nur ganz vielleicht, ist es gerade ähnlich, und dieses ganze Dagegenankämpfen, dieses ganze „Wann wird es endlich wieder besser?“, ist eigentlich nur der Wunsch, wieder auf Autopilot mit Scheuklappen durch die Welt laufen zu können. Weil das doch so viel einfacher ist.
Dort im warmen Wasser, Körper auf manuell, ohne Make-up und Handy, lässt der Schmerzklumpen im Rücken auf einmal locker. Sogar das Ausatmen und das Auf-den-Boden-Sinken-Lassen fielen mir leicht. Ausatmen ist nämlich nicht so mein Ding. Einatmen und Aushalten, das kann ich, aber ausatmen, bis ich leer bin, das muss ich wieder üben. Und als ich da so Inhaltslos in der Schwerelosigkeit trieb, nichts sehen, nichts hören, nichts fühlen konnte, ging’s mir so gut wie seit Monaten nicht mehr.

Und wegen des Kinderfußes in meinem Gesicht hab ich dann doch beschlossen, mir eine Schwimmbrille zu kaufen.
Das zweite Mal wusste ich schon, was ich sagen muss für die passende Eintrittskarte. Das zweite Mal hatte ich mich für einen Sport-BH entschieden, weil ich mich darin am wohlsten fühle, und das zweite Mal habe ich mich sogar ins große Becken getraut. Die ersten fünf Minuten stand ich ganz am Rand neben der Treppe, habe nur beobachtet und versucht, herauszufinden, ob es ein System gibt, ob man vielleicht hier in diese Richtung und dort in die andere schwimmt. Bis ich erkannt habe, dass es scheißegal ist, weil hier sowieso jeder macht, was er will. Dass ich höchstwahrscheinlich wieder die Einzige bin, die sich so viele Gedanken darum macht, bloß niemandem im Weg zu sein. Also bin ich losgeschwommen. Mit Schwimmbrille. Und bei jedem zweiten Zug hab ich sogar unter Wasser ausgeatmet. Danach wieder Leerwerden in der Schwerelosigkeit, diesmal ohne Fuß im Gesicht.
Heute ist Montag, und das bedeutet, ich gehe in Rückenschmerzwoche neun und das dritte Mal schwimmen. Aber heute ist ein guter Tag. Ich hab mir die Haare geflochten, damit sie mir nicht ins Gesicht hängen, und ich habe mein Shampoo und meine Spülung eingepackt. „Kurzschwimmer“, hab ich gesagt. „Fünf Euro, bitte“, hat der Mann am Tresen geantwortet. Ich nehme die gleiche Umkleide wie immer und freue mich darüber, dass Spind 257 schon wieder frei ist. Hauptsache, eine Sieben ist mit dabei, und die Quersumme ist sogar vierzehn, auch durch sieben teilbar. Ich laufe direkt zum großen Becken und freue mich darüber, dass am Montagvormittag offensichtlich kaum jemand da ist, außer mir und ein paar freundlichen älteren Damen. Und ein paar Kindern, für die ich hoffentlich auch eine freundliche ältere Dame bin. Heute schwimme ich ein bisschen länger, nehme ich mir vor. Wie viele Bahnen genau, entscheide ich bei Bahn Nummer sieben: Zweiundzwanzig sollen es werden, so viele schwimmt Tilda ja auch immer. Ist nicht durch sieben teilbar, aber damit kann ich leben. Trotzdem mach ich bei dreimal sieben kurz Pause, stelle mich auf diese kleine Ausbuchtung am Rand des Beckens, zieh meine Schwimmbrille ab und fange an zu weinen. Weil ich gerade keine Schmerzen habe, weil ich die letzten drei Bahnen jedes Mal beim Ausatmen den Kopf unter Wasser halten konnte, weil ich einen neuen Ort und eine neue Aktivität von meiner Angstliste streichen kann und weil ich einfach noch nie in einem Schwimmbad geheult habe.

beschließe ich. Das ist nämlich auch wichtig für die mentale Gesundheit.
Wieder zu Hause kehrt der kleine Schmerzklumpen langsam zurück, drückt auf alles Drumherum, aber nicht auf den Kopf und auch nicht aufs Herz. Er ist einfach da, mein ständiger kleiner Begleiter, und als ich diesen Text beginne, sag ich ganz kurz und ganz leise Danke, weil er mich dazu gezwungen hat, manuell einen Gang runterzuschalten und eines meiner vielen „Ich kann das nicht“ in ein „Ich kann das“ umzuformen.
Ich hole mir Zettel und Stift, schreibe „Das Gute in der Misere sehen“ und notiere die Punkte „Hab mich getraut, schwimmen zu gehen“ und „Ich lerne, einen Gang runterzuschalten“ darunter.
Außerdem noch: „Hab endlich mal wieder einen schönen Text geschrieben.“

Oktober 2025
„Nur ein Wort“ von Wir sind Helden war vor ziemlich genau einundzwanzig Jahren in den Charts, damals war ich fünfzehn, also ungefähr so alt wie die Kids hier, die mit Boxen und Plastikbechern bewaffnet jede Zeile mitgröhlen können. Ich hab mal gelesen, dass sich Klamottentrends alle zwanzig Jahre wiederholen, dann muss das mit Musik wohl genauso sein, denke ich, während meine Flipflops im Takt an der Partymeute vorbeifloppen. Langsam tun mir die Füße zwischen den Zehen weh, unser Isar-Spaziergang ist irgendwie ausgeartet, weil alles zwischen Reichenbach- und Eisenbahnbrücke im Sommer Playa de Palma ist und wir ziemlich weit laufen mussten, um dem Partyvolk zu entkommen. Trotzdem will ich laufen. Was gibt es Schöneres, als an einem Sommerabend nach Hause zu spazieren und dem eigenen, alten Leben im Vorbeigehen zu begegnen?
Ob diese Teens wohl wissen, was sie gerade für eine geile Zeit haben, frage ich mich. Sind sie sich bewusst darüber, dass diese Zeit nie wieder kommen wird? Nicht, dass es nie wieder gute Zeiten geben wird, das bestimmt nicht, aber genau diese Zeit kommt nie wieder. Die Zeit, in der Maja mit Can auf der Party von Emma knutscht, obwohl sie eigentlich mit Luca zusammen ist. Die Zeit, in der jedes Wochenende eine andere Isarparty stattfindet und die erste große Liebe noch wirklich die für immer ist, in der man an seinem ersten Joint zieht und sich dabei von der Polizei erwischen lässt (das hab ich mir jetzt natürlich nur ausgedacht) und die einzigen Probleme Schulnoten und Lehrer und der eigene, komische Körper sind. Zumindest für die Privilegierten unter uns, wie mich, die sich damals überhaupt nicht bewusst darüber waren, was für ein Glück sie eigentlich hatten.
Und während Judith hinter mir immer leiser „Oh, bitte gib mir nur ein –“ singt, stelle ich mir vor, wie ich versuche, den betrunkenen Teenagern zu erklären, dass sie diese Momente bitte ganz, ganz festhalten sollen.

Wieso wünschen wir uns immer nur, das innere Kind zu heilen, in der Zeit zurückzureisen und uns selbst „alles wird gut“ zu sagen – anstatt uns zu fragen, was eine viel ältere Version unseres Selbst heute zu uns sagen würde? Was, wenn neben uns immer eine Zukunftsversion unserer selbst stünde, die uns ins Ohr flüstert:

Mit sechzehn hätten wir uns wahrscheinlich trotzdem nicht geglaubt. Ich hätte mir nicht geglaubt, weil mein Leben ja „voll scheiße“ und ich nicht „dünn genug“ war und meine Mutter der Feind, weil sie mir immer wegen der blöden Küche in den Ohren hing. Jetzt sind diese Erinnerungen meine kostbarsten und rohsten an mich als kleinen Menschen, der die Welt gerade erst kennenlernt.
Ich blicke von der Brücke aus noch einmal auf die dunkle Isar und die Partymeute herunter und bin traurig, weil ich’s den Teenies nicht erklären kann. Das Leben muss erst voranschreiten und ernster werden, bis man erkennt, was man an all dem hat.
Und so flipfloppe ich weiter vor mich hin, schaue urteilend auf das Leben der Kids herab, die so wenig verstehen – während ich selbst umherlaufe, ohne zu merken, dass genau dieser ganz normale Abend vielleicht eines Tages ebenfalls eine kostbare Erinnerung sein wird.

„Hier, das wirst du irgendwann einmal vermissen, also genieß es“, flüstert eine Stimme in meinem Kopf. Meine Stimme, aber älter. In meinen Gedanken formt sich das Bild einer alten Frau mit runzligen Tattoos, die mich über den Rand ihrer – meiner – großen Lieblingsbrille anlächelt.
„Du wolltest eine Zukunftsversion deiner selbst“, sagt sie,
„hier bin ich. Es geht mir gut, obwohl mir das Laufen schwerfällt und ich ganz sicher nicht mehr mit Flipflops fünf Kilometer an der Isar spazieren könnte, aber es geht mir gut, weil ich gelernt habe, Momente zu genießen, wenn sie passieren. Du sagst, du willst diesen Teenagern etwas erklären, ich will es dir erklären: Sieh deine Welt manchmal durch meine Augen, und dann ist es ganz einfach. Du kannst das jetzt. Du bist alt genug, hast genug Brücken abbrennen und Menschen kommen und gehen sehen, es muss nicht alles erst schlechter werden, damit du das Gute erkennen kannst. Du kannst das au ch jetzt schon. Leb einfach jeden Tag so, als würde ich dir dabei zusehen. Dein Leben ist noch lang und ganz oft sehr schön. Du hast Angst vor dem Älterwerden, aber vergisst dabei, dass du niemals wieder so jung sein wirst wie heute. Niemals wieder so jung wie jeden Tag, der noch folgt. Ich sage dir, du willst dich und deine Freunde lieber alt und faltig sehen, als gar nicht mehr.
Schau dir den heutigen Tag an, diesen Sommer und diesen Spaziergang. Ich erzähle auch jetzt, mit achtundsiebzig, noch davon, wie ich damals jeden Sommer von der Isar nach Hause gelaufen bin, wie ich in dieser schönen Altbauwohnung gewohnt und mich über meinen Nachbarn aufgeregt habe. Ja, ich erzähle auch von viel früher und von Sherry, aber ich erzähle auch hiervon. Ich erzähle auch von den Vierzigern und den Fünfzigern und all den Jahren danach. Und auch an meinem letzten Tag werde ich noch von den guten Zeiten erzählen, als B. und ich unsere runzligen Hände hielten.“
Fast vor meiner Haustür angekommen, gehe ich einfach daran vorbei, in einem Bogen zurück in Richtung Isar, und tippe eine Nachricht in mein Handy: „Bist du schon los? Spazieren ist gerade so schön, ich hol dich ab. Weil weißt du, irgendwann, wenn wir achtundsiebzig sind, dann werden wir davon erzählen, wie du hier um die Ecke gearbeitet hast und ich dich in lauen Sommernächten abgeholt habe, damit wir nachts noch ein bisschen spazieren können.“
Die runzlige tätowierte Frau lächelt mich zufrieden an und schiebt ihren Rollator noch ein paar Meter neben mir her. „Ich bin stolz auf dich“, sagt sie zu mir, sage ich zur siebenundzwanzigjährigen Angela, sagt die zur zwanzigjährigen und die zur sechzehnjährigen Angela. Zwei davon hören noch nicht richtig zu, aber das ist okay.

Bei Jaqueline Scheiber habe ich mal gelesen, dass sich der Verlust eines geliebten Menschen anfühlt wie eine Eintrittskarte in den Club des ewigen Verlierens. Ich las diese Zeilen kurz nachdem ich meine Katze gehen lassen musste, und die Vorstellung, dass es ein ähnliches Ticket auch für Menschen gibt, die ein Tier verlieren, half mir in dieser Zeit. Wir teilen den Schmerz, aber auch den Kampf um die Akzeptanz dieses Schmerzes. Mit dem Verlust eines geliebten Tieres kommt auch immer die Erkenntnis, dass Verständnis und Geduld für unsere Trauer zeitlich begrenzt sind. Denn: „Es war doch nur ein Tier.“
Nur ein Tier.
Für keinen Menschen im (Tier)Club des ewigen Verlierens war ein Tier jemals nur ein Tier. Es war ein bedingungsloser Freund, vom ersten Tag an bis zum letzten. Es braucht uns genauso sehr, wie wir es brauchen – vom ersten Moment an bis zum letzten. Wir bauen unser Leben um das Tier herum, jahrelang, vielleicht sogar jahrzehntelang, ist es da, wenn wir einschlafen und wenn wir aufwachen. Und obwohl es uns bestimmt nicht nur eine Nacht in dieser Zeit wachgehalten hat, können wir ohne es gleich gar nicht mehr schlafen. Es ist nicht nur eine bedingungslose Freundschaft, die uns entrissen wurde – es sind Gerüche, Geräusche und Routinen, die uns all die Jahre Stabilität gegeben haben. Nach so vielen Jahren kennen wir kein Leben ohne sie, und doch müssen wir es jetzt neu lernen.
Jaqueline Scheiber schrieb auch:

– und diejenigen, die auch beim hundertsten Mal noch zuhören, sind der sichere Hafen. Die Erkenntnis über den Verlust unserer Vierbeiner kommt nicht im Ganzen, sie kommt in kleinen Stücken, in den alltäglichen Dingen und den leeren Räumen, in denen jetzt etwas fehlt. In der fremden Stille eines Raumes, der früher gefüllt war mit Geräuschen, in täglichen Routinen, die jetzt plötzlich wegfallen, und in dem Bedürfnis, sich nach jemandem umzudrehen, der einem jetzt nicht mehr folgt. Und genau so oft, wie die Erkenntnis uns übermannt, dürfen wir auch darüber sprechen. Diese Verzweiflung ist genauso real, wie es die Liebe war. Menschen, mit denen wir darüber sprechen dürfen, wann immer wir wollen, sind unendlich wertvoll.
Lass dir bitte niemals einreden, dass es „nur ein Tier“ war. Mach dein gebrochenes Herz niemals kleiner, als es ist. Ein gebrochenes Herz ist ein gebrochenes Herz. Schmerz ist subjektiv, und so, wie du ihn fühlst, ist er richtig. Wenn es das Schlimmste ist, was du jemals gefühlt hast, dann ist es das Schlimmste, was du jemals gefühlt hast – und niemand hat das Recht dazu, deine Gefühle kleinzureden. Jeder, der ebenfalls den Verlust eines Tieres erlebt hat, würde dasselbe sagen.
Es ist ein scheiß Club, sagen wir’s, wie es ist. Aber für diejenigen von uns, die sich Tiere als Freunde aussuchen, ist der vorzeitige Beitritt unumgänglich. Um es mit den Worten von E. A. Bucchianeri zu sagen: „So it’s true, when all is said and done, grief is the price we pay for love.“ Liebe kostet Trauer – und trotzdem sind wir für die Liebe bereit, diesen Preis zu zahlen. Weil es sich lohnt. Niemals würden wir uns wünschen, dieses Tier nicht in unserem Leben gehabt zu haben, nur, um den Schmerz des Verlustes zu umgehen.

Aber – es ist immer noch Liebe.


Ich muss nur ein bisschen was an meiner Ernährung ändern, denke ich, immerhin mache ich seit Monaten so viel Sport wie noch nie in meinem Leben – für meinen Rücken. Es lohnt sich – für meine Schmerzen – aber wäre schon schön, wenn man auch … irgendwas sieht?
Vielleicht ein bisschen mehr Proteine hier, ein bisschen weniger Kohlenhydrate da, ganz locker, ganz easy.
Einen Monat später sehe ich immer noch keinen Unterschied. Ich hätte vielleicht doch ein Vorher-Bild machen sollen, denke ich. Nein, sowas machen wir nicht mehr, sagt die andere Stimme in meinem Kopf. Ich mache trotzdem weiter. Noch ein bisschen weniger Kohlenhydrate, vielleicht jetzt auch (manchmal) abends. Ist ja nicht so schlimm, das machen doch alle so, ist doch ganz normal.
Wieder einen Monat später stehe ich morgens frustriert vor meinem Kühlschrank. Was soll ich denn jetzt frühstücken, damit ich satt bin – aber nicht zu viele Carbs esse, damit man irgendwann auch mal „was sieht“? Ich stehe wie eingefroren vor der geöffneten Kühlschranktür und versuche, Lebensmittel in meinem Kopf zu kombinieren für die perfekte Essensformel. Das Ergebnis: 0. Denn das, worauf ich Lust habe, steht auf einer unsichtbaren Verbotsliste. Also, nur heute. Wegen dem Plan und so. Ist ja ganz normal, das machen die ja alle so.
Die schlechte Laune vor dem Kühlschrank fühlt sich seltsam vertraut an. Und falsch. Irgendetwas stimmt nicht. Ich blicke auf die Uhr. Zehn Minuten stehe ich schon hier. Zehn Minuten lang denke ich darüber nach, was ich essen darf – und was nicht.

Was mache ich hier?
Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?
Und dann erinnere ich mich. Ich erinnere mich, wie ich mir vor etwa 7 Jahren geschworen habe, nie wieder zuzulassen, dass Essen einen so großen Teil meiner Gedanken einnimmt. Damals fragte ich mich, was ich wohl alles tun und bewirken könnte, wenn ich nicht 80 % meiner Gedanken des Tages an Essen verschwenden würde.

schrieb ich damals in mein Tagebuch. Ich stehe vor meinem geöffneten Kühlschrank mit all den leckeren Sachen und muss plötzlich lachen. Das bin doch schon lange nicht mehr ich! An genau diesem Punkt hier muss ich mich entscheiden, ob ich wieder in eine Essstörung falle – oder ob ich es sein lasse. Und ich entscheide mich binnen Sekunden. Ich entscheide mich nicht halb, ich entscheide mich ganz. Ich stehe vor meinem Kühlschrank und lache, weil sich diese Entscheidung so unendlich richtig anfühlt.
Ich habe keine Essstörung mehr, und dabei bleibt es. Ich möchte die Person bleiben, die es da raus geschafft hat. Ich bin nicht mehr die Person, die sich auf die Waage stellt, sich misst und Vorher-Fotos macht, die sich den Kopf darüber zerbricht, was sie essen sollte und was nicht. Ich bin die Person, die seit 8 Jahren nicht weiß, was sie wiegt und der es nicht egaler sein könnte. Ich bin die Person, die Sport macht, weil es gesund ist. Ich bin die Person, die isst, was sie möchte, wann sie es möchte.

Die Essstörung gehört nicht mehr zu mir, sie ist nur noch ein seltener Besucher, der manchmal anklopft, um mir die Augen zu öffnen. Sie ist mein Warnsignal. Sie stellt mich jedes Mal wieder vor die Entscheidung, ob ich ihr zuhören will – oder lieber mir selbst zuhören will, um rauszufinden, was wirklich hinter dem Bedürfnis, abnehmen zu müssen, steckt. Ein Verlust? Eine Veränderung? Was versuche ich, wegzudrücken?
Ich stehe immer noch vor meinem geöffneten Kühlschrank und greife zum Tofu, den Zwiebeln und den Tomaten, den Pimientos und zu den geilen, getrockneten Tomaten in Öl, hole mir zwei Scheiben Brot aus dem Tiefkühlfach und koche mir das leckerste, bunteste Frühstück der Welt.
Beinahe hätte mich die Essstörung wieder ausgetrickst.

Du hast jetzt einen eigenen Klingelton, damit ich immer weiß, wenn du mir schreibst, aber eigentlich hab ich ihn viel mehr, damit ich sofort weiß, wenn du mir nicht geschrieben hast. Ich will nicht, dass es vibriert und in den nächsten drei Sekunden auch nur ein Funken Hoffnung keimt, der sofort wieder erstickt wird. Ich will sofort wissen, ob du es nicht bist. Und manchmal, wenn es ganz schlimm wird, archiviere ich dich, damit ich gar nicht mehr warte. Enttäuscht bin ich aber trotzdem, wenn hinter Archiviert nicht die kleine "1" auftaucht.
Seit Wochen gehören meine Gedanken nicht mehr mir, sondern dir. Und ich bin so müde davon. Bin so müde davon, dass mein Kopf nur noch nach dir aussieht und ich langsam vergesse, wie ich eigentlich ausgesehen habe. Ich stehe neben mir und sehne mich nach einer alten Version meiner selbst. Wer war ich ohne das Warten auf eine Nachricht von dir? Ich greife nach dir und berühre immer nur Luft. Ich versuche in deinen Worten und Taten etwas zu finden, an das ich mich klammern kann, analysiere jeden zu langen Abstand zwischen deinen und meine Nachrichten. Als wär die Liebe ein Dreisatz. Ich bin eine Suchende geworden, tappe blind und taub für gut gemeinte Ratschläge immer nur deinen Brotkrumen hinterher. Reagiere auf jede deiner Regungen, hänge mich an jedem deiner Sätze auf, und du vergisst meinen Namen, sobald ich mich nicht mehr in dein Blickfeld drängen kann. Ich stehe dir zugewandt und sehe immer nur deine linke Schulter. Meine Basic Needs sind dir zu viel, und ich hasse es, zu wissen, dass ich ohne dich besser dran wäre.
Aber ich erkenne langsam wieder, dass ich größer bin, als du mich jemals sehen wirst. Ich erkenne, dass du mir niemals ganz den Rücken, aber auch niemals dein Gesicht zuwenden wirst, dass du mir die Entscheidung, uns sein zu lassen, nicht abnehmen wirst – sondern mich am ausgestreckten Arm verhungern ließest, würde ich es zulassen.

Ich hasse deine Distanz, aber deine falsche Nähe hasse ich noch mehr. Vielleicht lerne ich irgendwann, dass emotionale Abhängigkeit nichts mit Liebe zu tun hat und dass ein kurzes Hoch ein so langes Tief niemals wert sein wird.
Und dann – und das weiß ich ganz genau – gewöhne ich mich langsam an den Geschmack deiner Abwesenheit. Denn ohne das Warten auf dich bin ich wieder viel mehr ich.


Die Stille,
nach dem Quietschen meiner Haustüre,
wenn darauf
kein Maunzen folgt,
und die Stille zwischen meinen Tränen,
in denen
Die Stille,
wenn deine vier Pfoten
nicht
über das Parkett laufen,
die Stille,
wenn meine Bettdecke nicht raschelt,
weil du dich nicht zu mir legst.
Die Stille,
nach dem Quietschen meiner Haustüre,
wenn darauf
kein Maunzen folgt,
und die Stille zwischen meinen Tränen,
in denen jetzt dein Schnurren fehlt.
Die Stille,
die mein Teppich macht,
wenn keine Krallen daran kratzen,
und die Stille
meines Fensterbrettes,
wenn du nicht
darauf landest.
Und das fehlende Miau danach.
In jedem leeren Raum deiner Abwesenheit
erkenne ich dich
und in jeder Stille
bist du da.
In jeder Leere
fühl ich dich.
Aber wenn ich dich doch sehe
in all diesem Nichts,
dann ist da doch
nicht nichts.
Oder?
Vielleicht ist das der Ort,
wo Geliebtes hingeht,
dorthin,
wo jetzt was fehlt.
Wenn deine Pfoten nicht über das Parkett laufen,
dann weiß ich, dass du es bist.
Wenn meine Bettdecke nicht raschelt,
dann weiß ich, dass du es bist.
Wenn niemand mich begrüßt,
dann weiß ich, dass du es bist.
Wenn ich weine ohne Schnurren,
dann weiß ich, dass du es bist.
In jedem Nicht-da-Sein
bist du da
und solange ich mich
an dich erinnere
und dich auf ewig verlieren darf,
kann ich dich
demnach
doch auch niemals verlieren.
Oder?
Sherry / Mai 2001 – März 2022 <3
Meinen ersten Blogpost 2006 habe ich über Sherry geschrieben. Also wollte ich es hier genau so machen. Für immer in meinem Herzen (und in euren, das macht mich sehr glücklich 🙂)
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]]>„Randnotizen des Lebens“ sind kurze Quotes & Gedichte zu Themen, die mich beschäftigen. Das Leben ist das Manuskript und meine Texte sind das, was man beim Durchleben an den Rand kritzelt. 🖤
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06.08.2018 – Ungefähr dreiundfünfzig Mal am Tage frage ich mich, ob es mir gut geht oder nicht, wieso das so ist, was ich tun kann, damit es besser wird, oder wie ich gute Gefühle halten kann. Ich reflektiere mich so viel, dass ich mich selbst blende. Ich muss längst nicht mehr überleben aber muss immer noch lernen, wie man lebt. Muss immer noch lernen, wie man NICHT mehr kämpft, mein altes Betriebssystem läuft noch in Leben 2.0. Und dann frag ich mich, ob ich eigentlich wirklich unglücklich bin, oder nur ungeübt im Glücklichsein. Täglicher Reminder an mich selbst: Heute musst du kein einziges „Warum“ mehr beantworten. Genug reflektiert. Genug Selbstfürsorge. Es ist, wie es ist.






























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„Dazwischen Liebe“ sind kurze Quotes & Gedichte über die Liebe und was ich von und über sie gelernt habe.
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Einer meiner beliebtesten Texte – gibt's in meinem Shop zu kaufen


















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„Das Gegenteil von Liebe“ sind kurze Quotes & Gedichte über alles, was Liebe nicht ist.
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