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Viele Menschen gebrauchen dasselbe und das Gleiche als Synonyme, das heißt als Wörter mit gleicher Bedeutung. Einige andere Menschen aber sind sich sicher, dass dasselbe und das Gleiche nicht dasselbe sind. Doch worin besteht der Unterschied genau? Ein Kapitel zu einer ewig gleichen Frage, die doch nie dieselbe ist.
Meine Freundin Sibylle wollte von mir wissen, ob man eigentlich jedes Jahr am selben Tag Geburtstag habe – oder am gleichen Tag? Das Datum bleibe ja immer gleich, jedenfalls der Kalendertag; der Wochentag hingegen sei selten an zwei Jahren in Folge derselbe. Sei es falsch zu behaupten, man habe jedes Jahr am selben Tag Geburtstag? Oder sei das Jacke wie Hose?
Ich überlegte kurz und erwiderte: »Kennst du den Film ›Und täglich grüßt das Murmeltier‹? Darin durchlebt der in einer Zeitschleife gefangene Protagonist – dargestellt von Bill Murray – wieder und wieder den gleichen Tag. Es ist aber nie derselbe. Denn jedes Mal verläuft der Tag anders. Dein Geburtstag findet jedes Jahr am gleichen Tag statt, immer im gleichen Monat. Doch jeder Geburtstag ist anders, daher ist es nie derselbe Tag. Derselbe Tag kann sich nicht wiederholen.« Sibylle dachte nach. »Und wie ist das mit dir und der Kanzlerin?«, fragte sie dann. »Ihr habt doch am selben Tag Geburtstag, seid aber nicht gleich alt. Ist es dann falsch zu sagen, ihr wurdet am selben Tag geboren?« – »Streng genommen ja«, erwiderte ich. »Wir wurden zwar beide an einem 17. Juli geboren, feiern also jedes Jahr am selben Tag Geburtstag, wurden aber nicht am selben Tag geboren. Sonst wären wir gleich alt – oder genauso alt wie die italienische Sängerin Milva, die ebenfalls am 17.7. Geburtstag hat. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob man behaupten kann, wir seien am gleichen Tag geboren worden. Denn an meinem 17.7. war es sonnig und heiß, und an Angela Merkels 17.7. war es um einige Grade kühler, und es goss wie aus Kübeln.«
Niemand nimmt es mit der Unterscheidung zwischen »dasselbe« oder »das Gleiche« genauer als mein Freund Henry. Er pflegt es so zu erklären:
»Ob in einem bestimmten Zusammenhang ›dasselbe‹ oder ›das Gleiche‹ gefragt ist, kannst du dir am besten mit dem Zahnbürsten-Vergleich verdeutlichen: Du und ich benutzen seit Jahren die gleiche Zahnbürste. Aber selbstverständlich niemals dieselbe! Unsere Zahnbürsten gleichen sich, weil sie vom selben Hersteller stammen, es sind aber zwei unterschiedliche. Wenn von ›derselben‹ Zahnbürste die Rede ist, dann ist nur eine einzige Zahnbürste im Spiel. Bei ›der gleichen Zahnbürste‹ sind es zwei. Um es auf eine einfache Formel zu bringen: Zwei Dinge, die das Gleiche sind, sind einander zum Verwechseln ähnlich. Zwei Dinge, die dasselbe sind, sind identisch und somit in Wahrheit ein Ding. Daher heißt es auch oft: Das ist ein und dasselbe!«
»Das mit der Zahnbürste leuchtet mir ein«, sagte Sibylle. »Aber ist es auch falsch zu sagen, ihr benutzt dasselbe Modell?« Eine verzwickte Frage! Auf die Suche nach einer eindeutigen Definition des Unterschieds zwischen demselben und dem Gleichen – sofern es eine solche überhaupt gibt – zogen Henry und ich verschiedene Wörterbücher zu Rat. Im Wörterbuch von Lutz Mackensen (1991) stießen wir auf folgenden knappen Eintrag: »dasselbe: kein anderes«
Die Erklärung mithilfe des Gegenteils war sehr geschickt und erschien mir plausibel. Schwieriger wurde es mit dem daneben stehenden Beispielsatz: »Er hat dasselbe Einkommen wie du.« Henry war damit nicht einverstanden. »Ich hätte hier eher vom ›gleichen Einkommen‹ gesprochen«, sagte er, »weil es gleich groß ist. ›Dasselbe‹ Einkommen kann nicht zweimal ausgezahlt werden. Das wäre Betrug – oder Zauberei!«
Im Synonymwörterbuch aus dem Bertelsmann-Verlag von 1998 fand sich unter dem Stichwort »gleich«: »übereinstimmend, identisch, eins, einerlei, äquivalent«, was Henry erst recht missfiel. »Zwei gleiche Schuhe können niemals identisch sein«, widersprach er. »Identisch bezeichnet immer nur eine Sache oder ein Wesen, niemals zwei gleiche. Jede Identität gibt es nur einmal, selbst eineiige Zwillinge haben verschiedene Identitäten.«
Unter dem Stichwort »dasselbe« erklärte dasselbe Wörterbuch, dass dafür umgangssprachlich auch »das Gleiche« verwendet werden könne. Diese Feststellung empfand Henry freilich als ungenügend, denn »umgangssprachlich« könne man schließlich alles sagen. Das Prädikat »umgangssprachlich« sage noch lange nichts über den Standard aus.
Als Nächstes nahmen wir uns den »Wahrig« (8. Auflage, 2006) vor. Dort heißt es unter »der, die, das Gleiche«: »Gegenstand, der ebenso aussieht (wie ein anderer), aber nicht ein u. derselbe ist«. Und unter »dasselbe«: »1. genau das, eben das 2. <umg. oft fälschl. für> das Gleiche«.
»Umgangssprachlich oft fälschlich«, wiederholte Henry und folgerte: »Der Wahrig nimmt die Gleichsetzung von »dasselbe« und »das Gleiche« offenbar nicht so gelassen hin wie der Bertelsmann.« – »Dann lass uns schauen, was Herr Konrad dazu schreibt«, sagte ich und griff nach dem 10. Band aus der Duden-Reihe, dem »Bedeutungswörterbuch«. Dort erfuhren wir zunächst: »Das Demonstrativpronomen derselbe, dieselbe, dasselbe kennzeichnet ebenso wie der/die/das gleiche eine Übereinstimmung, eine Gleichheit, die Identität.« Henry kräuselte die Stirn: »Für den Duden ist natürlich mal wieder alles ein Quark.« – »Nicht so schnell, junger Mann«, unterbrach ich, »es geht noch weiter!« Und ich las: »Es gibt aber nicht nur eine Identität des Wesens oder Dings, sondern auch eine Identität der Art oder Gattung.« – »Aha«, machte Henry, »jetzt wird die Sache richtig spannend, um nicht zu sagen: kompliziert.« Es folgten drei Beispielsätze:
Ich möchte denselben/den gleichen Wein wie der Herr am Fenster.
Er hat denselben/den gleichen Vornamen wie sein Vater.
Sie trafen sich heute um dieselbe/die gleiche Uhrzeit wie gestern.
In diesen Fällen ist es nach Auskunft des Dudens offenbar ebenso richtig, »der-, die-, dasselbe« zu gebrauchen wie »der/die/das gleiche«. Ein Bedeutungsunterschied scheint hier nicht zu bestehen.
»Die Beispiele mit dem Vornamen und der Uhrzeit sehe ich ja noch ein«, sagte Henry, »aber bei dem Wein dreht sich mir der Magen um. Denselben Wein kann man nur einmal trinken!« – »Das siehst du zu eng«, widersprach ich, »mit Wein ist hier die Sorte gemeint, nicht nur das bisschen, was der Herr am Fenster in seinem Glas hat. Das ist es, was der Duden mit ›Identität der Art‹ meint.« – » Und woher soll man wissen, welche jeweils gemeint ist – die Identität der Art oder die des Dings… bums?«, fragte Henry. »Der Duden schreibt, das ergebe sich im Allgemeinen aus dem Zusammenhang.« – »Womit wir so schlau wären als wie zuvor«, schloss Henry, »denn bekanntlich ergeben sich auch Missverständnisse immer aus irgendeinem Zusammenhang.«
Fazit: Es kommt nicht nur darauf an, was man unter „demselben“ und „dem Gleichen“ versteht, sondern auch, wie man die Sache, um die es dabei geht, definiert: als Einzelstück oder als Oberbegriff. Und da sind wir wieder bei den Zahnbürsten und Sibylles Frage, ob wir dasselbe Modell benutzen: Wenn man unter »Modell« ein Einzelstück versteht, dann benutzen wir lediglich das gleiche. Wenn mit »Modell« aber die Vorlage gemeint ist, nach der all die vielen gleichen Zahnbürsten angefertigt wurden – dann kann man sehr wohl vom »selben« Modell sprechen.
Während ich die Wörterbücher zurück ins Regal stellte, sagte Henry: »Dazu fällt mir gerade ein Witz ein! Sagt der Gast im Restaurant: Herr Ober, ich möchte bitte denselben Wein wie der Herr am Fenster.
Ober: Meinen Sie die Identität des Dings oder die Identität der Art?
Gast: Äh … wie bitte?
Ober: Wenn Sie die Identität der Art meinen, bringe ich Ihnen eine Flasche vom gleichen Wein. Von mir aus auch vom selben, das ist in diesem Falle egal. Wenn Sie allerdings die Identität des Dings meinen, muss ich den Herrn am Fenster fragen, ob er bereit ist, sich für Sie den Magen auspumpen zu lassen.
Gast: Ich glaube, ich hätte doch lieber nur einfach ein Wasser.«
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Wenn es um den entkleideten Körper geht, zeigt sich unsere Sprache besonders vielseitig.
Dem Sprachstandard genügt die einsilbige Form „nackt“: Wer sich gänzlich entkleidet, der steht am Ende nackt da.
Regionalsprachlich existieren mindestens drei weitere Formen. Der „Duden“ nennt „nackend“, „nackert“ und „nackig“.
„Nackert“ ist vor allem im süddeutschen Sprachraum (Bayern und Österreich) verbreitet, was die rhythmische und optische Ähnlichkeit mit den dort ebenfalls heimischen Adjektiven „deppert“ und „spinnert“ erklärt. Als weiterer Beleg kann der diesjährige Beitrag Österreichs zum Eurovision Song Contest herhalten, der den Titel „Nackert“ trägt.
„Nackend“ hingegen ist vor allem im norddeutschen Raum verbreitet und passt zu der ebenfalls regionalen Form „ebend“.
Wenn eine Person als „füllig und kurznackig“ beschrieben wird, heißt das keineswegs, dass sie sich für einen kurzen Augenblick unbekleidet gezeigt hätte. Denn in der Standardsprache ist „-nackig“ die Adjektivbildung zu „Nacken“. In älteren Schrift findet man auch noch die Formen „hartnackig“ oder „hartnackigt“ für unser heutiges „hartnäckig“.
In der Umgangssprache ist „nackig“ eine weitere Form von „nackt“. Je nach Region auch mit abgerundeten Konsonanten zu finden, so wird es im Hessischen zu „naggisch“. In einigen Gegenden Nordrhein-Westfalens ist es auch mit „t“ am Ende zu hören, da heißt es dann anstelle von „Zieh dich aus“: „Mach dich nackicht!“
In gehobener Sprache galt selbst das schlichte „nackt“ nicht immer als schicklich. Wer sich stilistisch keine Blöße geben wollte, benutzte anstelle von „nackt“ das Wort „entblößt“.
Google-Ergebnisse:
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nackend: 99.800 Treffer
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Nicht nur Literaten und Gelehrte haben neue Wörter erschaffen. Eine ebenso munter sprudelnde Quelle war seit je der Volksmund. Als besonders einfallsreich erwies er sich im Erfinden von Ausdrücken für Unsinn, Verrücktheit und überflüssigen Kram.
Manchmal höre oder lese ich irgendwo ein drolliges Wort, das wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit erscheint. Dann fühle ich mich wie ein Flohmarktbesucher, der beim Stöbern plötzlich ein Einzelstück von seltener Schönheit erblickt. Es ist ein Wort, das ohne jede Verwandtschaft scheint und dessen Herkunft rätselhaft ist. Wenn man der Sache auf den Grund geht, kommt oftmals eine verblüffende Geschichte zum Vorschein. Im Folgenden sind meine vierzehn Lieblingswörter dieser Art versammelt, beschrieben und erklärt.
Firlefanz (m.) reimt sich auf Tanz, und das aus gutem Grund, denn es bezeichnete im 14. Jahrhundert einen närrischen Tanz. Das Wort entstand durch Übernahme des altfranzösischen „virelai“, das Ringellied bedeutet. Daraus wurde im Deutschen zunächst „firelei“ und „firlefei“, dann in Anlehnung an „Tanz“ und „Alfanz“ (= Possen, Gaukelei) schließlich Firlefanz. Die Bedeutung wurde im Laufe der Zeit von der verrückten Hüpferei ausgedehnt auf Unsinn, Albernheit, Flitterkram und Tand.
Halligalli (m.) bezeichnet heute ein ausgelassenes Treiben, ein fröhliches Miteinander. Seine englische Herkunft sieht man dem Wort dank konsequenter Eindeutschung nicht mehr an. Der Hully Gully war ein Modetanz der sechziger Jahre ohne Körperkontakt, dessen Wurzeln in der schwarzen Musikszene der Südstaaten liegen. Der Name seinerseits geht auf ein einfaches Spiel zurück, bei dem man raten ließ, wie viele Nüsse oder Kerne man in seiner Faust hielt. Dazu stellte man die Frage: „Hully Gully, how many?“
Was haben Zellophan, Klettverschluss und Kauderwelsch (s.) gemeinsam? Sie stammen aus der Schweiz! Die Sprache der Bewohner des Rheintals von Chur war für ihre deutschsprachigen Nachbarn im Bündnerland und in Tirol seit jeher unverständlich. Jene sprachen nämlich Rätoromanisch. Das Romanische wurde im Deutschen auch „Welsch“ genannt, und „Kauer“ war der tirolerische Name für Chur. Das Welsch der Kaurer wurde im Laufe der Zeit als Kauderwelsch zum Inbegriff für eine unverständliche Sprache. Das tat dem Rätoromanischen zum Glück keinen Abbruch: Es wird heute immer noch von 35.000 Muttersprachlern gesprochen, existiert in fünf Varianten und liefert faszinierendes Material für sprachwissenschaftliche Studien.
Kinkerlitzchen (s.) steht für wertlosen Schmuck, alberne Ideen und überflüssige Extras. Es ist ein Mitbringsel der Hugenotten, die im 17. Jahrhundert aus Frankreich geflohen waren und sich in protestantischen Gegenden Deutschlands ansiedelten. Manch einer von ihnen eröffnete ein Geschäft für Eisenwaren, auf Französisch quincaille genannt. Der Volksmund machte durch Anhängen der Silbe -litz und der Verkleinerungsform -chen daraus Kinkerlitzchen. Die Bedeutung wandelte sich von nützlichen Eisenwaren über Kleinkram hin zu überflüssigem Zubehör. Die bekanntesten Kinkerlitzchen unserer Tage sind sogenannte Apps.
Kokolores (m.) klingt wie der Name einer mexikanischen Tänzerin oder einer tropischen Blume, bezeichnet aber tatsächlich nichts anderes als Unsinn, Unfug und überflüssige Umstände. Wahrscheinlich geht es auf das mittelniederdeutsche Wort „gokeler“ zurück, den Gaukler. Die Verbindung zur Gaukelei erklärt auch, wieso sich Kokolores und Firlefanz in der Bedeutung so sehr ähneln.
Lappalie (w.) ist eine unbedeutende Kleinigkeit, eine Nichtigkeit. Das Wort entstand im 17. Jahrhundert in Studentenkreisen als eine scherzhafte Verbindung aus dem deutschen Wort „Lappen“ und der lateinischen Endung „-alia“, ähnlich zur „Personalie“ und anderen amtlichen „Formalien“.
Larifari (s.) bedeutet oberflächliches Gerede, dummes Geschwätz und Unsinn. Sein melodischer Klang kommt nicht von ungefähr, denn Larifari besteht tatsächlich aus Musik: Die Silben la re fa re sind italienische Notennamen, wie man sie aus der gesungenen C-Dur-Tonleiter kennt: do re mi do fa sol la si do. In früheren Zeiten stand „Lare fare“ sinnbildlich für eine kirchliche Messe. Die heutige Bedeutung erklärt sich über „Trallala“: Silben, die nur gesungen werden und ansonsten keinen Sinn ergeben. Auf den Menschen übertragen, wurde Larifari auch zum Namen für den Hanswurst. „Kasperl Larifari“ war der Name einer Figur in zahlreichen Puppenspielen des Münchner Dichters Franz Graf von Pocci und in einer Kinderbuchreihe des Autors Max Kruse.
Mumpitz (m.) bedeutet so viel wie „dummes Gerede“. Es entstand aus Zusammensetzung von „Mumme“ (= Maske, verkleideter Mensch) und „Butz“, einer alten Bezeichnung für Kobolde und Poltergeister. Der Mumbutz oder Mombotz war eine furchteinflößende Gestalt, ein Schreckgespenst. Im 19. Jahrhundert gelangte das Wort in den Börsenjargon, wo es die Bedeutung „lügnerisches Gerede“, „Schwindel“ annahm. Heute ist von der ursprünglichen Schreckgestalt nur noch eine harmlose Dummschwätzerei geblieben.
Schabernack (m.) ist ein übermütiger Streich. Wer sich in früherer Zeit einen Unfug oder eine Beleidigung erlaubte, konnte dafür mit dem Abschneiden der Haare bestraft werden. Ein geschabter (das heißt: geschorener) Nacken war demnach ein Zeichen für eine begangene Missetat. Im 14. Jahrhundert war der „schavernac“ außerdem eine Kopfbedeckung, die den kahlen Nacken vor Regen und Kälte schützte, eine Art mittelalterlicher Südwester. Während der Hut irgendwann aus der Mode geriet, ist die Bedeutung als Missetat geblieben, wobei sich diese über die Jahrhunderte zum mehr oder weniger harmlosen Streich aufweichte. Für einen Schabernack wird heute niemandem mehr der Nacken geschoren, höchstens noch der Kopf gewaschen.
Schabracke (w.) ist eine wenig schmeichelhafte Bezeichnung für eine nicht besonders attraktive, nicht mehr ganz junge Frau. Es kommt von „çaprak“, dem türkischen Wort für Satteldecke, das im Ungarischen zu „csábrák“ wurde und von dort in den deutschen Sprachgebrauch gelangte. Satteldecken dienten zur Zierde und nicht selten auch dazu, die Magrigkeit eines Pferdes zu verbergen. So wurde das Wort Schabracke schon bald auf alte Gäule und Klepper übertragen. Da auch die aufwendigen Kleider des Menschen oft den Zweck erfüllen, gewisse Nachteile zu kaschieren, avancierte die Schabracke schließlich zum Schmähwort für unattraktive Vertreter des weiblichen Geschlechts. Daneben ist die Schabracke nach wie vor eine Pferdedecke, aber auch ein dekorativer Behang zum Verdecken von Gardinenleisten oder Sofafüßen sowie eine Bügeleinlage zur Versteifung von Hüten und Taschen. Wenn ein Innenausstatter einem Kunden rät, auf die Schabracke besser zu verzichten, ist damit in der Regel nicht die Ehefrau gemeint.
Der Scharlatan (m.) ist ein Aufschneider, ein Schwätzer und Schwindler. Die italienische Stadt Cerreto war einst berüchtigt für ihre durchs Land ziehenden Händler, die mit marktschreierischen Methoden allerlei Arzneien und (meist wirkungslose) Wundermittel an den Mann zu bringen versuchten. So wurde der Händler aus Cerreto, der „cerretano“, zum Inbegriff für Quacksalberei. Daraus entwickelten sich die Wörter „ciarlare“ (= schwatzen) und „ciarlatano“, der Schwätzer, der über das Französische („charlatan“) seinen Weg ins Deutsche fand.
Schisslaweng (m.) hat keinesfalls mit Angst oder Ausscheidungen zu tun. Der Ursprung dieses Wortes, das sich im 18. Jahrhundert im Berliner Raum ausbreitete, ist möglicherweise französisch. Einige erklären es als Verballhornung von „ainsi cela vint“, was „so also war das“ bedeutet, andere führen es auf „c’est le vent“ zurück, zu Deutsch: „Das ist bloß der Wind!“ Insofern dürfte es zunächst für ein Gerücht, für eine unbewiesene Tatsachenbehauptung gestanden haben. Später wurde aus dem Schisslaweng das Extra, das einer Sache den besonderen Pfiff verlieh, zum Beispiel eine Feder an einem Damenhut, eine Sahneverzierung auf einer Torte oder ein schwungvoller Strich unter einer Unterschrift.
Ein Techtelmechtel (s.) ist eine Liebelei, eine Liebschaft. Das Wort entstand im 18. Jahrhundert in Österreich, vermutlich durch Übernahme des italienischen „teco meco“, das „ich mit dir, du mit mir“ bedeutet und für eine Verabredung unter vier Augen steht. Die heutige Bedeutung beweist, dass es dabei oft nicht bei einer bloßen Verabredung blieb.
Ein Tohuwabohu (s.) ist ein Durcheinander, ein Chaos. Dieses seltsam anmutende Wort ist so alt wie die Bibel. Im hebräischen Urtext der Schöpfungsgeschichte wird die Welt als „tohû wa vohû“ (1. Mos. 1, 2) beschrieben, als „Wüste und Leere“. Kinder richten in ihrem Zimmer gerne ein Tohuwabohu an, und es ist überaus sinnvoll, sie dieses selbst beseitigen zu lassen, denn so lernen sie, was es heißt, eine Welt zu erschaffen.
(c) Bastian Sick 2013
Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.
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Eine Textdichterin fragte sich, ob der Zwerg in ihrem Musical „Schneeweißchen und Rosenrot“ in einer Szene statt „Hier sitz ich und ich angel“ lieber sagen soll „Hier sitz ich und ich angle“. Auf der Suche nach einer Antwort warf sie die Angel nach dem Zwiebelfisch aus, der prompt anbiss.
Frage einer Freundin aus der Eifel: Bei den Proben unseres Musicals »Schneeweißchen und Rosenrot« für die Brüder-Grimm-Märchenfestspiele in Hanau kam eine Frage auf. Es singt: Albin, der Zwerg, Untergebener des Zwergenkönigs, der den Bären und den Adler anlocken möchte, um sie zu töten. Dazu gibt er sich als leichte Beute aus:
Hier sitz ich und ich angel (oder – und das ist die Frage – angle?)
Es scheint der Sonnenschein
Bin arglos, wehrlos, klein und schwach
und, wie gesagt, allein!!!
Mein Bauchgefühl sagt, dass es »Hier sitz ich und ich angel« heißen sollte. Aber begründen kann ich’s nicht. Kannst du uns helfen?
Liebe Grüße, deine Edith
Antwort des Zwiebelfischs: Das ist ja eine wunderbare Szene! Euer Musical wird bestimmt ein Glanzlicht der diesjährigen Festspiele. Um deine Frage gewissenhaft beantworten zu können, musste ich mir erst einmal ein Grammatiklehrbuch angeln. Dort fand ich nach einigem Suchen schließlich folgende Regel:
Bei Verben auf -eln wird das zum Wortstamm gehörende »e« in der 1. Person Singular Präsens heute im Allgemeinen ausgelassen.
Das bedeutet also, dass es statt
ich angele, ich bummele, ich häkele, ich puzzele, ich sammele
heute meistens eine Silbe kürzer heißt:
ich angle, ich bummle, ich häkle, ich puzzle, ich sammle
Das gilt übrigens auch für den Imperativ der 2. Person Singular:
Angle mir einen Fisch! Bummle nicht so! Häkle mal was anderes!
In der norddeutschen Umgangssprache lässt man allerdings lieber das »e« am Wortende wegfallen. Denn bei »Ich angle« folgen ein nasales »n«, ein »g« und ein »l« aufeinander, das überfordert den Norddeutschen, der es lieber ruhig und breit mag. Darum heißt es für ihn in der 1. Person Singular »ich angel« und »ich sammel« und in der Befehlsform »Nun angel mir ’nen Fisch!« und »Sammel den Müll ein!«.
Im Bairischen hingegen bereitet das Aufeinanderprallen von Konsonanten weniger Probleme, hier ist der Ausfall einer unbetonten Silbe in der Wortmitte geradezu typisch (z. B. »abg’sperrt«, »ausg’fuchst«).
Lass Albin, den Untergebenen des Zwergenkönigs, also sagen: »Hier sitz ich und ich angle«, es sei denn, das Zwergenkönigreich soll in Norddeutschland liegen.
Und wenn du jetzt sagst: »Na gut, ich ändere das« und dich fragst, ob es nicht auch »ich ändre das« oder gar »ich änder das« heißen kann, dann sind wir bei den Verben auf -ern, die den Verben auf -eln ja nicht ganz unähnlich sind. Hierzu stellt das Lehrbuch fest, dass das »e« für gewöhnlich behalten wird: ich ändere, ich feiere, ich wandere. Die Formen »ich ändre, ich feire, ich wandre« sind offenbar eher die Ausnahme.
Und auch hier gibt es wiederum eine dritte Möglichkeit. Der Norddeutsche hat bekanntlich seinen eigenen Kopf und sagt daher Sachen wie: Ich änder das, ich feier gern und ich wander lieber allein. Das Grammatiklehrbuch schweigt sich darüber aus. Es hält nur fest: Welches »e« auch immer wegfällt, ein Apostroph wird in keinem Fall gesetzt!
Wenngleich an jede Angel auch ein Haken gehört, so wär ein Haken bei »ich angel« und »ich angle« doch verkehrt.
Anmerkung einer Leserin aus München: Lieber Herr Sick, in Ihrer Kolumne „Angel ich oder angle ich?“ vom 13. April 2013, die wie immer sehr aufschlussreich war, haben Sie uns Bayern unterstellt, dass uns das Aufeinanderprallen von Konsonanten weniger Probleme bereitet als anderen Deutschen. Vielleicht ist das so, Beispiele wie „abg‘sperrt“ und „ausg‘fuchst“ scheinen das zu belegen. Allerdings sind wir wiederum nicht solche Zungenakrobaten, als dass wir das Wort „Ausgezogene“ tatsächlich so aussprechen könnten, wie Sie das behaupten: „Ausgzogne“ ist vielleicht die verständlichste Umschrift, gesprochen wird das Wort aber entweder „Auszongne“ oder sogar „Auszonge“. Bevor man sich die Zunge bricht (wie das zweifelsohne bei Konsonantenclustern wie „gz“, aber auch bei „gb“, „gd“, „gp“ und „gt“ der Fall wäre), wird in Bayern also lieber die ganze „ge-„Silbe „abzwickt“.
Fragen an den Zwiebelfisch: Fei(e)re deinen Geburtstag
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]]>Der Beitrag Blitzblau erschien zuerst auf Bastian Sick.
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Blitzschnell? Kennt jeder. Blitzblank? Das auch. Blitzgescheit? Hoffentlich. Im Süden kennt man außerdem die Zusammensetzung „blitzblau“. Dort allerdings eher „bliddschblau“ oder „plitschblau“ gesprochen. Gibt es das Farbadjektiv „blitzblau“ auch im Hochdeutschen?
Frage einer Leserin aus Franken: Bei uns gibt es den Begriff „bliddschblau“, wahlweise auch „blitschblau“ oder „plitschblau“. Man sagt zum Beispiel: „Die Kinder waren zu lange im Wasser und kamen mit bliddschblauen Lippen und zitternd heraus.“
Jetzt habe ich einen Text zu überarbeiten, in welchem der Autor (ebenfalls ein Franke!) das (hochdeutsche?) Wort „blitzblau“ verwendet. Gibt es das überhaupt? Sollte ich lieber „knallblau“ daraus machen? Was raten Sie mir?
Antwort des Zwiebelfischs: Das fränkische Wort „bliddschblau“ müsste wohl tatsächlich „blitzblau“ geschrieben werden. Es sei denn, es handelte sich um eine Veröffentlichung in „frängischä“ Mundart.
Der Duden führt „blitzblau“ mit dem Vermerk, es sei „umgangssprachlich“. Es ist hauptsächlich im süddeutschen und im österreichischen Sprachraum verbreitet. Und es bedeutet „kräftiges Blau“.
Das Adjektiv „knallblau“ gibt es – in Analogie zu Wencke Myhres „knallrotem Gummiboot“ – ebenfalls. Doch genau wie „blitzblau“ gilt es als umgangssprachlich. Wobei es gegen einen „knallblauen Himmel“ wirklich nichts einzuwenden gibt, weder metaphorisch noch meteorologisch. Schon gar nicht hier im Norden!
Auf Hochdeutsch würde man „blitzblau“ und „knallblau“ wohl am treffendsten mit „grellblau“ wiedergeben. Sie können es natürlich auch mit „leuchtend blau“ oder mit „ein sehr intensives Blau“ umschreiben. Das ist – wie so oft in der Standardsprache – umständlicher, aber dafür weniger knallig.
(c) Bastian Sick 2012
Dazu ein Leser aus dem Mansfelder Land in Sachsen-Anhalt: Bei uns gibt es den Begriff „blitzblau“ oder „blitzeblau“ auch. Dieser wird meist in Verbindung mit Körperteilen gebraucht: die Lippen blitzblau gefroren, das Auge blitzeblau geschlagen. Von einem „blitzblauen Himmel“ habe ich indes noch nichts gehört, es klingt für meine Ohren ungewohnt.
Der Beitrag Blitzblau erschien zuerst auf Bastian Sick.
]]>Der Beitrag Pup, Pups, Pupsss erschien zuerst auf Bastian Sick.
]]>Antwort des Zwiebelfischs: Ich helfe immer gern! Besonders, wenn es um Zweifelsfälle des alltäglichen Lebens geht. Und da genügt schon ein kurzer Blick in den Duden; denn der ist in dieser windigen Frage erstaunlich auskunftsfreudig …
Frage eines Lesers: Ich weiß nicht, ob das ein Thema für Ihre Kolumne ist, und wirklich weihnachtlich ist es auch nicht – aber meine 2 1/2-jährige Tochter sprach heute davon, dass sie „zwei Pup“ gemacht hätte. Da kam ich ins Grübeln: Wie ist eigentlich der Plural von „Pups“? „Zwei Pup“ – wie meine Tochter meint? Oder „zwei Pupse“? Oder „zwei Pups“? – Können Sie helfen? :)))
Antwort des Zwiebelfischs: Ob Weihnachten oder nicht, ich helfe immer gern! Besonders, wenn es um Zweifelsfälle des alltäglichen Lebens geht. Und da genügt schon ein kurzer Blick in den Duden; denn der ist in dieser windigen Frage erstaunlich auskunftsfreudig: Er kennt sowohl den „Pup“ mit der Mehrzahlform „Pupe“ als auch den „Pups“ (mit der Mehrzahlform „Pupse“) und schließlich sogar den „Pupser“ (Mehrzahl: unverändert „Pupser“). Alle drei Wörter werden erklärt als „umgangssprachlich für abgehende Blähung“. Im Niederländischen ist „een poep“ (gesprochen: ün pup) übrigens mehr als nur eine abgehende Blähung, nämlich die feste Ausscheidung (gehoben: der Stuhl). Für die haben wir im Deutschen das schöne Kinderwort „A-a“. Wie davon der Plural lautet, überlasse ich Ihrer Fantasie …
(c) Bastian Sick 2011
Der Beitrag Pup, Pups, Pupsss erschien zuerst auf Bastian Sick.
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Der Beitrag Dischter un Denger erschien zuerst auf Bastian Sick.
]]>Der Beitrag Tanke? Nein danke! erschien zuerst auf Bastian Sick.
]]>Auf Facebook findet man viele Freunde, und jeder pflegt seinen eigenen Schreibstil. „Tolles Foto, Niki“, kommentiert eine Freundin, „du siehst total süüüß aus!“ Niki bleibt cool und antwortet: „Auf dem Pic hab ich aber noch die alte Frise!“ – „Frise“ für Frisur – das kannte ich noch nicht. Da stehen mir vor Begeisterung die Haare zu Berge! „Frise“ ist vielleicht nur ein weiterer Plastikbecher auf dem Müllberg der Sprachdeponie, aber immerhin noch nicht ganz so verbraucht wie andere fetzige Wörter.
Schon in den achtziger Jahren war es schick, statt von „Musik“ einfach von „Mucke“ zu sprechen: „Ey, total geile Mucke!“, hieß es anerkennend, wenn jemand eine LP mit Musik aufgelegt hatte, die richtig rockte. Oder: „Die Mucke geht echt voll ab!“ Die Mucke-Hörer von damals sind längst erwachsen, was aber nicht bedeutet, dass alle dem Jugendjargon entwachsen wären. Noch heute lässt sich bei vielen Menschen ein Hang zur Simplifizierung beobachten. Man verwendet Kurzwörter, die wie hingerotzt klingen, um besonders lässig zu wirken. So mancher Student geht zum Tanzen nicht in die Diskothek, sondern „in die Disse“. Schließlich will er eines Tages doch seine Dissetation machen! Und Schüler verschicken auch schon mal „’ne Simse“ anstelle einer SMS.
Als mich mein Freund Philipp zu einer Spritztour in seinem neuen Audi TT mitnahm, sagte er mit Blick auf den Benzinstandanzeiger: „Wir müssen noch schnell zur Tanke!“ Philipp ist mittlerweile auch schon jenseits der vierzig, sodass man sehr viel guten Willen aufbringen muss, um ihm das noch als „Jugendjargon“ durchgehen zu lassen. Dafür regt sich Philipp über die Jüngeren auf, die zum Teil nur noch elliptische Sätze herausbringen wie: „Ich fahr Tanke!“ Philipp ist Journalist und hat, wie er findet, eine „flotte Schreibe“. Damit meint er seinen Schreibstil. Meine „Denke“ sei manchmal ganz schön verdreht, sagt er. Ich denke, mit „Denke“ meint er meine Denkweise.
Als ich zuletzt bei Philipp und seiner Freundin Maren zum Essen eingeladen war, sagte ich anerkennend: „Du hast eine flotte Schreibe, und Maren hat eine tolle Koche! Das ist die perfekte Mische!“ Philipp stutzte, dann erwiderte er lachend: „Und du hast hoffentlich eine gute Verdaue, denn es gibt noch Nachtisch!“
Mein Freund Henry hätte weniger Nachsicht. Er brachte seine Einstellung zur umgangssprachlichen Verkürzung einmal auf folgende Formel: „Coole Denke, flotte Schreibe – Scheißsprech!“
Werber benutzen die verkürzte Form „Präse“. Was für die einen moderner Werbesprech ist, klingt für empfindlichere Ohren eher geschmacklos. Und es ist prädestiniert, um Missverständnisse zu erzeugen: „Anne, hast du meine Präse gesehen? Ich habe sie doch hier vorhin auf den Tisch gelegt!“ – „Ob ich deine … was? Lässt du deine Präservative jetzt schon offen herumliegen? Was sollen denn die Kinder denken?“
Viele Leute beschäftigen in ihrem Haushalt eine „Putze“. Zur vollen „Putzkraft“ hat’s offenbar nicht gereicht. Es ist vielleicht scherzhaft oder locker gemeint, klingt aber abschätzig und ist nicht besser als Tippse oder Saftschubse. Das Wort „Putze“ kommt bei mir nicht vor, es sei denn, ich „putze“ selbst.
Zu seinem 45. Geburtstag werde ich Philipp einen Autoaufkleber schenken: „Zur Tanke? Nein danke!“ wird darauf stehen. Darüber wird er sich bestimmt freuen wie Hulle. Die Sache ist schon in der Mache!
| Abkürze | Vollständige Bedeutung |
| Bediene | Bedienung, Anleitung, Angebot |
| Brülle | laute Stimme, lauter Gesang |
| Denke | Denkweise, Denkart |
| Disse | Diskothek, Tanzlokal |
| Fahre | Fahrstil, Fahrweise |
| Frise | Frisur, Haarschnitt |
| Funke | Funkanlage, Funkverbindung |
| Grinse | Lächeln |
| Glotze | Fernsehapparat |
| Halte | Haltestelle |
| Kippe | Zigarette, Zigarettenstummel |
| Klapse | Klapsmühle (ugs. für psychiatrische Klinik) |
| Knipse | Fotoapparat |
| Mische | Mischung |
| Mucke | Musik |
| Mülle | Mülleimer, Mülltonne |
| Penne (von Pennäler) | Schule |
| Präse | Präsentation |
| Putze | Putzkraft, Reinigungskraft |
| Schalte | Schaltung (bei Rundfunk und Fernsehen) |
| Schreibe | Schreibstil, Schreibweise |
| Tanke | Tankstelle |
| Verkaufe | Handel, Verkauf |
| Wumme (lautmalerisch) | Schusswaffe |
| Zige, Zise | Zigarette |
(c) Bastian Sick 2010
Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.
Der Beitrag Tanke? Nein danke! erschien zuerst auf Bastian Sick.
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]]>In der vergangenen Woche fragte der Zwiebelfisch seine Leser, mit welchen Worten sie zur Toilette gehen, und bekam nicht weniger als 230 Antworten. Darunter Klassisches wie „den letzten Tee wegbringen“ und „die Keramikabteilung aufsuchen“ bis zur modernen „Getränkerückgabe“. Aber auch viel Schönes mit regionalem Bezug, zum Beispiel eine Erklärung des Unterschieds zwischen zieseln, pieseln und brunzen. Und die Feststellung, dass örtlich zwischen männlichem und weiblichem Wasserlassen unterschieden wird. Amüsant war auch die Erkenntnis, dass die Abkürzung AB schon lange vor der Erfindung des Anrufbeantworters existierte, und zwar für den Abort. Und dass die Abkürzung WC ja auch für Winston Churchill steht. Was dem einen das „Rappelle machen“, ist dem anderen das „Prunz’n“. Dann lassen wir mal die Ente schnattern! Viel Vergnügen beim Gang durch die Keramikabteilung!
Gern verwende ich die folgenden Umschreibungen:
– Ich muss mal für kleine Plüschtiger
– Ich bin mal kurz auf der 17
– Ich bring mal eben das Wasser weg (in der Kneipe durch „Bier“ zu ersetzen)
– I muaß bronza (sagt mein Opa immer, der ist Schwabe)
Gregor Dahlmann
Mit den Worten „Ich werde mal kurz dem weißen Porzellangott die Ehre erweisen“ schleiche ich mich des Öfteren aufs stille Örtchen, was jedoch meist erstaunte Blicke hervorruft, sodass ich ein derb fränkisches „Ich mo amool“ nachliefern muss.
Jacobs, Nürnberg
In Tanzclubs oder Bars sage ich gern: „Ich geh‘ mal kontrollieren, ob die Fluchtwege frei sind!“ Das hat bisher jeder richtig verstanden!
Ralf Böpple, Stuttgart
Schon häufiger habe ich im US-amerikanischen Raum (hauptsächlich in Kalifornien, denn dort sitzt mein Arbeitgeber) in Meetings (Sitzungen) den Ausdruck „bio break“ gehört: „I need to have a bio break“, „Let’s have a bio break!“
Matthias
In meiner Schülerzeit in den 40er- und 50er-Jahren war „schiffen“ beliebt, in der Studentenzeit „die Ente schnattern lassen“. Na dann gut Wasser!
H.K. – ein engagierter Genießer Ihrer Zwiebelfische
Unter guten Bekannten wird gern die Formulierung „Ich geh mal eben Jürgen würgen “ oder „einem guten Freund die Hand geben“ gebraucht.
Ralph Dickhaut
„Ich gehe an die Kacheln“ ist auch ziemlich eindeutig, und bei Männern finde ich außerdem die Wendung „Ich gehe dann mal den Kürzeren ziehen“ witzig.
Norbert Juhnke
Das Kürzel WC steht ja für einen berühmten Mann: Winston Churchill. Demnach muss man ganz einfach nur fragen: „Wo finde ich die Kammer von Winston Churchill?“ oder „Ich muss mal eben kurz Winston Churchill treffen“. Wenn das nicht verstanden wird und man die fragenden Gesichter aufklärt, hat man auch gleich noch die Lacher auf seiner Seite.
Olaf Schilgen
Ich lese immer wieder gerne Ihre kulturhistorischen Erläuterungen, die sich eben nicht nur auf die sprachlichen Aspekte beschränken, und selten oder vielleicht noch nie blieb eine Frage meinerseits dabei offen. So auch diesmal nicht, allerdings kenne ich eine sehr gepflegte Formulierung für die Örtchenfrage, die in Ihrer Aufzählung nicht dabei war: „Wo finde ich bitteschön die Bequemlichkeiten“.
Martin Wächter
In unserer Familie gibt es hierfür auch den Insider „Musik hören gehen“. Dabei geht es aber nicht um „Körpermusik“ beim Wasserlassen, sondern um unser Radio im Bad, das an den Lichtschalter gekoppelt ist: Sobald der Lichtschalter im Bad betätigt wird, erhält das Radio Strom und fängt an zu spielen.
Solveig Poser, Berlin
Bei uns hat sich als Student eingebürgert, man geht 3,14. Das ist die Zahl Pi, und „pee“ ist das englische Wort für das, was in der Generation meiner Eltern noch „ein Bächlein machen“ hieß.
A. Ramstöck
Im vertrauten Kreis von Kollegen aus den Biowissenschaften: „Das Stickstoffproblem lösen“ (zwecks Abgabe von Harnstoff zur Elimination des Stickstoffs aus dem Proteinstoffwechsel). Auch möglich, aber weniger gebräuchlich: „Ich müsste mal osmotisch tätig werden.“
Paavo Bergmann
Im gewerblichen Bereich kann man die auf die Wasserkosten entfallende Umsatzsteuer absetzen. In unserer Firma hat sich daher für den Gang zur Toilette der Ausspruch eingebürgert: „Ich muss erst mal die Mehrwertsteuer absetzen.“
Barbara Steffen
Als Reiseleiterin deutschsprachiger Gäste benutze ich das Codewort „die Gesundheitspause“: „Nächste Gesundheitspause in 10 Minuten!“ – „Wer eine Gesundheitspause braucht: Hinter der Bar die erste Tür links!“
Renata
Ich bin beruflich als Qualitätsmanagement-Auditorin unterwegs und sage im Zweifelsfall „Ich müsste noch die Einhaltung der Norm bei den sanitären Anlagen überprüfen.“ Das versteht man aber natürlich nur in der Szene. Aus meinen Erlebnissen als Studienreiseteilnehmerin kann ich folgende von Reiseleitern genutzte Euphemismen berichten: „Den Ort der inneren Harmonie finden Sie …“ oder „Hier machen wir eine Getränkepause oder das Gegenteil“.
Margita Geiger
Nett fand ich die Umschreibung bei einer Besichtigung eines Ausbesserungswerks der Deutschen Bahn: Vor dem Werksrundgang wies der Führer darauf hin: „Wer keramische Bedürfnisse hat, findet die Nasszellen um die Ecke.“ Schön neutral und technisch.
Tobias Köhler, Leoben
Als Kind ging ich „aufs Töpfchen“, zu meiner Pfadfinderzeit gingen wir in der Jugendherberge auf die „Wanderstrecke 0“ und im Zeltlager auf den „Donnerbalken“ (falls vorhanden). Ansonsten geht der Sauerländer im Freien „in die Büsche“ und in ummauerten Räumen „aufs Klo“. In Köln ging man früher „op et Höffge“ (auf das Höfchen), darauf verweist auch jetzt noch manche alte Kneipe. Meine kölsche Oma kürzte das Wort „Abort“ ab und ging „op dr AB“.
Bernhard Wortmann
Bei uns im Münsterländischen gibt es die schöne Umschreibung „Nache Päärde kieken“ – also: Nach den Pferden schauen. Das kommt noch aus den Tagen, als man sein Geschäft im Stall bei den Tieren erledigte.
Christine Lohr
Während mehrerer Studienaufenthalte in der Mongolei lernte ich eine mongolische Variante für die Formulierung „austreten“ kennen: Da die Landbevölkerung größtenteils in Jurten lebt und nicht über Innentoiletten verfügt, geht man seinem Bedürfnis in freier Natur nach. Verlässt man also zu diesem Zweck die Jurte, sagt man: „Ich gehe mal nach den Pferden kucken“. Durchaus verständlich, ist doch meist eines der Reittiere neben der Jurte angebunden. Aber Vorsicht – es ist keineswegs erlaubt, direkt auf den Pferdeparkplatz zu pinkeln! In der Stadt hingegen, wo es keine Pferde in Sichtweite gibt, „bringt man seinen Körper in Ordnung“. Eine sehr höfliche Formulierung, mir gefällt die ländliche Variante aber besser. Brachte ich diese in städtischer Umgebung an, erntete ich freundliches Schmunzeln von den Mongolen, die daraufhin meine guten Mongolischkenntnisse lobten. Als Ausländerin hat man so seine Freiheiten.
Als ich mit meinem mongolischen Ehemann dann wieder nach Deutschland übersiedelte, blieb er bei seiner Redewendung mit den Pferden, nur eben übersetzt ins Deutsche. Freunde sahen mich anfangs dann immer ungläubig an: „Hat er wirklich Pferde mitgebracht? Wo haltet ihr die denn?“ Einem Mongolen ist eben alles zuzutrauen. Inzwischen hat sich „nach den Pferden kucken“ sowohl im engeren Bekannten- als auch im Familienkreis eingebürgert und ist zu einem beliebten Scherz Uneingeweihten gegenüber geworden.
Wie sich „Ich muss mal nach den Pferden kucken“ auf mongolisch anhört? Ungefähr so: „bi mörr charrch cherregtä“ (mit gerolltem Zungen-r und kehligem ch). Die korrekte Umschrift lautet natürlich: „bi mori kharakh kheregtei.“
Ulrike Gonzales, Berlin
Im Badischen gibt es noch den Begriff „brunzen“. Sehr ordinär, wird es nur in entsprechenden Kreisen oder im Zustand fortgeschrittener Alkoholisierung verwendet. Dann gibt es das nicht minder derbe „sorchen (bei den Schwaben auch „saichen“) gehen“. Hingegen ist „ein Rappele machen müssen“ für Kinder ein gut geeigneter, netter Ausdruck fürs kleine Geschäft. In der Hoffnung, in dieser wässrigen Sache geholfen zu haben, verbleibe ich
Rainer Kastner
Im Bayrischen wir auch nach dem Geräusch unterschieden:
zieseln = dünnerer Strahl
pieseln = mittlerer Strahl
brunzen = Wasser Marsch!
Peter Biela
Ich habe nach dem Krieg in Bayern gelernt, dass man für das Wasserlassen bei den Männern „soacha“ sagt und bei den Frauen „brunzn“. Im Schwäbischen heißt es „soicha“. In meiner Egerländer Heimat (Nähe Karlsbad) sagte man „saagn“, phonetisch „sa:“. Bei uns kleinen Buben hieß der Vorgang „tschiiischn“, was sich wohl lautmalerisch erklärt.
Edwin Stark
Bei uns in der Schweiz sagt man dazu umgangssprachlich „seichen“ – das versteht jeder. Unter „Seich“ versteht man eigentlich meist „Unsinn“: „Mach kein Seich“ heisst also „Mach keinen Unsinn!“ oder „Stell nichts an!“. Das Verb „seichen“ aber hat eine ganz andere Bedeutung, wobei es meist nur auf die männliche Tätigkeit (im Stehen) bezogen wird, so wie auch das Verb „schiffe“. Ab und zu hört man dafür auch die Umschreibung „das Komma schütteln“. Für beide Geschlechter gibt es das Verb „brünzle“, der Strahl selbst heisst dann entsprechend „Brunz“. Dieses Wort kann dann aber auch wieder im übertragenen Sinne verwendet werden: mit „verzell kein Brunz“ ist gemeint “erzähl mir keinen Unsinn“. Und beim „bisle“ gibt es einen „Bisi“. Diese Ausdrücke werden aber wieder eher für Kinder verwendet. Meine Grossmutter, die in Engen (Baden-Württemberg) wohnte, ging übrigens „gi Rolli mache uf’s Hüsle“. Auch in der Schweiz weiss jeder, was gemeint ist, wenn man mal „uf’s Hüsli“ geht. Und übrigens: Kein Mensch muss müssen – außer er muss mal.
Harri Wehrli, Schweiz
„Fetz’n“ und „prunz’n“ sind im Sarntal (Südtirol) geläufig, wobei „fetz’n“ recht derb ist und „prunz’n“ eher verniedlichend.
Marianna Schlögl
Beim Italiener sollte die Formulierung vermieden werden: „Ich mussurini.“
Anonym
Auf einem Empfang in der Österreichischen Botschaft in Lissabon verwirrte ich seine Exzellenz den Botschafter höchstpersönlich mit der – in Wien vollkommen üblichen – Frage: „Entschuldigung, wo geht es denn hier hinaus?!“ Der gute Mann stammte jedoch aus Oberösterreich – und zeigte mir doch tatsächlich den Ausgang. Ich bin dann trotzdem nicht im Garten hinter den Busch …
Felix Romanik, Athen
Eine vergnügliche Kolumne war das! Dazu fällt mir ein Klassiker aus dem Bekanntenkreis ein: Die Frage nach dem Porzellanthron. Als junger Mensch habe ich auf Partys oder in Lokalitäten außerdem so manchen mit der Frage verwirrt, wo denn die Gebrauchtbierabgabe sei.
Jan Kosiolek
In Restaurants und Hotel-Lobbys genügt es meist, mit suchendem Blick umherzugehen. Wirklich aufmerksames Personal interpretiert den suchenden Blick eines Gastes und weist ihm den Weg.
Peter Sumerauer
Ich gehe Kartoffeln abgießen oder Kleingeld zählen.
Rainer
… Wo, bitte, ist das Herrentelefon?
Ulrich D.
Früher hatte ich für Restaurants (sicher keine besternten) die Formulierung in petto: „Wo ist denn hier der Sicherungskasten?“ Das klappte immer prima, bis mir in Berlin (wo sonst) die Bedienung erläuterte: „Der ist da links, aber wenn Sie aufs Klo müssen, dann geh’n Se mal bessa hier lang.“
Karla Schmidt
Ich kenne aus dem Englischen noch die nette Umschreibung „I’d like to spend a penny.“ Das klingt wunderbar fein, ist es aber gar nicht: Der benannte Penny wurde früher als Bezahlung für die Putzkraft in der Schüssel des Urinals hinterlassen, so konnte man auch gleich feststellen, ob die Urinale gereinigt worden waren … Auf die heute üblichen Unterteller bezogen, gewinnt die Aussage wieder eine gewisse Freundlichkeit.
Pablo Rother
Mir ist aufgefallen, dass in den Niederlanden das Wort „plassen“ (dt. pinkeln) anscheinend vollständig salonfähig ist. Sätze wie „Ik ga even plassen“ oder „Ik moet plassen“ finden überall Verwendung.
Anonym
Anmerkung des Zwiebelfischs: Das Wort „plas“ bedeutet im Niederländischen eigentlich Pfütze oder kleines Gewässer (Teich). Wer also „plasst“ oder „een plasje plegen moet“, der macht ein Pfützchen. Das ist vergleichbar mit unserem „Bächlein machen“. Harmlos, kindersprachlich, und daher nicht anstößig.
Wenn ich mal für „kleine Königstigerinnen muss“, frage ich gerne: „Wo sind denn hier die Wasserspiele?“ Im Bekanntenkreis ist die Formulierung inzwischen keine Sensation mehr, bei Fremden stoße ich dabei oft auf sehr verdutzte Gesichter. Die Auflösung, dass ich mit Wasserspielen die Toiletten meine, sorgt aber dann meistens für Heiterkeit. In China gehen die Männer „einen Hasen schießen“. Die Damen gehen dagegen – etwas friedliebender – “Blumen pflücken“. Danke für die herzerfrischenden Zwiebelfische und Zwiebelfischchen!
Claudia Weißenfels
Bei den Gehörlosen und stark Schwerhörigen ist die Gebärde „Toilette“ das Zeichen für das Telefonieren. Dabei können sie auf Grund der Behinderung gar nicht telefonieren, da das Telefonieren ein einigermaßen funktionierendes Hören abverlangt, was die Gehörlosen (bitte nicht „Taubstumme“) sehr wenig oder gar nicht haben. So umschreiben sie den Gang zur Toilette mit dem Gang zur Telefonzelle.
Peter Adelung, Dachau
Ganz sophisticated für Eingeweihte: Man geht zu BWV 165 („Oh heilges Geist- und Wasserbad“) oder zu BWV 198 („Laß Fürstin, laß noch einen Strahl“). Da macht der Herr Bach seinem Namen alle Ehre …
Gaby Chaudry
(c) Bastian Sick 2010
Zur Kolumne: Einsatz für Agent 00
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Man kann Klamotten anziehen und Schuhe. Man kann auch Pech anziehen oder Glück. Und dann gibt es da noch dieses sonderbare Phänomen, dass Menschen Brillen, Uhren und sogar Taschen anziehen. Und das alles ohne Magnetismus!
Es war mal wieder typisch hamburgisches Wetter: Strahlend blauer Himmel und gleißender Sonnenschein. An solchen Tagen wimmelt es am Hafen nur so von Touristen: Franzosen und Spanier, Schweizer und Dänen, Schwaben und Franken, sogar Bayern und US-Amerikaner. Man hört die unterschiedlichsten Sprachen und Dialekte. Vor den Landungsbrücken sprach mich eine junge Frau an und fragte, ob ich wohl ein Foto von ihr und ihrem Freund machen könne. „Selbstverständlich“, erwiderte ich, „es wird mir ein Vergnügen sein!“ Sie reichte mir die Kamera und stellte sich zu ihrem Freund. Das erste Foto schien mir schon recht gelungen, aber ich wusste, dass es noch besser geht: „Könnten Sie vielleicht die Sonnenbrillen abnehmen?“ – „Kein Problem!“ Die Frau setzte die Brille ab, und da ihr Freund es ihr nicht sofort gleichtat, stieß sie ihn an und rief: „Los, zieh die Sonnenbrille aus!“
Ich stutzte: Hatte ich richtig gehört? „Haben Sie gerade gesagt, er soll die Brille ausziehen?“, fragte ich sicherheitshalber nach. „Ja!“, erwiderte sie achselzuckend, „das hatten Sie doch vorgeschlagen?“ Da gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder handelte es sich bei der Brille ihres Freundes um eine Detektiv-Sonnenbrille mit Teleskop-Bügeln, die man auf eine Länge von bis zu einem Meter ausziehen kann – oder die beiden kamen von einem fremden Planeten und sprachen eine seltsame Sprache. „Ich bin mir sicher, dass ich mich anders ausgedrückt habe. Ich würde nie von jemandem verlangen, eine Brille auszuziehen!“, stellte ich klar. Da erwiderte sie lachend: „Machen Sie sich nichts draus, wir sind ausm Rheinland!“ Das erklärte natürlich alles.
Anderntags begann ich, der Sache auf den Grund zu gehen und ein paar Recherchen zum Thema An- und Ausziehen anzustellen. „Dabei helfe ich gern!“, bot mein Freund Henry begeistert an und erklärte auch gleich, wie er sich das vorstellte: „Du nimmst dir den neuesten Barbie-Katalog vor und ich mir den ,Playboy‘ …“
Ich nahm mir stattdessen lieber den Duden-Band 9 über „Richtiges und gutes Deutsch“ vor, fand darin aber weder zu „Anziehen“ noch zu „Ausziehen“ einen Eintrag. Offenbar bereitet das An- und Ausziehen in sprachlicher Hinsicht wenig Probleme. Bemerkenswert ist zunächst, dass man sowohl Bekleidungsstücke als auch sich selbst anziehen kann. Indem man sich eine Hose und ein Hemd anzieht, zieht man sich selbst an. Und genauso kann man sich selbst gleichzeitig mitsamt seiner Kleidung auch wieder ausziehen. So wie in dem Lied von Hildegard Knef, das vom Leben einer Stripperin erzählt: „Ich zieh mich an – und langsam aus“. Hildegard Knef trug übrigens gern große, auffällige Sonnenbrillen. Das ist bekannt. Weniger bekannt ist, ob die Knef die Brillen an- und langsam wieder auszog. Möglich, dass sie bestimmte Brillen geradezu magisch anzog wie ein Magnet, aber als Berlinerin wird sie diese schön brav „uff“ ihre „Nese“ „jesetzt“ haben und nicht etwa „uff“ dieselbe „jezogen“.
Der hochdeutsche Sprachstandard lässt das An- und Ausziehen nur in Hinsicht auf Kleidung zu. Einschließlich der Schuhe, was sogar zum geflügelten Wort wurde: „Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an!“ So einen Satz wird man freilich niemals in einem Film zu hören bekommen, in dem Sarah Jessica Parker die Hauptrolle spielt. Die zieht sich bekanntlich jeden Schuh an, solange er nur teuer genug ist. Unsereiner zieht Hosen, Hemden und T-Shirts an, gelegentlich auch mal einen Anzug; weshalb selbiger so genannt wird.
Doch schon beim Schal wird es kompliziert. In der Aufzählung fällt der Schal vielleicht nicht weiter auf: „Er zog sich Mantel, Schal und Handschuhe an.“ Doch wenn es um den Schal allein geht, ist es eher üblich, von „umlegen“ und „abnehmen“ als von „anziehen“ und „ausziehen“ zu sprechen.
Bei den sogenannten Accessoires ist mit der Anzieherei im Standarddeutsch nämlich Schluss. Accessoires, auf Deutsch auch „Zubehör“ genannt (zumindest in der Generation Playmobil), sind schmückende, zum Teil nützliche, zum Teil gänzlich unpraktische, dafür aber umso teurere Gegenstände wie Gürtel, Tücher, Krawatten, Mützen und Taschen. Diese werden standardsprachlich nicht an- und ausgezogen, sondern – je nach Accessoire – umgeschnallt, umgelegt, angesteckt, umgehängt, umgebunden oder aufgesetzt.
Doch was wäre die standardsprachliche Regel ohne die regionalsprachliche Ausnahme? In einigen Landstrichen der Republik, vor allem im Westen, zieht man nicht nur Kleidung an, sondern auch Brillen, Mützen und Krawatten.
Die Saarländer zum Beispiel ziehen Mützen an und Brillen aus, und es hat keinen Sinn, ihnen zu erklären, dass es im Falle der Brille „abnehmen“ heißen müsse, weil die Saarländer das Wort „nehmen“ nicht kennen.
Beim An- und Ausziehen macht die Regionalsprache auch vor Uhren und Schmuck nicht halt. Standardsprachlich werden Armbanduhren „um- und abgebunden“, norddeutsch auch gern „um- oder abgemacht“ („Vergiss nicht, vor dem Baden die Uhr abzumachen!“) – in anderen Gegenden aber auch „angezogen“. Ebenso kann man gelegentlich hören, wie jemand darüber klagt, dass er seinen Ehering nicht mehr ausziehen könne. Und was ist mit dem Kopftuch? Kann man das ebenfalls an- und ausziehen? Diese Frage habe ich in der sogenannten Kopftuchdebatte bislang vermisst!
In einem Internetforum stellte jemand die Frage, ob man unter einer Taucherbrille „auch eine Brille anziehen“ könne. Er bekam darauf zahlreiche Ratschläge. Einer lautete: „Es gibt Taucherbrillen mit Sehstärke. Eine normale Brille kannst du aber nicht drunter anziehen. Am einfachsten sind Kontaktlinsen!“ Ich hätte gern gewusst, ob man die Kontaktlinsen ebenfalls „anziehen“ kann. Meine Assistentin, die aus Mönchengladbach stammt, bestätigte mir: „Selbstverständlich kann man Kontaktlinsen anziehen!“ Als sie als Studentin nach Hamburg kam, musste sie erst einmal lernen, dass man Brillen aufsetzt und abnimmt, dass man Ringe ansteckt und abzieht, Uhren um- und abbindet, Schmuck an- und ablegt. In ihrer Heimat brauchte man für all dies komplizierte An- und Abgetüdel nur zwei Wörter: anziehen und ausziehen. Sie findet auch heute noch, dass das doch viel praktischer sei. Statt sich einen Gürtel umzuschnallen, eine Brille aufzusetzen und einen Schal umzubinden, würde sie einfach Gürtel, Brille und Schal anziehen, das gehe doch viel schneller. Wo sie recht hat, hat sie recht.
Ich werde sie demnächst auf einen Tauchlehrgang schicken. Dann kann sie mir berichten, wie es ist, mit angezogenen Kontaktlinsen eine Taucherbrille anzuziehen.
Wie sagen Sie’s? Wo ist das An- und Ausziehen überall zuhause? Schreiben Sie dem Zwiebelfisch!
| Kompliziertes Hochdeutsch | Unkomplizierte Regionalsprache
(Niederrhein, Rheinland, Saarland u. a.) |
| Armbanduhr umbinden, anlegen/Armbanduhr abbinden, ablegen | Armbanduhr anziehen/Armbanduhr ausziehen |
| Brille aufsetzen/Brille absetzen, auch: abnehmen | Brille anziehen/Brille ausziehen |
| Gürtel umschnallen, umbinden, umlegen/Gürtel abschnallen, ablegen, abnehmen | Gürtel anziehen/Gürtel ausziehen |
| Hut aufsetzen/Hut abnehmen | Hut anziehen/Hut ausziehen |
| Kopftuch umbinden/Kopftuch abnehmen | Kopftuch anziehen/Kopftuch ausziehen |
| Krawatte umlegen, umbinden/Krawatte ablegen, abbinden, abnehmen | Krawatte anziehen/Krawatte ausziehen |
| Maske aufsetzen, überziehen/Maske absetzen, abnehmen, abstreifen | Maske anziehen/Maske ausziehen |
| Mütze aufsetzen/Mütze absetzen, abnehmen | Mütze anziehen/Mütze ausziehen |
| Ohrringe anlegen, anstecken/Ohrringe ablegen, abnehmen | Ohrringe anziehen/Ohrringe ausziehen |
| Ring an (den Finger) stecken, auf den Finger schieben, Ring auf oder über den Finger ziehen, streifen/Ring abnehmen, abziehen, abstreifen | Ring anziehen/Ring ausziehen |
| Schal umlegen, umbinden, umwickeln/Schal ablegen, abnehmen | Schal anziehen/Schal ausziehen |
| Schmuck umlegen, anlegen/Schmuck ablegen, abnehmen | Schmuck anziehen/Schmuck ausziehen |
| Tasche umhängen/Tasche ablegen, abnehmen (je nach Art der Tasche sind verschiedene Verben möglich: die Umhängetasche wird umgehängt oder übergeworfen, die Handtasche übers Handgelenk oder den Arm gehängt, die Bauchtasche um den Bauch gebunden oder geschnallt) | Tasche anziehen/Tasche ausziehen (die Art der Tasche spielt keine Rolle) |
(c) Bastian Sick 2010
Diese Kolumne ist auch in Bastian Sicks Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, Folge 5“ erschienen.
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