]]>Ich flog im Oktober nach Stockholm um einen Freund aus der Schulzeit zu treffen, der eine schwedische Frau geheiratet hatte und seitdem in Schweden lebt. Wolfgang Menzel, Fotograf, Schriftsteller und Künstler. Wir gingen gemeinsam ins Goethe- Institut Stockholm und stellten mein Projekt „Eingebrannte Bilder“ vor. Es wurde ein munteres Gespräch mit dem Leiter und einer Mitarbeiterin. Wir plauderten zwei Stunden. Beide waren vom Projekt sehr angetan und wollten sich dafür stark machen. Von beiden Personen des Goethe-Institutes habe ich nichts mehr gehört.
Auf dem Goethe Sommerjahres Fest lernte ich auch flüchtig Frau Rucktäschel-Katte kennen, die Bereichsleiterin für ganz Südamerika. Ich rief sie ein paar Wochen später an und erklärte ihr mein Projekt für Goethe, mit dem Wunsch, in Chile und Brasilien auszustellen. Sie wechselte gerade ihre Position von Sao Paulo nach London und versprach mir den Verantwortlichen in Chile und Sao Paulo Empfehlungen zu schicken. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung las ich einen aufrüttelnden Text von ihr über die massive kulturelle Einschränkung unter dem neuen Präsidenten Bolsonaro. Eine engagierte Frau.
Anfang Dezember flog ich wieder auf eigene Kosten nach Santiago de Chile, um dem Goethe-Institut vor Ort einen Besuch abzustatten und um über eine Ausstellung mit meinen Eingebrannten Bildern zu sprechen. Außerdem besuchte ich in Hanoi kennen gelernte chilenische Freunde, die ich durch Zufall in Hanoi getroffen hatte. Enzo und Sylvia.
Sie lebten dreißig Jahre in London im Exil. Enzo wurde unter Pinochet gefoltert und verbrachte zwei Jahre in Haft auf Grund seiner sozialistischen Einstellung. Inzwischen arbeiteten sie wieder in Chile. Sylvia schreibt Bücher über Schamanismus, Heilpflanzen und Fen Chui. Sie halten sich regelmäßig in China auf und Enzo spricht fließend chinesisch. Wir kochten und lachten zusammen und sie luden interessante Freunde ein. Täglich diskutierten wir stundenlang wie junge Studenten. Als Enzo eines Morgens ganz unvermittelt allein mit mir über seine Haftzeit und die Folter sprach, bei der sie ihm einen Kartoffelsack über den Kopf stülpten, konnte er die Tränen nicht unterdrücken. „“Ich weine, wegen meiner Freunde, die umgebracht worden sind und ich habe überlebt“.
Ich machte mich täglich auf und folgte den Spuren von Salvador Allende in der Stadt. Eines Tages ging ich in das Goethe-Institut.
Herr B., der Leiter des Goethe Instituts, empfing mich in der hauseigenen kleinen Cafeteria. „Sie können sich auf meine Kosten einen Kaffee an der Theke holen.“ Ich gehorchte. Er schlug mein Buch auf, sah ein Plakat aus den 70er Jahren mit dem Politiker Strauß. „Sind Sie der kleine Klaus Staeck?“ Ich erwiderte trocken, „Nein, ich bin der große Ernst Volland.“ Herr B. blätterte im Buch. „Wissen Sie, wie Sie mir hier in Chile vorkommen? Wie ein Ägypter, der nach Deutschland kommen will und dort Plakate über Strauß machen möchte.“ Ich antworte nichts, mir wurde etwas übel. Ich sagte, ich habe in Israel ein Projekt mit Fotografie und Erinnerung ausgestellt, das auf andere Länder übertragbar ist, auch auf Chile, deshalb bin ich hier. Es geht um das Konzept meiner „Eingebrannten Bilder“, um Ikonen. Allende ist nicht nur in Chile eine Ikone. Herr B. blätterte. „Von Gerhard Richter würde ich gern eine Ausstellung machen, der hat eine interessante Biografie“. Herr B. stand auf. Die Kaffeepause war beendet. „Sie haben ja gar keine Ahnung von Chile, auf Wiedersehen.“ Ich ging in die Bücherei und schenkte dem Haus mein Buch. Der freundliche Bibliothekar nahm es dankend entgegen. Er sagte, er würde mich gern zum Essen einladen, sei aber an seinen Arbeitsplatz gebunden, für einen Kaffee könnte es reichen. Es wurde ein munteres, interessantes Gespräch, nicht nur über Chile. „ Ich mag ihr Projekt, mal sehen, was ich machen kann.“ 20 Stunden Flug für zwei Kaffees.

Abb. 8 Ernst Volland – Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes, Dokumente. Hirnkost Verlag 2018
Nach zehn Tagen flog ich nach Sao Paulo ins brasilianische Goethe-Institut. Freunde hat mir eine brasilianische Hochschullehrerin vermittelt, die perfekt deutsch sprach und sehr charmant war. Sie zeigte mir nicht nur die Stadt, sie begleitete mich auch in das Goethe-Institut, zum Gespräch mit Herrn Fuchs. Er nahm sich viel Zeit, lud zu einem Essen ein und ich konnte mein Projekt in Ruhe darstellen, das ihn sehr interessierte. Ich schickte ihm später mein Konzept zur Vorlage für ein Treffen aller Leiter der elf südamerikanischen Institute im März, das er ihnen vorstellen wollte.
Das Konzept wurde für ganz Südamerika abgelehnt, auch in Sao Paulo.
Inzwischen sind sechs Jahre vergangen. In diesen sechs Jahren gibt es keinen weiteren Kontakt zu einem der vielen Goethe-Institute weltweit.
Schade. Fuck you Goethe, meine Version.
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Abb. 5 Ernst Volland. Eingebrannte Bilder , Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes Dokumente.
Hirnkost. Berlin 2018
Presser sah mein Buch, lobte es überschwänglich und bot sofort seine sehr guten Kontakte zu den Goethe-Instituten an und fragte mich ganz direkt „In welches Land möchtest du?“ Ich war verblüfft, wusste aber, dass er seit dreißig Jahren Ausstellungen und Workshops in etlichen Ländern der Welt mit Goethe realisiert hatte und antwortete spontan, sehr gern, nach Vietnam und falls möglich, Brasilien und Chile. Vietnam nannte ich aus persönlichen politischen Gründen, da mich der Vietnamkrieg zur Zeit der Studentenrevolte stark geprägt hatte und ich den Krieg künstlerisch thematisiert hatte; Brasilien wegen der damaligen unverständlichen Ablehnung aus der Münchner Zentrale noch unter der Militärdiktatur, aber auch wegen der faschistischen Sprüche des soeben gewählten Präsidenten Bolsonaro. Chile, wegen meinen Sympathien für den 1973 ermordeten Sozialisten Salvador Allende.
„Vietnam macht Wilfried“, meinte Presser und kündigte mich dort mit einer E-mail an. Einen Monat später flog ich auf eigene Kosten in das vorher noch nie besuchte Land. Ich beschränke meine neuntägige Reise nur auf Hanoi. Ich hatte Glück und fand im Zentrum für 20 Dollar inkl Frühstück ein gutes kleines Hotel mit nur freundlichen Menschen. Am ersten Tag besuchte ich bei 30 Grad schwüler Luft Wilfried, den Leiter des Goethe Instituts. Er trug eine gelbe Fliege und ein rotes Hemd. Es war bereits Mittagszeit, ich hatte mich verspätet, dennoch schenkte Wilfried mir eine halbe Stunde. Ich stellte Buch und das Projekt vor. Wilfried war nach einiger Überlegung von der Sache überzeugt und sagte zu. Wir einigten uns auf einen Eröffnungstermin am 2. September 2019, dem 50ten Todestag von Hoh Shi Minh.

Abb. 6 Ernst Volland, VIE10, Fotografie , 1997. 100 x 140 cm

Abb. 7 Ernst Volland, VIE11, Fotografie, 1997. 100 x 140 cm

Abb. 8 Ernst Volland, Myl1, Fotografie, 2007. 100 x 140 cm
Hanoi überraschte mich, besonders das geschickte Fahren im Verkehr mit tausenden leichten Motorrädern, aber auch die vielfältige einfache Küche. Ich recherchierte für meine Ausstellung in verschiedenen zeitgenössischen Museen, die alle den Vietnamkrieg thematisierten, aber auch die französische Kolonisierung, sprach mit interessanten Menschen. Zuerst besuchte einen der bekanntesten Designer, der in Halle studiert hatte und zwölf Jahre in der DDR lebte, am nächsten Tag führte mich die Vize-Direktorin des Hanoi Kunstmuseum durch die Sammlung. Ich kam in Kontakt mit einem humorvollen Professor der Kunsthochschule, der mich einlud, an seiner Hochschule beim nächsten Besuch einen Vortrag zu halten.
Schließlich fand ich auch eine junge Historikerin, die mein Projekt bei Goethe mit begleiten wollte und reiste zurück nach Berlin.
Ich schrieb ein generelles Konzept für mein Projekt, das die spezifischen landestypischen Eigenheiten kurz berücksichtigte und schickte es nach einigen Monaten Wilfried. Es waren noch neun Monate Zeit bis zur Eröffnung. Postwendend kam die ablehnende Antwort von Wilfried, dem Leiter des Goethe Institutes Hanaoi, ich sei schlecht vorbereitet, hätte keinen Kurator vor Ort und zu teuer. Keine Fragen. Auf Wiedersehen.
Im Juni des gleichen Jahres nahm ich während eines Aufenthaltes in Lissabon die Gelegenheit wahr und bekam einen Gesprächstermin mit der neuen Leiterin des Goethe-Institutes. Schon nach wenigen Minuten sprachen wir über mein letztes Buch, das Konzept Eingebrannte Bilder und wie man es in Portugal präsentieren könnte. Die Leiterin schlug vor, zuerst einmal zwei bis drei Eingebrannte Bilder im Original zu zeigen und dann in einem Vortrag über Erinnerung, Fotografie und Kunst zu diskutieren. Eine gute Idee. Seit vierzig Jahren besuche ich regelmäßig Portugal. Es ist für mich und meine Familie zu einer zweiten Heimat geworden. Die Liebe fing im Jahr 1976 an, als ich in Lissabon Künstler besuchte, die spontan auf die Nelkenrevolution im April 1974 reagiert hatten und ihre Bilder in einer umfangreichen Ausstellung im Berliner Schloss Charlottenburg zeigen konnte. Nach dem Treffen ging ich beschwingt aus dem Goethe-Institut, das direkt neben der deutschen Botschaft liegt. Beschwingt, weil Vorstellungsgespräche dieser Art nie einfach sind. Ich habe seitdem nie wieder etwas von der Leiterin des Goethe-Institutes gehört.
Im Sommer besuchte ich das Jahresfest der Goethe Institute im Hamburger Bahnhof, Berlin. Die Sonne schien, die Stimmung war ausgelassen, ein herrliches Fest. Viele Länderchefs waren angereist, man konnte Kontakte machen. Der Chef aller, Herr Lehmann hielt eine bemerkenswerte Rede. „Vergessen Sie nicht, wir sind eine Demokratie und der verlängerte Arm des Außenministeriums. Wir können dort kulturell mehr bewirken, wohin der Arm der Politik nicht reicht.“ Ich fühlte mich angesprochen.
Mit diesem Wind im Rücken fuhr ich mit dem Zug und 35 Grad Hitze nach Warschau zu Herrn Bertram, den ich auf dem Goethe Fest getroffen hatte. Mein Besuch war angekündigt. Herr Bertram nahm mein Buch, den Katalog meiner Ausstellung in Israel, legte beides auf einen großen Stapel Bücher mit der Bemerkung, er ziehe gerade um, viel Arbeit. Wir sprachen über meine Intentionen, gerade in Polen auszustellen (Auschwitz). Herr Bertram lehnte ab, weil die Zusammenarbeit mit der polnischen Seite sehr schwierig sei und er für dieses Projekt keinen geeigneten Raum finden könnte.
Teil 3 folgt
]]>Teil 1
„Das Goethe-Institut e. V. ist das weltweit tätige Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland. Wir vermitteln ein umfassendes Deutschlandbild durch Informationen über das kulturelle, gesellschaftliche und politische Leben in unserem Land. Unsere Kultur-und Bildungsprogramme fördern den interkulturellen Dialog und ermöglichen kulturelle Teilhabe. Sie stärken den Ausbau zivilgesellschaftlicher Strukturen und fördern weltweite Mobilität. Wir sind Partner für alle, die sich aktiv mit Deutschland und seiner Kultur beschäftigen und arbeiten eigenverantwortlich und parteipolitisch ungebunden.“
Ich bin Teil der deutschen Kultur und habe mich einige Male bemüht, meine künstlerischen Erfahrungen in den Goethe-Institutionen einzubringen. Meine Erfahrungen und Praxis sind breit gestreut: Satire, Karikatur, Fotografie, Malerei, Video. (ernstvolland.de).
Hier mein Bericht.
Anfang der 80er Jahre kam der Leiter des Goethe Institutes in Porto Alegre, Brasilien, Herr Scharff zu mir nach Berlin und fragte mich, ob ich Interesse hätte, in mehreren Goethe Instituten in Brasilen auszustellen und einen Workshop zu leiten. Ich war überrascht und erfreut über Besuch und Angebot, in fast allen Städten Brasiliens mit Goethe-Instituten auszustellen und Workshops zu leiten.
Trotz der Militärdiktatur oder vielleicht gerade deswegen arbeiteten einige interessante kritische Künstler in Brasilien und meine Kenntnisse über Satire und Fotomontage seien gefragt. Ich erklärte mich bereit, entwarf ein Exposé, während sich Herr Scharff um die Modalitäten kümmerte. Fünf Orte in dem riesigen Land waren geplant, darunter auch die Hauptstadt Brasilia. Die freundliche Leiterin aus Brasilia besuchte mich einige Wochen später ebenfalls in meinem Atelier und bekräftigte den Wunsch der Goethe Häuser in Brasilien, mit mir zusammen zu arbeiten. Ich war an dem Projekt sehr interessiert und über die Anfrage erfreut. Mir war bekannt, dass streikende Arbeiter hart mit Folter und Gefängnis verfolgt wurden, auch in großen deutschen Betrieben, wie Mercedes.
Ich sah mich als geeignetes kulturelles Kontrastprogramm der Bundesrepublik Deutschland. Nach einigen Monaten erreichte mich ein Brief von Herrn Scharff aus Brasilia mit der Information, weder Workshops noch Ausstellungen könnten realisiert werden, die Zentrale in München habe das Projekt nicht bewilligt. Eine wie auch geartete Begründung wurde nicht gegeben.
Goethe gab mir ein Jahr zuvor in Athen die Gelegenheit, meine kritischen Plakate auszustellen, was auf die Aktivitäten eines einzelnen zurückzuführen ist, dem Schriftsteller Hartmut Geerken, der dort arbeitete. Ich hängte etwa 25 Plakate auf. Der Institutsleiter schritt die Hängung ab und zeigte jeweils mit dem Finger auf ein Plakat. “Das muss ab, das muss ab, und das muss ab“. Von 25 Arbeiten wurden schließlich 15 genehmigt, 10 fielen der Zensur zum Opfer. Ich stand vor dem Problem, alles abzuhängen, mich nicht zensieren zu lassen oder den Rumpf der Ausstellung zu zeigen. Ich entschied mich für letzteres und fragte den Leiter nach den Kriterien der Abhängung. Er sagte nur kurz, „Was denken Sie, Ihre Ausstellung komplett und ich hätte morgen einen wütenden Außenminister Genscher im Haus.“
Griechenland Athen. Smog. 35 Grad. Ich lernte eine junge Frau mit einem Motorrad kennen. Sie zeigte mir die Stadt, das Meer, die Akropolis.
Im Laufe der Jahre erweiterte ich mein künstlerisches Programm, hielt mich auf Grund der negativen Erfahrung jedoch mit Kontakten und Angeboten zurück. Allerdings kamen von Seiten der Goethe-Institute auch keine Angebote. Ich beschäftigte mich intensiv mit Fotografie, gründete die Fotoagentur „Voller Ernst“, publizierte Bücher und malte mit Buntstiften, immer mit einem kritischen Kontext.
2009 bekam ich die Gelegenheit in der Zentrale der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin meine Serie „Eingebrannte Bilder“ umfangreich zu zeigen. Sie basiert auf historischem Bildmaterial, vorwiegend sind es Ikonen aus der Geschichte der Fotografie. Ich verfremde Bild Ikonen, wie das schreiende nackte Mädchen, napalmverletzt in Vietnam oder das Portrait von Anne Franck durch Unschärfe und extreme Vergrößerung des Formats. Es geht um Erinnern, Fotografie, Wahrnehmung, Kunst.

Abb. 1 Ernst Volland, E9, Fotografie, 1997. 140 x 100 cm


Abb. 3 „Eingebrannte Bilder“. Katalog der Ausstellung Heinrich-Böll- Stiftung. 2009.
Die Kuratorin der Ausstellung in der Heinrich- Böll- Stiftung, Marianne Zepp, ging anschließend für die Böll-Stiftung fünf Jahre nach Israel.
Dort versuchte sie eine ähnliche Ausstellung zu realisieren, sie konnte mit Böll aber allein das Projekt nicht umsetzen und wollte daher das Goethe- Institut ins Boot holen, das jedoch kein Interesse zeigte.
Ich suchte Unterstützung von außen und fragte die beiden Direktoren des Deutschen Historischen Museums, Dieter Vorsteher und Hans Ottomeyer, ob sie sich für mich bei der Leitung von Goethe in Israel verwenden könnten, da sie gerade einige großformatige Bilder aus meiner Serie „Eingebrannte Bilder- E1-E9“ im Historischen Museum gezeigt und angekauft hatten. Sie schrieben eine Empfehlung, die bei Goethe in Tel Aviv nichts bewirkte.
Ich war schon seit langem aus persönlicher Motivation sehr an einer Ausstellung mit meinen Eingebrannten Bildern in Israel interessiert, ebenso an einer Ausstellung in Polen.
Es vergingen mehrere Jahre und nichts bewegte sich, bis ich Kontakt mit Franz Walter Steinmeier bekam, der sich des Problems annahm und einen Brief an den Chef aller Goethe-Institute schrieb, Herrn Lehmann, mit dem Tenor, Ernst Volland sei einer der bedeutendsten kritischen Künstler in Deutschland und es wäre auch im Sinne des Goethe-Institutes, als verlängerter kultureller Arm des Auswärtigen Amtes, dem Künstler Ernst Volland die Gelegenheit zu bieten, im Goethe Institut in Israel auszustellen. Herr Lehmann informierte den Leiter des Goethe Institutes in Israel, es passierte jedoch wieder nichts, bis kurze Zeit später ein neuer Institutsleiter aus Moskau nach Israel wechselte, Wolf Iro. Dieser war von meinem Projekt sehr angetan, besuchte mich in Berlin und die Ausstellung wurde endlich, im Museum on the Seam, Jerusalem mit einem Katalog gezeigt. Ich stellte künstlerisch bearbeite Ikonen aus Deutschland, Israel und Palästina aus.
Später wanderte die Ausstellung zum Fotofestival Tel Aviv. Zeitgleich bekam ich eine Einladung von der Hebrew University für einen Vortrag über meine künstlerischen Intentionen. Eine ganze Woche hielt ich mich in Israel auf, einen Tag davon im Westjordanland. Die schwierigen Vorbereitungen für diese Ausstellung dauerten sechs Jahre. Es hatte sich gelohnt.

Abb. 4 Katalog der Ausstellung „Ernst Volland- Embedded in Memory“. Museum on the Seam. Jerusalem 10.11. 2016 – 1.2. 2017
Teil 2 und 3 folgen.
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Neulich – das war mittelschwer –
schwamm ich durch das Mittelmeer
von Algier bis nach Alicante
und besuchte dort meine Tante.
Sie fragte: „Hast du keine Mittel mehr?“
Als ich noch ein Schüler war
und es noch viel kühler war
– also während der jüngsten Eiszeit –
waren wir ständig eingeschneit.
Der Lehrer nahm meist keine Schüler wahr.
Schließlich nahm ich meinen Hut
und verließ das Institut.
Rasch schritt ich hinaus ins Weite,
entzündete ein paar Scheite
und warf hinein den alten Hut.
Nie hatten wir nen schlauern Boss.
Er lebte in einem Bauernschloss
und war umgeben von vielen
Weibern mit wunderschönen Leibern.
Die sorgten für den faulen Boss.
Endlich ist der Juli da,
und damit auch Julika.
Sie ist zurück aus Schweden.
Dort darbte sie mit Asketen,
hier ist sie ein Paar mit einem Jubilar.
Neulich in der Abendstille
fiel mir ein mein letzter Wille:
Unter einem grünen Baume ruhn
und im Traume Gutes tun.
Und ab und zu ein Tusch für Tille!
Wir haben uns sehr gern gemocht,
nun brennt hinweg der Docht.
Wir drehen uns zur Seite,
liegen da wie zwei noch warme Scheite
und hören, wie das Herz des andren pocht.
Gestern traf ich Annelore,
die leidet sehr am linken Ohre.
„Warst du schon beim Otologen?“
„Ja, der hat mich aber nur betrogen.“
„Dann leg dich erst mal auf das rechte Ohre!“
Kürzlich kaufte sich Herr Bitzewuch
ein schönes neues Witzebuch.
Er hat sich beim Lesen totgelacht,
man sieht ihn nun in Kapelle 8.
Vorsicht beim Kauf vom Witzebuch!
Neulich ging ich in mein Stüblein.
Da klingelte ein Büblein.
„Guten Tag, Herr Lehrer,
Ihre Aufgaben werden immer schwerer!“
„Sind sie zu viel fürs kleine Rüblein?“
Neulich war ich im Talentschuppen
und fragte: „Geht es hier ums Tal-Entschuppen?
Sagen Sie mir, was ich machen soll,
ich mache es bestimmt ganz toll.
Sonst gehe ich zum Tal-Entkuppen.“
Neulich war ich auf den Seychellen
und jagte dort ganz viele Libellen.
Über diese himmlisch schönen Tiere
schrieb ich manch kluge Papiere.
Das musst du mir glauben, Ellen!
Neulich herrschte Open Hour.
Dabei traf ich Schopenhauer.
Ich fragte ihn, wie es ihm so gehe.
Er sagte nur: „Wehe, wehe!“
Ich schlug ihm vor: „Dann wetz die Hauer!“
Sie setzten sich in den Wintergarten
und wollten nun auf Kinder warten.
Doch es wurde der Tage längster.
„Wo bleibt ihr denn, ihr kleinen Gangster?“
„Wir müssen wohl bis Winter warten.“
Archibald saß locker auf dem Hocker
und trank genüsslich seinen Mokka.
Plötzlich kippte der Hocker um
und Archibald samt Mokka stürzten um.
Im Fernsehen zeigte man gerade Soccer.
Das hier ist eine Montageanleitung,
ich brauche aber eine Sonntageanleitung!
Ich will wissen, was am Sonntag zu tun ist,
wenn man nicht gerade ein Huhn ist.
Und komm mir ja nicht mit der Donnerstageanleitung!
Neulich sagte Frau Hillenstädt:
„Ach wenn ich doch auch so’n Stillen hätt!
Meiner macht hier ständig Krach
oder liegt besoffen den ganzen Tag lang flach!“
Ach, wenn ich dafür nur Pillen hätt!
Neulich traf ich Donald Duck,
nicht den Kleinen Muck.
Ich fragte ihn, was seine Neffen so machten.
Er sagte, dass sie nur Faxen machten,
vor allem in dem Bummelzug.
Irgendwann sagte der Schwan:
„Ich hau jetzt ab nach Japan!“
„So weit kannst du doch gar nicht fliegen!“
„Aber ich kann mit dem Flieger fliegen!“
„Das ist stark, mein lieber Schwan!“
„Du musst Susanne sein,
und du wohnst in Köln am Rhein!“
„Ja, das ist korrekt!“
„Aber sprichst du nicht auch Dialekt?“
„Doch, den spreche ich astrein!“
Es war einmal ein Partisan,
der sah sich viele Partys an
und überlegte: Wo wage ich den Überfall?
Am besten wohl beim Opernball.
In Wien fing er zunächst mit Smarties an.
Ich spürte schon des Lebens Ende,
da fühlte ich auf einmal EberhardensLende.
Ich dachte: Das geht ja doch noch weiter,
und zwar ziemlich heiter!
Das war des Lebens Wende!
Hier am Wetterstein
trinkt man meistens Stetter Wein.
Er wächst hinauf bis zu dem Gipfel
und trägt zur Krönung kleine Zipfel.
Auf alle Fälle: netter Wein!
Oh, was war die Mücke froh,
als sie flog durch den weiten Zoo!
„Ich bin hier nicht eingesperrt,
und deshalb bin ich unbeschwert.
Ähnlich sah’s schon Cicero.“
„Guten Tag, Frau Glitwen-Wück!
Wie steht’s denn um ihr Witwenglück?“
„Meinen Alten bin ich ja nun los,
doch mit mir selber ist nichts mehr los!“
„Machen Sie sich erst einmal ein gutes Frühstück!“
Neulich war ich in Surinam,
dem Land, aus dem auch Yuri kam
Sein wunderbares Tropenholz
erfüllt dort jedermann mit Stolz,
auch den, der dahn nur als Touri kam.
Heute fuhr die gute alte Mellerine
mit ihrer Karre auf eine Tellermine.
Von Melli blieb nicht viel übrig,
auch ihre Karre sah aus betrüblich.
Erhalten blieb ihre Pellerine.
Oh, wie laut das Rind flucht:
„Schon wieder eine Sintflut!
Muss ich schon wieder mit meinem Arsche
hinein in diese Arche?
Besser ist der Blindflug!“
Damals kamen aus dem Polenland v
iele Männer in das Kohlenland.
Sie schufteten dort unter Tage
bis zu ihrem letzten Tage.
Die Freizeit verbrachten sie im Dohlenland.
Die jungen Frauen von Mechelen
erfreuen durch ein besonderes Lächeln.
Und auch ihre Kunst des Klöppelns
ist viel besser als des Hasen Kunst des Hoppelns.
Anmutig sind sie auch beim Fächeln.
Zeichnungen Ernst Volland
Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt hatte ich vor, wieder zu meiner gewohnten Physiotherapeutin zu gehen, ich musste jedoch einige Wochen warten, sie war im Urlaub. In der ersten neuen Stunde legte sie mich bäuchlings lang auf eine Liege, mein Gesicht steckte in einer Ausbuchtung, sodaß ich atmen und sprechen konnte.
Sie hatte eine deutsche Freundin in Ägypten besucht, erzählte sie und knetete meine Rückenmuskulatur. Als sie erwähnte, diese sei mit einem Palästinenser verheiratet, merkte ich, ich kann mit ihr über alles reden. Aber ich wollte nicht reden, ihre Hände glitten über meinen Rücken, ich schloß die Augen und ich erinnerte mich an Salah Jahin.
In Wilhelmshaven befand sich nach dem 2. Weltkrieg eine Zeit lang ein Hochschuldorf, eine Universität, auf der ein Nachbar lehrte, der auf der Etage über uns wohnte, Professor Franz Maria Feldhaus. Nicht nur sein zweiter Name verwunderte, er war dreissig Jahre älter als seine Frau. Das Paar lebte mit drei Töchtern. Später erfuhr ich, dass Feldhaus viermal verheiratet war und neun Kinder hatte.
Alle drei Töchter über uns waren älter als ich und unerreichbar, Herrat, Sissi und Gela.
Bekannt wurde Feldhaus als Technikhistoriker und durch ein 1924 in Berlin Friedenau veröffentlichtes Werk
„KA-PI-FU und andere verschämte Dinge, eine Kulturgeschichte des Klosetts.“ (Ka- Pi-Fu- Kacken-Pissen-Furzen).
Die jüngste Tochter Gela zog später mit ihrem Mann nach Heidelberg, wurde Lehrerin wie ihr Mann, der eines Tages auf die Idee kam, für einige Jahre an die Deutsche Schule in Kairo zu gehen. Durch einen Zufall kam ich mit Gela, die inzwischen Fuchs hieß, wieder in Kontakt und sie und ihr Mann luden mich nach Kairo ein.
Ich absolvierte das übliche Besuchsprogramm Pyramiden, Museen und merkte allmählich, dass Gela und ihr Mann einen besonderen Status genossen. So konnten sie problemlos mit ihren Verwandten und Freunden in Deutschland telefonieren, obwohl auf Grund der politischen Spannung zwischen Ägypten und Israel, niemand ins Ausland telefonieren durfte. Nur Herr Fuchs und seine Frau. Einladungen zu ägyptischen Freunden und Bekannten mit eigenem Swimmingpool war Normalität.
Eines Tages, zu Beginn des Ramadan, kam ein schlanker Mann, mit grauen Schläfen zu Besuch, der mir bei einem Glas Tee nach kurzer Zeit in einem Nebensatz das Angebot machte, irgendeine Persönlichkeit aus Ägypten kennen zu lernen, falls ich das wolle. Das Angebot überraschte mich, war es ernst gemeint, machte sich der Gast nur wichtig? Egal, ich nutzte die Gelegenheit und antwortete, ja, ich möchte den besten ägyptischen Karikaturisten kennen lernen.
Ich hatte keine Ahnung, ob es überhaupt einen Karikaturisten in diesem Land gab, Karikaturen gab es nur in der westlichen Welt, nicht in Afrika.
Am nächsten Tag fuhr ein Auto vor und aus diesem stieg Salah Jahin.
(Englische Textpassagen unverändert aus dem Internet)

Foto: Salah Jahin in frühen Jahren.
Ich war beeindruckt und das doppelt. Einmal von der prompten Erledigung des Angebotes und von dem Mann, der vor mir stand, Salah Jahin.
Er war einen Kopf kleiner als ich, kugelrund und lächelte mich freundlich an.Wir unterhielten uns über die Schwierigkeiten, die man als kritischer Künstler bekommen konnte, sowohl in Deutschland, als auch in Ägypten, ich erzählte von meinen Prozessen und polizeilichen Schwierigkeiten, was Salin Jahin überraschte. Er selbst sah sich als Cartoonist, der vornehmlich unpolitische Zeichnungen veröffentlichte, obwohl er ein zutiefst politischer Mensch und Künstler war, der die Revolution von Nasser (Gamal Abdel Nasser Offizier und Ministerpräsident 1952-1970) mit aller Vehemenz verteidige.
In einem kurzen TV Statement spricht Salah Jahin 1970 über die Ziele der Revolution für den Globalen Süden, nämlich unabhängig zu werden von der politischen und ökonomischen Dominanz der Vereinigten Staaten.
https://x.com/drhossamsamy65/status/2005505986325520892

Zeichnung von Salah Jahin, ohne Datum
Mir war klar, ich habe gerade einen sehr klugen, freundlichen Menschen kennen gelernt, der mir ein paar Stunden gewidmet hatte, was auch immer sein Motiv gewesen war. Die Wege sind verschlungen, Ägypten ist das Tor zu Afrika, der Blick geht in den Orient, Inchallah, eine wunderbare Begegnung.
Viel später erfuhr ich, was für eine Koryphäe zum Tee beim Ehepar Fuchs auftauchte.
Salah Jahin war der führende ägyptische Schriftsteller, Lyriker, Playwriter und Cartoonist. Ich erfuhr, daß er Songtexte für die Sängerin Dalia geschrieben hatte, die Millionen Auflagen erreichten. Er schrieb auch Texte, Dialoge und Songs für Filme. Außerdem arbeitete er für ein Puppentheater und schrieb Texte für Kinderserien im Fernsehen. Es ist daher nicht überrraschend, dass er auch als Schauspieler auftrat.

Plakat zum Film, „Kümmere dich um Zuzu“. Dialoge und Songs von Salah Jahin.
„In the golden age of cinema, Jahin wrote and inspired many of the masterful movies that we grew up watching, such as Khali Balak Men Zouzou, which was screened for over a year, and Shafiqa Wa Metwali, which documented the social history of two siblings in the construction of the Suez Canal. The latter movie and poem are inspired by the classic mawwal folktale of Shafiqa & Metwali but were innovatively brought back to life by the multi-talented Jahin. Jahin also wrote the Soad Housni masterpiece, Amira Hobbi Ana, considered one of the best love-story movies!“
Die vielfältigen Arbeiten von Salah Jahin scheinen immer noch aktuell zu sein.
„Cairo International Book Fair is back with its 54th edition! The oldest book fair in the MENA region will run from January 24th to February 6th, 2023 with over 1000 publishing houses and cultural events to participate in. Annually, the book fair honours a cultural icon and identifies them as the character of the exhibition.This year, the late Salah Jahin, Egypt’s leading poet, playwright, and cartoonist, is the fair’s spotlight; his complete poetic works will be printed and presented. So, in preparation for the book fair, let’s honour the legacy of Salah Jahin in our own way!
„In the 1960s, Jahin wrote a rubaiyat (quatrains) poem that expressed his views and emotions on life, existence, and morality. Each verse ended with his signature expression, “Wa ‘Agabi”, an Egyptian statement indicating irony. These quatrains are considered one of the most outstanding poetic achievements in Egypt and are the most popular among all Arabic poetry enthusiasts.“
Ägypten nennt sich Demokratische Republik. Man kann Zweifel haben, was den demokratischen Aspekt betrifft. Salah Jahin blieb ein überzeugter Anhänger
von Nasser und auch ein zutiefst überzeugter Sozialist. Um so enttäuschter war er, als er sah, wie die soeben neu gewonnenen Errungenschaften wieder rückgängig gemacht wurden.
Ägypten ist nach Artikel 1 der ägyptischen Verfassung vom 11. September 1971 ein „sozialistischer demokratischer Staat“ und „Teil der arabischen Nation“. 1980 wurde diese Verfassung verändert, u.a. wurde der Begriff „sozialistisch“ getilgt.
Als wir uns 1978 für ein paar Stunden trafen, kam sein ironischer Zug zum vorschein, denn so deute ich den Satz, den er in das Gästebuch schrieb.
Ausschnitt Gästebuch Gela Fuchs. Text Salah Jahin. Zeichnungen Ernst Volland
„Dieser Satz ist ein langer Ausdruck von Freundschaft, aber er ist hyroglyphisch. Vielleicht verstehst du das nicht, egal, ich verstehe es auch nicht.“
Salah Jaheen 27. 2. 1978.
„Muhammad Salah Eldin Bahgat Ahmad Helmy, known as Salah Jaheen, December 25, 1930 – April 21, 1986 was a leading Egyptian poet, lyricist, playwright and caroonist.“
Briefmarke mit einer Portraitkarikatur von Sala Jahin. Zeichnung von Yusseff Wilson 10. 1. 2025. „Sylah Jahin memorial stamp“.
Zum Schluss die Auflösung. Warum genossen die Fuchsens solche Privilegien? Nicht einfach zu erraten. Herr Fuchs war neben seiner Tätigkeit als Lehrer an der deutschen Schule in Kairo auch der Schulpsychologe. Es gehörte zum guten Ruf für wohlhabende Ägypter, ihre Kinder auf die deutsche Schule zu schicken. Jedes Jahr gingen fast Fünfhundert Bewerbungen ein. Nur 20 wurden angenommen. Alle Kinder mussten sich einem Test unterziehen, den der Schulpsychologe auswertete.
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Bisher schrieb ich über den Schriftsteller Johann P. Tammen und über seine Mutter Lucie Tammen, die am 23. Dezember 2025 Hundert Jahre alt geworden wäre. In diesem Beitrag geht es um den Bruder von Johann P. Tammen, Werner Tammen.
Irgendwann im Sommer, Mitte der 70er Jahre, organisierten wir (meine ehemalige Frau Hilke und ich) den Umzug von Werner Tammen aus dem verträumten Rüstersiel, einem Vorort von Wilhelmshaven, nach Berlin.
Viel brauchte Werner nicht, einen Koffer, eine Matratze und als Wegzehrung von seiner Mutter Lucie, zwanzig Dosen Mockturtle.(1)
Unser VW war ohne Gepäckträger ausgerüstet. Wohin mit der dicken Matratze? Ganz einfach, längs aufs nackte Dach und mit einem Seil festgebunden, das durch den Innenraum führte, die Fenster blieben links und rechts einen Spalt offen. Es ging durch die damalige DDR, auch Zone genannt, nach Neukölln in die Weserstrasse, einem verschlafenen Arbeiterbezirk im Süden von West- Berlin.
Eines Tages heuerte Werner bei mir an und fuhr mit mir und Achim, einem gemeinsamen Wilhelmshavener Freund, gelegentlich durch die Bundesrepublik. Wir stellten uns bei politischen Festivals oder bei Großveranstaltungen der Gewerkschaften mit einem Tapetentisch aufs Gelände und verkauften meine Plakate, Postkarten, Aufkleber und Bücher. Nichts gegen Achim, aber einen besseren Mitarbeiter als Werner konnte ich nicht finden.
Auf den Festivals waren wir nicht allein, es gab viele Stände von unterschiedlichen Gruppen der Jusos, Amnesty International, DKP, diversen Jugendgruppen und kirchlichen Einrichtungen. Die Verkaufsfläche war meistens parzelliert, auf maximal drei Meter in der Länge. Werner zog die Strippen, im wahrtsen Sinne des Wortes. Er verband unseren Stand mit einem Laternenpfahl und hängte dort Plakate auf. Das war der Auftakt zu einer geschickten Vergrößerung unseres Standes und somit auch besseren Umsatzes.
Die gelegentlichen Festivalbesuche reichten weder Achim noch Werner zum Lebensunterhalt. Sie suchten sich neue Felder. Achim übernahm den Vertrieb eines politischen Plattenlabels, Pläne records und Werner versuchte sein Studium der Betriebswirtschaft abzuschließen. Nebenbei konzentrierten sich beide auf einen Kommunikations und Ausstellungsraum, eine ehemalige Bäckerei mit Verkaufsraum, den Achim am Chamissoplatz anmietete. Werner übernahm die Rolle des Kurators.
Zuerst wurden Kreuzberger Künstler ausgestellt, dann war der Ort gut für bekannte Künstler wie Horst Janssen, Franz Radziwill, Alfred Hrdlicka, Hanefi Yeter, Serpil und Akba Behkalam.
1982 konnte ich Werner übezeugen, in der Galerie einen Kunstfake zu lancieren, bei dem ich den Künstler erfinde – Blaise Vincent – und dessen Bilder in kürzester Zeit male. Der Fake gelang, Blaise Vincent wurde durch unsere fingierte Promotion rasch bekannt und es gelang der Galerie am Chamissoplatz sogar, der Neuen Nationalgalerie ein Bild des Künstlers zu vermitteln, das sich noch heute im Besitz der Nationalgalerie befindet. (2)
Blaise Vincent „La duce nuit a Kreuzberg, 1983. Neue Nationalgalerie. Berlin.

Blaise Vincent „La duce nuit a Kreuzberg, 1983. 140 x 100 cm. Neue Nationalgalerie. Berlin.
Werner änderte nach der Blaise Vincent Aktion die Ausrichtung der Galerie und favorisierte das Komische.
Die Galerie am Chamissoplatz wurde in den folgenden Jahren rasch eines der Zentren in Deutschland für Humor und Satire. Die Liste der ausstellenden Künstler ist lang. Ralph Steadman, F.W. Bernststein, Hans Traxler, Michael Sowa, Ernst Kahl, Gerhard Haderer, Manfred Deix, und unmittelbar nach der Wende die Gruppe PGH Glühende Zukunft mit Anke Feuchtenberger und Beck.
Die vielfältige, kritische Berliner Zeichnerszene wurde unter dem Label „Schnell im Biss, Berliner Comix und Karikaturen” gebündelt und zeigte Namen wie Gerhard Seyfried, Erich Rauschenbach, Hogli, Harald, Meisterstein, Hachfeld, Wössner und Bunk.
Als der Zeichner Brösel alias Rötger Feldmann („Werner Oder-was?“) ausstellte, platzte die Galerie aus allen Nähten. Brösels Ausstellung, gekoppelt mit einem spektakulären Motorradrennen, war einer der Höhepunkte in der Geschichte der Galerie am Chamissoplatz.
Werner hatte neue Pläne. Nach der Wende zeigte er neben Cartoons und Karikaturen auch verstärkt wieder freischaffende Künstler, vorwiegend Malerinnen und Maler. Schließlich verlagerte er den Ausstellungsort und zog mit Malern wie Rainer Fetting in spektakuläre Räume im Besitz von Kurt Mühlenhaupt, zwei Straßen weiter. Hier blieb er einige Jahre, dann zog es ihn direkt an den Checkpoint Charlie. Die Ausstellungsräume wechselten mit samt des kompletten Wohnblocks den Besitzer, Werner zog in die Hedemannstrasse um, Ecke Friedrichstraße, direkt gegenüber dem neuen TAZ-Gebäude. Dort residiert er seit über zehn Jahren. Werner hat sich nie zum Haifisch Galeristen entwickelt, war doch diesbezüglich nach der Wende 1989 in Berlin alles möglich.
2019 zeigte er in der Hedemannstrasse in einer Einzelausstellung einen Überblick über mein gesamtes künstlerisches Schaffen. Grundlage war der 600 Seiten Katalog des Hirnkost Verlages mit dem Titel: Ernst Volland – Eingebrannte Bilder, Plakate, Cartoons, Buntstiftbilder, Fakes, Dokumente.
Werner Tammen ist Mitbegründer der Art Karlsruhe. Von der SPD bekam er den Auftrag, die neu gebaute SPD Zentrale mit Kunst auszustatten. Außerdem ist Werner seit Jahren erster Vorsitzender der Berliner Galeristen. Diese Funktion füllt er ehrenamtlich mit Engagement und feinem Humor aus. Seine Tätigkeit wurde mit dem Bundesverdienstkreuz geadelt.
Werner, gerade 73 jahre alt geworden, kann auf eine reiche Erfahrung als Galerist und Kurator zurückblicken. Er ist nicht nur versiert in künstlerischen Diskussionen, sondern auch in politischen Auseinandersetzungen. Warum hat die SPD in Berlin Werner Tammen nie das Angebot gemacht, Berliner Senator für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt zu werden? Nein, man kann noch weiter fragen. Warum hat die Bundes-SPD Werner Tammen nie ins Gespräch gebracht, für die Stelle des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland?
(1) Mockturtle, auch bekannt als „falsche Schildkrötensuppe“ (Mock Turtle Soup), ist eine
herzhafte, dunkle Suppenspezialität, die hauptsächlich im Ammerland und Oldenburg (Niedersachsen) beheimatet ist. Als preiswerter Ersatz für echte Schildkrötensuppe entwickelt, enthält sie traditionell Rindfleisch, Schweineherzen, Schweinezunge und kleine Fleischklößchen in einer würzigen Sauce.
(2) Die Geschichte von Blaise Vincent – Ernst Volland. Katalog der Galerie am Chamissoplatz mit einer Dokumentation über Idee und Ausführung der Fake
-Aktion Blaise Vincent, 1983
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In meinem letzten blog habe ich über Johann P. Tammen geschrieben. In diesem Blog geht es um die ganze Familie Tammen, und hier besonders um Mutter Lucie Tammen.
Kürzlich schickte mir ein Freund aus Wilhelmshaven einen Zeitungsausschnitt zu. Es war im engeren Sinn keine Todesanzeige, sondern eine Erinnerung an eine besondere Frau, Lucie Tammen, die am 23. Dezember 2025 Hundert Jahre alt geworden wäre.

Auch mir ist Lucie, wie ich sie nennen durfte, in guter Erinnerung. In der Anzeige schreiben die vier Kinder von „überraschenden Alltags-und außergewöhnlichen Glücksgefühlen am Wegesrand“. Einen dieser am Wegesrand befindlichen Glücksgefühle aus dem Jahr 1975 möchte ich erzählen.
Es war der 23. Dezember, ein Tag vor Heiligabend. Jedes Jahr feierte Lucie an diesem Tag im Kreise ihrer Familie und mit einigen Freunden ihren Geburtstag.
Ich bemühte mich immer diesen Tag frei zu halten und schaffte es auch am 23. Dezember 1975 wieder wie gewohnt dabei zu sein. Lucie wurde 50 Jahre alt.
Am frühen Nachmittag fuhr ich mit dem Fahrrad in das Haus der Familie Tammen, beglückwünschte die Hausherrin zu ihrem schönen Fest, überreichte ein kleines Geschenk und setzte mich in die Runde. Alle vier Kinder waren anwesend. Kaffee und Streuselkuchen wurden gereicht und unmittelbar anschließend kam die erste „Lüttje Lage“ auf den Tisch, Bier und Korn. Vater Tammen, ein Maurer, war bestens gelaunt und erzählte Witze und Anekdoten, die außergewöhnlich gut waren, sodaß sich sofort eine heitere Stimmung entwickelte. Einige Nachbarn kamen hinzu, brachten Blumensträuße und geizten nicht mit herrlichen Geschichten aus dem Leben von Lucie und ihrem Mann Alfred.
Gegen ein Uhr nachts radelte ich den gleichen Weg zurück, innerlich gestärkt und warm, eine Pudelmütze auf dem Kopf, die mir Lucie spontan über die Ohren gezogen hatte.
„Komm her min Jung, fürn Kopp, bist jan‘ Frostköddel aufm Rad. Fahr man vorsichtig, iss glatt draußn.“
An der Maadebrücke, die den Stadtteil Rüstersiel mit dem Stadtteil Altengroden verbindet, in dem meine Eltern wohnten und in dem ich aufgewachsen bin, stand ein einzelnes Auto, aus dem plötzlich zwei Polizeibeamte heraussprangen und mich anhielten. Ich hatte nicht bemerkt, dass es sich um ein Polizeiauto handelte. Der eine Beamte hielt mich am Arm fest, der andere packte beide Hände um den Gepäckträger, um mich zu stoppen.
„Absteigen, sofort absteigen.“
Ich hielt an.
„Geht mein Rücklicht nicht?“ fragte ich. „Ich werds’ reparieren, aber jetzt muss ich nach Hause. Gleich ist Weihnachten.“
Mit diesen Worten versuchte ich wieder auf mein Rad zu steigen.
„Nix da, nix da. Wo kommen Sie her?
„Ich war bei den Tammens, Mutter Tammen hat heute Geburtstag.“
„Ihre Papier bitte.“
„Was für Papiere?“
„Ihren Ausweis, aber ein bisschen hopp.“
„Hab keinen Ausweis. Ich komme gerade von den Tammens, Mutter Tammen hat Geburtstag, wir haben schön gefeiert und jetzt möchte ich nach Hause.“
„Wie heißen Sie?“
„Kuhscheiße.“
„Wie heißen Sie?
„Kuhscheiße.“
Ein Beamter umschloss mit festem Griff meinen Arm und drückte mich in das Polizeiauto. Der andere schnappte das Fahrrad und stellte es an einen Baum.
„So geht das nicht Freundchen. Jetzt machen wir erst einmal eine kleine Spritztour.“
Sie brachten mich auf das nächste Polizeirevier, fragten mich erneut wie ich heiße, ich antwortete mit „Kuhscheiße“ und nachdem sie die Objekte, aus meinen Taschen eingesammelt und schriftlich registriert hatten, schoben sie mich in eine Zelle und schlossen von außen ab.
Der schmale Raum bestand nur aus einer Pritsche, es war angenehm warm. Ich legte mich auf die Decke und versuchte zu schlafen. Nach einer halben Stunde hörte ich einen Schlüssel im Schloss, die Tür wurde einen Spalt geöffnet, ein Kopf schaute herein und fragte.
„Wie heißen Sie?“
„Kuhscheiße.“
Die Tür fiel wieder ins Schloss. Im Rhythmus einer halben Stunde wurde diese Befragung fortgesetzt. Ich antwortete regelmäßig mit dem gleichen Namen „Kuhscheiße“.
Am Morgen, es wurde hell, ich hörte die Geräusche der ersten Busse, hie und da eine Stimme. In unserer Familie wurde der Weihnachtsbaum am Morgen des Heiligen Abend geschmückt. Meine Aufgabe für den Heiligen Abend bestand jährlich darin, den Weihnachtsbaum in einen Eimer mit Erde zu stecken und dafür zur sorgen, dass er nicht umfällt. Sicherlich wurde mein Fernbleiben bemerkt und es war nicht klar, wann ich aus der Zelle kam.
Die Tür wurde geöffnet, eine Stimme fragte, wie ich heiße. Ich nannte meinen richtigen Namen. Diesmal dauerte es drei Stunden, dann öffnete sich erneut die Tür.
„Das hätten Sie mal gleich sagen sollen, dass Sie so heißen. Holen Sie bitte ihre Sachen ab.“
Ich unterschrieb ein Protokoll mit „Kuhscheiße“ und machte mich auf den Weg, den Weihnachtsbaum zum schmücken in einen Eimer Erde zu stecken.
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Zum Abendessen
kamen die Tscherkessen.
Sie verlangten nach Maultaschen
und nach Schnapsflaschen
und dazu nach raffinierten Mätressen.
Ich fuhr nach Chattanooga
und dann hinaus nach Schnattanooga
Dort betreibe ich eine Marihuanafarm,
die macht mich nicht gerade arm.
Der Vater jedenfalls hat viel zu tun da.
Ernstenfalls
kommt es am Rande des fernsten
Alls zu einer Weltraumkatastrophe.
Wer ist dann der Doofe?
Der Mensch zumeist, jedenfalls.
Dieser Friseur
ist ein Hasardeur.
Er betreibt mit allen Haaren
Harakiri, und das seit Jahren.
Ich glaub, ich zeig ihn an beim Kommandeur.
Vivian
kam mit ihrem Fiffi an.
„Das ist ja ein Schock!
Du wohnst fahrstuhllos im zehnten Stock!
Da brauchst einen Zivi, Mann!“
Ein Kater rennt nach Kent
und von da aus bis nach Gent.
Weiter geht’s nach Dassel
und von da aus bis nach Kassel.
Doch nun heißt es: „Er pennt.“
Der Gotenkönig Paul,
der war vielleicht faul!
Nichts hat er gemacht,
nichts bei Tag und nicht bei Nacht.
Nur vollgenommen hat er das Maul.
Germaine!
Entschuldige, dass ich mehr gähne.
Oh, wie standen wir einst in Flammen
lange Zeit zusammen!
Ich wein dir nach keine Träne!
Ja, das war der Jobst,
der aß so gerne Obst:
Kirschen und Melonen,
Äpfel und Zitronen.
Heute ist er Kirchenprobst.
Neulich trafen sich Adele Fux
und ihre Freundin Fadele Ux.
Sie hatten sich viel zu erzählen,
zumeist vom Kinderquälen,
sie waren Erzieherinnen in Hintertux.
Der Tag kam, dass die Oma
fiel in ein tiefes Koma.
„Das ist gewiss das Ende“,
sagte die Gemeinde.
Doch die Oma dachte:
‚Schau mer mal!‘
Neulich fuhr ich durch Melle
und sah am Straßenrand Gabriele.
Sie bat mich zu stoppen
und sagte: „Wollen wir zusammen poppen?“
„Na klar doch, auf der Stelle!“
Auf dieser miesen Ranch
lebte einst ein Riesenmensch,
der hatte viele Bullen
und auch viele Pullen
und sprach nur noch wenig.
Neulich traf ich Gunnar.
Das ist ein rechter Gun-Narr.
Ständig schießt er in die Gegend,
ganz verwegen.
Eigentlich ist er Ungar.
Drei muntere Hennen
marschierten quer durch die Ardennen.
Doch dann beschlich sie ein Zweifel:
Sind wir vielleicht schon in der Eifel
oder vielleicht schon in den Vennen?
Meine Freunde, die Petra und der Rolf,
erholten sich am Golf.
Dann ging es weiter nach Jordanien,
und sie sahen Petras Tempelkleinodien.
Und das alles mit ihrem Golf!
Zwei Antipoden und zwei Antilopen
beschlossen sich zu verloben.
Die Verlobungsfeier
fand statt im Himalaya
im stillen Land der Antisophen.
Es war einmal ein Elefäntchen,
das gab sehr gern sein Händchen,
nicht nur den Löwchen,
sondern auch den Möwchen
und ganz besonders gern den Entchen.
Lars und Lutz und Lüder
waren drei wunderliche Brüder.
Neulich fuhren sie mit dem Fahrrad
von Köln über Heidelberg nach Graz,
die drei stillen Brüter.
Neulich schwamm ich in der Düssel.
Da sah ich einen Rüssel:
Ein Elefant stand am Ufer,
der hatte Angst vor der Schufa.
Ich gab ihm rasch ein Busserl.
Zeichnungen: Ernst Volland