Man sagt den Schwaben ja nach, dass sie „hhhmmm“ – nun ja – „äääähhh“ sehr sparsam sind. Und wenn man mal genau hinhört fällt einem auf, dass diese Sparsamkeit bei der Sprache schon anfängt.
In der schwäbischen „Sparsprache“ spart man sich einfach die „n`s“
„Mir fahre` mit dem Wage` vo` Imme`staad übr Kippe`hause` na Jette`hause`“
Ganze 8 „n`s“ sind verschwunden, verschluckt, sozusagen weggespart.
Wenn man das schon mal mitgekriegt hat und einfach die „n`s“ hinten weglässt, könnte das schon mal der richtige Weg sein.
Aber nur „könnte“!
Denn wenn wir „neigschmeckte“ Nordlichter die „n`s“ einfach weglassen und sonst hochdeutsch weiterquatschen, hört sich das nun wirklich ziemlich bescheuert an.
Es braucht also schon etwas mehr für diese außergewöhnliche Sprache.
Man hockt mit den Einheimischen zusammen, und die kommen dir jetzt mal mit so einem Satz:
„Abbrr deß mr`s au nöh drêngga käh, deß is scho äbbas!“ oder
„Wo isch`n `z Gloo dôhênna“
Da schlackern dir doch die Ohren und du denkst „können die sich nicht mal zusammenreißen“…
Nun bin ich ja glücklicherweise ziemlich „wunderfitzig“ und möchte ganz gern wissen, was die so reden.
Und da waren wir letzte Woche doch bei einem echten einheimischen Ehepaar eingeladen – und was liegt dort auf dem Tisch:
Tatsächlich 2 „Polyglott Sprachführer Schwäbisch“.!!!
Das sagt mir, dass selbst die Einheimischen Schwierigkeiten mit ihrer Sprache haben. Herrlich.
Die hab’ ich mir sofort mal ausgeliehen und ein bissel gestöbert.
Oijoijoi, da haut`s dich aus den Socken…!
Ich werde wohl etwas brauchen um das zu lernen. Ist aber schon sehr lustig, schwäbisch zu lesen. Und erst der Versuch, es nachzuschwätze’…
Allerdings habe ich darin einen sehr schönen Satz gefunden, der beschreibt in wenigen Worten das schwäbische Gefühl:
„Gmiadlich, gell? So käh mr`s oushalde.!
Ja, das sagt einfach alles und beschreibt das Leben hier sehr gut. Mehr braucht’s doch gar nicht. Und den Rest versteht man schon irgendwann.

Ich habe Halsschmerzen, Kopfschmerzen, die Nebenhöhlen sind dicht. Ich glaube ich bekomme eine Erkältung.
Ich denke: naja, Freitag der 13.
Und heute muss ich noch zum Augenarzt und bekomme meine (mittlerweile 52ste) Spritze ins Auge. Ich hatte eine Thrombose.
Ich denke: und das am Freitag den 13. naja…
Ich komme in die Praxis und wundere mich, der Raum ist leer, keiner da zur Spritze??
Ich werde direkt in den Vorbereitungsraum gebracht und das Auge wird betäubt.
Alles gut denke ich und komme in den OP Raum. Aber meine Ärztin ist nicht da. Wo ist sie, was ist hier los?
Heute gebe ich die Spritze sagt Frau Dr. Paul. Ich kenne sie nicht und denke:
Ohje, Freitag der 13.
Soll ich jetzt gehen, ist darum kaum jemand hier? – oha, was ist hier los?
Frau Dr. Paul fängt an mit der Klammer und ich denke:
Freitag der 13; aber da ist die Klammer schon drin und ich hab das gar nicht gespürt. Das war ja schon mal super.
Die letzten Tropfen, noch ein bissel smalltalk für die Wartezeit.
Sie zeigt mir einen Stift, dem ich folgen soll und dann stillhalten.
Dann winkt sie mir mit der Hand und fragt mich, ob ich die Hand sehe. Natürlich sage ich.
Ok, sie können gehen.
Häää??? Da war nichts, gar nichts. Ich habe von der Spritze absolut nichts gespürt. Nicht mal einen kleinen Druck, sondern rein gar nichts. Unglaublich. Sauber, Klasse.
Ich fahre im Bus nach hause und denke:
Freitag der 13. ist auch nicht mehr das was er mal war und mir fällt diese wunderbare Lied von
Reinhard Mey ein: „Ankomme Freitag den 13. um 14 Uhr Christine…“
In diesem Fall allerdings Frau Dr. Paul, bei der (und natürlich auch beim ganzen Team) ich mich hiermit herzlich bedanke.
Ich frage mich wirklich wie man anderen Menschen eine Spritze ins Auge setzen kann, wenn man selbst gar nicht weiß wie man sich als Patient fühlt.
Aber noch mehr frage ich mich, wie man das tun kann mit so einem unglaublichen Gespür für die Patienten, so viel Empathie, so viel Vorsicht und so, dass man sich als Patient wirklich großartig aufgehoben fühlt.
Eine Klasse für sich…
]]>Was liegt günstig für unsere Reisen? Der Bodensee ist „reisestrategisch“ perfekt. Sie schaut sofort nach Wohnungen. Also günstig ist das nicht. Hamburg auch nicht, also egal.
Februar 2024. Wir stornieren Frankreich und buchen eine Ferienwohnung in Langenargen am Bodensee. Einfach mal schauen, ob uns etwas gefällt. Schön ist es hier unten, der See, die Berge, die Landschaften und Gastwirtschaften. Ach ja, das würde schon passen…
3 Wochen sind rum und der Plan steht fest. Egal was passiert, wir sind uns einig – wir ziehen an den Bodensee.
Es hat sich eine Käuferin für unsere Wohnung gefunden und der Termin für die Übergabe steht fest: Spätestens am 15. Oktober 2024 müssen wir verschwinden und eine andere Wohnung gefunden haben. Oh je, Stress pur.
Wir buchen 10 Tage Wangen im Allgäu im August, und Anita sucht wie verrückt nach Wohnungen in der Bodensee-Region.
10 oder 11 Termine für Wohnungsbesichtigungen haben wir jetzt, mal schauen ob sich irgendetwas findet?
Es ist August, wir sind in Wangen und haben 5 Wohnungen besichtigt, einige gleich verworfen. Es sind nur noch 2 Wohnungen übrig. Oha, es wird jetzt eng und wir überlegen, dass wir wohl erstmal in eine Ferienwohnung ziehen und die Möbel einlagern müssen.
Anita sagt: „Fahr doch mal dahin, da haben wir übermorgen einen Besichtigungstermin.“. Gesagt, getan.
Es ist der fünfte Tag des Urlaubs und wir haben nur noch 5 Tage geplant.
Wir sind schon ziemlich kaputt. Durch Zufall finden ein schönes Lokal an der Mole. Der Blick über den See ist göttlich und die Berge im Hintergrund toll. Der Wein schmeckt auch und ich sage: „Das ist doch eigentlich genau das, was wir wollen, es ist wunderschön hier. Ruf doch mal den Makler an und frage, ob wir die Wohnung jetzt schon besichtigen können?“
Anita erklärt dem Makler, dass wir hier sehr gerne wohnen wollen. Er lacht: „Das kann ich gut verstehen. Kommen Sie doch morgen um 12 Uhr.“
Wir sind um 11:39 vor Ort und sind schon mal ganz angetan.
Die Wohnung betreten und schockverliebt. Es passt alles und wir nicken: „Die Wohnung nehmen wir!“ Der Makler ist etwas perplex, weil das ein so schnelles „JA“ war. Er: „Ich bin auch einverstanden mit Ihnen, das passt. Ich werde Sie dem Vermieter sofort empfehlen.“
In seinem Büro treffen wir danach den Vermieter und merken, dass auch das direkt passt. Wir bekommen die Wohnung! Welche Freude, wir können unser Glück kaum fassen.
Es ist Dienstag, nur noch 4 Tage Zeit bis zur Abreise am Sonntag. Wir brauchen natürlich den Mietvertrag. Und wir brauchen eine Küche. Schnell einen Termin beim Küchenplaner machen. Samstag 11:00 Uhr, aber er hat nur 3 Stunden Zeit. Egal, wird schon gehen.
Am Freitag noch schnell den Mietvertrag unterschreiben, dann ist es besiegelt und es gibt kein Zurück mehr.
Am Sonntag fahren wir sehr entspannt nach Hamburg zurück und können eigentlich gar nicht begreifen, was wir in der kurzen Zeit geschafft haben.
Der Umzug ist am 9.10., auch der funktioniert reibungslos.
Nun sind wir schon fast 3 Monate hier am Bodensee und freuen uns über diese wunderbare Entscheidung. Jeder Tag ist ein Geschenk, die Wohnung ist toll, die Menschen sind nett, die Weine sind gut, die Landschaft ist großartig. Wir sind im Dauerurlaub angekommen.
Wir sind jetzt Badener, Badenser, Baden-Württemberger, Bodenseer und –
wir sind am Ziel.
]]>Du warst für mich die Schönste, Wichtigste, du warst die Perle. Du warst meine große Liebe und mein Leben (ach ne, das ist eigentlich Anita).
Du hast mich nicht enttäuscht, sondern immer wieder mit offenen Armen empfangen. Jedes Mal, wenn ich über die Elbbrücken gekommen bin, habe ich das Bild genossen und durch dich durch zu fahren ist auch trotz vieler Baustellen immer wieder ein Erlebnis. Hamburg, Du bleibst für mich die schönste Stadt der Welt. Ich werde dich ganz sicher vermissen und werde dich immer wieder gerne besuchen.
70 Jahre und ein paar Monate lebe ich nun in Hamburg an den Ufern von Alster, Bille und Elbe. Und in etwas weiterer Entfernung Nord-, und Ostsee.
Aber jetzt ist es Zeit für neue Ufer – bzw. ein neues Ufer und etwas ganz Neues. Eine andere Perle am anderen Ende der Republik wartet darauf, von uns entdeckt zu werden.
Hallo Bodensee, wir kommen und freuen uns auf dich. Wir werden jetzt Bodenseeer und Bodenseher…
]]>Aber 70 ist doch alt, einfach alt.
Das Telefon klingelt: „Moin, hier ist Philipp. In der Zeitung steht ein Artikel: Ein Alter Mann ist noch‘n büschen älter geworden, hahaha“ frotzelt er mich. Ich denke „ich hau dir jetzt eine rein…“ Ich leide schließlich schon genug, musst du mich jetzt auch noch fertig machen? Aber ich sage: „Na ja, 70 ist ja schon ne ganz schöne Hausnummer, und so richtig geil fühlt man sich nicht mehr…“
„Du bist 70“ meint er, „du bist ziemlich fit, siehst nicht gerade alt aus, du bist klar in der Birne, du bist vielleicht nicht weise (haha), aber du hast unglaublich viel Lebenserfahrung, und die kannst du an jüngere Leute weitergeben, was du ja auch machst. Also, was willste?“
Na gut, sage ich mir, ich hau ihm jetzt mal keine rein (geht ja auch nicht so einfach, Philipp ist zwei Köpfe größer und breiter als ich…) und er ist auch erheblich jünger als ich – so ca. 30 Jahre jünger.
Und je mehr ich darüber nachdenke, ist das genau der Punkt. Wir beide unterhalten uns auf einer Wellenlänge, auf einem Level, als wären wir gleich alt oder gleich jung, je nachdem.
Wann also spielt das Alter eine Rolle? Wann gehöre ich zu den Alten, den Anderen?
Vielleicht hat das ja doch noch ein bisschen Zeit, oder vielleicht ist man ja gar nicht anders. Je mehr man sich selbst integriert, sich körperlich, geistig und auch digital fit hält, desto besser lebt es sich auch im Alter.
70 Jahre.
Na und! Prosit
Allerdings habe ich ca. eine Million braune Sommersprossen. Deren Herkunft liegt wahrscheinlich viel weiter südlich, irgendwo zwischen Italien und Südafrika.
Wenn ich ohne Sonnenschutz in der Sonne liege, werde ich knallrot. Herkunft vielleicht Nordamerika.
Wenn ich eingecremt in der Sonne liege, werde ich schön braun (dann schliessen sich die Sommersprossen zu einem Ganzen zusammen). Herkunft könnte dann der nahe Osten sein.
Wenn ich morgens aufstehe habe ich ziemlich kleine Schlitzaugen und wenn ich dann noch zu viel Alkohol getrunken habe, die Leber nicht so gut funktioniert und die Haut langsam gelb wird, könnte ich aus Fernost, oder vielleicht auch Grönland kommen.
Jetzt mit fast 70 bin ich weißhaarig, wie wohl fast 90 % der Weltbevölkerung. Herkunft irgendwo auf der Welt.
Klasse, ich kann mir aussuchen wer ich bin und wo ich herkomme.
Ich weiß es, ich bin ganz einfach ein Weltbürger….
—– Versicherungsschutz abgelaufen/ Aufforderung zur Außerbetriebsetzung Ihres Fahrzeugs am nächsten Mittwoch —–
Ach du Scheiße, was ist denn jetzt los?
Als Rentner muss man ja doch schon auf sein Geld achten. Ich bin ziemlich gut darin, alle Vergleichsportale zu durchstöbern (dachte ich). Also Check24, alte Versicherung zum 01.01.2024 gegen neue Versicherung ab 01.01.2024 gewechselt.
Nur leider hat Check24 die alte Versicherung zu früh gekündigt…
—– BLANKE, PURE PANIK.! —–
Am Mittwoch soll das Auto stillgelegt werden. Am Donnerstag wollen wir damit ins Rheinland fahren. Und es ist Wochenende! Was jetzt?
Samstag Nachmittag: Anruf bei Check24. Warteschleife noch erträglich. Mitarbeiter nicht erträglich. Problem geschildert. Mitarbeiter sagt mir: „Das ist Ihr Problem, setzen Sie sich mit der Versicherung auseinander.“
„Wie bitte, Sie sind doch mein Makler.“
„Das ist Ihr Problem, setzen Sie sich mit der Versicherung auseinander.“
Das hat er mir dreimal gesagt.
Montag Morgen: Anruf bei der neuen Versicherung, Warteschleife 20 Minuten („Alle Kolleg…innen sind im Gespräch.“ Ich liebe diese Neudeutsche Sprache…). Mitarbeiter erträglich. Problem geschildert, Mitarbeiter sagt mir: „Das machen die Kollegen, ich leite das weiter. Dauert zwei bis drei Werktage.“
Das ist zu spät!!!
Montag Mittag: Anruf bei der alten Versicherung, Warteschleife wieder ca. 20 Minuten!!! Ich bitte um Verlängerung des Versicherungsschutzes. Mitarbeiter erträglich. Problem geschildert, Mitarbeiter sagt mir: „Das machen die Kollegen, ich leite das weiter. Dauert ein bis zwei Werktage.“ Könnte also klappen bis Mittwoch, super!
Emails an beide Versicherungen geschickt mit der Bitte um Hilfe.
Ganzen Dienstag auf Antwort gewartet. Keine Antworten…
(Wie ist das denn eigentlich bei diesen Versicherungen, wenn man einen Schaden hat, oder einfach den Schutzbrief in Anspruch nehmen will? Hier werden Sie geholfen? Nein, ganz bestimmt nicht!)
Alles zu spät!!!
Die Panik wird größer, was mache ich denn jetzt bloß? Unsere Nerven liegen jetzt wirklich blank.
Heute morgen (Mittwoch): Ich fahre zur Zulassungsstelle (geöffnet bis 14:00 Uhr) und spreche mit einem wirklich netten Herrn. Der sagt: „Besorgen Sie mir ein evB als Versicherungsnachweis, dann ticker ich das ganz schnell ein. Geben Sie Gas.“
Will ich ja – aber wohin?
Ich habe eine andere Versicherung bei der HUK-Coburg und denke: Das ist die letzte Rettung, schnell mal hinfahren.
—– Wegen Krankheit ist die Filiale heute geschlossen. —–
—– NEIIIIN! —–
Die nächste Filiale ist in Harksheide. Egal, hin da.
Hier ist ein Mensch! Der lächelt mich an. Ich schildere ihm mein Problem. Er lächelt mich immer noch an und sagt: „Das mache ich Ihnen mal eben fertig.“
Ein echter Mensch, keine Maschine. Nein, ein echter, netter, lächelnder Mensch – großartig!
10 Minuten später habe ich meine Unterlagen. Und ich glaube, er freut sich sehr über meine Erleichterung.
Klasse, jetzt sofort zur Zulassungsstelle.
—– STREIK….!!! —–
Da stehen große Schilder mit den Buchstaben STREIK drauf.
Ich falle fast in Ohnmacht. Das ist doch jetzt nicht wahr, soll es jetzt auf der letzten Rille doch nicht klappen? Die Türen sind verschlossen. Aber drinnen stehen ein paar Leute. Ich klopfe ans Fenster.
Es öffnet mir tatsächlich jemand die Tür. Der muss gedacht haben, dass ich wohl gleich umkippe. Ich frage zaghaft, ob man mir vielleicht helfen könne, weil mein Auto heute stillgelegt werden soll.
Ein netter Herr nimmt mir sofort meine Unterlagen ab, lächelt freundlich und sagt: „Natürlich, da ist doch Gefahr im Verzug. Kommen Sie rein, das machen wir mal eben.“
Ich kann gar nicht sagen, wie überglücklich ich bin. Das war im wahrsten Sinne des Wortes auf die letzte Sekunde. Das Auto ist wieder versichert und wir können problemlos ins Rheinland fahren. 4 Tage absoluter Stress nur wegen eines dämlichen Fehlers.
Ich brauch `n Kölsch.
Moral der Geschichte:
Check24 nur noch seeeeehr vorsichtig
Versicherung 1 nie wieder
Versicherung 2 nie wieder
Landesbetrieb Verkehr super
HUK Coburg super
Die Unsichtbaren
Ab Februar im Kino
Kurt K. und der Säurefassmörder
Meine Brille ist riesig, mein Hemd zu weit und die Hose schlackert mir um die Beine.
Ich tauche ein – Zeit ist relativ.
Der Bungalow ist stehengeblieben. Stehengeblieben in der relativen Zeit.
Es ist seltsam, fast unheimlich.
Die Brille ist abgetönt und macht alles noch dunkler.
„Schön, dass du da bist Claus.“
Bin ich Claus? Das kann nicht sein, ich bin Kurt – oder doch nicht?
Es passiert etwas mit mir, nimmt mich mit, umarmt mich. Mit dem Kostüm und der Umgebung bin ich anders, zurückversetzt und doch nicht zurückversetzt. Es ist das Jahr 1991, September. Also ziemlich genau 30 Jahre her. Damals war ich 37 und Kurt ungefähr so alt wie ich heute.
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Kay von der Casting-Agentur „Kiezkomparsen“ ruft mich an und sagt mir, dass er ein Casting-Video braucht. „Ich sitze im Zug und sage, dass ich gern ein Video mache, wenn ich zuhause angekommen bin. Von Köln nach Hamburg sind es doch nur 4 Stunden.“
„Nee, wir brauchen das jetzt gleich. Muss ca. ‘ne Minute lang sein.“
Ach du Schande, ich kann doch hier kein Video über mich drehen. Der Zug ist rappelvoll.
Ich bin jetzt ziemlich aufgeregt und weiß mir fast nicht zu helfen. Mein Blutdruck steigt.
Ich mach das jetzt einfach auf der Zugtoilette, egal. Da klopft schon einer an die Klotür und ich beeile mich. Ist das `n Stress.
Erledigt, losgeschickt und kurze Zeit später:
Absage. Mist, dafür die ganze Mühe.
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„Hallo Claus, ich bin Naemi – falls du Zeit hättest, würden wir dich doch gern buchen.“
Nun doch! Ich bin gebucht und freue mich riesig.
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Fitting!
„Moin Claus, ich bin Matthias. Ich bin der Regisseur der Doku. Ich freue mich, dass Du dabei bist.“ Matthias ist mir gleich sympathisch – ich denke, dass es umgekehrt genauso ist.
Wir befinden uns in einer Halle voller Klamotten aus allen Jahrzehnten. Ist ja Wahnsinn, soviel Klamotten aus den letzten Jahrzehnten habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen.
Matthias erklärt mir, worum es in der Doku geht und ich hänge an seinen Lippen (während ich verschiedene Outfits probiere). Matthias‘ Stiefmutter Marianne Atzeroth Freier war maßgeblich an der Aufklärung eines unglaublich gruseligen Kriminalfalles beteiligt. Es geht um den „Säurefassmörder“ in Hamburg.
Da er die Geschichte kennt wie kaum ein anderer, hat er seit langem das Bedürfnis, dieses in eine Dokumentation zu packen.
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Kurt K.! Ich heiße Kurt K. . Meine Hose schlackert mir um die Beine, meine Brille ist zu groß, und meine erste Frau Hildegard ist verschwunden. Meine jetzige Lebensgefährtin Christa wurde entführt! Der Entführer verlangt 300.000 D-Mark. Es geht mir schlecht.
Im Bungalow ist es 1991, Zeit ist hier wirklich relativ. In meinem Kostüm und der Umgebung fühle ich mich Kurt sehr nahe. Die ganze Geschichte geht mich sehr an. Ich habe gestern schon darüber gelesen und es gruselt mich.
Kamera läuft. Und bitte…
Der Startschuss ist gefallen, ab jetzt bin ich Kurt – nur noch in den Pausen darf ich Claus sein.
So muss es gewesen sein, als Kurt schmerzgepeinigt die Stimme des Entführers hört. Ich versinke im Kassettenrecorder mit der Stimme des Entführers und versuche mich zu erinnern. Woher kenne ich die Stimme? Ich spiele eine andere Person. Der Mann hat das wirklich erlebt. Ich bin gefesselt und gebannt von diesem Dreh und der ganzen Geschichte. Ich bin Kurt.
Ich höre die Stimme wieder und wieder, und die Kamera läuft.
Eine Einstellung nach der anderen, ein Kostüm nach dem anderen. Lachen verboten, ich bin Kurt! Mir geht’s nicht gut…
Viele Sachen gehen mir durch den Kopf. Mache ich alles richtig, spiele ich so, dass man es mir abnimmt? Wie muss es Kurt gegangen sein? Kurt, seine Frau Hildegard und Christa, seine Lebensgefährtin, tun mir unendlich leid. Es ist einfach nicht zu fassen, was damals passiert ist.
Meine Kollegen und ich kommen langsam in einen guten Flow. Wir spielen die Szenen mit viel Freude und gehen darin auf.
So einen Dreh habe ich bisher noch nicht gehabt. Ich befinde mich im Neuland und fange an zu verstehen, was es heißt jemanden zu spielen und nicht nur als Komparse in der hinteren Reihe zu stehen. Zu dem zu werden, den man verkörpert, zu verschmelzen mit dieser Person ist so verdammt schwer. Ob ich das jemals hinkommen könnte? Das braucht verdammt lange und viel mehr Talent. Also: Nein, da werde ich ganz bestimmt nicht mehr hinkommen.
Der Drehtag geht zu Ende, und ich schäle mich langsam aus der Haut von Kurt.
Puh, meine eigenen Klamotten, raus aus dem Bungalow und raus aus der alten Zeit, raus an die frische Luft.
Es war toll. Es war ein echtes Erlebnis. Ich freue mich sehr, dass ich dabei sein durfte.
Ich war nur einen Tag ein anderer Mensch und das hat mich schon schwer beeindruckt. Wie muss es bloß Schauspielern gehen, die sich für Wochen, oder gar Monate in jemand anderen verwandeln, und jeden Tag wieder aufgehen in ihren Rollen. Manchmal so etwas zu machen ist toll, aber immer wieder? Nein, ich glaube das könnte ich nicht.
Ein großartiges Erlebnis, vielen Dank dafür.
Hamburg, 03.10.2023
Jetzt, 2 Jahre nach dem Dreh ist der Film fertig und nach der Premiere und läuft er jetzt im Kino.
Und das Beste kommt zum Schluss: Ich durfte doch tatsächlich mit auf den roten Teppich, Wahnsinn.
Hier ein paar links über die ganze furchtbare Geschichte:
NDR: Geschichte des Säurefassmörders
Rejell Film: Vorschau Film
]]>Ein besonderer Beitrag von Joachim Pollex für mich, nachdem ich das Gedicht über das Hotel Mondial veröffentlicht habe.
noch einmal vielen Dank Joachim.
Claus Schierenbeck