Solche Filme wecken in mir immer wieder das Fernweh. Wenn man, so wie ich, in einem Job steckt, der einen von Montag bis Freitag an den Schreibtisch kettet, mit oft fraglichen Aufgaben, dann hinterfrage ich oft mein Leben, meine Arbeit, den Sinn des Lebens und die Definition vom Glücklichsein. Gift in meinem Kopf, mir solche Fragen zu stellen. Denn sie machen mich unzufrieden, hinterfragen Dinge, von denen ich glaube, sie nicht beeinflussen zu können. Sie lassen mich klein erscheinen, nicht mutig genug den Sprung ins kalte Wasser zu wagen. Ich frage mich dann oft, bezüglich meines eigenen Lebens: „Das ist es dann jetzt?“, oder „Wage ich erneut das große Abenteuer?“. Gift. Gedanken, die jeden der Zuschauer unzufrieden machen.
Steffen meinte dann ganz richtig, dass solche Filme derartige Abenteuer auch oft verklären. Sie stellen das Gefühl von Freiheit oft romantisch dar, lassen aber unbeantwortet, wie es nach der Ankunft in der Heimat nach einer solchen Reise weitergeht. Oft genug erscheint die eigene Welt, der Ort, in dem man lebt, die Freunde, die man hat, klein, unzureichend, engstirnig. Menschen, die auf eine solche Reise gegangen sind, finden dann oft schwer Halt im tatsächlichen Leben.
Tatsächlich kenne ich aus meinem beruflichen Umfeld auch einen solchen mutigen Weltenbummler: Andreas B. Andreas war mal Requirements Manager. Das ist ein ziemlicher Bürojob, in dem man die Anforderungen an ein technisches Gerät oder ein Softwaremodul von einer anfragenden Partei entgegennimmt und prüft, ob diese Anforderungen des Kunden umsetzbar sind. Im Alltag bedeutet das, mit vielen Excel-Tabellen und E-Mail zu hantieren, zahlreiche Abstimmungstermine zu koordinieren und nach dem Arbeitstag den Laptop zuzuklappen, und etwas ganz anderes zu tun.
Andreas war in dieser Welt neben der Arbeit ein leidenschaftlicher Segler. Deshalb besaß er auch ein zwölf Meter langes Segelboot, auf dem er im Frühjahr, Sommer und Herbst auf den Seen rund um Berlin zu finden war. Allerdings hatte er auch einen Segelschein für die offene See und beschloss im Jahr 2012 oder 2013, seinen Job als Requirements Manager für 6 Monate zu pausieren, und sich auf einen Segeltrip nach Australien zu begeben. Ich fragte ihn: „Warum ausgerechnet Australien?“, und er antwortet mir: „Weil mein Segelboot dort viel Geld wert ist, und den gesamten Trip der Weltumsegelung praktisch bezahlt. So gut, dass ich mir, zurück in Berlin, ein neues Boot davon kaufen kann.“
Und weg war er. Und er kam nicht wieder nach 6 Monaten, sondern erst nach einem ganzen Jahr. Er hatte sein Boot letztlich nicht in Australien verkauft, da er sein geliebtes Boot, dass ihn bis nach Amerika, die Karibik, den Suezkanal und über den gesamten Pazifik brachte, einfach nicht verkaufen konnte. Also entschloss er sich, nach sechs Monaten auf seinem Boot, die Weltumsegelung einfach komplett zu machen. Und so segelte er um Indien und Afrika, um letztlich nach einem ganzen Jahr zurück nach Deutschland zu kommen.
Woher ich das alles weiß? Andreas kam tatsächlich zurück in meine damalige Firma und veranstaltete ein 2-stündiges Meeting mit vielen Fotos, anhand derer er seine Weltumsegelung erklärte. Ich war damals ganz gefesselt, wie ich auf das Beamer-Bild an der Wand schaute und er über Gegenden berichtete, in denen die Fische auf sein Boot sprangen, und er für sein Mittagessen noch nicht einmal eine Angel auswerfen musste. Er erzählte von all den Bekanntschaften und Freundschaften, die er in dieser Zeit geschlossen hatte. Von den vielen Unbekannten, die er traf, und die ihm halfen, sich in all den Ländern zurechtzufinden, in denen er vor Anker ging. Er ließ sich Zeit für seine Reise und hatte so auch viele Geschichten im Gepäck, die weit über die Erlebnisse auf seinem Boot hinausgingen.
Er erzählte auch von einsamen Zeiten auf seinem Boot, in denen er wochenlang auf sich gestellt war. Über Zeiten während der Atlantiküberquerung, in denen er sich einen Kurzzeitwecker stellte, um alle 45 Minuten nach draußen zu sehen, um sicherzustellen, dass er nicht auf einem Kollisionskurs mit einem der vielen Tankerschiffe war. Und, wie er nach 5 Stunden Schlaf während der Atlantiküberquerung panisch aufwachte, weil er wegen totaler Übermüdung den Kurzzeitwecker nicht gehört hatte und Sorge hatte, auf einem solchen Kollisionskurs zu sein.
Er hatte noch viel mehr Geschichten im Gepäck, die mich faszinierten und dafür sorgten, dass nicht nur ich an seinen Lippen hingen. Doch ein spannender Aspekt von Andreas fehlt: Wie ging es mit ihm weiter?
Die Antwort ist spannend, und sicherlich wenig überraschend: Nach etwa einem halben Jahr zurück in der Welt des Requirements Managements kündigte er. Als ich ihn traf, um das Warum zu verstehen, stand er mir mit einem Outdoor-Outfit gegenüber und sagte mir, dass ihm diese Welt zu klein geworden ist, zu unbedeutend für sein Leben. Er konnte sich nicht mehr motivieren, den ganzen Tag in einen Bildschirm hineinzustürzen, um dort ein Blöckchen an ein anderes zu schieben, oder in Terminen zu sitzen, in denen ihm unbekannte Parteien über finanzielle Aspekte dieser oder jener Lösung zu diskutieren. „Was hast Du nun vor?“, fragte ich ihn damals. Und er meinte nur: „Ich gehe wieder auf mein Boot und erkunde die Welt.“ Ich bewunderte ihn damals für seinen Mut. Einen Mut, den ich nicht hatte (Gut, mir fehlten auch die Kenntnisse, so etwas wie er zu machen.) – noch heute nicht habe.
Die Geschichte von Andreas zeigt aber etwas Interessantes, das auch Dennis, den fahrradfahrenden Weltenbummler, ereilen wird: Die Welt vor der Reise ist zu klein für denjenigen, der von einer Weltreise zurückkommt.
Die große philosophische Frage ist dann: Ist das gut oder schlecht? Machen Andreas und Dennis etwas richtig, das ich falsch mache? Verpasse ich etwas?
Nachdem Steffen und ich den Film von Dennis zu Ende gesehen haben, diskutierten wir erneut das Thema „Sabbatical“, dieses neumodische Wort, das beschreibt, dass man dem Arbeitsalltag für ein paar Monate entflieht, um dann, zurück in der Heimat, wieder am Schreibtisch der Firma Platz zu nehmen. Drei Monate. Das ist das Zeitfenster, das wir uns mal geben wollen. Wann dieser Zeitpunkt jedoch ist, steht noch in den Sternen, weil zu viel in unseren aktuellen Jobs zu unsicher ist, um eine solche Entscheidung jetzt zu treffen.
Allerdings überlege ich auch, eine Abkürzung zu nehmen, sollte meine aktuelle Firma, und die Chancen dazu stehen unglücklicherweise nicht schlecht, mich kurzfristig auf finanziellen Gründen vor die Tür setzen. Dann nämlich würde ich meine Meilen, ironischerweise gesammelt auf unglaublich vielen Geschäftsreisen, auf den Kopf hauen und für eine Zeit einfach abhauen aus Berlin. Wünsche ich mir das? Eigentlich nicht. Wird es notwendig, in einem solchen Fall Abstand zu gewinnen? Ja, ganz sicher. Werde ich dann den Mut haben, genau diese Entscheidung zu treffen? Ich weiß es nicht.
Zwar bin ich dazu erzogen worden, mutig zu sein. Aber auch dazu, Risiken zu vermeiden. Was aber, wenn das Risiko schon längst da ist – die Entlassung – und ich in diesem Augenblick einfach nur damit umgehen muss?
Ohje. Viel zu viele Fragen. Die Zeit wird zeigen, was passiert.
]]>„Wow! Was für eine Nachricht.“, dachten wir beide als wir im Fitnesscenter im Hotel standen und ungläubig auf unsere Handys schauten, damit wir glauben konnten, was wir sahen. Vor drei Wochen noch verbrachten Steffen und ich ein längeres Wochenende in London und besuchten dort unter anderem den Tower of London, in dem die Kronen des Königshauses ausgestellt werden. Leider darf man von diesen keine Fotos machen, daher blieben uns nur die Bilder, die wir im Kopf hatten. Damals liefen wir auch zum Buckingham Palace, und ich kaufte für meine Mutter eine Tasse mit dem Thronjubiläum der Queen als ein Souvenir. Dass dies einmal geschichtlichen Werte bekommen würde, hätte ich nie gedacht. Dennoch witzelten wir schon vor einigen Wochen, ob es wohl eine neue Souvenir-Tasse geben würde, und wann die Krone aus der Panzerglasvitrine geholten werden müsste. Dass es dann so schnell gehen würde, hätten wir dennoch nicht gedacht. Manchmal vergeht die Zeit echt schnell.
Heute nun war die Beerdigung von Queen Elisabeth II., die rein statistisch 95 Prozent der Weltbevölkerung bekannt war. Vielleicht ist sie damit die bekannteste Frau der Welt gewesen.
Leider mussten wir heute tagsüber arbeiten. Dennoch schauten wir eine 45-minütige Zusammenfassung der Beerdigungszeremonie, die den ganzen Tag andauerte. Und auf dem Sarg von Queen Elisabeth II. thronte die Krone, die wir neulich noch bestaunt hatten. Auch das Zepter mit dem dicken fetten Diamanten, den Steffen, als er ihn sah, als: „Nie im Leben ist das ein echter Diamant!“, begutachtete. Als er das sagte, während wir auf einer horizontalen Rolltreppe an dem Prunk der Krone vorbeigeleitet (naja: geschoben) wurden, drehte sich gleich eine deutsche Touristin neben uns um und kommentierte ganz trocken: „Doch, doch. Das ist ein Diamant. Der größte der ganzen Welt.“ Nun, dieser Diamant war heute auf dem Sarg sichtbar. Manchmal kommt mir die Welt klein vor.
Die Medien fassten die heutigen Ereignisse der Beisetzung von Queen Elisabeth II als ein „Jahrhundertereignis“ zusammen. Ich denke, dass sie damit recht behalten. Denn nicht nur ist eine Queen gestorben, die es in absehbarer Zeit nicht mehr geben wird, auch war ihre Regentschaft mit über 70 Jahren so lang, dass keiner ihrer direkten Nachfahren diese Zeitspanne erreichen kann. Prinz Charles ist schon heute sehr halt, und auch Prinz William, sein Sohn, übrigens genauso alt wie ich, wird keine 70 Jahre regieren können. Was immer also passiert, ein solches Ereignis wird in meinem Leben sicherlich kein weiteres Mal passieren. Böse Zungen in den Medien behaupten gar, dass sich die Monarchie abschaffen wird, und all die Nachfahren der Queen sich wohl richtige Jobs werden suchen müssen.
Ganz so böse sehe ich das nicht. Ich denke, dass die „Royals“, wie sie so gern bezeichnet werden, ein moralischer Kompass für Großbritannien sind, der die Bevölkerung vereint. Dabei ist es im Grunde auch egal, ob man über sie lästert, ihren Sinn hinterfragt und spöttisch auf den nächsten Ausrutscher wartet, oder ob man mit glasigem und bewunderndem Blick zu ihnen aufschaut. Die Royals verbinden ein Volk, das sonst nicht so vereint wäre. Verschwinden die Royals, verschwindet auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl einer sehr großen Nation. Deshalb wünsche ich mir für Großbritannien, dass Prinz Charles und nach im Prinz William einen guten Job machen werden – worin auch immer dieser genau besteht. Von ihrer Mutter – oder Großmutter – haben sie sich ja lange genug ansehen können, wie ein gutes Regieren funktioniert.
Und dann war da noch der sehr unterhaltsame Aspekt in der Berichterstattung der Beisetzung. Die Moderatoren auf der ARD ließen Informationen fallen, dass der Sarg von Queen Elisabeth II. mit Blei ausgekleidet sei und es deshalb ganze acht Träger brauchte, um ihn zu stemmen. Oder, dass der Sarg auf einer Lafette (Das ist das Gestell, auf dem der Sarg beim Transport montiert wird, von Menschen gezogen wird.), da bei einer früheren Beerdigung, ich glaube, es war Queen Victoria, die Lafette noch von Pferden gezogen worden sind, die dann von den Schaulustigen so nervös wurden, dass sie mit Sarg und Lafette praktisch durchgebrannt sind. Das brachte wohl den Sarg beinahe zu Fall, weshalb man die Lafette seit 60 Jahren von Marinesoldaten ziehen lässt.
Interessant ist auch die Tatsache, dass der Vertrag, den Prinz Charles Unterscheiben musste, dass er nun die Regentschaft des Königs annimmt, und deshalb fortan König Charles III. genannt wird, beinahe nicht unterschreiben konnte, weil der Füller auslief und er aus Frust beinahe die Schale, in der der Füller lag, herunterwarf. All diese spannenden Geschichten werden wohl bleiben, wie auch das Schottenmuster auf den Rasenflächen entlang der Beisetzungsstrecke, die in den Rasen graviert worden ist. Ja, solch eine Beisetzung, die übrigens vom britischen Volk von Steuergeldern bezahlt worden ist, kann tatsächlich auch sehr unterhaltsam sein.
]]>“Noch einer weg.”, dachte ich, als er mir das schrieb. Und erneut stellte ich mir die Frage, die ich vor 2 Wochen Alvaro stellte: “Werden wir die letzten sein, die die Musik spielen? Wie auf der Titanic?”. Niemand kann mir das beantworten. Ich habe nicht die Antwort darauf. Ich sehe, wie Kollegen, gute Kollegen, gehen. Ich kann ihre Entscheidung, HERE zu verlassen, nachvollziehen. Chaos, falsche Entscheidungen, falsche Köpfe an entscheidenden Positionen. Die Liste der Gründe ist lang. Zu lang für einige. Mir ebenfalls.
In solchen Augenblicken hinterfrage ich meine Entscheidung, der I. und M. eine Absage gesendet zu haben. Ich frage mich dann, ob ich mich anders hätte entscheiden sollen. Und ich komme zu dem Schluss, dass ich mich richtig entschied. Die I. hätte bedeutet, den gleichen Job, das gleiche Chaos und die gleichen fragwürdigen Zukunftsaussichten mit einem anderen Firmenausweis zu haben – bei all der Unsicherheit einer neuer Firma und einem neuen Chef, dem gegenüber es sich zunächst zu beweisen gilt. Und M. ist letztlich eine Unterbeauftragung von M.B. ohne eigene echte Identität. Das hätte ich noch hingenommen, wenn die Konditionen, Gehalt und Zusatzleistungen, gestimmt hätten. Aber das war nicht der Fall. Ich denke, dass ich mich damals, vor drei Monaten, richtig entschieden habe.
Außerdem stelle ich mir die Frage, ob ich was anderes machen sollte oder machen möchte. Dieses hoch Politische in meinem Arbeitsalltag nervt mich unglaublich. Meine Chefin, L., die beteuert, total unpolitisch zu sein, ist das Gegenteil: sie ist die politischste Person, die ich kenne. Mit viel Mut und einer gehörigen Portion Frechheit übersteht sie den Alltag erstaunlicherweise gut. Ihre Einstellung ist: „Auch Versagen ist eine Teamleistung.“, und nicht jeden Schuh zieht sie sich an. Was das betrifft, ist ihr „Fell“ dicker als meines. Sollte ich mir das bei ihr noch abschauen? Lernen, wie man besser mit dem Chaos, in dem wir alle stecken, klarkommt?
Heute, beim Lasagne-Abendessen in der Finca auf Gran Canaria jedenfalls, holten mich all diese Gedanken ein. Das veranlasste dann Steffen dazu, zu googeln, wie hoch das Arbeitslosengeld 1 (ALG1) ist. Antwort: 2.300€/Monat. Das würde man über 12 Monate hinweg bekommen. Er meinte: „Das ist garnicht schlecht. Deinen Alltag kannst Du damit bestreiten. Und weitergehende Verpflichtungen, wie das Abzahlen eines Hauses, haben wir nicht.“. Ich könnte im Grunde gelassen sein und auf die Dinge warten, die da kommen mögen. Im Grunde, wenn ich nicht mit meiner Karriere-Brille sondern der Realisten-Brille auf die Situation schaue, dann falle ich weich. Richtigerweise hat aber Steffen angemerkt, dass es für mich dennoch mit Sicherheit ein demütigender Moment sein wird, wenn ich zu der „ALG1-Stelle“ gehen muss, um diese Versicherungsleistungen beim Staat zu beantragen.
Ist es nicht komisch, dass ich all diese Schritte in meinen Gedanken durchspiele und mich damit verrückt mache. Ich wünsche mir, ich wäre mutiger, leichtfertiger. Wagemutiger. Entspannter. Einfach jemand, der mit dieser Situation wesentlich leichter klarkommt. Dass ich aber auf viele duzend ehemalige Kollegen zurückblicke, die mittlerweile in anderen Firmen arbeiten, zeigt, dass ich mit all den Überlegungen und Wünschen, die Dinge gelassener zu sehen, nicht allein dastehe.
Die Arbeitswelt ist merkwürdig. Ich sollte Lotto spielen. Das macht nicht glücklicher, aber die Dinge wesentlich entspannter.
Ein tolles Zitat von Armin Müller Stahl, dem Schauspieler, fällt mir hierzu ein: “Lieber ein Knick in der Karriere als ein Knick im Rückgrat.”. Wie wahr.
]]>Mitten in den USA, kurz vor den Bergen, kurz hinter Denver verbrachte ich im letzten Jahr 6 Monate in Boulder, einer Stadt wie Smallville: hübsch, freundlich, sonnig und mit ausschließlich gebildeten Leuten. Ich übertreibe nicht. Boulder, diese kleine Stadt in der Nähe von Denver zählt innerhalb der USA wirklich zu den lebenswertesten Städten. Ich genoß die Zeit dort, auf 1700 Metern über dem Meeresspiegel wirklich sehr.
Ich erfüllte nach damaliger Definition meinen Job komplett. Alle Mitarbeiter schätzten mich, verstanden die Strategie, in die wir gehen würden, vertrauten mir. Es war beinahe schon wie eine Familie. Doch nach 6 Monaten musste ich wieder gehen.
Die Frage nun, ein knappes Jahr später: „Was bleibt?“, „Was blieb?“.
Die Antwort ist ganz spannend: wenig, und doch viel.
Die Strategie der Firma, und damit mein damaliger Auftrag, haben sich längst überholt. Die mühevolle Arbeit, um alle Mitarbeiter Vorort einzuschwören auf die neue Ausrichtung der Firma, ist längst veraltet. Die Dokumente und Präsentation schlummern mittlerweile in den Archiven. Aber, ich glaube, das ist okay. Denn etwas viel Wichtigeres ist geblieben: das Vertrauen.
Innerhalb der letzten paar Monate hat sich in der Firma, in der ich arbeite, so einiges getan. Eine ganze Wagenladung an Veränderungen stehen an, und das bedeutet für einige Mitarbeiter auch, Sorge um den Arbeitsmodus, das Thema, das gerade bearbeitet wird, und noch vieles anderes mehr: „Kann ich dem Chef vertrauen?“, „Wie ist eigentlich der CTO so?“, „Was passiert mit meinem Thema?“
Besorgniserregende Fragen erreichen mich fast täglich aus meiner alten Expat-Stadt mit der höchsten Dichte an „Doktortitel“ in den ganzen USA. (Ist wirklich so. Allerdings beeindruckt mich das recht wenig.), umso wichtiger ist es, ein gutes Verhältnis zu diesen Mitarbeitern zu haben. Es ist echt toll, zu sehen, wie man diese Kollegen mit nur wenigen Worten beruhigen kann, informiert und wieder in einen produktiven Modus versetzen kann. Es ist schon verrückt, was so ein halbes Jahr in Colorado anrichten kann.
Und neben all meinen vielen privaten Erfahrungen, über die ich endlich mal anfangen muss, zu schreiben, ist – aus beruflicher Sicht – das gewonnene Vertrauen der Mitarbeiter in diesem Büro, das wohl wichtigste Ergebnis, das mein Aufenthalt dort hatte.
Keine Sorge: Ich bin nicht naiv genug, zu glauben, dass dies für immer so bleiben wird. Kollegen kommen und gehen. Aber neben den vielen Kollegen, dessen Vertrauen ich gefunden habe, fanden sich auch ein paar Freunde, zu denen ich auch heute, längst in anderen Firmen arbeitend, noch immer Kontakt habe.
]]>Einfach nur weg will ich gerade. Weg vom Stress. Weg vom Alltag. Weg von den alltäglichen, vernünftigen Dingen, die von mir erwartet werden. Und dann bietet mir Youtube dutzende christliche Videos an. Das Wort: „Zufluchtsort“, scheint ein sehr religiöses Wort zu sein, ohne dass ich mir dessen bewusst gewesen wäre.
Die Idee, einfach mal auszubrechen, ist nicht neu und existiert sicherlich nicht nur in meinem Kopf allein. Schon vor vielen Monaten schaute ich mir Youtube-Videos an, wie Menschen sich einfach ins Auto setzen und losfahren, um die Welt zu entdecken. Zugegebenermaßen ist das aktuell (in „Zeiten von Corona“, ich rolle die Augen, während ich das schreibe) ein schwer vorstellbarer Weg, die Welt zu entdecken. Na, wie auch immer, jedenfalls befasste ich mich mit dem Thema und war wirklich platt, als mir die Freundin von guten Freunden von ihrem VW T5 Bulli erzählte:
Nadine arbeitete für die bekannte Klimakonferenz in Davos (Schweiz). Diese wurde in diesem Jahr nun Corona-bedingt abgesagt, was bei ihr Arbeitslosigkeit bedeutete. Auf einem Berliner Balkon stehend, und in die Nacht hineinblickend, fragte ich mich ganz im Stillen, ob das für sie wohl ein Problem sein würde. Arbeitslos – von jetzt auf gleich.
Doch sie sagte mir, dass sie sich aktuell so frei wie nie zuvor fühlen würde. Vor einigen Jahren schon hatte sie sich den beschriebenen VW T5 Bus besorgt, in den sie sich regelmäßig setzte, um dem Alltag für ein paar Tage zu entfliehen. Das kam mir sehr romantisch vor, aber irgendwie auch recht „Einsiedlerisch“. Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Nadine in Genf arbeitete, in Berlin wohnte, und ihre kleinen Auszeiten gern an der Küste erlebte. Was für ein verrückter Lebenswandel, oder? Arbeiten in den Bergen, Wohnen im flachen Land, Entspannung am Meer.
Zurück zu mir. So romantisch ich mir diese Flucht aus dem Alltag auch vorstelle, dieses: „Schlüssel umdrehen, losfahren, für sich sein“, so sehr frage ich mich aber auch: „Ist es wirklich so romantisch?“, oder fängt man an, dieses Leben, diese Auszeit, zu verfluchen, sobald einem die Tautropfen, die einen aus dem Schlafen holen, auf die Stirn tropfen und man stinkt wie ein Iltis? Zu viele Fragen für einen Absatz? Sicherlich. Die Fragen stelle ich mir trotzdem.
Eine andere Frage, die ich mir stelle ist: Warum versuche ich eigentlich, dem Alltag zu entfliehen? Ist es der Stress auf der Arbeit? Die Monotonie des Homeoffice? Die kürzer werdenden Tage im Herbst? Die Kälte? Die Dunkelheit? Die Frage: Bleibt das jetzt so? Ich denke, es ist ein Mix aus allem. Doch es bleibt: eine Flucht. Und ich bin wirklich nicht der Typ, der flüchtet.
Also habe ich heute Yoga gemacht, in dem ich einer bekannten YouTuberin gefolgt und ihre Übungen im Arbeitszimmer nachgemacht habe. Neue Reize – für 20 Minuten. Zu meinem Freund sagte ich: „Ich mache dann mal Yoga. Bitte nicht zuschauen! Ich sehe sicherlich albern aus.“, und ich bin mir sicher, dass ich das auch tat. Denn während Maddie, die Yoga-Lehrerin auf YouTube, ganz grazil ihre Arme und Beine in vollständiger Synchronität vom Körper streckte und lässig nebenher mit Anweisungen zur Atmung routinierte Gelassenheit ausstrahlte, kämpfte ich unter Anstrengung aller Muskeln um das Finden von Balance bei aufkommender Kurzatmigkeit. Gut, dass die Tür geschlossen war.
Doch ich frage mich noch immer: Kann man den Wunsch nach Flucht aus dem Alltag mit digitalen Fitness-Reizen übertönen? Was fehlt eigentlich? Geht es nur mir so? Ist eine Flucht, nicht auch immer eine Flucht auf Zeit? Wovor eigentlich? Und wenn diese Flucht auf Zeit funktioniert, was ist, wenn diese Zeit dann vorbei ist, und ich unweigerlich zurück in den Alltag muss?
Kann man den Alltag bewältigen, oder möchte man gleich wieder flüchten? Ist eine „Flucht vor dem Alltag“ nicht eine Sucht, von der man abhängig wird? Wie findet man eine Balance, ohne von einem Extrem in das Nächste zu rennen?
Oh je. Ich stelle Fragen, mit denen ich versuche, meine Geschichte zu erzählen. Doch auf der Suche nach Antworten zu all diesen Fragen, stolpere ich auch über Instagram-Profile, in denen Fremde (Ja, ich folge ihnen, aber es sind Fremde!), trotz Corona, Urlaub in solch entlegenen Orten wie den Azoren machen. Tolle Bilder erreichen mich da. Und, da bin ich ehrlich, sie machen mich neidisch. Doch ich sehe auch, gut versteckt, zwischen den Zeilen, wie diese aufwendig und gut geplanten Reisen, Flüchte sind. Flüchte vor dem Job in Großraumbüros, vor endlosen Zahlenkolonnen, die vielleicht nicht den blumigen Firmengewinn versprechen, aber Gewinneinbußen wegen Corona. Ich sehe, wie diese Personen, die heute noch auf den Azoren sind, nächste Woche schon wieder am Wochenende die Tage woanders in Deutschland, aber nicht Berlin, verbringen. Flucht. Betäubung. Ablenkung. Alltag. Flucht. Es wiederholt sich. Immer und immer wieder. Und ich klicke immer wieder auf „Like.“.
]]>Und ich überlege mal wieder: „Warum tust Du dir den ganzen Scheiß eigentlich an?“, „Warum hast Du heute mal wieder etwas für die Arbeit gemacht und damit den Wahnsinn, in dem Du steckst, einmal mehr, ein bisschen mehr befeuert?“.
Und während Du inmitten all dieses Wahnsinns dann doch vor dem Fernseher auf der Couch liegst und eine dieser Serien, die heute „hip“ und morgen vergessen sind, schaust, kommt plötzlich die Frage aus dem Fernseher: „Was war der beste Ratschlag Deines Lebens?“
Boomm. Plötzlich landest Du auf dem Boden der Tatsachen. Du denkst nach: Wann war das? Wer war das? In welcher Situation war ich? Du kennst die Antwort noch ehe Du die Situation erklären kannst. Du bist verwirrt, aber der Ratschlag hilft Dir:
„Das Meiste regelt die Schwerkraft.“
Das war mein Spruch. Als mein damaliger Chef ihn mir gesagt hat, war ich in einer ziemlich geschäftigen Situation. Tausende Leute wollten etwas von mir. Ich fühlte mich pflichtbewußt und wollte alle zufriedenstellen. Das jedoch hätte erfordert, dass ich mich selbst hintenanstelle und es allen versuche, Recht zu machen.
Mein damaliger Chef gab mir diesen Ratschlag auf den Weg, um mir zu sagen: „Du musst Dich nicht um alles perfekt kümmern. Auch, wenn Du Dinge liegen lässt, werden sie sich von selbst ergeben. Denke auch an Dich selbst. Du kannst nicht immer und überall sein.“
Mein damaliger Chef ist heute ein Freund. Und er weiß davon, wie wertvoll ich diesen Spruch zum damaligen Zeitpunkt fand.
Danke.
]]>Heute war es mal wieder so weit, dass wir beschlossen, in der Oderberger Straße in Berlin, seiner Lieblingsstraße, gemeinsam ein Bier zu trinken. Und neben all der Themen, um die sich unsere Gedanken kreisten, fragten wir uns etwas ganz bestimmtes:
Was macht gute Führung aus?
Worauf kommt es an, wenn man viele Menschen in die strategisch beste Richtung lenken muss? Wie handelt ein CEO, Geschäftsführer oder auch einfach nur der eigene Vorgesetzte, richtig? Anhand welcher Kriterien entscheidet er/sie, in welche Richtung sich eine Firma strategisch bewegt?
All das sind mit Sicherheit keine einfach zu beantwortenden Fragen. Aber man kann sich Beispiele aus der Industrie heranziehen. So gibt es zum Beispiel Tesla. Tesla ist enger mit seiner Führungskraft vernetzt als kaum ein anderes Unternehmen auf der Welt. Einst verband man Steve Jobs mit Apple. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Nun kann man sich die Frage stellen: Ist Elon Musk eine gute Führungspersönlichkeit? Und, nachdem ich seine Biografie gelesen habe, würde ich denken: irgendwie schon. Aber Elon Musk führt seine Firma auch auf eine sehr schwierige Weise, denn Erfolg und Misserfolg sind direkt mit seinem Namen verknüpft. Geht er, geht bei Tesla – so wie wir es kennen – das Licht aus. Ganz sicher wird das so direkt nicht passieren, aber einen massiven Knick würde ein solcher Weggang ganz sicher auslösen. Auf der Suche nach einem tollen CEO kommen wir bei Elon Musk also doch an risikoreiche Grenzen.
Mein ehemaliger Chef brachte eine andere These auf, die ich sehr interessant finde: Ein guter Chef verkoppelt ganz bewusst nicht den Firmenerfolg an seinen Namen. Sondern misst seinen Erfolg daran, eine vollständig auf die richtige Strategie ausgerichtete Mannschaft zu haben. Eine erfolgreiche Führung besteht also in jemandem, der am Kopf der Firma steht, aber im Hinterland agiert. Es ist die Firma und ihre Produkte, die im Vordergrund stehen, nicht der Name des CEOs.
Mit dieser These nun, kann man wieder nach Firmen suchen, bei denen das der Fall ist. Ein wohl recht berühmtes und schon erwähntes Beispiel ist Apple, heute geführt von Tim Cook. Ist Tim Cook dieser charismatische Führer, an dessen Lippen – abgesehen von den Keynotes – jeder hängt? Sicherlich nicht. Er kann mit dem Charisma seines Vorgängers, Steve Jobs, nicht mithalten. Aber er hat Produkte erschaffen, die in aller Munde sind. (Na ja, vielleicht nicht „erschaffen“, aber doch zumindest sehr erfolgreich weiterentwickelt.)
Ich bin mir sicher, dass, wenn man die heutige junge Generation fragt (die Millenials), dann würde man auf die Frage: „Was verbindest Du mit Apple?“, mit Sicherheit Antworten bekommen wie: „Das iPhone.“, „Den Mac“, oder „Die EarPods“. Der Name Tim Cook würde viel später fallen.
Wenn einem also nicht gleich der Name des CEOs in den Kopf kommt, wenn man an eine Firma denkt, dann ist das durchaus ein gutes Zeichen. Und wenn diese Führung dann plötzlich wechselt, sich in dem Erfolg der Firma aber substanziell nichts ändert, dann ist das wohl das beste Zeugnis, das man einem scheidenden CEO bescheinigen kann. Denn dann hat dieser dafür gesorgt, dass die „Denkweise“, also die gedankliche strategische Ausrichtung eines jeden Mitarbeiters, richtig gesetzt ist.
]]>Vor zwei Jahren dann kam der Schock: Sie merkte, dass man sie loswerden wollte. Warum genau hat niemand verstanden. Die Meldung, besser gesagt: die Gerüchte, kamen über Nacht, vollkommen unerwartet. Sue war geschockt. „Wie können sie das nur machen?“, fragte sie mich, den Neuling, der die Firmenpolitik nun wirklich nicht überschaute und ein sehr begrenztes Netzwerk hatte. Sue, die Netzwerkerin, die, die die Fäden im Hinterland in den Händen hielt, sollte entlassen werden.
Und so half ich Sue, über einen befreundeten Anwalt den besten Deal für einen Weggang zu bekommen. Und ein paar Monate später, saß sie zuhause in ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg. Eine Wohnung, die schon immer etwas zu groß und zu teuer für sie gewesen war.
Ihr gesamter Freundeskreis hing mit der Firma zusammen. Nicht nur ihr berufliches Netzwerk brach zusammen, auch ihr Freundeskreis wurde immer kleiner. Doch Sue, die Netzwerkerin, organisierte Weinverkostungen, Partynächte, Motto-Veranstaltungen und gemeinsames Public Viewing von ihrem Lieblings-Fußballclub, dem FC Liverpool.
In großen Abständen trafen wir uns. Große Abstände, da ich selbst beruflich stark eingespannt war und mein eigenes soziales Leben hatte, das deutlich anders war als das einer Singlefrau aus Großbritannien in Berlin. Sie machte die Nacht zum Tag. Ich war froh, nachts schlafen zu können. Ja, man kann sagen, dass sich unsere Wege zwar einmal gekreuzt hatten, sich jedoch immer weiter voneinander entfernten. Ihr Leben bestand aus Partynächten in Berlin, meines aus einem alltäglichen Leben.
Und dann entdeckte ich, als ich sie einmal besuchte, ein weißes Pulver auf ihrem Glastisch. Ich fragte, was das sei. Meine Vermutung war richtig. Sue nahm Drogen. Sie stürzte ab. Zwar versuchte ich der aufgedrehten Sue ins Gewissen zu reden, doch das ist recht aussichtslos, merkte ich, als ich in ihre Augen schaute. Sie hatte nicht nur ihren Job verloren, sondern auch ihren Halt.
Die Frau, zu der ich einst bewundernd aufgeschaut habe, weil sie so viel Wissen in meiner Branche hatte, und ein so tolles berufliches Netzwerk: ein Wrack. Wenn sie sich längere Zeit mal nicht meldete, dann versuchte ich über Kollegen herauszufinden, wie es ihr geht. Immer weniger konnten mir meine Kollegen von ihr erzählen, da auch sie, langsam aber sicher, den Kontakt zu ihr abbrachen.
Vor einer Woche nun bekam ich eine Abschieds-E-Mail von ihr: Sie geht zurück nachhause. Nach England. Zurück zu ihrer Familie. Trotzig und enttäuscht war diese E-Mail. Doch ich dachte: „Vielleicht ist dies ein guter Neuanfang.“. Ganz sicher bin ich mir damit jedoch nicht, da ihr Leben, als Mitte-50igerin ohne Kinder, ohne Mann und Freunde, nicht das Leben ist, das sich ihre Eltern für sie wünschten.
Ich weiß nicht, was mit ihr nun passiert. Wird sie wieder Halt finden? Einen neuen Job und ein neues Leben beginnen? Und ich frage mich, warum ein so ehemals erfolgreicher Mensch so tief abstürzen konnte. Ich frage mich. Antworten darauf habe ich keine.
]]>Er ist ein super netter Kerl. Bodenständig, lustig, pragmatisch und intelligent. Vielleicht etwas übergewichtig. Keiner, für den man sich auf der Straße umdrehen würde, wenn man ihn sieht. Aber einer, zu dem man den Kontakt hält, auch wenn man schon viele Jahre nicht mehr gemeinsam arbeitet. Einer, mit dem man sich vornahm, die Welt in einem Geländewagen zu befahren – vom Nordpol bis zum Südpol – entlang der Panamericana. Einer, mit dem man den Herausforderungen einer solchen Tour durch viele Länder und Kontinente mutig trotzt und immer die Nerven behält.
Und so erzählte er mir auf dieser Autobahn in Genua von diesem Mädchen, einer Krankenschwester. Nett sei sie, zum ersten Mal hat er sie kurz vor der Dienstreise getroffen. Und, ja, dieses Mädel drehte meinem Kollegen mächtig den Kopf rum – im positiven Sinne. Denn nach langer Zeit des Single-Lebens gab es mal wieder eine, die ihn interessierte. Acht Jahre und einen Umzug nach Stuttgart später, waren sie verheiratet. Er arbeitete mittlerweile bei einem süddeutschen Automobilhersteller für Luxusfahrzeuge. Sie fand einen Job in einem städtischen Krankenhaus. Sie heirateten, und er legte ihr die Welt zu Füßen.
Er war so fasziniert von ihr, dass er ihr ein Leben ermöglichte, dass sie sich selbst nicht hätte leisten können: Luxusautos, 5-Sterne-Hotels, Jetset, Weltreisen, Amerika, andere Kulturen. Sie gewöhnte sich schnell daran, dass selbstverständlich (!) frischer Orangensaft zum Buffet gehörte, und nur feinste Kaffeebohnen für den Latte Macchiato herhalten mussten – auch zuhause. Sie lernte es sehr zu schätzen, dass frischer Lachs und ein Rindersteak, medium, in der Business Class von Premium Airlines serviert wurden – selbstverständlich mit dem dazu passenden Weißwein oder Rotwein. Doch mit der Zeit lernte sie all das nicht nur zu schätzen, sondern dies auch als das neue Normal zu verstehen. Wie teuer das alles war, verdrängte sie. Mein Kollege bezahlte ja für alles. Er tat es gern.
Und er tut es heute.
Mit dem steigenden Lebensstandard, dem neuen Normal, verlernte auch er es, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Und ich realisierte erst vor einigen Monaten, dass das Bodenständige in ihm verschwunden war. Er würde nicht mit mir durch tiefe Schlammpfützen in einem Offroader fahren, wenn am Ende des Tages kein 5-Sterne-Hotel ihn erwartete. Ein Zelt? Nein, ein Zelt würde seinen Ansprüchen nicht mehr genügen.
Es war wirklich schade, zu erkennen, dass die Zeiten sich nicht nur änderten. Das ist bis zu einem gewissen Grad sicherlich ganz normal. Lebenskonzepte ändern sich. Doch es war sehr schade, zu sehen, dass er sich für die Liebe seines Lebens verausgabte – bis auf das Unterhemd.
Irgendwie wünsche ich mir, dass das alles nachhaltig und von Dauer ist, auch wenn ich total Zwiegestalten bin von dieser Beziehung. Ich wünsche mir, dass er nicht eines Morgens aufwacht, pleite. Ich hoffe so sehr, dass er glücklich bleibt. Doch ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie das gehen soll, ohne dass er zwischenzeitlich im Lotto gewinnt, um es seiner Traumfrau recht zu machen.
Wenn es eine Moral aus dieser Geschichte gibt, dann vielleicht die, niemandem etwas vorzumachen. Dass es wichtig ist, sich dem zukünftigen Partner so zu zeigen, wie man wirklich ist. Dass Luxus zu den angenehmen Seltenheiten gehört, dass man mit dem zukünftigen Partner aber auch in einem Zelt im regnerischen Norwegen bei Wind und Wetter übernachten kann.
Ich wünsche ihm sehr, dass es klappt.
]]>2 Minuten später: „Fertig!“
Interesse am Sydney Opera House ab der dritten Minute: Null.
Genau so habe ich das im Februar erlebt, als wir mit Freunden, die nun eher Bekannte sind, um die halbe Welt geflogen sind, um gemeinsam Australien zu entdecken. Was wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wussten: Ein wirkliches Interesse, das Land und die Leute kennenzulernen, hatten sie nicht. Auch nicht, um sich mal irgendwo ganz in Ruhe hinzusetzen, um die Situation auf sich wirken zu lassen.
Und so liefen wir kurz nach Ankunft im Hotel in der Dämmerung zum Hafen in Sydney, um dort das Sydney Opera House zu sehen. Dieses Gebäude, da auf der ganzen Welt mit Sydney, Australien, Koalas und dem anderen Ende der Welt verbunden wird. Doch unsere Mitreisenden taten, was sie schon in Melbourne taten: Mit ihren Smartphones nahmen sie innerhalb von wenigen Minuten die Bilder auf, die schon hunderte Millionen Mal auf Instagram hochgeladen wurden. Sie markierten sich und die Oper von Sydney auf den Bildern. Die Heimat, und auch die Eltern wissen nun: Uns geht es gut. Job erledigt. Kollegen neidisch.
Es ist so schrecklich erschreckend, wenn es tatsächlich das andere Ende der Welt braucht, um zu sehen, wie wenig manche Menschen eine Landschaft, ein Bauwerk, eine Stadt oder die untergehende Sonne auf sich wirken lassen. Es ist schrecklich, zu sehen, wie unsere digitale Welt, und der Drang diese über unsere Erlebnisse wissen zu lassen, uns verändert hat. „Zeig, wer du bist. Sonst bist du niemand.“, scheint Instagram, Facebook und Co. einem jeden von uns in die Ohren zu flüstern. Manche folgen diesem Drang selbst dann, wenn dafür 12,543 Kilometer Flug und weit über 1,000km mit dem Auto zurückgelegt werden mussten. Selbst dort, am anderen Ende der Welt, gibt es keine Sekunde des „auf sich wirken Lassens“, des „einfach mal hier sein“-Moments. In Windeseile werden da Fotos gemacht, aufgehübscht (auch: aufgepimpt) und Minuten später hochgeladen. Die Aufmerksamkeitsspanne derjenigen endet, wenn der grüne Haken auf dem Smartphone auftaucht, der das erfolgreiche Hochladen des Fotos quittiert.
Danach drehten diese Bekannten diesem Bauwerk, das die ganze Welt kennt und bewundert, den Rücken zu. „Wir haben Hunger. Wo gehen wir hin?“, fragten sie uns und ließen uns unmissverständlich wissen, dass für sie der Spaziergang zum Sydney Opera House nun beendet sei. Widerrede? Zwecklos.
Einen Tag später liefen Steffen und ich dann nochmal zum Sydney Opera House. Diesmal mit einem Sixpack Bier, gut verpackt in einer Papiertüte (Ja, die Australier sind da etwas verklemmt!) zum Opernhaus. Diesmal waren wir allein, setzten uns in der untergehenden Sonne auf die Stufen zu Fuße des Opernhauses und öffneten mit einem leisen Zischen die erste Dose. Und während der Himmel sich dunkelblau färbte, beobachteten wir die Touristenströme rund um dieses Opernhaus. Sahen, wie die Lichter der Sydney Harbour Bridge angingen, und sich neben uns ein anderes schwules Paar aus Deutschland hinsetzte. Wir haben uns nicht mit ihnen unterhalten. Aber auch denen war mehr danach, den Moment zu genießen, als dem nächsten Event hinterherzulaufen.
Manche Menschen kommen irgendwie nie an.
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