Advertise with Googlier.comAnarchistische Bibliothek
https://www.anarchistischebibliothek.org
deSat, 07 Nov 2026 00:00:00 +0100AnticopyrightElaine Leeder - Anarcha-Feminismus
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/elaine-leeder-anarcha-feminismus?v=1794006000
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/elaine-leeder-anarcha-feminismus?v=1794006000Sat, 07 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Elaine Leeder<br><strong>Titel</strong>: Anarcha-Feminismus<br><strong>Datum</strong>: 1979<br><strong>Bemerkungen</strong>: Notiz "Anarchafeminismus Bibliothek": Entnommen [wohl auszugsweise] aus <em>Degen, Hans-Jürgen: „Tu was du willst“. Anarchismus – Grundlagentexte zur Theorie und Praxis. Verlag Schwarzer Nachtschatten 1987.</em><br><strong>Quelle</strong>: https://anarchafeminismus.noblogs.org/post/2022/09/02/elaine-leeder-anarcha-feminismus-1979/ (Down)<br><div><div dir="ltr">
<p> Man sagt, daß Frauen oft Anarchismus praktizieren, ohne es zu wissen, während manche Männer sich selbst Anarchisten nennen, ohne das zu praktizieren. (…) </p>
<div style="font-weight:bold">Ein politischer Zwitter?</div>
<p> Es gibt eine Anzahl Feministinnen, die den unserer Entwicklung inhärenten Anarchismus erkannt und in Gruppenarbeit begonnen haben, zu lernen und zusammenzuwachsen als Anarcha-Feministinnen. Dieser „Zwitter“ entwickelte sich aus den späten 60ern heraus, als viele von uns in von Männern dominierten, nach „Wettbewerb“ und Hierarchie aufgebauten Massenorganisationen tätig waren. Zu der Zeit (und bis heute auch in der anarchistischen Literatur) wurde den Frauen gesagt, im Interesse der und für die große Bewegung zu arbeiten. Stattdessen bildeten wir kleine Selbsterfahrungsgruppen, die die persönlichen Fragen und Probleme unseres Lebens behandelten. Es waren spontane, auf „direkte Aktion“ zielende Gruppen: und für uns selbst organisiert. Sie ähnelten stark bestimmten Gruppen des Spaniens von vor 1936 und ließen sich als „affinity-groups“ bezeichnen. </p>
<p> Diese „affinity-groups“ gründeten sich auf gemeinsame Interessen und waren gekennzeichnet durch ein demokratisches Verfahren, in dem und durch das die beteiligten Frauen Information und Wissen teilten. Diese Gruppen setzten sich im allgemeinen aus weißen Frauen der Mittelklasse zusammen, die sich oft zum ersten Mal in einer Situation befanden, in der sie nicht miteinander zu konkurrieren brauchten. </p>
<p> Dritte-Welt- und Arbeiterklasse-Frauen waren normalerweise an solchen Gruppen nicht beteiligt; was auch heute noch die anarcha-feministischen Gruppen kennzeichnet. Was sich durch die Tatsache erklären läßt, daß diese Frauen – ausgebeutet als Arbeitskräfte und Minderheiten – mehr von Fragen und Aufgaben des Überlebens beansprucht waren. </p>
<div style="font-weight:bold">Feministische Theorie</div>
<p> Aus diesen frühen Anfängen entwickelte sich langsam eine feministische Theorie. Einige von uns in diesen kleinen Gruppen begannen, politische Theorie zu studieren und entdeckten den unserem Feminismus innewohnenden Anarchismus. Wir fingen an mit dem Gebrauch einer anarchistischen Analyse, die uns bei der Entwicklung einer Theorie und Strategie der Gesellschaftsveränderung helfen sollte. Wir machten uns klar, daß das Patriarchat eine von Männern beherrschte Hierarchie ist und daß die Kleinfamilie diese Hierarchie am Leben hält. Die Familie, so entdeckten wir, lehrt uns, Gott, den Lehrern, dem Chef und jedem sonst noch „Übergeordneten“ zu gehorchen. Sie drillt uns auf Wettbewerb, Verbrauch um jeden Preis, Isolation und den Umgang miteinander in einem Subjekt-Objekt-Verhältnis. Kleinfamilien, so wissen wir nun, sind die Basis aller hierarchischen, autoritären Systeme; und als Konsequenz: der Kampf gegen das Patriarchat ist ein Kampf gegen alle Formen der Hierarchie. Wenn wir die Natur der Kleinfamilie verändern, können wir auch beginnen, alle Formen des Führertums, der Herrschaft und der Regierung zu ändern. </p>
<div style="font-weight:bold">Lineares Denken</div>
<p> Als ein Ergebnis dieser Form des Denkens legen Feministinnen nun Wert auf andere Wege, sich den Dingen zu nähern. Wir dürfen die Welt nicht länger nach dem Schema linearen Denkens sehen: rational gegen gefühlsmäßig, Verstand gegen Körper, Logik gegen Intuition. Wir haben begonnen, die Dinge, die Welt in einem Kontinuum als etwas Zusammengehöriges zu betrachten, statt sie in dualistische, auf Wettbewerb orientierte Teile zu „ordnen“. Wenn mensch sich der Welt konsequent auf diese Art nähert, wird klar, daß und warum Anarcha-Feministinnen nicht einen gleichen Anteil an der Macht für die Frauen fordern; stattdessen, daß alle Machtbeziehungen abzuschaffen sind. Wir wollen keine Frau als Präsidenten, wir wollen überhaupt keinen Präsidenten. Für uns ist „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ keine Kernfrage: Hierarchien und Machtverteilung dagegen sind es. </p>
<div style="font-weight:bold">Anarchismus</div>
<p> Es ist schon viel geschrieben worden über die Gemeinsamkeiten von Anarchismus und Feminismus. Beide, Anarchismus und Feminismus, ermutigen spontanen Wandel und freie Vereinigung. Beide sehen die Notwendigkeit von Massenbewegungen, aber nicht von Avantgarden und Führern. Beide ermutigen Wandel: von unten, nicht von oben. Anarchismus sieht als Feind den Staat; Feminismus sieht den Feind im Patriarchat. Anarcha-Feministinnen sehen beides als das gleiche an: Patriarchat ist ein nicht wegzudenkender Bestandteil des Staates. Wir bekämpfen denselben Feind an verschiedenen Stellen des zusammengehörenden Ganzen. </p>
<p> Feministische Gruppen folgen oft anarchistischen Prinzipien. Einige von uns haben die Beziehung diskutiert; andere haben es nicht – aber der Zusammenhang ist noch da, ob nun bewußt oder nicht. Unsere Gruppen sind im allgemeinen klein, und manchmal werden Verbindungen gebildet, um mit anderen bei bestimmten Fragen zusammenzuarbeiten und -handeln. Das läßt sich dem anarchistischen Föderationskonzept vergleichen. </p>
<p> In den Gruppen bemüht frau sich, sich bei den Aufgaben abzuwechseln und an Erfahrungen teilhaben zu lassen, sodaß die Macht niemals nur bei ein- und derselben Person liegt. Entsprechend anarchistischen Grundsätzen gibt es gleichen Zugang zu allen Informationen. Die Gruppen sind freiwillig und zweckgerichtet, nichthierarchisch, Selbstdisziplin ist daher unerläßlich. Die Unerfahrenen werden gedrängt, Führungspositionen (so nötig) zu übernehmen, und die „geborenen“ Führer vermitteln ihre Fähigkeiten denen, die auf bestimmten Gebieten nicht so kenntnisreich sind. Wir arbeiten in diesen Gruppen daran, die Revolution jetzt, in unserem täglichen Leben zu praktizieren. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Friederike Kamann - Anarchafeminismus, Anarchismus und Feminismus
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/friederike-kamann-anarchafeminismus-anarchismus-und-feminismus?v=1794006000
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/friederike-kamann-anarchafeminismus-anarchismus-und-feminismus?v=1794006000Sat, 07 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Friederike Kamann<br><strong>Titel</strong>: Anarchafeminismus, Anarchismus und Feminismus<br><strong>Untertitel</strong>: Redebeitrag von der 1. Regensburger Fachtagung für „Lust und Freiheit“ vom 4. – 20. Dezember 1987<br><strong>Datum</strong>: 1988<br><strong>Bemerkungen</strong>: Notiz "Anarchafeminismus Bibliothek": <em>Entnommen aus der Sonderausgabe Feminismus – Anarchismus des Schwarzen Fadens von 1988.</em><br><strong>Quelle</strong>: https://anarchafeminismus.noblogs.org/post/2023/03/31/friederike-kamann-anarchafeminismus-anarchismus-und-feminismus-1988/ (down)<br><div><div dir="ltr">
<p> Viele fallen auf den Versuch herein »<em>Anarchafeminismus</em>« lediglich als eine gelungene Mischung zu begreifen. Dieser »Eintopf« liegt all denen schwer im Magen, die spüren, daß auf solchem Wege Aufbruchsversuche von Frauen in eine eigene, selbstbestimmte Zukunft nur wieder für eine vorgegebene Männerbewegung nutzbar gemacht werden könnten. </p>
<p><em>Anarchismus</em> – stellt die Frage nach der Herrschaft in der Gesellschaft und muß die feministische Herausforderung annehmen, diese Herrschaft auch als sexistische zu begreifen – als Einschränkung und Festlegung von Frauen auf bestimmte herrschaftsfunktionale weibliche Rollen. </p>
<p><em>Feministinnen</em> – müssen begreifen, daß diese Herrschaft auch von ihnen selbst, in ihren eigenen Köpfen aufrechterhalten wird und nicht durch vordergründige Kampagnen beseitigt werden kann, wie z.B. die für <em>Quotierung</em> der Teilnahmemöglichkeiten an der patriarchalischen Macht. Feministinnen fallen sich da in den Rücken, wo sie die patriarchalische Bedingtheit ihrer eigenen Entwürfe nicht erkennen. </p>
<p> Ich gehe an mein Thema also von drei Richtungen heran: </p>
<ol>
<li>
<p> vom <em>Anarchafeminismus</em> her, als einer irgendwie gearteten Symbiose, um der Konkretisierung und Neufassung es mir letzten Endes überhaupt geht. Ich werde dabei zunächst einmal den aktuellen Stand wiedergeben. </p>
</li>
<li>
<p> vom Anarchismus her, – den ich einerseits als Männerbewegung begreife und kritisiere, auf dessen Utopie einer nichthierarchischen Gesellschaft von Gleichen (ob Männern oder Frauen) ich mich aber positiv beziehe und seine Kritik an allen hierarchischen, einschränkenden und ausbeuterischen Strukturen aufgreife – sowohl im Bereich der Arbeit, des Warenverkehrs – wie auch im Bereich der sozialen Reproduktion. Der Anarchismus – so wie ich ihn verstehe – bedeutet letztendlich: die immer neue Frage nach den <em>gesellschaftlichen Mechanismen der Verankerung von Herrschaft.</em> Und zwar nicht nur: wo sind <em>Orte</em> der Herrschaft, sondern auch <em>wo verlängern wir selbst diese Herrschaft unhinterfragt durch unsere eigenen politischen Aktionen?</em></p>
</li>
<li>
<p><em>Da</em> ich aber bei allem von meiner Situation als Frau ausgehe, davon, daß <em>ich FRAU BIN</em>, mir diese gesellschaftliche Rolle nicht aussuchen konnte und sie daher <em>offensiv</em> angehen will – ist der dritte Aspekt der <em>Feminismus</em>. </p>
</li>
</ol>
<p> Bei allen Diskussionen um Anarchafeminismus möchte ich daher die <em>konkrete</em> Veränderung der Situation von Frauen im Auge behalten – und nicht etwa nur die Erweiterung der theoretischen Perspektive. Sonst kann es geschehen – frau vergleiche etwa die Geschichte der <em>Mujeres Libres</em> im Spanischen Bürgerkrieg – daß die Kämpfe von Frauen nur für übergeordnete Ziele funktionalisiert werden, sie selbst dabei für sich nichts gewinnen. </p>
<p> Wenn ich von <em>Feminismus</em> rede, habe ich deshalb vor allem die Bewegung – wie diffus sie auch ist – im Blick, mit all den konkreten Frauen darin und ihrem persönlichen Interesse an grundlegenden Veränderungen. Ich beziehe mich natürlich auch – aber eben nicht ausschließlich – auf seine Theorie; <em>positiv</em> vor allem auf die des Radikalen Feminismus, der autonomen Frauenbewegung – wobei auch dieser Begriff zunächst wieder völlig diffus bleibt. </p>
<p> Noch einmal: Ich bin Frau – kann davon und meiner spezifischen Betroffenheit nicht abstrahieren; habe gelernt, die Deformation und Funktionalisierung des Weiblichen und damit der Einschränkung meiner ganz persönlichen Möglichkeiten in dieser Gesellschaft zu begreifen – und habe deshalb bei allen Diskussionen um Anarchismus und Feminismus vor allem immer das Interesse, diese Beschränkungen und Festlegungen anzugehen – in der theoretischen Analyse <em>und</em> der möglichen Praxis. </p>
<p> Daraus leite ich auch meine Kritik an aktuellen feministischen Zielsetzungen, Reformversuchen usw. ab. Diese haben in der augenblicklichen ›Krise‹ der kapitalistischen Produktion oft ja nur den Effekt, mittels der Parole von der »Emanzipation« der Frauen in die sich verändernden Produktions- und Warenbeziehungsstrukturen neu einzupassen. Die neuen Bilder der »Weiblichkeit« werden dabei gleich mitgeliefert, denen Frau sich wie gehabt – eifrig anzupassen sucht. Eine <em>tatsächliche</em> Emanzipation, in der Frauen sich ihre <em>eigenen,</em> selbstbestimmten Möglichkeiten erkämpfen und dabei u.a. auch die <em>Inhalte</em> der Arbeit verändern – ist das nicht. Ich beziehe mich hier vor allem auf die Diskussion um die <em>Quotierung</em>. Aber auch auf die immer neue und vorschnelle Festlegung auf eine positiv besetzte »Weiblichkeit«. Können wir überhaupt eine Weiblichkeit definieren, die nicht von patriarchalischen Antagonismen wie etwa Natur/Kultur abgeleitet ist und deshalb immer ein reduziertes Pendant zum <em>Männlichen</em> bleibt? </p>
<p> Ich kritisiere alle <em>Biologismen</em> im Sinne von: »Frauen <em>sind so</em> – Männer dagegen so – und deshalb müßten Frauen an die Stellen von Männern gesetzt werden« – oder im Sinne von: Frauen seien anders, besser als Männer und deshalb, usw. … </p>
<p> Ebenso kritisiere ich die weitverbreiteten neuen <em>Mythen,</em> etwa von der besonders dem <em>eigentlichen</em> Leben verbundenen Existenzform der <em>Mütter</em>. Auch dies bedeutet wieder ein Einschwören von Frauen auf reduzierte Rollen und verhindert einen <em>offenen Entwurf</em>, in welchem Frau sich nicht auf <em>einen</em> Teilbereich festlegen muß. Und darum geht es nur! </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Killing King Abacus - Notizen zu einer neuen Analyse der Institutionen der Herrschaft
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/killing-king-abacus-notizen-zu-einer-neuen-analyse-der-institutionen-der-herrschaft?v=1793935790
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/killing-king-abacus-notizen-zu-einer-neuen-analyse-der-institutionen-der-herrschaft?v=1793935790Fri, 06 Nov 2026 04:29:50 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Killing King Abacus<br><strong>Titel</strong>: Notizen zu einer neuen Analyse der Institutionen der Herrschaft<br><strong>Bemerkungen</strong>: Englisches Original in: Killing King Abacus No. 2.<br><strong>Quelle</strong>: https://anarchafeminismus.noblogs.org/post/2023/02/05/notizen-zu-einer-neuen-analyse-der-institutionen-der-herrschaft-2001/<br><div><div dir="ltr">
<p> Es ist kaum 65 Jahre her, da war es absolut üblich, in der anarchistischen Literatur Analysen der Institutionen zu lesen, in denen sich die verschiedenen Formen der Herrschaft manifestierten. Wenn man beispielsweise über die Unterdrückung der Frauen schrieb, dann wurden die Familie und die Ehe untersucht und bloßgestellt. Wenn die Unterdrückung von Vergnügen und der Freude des Lebens zur Diskussion stand, dann wurden Religion und Gesetz ins Visier genommen. Der institutionelle Rahmen, in dem sich diese Gesellschaft abspielt wurde als Quelle der Ausbeutung, Herrschaft und Entfremdung wahrgenommen. </p>
<p> Es scheint so, als wäre dieser institutionelle Rahmen in jüngerer Zeit größtenteils vergessen worden zu sein. Von den verschiedenen Institutionen, in die unser entfremdetes kreatives Potenzial zu unserem Nachteil akkumuliert wurde, scheinen nur noch der Staat und das Kapital (und gelegentlich die Technologie) in einem bedeutenden Ausmaß Erwähnung zu finden und selbst diese werden häufig mehr als Geisteszustände, denn als konkrete soziale Institutionen behandelt. So entdecken wir beispielsweise, dass Anarchist*innen gegen Staatlichkeit (was auch immer das sein soll) sind, anstatt gegen den Staat. Auf diese Weise kann etwa ein Bookchin behaupten, gegen Staatlichkeit zu sein, während er den altertümlichen griechischen Stadt-Staat als Modell für seine demokratisierte Version der „Anarchie“ bewirbt. </p>
<p> Jede andere Form der Unterdrückung wird ebenfalls zu einem „-ismus“ (<em>Rassismus,</em> Sexismus, usw.) oder schlimmerem (Homophobie impliziert beispielsweise eine psychologische Störung, die einer Behandlung bedarf, anstatt einer sozialen Repression, die nach Revolte verlangt). Natürlich verleugnen wir nicht die Realitäten der Ideologien der Bigotterie und ihrer Durchdringung der Gedanken und Gefühle der Ausgebeuteten und Unterdrückten. Aber ohne ein Verständnis des institutionellen Rahmens der Unterdrückung und Herrschaft ist es nicht möglich zu verstehen, wie die herrschende Klasse diese Ideologien dazu nutzt, diejenigen zu spalten, die sie ausbeutet. </p>
<p> Selbst die anscheinend Radikalsten (weil ihre Rhetorik am extremsten ist) innerhalb des anarchistischen Millieus entgehen dem nicht. Die von primitivistischen und antizivilisatorischen Kreisen kommende Kritik richtet ihre verbalen Angriffe allzu häufig gegen eine nebulöse, schlecht definierte Zivilisation. Gewiss klingt „Für die Zerstörung der Zivilisation“ radikal. Meiner eigenen Definition gemäß stimme ich damit sogar überein. Aber meiner Definition nach ist Zivilisation nicht irgendeine nebulöse, weitestgehend mentale Kategorie, die dem Rationalismus oder dem westlichen Denken oder welcher unerwünschten Denkweise auch immer entspringt; sie ist ein Netzwerk konkreter sozialer <em>Institutionen</em>, die ich in meinem Alltag konfrontiere: Staat, Wirtschaft, Religion, die Familie, technologische Systeme, und so weiter, allesamt sehr reale Entitäten, die nicht von Gedankenspielen beseitigt werden werden. </p>
<p> Und genau hier tappt die derzeitige Tendenz in eine Falle. Wenn eine Analyse des institutionellen Rahmens der Unterdrückung, Ausbeutung, Herrschaft und Entfremdung vergessen wird, dann tritt Therapie an die Stelle von Revolution. Wir sind dann gezwungen, uns mit den pathetischen, weinerlichen Geständnissen eines Chris Crass zu beschäftigen oder auch der schlechten Popkultur-Psychologie der Autor*innen des Textes „Stick it to the Manarchy“ (wobei schon der Gebrauch eines Begriffs wie „manarchy“ ein sicheres Zeichen dafür ist, dass jemand nichts hörenswertes zu sagen hat), die versuchen ihren „Sexismus“, „Rassismus“, „Homophobie“ und „Klassismus“ abzulegen, die nicht länger irgendwelche Ideologien der Bigotterie sind, sondern niedere mentale Krankheiten, unter denen die selbsternannten „Privilegierten“ aller Klassen leiden. </p>
<p> Jede*r ernsthafte revolutionäre Anarchist*in muss sehen, dass das nur eine weitere List der Feiglinge und jener ist, die ein Interesse an der Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung haben, die eigentliche Entscheidung darüber, auf wessen Seite sie im Kampf gegen diese Gesellschaft stehen, aufzuschieben. Diejenigen von uns, die es mit der Zerstörung der gegenwärtigen Welt ernst meinen, um unsere Leben selbst zu gestalten, haben keine Zeit für diese selbstgerechten Gedankenspielereien, die so sehr an Selbsthilfegruppen erinnern („Mein Name ist … und ich bin süchtig nach meiner eigenen Unterdrückung.“). Unsere Aufgabe liegt vor uns: Die Institutionen aufzudecken und anzugreifen, die uns unsere Leben gestohlen haben und uns in diesem Prozess unsere eigenen Leben wiederanzueignen. Welche kleinen Versatzstücke einer unterdrückerischen Mentalität diesen Prozess auch immer überleben, mit denen lässt sich auch dann ein Umgang finden, wenn wir diese Aufgabe erst einmal bewältigt haben. </p>
<div class="amw-teaser-no-ellipsis"></div>
</div></div></div>Freie Jugend - Was wollen die Anarchisten?
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/freie-jugend-was-wollen-die-anarchisten?v=1793746800
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/freie-jugend-was-wollen-die-anarchisten?v=1793746800Wed, 04 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Freie Jugend<br><strong>Titel</strong>: Was wollen die Anarchisten?<br><strong>Datum</strong>: Späte 1920er<br><strong>Bemerkungen</strong>: <br /> Herausgeber: Gruppe “FreieJugend”, (JungeAnarchisten) Groß-Berlin Druck: Ernst Friedrich, Berlin C 2, Parochialstraße 29<br><strong>Quelle</strong>: Originalbroschüre<br><div><div dir="ltr">
<p>
<br />
</p>
<p> Sie wollen den Wohlstand für alle. Darum müssen sie zu allererst gegen den Staat kämpfen, der nur den Wohlstand der Wenigen schützt auf Kosten der übrigen menschlichen Gesellschaft. </p>
<p> Die Anarchisten wollen eine Gesellschaftsordnung, in der die Produktionsmittel Gesellschaftseigentum sind, und alle Arbeiter den Ertrag ihrer Arbeit genießen können, eine Gesellschaftsordnung, in der produziert wird für den Bedarf aller, nicht mehr für den Profit einzelner. Sie wollen eine freie Gesellschaft, in der alles nur <em>verwaltet</em> wird, und wo niemand <em>herrscht</em>. Die Verwaltung sollen die Werktätigen selbst führen durch ihre Räte, die an den Arbeitsstätten gewählt werden und jeder Zeit abberufbar sind. Das ist: <strong>Die kommunistische Gesellschaftsordnung auf der Grundlage des Rätesystems.</strong></p>
<div style="font-weight:bold">Sind die Menschen reif für dieses Ziel?</div>
<p> Der <em>Mensch</em> ist weder schlecht noch gut. Schlecht aber sind die Verhältnisse der Menschen, ihre Gesellschaftsordnung, d. h. die Menschen werden sich wohler fühlen, wenn die Verhältnisse sich bessern. Eine falsche Betrachtungsweise sagt dann: „Die <em>Menschen</em> werden besser.“ Es ist durchaus natürlich, daß das Verhalten der Menschen in anderen Situationen sich ändert. Nicht weil wir die Menschen für besser halten, als sie sind, streben wir zur herrschaftslosen Gesellschaft — wenn es Engel unter uns gäbe, könnten wir es ertragen von ihnen beschützt und beherrscht zu sein, aber gerade weil wir die Menschen nehmen, wie sie sind, sagen wir: „Vertraut Euch ihnen nicht an.“ Der brutale Polizist könnte ein guter Mensch sein, wenn ihn nicht seine Gewalt und die Autorität seiner Uniform verführte. Das gleiche gilt sinngemäß auch von den Ausbeutern und Unterdrückern. Also, weil es keine Engel unter den Menschen gibt fordern wir: </p>
<p> „Ändert die verbrecherischen Verhältnisse, dann wird es keine Verbrechen mehr geben. Ändert die ausbeuterischen Verhältnisse, und es gibt keine Ausbeutung mehr. Ändert die schlechten menschlichen Verhältnisse und die „schlechten Menschen“ sterben aus.“ </p>
<div style="font-weight:bold">Ändern sich die Verhältnisse <em>nur</em> durch die Revolution?</div>
<p> „Wohlstand für alle“ bedeutet Beseitigung einer Wirtschaftsordnung, in der der Reichtum Weniger auf der Armut der Vielen aufgebaut ist. Aber die Nutznießer dieses Zustandes sind mit Hilfe ihrer Gewaltorganisation bemüht, den jetzigen für sie günstigen Zustand zu erhalten, und das Proletariat gewaltsam zu geistiger Armut zu zwingen (denn Bildung ist nur gegen Geld erhältlich). So bleibt dem Klassenbewußten, d. h. dem zur Erkenntnis seiner Lage gekommenen Teile der proletarischen Klasse, nur ein Mittel übrig, das ist der Sturz der bestehenden Ordnung: <em>Die Revolution</em>. </p>
<div style="font-weight:bold">Warum aber versuchen die Anarchisten nicht ihre Ziele im Parlament durchzusetzen?</div>
<p> Im Parlament wird verhandelt. Der Handel aber ist der Bourgeoisie geläufig, entspricht ihrer Wirtschaftsordnung und täglichen Übung. Diese heilige Grundlage der bürgerlichen „Ordnung“ findet ihren vollkommensten Ausdruck in der obersten Schacherinstanz: dem Parlament. Hier wird dem Handel der gloriose Mantel der sozialen Politik und der wissenschaftlichen Volkswirtschaft umgebunden. In Wahrheit aber geschieht nichts weiter, als daß die verschiedensten kapitalistischen Interessengruppen um den größeren Anteil am Profit handeln. Ihr Handel artet oft zum „Kampf“ aus, denn keiner will seinen Profit verringert wissen. Die einen sagen Nationalismus, Abschließung der Grenzen oder Schutzzoll und meinen nur, es muß verhindert werden, daß ihre Bodenerzeugnisse durch ausländische Konkurrenz im Preise gedrückt werden. Andere rufen Weltbürgertum, Freisinnigkeit und offene Grenzen, um leichter Handel treiben zu können, um durch große Konkurrenz verbilligte Rohstoffe für ihre Fabrikate einzukaufen. Diese schreien Krieg, um ein Land zu zwingen, ihre Waren zu den von ihnen bestimmten Preisen zu kaufen; jene wollen Frieden, weil sie ihre Erzeugnisse in fremden Ländern absetzen müssen. So hat der Landwirt, der Industrielle, der Großhändler, der Bankier, jeder seine besonderen Profitinteressen, um die sie feilschen, um die sie sich balgen wie zwei Hunde um einen Knochen. Über all diesem aber vergessen sie nie ihr großes gemeinsames Interesse: <em>die Ausbeutung des Proletariats</em>, die ja die Grundbedingung zur Erlangung des heißersehnten Profites ist. Das Proletariat aber hat ebenfalls nur ein eindeutiges Interesse: <em>die Befreiung von der Ausbeutung durch die Bourgeoisie</em>. Dazu muß es kämpfen und zeigen, daß es starke Fäuste hat, auf deren Ausnutzung die ganze Profitordnung des Bürgertums beruht. Hiervor aber zittert der Bürger. Er weiß: er müßte in diesem Kampfe den Kürzeren ziehen. In dem Augenblick, da die Produktion nicht mehr nach seinem Willen geregelt wird, er folglich keine Waren verkaufen kann und für seine Profitanteilscheine, d. h. Geld ihm niemand etwas gibt, hat er aufgehört, als Klasse zu bestehen. Er kann nicht mehr handeln, wenn das Proletariat sich weigert, ihm die zu verhandelnde Ware herzustellen. Kann er aber nicht mehr handeln, so kann er auch keinen Profit mehr machen; Ende des Profites aber ist Ende der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Antimilitarismus und Revolution
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/antimilitarismus-und-revolution?v=1793660400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/antimilitarismus-und-revolution?v=1793660400Tue, 03 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>Titel</strong>: Antimilitarismus und Revolution<br><strong>Datum</strong>: November 1905<br><strong>Bemerkungen</strong>: <br /> Original in: Der Antimilitarist. BEILAGE zu NO. 21 des „WECKRUF“. III. Jahrgang. Zürich, November 1905<br><strong>Quelle</strong>: https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2022/06/20/40/ (DOWN; WAYBACK)<br><div><div dir="ltr">
<p> In einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“ (seinerzeit als „Le Revolté“ von Kropotkin und seinen Freunden gegründet) und in einem zweiten an den bürgerlichen „Temps“, der aber nicht veröffentlicht wurde, nimmt Peter Kropotkin Stellung zur antimilitaristischen Propaganda. Es handelt sich in erster Linie um die Frage, wie sich die Revolutionäre im Falle eines Krieges zu verhalten hätten, und hier nimmt Kropotkin eine gerade entgegengesetzte Stellung zu der antimilitaristischen Richtung, die in letzter Zeit in dem Professor Hèrvé einen energischen Vertreter gefunden. Während diese Letztere für die vollständige Unterdrückung des Militarismus eintritt und selbst im Falle eines „Verteidigungskrieges“ mit dem Streike der Militärpflichtigen antworten will, tritt Ersterer für eine bedingte Beibehaltung des Militärs ein, welches Frankreich, das daran ist, die Grundlagen seiner Gesellschaftsform zu ändern, gegen Angriffe von reaktionären Feinden, unter welchen er hauptsächlich die Deutschen versteht, zu schützen hätte. </p>
<p> Nach unserer Ansicht beruhen die Schlüsse, welche Kropotkin zieht, auf einer allzustarken Unterschätzung der Deutschen, was man ihm aber wahrlich nicht übel nehmen kann; waren es doch die „Germanen“, welche stets wie ein Bleigewicht auf den Gang der internationalen Arbeiterbewegung wirkten. Ganz so pessimistisch denken wir jedoch nicht, vielleicht eben weil wir „Deutsche“ sind, sonst hätten wir es schon längst aufgegeben, unter einer solchen elenden Schafherde Propaganda zu machen. </p>
<p> Nun ist zu sagen, dass, seitdem Russland aufgehört hat, eine stete Bedrohung der freiheitlichen Bewegung in Westeuropa zu sein – was man heute schon mit Bestimmtheit sagen kann – ist es auch Deutschland nicht mehr in dem Masse, weil es an „Rückgrat“ verloren hat. Es wird bald damit genug zu tun haben, die „eigenen Völker“, namentlich die Polen in der Zucht zu halten, dass es sich nicht mehr erlauben kann, ein grosses Volk, das sich zudem noch im Befreiungskampfe befindet, zu unterjochen. </p>
<p> An die Ausführungen von Kropotkin knüpfen sich eine Reihe von Auseinandersetzungen, und es ist auch für uns Schweizer nicht unnützlich, der Sache näher zu treten und sich darüber gründlich auszusprechen, weil es das beste Argument der Bourgeoisie und Sozialdemokraten gegen die antimilitaristische Propaganda ist, dass wir „Freiheiten“ gegen lüsterne Räuber zu verteidigen hätten. </p>
<p> Nachbringend bringen wir die charakteristischsten Ausführungen Kropotkins zum Abdruck, und in Fortsetzung eine Entgegnung von Charles Albert auf dieselben, ebenfalls in „Les Temps Nouveaux“ veröffentlicht. </p>
<p> Dies schreibt unser Peter Kropotkin in einem Briefe an „Les Temps Nouveaux“: </p>
<p> „Wenn Frankreich durch einige Militärmächte überfallen wird, so ist die Pflicht der Revolutionäre nicht, die Arme zu kreuzen und dem eindringenden Feinde freies Spiel zu lassen. Sie ist: die Revolution anzufangen und das Territorium der Revolution zu verteidigen, um sie fortzusetzen. </p>
<p> Die Formel „Streik der Conscrits“ (der militärpflichtigen jungen Leute, D. Ueb.) sagt nicht genug. Sie hat die Unannehmlichkeit, sich auszuschweigen über den eigentlichen Zweck der Propaganda, und gibt Anlass zu falschen Deutungen desselben. Sie sagt nichts von der Revolution und sagt nichts von der Notwendigkeit, in welche die Revolutionäre versetzt werden, diese, jeden Zoll französischer Erde, der sich in Revolution befindet, mit den Waffen in den Händen zu verteidigen gegen die bürgerlichen und kaiserlichen Horden deutscher, englischer oder vielleicht russischer Räuber.“ </p>
<p> Und weiter in seinem Briefe an den „Temps“: „Aber wenn die Deutschen Frankreich überfallen, an der Spitze – wie sie es ohne Zweifel machen werden – einer mächtigen Koalition, und die Hände der kleinen Grenzstaaten (Belgien und Schweiz) binden, alsdann wird der Streik der Conscrits nicht genügen. Man müsste machen, was die „Sanscullotes“ im Jahre 1792 getan haben, welche in ihren Sektionen die revolutionäre Kommune vom 10. August konstituierten, das Königtum und die Aristokratie über den Haufen warfen, gewaltsam Steuern von den Reichen erhoben, die Legislative (die gesetzgebende Körperschaft der grossen Revolution) zwangen, das erste wirkliche Dekret zur Vernichtung der feudalen Rechte zu erlassen und deren Zurücknahme durch die Bauern des kommunalen Bodens, und die marschierten, um die französische Erde zu verteidigen, immer indem sie die Revolution fortsetzten. Das ist auch das nämliche, was Bakunin und seine Freunde anno 1870 in Marseille und Lyon zu machen versuchten. </p>
<p> Der einzige wirksame Damm, den man einem deutschen Überfalle entgegen setzen kann, ist der Volkskrieg, die Revolution. Das ist es, was man voraussehen und von heute an offen sagen muss.“ </p>
<p> Charles Albert antwortet auf diese Ausführungen folgendermassen: </p>
<p> „… Diese Lösung, sagen wir es gleich, ist verführerisch. Erstens, weil sie eine Vermittlung ist. Sie bringt zwei Sachen, die sich immer mehr von einander entfernen, wieder zusammen: Die Revolution auf einer Seite, auf der andern die nationale Verteidigung. Sodann ist sie edel, ritterlich. Sich aufopfernd ohne zu rechnen, wie es das Volk von jeher getan, genügt es für alles, übernimmt es alle Arbeiten, seine eigene wie diejenigen, welche richtig zu führen seine Regierung unfähig ist. Das Volk macht die Revolution, um an Stelle der Unfähigen und Verräter den Boden des Vaterlandes verteidigen zu können. Es verteidigt die Grenzen, um die Revolution gegen reaktionäre Horden, welche sie zu Grunde richten wollen, zu verteidigen. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Fragenbogen-Wehrpflicht
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/fahnenflucht-fragenbogen-wehrpflicht?v=1793660400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/fahnenflucht-fragenbogen-wehrpflicht?v=1793660400Tue, 03 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>Titel</strong>: Fragenbogen-Wehrpflicht<br><strong>Datum</strong>: 5./6. Mond 2025<br><strong>Bemerkungen</strong>: Original in <em>Fahnenflucht</em> Nr. 1—5./6. Mond 2025, Baiern, 48 Seiten.<br><strong>Quelle</strong>: https://fahnenflucht.noblogs.org/2025/10/19/fahnenflucht-nr-1/ (DOWN, wayback)<br><div><div dir="ltr">
<p> Sie ist wieder zurück, die Wehrpflicht in Deutschland. Wieder einmal haben die rot-grünen Kriegstreiber unter Beweis gestellt, dass sie die geeigneten Steigbügelhalter für Kriege und Genozide sind, dass sie im Zweifel immer bereitstehen, um einen militaristischen Mobilisierungsschub einzuleiten und nicht bloß Menschen in entfernten Landen, weit außerhalb des Blickfeldes ihrer „Wählerschaft“ zu metzeln, in Kriege zu stürzen und mit militärischer Gewalt aus ihrer Heimat zu vertreiben, zu vergewaltigen, zu morden und auszuhungern, sondern auch den Krieg im „eigenen“ Lande, sprich dem besetzten Territorium über das sie herrschen, vorzubereiten. Und dazu gehört nicht bloß das großspurige Säbelrasseln der Außenpolitik, die Investitionen in Rüstungsproduktion, dafür erforderlichen Raubbau, Infrastrukturprojekte und Neuanschaffungen von allerhand Kriegsgerät, sondern auch der propagandistische Prozess der Erzwingung von Konformität in der Bevölkerung, die Förderung der Kriegsbereitschaft durch (nationalistische) Hetze, durch das herbeiphantasieren und nötigenfalls auch die repressive/geheimdienstliche Erzeugung von „Bedrohungen“ wie Terroranschlägen und -gefahren, „hybride Kriegsbedrohungen“, Inflation usw. Und schließlich ist es unverzichtbar die Bevölkerung hinsichtlich ihrer Eignung für die Vernutzung im Kriege zu erfassen und segmentieren. </p>
<p> Dass dabei die Wehrpflicht, die vor gut einem Jahrdutzend ausgesetzt wurde, zunächst einmal nicht vollumfänglich zurückkehrt, sondern als verpflichtend auszufüllender Fragebogen, ebenso wie die schwachsinnigen, an jeder Realität vorbeigehenden medial inszenierten Debatten darum, mögen darüber hinwegtäuschen, dass so ein Fragebogen schlicht eine Modernisierung und Effizienzsteigerung des Musterungsverfahrens darstellt und zudem ein geeignetes Instrument ist, um die „Musterung“ von rund einem Dutzend Jahrgängen effizient nachzuholen. Zuglich bietet die Niederschwelligkeit eines solchen Fragebogens, die Möglichkeit ihn abends auf dem Sofa auszufüllen, eine Gelegenheit, auch jene, die bislang nicht von einer Wehrpflicht betroffen waren, Frauen, auf (vorerst) freiwilliger Basis ebenfalls zu „mustern“ und damit eine weitere Planungs- und Vernutzungssteigerung zu erzielen. Um das wirklich zu verstehen ist es notwendig, einen kurzen Blick darauf zu werfen, wie ein Militär funktioniert, wie es klassischerweise funktioniert hat, und wie es in der heutigen Gesellschaft funktionieren soll. </p>
<p> Als erstes müssen wir dazu mit einem Mythos aufräumen: Das Militär ist nicht bloß das, was an der Front kämpft. Tatsächlich ist die Front sogar der allerkleinste Teil des Militärs und oft sogar nicht einmal der mörderischste. Aber alles zu seiner Zeit. Worum genau geht es bei einem militärischen Konflikt? Klar, die wirtschaftlichen und politischen Eliten streiten sich darum, wer wen ausbeuten darf, bzw. wer wie viel Profit von der gemeinsam organisierten Ausbeutung von Menschen und Erde einstreichen darf. Das ist immer das Gleiche, egal ob es uns als Geopolitik, Besetzung von Territorien oder Konflikte um Handelsrouten präsentiert wird. Aber um das geht es ja auch in Zeiten des sogenannten Friedens, in denen ökonomische Ränkespiele, Verträge, Investitionen, usw. das gleiche regeln. Die Besonderheit des militärischen Konflikts liegt darin, dass zwei oder mehr Parteien um die physische Kontrolle eines bestimmten Territoriums ringen – und zwar mit Waffengewalt. Das beinhaltet einerseits den gewaltsamen Sieg über die Truppen des Feindes/der Feinde, andererseits aber auch die Bevölkerung dieses Territoriums entweder der neuen Herrschaftsordnung gegenüber gefügig zu machen, oder aber sie auszulöschen, bzw. zu vertreiben. Meist ist das eine Mischung: Plündernde, mordende und vergewaltigende Truppen brechen den Widerstand der Bevölkerung, verschleppen diejenigen, die Anstalten machen, sich zu wehren, oder auch nur Einspruch zu erheben, in Gefangenenlager, wo sie sie entwürdigen, versklaven und vergewaltigen, manchmal auch ermorden, schlagen sie in die Flucht und regieren dann über den verbleibenden Rest der Bevölkerung durch Abkommen mit lokalen Eliten. Wir sehen das auf der ganzen Welt, alltäglich, egal ob in Afghanistan, Syrien, Irak, Gaza, der Krim und Ukraine, Korea, Vietnam, Kongo, usw. usw. Im Grunde gibt es kein Territorium auf der Welt, in dem die herrschende Regierung nicht einst auf solche Weise entstanden wäre. </p>
<p> Es ist also für das Militär von entscheidender Wichtigkeit, das Territorium hinter der Frontlinie fest unter Kontrolle zu haben, was auch beinhaltet, die dort lebenden Menschen auf beschriebene Weise gefügig gemacht zu haben. Das erklärt beispielsweise warum etwa in der Ukraine die russische Übermacht so „langsam“ vorrückt, obwohl kein vernünftiger Mensch anzweifeln würde, dass das Land innerhalb von wenigen Tagen überrannt werden könnte. Ohne den Menschen jedoch vorher alles zu nehmen, ihnen zu demonstrieren, dass Widerstand zwecklos ist und mit brutaler Gewalt beantwortet wird und so bloß eine Verlängerung des Elends bedeutet, würden im Anschluss schnell die Versorgungslinien an die Front einbrechen und man würde eine ebenso schnelle Niederlage erleiden. Anders ausgedrückt: So etwas wie einen „Blitzkrieg“ gibt es nicht, er ist entweder Hybris der Machthaber oder aber „Opium fürs Volk“, das niemals bereit ist, jahre- und jahrzehntelanges Elend auf sich zu nehmen, von der Aussicht einer schnellen Rückkehr nach Hause jedoch regelmäßig geblendet wird. Eine Alternative im militärischen Vorgehen, man könnte sie die offen genozidale nennen, sehen wir in Gaza. Dort treiben die einrückenden Truppen die Menschen aus ihren Häusern und vor sich her. Menschen werden bereits im Vorfeld angehalten, ihre Häuser zu verlassen, teils sogar ihre Heimat insgesamt, und sich in Lager zu begeben. Wer zurückbleibt wird zum legitimen Ziel militärischer Auslöschung erklärt. Die durchs Land gejagten, enteigneten und in jeder Hinsicht mittellosen Flüchtlinge stellen dann nur noch eine geringfügige (militärische) Gefahr dar. Sie sind erschöpft, ausgehungert und unterliegen ihrer Abhängigkeit von der Versorgung in den Konzentrationslagern<a class="footnote" href="#">[1]</a>, in denen sie zusammengepfercht werden. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Willy Freimann - Luxemburg, Anti-Militarismus und Anarchismus
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/willy-freimann-luxemburg-anti-militarismus-und-anarchismus?v=1793660400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/willy-freimann-luxemburg-anti-militarismus-und-anarchismus?v=1793660400Tue, 03 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Willy Freimann<br><strong>Titel</strong>: Luxemburg, Anti-Militarismus und Anarchismus<br><strong>Datum</strong>: 1944/1948<br><strong>Bemerkungen</strong>: Der folgende Text erschien im Frühling 1948 in den <em>Mitteilungen deutscher Anarchisten</em>, welche von 1947-48 in London von der Gruppe Bakunin und John Olday herausgegeben wurden. Es heisst darin zum Text: <em>„Dieser Artikel von Willi Freimann, erschienen in <a class="text-amuse-link" href="https://web.archive.org/web/20260912092816/https://freedomnews.org.uk/wp-content/uploads/2021/04/War-Commentary-1944-03.pdf">„War Commentary“ März 1944</a> und in „Solidaridad“ Mai 1944, gehört zu der Fortsetzung der Artikelreihe: <a class="text-amuse-link" href="https://www.anarchistischebibliothek.org/library/der-antimilitaristische-kampf-der-englischen-anarchisten-im-2-weltkrieg/">Der antimilitaristische Kampf der englischen Anarchisten.</a>“</em> Willi Freimann ist übrigens ein Pseudonym, unter dem John Olday während dem 2. Weltkrieg in der zeitweise von ihm redigierten Londoner <em>War Commentary</em> publizierte. Die englische Version von 1944 und die von 1948 variieren ausserdem leicht, so wurden etwa Sätze hinzugefügt oder weggelassen, Zeitformen verändert,… die folgende ist deshalb dann eine eigene Kompromissversion beider Versionen, mit einigen sprachlichen Verbesserungen. (...) <em>Mitteilungen deutscher Anarchisten</em>. Ausgabe vom Frühling 1948. Gruppe Bakunin / John Olday. London W. 2, 15 Orsett Terrace<br><strong>Quelle</strong>: https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2023/02/20/luxemburg-anti-militarismus-und-anarchismus/ (DOWN, wayback)<br><div><div dir="ltr">
<p> Die junge sozialistische Bewegung beschäftigte sich nicht spezifisch mit dem Problem des Anti-Militarismus. Selbst das Kommunistische Manifest von 1847 beschränkt sich darauf, den Aufbau einer politischen Bewegung mit revolutionärer Zielsetzung zu empfehlen, ohne den Militarismus überhaupt zu erwähnen. Die ganze „wissenschaftlich sozialistische“ Bewegung, von Marx bis zu seinen Nachfolgern Lasalle, Wilhelm Liebknecht und Bebel, gingen dem Problem aus dem Wege. Marx‘s Haltung zum deutsch-französischen Krieg ist ja wohl bekannt (1870/71). Dieser Krieg brachte die Gegensätze der Anschauungen in der Internationale zum Vorschein, die später von grundsätzlicher Bedeutung für die revolutionäre Bewegung werden sollten. Marx, von Anfang an, behauptete dass der Krieg, vom deutschen Standpunkt betrachtet, ein reiner Verteidigungskrieg sei. Selbst nachdem die Franzosen bei Sedan vollständig besiegt wurden, hielt Marx an seinem Standpunkt fest und als sein Freund Kugelmann meinte, dass der Krieg jetzt aufgehört habe ein Verteidigungskrieg zu sein, wurde ihm von Marx bedeutet, es sei nur seine bedauerliche Unkenntnis der Dialektik, die ihn hindere zu erkennen, dass ein Verteidigungskrieg notgedrungenerweise aggressive Seiten haben müsse. Und als die französische Sektion der Internationale einen Aufruf an das deutsche Volk richtete, sprach Marx wütend von <em>„den Geistesschwachen in Paris und ihren lächerlichen Manifesten“</em>. Auch Engels war gegen jede unabhängige anti-militaristische Aktion von Seiten der französischen Arbeiterschaft. Er schrieb an Marx: <em>„Hätte man irgendwelchen Einfluss auf Paris, wäre es notwendig zu verhindern, dass das Arbeitervolk sich rührt bis zum Frieden.“</em></p>
<p> Sehr verschieden war die Haltung der Anarchisten. Seit Mitte der 1860ger Jahre betonte Bakunin die internationalen Aspirationen der Arbeiterklasse. 1870 drängte er die Arbeiter zum Aufruhr, um das Kaiserreich Napoleons III und die einfallenden Armeen Bismarcks zu vernichten. Während des letzten Viertels des Jahrhunderts begannen die kämpferisch eingestellten Arbeiter den anarchistischen Standpunkt zu akzeptieren, dass die stehenden Heere Werkzeuge für reaktionäre <em>coups d‘état</em> und soziale Unterdrückung seien; dass Kriege von den herrschenden Klassen zu deren Profit und zum Schaden der Arbeiter geführt werden und dass die Gegenmassnahme der Arbeiterklasse der Generalstreik ist, den sie mit der Zielsetzung der sozialen Revolution führen müssten. Die anarchistischen Parolen: <em>„Nieder mit den Militärgerichten, dem Militär und dem Krieg!“</em> <em>„Solidarität mit den Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren!“</em> regten immer mehr Arbeiter zu heftiger anti-militaristischer Aktivität an. Die Taktik der Anarchisten führte zu der Organisierung revolutionärer Zellen in der Armee, zu Versammlungen und Demonstrationen <em>„der Einberufenen und Rekruten“</em>. Die grausame Behandlung gefangener Antimilitaristen vertiefte die Sympathie und Unterstützung der Arbeiter. In Anbetracht dessen begannen die alarmierten Sozialisten ihre Haltung zu revidieren. Die Soldaten wurden nunmehr auch von den Sozialisten propagandistisch bearbeitet und aufgefordert sich zu weigern als Streikbrecher zu fungieren oder auf ihre Klassenangehörigen zu schiessen und wenn gezwungen, dann ihre Gewehre gegen die befehlserteilenden Offiziere zu kehren. </p>
<p> Die französischen Anarchisten waren die ersten die versuchten, eine Internationale Anti-Militaristische Assoziation zu organisieren. Ihre Parole war: <em>„</em><em>Nicht einen Mann, nicht einen Pfennig für den Militarismus!“</em> Ihre Bewegung wurde von der zweiten Internationale boykottiert, nahm aber in Frankreich selbst immer grösseren Umfang an. Auf dem ersten anti-militaristischen Kongress in Etienne, wurde beschlossen, dass man die Reservisten, im Falle eines Krieges zum Streik aufrufen müsse und Soldaten und Seeleute zur Befehlsverweigerung. Der Kongress empfahl den Generalstreik und volle Unterstützung des Klassenkampfes. </p>
<div style="font-weight:bold">Die Sozialdemokraten und Krieg</div>
<p> Karl Liebknecht war der erste Sozialdemokrat, der mit seiner Broschüre „Militarismus und Antimilitarismus“ (1907), sich entschieden für die Aufnahme des antimilitaristischen Kampfes einsetzte. Jedoch die deutsche Sozialdemokratische Partei, besorgt um ihre Legalität, dachte nicht daran, sich auf eine bestimmte Haltung in dieser Angelegenheit festzulegen. Erst als Karl Liebknecht aufgrund seiner Broschüre wegen Hochverrats angeklagt vor Gericht stand, erklärte Bebel, in seiner Eigenschaft als Vertreter der Partei und Zeuge, dass er gegen die antimilitärische Politik sei, da die Partei sich nicht einem Verbot aussetzen und ihre Mitglieder der Verfolgung überliefern wolle. Liebknecht fügte sich der Parteidisziplin und enttäuschte die Massen derjenigen Arbeiter und Soldaten, die begeistert ihre Solidarität demonstriert hatten. </p>
<p> Nachdem die Sozialdemokratie sich derart um den Preis ihrer Legalität an die Reaktion verkauft hatte, versuchte sie die Scharte wieder auszuwetzen und sich bei der revolutionären Arbeiterschaft in ein gutes Licht zu setzen, indem sie die Stuttgarter Resolution (1907) und später die Baseler Resolution (1912) unterzeichnete. Beide forderten, dass im Falle eines Krieges, die durch ihn hervorgerufenen politischen und wirtschaftlichen Krisen ausgenutzt werden sollten, um die Massen zur Erhebung zu bewegen und den Zusammenbruch des Kapitalismus zu beschleunigen. Es ist offensichtlich, dass diese Fassung der Resolution eine Konzession an die weit verbreitete Antikriegsstimmung der Massen war. Ebenso klar ist es, dass diese Massenstimmung die Frucht einer langen und opferreichen anarchistischen antimilitaristischen Agitation war. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Anonym - Die Systeme der Organisation
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/anonym-die-systeme-der-organisation?v=1793660400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/anonym-die-systeme-der-organisation?v=1793660400Tue, 03 Nov 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Anonym<br><strong>Titel</strong>: Die Systeme der Organisation<br><strong>Datum</strong>: 1898<br><strong>Bemerkungen</strong>: Original in: <em>Neues Leben</em>. Anarchistisch-sozialistische Wochenschrift. 2. Jahrg, Neue Folge. Sonnabend, den 5. November 1898. No. 18. Berlin. Vorwärts! vorwärts! nimmer lässig! Nimmer zaghaft! kühn vor allem! Unaufhaltsam, unablässig. Allgewaltig drängt die Zeit.<br><strong>Quelle</strong>: https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2024/09/07/einig-zu-was/ (DOWN, Wayback)<br><div><div dir="ltr">
<p> Es drängt uns, eine Frage von eminenter Wichtigkeit und folgenschwerer Bedeutung unter das Secirmesser der Kritik zu bringen, die Organisationsfrage nämlich. Es ist dieser Gegenstand von weit grösserer Wichtigkeit und Tragweite, als es bei einer flüchtigen Betrachtung den Schein haben mag: denn die Organisation ist das wichtigste Werkzeug des obschwebenden geistigen Riesenkampfes, und ist von grosser Wichtigkeit, ob eben dieses Instrument scharf und spitzig oder schartig und stumpf ist: die Organisation kann aber auch, wenn sie tauglich geformt wird, zur wirksamen Triebkraft, zum zweckdienlichen Sauerteige für die künftige Kulturform werden, sowie andererseits zum Geiste, der beschworen wurde und sich nicht zähmen lässt, wie der von Goethe’s Zauberlehrling. </p>
<p> Dem Wesen nach unterscheiden wir zwei Systeme der Organisation, und zwar den Centralismus und den Föderalismus. Beide sollen nun untersucht werden. </p>
<p> Was zunächst den Centralismus anbelangt, so ist derselbe nichts Anderes wie ein misslungener Abklatsch des despotischen oder absoluten Regierungssystems und zeigt uns, dass nicht allein der Affe, sondern auch der Mensch den Nachahmungstrieb besitzt. </p>
<p> Die Despotie zeigt uns den Centralismus in seiner vollendetsten und ausgebildetsten Form. </p>
<p> Caligula und Nero, Philipp der Zweite von Spanien und Richard III. von England, sowie Ludwig XI. von Frankreich: sie Alle waren Centralisten, die unser Augenmerk fesseln, denn sie waren gross, wenn auch als Tyrannen, wenn auch im Schlechten, sie ragen über die Mittelmässigkeit hoch empor: sie waren Verbrecher an der Menschenwürde, aber sie waren es voll Kraft und Mut, voll Kühnheit und Energie. Was sind aber die Tyrännchen, die sich die Arbeiter durch den Centralismus erzeugen, indem sie sich von Mauldreschern bethören lassen? Erbärmliche Jammergestalten im Vergleiche mit jenen Titanen, deren Andenken glühenden Hass in unserer Seele weckt? Sie sind armselige Zwerge, Liliputaner, und thun wohl daran, sich spreizen und viel und laut von der Redner-Tribüne herunter zu deklamiren und zu kreischen, denn sonst würde man sie gar nicht wahrnehmen. Sie zu verachten, wäre zu viel Ehre für sie, nein, ein mitleidiges Bedauern ist Alles, was ihnen zugewendet werden kann. Sie sind der Vergessenheit geweiht und haben dereinst zwecklos gelebt: das alleinige Ziel ihres Strebens ist das Wohlleben, und dafür treten sie das Heiligste, Erhabenste, die himmlische, ewige Idee in den Kot: sie unterscheiden sich in nichts von einem Mastschwein, das auf nichts denkt wie auf vielen und guten Mais und einen trefflichen Stall, nur erstreben sie beides in einer anderen Form. Ärmliche, kleinliche Menschlein! – Und sie wären vielleicht fähig, ihr ephemeres Sein an die ewige unvergängliche Kette von Ursachen und Wirkungen, Grund und Folge zu knüpfen und ewig zu sein im Erlösungswerk der Menschheit durch ihr fruchtbringendes Wirken, sie wären vielleicht befähigt zu schaffen, so dass sie darin das reinste Glück, ein Gefühl von Seligkeit empfänden im Glücke und Paradieses-Sein Aller, dass sie für künftige Generationen anzubahnen helfen würden. </p>
<p> Der Centralismus vernichtet die individuelle Selbstständigkeit und Freiheit vollständig, wie wir es im despotischen Staat antreffen. Hier ist der Wille des Autokraten Gesetz, dort der Wille des Parteigötzen, den man auf das Piedestal emporhob: der Druck ist ärger noch als im despotischen Staat, denn in einem solchen soll nur eine gesetzwidrige Handlung gerichtet werden; die Spitze der centralistischen Pyramide aber richtet nicht allein die Handlungen, sondern sogar die Meinungen, sie erforscht Herz und Nieren der Menschen wie Jehova, und es sollte auch der Wille solcher Parteigötzen unter Donner und Blitz zeitweilig verkündet werden, wenigstens hätte das Colophonium stärkeren Absatz und die Spängler fänden bei der Anfertigung von Donnerblechen vielleicht lohnende Arbeit. </p>
<p> Treffend bezeichnet ein Engländer den Centralismus, indem er sagt: “Stelle ein Schaf vor die andern und Du hast die Herde fertig.” Ja wohl, eine Herde ist es und weiter nichts, und diese Herde geht hin, wohin der Hammel sie führt, und wenn er in einen Sumpf hineinplumpst, so wandern Alle in den Morast, und thatsächlich stecken gegenwärtig die Bekenner der alleinseligmachenden Sozialdemokratie mit ihrer achtundvierziger Theorie im Schlamme der Reformpolitik und leiden an Kompromisswahn. Doch nicht allein dies; der Leithammel macht Gesetze und die Gipsfiguren, die ihn umgeben, nicken ja; sie können sonst nichts wie immer ja nicken, dass wissen sie, das weiss der Leithammel; und was er thut, dass müssen Alle thun, und wenn er einen Unsinn macht, so müssen ihn Alle auch nachmachen, denn die Einigkeit (?) verlangt es, und einig sein macht stark – – – zum Schlafen geneigt. </p>
<p> Ihr sagt, der Centralismus führe zur Einigkeit; wir erwidern, mit der Einigkeit allein ist gar nichts gethan, sie giebt, blos für sich betrachtet, keinen vollständigen Sinn, sondern bedarf einer näheren Bestimmung, einer Ergänzung; es frägt sich in dem Falle immer: einig zu was? – Einig zum Schlafen? Dann könnt Ihr das erhobene Werk mit Opium, Morphium oder Chloral-Hydrat durchführen und bedürft keiner “theuren” Einigkeits-Agitation. Einig, um das nachzusagen, was Andere (Eure Führer) vorsagen? – Dann braucht ihr das ganze Parteigetriebe nicht, dann nehmt Euch Vorbeter auf, die besorgen das billiger als die, die an Euerer Spitze stehen. Einig in der Meinung und im Denken? – Dann giebt es überhaupt gar keine Meinung und kein Denken; dann meinen und denken nur Euere Päpste und Cardinäle, und ihr seid blosse Katechismus-Herunterplapperer, und es wäre dann auch nötig, einen solchen durch ein Concilium (Kongress) abfassen zu lassen, der ungefähr so zu beginnen hätte: “Sozialdemokratisch glauben heisst Alles für wahr halten, was Lasalle geoffenbart hat, und was die Parteileitung zu glauben vorstellet, es sei geschrieben oder nicht.” </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>S. E. Parker - Krieg und Frieden
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/s-e-parker-krieg-und-frieden?v=1793640296
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/s-e-parker-krieg-und-frieden?v=1793640296Mon, 02 Nov 2026 18:24:56 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: S. E. Parker<br><strong>Titel</strong>: Krieg und Frieden<br><strong>Untertitel</strong>: Übersetzung aus der in London erscheinenden Zeitschrift “Man”<br><strong>Datum</strong>: zwischen 1955 und 1957<br><strong>Bemerkungen</strong>: "erschienen in der Zeitung <em>Information</em>, die zeitweise den Untertitel <em>Anarchistische Betrachtungen zur Politik, Geschichte und Literatur der Gegenwart</em> führte, irgendwann zwischen 1955 und 1957 erschienen."<br><strong>Quelle</strong>: https://revolutionsverlag.noblogs.org/post/2022/10/04/krieg-und-frieden/ (DOWN, Wayback Machine)<br><div><div dir="ltr">
<p> Während der letzten zwei Jahrzehnte haben wir uns so daran gewöhnt in einer Welt des Krieges oder der Bedrohung durch einen Krieg zu leben, daß wir begonnen haben, eine solche Situation beinah als normal zu betrachten. In einer Atmosphäre dauernder Krisen, Kriege und heißer Vorfälle hat ein aktiver Widerstand gegen den Krieg eine deutliche Neigung schwach zu werden, sogar bedeutungslos zu sein, obschon es scheint, daß der Kessel auf dem Punkte ist, jederzeit überzukochen. Bis heute hat er es noch nicht getan, mag er uns auch dann und wann bange machen, wenn sein Deckel klappert. </p>
<p> Als eine Folge dieser “Normalität” der Krisen verlieren Warnungen gegen die Gefahr des Krieges, seine Übel und gänzliche Unverantwortlichkeit, ihre Dringlichkeit und werden ein Teil der täglichen Klischees. Es ist wahr, daß Explosionen der A- und H-Bomben hysterische Wellen und Spannungen auslösen, aber nachdem die Versammlungen gehalten wurden, die Bittschriften unterzeichnet, die Wissenschaftler sich gezankt haben, glätten sich diese Wellen wieder. Sogar auf der Höhe einer solchen Panik fühlt man, daß hier etwas fehlt. Die Phrasen vom Frieden und von den Übeln des Krieges scheinen unwirklich, abgenutzt und verblaßt zu sein durch andauernden Gebrauch und andauernden Verrat. Man muß an die Versammlungen vor dem ersten Weltkriege denken, mit ihren Beschlüssen von internationaler Solidarität: man erinnert sich der Debatten und Demonstrationen zwischen 1918 und 1939, und der Gelübde, das Kämpfen abzulehnen. Und dann erinnert man sich, wie alles praktisch zwecklos war, die Massen gehorsam die Uniformen anzogen und wie sie sich gegenseitig abschlachteten auf Befehl ihrer Herrscher: mit Beifall begrüßt von vielen derjenigen, die vorher so laut nach Frieden schrien. </p>
<p> Auf diese Weise gefangen in einer für den Krieg gerüsteten Welt, zwischen der falschen Hoffnung, daß der Krieg abgewandt oder auf unbestimmte Zeit verschoben werden kann und dem niederdrückenden Wissen von den Mißerfolgen aller Anstrengungen für den Frieden wird man oft in die Verzweiflung gestürzt. </p>
<p> Was können wir, die Anarchisten, darauf antworten? </p>
<p> Wie wir es sehen, kann das Problem des Krieges nicht isoliert von den anderen sozialen Fragen betrachtet werden. Die Wurzeln des Krieges liegen in der heutigen sozialen Anordnung. Der Krieg ist heute notwendig für die kapitalistische Ökonomie. Ohne Krieg oder der Vorbereitung für einen Krieg würde es dem Kapitalismus unmöglich sein, die erzeugten Waren unterzubringen und die Vollbeschäftigung für seine Lohnsklaven aufrechzuerhalten oder die unheilvollen Preisstürze und Krisen abzuwenden, die vor 1939 charakterzeigend für seine Existenz waren. Es gibt keine Märkte mehr zu erobern, keine neuen Quellen von Rohmaterial, die nicht direkt oder indirekt unter der Kontrolle irgendeiner Macht stünden; die kapitalistischen Nationen sind in Verlegenheit. Einziger Weg aus dieser Verlegenheit ist der Krieg. Durch einen Krieg kann der “Überschuß” an Waren untergebracht werden und brauchbare Quellen für Material und “Reichtum” werden gewonnen. Das heißt nicht, daß die einzelnen Kapitalisten ihre Zeit damit verbringen, Kriege anzuzetteln oder wissentlich darauf hoffen, aber Krieg ist dem Mechanismus der Profit-Ökonomie angeboren und dem Staate der dieses unterstützt. Sogar wenn der Staat aufhörte, das ausführende Organ einer herrschenden Klasse zu sein und der politische und wirtschaftliche Herr der Gesellschaft wird, so kann er doch nicht die Notwendigkeit eines Krieges vermeiden als das letzte Instrument im Kampfe um die Weltherrschaft. </p>
<p> Natürlich gibt es viele, besonders unter den Pazifisten, die im Grunde mit dieser Analyse einverstanden sind, aber die anführen, daß der Krieg das größte Übel unserer Zeit sei und darum mit allen Mitteln versucht werden müsse, einen Krieg zu verhindern. Deshalb ihre Verteidigungen der Zusammenkünft von Staatsmännern mit den Versuchen durch Verhandlungen die A- und H-Bomben zu ächten, Unterstützung der UNO und Forderung einer Weltregierung. Gewiß, auf den ersten Blick scheinen solche Vorschläge viel praktischer zu sein denn die Haltung der “Puritaner”, die den Krieg als eine Folge des Staats- und Eigentums-Systems ansehen und seine Abschaffung als untrennbar von der Abschaffung dieser Systeme. Schaut man unter das Flittergold dieser praktischen Pläne, dann kann man sehen, daß sie auf falschen Grundlagen stehen. </p>
<p> Wie schon bereits gesagt wurde, wurzelt der Krieg in dem heutigen Gesellschafts-System und er zieht seine Nahrung aus dem Grundsatz der Autorität und der Beherrschung und Ausbeutung die es erzeugt. </p>
<p> Es genügt nicht, daß man bei einem Unkraut bloß die Blätter abschneidet, man muß auch die Wurzeln ausrotten wenn man es vernichten will. Wiederum ist es die Höhe der Unwirklichkeit, von einer solchen Einrichtung wie dem Staat, der gegründet wurde um Krieg zu führen, zu erwarten, daß er ein Mittel zum Frieden sein könne. Von Staatsmännern erwarten, die nicht gezögert haben zwei Weltkriege zu führen und beschäftigt sind einen dritten vorzubereiten, daß diese den Grund ihrer Existenz beseitigen, der muß der größte Tropf sein. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Revolutionäre Zellen; Rote Zora; - Früchte des Zorns
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/revolutionare-zellen-rote-zora-die-fruchte-des-zorns?v=1793401200
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/revolutionare-zellen-rote-zora-die-fruchte-des-zorns?v=1793401200Sat, 31 Oct 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Revolutionäre Zellen; Rote Zora;<br><strong>Titel</strong>: Früchte des Zorns<br><strong>Untertitel</strong>: Texte und Materialien zur Geschichte der Revolutionären Zellen und der Roten Zora<br><strong>Datum</strong>: 1973-1992<br><strong>Bemerkungen</strong>: Da die heute den – längst inaktiven – ID-Verlag Repräsentierenden mit gesetzlichen Mitteln versuchen, die Neuherausgabe von <em>Früchte des Zorns</em> zu verhindern, nehme ich das als Anlass, hier die ohnehin online verfügbaren Texte im Multiformat der anarchistischen Bibliothek zu reproduzieren, trotz meiner Skepsis bezüglich des (auch rückbezüglichen) Monologs der Guerillagruppen. Immerhin ein Verweis auch auf spannendere <em>Kritiken und Diskussionsbeiträge zur Politik der Revolutionären Zellen und der Roten Zora</em> ist ja vorhanden.<br><strong>Quelle</strong>: <a class="text-amuse-link text-amuse-is-single-link" href="https://nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla%2BRAF/rz/fruechte_des_zorns/">https://nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Stadtguerilla+RAF/rz/fruechte_des_zorns/</a><br><div><div dir="ltr">
<p> Die "Früchte des Zorns" ist eine bearbeitete und kommentierte Dokumentation der theoretischen Positionen und praktischen Aktivitäten der Revolutionären Zellen und der Roten Zora. <br />Mit Kapiteleinleitungen wird veruscht, die gesellschaftlichen Situationen und die Diskussionen in der Linken der 70er und 80er Jahre in Kürze nachzuzeichnen und Kontinuität, Brueche und Korrekturen in der Theorie und Praxis der RZ- Politik aufzuzeigen. Desweiteren sind die, bislang oftmals zensierten, Originaltexte mit Anmerkungen versehen und machen dadurch den Gesamtkomplex Revolutionäre Zellen/Rote Zora transparenter. Diese Konzeption ist jedoch nich gleichbedeutend mit einer kritischen Aufarbeitung bewaffneter Politik in der BRD, vielmehr soll sie als Grundlage zu solch einer notwendigen Untersuchung verstanden werden. <br />Die "Früchte des Zorns" ist ein Geschichtsprojekt; von dem Gedanken geleitet, dass eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Linken zwar keine Antworten auf die vielen aktuellen Konflikte geben kann, aber ohne eine Beschäftigung mit der "eigenen" linken Geschichte kein Verstehen der momentanen Fragen möglich ist. In diesem Sinne kann das Buch zu vielen Bereichen, die in den letzten 25 Jahren Thema in der radikalen Linken waren, Ansaetzte zu einer Reflexion bieten. </p>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold">Band 1</div>
<div style="font-weight:bold">Vorwort</div>
<div style="font-weight:bold">I.</div>
<p> Die Organisationen Revolutionäre Zellen und Rote Zora1 sind ebenso wie die anderen bewaffneten Gruppen in der BRD (Rote Armee Fraktion, Bewegung 2. Juni u.a.) das Ergebnis der Radikalisierung eines Teils der 68er-Bewegung. Das aus Lateinamerika abgeleitete Stadtguerillakonzept, ihr Kampf im Herzen der Bestie (Che Guevara) wurde als strategische Notwendigkeit der Metropolenlinken begriffen. Mit den in der Linken breit diskutierten internationalistischen, antiimperialistischen und sozialrevolutionären Theorien wurde die Unabdingbarkeit revolutionärer Gewalt zur Gesellschaftsveränderung formuliert. </p>
<p> Im Mai 1972 startete die RAF ihre erste militärische Offensive, Ende des Jahres befanden sich ihre bekannten Köpfe allesamt in Haft. Als 1973 die ersten Gruppen der Revolutionären Zellen unter diesem Namen ihre Aktivitäten aufnahmen, konnten sie auf diese Negativerfahrung zurückgreifen. So gründete sich die RZ in dem Wissen, daß auf organisatorischer Ebene der beste Schutz vor staatlicher Verfolgung und politischer Isolation die gänzliche Anonymität ihrer Mitglieder und eine dezentrale, nicht hierarchische Arbeitsweise ist. Dies ermöglichte den unbekannten Militanten, an Diskussionen und legalen Bewegungen der radikalen Linken weiterhin teilzunehmen, eine Verselbständigung militärischer Politik zu vermeiden und die Fahndungsapparate des Staates ins Leere laufen zu lassen. Die RZ wollte keine Avantgarde-Organisation aufbauen, keine Stellvertreterpolitik machen. Alle müssen alles können war der selbstformulierte Anspruch der Revolutionären Zellen. </p>
<p> Für die Spontis und Linksradikalen der 70er Jahre und die autonome Linke der 80er Jahre waren ihre schriftlichen Äußerungen und praktischen Aktivitäten sehr von Bedeutung und hatten entsprechenden Einfluß bei deren Arbeit. </p>
<p> Die Linke hat sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nie öffentlich mit der Politik von RZ/Rote Zora beschäftigt. Vor allem weil es keine öffentlich auftretenden RZ-VertreterInnen gab, benutzte der integrationswillige Teil die dazu wesentlich besser geeignete RAF als Projektionsfläche, um die militante Vergangenheit unter geringstmöglichem Gesichtsverlust loszuwerden und die Hinterfragung der eigenen staatstragenden Positionen zu vermeiden. </p>
<p> Für Fahndungsbehörden, wie das BKA und den Verfassungsschutz, sind die Revolutionären Zellen bis heute eine weitgehend unbekannte Größe2 geblieben. Sie wurden unter dem Etikett Feierabendterrorismus abgehandelt und konnten deshalb nicht wie die RAF als Staatsfeind Nr. 1 aufgebaut werden. Das hinderte die Strafjustiz aber nicht, die Publizierung von RZ-Dokumenten mittels der Gesinnungsparagraphen 88a und 129a3 zu kriminalisieren. Dies ging so weit, die theoretische und publizistische Beschäftigung mit Themen, die von RZ/Rote Zora ebenfalls behandelt wurden, unter dem Begriff anschlagsrelevante Themen4 zu verfolgen. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Die bürgerlichen Medien schenkten den RZ/Rote Zora nicht die Aufmerksamkeit wie der RAF, obgleich die Aktionsquantität um einiges höher war. Ausnahmen bildeten hier z.B. spektakuläre Carlos-Berichte5 oder Aufmacher über die Frauenterrorgruppe Rote Zora nach den bundesweiten Aktionen gegen die Adler-Filialen im Sommer/Herbst 1987.6 </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Die linksradikalen Medien wurden staatlicherseits mit dem Ziel verfolgt, öffentliche Diskussion zu unterbinden.7 </p>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold">II</div>
<p> Im Dezember 1991 und Januar 1992 unterzogen zwei Gruppen der Revolutionären Zellen mit längeren Erklärungen ihre bisherigen internationalistischen und antiimperialistischen Positionen einer grundsätzlichen Kritik. </p>
<p> Das erste publizierte Papier8 nimmt den Tod eines Genossen zum Anlaß, um die Theorien und Ansätze der 70er Jahre (u.a. das Verhältnis zu nationalen Befreiungsbewegungen und ihr damaliges Verständnis von Antizionismus) zu hinterfragen. In der Erklärung einer anderen Gruppe9 wird aufgrund der weltpolitischen Veränderung, des Zusammenbruchs des Ostblocks, der fehlenden Verankerung militanter Politik und der ihrer Meinung nach gescheiterten Flüchtlingspolitik linksradikaler Gruppen der Schlußstrich unter die bisherige Praxis gezogen. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Hakim Bey - TAZ
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/hakim-bey-taz?v=1793401200
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/hakim-bey-taz?v=1793401200Sat, 31 Oct 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Hakim Bey<br><strong>Titel</strong>: TAZ<br><strong>Untertitel</strong>: Die temporäre autonome Zone<br><strong>Datum</strong>: 1. Auflage Juni 1994. Layout: seb, Hamburg. Edition ID-Archiv Berlin - Amsterdam<br><strong>Bemerkungen</strong>: Die Originalausgabe erschien 1991 unter dem Titel <em>T.A.Z. The Temporary Autonomous Zone, Ontological Anarchy, Poetic Terrorism</em> bei Autonomedia, New York<br><strong>Quelle</strong>: https://nadir.org/nadir/archiv/PolitischeStroemungen/Anarchistische_Bewegungen/taz/taz.html<br><div><div dir="ltr">
<div class="center">
<p> Aus dem Amerikanischen von Jürgen Schneider <br />
<br />Mit einem Vorwort der Agentur Bilwet </p>
</div>
<p>
<br />
</p>
<div class="center">
<p>
<br />
</p>
</div>
<p>
<br />
</p>
<p> In diesem Buch sind Flugblätter des ontologischen Anarchismus, sowie Kommuniqués der Association for Ontological Anarchy und der Essay »Die Temporäre Autonome Zone« dokumentiert. </p>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold">Laufe zu den düsteren Räumen über</div>
<p><em>»Manchmal, eine Stunde, da bist du; der Rest ist das Geschehen.«</em></p>
<p><em>Dr. Benn</em></p>
<p><strong>H</strong>akim Bey verkündet die beiden Botschaften, daß die Revolte in Reichweite eines jeden liegt und die Party jeden Moment losbrechen kann. Aus dem Handbuch <em>TAZ</em> spricht ein ketzerisches Bewußtsein, dem die historische Erkenntnis zugrunde liegt, daß alle linken und rechten Dogmen lediglich bezwecken, den Drang zum Feiern in vorgeschriebene Bahnen, auf ein vorgefaßtes Ziel hin zu lenken, was ein Spitzenfest überhaupt nicht nötig hat. Ohne Perspektive gibt es mehr zu erleben. Besetze ein Haus, sperre eine Autobahn, errichte ein Zeltlager neben einer Startbahn oder einem AKW, erobere eine Stadt, leg einen Strommasten um, feiere deinen Geburtstag in der Oper, rauche einen Joint im Kinosaal, laß das Schulfest in großartiger Weise außer Kontrolle geraten, entführe einen Touristenbus und beschere den Insassen den aufregendsten Tag ihres Lebens, baue eine Kirche zu einer öffentlichen Toilette um, stell deine Wagenburg in der Einkaufspassage auf. Zwanzig Wachmänner treiben den Konsumterror in absurde Höhen, indem sie ungefragt das komplette Inventar des Kaufhauses verteilen. Die temporäre autonome Zone kommt auf Sie zu!¶ </p>
<p> Der Slogan der <em>political correctness</em> lautet: ''Im Zweifelsfall nicht feiern''. Alle möglichen Handlungen könnten patriarchalisch wirken, die Umwelt verwüsten, ausländische Mitmenschen unterdrücken, Neonazis auf dumme Gedanken bringen, den Trikont zum Affen machen, kulturelle Eigenarten verletzen, ein allzu europäisches Urgefühl heraufbeschwören und vor allem: der eigenen Mentalität schaden. Bleiben wir also besser in unseren heiligen vier Wänden, schauen in die Glotze und bewegen uns nur hinaus, wenn wir zu 100% von der Unschuld des sorgfältig geplanten Zusammenseins überzeugt sind. Jedes Objekt, jede Geste, jedes Wort kann falsch sein, so falsch es nur geht, ohne daß wir uns dessen bewußt wären. Die Kollaboration lauert im kleinsten Winkel. Während endlos über die Finessen früherer Schnitzer debattiert wird, geht die Dekonstruktionswut so weit, daß überhaupt nichts mehr passiert. Doch Ketzer sind niemandem eine Antwort schuldig. Ihre ontologische Anarchie und ihr poetischer Terrorismus des Alltags scheißen auf alle guten und schlechten Absichten.¶ </p>
<p> Der Aktivismus der Straße ist reduziert auf die Medienfrage. Wie stelle ich mich dar, und erreichen die Zeichen, die ich aussende, das Bewußtsein der Zuschauer? Die Autonomie ist sich selbst nicht genug, sondern sie muß produziert und, mit einer medialen Aura versehen, in einen kodierbaren Diskurs plus zugehöriger Identität gestellt werden. Was radikal fremd erscheint, ist per Definition suspekt, anstatt jauchzend entdeckt zu werden. In der Erlebnisgesellschaft ist das Wilde eine exotische Ware, die nur noch durch eine touristische Brille wahrgenommen werden kann. Der Gedanke, die eigene Kultur verlassen zu können, verbreitet Horror und wird nicht als Einladung aufgefaßt. Aussteigen ist eine Beschäftigung des postmodernen Lumpenproletariats geworden und wird als Sozialfall betrachtet, dem Modernisierungsverlierer eigen, der man nicht gern ist. Die dropout culture generiert nicht länger Lebensweisheiten, sondern gehört zum Müllsystem. In diesem frischen Klima ist TAZ ein Jauchetank, der das Gesindel mit viel Vergnügen über das Abendland versprüht. Das Recycling-Verfahren wird umgedreht, und die Abwasserkanäle münden in der zufriedenen Sphäre der demokratischen Gemeinschaft. Die feine Nase der TAZler riecht den Dreck am Stecken und beginnt damit zu spielen, bis das Spiel zu Ende ist.¶ </p>
<p> Die kreative Konzentration hat keine Zeit für ihre Selbstdarstellung. Die Methoden und Techniken der alternativen Öffentlichkeit scheinen erschöpft, ebenso parasitär geworden zu sein wie die echten Medien. In den heutigen Medien werden die temporären autonomen Zonen im besten Fall als temporäre Entertainment-Zonen (TEZ) präsentiert. Die Unterbrechung allzu bekannter Normalität durch eine fröhliche Note hat die Funktion, das Konsumentendasein erträglich zu halten. Der Pakistani mit seinen roten Rosen im Café, die Jongleure, lebenden Statuen und die Inkas in der Fußgängerzone, die linksradikalen Spruchbänder, die das Straßenbild aufheitern, die Skandale auslösende Talkshow und das gut gestylte Elend der Welt auf dem Titelbild bilden ein Faktum, mit dem man die Konfrontation suchen muß, will man Vergnügen und Autonomie auseinander halten können. Vergiften ist der Beginn jeden Glücks. Nimm ein Thema, das gerechtfertigte Entrüstung weckt, ersinne einen temporären allgemeinen Nenner (TAN), z.B. gegen Ausländerhaß (oder Ausländer ...) und mobilisiere Menschen an einem Ort, wo eine Zone entstehen kann - das ist die Aufgabe, die die Gegenmedien übernommen haben. Der Wille zur TAZ ist nicht ohne Risiko. Na und. Die TAZ erscheint erst, wenn die Verbindungen mit jeder medialen Vorprogrammierung gekappt sind, und die entstehenden Räume werden besetzt, um je nach Lust und Laune einen Streifzug entlang der Grenzen von Staat und Anstand zu unternehmen. Die TAZ ist unerlaubte freie Zeit.¶ </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Emma Goldman - Wehrhaftigkeit – der Weg ins totale Gemetzel
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/emma-goldman-wehrhaftigkeit-der-weg-ins-totale-gemetzel?v=1785249932
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/emma-goldman-wehrhaftigkeit-der-weg-ins-totale-gemetzel?v=1785249932Tue, 28 Jul 2026 15:45:32 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Emma Goldman<br><strong>Titel</strong>: Wehrhaftigkeit – der Weg ins totale Gemetzel<br><strong>Datum</strong>: Dezember 1915<br><strong>Bemerkungen</strong>: Übersetzung des Artikels "Preparedness: the Road to Universal Slaughter" von Emma Goldman aus Mother Earth Vol. X No. 10 von Dezember 1915.<br><strong>Quelle</strong>: https://fahnenflucht.noblogs.org/2026/07/28/emma-goldman-wehrhaftigkeit-der-weg-ins-totale-gemetzel/<br><div><div dir="ltr">
<p> Schon seit Beginn des europäischen Flächenbrandes ist beinahe die gesamte Menschheit in die tödliche Starre der Kriegs-Betäubung verfallen, überwältigt von den beißenden Dämpfen eines blutgetränkten Chloroforms, das ihren Blick getrübt und ihr Herzen gelähmt hat. Tatsächlich befindet sich die gesamte Menschheit in dieser schrecklichen Betäubung – mit Ausnahme einiger wilder Stämme, die nichts von der christlichen Religion wissen, oder von Nächstenliebe, aber auch nichts von Schlachtschiffen, U-Booten, Rüstungsfabriken und Kriegsanleihen. Der menschliche Verstand scheint sich bloß noch einer Sache bewusst zu sein: Mörderischer Spekulation. Unsere gesamte Zivilisation, unsere gesamte Kultur konzentriert sich auf das wahnsinnige Verlangen nach den ausgefeiltesten Waffen des Gemetzels. </p>
<p> Munition! Munition! Oh Gott, der du Herrscher bist über den Himmel und die Erde, Gott der Liebe, der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit, gib uns genügend Munition, um unseren Feind zu vernichten. Dieses Stoßgebot wird alltäglich gen christlichen Himmel versandt. Wie Vieh, das im Angesicht des Feuers von Panik ergriffen wird und sich in die Flammen wirft, sind die Menschen in Europa übereinanderstolpernd in die verschlingenden Flammen der Kriegsfurien gestürzt und auch Amerika, von skrupellosen Politikern, schimpfenden Demagogen und militaristischen Haien in Richtung Abgrund getrieben, bereitet sich auf das gleiche Schicksal vor. </p>
<p> Im Angesicht dieser aufziehenden Katastrophe obliegt es allen Männern und Frauen, die vom Kriegswahnsinn noch nicht überwältigt wurden, ihre Stimme in Protest zu erheben, die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Verbrechen und Gewalttätigkeiten zu lenken, die ihnen auferlegt werden sollen. </p>
<p> Amerika ist in seinem Wesen ein Schmelztiegel. Von keiner nationalen Einheit ausgemacht, die in der Lage dazu wäre mit ihrer überlegenen Reinheit der Rasse zu prahlen, ihrem spezifischen historischen Erbe oder ihrer höheren Kultur. Und doch verpesten die Chauvinisten und Kriegsspekulanten die Luft mit ihrer sentimentalen Parole eines aufgesetzten Nationalismus wie „Amerika den Amerikanern“, „Amerika zuerst, zuletzt und die ganze Zeit“. Dieser Schlachtruf hat die volkstümliche Einfältigkeit von einem Ende des Landes zum anderen angeregt. Um Amerika zu bewahren, muss sofort Wehrhaftigkeit hergestellt werden. Eine Milliarde Dollar, die von der Bevölkerung unter Schweiß und Blut abgepresst wurden soll für Schlachtschiffe und U-Boote für die Armee und die Marine ausgegeben werden, alles um dieses geschätzte Amerika zu verteidigen. </p>
<p> Die Ironie des Ganzen ist, dass das Amerika, das von einer großen militärischen Truppe verteidigt werden soll, nicht das Amerika der Menschen ist, sondern das der privilegierten Klasse; jener Klasse, die die Massen beraubt und ausbeutet und ihre Leben von der Wiege bis hinein ins Grab kontrolliert. Nicht weniger ironisch ist, dass nur so wenige Menschen begreifen, dass Wehrhaftigkeit niemals zu Frieden führt, sondern tatsächlich den Weg ins totale Gemetzel darstellt. </p>
<p> Mit denselben gerissenen Methoden, die von den hinterhältigen Diplomaten und militärischen Zirkeln Deutschlands genutzt werden, um die Massen für den preußischen Militarismus einzunehmen, setzen auch die amerikanischen militärischen Kreise mit ihren Roosevelts, ihren Garrisons, ihren Daniels und zuletzt auch ihren Wilsons Himmel und Hölle in Bewegung um den Menschen in Amerika den militärischen Stiefel in den Nacken zu setzen und, wenn sie erfolgreich sind, Amerika in den Sturm von Blut und Tränen zu schleudern, der derzeit die Länder Europas verwüstet. </p>
<p> Vor vierzig Jahren gab Deutschland die Parole aus: »Deutschland über alles. Deutschland den Deutschen, zuerst, zuletzt und für alle Zeiten. Wir wollen Frieden, deshalb müssen wir zum Kriege rüsten. Nur eine gut bewaffnete und durchweg Wehrfähige Nation kann den Frieden aufrechterhalten, kann sich Respekt verschaffen und seiner nationalen Integrität sicher sein.« Und Deutschland fuhr damit fort, aufzurüsten und zwang damit die anderen Nationen das Gleiche zu tun. Der schreckliche europäische Krieg ist nur die kulminierende Verwirklichung des vielköpfigen Evangeliums der militärischen Wehrfähigkeit. </p>
<p> Seit der Krieg ausgebrochen ist, wurden Kilometer an Papierbahnen und Ozeane an Tinte dazu genutzt die Barberei, die Grausamkeit, die Unterdrückung des Preußischen Militarismus zu beweisen. Sowohl Konservative, als auch Radikale unterstützen die Aliierten aus keinem anderen Grund, als dem, diesen Militarismus zu zerschlagen, in dessen Anwesenheit, wie sie sagen, es in Europa keinen Frieden oder Fortschritt geben kann. Aber auch wenn Amerika reich dabei wird, den Aliierten durch die Herstellung von Munition und Kriegsanleihen dabei zu helfen, die Preußen niederzuschlagen, wird derselbe Ruf nun auch in Amerika laut, wo er, wenn er in nationale Handlungen umgesetzt wird, einen amerikanischen Militarismus ausbilden wird, der schrecklicher sein wird, als der deutsche oder preußische Militarismus jemals sein könnten und das liegt daran, dass der Kapitalismus nirgendwo auf der Welt derart unverfroren in seiner Gier geworden ist und nirgendwo der Staat dermaßen bereit ist, zu Füßen des Kapitals niederzuknien, wie hier. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Sasha K. - Dreizehn Notizen zum Klassenkampf zur Diskussion
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/sasha-k-dreizehn-notizen-zum-klassenkampf-zur-diskussion?v=1779365816
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/sasha-k-dreizehn-notizen-zum-klassenkampf-zur-diskussion?v=1779365816Thu, 21 May 2026 13:16:56 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Sasha K.<br><strong>Titel</strong>: Dreizehn Notizen zum Klassenkampf zur Diskussion<br><strong>Datum</strong>: Herbst/Winter 2004<br><strong>Bemerkungen</strong>: Ursprünglich veröffentlicht in „<em>Green Anarchy</em>“, Ausgabe Nr. 18 – Herbst/Winter 2004, übersetzt von der Soligruppe für Gefangene.<br><strong>Quelle</strong>: Entnommen am 21.05.2026 von <a class="text-amuse-link" href="https://panopticon.noblogs.org/post/2026/05/11/sasha-k-dreizehn-notizen-zum-klassenkampf-zur-diskussion/">https://panopticon.noblogs.org/post/2026/05/11/sasha-k-dreizehn-notizen-zum-klassenkampf-zur-diskussion/</a><br><div><div dir="ltr">
<p> I. Klassen gibt es seit Beginn der Zivilisation. Die Zivilisation war schon immer eine Klassengesellschaft. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> II. Klasse ist nicht nur eine ökonomische Kategorie, sondern eine soziale. Klassenverhältnisse strukturieren und disziplinieren die gesamte Gesellschaft, nicht nur die Ökonomie. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> III. Soziale Klassenverhältnisse waren schon immer mit einer Reihe anderer Unterdrückungsformen verbunden, wie zum Beispiel patriarchalischen sozialen Verhältnissen und verschiedenen Formen von Rassismus. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> IV. Klassen sind eine der primären Strukturen, die seit Beginn der Zivilisation alle Gesellschaften organisieren, auch wenn sich die Form der Klasse im Laufe der zivilisatorischen Entwicklung verändert hat. Diese Entwicklung der Klassengesellschaft und der sozialen Beziehungen war schon immer eng mit der technologischen Entwicklung verbunden (deshalb bezeichne ich die Gesellschaft als „soziotechnologisches Regime“). So wie sich die Klassengesellschaft entwickelt, entwickeln sich auch die soziale Spezialisierung und ihre Technologien. Eine tiefgreifende Gesellschaftskritik sollte immer eine Kritik der sozialen Klassenbeziehungen und ihrer Verbindungen zur vorherrschenden materiellen Kultur dieser Gesellschaft beinhalten, einschließlich der Technologien, die sie sowohl ermöglicht als auch durch sie ermöglicht werden. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> V. Klassenkampf gibt es, seit es Klassen gibt. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> VI. Klassenkampf existiert auch dann, wenn die Menschen nicht erkennen, dass sie daran beteiligt sind. Er ist im gesamten Alltag präsent. Eine Möglichkeit, wie Revolutionäre in den Klassenkampf eingreifen können, besteht daher darin, den Menschen zu helfen, zu erkennen, dass sie genau das tun. Es gibt viele Wege, dies zu tun, und wir müssen kreativ sein. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> VII. Wenn die revolutionäre, enteignete Klasse darum kämpft, die Existenz aller Klassen zu beenden, versuchen linke Anführer/Verwalter der Revolte oft, den Klassenkampf zu rekuperieren – ihn für kapitalistische Zwecke zu vereinnahmen –, um sich selbst die Macht über andere zu sichern und in eine Position zu bringen, in der sie materiell profitieren können. Für echte Revolutionäre – diejenigen, die wirklich versuchen, die Herrschaft des Staates, des Kapitalismus und aller Warenbeziehungen über das Leben zu beenden, sowie die Disziplin der Arbeit, das Patriarchat und das soziotechnologische Regime – ist die Selbstzerstörung des Proletariats/der Enteigneten als Klasse das Ziel, nicht dass eine Klasse (die Enteigneten/das Proletariat) die Position einer anderen Klasse (der Kapitalisten oder der herrschenden Klasse) einnimmt. Beim Klassenkampf geht es nicht darum, zu behaupten, Arbeiterinnen und Arbeiter seien bessere Menschen als Kapitalisten, jede Klasse moralisch zu beurteilen oder eine Klasse gegenüber einer anderen zu bevorzugen, sondern darum, die soziale Institution der Klassen als Ganzes zu zerstören. Der Klassenkampf entspringt dem Widerspruch zwischen unseren Sehnsüchten und der Art und Weise, wie Klassenstrukturen unser Leben einschränken, kontrollieren, ausschließen und ausbeuten. Unser Kampf beginnt mit unserem Wunsch, anders zu leben und der disziplinierenden Kontrolle der Klassengesellschaft zu entkommen. Doch die Rekuperation des Klassenkampfs wird in verschiedenen Formen weitergehen, solange Klassenverhältnisse bestehen. Das sollte uns jedoch nicht dazu bringen, den Klassenkampf aufzugeben, sondern uns dazu veranlassen, in unserer Analyse sorgfältiger und im Kampf um unser Leben kreativer zu sein. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> VIII. Der Klassenkampf ist ebenso wie der Kapitalismus immer global, wird aber oft durch nationalistische Formen rekuperiert. Wir müssen herausfinden, wo der revolutionäre Inhalt des Klassenkampfs darauf drängt, mit der nationalistischen Form zu brechen, und unsere Kraft hinter eine solche Bewegung stellen. Es geht also nicht einfach darum, nationale Befreiungsbewegungen zu ignorieren – und schon gar nicht, sie zu feiern –, sondern um kritische und revolutionäre Solidarität mit der Kraft des Klassenkampfs, die auf die vollständige Zerstörung der Klassenverhältnisse drängt. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> IX. Die Wurzel des Klassenkampfs liegt nicht in der Ökonomie. Auch die Produktion ist nicht nur ökonomischer Natur: Sie findet nicht nur in Fabriken statt, sondern erstreckt sich als Prozess der sozialen Produktion und Reproduktion über die gesamte Gesellschaft und umfasst die Kontrolle und Disziplinierung der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie aller anderen Mitglieder der Gesellschaft. Es ist diese gesamte soziale Fabrik – die soziale Rollen, Beziehungen und Subjektivitäten hervorbringt, unsere Körper und unseren Geist diszipliniert und das Leben selbst verändert und kontrolliert –, die wir zerstören wollen. Die selbsternannten linken Anführer/Verwalter des Klassenkampfs versuchen meist, den Klassenkampf in einen ökonomischen Kampf zu verwandeln – einen Kampf um mehr ökonomische Macht, um ein größeres Stück vom Kuchen, um eine leichte Umgestaltung der Ökonomie. Das ist die Grundlage für die Entstehung linker Bürokratien, Parteien und Gewerkschaften/Syndikate – das ist ihr Lebenselixier. Da Klassen jedoch weniger ökonomisch als vielmehr sozialer Natur sind, muss sich der Klassenkampf, um wirklich radikal zu sein und auf die Abschaffung der Klassen als solche hinzuarbeiten, von ökonomischen Zielen und von den linken Anführern/Verwaltern, die diese vorantreiben, lösen. Die Synthese aller Kämpfe unter einer Organisation macht den Kampf besonders anfällig für die Kontrolle durch linke Anführer/Verwalter. Damit der Klassenkampf also seine radikale Kraft bewahrt, muss er autonom, selbstverwaltet und selbstorganisiert bleiben, er muss unkontrolliert und unkontrollierbar werden, und er muss sich gesellschaftlich ausbreiten und vertiefen. Das Ziel der Revolution der Enteigneten ist niemals ökonomisch – es ist anti-ökonomisch, es drängt darauf, aus der Ökonomie auszubrechen und sie zu zerstören, ebenso wie den gesamten Warenaustausch und die Vermittlung von Beziehungen durch alle Formen von Geld, Ideologie und Moral. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Zündlappen - Anarchie in der Spiegelwelt?
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/zundlappen-anarchie-in-der-spiegelwelt?v=1779363501
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/zundlappen-anarchie-in-der-spiegelwelt?v=1779363501Thu, 21 May 2026 12:38:21 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Zündlappen<br><strong>Titel</strong>: Anarchie in der Spiegelwelt?<br><strong>Untertitel</strong>: Warum das Internet als ein “Ort” für die anarchistische Debatte für den Zündlappen nur von mäßigem Interesse ist und worauf wir unseren Fokus richten, wenn wir an den dort stattfindenden Debatten dennoch teilnehmen<br><strong>Datum</strong>: 2. Januar 2022<br><strong>Quelle</strong>: Entnommen am 21.05.2026 von <a class="text-amuse-link" href="https://zuendlappen.noblogs.org/post/2022/01/02/anarchie-in-der-spiegelwelt/">https://zuendlappen.noblogs.org/post/2022/01/02/anarchie-in-der-spiegelwelt/</a><br><div><div dir="ltr">
<p> In unterschiedlichem Maße und von unterschiedlichen Standpunkten aus haben wir uns in den vergangenen Jahren an anarchistischen Diskussionen, die im Internet stattfanden, beteiligt, diese beobachtet und uns über unsere Erfahrungen mit dieser Art von Diskussion ausgetauscht. Dabei stellte sich für uns immer wieder die Sinnfrage, denn entgegen den oft viel fruchtbareren Diskussionen, die wir von Angesicht zu Angesicht führen, lässt sich von einem Austausch im Internet, wie er derzeit stattfindet, kaum erwarten, dass daraus Spannungen entstehen, aus denen Affinitäten, ebenso wie Feindschaften – wobei letztere vielleicht in einer sehr absonderlichen <em>Social-Media-Gossip</em>-Form schon – entstünden, dass eine*n diese Diskussionen irgendwie in der eigenen Analyse weiter brächten oder dass diese wenigstens Spaß machen würden. Und obwohl man dem Internet ja nachsagt, Menschen von überall auf der ganzen weiten Welt miteinander in Austausch zu bringen, so fällt doch – und wen überrascht das wirklich? – vielmehr auf, dass jene wenigen Beziehungen, die letztlich in einer durch das Internet vermittelten Annäherung ihren Anfang gefunden haben, ebensogut sich hätten in der realen Welt anbahnen können, weil man ihnen hier und dort – ohne es zu wissen – eh schon über den Weg gelaufen war. </p>
<p> Zugleich lässt sich jedoch auch beobachten, dass in den Tiefen des Internets, oft in jenen Tiefen, in die keine*r von uns je vorgedrungen ist, dann doch die eine oder andere auch für uns <em>weniger fortschrittliche, der Technologie grundsätzlich feindlich gegenüberstehenden Spießer*innen</em> spannende Diskussion abzulaufen scheint, die sich um die gleichen oder sehr ähnliche Themen dreht, die auch uns beschäftigen. Interessant dabei ist, dass diese Diskussionen oft in völliger Unkenntnis voneinander stattfinden. Teilweise entstehen im Internet Übersetzungen von Texten, die schon vor Jahren oder Jahrzehnten übersetzt wurden, die jedoch außer in den sehr realen anarchistischen Archiven kaum wo zu finden sind, teilweise entstehen sogar Übersetzungen von Texten, die in Print auch heute noch aktiv distributiert werden. Aber auch wenn die hier skizzierte Tendenz, dass nämlich das Internet und die darin stattfindenden Diskussionen vor allem diejenigen sind, die in Unkenntnis der Diskussionen eines Außerhalb stattfinden, mir durchaus dominant zu sein scheint, so gibt es umgekehrt schon auch eine Unkenntnis dessen, was da den lieben langen Tag so im Internet veröffentlicht und diskutiert wird und was bis auf die vereinzelten Ausdrucke derjenigen <em>Weirdos</em>, die zwar das Internet konsultieren, aber nicht am Bildschirm lesen, niemals die Druckpressen erreichen wird. Kurz gesagt: Es sind zwei Welten. Eine, in der sich von Angesicht zu Angesicht begegnet wird, in der Zeitungen, Broschüren und Bücher von Hand zu Hand gehen, in der Plakate geklebt und Graffiti gemalt werden, in der sich beleidigt wird, und in der man – und man sollte diesen Aspekt nicht unterschätzen – seinem Gegenüber in die Augen blicken muss, ebenso wie man sich statt der Worte oder ergänzend zu ihnen, eben auch anderer Mittel der Kommunikation bedienen kann. Und eine, in der Texte, Bilder und Videos vorrangig algorithmisch zu ihren Leser*innen und Betrachter*innen gelangen, in der immer potentiell alles zugleich verfügbar ist und daher schnell der Eindruck entsteht, eben auch alles zu kennen, eine in der vieles auf Memes und Slogans gebracht wird, in der es Taten nur in Form ihres videographischen Abbildes gibt, in der es zwar Beleidigungen gibt, aber man einander weder hinterher noch in die Augen sehen muss, noch die Möglichkeit hat, seinen Emotionen mit <em>handfesteren Argumenten</em> Ausdruck zu verleihen. Eine Welt, die einmal ein Spiegel der anderen gewesen sein mag, die nun jedoch ein Eigenleben entwickelt hat, sich von ihrem materiellen Ballast vielfach getrennt hat und in der dennoch rege auch über anarchistische Positionen diskutiert wird. Obwohl es viele Versuche gegeben hat, die Grenzen, die die eine Welt von der anderen trennen, zu verwischen und manche Projekte darin sicherlich auch gewisse Erfolge verzeichnen konnten, bleiben Diskussionen zunehmend in ihren jeweiligen Sphären. Sei es aus Bequemlichkeit – oder weil einen eben doch mehr trennt, als es manchmal vielleicht den Anschein hat. Ob es von einer Debatte im Internet ausgehend, nicht vielleicht auch Aufbruchmomente gegeben haben mag, gibt oder geben wird, die zu etwas Realem führen, das lässt sich aus unserer Sicht sicherlich nicht abschließend beurteilen, wir haben daran jedoch erhebliche Zweifel. </p>
<p> Zugleich bestätigte sich in der jüngeren Vergangenheit zweifellos das, was irgendwo immer schon gewiss war: Das Internet zu nutzen, um seine Ideen zu verbreiten eröffnet den diversen Formen der Repression viele neue Einfalls-Möglichkeiten. Weil unterschiedslos jede*r, nicht zuletzt auch unabhängig vom eigenen Standort, an das dort veröffentlichte gelangen kann, von der Anarchistin bis zur Bullin, vom linken bis zum rechten Feind, vom Journalist bis zur Hobby-Detektivin, von der Geheimagentin bis zum sozialen Gerechtigkeitskrieger, und all das ohne auch nur den Mut aufbringen zu müssen, den Fuß über die Schwelle eines jener Räume zu setzen, in denen man waschechten Anarchist*innen begegnet, lassen sich die im Internet veröffentlichten Texte eben auch sehr viel leichter auf alle erdenklichen Arten und Weisen analysieren, einordnen, bewerten und im Anschluss diffamieren, verfolgen, (scheinbar) distinkten Millieus und Personen zuordnen, usw., während zugleich auch die Hemmschwellen zu sinken scheinen, haltlose Anschuldigungen vorzubringen oder gar Denunziation in Form von (nur scheinbar informierten) Spekulationen oder auch den aus dem im Internet noch zunehmenden Gossip bestimmter Subkulturen gewonnenen Informationen zu betreiben, bzw. diese Hemmschwellen sowieso niemals bei allen erreichten Personen existiert haben. Aber auch wenn jene eindeutig negativen Aspekte einer Verlagerung der anarchistischen Diskussion ins Netz sicherlich eine Rolle dabei spielen, wenn wir das Interesse daran verloren haben, so sollen diese Überlegungen hier nicht weiter verfolgt werden. Wer sich für dieses Thema interessiert, wird vielleicht im ebenfalls hier veröffentlichten Artikel <em>Snitch-Technologie</em> fündig. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Bismuto - Über den Moment hinaus
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/bismuto-uber-den-moment-hinaus-1?v=1779363045
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/bismuto-uber-den-moment-hinaus-1?v=1779363045Thu, 21 May 2026 12:30:45 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Bismuto<br><strong>Titel</strong>: Über den Moment hinaus<br><strong>Untertitel</strong>: Anarchistische Bestrebungen im Angesicht der fortlaufenden Katastrophe(n)<br><strong>Datum</strong>: März 2021<br><strong>Bemerkungen</strong>: Zuerst publiziert als Au-delà de l'immédiat in Sans Détour (journal anarchiste apériodique), Ausgabe 4, März 2021; dann als Beyond the Moment in The Local Kids (A compilation of texts, a contribution to a correspondence between those who desire anarchy and subversion), Ausgabe 7, Sommer 2021. Die deutschsprachige Übersetzung wurde veröffentlicht im Autonomen Blättchen Nr. 47 Dez 21- Feb 22, übersetzt aus dem Englischen.<br><strong>Quelle</strong>: Entnommen aus dem Autonomen Blättchen Nr. 47<br><div><div dir="ltr">
<p> Während ich heute angestaubte anarchistische Texte lese, habe ich oft den Eindruck, dass Anarchist*innen vor einem Jahrhundert klarere Ideen über die Welt hatten, für die sie gekämpft haben, und welche Pfad man einschlagen muss, um eines Tages die Freiheit zu erringen, nach der sie sich so sehnten. Heute leben wir in einer düsteren und widerlichen Periode, die uns sehr wenig Hoffnung auf die Zukunft übrig lässt. Jede Spekulation in Richtung revolutionärer Erhebungen wird immer mit einem “Realismus” abgetan, der wenig Platz für Ideale und Utopien lässt. Nichtsdestotrotz, wenn wir entscheiden unsere Leben (oder große Teile davon) dem Kampf zu verschreiben, wieso versuchen wir dann nicht, weiter zu gehen als immer nur im Moment zu handeln, zumindest in unserer Vorstellung? Wieso nicht versuchen darüber zu reflektieren, was wir meinen — und das nicht nur auf einer theoretischen Ebene — wenn wir von “Revolution” sprechen und der Frage, welche”Stadien” so ein Prozess notwendigerweise durchlaufen würde? Oder sollen wir ein und für alle Mal der Möglichkeit von radikaler Veränderung des Verlaufs der Dinge den Tod erklären, unsere Bestrebungen widerrufen und anerkennen, dass unsere Kämpfe und Aktionen nur dazu dienen unserer Existenz Bedeutung und Freude zu geben, um nicht in Depression, Resignation, Apathie und Verzweiflung zu verfallen? </p>
<p> Ich will diese existenzielle Dimension des Kampfes nicht verneinen. Sie ist essentiell und ich bin absolut überzeugt, dass radikale Veränderung nicht ohne sie möglich ist. Nichtsdestotrotz, in bestimmten Momenten des Optimismus sage ich mir, dass wir nicht alleine darin sind, diese Umwälzung zu wollen. Zum Beispiel bei einem unerwarteten Aufeinandertreffen oder einer Geschichte, die das Herz erwärmt, etwa vom sozialen Kämpfen, die eine gewisse Größe auf der Straße erreichen oder von der Verbreitung von verschiedenen Angriffen auf Herrschaftsstrukturen. Aufgrund unserer tagtäglichen Beobachtungen der Schrecken, die diese Welt weitergehen lassen, haben wir die Tendenz zu vergessen, dass die Spannung hin zur Freiheit am Leben erhalten wird auch jenseits jener, die die anarchistischen Ideen kennen und hochhalten. Also, wieso nicht einmal darüber nachdenken, was eine revolutionäre Erhebung implizieren würde, wie die Anarchist*innen das in der Vergangenheit getan haben? Wieso nicht darüber sprechen ? Wieso nicht einen Ausblick auf die Zukunft wagen und das ohne falsche Hoffnungen oder glänzende Illusionen, genauso ohne Zynismus oder Abgebrühtheit? </p>
<p> Vor einem Jahrhundert waren revolutionäre Ideen immer noch weit verbreitet inmitten einer Periode, die vielleicht noch düsterer als unsere war (die Welt kam gerade aus dem ersten weltweiten Massaker). Errico Malatesta schrieb damals: </p>
<p> „Wenn die Monarchie gestürzt ist, die Polizeikräfte zerstört, die Armee aufgelöst, werden wir keine neue Form der Regierung anerkennen, besonders wenn es eine Zentralregierung ist, mit dem Vorwand die Bewegung anzuleiten und zu regulieren. Wir werden den Arbeiter*innen anraten sich vollständig das Land, die Fabriken, die Züge und die Schiffe anzueignen. Kurz — alle Produktionsmittel - um sofort eine neue Produktion zu organisieren, um für immer nutzlose und schädliche Prozesse abzuschaffen (und temporär jene des Luxus) und um den Großteil der Anstrengungen der Produktionskräfte auf die Produktion von Essen und anderem Essentiellem zu konzentrieren. Wir werden die Kollektivierung der Ökonomie und aller existierenden Produkte vorantreiben und die Organisierung von lokaler Verteilung sowie dem Austausch unter den Nachbarschaften und weiter entfernten Örtlichkeiten, in Übereinstimmung mit Gerechtigkeit, den Bedürfnissen und den Möglichkeiten, die im Moment gegeben sind. Wir werden die Besetzung von leeren oder wenig bewohnten Häusern vorantreiben, damit keine Person ohne einem Dach über ihrem Kopf leben muss und jede Person wird eine Behausung haben, entsprechend dem Raum der verfügbar ist. Wir werden die Banken, Rechtstitel und alles, das die Macht des Staates und die kapitalistischen Privilegien repräsentiert und garantiert, zerstören. Und wir werden versuchen die Dinge in so einer Art und Weise zu reorganisieren, dass es unmöglich sein wird, dass sich die bürgerliche Gesellschaft erneut ausbilden kann!“ </p>
<p> Das ist eine sehr schematisierte Version davon, aus was eine Revolution besteht und welche Rolle Anarchist*innen laut dem unerschütterlichem neapolitanischem Subversivem darin spielen würden. Ein relativ klares Konzept trotz der großen Hindernisse, die solch ein Prozess bedeuten würde und etwas das von vielen Gefährt*innen während dieser Periode geteilt wurde. Bestimmt, genauso wie heute, war die anarchistische Bewegung durchzogen von einer Vielzahl von Diskussionen, Debatten und Konflikten. Zum Beispiel gab es jene, die so wie Malatesta für das Aufbauen von föderativen und vereinheitlichenden anarchistischen Organisationen mit formalen Strukturen, einem geteilten Programm, Kommissionen, etc. waren und dann gab es jene, die die individuelle Initiative befürworteten. Die für eine verstreute Propaganda eintraten und für die freie Assoziation basierend auf Affinität, außerhalb jeder permanenten Struktur und ohne jede Art von Zentralisierung. Es gab Anarchist*innen, die für eine Allianz mit politischen Parteien waren (sozialistische, kommunistische, republikanische), um die Monarchie zu stürzen und andere, die vehement gegen diese „gemeinsamen Fronten“ mit Autoritären und Reformist*innen waren. Es gab jene, die den bewaffneten Streik und die Besetzung von Fabrik propagierten, während andere sich in „libertärer Pädagogik” engagierten. Wieder andere schickten sich an die Repräsentanten und Strukturen der Herrschaft anzugreifen ohne auf die Massen zu warten. Nichtsdestotrotz und trotz dieser großen Unterschiede in ihren Ansichten und Methoden, denke ich, dass ich nicht fehl gehe, wenn ich behaupte, dass die Meisten von ihnen eine Konzeption des revolutionären Prozesses geteilt haben, der ähnlich zu dem oben beschriebenen ist. Bewaffneter Aufstand der Bevölkerung, Zerstörung von Kirche und Staat, Enteignung des Bürgertums und die Kollektivierung des Landes, der Produktionsmittel und der Früchte der Arbeit, sowie die Abschaffung des Eigentums wären alles Stadien, durch welche das Proletariat eine Aneignung ihrer Leben erreichen würde, wodurch sie sich von der Herrschaft der Ausbeuter befreien würden. Das waren nicht einfach nette Worte und die Gefährt*innen aus dieser Zeit waren keine naiven oder irregeleiteten Leute. Sie waren sich bewusst, welch hohen Preis so ein Prozess fordern würde und viele sind beim Versuch so eine Umwälzung herbeizuführen gefallen. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Lucy Parsons - An die Tramps, Arbeitslosen, Enterbten und Elenden
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/lucy-parsons-an-die-tramps-arbeitslosen-enterbten-und-elenden?v=1774821600
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/lucy-parsons-an-die-tramps-arbeitslosen-enterbten-und-elenden?v=1774821600Sun, 29 Mar 2026 23:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Lucy Parsons<br><strong>Titel</strong>: An die Tramps, Arbeitslosen, Enterbten und Elenden<br><strong>Datum</strong>: 1884<br><strong>Bemerkungen</strong>: Englisches Original <em>Alarm</em>, October 4, 1884<br><strong>Quelle</strong>: https://digitalresist.blogspot.com/2023/02/auf-ein-wort-original-to-tramps-vlucy.html<br><div><div dir="ltr">
<p> Auf ein Wort an die 30.000 Tramps, die die Straßen dieser großartigen Stadt bevölkern, die, die Hände in den Taschen, gleichgültig die Zurschaustellung von Reichtum und Vergnügen bestaunen. Daran habt ihr keinen Anteil, ja ihr besitzt noch nicht einmal genug Geld, um euch mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen und euren nagenden Hunger zu besänftigen. Deshalb wende ich mich an Euch. An die zahllosen Menschen, die in diesem Land des Überflusses in einer ähnlichen Situation leben. Habt ihr nicht euer gesamtes Arbeitsleben hart gearbeitet, seit ihr alt genug wart, eure Arbeitskraft zu verkaufen und anderen zu Reichtum zu verhelfen? All die Jahre der Plackerei ! Wisst ihr nicht, dass Ihr Werte von vielen tausend Dollar geschaffen habt, an denen Ihr, falls Ihr nicht handelt, niemals teilhaben werdet? Wisst Ihr nicht, dass wenn Ihr von 24 Stunden täglich 10,12 oder 16 Stunden an einer (Dampf)Maschine steht, Ihr während all dieser Zeit in all den langen Jahren, Ihr als Gegenwert für eure Arbeitskraft nur das absolute Minimum erhaltet? Dass wenn Ihr etwas für eure Familie kaufen wollt, es immer nur das Billigste sein muss? Dass, wenn Ihr etwas unternehmen wollt, es am Sonntag sein muss, denn euer Verdienst ist so gering,dass Ihr nicht den Lohn von einem Arbeitstag einbüßen könnt. Und wisst Ihr nicht, dass, wie viel Ihr auch immer spart, es niemals reichen wird, eure Wünsche zu erfüllen? Und dies zu guter Letzt: Wenn euer Arbeitgeber aus einer Laune heraus eine künstliche Verknappung schafft, in dem er die Produktion herunterfährt, wenn die Feuer in den Fabriken verlöschen, dann steht ihr auf der Straße und werdet zu „Tramps“, hungrig und in Lumpen. Doch der Arbeitgeber begründet die Schließung mit einer Überproduktion. Wer kümmert sich um die bitteren Tränen eurer geliebten Familie, wenn Ihr sie mit einem „Gott segne euch“ verlasst, um woanders Arbeit zu suchen. </p>
<p> Ihr seid jetzt verfluchte, nutzlose „Vagabunden“, von denen verachtet, die euch euer ganzes Leben ausgeraubt haben.Könnt Ihr denn nicht sehen, dass es keinen „good boss“ oder „bad boss“ gibt? Ihr seid die Beute von beiden und ihr Ziel ist es, euch zu berauben. Seht Ihr denn nicht, dass das industrielle System und nicht der Arbeitgeber verändert werden muss? Wenn nun die goldenen Sommer-und Herbsttage vorbei sind, Ihr arbeitslos seid und konntet deshalb nichts sparen, wenn die Winterstürme aus dem Norden über euch hinwegfegen, der Boden mit Eis bedeckt wird – dann lauscht nicht der Stimme der Heuchler, die euch erzählen, es sei „Gotteswille“ arm zu sein. Hört nicht auf die arroganten Ausbeuter, die behaupten, dass während der Sommermonate, als ihr Arbeit hattet, Ihr euren ganzen Lohn vertrunken habt und Ihr deswegen pleite seid., dass deshalb das Arbeitshaus noch viel zu gut ist und Ihr erschossen gehört. Und erschießen werden sie euch, wenn Ihr eure Forderungen zu nachdrücklich vorbringt. Lasst euch nicht einlullen, sondern hört zu! Wenn im nächsten Winter die Kälte durch die Risse eurer Kleider und der Frost durch die Löcher in euren ausgetretenen Schuhen dringt, dann glaubt ihr, dass alles Unglück dieser Erde auf euch herabfällt und das Leben nur noch Spott und Hohn für euch übrig habt. Wenn ihr tagsüber durch die Straßen gelaufen und nachts auf harten Brettern geschlafen habt und ihr euch entschlossen habt, lieber von eigener Hand zu sterben als dieses Leben weiter zu erdulden, dann denkt ihr vielleicht darüber nach, „ins Wasser“ zu gehen. </p>
<p> Aber stopp! Bevor Ihr diesen letzten Akt des Dramas begeht, bedenkt, dass ihr durch diese überstürzte Aktion nur Hohn und Spott ernten werdet. Aber wenn ihr durch die Viertel der Reichen schlendert und durch große Fenster in ihre verschwenderisch ausgestatteten Häuser schaut, dann seht ihr die gleichen Ausbeuter, die euch ins Elend gestürzt haben. Deshalb lasst die Tragödie hier stattfinden! Beendet ihren bösartigen Zeitvertreib auf Eure Kosten, legt ihnen Eure Petition vor, auf das sie diese im Feuerschein der Zerstörung lesen. Und wenn Ihr auch einen zögernden Blick zurückwerft, seid sicher, dass Ihr zu diesen Ausbeutern in der einzigen Sprache sprecht, die sie verstehen.Denn sie waren niemals gezwungen, sich mit einer Petition ihrer Arbeitssklaven, von Kanonendonner unterstützt, auseinanderzusetzen. Wenn Ihr euch für diese Art der Petition entscheidet, braucht ihr keine Organisation, tatsächlich wäre sie sogar schädlich. Also ihr hungrigen Tramps: Jeder, der diese Zeilen liest, kann die einfachen Methoden der Kriegsführung, die uns die Wissenschaft an die Hand gegeben hat, nutzen. Dann wird euch überall die Macht gehören. Lernt den Umgang mit dem Sprengstoff ! Gewidmet den Tramps ! </p>
<p>
<br />
</p>
<div class="amw-teaser-no-ellipsis"></div>
</div></div></div>Elysée Reclus - Die große Familie
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/elysee-reclus-die-grosse-familie?v=1774652400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/elysee-reclus-die-grosse-familie?v=1774652400Sat, 28 Mar 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Elysée Reclus<br><strong>Titel</strong>: Die große Familie<br><strong>Datum</strong>: 1896<br><strong>Bemerkungen</strong>: Kommentar im Sozialist: "Zuerst veröffentlicht in <em>Le Magazine International</em>, Paris 1896, hier aber, da diese Zeitschrift uns nicht zugänglich war, nach der englischen Übersetzung Edward Carpenters (<em>The Humanitarian</em>, Oktober 1913) ins Deutsche übersetzt."<br><strong>Quelle</strong>: Der Sozialist. Organ des sozialistischen Bundes 6. Jahrgang Nr. 2—Berlin, den 15. Januar 1914 und Nr. 3—1. Februar 1914.<br><div><div dir="ltr">
<p> DE MENSCH LEBT GERN IN TRÄUMEN. DIE Mühe, die es dem Denken macht, Wirklichkeiten zu erfassen, scheint ihm zu schwer und er möchte der Aufgabe dadurch entrinnen, daß er zu fertigen Meinungen seine Zuflucht nimmt. Ist »der Zweifel das Kissen des Weisen«, so dürfen wir sagen, daß ein seliger Glaube das Kissen des Schwachen im Geiste ist. Es gab eine Zeit, wo die Gewalt eines höchsten Gottes, der für uns dachte, der über unsern Häuptern gebot und schuf und das Schicksal des Menschen nach seiner Laune lenkte, uns völlig genügen konnte und es dazu brachte, unser sterbliches Los entsagungsvoll, vielleicht sogar dankbar hinzunehmen. Nun dieser persönliche Gott, auf den die Sanftmütigen ihr Vertrauen setzten, in seinen eigenen Tempeln den Tod findet, müssen die Menschen nach einem Ersatz für ihn Umschau halten. Aber es gibt keine allmächtige Gewalt mehr, auf die sie bauen könnten; sie haben nichts mehr als ein paar Worte, denen sie eine, man möchte sagen, mystische Kraft zu verleihen suchen, als säße magische Eigenschaft in ihnen; zum Beispiel das Wort »Fortschritte. </p>
<p> Ohne Zweifel ist es wahr, daß der Mensch in mancherlei Hinsicht Fortschritte gemacht hat; seine Empfindungen haben sich (das glaube ich in der Tat) verfeinert, sein Denken ist unerschrockener geworden und bohrt mehr in die Tiefe, und seine Menschheit, die sich über eine größere Welt erstreckt, hat an Breite außerordentlich zugenommen. <em>Kein Fortschritt jedoch kann si</em><em>c</em><em>h ohne teilweisen Rüc</em><em>k</em><em>schritt durchsetzen.</em> Das Menschenkind wächst, aber im Wachsen verläßt es den Ort, wo es war, und im Vorrücken gibt es zum Teil den Boden auf, der einst sein eigen war. Das Ideal wäre, daß der Zivilisierte die Stärke des Wilden bewahrte und ebenso seine Geschicklichkeit behielte, daß er noch das vollkommene Gleichgewicht seiner Gliedmaßen, seine ursprüngliche Gesundheit, den Frieden seiner moralischen Natur, die Einfachheit des Lebens, die Vertrautheit mit den Tieren und der freien Natur, die Harmonie mit der Erde und all ihren Bewohnern besäße. Was aber vormals die Regel war, ist jetzt die Ausnahme. Viele Beisiele zeigen uns ohne Zweifel, daß ein Mann mit tatkräftigem Willen, der von seiner Umgebung ausnehmend begünstigt ist, es durchaus mit dem Wilden in all seinen Fertigkeiten aufnehmen kann, während er überdies noch eine mit einer höheren Seele gesättigte Bewußtheit hinzubringt. Aber wie viele gibt es, die gewonnen haben, ohne zu verlieren, die zugleich‘ dem Primitiven in seinem Wald oder’ seiner Steppe und dem Künstler oder modernen Gelehrten im tosenden Großstadtleben ebenbürtig sind? </p>
<p> Und wenn es hie und da einem Menschen von einziger Willenskraft und Würde des Lebens gelingt, es mit seinen Vorfahren hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften aufzunehmen, während er sie auf Grund seiner erworbenen aussticht, so muß man mit Bedauern sagen, daß im Ganzen die Menschheit ohne Frage einige Ihrer früh erworbenen Eigenschaften eingebüßt hat. So ist die Welt der Tiere, von der wir unsre Herkunft ableiten und die unser Lehrer in der Kunst des Daseins gewesen ist, die uns Fischfang und Jagd und die Anfangsgründe der Heilkunst und des Hausbaus, die Bräuche gemeinsamer Arbeit und des Aufstapelns von Vorräten gelehrt hat, — diese Welt ist uns fremd geworden. Wir reden heutzutage in Bezug auf die Tiere von Erziehung oder Zähmung nur im Sinn von Unterjochung, der primitive Mensch dagegen verstand eine brüderliche Gemeinschaft darunter. Er sah in diesen lebenden Wesen Gefährten und nicht Knechte; und in der Tat kamen in manchen Fällen, wie zum Beispiel bei verheerenden Naturereignissen, die Mensch und Tier gemeinsam trafen (besonders bei Orkanen und Wasserfluten) die Tiere — Hunde, Vögel, Schlangen — und nahmen ihre Zuflucht bei ihm. </p>
<p> Die Indianerin in Brasilien umgibt sich ganz absichtlich mit einer völligen Menagerie, und auf dem freien Platz bei ihrer Hütte halten sich Tapire, Rotwild, Beutelratten und selbst zahme Jaguare auf. Da sieht man Affen, die munter in den Zweigen über der Hütte herumtollen, Nabelschweine, die im Erdreich wühlen, Tukane, Baumhühner und Papageien, die da und dort auf den schwankenden Ästen sitzen und von Hunden und großen Trompetervögeln bewacht werden. Und diese ganze Republik tummelt sich und findet ihr Auskommen, ohne daß eine ärgerliche Herrin Schimpfworte und Schläge austeilen müßte. </p>
<p> Bei den Quichua-Indianern hat der Hirt, der neben dem Lama und seiner Last über das Hochplateau der Anden steigt, niemals den Versuch gemacht, die Hilfe des geliebten Tiers anders als durch Zärtlichkeit und Ermunterung zu gewinnen; eine einzige Gewalttätigkeit und das Lama würde sich, in seiner persönlichen Würde gekränkt, wütend niederlegen und nicht wieder aufstehn wollen. Es wandelt in seiner eigentümlichen Gangart dahin, gibt nie zu, daß seine Last zu groß ist, steht bei Sonnenaufgang lange Zeit still, um das aufsteigende Himmelslicht zu betrachten, erwartet, mit Blumen und Bändern geschmückt zu werden oder ein flatterndes Fähnchen auf dem Kopfe zu tragen, und will, daß Kinder und Frauen es streicheln und ihm gut sind, wenn es bei den Hütten ankommt. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Clabauter - Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal!
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/clabauter-die-dinge-bekommen-leben-doch-es-ist-ihnen-egal?v=1774566000
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/clabauter-die-dinge-bekommen-leben-doch-es-ist-ihnen-egal?v=1774566000Fri, 27 Mar 2026 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Clabauter<br><strong>Titel</strong>: Die Dinge bekommen leben – doch es ist ihnen egal!<br><strong>Untertitel</strong>: Über Wissenschaften und Kommunikationstechnologie<br><strong>Datum</strong>: 1995<br><strong>Quelle</strong>: Schwarzer Faden. Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit. 4/95 (Nr. 55) 16.Jg. URL: https://archive.org/details/schwarzer-faden/1995-55-Schwarzer%20Faden_f/page/n35/mode/2up<br><div><div dir="ltr">
<p> “Ich erkenne eine Maschine, weil sie etwas tut, das ich auch schon einmal getan habe. Ich habe mich, seit ich diese Passage schrieb, daran gemacht, das Wackeln mit dem linken Ohr allein zu erlernen.” </p>
<p> Oswald Wiener </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Humor ist noch keine Eigenschaft der Dinge. Wenn man den Wissenschaften, die unter dem Einfluß von Kybernetik stehen, glauben schenkt, könnte bald auch dies nicht mehr gelten. </p>
<p> Im Zeitalter der Information, so scheint es, bekommen die Dinge Leben. Sie kommunizieren miteinander, tauschen sich aus, leiden unter Gedächtnisverlust und neigen zu chaotischem Verhalten. Wir leben mehr und mehr im Zombiefilm. Wird Nekromanie ein Volkssport in der Welt der Simulation? Wer oder was ist denn das Lebendige oder das Tote? Der Mensch, der Cybersex hat, oder das Neuronale Netz‘<a class="footnote" href="#">[1]</a>, das voyeuristisch menschliches Verhalten zu klassifizieren versucht? </p>
<p> Die Form von Nekromanie, wie sie von den Naturwissenschaften, der Informatik und der Kybernetik betrieben wird, ist leider weniger romantisch, als die “nekroneuromantischen” Effekte </p>
<p> der Animation, wie sie William Gibson<a class="footnote" href="#">[2]</a> in “Neuromancer” darstellt und wie sie Oswald Wiener schon Ende der 60er Jahre in “Bioadapter” vorkonzipiert hat, die also eher den Effekten von Drogen entsprechen. </p>
<p> Ich bin beim Schreiben dieses Artikels öfters auf die philosophischen Fragen gestoßen: Was ist Kommunikation? Was ist lebendig? Was ist Existenz? und schließlich: Was ist Zeit? Bis ich mich – um nicht in Kontemplation und Meditation zu versinken – an Marxens Satz über die Philosophie erinnerte: “Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern!” – Nur wie? stellt sich nun die Frage im Zeichen desWassermanns, – äh nein – des Informationszeitalters. </p>
<div style="font-weight:bold">Cyber, Cyber... Kybernetik</div>
<p> Der Begriff “Informationszeitalter” führt uns zu einer Wissenschaft namens <em>Kybernetik</em>. </p>
<p> Meiner Ansicht nach ist die Kybernetik der folgenreichste und wichtigste Denkansatz bei der Beschäftigung mit Kommunikationstechnologien. </p>
<p> Es gibt zahllose Definitionen von Kybemetik, die mehr Oder weniger sinnvoll sind. </p>
<p> Norbert Wiener<a class="footnote" href="#">[3]</a>, der oft als der Vater der Kybernetik bezeichnet wird, erklärte in den 40er Jahren: “Kybernetik ist die Wissenschaft von Kontrolle und Information, gleichgültig, ob es sich um lebende Wesen oder um Maschinen handelt.” </p>
<p> 1960 war mensch sich aber schon weitgehend darüber einig, daß diese Definition verkürzt ist, und daß auch andere Systeme mit kybernetischen Modellen erfaßt werden können, z.B. Volkswirtschaften. Helmar Frank meinte 1962, Kybernetik sei “die Theorie der Aufnahme, Verarbeitung und raumzeitlichen Übertragung von Information.” </p>
<p> Georg Klaus formulierte: “Kybernetik ist die Theorie des Zusammenhangs möglicher dynamischer selbstregulierender Systeme mit ihren Teilsystemen.” Unglücklicher Weise enthält diese Definition eine Einschränkung, die nicht ganz angebracht scheint. Sie verlangt von einem kybernetischen System, es müsse “selbstregulierend” sein. Selbstregulierung bezieht sich eindeutig auf die Rückkopplung (feedback). Doch nicht alle kybernetischen Modelle haben eine Rückkopplung. Georg Klaus bringt aber den Begriff “Zusammenhang” ins Spiel. Gerade der Zusammenhang unterscheidet die Kybernetik grundlegend von der Wissenschaft der alten Schule, z.B. der klassischen Physik. </p>
<p> Die früheren Naturwissenschaften beschäftigten sich möglichst intensiv mit Einzelprozessen. Etwas salopp ausgedrückt: sie sezierten alles und legten es unters Mikroskop. Damit drang mensch bis zur Gestalt der winzigsten Zelle und bis zum Atommodell vor. Aber diese Art der Wissenschaft hat einen empfindlichen Nachteil: sie kann nur statische Ergebnisse bringen. Im Gegensatz dazu geht der kybernetische Weg das Ganze an, den Zusammenhang, – das System. </p>
<p> Ross Asby, ein englischer Neurologe und einer der bedeutendsten Schrittmacher der Kybemetik, bezeichnet sie als die “allgemeine, formale Wissenschaft der Maschinen”, wobei er unter “Maschinen” sowohl Rotationspressen, als auch Menschen oder Hunde, Volkswirtschaften oder Ameisenhaufen, verstanden wissen will – kurz: Systeme, die organisiert sind und über eine eigene Dynamik verfügen. Er formulierte die “kybernetischen” Fragen nicht danach: “Was ist ein Ding?” Sondern nach dem Motto: “Was tut es? – Wie verhält es sich? – Wie ist seine Struktur?” Struktur aber, einer der wichtigsten Begriffe in der Kybernetik, bedeutet “Organisation”, “Zusammenhang”; "Beziehung". </p>
<p> Hans-Joachim Flechtner meint: “Kybemetik ist die allgemeine, formale Wissenschaft von der Struktur, den Relationen und dem Verhalten dynamischer Systeme.” </p>
<p> Rolf Lohborg und Theo Lutz definieren die Kybernetik schließlich so: “Kybernetik untersucht strukturelle Zusammenhänge an Organismen und organisierten Systemen und versucht, </p>
<p> die als wesentlich erkannten Zusammenhänge in Modellen zu simulieren.” Damit sind wir bei einer wichtigen Anwendung kybernetischer Untersuchungen, die vor allem eng im Zusammenhang mit Kommunikationstechnologien steht: der <em>Simulation</em>. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Ulrich Bröckling; Siegfried Nacht (Arnold Roller); - Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion!
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/ulrich-brockling-siegfried-nacht-arnold-roller-nieder-mit-der-disziplin-hoch-die-rebellion?v=1743721200
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/ulrich-brockling-siegfried-nacht-arnold-roller-nieder-mit-der-disziplin-hoch-die-rebellion?v=1743721200Fri, 04 Apr 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Ulrich Bröckling; Siegfried Nacht (Arnold Roller);<br><strong>Titel</strong>: Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion!<br><strong>Untertitel</strong>: Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich<br><strong>Datum</strong>: 1880, 1895, 1907, 1988<br><strong>Bemerkungen</strong>: Rekonstruktion des mir nicht vorliegenden Buches nach: <a class="text-amuse-link" href="https://www.anarchismus.at/texte-antimilitarismus">www.anarchismus.at</a> und: <a class="text-amuse-link" href="https://d-nb.info/890425434/04">d-nb.info</a><br><strong>Quelle</strong>: Aus: Ulrich Bröckling (Hg.), Nieder mit der Disziplin! Hoch die Rebellion! Anarchistische Soldaten-Agitation im Deutschen Kaiserreich, Harald Kater Verlag 1988. Digitalisiert von www.anarchismus.at mit freundlicher Genehmigung des Autors.<br><div><div dir="ltr">
<div style="font-weight:bold">Von der Schwierigkeit des Antimilitarismus in Deutschland</div>
<div style="font-weight:bold">I.</div>
<p> Antimilitaristen sind rar in Deutschland. Hier ist das Nein-sagen allemal suspekter als dumpfes Mitmachen, und noch die Kritik an der deutschen Misere gibt sich konstruktiv. Hier gründen Staatsfeinde munter neue Parteien, um parlamentarisch einen besseren Staat zu erstreiten, und deutsche Pazifisten ersinnen alternative Verteidigungskonzepte, statt die Wehrkraft zu zersetzen. Hier demonstrierte man für den Frieden stets so disziplinlert, wie man in den Krieg zog – und präsentierte obendrein beides noch als Dienst am Vaterland. Über die seltenen Ausnahmen, denen der vorauseilende Gehorsam nicht zur zweiten Natur geworden war, wachten streng die Organe der Obrigkeit, um jede Unbotmäßigkeit zu unterbinden. Wer „das Ansehen der Streitkräfte in der Gesellschaft“ herabsetzte, indem er etwa Militärdienst als Ausbildung zum Massenmord denunzierte oder Rekrutenschinderei anprangerte, wer gar zu Dienstverweigerung, Fahnenflucht oder militärischer Sabotage aufstachelte, dem waren Zensur, Gefängnis, Exilierung, wenn nicht schlimmeres gewiß. Damit nicht genug: Was man erfolgreich bekämpft hatte, wurde auch aus dem Gedächtnis getilgt. Es gibt zwar eine Geschichtsschreibung des Pazifismus <a class="footnote" href="#">[1]</a> in Deutschland, doch keine des Antimilitarismus und erst recht keine Geschichte des militärischen Ungehorsams. Allein Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht wurde das zweifelhafte Glück zuteil, nach ihrem Tod als Märtyrer des proletarischen Friedenskampfes verehrt zu werden. Als Heiligenbilder auf den Ahnenaltären der Parteikommunisten finden sie noch immer vielseitige Verwendung. Immerhin legte man ihre Schriften neu auf. Vergessen wurde dagegen die anarchistische und anarchosyndikalistische Tradition des Antimilitarismus. <a class="footnote" href="#">[2]</a> Eine Tradition, die mit ihrer kompromißlosen Kritik jeglicher militärischen Organisation das Attribut antimilitaristisch weit eher verdient als Sozialdemokraten auch luxemburg-liebknechtscher Prägung mit ihren Milizkonzepten und dem Ratschlag an Rekruten, sich in den Kasernen mustergültig aufzuführen. </p>
<p> Wenn mit diesem Band nun einige Dokumente anarchistischer und syndikalistischer Soldatenagitation aus der Zeit zwischen 1880 und 1907 neu publiziert werden, dann zunächst einmal, um einfach daran zu erinnern: Es gab auch noch anderes, als in den Partei- und Militärgeschichten zu lesen steht. Wer den Siegern der Geschichte noch die Erinnerung kampflos überläßt, wird auch in Zukunft verlieren. <a class="footnote" href="#">[3]</a> Sind die Texte dieses Buches heute nurmehr historische Dokumente? Vieles spricht dafür: Die Arbeiterbewegung, aus der sie hervorgingen, ist längst verschwunden. Der sozialdemokratische Antimilitarismus hat hüben wie drüben sein Ziel erreicht: den Staatsbürger in Uniform. Die Imperialismen haben inzwischen Wege gefunden, die Akkumulation zu sichern, ohne gegeneinander Kriege vom Zaun zu brechen. Auch die Produktion von Toten ist in der Dritten Welt billiger. Die Armee schießt bei uns nicht mehr auf Streikende, die Tarifpartner einigen sich friedlich. (In Planspielen der Militärs wird dergleichen allerdings noch geübt.) Kriegsdienstverweigerung wurde legalisiert; nach den Greueltaten deutscher Uniformträger war dieses Zugeständnis wohl unumgänglich, und schließlich braucht der Staat ja auch zivile Diener. Geblieben ist jedoch durch alle Umbrüche dieses Jahrhunderts hindurch das Prinzip der Drohung mit militärischer Gewalt nach innen wie außen. Ohne diese Drohung kommt staatliche Politik nicht aus. Geblieben sind ferner die Disziplinierungsrituale, die das zivile Menschenmaterial in eine schlagkräftige Truppe verwandeln. Trotz „Innerer Führung“ und Technisierung des Dienstes funktioniert die Produktion zuverlässiger Soldaten heute nach dem gleichen Grundschema wie vor hundert Jahren. <a class="footnote" href="#">[4]</a> Befehl und Gehorsam lassen sich nunmal nicht demokratisieren. Geblieben ist damit für jede radikale Opposition auch die Notwendigkeit antimilitaristischer Arbeit. </p>
<p> Da die Zentralen der Herrschaft zweifellos ihre Armee in Marsch setzen würden – selbstverständlich nur „zur Aufrechterhaltung der verfassungsmäßigen Ordnung“ – sollte sie sozialer Widerstand ernstlich bedrohen, hat dieser nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn es gelingt, die Disziplin der Truppe zu unterminieren. Falls nicht Meutereien, Massendesertionen und Sabotage das Militär lähmen, wird ernsthafter Opposition letztlich nur die Alternative freiwilliger Kapitulation oder aufgezwungener Niederlage bleiben. „Militärisch“ ist das Militär allemal überlegen. Das wurde noch gewußt, als die Texte dieses Bandes geschrieben wurden, – wurde gewußt wohl, weil soziale Revolution in greifbarer Nähe schien. Heute dagegen fungieren die „neuen sozialen Bewegungen“ als gesellschaftliche Frühwarnsysteme und ihr Widerstand reduziert sich auf „symbolische Regelverletzungen“. Die Friedensbewegung protestierte gegen Waffensysteme und vergaß darüber diejenigen, die sie bedienen (und herstellen). Soziale Revolution gilt dieser Linken bestenfalls noch als schöner Mythos des 19. Jahrhunderts; mit ihrer Möglichkeit verschwand auch die Überzeugung von ihrer Notwendigkeit. So liegen denn die hier versammelten Pamphlete quer zu den Diskussionen jener Linken, die inzwischen nichts sehnlicher wünscht, als endlich mitmachen zu dürfen im politischen Geschäft. Ob da eine Strategie der Destruktion, ob Wehrkraftzersetzung und Antipatriotismus noch mehr als nostalgisches Schmunzeln provozieren können, ist fraglich. Es wäre zu wünschen. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>SwitchOFF! - Gegen die Übernahme der Produktion!
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/switchoff-gegen-die-ubernahme-der-produktion?v=1743634800
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/switchoff-gegen-die-ubernahme-der-produktion?v=1743634800Thu, 03 Apr 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: SwitchOFF!<br><strong>Titel</strong>: Gegen die Übernahme der Produktion!<br><strong>Datum</strong>: 2010<br><strong>Quelle</strong>: Eine Broschüre von ca. 2010.<br><div><div dir="ltr">
<div style="font-weight:bold"><strong>Prolog</strong> oder so ähnlich</div>
<p>
<br />
</p>
<p> Anarchistische Analyse und Praxis — dies sind unsere Mittel zur Abschaffung der herrschenden, lebensverachtenden Zustände. Wie diese genau auszusehen haben, darüber gibt es glücklicherweise viele Meinungen, denn dies ist eine wichtige Wesensart anarchistischen Denkens und Handelns — dass wir uns nicht auf eine Stossrichtung festlegen, weil wir nicht in autoritäre Fallen tappen wollen. Trotzdem und auch gerade deshalb ist es wichtig, gesunden Austausch und produktive(!) Kritik untereinander aufrecht zu erhalten. </p>
<p> Eis ist oftmals zu bemerken, dass Analysen und Kritiken, die nicht verbreitet oder allgemein akzeptiert sind, allzu leicht mit stumpfsinnigen Scheinargumenten oder schlichtem Desinteresse verworfen oder ignoriert werden. Dies entspricht nicht der angestrebten freigeistigen Offenheit. Während einflussreiche AnarchistInnen immer wieder betont haben, dass die gegenwärtige Situation die anarchistische Theorie und Praxis bestimmt und nicht irgendein versteinertes Kredo, weigern sich viele ihrer AnhängerInnen, auf Fragen einzugehen, die von ihren Vorbildern nicht gestellt wurden oder gewisse althergebrachte Ansichten nochmals neu zu überdenken, obwohl sich seither viel verändert hat. Sie verharren lieber auf der Sicherheit zitierter Seiten und glauben an ihre Richtigkeit in alle Ewigkeit so wie die ChristInnen sich verzweifelt an der Bibel und ihren Geboten festkrallen. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Eine der wichtigsten Stützen praxisbezogenen anarchistischen Denkens ist die Übernahme der Produktion. Es gibt verschiedene, jedoch allesamt ziemlich alte und aus heutiger Sicht aufgrund der rasenden Veränderungen der Moderne mangelhafte Analysen, wie und vor allem weshalb dies anzustreben sei. Ich möchte mit diesem Text jedoch keine neue Methode der Organisierung der Produktion von unten definieren, sondern vielmehr die Einrichtung an sich kritisch betrachten. </p>
<p> Um keine Verirrung zu stiften und Unklarheiten vorzubeugen, werde ich mit einer gängigen Definition der Produktion beginnen: </p>
<p>
<br />
</p>
<p> „<em><strong>Produktion</strong> (...) ist der vom Menschen bewirkte Transformations-Prozess, der aus natürlichen wie bereits produzierten Ausgangsstoffen unter Einsatz von Energie, Arbeitskraft und bestimmten Produktionsmitteln lagerbare Wirtschafts- oder Gebrauchsgüter erzeugt.“</em></p>
<p><em>(http://de.wikipedia.org/wiki/Produktion)</em></p>
<p>
<br />
</p>
<p> „<em>Produktion ist simpel die Umwandlung von Inputs zu Outputs.“ (http://en.wikipedia.org/wiki/Production_theory_basics)</em></p>
<p>
<br />
</p>
<p> Mein Verständnis der zweiten Definition werde ich später genauer erläutern. Zu Beginn ist ist mir der Fakt wichtig, der den Definitionen allgemein innewohnt: dass mittels der Produktion Güter produziert werden, die dem Menschen dienen, seine/ihre Bedürfnisse zu befriedigen. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Es ist ein zentrales Ziel der Produktion, die Bedürfnisse der Gesellschaft und ihrer Individuen zu befriedigen. Die Ironie, dass der Mensch aber einen riesengrossen Teil seines/ihres Lebens durch Lohn-Sklaverei zwangsabarbeiten muss, damit diese Bedürfnisse befriedigt werden können (je nach dem wie viel Geld mensch kriegt), ist bekannt und wir finden auch gute Kritiken und Analysen zur Lohnarbeit. Doch wie gesagt wurde die Produktion selbst (abgesehen von einigen anarchistischen Kreisen in den USA und in England) noch viel zu wenig kritisch beleuchtet. </p>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold">Bedürfnis-Konflikt</div>
<p> Ein grosser Teil dessen, was wir heute als menschliche Bedürfnisse definieren würden, ist relativ neu. Es sind einerseits solche, die durch die veränderte („zivilisierte“) und sich immer schneller wandelnde Umgebung und Lebenssituation hervorgerufen werden (zum Beispiel Schutz vor psychischen und physischen Krankheiten wie Stress und Krebs) und andererseits solche, die uns vom System und dem herrschenden Denken eingeimpft werden. Ich möchte erst einmal aufzeigen, dass all diese jedoch zweitrangig sind gegenüber anderen, viel grundlegenderen Bedürfnissen. </p>
<p>
<br />
</p>
<p> Was sind denn unsere primären Bedürfnisse? Diese Frage sollte eigentlich zu einem Schmunzeln anregen, aber ich glaube nicht, dass wir uns dessen wirklich genügend bewusst sind. Und falls doch, dann weiss ich nicht wie es möglich war, ein System aufzubauen, das genau diese wichtigsten Dinge zerstört: Luft, Wasser, Bäume. Vielfalt. Wilde Freiheit. Beziehungen, die über den Zweck von Prestige, Sex, Vorteil oder Macht und über rationale Zwecke an sich hinausgehen. Und nicht zuletzt die ganze Erde, welche sich einem Kollaps wenn nicht gar der vollständigen Zerstörung nähert, weil uns Schnelligkeit, Unterhaltung und Shopping wichtiger sind als alles andere. Dies hat natürlich nicht bloss mit der Produktion zu tun, sondern vielmehr noch mit dem ganzen Machtapparat und Ausbeutungssystem, doch eben weil dieses Problem noch ungenügend betrachtet wurde und eine grundlegende Rolle spielt, möchte ich in dieser Perspektive verbleiben. </p>
<p> Ich hoffe, niemand bestreitet die sekundäre Wichtigkeit von Computern, Pillen, Elektrizität u.s.w. Und ehrlicherweise müssen wir zugeben, dass alle spezifisch der Zivilisation entstammenden Bedürfnisse sekundär sind. Menschen, die sich darüber im Klaren sind, was sie zum Leben wirklich brauchen und symbiotisch mit ihrer Umwelt verkehren, kämen nie auf die Idee, sich gegenteilig zu erhalten. Nur Gewalt konnte sie von diesem Weg abbringen, durch den Glauben an zornige und eifersüchtige Götter, die angeblich von ihnen eingesetzten Gottkönige und den von dieser Ordnung aufgebauten, maschinengleich funktionierenden Herrschaftsapparat, der von seiner Auferstehung bis heute grundsätzlich gleich funktioniert: </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Paul Goodman - Reich und seine Feinde
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/paul-goodman-reich-und-seine-feinde?v=1743375600
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/paul-goodman-reich-und-seine-feinde?v=1743375600Mon, 31 Mar 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Paul Goodman<br><strong>Titel</strong>: Reich und seine Feinde<br><strong>Datum</strong>: 1945 & 1958 & 1961<br><strong>Bemerkungen</strong>: „Reich und seine Feinde“ macht die 2. Abteilung des Buches von Seite 65–116 aus.<br><strong>Quelle</strong>: Paul Goodman – NATUR HEILT (NATURA SANAT NON MEDICUS) — Psychologische Essays — Herausgegeben von Taylor Stoehr Aus dem Amerikanischen übertragen von Tilman Müller und Margit Kollmar. Edition Humanistische Psychologie 1989, Köln<br><div><div dir="ltr">
<blockquote>
<p> When the strings are loosed can the clear song sound? </p>
<p> when the tendons taut from the reins to the neck </p>
<p> against scrutiny and a blow in the back, </p>
<p> and the belly hard against the inward wound </p>
<p> of anxious love? and the thighs tightly bound </p>
<p> to jump with fear, and the forehead black </p>
<p> with counter-thinking? </p>
<p> The leashes all are slack </p>
<p> an which from the third year I used to pound </p>
<p> the iron voices with a scratching nail. </p>
<p> I Couch them: the box is almost still. </p>
<p> »Breathe / and fill with even breathing </p>
<p> the Body of tubes that tremble and blow: </p>
<p> and sometimes suddenly they sound, unheeding, </p>
<p> organ-tones — that one must hear to know.« </p>
</blockquote>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold">Freuds Theorie der Denkvorgänge</div>
<p> In Ernest Jones ausgezeichneter Freudbiografie, deren erster Band soeben erschienen ist, findet man wichtiges neues Material für die Entwicklung der freudschen »Theorie des Denkvermögens«. Ein erstaunliches Merkmal dieser Entwicklung ist dabei, daß Freud während seiner theoretischen Ausarbeitung des mentalen Prozesses immer mehr auf die Verbindung zwischen »Denken« und »Außenwelt« verzichtete; stattdessen stellte er sich ein geschlossenes System vor, ein Individuum, das auf isolierter Bühne ein inneres Drama aufführt. </p>
<p> An anderer Stelle habe ich (in: »Gestalt Therapy«, Teil II, Kap. 3) zu zeigen versucht, daß »Denken« eine Abstraktion von der erfahrenen Verbindung des Organismusbereiches mit seiner physischen und sozialen Umwelt ist. Diese Abstraktion ist notwendig und wird unter bestimmten Umständen als etwas Reales empfunden: vor allem ein unterschwelliger Gefahrenzustand, bei dem die Wahrnehmung innerer Reize (das Körpergefühl) verringert und selektiv ausgeschaltet wird; es kommt zu einer Überspannung der Muskulatur; aufgrund von Frustration, Gefahr und Resignation wird die gewünschte von der wahrgenommenen Einheit abgespaltet; gewohnheitsmäßige Selbstüberwachung und unentspannte Selbstbeschränkung färben den Vordergrund des Gewahrseins und erzeugen ein übertriebenes Gefühl, »Willen« auszuüben; das sichere Spiel von Traum und Spekulation wird ausgedehnt und anderes mehr. Ich brauche die Leser dieser Zeitschrift wohl nicht darauf hinzuweisen, wie vorherrschend diese Zustände in unseren Gesellschaften sind. Es ist aber interessant, anhand freudscher Theorien aufzuzeigen, wie er nach und nach zum Begriff »Denkvorgänge« gelangt. </p>
<p> Kurz vor der »Traumdeutung« beschrieb und verwarf Freud eine physiologisch begründete Psychologie auf der Basis der Neurologie, ein Modell, in welchem das Denken wie eine Maschine funktioniert. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen diesem Modell der Denkvorgänge und dem Modell in der »Traumdeutung«: In der früheren Arbeit [»Entwurf einer Psychologie für Neurologen«] vertrat er die Ansicht, daß Sinneseindrücke eine <em>»Quantität«</em> von Energie an das Nervensystem abgäben (»etwa wie eine elektrische Ladung«); später sagte er, daß diese Eindrücke nur irgendwie die Inhalte des im übrigen statischen psychischen Erlebens bestimmten. Die frühere Meinung läßt also eine Psychologie des Wachsens zu — die Umwelt ist neu und fördernd und der Organismus überlebt, indem er sich schöpferisch der Umwelt anpaßt und sie verändert. Bei der späteren Theorie findet das Drama ganz innerlich statt. Therapeutisch gesehen bedeutet das, eine Heilung sei nicht wesentlich davon abhängig, daß eine unerledigte, emotional gestaute Situation im gegenwärtigen Erfahrungskontinuum entladen wird, sondern einfach von einer Neuanordnung widersprüchlich besetzter Ideen; es gäbe dann gar keine »realen«, sondern nur »innere« Konflikte. Tatsache ist meiner Meinung nach dagegen, daß grundsätzlich jeder innere Konflikt ein realer Konflikt ist, und daß eine Heilung nicht möglich ist, ohne die Veränderung der augenblicklichen Umweltbedingungen, die neue Aufbaukräfte schaffen würde. Die Entladung eines aufgestauten Affekts kann nur stattfinden, wenn er sein Ziel in der Realität zu verwirklichen in der Lage ist. Bei der klinischen Behandlung war sich Freud dessen natürlich bewußt, als er die Übertragung auf den Analytiker so besonders betonte; andererseits interpretiert er den Ausdruck dieser Übertragung als das Wiederaufleben einer früheren Illusion, während ich glaube, daß die Übertragungsreaktionen genau den Ausdruck annimmt, der dem Experiment der neuen Beziehung zu einer realen Person — nämlich den Therapeuten — angemessen ist. Freud versucht mit allen Mitteln, den Analytiker vollkommen unauffällig und unbestimmt zu machen, als ob die Bedeutung dieser wirklichen Person ihn in Verlegenheit brächte. Aber das ist Augenwischerei. </p>
<p> Andererseits vertrat Freud zur gleichen Zeit zuerst eine Theorie, daß Hysterie hauptsächlich auf der Verführung eines Kleinkindes durch einen Erwachsenen beruhe — die erstaunliche einmütige Erinnerung seiner Patienten an Verführungsszenen belegte diese gescheite Theorie. Und doch mußte er sie bald aufgeben, da es sich bei genauerer Betrachtung herausstellte, daß jene »Erinnerungen« nur Phantasien und Wünsche, eine Art infantile Auto-Erotik waren. Natürlich waren sie das — wie erstaunlich aber, daß Freud nicht sofort die nächste Frage anschließt: Warum sollten Kinder einen so phantastischen Wunsch haben? Die Erklärung dafür muß lauten, daß sie in ihrer sozialen Umwelt Versagungen erlitten haben; ihnen ist der nötige enge Kontakt mit anderen Menschen verwehrt worden; aufgrund ihrer Frustration phantasieren sie sich einen Ersatz, der einer späteren, ähnlich gearteten Versagung entspricht. Man braucht sich nicht besonders anzustrengen, um die Voraussetzungen dieser kollektiven Versagung im Wien von 1895 auszumachen. Aber Freud verwechselte jene soziale »Realität« mit der eigentlichen Natur. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Max Nettlau - Luigi Galleani (1861–1931)
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/max-nettlau-luigi-galleani-1861-1931?v=1743030000
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/max-nettlau-luigi-galleani-1861-1931?v=1743030000Thu, 27 Mar 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Max Nettlau<br><strong>Titel</strong>: Luigi Galleani (1861–1931)<br><strong>Datum</strong>: 1932<br><strong>Quelle</strong>: Die Internationale. Zeitschrift für die revolutionäre Arbeiterbewegung, Gesellschaftskritik und sozialistischen Neuaufbau Jahrgang V Heft 1 Januar 1932 (Herausgegeben von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands Anarchosyndikalisten, Verlag Der Syndikalist<br><div><div dir="ltr">
<p> Das Jahr 1931 brachte die Morgenröte in Spanien, dann aber, bevor die Völker erwachten und sich den Schlaf aus den Augen rieben, machten verhängnisvolle Kräfte aus dem schönen Frühjahr den Beginn eines grausamen Vernichtungsjahres, dessen Schrecken noch dieses Jahr fortwirken. Das vorige Jahr raffte viele junge Kräfte unter uns dahin, in Spanien, Portugal, Italien, Kuba und Südamerika, und auch eine Reihe der bestbekannten Älteren und Ältesten. Da starb <em>Fran</em><em>ç</em><em>ois</em> <em>Dumarthay</em>, gleichaltrig mit Kropotkin (geb. 1842), der erste neuere Verkünder des anarchistischen Kommunismus (1876) und Kropotkins nächster Genosse in der Genfer Zeit, 1879 bis 1881. Ferner <em>Dr. José Garcia V</em><em>inas</em> (geb. 1848), einer der intimsten Militanten der spanischen Internationale, und Alianza, 1870 bis 1880, dann der alte <em>Brocher</em> (geb. 1850), in London und Lausanne als engster Genosse, auch als Erzieher und Freidenker über fünfzig Jahre tätig, <em>Emile Pouget</em>, dem, neben <em>Pelloutier</em>, der französische Syndikalismus der Jahre 1895 bis 1908 geistig das Allermeiste verdankt, <em>Teresa</em> <em>Claramunt</em>, einst die spanische Louise Michel genannt, und nun starb auch noch am 4. November Luigi Galleani, der hinreißendste italienische Redner und literarische Propagandist. Malatesta, der am 4. Dezember 1931 78 Jahre alt wurde, nennt ihn <em>„relativ jung noch, er war erst 70 Jahre alt. Er hätte gewünscht, ganz wie ich, lange genug zu leben, um wenigstens die Morgenröte besserer Tage zu sehen. Das Schicksal wollte es anders. Was tun? Man muß hoffen, daß Junge kommen und die Alten ersetzen, die fortgehen...“</em> Solchen Jungen soll hier von Galleani erzählt werden, wie neulich von Pouget. </p>
<p> Denn die Abgründe, welche die Reaktion in unserer Zeit öffnet, um den Fortschritt aufzuhalten, haben auch Galleani von der heutigen Generation getrennt. Im „befreiten“ Nachkriegseuropa ist man wieder in Staaten eingeschachtelt wie im Mittelalter, und für Anarchisten gibt es noch engere Zwingburgen innerhalb der Staaten — für Kropotkin das Städtchen Dmitrow, für Malatesta Rom, für Galleani gab es seit 1919 meist den Kerker, die Deportationsinsel oder das entlegene Bergdorf, wo er sterben durfte, das einzige in Italien noch vorhandene Menschenrecht. </p>
<p> Luigi Galleani, geboren 1861 in Vercelli im nördlichen gebirgigen Piemont, stammte aus einer bürgerlichen Familie, machte klassische, dann juristische Studien in Genua und Turin und war, frühzeitig Republikaner, einer der kühnsten und lebhaftesten der radikalen Turiner Universitätsjugend, dem eine glänzende juristische und politische Karriere offengestanden hätte. Er schritt aber im Alter von etwa zwanzig Jahren zum Anarchismus vor, und seinem Temperament entsprach, daß er dann auch nicht einmal als Verteidiger sich dem Staats- und Gesetzapparat äußerlich anpassen wollte, wie dies anarchistische Advokaten, wie Merlino, Gori, Luigi Molinari usw., taten, deren soziale und libertäre Plaidoyers einen wertvollen Teil ihrer Propaganda bildeten. Er wurde zunächst ein streitbarer Journalist in seinem Heimatsort, hatte Verurteilungen, auch Duelle mit den Offizieren der Garnison, dann lebte er in Turin, wo er als Mitarbeiter des anarchistischen <em>„</em><em>Proximustuus“</em> (Dein Nächster; vom B. September 1883 -ab) und Redakteur der <em>„</em><em>Gazzetta Operaia“</em> (Juni 1887 bis März 1888), als <em>„</em><em>Nuova Gazzetta Operaia“</em> (Neue Arbeiter-Zeitung; März 1888 bis September 1889; zusammen 92 Nummern) genannt wird, auch als Mitarbeiter am <em>„</em><em>Combattiamo!“</em> (Kämpfen wir!) und dem <em>„</em><em>Nuovo Combattiamo</em><em>!“</em> (seit November 1887 bis 1890) in Genua. </p>
<p> Die norditalienische Internationale, seit 1871 besonders von Mailand und Turin aus einige Verbreitung findend, konnte nicht in dem Grade wie die von Toskana, der Romagna, Neapel usw. in dem reichen Menschenmaterial der nationalen Kämpfer der Sechziger, den Garibaldianern usw., schöpfen und kam in den industriellen Städten vor allem in Kontakt mit Arbeitermassen, die an der Besserung ihrer ökonomischen Lage direkt interessiert waren. Darum gewannen hier Legalitäre und Reformisten die Oberhand, aber auch ökonomische Revolutionäre, die nur den Arbeiterkampf kannten und wollten und die den Politikern nicht über den Weg trauten. Von diesen wurden dann manche der anarchistischen Propaganda zugänglich, andere duldeten sie wenigstens, andere ließen sich zur Politik bekehren. Der italienische <em>Partito Operaio</em> (Arbeiterpartei), seit 1882 von Mailand aus gegründet, mit ähnlichen Organisationen anderer Gegenden, bildete 1890 die <em>Partei der italienischen Arbeiter</em>, in der immer noch Gruppen aller Art, Unterstützungsvereine, Genossenschaften, republikanische, sozialistische und anarchistische Arbeiterzirkel nebeneinander bestanden. </p>
<p> Galleani wurde so ein Arbeiterredner in erster Linie, dem internationalen Anarchismus damals wohl noch etwas fernerstehend, aber der beredteste direkte Agitator. Dann trieb ihn irgendeine Verfolgung ins Exil, vielleicht zuerst nach Genf, jedenfalls um 1889 nach Paris, wo er internationale italienische Genossen und manche der damals sich den Ideen anschließenden Studierenden verschiedener Länder genau kannte; letztere, sich an Merlino, Malatesta, Kropotkin, Reclus, der <em>Révolte</em> besonders inspirierend, waren ein bald durch Verfolgungen, Ausweisungen usw. zerstreuter kleiner Kreis tüchtiger junger Leute. Von Italienern bei Besprechungen, die kurz vor dem 1. Mai 1890 liegen müssen, nennt Galleani selbst einmal Malatesta, Merlino, Paolo Schicchi, Augusto Norsa, Giuseppe Consorti, Galileo Palla, Cipriani und andere. Nach dem 1. Mai (Merlinos Verhaftung) mußte auch Galleani Frankreich verlassen und war dann bald in Genf und mehrere Monate in Clarens, hei Elisée Reclus, der ihn zu Hilfsarbeit an der Vorbereitung der großen Geographie beschäftigte (siehe meine Biographie: <em>Elisée Reclus, Anarchist und Gelehrter</em>, 1928, S. 250). </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Tabea Feix - Prosopographie als sozialwissenschaftlich-historische Forschungsmethode oder:
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/tabea-feix-prosopographie-als-sozialwissenschaftlich-historische-forschungsmethode-oder?v=1742943600
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/tabea-feix-prosopographie-als-sozialwissenschaftlich-historische-forschungsmethode-oder?v=1742943600Wed, 26 Mar 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Tabea Feix<br><strong>Titel</strong>: Prosopographie als sozialwissenschaftlich-historische Forschungsmethode oder:<br><strong>Untertitel</strong>: Wie ich die Bremer Expropriations-Anarchisten von 1913 entdeckte<br><strong>Datum</strong>: 2023<br><strong>Bemerkungen</strong>: https://syndikalismusforschung.wordpress.com/wp-content/uploads/2023/07/kampfgeister-2-digital_f.pdf<br><strong>Quelle</strong>: Kampfgeister. Mitteilungen aus dem Institut für Syndikalismusforschung #2 – 2023 S. 67–88<br><div><div dir="ltr">
<blockquote>
<p> Tabea Feix, Jahrgang 1982, ist wegen fehlendem Abitur weder Archivarin noch Historikerin, sondern Buchhändlerin und Sozialarbeiterin geworden. Sie lebt ihr inzwischen trotz Lohnarbeit und Miete weitestgehend von dieser Gesellschaft emanzipiertes Leben in Bremen. Mit diversen Erfahrungen im christlichen, geschichtsdarstellerischen, sozialdemokratischen und musischem Kontext ist sie erst 2018 bewußt mit dem Anarchismus und dem Anarcho-Syndikalismus in Berührung gekommen. Die Grundsätze der freien Liebe, der persönlichen Freiheit, der gegenseitigen Hilfe, der Herrschaftslosigkeit, des Antimilitarismus und des Antikapitalismus empfindet sie als den gangbarsten Weg einer lebenswerten Gesellschaft. Sie kämpft deshalb für eine Sichtbarmachung dieser Werte in der heutigen Zeit, mit Aufzeigen der entsprechenden Historie, als Gegenvorschlag zum Zeitgeist und zu anderen vermeintlich sozialen Theorien. </p>
</blockquote>
<p> Prosopographie bezeichnet die wissenschaftliche Methode, über die Erforschung eines Personenkreises eine historische Thematik zu erschließen. Sie birgt durch die verschiedenen Familien und Lebensläufe die Möglichkeit, einen sozialgeschichtlichen Blick auf eine Epoche, eine Stadt oder eine Bewegung zu werfen. <em>„Die Prosopographie arbeitet zunächst sämtliche Umstände heraus, die von einzelnen Personen bekannt sind und versucht dann, Verbindungen zwischen diesen Personen und ihre Stellung in Politik und Gesellschaft herauszubekommen.“</em> <a class="footnote" href="#">[1]</a> Ursprünglich kommt diese Methode aus der Altertumswissenschaft, wo seit Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen wurde, personenkundliche Nachschlagewerke über Herrschende und deren sozialen Bezüge zu erstellen. <a class="footnote" href="#">[2]</a> Aber warum sollte die Methode nicht für die anarchistische oder anarcho-syndikalistische Bewegung im 19. und 20. Jahrhundert angewandt werden können? </p>
<p> Gab es für die ersten Menschen, die sich nach 1945 historisch mit der Geschichte des Anarchismus und Anarcho-Syndikalismus in Deutschland auseinandersetzten, meist noch die Möglichkeit, die Akteure des frühen 20. Jahrhunderts selbst zu befragen, so wurde es für die nächste Generation, die inzwischen mit Fotokopierer und später mit Computer arbeiten konnte, deutlich schwerer, an biografische Daten heranzukommen. Heutzutage besteht dank der Digitalisierung vieler Datenbestände in Archiven und Bibliotheken nicht nur die Möglichkeit, bequem vom heimischen Schreibtisch aus eine Forschung zu starten, sondern die aktuell Forschenden haben aufgrund der wegfallenden Schutzfristen (persönliche Daten werden in Deutschland bis zu 110 Jahre nach der Geburt geschützt) die Möglichkeit, auch Akten im Archiv einzusehen, welche den vorherigen Forscher-Generationen verwehrt waren. </p>
<p> Wie gehe ich es also an, so eine Personenforschung? Wenn eine soziale Bewegung innerhalb einer Region oder während eines Zeitraumes erforscht wird, gibt es die Druckschriften der Bewegung, Flugblätter, Organisationsprotokolle und Zeitschriften, die Akten der staatlichen Überwachungsinstanz und die Dokumente anderer politischen Gegner, welche ausgewertet werden können.<a class="footnote" href="#">[3]</a> Möglicherweise sind sogar Biographien, Interviews oder Geschichtswerkstatt-Ergebnisse vorhanden. Dies wäre dann schon der erste Schritt , sich mit den Menschen innerhalb der Bewegung zu beschäftigen. Denn am Anfang stehen natürlich immer Namen und bestenfalls zugehörige Geburtsdaten oder Wohndaten, die irgendwo in den Dokumenten stehen müssen. </p>
<p> Im Folgenden zeichne ich meine geistige Odyssee durch Akten und andere Dokumente unter Zuhilfenahme der heutigen Forschungsmöglichkeiten nach, welche mir anhand der Einsicht von ursprünglich lediglich einer persönlichen Akte und den heutigen Möglichkeiten gelang. Es geht um Hinrich Seekamp (1879–1957),<a class="footnote" href="#">[4]</a> Klempner aus Bremen-Hastedt und seinen Antrag auf Wiedergutmachung im Jahr 1949.<a class="footnote" href="#">[5]</a> Hinrich Seekamp war eines der Gründungsmitglieder des im Juni 1907 entstandenen „<em>Verband freier Arbeiter Bremens“</em>.<a class="footnote" href="#">[6]</a> Am 22.06.1907 wurde er zum Kassierer gewählt, nachdem mühevoll in sauberer Handschrift ein „Program.“ verfasst wurde.<a class="footnote" href="#">[7]</a> Es beinhaltete gegenseitige Hilfe und Solidarität, setzte auf Freiwilligkeit von Beitragszahlungen und anderer Unterstützungen. Ebenso war der Austritt jederzeit möglich. <em>„Mitglied kann jede Arbeiter oder Arbeiterin werden, einerlei welchem Beruf selbiger angehört.“</em><a class="footnote" href="#">[8]</a> Es dürfte die erste anarchistische Gewerkschaft Bremens sein, weshalb mich ihre Mitglieder interessieren. </p>
<p> Als ich Hinrich Seekamps Namen im <em>„ArcinSys“</em> eingebe, dem digitalen Archiv-Informationssystem für die staatlichen und angeschlossenen Archive in Niedersachsen und Bremen, bekomme ich 21 Suchergebnisse.<a class="footnote" href="#">[9]</a> Menschen mit dem Namen „Seekamp“ gibt es im südöstlichen Bremen zuhauf. Dennoch finde ich über sein Geburtsdatum und seine eigene spätere Bezeichnung „Heinrich Seekamp“ neben vielen Akten von einem in Bremen deutlich bekannteren Heinrich Seekamp,<a class="footnote" href="#">[10]</a> dem in Bremen-Burglesum eine Straße gewidmet wurde, eine Akte von Hinrich Seekamps Verfahren aus dem Amt für Wiedergutmachung, der „Entschädigungsbehörde für nationalsozialistisches Unrecht“.<a class="footnote" href="#">[11]</a></p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Camillo Berneri - Der Krieg als kollektives Verbrechen
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/camillo-berneri-der-krieg-als-kollektives-verbrechen?v=1742857200
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/camillo-berneri-der-krieg-als-kollektives-verbrechen?v=1742857200Tue, 25 Mar 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Camillo Berneri<br><strong>Titel</strong>: Der Krieg als kollektives Verbrechen<br><strong>Datum</strong>: 1. September 1928<br><strong>Bemerkungen</strong>: Zuerst in <em>"Germinal"</em>, Chicago, n. 16 vom 1.9.1928 und in <em>"L'Adunata dei Refrattari"</em>, New York, n.47 vom 9.12.1939 Übersetzung aus der Artikelsammlung <em>"Gli eroi guerreschi come grandi criminali"</em> der Edizioni Archivio Famiglia Berneri, Pistoia mit freundlicher Genehmigung von Fiamma Chessa. Erschienen in <em>DIE AKTION</em> 170/174, Juli 1997.<br><strong>Quelle</strong>: Entnommen am 24.03.2025 von <a class="text-amuse-link" href="https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/camillo-berneri/87-camillo-berneri-der-krieg-als-kollektives-verbrechen">https://www.anarchismus.at/anarchistische-klassiker/camillo-berneri/87-camillo-berneri-der-krieg-als-kollektives-verbrechen</a><br><div><div dir="ltr">
<p> A. Hamon sagt in seiner Psychologie du militaire professionel: "Ich behaupte nicht im geringsten, daß der Militarismus keine Schule der Courage sei, doch die Courage, die er hervorruft, ist mit Gewalt und Brutalität verseucht". Was Hamon da behauptet, ist unbestreitbar. Dem können auch erklärte Nichtpazifisten beipflichten. Im Gespräch mit Vereschagin erklärten diesem der sächsische Fürst Georg und der preußische Kronprinz Friedrich Karl, wozu einen die kriegerische Moral anhält: "Nimm und stiehl, soviel du kannst, gebrauch Listen und leg Hinterhalte, und je mehr du umbringst, desto größer wird dein Verdienst sein"<a class="footnote" href="#">[1]</a>. </p>
<p> Jener Gutsknecht in Frankreich, der aus Eigennutz drei Menschen ermordet hatte, rief, als er zum Tode verurteilt wurde, aus: "Es ist doch eigenartig! In Tonking hab ich wer-weiß-wieviele umgebracht, und da wollten sie mir eine Medaille umhängen. Hier hab ich nur drei auf dem Gewissen, und jetzt wollen sie mich gleich um einen Kopf kürzer machen"<a class="footnote" href="#">[2]</a>. Mit seiner zynischen boutade erfaßt er recht gut die kriegerische Moral Dieser Verbrecher war ein hervorragender Soldat. Im Krieg sind Verbrecher fast immer gute Soldaten. Gilt es jemand abzuschlachten? Sie sind bereit. Sind sie verwundet? Auch wenn sie schwer verwundet sind, ihre Wunden heilen meist sehr schnell. Es kommen gewaltige Strapazen auf sie zu? Sie können Anstrengungen und Entbehrungen durchaus ertragen. Der Krieg wird lang andauern? Sie werden kaum durch nostalgische Gefühle beeinträchtigt sein. Von Ehrgeiz, niedrigen Instinkten und perversen Vorlieben geleitet, sind sie die wahren amateurs des Krieges. Das läßt sich besonders gut an den kolonialen Unternehmungen beobachten. </p>
<p> Vehlan, Befehlshaber der Bakokoexpedition, ließ Dörfer niederbrennen und die Gefangenen, ob Alte, Frauen oder Kinder schlagen und foltern. "Die Soldaten, vor allem einer von ihnen, hatten eine wunderbare Methode, den Feinden die Haut abzuziehen", erzählte Vehlan bei Tisch. "Ein Schnitt mit dem Messer am Unterkiefer, darauf ein starker Ruck mit den Zähnen und schon hatte sich die Haut vom Gesicht gelöst...<a class="footnote" href="#">[3]</a>" </p>
<p> Nach der Einnahme von Bossè, auf dem Rückmarsch nach Djenne, benutzten die Soldaten als lebendigen Köder für die Raubtiere ein zehnjähriges Mädchen, das sie, um es zum Schreien zu bringen, auf einem Ameisenhaufen festbanden. Von den Ameisen angefressen, starb das Kind auf dem Haufen. Nach der Eroberung von Bossè kauften und verkauften sich die Soldaten, unter anderem, die Kinder gegenseitig als Einsatz beim Kartenspielen. Von seiner Rednertribüne herab prangerte der Senator Gaudin de Villaire ein vom Kommandanten Gèrard angeordnetes Massaker an 2.500 schutzlosen Eingeboren bei Ambike an. Das Gemetzel hatte offenbar so monströse Ausmaße angenommen, daß dessen Schilderung im Senat Ausrufe des Entsetzens hergerufen hat. </p>
<p> Wegen fünf getöteter Soldaten der anglo-französischen Streitmacht fiel Peking 1860 einer der verheerendsten Plünderungen anheim, die die Geschichte je gekannt hat. 3.000 Chinesen wurden dabei umgebracht. Gut 5.000 wehr- und waffenlose Chinesen wurden 1901 bei Blagonstchensk von den Truppen des Generals Cribsky in den Amur getrieben. In Tsien-Tsin vergnügten sich die Russen damit, Säuglinge in die Luft zu schleudern und mit ihren Bajonetten aufzufangen. In Grimari (Cubagni-Chari) bezahlte 1912 ein französischer Kapitän den senegalesischen Schützen am Jahresende als Nachweis für getötete Rebellen für jedes abgelieferte Hodenpaar 1.fr.50. </p>
<p> Nicht weniger barbarisch waren die Kolonialunternehmungen der Italiener. Die lybische Unternehmung wurde auf eine äußerst grausame Weise durchgeführt. Die ausländischen Berichterstatter waren angewidert. Mac Cullagh von der New York World sandte seinen Korrispondentenausweis an General Caneva zurück. Auf Dementis von Giolitti antwortete die Agentur Reuter mit Augenzeugenberichten englischer, deutscher und amerikanischer Journalisten. Grant vom Daily Mirror erwiderte: "Vier Tage lang haben Soldatentrupps jeden Abschnitt der Oase gesäubert und die Araber unterschiedslos getötet. Der Befehl des Generals Caneva hieß Ausrottung". </p>
<p> Die Veröffentlichungen im Ausland wurden durch italienische Berichte weitestgehend bestätigt. Unter der Überschrift „Auf der Jagd“ veröffentlichte L'Eco di Bergamo am 13./14. November 1911 den Brief eines Soldaten aus Tripolis, am 5. November eingeschickt, in dem zu lesen war: "Die Araber-Türken unter unserem Kanonenbeschuß in die Luft fliegen zu sehen, hat uns wahrhafte Befriedigung verschafft. Hier ist es wie auf der Jagd und nicht wie im Krieg, und ein Feind wird hier so einfach getötet wie man eine Mücke zerquetscht". </p>
<p> Durch die von oben kommenden Befehle werden die bestialischen Instinkte, von denen die Schreiber solcher Briefe künden, noch verstärkt. Gerade davon berichtet der Brief eines Soldaten, den Giornale, eine weitere Zeitung aus Bergamo am 11. November 1911 veröffentlicht hat: "Gestern kam Befehl vom General, alle verdächtigen Häuser, bei denen man annimmt, daß sie unterkellert sind, in die Luft zu sprengen. Und wirklich haben wir etliche Häuser gesprengt. In einem davon fand sich ein geräumiger Keller, indem wir fünfzehn zivil gekleidete türkische Offiziere vorfanden. Beim Durchsuchen der Häuser fanden wir Gewehre, Pistolen, Patronen und Dolche. Vom 23. bis zum 30. haben wir über 500 Araber getötet. Wir banden ihnen Hände und Füße, warfen alle auf einen Haufen und eine Kompanie feuerte ihre Gewehre darauf ab. Manche, die sich weigerten aus ihren Häusern herauszukommen, brachten wir an Ort und Stelle um. Ich habe einen getötet, der gerade dabei war, Datteln vom Baum zu pflücken. Ich habe ihm einen Schuß verpaßt, der ihn am Magen erwischt hat. Er ist wie ein Vogel heruntergefallen". </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>Kevin Tucker - Klassenkampf, Kommodifizierung und die modernisierte Gesellschaft
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/kevin-tucker-klassenkampf-kommodifizierung-und-die-modernisierte-gesellschaft?v=1742684400
https://www.anarchistischebibliothek.org/library/kevin-tucker-klassenkampf-kommodifizierung-und-die-modernisierte-gesellschaft?v=1742684400Sun, 23 Mar 2025 00:00:00 +0100<div><strong>AutorIn</strong>: Kevin Tucker<br><strong>Titel</strong>: Klassenkampf, Kommodifizierung und die modernisierte Gesellschaft<br><strong>Datum</strong>: 2009<br><strong>Quelle</strong>: Broschüre von anticiv.ch.vu (down seit Jahren) bzw. aargrau.ch - Online: https://archive.org/details/de_Thesen_zum_Untergang_der_Zivilisation/<br><div><div dir="ltr">
<p> Ist der Klassenkampf immer noch relevant? Die Reliquien zerfallender linker Bewegung hätten es immer noch gerne, dass wir uns an diesen Stückchen Geschichte festhielten, die schon lange überholt sind. Wie die anti-staatliche Publikation «Black Star North» behauptet: <em>«Vorschlägen, dass Klassenkampf nicht mehr relevant für revolutionäre Theorie und Praxis sei, sollte mit hohem Verdacht begegnet werden. Diejenigen, die solche Behauptungen aufstellen, sind entweder naiv, fehlgeleitet oder aus der Mittel- / Oberschicht und nicht gewillt, sich mit ihrem Privileg auseinanderzusetzen.»</em> <a class="footnote" href="#">[1]</a></p>
<p> Der Klassenkampf hat ohne Zweifel seinen Ursprung im Aufstieg der industriellen Gesellschaft. Die gesellschaftlichen Schichten durchdringen selbst den sozialen Umschwung, mit Betonung auf der Produktion von Nahrungsmitteln bis zur Spezialisierung innerhalb der unterschiedlichen Bereiche materieller Güter, die den idealistischen Reichtum unserer Zeit akzentuieren. Agrarische Gesellschaften hatten mit Sicherheit ihren Reichtum, doch die meisten Klassenkämpfer richten ihre Aufmerksamkeit auf das industrielle Zeitalter, das folgt (ein Detail, das immer ein ernstes Problem bei der historischen Analyse klassenkämpferischer Perspektive darstellen wird). </p>
<div style="font-weight:bold"><strong>Der Aufstieg und Untergang des Klassenkampfs</strong></div>
<p> Der Aufstieg des Klassenkampfs im industriellen Sinn, in welchem meistens Bezug darauf genommen wird, geschieht zeitgleich mit der zunehmenden Mechanisierung und Automatisierung. Ein dauernder Umschwung von menschlichen Energiequellen zu maschinellen. Die technologischen «Fortschritte», die während dieser Progression gemacht wurden, hatten grossen Einfluss auf die Stufe der Strenge wahrgenommen von der Arbeiterklasse (den Produzenten). Es bedarf keiner Erwähnung, dass dies von zunehmenden Profiten auf Seiten der Kapitalisten (der Besitzer) begleitet wurde. Es scheint extrem bedeutsam, die Unterschiede zwischen den Gesellschaften anno dazumals und heute zu erkennen. Die Konsumgesellschaft, in der wir heute leben, ist Welten entfernt von der industriellen Periode vergangener Jahre (natürlich existiert die selbe Situation immer noch, sie hat sich nur in der Grössenordnung geändert, wenn man bedenkt, dass der industrielle Prozess noch nicht völlig automatisiert wurde, doch dank unserer globalisierenden Wirtschaft in die sich ausbreitenden ‹Arbeitspools› der Völker der Zweiten und Dritten Welt verlagert wurde). Die riesige Menge an von der industriellen Produktion benötigten Arbeit und die kleinen Anteile von Reichtum, die für die Arbeiterklasse übrig gelassen wurden, machten Nuancen wie Supermärkte oder riesige Shoppingcenter quasi inexistent. Der Service-Sektor war also nur ein kleiner Prozentsatz der Arbeiter, verglichen mit unserer momentanen Gesellschaft, in welcher dieser Sektor den Grossteil geleisteter Arbeit ausmacht. </p>
<p> Dieser konstante Druck zur Arbeitsteilung in mundänere und bedeutungslose Positionen hat das Gesicht der Arbeitskraft von Grund auf verändert. Der Arbeiter ist in unserer modernen geschichteten Gesellschaft noch entfremdeter geworden, als die präfordistischen Fliessbandfabrikmodelle, von denen Marx gesprochen hat. Der Effekt, wiederum, hat einen noch grösseren Verlust individueller ‹Bedeutung› in einer Gesellschaft überflutet mit Arbeiterethik verursacht. Das ganze Szenario war sogar kaum etwas, das in Zeiten sozialen Widerstands vor dem Zweiten Weltkrieg in Betracht gezogen wurde, trotz den grossen Schritten in Richtung Modernisierung, die durch das 19. Jahrhundert hinweg bis zu dieser Zeit materiellen Reichtums – oder gewöhnlicherweise als ‹Wohlstandsgesellschaft› missverstanden <a class="footnote" href="#">[2]</a> – gemacht wurden. Dies ist die Gesellschaft, in welcher wir (die privilegierte Erste Welt, woraus der Grossteil der Leserschaft dieses Essays bestehen dürfte) existieren. Es scheint erschreckend offensichtlich, dass wir uns zur post-industriellen Gesellschaft gewandelt haben (ein Schritt, welchen die sozialistischen Strömungen offensichtlich ignoriert haben). </p>
<p>
<br />
</p>
<div style="font-weight:bold"><strong>Industrielle und post-industrielle Arbeiter</strong></div>
<p> Der industrielle Fabrikarbeiter, der sich für einen Stundenlohn versklavt, ist ein Gebrauchsgegenstand. Das bleibt indiskutabel. Die Wirtschaft verwandelt uns alle in Prostituierte der Kapitalisten, die ihre Körper und Fähigkeiten bloss für den vorbestimmten wirtschaftlichen Wert (immer von den Bedürfnissen der Kapitalisten oder von den Bedürfnissen, die sie so clever für die sehnsüchtigen Arbeiter [was natürlich alles ist, das wir wirklich sind innerhalb der Religion «Wirtschaft»] gemacht haben, aus gesehen) vermieten. In der Periode, die aus Zeiten heftigen industriellen Zerfalls hervorgegangen ist, werden wir immer weiter zu Gebrauchsgegenständen entfremdet. Die intrinsischen kapitalistischen Interessen, Produzenten zu haben, sind anderer Natur, als die kapitalistischen Interessen an den Konsumenten, eine zarte Brut. Während letztere mehr Aufmerksamkeit und Triebbefriedigung brauchen (die Effekte von synthetischer und virtueller Befriedigung stellen an sich grosse Probleme dar), benötigt der industrielle Arbeiter die strikte Bestärkung seiner sozialen Stellung durch Dominanz im physischen Sinne. Dies ist zentral für das Verständnis unseres momentanen Dilemmas. </p>
<p class="amw-teaser-ellipsis">...</p>
</div></div></div>