Die Gateway-Bücher von Frederik Pohl gibt es in einem Sammelband, den ich neulich in einer Buchhandlung gesehen und spontan mitgenommen habe. Er gehört zu den Science-Fiction-Autoren, die sich verantwortlich für das ganze Genre zeichnen und trotzdem hatte ich es bisher nicht geschafft, ein Buch von ihm zu lesen.
Die „Gateway-Trilogie“ – bestehend aus Gateway, Jenseits des blauen Horizonts und Rückkehr nach Gateway – ist zunächst einmal klassische Science-Fiction: eine geheimnisvolle außerirdische Zivilisation, interstellare Reisen, fremde Technologien und die Suche nach den verschwundenen Hitschi.
Doch wer die drei Bücher heute liest, stellt schnell fest, dass es Pohl gar nicht in erster Linie um Raumschiffe und Aliens geht: Ihn interessieren die Menschen dahinter. Und genau deshalb wirkt die Trilogie auch fast fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen erstaunlich aktuell.
Im Mittelpunkt steht Robinette Broadhead, genannt Rob. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und erhält durch einen Lotteriegewinn die Möglichkeit, nach Gateway zu gelangen – einen von den geheimnisvollen Hitschi zurückgelassenen Asteroiden, auf dem sich Hunderte ihrer Raumschiffe befinden.
Das Problem: Die Schiffe funktionieren, aber niemand weiß genau, wohin sie fliegen werden. Und wie sie funktionieren. Nur das.
Damit wird Gateway zu einer Art kosmischem Glücksspiel. Wer zurückkommt und wertvolle Artefakte findet, kann über Nacht unvorstellbar reich werden. Wer Pech hat, verschwindet für immer. Pohl verbindet damit eine ausgesprochen zynische Form des Kapitalismus: Die Aussicht auf Reichtum bringt Menschen dazu, ihr Leben zu riskieren.
Rob hat schließlich Erfolg. Er wird reich. Sehr reich.
Und damit beginnt eigentlich erst seine Geschichte. Denn Pohl stellt eine bemerkenswert moderne Frage: Was passiert mit einem Menschen, wenn er plötzlich alles kaufen kann? Und schon hier drängen sich Analogien zu heute auf, wo es Menschen gibt, die Reicher sind als es jemals möglich schien, reicher als ganze Staaten.
Rob besitzt irgendwann praktisch unbegrenzte finanzielle Möglichkeiten. Er kann sich Häuser, Luxus, Unterhaltung und die besten verfügbaren Dienstleistungen leisten. Er muss nicht mehr arbeiten. Er kann sich seine Zeit praktisch vollständig nach eigenen Vorstellungen gestalten. Seine Gesundheit ist dank „Vollschutz“ bis in alle Ewigkeit gewährleistet: Was altersbedingt ausfällt, wird ersetzt und eher nebenbei erfährt man: von anderen Menschen, deren Organe einfach aufgekauft werden.
Und trotz all seines Reichtums ist er nicht glücklich.
Im Gegenteil: Er ist psychisch schwer angeschlagen, von Schuldgefühlen und traumatischen Erinnerungen verfolgt und benötigt schließlich eine KI als Psychotherapeuten.
Gerade dieser Aspekt wirkt heute geradezu verblüffend modern:
Man kann dabei durchaus an Menschen wie Elon Musk denken – nicht, weil Pohl Musk vorhergesehen hätte, sondern weil er einen Typus beschrieben hat, der uns heute sehr vertraut vorkommt: Menschen mit einem Vermögen, das jede vernünftige Vorstellung von „reich“ längst überschritten hat und die dadurch über Möglichkeiten verfügen, von denen normale Menschen nicht einmal träumen können.
Pohl macht aber einen entscheidenden Punkt sehr, sehr deutlich:
Geld kann Möglichkeiten kaufen, aber keine Zufriedenheit.
Man kann sich den besten Arzt leisten, den besten Psychotherapeuten, die exotischsten Reisen, die teuersten Vergnügungen und praktisch jede materielle Annehmlichkeit. Aber man kann sich nicht von seinen eigenen Erinnerungen, Ängsten oder Schuldgefühlen freikaufen.
Das ist vielleicht die zeitloseste Idee der gesamten Trilogie.
Und dann ist da noch die KI:
Bereits in Gateway von 1977(!) lässt Rob seine Vergangenheit mit einer künstlichen Intelligenz aufarbeiten. Sigfrid ist kein einfacher Computer, der Berechnungen durchführt. Er führt Gespräche, analysiert Robs Verhalten, stellt Fragen, erkennt psychologische Muster und versucht, seinen Patienten zu einer ehrlicheren Auseinandersetzung mit sich selbst zu bringen.
Natürlich ist diese KI noch eindeutig ein Produkt ihrer Zeit. Pohl konnte sich weder moderne Sprachmodelle noch Chatbots vorstellen, wie wir sie heute kennen. Trotzdem ist die Grundidee bemerkenswert präzise: Ein Mensch unterhält sich mit einer Maschine, die ihm intellektuell überlegen ist und gleichzeitig versucht, ihn psychologisch zu verstehen.
Besonders interessant ist dabei, dass Pohl die KI nicht als emotionslose Supermaschine darstellt. Sigfrid wird vielmehr zu einer Art Persönlichkeit. Die Gespräche zwischen Mensch und Maschine gehören zu den stärksten Passagen des ersten Romans.
Hier greift er ebenfalls eine aktuelle Diskussion auf:

Und Pohl geht noch weiter:
Im dritten Band wird die Grenze zwischen Mensch und Maschine zunehmend unscharf. Bewusstsein kann gespeichert werden, Menschen können gewissermaßen digital weiterexistieren und Informationen werden zu einer Macht, die mit klassischem Besitz kaum noch vergleichbar ist. Die Idee des „hochgeladenen“ menschlichen Bewusstseins wirkt auch heute noch wie Science-Fiction – gleichzeitig diskutieren wir längst ernsthaft über digitale Persönlichkeiten, KI-Agenten, künstliche Bewusstseine und die Frage, was einen Menschen eigentlich zum Menschen macht.
Pohl liefert darauf keine einfachen Antworten. Und genau das macht seine Ideen interessant: Eine Zukunft, die unangenehm vertraut wirkt
Überhaupt ist die Zukunft in Gateway weniger futuristisch, als man zunächst vermuten würde:
Die Erde leidet unter Überbevölkerung, Ressourcenknappheit und einer schwierigen Ernährungssituation. Nahrung und Energie sind zentrale wirtschaftliche Probleme. Gleichzeitig entstehen enorme Vermögen durch den Zugriff auf neue Technologien und Ressourcen. Pohl verbindet technische Innovation und ökonomische Ungleichheit damit auf eine Weise, die erstaunlich gegenwärtig wirkt. Schon zeitgenössische Kritiken bemerkten, wie treffsicher seine Vorstellungen von Energie- und Nahrungsmittelproblemen waren.
Dabei ist seine Zukunft keineswegs die klassische optimistische Science-Fiction-Zukunft, in der eine neue Technologie automatisch alle Probleme löst. Ganz im Gegenteil.
Eine neue Technologie erzeugt neue Möglichkeiten – und damit neue Geschäfte, neue Abhängigkeiten, neue Risiken und neue soziale Unterschiede. Kommt uns das aus der aktuellen KI-Blase bekannt vor?
Die Hitschi haben den Menschen mit ihren Raumschiffen theoretisch Zugang zum gesamten Universum gegeben. Praktisch werden diese Schiffe aber zuerst zu einem gigantischen Wirtschaftsunternehmen. Menschen fliegen nicht aus wissenschaftlicher Neugier zu fremden Welten, sondern weil sich damit Geld verdienen lässt.
Das ist eine sehr menschliche Form des Fortschritts.
Fazit
Die Gateway-Trilogie ist nicht in jeder Hinsicht perfekt. Vor allem die späteren Bände können nicht ganz an die erzählerische Klasse des ersten Romans heranreichen. Wer eine durchgehend geradlinige Geschichte über Außerirdische, Weltraumschlachten und große kosmische Abenteuer erwartet, dürfte ebenfalls überrascht sein.
Wer sich darauf einlässt, bekommt allerdings etwas wesentlich Interessanteres.
Pohl erzählt von Gier, Angst, Einsamkeit, psychischen Traumata, Reichtum, künstlicher Intelligenz und der Frage, ob technischer Fortschritt den Menschen tatsächlich glücklicher macht.
Und genau darin liegt die erstaunliche Aktualität: 1977 war künstliche Intelligenz noch weitgehend akademische Zukunftsmusik. Von Milliardären, die mit privaten Raumfahrtunternehmen Raketen bauen, konnte man bestenfalls träumen. Und die Vorstellung, dass ein Mensch über ein nahezu unerschöpfliches Vermögen verfügen und trotzdem an sich selbst scheitern könnte, war ebenfalls keine neue Erfindung.
Das ist die vielleicht wichtigste Botschaft von Gateway:
Man kann sich das Universum kaufen – aber nicht seine eigene Vergangenheit.
]]>