Ein Qualitätsmerkmal eines Gedichtes ist nach meiner Auffassung, inwieweit jedes einzelne Zeichen eine erkennbare Relevanz in Bezug auf die Kernbotschaft trägt, ohne, daß Zeichen durch unnötige Redundanzen irrelevant wären.
Ich halte diesen Satz für eine gute Definition von poetischer (oder generell künstlerischer) Qualität eines wie auch immer zusammengesetzten Kunstwerks. Ich kenne mich zu wenig mit Informatik aus, als dass ich über die verschiedenen Ebenen von Informationsgehalt spekulieren könnte. Was die Sprache anbetrifft, gibt es diese auf jeden Fall. Wir haben in einem Gedicht den formalen Informationsgehalt (18xhallo in 2 Absätzen à 3 Zeilen à 3 Hallo). Wir haben den semantischen Gehalt (Begrüßung) und den grammatischen (Partikel), wobei Grammatik generell ein problematisches Ding ist, weil sich hier durch die Vermischung von Form und Inhalt neue Informationsgehalte in beide Richtungen ergeben können.
Im Gedicht erquickt (mich) weder eine zu lasche Informationsdichte, das erzeugt Langeweile, noch eine zu hohe, das erzeugt Unordnung. Es geht vielmehr um das Maß der Zeichen im Verhältnis zueinander, die Mensura, die Komposition von Wiederholung und Variation unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit.
Wenn wir jemandem eine Information auf Basis der Sprache übermitteln, so liefern wir unserem Gegenüber gleich ein Vielfaches der relevanten Informationsmenge.
Generell halte ich GEOs Anfangsbehauptung für fragwürdig, da die Frage der Relevanz von Informationsgehalten gesprochener Rede überhaupt noch nicht so weit untersucht ist, als dass man sicher davon ausgehen könnte, sie enthielte in jedem Falle überrelevante Informationen. Dies klingt nur logisch, wenn man davon ausgeht, das Sprache ausschließlich referentiellen Wert hat, was m. E. nicht der Fall ist. Die ganze Signalverarbeitung von Sprache im Gehirn ist hochkomplex und ebenso komplex sind die mentalen Analogien und Marker, die bewußt oder un(ter)bewußt beim Zuhörer erzeugt werden, seien es emotionale, phatische, referentielle, etc. Vermutlich müßte man erst einmal den Relevanzbegriff klären, um auf dieser Grundlage argumentieren zu können.
]]>Aber das Beispiel ist für die Bestimmung des Informationsgehaltes einer solchen Zeichenkette trotzdem verwirrend, zumindest für mich. Jeder Buchstabe, jede Zahl ist ein Symbol und hat für sich Bedeutungsinhalt. Im Falle „Hallo“ entsteht aber durch die sehr spezielle Kombination der Zeichen deutlich Nährboden für die Assoziation. Hallo – das ist eine Begrüßung, relativ neutral, weder förmlich, noch besonders informell, kann man zu jeder Tageszeit sagen, gestern hat Anna „Hallo“ zu mir gesagt, etc… Natürlich kann man auch über das häufige Auftreten der Zahl 23 im zweiten Beispiel spekulieren, aber im Kontext der übrigen Zeichen führt das zu keinem sinnvollen Ergebnis.
Für mich ergeben sich daraus zwei Aspekte von „Informationsgehalt eines Textes“, zum einen die Quantität der Informationen, zum anderen deren Qualität betreffend. Ein geordneter Text ist quantitativ weniger informativ als ein ungeordneter, weil sich seine Zeichenkombinationen formelhaft abstrahieren lassen. Die Informationen sind aber qualitativ wertvoller in Bezug auf deren kommunikativen Gehalt.
]]>Irie
]]>Krasses Beispiel zum Thema Gedicht:
Hallo Hallo Hallo
Hallo Hallo Hallo
Hallo Hallo Hallo
Hallo Hallo Hallo
Hallo Hallo Hallo
Hallo Hallo Hallo
dies ist ein sehr geordnetes Gedicht mit sehr geringem Infogehalt denn ich kann es auch verkürzt notieren:
18X Hallo
Nun das krasse Gegenteil:
45rte dfjfh 89dwg
de13o 5dzhd 5edf5
34edw wscdh 008ec
dwsee 23rfs 234dw
xghrs 22wrg 33edw
23dsr 23rdw 24ftu
In diesem Gedicht steckt sehr viel Information drinnen, denn es lässt sich kaum verkürzt notieren. Es gibt jedoch eine markanten Unterschied: Der relevante Informationsgehalt ist Null. Man muss also unbedingt zwischen Informationsgehalt im Allgemeinen und relevantem/irrelevantem Infogehalt im speziellen unterscheiden. Aus sicht meines Faxgerätes, ist ein Blatt mit geordneten Bildern weniger informationsgeladen als eines mit wirrem Pixelsalat!
Gruß
GEO
Irie.
]]>Aber Sprache kann freilich mehr. Roman Jakobson rechnet ihr noch fünf weitere Funktionen zu, wobei sich sicherlich noch mehr sinnvolle Aspekte herausfiltern lassen. Da gibt es die konative Funktion, die einen Appell vermittelt, die emotive, die unseren Gegenüber etwas von unserer Befindlichkeit erfahren läßt, die phatische, die den Kommunikationskanal prüft, die metasprachliche, die den Kommunikationscode prüft und die poetische.
Diese Funktionen treten in einer sprachlichen Äußerung nicht in Reinform auf, sondern immer in einer Mischung mit unterschiedlicher Gewichtung. So gilt z.B. für die schöngeistige Literatur, dass sie an erster Stelle poetische Funktion hat, also um das Spiel mit, die Arbeit an der Sprache selbst bemüht ist und diese Bemühungen auch vermittelt. Auch eine alltagssprachliche Äußerung kann poetisch sein, doch ist das nicht ihr erstes Anliegen.
So beschränkt sich also das Geheimnis meiner „Geheimbotschaft“, die ich als Sender in meiner sprachlichen Äußerung „mitkodiere“ auf sprachinhärente Faktoren, die vom Empfänger nur nicht so bewußt [sic!] wahrgenommen werden. Unterbewußt wirken sie dennoch und dies ist eine Sprachkompetenz, die man einer Maschine (noch) nicht beibringen kann. Beispiel: Wenn sich zwei Leute in einem Raum befinden, in dem das Fenster offen steht und der eine bemerkt, dass es aber sehr kalt sei, dann registriert die Maschine, dass der anderes es kalt findet, der Mensch aber geht und schließt das Fenster. Tut er das nicht und erweist sich als unkoorperativer Zuhörer (was unter einigen meiner Freunde zu einem neuen Trendsport geworden ist), könnte der Sender das als Beleidigung oder soziale Inkompetenz deuten.
Es sind solche nicht-referentiellen Inhalte, die auch in der Form eines Gedichtes mittransportiert werden. Es sind Inhalte, die wir nicht begrifflich fassen können. Man kann sich das vorstellen, wie ein instrumentales Musikstück, das uns in irgendeiner Form bewegt. Da gibt es Figuren, die uns auf’s Herz drücken, andere wirken gruselig oder quicklebendig. Aber es gibt keinen Text, der uns das vermittelt, es gibt nur die musikalische Form.
Im Gedicht gibt es die musikalische Form, die sprachlich gebildet wird, zugleich vermittelt die Sprache selbst aber auch begrifflich faßbare Inhalte. Darin liegt ein Mehrwert, den viele Dichter heute gar nicht mehr erkennen, wenn sie die Form eines poetisches Textes als für den persönlichen künstlerischen Ausdruck irrelevant erachten.
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